Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 60"

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(DE4 (Woesler 4. Aufl.): Kapitel 60 mit Navigation und Fussnoten)
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= Kapitel 60 =
 
= Kapitel 60 =
== 茉莉粉替去蔷薇硝 ==
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== Jasminpuder ersetzt den Rosensalpeter ==
=== 玫瑰露引出茯苓霜 ===
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=== Rosennektar führt zum Porlingsschnee ===
  
'''Jasminpuder wird als Rosensalpeter ausgegeben,und Rosennektar wird mit Kokosporlingsschnee vergolten.'''
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Dufthauch fragte Friedchen, was sie denn so in Atem halte. Friedchen sagte lächelnd: „Lauter Dinge, auf die kein Mensch kommen würde. Es klingt auch ziemlich lächerlich. In ein paar Tagen erzähle ich es dir. Im Augenblick ist noch alles wirr, und ich habe auch keine Zeit."
  
Auf die Frage von Hsi-jën, was sie so in Atem gehalten habe, erwiderte Ping-örl lächelnd: „Lauter Dinge, auf die kein Mensch kommen würde und die sich ziemlich lächerlich anhören. In ein paar Tagen werde ich sie dir erzählen. Jetzt ist alles noch zu wirr, außerdem habe ich keine Zeit.“
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Kaum hatte sie ausgeredet, erschien ein Dienstmädchen von Frau Li und sagte: „Ist Schwester Friedchen hier? Die gnädige Frau wartet auf dich – warum kommst du denn nicht?"
Kaum hatte sie das gesagt, erschien eines von Li Wans Sklavenmädchen und sagte: „Da ist ja Schwester Ping-örl! Die junge gnädige Frau wartet. Warum kommst du nicht?“
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Sofort machte Ping-örl kehrt, ging hinaus und sagte lachend: „Ich komme, ich komme.“
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Friedchen machte sogleich kehrt, ging hinaus und rief lachend: „Ich komme, ich komme!"
Lächelnd kommentierten Hsi-jën und die anderen: „Seitdem ihre Herrin krank liegt, ist sie begehrt wie ein leckerer Kuchen, den jeder haben möchte und keiner zu fassen bekommt.
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Ping-örl war fort, und damit einstweilen genug von ihr. Bau-yü befahl nun Tschun-yän: „Geh mit deiner Mutter zu Fräulein Bau-tschai hinüber und sag dort Ying-örl ein paar nette Worte. Ihr könnt sie nicht mir nichts, dir nichts beleidigen.
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Dufthauch und die anderen sagten lächelnd: „Seitdem ihre Herrin krank liegt, ist Friedchen begehrt wie ein warmer Sesamkuchen – jeder reißt sich um sie, und keiner bekommt sie zu fassen."
Tschun-yän sagte: „Jawohl!und ging schon mit ihrer Mutter hinaus, als Bau-yü noch durchs Fenster hinzusetzte: „Aber sprecht nicht in Gegenwart von Fräulein Bau-tschai darüber, sonst ist Ying-örl eine Belehrung sicher!
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Mutter und Tochter versprachen es und verließen den Hof. Im Gehen unterhielten sie sich, und Tschun-yän sagte: „Was ich dir immer geraten habe, wolltest du mir nicht glauben. Erst mußtest du dir Ärger einhandeln, ehe du Ruhe gibst.
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Friedchen war fort, und damit genug von ihr. Schatzjade rief nun Frühlingsschwälbchen und sagte: „Geh mit deiner Mutter zu Fräulein Schatzspange hinüber und sage Drossel ein paar nette Worte. Man kann sie nicht einfach so beleidigen und dann nichts dazu sagen."
„Geh nur, geh, kleines Spitzbein!“ sagte Frau Hë lächelnd. „Durch Schaden wird man klug, sagt das Sprichwort. Nachdem ich es weiß, brauchst du mir keine Vorwürfe mehr zu machen.
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„Mutter, wenn du dich mit deinem Los zufriedengibst und lange genug in diesen Räumen dienst, wirst du viele Vorteile dadurch haben“, versicherte Tschun-yän lächelnd. „Weißt du was? Bau-yü hat schon oft gesagt, er wolle später einmal mit der gnädigen Frau reden, damit alle, die in seinen Räumen sind, freigelassen werden und nach Belieben zu ihren Eltern zurück können, egal ob sie aus dem Hause sind oder von außerhalb. Sag selbst, wäre das nicht schön?
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Frühlingsschwälbchen sagte „Jawohl!" und ging schon mit ihrer Mutter hinaus, da rief Schatzjade noch durchs Fenster hinterher: „Aber redet nicht in Gegenwart von Fräulein Schatzspange darüber sonst bekommt Drossel am Ende noch eine Zurechtweisung!"
„Ist das wirklich wahr?“ fragte Frau Hë fröhlich.
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„Wer würde in so einer Sache lügen?“ fragte Tschun-yän zurück. „Was sollte das?“
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Mutter und Tochter versprachen es und gingen hinaus. Während sie nebeneinander liefen, unterhielten sie sich. Frühlingsschwälbchen sagte zu ihrer Mutter: „Was ich dir immer geraten habe, wolltest du mir nicht glauben. Erst musstest du dich blamieren, ehe du Ruhe gibst."
Als Frau Hë das hörte, rief sie in einem fort den Namen Buddhas an.
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Im Haselwurzpark saß Bau-tschai eben mit Dai-yü und Tante Hsüä beim Essen, und Ying-örl war Tee brühen gegangen. Da trat Tschun-yän mit ihrer Mutter vor sie hin und sagte lächelnd: „Meine Mutter war vorhin beleidigend zu dir. Du darfst ihr deswegen nicht böse sein und darfst es ihr nicht verübeln. Wir kommen dich extra um Verzeihung bitten.
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Die Mutter sagte lächelnd: „Geh nur, kleines Biest! ‚Durch Schaden wird man klug', heißt es im Sprichwort. Jetzt weiß ich Bescheid. Brauchst du mir also keine Vorwürfe mehr zu machen."
Sofort lud Ying-örl sie lächelnd ein, Platz zu nehmen, und wollte ihnen Tee einschenken. Doch Tschun-yän und ihre Mutter entschuldigten sich, sie hätten zu tun. Als sie sich verabschiedet hatten und sich schon zum Gehen wandten, stürzte plötzlich Juee-guan hinter ihnen her und rief: „Mutter! Schwester! Bleibt einmal stehen!“ Als sie sie eingeholt hatte, reichte sie ihnen ein Päckchen und sagte: „Das ist Rosensalpeter. Nehmt ihn für Fang-guan mit, sie soll sich das Gesicht damit einreiben.
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„So etwas Kleinliches!“ tadelte Tschun-yän lächelnd, „meinst du, drüben bekommt sie so etwas nicht, daß du ihr extra ein Päckchen schicken mußt?“
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Frühlingsschwälbchen sagte lächelnd: „Mutter, wenn du dich hier bescheiden gibst und deinen Dienst in diesen Räumen treu versehst, wirst du auf die Dauer viele Vorteile haben. Ich will dir etwas verraten: Schatzjade hat schon oft gesagt, er wolle eines Tages die gnädige Frau bitten, alle, die in seinen Räumen dienen, freizulassen – ganz gleich, ob sie zum Haus gehören oder von außen kamen –, damit sie nach Belieben zu ihren Eltern zurückkehren können. Sag selbst, wäre das nicht wunderbar?"
„Was sie drüben hat, ist von drüben, aber das hier ist ein Geschenk von mir“, beharrte Juee-guan. „Du mußt es unbedingt für sie mitnehmen, liebste Schwester.“
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Notgedrungen nahm Tschun-yän das Päckchen an sich. Als sie dann mit ihrer Mutter in den Hof der Freude am Roten zurückkam, waren eben Djia Huan und Djia Dsung gekommen, um Bau-yü einen Besuch abzustatten. „Ich gehe allein hinein“, bestimmte Tschun-yän, „du brauchst nicht mitzukommen.“ Und folgsam verzichtete Frau Hë auf jeden Widerspruch.
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Die Mutter fragte aufgeregt: „Ist das wirklich wahr?"
Als Tschun-yän ins Zimmer trat, wußte Bau-yü, sie wollte ihm Bericht erstatten, und nickte ihr zu. Tschun-yän verstand, was gemeint war, und sagte kein Wort. Nachdem sie ein Weilchen herumgestanden hatte, wandte sie sich um und ging wieder hinaus. Dabei gab sie Fang-guan einen Wink mit den Augen. Fang-guan folgte ihr nach draußen, und leise bestellte ihr Tschun-yän, was Juee-guan gesagt hatte. Dazu gab sie ihr den Salpeterpuder.
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Bau-yü, der nicht wußte, worüber er mit Djia Huan und Djia Dsung reden sollte, erkundigte sich lächelnd bei Fang-guan, was sie da in der Hand halte. Sofort reichte ihm Fang-guan das Päckchen und sagte: „Es ist Rosensalpeter gegen die Frühjahrsflechte.
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Frühlingsschwälbchen erwiderte: „Wer würde in so einer Sache lügen?"
„Schön, daß sie daran gedacht hat!lobte Bau-yü.
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Djia Huan reckte den Hals und äugte nach dem Päckchen, und da er den frischen Duft wahrnahm, den es ausströmte, bückte er sich, zog ein Stück Papier aus dem Stiefelschaft und bat lächelnd: „Gib mir die Hälfte davon ab, Bruder!
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Als die Dienstfrau das hörte, murmelte sie in einem fort Buddhas Namen.
Notgedrungen wollte ihm Bau-yü etwas geben, aber Fang-guan, die Juee-guans Geschenk mit niemandem teilen wollte, fiel ihm rasch in den Arm und sagte mit lächelnder Miene: „Rühr den hier nicht an, ich hole anderen!
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Bau-yü verstand, worum es ihr ging, wickelte das Päckchen lächelnd wieder zusammen und sagte: „Dann hol ihn rasch!
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Im Haselwurzpark angekommen, trafen sie Schatzspange, Kajaljade und Tante Schnee gerade beim Essen an. Drossel war Tee aufbrühen gegangen. Frühlingsschwälbchen trat mit ihrer Mutter vor Drossel hin und sagte lächelnd: „Meine Mutter war vorhin beleidigend zu dir. Du darfst ihr nicht böse sein und es ihr nicht verübeln – wir kommen eigens, um dich um Verzeihung zu bitten."
Fang-guan verschwand mit dem Päckchen und legte es weg. Dann suchte sie in ihrem Toilettenkästchen nach dem Salpeterpuder, den sie gewöhnlich benutzte, aber als sie die Schachtel aufmachte, war sie leer. „Nanu“, dachte sie, „heute Morgen war noch etwas da, wie kann es jetzt verschwunden sein?
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Sie fragte die anderen, doch alle erklärten, sie wüßten nichts davon. Schë-yüä schließlich sagte: „Hab dich nicht so deswegen! Irgend jemand aus unseren Räumen wird keinen mehr gehabt und ihn genommen haben. Gib denen einfach irgendwas, sie merken es schon nicht! Hauptsache ist, daß sie bald gehen, damit wir essen können.
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Drossel bat sie sogleich lächelnd, Platz zu nehmen, und wollte ihnen Tee einschenken. Doch Mutter und Tochter sagten, sie hätten zu tun, und verabschiedeten sich. Sie waren schon im Gehen, da kam plötzlich Staubfäden hinterhergelaufen und rief: „Mütterchen! Schwester! Wartet einen Augenblick!" Sie holte sie ein und drückte ihnen ein Papierpäckchen in die Hand: „Das ist Rosensalpeter. Nehmt ihn für Duftlein mit, sie soll sich das Gesicht damit einreiben."
Also wickelte Fang-guan ein wenig Jasminpuder ein und ging mit dem Päckchen hinüber. Sofort streckte Djia Huan die Hand danach aus, aber rasch warf es Fang-guan aufs Ofenbett, so daß es Djia Huan von dort aufheben mußte. Er steckte es in den Busen, dann verabschiedete er sich und ging.
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Da Djia Dschëng auf Reisen war und nun auch Dame Wang und die anderen nicht im Hause weilten, schwänzte Djia Huan unter dem Vorwand einer Krankheit schon seit Tagen die Schule. Nachdem er jetzt den Puder bekommen hatte, machte er sich frohlockend auf die Suche nach Tsai-yün. Der Zufall wollte es, daß sie eben mit Nebenfrau Dschau einen Plausch hielt. Freudestrahlend verkündete Djia Huan: „Hier habe ich etwas Feines für dich, womit du dir das Gesicht einreiben kannst. Du sagst doch immer, Rosensalpeter sei besser gegen Flechten als der Silbersalpeter, den es draußen zu kaufen gibt. Sieh nach, ob es der richtige ist!
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Frühlingsschwälbchen sagte lächelnd: „Ihr seid wirklich zu kleinlich! Als ob es drüben nichts dergleichen gäbe! Extra schickst du ihr noch ein Päckchen."
Tsai-yün machte das Päckchen auf und sah sich den Puder an, dann lachte sie prustend und fragte: „Von wem hast du dir das geben lassen?
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Djia Huan erzählte, was sich zugetragen hatte, und lächelnd erklärte ihm Tsai-yün: „Sie haben dich angeführt wie einen Dorftrottel. Das ist kein Rosensalpeter, sondern Jasminpuder.
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Staubfäden erwiderte: „Was sie drüben hat, ist von drüben. Das hier ist ein Geschenk von mir. Liebe Schwester, nimm es auf jeden Fall mit!"
Djia Huan sah sich das Pulver an, und tatsächlich sah es rötlicher aus als das andere. Er roch daran, und auch der Geruch war aufdringlicher. Aber lächelnd sagte er: „Das ist doch auch etwas Gutes. Ob es nun Salpeter oder Puder ist, behalt es und reib dir das Gesicht damit ein. Hauptsache ist doch, daß es etwas Besseres ist als das, was man draußen zu kaufen bekommt.
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Notgedrungen steckte Tsai-yün das Päckchen ein, nun aber sagte Nebenfrau Dschau: „Dir wird man schon etwas Gutes geben! Wer hat dich geheißen, darum zu bitten? Jetzt kannst du dich nicht beklagen, daß man sich über dich lustig macht. Hingehen solltest du und es ihr ins Gesicht schleudern!  
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Frühlingsschwälbchen nahm es also entgegen. Als Mutter und Tochter zum Purpurwolken-Hof zurückkamen, waren gerade Kaufmann Dritter [Anm.: 贾环, Jia Huan, Schatzjades jüngerer Halbbruder] und Kaufmann Zweiter [Anm.: 贾琮, Jia Cong] zu einem Besuch bei Schatzjade erschienen und eben eingetreten. Frühlingsschwälbchen sagte zu ihrer Mutter: „Ich gehe allein hinein – du brauchst nicht mitzukommen." Die Mutter gehorchte von nun an willig und wagte keinen Widerspruch mehr.
Wo jetzt die einen unterwegs sind und die anderen krank im Bett liegen, sollte man so richtig Krach schlagen, daß alle aus ihrer Ruhe aufgeschreckt werden, das wäre eine Rache! In zwei Monaten fragt kein Mensch mehr danach. Und selbst wenn, kannst du es ja erklären. Bau-yü ist dein älterer Bruder, und wenn du mit ihm nicht aneinandergeraten möchtest, ist das die eine Sache, aber mußt du deshalb auch Angst haben, so ein Hündchen oder Kätzchen aus seinen Räumen zur Rede zu stellen?
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Djia Huan senkte nur den Kopf, Tsai-yün aber sagte rasch: „Warum gleich einen Skandal anzetteln? Wie auch immer, das beste ist, man trägt es mit Geduld.
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Frühlingsschwälbchen trat ins Zimmer. Schatzjade wusste, sie wollte Bericht erstatten, und nickte ihr zu. Frühlingsschwälbchen verstand und sagte kein Wort. Nachdem sie eine Weile dagestanden hatte, drehte sie sich um, ging hinaus und gab Duftlein ein Zeichen mit den Augen. Duftlein folgte ihr nach draußen, und leise erzählte Frühlingsschwälbchen ihr, was Staubfäden bestellt hatte, und gab ihr den Salpeterpuder.
„Du halt dich da heraus!“ verlangte Nebenfrau Dschau. „Mit dir hat es schließlich nichts zu tun. Es wäre schon gut, sich die Gelegenheit zunutze zu machen, um diese verdorbenen Weibsbilder ordentlich abzukanzeln.
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Dann wies sie mit der Hand auf Djia Huan, spuckte aus und schimpfte: „Du erbärmlicher Schlappschwanz mußt dich natürlich von diesen dummen Gören beleidigen lassen. Aber wenn ich mal etwas sage oder dir nicht das Richtige gebe, dann verdrehst du gleich den Kopf, die Stirnadern schwellen dir, und du siehst mich an, als ob du mich fressen wolltest. Aber wenn dich jetzt diese Rotzgören zum besten halten, läßt du es einfach auf sich beruhen. Glaubst du, da wird das Gesinde noch Respekt vor dir haben? Zu nichts bist du zu gebrauchen, ich schäme mich für dich.“
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Schatzjade wusste nicht, worüber er mit Kaufmann Dritter und Kaufmann Zweiter reden sollte, und fragte daher lächelnd Duftlein, was sie in der Hand halte. Duftlein reichte es ihm sogleich und sagte: „Das ist Rosensalpeter gegen die Frühjahrsflechte."
Erregt und betreten wagte Djia Huan dennoch nicht hinzugehen. Er machte eine wegwerfende Handbewegung und sagte: „Du verstehst so gut zu reden, und doch gehst du nicht. Wenn ich auf dein Geheiß Krach schlage und es wird an die Schule gemeldet, so daß ich zur Strafe Prügel bekomme, tut es dir ja nicht weh. Immer wieder hast du mich aufgehetzt, und wenn dann ein Skandal daraus wurde und ich Schelte und Schläge bekam, hast du nur stumm den Kopf gesenkt. Jetzt hetzt du mich wieder gegen die dummen Mägde auf. Wenn du keine Angst vor Schwester Tan-tschun hast und gehst hin, dann gebe ich mich geschlagen.“
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Mit diesem Satz hatte er die wunde Stelle seiner Mutter getroffen, und sie rief: „Ich soll jemand fürchten, der aus meinem eigenen Bauch gekrochen ist? Da würde es hier anders aussehen!“ Bei diesen Worten ergriff sie das Päckchen mit dem Puder und eilte in Richtung Garten davon. Tsai-yün, die sie beim besten Willen nicht davon hatte abbringen können, suchte anderswo Zuflucht, Djia Huan dagegen verschwand durchs Zeremonialtor und ging seinem Vergnügen nach.
