Hongloumeng/de/Chapter 39

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Kapitel 39

村老老是信口开河

情哥哥偏寻根究底

Alle sahen also, daß Ping-örl zurückkam, und erkundigten sich: „Was macht eure junge Herrin? Warum kommt sie nicht wieder?“ „Woher sollte sie wohl die Zeit dafür nehmen!“ gab Ping-örl lächelnd zur Antwort. „Aber sie sagt, weil sie sich nicht satt essen konnte und auch nicht mehr herkommen kann, soll ich fragen, ob noch Krabben übrig sind. Wenn ja, soll ich mir welche geben lassen, damit sie sie zu Hause essen kann.“ „Es sind noch viele übrig“, sagte Hsiang-yün, und sogleich befahl sie jemandem, zehn von den größten zu bringen. „Daß es aber recht viele mit rundem Bauchpanzer sind!“ setzte Ping-örl noch hinzu. Alle bemühten sich, Ping-örl zum Hinsetzen zu bewegen, aber sie mochte nicht. Da faßte Li Wan sie bei der Hand und sagte lächelnd: „Nun will ich gerade, daß du dich setzt!“ Damit zog sie Ping-örl auf den Sitz neben sich, griff nach einem Becher mit Wein und setzte ihn Ping-örl an den Mund. Ping-örl trank rasch einen Schluck, dann wollte sie gehen. „Ich lasse dich aber nicht gehen!“ sagte Li Wan, um dann zu kommentieren: „Wie man sieht, gibt es für sie nur Schwägerin Hsi-fëng, auf mich aber hört sie nicht.“ Anschließend befahl sie den alten Sklavenfrauen: „Bringt ihr schon einmal die Speiseschachtel hinüber und sagt Bescheid, daß ich Ping-örl hierbehalten habe!“ Bald darauf kamen die Frauen mit der Speiseschachtel zurück, und eine von ihnen berichtete: „Die junge gnädige Frau läßt bestellen, Ihr solltet mit den Fräulein zusammen nicht nur plaudern und lachen, sondern den Mund auch zum Essen gebrauchen. Hier in der Schachtel sind Kuchen aus Wassernußmehl und gefüllte Teigröllchen, die in Hühnerfett gebacken sind, für Euch und die Fräulein. Das hat eben die gnädige Frau Tante schicken lassen.“ Dann wandte sie sich Ping-örl zu und sagte: „Dir läßt die junge gnädige Frau ausrichten, wenn du aus Vergnügungssucht hier bleibst, anstatt nach Hause zu kommen, wie sie es dir befohlen hat, sollst du wenigstens nicht so viel trinken!“ „Und was wird sie mit mir machen, wenn ich doch trinke?“ parierte Ping-örl lächelnd. Bei diesen Worten aß und trank sie munter weiter. „Wie schade, daß so ein schönes Mädchen so ein gewöhnliches Los treffen mußte, nur eine Dienstmagd zu sein!“ sagte Li Wan und legte ihren Arm um Ping-örl. „Jeder, der es nicht weiß, wird dich für eine gnädige Frau halten!“ Ping-örl aber, die mit Bau-tschai, Hsiang-yün und den anderen zusammen aß und trank, wandte den Kopf zu Li Wan und sagte: „Bitte nicht, junge gnädige Frau! Ich bin so schrecklich kitzlig.“ „Nanu!“ rief Li Wan. „Was hast du denn hier Hartes?“ „Schlüssel“, erwiderte Ping-örl. „Mußt du Schlüssel mit dir herumschleppen, weil sie Angst hat, jemand könnte ihr ihren wichtigsten Privatbesitz stehlen?“ fragte Li Wan. „Ich sage immer zu allen im Scherz, als Hsüan-dsang die heiligen Sutras holte, hatte er einen Schimmel, der ihn trug, und als Liu Dschï-yüan das Reich eroberte, hatte er einen Melonengeist, der ihm Helm und Harnisch schenkte, Hsi-fëng aber hat dich. Du bist für deine Herrin der Schlüssel zu allen Schlössern, was braucht es da sonst noch für Schlüssel!“ „Ihr habt Wein getrunken, junge gnädige Frau, und wollt Euch jetzt über mich lustig machen!“ wehrte Ping-örl lächelnd ab. „Aber nein, das ist die Wahrheit“, bestätigte auch Bau-tschai. „Jetzt fangen wir ohne jeden Grund an, Charakteristiken zu erstellen! Ihr alle seid von einer Art, wie sie auch unter hundert nicht unbedingt einmal zu finden ist, und das Schönste ist, jede von euch weist Vorzüge auf, die nur ihr allein zu eigen sind.“ „Die Prinzipien des Himmels gelten für hoch wie niedrig“, nahm wieder Li Wan das Wort. „Bei der alten gnädigen Frau zum Beispiel ginge es nicht ohne Yüan-yang. Wer sonst würde es wagen, der alten gnädigen Frau zu widersprechen, selbst die gnädige Frau bildet da keine Ausnahme! Und die alte gnädige Frau hört auch auf niemand anders als auf Yüan-yang.

