Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 2"
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(DE4 (Woesler 4. Aufl.): Verbesserte Übersetzung Kapitel 2 mit Fußnoten) |
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= Kapitel 2 = | = Kapitel 2 = | ||
| − | + | == Kaufmann Regenort erfährt von einem Freund die Geschichte der Familie Kaufmann == | |
| − | + | === Leng Selbstaufsteiger schildert die Wechselfälle des Hauses Rongguo === | |
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Das Eingangsgedicht lautet: | Das Eingangsgedicht lautet: | ||
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Ob Gewinn oder Verlust in dieser Partie – wer weiß es schon? | Ob Gewinn oder Verlust in dieser Partie – wer weiß es schon? | ||
Der Duft des Tees ist verflogen, doch man zögert noch. | Der Duft des Tees ist verflogen, doch man zögert noch. | ||
Willst du das Zeichen für Aufstieg und Verfall erkennen, | Willst du das Zeichen für Aufstieg und Verfall erkennen, | ||
So frage den kühlen Beobachter am Rand. | So frage den kühlen Beobachter am Rand. | ||
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Es wird erzählt, dass Siegel Schlicht [封肃], als er die Gerichtsdiener nach ihm rufen hörte, eilig hinausging und mit einem Lächeln fragte, was los sei. Die Männer riefen nur: „Bringt den Herrn Zhen schnell heraus!" Siegel Schlicht erklärte lächelnd: „Ich heiße Feng, nicht Zhen. Mein ehemaliger Schwiegersohn hieß Zhen, doch er ist schon seit ein, zwei Jahren als Mönch davongegangen. Meint Ihr vielleicht ihn?" Die Gerichtsdiener erwiderten: „Wir wissen nicht, ob es einen echten oder falschen Zhen gibt. Wir folgen nur dem Befehl des Herrn Magistrats. Da er Euer Schwiegersohn war, nehmen wir Euch mit, damit Ihr persönlich vor dem Magistrat aussagt und wir nicht vergeblich herumrennen müssen." Ohne Siegel Schlicht zu Wort kommen zu lassen, drängten sie ihn hinaus. Die ganze Familie war erschrocken und wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. | Es wird erzählt, dass Siegel Schlicht [封肃], als er die Gerichtsdiener nach ihm rufen hörte, eilig hinausging und mit einem Lächeln fragte, was los sei. Die Männer riefen nur: „Bringt den Herrn Zhen schnell heraus!" Siegel Schlicht erklärte lächelnd: „Ich heiße Feng, nicht Zhen. Mein ehemaliger Schwiegersohn hieß Zhen, doch er ist schon seit ein, zwei Jahren als Mönch davongegangen. Meint Ihr vielleicht ihn?" Die Gerichtsdiener erwiderten: „Wir wissen nicht, ob es einen echten oder falschen Zhen gibt. Wir folgen nur dem Befehl des Herrn Magistrats. Da er Euer Schwiegersohn war, nehmen wir Euch mit, damit Ihr persönlich vor dem Magistrat aussagt und wir nicht vergeblich herumrennen müssen." Ohne Siegel Schlicht zu Wort kommen zu lassen, drängten sie ihn hinaus. Die ganze Familie war erschrocken und wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. | ||
| − | Gegen die zweite Nachtwache kehrte Siegel Schlicht fröhlich und guter Dinge zurück. Alle fragten ihn aufgeregt nach den Einzelheiten. Er berichtete: „Der neue Magistrat heißt Jia, mit Vornamen Hua, und stammt aus Huzhou. Er war früher ein Bekannter meines Schwiegersohnes. Als er heute an unserer Tür vorbeikam und die Zofe Zarte Aprikose | + | Gegen die zweite Nachtwache<ref>Die zweite Nachtwache (二更 èrgēng) entspricht der Zeit zwischen 21 und 23 Uhr.</ref> kehrte Siegel Schlicht fröhlich und guter Dinge zurück. Alle fragten ihn aufgeregt nach den Einzelheiten. Er berichtete: „Der neue Magistrat heißt Jia, mit Vornamen Hua, und stammt aus Huzhou. Er war früher ein Bekannter meines Schwiegersohnes. Als er heute an unserer Tür vorbeikam und die Zofe Zarte Aprikose<ref>Chin. 嬌杏 Jiāo Xìng, wörtl. „Zarte Aprikose" – die Zofe, die sich in Kapitel 1 zweimal nach Yucun umdrehte.</ref> beim Garnkaufen sah, dachte er, mein Schwiegersohn sei hierher gezogen. Ich erklärte ihm alles, worauf der Magistrat sehr bewegt war und seufzte. Dann fragte er nach der Enkeltochter, und ich sagte, sie sei beim Laternenfest verloren gegangen. Der Magistrat versprach: ‚Keine Sorge, ich werde meine Leute anweisen, sie unbedingt aufzuspüren.' Nach einem langen Gespräch gab er mir beim Abschied noch zwei Liang Silber." Frau Zhen hörte dies und konnte ihre Rührung nicht unterdrücken. So verging die Nacht. |
Am nächsten Tag schickte Yucun gleich in der Früh jemanden mit zwei Beuteln Silber und vier Rollen Brokat als Dank für Frau Zhen, außerdem mit einem vertraulichen Brief an Siegel Schlicht, in dem er um die Zofe Zarte Aprikose als Zweitfrau bat. Siegel Schlicht war überglücklich und drängte seine Tochter, einzuwilligen. Noch in derselben Nacht wurde Zarte Aprikose in einer kleinen Sänfte zu Yucun gebracht. Yucun war hoch erfreut und schenkte Siegel Schlicht hundert Liang Silber, dazu viele Geschenke für Frau Zhen, und bat ihn, gut für sie zu sorgen, bis die Tochter gefunden wäre. Siegel Schlicht kehrte nach Hause zurück, und damit hatte es sein Bewenden. | Am nächsten Tag schickte Yucun gleich in der Früh jemanden mit zwei Beuteln Silber und vier Rollen Brokat als Dank für Frau Zhen, außerdem mit einem vertraulichen Brief an Siegel Schlicht, in dem er um die Zofe Zarte Aprikose als Zweitfrau bat. Siegel Schlicht war überglücklich und drängte seine Tochter, einzuwilligen. Noch in derselben Nacht wurde Zarte Aprikose in einer kleinen Sänfte zu Yucun gebracht. Yucun war hoch erfreut und schenkte Siegel Schlicht hundert Liang Silber, dazu viele Geschenke für Frau Zhen, und bat ihn, gut für sie zu sorgen, bis die Tochter gefunden wäre. Siegel Schlicht kehrte nach Hause zurück, und damit hatte es sein Bewenden. | ||
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Jene Zofe Zarte Aprikose war dieselbe, die sich damals im Vorbeigehen nach Yucun umgedreht hatte. Durch diesen einen zufälligen Blick war diese ganze Geschichte entstanden – ein Schicksal, das sie selbst nie erwartet hätte. Wer hätte gedacht, dass ihr Glück und Schicksal zusammentrafen: Kaum ein Jahr an Yucuns Seite, gebar sie ihm einen Sohn, und nach einem weiteren halben Jahr starb Yucuns erste Frau an einer Krankheit, so dass er Zarte Aprikose zur rechtmäßigen Hauptfrau erhob. Wahrlich: | Jene Zofe Zarte Aprikose war dieselbe, die sich damals im Vorbeigehen nach Yucun umgedreht hatte. Durch diesen einen zufälligen Blick war diese ganze Geschichte entstanden – ein Schicksal, das sie selbst nie erwartet hätte. Wer hätte gedacht, dass ihr Glück und Schicksal zusammentrafen: Kaum ein Jahr an Yucuns Seite, gebar sie ihm einen Sohn, und nach einem weiteren halben Jahr starb Yucuns erste Frau an einer Krankheit, so dass er Zarte Aprikose zur rechtmäßigen Hauptfrau erhob. Wahrlich: | ||
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Durch einen einzigen Fehler im Spiel | Durch einen einzigen Fehler im Spiel | ||
ward sie zur Herrin über andere. | ward sie zur Herrin über andere. | ||
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| − | Nachdem Shiyin ihm damals das Silber geschenkt hatte, brach Yucun am sechzehnten Tag auf und reiste in die Hauptstadt. Bei der großen Prüfung bestand er wider Erwarten mit Bravour als Jinshi und wurde in den auswärtigen Beamtendienst aufgenommen. Inzwischen war er zum Magistrat eben dieses Bezirks aufgestiegen. Obwohl er von großem Talent war, neigte er doch zu Habgier und Grausamkeit und verließ sich zu sehr auf seine Begabung, wobei er Vorgesetzte brüskierte. So blickten die anderen Beamten ihn scheel an. Innerhalb eines Jahres fand sein Vorgesetzter einen Vorwand und erstattete dem Kaiser Bericht, in dem er ihn als „hinterhältig und von zwielichtigem Charakter" bezeichnete, der „eigenmächtig die Sitten verändere, sich den Anschein der Rechtschaffenheit gebe, insgeheim aber gefährliche Verbindungen pflege, so dass die öffentliche Ordnung gestört und das Volk unterdrückt werde". Der Kaiser war erzürnt und ordnete seine sofortige Entlassung an. Als der Erlass eintraf, freuten sich alle Beamten des Bezirks. Yucun aber, obwohl innerlich tief beschämt und verbittert, zeigte äußerlich keine Spur von Unmut und blieb lachend und gelassen wie eh und je. Er übergab die Amtsgeschäfte, schickte sein gesamtes Vermögen samt Familie in die Heimat, und machte sich selbst auf, Wind und Mond als Gefährten, die schönsten Orte des Reiches zu bereisen. | + | Nachdem Shiyin ihm damals das Silber geschenkt hatte, brach Yucun am sechzehnten Tag auf und reiste in die Hauptstadt. Bei der großen Prüfung bestand er wider Erwarten mit Bravour als Jinshi<ref>Jinshi (進士) war der höchste akademische Grad im kaiserlichen Prüfungssystem. Wer diese Prüfung bestand, hatte Zugang zu den höchsten Ämtern des Reiches.</ref> und wurde in den auswärtigen Beamtendienst aufgenommen. Inzwischen war er zum Magistrat eben dieses Bezirks aufgestiegen. Obwohl er von großem Talent war, neigte er doch zu Habgier und Grausamkeit und verließ sich zu sehr auf seine Begabung, wobei er Vorgesetzte brüskierte. So blickten die anderen Beamten ihn scheel an. Innerhalb eines Jahres fand sein Vorgesetzter einen Vorwand und erstattete dem Kaiser Bericht, in dem er ihn als „hinterhältig und von zwielichtigem Charakter" bezeichnete, der „eigenmächtig die Sitten verändere, sich den Anschein der Rechtschaffenheit gebe, insgeheim aber gefährliche Verbindungen pflege, so dass die öffentliche Ordnung gestört und das Volk unterdrückt werde". Der Kaiser war erzürnt und ordnete seine sofortige Entlassung an. Als der Erlass eintraf, freuten sich alle Beamten des Bezirks. Yucun aber, obwohl innerlich tief beschämt und verbittert, zeigte äußerlich keine Spur von Unmut und blieb lachend und gelassen wie eh und je. Er übergab die Amtsgeschäfte, schickte sein gesamtes Vermögen samt Familie in die Heimat, und machte sich selbst auf, Wind und Mond als Gefährten, die schönsten Orte des Reiches zu bereisen. |
| − | Eines Tages gelangte er auf seinen Wanderungen in die Gegend von Yangzhou und erfuhr, dass der diesjährige Salz-Kommissar ein gewisser Wald Ozeangleich | + | Eines Tages gelangte er auf seinen Wanderungen in die Gegend von Yangzhou<ref>Yangzhou (揚州) in der heutigen Provinz Jiangsu war in der Qing-Dynastie eines der wichtigsten Zentren des Salzhandels und daher Sitz des kaiserlichen Salz-Kommissars (鹽政 yánzhèng).</ref> und erfuhr, dass der diesjährige Salz-Kommissar ein gewisser Wald Ozeangleich<ref>Chin. 林如海 Lín Rúhǎi, wörtl. „Wie das Meer". Familienname 林 Lín bedeutet „Wald". Er ist der Vater von Kajaljade und Schwiegersohn der Kaufmann-Familie. In der Übersetzung: ''Wald Ozeangleich''.</ref> sei. Dieser Wald Ozeangleich war ein Tanhua-Absolvent<ref>Tanhua (探花, wörtl. „Blumenpflücker") bezeichnet den Drittplatzierten der kaiserlichen Palastprüfung – eine überaus ehrenvolle Auszeichnung, die nur die drei Besten des gesamten Reiches erhielten.</ref> der letzten Prüfung, inzwischen zum Rat der Lantai-Akademie<ref>Die Lantai-Akademie (蘭臺 Lántái) war eine kaiserliche Behörde, die für die Verwaltung der Reichsarchive zuständig war – ein prestigeträchtiger Posten für Gelehrte.</ref> aufgestiegen und nun als kaiserlicher Salz-Inspektor nach Yangzhou entsandt worden, wo er erst seit gut einem Monat im Amt war. |