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„Wie aufmerksam, dass sie daran gedacht hat!" lobte Schatzjade lächelnd.
Als Nebenfrau Dschau so hitzig in den Garten gestürzt kam, traf sie dort Ou-guans Pflegemutter, die Sklavenfrau Hsia. „Wohin des Wegs?“ fragte diese, als sie Nebenfrau Dschau wutschnaubend ankommen sah.
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„Ja, schau dir das an!“ sagte Nebenfrau Dschau. „Selbst diese kleinen Schauspielerhuren, die kaum ein paar Tage im Hause sind, erlauben es sich, einen auf alle mögliche Weise zum Menschen zweiter Klasse zu stempeln. Bei jemand anders würde es mich noch nicht ärgern, aber wie kommen diese kleinen Hurendinger dazu, mit unsereins ihren Spott zu treiben?!
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Kaufmann Dritter reckte den Hals und spähte auf das Päckchen; als er den frischen Duft wahrnahm, bückte er sich, zog ein Stück Papier aus dem Stiefelschaft, hielt es wie ein Tablett hin und sagte lächelnd: „Lieber Bruder, gib mir die Hälfte ab!"
Das entsprach ganz dem, was Frau Hsia selber empfand, und so fragte sie rasch, worum es ging. Nun erzählte ihr Nebenfrau Dschau, wie verächtlich Djia Huan von Fang-guan behandelt worden war, indem sie ihm Jasminpuder anstelle von Rosensalpeter gegeben hatte.
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„Kommt Ihr heute erst dahinter?“ fragte Frau Hsia. „Das ist ja noch gar nichts. Neulich haben sie hier heimlich Opfergeld verbrannt, und Bau-yü hat sie noch dabei gedeckt. Wenn andere hier etwas hereinbringen, dann heißt es, das gebe es nicht, das sei schmutzig, das sei tabu. Ist es vielleicht nicht tabu, hier Opfergeld zu verbrennen? Überlegt einmal, wer stände hier außer der gnädigen Frau höher als Ihr? Ihr braucht Euch nur stark zu machen, dann hat jedermann Achtung vor Euch.
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Schatzjade war schon bereit, ihm etwas zu geben, doch Duftlein, der das Geschenk von Staubfäden zu kostbar war, um es mit anderen zu teilen, fiel ihm rasch in den Arm und sagte lächelnd: „Rühr diesen nicht an ich hole anderen!"
Mir scheint, man sollte es sich zunutze machen, daß diese kleinen Huren doch nichts Ordentliches sind, so daß es keine großen Folgen hat, wenn sie von jemand gekränkt werden. Deshalb solltet Ihr diese beiden Vorfälle aufgreifen, um ein Exempel zu statuieren, und ich trete als Zeugin dabei auf. Wenn Ihr dadurch Eure Autorität festigt, könnt Ihr Euch später auch in anderen Fällen Respekt verschaffen. Nur wegen dieser kleinen Hurendinger werden die junge gnädige Frau und die gnädigen Fräulein kaum etwas gegen Euch sagen.
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Nun fühlte sich Nebenfrau Dschau erst recht in ihrer Meinung bestärkt, und sie sagte: „Von der Sache mit dem Opfergeld habe ich nichts gewußt, erzähl mir das genauer!
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Schatzjade verstand sofort, wickelte das Päckchen lächelnd wieder ein und sagte: „Dann hol ihn schnell!"
Also berichtete Frau Hsia ihr in allen Einzelheiten, was sich unlängst ereignet hatte, und fügte hinzu: „Geht nur hin und stellt sie zur Rede! Wenn es deswegen Ärger gibt, sind auch wir noch da, um Euch zu helfen.
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Selbstzufrieden und siegesgewiß stapfte Nebenfrau Dschau geradewegs in den Hof der Freude am Roten. Bau-yü, der gehört hatte, Dai-yü sei im Haselwurzpark, war dorthin gegangen. Fang-guan saß mit Hsi-jën und den anderen beim Essen. Als sie Nebenfrau Dschau hereinkommen sahen, standen sie alle auf und sagten lächelnd: „Eßt mit uns! Was bringt Ihr Eiliges?
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Duftlein nahm das Päckchen, legte es weg und suchte in ihrem Toilettenkästchen nach dem Salpeterpuder, den sie selbst benutzte. Doch als sie die Dose öffnete, war sie leer. Verwundert dachte sie: „Heute Morgen war noch etwas darin – wie kann es jetzt verschwunden sein?" Sie fragte die anderen, aber alle sagten, sie wüssten nichts davon.
Ohne darauf zu antworten, trat Nebenfrau Dschau näher heran, schleuderte Fang-guan das Päckchen mit dem Puder ins Gesicht, wies dann mit der Hand auf sie und schimpfte: „Du schamloses Ding! Für Geld hat man dich gekauft, damit du schauspielern lernst, und du bist nicht mehr als eine Hure.
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Die letzte Sklavin in unserm Haus steht höher als du, aber du bringst es noch fertig, jemand anders für minderwertig zu halten, und wenn Bau-yü etwas verschenken will, dann hinderst du ihn daran. Hat er vielleicht von dir etwas verschenken wollen? Du hast meinen Sohn mit diesem Zeug angeführt und hast wohl gedacht, er wüßte nicht, was das ist. Bau-yü und er sind Brüder, beide sind sie Herrschaften. Wie kommst du dazu, ihn geringzuschätzen?
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Moschusmond sagte: „Was regst du dich jetzt darüber auf? Irgendjemand aus unseren Räumen hat gerade nichts gehabt und es sich genommen. Gib ihnen einfach irgendetwas – die merken das doch nicht. Hauptsache, sie gehen bald, damit wir essen können."
Natürlich konnte Fang-guan das nicht ertragen und erwiderte unter Tränen: „Ich habe ihm doch das nur gegeben, weil der Rosensalpeter alle war. Hätte ich gesagt, er ist alle, dann hätte er mir bestimmt nicht geglaubt. Ist der Puder vielleicht etwas Schlechteres? Ja, ich habe die Schauspielerei gelernt, aber ich bin nie außer Hause aufgetreten, und was Huren und Horen sind, weiß ich nicht, ich bin nur ein Mädchen. Warum also beschimpft Ihr mich? Außerdem habt nicht Ihr mich gekauft. Und wer von uns beiden wäre keine Sklavin?“
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Rasch packte Hsi-jën sie am Arm und zog sie zurück. „Red keinen Unsinn!“ warnte sie.
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Also wickelte Duftlein ein wenig Jasminpuder ein und brachte es hinüber. Kaufmann Dritter streckte sofort die Hand danach aus, doch Duftlein warf das Päckchen kurzerhand aufs Ruhebett, sodass Kaufmann Dritter es von dort aufheben musste. Er steckte es in seinen Busen, verabschiedete sich und ging.
Aber wütend trat Nebenfrau Dschau vor und versetzte Fang-guan zwei Ohrfeigen. Sofort fielen ihr Hsi-jën und die anderen in den Arm und redeten ihr zu: „Seid doch verständiger als das Kind! Laßt uns mit ihr reden!
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Fang-guan jedoch wollte nach den Schlägen nicht einlenken und gebärdete sich wie toll. Unter Tränen der Wut stieß sie hervor: „Du schlägst mich? Schau erst mal in den Spiegel, wie du aussiehst, ehe du die Hand gegen mich hebst! Hier, schlag mich doch, ich lebe noch!Sie stieß Nebenfrau Dschau den Kopf vor die Brust und schrie nochmals, sie solle doch zuschlagen.
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Da Kaufmann Aufrecht verreist und auch Dame Wang nicht zu Hause war, hatte Kaufmann Dritter schon seit Tagen die Schule geschwänzt, indem er sich krank stellte. Nachdem er jetzt das Pulver bekommen hatte, machte er sich frohlockend auf die Suche nach Farbwölkchen [Anm.: 彩云, Caiyun, Dienstmädchen bei Dame Wang]. Der Zufall wollte es, dass sie gerade mit Nebenfrau Zhao plauderte. Kaufmann Dritter sagte strahlend zu Farbwölkchen: „Ich habe dir etwas Feines mitgebracht zum Einreiben des Gesichts! Du sagst doch immer, Rosensalpeter sei gegen Flechten besser als der Silbersalpeter, den man draußen kauft. Schau einmal, ob es das Richtige ist!"
Alle redeten auf sie ein und versuchten, sie wegzuziehen, Tjing-wën aber nahm Hsi-jën unauffällig beiseite und sagte: „Kümmer dich nicht um sie! Laß sie doch streiten! Wir wollen sehen, wie sie wieder auseinander kommen! Heute herrscht einmal König Streit. Hat man so etwas je gesehen, daß jeder die Fäuste in Bewegung setzt?
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Draußen hörten auch die Frauen den Lärm, die mit Nebenfrau Dschau gekommen waren, und freuten sich von Herzen. Sie riefen den Namen Buddhas an und sagten: „Endlich ist es soweit!Auch die anderen Alten, die einen Groll auf die Schauspielermädchen hatten, waren zufrieden, daß Fang-guan Schläge bekam.
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Farbwölkchen öffnete das Päckchen, warf einen Blick hinein und prustete los: „Von wem hast du dir das geben lassen?"
Inzwischen spielten Ou-guan und Juee-guan zusammen. Als nun die Heldendarstellerin Kuee-guan, die Hsiang-yün zugeteilt worden war, und Dou-guan, die jetzt zu Bau-tjins Bedienung gehörte, erfuhren, was sich abspielte, stürzten sie Hals über Kopf zu den anderen beiden und sagten: „Fang-guan wird beleidigt, das ist eine Schmach für uns alle! Nur wenn wir‘s denen ordentlich zeigen, kommen wir wieder zu unserem Recht.“
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Die vier waren Kinder, die nur noch die gerechte Empörung sahen, die sie ihrer Freundin schuldig waren, und sonst nichts. Sie liefen gemeinsam in den Hof der Freude am Roten, wo zuerst Dou-guan so heftig mit dem Kopf gegen Nebenfrau Dschau anrannte, daß diese beinahe gestürzt wäre. Aber auch die anderen drei stürmten heulend gegen sie an, zerrten sie mit den Händen und rammten sie mit dem Kopf, so daß Nebenfrau Dschau völlig eingekeilt war. Tjing-wën und die anderen lachten darüber und taten nur so, als ob sie die Mädchen wegziehen wollten.
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Kaufmann Dritter erzählte, was sich zugetragen hatte. Farbwölkchen sagte lächelnd: „Die haben dich angeführt wie einen Dorftrottel! Das ist kein Rosensalpeter, das ist Jasminpuder."
Hsi-jën aber stürzte aufgeregt von einer zur andern, versuchte, sie beiseite zu zerren, und schimpfte: „Daß ihr doch sterben wolltet! Wenn ihr euch beleidigt fühlt, können wir darüber reden, aber was soll diese Ungezogenheit?“
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Nebenfrau Dschau dagegen wußte sich nicht anders zu helfen als mit wüstem Gezänk. Juee-guan und Ou-guan hielten ihre Arme gepackt, während Kuee-guan und Dou-guan von vorn und hinten ihren Kopf gegen sie stemmten. „Schlag uns doch alle vier tot, damit Ruhe ist!“ forderten sie Nebenfrau Dschau heraus. Fang-guan indes lag der Länge nach auf dem Boden und heulte zum Steinerweichen.
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Kaufmann Dritter sah sich das Pulver noch einmal an: Tatsächlich war es rötlicher als gewöhnlicher Salpeter, und als er daran roch, strömte es einen durchdringenden Duft aus. Lächelnd sagte er: „Es ist doch auch etwas Gutes. Ob nun Salpeter oder Puder behalt es und reib dir das Gesicht damit ein. Solange es besser ist als das Zeug, das man draußen kauft, ist es doch recht."
In dieser ausweglosen Situation erschienen plötzlich, auf Tjing-wëns Geheiß von Tschun-yän alarmiert, Frau You, Li Wan und Tan-tschun zusammen mit Ping-örl und zahlreichen Sklavenfrauen. Sie schrien die vier Schauspielermädchen an, sie sollten einhalten, und fragten nach dem Grund für die Auseinandersetzung. Mit stierem Blick und geschwollenen Schläfenadern sprudelte Frau Dschau alles zusammenhanglos und unverständlich hervor. Frau You und Li Wan antworteten nicht darauf und hielten nur weiter die vier Mädchen in Schach. Da sagte Tan-tschun mit einem Seufzer: „Was ist das schon für eine schwerwiegende Angelegenheit! Ihr seid wahrhaftig zu aufbrausend. Eben wollte ich etwas mit Euch bereden, aber die Mägde sagten, sie wüßten nicht, wo Ihr seid. Dabei wart Ihr hier, um zu toben. Kommt bitte mit mir!
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„Bemüht Euch bitte in die Halle hinüber, damit wir miteinander reden können!“ forderten auch Frau You und Li Wan sie lächelnd auf, so daß Nebenfrau Dschau keine andere Wahl blieb, als ihnen zu folgen. Dabei hörte sie jedoch nicht auf, sich über die Schauspielermädchen zu beklagen.
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Farbwölkchen steckte es notgedrungen ein. Nebenfrau Zhao aber sagte: „Dir gibt man natürlich etwas Gutes! Wer hat dich geheißen, darum zu bitten? Jetzt brauchst du dich nicht zu wundern, dass man sich über dich lustig macht. Wenn du auf mich hörst, gehst du hin und schleuderst es ihr ins Gesicht! Gerade jetzt, wo die einen unterwegs sind und die anderen krank im Bett liegen – das ist die Gelegenheit, ordentlich Krach zu schlagen, damit die alle aus ihrer Behaglichkeit aufgeschreckt werden! Das wäre eine Revanche! In zwei Monaten fragt kein Mensch mehr danach. Und selbst wenn man dich fragt, hast du genug zu sagen. Schatzjade ist dein älterer Bruder, und gegen ihn willst du nicht anrennen – gut. Aber musst du deshalb auch Angst haben, so ein Hündchen oder Kätzchen aus seinen Räumen zur Rede zu stellen?"
„Diese Mädchen sind eine Spielerei“, wurde sie von Tan-tschun unterbrochen. „Wenn man mag, kann man mit ihnen plaudern und scherzen, und wenn man nicht mag, läßt man sie unbeachtet. Wenn sie unartig sind, ist das nichts anderes, als wenn einen ein Kätzchen oder ein Hündchen beißt oder kratzt. Man verzeiht ihnen, wenn man kann, und wenn es etwas Unverzeihliches ist, läßt man sie durch die Verwalterinnen bestrafen. Wie kann man sich so weit erniedrigen, mit ihnen herumzuschreien, ohne sein Ansehen zu wahren?
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Seht Euch Nebenfrau Dschou an. Warum wird sie von niemand beleidigt, und warum muß sie hinter niemand her sein? Ich rate Euch, geht in Eure Räume zurück und beruhigt Euch. Laßt Euch nicht von Bösewichtern aufhetzen, sonst macht Ihr Euch nur zum Gespött der Leute. Müßt Ihr für nichts und wieder nichts andern Leuten die Schmutzarbeit machen? Und wenn Ihr noch so ärgerlich seid, geduldet Euch ein paar Tage, bis die gnädige Frau wieder hier ist, dann werden wir alles klären.
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Kaufmann Dritter senkte nur den Kopf. Farbwölkchen sagte rasch: „Wozu einen Streit vom Zaun brechen? Wie es auch sei – das Klügste ist, Geduld zu üben."
Diese Worte brachten Nebenfrau Dschau endlich zum Schweigen, und notgedrungen begab sie sich in ihre Räume hinüber. Tan-tschun aber sagte ärgerlich zu Frau You und Li Wan: „So alt ist sie schon, aber mit ihren Taten kann sie sich keine Achtung erwerben. Was sollte denn das heißen? Lohnte es sich, darum zu streiten und jedes Ansehen einzubüßen? Gutgläubig und gedankenlos, wie sie ist, hat sie sich bestimmt wieder von unverschämten Sklaven zum Narren machen lassen, die so ihrem Zorn Luft machen wollten.
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Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr geriet sie in Wut, und schließlich befahl sie festzustellen, wer Nebenfrau Dschau angestiftet hatte. Die Sklavenfrauen sagten jawohl und gingen hinaus, aber draußen sahen sie einander an und lachten, weil sie einhellig der Meinung waren, das heiße, nach einer Nadel im Meer zu suchen. Dennoch befragten sie das Gefolge von Nebenfrau Dschau sowie die Frauen aus dem Garten, aber alle erklärten, sie wüßten von nichts. Da blieb ihnen nichts weiter übrig, als Tan-tschun zu berichten, die Anstifter seien einstweilen nicht feststellbar, aber sie wollten in aller Ruhe weiter nach ihnen fahnden und alle zur Bestrafung melden, die unziemliche Reden führten.
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Nebenfrau Zhao fuhr sie an: „Du halt dich da heraus! Dich geht es nichts an. Man sollte die Gelegenheit nutzen und diesen schamlosen Weibsstücken ordentlich die Meinung sagen – das wäre schon etwas wert." Dann deutete sie auf Kaufmann Dritter, spuckte aus und schimpfte: „Pfui! Du erbärmlicher Schlappschwanz! Natürlich lässt du dich von diesen grünen Rotznasen demütigen! Wenn ich dir ein Wort sage oder dir versehentlich das Falsche gebe, dann verdrehst du die Augen, die Stirnadern schwellen dir, und du trampelst und wirfst Sachen nach deiner eigenen Mutter! Aber jetzt, wo dich diese Gören zum Narren halten, lässt du dir alles gefallen. Und du bildest dir ein, das Gesinde werde dich eines Tages noch respektieren? Zu nichts bist du zu gebrauchen ich schäme mich für dich!"
Gerade hatte sich Tan-tschuns Zorn ein wenig gelegt, da berichtete ihr Ai-guan verstohlen: „Mutter Hsia ist stets garstig zu uns. Immer streut sie Gerüchte aus und stiftet Unfrieden. Neulich hat sie Ou-guan verdächtigt, weil sie Opferpapier verbrannt hatte, aber das war Ou-guan von Bau-yü befohlen worden, und als Bau-yü selbst eingriff, mußte Mutter Hsia still sein. Als ich Euch heute Euer Taschentuch holte, sah ich, wie Mutter Hsia und Nebenfrau Dschau lange zusammengestanden und miteinander getuschelt haben. Erst als sie mich sahen, sind sie auseinandergegangen.
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Als Tan-tschun das hörte, nahm sie an, daß es nicht ganz der Wahrheit entsprach, zumal die Schauspielermädchen alle unter einer Decke steckten und ungezogen genug waren. Darum sagte sie nur ja, ja und dachte nicht daran, sich auf diese Aussage zu verlassen.