Außerdem ist Yüan-yang die einzige, die Kleidung und Schmuck der alten gnädigen Frau vollzählig im Kopf hat. Wer weiß, wieviel man davon schon hätte verschwinden lassen, wenn nicht sie es wäre, die sich darum kümmert. Außerdem hat das Mädchen einen gerechten Sinn und legt trotz allem oft ein gutes Wort für jemand ein, anstatt ihre Stellung zu mißbrauchen, um andere zu ducken.“

„Gestern erst hat es die alte gnädige Frau bestätigt“, ergänzte Hsi-tschun lächelnd. „Yüan-yang sei besser als wir, hat sie gesagt.“ „Ja“, pflichtete auch Ping-örl ihnen bei. „Yüan-yang ist in Ordnung. Aber wie dürften wir anderen uns mit ihr vergleichen!“ „Auch Tsai-hsia aus den Räumen der gnädigen Frau ist eine treue Seele“, warf Bau-yü ein. „Und das aus reinem Herzen, nicht aus Berechnung“, setzte Tan-tschun hinzu. „Die gnädige Frau ist so ein buddhagleiches Wesen, daß sie auf die Dinge des Alltags nicht achtgibt, Tsai-hsia aber denkt an alles. Sie ist es, die die gnädige Frau an alles erinnert. Selbst über die großen und kleinen Pflichten, die der gnädige Herr zu Hause wie auswärts zu erfüllen hat, ist sie im Bilde, und wenn die gnädige Frau etwas davon vergessen hat, macht Tsai-hsia sie unauffällig darauf aufmerksam.“ „Genug jetzt von ihr!“ sagte Li Wan. „Was meint ihr, was passieren würde, wenn dieser junge Herr“ – sie wies auf Bau-yü – „nicht Hsi-jën bei sich hätte! Hsi-fëng aber könnte, selbst wenn sie Hsiang Yü, der Hegemon von Tschu, wäre und die Kraft hätte, mit beiden Armen einen bronzenen Dreifußkessel von tausend Djin zu stemmen, ohne ihre Ping-örl nicht alles so umsichtig besorgen.“ „Ursprünglich hatte sie unser vier mit in die Ehe gebracht“, erläuterte Ping-örl lächelnd, „aber die andern sind gestorben oder aus dem Hause gegeben worden. Nur ich einsamer Teufel bin noch übrig.“ „Und doch hast du Glück, und auch deine junge Herrin hat Glück“, sagte Li Wan darauf. „Ich denke daran, daß ja schließlich auch bei uns, solange der junge Herr Dschu noch am Leben war, zwei Mägde waren, die ich mit in die Ehe gebracht hatte, und ihr wißt ja alle, ob mit mir auszukommen ist oder nicht. Dann aber mußte ich Tag für Tag mit ansehen, wie unwohl sie sich fühlten, und habe sie weggeschickt, kaum daß der junge Herr Dschu gestorben war. Da waren die beiden noch jung. Hätte ich eine von ihnen halten können, dann besäße auch ich eine tüchtige Stütze.“ Bei diesen Worten liefen ihr die Tränen herab. „Warum mußt du dich wieder grämen?“ sagten die anderen. „Das Beste ist, wir machen jetzt Schluß!“ Daraufhin wuschen sie sich die Hände und kamen überein, zur Herzoginmutter und zu Dame Wang zu gehen, um ihnen den Gruß zu entbieten. Die Sklavenfrauen und -mädchen fegten den Pavillon aus und sammelten das Geschirr zusammen, Hsi-jën aber nahm Ping-örl mit in den Hof der Freude am Roten und bat sie dort in ihr Zimmer, um noch eine Schale Tee zu trinken. „Ich mag keinen Tee, ich komme ein andermal wieder“, sagte Ping-örl und wollte gehen. Aber Hsi-jën rief sie zurück und fragte: „Warum ist diesmal das Monatsgeld noch nicht ausgezahlt worden, nicht einmal für die alte gnädige Frau und die gnädige Frau?“ Als Ping-örl diese Frage vernahm, kam sie zurück, trat dicht zu Hsi-jën heran, und erst nachdem sie sich überzeugt hatte, daß ringsum sonst niemand war, sagte sie leise: „Frag nicht danach! In ein paar Tagen wird es gezahlt.“ „Wieso?“ fragte Hsi-jën. „Und warum bist du so erschrocken?“ „Unsere junge Herrin hat das Monatsgeld längst empfangen und an jemand verliehen“, fuhr Ping-örl leise fort. „Erst wenn sie woanders ihre Zinsen kassiert und dadurch wieder genug beisammen hat, kann sie das Monatsgeld auszahlen. Das sage ich aber nur dir, weil du es bist. Du darfst keinem Menschen davon erzählen.“ „Hat sie nicht genug Geld für ihre Bedürfnisse?“ fragte Hsi-jën. „Wozu muß sie sich diese Sorgen aufladen?“ „Sicher hat sie das“, gab Ping-örl lächelnd zu, „aber in den letzten Jahren hat sie allein mit den Monatsgeldern einen Gewinn von mehreren hundert Liang eingeheimst. Mit ihrem eigenen Monatsgeld zusammen, das sie nicht ausgibt, sondern zusammenspart, um mal acht und mal zehn Liang auszuleihen, kassiert sie in weniger als einem Jahr an die tausend Liang Zinsen.“ „Da tun sich also Herrin und Sklavin zusammen, um für unser Geld Zinsen einzustreichen, und wir stehen da wie dumm und dürfen warten!