| − | Die Vorfahren dieses Wald Ozeangleich hatten einst den Rang eines Marquis geerbt. Bis zu Wald Ozeangleich waren fünf Generationen vergangen. Ursprünglich war der Titel nur für drei Generationen verliehen worden, doch dank der besonderen Gnade des gegenwärtigen Kaisers wurde er verlängert. Wald Ozeangleichs Vater konnte ihn noch einmal erben, doch Wald Ozeangleich selbst machte seinen Weg über die Beamtenprüfungen. Obwohl die Familie zu den großen Häusern zählte, war sie zugleich eine Familie von Gelehrten. Leider war die Familie Lin nicht zahlreich, und obwohl es einige Seitenlinien gab, waren sie alle nur entfernte Verwandte. Wald Ozeangleich war nun bereits über vierzig, hatte aber nur einen einzigen dreijährigen Sohn gehabt, der im vergangenen Jahr gestorben war. Trotz einiger Nebenfrauen war es ihm nicht bestimmt, einen Sohn zu haben. So hatte er nur seine rechtmäßige Gattin, eine geborene Jia, die ihm eine Tochter geboren hatte, mit dem Milchnamen Kajaljade<ref>Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù | + | Die Vorfahren dieses Wald Ozeangleich hatten einst den Rang eines Marquis geerbt. Bis zu Wald Ozeangleich waren fünf Generationen vergangen. Ursprünglich war der Titel nur für drei Generationen verliehen worden, doch dank der besonderen Gnade des gegenwärtigen Kaisers wurde er verlängert. Wald Ozeangleichs Vater konnte ihn noch einmal erben, doch Wald Ozeangleich selbst machte seinen Weg über die Beamtenprüfungen. Obwohl die Familie zu den großen Häusern zählte, war sie zugleich eine Familie von Gelehrten. Leider war die Familie Lin nicht zahlreich, und obwohl es einige Seitenlinien gab, waren sie alle nur entfernte Verwandte. Wald Ozeangleich war nun bereits über vierzig, hatte aber nur einen einzigen dreijährigen Sohn gehabt, der im vergangenen Jahr gestorben war. Trotz einiger Nebenfrauen war es ihm nicht bestimmt, einen Sohn zu haben. So hatte er nur seine rechtmäßige Gattin, eine geborene Jia<ref>Wald Ozeangleichs Gattin ist Kaufmann Schicksals-Min (贾敏 Jiǎ Mǐn), die jüngste Schwester von Kaufmann Begnadigung und Kaufmann Aufrecht. Durch diese Heirat sind die Familien Kaufmann und Wald verschwägert – der Grund, warum Kajaljade später im Kaufmann-Haus aufwächst.</ref>, die ihm eine Tochter geboren hatte, mit dem Milchnamen Kajaljade<ref>Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù. 黛 dài bedeutet „Kajal" (schwarze Augenbrauenfarbe), 玉 yù „Jade". Der Name „Schwarzaugenbrauen-Jade" verweist auf ihre Schönheit und zugleich auf den Schleier der Melancholie, der über ihrem Wesen liegt. Kajaljade ist die Reinkarnation der Purpurperlen-Pflanze aus der Vorgeschichte in Kapitel 1.</ref>, die nun fünf Jahre alt war. Da das Ehepaar keinen Sohn hatte, liebten sie das Mädchen wie einen kostbaren Schatz. Und da sie klug und hübsch war, ließen sie sie sogar lesen und schreiben lernen – gleichsam als Ersatz für einen Sohn, um die Einsamkeit ein wenig zu lindern. |
Yucun erkältete sich gerade und lag krank in einer Herberge. Nach etwa einem Monat genas er allmählich. Einerseits war er erschöpft, andererseits gingen ihm die Mittel aus, und so suchte er nach einer passenden Gelegenheit, sich vorübergehend niederzulassen. Glücklicherweise hatten zwei alte Freunde, die ebenfalls in der Gegend wohnten, gehört, dass der Salz-Kommissar einen Hauslehrer suchte, und so empfahlen sie Yucun, der die Stelle annahm. Es war eine angenehme Stellung: Er hatte nur eine einzige Schülerin und zwei Zofen, die sie beim Lernen begleiteten. Das Mädchen war noch jung und zart, und der Unterricht war nicht allzu anstrengend. | Yucun erkältete sich gerade und lag krank in einer Herberge. Nach etwa einem Monat genas er allmählich. Einerseits war er erschöpft, andererseits gingen ihm die Mittel aus, und so suchte er nach einer passenden Gelegenheit, sich vorübergehend niederzulassen. Glücklicherweise hatten zwei alte Freunde, die ebenfalls in der Gegend wohnten, gehört, dass der Salz-Kommissar einen Hauslehrer suchte, und so empfahlen sie Yucun, der die Stelle annahm. Es war eine angenehme Stellung: Er hatte nur eine einzige Schülerin und zwei Zofen, die sie beim Lernen begleiteten. Das Mädchen war noch jung und zart, und der Unterricht war nicht allzu anstrengend. | ||
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So verging etwa ein Jahr, als die Mutter der jungen Schülerin, Frau Jia, plötzlich an einer Krankheit starb. Das Mädchen pflegte die Mutter bis zuletzt und trauerte aufrichtig. Der Hauslehrer wollte daraufhin seine Stelle aufgeben. Wald Ozeangleich aber bat ihn zu bleiben, damit seine Tochter während der Trauerzeit weiter lesen könne. In letzter Zeit hatte die Schülerin vor Kummer so sehr gelitten, dass ihre ohnehin schwache Konstitution angegriffen war und eine alte Krankheit wieder ausbrach, so dass sie tagelang nicht zur Schule kam. Yucun, ohne Beschäftigung, ging bei schönem Wetter nach dem Essen gern spazieren. | So verging etwa ein Jahr, als die Mutter der jungen Schülerin, Frau Jia, plötzlich an einer Krankheit starb. Das Mädchen pflegte die Mutter bis zuletzt und trauerte aufrichtig. Der Hauslehrer wollte daraufhin seine Stelle aufgeben. Wald Ozeangleich aber bat ihn zu bleiben, damit seine Tochter während der Trauerzeit weiter lesen könne. In letzter Zeit hatte die Schülerin vor Kummer so sehr gelitten, dass ihre ohnehin schwache Konstitution angegriffen war und eine alte Krankheit wieder ausbrach, so dass sie tagelang nicht zur Schule kam. Yucun, ohne Beschäftigung, ging bei schönem Wetter nach dem Essen gern spazieren. | ||
| − | An diesem Tag gelangte er zufällig an den Stadtrand, wo er die ländliche Landschaft bewundern wollte. Er wanderte zu einer Stelle, wo Berge das Wasser umgaben, dichte Wälder und hohe Bambushaine standen, und erblickte undeutlich einen Tempel, dessen Tore und Mauern verfallen waren. Über dem Tor hing ein Schild mit den drei Zeichen „Tempel der Allwissenheit", und daneben stand ein altes, verwittertes Spruchpaar: | + | An diesem Tag gelangte er zufällig an den Stadtrand, wo er die ländliche Landschaft bewundern wollte. Er wanderte zu einer Stelle, wo Berge das Wasser umgaben, dichte Wälder und hohe Bambushaine standen, und erblickte undeutlich einen Tempel, dessen Tore und Mauern verfallen waren. Über dem Tor hing ein Schild mit den drei Zeichen „Tempel der Allwissenheit"<ref>Chin. 智通寺 Zhìtōng Sì – der Name „Tempel, der alles durchdringt" steht in ironischem Kontrast zu dem senilen Mönch, der darin lebt.</ref>, und daneben stand ein altes, verwittertes Spruchpaar: |
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Wer nach dem Tod noch etwas übrig hat, vergisst die Hand zurückzuziehen; | Wer nach dem Tod noch etwas übrig hat, vergisst die Hand zurückzuziehen; | ||
| − | Wer keinen Weg mehr vor sich sieht, will umkehren. | + | Wer keinen Weg mehr vor sich sieht, will umkehren.<ref>Chin. 身後有餘忘縮手,眼前無路想回頭. Dieses Spruchpaar warnt vor der Habgier und dem Ehrgeiz, die den Menschen in sein Verderben treiben – eine Warnung, die Yucun zwar liest, aber nicht beherzigt.</ref> |
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Yucun las es und dachte: Diese Worte sind zwar schlicht, doch tief im Sinn. Ich habe viele berühmte Berge und große Tempel besucht, doch solche Worte nie gesehen. Vielleicht lebt hier jemand, der die Welt durchschaut hat. Warum nicht eintreten und sehen? Er ging hinein und fand nur einen gebrechlichen alten Mönch, der Reisbrei kochte. Yucun beachtete ihn kaum. Als er ihm ein paar Fragen stellte, war der alte Mönch taub und senil, mit ausgefallenen Zähnen und steifer Zunge – seine Antworten gingen völlig am Thema vorbei. | Yucun las es und dachte: Diese Worte sind zwar schlicht, doch tief im Sinn. Ich habe viele berühmte Berge und große Tempel besucht, doch solche Worte nie gesehen. Vielleicht lebt hier jemand, der die Welt durchschaut hat. Warum nicht eintreten und sehen? Er ging hinein und fand nur einen gebrechlichen alten Mönch, der Reisbrei kochte. Yucun beachtete ihn kaum. Als er ihm ein paar Fragen stellte, war der alte Mönch taub und senil, mit ausgefallenen Zähnen und steifer Zunge – seine Antworten gingen völlig am Thema vorbei. | ||
| − | Yucun, ungeduldig geworden, verließ den Tempel wieder. Er wollte in einer Dorfschenke drei Becher Wein trinken, um die ländliche Stimmung zu genießen. Er schlenderte gemächlich hin, und gerade als er die Schenke betreten wollte, stand einer der Gäste auf, lachte laut und kam ihm entgegen. Er rief: „Was für ein Zufall! Was für ein Zufall!" Yucun erkannte den Mann: Es war ein Antiquitätenhändler aus der Hauptstadt namens Leng Selbstaufsteiger | + | Yucun, ungeduldig geworden, verließ den Tempel wieder. Er wollte in einer Dorfschenke drei Becher Wein trinken, um die ländliche Stimmung zu genießen. Er schlenderte gemächlich hin, und gerade als er die Schenke betreten wollte, stand einer der Gäste auf, lachte laut und kam ihm entgegen. Er rief: „Was für ein Zufall! Was für ein Zufall!" Yucun erkannte den Mann: Es war ein Antiquitätenhändler aus der Hauptstadt namens Leng Selbstaufsteiger<ref>Chin. 冷子興 Léng Zǐxīng. 冷 Léng bedeutet „kalt/kühl", 子興 Zǐxīng „Selbstaufsteiger". Sein Name „kühler Selbstaufsteiger" passt zu seiner Rolle als nüchterner Beobachter der Kaufmann-Familie, der deren Aufstieg und Verfall von außen schildert.</ref>, den er von früher kannte. Yucun schätzte Leng Selbstaufsteiger als einen Mann von Format und Tatkraft, und Zixing wiederum nutzte Yucuns Gelehrtenruf. Daher verstanden sich die beiden bestens. Yucun fragte lächelnd: „Wann bist du hier angekommen, mein Freund? Ich wusste gar nichts davon. Welch ein Zufall, uns heute zu treffen!" Zixing erwiderte: „Ich kam zum Jahresende nach Hause und bin jetzt auf dem Rückweg in die Hauptstadt. Ich besuchte einen Freund hier in der Gegend, der mich bat, ein paar Tage zu bleiben. Da ich keine dringenden Geschäfte habe, blieb ich noch etwas. Heute schlenderte ich hierher, um mich ein wenig auszuruhen – und dann dieses glückliche Zusammentreffen!" Während er sprach, ließ er Yucun neben sich Platz nehmen und bestellte neuen Wein und Speisen. Die beiden plauderten gemütlich und erzählten, was sich seit ihrem letzten Treffen zugetragen hatte. |
Yucun fragte: „Gibt es Neuigkeiten in der Hauptstadt?" Zixing antwortete: „Eigentlich nicht besonders. Aber in der Familie Eures verehrten Namensvetters hat sich eine kleine Merkwürdigkeit zugetragen." Yucun lachte: „In meiner Sippe hat niemand in der Hauptstadt zu tun. Wie kommt Ihr darauf?" Zixing lachte: „Ihr tragt denselben Familiennamen – seid Ihr nicht vom gleichen Stamm?" Yucun fragte, welche Familie er meine. | Yucun fragte: „Gibt es Neuigkeiten in der Hauptstadt?" Zixing antwortete: „Eigentlich nicht besonders. Aber in der Familie Eures verehrten Namensvetters hat sich eine kleine Merkwürdigkeit zugetragen." Yucun lachte: „In meiner Sippe hat niemand in der Hauptstadt zu tun. Wie kommt Ihr darauf?" Zixing lachte: „Ihr tragt denselben Familiennamen – seid Ihr nicht vom gleichen Stamm?" Yucun fragte, welche Familie er meine. | ||
| − | Zixing sagte: „Das Haus Rongguo, die Familie Jia – die bringt doch Eurem guten Namen keine Schande, oder?" Yucun lachte: „Ach, die! Wenn man es genau nimmt, so ist unsere Sippe weitverzweigt, von der Han-Dynastie her über den Ahnen Jia Fu, mit Seitenlinien in allen Provinzen – wer könnte das alles nachprüfen? Was den Zweig des Hauses Rongguo betrifft, so stehen wir zwar im selben Stammbaum, doch angesichts ihrer Pracht haben wir uns nicht getraut, uns als Verwandte auszugeben, und so sind wir einander mit der Zeit fremd geworden." Zixing seufzte: „Sagt das nicht, verehrter Herr! Die beiden Häuser Ning und Rong sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren." | + | Zixing sagte: „Das Haus Rongguo<ref>Die Rongguo-Residenz (榮國府 Róngguó Fǔ, wörtl. „Residenz des Glanzvollen Staates") und die Ningguo-Residenz (寧國府 Nínguó Fǔ, wörtl. „Residenz des Friedvollen Staates") sind die beiden großen Zweige der Kaufmann-Familie. Ihre Gründer waren Brüder, die als Herzöge für ihre Verdienste belohnt wurden.</ref>, die Familie Jia – die bringt doch Eurem guten Namen keine Schande, oder?" Yucun lachte: „Ach, die! Wenn man es genau nimmt, so ist unsere Sippe weitverzweigt, von der Han-Dynastie her über den Ahnen Jia Fu, mit Seitenlinien in allen Provinzen – wer könnte das alles nachprüfen? Was den Zweig des Hauses Rongguo betrifft, so stehen wir zwar im selben Stammbaum, doch angesichts ihrer Pracht haben wir uns nicht getraut, uns als Verwandte auszugeben, und so sind wir einander mit der Zeit fremd geworden." Zixing seufzte: „Sagt das nicht, verehrter Herr! Die beiden Häuser Ning und Rong sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren." |