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Kaufmann Dritter war beschämt und aufgebracht zugleich, doch er wagte nicht zu gehen. Er machte eine unwirsche Handbewegung und sagte: „Du verstehst so gut zu reden, aber du gehst ja selbst nicht hin! Du schickst mich vor, um den Skandal anzuzetteln. Wenn es an die Schule gemeldet wird und ich Prügel bekomme, tut es dir ja nicht weh! Jedes Mal hast du mich aufgestachelt, und wenn dann der Skandal da war und ich Prügel und Schelte bekam, hast du nur stumm den Kopf gesenkt. Jetzt willst du mich schon wieder gegen die kleinen Mägde aufhetzen. Wenn du keine Angst vor der dritten Schwester [Anm.: Tanchun] hast, dann geh doch selbst – dann gebe ich mich geschlagen!"
Nun diente in Tan-tschuns Räumen auch Tschan-djiä, eine Enkelin der Sklavenfrau Hsia. Da sie oft Einkäufe und andere Besorgungen für die übrigen Sklavenmädchen übernahm, war sie bei allen beliebt. Als sich Tan-tschun nach dem Essen in die Halle begeben hatte, um dort ihren Aufgaben nachzugehen, gab Tsuee-mo, die inzwischen die Räume hüten sollte, Tschan-djiä den Auftrag, draußen durch einen Sklavenjungen Kuchen kaufen zu lassen.
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„Eben habe ich den großen Hof gefegt, und mir tun Hüfte und Beine weh“, erwiderte Tschan-djiä. „Schick doch jemand anders!
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Mit diesem einen Satz hatte er seiner Mutter mitten ins Herz getroffen. Sie schrie: „Ich soll mich fürchten vor einem, der aus meinem eigenen Leib gekrochen ist? Da hätten wir ja schöne Zustände!" Während sie das sagte, schnappte sie sich das Päckchen mit dem Puder und stürmte in Richtung Garten davon. Farbwölkchen, die sie beim besten Willen nicht zurückhalten konnte, suchte in einem anderen Zimmer Zuflucht. Kaufmann Dritter verschwand durchs Zeremonialtor und ging seinem Vergnügen nach.
„Wen soll ich anders schicken?“ fragte Tsuee-mo lächelnd. „Geh nur schnell, ehe es noch später wird. Ich will dir auch etwas im guten sagen. Geh zum hinteren Tor und sag unterwegs deiner Großmutter Bescheid, sie solle ein wenig auf der Hut sein.“ Dann erzählte sie ihr, was Ai-guan über Frau Hsia berichtet hatte.
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Daraufhin ließ sich Tschan-djiä bereitwillig das Geld geben und sagte: „So ein kleines Spitzbein! Will sie auch ihren Spott mit den Leuten treiben? Ich gehe es meiner Großmutter sagen.“ Und schon stand sie auf und ging hinaus. Als sie ans Hintertor kam, saß das gesamte Küchenpersonal, das um diese Zeit nichts zu tun hatte, auf den Treppenstufen und plauderte. Auch Frau Hsia war dabei. Tschan-djiä beauftragte eine alte Sklavenfrau, Kuchen kaufen zu gehen, dann berichtete sie Frau Hsia schimpfend, was sie soeben erfahren hatte.
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Nebenfrau Zhao stürmte wie eine Furie in den Garten. Zufällig kam ihr Lotosblats Pflegemutter, die Dienstfrau Xia, entgegen. Als sie Nebenfrau Zhao wutschnaubend herankommen sah, fragte sie: „Wohin des Wegs, gnädige Nebenfrau?"
Ärgerlich und ängstlich zugleich wollte sich Frau Hsia auf die Suche nach Ai-guan begeben, um sie zur Rede zu stellen. Außerdem wollte sie zu Tan-tschun gehen, um sich über das erlittene Unrecht zu beklagen. Aber Tschan-djiä hielt sie zurück und fragte: „Was willst du denn sagen? Wie willst du erklären, daß du davon weißt? Du würdest nur neues Unheil damit anrichten. Ich habe es dir gesagt, damit du vorsichtig bist, und das ist genug. Wozu also die Aufregung?
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Während sie das sagte, sah sie plötzlich Fang-guan kommen, die sich dann ans Hoftor lehnte und lächelnd zur Küchenfrau Liu sagte: „Schwägerin Liu! Der junge Herr Bau-yü läßt bestellen, er möchte zum Abendessen ein Gemüsegericht. Schön kalt und schön sauer soll es sein, aber ohne Sesamöl, sonst ist es ihm zu fett.
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„Sieh dir das an!" rief Nebenfrau Zhao. „Selbst diese kleinen Schauspielerhuren, die erst vor zwei, drei Tagen ins Haus gekommen sind, erlauben sich, uns Leute nach Rang und Stand zu sortieren und kleine Schälchen vorzusetzen! [Anm.: Redewendung für: jemanden nach seinem Stand unterschiedlich behandeln.] Bei jemand anderem würde es mich nicht ärgern, aber von diesen kleinen Ludern brauche ich mir doch keinen Spott gefallen zu lassen!"
„Verstanden!“ sagte Frau Liu lächelnd. „Wie kommt es, daß heute du so eine wichtige Nachricht überbringen mußt? Komm ein wenig herein, wenn es dir hier nicht zu schmutzig ist!“
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Eben wollte Fang-guan eintreten, als die alte Sklavenfrau mit dem Kuchen kam, und Fang-guan sagte im Scherz: „Für wen ist der warme Kuchen? Ich möchte ein Stück davon kosten.“
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Das traf genau die Empfindungen der Dienstfrau Xia, und sie fragte eilig nach dem Grund. Nebenfrau Zhao erzählte ihr ausführlich, wie Duftlein den Kaufmann Dritter verächtlich behandelt hatte, indem sie ihm Jasminpuder statt Rosensalpeter gab.
Sofort nahm Tschan-djiä der Sklavenfrau den Kuchen ab und sagte: „Der ist für jemand anders. Ist das vielleicht für euereins etwas Besonderes?“
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„Fang-guan! Wenn du so etwas magst, kannst du von dem Kuchen essen, den ich vorhin gekauft habe“, bot Frau Liu an. „Er ist ganz sauber und frisch.Sie brachte einen Teller voll Kuchen, reichte ihn Fang-guan und sagte: „Warte, ich brühe dir einen guten Tee!
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Die Dienstfrau Xia sagte: „Gnädige Frau, davon erfahrt Ihr heute erst? Das ist doch gar nichts! Erst gestern haben sie hier heimlich Opfergeld verbrannt, und Schatzjade hat sich noch als Schutzschild davor gestellt. Wenn andere etwas hereinbringen wollen, heißt es, das gehe nicht, das sei unrein und bringe Unglück. Aber Opferpapier verbrennen – das bringt wohl kein Unglück? Überlegt einmal: Wer steht hier im Haus über Euch, außer der gnädigen Frau selbst? Ihr braucht Euch nur aufzurichten, und jedermann wird Respekt vor Euch haben!
Während sie hineinging und das Feuer anfachte, nahm Fang-guan ein Stück Kuchen vom Teller und fragte Tschan-djiä: „Wer ist schon auf deinen Kuchen erpicht? Ist das hier vielleicht kein Kuchen? Es war ein Spaß von mir. Auch wenn du mich kniefällig darum bittest, würde ich deinen Kuchen nicht essen.“ Mit diesen Worten zerbröckelte sie ein Stück Kuchen nach dem anderen und warf ihn den Spatzen hin. Dazu sagte sie lächelnd zu Frau Liu: „Gräm dich nicht, Schwägerin! Nachher werde ich dir zwei Djin Kuchen kaufen.
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Kochend vor Wut, starrte Tschan-djiä auf Fang-guan und zischte böse: „Der Donnergott hat doch Augen im Kopf, warum erschlägt er so ein verderbenbringendes Geschöpf nicht? Warum muß sie mich ärgern? Was bin ich schon im Vergleich zu euch? Euch bringt man Tribut, euch dient man wie eine Sklavin, alles tut man für euch, nur damit ihr mal bei Gelegenheit ein gutes Wort bei jemand einlegt...“
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Meiner Meinung nach solltet Ihr die Gelegenheit nutzen: Diese kleinen Huren sind ohnehin nichts Ordentliches – wenn man sie beleidigt, hat das keine großen Folgen. Greift diese beiden Vorfälle auf und statuiert ein Exempel! Ich trete als Zeugin auf. Wenn Ihr jetzt Eure Autorität behauptet, könnt Ihr Euch auch künftig in anderen Dingen Respekt verschaffen. Wegen dieser kleinen Huren werden die junge gnädige Frau und die Fräulein kaum ein Wort gegen Euch erheben."
„Schluß, ihr Mädchen!“ unterbrachen sie die Sklavenfrauen. „Kaum daß ihr euch seht, beginnt ihr zu zanken.“ Ein paar besonders Verständige standen sogar auf, als sie sahen, daß die beiden sich stritten, und machten sich aus dem Staube, weil sie fürchteten, es könnte ein neuer Skandal daraus entstehen. Auch Tschan-djiä wollte sich nicht zuviel gegen die andere herausnehmen und ging murrend ihrer Wege.
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Als Frau Liu sah, daß alle anderen fort waren, kam sie rasch heraus und fragte Fang-guan: „Hast du ihm die Sache von neulich gesagt?
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Nebenfrau Zhao fühlte sich in ihrer Meinung erst recht bestärkt und sagte: „Von der Sache mit dem Opfergeld weiß ich nichts erzähl mir das der Reihe nach!"
„Ja“, berichtete Fang-guan, „und in ein, zwei Tagen werde ich ihn noch einmal daran erinnern. Diese Dschau, das alte Stück, hat wieder mit mir gezankt. Hat die Schwester von dem Rosennektar genommen? Geht es ihr ein wenig besser?
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„Aber ja“, beteuerte Frau Liu, „sie hat schon alles verbraucht, und er schmeckt ihr gar zu gut. Aber sie traut sich nicht, dich um mehr zu bitten.
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Die Dienstfrau Xia berichtete ihr in allen Einzelheiten und fügte hinzu: „Geht nur hin und sagt, was zu sagen ist! Wenn es Ärger gibt, sind wir da, um Euch beizustehen."
„Was macht das schon?“ sagte Fang-guan. „Ich lasse mir einfach noch welchen geben und bringe ihn ihr.
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Frau Liu hatte nämlich eine Tochter, die eben sechzehn Jahre alt war und sich an Schönheit mit Ping-örl, Hsi-jën, Dsï-djüan und Yüan-yang messen konnte, obwohl sie nur das Kind von Küchensklaven war. Als fünftes Kind ihrer Eltern wurde sie Wu-örl – ‚Fünfchen‘ – genannt. Weil sie zart und kränklich war, hatte man ihr keine Arbeit zugewiesen, aber nachdem Frau Liu neuerdings erfahren hatte, in Bau-yüs Räumen gebe es viele Mägde und der Dienst sei leicht, wollte sie Wu-örl gern dort unterbringen, zumal sie auch gehört hatte, Bau-yü wolle dafür sorgen, daß alle seine Mägde eines Tages freigelassen würden.
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Nebenfrau Zhao war nun völlig aufgeputscht und marschierte schnurstracks in den Purpurwolken-Hof. Dort traf es sich, dass Schatzjade gehört hatte, Kajaljade sei im Haselwurzpark, und dorthin gegangen war. Duftlein saß gerade mit Dufthauch und den anderen beim Essen. Als sie Nebenfrau Zhao hereinkommen sahen, standen alle auf und sagten lächelnd: „Gnädige Nebenfrau, esst doch mit! Was führt Euch so eilig her?"
Nun hatte Frau Liu nicht gewußt, wie sie ihren Plan in die Wege leiten sollte, aber der Zufall wollte es, daß sie im Birnendufthof gedient und dort für Fang-guan und die übrigen Schauspielermädchen besser gesorgt hatte als die eigentlichen Pflegemütter, so daß sich auch Fang-guan sehr gut gegen sie verhielt. Darum hatte sie ihre Bitte Fang-guan vorgetragen, und diese hatte mit Bau-yü darüber gesprochen. Bau-yü war zwar einverstanden gewesen, aber weil er krank geworden war und sich auch sonst viel ereignet hatte, war er noch nicht dazu gekommen, mit jemandem darüber zu reden. Doch nun genug von der Vorgeschichte und zurück zu Fang-guan, die in den Hof der Freude am Roten hinüberging, um Bau-yü zu melden, sein Auftrag sei ausgeführt.
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Als Bau-yü erfahren hatte, Nebenfrau Dschau tobe in seinen Räumen, war ihm das sehr unangenehm gewesen, weil es ihm ebensowenig richtig erschien einzugreifen wie nicht einzugreifen. Darum hatte er notgedrungen gewartet, daß Nebenfrau Dschau sich beruhigte, und erst als man ihm gesagt hatte, Tan-tschun habe sie veranlaßt zu gehen, war er aus dem Haselwurzpark zurückgekehrt und hatte Fang-guan ein Weilchen gut zugeredet, ehe alle wieder zur Ruhe gekommen waren. Als Fang-guan  jetzt aus der  Küche  zu-
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Nebenfrau Zhao antwortete nicht. Sie trat vor, schleuderte Duftlein den Puder ins Gesicht, deutete mit dem Finger auf sie und schimpfte: „Du schamlose kleine Hure! Für mein Geld hat man dich gekauft, damit du die Schauspielerei lernst du bist nichts weiter als eine Dirne! Die geringste Sklavin in meinem Haus steht höher als du, aber du erdreistest dich, die Leute nach ihrem Stand zu behandeln! Schatzjade wollte ihm etwas geben, und du hast ihn daran gehindert – hat er etwa von deinem gegeben? Mit diesem Zeug hast du meinen Sohn hinters Licht geführt und geglaubt, er merke es nicht! Ob es dir gefällt oder nicht: Sie sind Brüder, beide sind sie Herren dieses Hauses – wie kommst du dazu, ihn geringzuschätzen?"
zurückkam und sagte, sie brauche noch ein wenig Rosenneektar für Liu Wu-örl, entschied Bau-yü sofort: „Es ist noch welcher da, und ich trinke nicht oft davon. Also gib ihr nur alles!Er befahl Hsi-jën, den Nektar zu bringen, und als er sah, daß es nicht mehr viel war, überließ er ihn Fang-guan mitsamt der Flasche, und sie ging damit wieder zur Küche hinüber.
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Inzwischen hatte Frau Liu ihre Tochter in den Garten geholt, damit sie sich hier ein Weilchen zerstreuen konnte, und sie war in einem abgelegenen Winkel spazierengegangen. Jetzt saß sie in der Küche, trank Tee und ruhte sich die Füße aus. Da trat Fang-guan herein und trug eine fünf Tsun große Glasflasche in der Hand, die beinahe zur Hälfte mit einer Flüssigkeit gefüllt war, die so rot wie Schminke leuchtete, als sie die Flasche gegen das Licht hielt. Mutter und Tochter glaubten nicht anders, als daß es der europäische Traubenwein sei, den Bau-yü trank, deshalb sagten sie rasch: „Wir holen schnell den Weinwärmer und machen heißes Wasser, du aber setz dich hin!
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Wie hätte Duftlein solche Worte ertragen können! Unter Tränen erwiderte sie: „Der Salpeter war alle, darum habe ich ihm das gegeben. Hätte ich gesagt, er sei alle, hätte er mir nicht geglaubt. Ist denn das etwas Schlechtes? Ja, ich habe die Schauspielerei gelernt, aber ich bin nie außer Hause aufgetreten. Ich bin ein Mädchen – was weiß ich von Huren und Dirnen! Gnädige Nebenfrau, Ihr habt keinen Grund, mich zu beschimpfen. Und außerdem habt nicht Ihr mich gekauft. ‚Wenn die Magd mit der Magd Freundschaft schließt – sind beide Sklavinnen!' [Anm.: Sprichwörtliche Redensart, die darauf anspielt, dass auch Nebenfrau Zhao ursprünglich eine Sklavin war.]"
Aber Fang-guan sagte lächelnd: „Das ist der ganze Rest, die Flasche bekommt ihr auch.“ Da wurde Wu-örl klar, daß es Rosennektar war, und rasch ließ sie sich die Flasche geben und bedankte sich wieder und wieder.
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Dann fragte Fang-guan, ob es ihr besser gehe, und Wu-örl erwiderte: „Heute fühle ich mich unternehmungslustiger, darum bin ich auch in den Garten gekommen und spazierengegangen. Aber hier hinten macht es keinen Spaß, hier bekommt man nur ein paar Felsen, ein paar hohe Bäume und die Rückseiten einiger Gebäude zu sehen, die wirklich schönen Stellen dagegen sieht man nicht.
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Dufthauch zog sie rasch am Arm zurück: „Hör auf mit dem Unsinn!"
„Warum bist du nicht nach vorn in den Garten gegangen?“ wollte Fang-guan wissen.
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„Ich habe es ihr nicht erlaubt“, erläuterte Frau Liu. „Die Fräulein kennen sie nicht, und wenn jemand sie sieht, dem das nicht recht ist, gibt es nur wieder Streit. Wenn sie erst mit deiner Hilfe eine Stellung bekommen hat, wird noch oft genug jemand mit ihr dort spazierengehen. Eines Tages wird sie es über haben spazierenzugehen.“
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Nebenfrau Zhao aber war außer sich vor Wut, trat vor und versetzte Duftlein zwei schallende Ohrfeigen. Dufthauch und die anderen eilten herbei, hielten sie fest und redeten ihr zu: „Gnädige Nebenfrau, seid doch verständiger als das Kind! Überlasst es uns, mit ihr zu reden!"
„Nur keine Bange!“ versicherte Fang-guan lächelnd, „auf mich ist Verlaß.“
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„Ach, Mädchen“, sagte Frau Liu, „wir sind nur kleine Leute, nicht so wie ihr.“ Damit goß sie Fang-guan Tee ein, aber wie hätte Fang-guan solchen Tee trinken mögen! Sie spülte sich nur den Mund damit, und dann ging sie.
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Duftlein jedoch wollte nach den Schlägen nicht einlenken, warf sich hin und her, rollte über den Boden und gebärdete sich wie außer sich. Unter Tränen schrie sie: „Du schlägst mich? Schau erst in den Spiegel, wie du aussiehst, ehe du die Hand gegen mich hebst! Dann schlag mich doch tot – ich lebe noch!" Sie stieß Nebenfrau Zhao den Kopf vor die Brust und schrie, sie solle nur zuschlagen.
„Ich habe hier zu tun, Wu-örl wird dich hinausbegleiten“, entschuldigte sich Frau Liu.
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Als sie draußen standen und dort niemand zu sehen war, griff Wu-örl nach Fang-guans Hand und erkundigte sich: „Hast du wirklich meinetwegen gefragt?
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Alle redeten auf sie ein und versuchten, sie wegzuziehen. Heitermuster aber nahm Dufthauch unauffällig beiseite und flüsterte: „Kümmere dich nicht darum! Lass sie sich ruhig streiten – wir wollen sehen, wie sie wieder auseinanderkommen! König Krawall regiert heute. Was soll das: die eine kommt und schlägt, die andere kommt und schlägt – wenn das so weitergeht, wo soll das enden?"