“ stellte Hsi-jën lächelnd fest. „Sei nicht wieder so boshaft!“ sagte Ping-örl. „Reicht dir das Geld nicht, das du hast?“ „Es reicht schon“, sagte Hsi-jën, „ich habe ja auch gar keine Gelegenheit zum Geldausgeben. Ich brauche es nur, um es für einen gewissen Jemand zurückzulegen.“ „Falls du dringend etwas brauchst, habe ich drüben ein paar Liang Silber, die du dir holen kannst. Ich kann sie ja dann von deinem Monatsgeld abziehen“, bot Ping-örl ihr an. „Jetzt habe ich keinen Bedarf“, erwiderte Hsi-jën. „Und sollte ich einmal mehr benötigen, als ich habe, kann ich immer noch jemand zu dir schicken, um es zu holen.“ „So ist es“, bestätigte Ping-örl, und damit verließ sie den Garten. In ihren Räumen angekommen, stellte sie fest, daß Hsi-fëng nicht zu Hause war. Mit einemmal aber sah sie, daß jene Oma Liu, die einmal gekommen war, um Almosen zu ergattern, wieder mit ihrem Ban-örl zusammen da war und im Seitenraum saß. Die Frauen von Dschang Tsai und Dschou Juee saßen mit dabei, und ein paar Sklavenmädchen schütteten eben aus einem Sack Jujuben, Moschuskürbisse und einiges einfaches Gemüse auf den Fußboden. Alle standen rasch auf, als sie Ping-örl kommen sahen. Oma Liu wußte von ihrem vorigen Besuch her, welche Stellung Ping-örl einnahm, darum sprang sie hastig auf die Füße und fragte: „Wie geht es Euch, Fräulein?“ Dann fuhr sie fort: „Alle lassen Euch grüßen, Fräulein! Wir hatten schon längst einmal kommen wollen, um der jungen gnädigen Frau unsere Aufwartung zu machen und Euch zu besuchen, aber wir hatten auf dem Feld zu tun. Und wenn es auch viel Schweiß gekostet hat, haben wir doch an Getreide zwei Dan mehr geerntet als sonst, auch Kürbis, Obst und Gemüse sind reichlich in diesem Jahr. Hier bringe ich Euch von der ersten Ernte. Wir hatten nicht das Herz, die Sachen zu verkaufen, und haben das Beste aufgehoben, um es der jungen gnädigen Frau und Euch zu verehren. Tag für Tag eßt Ihr hier die leckersten Dinge aus Wald und Meer, bis Ihr sie überhabt. Jetzt könnt Ihr einmal probieren, was man bei uns im Dorf ißt! Es ist zwar ärmlich, aber es kommt von Herzen.“ „Vielen Dank für die Mühe, die du dir gemacht hast!“ sagte Ping-örl rasch und bat Oma Liu, sie solle sich wieder setzen. Auch sie selber nahm Platz, dann forderte sie die Frauen von Dschang Tsai und Dschou Juee auf, es ihr gleichzutun, und schickte die kleineren Sklavenmädchen nach Tee. „Ihr seht ja heute so rosig aus, Fräulein“, begannen die Frauen von Dschou Juee und Dschang Tsai das Gespräch. „Sogar Eure Augenränder sind gerötet.“ „Ja, ja“, erwiderte Ping-örl lächelnd, „ich hatte nichts gegessen, aber die Frau des älteren jungen Herrn und die Fräulein haben mich dabehalten und haben mir immer wieder eingegossen. Da blieb mir nichts weiter übrig, ich mußte ein paar Becher trinken, und jetzt glüht mir das Gesicht.“ „Ich wäre ja auch gern dabeigewesen, bloß hat mich keiner dazu aufgefordert“, sagte Dschang Tsais Frau lächelnd. „Wenn Ihr demnächst wieder eingeladen werdet, müßt Ihr mich mitnehmen, Fräulein!“ Alles lachte darüber, Dschou Juees Frau aber sagte: „Heute morgen habe ich die Krabben gesehen, davon gehen sicher nicht mehr als zwei oder drei auf ein Djin. Die drei großen Körbe müssen bestimmt jeder siebzig, achtzig Djin gewogen haben.“ Nach einer Pause setzte sie hinzu: „Wenn aber jedermann, hoch und niedrig, davon abkriegen sollte, haben sie vielleicht nicht einmal gereicht, oder?“ „I wo!“ erwiderte Ping-örl, „nur wer Rang und Namen hat, durfte zwei Stück essen, wir vom Fußvolk haben teils davon abbekommen, teils auch nicht.“ „Solche Krabben kosten heutzutage fünf Fën Silber pro Djin“, schaltete Oma Liu sich ein. „Zehn Djin kosten also fünf Tjiän, das macht für fünfzig Djin zwei Liang fünf Tjiän, für hundert Djin demnach fünf Liang, dreimal fünf ist fünfzehn, dazu kommen noch Wein und Zuspeisen, dann macht das ja mehr als zwanzig Liang Silber. Buddha Amitabha! Von dem Geld, das diese Mahlzeit gekostet hat, leben wir auf dem Land ein ganzes Jahr!“ „Mit der jungen gnädigen Frau hast du wohl schon gesprochen?“ lenkte Ping-örl ab. „Ja“, sagte Oma Liu, „sie hat gesagt, wir sollen warten.