Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 115"

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(DE4 (Woesler 4. Aufl.): Kapitel 115 mit Navigation und Fussnoten)
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= Kapitel 115 =
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Einhundertundfünfzehntes Kapitel
== 惑偏私惜春矢素志 / 证同类宝玉失相知 ==
 
  
'''Eine Besessenheit bestätigt Hsi-tschun in einem alten Schwur, den Staub der Welt hinter sich zu lassenEine physische Ähnlichkeit beraubt Bau-yü eines erdichteten Freundes'''
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Verblendet durch Voreingenommenheit schwört Bewahrfrühling einen reinen Eid;
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Der Beweis der Gleichartigkeit — Schatzjade verliert seinen vermeintlichen Seelenverwandten
  
Als Bau-yü seine Worte gegenüber Bau-tschai korrigieren wollte, kam Tjiu-wën herein und sagte: „Der gnädige Herr draußen wünscht den zweiten Herr [Bau-yü] zu sehen.“ Bau-yü kam dies gerade gelegen, und er ging sofort los.
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Es wird erzählt, dass Schatzjade sich verplappert hatte und von Schatzspange in die Enge getrieben worden war; er wollte gerade darüber hinweggehen, als Herbstmuster hereinkam und sagte: „Draußen lässt der Herr den Zweiten Herrn rufen." Schatzjade konnte es gar nicht schnell genug hören und ging davon. Als er bei Kaufmann Aufrecht ankam, sagte dieser: „Ich habe dich nicht wegen etwas anderem rufen lassen. Jetzt, wo du Trauerkleidung trägst, ist es unpassend, zur Schule zu gehen. Zu Hause musst du unbedingt die Aufsätze, die du durchgenommen hast, noch einmal durcharbeiten. Ich habe dieser Tage ohnehin Muße; alle zwei, drei Tage sollst du mir einige Aufsätze schreiben, damit ich sie ansehe und prüfe, ob du in letzter Zeit Fortschritte gemacht hast." Schatzjade musste zustimmen. Kaufmann Aufrecht fuhr fort: „Deinem Bruder Huan und deinem Neffen Lan habe ich ebenfalls aufgetragen, ihre Studien aufzufrischen. Sollten deine Aufsätze schlecht ausfallen und hinter den ihren zurückbleiben, dann wäre das eine Schande." Schatzjade wagte nichts zu erwidern, antwortete nur mit einem „Ja" und blieb stehen. Kaufmann Aufrecht sagte: „Geh nur." Schatzjade zog sich zurück und begegnete auf dem Weg hinaus Verwalter Lai und einigen anderen, die mit Kassenbüchern hereinkamen. Schatzjade eilte im Sturmschritt zurück in sein Zimmer. Als Schatzspange hörte, dass man ihn zum Aufsatzschreiben aufgefordert hatte, freute sie sich sogar darüber. Nur Schatzjade selbst hatte keine Lust, wagte aber auch nicht, es auf die leichte Schulter zu nehmen.
„Ich will mit dir reden“, sagte Djia Dschëng, als er ankam, „was deine Studien angeht. Du bist noch in Trauer, und es wäre daher unüblich für dich, zur Schule zu gehen. Aber du kannst und mußt deine Aufsätze wiederholen. Über die nächsten paar Tage werde ich etwas Freizeit haben, und ich will, daß du mir zuhause ein paar Aufsätze schreibst. Ich werde dann fähig sein, selbst zu beurteilen, ob du in all der Zeit einen erkennbaren Fortschritt gemacht hast.“ –
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„Ja, Vater“, sagte Bau-yü eher erbärmlich.