„Glaubst du vielleicht, ich führe dich an der Nase herum?“ erwiderte Fang-guan lächelnd. „Nach dem, was ich gehört habe, sind bei uns wirklich noch zwei Stellen frei. Eine ist die von Hung-yü, die von der zweiten jungen gnädigen Frau weggeholt worden ist, und die andere ist die von Dschuee-örl. Es ist wirklich nicht zuviel verlangt, wenn du eine von diesen Stellen bekommst. Nur sagt Ping-örl immer wieder zu Hsi-jën, in Personal- und Geldangelegenheiten müsse man sich jetzt gedulden, denn Fräulein Tan-tschun sei darauf aus, ein Exempel zu statuieren. Selbst in ihren eigenen Räumen habe sie mehrere Forderungen zurückgewiesen, und jetzt lauere sie nur darauf, daß von uns etwas kommt.
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Warum also sich in die Falle locken lassen? Wenn wir jetzt etwas sagen und sie lehnt es ab, dann ist es aus und vorbei und später nicht mehr rückgängig zu machen. Darum ist es besser, wir warten, bis sich alles beruhigt hat und die alte gnädige Frau und die gnädige Frau wieder Muße haben. Wenn wir zuerst mit ihnen sprechen können, wird uns auch die größte Bitte nicht abgeschlagen.
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Draußen hörten die Dienstfrauen, die Nebenfrau Zhao begleitet hatten, den Lärm und freuten sich insgeheim. Sie riefen Buddhas Namen an und sagten: „Endlich ist es so weit! Das hat sie verdient!" Auch die anderen alten Dienstfrauen, die einen Groll auf die Schauspielerinnen hegten, waren zufrieden, als sie hörten, dass Duftlein Schläge bekam.
„Das sagst du so, aber ich bin ungeduldig und kann nicht warten“, gab Wu-örl zurück. „Wenn ich für eine der Stellen ausgewählt werde, hat zum einen meine Mutter einen besseren Stand, weil sie mich dann nicht umsonst großgezogen hat, zum anderen haben wir es durch das Monatsgeld zu Hause ein wenig leichter, und schließlich werde ich bestimmt gesund, wenn mir etwas freier ums Herz ist. Zumindest aber könnten wir zu Hause das Geld für den Arzt und die Medikamente sparen.
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„Das weiß ich ja alles, du kannst ganz beruhigt sein“, sagte Fang-guan. Dann verabschiedeten sie sich voneinander, und Fang-guan ging fort.
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Lotosblatt und Staubfäden spielten unterdessen zusammen an einem anderen Ort. Sonnenblume [Anm.: 葵官, Kuiguan], die Xiangji zugeteilt war, und Bohne [Anm.: 豆官, Douguan], die nun bei Schatznadel [Anm.: 宝琴, Baoqin] diente, erfuhren die Nachricht und stürzten zu den beiden: „Duftlein wird drangsaliert – das ist eine Schmach für uns alle! Nur wenn wir zusammen ordentlich Krawall schlagen, werden wir uns Respekt verschaffen!"
Indes ging Wu-örl wieder zu ihrer Mutter hinein und schwärmte ihr von Fang-guans Freundschaft vor. „Ich hatte nicht geglaubt, daß wir noch von dem Nektar bekommen“, sagte Frau Liu. „Das ist zwar ein kostbares Zeug, aber wenn man zuviel davon nimmt, steigert es die innere Hitze. Wir sollten etwas davon umgießen und jemand schenken. Das wäre kein schlechter Freundschaftsbeweis.
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„Wem willst du es schenken?fragte Wu-örl.
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Die vier waren Kinder, die allein die gerechte Empörung sahen, die sie ihrer Freundin schuldig waren, und an nichts anderes dachten. Gemeinsam rannten sie in den Purpurwolken-Hof. Bohne preschte als Erste vor und rammte Nebenfrau Zhao mit dem Kopf, dass diese beinahe gestürzt wäre. Auch die anderen drei stürmten heulend auf sie los, zerrten und rammten sie, bis Nebenfrau Zhao völlig eingekeilt war. Heitermuster und die anderen lachten und taten nur so, als wollten sie die Mädchen wegziehen.
„Deinem Vetter“, antwortete ihre Mutter. „Er hat seit gestern Fieber und wird so etwas bestimmt gern trinken. Ich gieße ihm ein halbes Schälchen davon ein und trage es ihm hinüber.
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Wu-örl erwiderte nichts darauf und sah stumm zu, wie ihre Mutter ein Schälchen zur Hälfte füllte und dann die Flasche mit dem Rest in den Schrank stellte. Dann erst sagte sie mit kühlem Lächeln: „Ich finde, du solltest ihm nichts davon geben. Denn wenn jemand anfängt, deswegen Fragen zu stellen, ist der nächste Skandal fällig.
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Dufthauch rannte aufgeregt hin und her, zog die eine weg, und schon lief die nächste los. Sie rief: „Seid ihr von Sinnen! Wenn ihr euch ungerecht behandelt fühlt, könnt ihr darüber reden, aber so etwas gehört sich nicht!"
„Was du nur für Angst hast!“ sagte Frau Liu. „So hart, wie wir arbeiten, ist es nur recht und billig, wenn drinnen etwas für uns abfällt. Schließlich ist es ja nicht gestohlen.“ Damit ging sie hinaus und begab sich geradewegs in die Wohnung ihres älteren Bruders, wo der Kranke noch immer zu Bett lag.
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Als Bruder, Schwägerin und Neffe sahen, was Frau Liu brachte, freuten sie sich, schöpften kaltes Wasser aus dem Brunnen und mischten von dem Nektar hinein. Kaum hatte der Kranke eine Schale davon getrunken, wurde ihm wohler zumute, und seine Gedanken und Blicke waren wieder klar. Das Schälchen mit dem übrigen Nektar wurde mit Papier zugedeckt und auf den Tisch gestellt.
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Nebenfrau Zhao wusste sich nicht mehr zu helfen und konnte nur noch wild drauflosschimpfen. Staubfäden und Lotosblatt hielten sie rechts und links an den Armen fest, Sonnenblume und Bohne stemmten sich von vorn und hinten gegen sie. Alle vier sagten: „Schlagt uns vier doch alle tot, wenn Euch danach ist!"
Der Zufall wollte es, daß auch einige Sklavenjungen des Hauses, mit denen Frau Lius Neffe befreundet war, auf einen Krankenbesuch kamen. Unter ihnen befand sich ein gewisser Tjiän Huai, ein Neffe von Nebenfrau Dschau. Seine Eltern waren Rechnungsführer in den Speichern und besaßen so einiges Geld und Ansehen, er selbst gehörte zu Djia Huans Gefolge beim Schulbesuch.
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Verheiratet war Tjiän Huai noch nicht, er hatte sich in die hübsche Liu Wu-örl verguckt und hatte seinen Eltern gesagt, er wolle sie zur Frau haben. Einige Male waren auch schon Vermittler deswegen unterwegs gewesen. Das Ehepaar Liu hätte zwar herzlich gern ja gesagt, aber Wu-örl selbst war nicht einverstanden. Das sagte sie zwar nicht direkt, aber ihre Haltung war deutlich genug. Darum wagten auch ihre Eltern nicht, eine Zusage zu geben. Seitdem sie neuerdings hofften, Wu-örl werde eine Stelle im Garten bekommen, waren sie von dem Eheplan gänzlich abgerückt und wollten warten, bis Wu-örl in drei oder fünf Jahren freigelassen wurde, um ihr dann außerhalb des Anwesens einen Bräutigam zu suchen.
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Duftlein lag unterdessen der Länge nach auf dem Boden und heulte zum Steinerweichen.
Auch die Tjiäns hatten die Sache auf sich beruhen lassen, als sie sahen, wie sich die Lius verhielten. Nur Tjiän Huai fühlte sich wütend und beschämt, weil er Wu-örl nicht bekommen sollte, und hatte sich in den Kopf gesetzt, sie doch zu seiner Frau zu machen. Heute war er mit den anderen zusammen gekommen, um Frau Lius Neffen zu besuchen, und hatte natürlich nicht erwartet, Frau Liu hier zu treffen. Frau Liu ihrerseits erschrak ebenfalls, als plötzlich ein Trupp Sklavenjungen erschien und Tjiän Huai darunter war. Darum gab sie vor, sie habe keine Zeit mehr, und stand auf, um zu gehen.
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„Du wirst doch nicht gehen, ohne Tee getrunken zu haben! Es war lieb, daß du an uns gedacht hast“, sagten ihr Bruder und ihre Schwägerin rasch.
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In dieser ausweglosen Lage erschienen plötzlich – denn Heitermuster hatte Frühlingsschwälbchen losgeschickt, um Tanchun zu benachrichtigen – Frau You, Frau Li und Tanchun zusammen mit Friedchen und einer Schar Dienstfrauen. Sie herrschten die vier Mädchen an, innezuhalten, und fragten nach dem Grund. Nebenfrau Zhao, mit stierem Blick und geschwollenen Stirnadern, sprudelte alles wirr und zusammenhanglos hervor.
„Ich fürchte, drinnen muß das Essen aufgetragen werden“, erwiderte Frau Liu mit einem Lächeln. „Wenn ich Zeit habe, komme ich wieder nach dem Jungen sehen.
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Nun nahm die Schwägerin ein kleines Päckchen aus einer Schublade, dann erst begleitete sie Frau Liu hinaus, und dort steckte sie ihr das Päckchen in einer Mauerecke mit den Worten zu: „Dein Bruder hatte am Tor Dienst, und fünf Tage lang war es still und öde, keine einzige Nebeneinnahme fiel für ihn ab. Gestern aber kam ein Beamter aus Guang-dung und brachte als Geschenk zwei kleine Korbbehälter voll Kokosporlingsschnee mit, ein weiteres Körbchen hat er den Torwächtern als ‚Torgeschenk‘ gegeben, davon hat dein Bruder dieses Päckchen bekommen.
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Frau You und Frau Li antworteten nicht darauf und hielten nur die vier Mädchen in Schach. Tanchun seufzte und sagte: „Was ist das schon für eine große Sache! Gnädige Nebenfrau, Ihr geratet auch wirklich zu schnell in Rage. Ich wollte gerade etwas mit Euch bereden; die Mädchen sagten, sie wüssten nicht, wo Ihr seid – und Ihr seid hier und tobt. Kommt bitte mit mir!"
Bei den Leuten da unten wachsen massenhaft jahrtausendealte Kiefern und Lebensbäume, davon sammeln sie diese Porlinge, mischen die Essenz daraus mit einer Medizin, und so entsteht dieser herrliche weiße Schnee. Wenn man ihn mit Muttermilch mischt und jeden Morgen nach dem Aufstehen eine Schale davon trinkt, ist das ein wunderbares Stärkungsmittel. Sonst kann man auch Kuhmilch nehmen oder schlimmstenfalls kochendes Wasser. Wir haben uns gedacht, das müßte gerade das Richtige für Wu-örl sein, und haben am Vormittag schon eine kleine Magd zu Euch geschickt, aber sie sagte, Eure Tür sei abgeschlossen gewesen und Wu-örl mit dir in den Garten gegangen.  
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Eigentlich hatte ich sie besuchen wollen, um ihr den Porlingsschnee zu bringen, aber dann habe ich mir gesagt, da die Herrschaften nicht im Hause sind und überall streng kontrolliert wird, gehe ich besser nicht, zumal ich ja keine Anstellung habe und die Sache auch nicht so dringend war. Außerdem gab es in den letzten beiden Tagen Gerüchte, drinnen gehe es drunter und drüber. Wenn ich da mit hineingeraten wäre, hätte das ein böses Vergnügen werden können. Darum ist es gut, daß du selbst gekommen bist und den Porlingsschnee mitnehmen kannst.
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Auch Frau You und Frau Li sagten lächelnd: „Gnädige Nebenfrau, kommt doch in die Halle herüber, damit wir uns beraten können."
Frau Liu bedankte und verabschiedete sich, dann ging sie fort. Als sie ans Seitentor kam, wurde sie dort von einem Sklavenjungen mit den Worten empfangen: „Da bist du ja endlich! Von drinnen hat man schon mehrmals nach dir gefragt, und drei oder vier von uns sind noch unterwegs, um dich zu suchen. Aber wo kommst du eigentlich her? Der Weg hier führt doch nicht zu dir nach Hause, da kommen mir ja richtige Zweifel!
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„Du kleiner Affe!“ begann Frau Liu lachend zu schimpfen.
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Nebenfrau Zhao blieb nichts anderes übrig, als ihnen zu folgen. Dabei hörte sie aber nicht auf, sich lang und breit zu beklagen.
Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.
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Tanchun sagte: „Diese kleinen Mädchen sind doch nur Spielzeuge. Wenn sie einem gefallen, plaudert und scherzt man mit ihnen; wenn nicht, lässt man sie unbeachtet. Und wenn sie sich einmal schlecht benehmen, ist das nicht anders, als wenn ein Kätzchen oder Hündchen einen kratzt oder beißt: Man verzeiht ihnen, wenn man kann, und wenn man nicht kann, lässt man die Verwalterinnen kommen und sie bestrafen. Warum sich so weit erniedrigen, herumzubrüllen und sein Ansehen aufs Spiel zu setzen?
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Seht Euch Nebenfrau Zhou an: Warum beleidigt sie niemand? Warum muss sie niemanden zur Rede stellen? Ich rate Euch, geht in Eure Räume zurück und lasst Euch ein wenig abkühlen. Hört nicht auf die Aufhetzung dieser Bösewichter – sonst macht Ihr Euch zum Gespött und tut ohne Not anderen die Schmutzarbeit. Und wenn Ihr noch so aufgebracht seid: Geduldet Euch diese paar Tage, bis die gnädige Frau zurück ist dann wird alles seine Ordnung finden."
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Diese Worte brachten Nebenfrau Zhao endlich zum Schweigen, und notgedrungen begab sie sich in ihre Räume.
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Tanchun aber sagte aufgebracht zu Frau You und Frau Li: „So alt ist sie schon, aber mit ihrem Verhalten verdient sie sich keinen Respekt. Was soll das – lohnt es sich, wegen so einer Nichtigkeit zu streiten und jede Würde zu verlieren? Sie ist gutgläubig und hat kein Urteil. Bestimmt haben wieder diese schamlosen Sklavinnen sie aufgehetzt und sie als Werkzeug benutzt, um ihren eigenen Groll abzuladen." Je mehr sie darüber nachdachte, desto wütender wurde sie, und sie befahl, herauszufinden, wer die Anstifterin sei.
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Die Dienstfrauen sagten jawohl und gingen hinaus, doch draußen sahen sie einander an und lachten: „Das heißt eine Nadel im großen Meer suchen!" Dennoch riefen sie Nebenfrau Zhaos Gefolge und die Leute aus dem Garten zusammen und befragten sie, doch alle erklärten, sie wüssten von nichts. Es blieb ihnen nichts übrig, als Tanchun zu berichten: „Wir können es im Augenblick nicht feststellen. Wir fahnden in aller Ruhe weiter und werden alle, die ungebührliche Reden führen, zur Bestrafung melden."
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Tanchuns Zorn hatte sich allmählich gelegt, als die Schauspielerin Wermut [Anm.: 艾官, Aiguan, Tanchun zugeteilt] ihr heimlich meldete: „Es ist die Alte Xia! Sie ist schon lange mit uns verfeindet und streut ständig Gerüchte aus, um Unfrieden zu stiften. Neulich hat sie Lotosblatt beschuldigt, Opferpapier verbrannt zu haben; zum Glück sagte Schatzjade, er habe es befohlen, und sie musste klein beigeben. Heute, als ich dem Fräulein ein Taschentuch bringen sollte, sah ich, wie die Alte Xia und die gnädige Nebenfrau lange beisammen standen und tuschelten. Erst als sie mich bemerkten, gingen sie auseinander."
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Tanchun hörte es an. Obwohl sie den wahren Sachverhalt ahnte, wusste sie auch, dass die Schauspielerinnen alle unter einer Decke steckten und ständig Unfug trieben. Darum sagte sie nur ja und dachte nicht daran, sich auf Wermuts Aussage allein zu verlassen.
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Nun diente in Tanchuns Räumen auch das Mädchen Zikade [Anm.: 蝉姐儿, Chanjie'er], eine Enkelin eben jener Dienstfrau Xia. Da sie oft für die anderen Dienstmädchen Besorgungen machte und Boten holte, war sie bei allen beliebt. An jenem Tag ging Tanchun nach dem Essen in die Halle, um ihre Verwaltungsaufgaben zu erledigen. Grüne Tusche [Anm.: 翠墨, Cuimo, Tanchuns Dienstmädchen], die die Räume hüten sollte, schickte Zikade hinaus, um durch einen Dienstjungen Kuchen kaufen zu lassen.
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Zikade erwiderte: „Ich habe gerade den großen Hof gefegt, mir tun Hüfte und Beine weh. Schick doch jemand anderen!"
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Grüne Tusche sagte lächelnd: „Wen soll ich sonst schicken? Geh lieber gleich – ich will dir auch etwas Gutes verraten. Geh zum Hintertor und sage unterwegs deiner Großmutter, sie solle auf der Hut sein." Damit erzählte sie Zikade, was Wermut über die Großmutter berichtet hatte.
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Zikade nahm sofort das Geld entgegen und sagte: „Dieses kleine Biest will auch noch intrigieren? Warte nur, ich sage es meiner Großmutter!" Sie stand auf und ging hinaus. Am Hintertor angelangt, sah sie, dass das gesamte Küchenpersonal gerade freie Zeit hatte und auf den Treppenstufen saß und plauderte. Auch ihre Großmutter war dabei. Zikade beauftragte eine Dienstfrau, Kuchen kaufen zu gehen, und erzählte dann, halb schimpfend, halb berichtend, ihrer Großmutter alles.
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Die Dienstfrau Xia war gleichermaßen ärgerlich und ängstlich. Sie wollte sofort zu Wermut gehen und sie zur Rede stellen und außerdem bei Tanchun ihre Unschuld beteuern. Doch Zikade hielt sie zurück: „Was willst du dort sagen? Wie willst du erklären, woher du das weißt? Das richtet nur neuen Schaden an. Ich habe es dir gesagt, damit du vorsichtig bist, das genügt. Wozu die Aufregung?"
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Während sie noch sprachen, kam plötzlich Duftlein vorbei. Sie lehnte sich an das Hoftor und rief lächelnd in die Küche hinein: „Schwägerin Liu! Der junge Herr Schatzjade lässt ausrichten: Er möchte zum Abendessen ein Gemüsegericht – etwas Kühles und Saures, aber bitte kein Sesamöl, das macht es zu fettig."
