Hongloumeng/de/Chapter 44
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Kapitel 44
变生不测凤姐泼醋
喜出望外平儿理妆
Alle sahen sich also die Aufführung der „Dornenhaarnadel“ an, und Bau-yü saß mit den Mädchen zusammen. Als die Szene „Opfer des Mannes“ gespielt wurde, sagte Dai-yü zu Bau-tschai: „Dieser Wang Schï-pëng ist aber auch zu töricht! Es ist doch ganz egal, wo er opfert. Warum muß er unbedingt an den Fluß laufen? „Der Anblick weckt Erinnerung“, sagt man. Und da alles Wasser der Welt auf eine einzige Quelle zurückgeht, hätte er sonstwo eine Schale Wasser schöpfen können, um bei ihrem Anblick Tränen zu vergießen und so seinem Kummer Luft zu machen.“ Bau-tschai erwiderte nichts darauf, Bau-yü aber wandte sich ab und verlangte nach frisch gewärmtem Wein, um Hsi-fëng zuzutrinken. Wie die Herzoginmutter gesagt hatte, sollte dieser Tag anders aussehen als der übliche Alltag, und Hsi-fëng sollte sich amüsieren. Deshalb wollte die Herzoginmutter nicht mit an der Festtafel sitzen und hatte sich im Innenraum auf einer Polsterbank ausgestreckt, von wo aus sie mit Tante Hsüä zusammen dem Theaterspiel zusah. Sie hatten einige ihrer Lieblingsspeisen auf ein Tischchen setzen lassen, aßen zwanglos davon und unterhielten sich dabei. Ihre beiden Festgedecke dagegen hatten sie den aufwartenden Sklavenmädchen und -frauen spendiert, für die kein eigener Tisch gedeckt war, und hatten ihnen befohlen, sich damit in den Säulengang vor den Fenstern zu setzen und dort zu essen und zu trinken, ohne sich durch das Zeremoniell beengt zu fühlen. Dame Wang und Dame Hsing saßen an einem höheren Tisch bei der Herzoginmutter, draußen aber saßen die Mädchen an mehreren Festttafeln. Mehrmals wurden Frau You und die anderen von der Herzoginmutter ermahnt: „Laßt Hsi-fëng auf dem Ehrenplatz sitzen und bewirtet sie mir schön! Das ganze Jahr hindurch plagt sie sich ab.“ Frau You sagte: „Jawohl!“, meldete dann aber lächelnd: „Sie ist es nicht gewohnt, auf dem Ehrenplatz zu sitzen. Da paßt ihr dies nicht und das nicht, und Wein will sie auch nicht trinken.“ Lächelnd drohte die Herzoginmutter: „Wenn du sie nicht dazu bewegen kannst, werde ich selber gehen und sie auffordern!“ Da kam auch schon Hsi-fëng herein und sagte lächelnd: „Ihr dürft ihnen nicht glauben, alte Ahne, ich habe schon einige Becher getrunken.“ Lächelnd befahl die Herzoginmutter Frau You: „Bring sie schnell wieder hinaus und setz sie auf ihren Platz, und dann reicht jede von euch ihr einen Ehrenbecher! Wenn sie dann immer noch nicht trinken will, komme ich wirklich selber!“ Frau You lachte und zog Hsi-fëng mit sich hinaus. Als Hsi-fëng sich gesetzt hatte, befahl Frau You, einen großen Becher zu bringen, und füllte ihn mit Wein. Dann sagte sie: „Als Zeichen des Dankes dafür, daß du dich das ganze Jahr lang der alten gnädigen Frau, der gnädigen Frau und auch mir gegenüber so ehrerbietig verhältst, kann ich dir keinen anderen Beweis meiner Liebe bringen als diesen Becher Wein, den ich selbst für dich eingegossen habe und den du jetzt brav aus meiner Hand leeren mußt!“ „Wenn du mir wirklich deine Ehrerbietung beweisen willst, mußt du niederknien“, sagte Hsi-fëng lächelnd. „Dann trinke ich auch.“ „Du weißt wohl vor lauter Lobworten nicht mehr, wer du bist!“ erwiderte Frau You, ebenfalls lächelnd. „Ich sage dir: So eine Gelegenheit wie heute kommt vielleicht nie wieder. Also nimm dich zusammen und trink ein paar Becher!“ Hsi-fëng mußte einsehen, daß sie nicht darum herumkam, und trank. Anschließend traten auch die Mädchen heran, und wohl oder übel mußte Hsi-fëng aus jedem Becher, den sie gereicht bekam, einen Schluck trinken. Da Lai Das Mutter gesehen hatte, wie sich die Herzoginmutter darüber freute, machte sie sich den Spaß, mit ein paar alten Ammen ebenfalls heranzutreten und Hsi-fëng Wein zu kredenzen. Auch diesmal konnte Hsi-fëng schlecht ablehnen und trank wieder ein paar Schlucke. Als dann auch noch Yüan-yang und die anderen Sklavenmädchen kamen, konnte Hsi-fëng wirklich nicht mehr und bettelte: „Verschont mich doch, liebste Schwestern, und laßt mich morgen trinken!“ Lächelnd erwiderte Yüan-yang: „Wir gelten also nichts! Dabei erweist uns doch selbst die gnädige Frau noch Ehre. Sonst also genießen wir Ansehen, aber heute vor allen Leuten kehrt Ihr die Herrin heraus. Ich hätte nicht damit kommen dürfen. Wenn Ihr nicht trinkt, gehen wir wieder!