Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 89"

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(DE4 (Woesler 4. Aufl.): Kapitel 89 mit Navigation und Fussnoten)
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= Kapitel 89 =
+
Neunundachtzigstes Kapitel
== 人亡物在公子填词 / 蛇影杯弓颦卿绝粒 ==
 
  
'''Unser Held sieht das Werk einer vergangenen Liebe und ist so bewegt, daß er eine Ode verfaßtDai-yü<ref>In den Kapitelüberschriften werden die Romanfiguren oft bei ihrem Zi-Namen genannt. Auch hier steht im chinesischen Original 颦卿Pin-tching [Pinqing] statt Dai-yü.</ref> fällt hysterischer Angst zum Opfer und beschließt zu verhungern.'''
+
Die Verstorbene ist fort, doch die Dinge sind noch da – der junge Herr dichtet ein Lied,
 +
Schlangenspiegelung im Becher – Fräulein Pin hört auf zu essen
  
Wir haben im letzten Kapitel gesehen, wie Hsi-fëng sich zwang aufzustehen und brütend in ihren Gemächern saß, als plötzlich ein Mädchen mit Neuigkeiten hereinkam.
+
Wie berichtet, saß Phönixglanz<ref>Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".</ref> [熙凤] gerade grübelnd da, als sie die Nachricht des kleinen Mädchens erschreckte. Hastig fragte sie: „Was für eine Amtssache?" Das Mädchen sagte: „Ich weiß es nicht. Eben kam ein Diener vom zweiten Tor herein und meldete dem gnädigen Herrn etwas Dringendes." Phönixglanz hörte, dass es das Ministerium für Öffentliche Arbeiten betraf, und beruhigte sich ein wenig. Sie sagte: „Geh zurück und bestelle der Gnädigen Frau, dass der Zweite Herr gestern Abend Geschäfte außerhalb der Stadt hatte und nicht zurückgekommen ist. Man möge zunächst den Ersten Herrn Zhen rufen." Das Mädchen ging.
„Um welche Amtssache geht es?“, fragte sie alarmiert.
 
„Ich weiß es nicht, Herrin“, antwortete das Mädchen, „einer der Torwächter vom zweiten, inneren Tor berichtete, daß es für euren Herrn wichtige Angelegenheiten gebe. Die gnädige Frau schickte mich her, um nach dem zweiten Herrn [Liän] zu fragen.“
 
Hsi-fëng wurde langsam ruhiger, als sie erfuhr, daß es nur eine Ministeriumsangelegenheit war.
 
„Sag’ der gnädigen Frau“, antwortete sie, „daß der zweite Herr [Liän] letzte Nacht geschäftlich unterwegs war und noch nicht zurückgekehrt ist. Sie sollte besser nach dem gnädigen Herrn Dschën im anderen Haus schicken.“ –
 
„Ja, Herrin.“ Das Mädchen ging.
 
Nun kam Djia Dschën hinüber zum Jung-guo-Anwesen, um den Boten des Ministeriums zu empfangen. Als er die Fakten herausfand, berichtete er dies der Dame Wang.
 
„Der Bote sagt, das gestern der Minister zum Schutz des Gelben Flusses am südlichen Fluß eine Versammlung abgehalten habe, weil der Deich gebrochen sei. Es gibt Überflutungen mehrerer Provinzen, Präfekturen, Gebiete und Distrikte. Sie sammeln Geld für den Wiederaufbau des Stadtwalls. Das bedeutet, daß alle Beamten des Ministeriums mitarbeiten, deshalb hat das Ministerium mich hergeschickt, um Eurem Herrn Bescheid zu sagen.“
 
Er sagte das und ging. Djia Dschëng wurde sofort bei seiner Rückkehr informiert und war fast den ganzen Winter täglich sehr beschäftigt und verbrachte fast die ganze Zeit im Ministerium. Das Studium für Bau-yü wurde immer entspannter. Er hatte Angst, Djia Dschëng [sein Vater] könnte ihn dabei entdecken. Das bewirkte, daß er stets zur Schule ging und daß er nicht mehr so viel Zeit mit Dai-yü verbrachte.
 
Eines Morgens mitten im zehnten Mondmonat, stand Bau-yü auf und bereitete sich darauf vor, wieder in die Schule zu gehen. Das Wetter wurde plötzlich kälter, und er sah Hsi-jën mit einem Bündel Winterkleidung kommen.
 
„Es ist sehr kalt heute“, sagte sie, „du wirst dich warm anziehen müssen.“
 
Sie wählte ein Gewand für ihn zum Anziehen und wickelte ein weiteres aus, welches sie einem jüngeren Mädchen übergab. Das Mädchen ging hinaus, gab es Bee-ming und sagte: „Es ist so kalt heute, du sollst das hier immer bei dir haben, falls der zweite Herr [Bau-yü] sich umziehen möchte.“
 
Bee-ming führte diese Anordnungen aus und folgte Bau-yü zur Schule mit dem in Fell gewickelten Bündel in seinen Armen.
 
Bei der Ankunft machte Bau-yü seine Schulaufgaben. Er wurde schnell von seinen Büchern vom Geräusch der im Wind raschelnden Papierfenster abgelenkt.
 
„Das Wetter scheint sich zum Schlechten geändert zu haben“, beobachtete der Lehrer und öffnete ein Guckloch in einem der Fenster und sah hinaus. Eine breite Masse dunkler Wolken im Nordwesten brandete unaufhörlich nach Südosten über den Himmel. Bee-ming kam in den Klassenraum.
 
„Es wird kälter, der zweite Herr. Sie ziehen besser etwas Wärmeres an.“
 
Bau-yü nickte und sah, daß Bee-ming eine Jacke in der Hand hielt. Der Anblick des Stoffes hatte einen interessanten Effekt auf Bau-yü, der ihn anstarrte, als wäre er in Trance. Die anderen Junge schauten fasziniert hin. Es war der Goldpfau-Umhang, den Tjing-wën während ihrer letzten Krankheit so tapfer geflickt hatte.
 
„Warum mußtest du das mitbringen?“, fragte Bau-yü. „Wer hat dir das gegeben?“
 
Er hatte es sofort als den Goldpfau-Umhang erkannt, den Umhang, den Tjing-wën während ihrer letzten Krankheit so tapfer geflickt hatte.
 
„Die Mädchen haben ihn zusammengerollt und mir befohlen, ihn mitzunehmen“, antwortete Bee-ming.
 
„Nun, mir ist nicht sehr kalt“, sagte Bau-yü, „ich glaube nicht, daß ich ihn jetzt tragen werde. Du kannst ihn genausogut wieder zusammenrollen.“
 
Der Lehrer sah, daß Bau-yü zögerte, einen solch kostbaren Stoff anzulegen, und nahm freudig diesen Beweis für Sparsamkeit zur Kenntnis.
 
„Bitte legt ihn an, zweiter Herr!“, bat Bee-ming, „um meinetwillen! Sie wissen, daß ich Ärger bekomme, wenn der zweite Herr eine Erkältung bekommt.“
 
Mit großem Unwillen legte Bau-yü den Umhang an, setzte sich wieder und starrte mürrisch auf seine Bücher. Der Lehrer nahm an, daß er sich wieder einmal auf die Studien konzentrierte und beachtete den Vorfall nicht weiter.
 
Als an diesem Nachmittag die Schulstunden für den Tag vorüber waren, sagte Bau-yü, er fühle sich nicht gut, und bat, von der Schule für den nächsten Tag entschuldigt zu sein. Dai-ju war, wenn auch spät, so weit gekommen, seine Schüler nachsichtiger zu sehen, mehr als Kameraden, die ihn sein eigenes Alter vergessen ließen. Seine eigene Gesundheit war schlecht, und er war froh, die Last der Arbeit durch vernünftige Einteilung der Krankentage zu verringern. Außerdem wußte er, daß Djia Dschëng wichtigere Dinge im Kopf hatte und daß die Herzoginmutter immer ihren liebsten Enkel verhätschelte. Mit einem Nicken gab er Bau-yü zu verstehen, daß seine Anfrage bewilligt war.
 
Bau-yü ging sofort nach Hause. Nachdem er kurz nach Dame Wang und der Herzoginmutter geschaut hatte, wobei keine von beiden seine Krankheitsausrede hinterfragte, kehrte er zu seinem Hof zurück und sah Hsi-jën und die anderen. Er lächelte und plauderte nicht wie sonst, sondern legte sich, angezogen wie er war, auf das Ofenbett.
 
„Abendessen ist fertig“, sagte Hsi-jën, „wollen Sie es jetzt, oder wollen Sie bis später warten?“
 
Bau-yü: „Ich werde nichts essen. Ich fühle mich nicht gut. Iß nur dein eigenes.“
 
Hsi-jën: „Nun, Sie könnten wenigstens den schönen Umhang abnehmen. Sie könnten ihn verkrumpeln und ruinieren.“ –
 
„Ich will ihn anbehalten.“ –
 
„Es ist nicht nur der Umhang, über den ich mir Sorgen mache. Sehen Sie, wie vorsichtig er genäht wurde. Sie werden die Stiche ruinieren.“
 
Das rührte Bau-yü an einem wunden Punkt. Er gab einen tiefen Seufzer von sich. „Oh, na gut! Dann räume ihn weg. Wickel ihn vorsichtig ein. Ich werde ihn nie wieder tragen.“
 
Er stand auf, um den Umhang abzulegen. Hsi-jën kam herüber, um ihn ihm abzunehmen, aber er hatte bereits selbst angefangen, ihn zu falten.
 
„Warum ist der zweite Herr heute so arbeitsam?“, fragte sie überrascht.
 
Er gab keine Antwort, sondern faltete weiter.
 
„Wo ist die Hülle?“, fragte er. als er fertig war.
 
Schë-yüä gab sie ihm, und als er vorsichtig den Umhang einwickelte, wendete sie sich an Hsi-jën und zwinkerte ihr zu. Bau-yü aber bemerkte beide nicht und setzte sich, er sah sehr niedergeschlagen aus. Die Uhr auf dem Regal läutete, und er sah hinab auf seine Uhr. Es war bereits halb sechs. Kurz danach kam eines der jungen Dienstmädchen herein und zündete die Lampen an.
 
„Wenn Sie nicht richtig essen, dann nehmen Sie wenigstens einen Schluck Reisbrei“, bat Hsi-jën. „Wenn Sie mit einem leeren Magen zu Bett gehen, können Sie leicht zuviel Yin bekommen und Fieber kriegen. Und bedenken Sie den Ärger, den wir dann haben werden.“
 
Er schüttelte den Kopf.
 
„Ich bin nicht hungrig. Ich würde mich noch schlimmer fühlen, wenn ich etwas herunter würgen müßte.“ –
 
„Nun, in dem Fall“, sagte Hsi-jën, „sollten Sie wenigstens früh schlafen.“
 
Sie und Schë-yüä machten sein Bett, und Bau-yü legte sich hin. Er drehte und wälzte sich im Bett, aber konnte nicht einschlafen. Endlich, bei Tagesanbruch schlief er ein, nur um keine Stunde später vorzeitig wieder aufzuwachen.
 
„Ich hörte, wie Sie sich bis in den frühen Morgen im Bett wälzten“, sagte Hsi-jën. „Ich wollte Sie nicht stören. Dann schlief ich selbst ein. Sind Sie denn am Ende doch noch eingeschlafen?“ –
 
„Ein bißchen. Aber ich bin fast sofort wieder aufgewacht.“ –
 
„Fühlen Sie sich nicht wohl?“ –
 
„Nein. Mein Herz ist nur so unruhig.“ –
 
„Werden Sie heute zur Schule gehen?“ –
 
„Nein. Ich bat gestern darum, den Tag frei zu bekommen. Ich dachte, vielleicht gehe ich im Garten spazieren, und versuche mich ein bißchen zu entspannen. Aber ich fürchte mich vor der Kälte. Kannst du Bescheid sagen, daß man ein Zimmer aufräumt, Räucherstäbchen dort anzündet und Papier, Pinsel und Tusche dort bereitstellen soll? Ich werde euch heute nicht brauchen. Ich möchte nur für mich eine Weile ruhig da sitzen. Sag’ den anderen, daß ich nicht gestört werden will.“ –
 
„Natürlich wird Sie keiner stören, wenn sie ruhig studieren möchten“, sagte Schë-yüä, sobald sie das hörte.
 