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Gerade als er sich setzen und zur Ruhe kommen wollte, kamen zwei Nonnen herein — sie stammten aus dem Dizang-Kloster. Als sie Schatzspange sahen, sagten sie: „Wir grüßen die Zweite junge Herrin." Schatzspange erwiderte halb gleichgültig: „Geht es euch gut?" Dann rief sie jemanden herbei: „Schenkt den ehrwürdigen Meisterinnen Tee ein." Schatzjade hätte gern mit den Nonnen geplaudert, doch da Schatzspange offenbar einen Widerwillen gegen solcherlei hegte, mochte er kein Gespräch anfangen. Die Nonnen wussten, dass Schatzspange eine kühle Person war, und blieben nicht lange. Als sie sich verabschieden wollten, sagte Schatzspange: „Bleibt doch noch ein wenig." Die Nonnen antworteten: „Wir haben im Eisernen Schwellen-Tempel eine Andacht verrichtet und sind schon lange nicht mehr gekommen, um den Damen und jungen Herrinnen unsere Aufwartung zu machen. Heute, da wir hier sind und die Herrinnen und Damen gesehen haben, möchten wir auch noch das Vierte Fräulein besuchen." Schatzspange nickte und ließ sie gehen.
„Ich habe deinen Bruder Huan und deinen Neffen Lan beauftragt, dasselbe zu tun. Ich hoffe ernstlich, daß deine Arbeit besser als ihre ist.“ –
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„Ja, Vater.“ Bau-yü traute sich nicht mehr zu sagen, sondern stand wie angewurzelt auf der Stelle.
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Die Nonnen kamen zu Bewahrfrühling und erblickten die Zofe Buntschirm. „Wo ist das Fräulein?", fragten sie. Buntschirm sagte: „Fragt nicht danach! Das Fräulein hat seit Tagen nichts gegessen und liegt nur da." — „Warum denn?", fragten die Nonnen. Buntschirm sagte: „Das ist eine lange Geschichte. Wenn ihr das Fräulein seht, wird sie es euch vermutlich selbst erzählen." Bewahrfrühling hatte alles schon gehört, richtete sich hastig auf und sagte: „Ihr zwei! Seit unsere Familiengeschäfte schlecht stehen, kommt ihr gar nicht mehr!" Die Nonnen erwiderten: „Amitabha! Ob die Gönner reich sind oder nicht, sie bleiben unsere Gönner. Ganz zu schweigen davon, dass wir aus dem Familienkloster stammen und so viel Gnade von der seligen Herzoginmutter empfangen haben. Nun sind wir wegen der Angelegenheiten der Herzoginmutter gekommen und haben schon alle Damen und Herrinnen gesehen, nur das Fräulein noch nicht. Da lag es uns auf dem Herzen, und heute sind wir eigens gekommen, um nach dem Fräulein zu sehen."
„Nun, dann geh!“
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Als er aus dem Studierzimmer ging, ging Bau-yü an Lai Da und den anderen Verwaltern vorüber, die mit ihrem Registern kamen.
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Bewahrfrühling erkundigte sich nach den Nonnen des Shuiyue-Klosters. Die Nonnen sagten: „In ihrem Kloster hat es einige Vorfälle gegeben, und nun lässt man sie am Tor nicht mehr so oft herein." Dann fragten sie Bewahrfrühling: „Neulich haben wir gehört — stimmt es, dass die ehrwürdige Meisterin Miaoyu aus dem Longcui-Kloster mit jemandem davongegangen ist?" Bewahrfrühling antwortete: „Was für ein Gerede! Wer so etwas sagt, der soll sich vor der Zunge hüten! Die wurde von Räubern geraubt — wie kann man da noch solche üblen Dinge sagen?" Die Nonnen erwiderten: „Die Meisterin Miaoyu war ja ein wunderlicher Mensch, vielleicht war es nur Heuchelei? Vor dem Fräulein dürfen wir das freilich nicht weiter ausführen. Wo sind wir doch solch grobe Leute, die nur Sutren rezitieren und Buddha anrufen, für andere Bußgebete verrichten und dadurch auch für sich selbst gutes Karma sammeln."
