Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 70"

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(DE4 (Woesler 4. Aufl.): Kapitel 70 mit Navigation und Fussnoten)
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= Kapitel 70 =
+
Siebzigstes Kapitel
== 林黛玉重建桃花社 / 史湘雲偶填柳絮詞 ==
 
=== Lin Daiyu gruendet die Pfirsichblueten-Dichtgesellschaft neu; Shi Xiangyun dichtet zufaellig ein Weidenkätzchen-Lied ===
 
  
'''Durch Lin Dai-yü wird der Pfirsichblütenbund neu begründet,von Schï Hsiang-yün wird gelegentlich ein Weidenflockengedicht verfaßt.'''
+
Kajaljade gründet die Pfirsichblüten-Dichtgesellschaft neu;
 +
Wolkenmädchen dichtet zufällig ein Weidenkätzchen-Lied
  
Djia Liän hielt also im Birnendufthof sieben Tage und sieben Nächte die Totenwache, und jeden Tag lasen buddhistische und dauistische Mönche ununterbrochen Totenmessen. Unterdes ließ die Herzoginmutter Djia Liän zu sich rufen und verbot ihm, die Tote in den Familientempel überzuführen. So blieb ihm nichts weiter übrig, als noch einmal mit Schï-djüä zu sprechen und zu Häupten des Grabes der dritten Schwester You einen Platz bezeichnen zu lassen, um hier ein Grab für die zweite Schwester You anzulegen.
+
Es wird erzählt, dass Kaufmann Kette [贾琏] sich sieben Tage und Nächte lang im Birnenblütenhof aufhielt, wo Mönche und Taoisten ununterbrochen buddhistische Zeremonien abhielten. Dann rief ihn die Herzoginmutter [贾母] zu sich und ordnete an, die Verstorbene solle auf keinen Fall im Familientempel beigesetzt werden. Kaufmann Kette hatte keine Wahl und musste sich erneut mit dem Mönch Shijue besprechen. Man wählte einen Grabplatz oberhalb der Grablege von Dritter Schwester You und ließ die Erde aufbrechen, um die Tote zu bestatten. Am Tag der Beisetzung erschienen lediglich einige Sippenmitglieder, das Ehepaar Wang Xin sowie Frau You [尤氏] mit ihrer Schwiegertochter. Phönixglanz<ref>Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".</ref> [王熙凤] kümmerte sich um nichts und ließ ihn alles selbst erledigen.
Als sie dort beigesetzt wurde, waren außer den Sippenangehörigen nur Wang Hsin mit seiner Frau und Frau You mit ihrer Schwiegertochter anwesend. Hsi-fëng aber kümmerte sich nicht im geringsten darum und ließ Djia Liän alles allein machen.
 
Inzwischen näherte sich das Jahresende, und zusätzlich zu allen übrigen Dingen, die es zu erledigen gab, erschien Lin Dschï-hsiau mit einer Liste, auf der die Namen von acht ledigen Sklavenburschen standen, die das fünfundzwanzigste Lebensjahr vollendet hatten und nun eine Frau bekommen mußten, die man seiner Meinung nach gut unter jenen Sklavenmädchen aus den inneren Gemächern auswählen konnte, die ebenfalls das Heiratsalter erreicht hatten.
 
Hsi-fëng sah die Liste durch und fragte dann zuerst die Herzoginmutter und Dame Wang um Rat. Dabei ergab sich, daß wohl einige Sklavenmädchen da waren, die eigentlich verheiratet werden mußten, daß es aber bei jeder einen Hinderungsgrund gab.
 
Die erste war Yüan-yang, die geschworen hatte, nicht fortzugehen, und seit jenem Tag kein Wort mehr mit Bau-yü gesprochen hatte und sich auch nicht mehr prächtig gekleidet und üppig geschmückt hatte, so daß man sie schlecht zwingen konnte. Die zweite war Hu-po, die jedoch nicht gesund war und deshalb diesmal nicht in Frage kam. Auch Tsai-yün litt, seitdem sie sich vor kurzem mit Djia Huan überworfen hatte, an einer unheilbaren Krankheit. So mußten jetzt nur solche Sklavenmädchen aus dem Dienst entlassen werden, die bei Hsi-fëng beziehungsweise Li Wan grobe Arbeiten verrichteten, alle anderen waren noch zu jung, und deshalb wurde entschieden, die Sklavenburschen sollten sich ihre Bräute außerhalb des Anwesens selber suchen.
 
Da Hsi-fëng die ganze Zeit über krank gewesen war und Li Wan und Tan-tschun, die solange das Hauswesen führen mußten, keinen Augenblick mehr frei gehabt hatten, zum anderen aber auch wegen der vielen Verpflichtungen, die die Jahreswende und die Feiertage mit sich brachten, war der Dichterbund vollkommen eingeschlafen. Als jetzt der Frühling kam, war zwar wieder Zeit, aber in stetiger Folge war erst Liu Hsiang-liän ohne Abschied verschwunden, hatte sich nachher die dritte Schwester You die Kehle durchgeschnitten, hatte sich die zweite Schwester You mit Gold umgebracht, und Wu-örl schließlich war vor Kummer krank geworden.
 
Müßiger Kummer und törichter Zorn hatten Bau-yü stets von neuem befallen, noch ehe sie abgeklungen waren, und so hatte er das Aussehen eines Geistesgestörten angenommen, und seine Reden waren häufig wirr, ganz als ob er an einer manischen Krankheit litte. Darüber waren Hsi-jën und die anderen so bestürzt, daß sie sich nicht trauten, der Herzoginmutter davon Meldung zu machen, und sich nur mit allen Mitteln bemühten, Bau-yü aufzuheitern.
 
Eines Tages, als Bau-yü früh am Morgen erwacht war, hörte er aus dem Vorraum ein nicht enden wollendes Gegacker und Gekicher, und Hsi-jën forderte ihn lächelnd auf: „Geh schnell hinaus und schaff Frieden! Tjing-wën und Schë-yüä halten Venturina fest und kitzeln sie ab.“
 
Als Bau-yü sich rasch eine Jacke mit Fehfutter umgehängt hatte und hinausging, entdeckte er dort, daß die drei noch nicht ihr Bettzeug zusammengelegt und sich auch noch nicht angezogen hatten. Tjing-wën, die nur mit einer halblangen Jacke aus lauchgelber Pu-yüan-Seide<ref>Berühmte Seide aus dem Ort Pu-yüan in der Provinz Dschë-djiang.</ref> sowie einer roten Hose und roten Bettschuhen bekleidet war und der das Haar offen um die Schultern hing, saß im Reitersitz auf Hsiung-nus Körper. Schë-yüä, die ein Brusttuch aus dünner roter Seide trug und darüber nur ein abgetragenes langes Gewand, das sie sich lose um die Schultern gelegt hatte, kitzelte Hsiung-nu in den Achselhöhlen. Hsiung-nu aber lag rücklings auf dem Ofenbett, sie hatte eine enganliegende Jacke mit Streublumenmuster, rote Hosen und grüne Strümpfe an, strampelte wie wild mit den Beinen und bekam vor Lachen kaum noch Luft.
 
„Zwei Große bedrängen eine Kleine“, sagte Bau-yü lächelnd, während er schnell näher trat. „Paßt auf, wenn ich ihr helfe!“ Mit diesen Worten stieg er ebenfalls auf das Ofenbett und begann, Tjing-wën zu kitzeln. Das brachte sie so zum Lachen, daß sie sogleich von Hsiung-nu abließ, um auf Bau-yü loszugehen. Diese Gelegenheit aber machte sich Hsiung-nu zunutze, warf Tjing-wën nieder und kitzelte sie nun ihrerseits unter den Armen.
 
„Gebt acht, daß ihr euch nicht verkühlt!“ mahnte Hsi-jën, die amüsiert nach dem Knäuel aus vier ineinander verstrickten Leibern sah.
 
Plötzlich aber erschien Bi-yüä, um im Auftrag von Li Wan zu fragen: „Habt ihr vielleicht ein Taschentuch gefunden, das meine junge Herrin gestern Abend hier vergessen hat?“
 
„Es ist da, es ist da“, sagte Hsiau-yän eifrig, „ich habe es vom Fußboden aufgehoben, ohne zu wissen, wem es gehört. Vorhin erst habe ich es gewaschen und zum Trocknen hinausgehängt. Es ist noch feucht.“
 
„Hier geht es ja hoch her“, sagte Bi-yüä schmunzelnd und schaute nach den vieren, die sich auf dem Ofenbett wälzten. „Schon am frühen Morgen, kaum daß ihr aufgestanden seid, kabbelt ihr euch mit Hihi und Haha.“
 
„Warum macht ihr denn das nicht?“ fragte Bau-yü lächelnd. „Ihr seid doch auch nicht wenig.“
 
„Unsere junge Herrin tollt nicht herum“, erwiderte Bi-yüä. „Und ihre beiden Kusinen und Fräulein Bau-tjin hat sie auch zur Räson gebracht. Jetzt ist Fräulein Bau-tjin wieder zur alten gnädigen Frau gezogen, dadurch ist es noch ruhiger geworden. Wenn die beiden Kusinen der jungen Herrin in diesem Jahr verlobt werden und noch vor dem nächsten Winter das Haus verlassen, wird es ganz und gar still werden. Sieh dir doch an, um wieviel eintöniger es bei Fräulein Bau-tschai geworden ist, seitdem Hsiang-ling wieder ausgezogen ist und Fräulein Hsiang-yün dort allein gelassen hat.“
 
Während sie das eben sagte, kam in Hsiang-yüns Auftrag Tsuee-lü herein, um auszurichten: „Der junge Herr wird gebeten, rasch zu kommen, um sich ein gutes Gedicht anzusehen.
 
„Was für ein gutes Gedicht ist das?“ wollte Bau-yü sofort wissen.
 
„Die Fräulein sind alle im Duftgetränkten Pavillon“, berichtete Tsuee-lü lächelnd. „Geh hin, und du wirst es erfahren.“
 
Nachdem Bau-yü sich schnell frisiert und gewaschen hatte, ging er hinüber und fand Dai-yü, Bau-tschai, Hsiang-yün, Bau-tjin und Tan-tschun wirklich alle dort versammelt. In den Händen hielten sie ein Blatt mit einem Gedicht, das sie lasen. Als sie Bau-yü sahen, begrüßten sie ihn lächelnd: „Bist du endlich aufgestanden? Unser Dichterbund ist ein ganzes Jahr lang nicht zusammengetreten, und niemand hat ihm aufgeholfen. Jetzt ist Frühling, und alles regt sich zu neuem Leben, darum sollten wir auch den Dichterbund wieder aufleben lassen. Das wäre gut.“
 
„Es war Herbst, als wir den Bund zuerst gegründet haben, darum konnte er gar nicht zur Blüte kommen“, ergänzte Hsiang-yün mit lächelnder Miene. „Jetzt dagegen ist alles auf Frühling, Wachsen und Werden eingestellt. Außerdem ist dieses Pfirsichblütengedicht so gut, daß wir den Begonienbund in einen Pfirsichblütenbund umwandeln sollten!“
 
„Ausgezeichnet!“ lobte Bau-yü kopfnickend und verlangte sofort, er wolle das Gedicht lesen. Aber die anderen sagten: „Gehen wir die Alte Reisduftbäuerin besuchen und beratschlagen dort, wie wir den Bund am besten wieder in Gang bringen können!“
 
Alle standen auf und machten sich auf den Weg zum Reisduftdorf. Im Gehen las Bau-yü, was auf dem Blatt stand:
 
„Ein Pfirsichblütenlied
 
  Jenseits des Vorhangs schaukeln Blüten im Wind,
 
  diesseits des Vorhangs kämm ich träge mein Haar.
 
  Draußen sind Blüten, hier im Zimmer bin ich,
 
  wenig nur trennt uns, rote Blüten und Mensch.
 
  Der Wind strengt sich an, mein Fenster zu öffnen,
 
  die Blüten versuchen, durch den Vorhang zu spähn.
 
  Draußen die Blüten stehen üppig in Pracht,
 
  ich hier im Zimmer welke schmächtig dahin.
 
  Spüren sie Mitleid, so bedauern sie mich,
 
  der Wind trägt zu mir ihre Grüße herein.
 
  Windhauch durchs Fenster, voller Blüten der Hof,
 
  ein lenzliches Bild, doch es steigert mein Weh.
 
  Verlassen der Hof, niemand öffnet das Tor,
 
  einsam aufs Gatter steh ich abends gelehnt.
 
  Aufs Gatter gelehnt, wein im Abendwind ich,
 
  rot leuchtet mein Rock, wo die Bäume rot blühn.
 
  Blüten und Blätter miteinander vermischt,
 
  frischrot die Blüten, grün wie Jade das Laub.
 
  Tausender Stämme rotes Nebelgewölk,
 
  Häuser und Mauern sind in Gluthauch gehüllt.
 
  Rot brennt der Decke feiner Seidenbrokat,
 
  ich find keinen Schlaf auf des Kissens Korall.
 
  Schon bringt mir die Magd frisches Wasser herein,
 
  kalt auf den Wangen brennt das duftige Naß.
 
  Wie ist so brandrot auf den Wangen das Rouge,
 
  rot wie die Blüten sind die Tränen gefärbt.
 
  Glutroten Blüten meine Tränen sind gleich,
 
  fließen stets weiter, wenn die Blüten noch blühn.
 
  Schnell sind sie gestillt, schau die Blüten ich an,
 
  Tränen versiegen, frisches Blühen vergeht.
 
  Welkende Blüten mein Welken verbergen,
 
  die Blüten fallen, und so müde bin ich.
 
  Mit dem Kuckucksruf sagt der Frühling ade,
 
  aufs stille Fenster wirft der Mond bleichen Schein.“
 
Als Bau-yü zu Ende gelesen hatte, begann er zu weinen, anstatt das Gedicht zu loben, denn er fühlte, daß Dai-yü es verfaßt haben mußte, und das trieb ihm die Tränen in die Augen. Aber weil er Angst hatte, die anderen könnten etwas bemerken, wischte er sich die Tränen rasch selber ab und fragte: „Wie seid ihr zu dem Gedicht gekommen?“
 
„Rate mal, von wem es ist!“ forderte Bau-tjin ihn lächelnd auf.
 
„Es ist natürlich ein Manuskript der Kaiserfrau vom Hsiau-hsiang-Fluß“, antwortete Bau-yü und lächelte ebenfalls.
 
„Nein, ich habe es geschrieben“, behauptete Bau-tjin lächelnd.
 
„Das glaube ich nicht“, gab Bau-yü, immer noch lächelnd, zurück. „Nach Tonfall und Ausdrucksweise entspricht es so gar nicht dem Stil der Edlen von Haselwurz, darum glaube ich dir nicht.“
 
„Da sieht man, daß du keine Ahnung hast“, mischte Bau-tschai sich lächelnd ein. „Als ob Du Fu in jenem Gedicht nur geschrieben hätte
 
‚Zweifach die Chrysanthemen blühn, weinend um andere Tage.‘
 
Dabei gibt es doch bei ihm auch herrliche Zeilen wie diese:
 
‚Üppig und rot macht der Regen die Aprikosen.‘
 
Oder auch diese:
 
‚In grünen Bändern treibt der Wind Wasserflott über den Teich.‘“
 
„Das stimmt schon“, sagte Bau-yü lächelnd. „Aber ich weiß, daß du deiner Kusine nie gestatten würdest, solche traurigen Zeilen zu dichten. Und obwohl sie durchaus das Talent dazu hat, würde sie so auch gar nicht schreiben wollen. Ganz etwas anderes ist es mit Kusine Dai-yü. Sie hat Kummer erlebt und dichtet in so traurigen Tönen.“
 
Alle lachten über seine Worte, aber schon waren sie im Reisduftdorf angelangt, wo sie das Gedicht Li Wan zeigten, die natürlich kein Ende fand mit ihrem Lob. Dann begannen sie, über den Dichterbund zu beraten, und legten fest, am nächsten Tag, dem zweiten des dritten Monats, solle der Bund seine Arbeit aufnehmen, und er solle von Begonienbund in Pfirsichblütenbund umbenannt sein. Die Leitung sollte diesmal Dai-yü haben.
 
