Hongloumeng/de/Chapter 45

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Kapitel 45

金兰契互剖金兰语

风雨夕闷制风雨词

Hsi-fëng war also eben dabei, Ping-örl zu trösten, als plötzlich die Mädchen hereinkamen. Rasch bat Hsi-fëng sie, Platz zu nehmen, und Ping-örl goß ihnen Tee ein. „Ihr kommt alle auf einmal, so daß es aussieht, als hätte ich Einladungen verschickt“, scherzte Hsi-fëng. „Es geht um zweierlei“, erklärte ihr Tan-tschun lächelnd. „Das eine war meine Idee, das andere betrifft Hsi-tschun. Und eine Anordnung der alten gnädigen Frau spielt auch noch mit hinein.“ „Und was sind das für schwerwiegende Dinge, um die es sich handelt?“ erkundigte Hsi-fëng sich lächelnd. „Wir hatten einen Dichterbund gegründet“, gab Tan-tschun Auskunft, „aber schon bei unserm ersten Treffen waren wir nicht vollzählig. Diese Unordnung kommt nur zustande, weil wir alle zu weich sind. Darum habe ich mir gedacht, das läßt sich nur ändern, indem wir dich zu unserem Zensor machen, damit du eisern und unparteiisch entscheidest. Das andere ist, daß Hsi-tschun die Sachen nicht beisammen hat, die sie braucht, um das Gartenbild zu malen. Wir haben der alten gnädigen Frau darüber berichtet, und sie hat gesagt, hinten im Untergeschoß müßte noch liegen, was damals übriggeblieben ist. Du solltest nachsehen und uns geben, was da ist, den Rest aber kaufen lassen.“ „Aber ich kann weder dichten noch klempnern“, wandte Hsi-fëng lächelnd ein. „Wollt ihr mich also zu euren Essen einladen?“ „Dichten sollst du auch nicht“, sagte Tan-tschun. „Es reicht, wenn du darüber wachst, wer von uns faul und träge ist, und sagst, wie er bestraft werden soll.“ „Ihr wollt mich doch an der Nase herumführen!“ erklärte Hsi-fëng lächelnd. „Ich weiß schon, worum es euch geht. Nicht zu eurem Zensor wollt ihr mich machen, sondern zu eurem Geldgeber. Was für einen Bund ihr auch immer haben mögt, ihr müßt reihum den Wirt spielen, und dafür reichen eure Monatsgelder nicht, deshalb habt ihr euch diesen Plan ausgeheckt, um das Geld von mir zu verlangen. Das war es doch, was ihr wollt, nicht wahr?“ Alle lachten über diese Worte, und Li Wan versicherte lächelnd: „Also wirklich, du bist ein Glasmensch mit Eingeweiden aus Kristall! Wie könntest du sonst so scharfsichtig sein!“ „Und du bist mir eine feine ältere Schwägerin“ gab Hsi-fëng lächelnd zurück. „Du sollst mit den Mädchen zusammen lesen und ihnen Anstand und Nadelarbeiten beibringen, und wenn sie sich nicht korrekt verhalten, sollst du ihnen ins Gewissen reden. Wieviel Geld können sie schon brauchen, wenn sie jetzt diesen Bund gegründet haben? Aber das kümmert dich nicht. Abgesehen von der alten gnädigen Frau und den gnädigen Frauen, die als Beamtengattinnen geehrt werden, hast du mit deinem Monatsgeld von zehn Liang doppelt soviel wie die andern, aber die alte gnädige Frau und die gnädigen Frauen meinen noch, du seist eine arme Witwe ohne eigenen Hausstand und könntest mit dem Geld nicht auskommen, darum gibt man dir um deines Sohnes willen noch einmal volle zehn Liang, so daß du auf einer Stufe mit der alten gnädigen Frau und den gnädigen Frauen stehst. Dazu hat man dir noch Gartenland zugeteilt, für das du Pachtzins kassierst, und bei der Verteilung der Jahreszuwendungen wirst du in der allerhöchsten Kategorie bedacht. Aber mit deinem Sohn und mit allen Sklavinnen zusammen seid ihr keine zehn Personen, und Essen wie Kleidung bekommt ihr nach wie vor aus der gemeinsamen Kasse. So mußt du alles in allem deine vier-, fünfhundert Liang Silber im Jahr haben. Kannst du davon nicht ein-, zweihundert pro Jahr für ihre Vergnügungen beisteuern? Wieviel Jahre wird das schon dauern? Verlangt man denn von dir, daß du ihre Aussteuer bezahlst, wenn sie einmal heiraten? Weil du kein Geld ausgeben möchtest, hast du sie jetzt angestiftet, mich deswegen zu löchern. Aber das wäre mir neu, daß ich mich gern kahlfressen lasse!“ „Also hört euch das an!“ sagte Li Wan lächelnd. „Ich sage ihr einen Satz, und gleich redet sie irre und überschüttet mich mit zwei Wagenladungen Gassenjargon. Und alles, was sie sagt, hat sie kleinlich berechnet. In einer bekannten Familie von Gelehrten und Beamten ist sie als gnädiges Fräulein geboren, in genau so eine Familie hat sie hineingeheiratet, und trotzdem ist sie noch so. Wer weiß, was sie alles von sich geben würde, wenn sie als Sohn einer armen Familie zur Welt gekommen wäre! – Über alle Leute stellst du deine Berechnungen an. Gestern hast du sogar Ping-örl geschlagen, nur weil du es dir bei ihr erlauben kannst und weil du dir deinen Hundebauch mit gelber Brühe gefüllt hattest. Ich war so wütend darüber, daß ich Ping-örl am liebsten gerächt hätte. Daran hatte ich ernsthaft gedacht, und nur weil es Hündchens Geburtstag war und weil ich Angst hatte, die alte gnädige Frau könnte sich darüber ärgern, habe ich darauf verzichtet. Noch ist meine Wut nicht gestillt, und schon legst du dich mit mir an. Du bist es nicht wert, Ping-örl auch nur die Schuhe zu reichen. Von Rechts wegen müßtet ihr beide die Plätze tauschen!