“ Damit wandten sie sich wirklich zum Gehen. Rasch eilte Hsi-fëng ihnen nach, hielt Yüan-yang fest und sagte lächelnd: „Ich trinke schon, liebste Schwester!“ Sie griff nach dem Wein, füllte ihren Becher damit bis zum Rand und trank ihn leer. Jetzt erst ließ Yüan-yang lächelnd von ihr ab. Als Hsi-fëng auf ihren Platz zurückgekehrt war, merkte sie, daß der Wein zuviel für sie gewesen war, das Herz schlug ihr bis zum Halse. Darum wollte sie nach Hause gehen, um sich dort auszuruhen. Und da eben die Gaukler auftraten, sagte sie zu Frau You: „Halte das Geldgeschenk für sie bereit! Ich gehe mir das Gesicht waschen.“ Frau You nickte, und als Hsi-fëng sah, daß sie nicht aufgehalten wurde, stand sie vom Tisch auf und ging zum Seitenausgang. Ping-örl, die auf sie achtgegeben hatte, folgte ihr rasch nach, und Hsi-fëng stützte sich auf ihren Arm. Als sie an den gedeckten Wandelgang kamen, stand dort ein kleines Sklavenmädchen aus ihren Räumen, aber als es sie kommen sah, machte es kehrt und lief weg. Mißtrauisch geworden, rief Hsi-fëng hinter ihr her. Zuerst tat das Mädchen noch so, als ob es nichts hörte, als aber auch Ping-örl in die Rufe mit einstimmte, kam es notgedrungen zurück. In ihrem Argwohn bestärkt, trat Hsi-fëng mit Ping-örl rasch in die Durchgangshalle und befahl auch dem Sklavenmädchen einzutreten. Dann ließ sie die Gittertür schließen, setzte sich auf die Plattform des Hofgebäudes und befahl dem Mädchen niederzuknien. Anschließend gab sie Ping-örl mit lauter Stimme den Auftrag: „Hol vom Innentor zwei Jungen mit Stricken und Peitschen, damit sie das kleine Spitzbein, das seine Herrin nicht kennen will, tüchtig durchwalken!“ Das kleine Sklavenmädchen, dem vor lauter Angst die Seele aus dem Leib fahren wollte, schlug in einem fort mit der Stirn auf den Boden und bat um Gnade. „Ich bin doch kein Gespenst!“ sagte Hsi-fëng. „Warum bist du also nicht stehengeblieben, wie es sich gehört, als du mich gesehen hast, sondern weggelaufen?“ Weinend erwiderte das Sklavenmädchen: „Ich hatte Euch nicht gesehen, Herrin. Weggelaufen bin ich, weil mir eingefallen war, daß niemand in unsern Räumen ist.“ „Und wer hat dich hierher geschickt, wenn niemand da ist?“ wollte Hsi-fëng wissen. „Und wenn du mich nicht gesehen hast, warum bist du dann immer schneller gelaufen, je lauter ich mit Ping-örl nach dir gerufen habe, mehr als zehn Mal? So weit waren wir doch gar nicht weg. Bist du vielleicht taub, oder was? Und dann wagst du noch zu streiten!“ Bei diesen Worten hob sie die Hand und schlug dem Sklavenmädchen dermaßen ins Gesicht, daß es niederstürzte. Dann schlug sie noch einmal von der anderen Seite zu, und sofort schwollen dem Mädchen beide Wangen rot an. Rasch warnte Ping-örl: „Paßt auf, daß Ihr Euch nicht weh tut, Herrin!“ „Schlag du sie weiter und frag sie, warum sie weggelaufen ist!“ befahl Hsi-fëng. „Wenn sie es immer noch nicht sagt, zerreißt du ihr das Maul!“ Anfangs leugnete das Sklavenmädchen weiter. Aber als sie hörte, daß Hsi-fëng ein Eisen zum Glühen bringen wollte, um ihr damit den Mund zu verbrennen, gestand sie weinend: „Der junge Herr ist zu Hause und hat mich hergeschickt, um nach Euch Ausschau zu halten. Wenn ich sähe, daß Ihr kommt, sollte ich ihm schnell Bescheid sagen. Ich hatte aber nicht gedacht, daß Ihr schon so bald kommen würdet.“ Hsi-fëng erkannte, daß etwas dahinterstecken mußte, und so fuhr sie das Mädchen an: „Warum solltest du nach mir Ausschau halten? Hat er denn Angst davor, ich könnte nach Hause kommen? Das muß doch einen Grund haben. Schnell, sag ihn mir, dann werde ich dich auch immer lieb haben! Aber wenn du mir jetzt nicht alles erzählst, hole ich auf der Stelle ein Messer und schneide dir das Fleisch vom Leibe!“ Bei diesen Worten wandte sie sich nach Ping-örl um, zog ihr einen Haarpfeil aus der Frisur und stach damit wie wild nach dem Mund des Sklavenmädchens. Erschrocken bemühte sich das Mädchen, ihr auszuweichen, und bat weinend: „Ich sage es Euch, Herrin, aber Ihr dürft nicht verraten, daß ich es war!“ Ping-örl redete begütigend auf Hsi-fëng ein, gleichzeitig drängte sie das Sklavenmädchen, endlich zu reden. Da sagte das Sklavenmädchen: „Der junge Herr ist noch nicht lange zu Hause. Erst hat er ein Weilchen geschlafen, und als er wach wurde, hat er jemand losgeschickt, um nachzusehen, wo Ihr seid. Als es hieß, Ihr hättet Euch eben erst zu Tisch gesetzt, und es würde noch eine Weile dauern, ehe Ihr wiederkommt, hat er eine Truhe aufgemacht und zwei Stücken Silber herausgeholt, dazu zwei Haarpfeile und zwei Stücken Seidenstoff. Das mußte ich heimlich zu Bau Örls Frau tragen und ihr sagen, sie solle herüberkommen. Sie hat die Sachen weggesteckt und ist gekommen. Dann hat der junge Herr mir befohlen, nach Euch Ausschau zu halten, und was weiter war, weiß ich nicht.