| − | Yucun fragte: „Seinerzeit waren die beiden Residenzen doch überaus bevölkert. Wie kann es sein, dass sie so verödet sind?" Zixing antwortete: „Genau, das ist eine lange Geschichte." Yucun erzählte: „Letztes Jahr kam ich nach Jinling und wollte die Überreste der Sechs Dynastien besichtigen. An jenem Tag betrat ich die Stadt am Steintor und kam an dem alten Anwesen vorbei. Östlich der Straße liegt die Residenz Ningguo, westlich die Residenz Rongguo. Beide zusammen nehmen mehr als die Hälfte der Straße ein. Obwohl es vor dem Haupttor still und menschenleer war, konnte man durch die Mauer hindurch sehen, dass die Hallen, Paläste und Pavillons im Inneren noch immer stattlich und majestätisch ragten, und auch in den hinteren Gärten verströmten Bäume und Steine noch eine Aura von Üppigkeit und Frische. Das sah keineswegs nach einer Familie im Niedergang aus." | + | Yucun fragte: „Seinerzeit waren die beiden Residenzen doch überaus bevölkert. Wie kann es sein, dass sie so verödet sind?" Zixing antwortete: „Genau, das ist eine lange Geschichte." Yucun erzählte: „Letztes Jahr kam ich nach Jinling<ref>Jinling (金陵) ist der alte Name von Nanjing (Nanking), der ehemaligen Hauptstadt der Sechs Dynastien (222–589). Die Kaufmann-Familie stammt ursprünglich aus Jinling.</ref> und wollte die Überreste der Sechs Dynastien besichtigen. An jenem Tag betrat ich die Stadt am Steintor und kam an dem alten Anwesen vorbei. Östlich der Straße liegt die Residenz Ningguo, westlich die Residenz Rongguo. Beide zusammen nehmen mehr als die Hälfte der Straße ein. Obwohl es vor dem Haupttor still und menschenleer war, konnte man durch die Mauer hindurch sehen, dass die Hallen, Paläste und Pavillons im Inneren noch immer stattlich und majestätisch ragten, und auch in den hinteren Gärten verströmten Bäume und Steine noch eine Aura von Üppigkeit und Frische. Das sah keineswegs nach einer Familie im Niedergang aus." |
| − | Zixing lachte: „Und Ihr seid ein Jinshi! Kennt Ihr denn nicht das alte Sprichwort: ‚Ein Tausendfüßler stirbt, aber er fällt nicht um'? Obwohl es heute nicht mehr so prächtig ist wie einst, ist es verglichen mit gewöhnlichen Beamtenfamilien immer noch ganz anders. Doch die Bevölkerung wächst, die Geschäfte mehren sich, Herren und Diener leben in Saus und Braus, aber keiner unter ihnen kann planen und vorausdenken. Die täglichen Ausgaben und der Aufwand lassen sich nicht einschränken. Zwar steht die äußere Fassade noch, aber das innere Polster ist so gut wie aufgebraucht. Das ist noch das Geringste. Schlimmer ist, dass in solch einem Haus von Glocken und Dreifüßen, von Dichtung und Gelehrsamkeit die Kinder und Enkel mit jeder Generation schlechter werden!" Yucun hörte es verwundert und sagte: „Eine solche Familie der Dichtung und des Anstands – wie kann es sein, dass sie ihre Kinder nicht gut erzieht? Andere Familien kenne ich nicht, doch was die beiden Häuser Ning und Rong betrifft, so sind diese doch berühmt für ihre strenge Kindererziehung." | + | Zixing lachte: „Und Ihr seid ein Jinshi! Kennt Ihr denn nicht das alte Sprichwort: ‚Ein Tausendfüßler stirbt, aber er fällt nicht um'<ref>Chin. 百足之蟲,死而不僵 (bǎizú zhī chóng, sǐ ér bù jiāng) – ein bekanntes Sprichwort, das besagt, dass eine mächtige Familie auch nach ihrem inneren Verfall noch lange die äußere Fassade aufrechterhalten kann.</ref>? Obwohl es heute nicht mehr so prächtig ist wie einst, ist es verglichen mit gewöhnlichen Beamtenfamilien immer noch ganz anders. Doch die Bevölkerung wächst, die Geschäfte mehren sich, Herren und Diener leben in Saus und Braus, aber keiner unter ihnen kann planen und vorausdenken. Die täglichen Ausgaben und der Aufwand lassen sich nicht einschränken. Zwar steht die äußere Fassade noch, aber das innere Polster ist so gut wie aufgebraucht. Das ist noch das Geringste. Schlimmer ist, dass in solch einem Haus von Glocken und Dreifüßen<ref>„Glocken und Dreifüße" (鐘鼎 zhōngdǐng) sind Symbole für Reichtum und Vornehmheit – eine Anspielung auf die rituellen Bronzegefäße des Adels.</ref>, von Dichtung und Gelehrsamkeit die Kinder und Enkel mit jeder Generation schlechter werden!" Yucun hörte es verwundert und sagte: „Eine solche Familie der Dichtung und des Anstands – wie kann es sein, dass sie ihre Kinder nicht gut erzieht? Andere Familien kenne ich nicht, doch was die beiden Häuser Ning und Rong betrifft, so sind diese doch berühmt für ihre strenge Kindererziehung." |
| − | Zixing seufzte: „Ich spreche genau von diesen beiden Häusern. Lasst mich erzählen: Einst waren der Herzog von Ningguo und der Herzog von Rongguo leibliche Brüder von derselben Mutter. Der ältere war der Ninguo-Herzog. Er hatte vier Söhne. Nach seinem Tod erbte Jia Daihua das Amt und zeugte ebenfalls zwei Söhne. Der ältere, Jia Fu, starb schon mit acht oder neun Jahren. So erbte der jüngere, Kaufmann Andacht | + | Zixing seufzte: „Ich spreche genau von diesen beiden Häusern. Lasst mich erzählen: Einst waren der Herzog von Ningguo und der Herzog von Rongguo leibliche Brüder von derselben Mutter. Der ältere war der Ninguo-Herzog. Er hatte vier Söhne. Nach seinem Tod erbte Jia Daihua das Amt und zeugte ebenfalls zwei Söhne. Der ältere, Jia Fu, starb schon mit acht oder neun Jahren. So erbte der jüngere, Kaufmann Andacht<ref>Chin. 贾敬 Jiǎ Jìng. 敬 jìng bedeutet „Andacht/Ehrfurcht". Ironischerweise hat dieser Mann jede familiäre Andacht aufgegeben und widmet sich nur noch der daoistischen Alchemie.</ref>, das Amt. Doch dieser widmet sich heutzutage nur noch der daoistischen Alchemie und kümmert sich um nichts anderes mehr. Zum Glück hatte er noch rechtzeitig einen Sohn hinterlassen, namens Kaufmann Schein-Echt<ref>Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn. 珍 zhēn bedeutet „kostbar/echt". Der Name klingt ironisch angesichts seines ausschweifenden Lebenswandels.</ref>, dem er das Amt überließ, da er selbst nur noch das Elixier der Unsterblichkeit brauen wollte. Er weigert sich, in die Heimat zurückzukehren, und lebt mit Priestern vor den Toren der Hauptstadt. Dieser Kaufmann Schein-Echt hat einen Sohn namens Kaufmann Herrlichkeit<ref>Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng. 蓉 róng bedeutet „Herrlichkeit" (wörtl. „Lotusblüte").</ref>, der jetzt erst sechzehn Jahre alt ist. Der alte Kaufmann Andacht kümmert sich um gar nichts mehr. Kaufmann Schein-Echt aber hat keine Lust zu studieren und führt nur ein ausschweifendes Leben, sodass die Ninguo-Residenz völlig auf den Kopf gestellt ist, und niemand wagt, ihn zu zügeln. |
| − | Was nun die Rongguo-Residenz betrifft – die merkwürdige Begebenheit, von der ich erzählen will, geschah genau dort. Nach dem Tod des Rongguo-Herzogs erbte sein ältester Sohn, Jia Daishan, das Amt. Er heiratete ein Fräulein aus dem ebenfalls hochangesehenen Haus der Marquis Shi in Jinling und bekam zwei Söhne: den älteren Kaufmann Begnadigung | + | Was nun die Rongguo-Residenz betrifft – die merkwürdige Begebenheit, von der ich erzählen will, geschah genau dort. Nach dem Tod des Rongguo-Herzogs erbte sein ältester Sohn, Jia Daishan, das Amt. Er heiratete ein Fräulein aus dem ebenfalls hochangesehenen Haus der Marquis Shi in Jinling und bekam zwei Söhne: den älteren Kaufmann Begnadigung<ref>Chin. 贾赦 Jiǎ Shè. 赦 shè bedeutet „Begnadigung/Amnestie". Er ist der älteste Sohn der Herzoginmutter und ein selbstsüchtiger, träger Mann.</ref> und den jüngeren Kaufmann Aufrecht<ref>Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng. 政 zhèng bedeutet „Regierung/aufrecht". Er ist der zweite Sohn der Herzoginmutter und Vater von Schatzjade. In der Übersetzung: ''Kaufmann Aufrecht''.</ref>. Jia Daishan starb früh, doch seine Gemahlin, die Herzoginmutter<ref>Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, auch 老太太 Lǎo Tàitai oder 史太君 Shǐ Tàijūn genannt. Sie ist die Matriarchin der Kaufmann-Familie, eine geborene Shi (史), und die mächtigste Person im Haus. In der Übersetzung: ''Herzoginmutter''.</ref>, lebt noch. Der ältere Sohn Kaufmann Begnadigung erbte das Amt. Der jüngere Kaufmann Aufrecht war von Kindheit an ein eifriger Leser, den sein Großvater am meisten liebte. Eigentlich hätte er die Beamtenlaufbahn über die Prüfungen einschlagen sollen, doch als Jia Daishan auf dem Sterbebett eine letzte Bittschrift an den Thron richtete, erkundigte sich der Kaiser aus Mitgefühl für den verdienten Beamten, ob es noch weitere Söhne gebe, und verlieh Kaufmann Aufrecht sogleich den Titel eines Aufwärters im Ministerium. Inzwischen ist er zum Außenamtsdirektor aufgestiegen. Die Gemahlin von Kaufmann Aufrecht, eine geborene Wang<ref>Frau Wang (王夫人 Wáng Fūren) ist die Mutter von Schatzjade und Schwester von Wang Ziteng, dem General der kaiserlichen Garde. Durch diese Verbindung ist die Kaufmann-Familie auch mit der mächtigen Wang-Familie verwandt.</ref>, brachte als erstgeborenen Sohn Jia Zhu<ref>Chin. 贾珠 Jiǎ Zhū. 珠 zhū bedeutet „Perle". Sein früher Tod hinterlässt eine Lücke in der Erbfolge und verstärkt die Hoffnungen, die auf Schatzjade ruhen.</ref> zur Welt, der mit vierzehn in die höhere Schule aufgenommen wurde, vor seinem zwanzigsten Lebensjahr heiratete und einen Sohn zeugte, dann aber starb. Die zweitgeborene war eine Tochter, die am Neujahrstag geboren wurde – das allein schon war bemerkenswert. Doch dann wurde noch ein Sohn geboren, und das ist noch erstaunlicher: Dieser Junge kam mit einem Stück fünffarbig schimmerndem Jade im Mund zur Welt, auf dem sogar Schriftzeichen eingraviert waren. Man nannte ihn daher Schatzjade<ref>Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses. Der Familienname 贾 Jiǎ ist ein Homophon zu 假 jiǎ „falsch/fiktiv". Der Jade, mit dem er geboren wird, ist der verwandelte Stein aus der Vorgeschichte in Kapitel 1 – der „Durchdringende Geist-Jade" (通靈寶玉). In der Übersetzung: ''Schatzjade''.</ref>. Ist das nicht eine höchst merkwürdige Geschichte?" |
Yucun sagte lachend: „Wahrhaftig seltsam. Dieser Mensch dürfte keinen geringen Ursprung haben." | Yucun sagte lachend: „Wahrhaftig seltsam. Dieser Mensch dürfte keinen geringen Ursprung haben." | ||
| − | Zixing lachte kühl: „Alle sagen das. Daher vergöttert ihn auch seine Großmutter. Als er ein Jahr alt war, wollte der Vater seine zukünftige Neigung testen und legte unzählige Gegenstände vor ihn hin, damit er zugreife. Doch der Junge interessierte sich für nichts davon und griff nur nach Schminke, Haarnadeln und Schmuck. Da wurde der Vater sehr zornig und sagte: ‚Aus dem wird nichts als ein Wüstling!' Seither mag er ihn nicht besonders. Nur die alte Großmutter liebt ihn wie ihren Augapfel. Und auch das ist merkwürdig: Obwohl er jetzt sieben, acht Jahre alt ist und über alle Maßen ungezogen, ist er dabei so klug und liebenswürdig, dass hundert andere Kinder ihm nicht das Wasser reichen können. Er sagt auch seltsame Dinge: ‚Mädchen sind aus Wasser gemacht, Männer aus Lehm. Wenn ich Mädchen sehe, fühle ich mich erfrischt; wenn ich Männer sehe, empfinde ich nur Ekel. | + | Zixing lachte kühl: „Alle sagen das. Daher vergöttert ihn auch seine Großmutter. Als er ein Jahr alt war, wollte der Vater seine zukünftige Neigung testen und legte unzählige Gegenstände vor ihn hin, damit er zugreife<ref>Das „Ergreifen am ersten Geburtstag" (抓周 zhuāzhōu) ist ein traditioneller chinesischer Brauch: Dem einjährigen Kind werden verschiedene Gegenstände vorgelegt, und je nachdem, wonach es greift, wird seine Zukunft vorhergesagt.</ref>. Doch der Junge interessierte sich für nichts davon und griff nur nach Schminke, Haarnadeln und Schmuck. Da wurde der Vater sehr zornig und sagte: ‚Aus dem wird nichts als ein Wüstling!' Seither mag er ihn nicht besonders. Nur die alte Großmutter liebt ihn wie ihren Augapfel. Und auch das ist merkwürdig: Obwohl er jetzt sieben, acht Jahre alt ist und über alle Maßen ungezogen, ist er dabei so klug und liebenswürdig, dass hundert andere Kinder ihm nicht das Wasser reichen können. Er sagt auch seltsame Dinge: ‚Mädchen sind aus Wasser gemacht, Männer aus Lehm. Wenn ich Mädchen sehe, fühle ich mich erfrischt; wenn ich Männer sehe, empfinde ich nur Ekel!'<ref>Dieser berühmte Ausspruch Schatzjades (女兒是水做的骨肉,男人是泥做的骨肉) offenbart seine ungewöhnliche Wertschätzung des Weiblichen und seine Verachtung der männlichen Welt von Macht und Ambition – das zentrale Charaktermerkmal des Protagonisten.</ref> Ist das nicht lächerlich? Der wird bestimmt ein Lüstling!" Yucun wurde ernst und wehrte ab: „Nein, nein! Schade, dass Ihr seine Herkunft nicht kennt. Auch der alte Herr Zheng hat sich wohl geirrt, wenn er ihn für einen gewöhnlichen Wüstling hält. Ohne umfangreiche Bildung und tiefes Nachdenken vermag man solche Menschen nicht zu verstehen." |