Bau-yü war bald wie ein Blitz zurück in seinem Raum, und erzählte das Wichtigste der Unterhaltung Bau-tschai, die eher erfreut schien, dies zu hören. Bau-yü selbst stöhnte innerlich, aber wußte, daß es nicht ratsam wäre, faul zu erscheinen, und bereitete sich vor, sich zu setzen und zu konzentrieren, als zwei Nonnen vom Kloster Di-dsang eintrafen, um die zweite Herrin Bau-tschai zu begrüßen. Bau-tschai fragte etwas reserviert: „Wie geht es Euch?“ Sie befahl ihrer Magd, ihnen Tee zu bringen, während Bau-yü, der gerne mit den Nonnen geredet hätte, wußte, daß Bau-tschai ihre Gesellschaft nicht mochte, und sich daher zurückhielt.
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Die Nonnen für ihren Teil wußten nur zu gut, daß Bau-tschai ihnen gegenüber keine Sympathie empfand; deshalb entschuldigten sie sich, nachdem sie eine kurze Weile dort gesessen hatten.
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Bewahrfrühling fragte: „Was genau versteht man unter gutem Karma?" Die Nonnen antworteten: „Abgesehen von Familien voller Tugend wie der unsrigen braucht man nichts zu fürchten. Aber bei anderen Familien — selbst Hofdamen mit kaiserlichem Ehrentitel und Fräuleins aus vornehmem Hause können sich nicht ein Leben lang der Pracht sicher sein. Kommt das Leid, ist keine Rettung mehr möglich. Einzig die Bodhisattva Guanyin, die Barmherzige und Gnädige, lässt, wenn sie sieht, dass jemand in Not ist, ihr mitfühlendes Herz walten und findet Mittel und Wege zur Rettung. Warum sagen die Leute heutzutage alle: ‚Die große Barmherzige und Gnädige, leiderlösende Bodhisattva Guanyin'? Wir, die wir den Weg der Askese beschritten haben, leiden zwar weit mehr als Damen und Fräuleins, doch Gefahren und Katastrophen gibt es für uns nicht. Wenn wir auch nicht Buddha oder Patriarchin werden können — arbeiten wir am nächsten Leben, werden wir vielleicht als Mann wiedergeboren, und dann wird alles besser. Nicht wie jetzt, wo man als Frau geboren ist und all die Kränkungen und Nöte nicht einmal aussprechen kann. Fräulein, Ihr wisst es noch nicht: Wenn ein Fräulein erst einmal verheiratet ist und ein Leben lang einem Mann folgen muss, dann gibt es erst recht keinen Ausweg. Wer den Weg der Askese gehen will, muss ihn wahrhaftig gehen. Die Meisterin Miaoyu hielt sich in Talent und Geist für uns überlegen und verachtete uns als gewöhnlich. Doch wer weiß — gerade die Gewöhnlichen erlangen gutes Karma! Und sie hat am Ende doch eine große Katastrophe erlitten."
„Wollen sie nicht etwas länger bleiben?“, fragte Bau-tschai etwas heuchlerisch.
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„Wir müssen noch so viele Besuche bei den Damen und den jungen Damen machen“, antwortete eine von ihnen, „mit den Feierlichkeiten, die wir im Kloster Eiserne Schwelle halten mußten, waren wir sehr beschäftigt und haben die Damen und die jungen Damen seit langem nicht mehr besucht. Außer Ihnen haben wir bereits die Damen gesehen, aber wir wollen noch zu dem vierten Fräulein [Hsi-tschun].
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Bewahrfrühling war von den Worten der Nonnen tief getroffen; ohne Rücksicht auf die anwesenden Zofen erzählte sie, wie Frau You sie behandelt hatte und was neulich bei der Hausaufsicht vorgefallen war. Sie zeigte ihnen ihr Haar und sagte: „Glaubt ihr etwa, ich sei jemand, der ohne eigenen Willen an der Feuergrube hängt? Ich hege diesen Wunsch schon lange, nur fand ich keinen Weg." Als die Nonnen das hörten, taten sie bestürzt und sagten: „Fräulein, sagt so etwas bloß nicht! Wenn die Erste Herrin Zhen das hört, wird sie uns ausschelten und aus dem Kloster jagen! Ein Fräulein von solcher Anmut, aus solcher Familie — Ihr werdet gewiss einen guten Bräutigam finden und ein Leben in Glanz und Pracht genießen …" Noch ehe sie ausgesprochen hatten, wurde Bewahrfrühling rot im Gesicht und sagte: „Die Erste Herrin Zhen kann euch hinausjagen — meint ihr, ich kann das nicht?" Die Nonnen erkannten, dass es ihr ernst war, und wollten sie noch ein wenig weiter herausfordern: „Fräulein, nehmt es uns nicht übel, wenn wir das Falsche gesagt haben. Aber ob die Damen und Herrinnen dem Fräulein wohl seinen Willen lassen werden? Wenn es dann peinlich wird, ist das nicht gut. Wir meinen es doch nur gut mit dem Fräulein." Bewahrfrühling sagte: „Das werden wir sehen."