Am nächsten Tag versammelten sie sich nach dem Frühstück in der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß und wollten ihr erstes Thema festlegen. „Jeder schreibt ein Pfirsichblütengedicht mit hundert Reimen!“ sagte Dai-yü.
 
„Das ist nichts!“ wandte Bau-tschai ein. „Pfirsichblütengedichte gibt es seit alters her besonders viel. Wenn wir wirklich welche schreiben wollten, würden wir in Schablonen verfallen, und mit deinem Gedicht im alten Stil wären sie doch nicht zu vergleichen. Wir müssen uns etwas anderes ausdenken!“
 
Kaum hatte sie das gesagt, wurde gemeldet: „Die gnädige Frau Tante ist da. Die Fräulein möchten kommen, um ihr ihren Gruß zu entbieten.“ Also gingen alle hinüber, begrüßten Wang Dsï-tëngs Frau und plauderten mit ihr. Nach dem Essen begleiteten sie sie in den Garten und führten sie überall herum. Erst nach dem Abendessen, als schon die Lampen brannten, fuhr sie wieder fort.
 
Der nächste Tag war Tan-tschuns Geburtstag, und schon am Morgen schickte Yüan-tschun zwei junge Eunuchen, die ihr einige Spielsachen überbrachten. Daß auch die ganze Familie ihr Geschenke machte, versteht sich von selbst. Nach dem Essen kleidete sich Tan-tschun in ihre Zeremonialgewänder und ging überall ihren offiziellen Gruß entbieten.
 
Lächelnd sagte jetzt Dai-yü zu den anderen: „Wieder habe ich den Bund nicht im richtigen Augenblick einberufen! Ich hatte ganz vergessen, daß in diesen Tagen ihr Geburtstag gefeiert wird. Wenn es auch keine Weintafel und keine Theatervorführung gibt, müssen wir ihr zumindest Gesellschaft leisten und den Tag mit der alten gnädigen Frau verplaudern, so daß uns wieder keine Zeit bleibt.“ Daraufhin wurde das Treffen des Dichterbundes auf den fünften verschoben.
 
Doch als an diesem Tag die Mädchen noch wartend dabeistanden, während die Herzoginmutter ihr Frühstück einnahm, traf eben ein Brief von Djia Dschëng ein. Bau-yü entbot seinen Gruß, öffnete das Schreiben an die Herzoginmutter und las es ihr vor. Aber es standen nur Grußworte darin und die Ankündigung, Djia Dschëng werde im sechsten Monat wieder in der Hauptstadt sein. Ein weiteres Schreiben, das an die Familie gerichtet war, wurde von Djia Liän und Dame Wang aufgemacht und gelesen. Alle waren unendlich froh darüber, daß Djia Dschëng im sechsten oder siebenten Monat wieder zu Hause sein würde.
 
Ausgerechnet in diesen Tagen war eine Tochter von Wang Dsï-tëng mit einem Sohn des Fürsten Bau-ning verlobt worden, und der zehnte Tag des fünften Monats war für die Hochzeit ausgewählt worden. Hsi-fëng war eifrig mit Vorbereitungen beschäftigt, und so war sie häufig drei bis fünf Tage nicht zu Hause. Auch heute kam Wang Dsï-tëngs Frau, um Hsi-fëng abzuholen, und lud zugleich ihre Neffen und Nichten ein, den Tag in fröhlicher Muße bei ihr zu verbringen. Die Herzoginmutter und Dame Wang entschieden, Bau-yü, Tan-tschun, Dai-yü und Bau-tschai sollten Hsi-fëng zu viert begleiten, und da sie nicht wagten, ungehorsam zu sein, mußten sie in ihre Räume zurückkehren, um sich umzuziehen. Dann verabschiedeten sich alle fünf und blieben den Tag über fort. Erst als die Lampen schon brannnten, kamen sie zurück.
 
Als Bau-yü wieder im Hof der Freude am Roten war und sich einen Moment ausruhte, nahm Hsi-jën die Gelegenheit wahr, um ihm zu raten, er solle sich zusammennehmen und, wenn er frei sei, seine Bücher ordnen, um vorbereitet zu sein.
 
Bau-yü zählte die verbleibende Zeit an den Fingern ab, dann erwiderte er: „Es ist doch noch früh.“
 
„Die Bücher sind das eine“, hielt Hsi-jën ihm vor, „und die Schreibübungen sind das andere. Mit den Büchern magst du bis dahin zurechtkommen, aber wann willst du deine Schreibübungen machen?“
 
„Ich habe doch immer eine ganze Menge geschrieben“, erklärte Bau-yü lächelnd. „Hast du das nicht aufgehoben?“
 
„Natürlich habe ich es aufgehoben“, gab Hsi-jën zurück. „Als du gestern nicht hier warst, habe ich alles hervorgeholt und zusammengezählt. Es sind nur an die fünfzig, sechzig Texte. Du kannst doch in mehr als drei Jahren nicht bloß diese paar Blätter geschrieben haben. Wenn du mich fragst, solltest du ab morgen alles andere sein lassen und rasch jeden Tag ein paar Blätter schreiben, um das Versäumte nachzuholen. Wenn du auch nicht für jeden Tag etwas vorzuweisen hast, könntest du damit ungefähr durchkommen.“
 
Sofort sah sich Bau-yü das Geschriebene selber an, und da er sich damit wirklich nicht durchschwindeln konnte, versprach er: „Von morgen an schreibe ich mindestens hundert Schriftzeichen pro Tag.“
 
Nach diesen Worten legten sich alle schlafen.
 
Kaum daß Bau-yü am nächsten Morgen aufgestanden war und sich gekämmt und gewaschen hatte, rieb er sich dicht am Fenster Tusche an und begann, Normalschrift zu schreiben und Schreibvorlagen zu kopieren. Die Herzoginmutter, die ihn vermißte, nahm an, er müsse krank geworden sein, und schickte schnell jemanden, um nachzufragen. Jetzt erst ging Bau-yü hinüber, um seine Grüße zu entbieten, und erklärte, daß er Schreibübungen mache. Dafür wolle er den frühen Morgen gleich nach dem Aufstehen nutzen, und sich dann erst anderen Dingen zuwenden. Deshalb sei er zu spät gekommen.
 
Als die Herzoginmutter das hörte, war sie sehr zufrieden und ordnete an: „Schreib und lies nur! Dann brauchst du auch nicht herüberzukommen. Geh und melde das der gnädigen Frau, damit sie Bescheid weiß!“
 
Sofort ging Bau-yü zu Dame Wang und sagte es ihr. Aber Dame Wang erwiderte darauf: „Die Lanze zu schleifen, wenn es schon in die Schlacht geht, ist auch nicht das Richtige. Selbst wenn du jetzt in aller Eile jeden Tag schreibst und liest, wirst du kaum alles schaffen. Eine Krankheit wirst du dir holen vor lauter Aufregung!“ Aber Bau-yü versicherte ihr, sie brauche sich keine Sorgen zu machen.
 
Auch die Herzoginmutter äußerte die Befürchtung, Bau-yü könne sich überanstrengen, worauf Tan-tschun und Bau-tschai sagten: „Ihr braucht Euch nicht zu beunruhigen, alte gnädige Frau! Für ihn lesen können wir nicht, aber schreiben können wir für ihn. Jede von uns wird jeden Tag einen Text für ihn abschreiben, um ihm über diese Klippe hinwegzuhelfen. Dann wird zum einen der gnädige Herr nicht zürnen, wenn er nach Hause kommt, und zum anderen wird sich Bau-yü nicht überanstrengen.“ Die Freude der Herzoginmutter über diese Worte fand kein Ende.
 
Als Dai-yü erfuhr, Djia Dschëng werde nach Hause kommen, hatte sie sich gesagt, er werde Bau-yü unbedingt nach seinen Lernergebnissen fragen, und so zersplittert, wie sich Bau-yü betätigte, werde er dann wohl einiges einstecken müssen. Darum tat sie einfach so, als ob sie die Lust verloren hätte, und rief den Dichterbund nicht zusammen. Genausowenig lenkte sie Bau-yü mit anderen Dingen ab.
 
Tan-tschun und Bau-tschai kopierten jeden Tag einen Text in Normalschriftzeichen für Bau-yü, und auch er selbst arbeitete mehr, als er sich vorgenommen hatte, und schrieb täglich zwei- bis dreihundert Schriftzeichen. So hatte sich bis zum Ende des dritten Monats bereits eine beachtliche Menge angesammelt, und Bau-yü sagte sich eben, wenn er noch weitere fünfzig Texte zusammenbekäme, dann könnte er sich schon durchmogeln, als plötzlich und unerwartet Dsï-djüan bei ihm erschien und ihm eine Rolle übergab. Als er sie aufmachte, waren es lauter Bogen aus Bambuspapier mit winzig kleinen Schriftzeichen in der Manier des Dschung You und des Wang Hsi-dschï<ref>Dschung You (151 – 230) und Wang Hsi-dschï (vgl. o., Anm. zu S. 40: die Sippen Wang und Hsiä) waren berühmte Kalligraphen.</ref> darauf, und die Schriftform war ganz wie seine eigene. Überglücklich verbeugte sich Bau-yü mit zusammengelegten Händen vor Dsï-djüan und ging sich auch noch persönlich bedanken.
 
Hsiang-yün und Bau-tjin schickten ihm ebenfalls ein paar Texte, die sie für ihn abgeschrieben hatten, und alles zusammen reichte zwar nicht aus, um das Soll zu erfüllen, aber doch, um damit durchzukommen. Also war Bau-yü beruhigt und ging nun noch ein paarmal die Bücher durch, die er hatte lesen müssen.
 
Während Bau-yü so Tag für Tag fleißig arbeitete, wurde auf einmal das Küstengebiet von einer Flutwelle betroffen, die in mehreren Orten
 
Menschenleben vernichtete. Durch die Berichte der Lokalbeamten davon informiert, befahl der Kaiser in einem Erlaß, Djia Dschëng solle auf der Heimreise genaue Angaben darüber sammeln und Hilfsmaßnahmen einleiten. Das bedeutete, daß er erst gegen Ende des Winters zurück sein konnte. Als Bau-yü davon erfuhr, legte er Bücher und Schreibübungen wieder beiseite und gab sich von neuem dem Müßiggang hin.
 
Mittlerweile ging der Frühling zu Ende, und als Hsiang-yün in ihrer Langeweile die Weidenflocken durch die Luft treiben sah, dachte sie sich ein kleines tsï-Gedicht nach dem Tonmuster „Wie ein Traum“ aus, das folgendermaßen lautete:
 
„Sind das Seidenfadenfusseln,
 
  ist‘s ein Vorhang, duftgetränkt?
 
  Zarte Hände woll‘n es fassen,
 
  Kuckuck, Schwalbe zürnen drum.
 
  Haltet ein, haltet ein!
 
  Nehmt den Frühling nicht mit fort!“
 
Zufrieden mit ihrem Werk, schrieb sie es auf einen Streifen Papier und zeigte es Bau-tschai. Anschließend suchte sie auch Dai-yü damit auf. Nachdem Dai-yü die Verse gelesen hatte, sagte sie lächelnd: „Das ist dir gut gelungen. Neuartig und interessant ist es auch. Ich könnte das nicht.“
 
Darauf erwiderte Hsiang-yün, ebenfalls lächelnd: „Sooft unser Dichterbund getagt hat, haben wir nie tsï-Gedichte verfaßt. Willst du nicht den Bund für morgen zusammenrufen und tsï-Gedichte zur Aufgabe machen? Es wäre doch eine Abwechslung, wenn wir einmal eine andere Manier wählen würden.“
 
„Du hast ganz recht!“ lobte Dai-yü in spontaner Begeisterung. „Ich werde die andern gleich einladen!“
 
Anschließend gab sie den Befehl, allerlei Naschwerk vorzubereiten, zum anderen schickte sie Botinnen aus, um jeden einzeln einzuladen. Inzwischen einigte sie sich mit Hsiang-yün auf das Thema „Weidenflocken“ und legte mit ihr zusammen einige Tonmuster fest, die sie aufschrieben und an die Wand hefteten.
 
Am nächsten Tag kamen dann alle und sahen, das Thema war „Weidenflocken“, und dafür vorgeschrieben waren die verschiedensten kurzen Tonmuster. Als sie gelesen hatten, was Hsiang-yün verfaßt hatte, sparten sie nicht mit Lob. Bau-yü aber brachte lächelnd vor: „Auf dem Gebiet der tsï-Dichtung leisten wir nur Alltägliches, bestimmt wird es ein schöner Blödsinn werden, den wir zusammenschreiben.“
 
Anschließend losten sie die Tonmuster aus. Bau-tschai zog „Der Unsterbliche von Lin-djiang“, Bau-tjin „Mond überm Westfluß“, Tan-tschun „Baron von Süd-Ast“, Dai-yü „Vielfach zu Zeiten der Tang“, und Bau-yü schließlich „Die Schmetterlinge lieben die Blüten“.
 
Dsï-djüan zündete ein Stäbchen „Traumsüße“-Weihrauch an, und alle begannen zu grübeln. Schon bald darauf hatte Dai-yü ihre Verse beisammen und schrieb sie nieder. Dann waren auch Bau-tjin und Bau-tschai soweit. Als sie einander ihre Gedichte zeigten, verlangte Bau-tschai lächelnd: „Meins dürft ihr erst lesen, nachdem ich zuvor eure gesehen habe!“
 
„O weh!“ sagte inzwischen Tan-tschun, „warum verbrennt der Weihrauch heute so schnell? Schon sind nur noch drei Zehntel davon übrig, und ich habe mein Gedicht erst zur Hälfte fertig.“ Dann wollte sie von Bau-yü wissen, ob er seines schon fertig habe.
 
Bau-yü hatte zwar einiges geschrieben, aber weil es ihm nicht gefiel, hatte er es wieder durchgestrichen, um noch einmal von vorn zu beginnen. Doch als er sich nach dem Weihrauchstäbchen umsah, war es schon kurz vor dem Verlöschen.
 
„Das heißt verspielt!“ sagte Li Wan lächelnd zu ihm, dann forderte sie Tan-tschun auf: „Schreib deine fertige Hälfte auf, Gast unter Bananen!“
 
Rasch schrieb Tan-tschun die Verse nieder, und als sich die anderen das Blatt ansahen, stand wirklich nur ein halber „Baron von Süd-Ast“ darauf:
 
„Unnütz die zahllosen Schnüre,
 
zwecklos das dichte Gezweig,
 
das kann die Flocken nicht halten,
 
sie wirbeln ziellos davon.“
 
„Aber das schreibt sich doch leicht“, sagte Li Wan lächelnd. „Warum hast du es nicht fortgesetzt?“
 
Als Bau-yü sah, daß das Weihrauchstäbchen schon erloschen war, wollte er sich lieber geschlagen geben als versuchen, die Aufgabe mit Gewalt doch noch zu erfüllen, darum legte er den Schreibpinsel nieder und sah sich ebenfalls das Gedicht an, das Tan-tschun geschrieben hatte. Als er bemerkte, daß es unvollendet geblieben war, erwachte sein Interesse, und einer plötzlichen Eingebung folgend, griff er wieder zum Pinsel und schrieb die Fortsetzung:
 
„Gräm dich nicht, wenn wir verfliegen,
 
  wir kennen ja unsere Zeit.
 
  Geht der Frühling schon zu Ende,
 
  kehrn wir wieder nächstes Jahr.“
 
Lächelnd bemerkten die anderen dazu: „Was eigentlich deine Aufgabe war, hast du nicht gekonnt, und hierauf mußtest du kommen! Aber es wird dir nicht angerechnet, auch wenn es gut ist.“ Dann lasen sie Dai-yüs „Vielfach zu Zeiten der Tang“:
 
„Puderrest von der Blumeninsel,
 
  Düftespur aus dem Schwalbenturmhaus,
 
  von der Luft nur geballt zu Kugeln,
 
  leicht zerstört wie das menschliche Glück.
 
  Vergeblich die zarte Verstrickung,
 
  zu verderben bestimmt ist die Pracht.
 
  Empfinden auch Bäume mit Wehmut,
 
  wie das Alter die Haare bereift?
 
  Was niemand bereit ist zu halten,
 
  treibt davon, mit dem Ostwind vermählt.
 