| − | Zixing, erstaunt über die Gewichtigkeit dieser Worte, bat um Erläuterung. Yucun sprach: „Himmel und Erde bringen die Menschen hervor, und außer den ganz Guten und den ganz Bösen gleichen sich alle. Die ganz Guten werden geboren, wenn die Zeit es erfordert, die ganz Bösen, wenn ein Unheil droht. In Zeiten des Friedens kommen die Guten, in Zeiten der Not die Bösen. Yao, Shun, Yu, Tang, König Wen, König Wu, der Herzog von Zhou, der Herzog von Shao, Konfuzius, Mengzi, Dong Zhongshu, Han Yu, die Brüder Cheng, Zhu Xi – sie alle kamen, als die Zeit es erforderte. Chi You, Gonggong, Jie, Zhou, der Erste Kaiser, Wang Mang, Cao Cao, Huan Wen, An Lushan, Qin Hui – sie alle wurden in Zeiten des Unheils geboren. Die ganz Guten ordnen die Welt, die ganz Bösen bringen sie in Verwirrung. Die reine, leuchtende, geistreiche Essenz von Himmel und Erde ist die rechte Kraft, die den Guten verliehen wird; die grausame, widerspenstige Kraft ist die unrechte, die den Bösen zuteil wird. In einer Zeit des Wohlstands und des ewigen Friedens durchdringt die reine, geistreiche Essenz alles, vom Hof bis zu den einfachsten Leuten. Was davon übrig bleibt und nirgends hingehört, wird zu süßem Tau und mildem Wind, der überallhin strömt. Die grausame, widerspenstige Kraft aber kann nicht im hellen Tageslicht wirken, sondern verdichtet sich in tiefen Gräben und Schluchten. Wenn gelegentlich durch Wind oder Wolken ein Faden davon herausgeweht wird und auf die geistreiche Essenz trifft, können sich die beiden weder vertragen noch einander weichen und müssen aufeinanderprallen, bis ihre Energie erschöpft ist. So wird auch diese Kraft Menschen verliehen. Wer als Mann oder Frau diese doppelte Kraft empfängt, steht in seiner Klugheit und Brillanz über zehntausend anderen, in seiner Sonderbarkeit und Widerspenstigkeit aber unter allen. In einem Haus des Reichtums und Adels wird solch ein Mensch zum Narren der Liebe; in einer Familie von Dichtern und Armut wird er zum freien Geist und Erhabenen; und selbst wenn er in ärmlichste Verhältnisse geboren wird, kann er nie ein gewöhnlicher Knecht sein, sondern wird zu einem berühmten Schauspieler oder einer gefeierten Kurtisane. So waren es einst Xu You, Tao Qian, Ruan Ji, Ji Kang, Liu Ling, die Familien Wang und Xie, Gu Kaizhi, der letzte Kaiser Chen, Kaiser Xuanzong der Tang, Kaiser Huizong der Song, Liu Tingzhi, Wen Tingyun, Mi Fu, Shi Manqing, Liu Yong, Qin Guan, und in jüngerer Zeit Ni Yunlin, Tang Yin, Zhu Zhishan, ferner Li Guinian, Huang Fanchuo, Jing Xinmo, Zhuo Wenjun, Hongfu, Xue Tao, Cui Ying und Chaoyun. Sie alle hätten an einem anderen Ort dieselben Menschen sein können." | + | Zixing, erstaunt über die Gewichtigkeit dieser Worte, bat um Erläuterung. Yucun sprach: „Himmel und Erde bringen die Menschen hervor, und außer den ganz Guten und den ganz Bösen gleichen sich alle. Die ganz Guten werden geboren, wenn die Zeit es erfordert, die ganz Bösen, wenn ein Unheil droht. In Zeiten des Friedens kommen die Guten, in Zeiten der Not die Bösen. Yao, Shun, Yu, Tang, König Wen, König Wu, der Herzog von Zhou, der Herzog von Shao, Konfuzius, Mengzi, Dong Zhongshu, Han Yu, die Brüder Cheng, Zhu Xi<ref>Diese Aufzählung umfasst die mythischen Urherrscher (Yao, Shun, Yu, Tang), die Begründer der Zhou-Dynastie (König Wen, König Wu, Herzog von Zhou) und die großen konfuzianischen Gelehrten bis hin zu den Neokonfuzianern der Song-Dynastie (Brüder Cheng, Zhu Xi) – allesamt Verkörperungen des „rechten Qi" (正氣).</ref> – sie alle kamen, als die Zeit es erforderte. Chi You, Gonggong, Jie, Zhou, der Erste Kaiser, Wang Mang, Cao Cao, Huan Wen, An Lushan, Qin Hui<ref>Diese Aufzählung umfasst mythische Rebellen (Chi You, Gonggong), tyrannische Herrscher (Jie, Zhou, der Erste Kaiser von Qin), Usurpatoren (Wang Mang, Cao Cao, Huan Wen) und Verräter (An Lushan, Qin Hui) – Verkörperungen des „unrechten Qi" (邪氣).</ref> – sie alle wurden in Zeiten des Unheils geboren. Die ganz Guten ordnen die Welt, die ganz Bösen bringen sie in Verwirrung. Die reine, leuchtende, geistreiche Essenz von Himmel und Erde ist die rechte Kraft, die den Guten verliehen wird; die grausame, widerspenstige Kraft ist die unrechte, die den Bösen zuteil wird. In einer Zeit des Wohlstands und des ewigen Friedens durchdringt die reine, geistreiche Essenz alles, vom Hof bis zu den einfachsten Leuten. Was davon übrig bleibt und nirgends hingehört, wird zu süßem Tau und mildem Wind, der überallhin strömt. Die grausame, widerspenstige Kraft aber kann nicht im hellen Tageslicht wirken, sondern verdichtet sich in tiefen Gräben und Schluchten. Wenn gelegentlich durch Wind oder Wolken ein Faden davon herausgeweht wird und auf die geistreiche Essenz trifft, können sich die beiden weder vertragen noch einander weichen und müssen aufeinanderprallen, bis ihre Energie erschöpft ist. So wird auch diese Kraft Menschen verliehen. Wer als Mann oder Frau diese doppelte Kraft empfängt, steht in seiner Klugheit und Brillanz über zehntausend anderen, in seiner Sonderbarkeit und Widerspenstigkeit aber unter allen. In einem Haus des Reichtums und Adels wird solch ein Mensch zum Narren der Liebe; in einer Familie von Dichtern und Armut wird er zum freien Geist und Erhabenen; und selbst wenn er in ärmlichste Verhältnisse geboren wird, kann er nie ein gewöhnlicher Knecht sein, sondern wird zu einem berühmten Schauspieler oder einer gefeierten Kurtisane. So waren es einst Xu You, Tao Qian, Ruan Ji, Ji Kang, Liu Ling, die Familien Wang und Xie, Gu Kaizhi, der letzte Kaiser Chen, Kaiser Xuanzong der Tang, Kaiser Huizong der Song, Liu Tingzhi, Wen Tingyun, Mi Fu, Shi Manqing, Liu Yong, Qin Guan<ref>Diese Liste umfasst berühmte Exzentriker, Eremiten, Dichter und Künstler der chinesischen Geschichte – Menschen von außergewöhnlicher Begabung, die sich nicht in die Konventionen fügten: von den Sieben Weisen des Bambushains (Ruan Ji, Ji Kang, Liu Ling) über große Kalligraphen (Wang Xizhi) bis hin zu exzentrischen Kaisern (Huizong der Song, der sein Reich für die Malerei vernachlässigte).</ref>, und in jüngerer Zeit Ni Yunlin, Tang Yin, Zhu Zhishan<ref>Ni Yunlin (倪雲林, 1301–1374): exzentrischer Maler und Kalligraph der Yuan-Dynastie. Tang Yin (唐寅, 1470–1524): einer der „Vier Meister von Suzhou", berühmt als Maler, Dichter und Lebemann. Zhu Zhishan (祝枝山, 1461–1527): berühmter Kalligraph der Ming-Dynastie.</ref>, ferner Li Guinian, Huang Fanchuo, Jing Xinmo, Zhuo Wenjun, Hongfu, Xue Tao, Cui Ying und Chaoyun<ref>Diese Liste berühmter Frauen umfasst: Zhuo Wenjun (卓文君): die junge Witwe, die mit dem Dichter Sima Xiangru durchbrannte. Hongfu (紅拂): die legendäre Dienerin, die ihren Herrn verließ, um einem Helden zu folgen. Xue Tao (薛濤, ca. 768–831): berühmte Kurtisane und Dichterin der Tang-Dynastie. Chaoyun (朝雲): die Lieblingskonkubine des Dichters Su Dongpo.</ref>. Sie alle hätten an einem anderen Ort dieselben Menschen sein können." |
| − | Zixing sagte: „Nach Eurer Theorie wäre es also: Wer Erfolg hat, wird zum König, wer scheitert, zum Räuber?" Yucun antwortete: „Genau so. Und wisst Ihr, seit ich aus dem Amt entlassen wurde, habe ich in den letzten zwei Jahren alle Provinzen bereist und dabei ebenfalls zwei ungewöhnliche Kinder getroffen. Deshalb vermutete ich sogleich, als Ihr von Schatzjade sprachtet, dass er zur selben Sorte gehört. Um nicht in die Ferne zu schweifen: Allein in Jinling, im Hause des kaiserlichen Kommissars des Zensors Zhen – kennt Ihr das?" Zixing nickte: „Natürlich! Die Familie Zhen und die Familie Jia sind seit alters her verschwägert und befreundet. Beide Familien pflegen regen Umgang. Auch ich selbst verkehre schon seit langem bei ihnen." Yucun lachte: „Letztes Jahr in Jinling empfahl man mich als Hauslehrer bei den Zhens. Als ich ihr Haus betrat, sah ich, dass diese äußerst vornehme Familie zugleich von edler Gesinnung war – ein seltener Posten. Doch diese eine Schülerin, obwohl erst ein Anfänger, machte mehr Mühe als ein Kandidat für die Prüfungen. Das Lustigste war: Er sagte – denn es war ein Junge, trotz des weiblichen Namens –: ‚Nur wenn zwei Mädchen mich beim Lesen begleiten, kann ich die Zeichen verstehen und habe einen klaren Kopf, sonst bin ich ganz verwirrt.' Und er sagte zu seinen Dienern: ‚Die zwei Zeichen für „Mädchen" sind äußerst edel und rein, noch erhabener als die beiden Namen „Amitabha Buddha" und „Yuanshi Tianzun". Ihr mit eurem dreckigen Mund dürft diese beiden Zeichen niemals entweihen. Bevor ihr sie aussprecht, müsst ihr euch den Mund mit klarem Wasser und duftendem Tee ausspülen, sonst werden euch die Zähne ausgebrochen!' Seine Wildheit und Ungestümtheit, sein Eigensinn und seine Naivität waren ganz außergewöhnlich. Doch sobald er aus der Schule kam und die Mädchen sah, verwandelte er sich völlig – wurde sanft, friedlich, klug und kultiviert. Sein Vater hat ihn schon mehrfach hart geschlagen, doch es nützte nichts. Wenn er Schmerzen hatte, rief er nur ‚Schwester!' und ‚Schwester!' Die Mädchen drinnen machten sich über ihn lustig und fragten: ‚Warum rufst du nach den Schwestern, wenn es dir wehtut? Sollen sie für dich bitten? Schämst du dich nicht?' Und seine Antwort war köstlich: ‚Bei heftigem Schmerz rufe ich nur „Schwester", und vielleicht lindert das den Schmerz – tatsächlich, als ich es einmal versuchte, hörte der Schmerz auf. So habe ich ein Geheimmittel gefunden und rufe seither bei jedem Schmerz nach den Schwestern.' Da auch seine Großmutter ihn verwöhnte und den Lehrer tadelte, wenn er den Jungen bestrafte, gab ich meinen Posten auf und bin jetzt als Hauslehrer beim Salz-Inspektor Lin. Seht Ihr – solche Kinder können unmöglich das Erbe ihrer Vorväter bewahren oder den Anweisungen ihrer Lehrer folgen. Doch die Schwestern dieser Familie sind allesamt hervorragend." | + | Zixing sagte: „Nach Eurer Theorie wäre es also: Wer Erfolg hat, wird zum König, wer scheitert, zum Räuber?" Yucun antwortete: „Genau so. Und wisst Ihr, seit ich aus dem Amt entlassen wurde, habe ich in den letzten zwei Jahren alle Provinzen bereist und dabei ebenfalls zwei ungewöhnliche Kinder getroffen. Deshalb vermutete ich sogleich, als Ihr von Schatzjade sprachtet, dass er zur selben Sorte gehört. Um nicht in die Ferne zu schweifen: Allein in Jinling, im Hause des kaiserlichen Kommissars des Zensors Zhen – kennt Ihr das?" Zixing nickte: „Natürlich! Die Familie Zhen und die Familie Jia sind seit alters her verschwägert und befreundet. Beide Familien pflegen regen Umgang. Auch ich selbst verkehre schon seit langem bei ihnen." Yucun lachte: „Letztes Jahr in Jinling empfahl man mich als Hauslehrer bei den Zhens. Als ich ihr Haus betrat, sah ich, dass diese äußerst vornehme Familie zugleich von edler Gesinnung war – ein seltener Posten. Doch diese eine Schülerin, obwohl erst ein Anfänger, machte mehr Mühe als ein Kandidat für die Prüfungen. Das Lustigste war: Er sagte – denn es war ein Junge, trotz des weiblichen Namens –: ‚Nur wenn zwei Mädchen mich beim Lesen begleiten, kann ich die Zeichen verstehen und habe einen klaren Kopf, sonst bin ich ganz verwirrt.' Und er sagte zu seinen Dienern: ‚Die zwei Zeichen für „Mädchen" sind äußerst edel und rein, noch erhabener als die beiden Namen „Amitabha Buddha" und „Yuanshi Tianzun"<ref>Amitabha Buddha (阿彌陀佛) ist der Buddha des unermesslichen Lichts im Reinen-Land-Buddhismus. Yuanshi Tianzun (元始天尊) ist die höchste Gottheit im Daoismus. Dass der Junge die Zeichen für „Mädchen" über diese höchsten religiösen Namen stellt, zeigt seine radikale Verehrung des Weiblichen.