“ Alles lachte darüber, Hsi-fëng aber sagte lächelnd: „Also seid ihr weder eures Dichterbundes wegen gekommen noch wegen des Gartenbildes! Nur weil du für Ping-örl Rache nehmen willst, kommst du mit so einem Gesicht hier an. Hätte ich gewußt, daß Ping-örl ausgerechnet von dir Rückendeckung erhält, dann hätte ich sie nicht geschlagen, selbst wenn mir ein Teufel die Hand geführt hätte. – Komm her, Ping-örl! Ich will mich vor der jungen Herrin und den Fräulein bei dir entschuldigen. Verzeih mir, daß ich im Rausch keine Tugend mehr hatte!“ Wieder fingen alle zu lachen an, Li Wan aber fragte Ping-örl: „Na? Habe ich dir nicht gesagt, ich würde erst Ruhe geben, wenn ich mich für dich eingesetzt habe?“ „Trotzdem“, sagte Ping-örl lächelnd, „ich vertrage es nicht, wenn die jungen Herrinnen mich zum besten haben.“ „Was ist da nicht zu vertragen?“ fragte Li Wan. „Du hast doch mich. Aber jetzt hol schnell die Schlüssel und laß deine Herrin das Hintergebäude aufschließen und unsere Sachen heraussuchen!“ „Beste Schwägerin, geh doch mit den Mädchen in den Garten zurück!“ bat Hsi-fëng lächelnd. „Ich muß erst hier die Getreiderechnungen addieren. Dann hat die ältere gnädige Frau nach mir geschickt, und ich weiß nicht, was sie von mir will. Also muß ich zu ihr hinübergehen. Außerdem sind auch die Kleider, die ihr zu Neujahr bekommen sollt, noch nicht in Auftrag gegeben.“ „Das alles ist mir ganz egal“, entgegnete Li Wan lächelnd. „Erledige nur erst meine Sachen, damit ich schlafen gehen kann und die Mädchen mir nicht böse sind.“ „Gönn mir doch ein kleines bißchen Ruhe, beste Schwägerin!“ bat Hsi-fëng rasch. „Sonst hattest du mich immer so gern, jetzt aber magst du mich wegen der Sache mit Ping-örl nicht mehr. Du warst es doch, die mir stets zugeredet hat: ‚Auch wenn viel zu tun ist, muß man auf seine Gesundheit achten und sich Pausen gönnen, um auszuruhen.‘ Heute aber willst du mich umbringen. Außerdem würde es ja nichts ausmachen, wenn die Neujahrskleider für andere nicht rechtzeitig fertig würden, aber für die Kleider der Mädchen trägst du die Verantwortung. Würde die alte gnädige Frau dir nicht vorwerfen, du hättest dich nicht einmal um so eine Kleinigkeit gekümmert und auch nicht einen Ton dazu gesagt? Ich dagegen würde eher den Fehler auf mich nehmen, als dich in die Sache hineinzuziehen.“ „Hört euch nur an, wie sie zu reden versteht!“ sagte Li Wan lächelnd. „Dir werde ich helfen, du Rednerin... Aber ich frage dich: Wirst du dich nun um den Dichterbund kümmern oder nicht?“ „Was für eine Frage!“ erwiderte Hsi-fëng lächelnd. „Würde ich nicht wie ein Verbrecher vor dem Garten des Großen Anblicks dastehen, wenn ich nicht eintreten und einiges Geld spendieren würde? Könnte ich dann noch in Ruhe meinen Reis hier essen? Gleich morgen früh, wenn ich den Posten antrete und das Amtssiegel in Empfang nehme, werde ich fünfzig Liang Silber hinlegen, damit der Bund für einige Zeit etwas hat, um seine Gastmähler auszurichten. Da ich weder Gedichte noch Prosa schreiben kann und nur ein ganz profaner Mensch bin, werdet ihr mich, wenn ihr das Geld erst habt, sowieso schon nach wenigen Tagen wieder hinauswerfen, ohne viel danach zu fragen, ob ich euer Zensor bin oder nicht.“ Alle lachten darüber, dann fuhr Hsi-fëng fort: „Nachher werde ich gleich das Hintergebäude aufschließen und all die Sachen herausbringen lassen, damit ihr sie euch ansehen könnt. Was ihr davon gebrauchen könnt, nehmt ihr euch, und wenn noch etwas fehlt, lasse ich es nach eurer Liste kaufen, und Schluß! Die Seide zum Malen schneide ich euch sofort ab. Jene Zeichnung aber ist nicht bei der gnädigen Frau, sondern drüben beim jungen Herrn Dschën. Das sage ich euch, damit ihr nicht umsonst danach fragt. Ich werde jemand schicken, der sie holt, und lasse sie dann den jungen Freunden des gnädigen Herrn übergeben, und zwar zusammen mit der Seide, die sie beizen sollen. Wie wäre das?“ Li Wan nickte lächelnd und sagte: „Danke! Wenn du das wirklich tust, ist alles in Ordnung. Dann können wir jetzt wieder gehen. – Warten wir‘s ab! Wenn sie uns die Sachen nicht bringen läßt, kommen wir wieder und löchern sie noch einmal!“ Damit setzte sie sich an die Spitze der Mädchen, die sich zum Gehen anschickten. „Das alles kann sich doch kein anderer als Bau-yü ausgedacht haben!“ bemerkte Hsi-fëng noch. Als Li Wan das hörte, wandte sie sich rasch noch einmal um und sagte lächelnd: „Ach, richtig! Bau-yü war es ja, um dessentwillen wir hergekommen waren, aber dann hatte ich das vergessen. Er war es, der unser erstes Treffen versäumt hat. Aber weil wir zu weich sind, solltest du uns sagen, wie wir ihn bestrafen können!“ Hsi-fëng dachte nach, dann sagte sie: „Es gibt nichts Besseres, als ihm zu befehlen, zur Strafe bei euch allen die Zimmer auszufegen.“ „Das ist gut!“ sagten alle und wollten nun gehen, als eben, von einem kleinen Sklavenmädchen gestützt, Amme Lai hereinkam. Sofort erhob sich Hsi-fëng und forderte sie auf: „Setz dich, Tante!“ Anschließend beglückwünschten sie alle zum freudigen Ereignis. Amme Lai nahm auf dem Rand des Ofenbetts Platz und sagte lächelnd: „Für mich ist es eine Freude, aber auch für die Herrschaften ist es eine Freude. Wie hätte es ohne die Gnade der Herrschaften diese Freude für uns gegeben?! Als gestern auch noch Tsai-ming mit Geschenken der gnädigen Frau kam, hat sich mein Enkel kniefällig vor dem Haupttor bedankt.“ „Wann wird er sein Amt antreten?