„Ich denke, das ist eine wunderbare Idee“, sagte Hsi-jën, „sie werden sich nicht erkälten, lernen einen Tag für sich und Ihr Herz wird stetiger werden.“ Sie fügte hinzu: „Aber bitte, wenn Sie sich nicht danach fühlen, ein vernünftiges Essen zu sich zu nehmen, was hätten Sie dann denn gerne? Sagen Sie es mir jetzt, und ich werde es in der Küche vorbereiten lassen.“ –
 
„Was immer am leichtesten ist“, antwortete Bau-yü. „Macht nicht zuviel Arbeit. Es wäre nett, ein paar Früchte im Zimmer zu haben, wegen des Geruchs.“ –
 
„Welches Zimmer bevorzugen Sie?“, fragte Hsi-jën. „Die sind alle eher nicht sauber, außer Tjing-wëns altes Zimmer, welches schon eine ganze Weile leer steht. Das wäre aber vielleicht etwas kalt und ruhig.“ –
 
„Das macht nichts“, sagte Bau-yü, „tragt den Kohleofen da hinein.“
 
Hsi-jën gab die Anweisungen, dies zu tun. Sie sah ein anderes Dienstmädchen, das mit einem Tablett hereinkam. Darauf stand eine Schüssel und lagen ein Paar Eßstäbchen aus Elfenbein, welche sie Schë-yüä gab und sagte: „Hier ist das, was Fräulein Hua von der Küche bestellt hat.“ Schë-yüä nahm das Tablett und sah, daß die Schüssel eine Vogelnestsuppe enthielt.
 
„Ist das das, was Sie bestellt haben?“, fragte sie Hsi-jën.
 
„Ja“, antwortete Hsi-jën mit einem Lächeln. „Ich dachte, da der zweite Herr letzte Nacht nichts zu essen hatte und da er die meiste Zeit der Nacht damit verbracht hatte, sich im Bett zu wälzen, würde er sich heute Morgen sehr leer fühlen, also schickte ich die jüngeren Mädchen, dies hier speziell aus der Küche zu holen.“
 
Sie befahl dem Mädchen, einen Tisch zu bringen, und Schë-yüä servierte Bau-yü die Suppe. Als er diese getrunken hatte und seinen Mund spülte, kam Tjiu-wën herein:
 
„Das Zimmer ist fertig“, sagte sie. „Wir warten, damit das Feuer richtig brennt und die Luft klar wird, und dann können Sie hineingehen, der zweite Herr.“
 
Er nickte, aber er war zu sehr in Gedanken verloren, um zu antworten. Kurz darauf kam ein Mädchen herein, um zu sagen, daß seine Schreibsachen ausgelegt wurden. Bau-yü sagte: „Ich weiß.“ Er wurde sofort von einem anderen Mädchen abgelöst, das das fertige Frühstück ankündigte und fragte, wo es bereit gestellt werden soll. „Oh, bring es nur her“, sagte Bau-yü. „Es gibt keinen Grund für all die Mühe.“
 
Das Mädchen ging hinaus und kehrte mit dem Frühstück zurück. Bau-yü lächelte, wendete sich an Schë-yüä und Hsi-jën und sagte: „Ich fühle mich so traurig. Ich denke wirklich nicht, daß ich das allein herunterkriege. Warum setzt ihr zwei euch nicht zu mir? Das würde das Essen leckerer machen, und dann würde ich wahrscheinlich mehr zu essen.“
 
Schë-yüä lächelte.
 
„Der zweite Herr wäre zwar froh, aber wie könnten wir es wagen?“
 
„Ich stimme da nicht überein“, sagte Hsi-jën, „wir haben früher oft Wein zusammen getrunken. Ich denke, es könnte als Ausnahme gelten, um ihn aufzuheitern. Doch natürlich käme das als ein reguläres Treffen nicht in Frage.
 
Also setzten sich die drei, Bau-yü am Kopf und die zwei Mädchen an den Seiten des Tisches. Nach dem Frühstück brachte ein junges Dienstmädchen den Tee, um den Mund auszuspülen. Die zweibeaufsichtigten das Abräumen des Tisches. Der Tee wurde serviert, und Bau-yü saß wieder in nachdenklicher Stille dort. „Ist das Zimmer endlich fertig?“, fragte er schließlich.
 
„Gerade kam doch schon jemand, um Ihnen das zu sagen.“, sagte Schë-yüä, „Was fragst du das jetzt schon wieder!“
 
Nachdem sie dort noch eine Weile länger gesessen hatten, machte er sich auf den Weg hinüber zu [Tjing-wëns] Zimmer. Nachdem er ein Räucherstäbchen angezündet und die Früchte auf den Tisch gelegt hatte, entließ er alle Mädchen und schloß die Tür. Hsi-jën und die anderen standen mit angehaltenem Atem draußen.
 
Er wählte ein Stück rosa Papier mit goldenen Spritzern und Blumenmustern in den Ecken aus, betete kurz, hob seinen Pinsel und begann zu schreiben:
 
Vom Herrn der Freude am Roten
 
ist diese Ode – gleich zu verbrennen! –
 
Schwester Tjing
 
gewidmet
 
mit einem
 
Trunk von Tee
 
und
 
dem Duft verbrannter Räucherstäbchen
 
in der Hoffnung
 
daß sie dir gefällt.
 
Oh Gefährtin, oh unzertrennliche Freundin!
 
Daß in einem so schrecklichen Sturm
 
dein Leben enden mußte!
 
Deine Stimme ging fort,
 
ihre sanfte Musik wird niemand mehr vernehmen.
 
Gen Osten strömt der Fluß, für immer,
 
und kehrt niemals zurück.
 
In meinen Träumen wird nie wieder
 
Dein Antlitz aufscheinen:
 
Doch seh' ich deinen Umhang aus Goldpfauenfedern,
 
bringt jeder Herzschlag mir Kummer. 
 
Als er mit dem Schreiben fertig war, nahm Bau-yü ein brennendes Räucherstäbchen, hielt das Papier daran und verbrannte die Ode. Er saß still, bis das Bündel der Räucherstäbchen herabgebrannt war, dann öffnete er die Tür und ging hinaus.
 
„Warum kommen Sie schon wieder so früh heraus?“, fragte Hsi-jën. „Sind sie verrückt vor Kummer?“
 
Er heuchelte ein Lachen und gab vor: „Ich war vorher etwas unruhig. Ich mußte nur ein wenig an einem ruhigen Ort alleine sein. Ich fühle mich jetzt besser. Ich denke, ich werde etwas spazieren gehen.“
 
Er ging sofort aus dem Haus in den Garten. Als er die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß erreichte, rief er vom Hof: „Ist Kusine Lin zu Hause?“
 
„Wer ist das?“, antwortete Dsï-djüan.
 
Sie hob den Türvorhang und sah ihn dort stehen. „Oh, Sie sind es, zweiter Herr Bau“, sagte sie mit einem Lächeln. „Fräulein ist drinnen. Bitte kommen Sie herein und setzen Sie sich.“
 
Als Bau-yü mit ihr hineinging, konnte man Dai-yüs Stimme aus dem inneren Zimmer hören:
 
„Dsï-djüan, bitte sag’ Herrn Bau-yü, er solle hereinkommen und einen Moment warten.“
 
Bau-yü hielt an, um ein paar Papierrollen mit neu geschriebener Kalligraphie zu bewundern, die auf jeder Seite des Flures hingen, als er auf das innere Zimmer zuging. Die Kalligraphien sahen neu aus und waren mit schwarzvioletter Tinte aufgetragen und mit goldenen Spritzern und Wolken und Drachenmustern verziert. Die zwei Zeilen lauteten:
 
Durch den grünen Fensterrahmen scheint der Mond noch immer hell;
 
in Bambuschroniken sind die Ahnen nur leere Worte.
 
Bau-yü las sie mit einem anerkennenden Lächeln und ging rasch durch in das innere Zimmer.
 
„Was machst du, Kusinchen?“, fragte er mit einem Lächeln. Dai-yü stand auf, tat ein paar Schritte auf ihn zu, lächelte und sagte:
 
„Bitte setz’ dich! Ich schreibe gerade dieses Sutra ab. Ich muß nur noch zwei Zeilen machen. Ich mache sie nur noch fertig, und dann können wir hier sitzen und reden.“
 
Sie bat Hsüä-yän, ihm etwas Tee einzuschenken.
 
„Bitte schreib weiter“, sagte Bau-yü, „nimm keine Rücksicht auf mich.“
 
Seine Aufmerksamkeit wurde von einem Bild an der Stirnseite des Zimmers angezogen. Es war eine vertikale Rolle, die Chang E zeigte, die Mondgöttin, mit einem ihrer Helfer und einer anderen Fee, auch mit einem Helfer, der etwas trug, das wie ein langes Gewand aussah. Neben den Wolken, die die Figuren umrandeten, gab es da keine weiteren Hintergrunddetails irgendwelcher Art. Der schlichte, ungezierte Bildstil folgte dem des Meistermalers Li Lung-miän. Es hatte den Titel „Der Wettkampf in der Kälte“, dieser Titel war im bafen-Kalligraphiestil der Tjin-Dynastie geschrieben.
 
„Hast du das Bild von dem ‚Wettkampf in der Kälte‘ vor kurzem aufgehängt, Kusinchen?“, fragte Bau-yü.
 
„Ja. Ich erinnerte mich gestern daran, während sie das Zimmer aufräumten, und daher holte ich es heraus und bat sie, es aufzuhängen.“
 
„Was ist die Andeutung in dem Titel?“
 
Dai-yü lachte. „Sicher weißt du das! Es ist ein so bekanntes Gedicht, da fragst du noch?“ –
 
„Ich kann mich im Moment nicht daran erinnern,“ beichtete Bau-yü, eher schüchtern lächelnd, „bitte sag’ es mir.“
 
„Wie könntest du die Verse [von Li Schang-yin] nicht gehört haben:
 
Die jungen Damen Frost und Mond ertragen gemeinsam die Kälte,
 
wetteifern mit ihrer Anmut und Schönheit...?“
 
„Natürlich!“, rief Bau-yü. „Ausgezeichnet! Und was für ein außergewöhnliches Thema! Das ist auch die perfekte Jahreszeit, es aufzuhängen.“
 
Er fuhr fort durch das Zimmer zu schlendern, inspizierte es auf eine lockere Art, links und rechts schauend, und Hsüä-yän brachte ihm eine Tasse Tee. Er trank diesen Tee, und nach ein paar Minuten war Dai-yü mit dem Abschreiben des Sutra, das sie kopierte, fertig und stand auf.
 
„Vergib mir“, sagte sie.
 
„Das Kusinchen ist immer noch so höflich“, antwortete er mit einem Lächeln.
 
Er beobachtete, daß sie eine kleine blaßblaue bestickte Pelzjacke sowie eine Hermelin-besetzte Stola trug, während ihr Haar in einer Alltagsfrisur hochgesteckt war, in der keine Blumen steckten, sondern eine flache Haarnadel aus purem Gold. Ihr wattierter Rock war rosa und mit Blumen bestickt. Wie anmutig sie wirkte, wie ein Jadebaum, der sich an den Wind lehnt; wie behutsam, wie der Duft einer Lotusblume, deren Blüte noch vom Morgentau feucht ist!
 
„Hast du deine Zither überhaupt die letzten Tage gespielt?“, fragte er.
 
„Nicht mal ein oder zwei Tage. Dieses Sutra-Abschreiben kühlt meine Hände zu sehr. Wie könnte ich dann auch noch Instrumente spielen.“ –
 
„Vielleicht ist es gut so“, sagte Bau-yü. „Ich weiß, daß das Zitherspiel eine feine Sache ist, in seiner Art, aber ich sehe nicht, daß es irgendetwas nützt. Ich habe noch nie gehört, daß es Reichtum oder ein langes Leben beschert; es scheint nur Sorge und Furcht zu bringen. Außerdem, wenn man Instrumente spielt, muß man sich stets damit beschäftigen, das ist doch sehr mühsam. Da die Kusine so eine zierliche Person ist, sollte sie sich gar nicht damit auseinandersetzen.“
 
Dai-yü lächelte etwas verächtlich.
 
„Ist das die Zither, die du spielst?“ fuhr Bau-yü fort und zeigte auf ein an der Wand hängendes Stück. „Ist sie nicht zu kurz?“ –
 
„Nicht wirklich“, erklärte Dai-yü. „Als ich als kleines Mädchen damit anfing, das zu lernen, konnte ich die Griffe einer normalen Zither nicht erreichen, so daß wir diese hier speziell machen ließen. Die Vorfahren sagen, das beste Holz sei das durch Feuer gehärtete Wutong-Holz. Meine Zither ist zwar nicht aus diesem Holz, aber es hat eine Kranichfee und einen Phönixschwanz und das Drachenbecken-Tonloch und den Gänsefuß-Abstimmstöpsel. Alle sind in der richtigen Größe. Und schau’ dir die Risse im Lack an. Sieht das für dich nicht auch wie Kuh-Haarrisse aus, was ja ein Zeichen für eine feine Verarbeitung ist? Das sorgt für einen klaren Ton.“
 
„Hast du in den letzten Tagen irgendwelche Gedichte geschrieben, Kusinchen?“, fragte Bau-yü weiter.
 