“ Als Hsi-fëng das hörte, wurde sie schwach vor Zorn, dann aber sprang sie auf und eilte nach Hause. Am Hoftor angekommen, erblickte sie ein weiteres kleines Sklavenmädchen, das hier Wache hielt und sich bei ihrem Anblick rasch duckte, um wegzulaufen. Hsi-fëng rief das Mädchen mit seinem Namen an, und es war gewitzt genug, um angelaufen zu kommen, als es sich ertappt sah, und lächelnd zu sagen: „Eben wollte ich es Euch melden kommen, junge Herrin, aber da seid Ihr schon selber hier!“ „Was wolltest du mir melden?“ verlangte Hsi-fëng zu wissen. Da sagte das Sklavenmädchen: „Der junge Herr ist daheim...“ Und sie erzählte dasselbe, was eben auch die andere vorgebracht hatte. „Pfui!“ sagte Hsi-fëng und spuckte aus. „Und wo hast du bis eben gesteckt? Jetzt, nachdem ich dich gesehen habe, willst du dich reinwaschen!“ Damit hob sie die Hand und versetzte dem Mädchen einen Schlag, daß es zurücktaumelte. Dann schlich sie zum Fenster und lauschte. Von drinnen war erst Gelächter zu hören, dann sagte eine Frauenstimme: „Es wäre schön, wenn dein Höllenweib endlich stürbe!“ „Und was mache ich, wenn sie stirbt, und ich heirate eine andere, die dann genauso ist?“ fragte Djia Liän. „Wenn sie stirbt, machst du am besten Ping-örl zu deiner Hauptfrau“, riet die Frauenstimme. „An Ping-örl darf ich auch nicht mehr heran“, beklagte sich Djia Liän. „Sie fühlt sich deswegen gekränkt, wagt aber nichts zu sagen. Warum muß ich nur mein Leben lang unter dieser Teufelsbrut leiden?“ Hsi-fëng bebte vor Wut, als sie das hören mußte, und weil sich die beiden lobend über Ping-örl geäußert hatten, argwöhnte sie, auch Ping-örl grolle ihr ständig hinter ihrem Rücken. Dadurch stieg ihr der Wein vollends zu Kopf, sie drehte sich um, und ohne zu überlegen, versetzte sie Ping-örl ein paar Schläge. Dann stieß sie mit dem Fuß die Tür auf und stürzte ins Haus. Auch hier ließ sie sich nicht auf Erörterungen ein. Sie packte Bau Örls Frau und begann, sie zu zerren und zu schlagen. Dann aber hatte sie Angst, Djia Liän könnte ihr entkommen, darum stellte sie sich in die Türöffnung und schimpfte: „Du dreckige Hure! Machst dich an deinen Herrn heran und trachtest deiner Herrin nach dem Leben! – Ping-örl, komm her! Ihr schamloses Hurenpack seid eine wie die andere. Ihr haßt mich, aber nach außen tut ihr schön mit mir.“ Damit begann sie wieder, auf Ping-örl einzuschlagen. Schutzlos dem Unrecht preisgegeben, begann Ping-örl ohne Tränen zu schluchzen und schimpfte: „Wenn ihr schon solche schamlosen Dinge treibt, warum müßt ihr dann auch noch mich mit hineinziehen?“ Und während sie das sagte, fiel sie mit Schlägen und Knüffen über Bau Örls Frau her. Djia Liän, der sich einen Rausch angetrunken hatte, war in heiterster Laune nach Hause gekommen und hatte es an der nötigen Vorsicht fehlen lassen. Als plötzlich Hsi-fëng im Zimmer stand, war er ratlos, als aber jetzt auch Ping-örl zu toben anfing, trübte der Wein ihm die Sinne. Solange Bau Örls Frau von Hsi-fëng Schläge bekam, war er zwar wütend und beschämt, aber er konnte schlecht etwas dagegen sagen. Als jetzt auch Ping-örl auf sie einschlug, ging er dazwischen, trat mit dem Fuß nach Ping-örl und fluchte: „Schlagen willst du, du Hure?“ Aus Angst vor Djia Liäns Fußtritten, ließ Ping-örl von Bau Örls Frau ab, schluchzte aber erneut: „Warum müßt ihr mich mit hineinziehen, wenn ihr heimlich solche Gespräche führt?“ Durch Ping-örls Furcht vor Djia Liän wurde Hsi-fëng zu neuer Wut angestachelt. Deshalb trat sie heran, schlug auf Ping-örl ein und verlangte, daß sie Bau Örls Frau weiterprügelte. Doch Ping-örl stürzte in ihrer Verzweiflung aus dem Zimmer und suchte nach einem Messer, um sich das Leben zu nehmen. Aber sofort fielen ihr die Sklavenfrauen und ‑mädchen in den Arm und redeten ihr gut zu. Als Hsi-fëng hörte, Ping-örl wolle sich umbringen, rannte sie mit dem Kopf gegen Djia Liäns Brust und schrie: „Wart ihr nicht darauf aus, mich umzubringen? Und jetzt, wo ich davon weiß, wollt ihr mir Angst machen. Komm, erwürg mich doch!“ Hitzig riß Djia Liän sein Schwert von der Wand und rief: „Keine von euch muß sich selber töten! Ich habe so eine Wut im Bauch, daß ich euch alle miteinander umbringen könnte und gern mit meinem Kopf dafür zahle! Dann ist endlich reiner Tisch!