“ fragte Li Wan lächelnd. „Was kümmere das mich? Das ist seine Sache“, gab Amme Lai zurück. „Als er mir neulich zu Hause seinen Respekt bezeugte, habe ich ihm keine zärtlichen Worte gegeben, sondern gesagt: ‚Junge, du darfst jetzt nicht darauf pochen, daß du Beamter bist, und darfst nicht etwa tyrannisch und eigenmächtig werden. Dreißig Jahre bist du alt und warst nur ein Sklave, doch durch die Gnade der Herrschaften hast du die Freiheit erhalten, kaum daß du aus dem Mutterleib kamst. Oben war es das Glück der Herrschaften, und unten waren es deine Eltern, weshalb du lernen und studieren konntest wie ein junger Herr, und von Sklavenfrauen und -mädchen bist du bedient worden wie ein Phönix. Groß, wie du bist, weißt du nicht einmal, wie das Wort „Sklave“ geschrieben wird, du weißt nur, wie man das Leben genießt. Du weißt auch nichts davon, wie dein Großvater und dein Vater ihr Leben lang Leid und Elend ertragen haben, ehe du werden konntest, was du bist. Aus dem Silber, das wir für dich ausgaben, seitdem dich von klein auf ein Mißgeschick nach dem andern befiel, hätte man eine Silberfigur schmieden können, die genauso groß wäre wie du. Als du zwanzig warst, konnten wir durch die Gnade der Herrschaften einen Beamtenrang für dich kaufen. Sieh dir nur an, wie viele Leute von ordentlicher Herkunft Hunger und Not leiden müssen! Also paß auf, daß du, der du von Sklaven abstammst, dir dein Glück nicht verdirbst! Nachdem es dir zehn Jahre lang gut gegangen ist, hast du es jetzt – mit wer weiß welchen Mitteln und Methoden! – über die Herrschaften erreicht, daß man dich für diesen Posten ausgewählt hat. Ein Kreis- oder Bezirksvorsteher ist zwar kein hoher Beamter, aber seine Aufgaben sind schwerwiegend genug. Wer der Vorsteher eines Bezirks ist, der ist Vater und Mutter für den ganzen Bezirk. Wenn du dich jetzt nicht zufriedengibst mit deinem Los, dem Staat nicht deine Treue und Dankbarkeit beweist und dich den Herrschaften gegenüber nicht ehrerbietig benimmst, wird der Himmel dich nicht dulden!‘“ Lächelnd sagten Li Wan und Hsi-fëng: „Du machst dir zuviel Gedanken! Wir finden ihn ganz in Ordnung. Früher war er noch manchmal hier, in den letzten Jahren hat er sich allerdings nicht mehr herbemüht, nur seine Namenskarte haben wir zu Neujahr und zu den Geburtstagen zu sehen bekommen, und das war alles. Doch als er neulich vor der alten gnädigen Frau und den gnädigen Frauen seinen Stirnaufschlag machen kam, haben wir ihn im Gehöft der alten gnädigen Frau gesehen. In seiner neuen Amtstracht sah er sehr stattlich aus, auch voller geworden ist er im Vergleich zu früher. Nachdem er jetzt diesen Posten bekommen hat, solltest du froh sein, anstatt dir Sorgen zu machen. Wenn er sich nicht richtig verhält, ist doch noch sein Vater da. Du aber freu dich an dem, was du hast, und damit basta! Wenn du Muße hast, setz dich in eine Sänfte und komm her, spiel einen Tag lang Karten mit der alten gnädigen Frau oder verplaudere einen Tag mit ihr! Wem würde es einfallen, dir deswegen Vorwürfe zu machen?! Zu Hause aber hast du Häuser und Hallen, alles achtet dich, und du lebst nicht anders als die Mutter eines verdienten Beamten, die seinetwegen Ehrungen genießt.“ Ping-örl brachte den Tee, und rasch stand Amme Lai auf, um ihn entgegenzunehmen. Lächelnd sagte sie: „Warum hast du nicht irgendeine von den Mägden damit geschickt? Das ist zuviel Ehre für mich!“ Sie trank von dem Tee und fuhr fort: „Ihr jungen Herrinnen wißt das nicht, man muß die Kinder in allem streng halten. Aber wie streng man sie auch hält, sie passen doch einen Augenblick ab und richten ein Unheil an, das den Erwachsenen Kummer bereitet. Wer Bescheid weiß, sagt, das sind Kinderstreiche, aber wer nicht Bescheid weiß, sagt, hier würden Reichtum und Macht mißbraucht, um andere zu bedrücken. Dadurch geraten dann selbst die Herrschaften mit in Verruf. Darüber ärgere ich mich so, daß ich gar nicht weiß, was ich machen soll. Wie oft muß ich seinen Vater holen lassen, damit der ihn ausschimpft, ehe er sich ein wenig bessert!“ Nun wies sie auf Bau-yü und sprach weiter: „Auch wenn du mir diese Worte übelnimmst, aber der gnädige Herr hält dich nicht sehr streng, und die alte gnädige Frau nimmt dich immer wieder in Schutz. Dabei hat auch der gnädige Herr von deinem Großvater Schläge bekommen, als er noch klein war. Wer hätte das nicht gesehen! Dabei war der gnädige Herr als Kind nicht so wie du, der du keinen Respekt vor Himmel und Erde kennst. Auch der ältere gnädige Herr war ungezogen als Kind, aber er hat nicht das ganze Haus auf den Kopf gestellt, wie du es tust, und doch hat er Tag für Tag Schläge bekommen. Und wie jähzornig erst der Großvater von deinem Vetter Dschën drüben war! Ein Wort, und er brauste auf. Dann gab es keinen Sohn mehr für ihn, er schien vielmehr einen Verbrecher zu verhören. Nach dem, was ich zu sehen und zu hören bekomme, behandelt Herr Dschën seinen Sohn nach denselben Grundsätzen, wie sie damals der verstorbene Ahnherr hatte. Nur daß er blindlings dabei vorgeht, und auf ein bißchen Selbstzucht achtet er auch nicht. Kein Wunder, daß er bei den Jüngeren keine Autorität genießt! Wenn du Verstand hast, wirst du dich freuen, daß ich dir das gesagt habe. Wenn du aber keinen Verstand hast, wird es dir zwar peinlich sein, etwas zu erwidern, innerlich aber wirst du schön auf mich fluchen.