</ref>. Ihr mit eurem dreckigen Mund dürft diese beiden Zeichen niemals entweihen. Bevor ihr sie aussprecht, müsst ihr euch den Mund mit klarem Wasser und duftendem Tee ausspülen, sonst werden euch die Zähne ausgebrochen!' Seine Wildheit und Ungestümtheit, sein Eigensinn und seine Naivität waren ganz außergewöhnlich. Doch sobald er aus der Schule kam und die Mädchen sah, verwandelte er sich völlig – wurde sanft, friedlich, klug und kultiviert. Sein Vater hat ihn schon mehrfach hart geschlagen, doch es nützte nichts. Wenn er Schmerzen hatte, rief er nur ‚Schwester!' und ‚Schwester!' Die Mädchen drinnen machten sich über ihn lustig und fragten: ‚Warum rufst du nach den Schwestern, wenn es dir wehtut? Sollen sie für dich bitten? Schämst du dich nicht?' Und seine Antwort war köstlich: ‚Bei heftigem Schmerz rufe ich nur „Schwester", und vielleicht lindert das den Schmerz – tatsächlich, als ich es einmal versuchte, hörte der Schmerz auf. So habe ich ein Geheimmittel gefunden und rufe seither bei jedem Schmerz nach den Schwestern.' Da auch seine Großmutter ihn verwöhnte und den Lehrer tadelte, wenn er den Jungen bestrafte, gab ich meinen Posten auf und bin jetzt als Hauslehrer beim Salz-Inspektor Lin. Seht Ihr – solche Kinder können unmöglich das Erbe ihrer Vorväter bewahren oder den Anweisungen ihrer Lehrer folgen. Doch die Schwestern dieser Familie sind allesamt hervorragend." |
| − | Zixing sagte: „Auch im Hause Jia gibt es derzeit drei bemerkenswerte Töchter. Die älteste Tochter des Herrn Zheng, Urfrühling | + | Zixing sagte: „Auch im Hause Jia gibt es derzeit drei bemerkenswerte Töchter. Die älteste Tochter des Herrn Zheng, Urfrühling<ref>Chin. 元春 Yuánchūn, wörtl. „Erster Frühling". Sie ist die älteste Tochter von Kaufmann Aufrecht. Die vier Schwestern tragen alle das Zeichen 春 chūn „Frühling" im Namen: 元 yuán „Anfang/Ursprung", 迎 yíng „willkommen heißen", 探 tàn „erkunden", 惜 xī „bedauern". Zusammengelesen ergeben die vier Anfangszeichen 原應嘆息 yuán yīng tànxī „man sollte seufzen" – eine verborgene Vorausdeutung auf das tragische Schicksal aller vier Schwestern.</ref>, wurde wegen ihrer Tugend und Begabung als Palastdame in den Kaiserpalast berufen. Die zweite, Willkommensfrühling<ref>Chin. 迎春 Yíngchūn, wörtl. „Willkommensfrühling". Sie ist die Tochter einer Nebenfrau von Kaufmann Begnadigung, bekannt für ihre sanfte, nachgiebige Art.</ref>, ist die Tochter einer Nebenfrau von Herrn She. Die dritte, Spürfrühling<ref>Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Erkundungsfrühling". Sie ist eine natürliche Tochter von Kaufmann Aufrecht, bekannt für ihre Tatkraft und Klugheit.</ref>, ist eine natürliche Tochter von Herrn Zheng. Die vierte, Bewahrfrühling<ref>Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bedauernsfrühling". Sie ist die leibliche Schwester von Kaufmann Schein-Echt aus der Ningguo-Residenz.</ref>, ist die leibliche Schwester von Kaufmann Schein-Echt aus der Ninguo-Residenz. Da die alte Fürstin ihre Enkelinnen sehr liebt, wohnen alle bei der Großmutter und lesen gemeinsam. Man hört, sie seien alle ausgezeichnet." |
| − | Yucun sagte: „Noch merkwürdiger ist der Brauch der Familie Zhen, dass die Mädchen Jungennamen erhalten, anstatt die üblichen Zeichen wie Frühling, Rot, Duft und Jade zu verwenden. Warum folgt das Haus Jia dann dieser gewöhnlichen Mode?" Zixing erklärte: „Weil die älteste Tochter am Neujahrstag geboren wurde und daher Urfrühling heißt, haben die übrigen einfach das Zeichen ‚Frühling' übernommen. Die vorige Generation hingegen folgte den Brüdernamen. Zum Beweis: Die Gemahlin Eures jetzigen Dienstherrn, des Herrn Lin, ist die leibliche Schwester der Herren She und Zheng aus dem Hause Rongguo und hieß als Mädchen Jia Min." Yucun schlug begeistert auf den Tisch: „Natürlich! Kein Wunder, dass meine Schülerin jedes Mal, wenn im Buch das Zeichen ‚min' vorkam, es als ‚mi' aussprach, und wenn sie es schrieb, immer einen oder zwei Striche wegließ. Ich hatte schon den Verdacht, und nun bestätigt Ihr es. Da ihre Mutter eine solche Herkunft hat, ist es kein Wunder, dass das Mädchen so außergewöhnlich ist. Leider ist sie letzten Monat verstorben." Zixing seufzte: „Von den vier Schwestern der älteren Generation ist diese die jüngste, und nun ist auch sie dahin. Schauen wir, was aus den Schwiegersöhnen der jüngeren Generation wird." | + | Yucun sagte: „Noch merkwürdiger ist der Brauch der Familie Zhen, dass die Mädchen Jungennamen erhalten, anstatt die üblichen Zeichen wie Frühling, Rot, Duft und Jade zu verwenden. Warum folgt das Haus Jia dann dieser gewöhnlichen Mode?" Zixing erklärte: „Weil die älteste Tochter am Neujahrstag geboren wurde und daher Urfrühling heißt, haben die übrigen einfach das Zeichen ‚Frühling' übernommen. Die vorige Generation hingegen folgte den Brüdernamen. Zum Beweis: Die Gemahlin Eures jetzigen Dienstherrn, des Herrn Lin, ist die leibliche Schwester der Herren She und Zheng aus dem Hause Rongguo und hieß als Mädchen Jia Min<ref>Chin. 贾敏 Jiǎ Mǐn. 敏 mǐn bedeutet „klug/geschickt". Sie ist Kajaljades Mutter und jüngste Schwester von Kaufmann Begnadigung und Kaufmann Aufrecht.</ref>." Yucun schlug begeistert auf den Tisch: „Natürlich! Kein Wunder, dass meine Schülerin jedes Mal, wenn im Buch das Zeichen ‚min' vorkam, es als ‚mi' aussprach, und wenn sie es schrieb, immer einen oder zwei Striche wegließ<ref>In der chinesischen Tradition war es verboten, den Namen des Vaters oder der Mutter auszusprechen oder zu schreiben (避諱 bìhuì, „Tabu-Vermeidung"). Dass Kajaljade das Zeichen 敏 mǐn vermied, zeigt ihre Erziehung und Pietät gegenüber der verstorbenen Mutter.</ref>. Ich hatte schon den Verdacht, und nun bestätigt Ihr es. Da ihre Mutter eine solche Herkunft hat, ist es kein Wunder, dass das Mädchen so außergewöhnlich ist. Leider ist sie letzten Monat verstorben." Zixing seufzte: „Von den vier Schwestern der älteren Generation ist diese die jüngste, und nun ist auch sie dahin. Schauen wir, was aus den Schwiegersöhnen der jüngeren Generation wird." |
| − | Yucun sagte: „Eben. Herr Zheng hat also den Jade-Jungen, und dann noch den schwächlichen Enkel seines ältesten Sohnes. Hat der alte Herr She denn gar keinen Sohn?" Zixing erwiderte: „Herr Zheng hat nach dem Jade-Jungen noch einen weiteren Sohn von einer Nebenfrau bekommen, dessen Qualitäten man noch nicht kennt. Was den alten Herrn She betrifft, so hat auch er zwei Söhne. Der ältere heißt Kaufmann Jadeschale [ | + | Yucun sagte: „Eben. Herr Zheng hat also den Jade-Jungen, und dann noch den schwächlichen Enkel seines ältesten Sohnes. Hat der alte Herr She denn gar keinen Sohn?" Zixing erwiderte: „Herr Zheng hat nach dem Jade-Jungen noch einen weiteren Sohn von einer Nebenfrau bekommen, dessen Qualitäten man noch nicht kennt. Was den alten Herrn She betrifft, so hat auch er zwei Söhne. Der ältere heißt Kaufmann Jadeschale<ref>Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn. 琏 liǎn bezeichnet eine kostbare Jade-Opferschale. Er ist der Ehemann von Phönixglanz [王熙凤 Wáng Xīfèng].</ref>, ist nun um die zwanzig und hat die Nichte von Herrn Zhengs Gemahlin Wang geheiratet – also in der eigenen Verwandtschaft. Dieser Kaufmann Jadeschale hat sich einen Amtstitel erkauft. Er mag nicht lesen, versteht sich aber auf gesellschaftlichen Umgang. Daher wohnt er im Haus seines Onkels Zheng und hilft bei der Verwaltung der Haushaltsangelegenheiten. Doch seit er seine Gemahlin geheiratet hat, loben alle im Haus nur noch sie, und er tritt in den Hintergrund. Man sagt, sie sei äußerst schön, beredt und von scharfem Verstand – wahrhaft eine Frau, der zehntausend Männer nicht das Wasser reichen können."<ref>Diese Beschreibung der Gemahlin von Kaufmann Jadeschale bezieht sich auf Phönixglanz (王熙凤 Wáng Xīfèng), eine der faszinierendsten Figuren des Romans: brilliant, skrupellos und von unbändigem Ehrgeiz. Sie wird in Kapitel 3 ihren großen Auftritt haben.</ref> |
Yucun lachte: „Da seht Ihr – alles, was ich gesagt habe, bestätigt sich. Die paar Menschen, von denen wir gesprochen haben, sind wohl alle Geschöpfe der doppelten Kraft von Recht und Unrecht." Zixing sagte: „Ob unrecht oder recht – hört auf, in fremden Büchern zu rechnen, und trinkt lieber noch einen Becher!" Yucun lachte: „Stimmt, ich habe über dem Reden schon zu viel getrunken." Zixing lachte: „Wenn man über andere Leute redet, schmeckt der Wein erst recht – ein paar Becher mehr schaden nicht." Yucun blickte aus dem Fenster: „Es wird dunkel, wir sollten uns beeilen, bevor das Stadttor schließt. Wir können drinnen weiterplaudern." Daraufhin standen sie auf und bezahlten die Zeche. | Yucun lachte: „Da seht Ihr – alles, was ich gesagt habe, bestätigt sich. Die paar Menschen, von denen wir gesprochen haben, sind wohl alle Geschöpfe der doppelten Kraft von Recht und Unrecht." Zixing sagte: „Ob unrecht oder recht – hört auf, in fremden Büchern zu rechnen, und trinkt lieber noch einen Becher!" Yucun lachte: „Stimmt, ich habe über dem Reden schon zu viel getrunken." Zixing lachte: „Wenn man über andere Leute redet, schmeckt der Wein erst recht – ein paar Becher mehr schaden nicht." Yucun blickte aus dem Fenster: „Es wird dunkel, wir sollten uns beeilen, bevor das Stadttor schließt. Wir können drinnen weiterplaudern." Daraufhin standen sie auf und bezahlten die Zeche. | ||
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| − | + | <div style="text-align: center; font-size: 0.9em; color: #666; margin-top: 20px;"> | |
| + | ''Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本).'' | ||
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Revision as of 12:31, 15 April 2026
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Kapitel 2
Kaufmann Regenort erfährt von einem Freund die Geschichte der Familie Kaufmann
Leng Selbstaufsteiger schildert die Wechselfälle des Hauses Rongguo
Das Eingangsgedicht lautet:
<poem style="margin-left:2em;"> Ob Gewinn oder Verlust in dieser Partie – wer weiß es schon? Der Duft des Tees ist verflogen, doch man zögert noch. Willst du das Zeichen für Aufstieg und Verfall erkennen, So frage den kühlen Beobachter am Rand. </poem>
Es wird erzählt, dass Siegel Schlicht [封肃], als er die Gerichtsdiener nach ihm rufen hörte, eilig hinausging und mit einem Lächeln fragte, was los sei. Die Männer riefen nur: „Bringt den Herrn Zhen schnell heraus!" Siegel Schlicht erklärte lächelnd: „Ich heiße Feng, nicht Zhen. Mein ehemaliger Schwiegersohn hieß Zhen, doch er ist schon seit ein, zwei Jahren als Mönch davongegangen. Meint Ihr vielleicht ihn?" Die Gerichtsdiener erwiderten: „Wir wissen nicht, ob es einen echten oder falschen Zhen gibt. Wir folgen nur dem Befehl des Herrn Magistrats. Da er Euer Schwiegersohn war, nehmen wir Euch mit, damit Ihr persönlich vor dem Magistrat aussagt und wir nicht vergeblich herumrennen müssen." Ohne Siegel Schlicht zu Wort kommen zu lassen, drängten sie ihn hinaus. Die ganze Familie war erschrocken und wusste nicht, was das zu bedeuten hatte.