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Frau Liu sagte lächelnd: „Verstanden! Wie kommt es denn, dass heute ausgerechnet du eine so wichtige Nachricht überbringst? Wenn es dir hier nicht zu schmutzig ist, komm doch herein und sieh dich ein wenig um!"
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Duftlein trat gerade ein, als eine Dienstfrau mit einem Teller Kuchen kam. Duftlein scherzte: „Wer hat den warmen Kuchen gekauft? Ich will ein Stück kosten!"
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Zikade riss ihr den Teller weg und sagte: „Der ist für andere bestellt. Für euresgleichen ist so etwas doch nichts Besonderes."
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Frau Liu sah es und rief sogleich lächelnd: „Duftlein! Wenn du so etwas magst, hier – ich habe vorhin Kuchen gekauft, für deine ältere Schwester. Sie hat noch keinen gegessen, er liegt noch da, ganz sauber und unberührt." Sie brachte einen vollen Teller heraus, reichte ihn Duftlein und sagte: „Warte, ich gehe hinein und brühe dir einen ordentlichen Tee!" Damit ging sie hinein und fachte das Feuer an.
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Duftlein nahm den warmen Kuchen, hielt ihn Zikade vors Gesicht und sagte: „Wer ist schon auf deinen Kuchen erpicht? Ist das hier etwa keiner? Ich habe nur Spaß gemacht. Selbst wenn du mir einen Kotau machst, esse ich deinen Kuchen nicht!" Damit brach sie die Kuchenstücke eins nach dem anderen in Bröckchen und warf sie den Spatzen hin. Lachend rief sie: „Schwägerin Liu, nimm's nicht schwer! Ich kaufe dir nachher zwei Pfund Kuchen als Ersatz."
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Zikade kochte vor Wut, starrte sie an und zischte: „Der Donnergott hat doch Augen im Kopf warum erschlägt er so eine Sünderin nicht! Und sie wagt es auch noch, mich zu ärgern! Was bin ich schon gegen euresgleichen? Euch bringt man Tribut und dient euch wie ein Sklave, alles tut man für euch, nur damit ihr bei Gelegenheit ein gutes Wort einlegt …"
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Die Dienstfrauen sagten: „Mädchen, hört doch auf! Kaum seht ihr euch, geht das Gezänk los." Einige klügere unter ihnen, die sahen, dass die beiden aneinandergerieten, standen lieber auf und machten sich aus dem Staub, weil sie einen neuen Zwischenfall fürchteten. Auch Zikade traute sich nicht, weiter auf Duftlein loszugehen, und zog sich murrend zurück.
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Als Frau Liu sah, dass sich alle entfernt hatten, kam sie rasch heraus und fragte Duftlein: „Hast du neulich die Sache erwähnt?"
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Duftlein erwiderte: „Ja. In ein, zwei Tagen bringe ich es noch einmal zur Sprache. Aber dann hat diese unverwüstliche Zhao mir auch noch eine Szene gemacht! – Hat die Schwester den Rosennektar getrunken? Geht es ihr ein wenig besser?"
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Frau Liu sagte: „Aber ja, sie hat alles ausgetrunken! Er hat ihr so wunderbar geschmeckt, dass sie sich gar nicht traut, dich um mehr zu bitten."
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Duftlein sagte: „Das ist doch nicht der Rede wert. Ich besorge einfach noch welchen und bringe ihn ihr."
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Frau Liu hatte nämlich eine Tochter, gerade sechzehn Jahre alt. Obwohl nur ein Küchenmädchenkind, konnte sie es an Schönheit mit Friedchen, Dufthauch, Purpurkuckuck und Mandarinenente aufnehmen. Da sie die Fünfte war, nannte man sie Fünfchen [Anm.: 五儿, Wu'er, auch: Liu Wu'er]. Weil sie von Natur aus kränklich war, hatte man ihr keine Stelle zugewiesen. In letzter Zeit aber hatte Frau Liu erfahren, dass in Schatzjades Räumen der Dienst leicht und das Personal zahlreich sei, und zudem gehört, Schatzjade wolle dafür sorgen, dass alle seine Dienstmädchen eines Tages freigelassen würden. Darum wollte sie Fünfchen dort unterbringen, wenigstens dem Namen nach.
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Nur wusste sie nicht, wie sie es bewerkstelligen sollte. Der Zufall kam ihr zu Hilfe: Als Bedienstete des Birnendufthofs hatte sie Duftlein und die anderen Schauspielerinnen besser umsorgt als die eigentlichen Pflegemütter, und diese verhielten sich dafür auch sehr gut zu ihr. So hatte sie Duftlein ihre Bitte vorgetragen, und Duftlein hatte bei Schatzjade ein Wort eingelegt. Schatzjade war zwar einverstanden gewesen, aber da er krank geworden war und sich manches andere ereignet hatte, war er noch nicht dazu gekommen, die Sache in die Wege zu leiten.
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Doch genug der Vorgeschichte. Duftlein ging in den Purpurwolken-Hof zurück und erstattete Schatzjade Bericht.
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Als Schatzjade von Nebenfrau Zhaos Tobsuchtsanfall erfahren hatte, war ihm das äußerst unangenehm gewesen. Einzugreifen schien ihm ebenso falsch wie nicht einzugreifen, und so hatte er notgedrungen gewartet, bis es vorbei war. Erst als man ihm sagte, Tanchun habe Nebenfrau Zhao zum Gehen bewogen, war er aus dem Haselwurzpark zurückgekehrt, hatte Duftlein eine Weile beruhigt, und alle waren wieder zur Ruhe gekommen.
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Als Duftlein jetzt zurückkam und sagte, sie brauche noch etwas Rosennektar für Liu Fünfchen, sagte Schatzjade sogleich: „Es ist noch welcher da, und ich trinke ohnehin nicht oft davon. Gib ihr alles!" Er ließ Dufthauch die Flasche holen. Als er sah, dass nur noch wenig darin war, überließ er Duftlein die Flasche mitsamt dem Inhalt.
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Duftlein brachte die Flasche persönlich hinüber. Frau Liu hatte ihre Tochter gerade in den Garten geholt, damit sie sich zerstreuen konnte. Sie waren in einer abgelegenen Ecke spazieren gegangen und saßen nun in der Küche, tranken Tee und ruhten sich aus. Duftlein kam mit einer fünf Zoll hohen kleinen Glasflasche herein. Als sie sie gegen das Licht hielt, sah man darin eine zur knappen Hälfte gefüllte scharlachrote Flüssigkeit wie Rouge. Mutter und Tochter hielten sie für den europäischen Traubenwein, den Schatzjade trank, und riefen eilig: „Wir holen den Weinwärmer und machen heißes Wasser! Setz dich doch!"
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Duftlein sagte lächelnd: „Das ist der ganze Rest die Flasche bekommt ihr dazu." Erst jetzt erkannte Fünfchen, dass es Rosennektar war. Hastig nahm sie die Flasche entgegen und bedankte sich wieder und wieder.
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Duftlein fragte, ob es ihr besser gehe. Fünfchen erwiderte: „Heute fühle ich mich etwas kräftiger, darum bin ich hereingekommen, um mich umzusehen. Aber hier hinten ist nichts Besonderes – nur ein paar große Steine, hohe Bäume und Rückwände von Gebäuden. Die wirklich schönen Stellen habe ich gar nicht zu sehen bekommen."
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Duftlein fragte: „Warum bist du nicht nach vorne gegangen?"
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Frau Liu sagte: „Ich habe es ihr nicht erlaubt. Die Fräulein kennen sie nicht, und wenn jemand sie sieht, dem das nicht recht ist, gibt es nur wieder Gerede. Wenn sie erst dank deiner Hilfe eine Stelle hat, wird sie noch oft genug jemand zum Spazierengehen mitnehmen. Vielleicht kommt sogar der Tag, an dem sie es satt hat!"
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Duftlein sagte lächelnd: „Wovor denn Angst? Auf mich ist Verlass!"
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Frau Liu rief: „Ach, mein liebes Fräulein! Wir sind Leute mit dünner Haut – nicht so wie ihr!" Und sie goss Duftlein Tee ein. Aber wie hätte Duftlein solchen Tee trinken mögen! Sie spülte sich nur den Mund damit und ging.
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Frau Liu sagte: „Ich bin hier beschäftigt – Fünfchen, begleite sie ein Stück!"
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Fünfchen brachte sie hinaus, und als niemand in der Nähe war, hielt sie Duftlein am Arm fest und fragte: „Hast du wirklich meinetwegen gesprochen?"
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Duftlein sagte lächelnd: „Glaubst du, ich führe dich an der Nase herum? Nach dem, was ich gehört habe, sind bei uns wirklich noch zwei Stellen frei. Die eine ist die von Rote Jade [Anm.: 红玉, Hongyü, die von Phönixglanz abgeworben wurde], die Zweite gnädige Frau hat sie angefordert, aber noch keinen Ersatz geschickt. Die andere ist die von Pendant [Anm.: 坠儿, Zhui'er, die wegen Diebstahls entlassen wurde] – auch die ist noch nicht nachbesetzt. Wenn du jetzt eine davon bekommst, ist das keine Übertreibung. Aber Friedchen sagt immer wieder zu Dufthauch: Bei allem, was Personal und Geld betrifft, sei es besser, so lange wie möglich zu warten. Fräulein Tanchun ist darauf aus, ein Exempel zu statuieren. Selbst Angelegenheiten aus ihren eigenen Räumen hat sie zwei- oder dreimal abgelehnt, und jetzt wartet sie nur darauf, dass bei uns etwas beantragt wird.
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Warum also ins offene Messer laufen? Wenn wir jetzt etwas vorbringen und es wird abgelehnt, dann ist es für alle Zeiten vorbei und lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Besser, wir warten, bis sich die Wogen geglättet haben und die Herzoginmutter und die gnädige Frau wieder Muße haben. Wenn wir zuerst mit den Älteren sprechen, wird uns auch die größte Bitte nicht abgeschlagen."
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Fünfchen erwiderte: „Du hast ja recht, aber ich bin ungeduldig und kann nicht warten. Wenn ich jetzt eine Stelle bekomme, dann habe ich erstens meiner Mutter einen Gefallen getan, damit sie mich nicht umsonst großgezogen hat; zweitens bekommen wir das Monatsgeld, und zu Hause wird es ein wenig leichter; drittens würde mir ein Stein vom Herzen fallen, und vielleicht würde dann auch meine Krankheit besser – wir könnten uns wenigstens den Arzt und die Medizin sparen."
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Duftlein sagte: „Das weiß ich ja alles. Sei ganz beruhigt." Damit verabschiedeten sie sich, und Duftlein ging ihres Weges.
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Allein von Fünfchen sei erzählt, die zu ihrer Mutter zurückkehrte und ihr für Duftleins Güte dankte. Die Mutter sagte: „Dass wir so etwas Kostbares bekommen, hätte ich nie gedacht! Freilich, trinkt man zu viel davon, erzeugt es innere Hitze. Am besten gießen wir etwas davon ab und schenken es jemandem – das wäre ein schöner Freundschaftsbeweis."
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„Wem denn?" fragte Fünfchen.
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„Deinem Vetter, dem Sohn deines Onkels", antwortete die Mutter. „Er hat seit gestern Fieber und sehnt sich nach so etwas. Ich gieße ihm ein halbes Schälchen ab und bringe es ihm hinüber."
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Fünfchen schwieg eine Weile, sah dann zu, wie ihre Mutter ein halbes Schälchen füllte und die Flasche mit dem Rest in den Küchenschrank stellte. Dann sagte sie mit kühlem Lächeln: „Wenn du mich fragst, solltest du ihm lieber nichts davon geben. Wenn jemand anfängt nachzuforschen, gibt das nur neuen Ärger."
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Die Mutter erwiderte: „So ängstlich darf man nicht sein! Wir schuften hier drinnen hart genug – wenn dabei ein wenig für uns abfällt, ist das nur recht und billig. Es ist ja nicht gestohlen!" Damit ging sie hinaus und begab sich geradewegs zum Haus ihres älteren Bruders.
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Der Neffe lag noch immer zu Bett. Als er und seine Eltern sahen, was Frau Liu brachte, freuten sie sich sehr. Sie schöpften frisches Brunnenwasser, mischten den Nektar hinein, und der Kranke trank eine Schale davon. Sogleich wurde ihm leichter ums Herz, und seine Gedanken und Blicke waren wieder klar. Das Schälchen mit dem übrigen Nektar wurde mit Papier zugedeckt und auf den Tisch gestellt.
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Der Zufall wollte es, dass einige Dienstjungen des Hauses, die mit dem Neffen befreundet waren, auf einen Krankenbesuch kamen. Unter ihnen befand sich ein gewisser Qian Huai, ein Neffe mütterlicherseits von Nebenfrau Zhao. Seine Eltern verwalteten die Rechnungsbücher in den Speichern; er selbst war als Begleiter Kaufmann Drittem beim Schulbesuch zugeteilt. Da die Familie über einiges Geld und Ansehen verfügte und er noch nicht verheiratet war, hatte er ein Auge auf die hübsche Fünfchen geworfen und seinen Eltern erklärt, er wolle sie zur Frau nehmen. Mehrfach waren Vermittler deswegen hin und her gelaufen.
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Das Ehepaar Liu hätte zwar gern zugestimmt, doch Fünfchen selbst war entschieden dagegen. Sie sagte es zwar nie offen, doch ihr ganzes Verhalten sprach deutlich genug, sodass ihre Eltern keine Zusage zu geben wagten. Seit Fünfchen nun hoffte, in den Garten aufgenommen zu werden, hatten sie den Ehep erst recht fallengelassen und wollten warten, bis Fünfchen in drei bis fünf Jahren freigelassen würde, um ihr dann außerhalb des Anwesens einen Bräutigam zu suchen.
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Auch die Qians hatten die Sache ruhen lassen, als sie die Haltung der Lius sahen. Nur Qian Huai konnte es nicht verwinden, dass Fünfchen ihm verweigert wurde, und hatte sich in den Kopf gesetzt, sie um jeden Preis zur Frau zu bekommen. Heute war er mit den anderen gekommen, um Frau Lius Neffen zu besuchen, und hatte nicht erwartet, Frau Liu dort anzutreffen.
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Als Frau Liu plötzlich die Gruppe junger Männer kommen sah und Qian Huai darunter erkannte, sagte sie hastig, sie habe keine Zeit, stand auf und wollte gehen.
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Bruder und Schwägerin riefen ihr nach: „Du gehst schon, ohne Tee getrunken zu haben? Es war lieb, dass du an uns gedacht hast!"
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Frau Liu erwiderte lächelnd: „Ich fürchte, drinnen wird bald aufgetragen. Wenn ich wieder Zeit habe, komme ich noch einmal nach dem Jungen sehen." Da nahm die Schwägerin ein kleines Päckchen aus einer Schublade, begleitete Frau Liu hinaus und steckte es ihr in einer Mauerecke mit den Worten zu:
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„Dein Bruder hatte am Tor Dienst, aber diese fünf Tage waren trostlos öde keine einzige Nebeneinnahme fiel ab. Nur gestern kam ein Beamter aus Guangdong zum Antrittsbesuch und brachte der Herrschaft als Geschenk zwei kleine Körbe voll Porlingsschnee mit [Anm.: 茯苓霜, Fuling-Shuang, ein pulverisiertes Mittel aus dem Porling-Pilz, der auf den Wurzeln alter Kiefern wächst – ein kostbares Stärkungsmittel der traditionellen chinesischen Medizin]. Außerdem gab er den Torwächtern ein Körbchen als Torgeschenk, und davon hat dein Bruder dieses Päckchen bekommen.
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In jener Gegend wachsen uralte Kiefern und Lebensbäume ohne Zahl; man gewinnt dort den Extrakt des Porlingpilzes und verarbeitet ihn mit Arzneien zu diesem herrlich weißen Schnee. Am besten mischt man ihn mit Muttermilch und trinkt jeden Morgen nach dem Aufstehen eine Schale – das ist ein wunderbares Stärkungsmittel. Sonst kann man auch Kuhmilch nehmen, und notfalls tut es kochendes Wasser. Wir haben uns gedacht, das müsste gerade das Richtige für Fünfchen sein. Heute Vormittag habe ich schon ein kleines Mädchen zu euch geschickt, aber sie sagte, eure Tür sei verschlossen und Fünfchen mit dir in den Garten gegangen.
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Eigentlich wollte ich es ihr persönlich bringen, aber dann dachte ich: Die Herrschaft ist nicht zu Hause, überall wird streng kontrolliert, und ich habe keinen dienstlichen Vorwand. Außerdem hört man seit zwei Tagen, drinnen gehe es drunter und drüber – wenn ich da hineingeraten wäre, hätte es böse Folgen haben können. Darum ist es gut, dass du selbst gekommen bist. Nimm es gleich mit."
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Frau Liu bedankte sich herzlich, verabschiedete sich und ging. Gerade als sie das Seitentor erreichte, kam ihr ein kleiner Dienstjunge entgegen und sagte lächelnd: „Da seid Ihr ja endlich! Von drinnen hat man schon zwei-, dreimal nach Euch geschickt; drei oder vier von uns sind noch unterwegs, um Euch zu suchen. Aber wo kommt Ihr denn her? Der Weg hier führt doch gar nicht zu Eurem Zuhause – da kommen mir ja Zweifel!"
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Frau Liu schimpfte lachend: „Du kleines Äffchen …"
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Wer wissen will, wie es weiterging, muss das nächste Kapitel lesen.
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== Anmerkungen ==
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<div style="text-align: center; font-size: 0.9em; color: #666; margin-top: 20px;">
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''Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本).''
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Revision as of 12:36, 15 April 2026