„Nicht viele, seit unserem letzten Clubtreffen.“
 
Er lachte. „Du kannst mich nicht für dumm verkaufen. Ich hörte dich singen: Wie könnte mein bescheidenes Herz in den Himmel aufsteigen, um dem Mond zu begegnen? Als du dein Zither-Spiel mit diesen Versen untermaltest, klang es besonders hell. Hast du das gesungen?“
 
Dai-yü: „Wie kommt es, daß du es gehört hast?“
 
Bau-yü: „Ich hörte dich spielen, als ich vor ein paar Tagen von der Laube des Knöterichwindes zurückkehrte. Die Musik war so schön, und ich wollte dich nicht unterbrechen, also saß ich einfach da und habe dir zugehört und ging dann weiter. Da ist eine Sache, die ich dich fragen wollte. Mir ist aufgefallen, daß du im ersten Teil einen Regeltonreim benutzt, aber plötzlich zu einem abgestuften Ton am Ende wechselst. Warum tust du das?“
 
Dai-yü: „Das ist eben freie Komposition. Man muß nicht irgendwelche Regeln aufrechterhalten. Man geht eben dahin, wohin einen die Eingebung trägt.“
 
Bau-yü: „Ich verstehe! Schade, daß ich keine Musik verstehe. Dann habe ich eine Weile als Banause zugehört.“
 
Dai-yü: „Wahre Musikliebhaber waren immer selten.“
 
Bau-yü merkte, daß er, ohne es zu wollen, das Falsche gesagt hatte, und hatte Angst, daß es Dai-yü verletzt hatte. Er saß eine Weile einfach da. Es gab so viel, was er sagen wollte, aber nun war er viel zu nervös, um seinen Mund wieder zu öffnen. Dai-yü hatte auch gesprochen, ohne vorher nachzudenken und beim Nachdenken wünschte sie, daß sie nicht so beißend gewesen wäre und zog sich still in ihre Schale zurück. Ihre Stille nährte Bau-yüs eigene Zweifel, und schließlich stand er etwas verlegen auf und sagte:
 
„Ich muß mich auf den Weg machen und die dritte jüngere Schwester Tan-tschun besuchen. - Bitte steh nicht auf.“ –
 
„Grüße sie von mir, wenn du sie siehst, ja?“, sagte Dai-yü.
 
„Ja“, antwortete er und ging. Dai-yü führte ihn zur Tür, kehrte dann zurück und blieb vor sich hinbrütend alleine dort sitzen. ,Bau-yü war so merkwürdig in letzter Zeit. Er scheint nicht zu sagen, was er denkt. Er ist mal kalt, mal warm. Ich wundere mich, was das wohl bedeuten mag?‘
 
Dsï-djüan kam herein. „Sie sind schon fertig, Herrin? Soll ich Ihre Schreibsachen jetzt wegräumen?“ –
 
„Ich werde wohl nicht mehr weitermachen“, antwortete Dai-yü, „du kannst sie wegräumen.“
 
Dai-yü ging in das innere Zimmer und legte sich auf ihr Bett, langsam zergliederte sie alles in ihren Gedanken. Dsï-djüan kam herein, um zu fragen, ob sie etwas Tee mochte.
 
„Nein, danke. Ich möchte nur alleine sein und mich für eine Weile hinlegen. Geh ruhig.“
 
Dsï-djüan ging hinaus, um Hsüä-yän zu finden, die in der Tür stand und merkwürdig vor sich hin starrte. Sie ging auf sie zu und sagte: „Was ist los mit dir?“
 
Hsüä-yän war in Gedanken verloren, und die Frage brachte sie auf.
 
„Schrei’ nicht so! Ich habe etwas sehr Komisches gehört. Wenn ich dir das sage, musst du versprechen, keinem Menschen auch nur ein Wort zu sagen.“
 
Als sie das sagte, deutete Hsüä-yän mit den Lippen zu Dai-yüs Schlafzimmer hinüber, dann ging sie los und bedeutete Dsï-djüan nickend, ihr zu folgen. Sie erreichten den Fuß der Terrasse, und sie fuhr im Flüsterton fort: „Liebe Schwester, hast du gehört, daß Bau-yü verlobt ist und heiraten wird?“
 
Dsï-djüan starrte sie an. „Das glaube ich dir nicht! Das kann nicht wahr sein!“ –
 
„Doch ist es! Fast jeder weiß es, außer uns.“
 
„Wer hat dir das erzählt?“
 
„Schï-schu hat es mir erzählt. Dieses Mädchen ist die Tochter eines Präfekten. Sie ist sehr hübsch und kommt aus einer wohlhabenden Familie.“ –
 
Als Hsüä-yän sprach, hörte Dsï-djüan Dai-yü husten und dachte, sie könnte sie wieder aufstehen hören. Aus Angst, sie könnte herauskommen und ihnen zuhören, nahm sie Hsüä-yän an der Hand und gab ihr zu verstehen, leise zu sein. Sie sah hinein, aber alles schien ruhig zu sein. Sie fragte Hsüä-yän ganz leise: „Was genau hat Schï-schu gesagt?“
 
„Erinnerst du dich“, antwortete Hsüä-yän, „vor ein oder zwei Tagen hast du mich zur dritten Herrin geschickt, um ihr für irgendetwas zu danken. Nun, sie war nicht zu Hause, aber Schï-schu war da. Wir fingen an zu reden; und eine von uns erwähnte zufällig den zweiten Herrn Bau und seine freche Art. Sie sagte: „Wann wird der zweite Herr Bau endlich erwachsen? Er nimmt nichts ernst. Wenn man bedenkt, daß er verlobt ist und bald heiraten wird – und immer noch so dumm, wie eh und jeh!“ Ich fragte sie, ob die Verlobung sicher sei, und sie sagte, daß es so sei und daß der Vermittler ein Herr Wang sei, der eine enge Beziehung zur Ning-guo-Seite<ref>An einigen Stellen steht hier im chinesischen Original die Bezeichnung 东府 (Östliches Anwesen). Zur besseren Orientierung des Lesers wurde hier (wie bei Schwester Feng, die immer als Hsi-feng übersetzt wird) die einheitliche Übersetzung Ning-guo beibehalten (Ausnahme: wenn die Himmelsrichtung eine Bedeutung hat).</ref> habe, deshalb muß man auch nicht noch einmal überprüfen, ob die Familie so reich ist; wenn die darüber sprechen, wird es wohl so sein.“
 
Dsï-djüan drehte ihren Kopf nachdenklich zur Seite. ‚Wie merkwür-dig!‘, dachte sie bei sich.
 
„Warum hat das niemand in der Familie erwähnt?“, fragte sie Hsüä-yän.
 
„Das ist die Idee der gnädigen Frau“,  so sagte Schï-schu. „Damit Bau-yü nicht von seinen Studien abgelenkt wird. Ich mußte ihr versprechen, keiner Menschenseele etwas davon zu sagen, und sagte, sie würde mich verantwortlich machen, wenn auch nur ein Wort herauskommen sollte.“
 
Hsüä-yän zeigte zum Haus.
 
„Deswegen habe ich es nicht vor ihr erwähnt. Aber als du heute fragtest, dachte ich, ich könnte dir die Wahrheit erzählen.“
 
Während sie sprach, ahmte plötzlich der Papagei laut eine menschliche Stimme nach: „Das Fräulein ist zurück! Serviert Tee!“
 
Dsï-djüan und Hsüä-yän erschraken sich, drehten sich herum und erwarteten, Dai-yü zu sehen. Aber sie sahen niemanden, und als sie ihren Fehler erkannten, beschimpften sie den Vogel und gingen hinein. Sie fanden Dai-yü auf ihrem Stuhl. Sie war außer Atem und hatte sich offensichtlich gerade erst hingesetzt. Dsï-djüan fragte eher linkisch, ob sie etwas Tee oder Wasser möchte.
 
„Wo warst du all die Zeit?“, fragte Dai-yü, „niemand kam, als ich rief.“
 
Sie ging zurück zum Ofenbett und legte sich noch einmal hin, mit dem Gesicht zu Wand, und bat sie, die Bettvorhänge herunterzulassen. Das taten sie und verließen das Zimmer, wobei jede heimlich bei sich dachte, daß sie sie gehört hatte, aber keine hatte den Mut, es auszusprechen.
 
Dai-yü brütete in ihrem Bett, sie hatte sie draußen flüstern gehört und war in Hörweite zur Tür gekrochen. Sie konnte keine Details des Gesprächs verstehen, aber der Hauptteil war deutlich. Sie fühlte sich, als wäre sie in einen großen Ozean gefallen. Die Prophezeiung aus ihren Albtraum wurde also doch erfüllt. Bitterkeit und Trauer überkamen sie. Da war nur ein Ausweg übrig. Sie mußte sterben. Sie wollte nicht leben, um mitansehen zu müssen, wie dieses ungeplante Ereignis stattfand. Sie fühlte sich bedeutungslos. Sie hatte keine eigenen Eltern, wo sie hätte hingehen können. Sicher, wenn sie sich von nun an täglich mehr vernachlässigen würde, würde sie nach einem halben oder einem Jahr ihre Gesundheit ausreichend untergraben haben, um sorglos im Himmel zu sein?
 
Als sie diesen Beschluß gefaßt hatte, ohne sich damit zu bemühen, die Decke überzuziehen oder Extrakleidung für die Nacht anzuziehen, schloß sie ihre Augen und tat, als würde sie schlafen. Dsï-djüan und Hsüä-yän kamen mehrere Male herein, um ihr aufzuwarten, aber sie sahen kein Zeichen der Bewegung und trauten sich nicht, sie zu stören, selbst nicht zum Abendessen. Als die Lampen später angezündet wurden, lugte Dsï-djüan durch den Vorhang und sah, daß sie eingeschlafen war, ihre Decke in einen Haufen an ihren Füßen zusammengeschoben. Beängstigt, sie könne eine Erkältung bekommen, deckte Dsï-djüan sie sanft zu. Dai-yü lag still, bis sie gegangen war, warf die Decke dann wieder von sich.
 
Währenddessen fragte Dsï-djüan Hsüä-yän wieder: „Bist du sicher, daß du das nicht alles erfunden hast?“ –
 
„Natürlich habe ich das nicht!“, antwortete Hsüä-yän etwas entrüstet.
 
Dsï-djüan: „Aber wie hat Schï-schu das herausgefunden?“ Hsüä-yän: „Es war Hsiau-hung, die es gehört hatte.“
 
Dsï-djüan: „Ich denke, das Fräulein muß uns gehört haben. Ich weiß, daß sie irgendetwas sehr aufgeregt hat. Wir müssen vorsichtig sein und es nie wieder erwähnen.“
 
Die beiden Dienstmädchen räumten auf und machten sich für das Bett fertig. Dsï-djüan ging hinaus, um zu sehen, wie es Dai-yü ging, und fand die Decke in demselben zusammengeschoben Haufen wie zuvor wieder. Sie deckte sie wieder leicht zu. Die Nacht verging ohne weitere Ereignisse.
 
Früh am nächsten Morgen stand Dai-yü auf, ohne jemanden zu wecken, und saß gedankenverloren alleine da. Dsï-djüan erwachte und sah, daß sie bereits auf war und sagte überrascht: „Sie sind diesen Morgen sehr früh auf, Herrin!“ –
 
„Natürlich“, antwortete Dai-yü sehr kurz, „früh eingeschlafen, früh aufgewacht.“
 
Dsï-djüan zog sich schnell an und weckte Hsüä-yän, und die zwei warteten auf Dai-yü an ihrem Bad. Sie saß da und starrte sich im Spiegel an. Tränen begannen ihr Gesicht hinunterzufließen und ihr Seidenschal war schnell durchnäßt. Mit den Worten des Dichters:
 
Ein Schatten, schwankend-zierlich,
 
sich spiegelnd im Frühlingswasser:
 
So: Mitleid fließt
 
von Schatten zum Spiegelbild
 
und wieder zurück
 
Dsï-djüan stand daneben und traute sich nicht, sie zu beruhigen, aus Angst, sie könnte das Falsche sagen und die alte Verletzung wieder aufreißen. Dai-yü saß eine erhebliche Weile bewegungslos da, dann machte sie sich einfach zurecht, nur die Tränen in ihren Augen versiegten nicht. Als sie fertig war, blieb sie für einige Zeit sitzen, wo sie saß und bat dann Dsï-djüan, die tibetischen Räucherstäbchen zu entzünden.
 
„Aber Fräulein“, protestierte Dsï-djüan, „Sie haben kaum geschlafen. Warum wollen sie denn die Räucherstäbchen angezündet haben? Sie werden doch sicherlich nicht wieder anfangen, die Sutren abzuschreiben, oder doch?“
 
Dai-yü nickte.
 