Gegen die zweite Nachtwache[1] kehrte Siegel Schlicht fröhlich und guter Dinge zurück. Alle fragten ihn aufgeregt nach den Einzelheiten. Er berichtete: „Der neue Magistrat heißt Jia, mit Vornamen Hua, und stammt aus Huzhou. Er war früher ein Bekannter meines Schwiegersohnes. Als er heute an unserer Tür vorbeikam und die Zofe Zarte Aprikose[2] beim Garnkaufen sah, dachte er, mein Schwiegersohn sei hierher gezogen. Ich erklärte ihm alles, worauf der Magistrat sehr bewegt war und seufzte. Dann fragte er nach der Enkeltochter, und ich sagte, sie sei beim Laternenfest verloren gegangen. Der Magistrat versprach: ‚Keine Sorge, ich werde meine Leute anweisen, sie unbedingt aufzuspüren.' Nach einem langen Gespräch gab er mir beim Abschied noch zwei Liang Silber." Frau Zhen hörte dies und konnte ihre Rührung nicht unterdrücken. So verging die Nacht.
Am nächsten Tag schickte Yucun gleich in der Früh jemanden mit zwei Beuteln Silber und vier Rollen Brokat als Dank für Frau Zhen, außerdem mit einem vertraulichen Brief an Siegel Schlicht, in dem er um die Zofe Zarte Aprikose als Zweitfrau bat. Siegel Schlicht war überglücklich und drängte seine Tochter, einzuwilligen. Noch in derselben Nacht wurde Zarte Aprikose in einer kleinen Sänfte zu Yucun gebracht. Yucun war hoch erfreut und schenkte Siegel Schlicht hundert Liang Silber, dazu viele Geschenke für Frau Zhen, und bat ihn, gut für sie zu sorgen, bis die Tochter gefunden wäre. Siegel Schlicht kehrte nach Hause zurück, und damit hatte es sein Bewenden.
Jene Zofe Zarte Aprikose war dieselbe, die sich damals im Vorbeigehen nach Yucun umgedreht hatte. Durch diesen einen zufälligen Blick war diese ganze Geschichte entstanden – ein Schicksal, das sie selbst nie erwartet hätte. Wer hätte gedacht, dass ihr Glück und Schicksal zusammentrafen: Kaum ein Jahr an Yucuns Seite, gebar sie ihm einen Sohn, und nach einem weiteren halben Jahr starb Yucuns erste Frau an einer Krankheit, so dass er Zarte Aprikose zur rechtmäßigen Hauptfrau erhob. Wahrlich:
<poem style="margin-left:2em;"> Durch einen einzigen Fehler im Spiel ward sie zur Herrin über andere. </poem>
Nachdem Shiyin ihm damals das Silber geschenkt hatte, brach Yucun am sechzehnten Tag auf und reiste in die Hauptstadt. Bei der großen Prüfung bestand er wider Erwarten mit Bravour als Jinshi[3] und wurde in den auswärtigen Beamtendienst aufgenommen. Inzwischen war er zum Magistrat eben dieses Bezirks aufgestiegen. Obwohl er von großem Talent war, neigte er doch zu Habgier und Grausamkeit und verließ sich zu sehr auf seine Begabung, wobei er Vorgesetzte brüskierte. So blickten die anderen Beamten ihn scheel an. Innerhalb eines Jahres fand sein Vorgesetzter einen Vorwand und erstattete dem Kaiser Bericht, in dem er ihn als „hinterhältig und von zwielichtigem Charakter" bezeichnete, der „eigenmächtig die Sitten verändere, sich den Anschein der Rechtschaffenheit gebe, insgeheim aber gefährliche Verbindungen pflege, so dass die öffentliche Ordnung gestört und das Volk unterdrückt werde". Der Kaiser war erzürnt und ordnete seine sofortige Entlassung an. Als der Erlass eintraf, freuten sich alle Beamten des Bezirks. Yucun aber, obwohl innerlich tief beschämt und verbittert, zeigte äußerlich keine Spur von Unmut und blieb lachend und gelassen wie eh und je. Er übergab die Amtsgeschäfte, schickte sein gesamtes Vermögen samt Familie in die Heimat, und machte sich selbst auf, Wind und Mond als Gefährten, die schönsten Orte des Reiches zu bereisen.
Eines Tages gelangte er auf seinen Wanderungen in die Gegend von Yangzhou[4] und erfuhr, dass der diesjährige Salz-Kommissar ein gewisser Wald Ozeangleich[5] sei. Dieser Wald Ozeangleich war ein Tanhua-Absolvent[6] der letzten Prüfung, inzwischen zum Rat der Lantai-Akademie[7] aufgestiegen und nun als kaiserlicher Salz-Inspektor nach Yangzhou entsandt worden, wo er erst seit gut einem Monat im Amt war.
Die Vorfahren dieses Wald Ozeangleich hatten einst den Rang eines Marquis geerbt. Bis zu Wald Ozeangleich waren fünf Generationen vergangen. Ursprünglich war der Titel nur für drei Generationen verliehen worden, doch dank der besonderen Gnade des gegenwärtigen Kaisers wurde er verlängert. Wald Ozeangleichs Vater konnte ihn noch einmal erben, doch Wald Ozeangleich selbst machte seinen Weg über die Beamtenprüfungen. Obwohl die Familie zu den großen Häusern zählte, war sie zugleich eine Familie von Gelehrten. Leider war die Familie Lin nicht zahlreich, und obwohl es einige Seitenlinien gab, waren sie alle nur entfernte Verwandte. Wald Ozeangleich war nun bereits über vierzig, hatte aber nur einen einzigen dreijährigen Sohn gehabt, der im vergangenen Jahr gestorben war. Trotz einiger Nebenfrauen war es ihm nicht bestimmt, einen Sohn zu haben. So hatte er nur seine rechtmäßige Gattin, eine geborene Jia[8], die ihm eine Tochter geboren hatte, mit dem Milchnamen Kajaljade[9], die nun fünf Jahre alt war. Da das Ehepaar keinen Sohn hatte, liebten sie das Mädchen wie einen kostbaren Schatz. Und da sie klug und hübsch war, ließen sie sie sogar lesen und schreiben lernen – gleichsam als Ersatz für einen Sohn, um die Einsamkeit ein wenig zu lindern.
Yucun erkältete sich gerade und lag krank in einer Herberge. Nach etwa einem Monat genas er allmählich. Einerseits war er erschöpft, andererseits gingen ihm die Mittel aus, und so suchte er nach einer passenden Gelegenheit, sich vorübergehend niederzulassen. Glücklicherweise hatten zwei alte Freunde, die ebenfalls in der Gegend wohnten, gehört, dass der Salz-Kommissar einen Hauslehrer suchte, und so empfahlen sie Yucun, der die Stelle annahm. Es war eine angenehme Stellung: Er hatte nur eine einzige Schülerin und zwei Zofen, die sie beim Lernen begleiteten. Das Mädchen war noch jung und zart, und der Unterricht war nicht allzu anstrengend.
So verging etwa ein Jahr, als die Mutter der jungen Schülerin, Frau Jia, plötzlich an einer Krankheit starb. Das Mädchen pflegte die Mutter bis zuletzt und trauerte aufrichtig. Der Hauslehrer wollte daraufhin seine Stelle aufgeben. Wald Ozeangleich aber bat ihn zu bleiben, damit seine Tochter während der Trauerzeit weiter lesen könne. In letzter Zeit hatte die Schülerin vor Kummer so sehr gelitten, dass ihre ohnehin schwache Konstitution angegriffen war und eine alte Krankheit wieder ausbrach, so dass sie tagelang nicht zur Schule kam. Yucun, ohne Beschäftigung, ging bei schönem Wetter nach dem Essen gern spazieren.
An diesem Tag gelangte er zufällig an den Stadtrand, wo er die ländliche Landschaft bewundern wollte. Er wanderte zu einer Stelle, wo Berge das Wasser umgaben, dichte Wälder und hohe Bambushaine standen, und erblickte undeutlich einen Tempel, dessen Tore und Mauern verfallen waren. Über dem Tor hing ein Schild mit den drei Zeichen „Tempel der Allwissenheit"[10], und daneben stand ein altes, verwittertes Spruchpaar:
<poem style="margin-left:2em;"> Wer nach dem Tod noch etwas übrig hat, vergisst die Hand zurückzuziehen; Wer keinen Weg mehr vor sich sieht, will umkehren.[11] </poem>
Yucun las es und dachte: Diese Worte sind zwar schlicht, doch tief im Sinn. Ich habe viele berühmte Berge und große Tempel besucht, doch solche Worte nie gesehen. Vielleicht lebt hier jemand, der die Welt durchschaut hat. Warum nicht eintreten und sehen? Er ging hinein und fand nur einen gebrechlichen alten Mönch, der Reisbrei kochte. Yucun beachtete ihn kaum. Als er ihm ein paar Fragen stellte, war der alte Mönch taub und senil, mit ausgefallenen Zähnen und steifer Zunge – seine Antworten gingen völlig am Thema vorbei.
Yucun, ungeduldig geworden, verließ den Tempel wieder. Er wollte in einer Dorfschenke drei Becher Wein trinken, um die ländliche Stimmung zu genießen. Er schlenderte gemächlich hin, und gerade als er die Schenke betreten wollte, stand einer der Gäste auf, lachte laut und kam ihm entgegen. Er rief: „Was für ein Zufall! Was für ein Zufall!" Yucun erkannte den Mann: Es war ein Antiquitätenhändler aus der Hauptstadt namens Leng Selbstaufsteiger[12], den er von früher kannte. Yucun schätzte Leng Selbstaufsteiger als einen Mann von Format und Tatkraft, und Zixing wiederum nutzte Yucuns Gelehrtenruf. Daher verstanden sich die beiden bestens. Yucun fragte lächelnd: „Wann bist du hier angekommen, mein Freund? Ich wusste gar nichts davon. Welch ein Zufall, uns heute zu treffen!" Zixing erwiderte: „Ich kam zum Jahresende nach Hause und bin jetzt auf dem Rückweg in die Hauptstadt. Ich besuchte einen Freund hier in der Gegend, der mich bat, ein paar Tage zu bleiben. Da ich keine dringenden Geschäfte habe, blieb ich noch etwas. Heute schlenderte ich hierher, um mich ein wenig auszuruhen – und dann dieses glückliche Zusammentreffen!" Während er sprach, ließ er Yucun neben sich Platz nehmen und bestellte neuen Wein und Speisen. Die beiden plauderten gemütlich und erzählten, was sich seit ihrem letzten Treffen zugetragen hatte.
Yucun fragte: „Gibt es Neuigkeiten in der Hauptstadt?" Zixing antwortete: „Eigentlich nicht besonders. Aber in der Familie Eures verehrten Namensvetters hat sich eine kleine Merkwürdigkeit zugetragen." Yucun lachte: „In meiner Sippe hat niemand in der Hauptstadt zu tun. Wie kommt Ihr darauf?" Zixing lachte: „Ihr tragt denselben Familiennamen – seid Ihr nicht vom gleichen Stamm?" Yucun fragte, welche Familie er meine.
Zixing sagte: „Das Haus Rongguo[13], die Familie Jia – die bringt doch Eurem guten Namen keine Schande, oder?" Yucun lachte: „Ach, die! Wenn man es genau nimmt, so ist unsere Sippe weitverzweigt, von der Han-Dynastie her über den Ahnen Jia Fu, mit Seitenlinien in allen Provinzen – wer könnte das alles nachprüfen? Was den Zweig des Hauses Rongguo betrifft, so stehen wir zwar im selben Stammbaum, doch angesichts ihrer Pracht haben wir uns nicht getraut, uns als Verwandte auszugeben, und so sind wir einander mit der Zeit fremd geworden." Zixing seufzte: „Sagt das nicht, verehrter Herr! Die beiden Häuser Ning und Rong sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren."
Yucun fragte: „Seinerzeit waren die beiden Residenzen doch überaus bevölkert. Wie kann es sein, dass sie so verödet sind?" Zixing antwortete: „Genau, das ist eine lange Geschichte." Yucun erzählte: „Letztes Jahr kam ich nach Jinling[14] und wollte die Überreste der Sechs Dynastien besichtigen. An jenem Tag betrat ich die Stadt am Steintor und kam an dem alten Anwesen vorbei. Östlich der Straße liegt die Residenz Ningguo, westlich die Residenz Rongguo. Beide zusammen nehmen mehr als die Hälfte der Straße ein. Obwohl es vor dem Haupttor still und menschenleer war, konnte man durch die Mauer hindurch sehen, dass die Hallen, Paläste und Pavillons im Inneren noch immer stattlich und majestätisch ragten, und auch in den hinteren Gärten verströmten Bäume und Steine noch eine Aura von Üppigkeit und Frische. Das sah keineswegs nach einer Familie im Niedergang aus."
Zixing lachte: „Und Ihr seid ein Jinshi! Kennt Ihr denn nicht das alte Sprichwort: ‚Ein Tausendfüßler stirbt, aber er fällt nicht um'[15]? Obwohl es heute nicht mehr so prächtig ist wie einst, ist es verglichen mit gewöhnlichen Beamtenfamilien immer noch ganz anders. Doch die Bevölkerung wächst, die Geschäfte mehren sich, Herren und Diener leben in Saus und Braus, aber keiner unter ihnen kann planen und vorausdenken. Die täglichen Ausgaben und der Aufwand lassen sich nicht einschränken. Zwar steht die äußere Fassade noch, aber das innere Polster ist so gut wie aufgebraucht. Das ist noch das Geringste. Schlimmer ist, dass in solch einem Haus von Glocken und Dreifüßen[16], von Dichtung und Gelehrsamkeit die Kinder und Enkel mit jeder Generation schlechter werden!" Yucun hörte es verwundert und sagte: „Eine solche Familie der Dichtung und des Anstands – wie kann es sein, dass sie ihre Kinder nicht gut erzieht? Andere Familien kenne ich nicht, doch was die beiden Häuser Ning und Rong betrifft, so sind diese doch berühmt für ihre strenge Kindererziehung."