“ Dann schaute sie zum Fenster hinaus nach dem Himmel und fuhr fort: „Es ist schon recht spät. Wir wollen besser gehen, sonst kommen wir nicht mehr zum Stadttor hinaus und sitzen in der Patsche!“ „Du hast recht“, sagte Dschou Juees Frau, „ich will einmal nachsehen, was ist!“ Damit ging sie hinaus, und als sie nach längerer Zeit wiederkam, erklärte sie strahlend: „Dein Glück ist gemacht, Oma! Bei zwei solchen Menschen einen Stein im Brett zu haben!“ „Wie denn?“ fragten Ping-örl und die anderen. „Die junge gnädige Frau war nämlich bei der alten gnädigen Frau“, berichtete Dschou Juees Frau, „und da habe ich ihr leise gesagt: ‚Junge gnädige Frau! Oma Liu will nach Hause, sie hat Angst, daß es zu spät wird und sie es nicht mehr zum Stadttor hinaus schafft.‘ Da hat die junge gnädige Frau gesagt: ‚So weit, wie sie den schweren Sack geschleppt hat, muß sie schon müde genug sein. Wenn es zu spät ist, soll sie die Nacht über hierbleiben und morgen nach Hause gehen!‘ Heißt das nicht, daß sie bei der jungen gnädigen Frau einen Stein im Brett hat? Aber damit nicht genug, hat die alte gnädige Frau unser Gespräch gehört und gefragt: ‚Was ist das für eine Oma Liu?‘ Da hat es ihr die junge gnädige Frau erklärt, und die alte gnädige Frau hat gesagt: ‚Ich sehne mich eben nach einem erfahrenen, alten Menschen, mit dem ich plaudern kann. Also bittet sie her, ich will sie sehen!‘ Es muß dir wohl vorherbestimmt gewesen sein, mit ihr bekannt zu werden!“ Und sie drängte Oma Liu, vom Ofenbett zu steigen und zur Herzoginmutter hinüberzugehen. „Wie kann ich mit meinem Aussehen vor sie hintreten?!“ sträubte sich Oma Liu. „Liebe Schwägerin, sag ihr, ich sei schon fort!“ „Geh nur!“ redete Ping-örl ihr zu. „Was hat dein Aussehen damit zu tun? Unsere alte gnädige Frau ist voller Mitgefühl für die Alten und Armen, nicht so wie gewisse andere Leute, die immer auf dem hohen Roß sitzen. Wahrscheinlich hast du Angst bekommen! Aber ich werde dich mit Tante Dschou zusammen begleiten!“ Und wirklich führte sie sie gemeinsam mit Dschou Juees Frau zur Herzoginmutter. Als sie ans Innentor kamen, standen die Sklavenjungen, die dort Wache hielten, auf, sobald sie Ping-örl erblickt hatten, und zwei von ihnen liefen ihr hinterher und riefen: „Fräulein!“ „Was wollt ihr schon wieder?“ fragte Ping-örl. „Es ist schon spät“, sagte der eine lächelnd, „und meine Mutter ist krank und wartet, daß ich den Arzt hole. Bestes Fräulein, darf ich einen halben Tag frei haben?“ „Ihr seid ja gut!“, erwiderte Ping-örl. „Ihr habt euch untereinander abgesprochen, daß sich jeden Tag einer von euch frei geben läßt, und anstatt mit der jungen gnädigen Frau zu sprechen, haltet ihr euch an mich. Letztens, als Dschu-örl weggewesen ist, hat der junge Herr ausgerechnet ihn rufen lassen, und als er nicht zu finden war und ich es ihm erklärte, hat er mir Vorwürfe gemacht. Jetzt kommst du mir wieder damit an!“ „Seine Mutter ist wirklich krank“, schaltete Dschou Juees Frau sich ein. „Laßt ihn doch gehen, Fräulein!“ „Aber morgen in aller Frühe bist du zurück!“ befahl Ping-örl dem Knaben. „Ich habe einen Auftrag für dich, hörst du? Komm also nicht erst, wenn dir die Sonne auf den Hintern scheint! Und jetzt mußt du Lai Wang etwas ausrichten. Du sagst ihm, die junge gnädige Frau läßt fragen, wo die restlichen Zinsen bleiben. Wenn er sie bis morgen nicht bezahlt, will die junge Frau sie nicht mehr haben, dann kann er sie gleich behalten und mit ausgeben.“ Außer sich vor Freude, versprach der Sklavenjunge, alles zu tun, was Ping-örl von ihm verlangt hatte, und ging fort. Als Ping-örl mit den anderen zusammen in die Räume der Herzoginmutter trat, waren dort eben die Mädchen des Hauses, die im Garten des Großen Anblicks wohnten, versammelt, um von der Herzoginmutter einige Anordnungen zu empfangen. So stachen Oma Liu beim Betreten des Zimmers von überallher Perlen, Jade und tanzende Blütenzweige in die Augen, und sie wußte nicht, wer all die Menschen waren. Dann erblickte sie eine alte Frau, die schräg auf einem Polsterbett lag, während hinter ihr ein in Seide gekleidetes wunderschönes Mädchen saß, das ihr die Beine klopfte. Hsi-fëng aber stand daneben und unterhielt sich scherzend mit der Frau. Oma Liu begriff, daß dies die Herzoginmutter sein mußte, darum trat sie rasch näher und schwenkte lächelnd die Hände zum Gruß. „Möge es Euch wohl ergehen, alter Gott der Langlebigkeit!