  Drum fort auf dem Weg ohne Umkehr,
 
  meine Tränen, sie hindern es nicht.“
 
Nach der Lektüre nickten alle und seufzten ergriffen, ehe sie sagten: „Das ist zu traurig geschrieben, aber gut ist es!“ Anschließend lasen sie Bau-tjins „Mond überm Westfluß“:
 
„Spärlich im Han-Park standen die Weiden,
 
  reichlich bepflanzt war der Suee-Deich damit.
 
  Des Frühlings Schöpfung verweht mit dem Wind,
 
  ein Mondnachtblütentraum, mehr war sie nicht.
 
  Jeder Hof ist mit Blüten beschüttet,
 
  und alle Fenster sind duftig beschneit.
 
  Ob Nord oder Süd, das Bild ist sich gleich,
 
  und dennoch – die Trennung tut weh, so weh.“
 
Dann erklärten sie lächelnd: „Das ist kraftvoll geschrieben. Besonders gut sind die beiden Zeilen mit ‚jeder Hof‘ und ‚alle Fenster‘.“
 
Bau-tschai jedoch wandte ein: „Aber letzten Endes ist es natürlich zu kopfhängerisch. Für meine Begriffe sind Weidenflocken etwas Leichtes, das weder Wurzel noch Bindung hat, und das muß man von der positiven Seite her sehen, um nicht in Schablonen zu verfallen. So jedenfalls habe ich mein Gedicht zusammenphantasiert. Aber euch wird es kaum gefallen.“
 
„Nur keine falsche Bescheidenheit!“ sagten die anderen daraufhin lächelnd. „Wir werden es zu genießen und zu würdigen wissen, bestimmt ist es gut!“ Und sie lasen den „Unsterblichen von Lin-djiang“, der lautete:
 
„Frühlingstanz vor Jadehallen,
 
  wo Biene schwärmt und Schmetterling.
 
  Der Ostwind bläst dazu den Takt.“
 
„Das ist gut!“ lobte Hsiang-yün. „Und die Zeile ‚Der Ostwind bläst dazu den Takt‘ ist besser als jede andere in den übrigen Gedichten.“ Dann lasen sie weiter:
 
„Was heißt, sie stürben im Wasser
 
  und seien bestimmt für den Staub?
 
  Tausend Fäden, tausend Strähnen,
 
  so leicht getrennt wie leicht vereint.
 
  Scheltet sie nicht ungebunden!
 
  Ein günstiger Wind leiht seine Kraft
 
  Und trägt sie hoch in die Wolken.“
 
Alle schlugen auf den Tisch und schrien vor Begeisterung, ehe sie sagten: „Du hast wirklich viel Kraft hineingelegt, und natürlich ist dein Gedicht das beste von allen. Trauriger und ergreifender ist das der Kaiserfrau vom Hsiau-hsiang-Fluß, gemütvoller und lieblicher das des Freundes, der sich aufs Abendrot bettet. Bau-tjin und der Gast unter Bananen sind diesmal durchgefallen und müssen bestraft werden.“
 
„Das müssen wir natürlich“, räumte Bau-tjin lächelnd ein, „aber wie wird erst der bestraft, der ein leeres Blatt abgegeben hat?“
 
„Nur nicht so hastig!“ wurde sie von Li Wan ermahnt. „Er wird auf jeden Fall streng bestraft, damit er fürs nächste Mal gewarnt ist!“
 
Das hatte sie kaum gesagt, als draußen etwas krachend in die Bambuswipfel stürzte. Es hörte sich an, als ob der Fensterflügel in einem Schiebefenster heruntergefallen wäre. Jedermann fuhr erschrocken zusammen, und die Sklavenmädchen liefen hinaus, um nachzusehen. Dann hörte man, wie eine von ihnen rief: „Ein großer Drachen in Schmetterlingsform hängt oben im Bambus.“
 
„So ein schöner Drachen!“ ließen sich auch die anderen Sklavenmädchen vernehmen. „Wer weiß, in wessen Familie man ihn hat steigen lassen, und dann ist die Schnur gerissen. Holen wir ihn herunter!“
 
Als Bau-yü und die anderen das hörten, gingen sie ebenfalls hinaus, um sich den Drachen anzusehen, und Bau-yü verkündete lächelnd: „Ich kenne diesen Drachen. Den hat Djiau-hung aus dem Gehöft des alten gnädigen Herrn steigen lassen. Holt ihn herunter und tragt ihn zu ihr hinüber!“
 
„Gibt es vielleicht in der ganzen Welt keine zwei Drachen, die genauso aussehen, und nur sie hatte solchen?“ fragte Dsï-djüan lächelnd. „Ich werde mich nicht darum kümmern und nehme ihn mir!“
 
„Auf einmal macht auch Dsï-djüan diese Kleine-Leute-Art nach“, rügte Tan-tschun. „Ihr habt doch ebensogut einen Drachen, und jetzt willst du dir einen nehmen, der jemand anders weggeflogen ist, ohne daß du dir Gedanken darüber machst, daß so etwas tabu ist.“
 
„Ja, eben“, fiel Dai-yü ein, „wer weiß, wer ihn hat wegfliegen lassen, damit sein böses Geschick mit wegfliegt. Schafft ihn nur schnell fort und holt unsern eigenen Drachen heraus, damit auch wir unser böses Geschick wegfliegen lassen können!“
 
Jetzt erst gab Dsï-djüan den kleineren Sklavenmädchen den Befehl, den Drachen zu den alten Frauen zu bringen, die am Gartentor Tagdienst hatten, damit ihn sich jemand, der ihn suchte, dort geben lassen könnte.
 
Die übrigen kleinen Sklavenmädchen stürzten, kaum daß sie hörten, Dai-yü wolle ihren Drachen steigen lassen, Hals über Kopf davon und kamen mit einem Drachen in Form eines schönen Mädchens wieder. Die einen holten einen hohen Schemel herbei, andere banden einen Zweig dergestalt an einem Bambusstab fest, daß eine Gabelstange entstand, und wieder andere wickelten eine Schnur auf eine Haspel.
 
Bau-tschai und die anderen stellten sich vor das Hoftor und befahlen den Sklavenmädchen, sie sollten den Drachen auf der freien Fläche außerhalb des Gehöfts steigen lassen. Da bemerkte Bau-tjin lächelnd: „Der Drachen ist aber nicht so schön wie Tan-tschuns großer Phönixdrachen mit weichen Flügeln.“
 
„Tatsächlich!“ bestätigte Bau-tschai, ebenfalls lächelnd. Dann wandte sie den Kopf und befahl Tsuee-mo: „Hol euren Drachen ebenfalls her!“
 
Wirklich ging Tsuee-mo lachend fort, um den Drachen zu holen, und nun kam auch Bau-yü auf den Geschmack und erteilte einem seiner kleineren Sklavenmädchen den Befehl: „Geh nach Hause und hol mir den großen Fisch, den ich gestern von Lai Das Frau geschenkt bekommen habe!“
 
Das Mädchen blieb lange fort und kam dann mit leeren Händen wieder, um lächelnd zu berichten: „Den Fisch hat Fräulein Tjing-wën gestern schon fliegen lassen.“
 
„Dabei hatte ich ihn noch kein einziges Mal steigen lassen“, sagte Bau-yü bedauernd.
 
„Und wenn schon“, tröstete Tan-tschun ihn lächelnd, „Tjing-wën hat ja für dich das böse Geschick wegfliegen lassen.“
 
„Na schön“, sagte Bau-yü, „dann hol mir statt dessen die große Krabbe!“
 
Wieder ging das Sklavenmädchen fort, aber als sie zurückkam, trug sie mit einigen Gefährtinnen zusammen einen Drachen, der ebenfalls die Form eines schönen Mädchens hatte, dazu eine Haspel mit Schnur, und diesmal meldete sie: „Fräulein Hsi-jën läßt sagen, die Krabbe habe sie gestern dem jungen Herrn Huan geschenkt. Diesen hier habe die Frau von Lin Dschï-hsiau eben erst für Euch gebracht, Ihr solltet ihn statt dessen steigen lassen.“
 
Bau-yü sah sich das Geschenk aufmerksam an und stellte dabei fest, daß die Schöne sehr sorgfältig gearbeitet war. Froh darüber, befahl er, man solle sie aufsteigen lassen.
 
Inzwischen war auch Tan-tschuns Drachen gebracht worden, und Tsuee-mo war eben mit einigen anderen kleinen Sklavenmädchen dabei, ihn vom Hang des Berges aus in die Luft steigen zu lassen. Nun befahl Bau-tjin ebenfalls, man solle ihr ihre große rote Fledermaus holen, und Bau-tschai, die gleichfalls Gefallen an der Sache gefunden hatte, ließ sich auch einen ihrer Drachen bringen, der aus einer Kette von sieben großen Wildgänsen bestand.
 
Nacheinander stiegen alle Drachen in die Luft empor, nur Bau-yüs Schöne wollte und wollte nicht fliegen. Da sagte Bau-yü, die Sklavenmädchen hätten keine Ahnung, und versuchte es selbst eine ganze Zeitlang. Aber der Drachen kam nicht weiter als bis in die Höhe der Dächer, dann stürzte er wieder herunter. Vor Aufregung stand Bau-yü schon der Schweiß auf der Stirn, und die anderen machten sich über ihn lustig. Wütend warf Bau-yü schließlich den Drachen auf die Erde, wies mit der Hand darauf und schimpfte: „Wenn du nicht ein Mädchen wärst, würde ich dich mit einem Fußtritt kurz und klein stampfen!“
 
Lächelnd verriet ihm Dai-yü: „Es liegt nur daran, daß mit der vorderen Schnur etwas nicht in Ordnung ist. Laß ihn wegbringen, damit man sie richtig anbringt, dann fliegt er auch.“
 
Also befahl Bau-yü, den Drachen wieder wegzutragen, und ließ sich zugleich einen anderen bringen, den er steigen ließ. Dann standen alle mit zurückgelegtem Kopf da und schauten den Drachen nach, die hoch in die Luft stiegen.
 
Bald darauf brachten die Sklavenmädchen noch die verschiedensten „Essenträger“<ref>Eine Vorrichtung, die man an der Schnur des schon in der Luft befindlichen Drachens hochsteigen ließ, um farbige Papierschnitzel daraus zu verstreuen, wenn sie oben war.</ref>, mit denen sie sich dann eine Weile vergnügten. Lächelnd sagte Dsï-djüan schließlich: „Jetzt zieht er kräftig, nehmt Ihr ihn, Fräulein!“
 
Daraufhin legte sich Dai-yü ein Taschentuch über die Hand und ruckte probeweise an der Schnur. Tatsächlich hatte der Wind den Drachen bereits mit voller Kraft gepackt. Also nahm sie Dsï-djüan die Haspel ab und ließ sie frei auf der Achse rotieren. Vom Drachen gezogen, schnurrte die Schnur von der Haspel und war im Nu bis zum Ende abgespult. Jetzt forderte Dai-yü die anderen auf, sie sollten den Drachen für sie wegfliegen lassen, doch sie antworteten ihr: „Jeder hat seinen eigenen, laß du ihn fliegen!“
 
„Es macht zwar Spaß, ihn fliegen zu lassen, aber ich bringe es einfach nicht über mich“, klagte Dai-yü lächelnd.
 
„Aber es ist doch gerade dieser Spaß, den man erreichen will, wenn man Drachen steigen läßt, und nur darum sagt man doch, man lasse das böse Geschick wegfliegen. Gerade du mußt recht viele Drachen wegfliegen lassen, damit sie die Wurzeln deiner Krankheit ganz und gar mitnehmen“, wurde sie von Li Wan belehrt.
 
„Ihr werdet immer kleinlicher, Fräulein“, behauptete Dsï-djüan, an Dai-yü gewandt, „Jahr für Jahr haben wir mehrere Drachen wegfliegen lassen, und jetzt auf einmal tut es Euch leid darum. Wenn Ihr ihn nicht fliegen laßt, lasse ich ihn fliegen.“
 
Mit diesen Worten nahm sie Hsüä-yän eine kleine europäische Silberschere aus der Hand und setzte sie direkt an der Haspel an, so daß auch nicht ein Tsun mehr darauf übrigblieb. Ratsch! machte es, als die Schnur durchgeschnitten wurde. „Nun nimm aber auch die Krankheit samt allen Wurzeln mit fort!“ rief Dsï-djüan dem Drachen mit lächelnder Miene nach.
 
Der Drachen taumelte hin und her und entfernte sich dabei immer weiter. Schon war er nur noch so groß wie ein Hühnerei, einen Augenblick später war es nur noch ein schwarzer Punkt, und nach einem weiteren Augenblick war er nicht mehr zu sehen. Alle hatten den Kopf in den Nacken geworfen, kniffen die Augen zusammen und riefen: „Macht das Spaß, macht das Spaß!“
 
Bau-yü aber sagte: „Schade, daß man nicht weiß, wo er herunterkommt! Falls dort Menschen wohnen und Kinder ihn finden, ist es noch gut. Falls er aber in einer wüsten und menschenleeren Gegend herunterkommt, kann ich ihm die Einsamkeit nachfühlen, die er empfinden muß. Der Gedanke daran veranlaßt mich, auch meinen fliegen zu lassen, damit die beiden einen Gefährten aneinander haben!“ Also zerschnitt auch er die Drachenschnur und ließ seinen Drachen genauso fliegen.
 
Gerade wollte Tan-tschun ebenfalls ihre Schnur durchschneiden, da entdeckte sie, daß noch ein zweiter Phönix am Himmel aufgetaucht war, und sagte: „Wer weiß, in wessen Familie man den hat steigen lassen!“ Lächelnd empfahlen ihr die anderen: „Warte noch, bevor du die Schnur durchschneidest! Es sieht so aus, als ob sie sich miteinander verheddern wollten.“
 
Indem sie das sagten, sahen sie, wie der andere Drachen immer näher kam und schließlich die Bahn von Tan-tschuns Drachen kreuzte. Nun wollten sie die Schnur einholen, aber der Besitzer des anderen Drachens versuchte es genauso. Während so die beiden Drachen nicht voneinander loskamen, näherte sich ihnen noch ein weiterer kunstvoll gearbeiteter Drachen mit dem Schriftzeichen hsi – „Freude“ – darauf, der so groß war wie ein Türflügel und überdies mit Rasseln versehen war, die durch die Luft klangen wie Glocken.
 
„Er wird sich wohl auch noch mit verheddern!“ meinten alle lächelnd. „Hol deine Schnur nicht ein, so ein Kuddelmuddel gibt erst den richtigen Spaß!“
 
Als sie das sagten, hatte sich die Schnur des „Freude“-Drachens wirklich schon um die der beiden Phönixdrachen geschlungen. Nun wurde von drei Seiten gezogen und geruckt, bis plötzlich alle Schnüre zugleich zerrissen und die drei Drachen schwankend auf und davon segelten.
 
Alle klatschten in die Hände und lachten lauthals darüber, dann kommentierten sie: „Das war ein Spaß! Schade nur, daß wir nicht wissen, wem der ‚Freude‘-Drachen gehört, er hat sich ein bißchen gemein benommen.“
 
„Meinen Drachen habe ich fliegen lassen, müde bin ich auch, jetzt will ich mich ausruhen gehen“, kündigte Dai-yü an.
 
„So warte doch, bis auch wir unsere Drachen haben fliegen lassen!“ verlangte Bau-tschai, „dann können wir zufrieden auseinandergehen.“
 
Nach diesen Worten ließen auch alle andere ihre Drachen fliegen, und dann trennten sie sich. Dai-yü aber ging in ihr Zimmer, wo sie sich hinlegte, um zu schlafen.
 
Wer wissen will, wie es weiterging, kann es im nächsten Kapitel erfahren.
 