Zixing seufzte: „Ich spreche genau von diesen beiden Häusern. Lasst mich erzählen: Einst waren der Herzog von Ningguo und der Herzog von Rongguo leibliche Brüder von derselben Mutter. Der ältere war der Ninguo-Herzog. Er hatte vier Söhne. Nach seinem Tod erbte Jia Daihua das Amt und zeugte ebenfalls zwei Söhne. Der ältere, Jia Fu, starb schon mit acht oder neun Jahren. So erbte der jüngere, Kaufmann Andacht[17], das Amt. Doch dieser widmet sich heutzutage nur noch der daoistischen Alchemie und kümmert sich um nichts anderes mehr. Zum Glück hatte er noch rechtzeitig einen Sohn hinterlassen, namens Kaufmann Schein-Echt[18], dem er das Amt überließ, da er selbst nur noch das Elixier der Unsterblichkeit brauen wollte. Er weigert sich, in die Heimat zurückzukehren, und lebt mit Priestern vor den Toren der Hauptstadt. Dieser Kaufmann Schein-Echt hat einen Sohn namens Kaufmann Herrlichkeit[19], der jetzt erst sechzehn Jahre alt ist. Der alte Kaufmann Andacht kümmert sich um gar nichts mehr. Kaufmann Schein-Echt aber hat keine Lust zu studieren und führt nur ein ausschweifendes Leben, sodass die Ninguo-Residenz völlig auf den Kopf gestellt ist, und niemand wagt, ihn zu zügeln.
Was nun die Rongguo-Residenz betrifft – die merkwürdige Begebenheit, von der ich erzählen will, geschah genau dort. Nach dem Tod des Rongguo-Herzogs erbte sein ältester Sohn, Jia Daishan, das Amt. Er heiratete ein Fräulein aus dem ebenfalls hochangesehenen Haus der Marquis Shi in Jinling und bekam zwei Söhne: den älteren Kaufmann Begnadigung[20] und den jüngeren Kaufmann Aufrecht[21]. Jia Daishan starb früh, doch seine Gemahlin, die Herzoginmutter[22], lebt noch. Der ältere Sohn Kaufmann Begnadigung erbte das Amt. Der jüngere Kaufmann Aufrecht war von Kindheit an ein eifriger Leser, den sein Großvater am meisten liebte. Eigentlich hätte er die Beamtenlaufbahn über die Prüfungen einschlagen sollen, doch als Jia Daishan auf dem Sterbebett eine letzte Bittschrift an den Thron richtete, erkundigte sich der Kaiser aus Mitgefühl für den verdienten Beamten, ob es noch weitere Söhne gebe, und verlieh Kaufmann Aufrecht sogleich den Titel eines Aufwärters im Ministerium. Inzwischen ist er zum Außenamtsdirektor aufgestiegen. Die Gemahlin von Kaufmann Aufrecht, eine geborene Wang[23], brachte als erstgeborenen Sohn Jia Zhu[24] zur Welt, der mit vierzehn in die höhere Schule aufgenommen wurde, vor seinem zwanzigsten Lebensjahr heiratete und einen Sohn zeugte, dann aber starb. Die zweitgeborene war eine Tochter, die am Neujahrstag geboren wurde – das allein schon war bemerkenswert. Doch dann wurde noch ein Sohn geboren, und das ist noch erstaunlicher: Dieser Junge kam mit einem Stück fünffarbig schimmerndem Jade im Mund zur Welt, auf dem sogar Schriftzeichen eingraviert waren. Man nannte ihn daher Schatzjade[25]. Ist das nicht eine höchst merkwürdige Geschichte?"
Yucun sagte lachend: „Wahrhaftig seltsam. Dieser Mensch dürfte keinen geringen Ursprung haben."
Zixing lachte kühl: „Alle sagen das. Daher vergöttert ihn auch seine Großmutter. Als er ein Jahr alt war, wollte der Vater seine zukünftige Neigung testen und legte unzählige Gegenstände vor ihn hin, damit er zugreife[26]. Doch der Junge interessierte sich für nichts davon und griff nur nach Schminke, Haarnadeln und Schmuck. Da wurde der Vater sehr zornig und sagte: ‚Aus dem wird nichts als ein Wüstling!' Seither mag er ihn nicht besonders. Nur die alte Großmutter liebt ihn wie ihren Augapfel. Und auch das ist merkwürdig: Obwohl er jetzt sieben, acht Jahre alt ist und über alle Maßen ungezogen, ist er dabei so klug und liebenswürdig, dass hundert andere Kinder ihm nicht das Wasser reichen können. Er sagt auch seltsame Dinge: ‚Mädchen sind aus Wasser gemacht, Männer aus Lehm. Wenn ich Mädchen sehe, fühle ich mich erfrischt; wenn ich Männer sehe, empfinde ich nur Ekel!'[27] Ist das nicht lächerlich? Der wird bestimmt ein Lüstling!" Yucun wurde ernst und wehrte ab: „Nein, nein! Schade, dass Ihr seine Herkunft nicht kennt. Auch der alte Herr Zheng hat sich wohl geirrt, wenn er ihn für einen gewöhnlichen Wüstling hält. Ohne umfangreiche Bildung und tiefes Nachdenken vermag man solche Menschen nicht zu verstehen."
Zixing, erstaunt über die Gewichtigkeit dieser Worte, bat um Erläuterung. Yucun sprach: „Himmel und Erde bringen die Menschen hervor, und außer den ganz Guten und den ganz Bösen gleichen sich alle. Die ganz Guten werden geboren, wenn die Zeit es erfordert, die ganz Bösen, wenn ein Unheil droht. In Zeiten des Friedens kommen die Guten, in Zeiten der Not die Bösen. Yao, Shun, Yu, Tang, König Wen, König Wu, der Herzog von Zhou, der Herzog von Shao, Konfuzius, Mengzi, Dong Zhongshu, Han Yu, die Brüder Cheng, Zhu Xi[28] – sie alle kamen, als die Zeit es erforderte. Chi You, Gonggong, Jie, Zhou, der Erste Kaiser, Wang Mang, Cao Cao, Huan Wen, An Lushan, Qin Hui[29] – sie alle wurden in Zeiten des Unheils geboren. Die ganz Guten ordnen die Welt, die ganz Bösen bringen sie in Verwirrung. Die reine, leuchtende, geistreiche Essenz von Himmel und Erde ist die rechte Kraft, die den Guten verliehen wird; die grausame, widerspenstige Kraft ist die unrechte, die den Bösen zuteil wird. In einer Zeit des Wohlstands und des ewigen Friedens durchdringt die reine, geistreiche Essenz alles, vom Hof bis zu den einfachsten Leuten. Was davon übrig bleibt und nirgends hingehört, wird zu süßem Tau und mildem Wind, der überallhin strömt. Die grausame, widerspenstige Kraft aber kann nicht im hellen Tageslicht wirken, sondern verdichtet sich in tiefen Gräben und Schluchten. Wenn gelegentlich durch Wind oder Wolken ein Faden davon herausgeweht wird und auf die geistreiche Essenz trifft, können sich die beiden weder vertragen noch einander weichen und müssen aufeinanderprallen, bis ihre Energie erschöpft ist. So wird auch diese Kraft Menschen verliehen. Wer als Mann oder Frau diese doppelte Kraft empfängt, steht in seiner Klugheit und Brillanz über zehntausend anderen, in seiner Sonderbarkeit und Widerspenstigkeit aber unter allen. In einem Haus des Reichtums und Adels wird solch ein Mensch zum Narren der Liebe; in einer Familie von Dichtern und Armut wird er zum freien Geist und Erhabenen; und selbst wenn er in ärmlichste Verhältnisse geboren wird, kann er nie ein gewöhnlicher Knecht sein, sondern wird zu einem berühmten Schauspieler oder einer gefeierten Kurtisane. So waren es einst Xu You, Tao Qian, Ruan Ji, Ji Kang, Liu Ling, die Familien Wang und Xie, Gu Kaizhi, der letzte Kaiser Chen, Kaiser Xuanzong der Tang, Kaiser Huizong der Song, Liu Tingzhi, Wen Tingyun, Mi Fu, Shi Manqing, Liu Yong, Qin Guan[30], und in jüngerer Zeit Ni Yunlin, Tang Yin, Zhu Zhishan[31], ferner Li Guinian, Huang Fanchuo, Jing Xinmo, Zhuo Wenjun, Hongfu, Xue Tao, Cui Ying und Chaoyun[32]. Sie alle hätten an einem anderen Ort dieselben Menschen sein können."
Zixing sagte: „Nach Eurer Theorie wäre es also: Wer Erfolg hat, wird zum König, wer scheitert, zum Räuber?" Yucun antwortete: „Genau so. Und wisst Ihr, seit ich aus dem Amt entlassen wurde, habe ich in den letzten zwei Jahren alle Provinzen bereist und dabei ebenfalls zwei ungewöhnliche Kinder getroffen. Deshalb vermutete ich sogleich, als Ihr von Schatzjade sprachtet, dass er zur selben Sorte gehört. Um nicht in die Ferne zu schweifen: Allein in Jinling, im Hause des kaiserlichen Kommissars des Zensors Zhen – kennt Ihr das?" Zixing nickte: „Natürlich! Die Familie Zhen und die Familie Jia sind seit alters her verschwägert und befreundet. Beide Familien pflegen regen Umgang. Auch ich selbst verkehre schon seit langem bei ihnen." Yucun lachte: „Letztes Jahr in Jinling empfahl man mich als Hauslehrer bei den Zhens. Als ich ihr Haus betrat, sah ich, dass diese äußerst vornehme Familie zugleich von edler Gesinnung war – ein seltener Posten. Doch diese eine Schülerin, obwohl erst ein Anfänger, machte mehr Mühe als ein Kandidat für die Prüfungen. Das Lustigste war: Er sagte – denn es war ein Junge, trotz des weiblichen Namens –: ‚Nur wenn zwei Mädchen mich beim Lesen begleiten, kann ich die Zeichen verstehen und habe einen klaren Kopf, sonst bin ich ganz verwirrt.' Und er sagte zu seinen Dienern: ‚Die zwei Zeichen für „Mädchen" sind äußerst edel und rein, noch erhabener als die beiden Namen „Amitabha Buddha" und „Yuanshi Tianzun"[33]. Ihr mit eurem dreckigen Mund dürft diese beiden Zeichen niemals entweihen. Bevor ihr sie aussprecht, müsst ihr euch den Mund mit klarem Wasser und duftendem Tee ausspülen, sonst werden euch die Zähne ausgebrochen!' Seine Wildheit und Ungestümtheit, sein Eigensinn und seine Naivität waren ganz außergewöhnlich. Doch sobald er aus der Schule kam und die Mädchen sah, verwandelte er sich völlig – wurde sanft, friedlich, klug und kultiviert. Sein Vater hat ihn schon mehrfach hart geschlagen, doch es nützte nichts. Wenn er Schmerzen hatte, rief er nur ‚Schwester!' und ‚Schwester!' Die Mädchen drinnen machten sich über ihn lustig und fragten: ‚Warum rufst du nach den Schwestern, wenn es dir wehtut? Sollen sie für dich bitten? Schämst du dich nicht?' Und seine Antwort war köstlich: ‚Bei heftigem Schmerz rufe ich nur „Schwester", und vielleicht lindert das den Schmerz – tatsächlich, als ich es einmal versuchte, hörte der Schmerz auf. So habe ich ein Geheimmittel gefunden und rufe seither bei jedem Schmerz nach den Schwestern.' Da auch seine Großmutter ihn verwöhnte und den Lehrer tadelte, wenn er den Jungen bestrafte, gab ich meinen Posten auf und bin jetzt als Hauslehrer beim Salz-Inspektor Lin. Seht Ihr – solche Kinder können unmöglich das Erbe ihrer Vorväter bewahren oder den Anweisungen ihrer Lehrer folgen. Doch die Schwestern dieser Familie sind allesamt hervorragend."
Zixing sagte: „Auch im Hause Jia gibt es derzeit drei bemerkenswerte Töchter. Die älteste Tochter des Herrn Zheng, Urfrühling[34], wurde wegen ihrer Tugend und Begabung als Palastdame in den Kaiserpalast berufen. Die zweite, Willkommensfrühling[35], ist die Tochter einer Nebenfrau von Herrn She. Die dritte, Spürfrühling[36], ist eine natürliche Tochter von Herrn Zheng. Die vierte, Bewahrfrühling[37], ist die leibliche Schwester von Kaufmann Schein-Echt aus der Ninguo-Residenz. Da die alte Fürstin ihre Enkelinnen sehr liebt, wohnen alle bei der Großmutter und lesen gemeinsam. Man hört, sie seien alle ausgezeichnet."
Yucun sagte: „Noch merkwürdiger ist der Brauch der Familie Zhen, dass die Mädchen Jungennamen erhalten, anstatt die üblichen Zeichen wie Frühling, Rot, Duft und Jade zu verwenden. Warum folgt das Haus Jia dann dieser gewöhnlichen Mode?" Zixing erklärte: „Weil die älteste Tochter am Neujahrstag geboren wurde und daher Urfrühling heißt, haben die übrigen einfach das Zeichen ‚Frühling' übernommen. Die vorige Generation hingegen folgte den Brüdernamen. Zum Beweis: Die Gemahlin Eures jetzigen Dienstherrn, des Herrn Lin, ist die leibliche Schwester der Herren She und Zheng aus dem Hause Rongguo und hieß als Mädchen Jia Min[38]." Yucun schlug begeistert auf den Tisch: „Natürlich! Kein Wunder, dass meine Schülerin jedes Mal, wenn im Buch das Zeichen ‚min' vorkam, es als ‚mi' aussprach, und wenn sie es schrieb, immer einen oder zwei Striche wegließ[39]. Ich hatte schon den Verdacht, und nun bestätigt Ihr es. Da ihre Mutter eine solche Herkunft hat, ist es kein Wunder, dass das Mädchen so außergewöhnlich ist. Leider ist sie letzten Monat verstorben." Zixing seufzte: „Von den vier Schwestern der älteren Generation ist diese die jüngste, und nun ist auch sie dahin. Schauen wir, was aus den Schwiegersöhnen der jüngeren Generation wird."