“ setzte sie hinzu. Die Herzoginmutter grüßte mit einer leichten Neigung des Körpers zurück und befahl Dschou Juees Frau, einen Stuhl zu bringen, damit Oma Liu sich setzen konnte. Ban-örl war immer noch zu schüchtern, um zu grüßen. „Wie alt bist du dies Jahr, meine Liebe?“ fragte die Herzoginmutter. „Fünfundsiebzig bin ich“, antwortete Oma Liu, wobei sie sich rasch wieder erhob. „Schon so alt, aber doch gesund und rüstig!“ wandte sich die Herzoginmutter an die anderen. „Dabei ist sie etliche Jahre älter als ich. Wer weiß, wie steif ich schon bin, wenn ich einmal ihr Alter erreicht habe!“ „Unsereins lebt von klein auf in Bitternis“, sagte Oma Liu, „Ihr aber lebt von klein auf im Glück, alte gnädige Frau. Wenn wir es genauso haben wollten, wäre keiner mehr da, der die Landarbeit macht.“ „Und deine Augen und Zähne sind noch gut?“ wollte die Herzoginmutter wissen. „Ja“, sagte Oma Liu, „nur links ist jetzt eine Backenzahn locker.“ „Ich aber bin alt und tauge zu nichts mehr“, beklagte sich die Herzoginmutter. „Es flimmert mir vor den Augen, die Ohren werden taub, und das Gedächtnis ist auch weg. An alte Verwandte wie dich kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Wenn sie zu Besuch kommen, empfange ich sie nicht mehr, weil ich Angst habe, daß sie mich auslachen. Ein paar Happen essen von Sachen, die ich noch kauen kann, ein Weilchen schlafen, und wenn ich Langeweile habe, ein bißchen mit meinen Enkeln und Enkelinnen scherzen, das ist alles, was ich noch kann.“ „Eben darin liegt Euer Glück, alte gnädige Frau“, sagte Oma Liu lächelnd. „Für uns gibt es das nicht, selbst wenn wir es wollten.“ „Was ist das schon für ein Glück“, klagte die Herzoginmutter weiter, „ich gehöre einfach zum alten Eisen!“ Alles lachte darüber. „Gerade hat Hsi-fëng mir erzählt, du hättest eine Menge Kürbis und Gemüse mitgebracht“, fuhr die Herzoginmutter lächelnd fort. „Ich habe ihr schon gesagt, sie soll schnell davon zurechtmachen lassen, denn ich habe eben Appetit auf Gemüse, das frisch vom Feld kommt. Was es draußen zu kaufen gibt, schmeckt lange nicht so gut.“ „Es ist Bauernkost“, sagte Oma Liu lächelnd, „das ist mal etwas anderes für Euch. Unsereiner würde auch gern einmal Fisch und Fleisch essen, aber das können wir uns nicht leisten.“ „Nachdem wir uns heute miteinander bekannt gemacht haben, darfst du nicht so sang- und klanglos wieder gehen“, entschied die Herzoginmutter. „Wenn es dir hier nicht mißfällt, dann bleib nur ein oder zwei Tage, ehe du wieder heimgehst! Wir haben auch einen Garten, wo ebenfalls Früchte wachsen.und Gemüse mitgebracht“, fuhr die Herzoginmutter lächelnd fort. „Ich habe ihr schon gesagt, sie soll schnell davon zurechtmachen lassen, denn ich habe eben Appetit auf Gemüse, das frisch vom Feld kommt. Was es draußen zu kaufen gibt, schmeckt lange nicht so gut.“ „Es ist Bauernkost“, sagte Oma Liu lächelnd, „das ist mal etwas anderes für Euch. Unsereiner würde auch gern einmal Fisch und Fleisch essen, aber das können wir uns nicht leisten.“ „Nachdem wir uns heute miteinander bekannt gemacht haben, darfst du nicht so sang- und klanglos wieder gehen“, entschied die Herzoginmutter. „Wenn es dir hier nicht mißfällt, dann bleib nur ein oder zwei Tage, ehe du wieder heimgehst! Wir haben auch einen Garten, wo ebenfalls Früchte wachsen. Morgen kannst du davon probieren, kannst auch davon mit nach Hause nehmen, dann erst hast du wirklich einen Besuch bei Verwandten gemacht.“ Hsi-fëng sah, daß die Herzoginmutter an der Alten Gefallen gefunden hatte, darum sagte sie rasch: „Bei uns ist zwar nicht so viel Platz wie bei Euch auf der Tenne, aber ein paar leere Zimmer werden sich schon finden. Also bleib ein paar Tage hier und erzähl unserer alten gnädigen Frau ein paar interessante Geschichten von euch dort!“ Lächelnd mahnte die Herzoginmutter: „Du darfst dich nicht über sie lustig machen! Sie kommt vom Lande und ist bieder, wie sollte sie es ertragen, wenn du sie aufziehst!