  
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Da überdies das Jahresende nahte und sich die verschiedensten Angelegenheiten wie Igelstacheln häuften, kam auch noch Lin Zhixiao mit einer Namensliste herein. Es waren insgesamt acht unverheiratete junge Burschen von fünfundzwanzig Jahren, die heiraten und einen eigenen Haushalt gründen sollten, und man wartete darauf, dass drinnen die zur Entlassung anstehenden Mägde für die Zuordnung bestimmt würden.
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Phönixglanz las die Liste durch und ging zuerst zur Herzoginmutter und Dame Wang [王夫人], um nachzufragen. Man beriet gemeinsam, und obwohl es einige gab, die eigentlich zugeteilt werden sollten, hatte jede einen besonderen Grund dagegen: Als Erste hatte Mandarinenente<ref>Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenten-Paar". Erste Zofe der Herzoginmutter.</ref> [鸳鸯] geschworen, nicht zu gehen. Seit jenem Tag hatte sie kein Wort mehr mit Schatzjade [贾宝玉] gewechselt und trug weder prächtigen Schmuck noch aufwendige Kleidung. Als alle sahen, wie fest ihr Entschluss war, mochte niemand sie drängen.
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Als Zweite war Bernstein [琥珀] krank und kam diesmal nicht in Frage. Farbenwolke [彩云] hatte sich kürzlich mit Kaufmann Huan [贾环] überworfen und litt ebenfalls an einer unheilbaren Krankheit. Nur die gröberen Hauptmägde aus Phönixglanz' und Li Wans [李纨] Haushalten wurden entlassen, alle übrigen waren noch zu jung. Man befahl den jungen Burschen, sich draußen selbst Frauen zu suchen.
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Nun hatte sich in der vergangenen Zeit, da Phönixglanz krank gewesen war und Li Wan sowie Erkunderin [探春] die Haushaltsführung übernommen hatten und keine freie Minute fanden, und da dann Neujahr und die Festtage folgten und unzählige Dinge zu erledigen waren, die Dichtgesellschaft einfach aufgelöst. Jetzt war es zwar Mitte des Frühlings, und man hätte Zeit gehabt, doch Schatzjade war wegen Liuxiangliáns kaltem Verschwinden, wegen Dritter Schwester Yous Selbstentleibung mit dem Schwert, wegen Zweiter Schwester Yous Goldtod und wegen Liuwuers Erkrankung – ein Kummer folgte dem anderen, und müßige Sorgen und grundloser Groll türmten sich ohne Unterlass – so durcheinander geraten, dass sein Ausdruck wie benommen wirkte, seine Worte oft verwirrt waren und er an einer Art Geistesverwirrung zu leiden schien. Dufthauch<ref>Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „die einen überfällt/umweht". Schatzjades erste Kammerzofe.</ref> [袭人] und die anderen erschraken so sehr, dass sie es nicht wagten, der Herzoginmutter davon zu berichten, und ihn stattdessen auf hunderterlei Weise zum Spielen und Lachen zu bewegen suchten.
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An diesem Morgen war er gerade aufgewacht, als er aus dem Vorzimmer unablässiges kicherndes und gackerndes Gelächter hörte. Dufthauch sagte lachend: „Geh schnell hinaus und rette sie! Heitermuster<ref>Heitermuster: Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Muster/Klares Gewölk". Schatzjades zweite Kammerzofe.</ref> [晴雯] und Moschusmond [麝月] haben Xiongnu [芳官/雄奴] gepackt und kitzeln ihn durch!" Als Schatzjade das hörte, warf er rasch seinen graugehäuteten Pelzmantel über und ging hinaus, um nachzusehen. Er sah die drei: Die Bettdecken waren noch nicht zusammengelegt, die Oberkleider noch nicht angezogen. Heitermuster trug nur ein kleines, lauchgrünes Jäckchen aus schimmernder Seide, ein rotes Unterhemd und rote Pantoffeln, das Haar offen hängend, und saß rittlings auf Xiongnu. Moschusmond hatte ein rotes Brustband aus Seide an und war in ein altes Gewand gehüllt und kitzelte Xiongnu unter den Rippen. Xiongnu lag auf dem Kang, trug ein enganliegendes Jäckchen mit Blumenmuster, rote Hosen und grüne Strümpfe und strampelte mit beiden Füßen, vor Lachen kaum noch Luft bekommend.
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Schatzjade eilte lachend herbei und rief: „Zwei Große überfallen einen Kleinen – lasst mich helfen!" Damit kletterte er auch aufs Bett und begann Heitermuster zu kitzeln. Heitermuster war an der kitzligen Stelle getroffen, ließ lachend Xiongnu los und wehrte sich gegen Schatzjade. Xiongnu nutzte die Gelegenheit und drückte Heitermuster nieder, um sie unter den Rippen zu kitzeln. Dufthauch rief lachend: „Passt auf, dass ihr euch nicht erkältet!" Aber die vier, die sich ineinander verwickelt hatten, boten einen komischen Anblick.
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Da kam plötzlich Biyue [碧月], eine Magd, die Li Wan geschickt hatte. „Gestern Abend hat unsere Herrin hier ein Taschentuch vergessen. Ist es vielleicht noch hier?" Kleine Schwalbe [小燕] sagte: „Ja, ja, ja! Ich habe es vom Boden aufgehoben, wusste aber nicht, wem es gehört. Ich habe es gerade gewaschen, es hängt draußen zum Trocknen und ist noch nicht trocken."
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Biyue sah die vier beim Herumtollen und lachte: „Hier ist es aber lustig! Am frühen Morgen schon kichert und kreischt ihr und tobt zusammen herum." Schatzjade lachte: „Bei euch sind doch auch genug Leute – warum spielt ihr nicht?" Biyue antwortete: „Unsere Herrin spielt nicht und hält auch die beiden Nebenfrauen und Fräulein Qin [宝琴] mit fest. Jetzt ist Fräulein Qin auch noch zur Herzoginmutter gegangen, und es ist noch einsamer geworden. Wenn die beiden Nebenfrauen nach diesem Jahr gehen und nächsten Winter fort sind, wird es noch stiller. Schaut euch doch mal Fräulein Schnees [宝钗] Haushalt an – seit Xianglings [香菱] Weggang ist es viel kühler geworden, und Fräulein Wolke [湘云] steht ganz allein da."
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Noch während sie sprach, schickte Wolkenmädchen [史湘云] ihre Magd Jadegras [翠缕] herüber, um auszurichten: „Bitte den Zweiten Herrn, schnell herauszukommen und schöne Gedichte zu betrachten." Als Schatzjade das hörte, fragte er eilig: „Wo gibt es schöne Gedichte?" Jadegras lachte: „Die Fräuleins sind alle am Duftende-Quelle-Pavillon [沁芳亭]. Wenn du hingehst, wirst du es erfahren."
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Als Schatzjade das hörte, wusch und kämmte er sich eilig und ging hinaus. Tatsächlich saßen Kajaljade<ref>Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade" / „Schwarzaugenbrauen-Jade".</ref> [林黛玉], Schatzspange<ref>Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.</ref> [薛宝钗], Wolkenmädchen, Schatzharfe [宝琴] und Erkunderin dort und hielten ein Gedicht in der Hand. Als sie ihn kommen sahen, sagten alle lachend: „Und jetzt bist du immer noch nicht aufgestanden! Unsere Dichtgesellschaft hat sich ein ganzes Jahr lang nicht getroffen, und niemand hat sich darum bemüht, sie wieder aufleben zu lassen. Jetzt, im Frühling, wenn sich alles erneuert, wäre der richtige Zeitpunkt, sie wieder neu ins Leben zu rufen!"
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Wolkenmädchen lachte: „Als die Dichtgesellschaft gegründet wurde, war es Herbst – das verhieß kein Gedeihen. Jetzt aber, wo alles dem Frühling entgegenstrebt, stehen alle Zeichen auf Wachstum und Blüte. Und da dieses Pfirsichblütengedicht so schön ist, sollten wir die Meerzapfengesellschaft in eine Pfirsichblütengesellschaft umwandeln!"
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Schatzjade hörte zu, nickte und sagte: „Sehr gut." Dann drängte er, das Gedicht sehen zu dürfen. Die anderen sagten: „Lasst uns jetzt gleich zur Reisduftbäuerin [稻香老农, Li Wan] gehen und alles gemeinsam beschließen." Damit standen alle auf und gingen zusammen zum Reisduftdorf [稻香村].
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Während Schatzjade neben den anderen herging, las er auf dem Blatt den „Wandel der Pfirsichblüten":
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Draußen vor dem Vorhang weht der Ostwind zart,
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die Pfirsichblüten blühen vor der Tür.
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Dahinter sitzt die Schöne, schmückt sich kaum,
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nur ein Vorhang trennt sie von den Blüten hier.
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Der Ostwind hebt den Vorhang, will sie sehn,
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die Blüten spähen, doch er rollt sich nicht.
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Die Pfirsichblüten draußen blühn wie je,
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doch drinnen ist die Frau noch blasser als ihr Licht.
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 +
Die Blüten fühlen Mitleid, werden traurig auch,
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durch den Vorhang dringt die Botschaft mit dem Wind.
 +
Der Wind durchweht den Seidenvorhang, Blüten füllen den Hof,
 +
vor dem Hof macht Frühlingsfarbe das Herz verwund'.
 +
 +
Im moosbedeckten Hof steht das Tor nur angelehnt,
 +
an der Balustrade lehnt einsam die Gestalt.
 +
Sie weint im Ostwind an der Brüstung still,
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im roten Rock steht sie bei Pfirsichblüten, kalt.
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 +
Die Blütenblätter wirbeln bunt herab,
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frisch rot erblüht, in tiefem Grün das Laub.
 +
In Nebel eingehüllt, in Dunst versiegelt, tausend Bäume stehn,
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sie färben Turm und Wand in rotes Trüb.
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 +
Der Himmelsweber riss das Mandarinentenbrokattuch,
 +
vom Frühlingsrausch erwachend, schiebt sie das Korallenkissen fort.
 +
Die Zofe bringt das goldne Becken Wasser dar,
 +
im Duftquell spiegelt sich der Schminke kühler Ort.
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Die Schminke glänzt – wem gleicht sie am Gesicht?
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Der Blüte Farbe und des Menschen Tränen sind's.
 +
Vergleicht man Tränen mit der Pfirsichblüte gar –
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die Träne fließt beständig, doch die Blüte strahlt beschwingt.
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Mit tränenden Augen schaut sie Blüten an, die Träne trocknet bald,
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und ist die Träne trocken, welkt im Lenz die Blüte auch.
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Die welke Blüte birgt die welke Frau,
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die Blüte fällt, die Frau ermattet – Dämmerung bricht ein.
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Ein Kuckucksruf – der Frühling ist dahin,
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einsam der Vorhang, leer der Mondesschein.
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Schatzjade las es und lobte es nicht mit Worten, doch Tränen rollten ihm die Wangen herab. Er wusste sogleich, dass es von Kajaljade stammte, und eben darum weinte er. Aus Angst, die anderen könnten es bemerken, wischte er sich schnell die Augen. Dann fragte er: „Wie seid ihr daran gekommen?"
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Schatzharfe lachte: „Rate doch, wer es geschrieben hat!" Schatzjade lachte: „Natürlich das Manuskript der Herrin vom Bambushain [潇湘子]." Schatzharfe lachte: „Dabei habe ich es doch geschrieben!" Schatzjade lachte: „Das glaube ich nicht. Dieser Ton, dieser Ausdruck unterscheidet sich völlig vom Stil der Bewohnerin des Duftkrautgartens [蘅芜, Schatzspange]. Darum glaube ich es nicht."
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Schatzspange lachte: „Deswegen verstehst du eben nichts davon. Hatte denn Du Fu [杜工部] etwa nur Verse wie ‚Zwei Herbste schon blühen die Astern – Tränen ferner Tage'? Er hatte ebenso ‚Rot platzt der Regen, fett die Pflaume' und ‚Wasserpflanzen, windgetrieben, grüne Bänder lang' – durchaus reizvolle Zeilen!"
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Schatzjade lachte: „Das ist gewiss richtig. Aber ich weiß, dass die ältere Schwester der jüngeren niemals solch traurige Verse erlaubt hätte, und die jüngere Schwester, obwohl sie das Talent dazu besitzt, würde sie gewiss nicht schreiben. Das ist nicht wie bei Schwester Lin, die selbst Trennung und Trauer erfahren hat und darum solch klagende Töne anstimmt." Alle lachten, als sie das hörten.
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Man hatte das Reisduftdorf bereits erreicht, und als man Li Wan das Gedicht zeigte, lobte diese es natürlich überschwänglich. Als man auf die Dichtgesellschaft zu sprechen kam, beschloss man gemeinsam: „Morgen ist der zweite Tag des dritten Monats – dann gründen wir die Gesellschaft neu, benennen die ‚Meerzapfengesellschaft' in ‚Pfirsichblütengesellschaft' um, und Kajaljade wird die Gesellschaftsleiterin. Morgen nach dem Mittagessen versammeln wir uns alle im Bambushain."
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Man begann gleich, Themen festzulegen. Kajaljade schlug vor: „Schreibt alle ein Pfirsichblütengedicht mit hundert Reimpaaren." Schatzspange wandte ein: „Das geht nicht. Es gibt seit jeher die meisten Pfirsichblütengedichte. Was man auch schreibt, es wird in ein altes Muster fallen – das lässt sich nicht mit deinem Gedicht im alten Stil vergleichen. Wir müssen uns etwas anderes überlegen."
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Noch während sie sprachen, wurde gemeldet: „Die Tante Onkelfrau ist gekommen. Die Fräuleins möchten bitte herauskommen, um ihre Aufwartung zu machen." Also gingen alle nach vorn, um Wang Zitengs Gemahlin zu begrüßen, und man unterhielt sich mit ihr. Nachdem man gemeinsam gespeist hatte, begleitete man sie in den Garten und zeigte ihr alles. Erst nach dem Abendessen, als die Laternen angezündet wurden, ging sie.
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Am nächsten Tag war Erkunderins Geburtstag. Yuanchun [元春] hatte schon am frühen Morgen zwei kleine Eunuchen mit einigen Spielzeugen geschickt. Auch die gesamte Familie brachte Geburtstagsgeschenke, das versteht sich von selbst. Nach dem Mittagessen zog Erkunderin ihre Festkleidung an und ging überall hin, um sich zu bedanken.
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Kajaljade sagte lachend zu den anderen: „Meine Gesellschaftsgründung kommt schon wieder ungelegen – ich habe ganz vergessen, dass diese Tage ihr Geburtstag ist. Auch wenn kein Fest mit Wein und Theater gefeiert wird, muss man sie doch den ganzen Tag bei der Herzoginmutter und Dame Wang Gesellschaft leisten lassen. Wie soll man da freie Zeit finden?" Darum verschob man es auf den fünften Tag.
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An diesem Morgen, nachdem alle Schwestern in den Gemächern beim Frühstück aufgewartet hatten, traf ein Brief von Kaufmann Aufrecht<ref>Kaufmann Aufrecht: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng. 政 zhèng bedeutet „aufrecht/Regierung".</ref> [贾政] ein. Schatzjade erkundigte sich nach seinem Befinden, faltete den Brief mit den Grüßen an die Herzoginmutter auseinander und las ihr vor. Es waren nur die üblichen Grußformeln und die Mitteilung, dass er um die Mitte des sechsten Monats in die Hauptstadt zurückkehren werde. Die übrigen Familienbriefe und Geschäftsmitteilungen wurden von Kaufmann Kette und Dame Wang gelesen.
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Als alle hörten, dass er im sechsten oder siebten Monat zurückkommen würde, freuten sich alle über die Maßen. Doch gerade in diesen Tagen war Wang Zitengs Tochter dem Sohn des Fürsten von Baoning zur Frau versprochen worden, und die Hochzeit war für den zehnten Tag des fünften Monats angesetzt. Phönixglanz war wieder mit den Vorbereitungen beschäftigt und drei bis fünf Tage am Stück nicht zu Hause.
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An diesem Tag kam Wang Zitengs Gemahlin erneut, um Phönixglanz abzuholen und zugleich alle Nichten und Neffen zu einem vergnüglichen Tag einzuladen. Die Herzoginmutter und Dame Wang befahlen Schatzjade, Erkunderin, Kajaljade und Schatzspange, zusammen mit Phönixglanz mitzugehen. Niemand wagte zu widersprechen, und so gingen alle in ihre Zimmer, um sich neu zu schmücken. Die fünf verabschiedeten sich und verbrachten den Tag dort. Erst bei Laternenschein kamen sie zurück.
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Als Schatzjade den Hof der Freude am Roten [怡红院] betrat, ruhte er sich eine halbe Stunde aus. Dufthauch nutzte die Gelegenheit und riet ihm, sich ein wenig zu sammeln und in seiner freien Zeit die Bücher zu ordnen, um sich vorzubereiten. Schatzjade zählte an den Fingern und sagte: „Es ist noch früh genug."
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Dufthauch erwiderte: „Die Bücher sind das Erste und die Schriftübungen das Zweite. Wenn es dann soweit ist, hast du vielleicht die Bücher, aber wo sind dann deine Schriftproben?" Schatzjade lachte: „Ich habe doch oft welche geschrieben – sind die nicht alle aufgehoben worden?"
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Dufthauch sagte: „Natürlich habe ich sie aufgehoben. Als du gestern nicht zu Hause warst, habe ich sie herausgenommen und gezählt – es sind gerade mal fünfzig oder sechzig Stück. In drei oder vier Jahren nur so wenige Blätter? Meiner Meinung nach solltest du ab morgen alle anderen Gedanken ablegen und jeden Tag fleißig einige Blätter Schönschrift üben, um die Lücken zu füllen. Es muss zwar nicht für jeden Tag eines da sein, aber im Großen und Ganzen sollte es passabel aussehen."
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Als Schatzjade das hörte, sichtete er hastig selbst alles noch einmal und erkannte, dass es wirklich nicht ausreichte. Also sagte er: „Ab morgen schreibe ich jeden Tag hundert Zeichen, dann passt es." Man sprach noch eine Weile und legte sich dann schlafen.
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Am nächsten Tag stand er auf, wusch sich, kämmte sich und setzte sich unter das Fenster, rieb die Tusche an und begann in schöner Regelschrift Vorlagen abzuschreiben. Als die Herzoginmutter ihn nicht erscheinen sah, dachte sie, er sei krank, und schickte sofort jemanden, um nachzufragen. Schatzjade ging daraufhin, ihr seinen Morgengruß darzubringen, und erklärte, er habe am frühen Morgen mit dem Schreiben begonnen und sei deshalb spät gekommen.
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Als die Herzoginmutter das hörte, freute sie sich sehr und befahl: „Von nun an schreibe und lies nur nach Herzenslust. Du brauchst nicht herauszukommen, wenn du nicht willst. Geh und sage es auch deiner Mutter."
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Schatzjade ging zu Dame Wang und erklärte es ihr. Dame Wang sagte: „Im letzten Moment das Schwert zu wetzen, nützt auch nichts mehr. Wenn er sich jetzt so aufregt – hätte er jeden Tag ein wenig geschrieben und gelesen, wie viel ließe sich da noch schaffen! Dieses Hetzen wird ihn nur wieder krank machen."
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Schatzjade beteuerte, es sei nicht so schlimm. Auch die Herzoginmutter sorgte sich, er könne sich krank hetzen. Da sagten Erkunderin und Schatzspange lachend: „Die Herzoginmutter braucht sich nicht zu sorgen. Die Bücher können wir ihm zwar nicht abnehmen, aber die Schriftübungen schon. Wenn jede von uns jeden Tag eine Seite für ihn abschreibt, kommen wir über diese Hürde. Erstens wird der Herr Vater bei seiner Rückkehr nicht böse, und zweitens macht er sich nicht krank vor Aufregung."
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Die Herzoginmutter hörte das und freute sich grenzenlos.
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Kajaljade hatte nämlich gehört, dass Kaufmann Aufrecht bei seiner Rückkehr gewiss nach Schatzjades Fortschritten fragen werde, und fürchtete, dass Schatzjade sein Herz zu sehr an andere Dinge hängte und zur Zeit der Prüfung Nachteile erleiden würde. Deshalb tat sie selbst so, als interessiere sie sich nicht dafür, rief die Dichtgesellschaft nicht ein und versuchte auch nicht, ihn mit äußeren Dingen abzulenken.
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Erkunderin und Schatzspange übten jeden Tag eine Seite Regelschrift für Schatzjade, und Schatzjade selbst legte sich ebenfalls ins Zeug und schrieb mal zweihundert, mal dreihundert Zeichen am Tag. Bis Ende des dritten Monats hatte man wieder eine beträchtliche Anzahl zusammengebracht. An diesem Tag rechnete man durch: Noch fünfzig Seiten fehlten, und man käme gerade so über die Runden.