Bau-tschai nickte, und die Nonnen gingen weiter zu Hsi-tschuns Gemächern. Sie fragten Tsai-ping, die sie empfing, wo ihr Fräulein zu finden sei.
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„Fragen Sie mich nicht, das Fräulein hat seit Tagen nichts gegessen“, rief Tsai-ping, „und nun will sie nicht einmal von ihrem Bett aufstehen.
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Buntschirm und die anderen Zofen hörten, dass das Gespräch eine bedenkliche Wendung nahm, und gaben den Nonnen einen Wink, sie sollten gehen. Die Nonnen verstanden; ohnehin hatten sie Angst und wagten nicht, weiter zu provozieren, und verabschiedeten sich. Bewahrfrühling hielt sie nicht zurück und sagte mit kaltem Lächeln: „Ihr glaubt wohl, auf der ganzen Welt gäbe es nur euer Dizang-Kloster?" Die Nonnen wagten keine Antwort und gingen.
„Warum? Was geht hier vor?“ –
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„Oh, das ist eine lange Geschichte. Ich bin sicher, daß sie Euch alles erzählen wird, wenn Ihr sie seht.
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Buntschirm erkannte, dass die Lage bedenklich war, und fürchtete, man würde ihr die Schuld geben. Heimlich ging sie zu Frau You und berichtete: „Das Vierte Fräulein hat den Gedanken, sich das Haar abzuschneiden, noch keineswegs aufgegeben. In diesen Tagen war sie nicht krank sie hadert mit ihrem Schicksal. Herrin, seid auf der Hut, damit kein Unglück geschieht. Sonst fällt die Schuld auf uns." Frau You sagte: „Ihr geht es nicht ums Klosterleben — weil der Erste Herr nicht zu Hause ist, will sie mir absichtlich Ärger bereiten. Man kann sie eben nur gewähren lassen." Buntschirm und die anderen Zofen wussten keinen Rat und konnten nur immer wieder gut zureden. Doch Bewahrfrühling von Tag zu Tag weniger und wollte sich nur noch das Haar abschneiden. Buntschirm und die anderen hielten es nicht mehr aus und berichteten überallhin davon. Die Damen Xing und Wang versuchten mehrfach, sie umzustimmen, doch Bewahrfrühling beharrte unerschütterlich.
Hsi-tschun hatte sie reden hören, als sie hereinkamen, und setzte sich sofort auf. „Wie geht es Ihnen beiden?“, fragte sie. „Ich dachte, sie würden aufhören, uns zu besuchen, weil unser Haushaltsangelegenheiten sich so schlimm entwickelt haben...“ –
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„Amitabha!“ kam der fromme Ausruf. „Wohltäter sind Wohltäter, ob sie arm oder reich sind. Unser Kloster wurde von ihrer Familie gegründet, und wir waren immer sehr gut von der alten Dame ausgestattet worden. Wir sahen die Damen und die jungen Damen bei der Beerdigung der alten Dame, aber wir haben Sie dort nicht gesehen, Fräulein, und wir waren um Sie besorgt. Deswegen sind wir hierhergekommen, besonders um Sie heute zu besuchen.