“ Während der Streit noch in vollem Gange war, trat plötzlich Frau You mit einer Schar von Begleiterinnen ins Zimmer und fragte: „Was soll denn das heißen? Eben noch war alles gut, und plötzlich ist so ein Zank?“ Als Djia Liän die vielen Leute sah, gab ihm der Wein den Gedanken ein, er müsse zeigen, was für ein Kerl er sei, und so machte er Anstalten, Hsi-fëng wirklich umzubringen. Hsi-fëng aber gebärdete sich angesichts der Zuschauer nicht mehr so rasend wie zuvor. Sie ließ die anderen stehen und eilte weinend zur Herzoginmutter hinüber, wo das Theaterstück bereits zu Ende war. Sie warf sich der Herzoginmutter an die Brust und stammelte: „Rettet mich, alte Ahne! Liän will mich umbringen!“ „Was ist los?“ fragten die Herzoginmutter, Dame Hsing und Dame Wang wie aus einem Munde. Und schluchzend berichtete Hsi-fëng: „Eben bin ich nach Hause gegangen, um mir etwas anderes anzuziehen, da war unverhofft Liän im Zimmer und sprach mit jemand. Ich dachte, er habe Besuch, darum traute ich mich nicht hinein und habe am Fenster gehorcht. Da sprach er mit Bau Örls Frau darüber, wie furchtbar ich sei und daß er mich vergiften wolle, um dann Ping-örl zur Hauptfrau zu machen. Ich wurde wütend, aber weil ich nicht wagte, mit ihm zu streiten, habe ich Ping-örl geschlagen. Und als ich fragte, warum sie mich umbringen wollten, brauste er auf und wollte mich totschlagen.“ „Hör sich das einer an!“ sagte die Herzoginmutter, die ihr jedes Wort glaubte. „Bringt diesen nichtswürdigen Kerl rasch her zu mir!“ Sie hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als Djia Liän bereits mit dem Schwert in der Hand hereinstürzte, eine ganze Menschentraube auf seinen Fersen. Auf die Nachsicht vertrauend, die sie von Seiten der Herzoginmutter stets erfahren hatten, glaubte er, trotz der Anwesenheit von Mutter und Tante den wilden Mann spielen zu können. Aber zornig traten ihm Dame Hsing und Dame Wang in den Weg und schimpften: „Du dreckige Brut wirst immer unverschämter, die alte gnädige Frau ist hier!“ Mit einem schiefen Blick sagte Djia Liän: „Nur weil die alte gnädige Frau ihr alles durchgehen läßt, ist sie so geworden und wagt es, mich zu beleidigen.“ Wutentbrannt riß ihm Dame Hsing das Schwert aus der Hand und herrschte ihn an: „Raus mit dir!“ Aber Djia Liän spielte sich weiter auf und geiferte Unsinn. Aufgebracht sagte da die Herzoginmutter: „Wenn wir in deinen Augen nichts gelten, werde ich nach deinem Vater schicken!“ Als Djia Liän das hörte, ging er endlich schwankenden Schrittes hinaus, aber wütend, wie er war, kehrte er nicht in seine Wohnräume zurück, sondern ging in sein äußeres Bibliothekszimmer. Hier redeten inzwischen Dame Hsing und Dame Wang auf Hsi-fëng ein, die Herzoginmutter aber sagte lächelnd: „Was soll an der Sache denn so schwerwiegend sein! Kinder sind nun einmal Leckermäuler, solange sie jung sind. Da läßt sich so etwas schwerlich vermeiden. So benehmen sich alle Sterblichen von klein auf. Schuld bin nur ich allein. Sie hat zu viel Wein trinken müssen, da ist ihr der Essig hochgekommen!“ Alle lachten darüber, die Herzoginmutter aber fuhr fort: „Sei unbesorgt! Morgen muß er sich bei dir entschuldigen, das sage ich ihm. Du aber darfst heute nicht hinübergehen, damit er nicht noch gereizt wird!“ Anschließend schimpfte sie über Ping-örl: „Von diesem Spitzbein habe ich immer geglaubt, sie sei ein guter Mensch. Wie ist es möglich, daß sie insgeheim zu so einer Bosheit fähig war?!“ Lächelnd erklärten ihr Frau You und die anderen: „Ping-örl trifft keine Schuld. An ihr hat Hsi-fëng nur ihre Wut ausgelassen. Und weil Ehegatten einander nicht gut schlagen können, haben sich beide an Ping-örl abreagiert. Die Ärmste hat schon genug gelitten, und jetzt müßt Ihr auch noch auf sie schimpfen, alte gnädige Frau!“ „So war das also!“ sagte die Herzoginmutter. „Ich wußte es doch, daß sie keine von diesen Füchsinnen und Giftmischerinnen ist. Sie tut mir jetzt richtig leid, weil die beiden ohne jeden Grund ihre Wut an ihr ausgelassen haben.“ Dann ließ sie Hu-po nähertreten und ordnete an: „Du gehst hinüber und sagst Ping-örl in meinem Namen, ich wisse, daß ihr Unrecht geschehen sei, und würde Hsi-fëng morgen befehlen, sie um Verzeihung zu bitten. Heute aber sei der Ehrentag ihrer Herrin, darum dürfe sie ihr keine Szene machen.