“ Anschließend befahl sie jemandem, zuerst etwas Obst für Ban-örl zu bringen. Aber vor so vielen Fremden wagte Ban-örl nicht zu essen. Also befahl die Herzoginmutter, ihm ein paar Bronzemünzen zu schenken, dann mußten die Sklavenjungen ihn hinausführen und mit ihm spielen. Nachdem Oma Liu Tee getrunken hatte, erzählte sie der Herzoginmutter von Dingen, die sie auf dem Lande erlebt oder gehört hatte, und die Herzoginmutter fand auch Vergnügen daran. Als sie eben noch beim Erzählen war, schickte Hsi-fëng jemanden, um sie zum Abendessen zu bitten. Die Herzoginmutter aber wählte einige von ihren eigenen Speisen aus und ließ sie für Oma Liu hinübertragen. Da Hsi-fëng sich sagte, es werde der Herzoginmutter Freude machen, schickte sie Oma Liu nach dem Essen noch einmal zu ihr zurück. Zuvor aber wurde Oma Liu rasch von Yüan-yang gebeten, ein Bad zu nehmen, wobei eine alte Sklavin sie begleiten mußte. Yüan-yang selbst suchte ein paar einfache Kleider heraus und befahl, sie Oma Liu zu bringen, damit sie sich umziehen konnte. Wo hätte Oma Liu so etwas je erlebt! Rasch zog sie die Kleider an und ging wieder in den Hauptraum hinüber, wo sie sich zur Herzoginmutter vor das Polsterbett setzte und noch ein paar Geschichten aus ihrem Gedächtnis hervorkramte. Auch Bau-yü saß mit Schwester und Kusinen dabei, und wann hätten sie jemals solche Geschichten gehört! Sie erschienen ihnen interessanter als die Romane, die von den blinden Erzählern vorgetragen werden. Oma Liu war zwar eine unkultivierte Frau vom Lande, aber sie besaß doch einige angeborene Klugheit, überdies war sie alt und hatte manches erlebt. Als sie jetzt sah, welchen Spaß zum einen die Herzoginmutter hatte und wie gespannt zum anderen auch die jungen Leute zuhörten, dachte sie sich, als sie weiter nichts mehr zu berichten wußte, einfach eine Geschichte aus, die sie ihnen auftischte. Und so erzählte sie: „Bei uns im Dorf, wenn wir den Boden bestellen und Gemüse anbauen, haben wir jahraus, jahrein, tagaus, tagein in Frühling, Sommer, Herbst und Winter, bei Regen und bei Wind keine Zeit, so herumzusitzen. Wenn wir bei der Arbeit eine Pause machen, setzen wir uns auf die Erde, immer da, wo wir gerade sind. Aber was für merkwürdige und seltsame Dinge erlebt man bei uns nicht alles! Vergangenen Winter zum Beispiel hatte es tagelang geschneit, und der Schnee lag drei, vier Tschï hoch. Eines Tages nun war ich früh aufgestanden, aber noch nicht vor die Tür gegangen, da höre ich, wie es draußen am Reisig raschelt. Ich denke: ‚Bestimmt will da jemand von unserm Reisig stehlen!‘ Also krieche ich auf dem Ofenbett zu einem Loch im Fensterpapier und schaue hinaus, und da sehe ich, es ist niemand aus unserm Dorf, ...“ „Bestimmt war es ein fremder Wanderer, der vorüberkam und fror“, mutmaßte die Herzoginmutter, „als er das fertige Reisig sah, wollte er ein wenig davon herausziehen, um sich ein Feuer zu machen und sich aufzuwärmen. Das kann ja vorkommen.“ „Nein, ein Wanderer war es nicht“, sagte Oma Liu lächelnd. „Das war ja gerade das Merkwürdige daran. Wißt Ihr, wer es war, alter Gott der Langlebigkeit? Es war ein schönes Fräulein von siebzehn, achtzehn Jahren mit ölglänzender Frisur. Ein dunkelrotes Übergewand und einen Rock aus weißer Seide hatte sie an...“ Als sie eben bis hierher gekommen war, drang plötzlich Geschrei von draußen herein, dann sagte jemand: „Es ist ja gut, erschreckt die alte gnädige Frau nicht damit!“ Kaum hatte die Herzoginmutter das gehört, fragte sie laut: „Was ist denn?“ „Im Südgehöft ist der Pferdestall in Brand geraten“, meldeten ihre Sklavenmädchen, „aber es hat nichts zu besagen, das Feuer wird schon gelöscht.“ Furchtsam, wie die Herzoginmutter war, stand sie sofort auf und ging auf jemandes Arm gestützt unter den Dachvorsprung hinaus, um Ausschau zu halten. Im Südosten leuchtete es noch wie Feuerschein. Erschrocken rief die Herzoginmutter den Namen Buddhas an und befahl sofort, vor dem Bild des Feuergottes Weihrauch abzubrennen. Jetzt kam auch Dame Wang mit den anderen herüber, um der Herzoginmutter ihren Gruß zu entbieten, wobei sie berichtete: „Das Feuer ist schon gelöscht. Geht bitte ins Haus zurück, alte gnädige Frau!“ Aber die Herzoginmutter wartete, bis der Feuerschein verloschen war, ehe sie mit den anderen wieder hineinging. Ungeduldig erkundigte sich Bau-yü bei Oma Liu: „Was wollte denn nun das Mädchen im Schnee mit dem Reisig? Hat sie sich auch nicht erkältet?“ „Nur weil eben vom Feuermachen die Rede war, ist der Brand ausgebrochen, und jetzt fragst du noch danach!