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Da kam unerwartet Purpurkuckuck<ref>Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurner Kuckuck". Kajaljades treue Kammerzofe.</ref> [紫鹃] herein und brachte Schatzjade eine Schriftrolle. Als er sie öffnete, waren es auf altem, öligem Bambuspapier sorgfältig abgeschriebene Fliegenkopf-Miniaturschrift im Stil von Zhong You und Wang Xizhi, und die Handschrift glich seiner eigenen bis aufs Haar. Schatzjade war so erfreut, dass er Purpurkuckuck eine tiefe Verbeugung machte und dann persönlich hinging, um sich zu bedanken.
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Auch Wolkenmädchen und Schatzharfe hatten je einige Seiten abgeschrieben und ihm geschenkt. Obwohl die Gesamtzahl nicht ganz die erforderliche Menge erreichte, genügte es doch zum Durchkommen. Schatzjade war beruhigt und begann daraufhin, die Bücher, die er lesen sollte, noch einmal durchzuarbeiten.
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Gerade als er Tag für Tag fleißig lernte, kam es dazu, dass die Küste in der Nähe des Meeres von einer Sturmflut heimgesucht wurde, die mehrere Bezirke verwüstete. Die Provinzbeamten reichten Berichte ein, und auf kaiserlichen Befehl wurde Kaufmann Aufrecht angewiesen, auf seinem Rückweg die Hilfsmaßnahmen und Rechnungen zu überprüfen. So gerechnet, würde er erst gegen Winterende zurückkehren. Als Schatzjade davon hörte, legte er Bücher und Schriftübungen sofort wieder beiseite und trieb sich wie zuvor müßig umher.
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Es war Spätfrühling, und Wolkenmädchen langweilte sich. Als sie die Weidenkätzchen im Wind tanzen sah, dichtete sie spontan ein kleines Lied nach der Melodie „Wie ein Traum":
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Ist es Stickgarn, das zerfasert fällt?
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Es rollt den halben Vorhang duftend auf.
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Mit zarter Hand pflückt sie es selbst –
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vergeblich lässt sie Kuckuck klagen, Schwalbe neiden.
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Halt ein, halt ein!
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Lass nicht den Frühlingsglanz von dannen scheiden!
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Sie war mit ihrem Werk zufrieden, schrieb es auf ein Blatt Papier und zeigte es Schatzspange. Dann ging sie zu Kajaljade. Kajaljade las es und sagte lachend: „Gut! Frisch und reizvoll. Aber das könnte ich nicht."
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Wolkenmädchen lachte: „Bei all unseren Gesellschaftstreffen haben wir noch nie Lieder gedichtet. Warum rufst du nicht morgen ein Treffen zum Liederdichten ein – das wäre einmal etwas anderes und ganz erfrischend!" Als Kajaljade das hörte, packte sie plötzlich die Begeisterung, und sie sagte: „Das ist ein ausgezeichneter Vorschlag! Ich werde sie sofort einladen." Damit ließ sie einige Sorten Obst und Gebäck vorbereiten und schickte zugleich Boten zu allen Eingeladenen.
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Währenddessen legten die beiden Freundinnen als Thema Weidenkätzchen fest und bestimmten mehrere verschiedene Liedmelodien, die sie auf ein Blatt schrieben und an die Wand hefteten.
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Als die anderen kamen und es sahen – das Thema war Weidenkätzchen, und jede sollte in einer anderen kurzen Liedmelodie dichten –, lasen sie auch Wolkenmädchens Lied und lobten es eine Weile. Schatzjade lachte: „Im Liederdichten sind wir weniger geübt, aber wir müssen uns trotzdem etwas zusammenreimen." Also zogen alle Lose.
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Schatzspange zog „Am Ufer des Flusses" [临江仙], Schatzharfe „Mond über dem Westfluss" [西江月], Erkunderin „Melodie aus Nanke" [南柯子], Kajaljade „Tang Duoling" [唐多令] und Schatzjade „Schmetterling liebt die Blume" [蝶恋花].
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Purpurkuckuck entzündete eine Stange Süßtraumräucherstäbchen, und alle versanken in Nachdenken. Bald hatte Kajaljade etwas und schrieb es nieder. Gleich darauf waren auch Schatzharfe und Schatzspange fertig. Nachdem die drei geschrieben hatten, schauten sie sich gegenseitig die Verse an. Schatzspange lachte: „Lasst mich erst eure fertig lesen, dann zeige ich meines."
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Erkunderin rief lachend: „Oh weh! Wie schnell brennt das Räucherstäbchen heute herunter – nur noch drei Zehntel sind übrig! Ich habe erst die Hälfte!" Dann fragte sie, ob Schatzjade schon fertig sei. Schatzjade hatte zwar einiges geschrieben, war aber selbst unzufrieden, hatte alles wieder ausgestrichen und wollte neu beginnen. Als er sich umdrehte und das Räucherstäbchen ansah, war es fast niedergebrannt.
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Li Wan lachte: „Das zählt als verloren. Die Halbe von der Bananenschwester soll sie immerhin aufschreiben." Als Erkunderin das hörte, schrieb sie eilig auf. Die anderen schauten – es war nur die Hälfte einer „Melodie aus Nanke":
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Lose hängen feine Fäden,
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Vergeblich spinnen sich die Ranken.
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Nicht binden noch halten lässt es sich –
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nach Ost und West, nach Süd und Nord mag jedes treiben, sonder Schranken.
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Li Wan lachte: „Das lässt sich doch gut fortsetzen – warum machst du nicht weiter?" Schatzjade sah, dass das Räucherstäbchen erloschen war, gab bereitwillig seine Niederlage zu und weigerte sich, etwas Halbherziges abzuliefern. Er legte den Pinsel hin und ging hinüber, um diese halbe Strophe zu betrachten. Als er sah, dass sie unvollendet war, regte sich gerade dadurch sein Ehrgeiz, und er nahm den Pinsel und setzte fort:
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Fällt sie, so traure nicht, mein Freund,
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fliegt sie herbei, so weiß ich selbst Bescheid.
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Wenn Lerche trauert und der Schmetterling ermattet,
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kehrt späte Blütezeit –
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selbst wenn im nächsten Lenz wir uns wiedersehn,
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trennt uns ein ganzes Jahr an Zeit.
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Alle lachten: „Deinen eigenen Teil bringst du nicht zustande, und hier fällt dir plötzlich etwas ein! Selbst wenn es gut ist, zählt es nicht." Dann lasen sie Kajaljades „Tang Duoling":
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Puder fällt am Blütenstrand,
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Duft verwelkt am Schwalbenbau.
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Knäuel um Knäuel, Paar an Paar zu Ballen.
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Treibend wie ein Menschenleben, zart und flüchtig,
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in leerer Zärtlichkeit
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von Eleganz und Glanz zu lallen.
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Selbst Gras und Bäume kennen Gram,
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die Jugend wird vor der Zeit weiß und grau.
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Ach, wer sammelt, wer verwirft in diesem Leben?
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Dem Ostwind angetraut – der Frühling kümmert's nicht,
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treibt, wie ihr wollt!
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Wer könnte bleiben, wer sich widersetzen?
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Alle lasen es, nickten und seufzten: „Allzu traurig! Gut ist es freilich." Dann lasen sie Schatzharfes „Mond über dem Westfluss":
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Am Han-Palast vereinzelt, doch begrenzt,
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Am Sui-Damm Tupfer ohne Zahl.
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Drei Frühlinge Geschäft dem Ostwind dargebracht –
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wie Mondlicht und Pflaumenblüte: alles nur ein Traum.
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An wie vielen Höfen fallen rote Blüten?
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Wessen Haus umweht der Duftschneehauch?
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Von Süd bis Nord, ein und dasselbe Los –
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nur wer scheiden muss, dem wiegt der Gram so schwer.
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Alle sagten lachend: „Ihr Ton ist wahrlich kraftvoll. ‚An wie vielen Höfen' und ‚Wessen Haus' – diese beiden Zeilen sind am schönsten!"
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Schatzspange lachte: „Aber letztlich ist auch das zu trübsinnig. Ich denke mir, Weidenkätzchen sind von Natur leichte, wurzellose, haltlose Dinge. Doch nach meiner Auffassung sollte man sie gerade schön reden – erst dann fällt man nicht in die üblichen Muster. Darum habe ich etwas zusammengereimt, das euren Geschmack vielleicht nicht trifft." Alle lachten: „Sei nicht so bescheiden! Lasst uns lesen, es ist gewiss gut." So lasen sie ihr „Am Ufer des Flusses":
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Vor der weißen Jadehalle tanzt der Frühling,
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der Ostwind wirbelt alles gleichmäßig empor.
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Wolkenmädchen lachte als Erste: „Wunderbar, dieses ‚der Ostwind wirbelt alles gleichmäßig empor'! Allein diese Zeile übertrifft alle anderen." Dann lasen sie weiter:
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In Bienenschwärmen, Schmetterlingsgeschwadern bunt.
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Wann je folgte es dem fließenden Wasser?
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Muss es denn im Blütenstaub vergehen?
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Zehntausend Fäden, tausend Ranken bleiben unverrückt,
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mag es sich scharen oder trennen nach Belieben.
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Lacht nicht, Jugendglanz, über das Fehlen jeder Wurzel –
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wenn guter Wind mir häufig Kraft verleiht,
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trägt er mich hinauf zu den Wolken!
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Alle schlugen auf den Tisch und riefen begeistert: „Wahrhaftig, großartig gewendet! Natürlich in Kraft und Schwung – dieses Lied gebührt der erste Platz. In wehmütiger Innigkeit muss man der Herrin vom Xiaoxiang den Vorrang lassen, in anmutiger Zierlichkeit der Kissennebelschönen [枕霞, Wolkenmädchen], und die kleine Schnee [Schatzharfe] sowie die Bananengästin [蕉客, Erkunderin] sind heute durchgefallen und müssen bestraft werden."
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Schatzharfe lachte: „Wir nehmen unsere Strafe hin – aber was geschieht mit dem, der ein leeres Blatt abgegeben hat?" Li Wan sagte: „Keine Eile – den bestrafen wir erst recht schwer. Beim nächsten Mal dient es als Beispiel."
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Noch war das Wort nicht zu Ende gesprochen, als draußen am Fenster auf dem Bambus ein Geräusch ertönte, als wäre ein Fensterladen umgekippt, und alle erschraken. Als die Mägde hinausgingen, um nachzusehen, rief eine Magd draußen vor dem Vorhang: „Ein großer Schmetterlings-Drachen hat sich in der Bambusspitze verfangen!"
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Die Mägde lachten: „Was für ein hübscher Drachen! Wer weiß, wem die Schnur gerissen ist – holt ihn herunter!" Als Schatzjade und die anderen das hörten, kamen sie alle heraus, um ihn zu betrachten. Schatzjade lachte: „Ich kenne diesen Drachen. Das ist der von Fräulein Jiaohong [娇红] aus dem Hof des Großen Herrn. Nehmt ihn herunter und bringt ihn ihr zurück."
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Purpurkuckuck lachte: „Als gäbe es auf der ganzen Welt nicht zwei gleiche Drachen und nur sie hätte einen solchen! Mir ist es egal, ich nehme ihn mir." Erkunderin sagte: „Purpurkuckuck wird auch knauserig! Ihr habt doch selbst welche. Jetzt einen aufzulesen, den jemand hat fliegen lassen – fürchtet ihr euch nicht vor dem bösen Omen?"
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Kajaljade lachte: „Ganz recht! Man weiß ja nicht, wer sein Unglück damit hat fliegen lassen wollen. Werft ihn schnell hinaus! Holt unsere eigenen heraus, dann lassen auch wir unser Unglück fliegen!" Als Purpurkuckuck das hörte, befahl sie den kleinen Mägden, den Drachen hinauszubringen und den diensthabenden Frauen am Gartentor zu geben, damit sie ihn zurückgeben könnten, falls jemand danach suchen sollte.
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Die kleinen Mägde drinnen hatten das Wort „Drachensteigen" gehört und konnten es kaum erwarten. Sie machten sich mit Händen und Füßen daran, einen Schönheitsdrachen herauszuholen. Einige schleppten hohe Hocker herbei, andere banden die Schnurkreuze, wieder andere wickelten die Haspeln. Schatzspange und die anderen standen alle am Hoftor und befahlen den Mägden, draußen auf dem freien Platz die Drachen steigen zu lassen.
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Schatzharfe lachte: „Deiner ist nicht besonders hübsch – der große Phönix mit den weichen Flügeln von der dritten Schwester ist schöner." Schatzspange lachte: „Allerdings!" Dann wandte sie sich lachend an Jadtusche [翠墨] und sagte: „Hol euren auch, dann lasst ihn steigen!" Jadtusche ging vergnügt los, um ihn zu holen.
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Schatzjade geriet auch in Begeisterung und schickte eine kleine Magd nach Hause mit dem Auftrag: „Hol den großen Fisch, den mir Verwalterin Lai Da gestern geschenkt hat." Das Mädchen war lange fort und kam mit leeren Händen zurück. Lachend sagte es: „Fräulein Heitermuster hat ihn gestern schon fliegen lassen."
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Schatzjade rief: „Ich habe ihn noch nicht ein einziges Mal steigen lassen!" Erkunderin lachte: „Immerhin hat sie dein Unglück für dich fliegen lassen." Schatzjade sagte: „Na gut. Dann bringt den großen Krebs!" Die Magd ging und kam mit mehreren Leuten zurück, die einen Schönheitsdrachen und eine Haspel trugen. „Fräulein Dufthauch lässt ausrichten, den Krebs habe sie gestern dem Dritten Herrn [贾环] gegeben. Diesen hier hat Verwalterin Lin gerade erst gebracht – lasst diesen steigen."
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Schatzjade betrachtete ihn genau – der Schönheitsdrachen war äußerst kunstvoll gearbeitet. Erfreut befahl er, ihn steigen zu lassen. Inzwischen hatte auch Erkunderin ihren holen lassen, und Jadtusche war mit einigen kleinen Mägden auf dem Hügel drüben schon beim Steigenlassen. Schatzharfe befahl ebenfalls, ihre große rote Fledermaus zu holen. Auch Schatzspange war in Hochstimmung und ließ ihren holen – es war eine Kette von sieben großen Wildgänsen, und alle wurden in die Luft gelassen.
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Nur Schatzjades Schönheitsdrachen wollte nicht steigen. Schatzjade sagte, die Mägde könnten nicht damit umgehen, und versuchte es selbst eine halbe Stunde lang, aber der Drachen stieg nur bis Dachhöhe und fiel wieder herunter. Vor Aufregung brach Schatzjade der Schweiß aus, und alle lachten.
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Schatzjade warf den Drachen wütend auf den Boden und deutete mit dem Finger darauf: „Wäre es keine Schönheit, würde ich sie mit den Füßen zertrampeln!" Kajaljade lachte: „Das liegt an der Hauptschnur – sie ist nicht gut. Lass sie hinausbringen und von jemandem die Hauptschnur neu binden!" Schatzjade schickte jemanden los, um die Schnur neu binden zu lassen, und nahm sich inzwischen einen anderen Drachen zum Steigenlassen. Alle blickten hinauf: Die Drachen am Himmel waren schon hoch in die Lüfte gestiegen.
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Bald darauf brachten die Mägde noch viele verschiedenartig gestaltete Drachen, und man spielte eine Weile. Purpurkuckuck lachte: „Diesmal ist der Wind stark – Fräulein, kommt und lasst ihn los!" Als Kajaljade das hörte, stützte sie ihre Hand mit einem Taschentuch, gab einmal kräftig Zug, und tatsächlich war der Wind stark. Sie übernahm die Haspel und ließ, der Zugkraft des Drachens folgend, die Haspel los. Ein reißendes Rattern ertönte, und im Nu war die Schnur der Haspel abgelaufen.
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Kajaljade lud die anderen ein, ihre Drachen loszulassen. Alle lachten: „Jede hat ihren eigenen – bitte, fang du an!" Kajaljade lachte: „Loslassen macht zwar Spaß, aber es tut mir doch leid." Li Wan sagte: „Drachensteigen ist doch für dieses Vergnügen da. Darum sagt man auch, man lässt sein Unglück fliegen. Du solltest umso mehr loslassen – nimm deine Krankheitswurzeln alle mit fort!"
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Purpurkuckuck lachte: „Unser Fräulein wird immer geiziger! Jedes Jahr lässt sie ein paar steigen, und jetzt tut ihr das Herz plötzlich weh. Wenn das Fräulein nicht loslässt, dann lasse ich los." Damit nahm sie Schneegans [雪雁] eine kleine silberne Schere westlicher Machart aus der Hand, setzte sie direkt an der Haspelwurzel an, so dass nicht ein Fingerbreit Schnur übrig blieb, und – ratsch! – schnitt sie durch. Lachend rief sie: „Damit fliegt auch die Krankheit mitsamt allen Wurzeln davon!"
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Der Drachen taumelte und schwankte und entfernte sich immer weiter. Bald war er nur noch so groß wie ein Hühnerei, einen Augenblick später nur noch ein schwarzer Punkt, und nach einem weiteren Augenblick war er verschwunden. Alle reckten die Hälse, kniffen die Augen zusammen und riefen: „Wie herrlich, wie herrlich!"
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Schatzjade sagte: „Schade, dass man nicht weiß, wo er herunterkommt. Fällt er dort, wo Menschen wohnen, und finden Kinder ihn, so ist es noch gut. Fällt er aber in einer wüsten, menschenleeren Gegend nieder, fühle ich seine Einsamkeit mit. Bei dem Gedanken will ich auch meinen loslassen, damit die beiden Gefährten füreinander haben." Also schnitt auch er die Schnur durch und ließ seinen Drachen genauso fliegen.
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Gerade wollte Erkunderin ihre Phönixschnur durchschneiden, da entdeckte sie am Himmel noch einen zweiten Phönix und sagte: „Von wem der wohl stammt?" Alle lachten: „Warte noch mit dem Abschneiden! Es sieht so aus, als wollten sie sich miteinander verheddern."
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Tatsächlich kam der andere Phönix immer näher und verstrickte sich mit Erkunderins Phönix. Man wollte die Schnur einholen, doch der andere Besitzer tat dasselbe. Noch während sie im Gerangel waren, tauchte ein riesiger, türflügelgroßer, kunstvoll gearbeiteter Doppelfreude-Drachen mit Rasselpeitsche auf, dessen Klang am Himmel wie Glockengeläut dröhnte, und näherte sich ebenfalls.
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Alle lachten: „Der will sich wohl auch verheddern! Holt die Schnur nicht ein – wenn sich alle drei verknoten, ist es erst richtig lustig!" Und tatsächlich verschlang sich der Doppelfreudedrachen mit den beiden Phönixen. Man zerrte und ruckte von drei Seiten, doch plötzlich rissen alle Schnüre zugleich, und die drei Drachen segelten schwankend davon.
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Alle klatschten in die Hände und lachten laut: „Wie lustig! Aber wem gehört wohl der Doppelfreudedrachen? Der hat sich ganz schön frech benommen!" Kajaljade sagte: „Meinen Drachen habe ich auch fliegen lassen, und ich bin müde – ich gehe mich ausruhen." Schatzspange sagte: „Wartet noch, bis auch wir unsere losgelassen haben, dann können wir alle auseinandergehen."
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Nachdem man zugesehen hatte, wie auch die Schwestern ihre Drachen fliegen ließen, trennte man sich. Kajaljade ging in ihr Zimmer und legte sich hin, um zu ruhen.
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Wer wissen will, wie es weiterging, erfahre es im nächsten Kapitel.
 