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Die Damen Xing und Wang wollten gerade Kaufmann Aufrecht davon in Kenntnis setzen, als von draußen hereingemeldet wurde: „Die Dame der Familie Zhen ist da und hat ihren Schatzjade mitgebracht." Die Damen eilten hinaus, um sie zu empfangen, und man nahm bei Frau Wang Platz. Alle begrüßten einander und wechselten die üblichen Höflichkeiten — das braucht nicht im Einzelnen beschrieben zu werden. Es sei nur erwähnt, dass Frau Wang den Schatzjade der Zhens mit dem eigenen Schatzjade verglich und sie zum Verwechseln ähnlich fand. Sie wollte den Zhen-Schatzjade hereinbitten, damit man ihn sehe. Man schickte eine Nachricht hinaus, und die Antwort lautete: „Der junge Herr Zhen unterhält sich im äußeren Arbeitszimmer mit dem Herrn; die Unterhaltung sei außerordentlich anregend. Man habe Leute geschickt, um unseren Zweiten Herrn, den Dritten Herrn sowie den jungen Herrn Lan zu bitten, draußen zu speisen; nach dem Essen würden sie hereinkommen." Danach wurde auch drinnen aufgetafelt.
Hsi-tschun fragte nach den Nonnen im Wassermond-Tempel.
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„Seit dem Skandal“, war die Antwort, „lassen die Pförtner sie keinen Fuß mehr hinein [in das Jung-guo-Anwesen] setzen.
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Der Grund war, dass Kaufmann Aufrecht, als er sah, dass der Zhen-Schatzjade dem eigenen Schatzjade tatsächlich glich wie ein Ei dem anderen, ihn in seiner Bildung prüfte, worauf jener so gewandt und flüssig antwortete, dass Kaufmann Aufrecht größten Respekt empfand. Darum ließ er die drei Jungen herauskommen — teils um sie anzuspornen, teils um einen direkten Vergleich mit dem eigenen Schatzjade anzustellen. Schatzjade gehorchte, zog schlichte Trauerkleidung an und ging mit seinem Bruder und Neffen hinaus. Als er den Zhen-Schatzjade erblickte, war es, als träfe er einen alten Bekannten. Auch der Zhen-Schatzjade hatte das Gefühl, ihn schon irgendwo gesehen zu haben. Beide verbeugten sich, dann kamen Kaufmann Huan und Kaufmann Lan hinzu. Kaufmann Aufrecht hatte auf dem Boden gesessen und wollte den Zhen-Schatzjade auf einem Stuhl Platz nehmen lassen, doch dieser wagte als Jüngerer nicht, oben zu sitzen, und setzte sich auf ein Polster auf dem Boden. Als nun Schatzjade und die anderen herauskamen, konnten sie nicht mit Kaufmann Aufrecht zusammensitzen; da der Zhen-Schatzjade einer jüngeren Generation angehörte, konnte man Schatzjade und die anderen auch nicht stehen lassen. Kaufmann Aufrecht merkte die Unannehmlichkeit, stand auf, sagte noch einige Worte, ließ auftafeln und sprach: „Ich muss mich verabschieden und überlasse es den jungen Leuten, zusammen zu plaudern, damit sie die Gelegenheit haben, von einem so bedeutenden Gast zu lernen." Der Zhen-Schatzjade erwiderte bescheiden: „Bitte, Herr Onkel, bemüht Euch nur. Der kleine Neffe möchte gerade von den Herren Vettern lernen." Kaufmann Aufrecht wechselte noch einige Worte und ging ins innere Arbeitszimmer. Der Zhen-Schatzjade wollte ihn hinausbegleiten, doch Kaufmann Aufrecht hielt ihn zurück. Schatzjade und die anderen waren rasch einen Schritt vorausgelaufen, stellten sich draußen vor der Schwelle des Arbeitszimmers auf und warteten, bis Kaufmann Aufrecht hineingegangen war, ehe sie zurückkehrten und den Zhen-Schatzjade baten, Platz zu nehmen. Es folgten die üblichen Höflichkeitsfloskeln — „lang ersehnte Bewunderung", „brennendes Verlangen nach einem Treffen" und dergleichen —, die nicht weiter erzählt werden müssen.