“ wies die Herzoginmutter ihn zurecht. Dann verlangte sie: „Sprich nicht weiter davon, erzähl uns etwas anderes!“ Wenn Bau-yü auch nicht zufrieden war, mußte er die Sache doch auf sich beruhen lassen. Oma Liu aber erfand rasch eine neue Geschichte und erzählte: „Am Ostrand von unserem Dorf lebt eine alte Frau von mehr als neunzig Jahren. Jeden Tag ißt sie nur Fastenspeisen und betet zu Buddha. Und – wer hätte das gedacht! – sie hat damit die Göttin Guan-yin gerührt, die ihr im Traum erschien und zu ihr sprach: ‚Eigentlich solltest du ohne Nachkommenschaft bleiben, aber ich habe dem Jadekaiser von deiner Ergebenheit erzählt, und er schenkt dir einen Enkel!‘ Die Alte hatte nämlich nur einen einzigen Sohn, der seinerzeit auch nur einen Sohn gehabt hatte, der aber mit siebzehn oder achtzehn Jahren gestorben war, kaum daß sie ihn mit Mühe großgezogen hatten. Oh, wie sie damals geweint haben! Später bekam er wirklich noch einen Sohn, der jetzt erst um die dreizehn Jahre alt ist. Er ist so rundlich und hellhäutig, daß er aussieht wie ein Schneeball, und flink und gescheit ist er wie kein zweiter. Daran sieht man, daß es wirklich Götter geben muß!“ Mit dieser Erzählung hatte Oma Liu unbewußt den Geschmack der Herzoginmutter und von Dame Wang getroffen, die ihr deshalb auch gespannt zugehört hatten. Bau-yü dagegen dachte nur an die Geschichte vom gestohlenen Feuerholz und brütete stumm vor sich hin. Da sagte Tan-tschun zu ihm: „Gestern hat Kusine Hsiang-yün uns bewirtet. Wenn wir nachher wieder im Garten sind, wollen wir darüber beraten, unsern Dichterbund zusammenzurufen und eine Gegeneinladung auszusprechen. Wie wär‘s, wollen wir die alte gnädige Frau zu einer Chrysanthemenschau einladen?“ Lächelnd erwiderte Bau-yü: „Aber die alte gnädige Frau hat doch gesagt, sie wolle ein Fest geben, um Hsiang-yüns Einladung zu erwidern, und wir sollten dabeisein. Wir können sie doch immer noch einladen, wenn ihr Fest vorüber ist!“ „Es wird aber jetzt immer kälter, und dann wird es der alten gnädigen Frau keinen Spaß mehr machen!“ wandte Tan-tschun ein. „Ach wo, die alte gnädige Frau mag es, wenn es regnet oder schneit!“ gab Bau-yü zurück. „Das beste ist, wir warten auf den ersten Schnee und laden sie dann ein, ihn mit uns zusammen zu bewundern! Wäre das nicht schön? Und wenn wir bei Schnee Gedichte machen, wird das Vergnügen um so größer.“ „Wenn wir bei Schnee Gedichte machen, dann ist, so scheint mir, das Vergnügen noch lange nicht so groß, wie wenn wir ein Bündel Reisig zurechtmachen, von dem bei Schnee jemand stiehlt!“ warf Dai-yü lächelnd ein. Bau-tschai und die anderen lachten darüber, Bau-yü aber warf Dai-yü nur einen Blick zu und schwieg. Als bald darauf alle auseinandergingen, hielt Bau-yü Oma Liu verstohlen am Arm zurück und fragte leise: „Wer war denn das Mädchen?“ Da blieb Oma Liu keine andere Wahl, als ihren Faden weiterzuspinnen, und sie erzählte: „Das war so. Im Norden von unserm Dorf steht dicht am Feldrain ein kleines Tempelchen. Darin wird keinem Gott und keinem Buddha geopfert, vielmehr ist da mal ein Herr gewesen...“ Oma Liu stockte, um sich einen Namen für den Herrn auszudenken, Bau-yü aber drängte: „Es ist doch egal, wie er hieß! Zerbrich dir nicht den Kopf darüber, erzähl mir nur, was da war!“ Und Oma Liu fuhr fort: „Der Herr hatte keinen Sohn, nur eine Tochter namens Ming-yü. Dieses Fräulein Ming-yü konnte lesen und schreiben, und der Herr und seine Frau liebten sie wie ein Juwel. Aber als sie kaum siebzehn war, wurde sie krank und starb...“ Bau-yü stampfte mit dem Fuß auf und seufzte, ehe er fragte: „Und dann?“ „Dem Herrn und der Dame ging ihre Tochter nicht aus dem Sinn“, erzählte Oma Liu weiter, „darum ließen sie den kleinen Tempel bauen und

Aus: Jinyuyuan 1889a. ein Bildnis des Mädchens formen, und dann beauftragten sie jemand, vor dem Bildnis Weihrauch und Kerzen zu brennen. Aber das ist lange her, und im Laufe der Jahre sind die Leute gestorben, der Tempel ist verfallen, und nun geht das Standbild als Spuk um.“ „Nein“, sagte Bau-yü rasch, „nicht das Standbild geht um, in der Regel sind solche Menschen nicht tot, obwohl sie gestorben sind.“