== Anmerkungen ==
 
== Anmerkungen ==
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<div style="text-align: center; font-size: 0.9em; color: #666; margin-top: 20px;">
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''Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本).''
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Revision as of 12:36, 15 April 2026

Kapitel: 1 · 2 · 3 · 4 · 5 · 6 · 7 · 8 · 9 · 10 · [11-20] · [21-30] · [31-40] · [41-50] · [51-60] · [61-70] · [71-80] · [81-90] · [91-100] · [101-110] · [111-120] · ← Inhalt

Version: ZH · DE (Woesler) · ZH-DE

Siebzigstes Kapitel

Kajaljade gründet die Pfirsichblüten-Dichtgesellschaft neu; Wolkenmädchen dichtet zufällig ein Weidenkätzchen-Lied

Es wird erzählt, dass Kaufmann Kette [贾琏] sich sieben Tage und Nächte lang im Birnenblütenhof aufhielt, wo Mönche und Taoisten ununterbrochen buddhistische Zeremonien abhielten. Dann rief ihn die Herzoginmutter [贾母] zu sich und ordnete an, die Verstorbene solle auf keinen Fall im Familientempel beigesetzt werden. Kaufmann Kette hatte keine Wahl und musste sich erneut mit dem Mönch Shijue besprechen. Man wählte einen Grabplatz oberhalb der Grablege von Dritter Schwester You und ließ die Erde aufbrechen, um die Tote zu bestatten. Am Tag der Beisetzung erschienen lediglich einige Sippenmitglieder, das Ehepaar Wang Xin sowie Frau You [尤氏] mit ihrer Schwiegertochter. Phönixglanz[1] [王熙凤] kümmerte sich um nichts und ließ ihn alles selbst erledigen.

Da überdies das Jahresende nahte und sich die verschiedensten Angelegenheiten wie Igelstacheln häuften, kam auch noch Lin Zhixiao mit einer Namensliste herein. Es waren insgesamt acht unverheiratete junge Burschen von fünfundzwanzig Jahren, die heiraten und einen eigenen Haushalt gründen sollten, und man wartete darauf, dass drinnen die zur Entlassung anstehenden Mägde für die Zuordnung bestimmt würden.

Phönixglanz las die Liste durch und ging zuerst zur Herzoginmutter und Dame Wang [王夫人], um nachzufragen. Man beriet gemeinsam, und obwohl es einige gab, die eigentlich zugeteilt werden sollten, hatte jede einen besonderen Grund dagegen: Als Erste hatte Mandarinenente[2] [鸳鸯] geschworen, nicht zu gehen. Seit jenem Tag hatte sie kein Wort mehr mit Schatzjade [贾宝玉] gewechselt und trug weder prächtigen Schmuck noch aufwendige Kleidung. Als alle sahen, wie fest ihr Entschluss war, mochte niemand sie drängen.

Als Zweite war Bernstein [琥珀] krank und kam diesmal nicht in Frage. Farbenwolke [彩云] hatte sich kürzlich mit Kaufmann Huan [贾环] überworfen und litt ebenfalls an einer unheilbaren Krankheit. Nur die gröberen Hauptmägde aus Phönixglanz' und Li Wans [李纨] Haushalten wurden entlassen, alle übrigen waren noch zu jung. Man befahl den jungen Burschen, sich draußen selbst Frauen zu suchen.

Nun hatte sich in der vergangenen Zeit, da Phönixglanz krank gewesen war und Li Wan sowie Erkunderin [探春] die Haushaltsführung übernommen hatten und keine freie Minute fanden, und da dann Neujahr und die Festtage folgten und unzählige Dinge zu erledigen waren, die Dichtgesellschaft einfach aufgelöst. Jetzt war es zwar Mitte des Frühlings, und man hätte Zeit gehabt, doch Schatzjade war wegen Liuxiangliáns kaltem Verschwinden, wegen Dritter Schwester Yous Selbstentleibung mit dem Schwert, wegen Zweiter Schwester Yous Goldtod und wegen Liuwuers Erkrankung – ein Kummer folgte dem anderen, und müßige Sorgen und grundloser Groll türmten sich ohne Unterlass – so durcheinander geraten, dass sein Ausdruck wie benommen wirkte, seine Worte oft verwirrt waren und er an einer Art Geistesverwirrung zu leiden schien. Dufthauch[3] [袭人] und die anderen erschraken so sehr, dass sie es nicht wagten, der Herzoginmutter davon zu berichten, und ihn stattdessen auf hunderterlei Weise zum Spielen und Lachen zu bewegen suchten.

An diesem Morgen war er gerade aufgewacht, als er aus dem Vorzimmer unablässiges kicherndes und gackerndes Gelächter hörte. Dufthauch sagte lachend: „Geh schnell hinaus und rette sie! Heitermuster[4] [晴雯] und Moschusmond [麝月] haben Xiongnu [芳官/雄奴] gepackt und kitzeln ihn durch!" Als Schatzjade das hörte, warf er rasch seinen graugehäuteten Pelzmantel über und ging hinaus, um nachzusehen. Er sah die drei: Die Bettdecken waren noch nicht zusammengelegt, die Oberkleider noch nicht angezogen. Heitermuster trug nur ein kleines, lauchgrünes Jäckchen aus schimmernder Seide, ein rotes Unterhemd und rote Pantoffeln, das Haar offen hängend, und saß rittlings auf Xiongnu. Moschusmond hatte ein rotes Brustband aus Seide an und war in ein altes Gewand gehüllt und kitzelte Xiongnu unter den Rippen. Xiongnu lag auf dem Kang, trug ein enganliegendes Jäckchen mit Blumenmuster, rote Hosen und grüne Strümpfe und strampelte mit beiden Füßen, vor Lachen kaum noch Luft bekommend.

Schatzjade eilte lachend herbei und rief: „Zwei Große überfallen einen Kleinen – lasst mich helfen!" Damit kletterte er auch aufs Bett und begann Heitermuster zu kitzeln. Heitermuster war an der kitzligen Stelle getroffen, ließ lachend Xiongnu los und wehrte sich gegen Schatzjade. Xiongnu nutzte die Gelegenheit und drückte Heitermuster nieder, um sie unter den Rippen zu kitzeln. Dufthauch rief lachend: „Passt auf, dass ihr euch nicht erkältet!" Aber die vier, die sich ineinander verwickelt hatten, boten einen komischen Anblick.

Da kam plötzlich Biyue [碧月], eine Magd, die Li Wan geschickt hatte. „Gestern Abend hat unsere Herrin hier ein Taschentuch vergessen. Ist es vielleicht noch hier?" Kleine Schwalbe [小燕] sagte: „Ja, ja, ja! Ich habe es vom Boden aufgehoben, wusste aber nicht, wem es gehört. Ich habe es gerade gewaschen, es hängt draußen zum Trocknen und ist noch nicht trocken."

Biyue sah die vier beim Herumtollen und lachte: „Hier ist es aber lustig! Am frühen Morgen schon kichert und kreischt ihr und tobt zusammen herum." Schatzjade lachte: „Bei euch sind doch auch genug Leute – warum spielt ihr nicht?" Biyue antwortete: „Unsere Herrin spielt nicht und hält auch die beiden Nebenfrauen und Fräulein Qin [宝琴] mit fest. Jetzt ist Fräulein Qin auch noch zur Herzoginmutter gegangen, und es ist noch einsamer geworden. Wenn die beiden Nebenfrauen nach diesem Jahr gehen und nächsten Winter fort sind, wird es noch stiller. Schaut euch doch mal Fräulein Schnees [宝钗] Haushalt an – seit Xianglings [香菱] Weggang ist es viel kühler geworden, und Fräulein Wolke [湘云] steht ganz allein da."

Noch während sie sprach, schickte Wolkenmädchen [史湘云] ihre Magd Jadegras [翠缕] herüber, um auszurichten: „Bitte den Zweiten Herrn, schnell herauszukommen und schöne Gedichte zu betrachten." Als Schatzjade das hörte, fragte er eilig: „Wo gibt es schöne Gedichte?" Jadegras lachte: „Die Fräuleins sind alle am Duftende-Quelle-Pavillon [沁芳亭]. Wenn du hingehst, wirst du es erfahren."

Als Schatzjade das hörte, wusch und kämmte er sich eilig und ging hinaus. Tatsächlich saßen Kajaljade[5] [林黛玉], Schatzspange[6] [薛宝钗], Wolkenmädchen, Schatzharfe [宝琴] und Erkunderin dort und hielten ein Gedicht in der Hand. Als sie ihn kommen sahen, sagten alle lachend: „Und jetzt bist du immer noch nicht aufgestanden! Unsere Dichtgesellschaft hat sich ein ganzes Jahr lang nicht getroffen, und niemand hat sich darum bemüht, sie wieder aufleben zu lassen. Jetzt, im Frühling, wenn sich alles erneuert, wäre der richtige Zeitpunkt, sie wieder neu ins Leben zu rufen!"