“ Ping-örl war indessen von Li Wan und den anderen in den Garten des Großen Anblicks geführt worden, konnte sich aber vor Schluchzen immer noch kaum beruhigen. Bau-tschai redete auf sie ein: „Du bist doch ein verständiger Mensch und weißt, wie gut Hsi-fëng stets zu dir ist. Heute hatte sie einen Schluck zuviel getrunken, und an wem hätte sie ihre Wut auslassen sollen, wenn nicht an dir? Sollte sie sich sagen lassen, sie sei betrunken, und sich damit dem Gespött preisgeben? Also nimm die Kränkung nur hin! Würden sonst nicht die Vorzüge, die man an dir kennt, als bloße Täuschung erscheinen?“ Während sie das eben sagte, kam Hu-po und überbrachte, was die Herzoginmutter ihr aufgetragen hatte. Als Ping-örl feststellte, daß doch einiger Glanz auf sie fiel, beruhigte sie sich allmählich, ging aber nicht wieder hinüber. Bau-tschai und die anderen Mädchen begaben sich wieder zur Herzoginmutter und zu Hsi-fëng, nachdem sie sich ausgeruht hatten, Bau-yü aber nahm Ping-örl mit zu sich in den Hof der Freude am Roten, wo Hsi-jën ihr sogleich zur Begrüßung entgegenkam und lächelnd sagte: „Ich hatte dich auch schon herbitten wollen, aber weil die junge Herrin und die Fräulein dich zu sich gebeten hatten, konnte ich das schlecht tun.“ „Danke!“ sagte Ping-örl lächelnd, dann fuhr sie fort: „Alles war gut und schön, und plötzlich mußte ich ohne jeden Grund diesen Wutausbruch über mich ergehen lassen!“ „Die junge Herrin ist immer gut zu dir“, erklärte Hsi-jën lächelnd, „das war nur eine plötzliche Aufwallung bei ihr.“ „Gegen die junge Herrin will ich nichts sagen“, versicherte Ping-örl, „das hat mir nur dieses Hurenweib eingebrockt, das sich ausgerechnet über mich lustig machen mußte. Und dann mußte unser Dummkopf von jungem Herrn mich noch schlagen!“ Wieder stieg die Erinnerung an die erlittene Kränkung in ihr auf, und sie konnte es nicht verhindern, daß ihr erneut die Tränen herabliefen. „Sei nicht betrübt, Schwester!“ redete Bau-yü ihr rasch zu. „Ich bitte dich anstelle der beiden um Verzeihung!“ „Was hast du damit zu tun?“ fragte Ping-örl lächelnd. „Vetter und Kusinen sind einer so gut wie der andere, darum muß auch ich um Verzeihung bitten, wenn sie jemand beleidigt haben“, erläuterte Bau-yü lächelnd. Dann fuhr er fort: „Schade um dein schönes neues Gewand, ganz naß ist es geworden. Aber Schwester Hua hat genug anzuziehen hier. Willst du dich nicht umziehen, und wir lassen dein Gewand mit Branntwein besprühen und überbügeln? Du müßtest dir auch die Frisur richten und das Gesicht waschen.“ Und schon befahl er den kleineren Sklavenmädchen, sie sollten Waschwasser schöpfen und das Bügeleisen heiß machen. Ping-örl hatte immer nur gehört, Bau-yü wisse mit Mädchen gut umzugehen, und Bau-yü hatte sich Ping-örl nie zu nähern gewagt, weil er wußte, daß sie Djia Liäns Lieblingskonkubine und zugleich Hsi-fëngs Vertraute war. Aber er hatte es stets bedauert, den Wünschen seines Herzens nicht folgen zu können. Als Ping-örl jetzt sah, wie er sich verhielt, erwog sie still bei sich: „Es ist wirklich wahr, was man sich erzählt. Wie umsichtig er doch ist!“ Als nun Hsi-jën extra ihre Truhe öffnete und ein paar wenig getragene Kleidungsstücke herausholte, die sie ihr gab, beeilte sich Ping-örl, das Obergewand abzulegen, und wusch sich rasch das Gesicht. Lächelnd redete Bau-yü ihr zu: „Du solltest dich auch ein wenig schminken und pudern, damit Hsi-fëng nicht denkt, du seist ihr böse, noch dazu an ihrem Ehrentag, zumal auch die alte gnädige Frau schon jemand geschickt hat, um dir ihr Mitgefühl zu bekunden.“ Ping-örl fand, daß er recht hatte, und sah sich nach weißer Schminke um, konnte aber keine entdecken. Da trat Bau-yü zu ihr an den Toilettentisch und nahm den Deckel von einem Döschen aus Hsüan-dë-Porzellan . Darin lagen in einer Reihe an die zehn kleine Stäbchen, die aussahen wie die keulenförmigen Blüten der Funkie. Eines davon nahm er heraus und reichte es Ping-örl, wobei er lächelnd sagte: „Das ist nicht aus Bleiweiß gemacht, sondern aus zerriebenen Samenkörnern der Wunderblume und aus Duftstoffen.