“ Als sie das eben sagte, kam Lai Das Frau herein, und kurz darauf erschienen auch die Frauen von Dschou Juee und Dschang Tsai, die Berichte zu geben hatten. „Du kommst wohl deine Schwiegermutter abholen?“ wandte sich Hsi-fëng lächelnd an Lai Das Frau. „Nein“, erwiderte diese, ebenfalls lächelnd. „Ich wollte mich erkundigen, ob Ihr und die Fräulein uns die Ehre geben werdet.“ „Richtig!“ sagte wieder Amme Lai und lächelte. „Ich bin aber auch dumm! Worum es eigentlich geht, das sage ich nicht, statt dessen breite ich hier muffige Hirse und schimmligen Sesam aus. Da der Junge den Posten bekommen hat und alle Freunde und Verwandten ihm gratulieren wollen, kommen wir nicht umhin, ein Fest für ihn zu geben. Da habe ich mir gedacht, wenn wir nur einen Tag lang feiern, können wir den einen oder den andern nicht mit einladen. Aber wenn uns – dem Glück unserer Herrschaften sei Dank – schon solche Ehre zuteil wird, dann will ich dafür gern unser ganzes Vermögen opfern. Darum habe ich zu seinem Vater gesagt, wir müssen drei Tage lang feiern. Am ersten Tag richten wir in unserem schäbigen Garten einige Weintafeln und eine Theaterbühne her, damit die alte gnädige Frau, die gnädigen Frauen und die Fräulein sich unterhalten können. Eine Bühne und Weintafeln richten wir auch draußen in der Halle her, wo uns die alten und jungen gnädigen Herren die Ehre erweisen können.Am zweiten Tag laden wir Freunde und Verwandte ein und am dritten unseresgleichen aus beiden Anwesen. Das ergibt drei Tage Glanz, die wir im Schatten des Glücks unserer Herrschaften genießen.“ „Wann soll das sein?“ fragten Li Wan und Hsi-fëng lächelnd. „Wir kommen auf jeden Fall, und sicher freut sich auch die alte gnädige Frau und kommt ebenfalls, aber wir können das nicht festlegen.“ „Wir haben den vierzehnten dafür ausgewählt“, sagte darauf Lai Das Frau und bat: „Tut nur unserer alten Mutter die Ehre!“ Lächelnd erwiderte Hsi-fëng: „Wie die anderen es halten, weiß ich nicht, aber ich komme unbedingt. Nur das eine will ich euch vorher sagen: Geschenke bringe ich nicht mit, und Belohnungen zu verteilen kommt bei mir auch nicht in Frage. Sobald ich mich satt gegessen habe, gehe ich wieder. Das ist kein Scherz.“ „Was sagt Ihr da, junge Herrin!“ erwiderte Lai Das Frau lächelnd. „Wenn Ihr nur wollt, könnt Ihr uns eine Belohnung von zwanzig- oder dreißigtausend Liang Silber gewähren. Ihr besitzt doch genug.“ „Die alte gnädige Frau habe ich vorhin schon eingeladen“, warf Amme Lai lächelnd dazwischen. „Sie hat gesagt, sie werde kommen. Ich genieße wohl doch noch einiges Ansehen mit meinem alten Gesicht.“ Dann wiederholte sie ihre Einladung noch ein paarmal und stand schon auf, um zu gehen, als ihr beim Anblick von Dschou Juees Frau plötzlich etwas einfiel, und so sagte sie: „Richtig! Da war noch etwas, was ich Euch fragen wollte, junge Herrin. Was hat sich der Sohn von Schwägerin Dschou zuschulden kommen lassen, daß Ihr ihn hinauswerfen mußtet?“ „Ach ja“, erwiderte Hsi-fëng lächelnd. „Das hatte ich schon deiner Schwiegertochter sagen wollen, aber dann vergaß ich es, weil soviel dazwischengekommen ist. – Sag zu Hause deinem Mann, der Bursche darf in keinem unserer Anwesen mehr Aufnahme finden. Er soll seiner Wege gehen.“ Während Lai Das Frau nur jawohl sagte, ließ sich Dschou Juees Frau rasch auf die Knie fallen und bat um Gnade für ihren Sohn. „Worum geht es denn?“ fragte Amme Lai. „Erzählt es mir, und ich werde richten!“ „Gestern, als ich Geburtstag hatte, war ihr Sohn schon betrunken, noch ehe wir drinnen den ersten Becher geleert hatten“, berichtete Hsi-fëng. „Und als Geschenke von meiner Mutter gebracht wurden, ist er draußen, anstatt die Botinnen zu begrüßen, einfach sitzen geblieben und hat sie beschimpft. Die Geschenke hat er auch nicht hereingetragen. Erst als die beiden Frauen schon drinnen waren, hat er sie zusammen mit ein paar Dienerknaben gebracht. Aber während die Knaben sich ordentlich aufgeführt haben, hat er die Schachtel, die er trug, fallen lassen, so daß die Dampfbrötchen, die darin waren, über den ganzen Hof gerollt sind. Als die Botinnen wieder fort waren und ich Tsai-ming zu ihm schickte, um ihn zur Rede zu stellen, hat er auch Tsai-ming beschimpft. Wenn so ein schamloses, ehrvergessenes Schildkrötenjunges nicht hinausgeworfen wird, was soll ich dann mit ihm machen?“ „So war das also!“ sagte Amme Lai lächelnd. „Und ich dachte wunder was er angestellt hätte. Hört mich an, junge Herrin! Wenn er sich vergangen hat, solltet Ihr ihn schlagen und schelten, damit er sich bessert. Aber hinauswerfen dürft Ihr ihn auf keinen Fall. Ihr könnt ihn ja nicht mit den Kindern von uns alten Familiensklaven gleichsetzen, denn seine Mutter wurde von der gnädigen Frau mit in die Ehe gebracht. Deshalb würde es kein gutes Licht auf die gnädige Frau werfen, wenn Ihr ihn einfach davonjagt. Darum meine ich, es ist das Beste, wenn Ihr ihn mit ein paar Hieben belehrt, damit er für die Zukunft gewarnt ist, und ihn doch im Hause behaltet. Wenn Ihr es nicht um seiner Mutter willen tut, tut es um der gnädigen Frau willen!“ „Also laß ihm vierzig Stockschläge geben, und in Zukunft darf er keinen Wein mehr trinken!