Wolkenmädchen lachte: „Als die Dichtgesellschaft gegründet wurde, war es Herbst – das verhieß kein Gedeihen. Jetzt aber, wo alles dem Frühling entgegenstrebt, stehen alle Zeichen auf Wachstum und Blüte. Und da dieses Pfirsichblütengedicht so schön ist, sollten wir die Meerzapfengesellschaft in eine Pfirsichblütengesellschaft umwandeln!"

Schatzjade hörte zu, nickte und sagte: „Sehr gut." Dann drängte er, das Gedicht sehen zu dürfen. Die anderen sagten: „Lasst uns jetzt gleich zur Reisduftbäuerin [稻香老农, Li Wan] gehen und alles gemeinsam beschließen." Damit standen alle auf und gingen zusammen zum Reisduftdorf [稻香村].

Während Schatzjade neben den anderen herging, las er auf dem Blatt den „Wandel der Pfirsichblüten":

Draußen vor dem Vorhang weht der Ostwind zart, die Pfirsichblüten blühen vor der Tür. Dahinter sitzt die Schöne, schmückt sich kaum, nur ein Vorhang trennt sie von den Blüten hier.

Der Ostwind hebt den Vorhang, will sie sehn, die Blüten spähen, doch er rollt sich nicht. Die Pfirsichblüten draußen blühn wie je, doch drinnen ist die Frau noch blasser als ihr Licht.

Die Blüten fühlen Mitleid, werden traurig auch, durch den Vorhang dringt die Botschaft mit dem Wind. Der Wind durchweht den Seidenvorhang, Blüten füllen den Hof, vor dem Hof macht Frühlingsfarbe das Herz verwund'.

Im moosbedeckten Hof steht das Tor nur angelehnt, an der Balustrade lehnt einsam die Gestalt. Sie weint im Ostwind an der Brüstung still, im roten Rock steht sie bei Pfirsichblüten, kalt.

Die Blütenblätter wirbeln bunt herab, frisch rot erblüht, in tiefem Grün das Laub. In Nebel eingehüllt, in Dunst versiegelt, tausend Bäume stehn, sie färben Turm und Wand in rotes Trüb.

Der Himmelsweber riss das Mandarinentenbrokattuch, vom Frühlingsrausch erwachend, schiebt sie das Korallenkissen fort. Die Zofe bringt das goldne Becken Wasser dar, im Duftquell spiegelt sich der Schminke kühler Ort.

Die Schminke glänzt – wem gleicht sie am Gesicht? Der Blüte Farbe und des Menschen Tränen sind's. Vergleicht man Tränen mit der Pfirsichblüte gar – die Träne fließt beständig, doch die Blüte strahlt beschwingt.

Mit tränenden Augen schaut sie Blüten an, die Träne trocknet bald, und ist die Träne trocken, welkt im Lenz die Blüte auch. Die welke Blüte birgt die welke Frau, die Blüte fällt, die Frau ermattet – Dämmerung bricht ein. Ein Kuckucksruf – der Frühling ist dahin, einsam der Vorhang, leer der Mondesschein.

Schatzjade las es und lobte es nicht mit Worten, doch Tränen rollten ihm die Wangen herab. Er wusste sogleich, dass es von Kajaljade stammte, und eben darum weinte er. Aus Angst, die anderen könnten es bemerken, wischte er sich schnell die Augen. Dann fragte er: „Wie seid ihr daran gekommen?"

Schatzharfe lachte: „Rate doch, wer es geschrieben hat!" Schatzjade lachte: „Natürlich das Manuskript der Herrin vom Bambushain [潇湘子]." Schatzharfe lachte: „Dabei habe ich es doch geschrieben!" Schatzjade lachte: „Das glaube ich nicht. Dieser Ton, dieser Ausdruck unterscheidet sich völlig vom Stil der Bewohnerin des Duftkrautgartens [蘅芜, Schatzspange]. Darum glaube ich es nicht."

Schatzspange lachte: „Deswegen verstehst du eben nichts davon. Hatte denn Du Fu [杜工部] etwa nur Verse wie ‚Zwei Herbste schon blühen die Astern – Tränen ferner Tage'? Er hatte ebenso ‚Rot platzt der Regen, fett die Pflaume' und ‚Wasserpflanzen, windgetrieben, grüne Bänder lang' – durchaus reizvolle Zeilen!"

Schatzjade lachte: „Das ist gewiss richtig. Aber ich weiß, dass die ältere Schwester der jüngeren niemals solch traurige Verse erlaubt hätte, und die jüngere Schwester, obwohl sie das Talent dazu besitzt, würde sie gewiss nicht schreiben. Das ist nicht wie bei Schwester Lin, die selbst Trennung und Trauer erfahren hat und darum solch klagende Töne anstimmt." Alle lachten, als sie das hörten.

Man hatte das Reisduftdorf bereits erreicht, und als man Li Wan das Gedicht zeigte, lobte diese es natürlich überschwänglich. Als man auf die Dichtgesellschaft zu sprechen kam, beschloss man gemeinsam: „Morgen ist der zweite Tag des dritten Monats – dann gründen wir die Gesellschaft neu, benennen die ‚Meerzapfengesellschaft' in ‚Pfirsichblütengesellschaft' um, und Kajaljade wird die Gesellschaftsleiterin. Morgen nach dem Mittagessen versammeln wir uns alle im Bambushain."

Man begann gleich, Themen festzulegen. Kajaljade schlug vor: „Schreibt alle ein Pfirsichblütengedicht mit hundert Reimpaaren." Schatzspange wandte ein: „Das geht nicht. Es gibt seit jeher die meisten Pfirsichblütengedichte. Was man auch schreibt, es wird in ein altes Muster fallen – das lässt sich nicht mit deinem Gedicht im alten Stil vergleichen. Wir müssen uns etwas anderes überlegen."

Noch während sie sprachen, wurde gemeldet: „Die Tante Onkelfrau ist gekommen. Die Fräuleins möchten bitte herauskommen, um ihre Aufwartung zu machen." Also gingen alle nach vorn, um Wang Zitengs Gemahlin zu begrüßen, und man unterhielt sich mit ihr. Nachdem man gemeinsam gespeist hatte, begleitete man sie in den Garten und zeigte ihr alles. Erst nach dem Abendessen, als die Laternen angezündet wurden, ging sie.

Am nächsten Tag war Erkunderins Geburtstag. Yuanchun [元春] hatte schon am frühen Morgen zwei kleine Eunuchen mit einigen Spielzeugen geschickt. Auch die gesamte Familie brachte Geburtstagsgeschenke, das versteht sich von selbst. Nach dem Mittagessen zog Erkunderin ihre Festkleidung an und ging überall hin, um sich zu bedanken.

Kajaljade sagte lachend zu den anderen: „Meine Gesellschaftsgründung kommt schon wieder ungelegen – ich habe ganz vergessen, dass diese Tage ihr Geburtstag ist. Auch wenn kein Fest mit Wein und Theater gefeiert wird, muss man sie doch den ganzen Tag bei der Herzoginmutter und Dame Wang Gesellschaft leisten lassen. Wie soll man da freie Zeit finden?" Darum verschob man es auf den fünften Tag.

An diesem Morgen, nachdem alle Schwestern in den Gemächern beim Frühstück aufgewartet hatten, traf ein Brief von Kaufmann Aufrecht[7] [贾政] ein. Schatzjade erkundigte sich nach seinem Befinden, faltete den Brief mit den Grüßen an die Herzoginmutter auseinander und las ihr vor. Es waren nur die üblichen Grußformeln und die Mitteilung, dass er um die Mitte des sechsten Monats in die Hauptstadt zurückkehren werde. Die übrigen Familienbriefe und Geschäftsmitteilungen wurden von Kaufmann Kette und Dame Wang gelesen.

Als alle hörten, dass er im sechsten oder siebten Monat zurückkommen würde, freuten sich alle über die Maßen. Doch gerade in diesen Tagen war Wang Zitengs Tochter dem Sohn des Fürsten von Baoning zur Frau versprochen worden, und die Hochzeit war für den zehnten Tag des fünften Monats angesetzt. Phönixglanz war wieder mit den Vorbereitungen beschäftigt und drei bis fünf Tage am Stück nicht zu Hause.

An diesem Tag kam Wang Zitengs Gemahlin erneut, um Phönixglanz abzuholen und zugleich alle Nichten und Neffen zu einem vergnüglichen Tag einzuladen. Die Herzoginmutter und Dame Wang befahlen Schatzjade, Erkunderin, Kajaljade und Schatzspange, zusammen mit Phönixglanz mitzugehen. Niemand wagte zu widersprechen, und so gingen alle in ihre Zimmer, um sich neu zu schmücken. Die fünf verabschiedeten sich und verbrachten den Tag dort. Erst bei Laternenschein kamen sie zurück.

Als Schatzjade den Hof der Freude am Roten [怡红院] betrat, ruhte er sich eine halbe Stunde aus. Dufthauch nutzte die Gelegenheit und riet ihm, sich ein wenig zu sammeln und in seiner freien Zeit die Bücher zu ordnen, um sich vorzubereiten. Schatzjade zählte an den Fingern und sagte: „Es ist noch früh genug."

Dufthauch erwiderte: „Die Bücher sind das Erste und die Schriftübungen das Zweite. Wenn es dann soweit ist, hast du vielleicht die Bücher, aber wo sind dann deine Schriftproben?" Schatzjade lachte: „Ich habe doch oft welche geschrieben – sind die nicht alle aufgehoben worden?"

Dufthauch sagte: „Natürlich habe ich sie aufgehoben. Als du gestern nicht zu Hause warst, habe ich sie herausgenommen und gezählt – es sind gerade mal fünfzig oder sechzig Stück. In drei oder vier Jahren nur so wenige Blätter? Meiner Meinung nach solltest du ab morgen alle anderen Gedanken ablegen und jeden Tag fleißig einige Blätter Schönschrift üben, um die Lücken zu füllen. Es muss zwar nicht für jeden Tag eines da sein, aber im Großen und Ganzen sollte es passabel aussehen."

Als Schatzjade das hörte, sichtete er hastig selbst alles noch einmal und erkannte, dass es wirklich nicht ausreichte. Also sagte er: „Ab morgen schreibe ich jeden Tag hundert Zeichen, dann passt es." Man sprach noch eine Weile und legte sich dann schlafen.

Am nächsten Tag stand er auf, wusch sich, kämmte sich und setzte sich unter das Fenster, rieb die Tusche an und begann in schöner Regelschrift Vorlagen abzuschreiben. Als die Herzoginmutter ihn nicht erscheinen sah, dachte sie, er sei krank, und schickte sofort jemanden, um nachzufragen. Schatzjade ging daraufhin, ihr seinen Morgengruß darzubringen, und erklärte, er habe am frühen Morgen mit dem Schreiben begonnen und sei deshalb spät gekommen.

Als die Herzoginmutter das hörte, freute sie sich sehr und befahl: „Von nun an schreibe und lies nur nach Herzenslust. Du brauchst nicht herauszukommen, wenn du nicht willst. Geh und sage es auch deiner Mutter."

Schatzjade ging zu Dame Wang und erklärte es ihr. Dame Wang sagte: „Im letzten Moment das Schwert zu wetzen, nützt auch nichts mehr. Wenn er sich jetzt so aufregt – hätte er jeden Tag ein wenig geschrieben und gelesen, wie viel ließe sich da noch schaffen! Dieses Hetzen wird ihn nur wieder krank machen."

Schatzjade beteuerte, es sei nicht so schlimm. Auch die Herzoginmutter sorgte sich, er könne sich krank hetzen. Da sagten Erkunderin und Schatzspange lachend: „Die Herzoginmutter braucht sich nicht zu sorgen. Die Bücher können wir ihm zwar nicht abnehmen, aber die Schriftübungen schon. Wenn jede von uns jeden Tag eine Seite für ihn abschreibt, kommen wir über diese Hürde. Erstens wird der Herr Vater bei seiner Rückkehr nicht böse, und zweitens macht er sich nicht krank vor Aufregung."

Die Herzoginmutter hörte das und freute sich grenzenlos.

Kajaljade hatte nämlich gehört, dass Kaufmann Aufrecht bei seiner Rückkehr gewiss nach Schatzjades Fortschritten fragen werde, und fürchtete, dass Schatzjade sein Herz zu sehr an andere Dinge hängte und zur Zeit der Prüfung Nachteile erleiden würde. Deshalb tat sie selbst so, als interessiere sie sich nicht dafür, rief die Dichtgesellschaft nicht ein und versuchte auch nicht, ihn mit äußeren Dingen abzulenken.

Erkunderin und Schatzspange übten jeden Tag eine Seite Regelschrift für Schatzjade, und Schatzjade selbst legte sich ebenfalls ins Zeug und schrieb mal zweihundert, mal dreihundert Zeichen am Tag. Bis Ende des dritten Monats hatte man wieder eine beträchtliche Anzahl zusammengebracht. An diesem Tag rechnete man durch: Noch fünfzig Seiten fehlten, und man käme gerade so über die Runden.

Da kam unerwartet Purpurkuckuck[8] [紫鹃] herein und brachte Schatzjade eine Schriftrolle. Als er sie öffnete, waren es auf altem, öligem Bambuspapier sorgfältig abgeschriebene Fliegenkopf-Miniaturschrift im Stil von Zhong You und Wang Xizhi, und die Handschrift glich seiner eigenen bis aufs Haar. Schatzjade war so erfreut, dass er Purpurkuckuck eine tiefe Verbeugung machte und dann persönlich hinging, um sich zu bedanken.

Auch Wolkenmädchen und Schatzharfe hatten je einige Seiten abgeschrieben und ihm geschenkt. Obwohl die Gesamtzahl nicht ganz die erforderliche Menge erreichte, genügte es doch zum Durchkommen. Schatzjade war beruhigt und begann daraufhin, die Bücher, die er lesen sollte, noch einmal durchzuarbeiten.

Gerade als er Tag für Tag fleißig lernte, kam es dazu, dass die Küste in der Nähe des Meeres von einer Sturmflut heimgesucht wurde, die mehrere Bezirke verwüstete. Die Provinzbeamten reichten Berichte ein, und auf kaiserlichen Befehl wurde Kaufmann Aufrecht angewiesen, auf seinem Rückweg die Hilfsmaßnahmen und Rechnungen zu überprüfen. So gerechnet, würde er erst gegen Winterende zurückkehren. Als Schatzjade davon hörte, legte er Bücher und Schriftübungen sofort wieder beiseite und trieb sich wie zuvor müßig umher.

Es war Spätfrühling, und Wolkenmädchen langweilte sich. Als sie die Weidenkätzchen im Wind tanzen sah, dichtete sie spontan ein kleines Lied nach der Melodie „Wie ein Traum":

Ist es Stickgarn, das zerfasert fällt? Es rollt den halben Vorhang duftend auf. Mit zarter Hand pflückt sie es selbst – vergeblich lässt sie Kuckuck klagen, Schwalbe neiden. Halt ein, halt ein! Lass nicht den Frühlingsglanz von dannen scheiden!

Sie war mit ihrem Werk zufrieden, schrieb es auf ein Blatt Papier und zeigte es Schatzspange. Dann ging sie zu Kajaljade. Kajaljade las es und sagte lachend: „Gut! Frisch und reizvoll. Aber das könnte ich nicht."

Wolkenmädchen lachte: „Bei all unseren Gesellschaftstreffen haben wir noch nie Lieder gedichtet. Warum rufst du nicht morgen ein Treffen zum Liederdichten ein – das wäre einmal etwas anderes und ganz erfrischend!" Als Kajaljade das hörte, packte sie plötzlich die Begeisterung, und sie sagte: „Das ist ein ausgezeichneter Vorschlag! Ich werde sie sofort einladen." Damit ließ sie einige Sorten Obst und Gebäck vorbereiten und schickte zugleich Boten zu allen Eingeladenen.

Währenddessen legten die beiden Freundinnen als Thema Weidenkätzchen fest und bestimmten mehrere verschiedene Liedmelodien, die sie auf ein Blatt schrieben und an die Wand hefteten.

Als die anderen kamen und es sahen – das Thema war Weidenkätzchen, und jede sollte in einer anderen kurzen Liedmelodie dichten –, lasen sie auch Wolkenmädchens Lied und lobten es eine Weile. Schatzjade lachte: „Im Liederdichten sind wir weniger geübt, aber wir müssen uns trotzdem etwas zusammenreimen." Also zogen alle Lose.