„Da wir von Skandal reden“, fuhr dieselbe Nonne fort, „ist es wahr, was wir den anderen Tag hörten, daß Meisterin Miau-yü vom Kloster Gefangenes Grün mit einem Mann durchgebrannt ist?“ –
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„Was für ein Unsinn!, antwortete Hsi-tschun. „Die Leute, die solche Geschichten erzählen, sollten aufpassen, daß ihre Zungen nicht in der Hölle herausgeschnitten werden! Das arme Mädchen wurde von einer Bande von Dieben entführt! Wie kann jemand das Herz haben, solche schlimmen Gerüchte in die Welt zu setzen!“ –
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Nun zu Kaufmann Schatzjade: Als er den Zhen-Schatzjade sah, dachte er an die Szene in seinem Traum. Da er ohnehin wusste, dass der Zhen-Schatzjade ein Mensch nach seinem eigenen Herzen sei, glaubte er, endlich einen Seelenverwandten gefunden zu haben. Da es das erste Treffen war, wollte er sich nicht vorschnell äußern, und da überdies Kaufmann Huan und Kaufmann Lan zugegen waren, blieb ihm nur, überschwänglich zu loben: „Euren glanzvollen Namen habe ich seit langem verehrt, ohne je Gelegenheit gehabt zu haben, Euch persönlich kennenzulernen. Euch heute zu sehen — Ihr seid wahrhaftig eine Gestalt, wie ein auf die Erde verbannter Unsterblicher!"
„Meisterin Miau-yü war trotzdem eine merkwürdige Person“, sagte die Nonne. „Wir dachten immer, sie hätte es ein wenig übertrieben. Natürlich möchten wir sie nicht vor Ihnen kritisieren, Fräulein. Wer sind wir, wenn wir uns mit ihr nach allem vergleichen? Nur gewöhnliche, grobe Leute. Wir singen unsere Liturgien, sprechen unsere Gebete, machen die Fürbitten für die Sünden anderer und hoffen uns einen kleinen Verdienst für uns zu verdienen, ein kleines gutes Karma.“ –
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„Was bedeutet ein wirklich gutes Karma?“, fragte Hsi-tschun ernst.
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Auch der Zhen-Schatzjade kannte seit jeher den Ruf des Kaufmann Schatzjade. Als er ihn nun sah, entsprach er tatsächlich dem, was man erzählte. „Nur: mit mir studieren kann er, aber den rechten Weg einschlagen — das vielleicht nicht. Da er denselben Namen und dasselbe Antlitz trägt wie ich, ist er gewiss ein alter Geist vom Dreilebens-Stein. Ich habe inzwischen einige Einsichten gewonnen — warum nicht mit ihm darüber sprechen? Doch da es das erste Treffen ist und ich noch nicht weiß, ob sein Herz dem meinen gleicht, will ich es langsam angehen." So sprach er: „Des Herrn Vetters Ruhm als Gelehrter ist mir wohlbekannt. Unter Zehntausenden seid Ihr der Reinste und Vornehmste. Was mich betrifft — ich bin nur ein stumpfer Durchschnittsmensch, der sich beschämt sieht, denselben Namen zu tragen, und fürchtet, diese beiden Schriftzeichen zu beschmutzen."
„Nun, Fräulein, die wirklich tugendhaften Familien wie deine ausgenommen, die nichts zu befürchten haben. Natürlich können adelige Mädchen und junge Damen niemals ganz sicher sein, wie lang ihr Wohlstand andauern wird. Wenn das Schicksal zuschlägt, kann sie nichts retten. Nichts, mit Ausnahme unsere Göttin Guan-yin: wenn unsere Göttin einen Sterblichen leiden sieht, wird ihr unsagbares Mitleid sie dazu bewegen, den Sterblichen zu retten. Deshalb beten wir alle zu ihr und sagen: ‚Geheiligt sei Guanyin, Bodhisattva des Grenzenlosen Mitgefühls und der Anmut, Befreierin, Retterin, Heilerin!‘ 
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Eine Schwester führt ein schweres Leben, das ist wahr, härter als das einer jungen Dame aus einer reichen Familie. Doch wir sind errettet! Auch wenn wir nicht darauf hoffen können, ein Buddha oder eine Heilige zu werden, so werden wir wenigstens, wenn wir weiterhin unsere Ergebenheit zeigen, eines Tages in einem anderen Leben als Mann wiedergeboren. Allein das ist Belohnung genug. Wenigstens werden wir dann von den endlosen Versuchungen und stillen Drangsalen der Frauenwelt erlöst. Du bist noch zu jung, um das zu verstehen, Fräulein. Doch laß mich dir sagen, wenn eine junge Dame einst das Heim verläßt und heiratet, ist alles vorbei. Sie gehört für den Rest ihres Lebens ihrem Ehemann.