Kapitel: 1 · 2 · 3 · 4 · 5 · 6 · 7 · 8 · 9 · 10 · [11-20] · [21-30] · [31-40] · [41-50] · [51-60] · [61-70] · [71-80] · [81-90] · [91-100] · [101-110] · [111-120] · ← Inhalt

Version: ZH · DE (Woesler) · ZH-DE

Kapitel 60

Jasminpuder ersetzt den Rosensalpeter

Rosennektar führt zum Porlingsschnee

Dufthauch fragte Friedchen, was sie denn so in Atem halte. Friedchen sagte lächelnd: „Lauter Dinge, auf die kein Mensch kommen würde. Es klingt auch ziemlich lächerlich. In ein paar Tagen erzähle ich es dir. Im Augenblick ist noch alles wirr, und ich habe auch keine Zeit."

Kaum hatte sie ausgeredet, erschien ein Dienstmädchen von Frau Li und sagte: „Ist Schwester Friedchen hier? Die gnädige Frau wartet auf dich – warum kommst du denn nicht?"

Friedchen machte sogleich kehrt, ging hinaus und rief lachend: „Ich komme, ich komme!"

Dufthauch und die anderen sagten lächelnd: „Seitdem ihre Herrin krank liegt, ist Friedchen begehrt wie ein warmer Sesamkuchen – jeder reißt sich um sie, und keiner bekommt sie zu fassen."

Friedchen war fort, und damit genug von ihr. Schatzjade rief nun Frühlingsschwälbchen und sagte: „Geh mit deiner Mutter zu Fräulein Schatzspange hinüber und sage Drossel ein paar nette Worte. Man kann sie nicht einfach so beleidigen und dann nichts dazu sagen."

Frühlingsschwälbchen sagte „Jawohl!" und ging schon mit ihrer Mutter hinaus, da rief Schatzjade noch durchs Fenster hinterher: „Aber redet nicht in Gegenwart von Fräulein Schatzspange darüber – sonst bekommt Drossel am Ende noch eine Zurechtweisung!"

Mutter und Tochter versprachen es und gingen hinaus. Während sie nebeneinander liefen, unterhielten sie sich. Frühlingsschwälbchen sagte zu ihrer Mutter: „Was ich dir immer geraten habe, wolltest du mir nicht glauben. Erst musstest du dich blamieren, ehe du Ruhe gibst."

Die Mutter sagte lächelnd: „Geh nur, kleines Biest! ‚Durch Schaden wird man klug', heißt es im Sprichwort. Jetzt weiß ich Bescheid. Brauchst du mir also keine Vorwürfe mehr zu machen."

Frühlingsschwälbchen sagte lächelnd: „Mutter, wenn du dich hier bescheiden gibst und deinen Dienst in diesen Räumen treu versehst, wirst du auf die Dauer viele Vorteile haben. Ich will dir etwas verraten: Schatzjade hat schon oft gesagt, er wolle eines Tages die gnädige Frau bitten, alle, die in seinen Räumen dienen, freizulassen – ganz gleich, ob sie zum Haus gehören oder von außen kamen –, damit sie nach Belieben zu ihren Eltern zurückkehren können. Sag selbst, wäre das nicht wunderbar?"

Die Mutter fragte aufgeregt: „Ist das wirklich wahr?"

Frühlingsschwälbchen erwiderte: „Wer würde in so einer Sache lügen?"

Als die Dienstfrau das hörte, murmelte sie in einem fort Buddhas Namen.

Im Haselwurzpark angekommen, trafen sie Schatzspange, Kajaljade und Tante Schnee gerade beim Essen an. Drossel war Tee aufbrühen gegangen. Frühlingsschwälbchen trat mit ihrer Mutter vor Drossel hin und sagte lächelnd: „Meine Mutter war vorhin beleidigend zu dir. Du darfst ihr nicht böse sein und es ihr nicht verübeln – wir kommen eigens, um dich um Verzeihung zu bitten."

Drossel bat sie sogleich lächelnd, Platz zu nehmen, und wollte ihnen Tee einschenken. Doch Mutter und Tochter sagten, sie hätten zu tun, und verabschiedeten sich. Sie waren schon im Gehen, da kam plötzlich Staubfäden hinterhergelaufen und rief: „Mütterchen! Schwester! Wartet einen Augenblick!" Sie holte sie ein und drückte ihnen ein Papierpäckchen in die Hand: „Das ist Rosensalpeter. Nehmt ihn für Duftlein mit, sie soll sich das Gesicht damit einreiben."

Frühlingsschwälbchen sagte lächelnd: „Ihr seid wirklich zu kleinlich! Als ob es drüben nichts dergleichen gäbe! Extra schickst du ihr noch ein Päckchen."

Staubfäden erwiderte: „Was sie drüben hat, ist von drüben. Das hier ist ein Geschenk von mir. Liebe Schwester, nimm es auf jeden Fall mit!"

Frühlingsschwälbchen nahm es also entgegen. Als Mutter und Tochter zum Purpurwolken-Hof zurückkamen, waren gerade Kaufmann Dritter [Anm.: 贾环, Jia Huan, Schatzjades jüngerer Halbbruder] und Kaufmann Zweiter [Anm.: 贾琮, Jia Cong] zu einem Besuch bei Schatzjade erschienen und eben eingetreten. Frühlingsschwälbchen sagte zu ihrer Mutter: „Ich gehe allein hinein – du brauchst nicht mitzukommen." Die Mutter gehorchte von nun an willig und wagte keinen Widerspruch mehr.

Frühlingsschwälbchen trat ins Zimmer. Schatzjade wusste, sie wollte Bericht erstatten, und nickte ihr zu. Frühlingsschwälbchen verstand und sagte kein Wort. Nachdem sie eine Weile dagestanden hatte, drehte sie sich um, ging hinaus und gab Duftlein ein Zeichen mit den Augen. Duftlein folgte ihr nach draußen, und leise erzählte Frühlingsschwälbchen ihr, was Staubfäden bestellt hatte, und gab ihr den Salpeterpuder.

Schatzjade wusste nicht, worüber er mit Kaufmann Dritter und Kaufmann Zweiter reden sollte, und fragte daher lächelnd Duftlein, was sie in der Hand halte. Duftlein reichte es ihm sogleich und sagte: „Das ist Rosensalpeter gegen die Frühjahrsflechte."

„Wie aufmerksam, dass sie daran gedacht hat!" lobte Schatzjade lächelnd.

Kaufmann Dritter reckte den Hals und spähte auf das Päckchen; als er den frischen Duft wahrnahm, bückte er sich, zog ein Stück Papier aus dem Stiefelschaft, hielt es wie ein Tablett hin und sagte lächelnd: „Lieber Bruder, gib mir die Hälfte ab!"

Schatzjade war schon bereit, ihm etwas zu geben, doch Duftlein, der das Geschenk von Staubfäden zu kostbar war, um es mit anderen zu teilen, fiel ihm rasch in den Arm und sagte lächelnd: „Rühr diesen nicht an – ich hole anderen!"

Schatzjade verstand sofort, wickelte das Päckchen lächelnd wieder ein und sagte: „Dann hol ihn schnell!"

Duftlein nahm das Päckchen, legte es weg und suchte in ihrem Toilettenkästchen nach dem Salpeterpuder, den sie selbst benutzte. Doch als sie die Dose öffnete, war sie leer. Verwundert dachte sie: „Heute Morgen war noch etwas darin – wie kann es jetzt verschwunden sein?" Sie fragte die anderen, aber alle sagten, sie wüssten nichts davon.

Moschusmond sagte: „Was regst du dich jetzt darüber auf? Irgendjemand aus unseren Räumen hat gerade nichts gehabt und es sich genommen. Gib ihnen einfach irgendetwas – die merken das doch nicht. Hauptsache, sie gehen bald, damit wir essen können."

Also wickelte Duftlein ein wenig Jasminpuder ein und brachte es hinüber. Kaufmann Dritter streckte sofort die Hand danach aus, doch Duftlein warf das Päckchen kurzerhand aufs Ruhebett, sodass Kaufmann Dritter es von dort aufheben musste. Er steckte es in seinen Busen, verabschiedete sich und ging.

Da Kaufmann Aufrecht verreist und auch Dame Wang nicht zu Hause war, hatte Kaufmann Dritter schon seit Tagen die Schule geschwänzt, indem er sich krank stellte. Nachdem er jetzt das Pulver bekommen hatte, machte er sich frohlockend auf die Suche nach Farbwölkchen [Anm.: 彩云, Caiyun, Dienstmädchen bei Dame Wang]. Der Zufall wollte es, dass sie gerade mit Nebenfrau Zhao plauderte. Kaufmann Dritter sagte strahlend zu Farbwölkchen: „Ich habe dir etwas Feines mitgebracht zum Einreiben des Gesichts! Du sagst doch immer, Rosensalpeter sei gegen Flechten besser als der Silbersalpeter, den man draußen kauft. Schau einmal, ob es das Richtige ist!"

Farbwölkchen öffnete das Päckchen, warf einen Blick hinein und prustete los: „Von wem hast du dir das geben lassen?"

Kaufmann Dritter erzählte, was sich zugetragen hatte. Farbwölkchen sagte lächelnd: „Die haben dich angeführt wie einen Dorftrottel! Das ist kein Rosensalpeter, das ist Jasminpuder."

Kaufmann Dritter sah sich das Pulver noch einmal an: Tatsächlich war es rötlicher als gewöhnlicher Salpeter, und als er daran roch, strömte es einen durchdringenden Duft aus. Lächelnd sagte er: „Es ist doch auch etwas Gutes. Ob nun Salpeter oder Puder – behalt es und reib dir das Gesicht damit ein. Solange es besser ist als das Zeug, das man draußen kauft, ist es doch recht."

Farbwölkchen steckte es notgedrungen ein. Nebenfrau Zhao aber sagte: „Dir gibt man natürlich etwas Gutes! Wer hat dich geheißen, darum zu bitten? Jetzt brauchst du dich nicht zu wundern, dass man sich über dich lustig macht. Wenn du auf mich hörst, gehst du hin und schleuderst es ihr ins Gesicht! Gerade jetzt, wo die einen unterwegs sind und die anderen krank im Bett liegen – das ist die Gelegenheit, ordentlich Krach zu schlagen, damit die alle aus ihrer Behaglichkeit aufgeschreckt werden! Das wäre eine Revanche! In zwei Monaten fragt kein Mensch mehr danach. Und selbst wenn man dich fragt, hast du genug zu sagen. Schatzjade ist dein älterer Bruder, und gegen ihn willst du nicht anrennen – gut. Aber musst du deshalb auch Angst haben, so ein Hündchen oder Kätzchen aus seinen Räumen zur Rede zu stellen?"

Kaufmann Dritter senkte nur den Kopf. Farbwölkchen sagte rasch: „Wozu einen Streit vom Zaun brechen? Wie es auch sei – das Klügste ist, Geduld zu üben."

Nebenfrau Zhao fuhr sie an: „Du halt dich da heraus! Dich geht es nichts an. Man sollte die Gelegenheit nutzen und diesen schamlosen Weibsstücken ordentlich die Meinung sagen – das wäre schon etwas wert." Dann deutete sie auf Kaufmann Dritter, spuckte aus und schimpfte: „Pfui! Du erbärmlicher Schlappschwanz! Natürlich lässt du dich von diesen grünen Rotznasen demütigen! Wenn ich dir ein Wort sage oder dir versehentlich das Falsche gebe, dann verdrehst du die Augen, die Stirnadern schwellen dir, und du trampelst und wirfst Sachen nach deiner eigenen Mutter! Aber jetzt, wo dich diese Gören zum Narren halten, lässt du dir alles gefallen. Und du bildest dir ein, das Gesinde werde dich eines Tages noch respektieren? Zu nichts bist du zu gebrauchen – ich schäme mich für dich!"