Schatzspange zog „Am Ufer des Flusses" [临江仙], Schatzharfe „Mond über dem Westfluss" [西江月], Erkunderin „Melodie aus Nanke" [南柯子], Kajaljade „Tang Duoling" [唐多令] und Schatzjade „Schmetterling liebt die Blume" [蝶恋花].

Purpurkuckuck entzündete eine Stange Süßtraumräucherstäbchen, und alle versanken in Nachdenken. Bald hatte Kajaljade etwas und schrieb es nieder. Gleich darauf waren auch Schatzharfe und Schatzspange fertig. Nachdem die drei geschrieben hatten, schauten sie sich gegenseitig die Verse an. Schatzspange lachte: „Lasst mich erst eure fertig lesen, dann zeige ich meines."

Erkunderin rief lachend: „Oh weh! Wie schnell brennt das Räucherstäbchen heute herunter – nur noch drei Zehntel sind übrig! Ich habe erst die Hälfte!" Dann fragte sie, ob Schatzjade schon fertig sei. Schatzjade hatte zwar einiges geschrieben, war aber selbst unzufrieden, hatte alles wieder ausgestrichen und wollte neu beginnen. Als er sich umdrehte und das Räucherstäbchen ansah, war es fast niedergebrannt.

Li Wan lachte: „Das zählt als verloren. Die Halbe von der Bananenschwester soll sie immerhin aufschreiben." Als Erkunderin das hörte, schrieb sie eilig auf. Die anderen schauten – es war nur die Hälfte einer „Melodie aus Nanke":

Lose hängen feine Fäden, Vergeblich spinnen sich die Ranken. Nicht binden noch halten lässt es sich – nach Ost und West, nach Süd und Nord mag jedes treiben, sonder Schranken.

Li Wan lachte: „Das lässt sich doch gut fortsetzen – warum machst du nicht weiter?" Schatzjade sah, dass das Räucherstäbchen erloschen war, gab bereitwillig seine Niederlage zu und weigerte sich, etwas Halbherziges abzuliefern. Er legte den Pinsel hin und ging hinüber, um diese halbe Strophe zu betrachten. Als er sah, dass sie unvollendet war, regte sich gerade dadurch sein Ehrgeiz, und er nahm den Pinsel und setzte fort:

Fällt sie, so traure nicht, mein Freund, fliegt sie herbei, so weiß ich selbst Bescheid. Wenn Lerche trauert und der Schmetterling ermattet, kehrt späte Blütezeit – selbst wenn im nächsten Lenz wir uns wiedersehn, trennt uns ein ganzes Jahr an Zeit.

Alle lachten: „Deinen eigenen Teil bringst du nicht zustande, und hier fällt dir plötzlich etwas ein! Selbst wenn es gut ist, zählt es nicht." Dann lasen sie Kajaljades „Tang Duoling":

Puder fällt am Blütenstrand, Duft verwelkt am Schwalbenbau. Knäuel um Knäuel, Paar an Paar zu Ballen. Treibend wie ein Menschenleben, zart und flüchtig, in leerer Zärtlichkeit von Eleganz und Glanz zu lallen.

Selbst Gras und Bäume kennen Gram, die Jugend wird vor der Zeit weiß und grau. Ach, wer sammelt, wer verwirft in diesem Leben? Dem Ostwind angetraut – der Frühling kümmert's nicht, treibt, wie ihr wollt! Wer könnte bleiben, wer sich widersetzen?

Alle lasen es, nickten und seufzten: „Allzu traurig! Gut ist es freilich." Dann lasen sie Schatzharfes „Mond über dem Westfluss":

Am Han-Palast vereinzelt, doch begrenzt, Am Sui-Damm Tupfer ohne Zahl. Drei Frühlinge Geschäft dem Ostwind dargebracht – wie Mondlicht und Pflaumenblüte: alles nur ein Traum. An wie vielen Höfen fallen rote Blüten? Wessen Haus umweht der Duftschneehauch? Von Süd bis Nord, ein und dasselbe Los – nur wer scheiden muss, dem wiegt der Gram so schwer.

Alle sagten lachend: „Ihr Ton ist wahrlich kraftvoll. ‚An wie vielen Höfen' und ‚Wessen Haus' – diese beiden Zeilen sind am schönsten!"

Schatzspange lachte: „Aber letztlich ist auch das zu trübsinnig. Ich denke mir, Weidenkätzchen sind von Natur leichte, wurzellose, haltlose Dinge. Doch nach meiner Auffassung sollte man sie gerade schön reden – erst dann fällt man nicht in die üblichen Muster. Darum habe ich etwas zusammengereimt, das euren Geschmack vielleicht nicht trifft." Alle lachten: „Sei nicht so bescheiden! Lasst uns lesen, es ist gewiss gut." So lasen sie ihr „Am Ufer des Flusses":

Vor der weißen Jadehalle tanzt der Frühling, der Ostwind wirbelt alles gleichmäßig empor.

Wolkenmädchen lachte als Erste: „Wunderbar, dieses ‚der Ostwind wirbelt alles gleichmäßig empor'! Allein diese Zeile übertrifft alle anderen." Dann lasen sie weiter:

In Bienenschwärmen, Schmetterlingsgeschwadern bunt. Wann je folgte es dem fließenden Wasser? Muss es denn im Blütenstaub vergehen? Zehntausend Fäden, tausend Ranken bleiben unverrückt, mag es sich scharen oder trennen nach Belieben. Lacht nicht, Jugendglanz, über das Fehlen jeder Wurzel – wenn guter Wind mir häufig Kraft verleiht, trägt er mich hinauf zu den Wolken!

Alle schlugen auf den Tisch und riefen begeistert: „Wahrhaftig, großartig gewendet! Natürlich in Kraft und Schwung – dieses Lied gebührt der erste Platz. In wehmütiger Innigkeit muss man der Herrin vom Xiaoxiang den Vorrang lassen, in anmutiger Zierlichkeit der Kissennebelschönen [枕霞, Wolkenmädchen], und die kleine Schnee [Schatzharfe] sowie die Bananengästin [蕉客, Erkunderin] sind heute durchgefallen und müssen bestraft werden."

Schatzharfe lachte: „Wir nehmen unsere Strafe hin – aber was geschieht mit dem, der ein leeres Blatt abgegeben hat?" Li Wan sagte: „Keine Eile – den bestrafen wir erst recht schwer. Beim nächsten Mal dient es als Beispiel."

Noch war das Wort nicht zu Ende gesprochen, als draußen am Fenster auf dem Bambus ein Geräusch ertönte, als wäre ein Fensterladen umgekippt, und alle erschraken. Als die Mägde hinausgingen, um nachzusehen, rief eine Magd draußen vor dem Vorhang: „Ein großer Schmetterlings-Drachen hat sich in der Bambusspitze verfangen!"

Die Mägde lachten: „Was für ein hübscher Drachen! Wer weiß, wem die Schnur gerissen ist – holt ihn herunter!" Als Schatzjade und die anderen das hörten, kamen sie alle heraus, um ihn zu betrachten. Schatzjade lachte: „Ich kenne diesen Drachen. Das ist der von Fräulein Jiaohong [娇红] aus dem Hof des Großen Herrn. Nehmt ihn herunter und bringt ihn ihr zurück."

Purpurkuckuck lachte: „Als gäbe es auf der ganzen Welt nicht zwei gleiche Drachen und nur sie hätte einen solchen! Mir ist es egal, ich nehme ihn mir." Erkunderin sagte: „Purpurkuckuck wird auch knauserig! Ihr habt doch selbst welche. Jetzt einen aufzulesen, den jemand hat fliegen lassen – fürchtet ihr euch nicht vor dem bösen Omen?"

Kajaljade lachte: „Ganz recht! Man weiß ja nicht, wer sein Unglück damit hat fliegen lassen wollen. Werft ihn schnell hinaus! Holt unsere eigenen heraus, dann lassen auch wir unser Unglück fliegen!" Als Purpurkuckuck das hörte, befahl sie den kleinen Mägden, den Drachen hinauszubringen und den diensthabenden Frauen am Gartentor zu geben, damit sie ihn zurückgeben könnten, falls jemand danach suchen sollte.

Die kleinen Mägde drinnen hatten das Wort „Drachensteigen" gehört und konnten es kaum erwarten. Sie machten sich mit Händen und Füßen daran, einen Schönheitsdrachen herauszuholen. Einige schleppten hohe Hocker herbei, andere banden die Schnurkreuze, wieder andere wickelten die Haspeln. Schatzspange und die anderen standen alle am Hoftor und befahlen den Mägden, draußen auf dem freien Platz die Drachen steigen zu lassen.

Schatzharfe lachte: „Deiner ist nicht besonders hübsch – der große Phönix mit den weichen Flügeln von der dritten Schwester ist schöner." Schatzspange lachte: „Allerdings!" Dann wandte sie sich lachend an Jadtusche [翠墨] und sagte: „Hol euren auch, dann lasst ihn steigen!" Jadtusche ging vergnügt los, um ihn zu holen.

Schatzjade geriet auch in Begeisterung und schickte eine kleine Magd nach Hause mit dem Auftrag: „Hol den großen Fisch, den mir Verwalterin Lai Da gestern geschenkt hat." Das Mädchen war lange fort und kam mit leeren Händen zurück. Lachend sagte es: „Fräulein Heitermuster hat ihn gestern schon fliegen lassen."

Schatzjade rief: „Ich habe ihn noch nicht ein einziges Mal steigen lassen!" Erkunderin lachte: „Immerhin hat sie dein Unglück für dich fliegen lassen." Schatzjade sagte: „Na gut. Dann bringt den großen Krebs!" Die Magd ging und kam mit mehreren Leuten zurück, die einen Schönheitsdrachen und eine Haspel trugen. „Fräulein Dufthauch lässt ausrichten, den Krebs habe sie gestern dem Dritten Herrn [贾环] gegeben. Diesen hier hat Verwalterin Lin gerade erst gebracht – lasst diesen steigen."

Schatzjade betrachtete ihn genau – der Schönheitsdrachen war äußerst kunstvoll gearbeitet. Erfreut befahl er, ihn steigen zu lassen. Inzwischen hatte auch Erkunderin ihren holen lassen, und Jadtusche war mit einigen kleinen Mägden auf dem Hügel drüben schon beim Steigenlassen. Schatzharfe befahl ebenfalls, ihre große rote Fledermaus zu holen. Auch Schatzspange war in Hochstimmung und ließ ihren holen – es war eine Kette von sieben großen Wildgänsen, und alle wurden in die Luft gelassen.

Nur Schatzjades Schönheitsdrachen wollte nicht steigen. Schatzjade sagte, die Mägde könnten nicht damit umgehen, und versuchte es selbst eine halbe Stunde lang, aber der Drachen stieg nur bis Dachhöhe und fiel wieder herunter. Vor Aufregung brach Schatzjade der Schweiß aus, und alle lachten.

Schatzjade warf den Drachen wütend auf den Boden und deutete mit dem Finger darauf: „Wäre es keine Schönheit, würde ich sie mit den Füßen zertrampeln!" Kajaljade lachte: „Das liegt an der Hauptschnur – sie ist nicht gut. Lass sie hinausbringen und von jemandem die Hauptschnur neu binden!" Schatzjade schickte jemanden los, um die Schnur neu binden zu lassen, und nahm sich inzwischen einen anderen Drachen zum Steigenlassen. Alle blickten hinauf: Die Drachen am Himmel waren schon hoch in die Lüfte gestiegen.

Bald darauf brachten die Mägde noch viele verschiedenartig gestaltete Drachen, und man spielte eine Weile. Purpurkuckuck lachte: „Diesmal ist der Wind stark – Fräulein, kommt und lasst ihn los!" Als Kajaljade das hörte, stützte sie ihre Hand mit einem Taschentuch, gab einmal kräftig Zug, und tatsächlich war der Wind stark. Sie übernahm die Haspel und ließ, der Zugkraft des Drachens folgend, die Haspel los. Ein reißendes Rattern ertönte, und im Nu war die Schnur der Haspel abgelaufen.

Kajaljade lud die anderen ein, ihre Drachen loszulassen. Alle lachten: „Jede hat ihren eigenen – bitte, fang du an!" Kajaljade lachte: „Loslassen macht zwar Spaß, aber es tut mir doch leid." Li Wan sagte: „Drachensteigen ist doch für dieses Vergnügen da. Darum sagt man auch, man lässt sein Unglück fliegen. Du solltest umso mehr loslassen – nimm deine Krankheitswurzeln alle mit fort!"

Purpurkuckuck lachte: „Unser Fräulein wird immer geiziger! Jedes Jahr lässt sie ein paar steigen, und jetzt tut ihr das Herz plötzlich weh. Wenn das Fräulein nicht loslässt, dann lasse ich los." Damit nahm sie Schneegans [雪雁] eine kleine silberne Schere westlicher Machart aus der Hand, setzte sie direkt an der Haspelwurzel an, so dass nicht ein Fingerbreit Schnur übrig blieb, und – ratsch! – schnitt sie durch. Lachend rief sie: „Damit fliegt auch die Krankheit mitsamt allen Wurzeln davon!"

Der Drachen taumelte und schwankte und entfernte sich immer weiter. Bald war er nur noch so groß wie ein Hühnerei, einen Augenblick später nur noch ein schwarzer Punkt, und nach einem weiteren Augenblick war er verschwunden. Alle reckten die Hälse, kniffen die Augen zusammen und riefen: „Wie herrlich, wie herrlich!"

Schatzjade sagte: „Schade, dass man nicht weiß, wo er herunterkommt. Fällt er dort, wo Menschen wohnen, und finden Kinder ihn, so ist es noch gut. Fällt er aber in einer wüsten, menschenleeren Gegend nieder, fühle ich seine Einsamkeit mit. Bei dem Gedanken will ich auch meinen loslassen, damit die beiden Gefährten füreinander haben." Also schnitt auch er die Schnur durch und ließ seinen Drachen genauso fliegen.

Gerade wollte Erkunderin ihre Phönixschnur durchschneiden, da entdeckte sie am Himmel noch einen zweiten Phönix und sagte: „Von wem der wohl stammt?" Alle lachten: „Warte noch mit dem Abschneiden! Es sieht so aus, als wollten sie sich miteinander verheddern."

Tatsächlich kam der andere Phönix immer näher und verstrickte sich mit Erkunderins Phönix. Man wollte die Schnur einholen, doch der andere Besitzer tat dasselbe. Noch während sie im Gerangel waren, tauchte ein riesiger, türflügelgroßer, kunstvoll gearbeiteter Doppelfreude-Drachen mit Rasselpeitsche auf, dessen Klang am Himmel wie Glockengeläut dröhnte, und näherte sich ebenfalls.

Alle lachten: „Der will sich wohl auch verheddern! Holt die Schnur nicht ein – wenn sich alle drei verknoten, ist es erst richtig lustig!" Und tatsächlich verschlang sich der Doppelfreudedrachen mit den beiden Phönixen. Man zerrte und ruckte von drei Seiten, doch plötzlich rissen alle Schnüre zugleich, und die drei Drachen segelten schwankend davon.

Alle klatschten in die Hände und lachten laut: „Wie lustig! Aber wem gehört wohl der Doppelfreudedrachen? Der hat sich ganz schön frech benommen!" Kajaljade sagte: „Meinen Drachen habe ich auch fliegen lassen, und ich bin müde – ich gehe mich ausruhen." Schatzspange sagte: „Wartet noch, bis auch wir unsere losgelassen haben, dann können wir alle auseinandergehen."

Nachdem man zugesehen hatte, wie auch die Schwestern ihre Drachen fliegen ließen, trennte man sich. Kajaljade ging in ihr Zimmer und legte sich hin, um zu ruhen.

Wer wissen will, wie es weiterging, erfahre es im nächsten Kapitel.

Anmerkungen

  1. Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".
  2. Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenten-Paar". Erste Zofe der Herzoginmutter.
  3. Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „die einen überfällt/umweht". Schatzjades erste Kammerzofe.
  4. Heitermuster: Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Muster/Klares Gewölk". Schatzjades zweite Kammerzofe.
  5. Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade" / „Schwarzaugenbrauen-Jade".
  6. Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.
  7. Kaufmann Aufrecht: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng. 政 zhèng bedeutet „aufrecht/Regierung".
  8. Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurner Kuckuck". Kajaljades treue Kammerzofe.

Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本).