„Aber Sie sind so früh aufgewacht, Fräulein. Wenn Sie nun anfangen zu schreiben, werden Sie sich verausgaben.“ –
 
„Was macht das aus? Je eher ich das fertig mache, desto besser. Ich will das nur machen, um mich selbst abzulenken. Wenn Ihr später meine Abschriften lest, werdet Ihr Euch an mich erinnern.“
 
Als sie das sagte, begannen Tränen an ihren Wangen herunterzufließen, und Dsï-djüan war nicht länger fähig´, sie zu trösten, sondern brach selbst in Tränen aus.
 
Dai-yü hatte entschieden, daß sie von diesem Tag an freiwillig ihre Gesundheit zerstören würde. Sie verlor bald ihren Appetit und fing langsam an dahinzusiechen. Bau-yü besuchte sie, wann immer er dies nach der Schule konnte, aber obwohl da eine Million Dinge waren, die sie ihm sagen wollte, war ihr bewußt, daß sie nicht länger Kinder waren. Dies verbot ihr, ihre Gefühle für ihn zu zeigen und ihn in ihrer üblichen Art zu necken. In ihrem Inneren hatten sich soviele Sorgen angestaut, daß sie kein Wort mehr aussprechen konnte. Bau-yü für seinen Teil hätte gerne ernsthaft mit ihr gesprochen  und  spendete  ihr  aufrichtigen  Trost;  aber  er  hatte Angst,  ihre
 
Krankheit zu verschlimmern, indem er sie auf irgendeine Weise beleidigte.  Deshalb trösteten sie sich immer, wenn sie sich trafen, gegenseitig mit oberflächlichen Worten. Ihr Fall war ein echter Fall, in dem Liebe im Extrem zur Entfremdung führte.
 
Die Herzoginmutter und die Dame Wang zeigten mütterliches Mitleid für Dai-yü, was jedoch nicht weiter ging, als den Arzt zu rufen. Es hieß nur, es sei eine chronische Krankheit, woher hätte man von ihrem Herzschmerz wissen sollen? Dsï-djüan und Hsüä-yän waren viel zu verängstigt, um ihnen ihnen die Wahrheit zu sagen. Dai-yü wurde von Tag zu Tag schwächer. Nach zwei Wochen war ihr Magen so weit zusammengeschrumpft, daß sie nicht einmal mehr einfache Reissuppe zu sich zu nehmen konnte. Jede Unterhaltung, die sie während des Tages hörte, schien für sie irgendwie mit Bau-yüs Verlobung zusammenzuhängen. Jeder Diener, den sie vor der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß sah, schien in die Vorbereitungen einbezogen zu sein. Als Frau Hsüä sie besuchen kam, bestätigte die Abwesenheit Bau-tschais ihre Vermutung. Sie begann zu hoffen, daß niemand sie besuchen würde. Sie weigerte sich, die Medizin zu nehmen. Ihr einziger, übriggebliebener Wunsch war, allein gelassen zu werden und so schnell wie möglich zu sterben. In ihren Träumen hörte sie ständig, wie Menschen eine neue „zweite Frau Bau“ ansprachen. Ihre Gedanken waren ganz besessen von der Idee, wie der sprichwörtliche Trinker, der, wenn er einen gewölbten Bogen in seiner Tasse sieht, davon überzeugt ist, eine Schlange getrunken zu haben.
 
Eines Tages hörte sie sogar auf zu essen. Nach ein paar Wochen dieses selbstauferlegten Hungerns sah es aus, als würde sie bald sterben. Sogar einfache Reissuppe war nun eine Unmöglichkeit. Ihre Atmung war nur schwer wahrnehmbar. Sie hing nun am seidenen Faden.
 
Um zu erfahren, ob sie diese Krise überleben wird oder nicht, lese man bitte das nächste Kapitel.
 