“ wandte sich Hsi-fëng an Lai Das Frau. Lai Das Frau sagte: „Jawohl!“, und Dschou Juees Frau bedankte sich kniefällig. Erst als Lai Das Frau sie festhielt, ließ sie davon ab. Nachdem die Frauen gegangen waren, kehrte auch Li Wan mit den anderen in den Garten zurück. Am Abend ließ Hsi-fëng dann wirklich eine Vielzahl von Malutensilien heraussuchen und in den Garten bringen. Bau-tschai wählte mit den anderen zusammen aus, was davon zu gebrauchen war, aber es ergab nur die Hälfte von dem, was sie verlangt hatten. Für den Rest schrieben sie eine neue Liste und übergaben sie Hsi-fëng, die danach einkaufen ließ. Aber das muß hier nicht im einzelnen beschrieben werden. Eines Tages wurde dann der seidene Malgrund, der draußen gebeizt und mit dem Entwurf versehen worden war, hereingebracht, und nun war Bau-yü jeden Tag emsig bemüht, Hsi-tschun zur Hand zu gehen. Auch Tan-tschun, Li Wan, Ying-tschun und Bau-tschai saßen häufig bei Hsi-tschun. Zum einen, um sie malen zu sehen, zum anderen, weil es eine bequeme Gelegenheit war, einander zu treffen. Da das Wetter kühler und die Nächte länger wurden, besuchte Bau-tschai ihre Mutter, um sich mit ihr über einige Nadelarbeiten zu beraten. Am Tage ging sie zweimal zur Herzoginmutter und zu Dame Wang, um ihnen ihre Aufwartung zu machen, und da ließ es sich nicht zu vermeiden, daß sie ihnen zu Gefallen ein Weilchen sitzen blieb, um zu plaudern. Auch die Kusinen im Garten durfte sie nicht zu selten auf einen Schwatz besuchen gehen, und so hatte sie tagsüber kaum Muße. An den Abenden saß sie dann im Lampenschein bis in die dritte Nachtwache an ihren Handarbeiten, ehe sie schlafen ging. Dai-yü, die regelmäßig jedes Jahr um die Frühlings- und die Herbst-Tagundnachtgleiche an Husten litt, hatte diesmal, um der Herzoginmutter eine Freude zu machen, mehrmals an Feiern teilnehmen müssen, und die unvermeidliche Folge davon war, daß sie sich überanstrengt hatte und jetzt wieder hustete, und zwar, wie sie selber merkte, schlimmer als sonst. Darum verließ sie nicht mehr das Haus und blieb in ihren Räumen, um sich zu kurieren. Manchmal hatte sie es satt und sehnte sich nach einer ihrer Kusinen, um mit ihr zu plaudern und sich dadurch aufzuheitern, aber wenn dann Bau-tschai und die anderen sie besuchen kamen, war sie ihrer schon nach wenigen Sätzen überdrüssig. Die anderen hielten ihr zugute, daß sie leidend war und auch sonst nicht die Kraft hatte, Kränkungen hinzunehmen, darum machten sie ihr keine Vorhaltungen, wenn der Empfang zu wünschen übrig ließ und die Anstandsregeln zu kurz kamen. Eines Tages war Bau-tschai zu Besuch und kam auf Dai-yüs Krankheit zu sprechen. „Die Ärzte, die hier ein- und ausgehen, sind zwar nicht schlecht“, sagte sie, „aber die Medikamente, die sie dir verschreiben, zeitigen keine Wirkung. Deshalb sollte man einen wirklichen Fachmann herbitten, damit er dich untersucht. Wäre es nicht schön, wenn du endlich geheilt würdest? Was soll denn das, wenn du dich jedes Jahr im Frühling und im Sommer damit quälen mußt, obwohl du kein kleines Kind und keine alte Frau bist! So geht doch das nicht auf die Dauer.“ „Es hat keinen Zweck“, erwiderte Dai-yü. „Ich weiß, daß meine Krankheit nicht zu heilen ist. Das siehst du auch daran, wie es mir geht, wenn ich mich besser fühle.“ „Eben das meine ich ja“, bestätigte ihr Bau-tschai mit einem Nicken. „Bei den Alten heißt es ‚Mit Getreide erhält man sein Leben.‘ Mit dem, was du für gewöhnlich ißt, kann man Seele und Leib nicht stärken. Das ist nicht in Ordnung!“ „‚Leben und Tod liegen im Schicksal begründet, über Reichtum und Würde entscheidet der Himmel‘“ , gab Dai-yü seufzend zurück. „Mit menschlicher Kraft kann man nichts erzwingen. Mir ist auch so, als ob es mir diesmal schlechter ginge als in früheren Jahren.“ Während sie das sagte, hatte sie ein paarmal husten müssen. „Gestern habe ich dein Rezept gesehen und hatte den Eindruck, es sei zuviel Ginseng und Kassiarinde dabei“, fuhr Bau-tschai wieder fort. „Dadurch werden zwar Körper und Geist belebt und erfrischt, aber ungünstig ist, daß diese Mittel zu ‚heiß‘ sind. Meiner Meinung nach ist es das Wichtigste, erst einmal die Leber zu beruhigen und den Magen zu stärken. Sobald das Feuer der Leber gelöscht ist, kann es das Erdelement nicht mehr überwinden, und wenn der Magen gesund ist, wird der Körper durch Essen und Trinken gekräftigt. Du mußt dir jeden Morgen nach dem Aufstehen in einem silbernen Tiegel eine Suppe aus einem Liang besten Schwalbennestern und fünf Tjiän Kandiszucker kochen lassen. Wenn du die regelmäßig zu dir nimmst, ist das besser als jede Medizin. Sie kräftigt ungemein das yin-Element und stärkt die Lebenskraft.