“ Ping-örl nahm das Stäbchen in die Hand und stellte fest, daß es wirklich ganz leicht war, rot-weiß und duftend – in jeder Weise allerliebst. Und als sie die Masse im Gesicht verrieb, verteilte sie sich gut und machte die Haut geschmeidig, nicht so wie die übliche Schminke, die zäh und schwärzlich war. Dann sah sie, daß auch das Rouge nicht auf Papierblättchen klebte, sondern in ein winziges Döschen aus weißem Jade gefüllt war und eher aussah wie Rosenmus. Bau-yü erläuterte ihr: „Das Rouge, das man auf dem Markt zu kaufen bekommt, ist nicht rein, und die Farbe ist blaß. Hierfür aber wird aus den besten Wunderblüten der Saft ausgepreßt, dann wird die Masse geläutert, mit Blütenessenz versetzt und anschließend gedämpft. Du brauchst nur ein ganz kleines bißchen davon mit einem spitzen Haarpfeil herauszunehmen und mit einem Tropfen Wasser auf dem Handteller zu verreiben, dann kannst du dir die Lippen damit färben, und was auf der Hand noch übrigbleibt, reicht für die Wangen.“ Ping-örl schminkte sich so, wie es Bau-yü gesagt hatte, und fand, daß dieses Rouge in der Tat außerordentlich intensiv war und ihren Wangen einen süßen Duft verlieh. Bau-yü schnitt noch mit der Bambusschere einen Stiel mit zwei Blüten von einer Topforchidee ab, die eben blühte, und steckte ihn Ping-örl ins Schläfenhaar, als auch schon ein Sklavenmädchen erschien, um Ping-örl im Auftrag von Li Wan zu holen. Bau-yü hatte, wie gesagt, noch nie eine Gelegenheit gehabt, Ping-örl gegenüber seinen Wünschen nachzugeben, und er hatte das um so mehr bedauert, als Ping-örl ein höchst intelligentes und zugleich außerordentlich schönes Wesen war, mit dem sich die anderen dummen Dinger nicht messen konnten. Heute, an Djin-tschuans Geburtstag, war Bau-yü den ganzen Tag über traurig gewesen, dann aber war es zu diesem Zwischenfall gekommen, der es ihm ermöglicht hatte, ein wenig von dem zu tun, was er sich wünschte, und das bedeutete ihm eine Freude, wie er sie sich für dieses Leben nicht zu erhoffen gewagt hatte. Froh und zufrieden streckte er sich auf seinem Bett aus, doch kam ihm der Gedanke, daß es für Djia Liän kein anderes Vergnügen gab als fleischliche Lust und daß er von zarter Fürsorge nichts wußte. Er mußte auch daran denken, daß Ping-örl mutterseelenallein dastand, ohne Eltern und ohne Geschwister, und daß sie nichts anderes kannte, als Djia Liän und Hsi-fëng zu bedienen, von denen er so vulgär war wie sie herrschsüchtig. Und dafür, daß Ping-örl dennoch so umsichtig war und sich in alles zu schicken wußte, war ihr heute so übel mitgespielt worden. Offensichtlich war ihr ein Los bestimmt, das noch härter war als das von Dai-yü. Dieser Gedanke machte Bau-yü so traurig, daß er unversehens zu weinen begann, und da weder Hsi-jën noch sonst jemand im Zimmer war, konnte er sich seinem Schmerz ungestört hingeben. Als er wieder aufstand, sah er, daß der Branntwein, den eines der Sklavenmädchen auf Ping-örls Gewand gesprüht hatte, schon beinahe verflo-
Aus: Jinyuyuan 1889b. en war, darum griff er nach dem Bügeleisen, bügelte das Gewand glatt und legte es zusammen. Dann entdeckte er, daß Ping-örl ihr Taschentuch vergessen hatte und daß es noch naß von ihren Tränen war. Da wusch er es in der Waschschüssel durch und hängte es zum Trocknen auf. Nachdem er sich noch ein Weilchen abwechselnd der Freude und dem Kummer hingegeben hatte, ging er ebenfalls ins Reisduftdorf hinüber, wo er eine Zeitlang mit den anderen plauderte, bis alle sich trennten, als es Zeit geworden war, die Lampen anzuzünden. Ping-örl verbrachte die Nacht bei Li Wan, Hsi-fëng aber blieb bei der Herzoginmutter. So fühlte sich Djia Liän, der zur Nacht in die Wohnräume zurückkehrte, einsam und verlassen, und da er nicht gut nach jemandem schicken konnte, verbrachte er die Nacht mehr schlecht als recht. Als er am nächsten Morgen aufwachte, kam ihm die Geschichte vom Vortag sehr sinnlos vor, und er bedauerte, was er getan hatte. Dame Hsing hatte nicht vergessen, wie sich Djia Liän in seiner Trunkenheit aufgeführt hatte, darum kam sie schon in aller Frühe zu ihm herüber und befahl ihm, zur Herzoginmutter mitzukommen. So blieb Djia Liän nichts weiter übrig, als ihr reumütig zu folgen und vor der Herzoginmutter niederzuknien. „Was ist?“ fragte ihn die Herzoginmutter. Rasch setzte Djia Liän ein Lächeln auf und erwiderte: „Gestern war ich betrunken und habe Euch erschreckt, alte gnädige Frau. Jetzt komme ich, um meine Strafe zu empfangen.“ „Pfui, du verkommenes Subjekt!“ sagte die Herzoginmutter und spuckte aus. „Läßt dich mit der gelben Brühe vollaufen, und anstatt deine Knochen still und bescheiden irgendwo hinzulegen und den Rausch auszuschlafen, fängst du an, deine Frau zu verprügeln. Hsi-fëng, die sonst stets so stolze Reden führt und sich nicht anders beträgt als ein Hegemon, war gestern geradezu zum Erbarmen in ihrer Furcht vor dir.iner Trunkenheit aufgeführt hatte, darum kam sie schon in aller Frühe zu ihm herüber und befahl ihm, zur Herzoginmutter mitzukommen. So blieb Djia Liän nichts weiter übrig, als ihr reumütig zu folgen und vor der Herzoginmutter niederzuknien. „Was ist?