  
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Kaufmann Schein-Echt kam, sprach mit dem Ministerialbeamten und berichtete dann Wang Furen: „Das Ministerium meldet: Gestern ging eine Eingabe des Oberflussinspektors ein – in Henan ist der Fluss an mehreren Stellen durchgebrochen und hat einige Präfekturen und Kreise überschwemmt. Es werden Staatsgelder benötigt, um Deiche und Stadtmauern zu reparieren. Die Beamten des Ministeriums müssen nun alles überwachen und schickten deshalb einen Boten zum gnädigen Herrn." Damit zog er sich zurück. Als Kaufmann Aufrecht<ref>Kaufmann Aufrecht: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng. 政 zhèng bedeutet „aufrecht/Regierung".</ref> [贾政] nach Hause kam, wurde ihm alles berichtet. Von da an bis in den Winter hatte Kaufmann Aufrecht täglich zu tun und war oft im Ministerium. Schatzjade<ref>Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.</ref> [宝玉]s Studien wurden allmählich nachlässiger, doch aus Furcht, Kaufmann Aufrecht könnte es bemerken, wagte er nicht, der Schule fernzubleiben, und ging auch zu Kajaljade<ref>Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".</ref> [黛玉] seltener.
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Es war Mitte des zehnten Monats. Schatzjade stand auf und wollte zur Schule. Das Wetter war plötzlich kalt geworden. Dufthauch<ref>Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „die einen überfällt/umweht". Schatzjades erste Kammerzofe.</ref> [袭人] hatte bereits ein Bündel Kleidung bereitgelegt und sagte: „Es ist heute sehr kalt – nimm morgens und abends lieber etwas Wärmeres." Sie holte ein Stück heraus und half Schatzjade hinein. Ein weiteres wickelte sie ein und gab es einem kleinen Mädchen, die es Beiming übergab: „Wenn der Zweite Herr sich umziehen will, halte alles bereit." Beiming sagte zu und folgte Schatzjade mit dem Filzbündel.
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In der Schule erledigte Schatzjade seine Aufgaben, als plötzlich ein Windstoß gegen die Papierfenster klatschte. Dairu sagte: „Das Wetter schlägt schon wieder um." Er öffnete die Winddtür – im Nordwesten türmten sich Wolkenberge und wälzten sich nach Südosten. Beiming kam herein: „Zweiter Herr, es wird kalt – zieht Euch etwas über." Schatzjade nickte. Beiming brachte ein Kleidungsstück herein. Schatzjade schaute hin – und erstarrte. Auch die kleinen Schüler rissen die Augen auf. Es war der Goldbrokat-Fasanenpelz, den Heitermuster<ref>Heitermuster: Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Muster/Klares Gewölk". Schatzjades zweite Kammerzofe.</ref> [晴雯] einst geflickt hatte. Schatzjade fragte: „Warum hast du ausgerechnet den mitgebracht? Wer hat ihn dir gegeben?" Beiming: „Die Mädchen drinnen haben ihn eingepackt." Schatzjade sagte: „Mir ist nicht so kalt – ich ziehe ihn lieber nicht an. Pack ihn wieder ein." Dairu dachte, Schatzjade wolle das Kleidungsstück schonen, und freute sich über seine Sparsamkeit. Beiming bat: „Zieht ihn doch an, Zweiter Herr. Wenn Ihr Euch erkältet, bin ich schuld. Tut es mir zuliebe." Schatzjade musste ihn widerwillig anziehen und saß dann reglos und geistesabwesend vor seinen Büchern. Dairu dachte, er lese, und ließ ihn in Ruhe.
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Am Abend bat Schatzjade Dairu um einen Tag Urlaub wegen Unwohlsein. Dairu, selbst ein alter Mann, der nur der Gesellschaft einiger Kinder wegen Schule hielt und selbst oft kränkelte, ließ sich gern einen Schüler weniger sorgen; zumal er wusste, dass Kaufmann Aufrecht beschäftigt und die Herzoginmutter [贾母] nachsichtig war – so nickte er.
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Schatzjade kehrte direkt nach Hause zurück, begrüßte die Herzoginmutter und Wang Furen mit der gleichen Erklärung – natürlich glaubte man ihm. Er saß kurz und ging dann in den Garten. Im Yihong-Hof war er nicht so heiter und gesprächig wie sonst, sondern legte sich angezogen auf den Kang. Dufthauch fragte: „Das Abendessen ist fertig – willst du jetzt essen oder später?" Schatzjade sagte: „Ich esse nichts, mir ist unwohl. Esst ihr."
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Dufthauch sagte: „Dann solltest du wenigstens das Kleid ausziehen. Das Stück verträgt keine grobe Behandlung." Schatzjade: „Muss nicht sein." Dufthauch: „Es geht nicht nur um den feinen Stoff – sieh dir die Näharbeit an! Die sollte man nicht ruinieren!" Diese Worte trafen Schatzjades wunden Punkt. Er seufzte: „Dann nimm es und verwahre es gut. Ich werde es nie wieder tragen." Er stand auf und zog es aus. Als Dufthauch es nehmen wollte, hatte er es bereits selbst zusammengelegt. Dufthauch fragte verwundert: „Seit wann ist der Zweite Herr so sorgfältig?" Schatzjade antwortete nicht. Als er fertig war, fragte er: „Wo ist das Tuch, in das es eingewickelt war?" Moschusmond [麝月] reichte es eilig herüber und ließ ihn selbst einpacken, wobei sie Dufthauch hinter seinem Rücken zuzwinkerte und kicherte.
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Schatzjade beachtete es nicht und saß niedergeschlagen da. Die Uhr auf dem Regal schlug; er sah auf seine Taschenuhr – schon Viertel nach fünf. Bald brachte ein Mädchen Licht. Dufthauch sagte: „Wenn du nicht essen willst, trink wenigstens eine halbe Schale heiße Reissuppe. Hungern ist nicht gut – wenn sich Leerlaufhitze einstellt, müssen wir es ausbaden." Schatzjade schüttelte den Kopf: „Ich habe noch keinen richtigen Hunger – wenn ich mich zwinge, wird mir nur schlecht." Dufthauch: „Dann geh lieber gleich schlafen." Dufthauch und Moschusmond richteten das Bett, und Schatzjade legte sich hin. Er wälzte sich hin und her und konnte nicht einschlafen. Erst gegen Morgen döste er kurz ein, doch nach nicht mehr als der Dauer einer Mahlzeit war er schon wieder wach.
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Dufthauch und Moschusmond waren ebenfalls aufgestanden. Dufthauch sagte: „Ich habe gehört, wie du dich bis zum fünften Nachtwächtersignal gewälzt hast. Ich wagte nicht zu fragen. Dann bin ich selbst eingeschlafen – hast du schließlich doch geschlafen?" Schatzjade: „Kurz. Ich weiß nicht, warum ich so früh aufgewacht bin." Dufthauch: „Fehlt dir etwas?" Schatzjade: „Nein, ich bin nur unruhig im Herzen."
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Dufthauch fragte: „Gehst du heute in die Schule?" Schatzjade: „Ich habe gestern schon einen Tag Urlaub genommen. Heute möchte ich im Garten spazieren und mich ein wenig zerstreuen, aber es ist so kalt. Richtet mir ein Zimmer her, mit einem Räuchergefäß, Papier, Tusche, Pinsel und Tuschstein. Ihr könnt eure Sachen machen – ich möchte einen halben Tag still für mich sitzen. Schickt mir niemanden herein." Moschusmond sagte: „Wenn der Zweite Herr in Ruhe arbeiten will, wer würde ihn stören?" Dufthauch meinte: „Das ist sehr gut – so erkältest du dich auch nicht, und ein wenig Stille sammelt den Geist." Dann fragte sie: „Wenn du keine Lust auf Essen hast – was soll die Küche machen? Sag es früh." Schatzjade: „Etwas Einfaches, kein großes Aufheben. Legt nur ein paar Früchte in das Zimmer – ihres Duftes wegen." Dufthauch: „Welches Zimmer soll es sein? Die meisten sind nicht sauber genug. Nur das, wo Heitermuster früher wohnte – da kommt niemand hin, es ist noch sauber, nur etwas kalt." Schatzjade: „Macht nichts – stellt den Kohleofen hinüber." Dufthauch sagte zu.
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Während sie sprachen, brachte ein kleines Mädchen eine Schale auf einem Tablett und reichte sie Moschusmond: „Die Blumen-Schwester hat das eben bestellt – die Köchin hat es geschickt." Moschusmond nahm es entgegen – eine Schale Schwalbennestersuppe. Sie fragte Dufthauch: „Hast du das bestellt?" Dufthauch lachte: „Gestern Abend hat der Zweite Herr nichts gegessen und sich die ganze Nacht gewälzt – heute Morgen muss er sich doch leer fühlen. Deshalb habe ich die Mädchen in die Küche geschickt." Dufthauch ließ ein Tischchen aufstellen; Moschusmond half Schatzjade beim Trinken und Mundspülen. Da kam Qiuwen: „Das Zimmer ist fertig – wartet aber, bis die erste Kohlehitze verflogen ist, ehe der Zweite Herr hineingeht." Schatzjade nickte; sein Herz war voll, doch er mochte nicht reden.
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Nach einer Weile kam ein kleines Mädchen und meldete: „Pinsel und Tusche sind aufgestellt." Schatzjade: „Gut." Ein anderes Mädchen: „Das Frühstück ist fertig – wo soll es serviert werden?" Schatzjade: „Bringt es einfach her, ohne Umstände." Das Mädchen ging, und bald wurde aufgetragen. Schatzjade lächelte Moschusmond und Dufthauch an: „Mir ist so schwer ums Herz – allein essen, fürchte ich, bringe ich nichts hinunter. Esst ihr beide mit mir, vielleicht bekomme ich dann auch mehr Appetit." Moschusmond lachte: „Das ist der Wunsch des Zweiten Herrn – wir wagen es nicht." Dufthauch sagte: „Eigentlich geht das schon – wir haben ja auch zusammen Wein getrunken. Nur wenn du dich einmal aufheitern willst, ist es vertretbar; aber aus Gewohnheit wäre es gegen alle Ordnung." Die drei setzten sich: Schatzjade oben, Dufthauch und Moschusmond an den Seiten.
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Nach dem Essen brachte ein Mädchen Spültee; die beiden räumten ab. Schatzjade hielt seine Teetasse und versank in Gedanken. Nach einer Weile fragte er: „Ist das Zimmer fertig?" Moschusmond: „Das habe ich doch vorhin schon gemeldet – und du fragst noch einmal."
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Schatzjade saß noch einen Moment, dann ging er in das Zimmer hinüber. Er zündete persönlich eine Räucherstange an, stellte Obst auf und schickte alle hinaus. Er schloss die Tür. Draußen verhielten sich Dufthauch und die anderen mucksmäuschenstill. Schatzjade nahm einen Bogen rosa Briefpapier mit goldenen Eckverzierungen hervor, murmelte einige Worte des Gebets, dann schrieb er:
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Der Herr des Yihong-Hofes verbrennt dies zur Kenntnis der Schwester Heitermuster: Tee und Duft seien dir dargebracht, auf dass du kommst und dich daran erfreust.
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Sein Gedicht lautete:
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Treue Gefährtin – einsam sinne ich dir nach.
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Wer hätte gedacht, ein Sturm bricht über ebener Erde los,
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Und jählings wird dein Lebenslicht gelöscht!
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Wer flüstert nun zarte Worte?
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Nach Osten fließt das Wasser – nie kehrt es gen Westen.
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Selbst im Traum kann ich dein Bild nicht mehr schaffen;
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Doch beim Aufhängen des Pelzes seh ich das Brokat der Regenwolken.
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Stille Sehnsucht – sie macht mich traurig.
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Als er fertig geschrieben hatte, hielt er das Papier an den Weihrauch und verbrannte es. Still wartend, bis die Räucherstange herabgebrannt war, öffnete er die Tür und trat hinaus. Dufthauch fragte: „Schon fertig? War dir wohl wieder langweilig?" Schatzjade lächelte und log: „Ich hatte es nur im Herzen, und wollte ein stilles Plätzchen. Jetzt ist mir besser. Ich möchte noch ein wenig draußen spazieren."
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Er ging geradewegs zum Xiaoxiang-Pavillon und rief im Hof: „Ist Schwester Lin zu Hause?" Purpurkuckuck<ref>Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurner Kuckuck". Kajaljades treue Kammerzofe.</ref> [紫鹃] antwortete: „Wer ist da?" Sie hob den Vorhang und lachte: „Der Zweite Herr Bao! Das Fräulein ist drinnen – bitte herein." Schatzjade ging mit Purpurkuckuck hinein. Kajaljade war im Hinterzimmer und rief: „Purpurkuckuck, lass den Zweiten Herrn hereinkommen." Schatzjade sah an der Tür zum Hinterzimmer ein neues Paar Spruchbänder aus purpurschwarzer Goldwolken-Drachenseide hängen:
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Grünes Fenster, heller Mond – sie sind noch da;
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Die alten Weisen in den Annalen – sie sind nur noch Leere.
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Schatzjade lächelte, trat ein und fragte: „Was macht die Schwester?" Kajaljade stand auf, kam ihm zwei Schritte entgegen und bot ihm lächelnd einen Platz an: „Ich bin beim Sutra-Abschreiben – nur noch zwei Zeilen. Wenn ich fertig bin, plaudern wir." Sie rief Xueyan, Tee zu bringen. Schatzjade sagte: „Beweg dich nicht, schreib nur weiter."
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Er sah ein Rollbild an der Wand hängen: darauf eine Chang'e mit einer Dienerin und eine weitere Göttin mit einer Dienerin, die einen langen Kleiderbeutel trug. Um beide Gestalten zog sich leichte Wolkenwatte, sonst war kein Schmuck zu sehen – ganz im Stil der weißen Tuschezeichnungen des Li Longmian. Darüber stand in eleganter Kanzleischrift: „Bild des Frostgefechts". Schatzjade fragte: „Schwester, dieses ‚Bild des Frostgefechts' – hast du es erst kürzlich aufgehängt?" Kajaljade: „Ja. Gestern beim Aufräumen fiel es mir ein, und ich ließ es aufhängen." Schatzjade: „Was ist die Vorlage?" Kajaljade lachte: „Das kennst du doch bestens – und fragst noch!" Schatzjade lachte: „Mir fällt es gerade nicht ein – sag es mir." Kajaljade: „Kennst du nicht den Vers: ‚Reiffee und Mondgöttin trotzen beide der Kälte, im Mond und im Frost wetteifern sie an Schönheit'?" Schatzjade rief: „Ja, richtig! Das ist wirklich originell und geschmackvoll – und genau zur rechten Jahreszeit aufgehängt."
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Er schaute sich noch ein wenig um. Xueyan brachte Tee. Schatzjade trank und wartete, bis Kajaljade fertig geschrieben hatte. Sie stand auf: „Verzeiht die Unhöflichkeit." Schatzjade lachte: „Immer noch so förmlich, Schwester." Er betrachtete Kajaljade: Sie trug ein weißes, mit Blumen besticktes Pelzjäckchen und darüber eine Weste aus Silberfuchsfell; das Haar war in einem einfachen Wolkenknoten hochgesteckt, mit nur einer schlichten Goldnadel und keinem Blumenschmuck; um die Hüften einen rosafarbenen bestickten Wattrock. Wahrlich:
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Wie ein Jadebaum, schlank im Winde stehend,
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Wie eine duftende Lotosblüte, sanft im Tau sich öffnend.
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Schatzjade fragte: „Hast du in den letzten Tagen Zither gespielt?" Kajaljade: „Seit zwei Tagen nicht. Vom Schreiben allein werden die Hände schon kalt – wo soll da noch Zither gespielt werden?" Schatzjade: „Vielleicht ist es auch besser so. Die Zither mag ein erhabenes Instrument sein, aber kein gutes: Noch nie hat jemand sich Reichtum, Rang und langes Leben erspielt – nur Kummer, Sehnsucht und Leid. Außerdem muss man sich die Noten merken, was anstrengend ist. Du bist ohnehin zart – erspare dir die Mühe." Kajaljade lächelte.
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Schatzjade deutete auf die Wand: „Ist das deine Zither? Warum ist sie so kurz?" Kajaljade lachte: „Sie ist nicht kurz. Als ich klein war und spielen lernte, reichten meine Arme für gewöhnliche Zithern nicht aus, deshalb ließ man diese anfertigen. Zwar ist es kein verkohltes Paulownia-Holz, aber der Kranichberg und der Phönixschwanz sind gut proportioniert, und der Drachenteich und die Gänsefüße passen in der Höhe zusammen. Sieh dir die Risse an – sehen sie nicht aus wie Yakhaare? Deshalb ist auch der Klang klar und rein."
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Schatzjade fragte: „Hast du in letzter Zeit Gedichte geschrieben?" Kajaljade: „Seit der Dichtergesellschaft kaum." Schatzjade lachte: „Täusch mich nicht. Ich habe gehört, wie du etwas sangst von ‚nicht zu erschrecken, das reine Herz – wie der Mond am Himmel'. Du hast es in die Zithermelodie eingebettet, und der Klang war besonders durchdringend. Stimmt das?" Kajaljade fragte: „Wie hast du das gehört?" Schatzjade: „Neulich kam ich von der Liaofeng-Veranda und hörte es. Ich wollte deine klare Melodie nicht stören und lauschte still eine Weile, dann ging ich. Nur eines wollte ich fragen: Die ersten Strophen standen im ebenen Ton, und am Ende wechseltest du plötzlich in den schrägen – was bedeutet das?" Kajaljade: „Das ist der natürliche Klang des Herzens. Man dichtet, wohin der Geist einen führt – eine feste Regel gibt es nicht." Schatzjade: „Ach so. Schade, dass ich kein musikalisches Ohr habe – da habe ich umsonst zugehört." Kajaljade sagte: „Seit alten Zeiten – wie viele wahre Kenner hat es je gegeben?"
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Schatzjade merkte, dass seine Worte wieder unbedacht waren, und fürchtete, Kajaljades Herz zu verletzen. Er saß eine Weile; tausend Worte lagen ihm auf der Zunge, doch er fand nichts mehr zu sagen. Auch Kajaljade bereute ihren Satz – er war ihr entschlüpft und klang im Nachhinein zu kühl. Schatzjade vermutete, Kajaljade hege einen Vorbehalt, und stand verlegen auf: „Schwester, bleib sitzen. Ich möchte noch bei der Dritten Schwester vorbeischauen." Kajaljade: „Wenn du sie siehst, grüß sie von mir." Schatzjade sagte zu und ging.
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Kajaljade kehrte an die Tür zurück und setzte sich grübelnd hin: „In letzter Zeit redet Schatzjade so halb und halb, bald kalt, bald warm – was meint er nur?" Da kam Purpurkuckuck: „Fräulein, schreibt Ihr nicht weiter? Soll ich die Schreibsachen wegräumen?" Kajaljade: „Ich schreibe nicht mehr – räum es weg." Sie ging ins Hinterzimmer und legte sich aufs Bett, um in aller Stille nachzudenken. Purpurkuckuck kam herein: „Fräulein, trinkt eine Schale Tee." Kajaljade: „Ich möchte nicht. Ich ruhe mich nur ein wenig aus – geht."
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Purpurkuckuck trat hinaus und sah Xueyan allein vor sich hin starren. Sie trat neben sie: „Hast du jetzt auch etwas, das dich beschäftigt?" Xueyan hatte sie nicht kommen sehen und erschrak. Dann sagte sie: „Psst! Heute habe ich etwas gehört – ich erzähl es dir, es ist wirklich merkwürdig! Aber sag kein Wort." Sie wies mit dem Kinn zur Tür, ging voraus und winkte Purpurkuckuck mit, hinauszukommen. Auf der Terrasse vor der Tür flüsterte sie: „Schwester, hast du gehört? Schatzjade ist verlobt!"
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Purpurkuckuck erschrak: „Woher kommt das? Ist das auch wahr?" Xueyan: „Und ob! Alle wissen es anscheinend, nur wir haben nichts gehört." Purpurkuckuck: „Von wem hast du es?" Xueyan: „Von Shishu. Es soll eine Präfektenfamilie sein – wohlhabend, das Mädchen schön."
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Purpurkuckuck wollte mehr hören, als Kajaljade drinnen hustete, als stünde sie auf. Purpurkuckuck fürchtete, sie könnte herauskommen, zog Xueyan am Ärmel und legte den Finger auf die Lippen. Sie spähte hinein – nichts rührte sich. Leise fragte sie weiter: „Was hat Shishu genau gesagt?" Xueyan berichtete: „Neulich schickte mich das Fräulein zum Dritten Fräulein, um sich zu bedanken. Das Dritte Fräulein war nicht da, nur Shishu. Wir saßen herum und kamen zufällig auf Schatzjades Ungezogenheit zu sprechen. Shishu sagte: ‚Was soll aus dem Zweiten Herrn Bao werden? Er spielt nur und benimmt sich nicht wie ein Erwachsener – und dabei ist er schon verlobt und trotzdem noch so verträumt.' Ich fragte, ob es feststehe. Sie sagte ja – ein gewisser Herr Wang habe vermittelt. Dieser Herr Wang sei ein Verwandter des Osthauses, und so habe man nicht lange fragen müssen – auf den ersten Antrag sei es schon beschlossen gewesen."
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Purpurkuckuck legte den Kopf schief und überlegte: „Merkwürdig!" Dann fragte sie: „Warum hat bei uns zu Hause niemand davon gesprochen?" Xueyan: „Shishu hat das auch erklärt: Es sei der Wille der Alten Ahnin. Wenn man darüber rede, könnte Schatzjade vor lauter Aufregung verrückt spielen; deshalb schweigen alle. Shishu hat es mir erzählt und mich dringend ermahnt: ‚Lass ja nichts verlauten – sonst heißt es, ich plaudere.' " Sie wies auf die Tür: „Deshalb habe ich auch vor ihr nichts gesagt. Heute hast du gefragt – da konnte ich es dir nicht verschweigen."
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Gerade da schrie der Papagei: „Das Fräulein ist zurück! Schnell, bringt Tee!" Purpurkuckuck und Xueyan erschraken. Sie blickten sich um – niemand war da. Sie schimpften den Papagei aus, gingen hinein und sahen Kajaljade keuchend auf einem Stuhl sitzen. Purpurkuckuck versuchte unbefangen nach Tee und Wasser zu fragen. Kajaljade fragte: „Wo wart ihr beide? Man ruft und ruft, und keine Menschenseele kommt." Damit ging sie zum Kang, ließ sich fallen, drehte sich zur Wand und rief: „Lasst den Vorhang herunter." Purpurkuckuck und Xueyan taten es. Beide ahnten, dass Kajaljade ihr Gespräch belauscht haben könnte, doch keine wagte, das Thema zu berühren.
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Tatsächlich hatte Kajaljade, die ohnehin voller Sorgen war, das geflüsterte Gespräch der beiden teilweise aufgeschnappt. Zwar hatte sie nicht alles verstanden, doch sieben oder acht Zehntel reichten aus: Es war, als hätte man sie in ein tiefes Meer geworfen. Sie dachte hin und her – es stimmte genau mit der Weissagung ihres Traums überein. Tausend Sorgen, zehntausend Groll türmten sich in ihr auf. Sie überlegte: „Lieber früh sterben, als mitansehen zu müssen, wie das Unerwartete geschieht – das wäre noch bitterer." Dann dachte sie an ihre Verwaistheit: „Von heute an werde ich meinen Körper Tag für Tag zugrunde richten. In einem Jahr oder einem halben ist der reine Himmel erreicht." Mit diesem Entschluss deckte sie sich nicht zu, legte keine zusätzliche Kleidung an, schloss die Augen und tat, als schliefe sie.
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Purpurkuckuck und Xueyan kamen mehrmals herein, doch nichts regte sich, und sie wagten nicht zu rufen. Auch das Abendessen blieb unberührt. Nachdem die Lampen angezündet waren, schob Purpurkuckuck den Bettvorhang beiseite: Kajaljade schien zu schlafen, doch die Decke war ans Fußende getreten. Aus Angst vor Erkältung legte Purpurkuckuck sie behutsam wieder auf. Kajaljade rührte sich nicht. Kaum war Purpurkuckuck hinaus, streifte Kajaljade die Decke wieder ab.
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Purpurkuckuck fragte Xueyan immer wieder: „War das heute die Wahrheit oder nicht?" Xueyan: „Natürlich!" Purpurkuckuck: „Woher weiß Shishu das?" Xueyan: „Von Xiaohong." Purpurkuckuck: „Ich fürchte, das Fräulein hat unser Gespräch gehört – hast du ihr Verhalten eben gesehen? Da steckt etwas dahinter. Von heute an dürfen wir das Thema nicht mehr erwähnen." Beide machten sich fertig zum Schlafen. Purpurkuckuck ging noch einmal nachsehen – die Decke war schon wieder abgetreten. Leise legte sie sie wieder auf. Der Rest der Nacht verging.
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Am nächsten Morgen war Kajaljade ganz früh aufgestanden und saß allein und stumm da. Purpurkuckuck wachte auf und erschrak: „Fräulein, warum so früh?" Kajaljade: „Kein Wunder – ich bin früh eingeschlafen, also wache ich früh auf." Purpurkuckuck weckte Xueyan, und beide halfen bei der Morgentoilette. Kajaljade saß vor dem Spiegel und starrte ihr Spiegelbild an. Nach einer Weile flossen die Perlentränen unaufhörlich und durchtränkten das Seidentuch. Wahrlich:
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Der hagere Schatten spiegelt sich im Frühlingswasser:
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Du solltest mich bemitleiden – ich bemitleide dich.
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Purpurkuckuck wagte nicht zu trösten, aus Furcht, durch beiläufige Worte alte Wunden aufzureißen. Erst nach langer Zeit machte sich Kajaljade flüchtig zurecht; doch die Tränenspuren in ihren Augen trockneten nicht.
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Wieder saß sie eine Weile, dann rief sie: „Purpurkuckuck, zünd Weihrauch an." Purpurkuckuck: „Fräulein, Ihr habt kaum geschlafen – wozu jetzt Weihrauch? Wollt Ihr Sutras abschreiben?" Kajaljade nickte. Purpurkuckuck: „Das Fräulein ist heute so früh aufgewacht und will jetzt auch noch Sutras schreiben – ist das nicht zu anstrengend?" Kajaljade sagte: „Keine Angst – je früher ich fertig bin, desto besser. Eigentlich geht es mir gar nicht um die Sutras – ich möchte mir durch das Schreiben die Zeit vertreiben. Wenn ihr später meine Schriftzüge seht, ist es, als säht ihr mich selbst." Bei diesen Worten liefen ihr die Tränen ungehindert herunter. Purpurkuckuck konnte nun nicht mehr trösten; sie selbst konnte ihre Tränen nicht zurückhalten.
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In der Tat hatte Kajaljade ihren Entschluss gefasst: Von nun an würde sie ihren Körper absichtlich zugrunde richten. Essen und Trinken nahm sie kaum noch zu sich und verringerte beides täglich. Wenn Schatzjade von der Schule kam, erkundigte er sich zwar regelmäßig, doch Kajaljade wusste tausend Dinge zu sagen und wagte doch nichts – sie war älter geworden und konnte nicht mehr wie als Kind mit zärtlichem Scherz locken. Alles, was sie auf dem Herzen hatte, blieb unausgesprochen. Schatzjade wiederum wollte ihr die Wahrheit sagen und sie beruhigen, fürchtete aber, Kajaljade könnte zornig werden und die Krankheit verschlimmern. So beschränkten sich beide bei ihren Treffen auf oberflächliche Trostworte – wahrhaftig: je inniger verbunden, desto entfremdeter.
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Zwar sorgten sich die Herzoginmutter, Wang Furen und andere um Kajaljade und ließen Ärzte kommen, doch sie dachten nur an ihre üblichen Beschwerden und ahnten nichts von ihrer Herzkrankheit. Purpurkuckuck und die anderen durchschauten es, wagten aber nichts zu sagen. So verringerte Kajaljade ihr Essen Tag für Tag. Nach einem halben Monat wurde ihr Verdauungsvermögen immer schwächer, und schließlich konnte sie nicht einmal mehr Reisbrei zu sich nehmen. Alles, was Kajaljade tagsüber hörte, schien ihr von Schatzjades Heirat zu handeln; jeder aus dem Yihong-Hof, vom Höchsten bis zum Niedrigsten, schien ihr so auszusehen, als bereiteten sie Schatzjades Hochzeit vor. Wenn Tante Schnee zu Besuch kam und Schatzspange nicht mitbrachte, steigerte sich Kajaljades Argwohn noch mehr. Sie lehnte jeden Besuch ab, wollte keine Medizin nehmen und wünschte sich nur, schnell zu sterben. Im Schlaf hörte sie ständig jemanden „Zweite Herrin Bao" rufen. Ein einziger Argwohn wuchs zum Schlangenspiegelbild. Eines Tages hörte sie gänzlich auf zu essen – nicht einen Reiskorn nahm sie mehr zu sich. Kraftlos und fast atemlos lag sie dem Tode nahe.
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Wie es um Kajaljades Leben stand, erfährt der geneigte Leser im folgenden Kapitel.
 