“ „Du bist immer so gut zu einem, aber ich bin so mißtrauisch, daß ich dachte, du hättest Böses im Sinn“, gestand Dai-yü. „Als du mir neulich sagtest, es sei nicht gut, unorthodoxe Bücher zu lesen, und mir so gut zugeredet hast, war ich innerlich tief bewegt. Bis dahin hatte ich stets eine falsche Vorstellung von dir. Fünfzehn Jahre bin ich alt, und wenn ich es recht überlege, hat mir in der ganzen Zeit, seitdem meine Mutter tot ist und ich ohne Schwestern und Brüder lebe, niemand solche Belehrungen zukommen lassen wie du. Kein Wunder, daß Hsiang-yün große Stücke auf dich hält. Früher habe ich mich geärgert, wenn sie dich lobte, und verstehen kann ich sie erst, seit ich es neulich selbst erlebte. Wenn du mir früher etwas sagtest, tat ich es immer leichthin ab, aber du hast dich nicht daran gestört und hast mir weiter gute Ratschläge gegeben. Jetzt erkenne ich, daß ich im Unrecht war. Wenn ich das nicht neulich bemerkt hätte, würde ich heute auch nicht so mit dir reden. Eben hast du gesagt, ich solle Schwalbennestersuppe essen. Nun sind zwar Schwalbennester leicht zu bekommen, aber ich habe so eine zarte Gesundheit und werde jedes Jahr krank, auch wenn es nie so ernst ist, daß man immer den Arzt holen und Medizin aus Ginseng und Kassiarinde für mich kochen muß. Das verursacht schon Aufregung genug. Wenn ich jetzt wieder mit etwas Neuem komme, werden die alte gnädige Frau, die gnädige Frau und Kusine Hsi-fëng nichts dagegen sagen, die Sklavenfrauen und -mädchen jedoch werden mich für zu anspruchsvoll halten. Du weißt ja, wie bösartig schon alle die alte gnädige Frau belauern, weil sie Bau-yü und Hsi-fëng so gern hat, und wie sie hinter ihrem Rücken darüber reden. Was also würden sie erst in meinem Falle machen! Zumal ich nicht einmal richtig zur Herrschaft gehöre, sondern schutz- und hilflos hier Zuflucht gesucht habe. Ich werde ohnehin schon genug verachtet und weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Warum soll ich ihnen auch noch Anlaß geben, mich zu verfluchen?!“ „Wenn du es so nimmst, geht es mir nicht anders als dir“, sagte Bau-tschai. „Wie kannst du dich mit mir gleichsetzen?“ fragte Dai-yü. „Du hast eine Mutter und einen Bruder. Hier treibt ihr Handel und verfügt über Landbesitz, und daheim besitzt ihr ebenfalls Häuser und Äcker. Du wohnst hier nur umsonst als Verwandte, aber du beanspruchst doch keine einzige Münze von ihnen, und wenn du fortgehen willst, gehst du fort. Ich jedoch nenne nicht den geringsten Besitz mein eigen, doch in bezug auf Essen, Kleidung und alles, was man sonst noch braucht, bekomme ich bis zum letzten Strohhalm und bis zum letzten Blatt Papier genau dasselbe wie die Mädchen des Hauses. Wie also sollten mich so kleinliche Seelen nicht verachten?!“ Lächelnd hielt ihr Bau-tschai entgegen: „Aber das bedeutet doch weiter nichts als eines Tages eine Aussteuer mehr. Und noch ist es zu früh, sich darüber Sorgen zu machen.“ Errötend warf Dai-yü ihr vor: „Ich halte dich für einen anständigen Menschen und offenbare dir meinen Herzenskummer, aber du machst dich lustig über mich!“ „Es war nur ein Scherz, und doch ist es die Wahrheit“, erwiderte Bau-tschai lächelnd. „Sei unbesorgt! Solange ich hier bin, werde ich dir deinen Kummer zerstreuen. Erzähl mir nur, was dich kränkt und was dich bekümmert, und ich tue für dich, was ich kann. Ja, ich habe einen Bruder, aber du weißt, wie er ist. Nur dadurch bin ich ein wenig besser dran als du, weil ich meine Mutter habe. Sonst aber sind wir Leidensgefährten, die einander nachfühlen können. Warum mußt du seufzen wie Sï-ma Niu, du bist doch ein verständiger Mensch! Eben jedoch hattest du recht – lieber eine Forderung zuwenig als eine zuviel. Morgen werde ich zu Hause meine Mutter fragen. Ich glaube, wir müssen noch Schwalbennester haben. Ich schicke dir ein paar Liang davon, und du läßt dir jeden Tag von den Mägden die Suppe daraus kochen. So ist es billiger, und es wird auch keine Staatsaktion daraus.“ „Entscheidend ist nicht, daß du mir etwas schickst, sondern daß du so lieb zu mir bist!“ sagte Dai-yü sogleich dankbar. „Das ist doch nicht der Rede wert!“ beteuerte Bau-tschai. „Ich sorge mich nur, daß ich es oft an der nötigen Hilfe fehlen lasse. Doch ich fürchte, jetzt wirst du müde sein, also werde ich gehen!“ „Komm am Abend wieder und rede mit mir!“ bat Dai-yü. Bau-tschai versprach es und ging. Mehr soll hier von ihr nicht die Rede sein. Nachdem Dai-yü ein paar Schlucke nüchterne Reissuppe getrunken hatte, lehnte sie sich auf ihrem Bett zurück. Unverhofft schlug dann noch vor Sonnenuntergang das Wetter um, und es begann sachte zu regnen. Unaufhörlich fielen die Tropfen, ein Ende war nicht abzusehen, und zur Stunde der Dämmerung war es bereits stockfinster. Zusammen mit dem Geräusch des Regens, der auf die Bambuswipfel fiel, schuf das eine Stimmung von Furcht und Kälte. Dai-yü sagte sich, daß Bau-tschai nun nicht kommen konnte, und griff im Lampenschein wahllos nach einem Buch. Es waren „Vermischte Manuskripte von Musikamt-Gedichten“, in denen sie auf Verse wie „Abschiedsschmerz eines Mädchens im Herbst“ und „Trennungsschmerz“ stieß. Unwillkürlich regte sich etwas in ihrem Herzen und formte sich unversehens zu Sätzen, so daß sie nach dem Muster der „Mondnacht am Fluß unter blühenden Bäumen“ ebenfalls ein Abschiedsgedicht mit dem Titel „Herbstnacht am Fenster bei strömendem Regen“ schrieb, das lautete: Welk sind die Blumen, die Gräser vergilbt, lang ist die Herbstnacht bei flackerndem Licht. Nimmer will enden, so scheint es, der Herbst, kühl genug war‘s schon ohne Regen und Wind. Woher treibt mit dem Wind der Regen so schnell, der klopft an mein Fenster und stört meinen Traum? Im Herzen die Wehmut verleidet den Schlaf, die tränende Kerze allein trifft mein Blick.