“ fragte ihn die Herzoginmutter. Rasch setzte Djia Liän ein Lächeln auf und erwiderte: „Gestern war ich betrunken und habe Euch erschreckt, alte gnädige Frau. Jetzt komme ich, um meine Strafe zu empfangen.“ „Pfui, du verkommenes Subjekt!“ sagte die Herzoginmutter und spuckte aus. „Läßt dich mit der gelben Brühe vollaufen, und anstatt deine Knochen still und bescheiden irgendwo hinzulegen und den Rausch auszuschlafen, fängst du an, deine Frau zu verprügeln. Hsi-fëng, die sonst stets so stolze Reden führt und sich nicht anders beträgt als ein Hegemon, war gestern geradezu zum Erbarmen in ihrer Furcht vor dir. Was würdest du machen, wenn ich nicht gewesen wäre und du sie umgebracht hättest?“ Djia Liän steckte die Schmähungen ein, ohne sich zu verteidigen, und nahm alle Schuld auf sich. „Sind denn nicht Hsi-fëng und Ping-örl zwei schöne Menschenkinder?“ fuhr die Herzoginmutter fort. „Aber dir sind sie nicht genug, du bist nur ständig darauf aus, alles zu ergattern, was dir unter die Finger kommt, und schleppst jeden Dreck mit ins Haus. Und wegen solcher Schlampen schlägst du dann Frau und Nebenfrau. Da stammst du aus guter Famile und bringst dich so in Schande. Wenn du noch Achtung vor mir hast, dann steh auf, und ich werde dir verzeihen. Aber du mußt dich brav bei deiner Frau entschuldigen und sie nach Hause bringen. Dann mag ich dich wieder. Sonst aber geh fort und knie nicht auch noch vor mir nieder!“ Als Djia Liän das hörte und sah, wie Hsi-fëng dastand – ohne den üblichen Schmuck, die Augen vom Weinen geschwollen, das ungeschminkte Gesicht blaß und fahl, da erschien sie ihm noch liebenswerter als sonst, und er sagte sich: „Das beste ist, ich entschuldige mich, dann können wir uns wieder vertragen, und die alte gnädige Frau freut sich auch!“ Nachdem er diesen Gedanken zu Ende gebracht hatte, sagte er lächelnd: „Ich wage es nicht, Euren Worten nicht Folge zu leisten, alte gnädige Frau. Hsi-fëng aber wird auf diese Weise nur noch selbstherrlicher werden.“ „Unsinn!“ sagte die Herzoginmutter, ebenfalls lächelnd. „Ich weiß, daß sie sich streng an die Anstandsregeln hält, und sie wird auch niemand mehr kränken. Falls sie sich irgendwann einmal an dir versündigen sollte, werde ich genauso Recht sprechen und dich dafür sorgen lassen, daß sie sich dir unterwirft, und damit hat sich der Fall.“ Nach diesen Worten rappelte Djia Liän sich auf, hob die zusammengelegten Hände in die Höhe und verbeugte sich vor Hsi-fëng. Dazu sagte er lächelnd: „Es war mein Fehler. Bitte verzeih!“ Alle Anwesenden lächelten wieder, und die Herzoginmutter sagte: „Jetzt darfst du ihm nicht mehr böse sein, Hsi-fëng! Wenn du ihm noch weiter böse bist, werde ich böse!“ Dann ließ sie Ping-örl holen und befahl Hsi-fëng und Djia Liän, sich mit ihr zu versöhnen. Beim Anblick von Ping-örl gab es für Djia Liän erst recht kein Bedenken mehr, heißt es doch „Besser als die Frau ist die Nebenfrau, am allerbesten jedoch eine Fremde.“ Auf Geheiß der Herzoginmutter trat er zu Ping-örl heran und sagte: „Daß du gestern gekränkt wurdest, war meine Schuld, auch die Herrin hat sich nur meinetwegen an dir vergangen. Nicht nur für mich bitte ich dich um Verzeihung, sondern auch für sie.“ Damit verbeugte er sich auch vor ihr mit zusammengelegten Händen, was bei der Herzoginmutter ein neuerliches Lächeln bewirkte. Auch Hsi-fëng lächelte dazu, und nun befahl ihr die Herzoginmutter, sich ebenfalls wieder mit Ping-örl zu vertragen. Aber schon war Ping-örl nähergetreten, machte einen Stirnaufschlag vor Hsi-fëng und sagte: „An Eurem Geburtstag habe ich Euren Zorn erregt. Ich habe den Tod verdient!“ Hsi-fëng, die es bereute, daß sie am Tag zuvor nach dem reichlichen Weingenuß ungeachtet ihrer eigentlichen Gefühle für Ping-örl auf eine Fremde gehört und Ping-örl dermaßen geschmäht hatte, war jetzt beschämt und traurig zugleich. Rasch half sie Ping-örl wieder auf die Beine und begann dabei zu weinen. Ping-örl aber sagte: „In all den Jahren, die ich Euch diene, hattet Ihr mich kein einziges Mal auch nur mit dem Fingernagel angetippt, Herrin. Auch wegen der gestrigen Schläge grolle ich Euch nicht, an allem war nur dieses Hurenweib schuld. Man kann es Euch nicht verübeln, daß Ihr aufgeregt wart.