== Anmerkungen ==
 
== Anmerkungen ==
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''Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).''
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Revision as of 12:36, 15 April 2026

Kapitel: 1 · 2 · 3 · 4 · 5 · 6 · 7 · 8 · 9 · 10 · [11-20] · [21-30] · [31-40] · [41-50] · [51-60] · [61-70] · [71-80] · [81-90] · [91-100] · [101-110] · [111-120] · ← Inhalt

Version: ZH · DE (Woesler) · ZH-DE

Neunundachtzigstes Kapitel

Die Verstorbene ist fort, doch die Dinge sind noch da – der junge Herr dichtet ein Lied, Schlangenspiegelung im Becher – Fräulein Pin hört auf zu essen

Wie berichtet, saß Phönixglanz[1] [熙凤] gerade grübelnd da, als sie die Nachricht des kleinen Mädchens erschreckte. Hastig fragte sie: „Was für eine Amtssache?" Das Mädchen sagte: „Ich weiß es nicht. Eben kam ein Diener vom zweiten Tor herein und meldete dem gnädigen Herrn etwas Dringendes." Phönixglanz hörte, dass es das Ministerium für Öffentliche Arbeiten betraf, und beruhigte sich ein wenig. Sie sagte: „Geh zurück und bestelle der Gnädigen Frau, dass der Zweite Herr gestern Abend Geschäfte außerhalb der Stadt hatte und nicht zurückgekommen ist. Man möge zunächst den Ersten Herrn Zhen rufen." Das Mädchen ging.

Kaufmann Schein-Echt kam, sprach mit dem Ministerialbeamten und berichtete dann Wang Furen: „Das Ministerium meldet: Gestern ging eine Eingabe des Oberflussinspektors ein – in Henan ist der Fluss an mehreren Stellen durchgebrochen und hat einige Präfekturen und Kreise überschwemmt. Es werden Staatsgelder benötigt, um Deiche und Stadtmauern zu reparieren. Die Beamten des Ministeriums müssen nun alles überwachen und schickten deshalb einen Boten zum gnädigen Herrn." Damit zog er sich zurück. Als Kaufmann Aufrecht[2] [贾政] nach Hause kam, wurde ihm alles berichtet. Von da an bis in den Winter hatte Kaufmann Aufrecht täglich zu tun und war oft im Ministerium. Schatzjade[3] [宝玉]s Studien wurden allmählich nachlässiger, doch aus Furcht, Kaufmann Aufrecht könnte es bemerken, wagte er nicht, der Schule fernzubleiben, und ging auch zu Kajaljade[4] [黛玉] seltener.

Es war Mitte des zehnten Monats. Schatzjade stand auf und wollte zur Schule. Das Wetter war plötzlich kalt geworden. Dufthauch[5] [袭人] hatte bereits ein Bündel Kleidung bereitgelegt und sagte: „Es ist heute sehr kalt – nimm morgens und abends lieber etwas Wärmeres." Sie holte ein Stück heraus und half Schatzjade hinein. Ein weiteres wickelte sie ein und gab es einem kleinen Mädchen, die es Beiming übergab: „Wenn der Zweite Herr sich umziehen will, halte alles bereit." Beiming sagte zu und folgte Schatzjade mit dem Filzbündel.

In der Schule erledigte Schatzjade seine Aufgaben, als plötzlich ein Windstoß gegen die Papierfenster klatschte. Dairu sagte: „Das Wetter schlägt schon wieder um." Er öffnete die Winddtür – im Nordwesten türmten sich Wolkenberge und wälzten sich nach Südosten. Beiming kam herein: „Zweiter Herr, es wird kalt – zieht Euch etwas über." Schatzjade nickte. Beiming brachte ein Kleidungsstück herein. Schatzjade schaute hin – und erstarrte. Auch die kleinen Schüler rissen die Augen auf. Es war der Goldbrokat-Fasanenpelz, den Heitermuster[6] [晴雯] einst geflickt hatte. Schatzjade fragte: „Warum hast du ausgerechnet den mitgebracht? Wer hat ihn dir gegeben?" Beiming: „Die Mädchen drinnen haben ihn eingepackt." Schatzjade sagte: „Mir ist nicht so kalt – ich ziehe ihn lieber nicht an. Pack ihn wieder ein." Dairu dachte, Schatzjade wolle das Kleidungsstück schonen, und freute sich über seine Sparsamkeit. Beiming bat: „Zieht ihn doch an, Zweiter Herr. Wenn Ihr Euch erkältet, bin ich schuld. Tut es mir zuliebe." Schatzjade musste ihn widerwillig anziehen und saß dann reglos und geistesabwesend vor seinen Büchern. Dairu dachte, er lese, und ließ ihn in Ruhe.

Am Abend bat Schatzjade Dairu um einen Tag Urlaub wegen Unwohlsein. Dairu, selbst ein alter Mann, der nur der Gesellschaft einiger Kinder wegen Schule hielt und selbst oft kränkelte, ließ sich gern einen Schüler weniger sorgen; zumal er wusste, dass Kaufmann Aufrecht beschäftigt und die Herzoginmutter [贾母] nachsichtig war – so nickte er.