Yucun sagte: „Eben. Herr Zheng hat also den Jade-Jungen, und dann noch den schwächlichen Enkel seines ältesten Sohnes. Hat der alte Herr She denn gar keinen Sohn?" Zixing erwiderte: „Herr Zheng hat nach dem Jade-Jungen noch einen weiteren Sohn von einer Nebenfrau bekommen, dessen Qualitäten man noch nicht kennt. Was den alten Herrn She betrifft, so hat auch er zwei Söhne. Der ältere heißt Kaufmann Jadeschale[40], ist nun um die zwanzig und hat die Nichte von Herrn Zhengs Gemahlin Wang geheiratet – also in der eigenen Verwandtschaft. Dieser Kaufmann Jadeschale hat sich einen Amtstitel erkauft. Er mag nicht lesen, versteht sich aber auf gesellschaftlichen Umgang. Daher wohnt er im Haus seines Onkels Zheng und hilft bei der Verwaltung der Haushaltsangelegenheiten. Doch seit er seine Gemahlin geheiratet hat, loben alle im Haus nur noch sie, und er tritt in den Hintergrund. Man sagt, sie sei äußerst schön, beredt und von scharfem Verstand – wahrhaft eine Frau, der zehntausend Männer nicht das Wasser reichen können."[41]
Yucun lachte: „Da seht Ihr – alles, was ich gesagt habe, bestätigt sich. Die paar Menschen, von denen wir gesprochen haben, sind wohl alle Geschöpfe der doppelten Kraft von Recht und Unrecht." Zixing sagte: „Ob unrecht oder recht – hört auf, in fremden Büchern zu rechnen, und trinkt lieber noch einen Becher!" Yucun lachte: „Stimmt, ich habe über dem Reden schon zu viel getrunken." Zixing lachte: „Wenn man über andere Leute redet, schmeckt der Wein erst recht – ein paar Becher mehr schaden nicht." Yucun blickte aus dem Fenster: „Es wird dunkel, wir sollten uns beeilen, bevor das Stadttor schließt. Wir können drinnen weiterplaudern." Daraufhin standen sie auf und bezahlten die Zeche.
Gerade als sie gehen wollten, hörten sie hinter sich jemanden rufen: „Bruder Yucun, ich gratuliere! Ich komme eigens, um Euch eine frohe Nachricht zu bringen!" Yucun drehte sich hastig um –
Anmerkungen
- ↑ Die zweite Nachtwache (二更 èrgēng) entspricht der Zeit zwischen 21 und 23 Uhr.
- ↑ Chin. 嬌杏 Jiāo Xìng, wörtl. „Zarte Aprikose" – die Zofe, die sich in Kapitel 1 zweimal nach Yucun umdrehte.
- ↑ Jinshi (進士) war der höchste akademische Grad im kaiserlichen Prüfungssystem. Wer diese Prüfung bestand, hatte Zugang zu den höchsten Ämtern des Reiches.
- ↑ Yangzhou (揚州) in der heutigen Provinz Jiangsu war in der Qing-Dynastie eines der wichtigsten Zentren des Salzhandels und daher Sitz des kaiserlichen Salz-Kommissars (鹽政 yánzhèng).
- ↑ Chin. 林如海 Lín Rúhǎi, wörtl. „Wie das Meer". Familienname 林 Lín bedeutet „Wald". Er ist der Vater von Kajaljade und Schwiegersohn der Kaufmann-Familie. In der Übersetzung: Wald Ozeangleich.
- ↑ Tanhua (探花, wörtl. „Blumenpflücker") bezeichnet den Drittplatzierten der kaiserlichen Palastprüfung – eine überaus ehrenvolle Auszeichnung, die nur die drei Besten des gesamten Reiches erhielten.
- ↑ Die Lantai-Akademie (蘭臺 Lántái) war eine kaiserliche Behörde, die für die Verwaltung der Reichsarchive zuständig war – ein prestigeträchtiger Posten für Gelehrte.
- ↑ Wald Ozeangleichs Gattin ist Kaufmann Schicksals-Min (贾敏 Jiǎ Mǐn), die jüngste Schwester von Kaufmann Begnadigung und Kaufmann Aufrecht. Durch diese Heirat sind die Familien Kaufmann und Wald verschwägert – der Grund, warum Kajaljade später im Kaufmann-Haus aufwächst.
- ↑ Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù. 黛 dài bedeutet „Kajal" (schwarze Augenbrauenfarbe), 玉 yù „Jade". Der Name „Schwarzaugenbrauen-Jade" verweist auf ihre Schönheit und zugleich auf den Schleier der Melancholie, der über ihrem Wesen liegt. Kajaljade ist die Reinkarnation der Purpurperlen-Pflanze aus der Vorgeschichte in Kapitel 1.
- ↑ Chin. 智通寺 Zhìtōng Sì – der Name „Tempel, der alles durchdringt" steht in ironischem Kontrast zu dem senilen Mönch, der darin lebt.
- ↑ Chin. 身後有餘忘縮手,眼前無路想回頭. Dieses Spruchpaar warnt vor der Habgier und dem Ehrgeiz, die den Menschen in sein Verderben treiben – eine Warnung, die Yucun zwar liest, aber nicht beherzigt.
- ↑ Chin. 冷子興 Léng Zǐxīng. 冷 Léng bedeutet „kalt/kühl", 子興 Zǐxīng „Selbstaufsteiger". Sein Name „kühler Selbstaufsteiger" passt zu seiner Rolle als nüchterner Beobachter der Kaufmann-Familie, der deren Aufstieg und Verfall von außen schildert.
- ↑ Die Rongguo-Residenz (榮國府 Róngguó Fǔ, wörtl. „Residenz des Glanzvollen Staates") und die Ningguo-Residenz (寧國府 Nínguó Fǔ, wörtl. „Residenz des Friedvollen Staates") sind die beiden großen Zweige der Kaufmann-Familie. Ihre Gründer waren Brüder, die als Herzöge für ihre Verdienste belohnt wurden.
- ↑ Jinling (金陵) ist der alte Name von Nanjing (Nanking), der ehemaligen Hauptstadt der Sechs Dynastien (222–589). Die Kaufmann-Familie stammt ursprünglich aus Jinling.
- ↑ Chin. 百足之蟲,死而不僵 (bǎizú zhī chóng, sǐ ér bù jiāng) – ein bekanntes Sprichwort, das besagt, dass eine mächtige Familie auch nach ihrem inneren Verfall noch lange die äußere Fassade aufrechterhalten kann.
- ↑ „Glocken und Dreifüße" (鐘鼎 zhōngdǐng) sind Symbole für Reichtum und Vornehmheit – eine Anspielung auf die rituellen Bronzegefäße des Adels.
- ↑ Chin. 贾敬 Jiǎ Jìng. 敬 jìng bedeutet „Andacht/Ehrfurcht". Ironischerweise hat dieser Mann jede familiäre Andacht aufgegeben und widmet sich nur noch der daoistischen Alchemie.
- ↑ Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn. 珍 zhēn bedeutet „kostbar/echt". Der Name klingt ironisch angesichts seines ausschweifenden Lebenswandels.
- ↑ Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng. 蓉 róng bedeutet „Herrlichkeit" (wörtl. „Lotusblüte").
- ↑ Chin. 贾赦 Jiǎ Shè. 赦 shè bedeutet „Begnadigung/Amnestie". Er ist der älteste Sohn der Herzoginmutter und ein selbstsüchtiger, träger Mann.
- ↑ Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng. 政 zhèng bedeutet „Regierung/aufrecht". Er ist der zweite Sohn der Herzoginmutter und Vater von Schatzjade. In der Übersetzung: Kaufmann Aufrecht.
- ↑ Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, auch 老太太 Lǎo Tàitai oder 史太君 Shǐ Tàijūn genannt. Sie ist die Matriarchin der Kaufmann-Familie, eine geborene Shi (史), und die mächtigste Person im Haus. In der Übersetzung: Herzoginmutter.
- ↑ Frau Wang (王夫人 Wáng Fūren) ist die Mutter von Schatzjade und Schwester von Wang Ziteng, dem General der kaiserlichen Garde. Durch diese Verbindung ist die Kaufmann-Familie auch mit der mächtigen Wang-Familie verwandt.
- ↑ Chin. 贾珠 Jiǎ Zhū. 珠 zhū bedeutet „Perle". Sein früher Tod hinterlässt eine Lücke in der Erbfolge und verstärkt die Hoffnungen, die auf Schatzjade ruhen.
- ↑ Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses. Der Familienname 贾 Jiǎ ist ein Homophon zu 假 jiǎ „falsch/fiktiv". Der Jade, mit dem er geboren wird, ist der verwandelte Stein aus der Vorgeschichte in Kapitel 1 – der „Durchdringende Geist-Jade" (通靈寶玉). In der Übersetzung: Schatzjade.
- ↑ Das „Ergreifen am ersten Geburtstag" (抓周 zhuāzhōu) ist ein traditioneller chinesischer Brauch: Dem einjährigen Kind werden verschiedene Gegenstände vorgelegt, und je nachdem, wonach es greift, wird seine Zukunft vorhergesagt.
- ↑ Dieser berühmte Ausspruch Schatzjades (女兒是水做的骨肉,男人是泥做的骨肉) offenbart seine ungewöhnliche Wertschätzung des Weiblichen und seine Verachtung der männlichen Welt von Macht und Ambition – das zentrale Charaktermerkmal des Protagonisten.
- ↑ Diese Aufzählung umfasst die mythischen Urherrscher (Yao, Shun, Yu, Tang), die Begründer der Zhou-Dynastie (König Wen, König Wu, Herzog von Zhou) und die großen konfuzianischen Gelehrten bis hin zu den Neokonfuzianern der Song-Dynastie (Brüder Cheng, Zhu Xi) – allesamt Verkörperungen des „rechten Qi" (正氣).
- ↑ Diese Aufzählung umfasst mythische Rebellen (Chi You, Gonggong), tyrannische Herrscher (Jie, Zhou, der Erste Kaiser von Qin), Usurpatoren (Wang Mang, Cao Cao, Huan Wen) und Verräter (An Lushan, Qin Hui) – Verkörperungen des „unrechten Qi" (邪氣).
- ↑ Diese Liste umfasst berühmte Exzentriker, Eremiten, Dichter und Künstler der chinesischen Geschichte – Menschen von außergewöhnlicher Begabung, die sich nicht in die Konventionen fügten: von den Sieben Weisen des Bambushains (Ruan Ji, Ji Kang, Liu Ling) über große Kalligraphen (Wang Xizhi) bis hin zu exzentrischen Kaisern (Huizong der Song, der sein Reich für die Malerei vernachlässigte).
- ↑ Ni Yunlin (倪雲林, 1301–1374): exzentrischer Maler und Kalligraph der Yuan-Dynastie. Tang Yin (唐寅, 1470–1524): einer der „Vier Meister von Suzhou", berühmt als Maler, Dichter und Lebemann. Zhu Zhishan (祝枝山, 1461–1527): berühmter Kalligraph der Ming-Dynastie.
- ↑ Diese Liste berühmter Frauen umfasst: Zhuo Wenjun (卓文君): die junge Witwe, die mit dem Dichter Sima Xiangru durchbrannte. Hongfu (紅拂): die legendäre Dienerin, die ihren Herrn verließ, um einem Helden zu folgen. Xue Tao (薛濤, ca. 768–831): berühmte Kurtisane und Dichterin der Tang-Dynastie. Chaoyun (朝雲): die Lieblingskonkubine des Dichters Su Dongpo.
- ↑ Amitabha Buddha (阿彌陀佛) ist der Buddha des unermesslichen Lichts im Reinen-Land-Buddhismus. Yuanshi Tianzun (元始天尊) ist die höchste Gottheit im Daoismus. Dass der Junge die Zeichen für „Mädchen" über diese höchsten religiösen Namen stellt, zeigt seine radikale Verehrung des Weiblichen.
- ↑ Chin. 元春 Yuánchūn, wörtl. „Erster Frühling". Sie ist die älteste Tochter von Kaufmann Aufrecht. Die vier Schwestern tragen alle das Zeichen 春 chūn „Frühling" im Namen: 元 yuán „Anfang/Ursprung", 迎 yíng „willkommen heißen", 探 tàn „erkunden", 惜 xī „bedauern". Zusammengelesen ergeben die vier Anfangszeichen 原應嘆息 yuán yīng tànxī „man sollte seufzen" – eine verborgene Vorausdeutung auf das tragische Schicksal aller vier Schwestern.
- ↑ Chin. 迎春 Yíngchūn, wörtl. „Willkommensfrühling". Sie ist die Tochter einer Nebenfrau von Kaufmann Begnadigung, bekannt für ihre sanfte, nachgiebige Art.
- ↑ Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Erkundungsfrühling". Sie ist eine natürliche Tochter von Kaufmann Aufrecht, bekannt für ihre Tatkraft und Klugheit.
- ↑ Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bedauernsfrühling". Sie ist die leibliche Schwester von Kaufmann Schein-Echt aus der Ningguo-Residenz.
- ↑ Chin. 贾敏 Jiǎ Mǐn. 敏 mǐn bedeutet „klug/geschickt". Sie ist Kajaljades Mutter und jüngste Schwester von Kaufmann Begnadigung und Kaufmann Aufrecht.
- ↑ In der chinesischen Tradition war es verboten, den Namen des Vaters oder der Mutter auszusprechen oder zu schreiben (避諱 bìhuì, „Tabu-Vermeidung"). Dass Kajaljade das Zeichen 敏 mǐn vermied, zeigt ihre Erziehung und Pietät gegenüber der verstorbenen Mutter.
- ↑ Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn. 琏 liǎn bezeichnet eine kostbare Jade-Opferschale. Er ist der Ehemann von Phönixglanz [王熙凤 Wáng Xīfèng].
- ↑ Diese Beschreibung der Gemahlin von Kaufmann Jadeschale bezieht sich auf Phönixglanz (王熙凤 Wáng Xīfèng), eine der faszinierendsten Figuren des Romans: brilliant, skrupellos und von unbändigem Ehrgeiz. Sie wird in Kapitel 3 ihren großen Auftritt haben.
Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本).