	„Buddha Amitabha!“ rief Oma Liu aus, „so ist das also! Gut, daß Ihr mir das sagt. Wir hatten alle geglaubt, es sei das Standbild, das immer menschliche Gestalt annimmt und dann durch die Dörfer und über die Straßen wandert. Dieses Mädchen war es, das sich bei mir von dem Reisig genommen hatte. Die Leute bei uns im Dorf haben beschlossen, das Standbild zu zerschlagen und den Tempel abzureißen.“

„Laßt das bloß sein!“ warnte Bau-yü. „Den Tempel abzureißen wäre ein schweres Vergehen.“ „Gut, daß Ihr mir das sagt“, erwiderte Oma Liu. „Wenn ich nach Hause komme, will ich es ausrichten!“ „Unsere alte gnädige Frau und die gnädige Frau sind große Wohltäter“, fuhr Bau-yü fort, „und auch der Rest der Familie, ob jung, ob alt, ist barmherzig und spendierfreudig, alle sind stets gern bereit, Tempel errichten und Götterbilder formen zu lassen. Morgen werde ich einen Opfertext verfassen und an deiner Statt Spenden erbetteln. Du wirst Aufseherin über die Weihrauchopfer. Und wenn genug Geld gesammelt ist, wird der Tempel wiederaufgebaut, und auch die Statue wird instand gesetzt. Jeden Monat bekommst du dann Geld für Weihrauch und Kerzen. Wäre das nicht schön?“ „Dann würden von dem Glück des Mädchens jeden Monat auch für mich ein paar Münzen abfallen“, sagte Oma Liu. Bau-yü aber erkundigte sich noch bei ihr, wie die Gegend heiße und wie das Dorf, wie weit es dahin sei und welche Richtung man einschlagen müsse. Rasch log Oma Liu etwas zusammen, wie es ihr gerade in den Sinn kam. Bau-yü aber nahm alles für bare Münze, und als er in seine Räume zurückgekehrt war, machte er die ganze Nacht hindurch Pläne. Am nächsten Morgen stand er früh auf und ging hinaus, um Ming-yän ein paar hundert Bronzemünzen zu geben und ihn zu beauftragen, entsprechend der Beschreibung, die er von Oma Liu bekommen hatte, dorthin zu reiten und erst einmal alles in Augenschein zu nehmen. Wenn Ming-yän zurück war, wollte er das Weitere beschließen. Nachdem Ming-yän sich entfernt hatte, wartete Bau-yü Stunde um Stunde und geriet dabei in Erregung wie eine Ameise auf einem heißen Kessel. Unter Qualen geduldete er sich, bis die Sonne unterging und Ming-yän endlich freudestrahlend zurückkam. Sofort fragte Bau-yü: „War der Tempel da?“ Lächelnd erwiderte Ming-yän: „Ihr müßt das nicht richtig verstanden haben, junger Herr, da konnte ich schön suchen! Weder der Ortsname noch die Richtung stimmten mit dem überein, was Ihr mir gesagt habt. Darum habe ich den ganzen Tag suchen müssen, bevor ich endlich im Nordosten an einem Feldrain einen zerfallenen Tempel gefunden habe.“ Bei dieser Nachricht klärte sich Bau-yüs Gesicht zu einem frohen Lächeln auf, und er sagte rasch: „Oma Liu ist eine alte Frau. Mag sein, daß sie sich nicht recht erinnern konnte. Das kommt vor. Aber erzähl mir, was du gesehen hast!“ „Das Tor des Tempels war richtig an der Südseite, und ganz verfallen war er auch“, berichtete Ming-yän. „Diese Sucherei hatte mich schon in Rage gebracht, darum sagte ich mir jetzt: ‚Ein Glück!‘ und ging rasch hinein. Aber kaum hatte ich dort die Tonfigur erblickt, bin ich wieder hinausgestürzt, so lebensecht sah sie aus.“ „Sie kann sich in einen Menschen verwandeln, natürlich sieht sie da lebensecht aus“, sagte Bau-yü mit zufriedenem Lächeln. „Aber es war ja gar nicht das Mädchen“, protestierte Ming-yän und schlug die Hände zusammen. „Es war der Seuchengott mit schwarzblauem Gesicht und roten Haaren!“ Empört spuckte Bau-yü aus und schimpfte: „Du taugst wahrhaftig nur, umgebracht zu werden, du Nichtsnutz! Nicht einmal so eine Kleinigkeit kannst du erledigen!“ „Wer weiß, was Ihr da wieder mal gelesen habt oder wer Euch da zum Narren gehalten hat, junger Herr, daß Ihr mich mit so einem unsinnigen Auftrag losgeschickt habt, an dem ich mir die Zähne ausbeißen konnte, und jetzt sagt Ihr, ich sei zu nichts nutze“, beklagte sich Ming-yän. Als Bau-yü sah, wie Ming-yän in Hitze geriet, redete er schnell begütigend auf ihn ein: „Reg dich nicht auf! Ein andermal, wenn nichts zu tun ist, machst du dich noch einmal auf die Suche! Wenn die Alte uns angeführt hat, kann es den Tempel natürlich nicht geben, wenn es ihn aber doch gibt, kannst auch du im Verborgenen Gutes tun, und außerdem will ich dich reich belohnen!“ Während er das eben sagte, sah er einen der Sklavenjungen vom Innentor herantreten, der ihm meldete: „Es sind Mägde aus den Räumen der alten gnädigen Frau da, die zu Euch wollen, junger Herr.“