Schatzjade kehrte direkt nach Hause zurück, begrüßte die Herzoginmutter und Wang Furen mit der gleichen Erklärung – natürlich glaubte man ihm. Er saß kurz und ging dann in den Garten. Im Yihong-Hof war er nicht so heiter und gesprächig wie sonst, sondern legte sich angezogen auf den Kang. Dufthauch fragte: „Das Abendessen ist fertig – willst du jetzt essen oder später?" Schatzjade sagte: „Ich esse nichts, mir ist unwohl. Esst ihr."

Dufthauch sagte: „Dann solltest du wenigstens das Kleid ausziehen. Das Stück verträgt keine grobe Behandlung." Schatzjade: „Muss nicht sein." Dufthauch: „Es geht nicht nur um den feinen Stoff – sieh dir die Näharbeit an! Die sollte man nicht ruinieren!" Diese Worte trafen Schatzjades wunden Punkt. Er seufzte: „Dann nimm es und verwahre es gut. Ich werde es nie wieder tragen." Er stand auf und zog es aus. Als Dufthauch es nehmen wollte, hatte er es bereits selbst zusammengelegt. Dufthauch fragte verwundert: „Seit wann ist der Zweite Herr so sorgfältig?" Schatzjade antwortete nicht. Als er fertig war, fragte er: „Wo ist das Tuch, in das es eingewickelt war?" Moschusmond [麝月] reichte es eilig herüber und ließ ihn selbst einpacken, wobei sie Dufthauch hinter seinem Rücken zuzwinkerte und kicherte.

Schatzjade beachtete es nicht und saß niedergeschlagen da. Die Uhr auf dem Regal schlug; er sah auf seine Taschenuhr – schon Viertel nach fünf. Bald brachte ein Mädchen Licht. Dufthauch sagte: „Wenn du nicht essen willst, trink wenigstens eine halbe Schale heiße Reissuppe. Hungern ist nicht gut – wenn sich Leerlaufhitze einstellt, müssen wir es ausbaden." Schatzjade schüttelte den Kopf: „Ich habe noch keinen richtigen Hunger – wenn ich mich zwinge, wird mir nur schlecht." Dufthauch: „Dann geh lieber gleich schlafen." Dufthauch und Moschusmond richteten das Bett, und Schatzjade legte sich hin. Er wälzte sich hin und her und konnte nicht einschlafen. Erst gegen Morgen döste er kurz ein, doch nach nicht mehr als der Dauer einer Mahlzeit war er schon wieder wach.

Dufthauch und Moschusmond waren ebenfalls aufgestanden. Dufthauch sagte: „Ich habe gehört, wie du dich bis zum fünften Nachtwächtersignal gewälzt hast. Ich wagte nicht zu fragen. Dann bin ich selbst eingeschlafen – hast du schließlich doch geschlafen?" Schatzjade: „Kurz. Ich weiß nicht, warum ich so früh aufgewacht bin." Dufthauch: „Fehlt dir etwas?" Schatzjade: „Nein, ich bin nur unruhig im Herzen."

Dufthauch fragte: „Gehst du heute in die Schule?" Schatzjade: „Ich habe gestern schon einen Tag Urlaub genommen. Heute möchte ich im Garten spazieren und mich ein wenig zerstreuen, aber es ist so kalt. Richtet mir ein Zimmer her, mit einem Räuchergefäß, Papier, Tusche, Pinsel und Tuschstein. Ihr könnt eure Sachen machen – ich möchte einen halben Tag still für mich sitzen. Schickt mir niemanden herein." Moschusmond sagte: „Wenn der Zweite Herr in Ruhe arbeiten will, wer würde ihn stören?" Dufthauch meinte: „Das ist sehr gut – so erkältest du dich auch nicht, und ein wenig Stille sammelt den Geist." Dann fragte sie: „Wenn du keine Lust auf Essen hast – was soll die Küche machen? Sag es früh." Schatzjade: „Etwas Einfaches, kein großes Aufheben. Legt nur ein paar Früchte in das Zimmer – ihres Duftes wegen." Dufthauch: „Welches Zimmer soll es sein? Die meisten sind nicht sauber genug. Nur das, wo Heitermuster früher wohnte – da kommt niemand hin, es ist noch sauber, nur etwas kalt." Schatzjade: „Macht nichts – stellt den Kohleofen hinüber." Dufthauch sagte zu.

Während sie sprachen, brachte ein kleines Mädchen eine Schale auf einem Tablett und reichte sie Moschusmond: „Die Blumen-Schwester hat das eben bestellt – die Köchin hat es geschickt." Moschusmond nahm es entgegen – eine Schale Schwalbennestersuppe. Sie fragte Dufthauch: „Hast du das bestellt?" Dufthauch lachte: „Gestern Abend hat der Zweite Herr nichts gegessen und sich die ganze Nacht gewälzt – heute Morgen muss er sich doch leer fühlen. Deshalb habe ich die Mädchen in die Küche geschickt." Dufthauch ließ ein Tischchen aufstellen; Moschusmond half Schatzjade beim Trinken und Mundspülen. Da kam Qiuwen: „Das Zimmer ist fertig – wartet aber, bis die erste Kohlehitze verflogen ist, ehe der Zweite Herr hineingeht." Schatzjade nickte; sein Herz war voll, doch er mochte nicht reden.

Nach einer Weile kam ein kleines Mädchen und meldete: „Pinsel und Tusche sind aufgestellt." Schatzjade: „Gut." Ein anderes Mädchen: „Das Frühstück ist fertig – wo soll es serviert werden?" Schatzjade: „Bringt es einfach her, ohne Umstände." Das Mädchen ging, und bald wurde aufgetragen. Schatzjade lächelte Moschusmond und Dufthauch an: „Mir ist so schwer ums Herz – allein essen, fürchte ich, bringe ich nichts hinunter. Esst ihr beide mit mir, vielleicht bekomme ich dann auch mehr Appetit." Moschusmond lachte: „Das ist der Wunsch des Zweiten Herrn – wir wagen es nicht." Dufthauch sagte: „Eigentlich geht das schon – wir haben ja auch zusammen Wein getrunken. Nur wenn du dich einmal aufheitern willst, ist es vertretbar; aber aus Gewohnheit wäre es gegen alle Ordnung." Die drei setzten sich: Schatzjade oben, Dufthauch und Moschusmond an den Seiten.

Nach dem Essen brachte ein Mädchen Spültee; die beiden räumten ab. Schatzjade hielt seine Teetasse und versank in Gedanken. Nach einer Weile fragte er: „Ist das Zimmer fertig?" Moschusmond: „Das habe ich doch vorhin schon gemeldet – und du fragst noch einmal."

Schatzjade saß noch einen Moment, dann ging er in das Zimmer hinüber. Er zündete persönlich eine Räucherstange an, stellte Obst auf und schickte alle hinaus. Er schloss die Tür. Draußen verhielten sich Dufthauch und die anderen mucksmäuschenstill. Schatzjade nahm einen Bogen rosa Briefpapier mit goldenen Eckverzierungen hervor, murmelte einige Worte des Gebets, dann schrieb er:

Der Herr des Yihong-Hofes verbrennt dies zur Kenntnis der Schwester Heitermuster: Tee und Duft seien dir dargebracht, auf dass du kommst und dich daran erfreust.

Sein Gedicht lautete:

Treue Gefährtin – einsam sinne ich dir nach. Wer hätte gedacht, ein Sturm bricht über ebener Erde los, Und jählings wird dein Lebenslicht gelöscht! Wer flüstert nun zarte Worte?

Nach Osten fließt das Wasser – nie kehrt es gen Westen. Selbst im Traum kann ich dein Bild nicht mehr schaffen; Doch beim Aufhängen des Pelzes seh ich das Brokat der Regenwolken. Stille Sehnsucht – sie macht mich traurig.

Als er fertig geschrieben hatte, hielt er das Papier an den Weihrauch und verbrannte es. Still wartend, bis die Räucherstange herabgebrannt war, öffnete er die Tür und trat hinaus. Dufthauch fragte: „Schon fertig? War dir wohl wieder langweilig?" Schatzjade lächelte und log: „Ich hatte es nur im Herzen, und wollte ein stilles Plätzchen. Jetzt ist mir besser. Ich möchte noch ein wenig draußen spazieren."

Er ging geradewegs zum Xiaoxiang-Pavillon und rief im Hof: „Ist Schwester Lin zu Hause?" Purpurkuckuck[7] [紫鹃] antwortete: „Wer ist da?" Sie hob den Vorhang und lachte: „Der Zweite Herr Bao! Das Fräulein ist drinnen – bitte herein." Schatzjade ging mit Purpurkuckuck hinein. Kajaljade war im Hinterzimmer und rief: „Purpurkuckuck, lass den Zweiten Herrn hereinkommen." Schatzjade sah an der Tür zum Hinterzimmer ein neues Paar Spruchbänder aus purpurschwarzer Goldwolken-Drachenseide hängen:

Grünes Fenster, heller Mond – sie sind noch da; Die alten Weisen in den Annalen – sie sind nur noch Leere.

Schatzjade lächelte, trat ein und fragte: „Was macht die Schwester?" Kajaljade stand auf, kam ihm zwei Schritte entgegen und bot ihm lächelnd einen Platz an: „Ich bin beim Sutra-Abschreiben – nur noch zwei Zeilen. Wenn ich fertig bin, plaudern wir." Sie rief Xueyan, Tee zu bringen. Schatzjade sagte: „Beweg dich nicht, schreib nur weiter."

Er sah ein Rollbild an der Wand hängen: darauf eine Chang'e mit einer Dienerin und eine weitere Göttin mit einer Dienerin, die einen langen Kleiderbeutel trug. Um beide Gestalten zog sich leichte Wolkenwatte, sonst war kein Schmuck zu sehen – ganz im Stil der weißen Tuschezeichnungen des Li Longmian. Darüber stand in eleganter Kanzleischrift: „Bild des Frostgefechts". Schatzjade fragte: „Schwester, dieses ‚Bild des Frostgefechts' – hast du es erst kürzlich aufgehängt?" Kajaljade: „Ja. Gestern beim Aufräumen fiel es mir ein, und ich ließ es aufhängen." Schatzjade: „Was ist die Vorlage?" Kajaljade lachte: „Das kennst du doch bestens – und fragst noch!" Schatzjade lachte: „Mir fällt es gerade nicht ein – sag es mir." Kajaljade: „Kennst du nicht den Vers: ‚Reiffee und Mondgöttin trotzen beide der Kälte, im Mond und im Frost wetteifern sie an Schönheit'?" Schatzjade rief: „Ja, richtig! Das ist wirklich originell und geschmackvoll – und genau zur rechten Jahreszeit aufgehängt."

Er schaute sich noch ein wenig um. Xueyan brachte Tee. Schatzjade trank und wartete, bis Kajaljade fertig geschrieben hatte. Sie stand auf: „Verzeiht die Unhöflichkeit." Schatzjade lachte: „Immer noch so förmlich, Schwester." Er betrachtete Kajaljade: Sie trug ein weißes, mit Blumen besticktes Pelzjäckchen und darüber eine Weste aus Silberfuchsfell; das Haar war in einem einfachen Wolkenknoten hochgesteckt, mit nur einer schlichten Goldnadel und keinem Blumenschmuck; um die Hüften einen rosafarbenen bestickten Wattrock. Wahrlich:

Wie ein Jadebaum, schlank im Winde stehend, Wie eine duftende Lotosblüte, sanft im Tau sich öffnend.

Schatzjade fragte: „Hast du in den letzten Tagen Zither gespielt?" Kajaljade: „Seit zwei Tagen nicht. Vom Schreiben allein werden die Hände schon kalt – wo soll da noch Zither gespielt werden?" Schatzjade: „Vielleicht ist es auch besser so. Die Zither mag ein erhabenes Instrument sein, aber kein gutes: Noch nie hat jemand sich Reichtum, Rang und langes Leben erspielt – nur Kummer, Sehnsucht und Leid. Außerdem muss man sich die Noten merken, was anstrengend ist. Du bist ohnehin zart – erspare dir die Mühe." Kajaljade lächelte.

Schatzjade deutete auf die Wand: „Ist das deine Zither? Warum ist sie so kurz?" Kajaljade lachte: „Sie ist nicht kurz. Als ich klein war und spielen lernte, reichten meine Arme für gewöhnliche Zithern nicht aus, deshalb ließ man diese anfertigen. Zwar ist es kein verkohltes Paulownia-Holz, aber der Kranichberg und der Phönixschwanz sind gut proportioniert, und der Drachenteich und die Gänsefüße passen in der Höhe zusammen. Sieh dir die Risse an – sehen sie nicht aus wie Yakhaare? Deshalb ist auch der Klang klar und rein."