Die Kerze brennt nieder, zurück bleibt kein Rest, zum Kummer gesellt sich der Trennung Verdruß. Vor niemandes Hof macht der Herbstwind je halt, an jedermanns Fenster klopft Regen heut nacht. Der herbstlichen Kühle hält Seide nicht stand, im Tropfen des Regens pocht Wasseruhrtakt. Die ganze Nacht rauscht es, die ganze Nacht heult‘s, als teilte das Wetter den Schmerz sich mit mir. Öd liegt mein Höfchen im nebligen Dunst,ein Abschiedsgedicht mit dem Titel „Herbstnacht am Fenster bei strömendem Regen“ schrieb, das lautete: Welk sind die Blumen, die Gräser vergilbt, lang ist die Herbstnacht bei flackerndem Licht. Nimmer will enden, so scheint es, der Herbst, kühl genug war‘s schon ohne Regen und Wind. Woher treibt mit dem Wind der Regen so schnell, der klopft an mein Fenster und stört meinen Traum? Im Herzen die Wehmut verleidet den Schlaf, die tränende Kerze allein trifft mein Blick.

Die Kerze brennt nieder, zurück bleibt kein Rest, zum Kummer gesellt sich der Trennung Verdruß. Vor niemandes Hof macht der Herbstwind je halt, an jedermanns Fenster klopft Regen heut nacht. Der herbstlichen Kühle hält Seide nicht stand, im Tropfen des Regens pocht Wasseruhrtakt. Die ganze Nacht rauscht es, die ganze Nacht heult‘s, als teilte das Wetter den Schmerz sich mit mir. Öd liegt mein Höfchen im nebligen Dunst,

Aus: Jinyuyuan 1889a. vom Bambus am Fenster tropft es und tropft. Wann nimmt, so sagt mir, der Regen ein Ende, am Fenster selbst perlen schon Tränen herab. Als Dai-yü das Gedicht eben noch einmal überlesen und den Schreibpinsel beiseite gelegt hatte, wollte sie schlafen gehen, aber da meldete ein Sklavenmädchen: „Der junge Herr ist gekommen.“ Kaum waren die Worte verklungen, erblickte sie Bau-yü mit einem breitkrempigen Hut auf dem Kopf und einem langfasrigen Regenumhang um die Schultern. Unwillkürlich mußte sie lachen und fragte: „Wie kommt denn dieser Fischer hierher?“ Bau-yü aber erkundigte sich sofort: „Geht es dir jetzt ein wenig besser? Hast du deine Medizin genommen? Wieviel hast du heute gegessen?“ Während er das fragte, legte er Hut und Umhang ab, hob dann die Lampe in die Höhe, schirmte ihren Schein mit der anderen Hand ab und leuchtete Dai-yü ins Gesicht. Mit zusammengekniffenen Augen sah er sie einen Moment lang prüfend an, dann bemerkte er lächelnd: „Du siehst heute etwas besser aus.“ Nachdem Bau-yü den Umhang abgelegt hatte, trug er nur noch ein abgetragenes halblanges Gewand aus dünner roter Seide und eine grüne Leibbinde darüber. Von den Knien abwärts sah man die Hosenbeine aus dunkelgrüner Seide, die mit Streublumen verziert war, darunter dicht mit Goldfäden bestickte Baumwollstrümpfe und Schuhe, die ein Muster von Schmetterlingen zwischen Blüten zeigten. „Den Kopf schützt du vor dem Regen, Schuhe und Strümpfe aber nicht, und trotzdem sind sie sauber!“ wunderte sich Dai-yü. „Meine Regensachen sind ein kompletter Satz“, erklärte Bau-yü lächelnd. „Es gehören noch Überschuhe aus Birnenholz dazu, die ich anhatte, als ich kam, und erst unter dem Dachvorsprung ausgezogen habe.“ Dai-yü bemerkte, daß auch Hut und Umhang nicht von der gewöhnlichen Art waren, wie man sie auf dem Markt zu kaufen bekommt, vielmehr waren sie außerordentlich fein und zierlich gearbeitet. Darum fragte sie: „Woraus ist das gemacht? Angezogen sieht es gar nicht igelartig aus.“ „Alle drei Sachen hat mir der Prinz Bee-djing geschenkt“, erklärte ihr Bau-yü. „Wenn er bei Regenwetter Muße hat, läuft er zu Hause auch so herum. Wenn dir das gefällt, besorge ich noch einen Satz und schenke ihn dir. Die anderen Sachen sind nichts Besonderes, der Hut aber ist interessant, denn er läßt sich auseinandernehmen. Das Mittelteil kann man abmachen. Wenn es im Winter schneit und man eine Mütze trägt, zieht man innen ein Bambusstück heraus und nimmt das Mittelteil ab, dann bleibt nur die Krempe übrig, die Männer so gut wie Frauen tragen können. Ich schenke dir so einen Hut, und wenn es schneit, setzt du ihn auf!“ „Ich will keinen!“ lehnte Dai-yü lächelnd ab. „Wenn ich den aufsetze, sehe ich ja aus wie eine Fischerin auf einem Bild oder auf der Bühne.“ Erst als sie diese Worte schon ausgesprochen hatte, merkte sie, wie unüberlegt sie waren, weil man sie mit der Bezeichnung in Verbindung bringen konnte, die sie eben für Bau-yü gebraucht hatte. Aber jetzt war es zu spät. Schamröte überflog Dai-yüs Gesicht, und sie beugte sich über den Tisch und gab sich einem endlosen Hustenanfall hin. Bau-yü jedoch hatte gar nicht darauf achtgegeben, und als er jetzt auf dem Tisch das Gedicht entdeckte, nahm er es auf und las es durch. „Wunderbar!“ Er konnte sich nicht enthalten, es zu loben. Als Dai-yü das hörte, richtete sie sich hastig auf, nahm Bau-yü das Gedicht weg und verbrannte es an der Lampe. „Ich kann es schon auswendig“, versicherte Bau-yü lächelnd. „Es macht also gar nichts, daß du es verbrannt hast.“ „Mir geht es viel besser“, sagte Dai-yü. „Ich danke dir, daß du so oft hier warst, um nach mir zu sehen, und jetzt sogar noch bei Regen. Aber es ist schon Nacht, und ich möchte schlafen, also geh bitte nach Hause und komm morgen wieder.