“ Bei diesen Worten begann sie ebenfalls zu weinen. Nun befahl die Herzoginmutter: „Bringt die drei nach Hause, und wenn jemand noch einmal von dieser Geschichte spricht, wird er mir sofort gemeldet und bekommt eine Tracht mit meinem Krückstock, ganz egal, wer es ist!“ Die drei machten noch einmal einen Stirnaufschlag vor der Herzoginmutter, Dame Hsing und Dame Wang, dann begleiteten die alten Ammen sie in ihre Räume hinüber. Kaum waren sie dort allein, legte Hsi-fëng los: „Was bin ich für ein Höllenweib, was für eine Teufelsbrut? Diese Hure wünscht mir den Tod an den Hals, und du machst fleißig mit. Mag ich auch tausendmal nicht gut gewesen sein, einmal wenigstens war ich es. Jetzt aber soll ich nicht einmal so einer Hure gleichkommen. Wie könnte ich mit dieser Schande weiterleben?“ Und wieder begann sie zu weinen. „Hast du immer noch nicht genug?“ fragte Djia Liän. „Überleg einmal, wer die größere Schuld trägt für gestern! Und doch war ich es, der heute vor aller Augen auf die Knie gefallen ist und um Verzeihung gebeten hat. Dadurch hast du gerade genug Glanz gewonnen. Willst du vielleicht, daß ich auch noch vor dir niederknie, ehe du endlich Ruhe gibst, oder was soll dein Gezeter? Es ist nicht gut, wenn man gar zu hoch hinaus will!“ Hsi-fëng war sprachlos über diese Erwiderung, Ping-örl aber prustete lachend heraus, und so sagte Djia Liän lächelnd: „Ist es nun wieder gut? Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich noch machen soll.“ Bei diesen Worten trat eine Sklavenfrau ein, um zu melden: „Bau Örls Frau hat sich erhängt.“ Djia Liän und Hsi-fëng fuhren vor Schreck zusammen, aber sofort hatte sich Hsi-fëng wieder in der Gewalt und schnauzte: „Na und? Was ist schon weiter dabei?“ Wenig später kam auch Lin Dschï-hsiaus Frau herein und berichtete Hsi-fëng leise: „Bau Örls Frau hat sich das Leben genommen. Ihre Familie will die Sache anzeigen.“ „Das trifft sich ja bestens“, sagte Hsi-fëng lächelnd. „Nach Prozessieren ist mir eben zumute.“ „Wir haben gerade mit den Leuten gesprochen“, fuhr Lin Dschï-hsiaus Frau fort. „Erst haben wir ihnen ein wenig Angst gemacht, dann haben wir ihnen Geld versprochen, da haben sie eingelenkt.“ „Ich habe keine einzige Münze“, erklärte Hsi-fëng. „Und auch wenn ich Geld hätte, würde ich es nicht hergeben. Laß sie nur Anzeige erstatten! Du sollst ihnen weder abraten noch Druck auf sie ausüben. Sollen sie mich nur anzeigen! Und wenn sie mit ihrem Prozeß nicht durchkommen, verklage ich sie wegen versuchter Erpressung!“ Lin Dschï-hsiaus Frau wußte sich nicht mehr zu helfen, aber da sah sie, wie Djia Liän ihr mit den Augen ein Zeichen machte. Sie verstand, ging hinaus und wartete draußen. Inzwischen sagte Djia Liän: „Ich gehe nachsehen, was da los ist.“ „Aber du darfst ihnen kein Geld geben!“ warnte Hsi-fëng. Djia Liän begab sich geradewegs zu Lin Dschï-hsiau, um sich mit ihm zu beraten. Dann schickte er jemanden hinaus, der sich durch List und Drohungen mit den Leuten auf zweihundert Liang Silber für die Begräbniskosten einigte. Und weil Djia Liän fürchtete, die Leute könnten es sich wieder anders überlegen, schickte er noch jemanden zu Wang Dsï-tëng, damit dieser dafür sorgte, daß ein paar Amtsdiener und Leichenbeschauer bei der Bestattung behilflich waren. Als die Angehörigen von Bau Örls Frau das sahen, wagten sie nicht mehr zu debattieren, obwohl sie es gern getan hätten, und hielten statt dessen den Mund. Außerdem erteilte Djia Liän dann Lin Dschï-hsiau den Befehl, die zweihundert Liang Silber in der laufenden Haushaltsrechnung unter verschiedenen kleinen Vorwänden abzubuchen, Bau Örl aber steckte er ein paar Liang von seinem privaten Silber zu und versprach ihm: „Ich werde eine andere gute Frau für dich suchen!“ Dermaßen beschenkt und geehrt, sah Bau Örl keinen Grund, sich zu sträuben, und war Djia Liän auch in Zukunft gefällig. Aber davon soll jetzt nicht die Rede sein. Derweilen war Hsi-fëng zwar innerlich unruhig, aber äußerlich gab sie sich den Anschein, als ob die Sache sie gar nicht kümmerte. Da weiter niemand im Zimmer war, faßte sie Ping-örl bei der Hand und sagte lächelnd: „Ich war gestern stockbetrunken, du mußt mir nicht böse sein! Wohin habe ich dich geschlagen? Laß mich mal sehen!“ „So schlimm war es gar nicht“, versicherte Ping-örl, da wurde draußen gemeldet: „Die junge gnädige Frau und die Fräulein sind da!“ Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.