Schatzjade fragte: „Hast du in letzter Zeit Gedichte geschrieben?" Kajaljade: „Seit der Dichtergesellschaft kaum." Schatzjade lachte: „Täusch mich nicht. Ich habe gehört, wie du etwas sangst von ‚nicht zu erschrecken, das reine Herz – wie der Mond am Himmel'. Du hast es in die Zithermelodie eingebettet, und der Klang war besonders durchdringend. Stimmt das?" Kajaljade fragte: „Wie hast du das gehört?" Schatzjade: „Neulich kam ich von der Liaofeng-Veranda und hörte es. Ich wollte deine klare Melodie nicht stören und lauschte still eine Weile, dann ging ich. Nur eines wollte ich fragen: Die ersten Strophen standen im ebenen Ton, und am Ende wechseltest du plötzlich in den schrägen – was bedeutet das?" Kajaljade: „Das ist der natürliche Klang des Herzens. Man dichtet, wohin der Geist einen führt – eine feste Regel gibt es nicht." Schatzjade: „Ach so. Schade, dass ich kein musikalisches Ohr habe – da habe ich umsonst zugehört." Kajaljade sagte: „Seit alten Zeiten – wie viele wahre Kenner hat es je gegeben?"

Schatzjade merkte, dass seine Worte wieder unbedacht waren, und fürchtete, Kajaljades Herz zu verletzen. Er saß eine Weile; tausend Worte lagen ihm auf der Zunge, doch er fand nichts mehr zu sagen. Auch Kajaljade bereute ihren Satz – er war ihr entschlüpft und klang im Nachhinein zu kühl. Schatzjade vermutete, Kajaljade hege einen Vorbehalt, und stand verlegen auf: „Schwester, bleib sitzen. Ich möchte noch bei der Dritten Schwester vorbeischauen." Kajaljade: „Wenn du sie siehst, grüß sie von mir." Schatzjade sagte zu und ging.

Kajaljade kehrte an die Tür zurück und setzte sich grübelnd hin: „In letzter Zeit redet Schatzjade so halb und halb, bald kalt, bald warm – was meint er nur?" Da kam Purpurkuckuck: „Fräulein, schreibt Ihr nicht weiter? Soll ich die Schreibsachen wegräumen?" Kajaljade: „Ich schreibe nicht mehr – räum es weg." Sie ging ins Hinterzimmer und legte sich aufs Bett, um in aller Stille nachzudenken. Purpurkuckuck kam herein: „Fräulein, trinkt eine Schale Tee." Kajaljade: „Ich möchte nicht. Ich ruhe mich nur ein wenig aus – geht."

Purpurkuckuck trat hinaus und sah Xueyan allein vor sich hin starren. Sie trat neben sie: „Hast du jetzt auch etwas, das dich beschäftigt?" Xueyan hatte sie nicht kommen sehen und erschrak. Dann sagte sie: „Psst! Heute habe ich etwas gehört – ich erzähl es dir, es ist wirklich merkwürdig! Aber sag kein Wort." Sie wies mit dem Kinn zur Tür, ging voraus und winkte Purpurkuckuck mit, hinauszukommen. Auf der Terrasse vor der Tür flüsterte sie: „Schwester, hast du gehört? Schatzjade ist verlobt!"

Purpurkuckuck erschrak: „Woher kommt das? Ist das auch wahr?" Xueyan: „Und ob! Alle wissen es anscheinend, nur wir haben nichts gehört." Purpurkuckuck: „Von wem hast du es?" Xueyan: „Von Shishu. Es soll eine Präfektenfamilie sein – wohlhabend, das Mädchen schön."

Purpurkuckuck wollte mehr hören, als Kajaljade drinnen hustete, als stünde sie auf. Purpurkuckuck fürchtete, sie könnte herauskommen, zog Xueyan am Ärmel und legte den Finger auf die Lippen. Sie spähte hinein – nichts rührte sich. Leise fragte sie weiter: „Was hat Shishu genau gesagt?" Xueyan berichtete: „Neulich schickte mich das Fräulein zum Dritten Fräulein, um sich zu bedanken. Das Dritte Fräulein war nicht da, nur Shishu. Wir saßen herum und kamen zufällig auf Schatzjades Ungezogenheit zu sprechen. Shishu sagte: ‚Was soll aus dem Zweiten Herrn Bao werden? Er spielt nur und benimmt sich nicht wie ein Erwachsener – und dabei ist er schon verlobt und trotzdem noch so verträumt.' Ich fragte, ob es feststehe. Sie sagte ja – ein gewisser Herr Wang habe vermittelt. Dieser Herr Wang sei ein Verwandter des Osthauses, und so habe man nicht lange fragen müssen – auf den ersten Antrag sei es schon beschlossen gewesen."

Purpurkuckuck legte den Kopf schief und überlegte: „Merkwürdig!" Dann fragte sie: „Warum hat bei uns zu Hause niemand davon gesprochen?" Xueyan: „Shishu hat das auch erklärt: Es sei der Wille der Alten Ahnin. Wenn man darüber rede, könnte Schatzjade vor lauter Aufregung verrückt spielen; deshalb schweigen alle. Shishu hat es mir erzählt und mich dringend ermahnt: ‚Lass ja nichts verlauten – sonst heißt es, ich plaudere.' " Sie wies auf die Tür: „Deshalb habe ich auch vor ihr nichts gesagt. Heute hast du gefragt – da konnte ich es dir nicht verschweigen."

Gerade da schrie der Papagei: „Das Fräulein ist zurück! Schnell, bringt Tee!" Purpurkuckuck und Xueyan erschraken. Sie blickten sich um – niemand war da. Sie schimpften den Papagei aus, gingen hinein und sahen Kajaljade keuchend auf einem Stuhl sitzen. Purpurkuckuck versuchte unbefangen nach Tee und Wasser zu fragen. Kajaljade fragte: „Wo wart ihr beide? Man ruft und ruft, und keine Menschenseele kommt." Damit ging sie zum Kang, ließ sich fallen, drehte sich zur Wand und rief: „Lasst den Vorhang herunter." Purpurkuckuck und Xueyan taten es. Beide ahnten, dass Kajaljade ihr Gespräch belauscht haben könnte, doch keine wagte, das Thema zu berühren.

Tatsächlich hatte Kajaljade, die ohnehin voller Sorgen war, das geflüsterte Gespräch der beiden teilweise aufgeschnappt. Zwar hatte sie nicht alles verstanden, doch sieben oder acht Zehntel reichten aus: Es war, als hätte man sie in ein tiefes Meer geworfen. Sie dachte hin und her – es stimmte genau mit der Weissagung ihres Traums überein. Tausend Sorgen, zehntausend Groll türmten sich in ihr auf. Sie überlegte: „Lieber früh sterben, als mitansehen zu müssen, wie das Unerwartete geschieht – das wäre noch bitterer." Dann dachte sie an ihre Verwaistheit: „Von heute an werde ich meinen Körper Tag für Tag zugrunde richten. In einem Jahr oder einem halben ist der reine Himmel erreicht." Mit diesem Entschluss deckte sie sich nicht zu, legte keine zusätzliche Kleidung an, schloss die Augen und tat, als schliefe sie.

Purpurkuckuck und Xueyan kamen mehrmals herein, doch nichts regte sich, und sie wagten nicht zu rufen. Auch das Abendessen blieb unberührt. Nachdem die Lampen angezündet waren, schob Purpurkuckuck den Bettvorhang beiseite: Kajaljade schien zu schlafen, doch die Decke war ans Fußende getreten. Aus Angst vor Erkältung legte Purpurkuckuck sie behutsam wieder auf. Kajaljade rührte sich nicht. Kaum war Purpurkuckuck hinaus, streifte Kajaljade die Decke wieder ab.

Purpurkuckuck fragte Xueyan immer wieder: „War das heute die Wahrheit oder nicht?" Xueyan: „Natürlich!" Purpurkuckuck: „Woher weiß Shishu das?" Xueyan: „Von Xiaohong." Purpurkuckuck: „Ich fürchte, das Fräulein hat unser Gespräch gehört – hast du ihr Verhalten eben gesehen? Da steckt etwas dahinter. Von heute an dürfen wir das Thema nicht mehr erwähnen." Beide machten sich fertig zum Schlafen. Purpurkuckuck ging noch einmal nachsehen – die Decke war schon wieder abgetreten. Leise legte sie sie wieder auf. Der Rest der Nacht verging.

Am nächsten Morgen war Kajaljade ganz früh aufgestanden und saß allein und stumm da. Purpurkuckuck wachte auf und erschrak: „Fräulein, warum so früh?" Kajaljade: „Kein Wunder – ich bin früh eingeschlafen, also wache ich früh auf." Purpurkuckuck weckte Xueyan, und beide halfen bei der Morgentoilette. Kajaljade saß vor dem Spiegel und starrte ihr Spiegelbild an. Nach einer Weile flossen die Perlentränen unaufhörlich und durchtränkten das Seidentuch. Wahrlich:

Der hagere Schatten spiegelt sich im Frühlingswasser: Du solltest mich bemitleiden – ich bemitleide dich.

Purpurkuckuck wagte nicht zu trösten, aus Furcht, durch beiläufige Worte alte Wunden aufzureißen. Erst nach langer Zeit machte sich Kajaljade flüchtig zurecht; doch die Tränenspuren in ihren Augen trockneten nicht.

Wieder saß sie eine Weile, dann rief sie: „Purpurkuckuck, zünd Weihrauch an." Purpurkuckuck: „Fräulein, Ihr habt kaum geschlafen – wozu jetzt Weihrauch? Wollt Ihr Sutras abschreiben?" Kajaljade nickte. Purpurkuckuck: „Das Fräulein ist heute so früh aufgewacht und will jetzt auch noch Sutras schreiben – ist das nicht zu anstrengend?" Kajaljade sagte: „Keine Angst – je früher ich fertig bin, desto besser. Eigentlich geht es mir gar nicht um die Sutras – ich möchte mir durch das Schreiben die Zeit vertreiben. Wenn ihr später meine Schriftzüge seht, ist es, als säht ihr mich selbst." Bei diesen Worten liefen ihr die Tränen ungehindert herunter. Purpurkuckuck konnte nun nicht mehr trösten; sie selbst konnte ihre Tränen nicht zurückhalten.

In der Tat hatte Kajaljade ihren Entschluss gefasst: Von nun an würde sie ihren Körper absichtlich zugrunde richten. Essen und Trinken nahm sie kaum noch zu sich und verringerte beides täglich. Wenn Schatzjade von der Schule kam, erkundigte er sich zwar regelmäßig, doch Kajaljade wusste tausend Dinge zu sagen und wagte doch nichts – sie war älter geworden und konnte nicht mehr wie als Kind mit zärtlichem Scherz locken. Alles, was sie auf dem Herzen hatte, blieb unausgesprochen. Schatzjade wiederum wollte ihr die Wahrheit sagen und sie beruhigen, fürchtete aber, Kajaljade könnte zornig werden und die Krankheit verschlimmern. So beschränkten sich beide bei ihren Treffen auf oberflächliche Trostworte – wahrhaftig: je inniger verbunden, desto entfremdeter.

Zwar sorgten sich die Herzoginmutter, Wang Furen und andere um Kajaljade und ließen Ärzte kommen, doch sie dachten nur an ihre üblichen Beschwerden und ahnten nichts von ihrer Herzkrankheit. Purpurkuckuck und die anderen durchschauten es, wagten aber nichts zu sagen. So verringerte Kajaljade ihr Essen Tag für Tag. Nach einem halben Monat wurde ihr Verdauungsvermögen immer schwächer, und schließlich konnte sie nicht einmal mehr Reisbrei zu sich nehmen. Alles, was Kajaljade tagsüber hörte, schien ihr von Schatzjades Heirat zu handeln; jeder aus dem Yihong-Hof, vom Höchsten bis zum Niedrigsten, schien ihr so auszusehen, als bereiteten sie Schatzjades Hochzeit vor. Wenn Tante Schnee zu Besuch kam und Schatzspange nicht mitbrachte, steigerte sich Kajaljades Argwohn noch mehr. Sie lehnte jeden Besuch ab, wollte keine Medizin nehmen und wünschte sich nur, schnell zu sterben. Im Schlaf hörte sie ständig jemanden „Zweite Herrin Bao" rufen. Ein einziger Argwohn wuchs zum Schlangenspiegelbild. Eines Tages hörte sie gänzlich auf zu essen – nicht einen Reiskorn nahm sie mehr zu sich. Kraftlos und fast atemlos lag sie dem Tode nahe.

Wie es um Kajaljades Leben stand, erfährt der geneigte Leser im folgenden Kapitel.

Anmerkungen

  1. Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".
  2. Kaufmann Aufrecht: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng. 政 zhèng bedeutet „aufrecht/Regierung".
  3. Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.
  4. Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".
  5. Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „die einen überfällt/umweht". Schatzjades erste Kammerzofe.
  6. Heitermuster: Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Muster/Klares Gewölk". Schatzjades zweite Kammerzofe.
  7. Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurner Kuckuck". Kajaljades treue Kammerzofe.

Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).