“ Bau-yü griff unter sein Gewand und holte die walnußgroße goldene Uhr hervor, die er am Busen trug. Er schaute darauf, und die Zeiger wiesen bereits auf den Anfang der neunten Stunde. Rasch steckte er die Uhr wieder weg und sagte: „Du hättest längst schlafen müssen und hast dich meinetwegen so lange gequält!“ Damit legte er sich den Umhang um, stülpte sich den Hut auf und ging hinaus. Aber draußen machte er gleich wieder kehrt, kam noch einmal herein und sagte zu Dai-yü: „Wenn du auf irgend etwas Appetit hast, dann sag es mir, und ich richte es gleich morgen früh der alten gnädigen Frau aus. Ich kann doch das besser erklären als die alten Weiber.“ Lächelnd erwiderte dai-yü: „Vielleicht fällt mir über Nacht etwas ein, dann sage ich es dir morgen früh. Aber horch nur, der Regen ist stärker geworden. Geh schnell nach Hause! Du hast doch jemand mit, oder nicht?“ Sofort antworteten aus dem Vorzimmer zwei Sklavenfrauen: „Es warten Leute mit Regenschirmen und Laternen draußen.“ „Laternen bei solchem Wetter?“ fragte Dai-yü lächelnd. „Das Wetter macht nichts“, erklärte ihr Bau-yü. „Die Laternen sind aus durchsichtigen Austernschalen, der Regen schadet ihnen nicht.“ Als Dai-yü das hörte, wandte sie sich um und nahm eine verzierte Glaslaterne vom Büchergestell, ließ eine kleine Kerze darin anzünden und reichte sie Bau-yü mit den Worten: „Die hier ist heller und gerade das Richtige für Regenwetter!“ „Ich habe auch so eine“, erwiderte Bau-yü. „Aber ich hatte Angst, die Frauen könnten ausrutschen und damit hinfallen, dann wäre sie entzwei. Darum habe ich sie nicht genommen.“ „Was ist denn schlimmer, wenn die Laterne hinfällt oder wenn du hinfällst?“ fragte Dai-yü. „Du bist es auch nicht gewöhnt, in hölzernen Überschuhen zu gehen. Laß deine Laternen vornwegtragen, diese hier ist leicht und hell, sie ist gerade dafür gedacht, daß man sie bei Regen selber trägt. Also nimm sie nur! So wird es besser sein. Morgen bringst du sie mir zurück. Und wenn du sie fallen läßt, ist das auch nicht so schlimm. Was stellst du dich plötzlich so an, daß du dir am liebsten den Bauch aufschlitzen möchtest, nur damit du eine Perle besser verstecken kannst?“ Rasch ließ sich Bau-yü die Glaslaterne geben. Vornweg gingen dann zwei Sklavenfrauen mit Schirmen und Austern­scha­len­laternen, und hinter Bau-yü folgten noch zwei Sklavenmädchen, die ebenfalls Schirme trugen. Die Glaslaterne reichte Bau-yü einem weiteren Sklavenmädchen, auf dessen Schulter er sich beim Gehen stützte. Als sie eben das Gehöft verlassen hatten, kam eine Sklavenfrau aus dem Haselwurzpark, die ebenfalls Schirm und Laterne trug und ein großes Paket bester Schwalbennester und ein Päckchen schneeweißen Zucker brachte. „Dies ist etwas Besseres als das, was man zu kaufen bekommt“, sagte sie. „Das Fräulein läßt bestellen, Ihr solltet es getrost verbrauchen. Wenn es alle ist, schickt sie mehr.“ „Bestell ihr meinen Dank!“ sagte Dai-yü. Dann befahl sie der Frau, sie solle draußen Platz nehmen und Tee trinken. Lächelnd erwiderte die Frau: „Ich mag keinen Tee trinken, ich habe noch zu tun.“ „Ich weiß schon, was ihr zu tun habt“, sagte Dai-yü lächelnd. „Jetzt, wo es wieder kühler ist und die Nächte länger werden, müßt Ihr Euch natürlich zur Nacht treffen, um nach Herzenslust zu spielen.“ „Ich will es nicht vor Euch verheimlichen, Fräulein, ich habe dieses Jahr großes Glück damit“, antwortete die Sklavenfrau. „Und da sowieso jede Nacht ein paar von uns Wache halten müssen und man den Dienst nicht versäumen darf, ist es besser, man spielt dabei. So ist man auf Wache und kann sich zugleich die Zeit vertreiben. Heute halte ich die Bank, und wenn die Gartentore verschlossen sind, soll ich zur Stelle sein.“ „Da möchte ich mich bedanken, daß du mir trotz des Regens die Sachen gebracht hast und dabei die Gelegenheit aufs Spiel setzt, reich zu werden“, sagte Dai-yü lächelnd. Dann befahl sie, man solle der Frau ein paar hundert Bronzemünzen geben, damit sie sich Wein kaufen könne, um sich aufzuwärmen. „Ihr stürzt Euch in Unkosten, Fräulein!“ bedankte sich die Sklavenfrau strahlend und fiel auf die Knie, um mit der Stirn den Boden zu berühren. Dann trat sie hinaus, um sich das Geld geben zu lassen, und ging anschließend mit dem Schirm in der Hand wieder fort. Dsï-djüan räumte die Schwalbennester weg, dann stellte sie die Lampen um, ließ die Türvorhänge herab und brachte Dai-yü zu Bett. Als Dai-yü auf ihrem Kissen lag, dachte sie erst dankbar an Bau-tschai und beneidete sie dann wieder, weil sie Mutter und Bruder hatte. Anschließend dachte sie an Bau-yü, der immer so gut zu ihr war und dem sie dennoch Zweifel entgegenbrachte. Dann hörte sie wieder, wie draußen der Regen auf die Bambuswipfel und die Bananenblätter prasselte, und spürte, wie die Kälte durch ihre Bettvorhänge drang. Unwillkürlich begannen ihr wieder die Tränen zu fließen, und erst als die vierte Nachtwache zu Ende ging, schlief sie allmählich ein. Mehr ist einstweilen von ihr nicht zu berichten. Wer wissen will, wie es weiterging, ...