Kaufmann Dritter war beschämt und aufgebracht zugleich, doch er wagte nicht zu gehen. Er machte eine unwirsche Handbewegung und sagte: „Du verstehst so gut zu reden, aber du gehst ja selbst nicht hin! Du schickst mich vor, um den Skandal anzuzetteln. Wenn es an die Schule gemeldet wird und ich Prügel bekomme, tut es dir ja nicht weh! Jedes Mal hast du mich aufgestachelt, und wenn dann der Skandal da war und ich Prügel und Schelte bekam, hast du nur stumm den Kopf gesenkt. Jetzt willst du mich schon wieder gegen die kleinen Mägde aufhetzen. Wenn du keine Angst vor der dritten Schwester [Anm.: Tanchun] hast, dann geh doch selbst – dann gebe ich mich geschlagen!"

Mit diesem einen Satz hatte er seiner Mutter mitten ins Herz getroffen. Sie schrie: „Ich soll mich fürchten vor einem, der aus meinem eigenen Leib gekrochen ist? Da hätten wir ja schöne Zustände!" Während sie das sagte, schnappte sie sich das Päckchen mit dem Puder und stürmte in Richtung Garten davon. Farbwölkchen, die sie beim besten Willen nicht zurückhalten konnte, suchte in einem anderen Zimmer Zuflucht. Kaufmann Dritter verschwand durchs Zeremonialtor und ging seinem Vergnügen nach.

Nebenfrau Zhao stürmte wie eine Furie in den Garten. Zufällig kam ihr Lotosblats Pflegemutter, die Dienstfrau Xia, entgegen. Als sie Nebenfrau Zhao wutschnaubend herankommen sah, fragte sie: „Wohin des Wegs, gnädige Nebenfrau?"

„Sieh dir das an!" rief Nebenfrau Zhao. „Selbst diese kleinen Schauspielerhuren, die erst vor zwei, drei Tagen ins Haus gekommen sind, erlauben sich, uns Leute nach Rang und Stand zu sortieren und kleine Schälchen vorzusetzen! [Anm.: Redewendung für: jemanden nach seinem Stand unterschiedlich behandeln.] Bei jemand anderem würde es mich nicht ärgern, aber von diesen kleinen Ludern brauche ich mir doch keinen Spott gefallen zu lassen!"

Das traf genau die Empfindungen der Dienstfrau Xia, und sie fragte eilig nach dem Grund. Nebenfrau Zhao erzählte ihr ausführlich, wie Duftlein den Kaufmann Dritter verächtlich behandelt hatte, indem sie ihm Jasminpuder statt Rosensalpeter gab.

Die Dienstfrau Xia sagte: „Gnädige Frau, davon erfahrt Ihr heute erst? Das ist doch gar nichts! Erst gestern haben sie hier heimlich Opfergeld verbrannt, und Schatzjade hat sich noch als Schutzschild davor gestellt. Wenn andere etwas hereinbringen wollen, heißt es, das gehe nicht, das sei unrein und bringe Unglück. Aber Opferpapier verbrennen – das bringt wohl kein Unglück? Überlegt einmal: Wer steht hier im Haus über Euch, außer der gnädigen Frau selbst? Ihr braucht Euch nur aufzurichten, und jedermann wird Respekt vor Euch haben!

Meiner Meinung nach solltet Ihr die Gelegenheit nutzen: Diese kleinen Huren sind ohnehin nichts Ordentliches – wenn man sie beleidigt, hat das keine großen Folgen. Greift diese beiden Vorfälle auf und statuiert ein Exempel! Ich trete als Zeugin auf. Wenn Ihr jetzt Eure Autorität behauptet, könnt Ihr Euch auch künftig in anderen Dingen Respekt verschaffen. Wegen dieser kleinen Huren werden die junge gnädige Frau und die Fräulein kaum ein Wort gegen Euch erheben."

Nebenfrau Zhao fühlte sich in ihrer Meinung erst recht bestärkt und sagte: „Von der Sache mit dem Opfergeld weiß ich nichts – erzähl mir das der Reihe nach!"

Die Dienstfrau Xia berichtete ihr in allen Einzelheiten und fügte hinzu: „Geht nur hin und sagt, was zu sagen ist! Wenn es Ärger gibt, sind wir da, um Euch beizustehen."

Nebenfrau Zhao war nun völlig aufgeputscht und marschierte schnurstracks in den Purpurwolken-Hof. Dort traf es sich, dass Schatzjade gehört hatte, Kajaljade sei im Haselwurzpark, und dorthin gegangen war. Duftlein saß gerade mit Dufthauch und den anderen beim Essen. Als sie Nebenfrau Zhao hereinkommen sahen, standen alle auf und sagten lächelnd: „Gnädige Nebenfrau, esst doch mit! Was führt Euch so eilig her?"

Nebenfrau Zhao antwortete nicht. Sie trat vor, schleuderte Duftlein den Puder ins Gesicht, deutete mit dem Finger auf sie und schimpfte: „Du schamlose kleine Hure! Für mein Geld hat man dich gekauft, damit du die Schauspielerei lernst – du bist nichts weiter als eine Dirne! Die geringste Sklavin in meinem Haus steht höher als du, aber du erdreistest dich, die Leute nach ihrem Stand zu behandeln! Schatzjade wollte ihm etwas geben, und du hast ihn daran gehindert – hat er etwa von deinem gegeben? Mit diesem Zeug hast du meinen Sohn hinters Licht geführt und geglaubt, er merke es nicht! Ob es dir gefällt oder nicht: Sie sind Brüder, beide sind sie Herren dieses Hauses – wie kommst du dazu, ihn geringzuschätzen?"

Wie hätte Duftlein solche Worte ertragen können! Unter Tränen erwiderte sie: „Der Salpeter war alle, darum habe ich ihm das gegeben. Hätte ich gesagt, er sei alle, hätte er mir nicht geglaubt. Ist denn das etwas Schlechtes? Ja, ich habe die Schauspielerei gelernt, aber ich bin nie außer Hause aufgetreten. Ich bin ein Mädchen – was weiß ich von Huren und Dirnen! Gnädige Nebenfrau, Ihr habt keinen Grund, mich zu beschimpfen. Und außerdem habt nicht Ihr mich gekauft. ‚Wenn die Magd mit der Magd Freundschaft schließt – sind beide Sklavinnen!' [Anm.: Sprichwörtliche Redensart, die darauf anspielt, dass auch Nebenfrau Zhao ursprünglich eine Sklavin war.]"

Dufthauch zog sie rasch am Arm zurück: „Hör auf mit dem Unsinn!"

Nebenfrau Zhao aber war außer sich vor Wut, trat vor und versetzte Duftlein zwei schallende Ohrfeigen. Dufthauch und die anderen eilten herbei, hielten sie fest und redeten ihr zu: „Gnädige Nebenfrau, seid doch verständiger als das Kind! Überlasst es uns, mit ihr zu reden!"

Duftlein jedoch wollte nach den Schlägen nicht einlenken, warf sich hin und her, rollte über den Boden und gebärdete sich wie außer sich. Unter Tränen schrie sie: „Du schlägst mich? Schau erst in den Spiegel, wie du aussiehst, ehe du die Hand gegen mich hebst! Dann schlag mich doch tot – ich lebe noch!" Sie stieß Nebenfrau Zhao den Kopf vor die Brust und schrie, sie solle nur zuschlagen.

Alle redeten auf sie ein und versuchten, sie wegzuziehen. Heitermuster aber nahm Dufthauch unauffällig beiseite und flüsterte: „Kümmere dich nicht darum! Lass sie sich ruhig streiten – wir wollen sehen, wie sie wieder auseinanderkommen! König Krawall regiert heute. Was soll das: die eine kommt und schlägt, die andere kommt und schlägt – wenn das so weitergeht, wo soll das enden?"

Draußen hörten die Dienstfrauen, die Nebenfrau Zhao begleitet hatten, den Lärm und freuten sich insgeheim. Sie riefen Buddhas Namen an und sagten: „Endlich ist es so weit! Das hat sie verdient!" Auch die anderen alten Dienstfrauen, die einen Groll auf die Schauspielerinnen hegten, waren zufrieden, als sie hörten, dass Duftlein Schläge bekam.

Lotosblatt und Staubfäden spielten unterdessen zusammen an einem anderen Ort. Sonnenblume [Anm.: 葵官, Kuiguan], die Xiangji zugeteilt war, und Bohne [Anm.: 豆官, Douguan], die nun bei Schatznadel [Anm.: 宝琴, Baoqin] diente, erfuhren die Nachricht und stürzten zu den beiden: „Duftlein wird drangsaliert – das ist eine Schmach für uns alle! Nur wenn wir zusammen ordentlich Krawall schlagen, werden wir uns Respekt verschaffen!"

Die vier waren Kinder, die allein die gerechte Empörung sahen, die sie ihrer Freundin schuldig waren, und an nichts anderes dachten. Gemeinsam rannten sie in den Purpurwolken-Hof. Bohne preschte als Erste vor und rammte Nebenfrau Zhao mit dem Kopf, dass diese beinahe gestürzt wäre. Auch die anderen drei stürmten heulend auf sie los, zerrten und rammten sie, bis Nebenfrau Zhao völlig eingekeilt war. Heitermuster und die anderen lachten und taten nur so, als wollten sie die Mädchen wegziehen.

Dufthauch rannte aufgeregt hin und her, zog die eine weg, und schon lief die nächste los. Sie rief: „Seid ihr von Sinnen! Wenn ihr euch ungerecht behandelt fühlt, könnt ihr darüber reden, aber so etwas gehört sich nicht!"

Nebenfrau Zhao wusste sich nicht mehr zu helfen und konnte nur noch wild drauflosschimpfen. Staubfäden und Lotosblatt hielten sie rechts und links an den Armen fest, Sonnenblume und Bohne stemmten sich von vorn und hinten gegen sie. Alle vier sagten: „Schlagt uns vier doch alle tot, wenn Euch danach ist!"

Duftlein lag unterdessen der Länge nach auf dem Boden und heulte zum Steinerweichen.

In dieser ausweglosen Lage erschienen plötzlich – denn Heitermuster hatte Frühlingsschwälbchen losgeschickt, um Tanchun zu benachrichtigen – Frau You, Frau Li und Tanchun zusammen mit Friedchen und einer Schar Dienstfrauen. Sie herrschten die vier Mädchen an, innezuhalten, und fragten nach dem Grund. Nebenfrau Zhao, mit stierem Blick und geschwollenen Stirnadern, sprudelte alles wirr und zusammenhanglos hervor.

Frau You und Frau Li antworteten nicht darauf und hielten nur die vier Mädchen in Schach. Tanchun seufzte und sagte: „Was ist das schon für eine große Sache! Gnädige Nebenfrau, Ihr geratet auch wirklich zu schnell in Rage. Ich wollte gerade etwas mit Euch bereden; die Mädchen sagten, sie wüssten nicht, wo Ihr seid – und Ihr seid hier und tobt. Kommt bitte mit mir!"

Auch Frau You und Frau Li sagten lächelnd: „Gnädige Nebenfrau, kommt doch in die Halle herüber, damit wir uns beraten können."

Nebenfrau Zhao blieb nichts anderes übrig, als ihnen zu folgen. Dabei hörte sie aber nicht auf, sich lang und breit zu beklagen.

Tanchun sagte: „Diese kleinen Mädchen sind doch nur Spielzeuge. Wenn sie einem gefallen, plaudert und scherzt man mit ihnen; wenn nicht, lässt man sie unbeachtet. Und wenn sie sich einmal schlecht benehmen, ist das nicht anders, als wenn ein Kätzchen oder Hündchen einen kratzt oder beißt: Man verzeiht ihnen, wenn man kann, und wenn man nicht kann, lässt man die Verwalterinnen kommen und sie bestrafen. Warum sich so weit erniedrigen, herumzubrüllen und sein Ansehen aufs Spiel zu setzen?

Seht Euch Nebenfrau Zhou an: Warum beleidigt sie niemand? Warum muss sie niemanden zur Rede stellen? Ich rate Euch, geht in Eure Räume zurück und lasst Euch ein wenig abkühlen. Hört nicht auf die Aufhetzung dieser Bösewichter – sonst macht Ihr Euch zum Gespött und tut ohne Not anderen die Schmutzarbeit. Und wenn Ihr noch so aufgebracht seid: Geduldet Euch diese paar Tage, bis die gnädige Frau zurück ist – dann wird alles seine Ordnung finden."

Diese Worte brachten Nebenfrau Zhao endlich zum Schweigen, und notgedrungen begab sie sich in ihre Räume.

Tanchun aber sagte aufgebracht zu Frau You und Frau Li: „So alt ist sie schon, aber mit ihrem Verhalten verdient sie sich keinen Respekt. Was soll das – lohnt es sich, wegen so einer Nichtigkeit zu streiten und jede Würde zu verlieren? Sie ist gutgläubig und hat kein Urteil. Bestimmt haben wieder diese schamlosen Sklavinnen sie aufgehetzt und sie als Werkzeug benutzt, um ihren eigenen Groll abzuladen." Je mehr sie darüber nachdachte, desto wütender wurde sie, und sie befahl, herauszufinden, wer die Anstifterin sei.

Die Dienstfrauen sagten jawohl und gingen hinaus, doch draußen sahen sie einander an und lachten: „Das heißt eine Nadel im großen Meer suchen!" Dennoch riefen sie Nebenfrau Zhaos Gefolge und die Leute aus dem Garten zusammen und befragten sie, doch alle erklärten, sie wüssten von nichts. Es blieb ihnen nichts übrig, als Tanchun zu berichten: „Wir können es im Augenblick nicht feststellen. Wir fahnden in aller Ruhe weiter und werden alle, die ungebührliche Reden führen, zur Bestrafung melden."

Tanchuns Zorn hatte sich allmählich gelegt, als die Schauspielerin Wermut [Anm.: 艾官, Aiguan, Tanchun zugeteilt] ihr heimlich meldete: „Es ist die Alte Xia! Sie ist schon lange mit uns verfeindet und streut ständig Gerüchte aus, um Unfrieden zu stiften. Neulich hat sie Lotosblatt beschuldigt, Opferpapier verbrannt zu haben; zum Glück sagte Schatzjade, er habe es befohlen, und sie musste klein beigeben. Heute, als ich dem Fräulein ein Taschentuch bringen sollte, sah ich, wie die Alte Xia und die gnädige Nebenfrau lange beisammen standen und tuschelten. Erst als sie mich bemerkten, gingen sie auseinander."

Tanchun hörte es an. Obwohl sie den wahren Sachverhalt ahnte, wusste sie auch, dass die Schauspielerinnen alle unter einer Decke steckten und ständig Unfug trieben. Darum sagte sie nur ja und dachte nicht daran, sich auf Wermuts Aussage allein zu verlassen.

Nun diente in Tanchuns Räumen auch das Mädchen Zikade [Anm.: 蝉姐儿, Chanjie'er], eine Enkelin eben jener Dienstfrau Xia. Da sie oft für die anderen Dienstmädchen Besorgungen machte und Boten holte, war sie bei allen beliebt. An jenem Tag ging Tanchun nach dem Essen in die Halle, um ihre Verwaltungsaufgaben zu erledigen. Grüne Tusche [Anm.: 翠墨, Cuimo, Tanchuns Dienstmädchen], die die Räume hüten sollte, schickte Zikade hinaus, um durch einen Dienstjungen Kuchen kaufen zu lassen.

Zikade erwiderte: „Ich habe gerade den großen Hof gefegt, mir tun Hüfte und Beine weh. Schick doch jemand anderen!"

Grüne Tusche sagte lächelnd: „Wen soll ich sonst schicken? Geh lieber gleich – ich will dir auch etwas Gutes verraten. Geh zum Hintertor und sage unterwegs deiner Großmutter, sie solle auf der Hut sein." Damit erzählte sie Zikade, was Wermut über die Großmutter berichtet hatte.

Zikade nahm sofort das Geld entgegen und sagte: „Dieses kleine Biest will auch noch intrigieren? Warte nur, ich sage es meiner Großmutter!" Sie stand auf und ging hinaus. Am Hintertor angelangt, sah sie, dass das gesamte Küchenpersonal gerade freie Zeit hatte und auf den Treppenstufen saß und plauderte. Auch ihre Großmutter war dabei. Zikade beauftragte eine Dienstfrau, Kuchen kaufen zu gehen, und erzählte dann, halb schimpfend, halb berichtend, ihrer Großmutter alles.

Die Dienstfrau Xia war gleichermaßen ärgerlich und ängstlich. Sie wollte sofort zu Wermut gehen und sie zur Rede stellen und außerdem bei Tanchun ihre Unschuld beteuern. Doch Zikade hielt sie zurück: „Was willst du dort sagen? Wie willst du erklären, woher du das weißt? Das richtet nur neuen Schaden an. Ich habe es dir gesagt, damit du vorsichtig bist, das genügt. Wozu die Aufregung?"

Während sie noch sprachen, kam plötzlich Duftlein vorbei. Sie lehnte sich an das Hoftor und rief lächelnd in die Küche hinein: „Schwägerin Liu! Der junge Herr Schatzjade lässt ausrichten: Er möchte zum Abendessen ein Gemüsegericht – etwas Kühles und Saures, aber bitte kein Sesamöl, das macht es zu fettig."

Frau Liu sagte lächelnd: „Verstanden! Wie kommt es denn, dass heute ausgerechnet du eine so wichtige Nachricht überbringst? Wenn es dir hier nicht zu schmutzig ist, komm doch herein und sieh dich ein wenig um!"

Duftlein trat gerade ein, als eine Dienstfrau mit einem Teller Kuchen kam. Duftlein scherzte: „Wer hat den warmen Kuchen gekauft? Ich will ein Stück kosten!"

Zikade riss ihr den Teller weg und sagte: „Der ist für andere bestellt. Für euresgleichen ist so etwas doch nichts Besonderes."

Frau Liu sah es und rief sogleich lächelnd: „Duftlein! Wenn du so etwas magst, hier – ich habe vorhin Kuchen gekauft, für deine ältere Schwester. Sie hat noch keinen gegessen, er liegt noch da, ganz sauber und unberührt." Sie brachte einen vollen Teller heraus, reichte ihn Duftlein und sagte: „Warte, ich gehe hinein und brühe dir einen ordentlichen Tee!" Damit ging sie hinein und fachte das Feuer an.

Duftlein nahm den warmen Kuchen, hielt ihn Zikade vors Gesicht und sagte: „Wer ist schon auf deinen Kuchen erpicht? Ist das hier etwa keiner? Ich habe nur Spaß gemacht. Selbst wenn du mir einen Kotau machst, esse ich deinen Kuchen nicht!" Damit brach sie die Kuchenstücke eins nach dem anderen in Bröckchen und warf sie den Spatzen hin. Lachend rief sie: „Schwägerin Liu, nimm's nicht schwer! Ich kaufe dir nachher zwei Pfund Kuchen als Ersatz."

Zikade kochte vor Wut, starrte sie an und zischte: „Der Donnergott hat doch Augen im Kopf – warum erschlägt er so eine Sünderin nicht! Und sie wagt es auch noch, mich zu ärgern! Was bin ich schon gegen euresgleichen? Euch bringt man Tribut und dient euch wie ein Sklave, alles tut man für euch, nur damit ihr bei Gelegenheit ein gutes Wort einlegt …"

Die Dienstfrauen sagten: „Mädchen, hört doch auf! Kaum seht ihr euch, geht das Gezänk los." Einige klügere unter ihnen, die sahen, dass die beiden aneinandergerieten, standen lieber auf und machten sich aus dem Staub, weil sie einen neuen Zwischenfall fürchteten. Auch Zikade traute sich nicht, weiter auf Duftlein loszugehen, und zog sich murrend zurück.

Als Frau Liu sah, dass sich alle entfernt hatten, kam sie rasch heraus und fragte Duftlein: „Hast du neulich die Sache erwähnt?"

Duftlein erwiderte: „Ja. In ein, zwei Tagen bringe ich es noch einmal zur Sprache. Aber dann hat diese unverwüstliche Zhao mir auch noch eine Szene gemacht! – Hat die Schwester den Rosennektar getrunken? Geht es ihr ein wenig besser?"

Frau Liu sagte: „Aber ja, sie hat alles ausgetrunken! Er hat ihr so wunderbar geschmeckt, dass sie sich gar nicht traut, dich um mehr zu bitten."

Duftlein sagte: „Das ist doch nicht der Rede wert. Ich besorge einfach noch welchen und bringe ihn ihr."

Frau Liu hatte nämlich eine Tochter, gerade sechzehn Jahre alt. Obwohl nur ein Küchenmädchenkind, konnte sie es an Schönheit mit Friedchen, Dufthauch, Purpurkuckuck und Mandarinenente aufnehmen. Da sie die Fünfte war, nannte man sie Fünfchen [Anm.: 五儿, Wu'er, auch: Liu Wu'er]. Weil sie von Natur aus kränklich war, hatte man ihr keine Stelle zugewiesen. In letzter Zeit aber hatte Frau Liu erfahren, dass in Schatzjades Räumen der Dienst leicht und das Personal zahlreich sei, und zudem gehört, Schatzjade wolle dafür sorgen, dass alle seine Dienstmädchen eines Tages freigelassen würden. Darum wollte sie Fünfchen dort unterbringen, wenigstens dem Namen nach.

Nur wusste sie nicht, wie sie es bewerkstelligen sollte. Der Zufall kam ihr zu Hilfe: Als Bedienstete des Birnendufthofs hatte sie Duftlein und die anderen Schauspielerinnen besser umsorgt als die eigentlichen Pflegemütter, und diese verhielten sich dafür auch sehr gut zu ihr. So hatte sie Duftlein ihre Bitte vorgetragen, und Duftlein hatte bei Schatzjade ein Wort eingelegt. Schatzjade war zwar einverstanden gewesen, aber da er krank geworden war und sich manches andere ereignet hatte, war er noch nicht dazu gekommen, die Sache in die Wege zu leiten.

Doch genug der Vorgeschichte. Duftlein ging in den Purpurwolken-Hof zurück und erstattete Schatzjade Bericht.

Als Schatzjade von Nebenfrau Zhaos Tobsuchtsanfall erfahren hatte, war ihm das äußerst unangenehm gewesen. Einzugreifen schien ihm ebenso falsch wie nicht einzugreifen, und so hatte er notgedrungen gewartet, bis es vorbei war. Erst als man ihm sagte, Tanchun habe Nebenfrau Zhao zum Gehen bewogen, war er aus dem Haselwurzpark zurückgekehrt, hatte Duftlein eine Weile beruhigt, und alle waren wieder zur Ruhe gekommen.

Als Duftlein jetzt zurückkam und sagte, sie brauche noch etwas Rosennektar für Liu Fünfchen, sagte Schatzjade sogleich: „Es ist noch welcher da, und ich trinke ohnehin nicht oft davon. Gib ihr alles!" Er ließ Dufthauch die Flasche holen. Als er sah, dass nur noch wenig darin war, überließ er Duftlein die Flasche mitsamt dem Inhalt.

Duftlein brachte die Flasche persönlich hinüber. Frau Liu hatte ihre Tochter gerade in den Garten geholt, damit sie sich zerstreuen konnte. Sie waren in einer abgelegenen Ecke spazieren gegangen und saßen nun in der Küche, tranken Tee und ruhten sich aus. Duftlein kam mit einer fünf Zoll hohen kleinen Glasflasche herein. Als sie sie gegen das Licht hielt, sah man darin eine zur knappen Hälfte gefüllte scharlachrote Flüssigkeit wie Rouge. Mutter und Tochter hielten sie für den europäischen Traubenwein, den Schatzjade trank, und riefen eilig: „Wir holen den Weinwärmer und machen heißes Wasser! Setz dich doch!"

Duftlein sagte lächelnd: „Das ist der ganze Rest – die Flasche bekommt ihr dazu." Erst jetzt erkannte Fünfchen, dass es Rosennektar war. Hastig nahm sie die Flasche entgegen und bedankte sich wieder und wieder.

Duftlein fragte, ob es ihr besser gehe. Fünfchen erwiderte: „Heute fühle ich mich etwas kräftiger, darum bin ich hereingekommen, um mich umzusehen. Aber hier hinten ist nichts Besonderes – nur ein paar große Steine, hohe Bäume und Rückwände von Gebäuden. Die wirklich schönen Stellen habe ich gar nicht zu sehen bekommen."

Duftlein fragte: „Warum bist du nicht nach vorne gegangen?"

Frau Liu sagte: „Ich habe es ihr nicht erlaubt. Die Fräulein kennen sie nicht, und wenn jemand sie sieht, dem das nicht recht ist, gibt es nur wieder Gerede. Wenn sie erst dank deiner Hilfe eine Stelle hat, wird sie noch oft genug jemand zum Spazierengehen mitnehmen. Vielleicht kommt sogar der Tag, an dem sie es satt hat!"

Duftlein sagte lächelnd: „Wovor denn Angst? Auf mich ist Verlass!"

Frau Liu rief: „Ach, mein liebes Fräulein! Wir sind Leute mit dünner Haut – nicht so wie ihr!" Und sie goss Duftlein Tee ein. Aber wie hätte Duftlein solchen Tee trinken mögen! Sie spülte sich nur den Mund damit und ging.

Frau Liu sagte: „Ich bin hier beschäftigt – Fünfchen, begleite sie ein Stück!"

Fünfchen brachte sie hinaus, und als niemand in der Nähe war, hielt sie Duftlein am Arm fest und fragte: „Hast du wirklich meinetwegen gesprochen?"

Duftlein sagte lächelnd: „Glaubst du, ich führe dich an der Nase herum? Nach dem, was ich gehört habe, sind bei uns wirklich noch zwei Stellen frei. Die eine ist die von Rote Jade [Anm.: 红玉, Hongyü, die von Phönixglanz abgeworben wurde], die Zweite gnädige Frau hat sie angefordert, aber noch keinen Ersatz geschickt. Die andere ist die von Pendant [Anm.: 坠儿, Zhui'er, die wegen Diebstahls entlassen wurde] – auch die ist noch nicht nachbesetzt. Wenn du jetzt eine davon bekommst, ist das keine Übertreibung. Aber Friedchen sagt immer wieder zu Dufthauch: Bei allem, was Personal und Geld betrifft, sei es besser, so lange wie möglich zu warten. Fräulein Tanchun ist darauf aus, ein Exempel zu statuieren. Selbst Angelegenheiten aus ihren eigenen Räumen hat sie zwei- oder dreimal abgelehnt, und jetzt wartet sie nur darauf, dass bei uns etwas beantragt wird.

Warum also ins offene Messer laufen? Wenn wir jetzt etwas vorbringen und es wird abgelehnt, dann ist es für alle Zeiten vorbei und lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Besser, wir warten, bis sich die Wogen geglättet haben und die Herzoginmutter und die gnädige Frau wieder Muße haben. Wenn wir zuerst mit den Älteren sprechen, wird uns auch die größte Bitte nicht abgeschlagen."

Fünfchen erwiderte: „Du hast ja recht, aber ich bin ungeduldig und kann nicht warten. Wenn ich jetzt eine Stelle bekomme, dann habe ich erstens meiner Mutter einen Gefallen getan, damit sie mich nicht umsonst großgezogen hat; zweitens bekommen wir das Monatsgeld, und zu Hause wird es ein wenig leichter; drittens würde mir ein Stein vom Herzen fallen, und vielleicht würde dann auch meine Krankheit besser – wir könnten uns wenigstens den Arzt und die Medizin sparen."

Duftlein sagte: „Das weiß ich ja alles. Sei ganz beruhigt." Damit verabschiedeten sie sich, und Duftlein ging ihres Weges.

Allein von Fünfchen sei erzählt, die zu ihrer Mutter zurückkehrte und ihr für Duftleins Güte dankte. Die Mutter sagte: „Dass wir so etwas Kostbares bekommen, hätte ich nie gedacht! Freilich, trinkt man zu viel davon, erzeugt es innere Hitze. Am besten gießen wir etwas davon ab und schenken es jemandem – das wäre ein schöner Freundschaftsbeweis."

„Wem denn?" fragte Fünfchen.

„Deinem Vetter, dem Sohn deines Onkels", antwortete die Mutter. „Er hat seit gestern Fieber und sehnt sich nach so etwas. Ich gieße ihm ein halbes Schälchen ab und bringe es ihm hinüber."

Fünfchen schwieg eine Weile, sah dann zu, wie ihre Mutter ein halbes Schälchen füllte und die Flasche mit dem Rest in den Küchenschrank stellte. Dann sagte sie mit kühlem Lächeln: „Wenn du mich fragst, solltest du ihm lieber nichts davon geben. Wenn jemand anfängt nachzuforschen, gibt das nur neuen Ärger."

Die Mutter erwiderte: „So ängstlich darf man nicht sein! Wir schuften hier drinnen hart genug – wenn dabei ein wenig für uns abfällt, ist das nur recht und billig. Es ist ja nicht gestohlen!" Damit ging sie hinaus und begab sich geradewegs zum Haus ihres älteren Bruders.

Der Neffe lag noch immer zu Bett. Als er und seine Eltern sahen, was Frau Liu brachte, freuten sie sich sehr. Sie schöpften frisches Brunnenwasser, mischten den Nektar hinein, und der Kranke trank eine Schale davon. Sogleich wurde ihm leichter ums Herz, und seine Gedanken und Blicke waren wieder klar. Das Schälchen mit dem übrigen Nektar wurde mit Papier zugedeckt und auf den Tisch gestellt.

Der Zufall wollte es, dass einige Dienstjungen des Hauses, die mit dem Neffen befreundet waren, auf einen Krankenbesuch kamen. Unter ihnen befand sich ein gewisser Qian Huai, ein Neffe mütterlicherseits von Nebenfrau Zhao. Seine Eltern verwalteten die Rechnungsbücher in den Speichern; er selbst war als Begleiter Kaufmann Drittem beim Schulbesuch zugeteilt. Da die Familie über einiges Geld und Ansehen verfügte und er noch nicht verheiratet war, hatte er ein Auge auf die hübsche Fünfchen geworfen und seinen Eltern erklärt, er wolle sie zur Frau nehmen. Mehrfach waren Vermittler deswegen hin und her gelaufen.

Das Ehepaar Liu hätte zwar gern zugestimmt, doch Fünfchen selbst war entschieden dagegen. Sie sagte es zwar nie offen, doch ihr ganzes Verhalten sprach deutlich genug, sodass ihre Eltern keine Zusage zu geben wagten. Seit Fünfchen nun hoffte, in den Garten aufgenommen zu werden, hatten sie den Ehep erst recht fallengelassen und wollten warten, bis Fünfchen in drei bis fünf Jahren freigelassen würde, um ihr dann außerhalb des Anwesens einen Bräutigam zu suchen.

Auch die Qians hatten die Sache ruhen lassen, als sie die Haltung der Lius sahen. Nur Qian Huai konnte es nicht verwinden, dass Fünfchen ihm verweigert wurde, und hatte sich in den Kopf gesetzt, sie um jeden Preis zur Frau zu bekommen. Heute war er mit den anderen gekommen, um Frau Lius Neffen zu besuchen, und hatte nicht erwartet, Frau Liu dort anzutreffen.

Als Frau Liu plötzlich die Gruppe junger Männer kommen sah und Qian Huai darunter erkannte, sagte sie hastig, sie habe keine Zeit, stand auf und wollte gehen.

Bruder und Schwägerin riefen ihr nach: „Du gehst schon, ohne Tee getrunken zu haben? Es war lieb, dass du an uns gedacht hast!"

Frau Liu erwiderte lächelnd: „Ich fürchte, drinnen wird bald aufgetragen. Wenn ich wieder Zeit habe, komme ich noch einmal nach dem Jungen sehen." Da nahm die Schwägerin ein kleines Päckchen aus einer Schublade, begleitete Frau Liu hinaus und steckte es ihr in einer Mauerecke mit den Worten zu:

„Dein Bruder hatte am Tor Dienst, aber diese fünf Tage waren trostlos öde – keine einzige Nebeneinnahme fiel ab. Nur gestern kam ein Beamter aus Guangdong zum Antrittsbesuch und brachte der Herrschaft als Geschenk zwei kleine Körbe voll Porlingsschnee mit [Anm.: 茯苓霜, Fuling-Shuang, ein pulverisiertes Mittel aus dem Porling-Pilz, der auf den Wurzeln alter Kiefern wächst – ein kostbares Stärkungsmittel der traditionellen chinesischen Medizin]. Außerdem gab er den Torwächtern ein Körbchen als Torgeschenk, und davon hat dein Bruder dieses Päckchen bekommen.

In jener Gegend wachsen uralte Kiefern und Lebensbäume ohne Zahl; man gewinnt dort den Extrakt des Porlingpilzes und verarbeitet ihn mit Arzneien zu diesem herrlich weißen Schnee. Am besten mischt man ihn mit Muttermilch und trinkt jeden Morgen nach dem Aufstehen eine Schale – das ist ein wunderbares Stärkungsmittel. Sonst kann man auch Kuhmilch nehmen, und notfalls tut es kochendes Wasser. Wir haben uns gedacht, das müsste gerade das Richtige für Fünfchen sein. Heute Vormittag habe ich schon ein kleines Mädchen zu euch geschickt, aber sie sagte, eure Tür sei verschlossen und Fünfchen mit dir in den Garten gegangen.

Eigentlich wollte ich es ihr persönlich bringen, aber dann dachte ich: Die Herrschaft ist nicht zu Hause, überall wird streng kontrolliert, und ich habe keinen dienstlichen Vorwand. Außerdem hört man seit zwei Tagen, drinnen gehe es drunter und drüber – wenn ich da hineingeraten wäre, hätte es böse Folgen haben können. Darum ist es gut, dass du selbst gekommen bist. Nimm es gleich mit."

Frau Liu bedankte sich herzlich, verabschiedete sich und ging. Gerade als sie das Seitentor erreichte, kam ihr ein kleiner Dienstjunge entgegen und sagte lächelnd: „Da seid Ihr ja endlich! Von drinnen hat man schon zwei-, dreimal nach Euch geschickt; drei oder vier von uns sind noch unterwegs, um Euch zu suchen. Aber wo kommt Ihr denn her? Der Weg hier führt doch gar nicht zu Eurem Zuhause – da kommen mir ja Zweifel!"

Frau Liu schimpfte lachend: „Du kleines Äffchen …"

Wer wissen will, wie es weiterging, muss das nächste Kapitel lesen.

Anmerkungen



Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本).