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Als Kaufmann Schatzjade das hörte, dachte er: „Dieser Mensch denkt wahrhaftig wie ich. Doch wir sind beide Männer und können uns mit der Reinheit der Mädchen nicht messen — wie kommt er dazu, mich zu behandeln wie ein Mädchen?" Er antwortete: „Euer grundloses Lob ist mir peinlich, und ich wage nicht, es anzunehmen. Euer Diener ist äußerst grob und dumm, nichts als ein störrischer Stein; wie sollte ich mich mit der reinen Vornehmheit des Herrn Vetters vergleichen und diesen beiden Schriftzeichen wirklich gerecht werden!"
Im wahren religiösen Leben ist es die Ergebenheit, die zählt. Die Meisterin Miau-yü hielt sich selbst immer für ausgezeichnet, einfühlsam, überlegen. Für sie waren wir nur gemeine Sterbliche. Wenigstens kann das gewöhnliche Volk wie wir einfaches Karma erwerben, und nun sieh dir die Katastrophe an, die sie ereilte!“
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Was sie sagte, entsprach genau dem, was Hsi-tschun dachte. Ungehindert von der Anwesenheit der Mägde erzählte Hsi-tschun die ganze Geschichte davon, wie schlecht Frau You sie behandelt hatte und wie sie zum Bleiben gebracht wurde, um sich um das Haus zu kümmern, und mit welcher verheerenden Konsequenz. Sie zeigte ihnen, wo sie bereits ein Stück ihres Haares abgeschnitten hatte.
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Der Zhen-Schatzjade sprach: „In meiner Jugend kannte ich mein Maß nicht und glaubte, ich ließe mich noch schleifen und formen. Doch dann traf unsere Familie der Niedergang, und seit Jahren bin ich geringer als Scherben und Geröll. Wenn ich auch nicht behaupten kann, alles Süße und Bittere durchgekostet zu haben, so habe ich doch die Welt und die Sitten der Menschen ein wenig begriffen. Der Herr Vetter lebt in Brokat und Jade, alles nach Herzenswunsch; gewiss sind seine Aufsätze und seine praktische Befähigung allen anderen überlegen, und darum schätzt Euer Herr Vater ihn so sehr und betrachtet ihn als ‚Kostbarkeit auf der Matte'. Darum sagte ich gerade, dass Euer Name Euch wahrhaft gebührt."
„Ihr haltet mich nur für ein weiteres Weltkind, das einem Wahn verfallen ist! Doch das ist falsch. Schon lange Zeit wollte ich eine Nonne sein. Ich wußte nur nicht, wie ich dieses Ziel erreichen sollte.
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Die Schwestern gaben sich bewegt: „Bitte, Fräulein, sagen Sie so etwas nicht! Wenn die erste Frau Dschën das hörte, würde sie uns gewaltig schelten und uns aus dem Kloster werfen. Ein junges Fräulein mit so einem guten Herz wie du, in so eine gute Familie geboren – du wirst mit Sicherheit einen netten jungen Schwiegersohn heiraten und dein Leben in Prunk und Gelassenheit verbringen.“
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Als Kaufmann Schatzjade das hörte, erkannte er darin wieder die alten Phrasen der „Gehaltsschmarotzer" und suchte nach einer Antwort. Kaufmann Huan, zu dem noch niemand gesprochen hatte, war längst unzufrieden. Kaufmann Lan hingegen fand diese Worte sehr nach seinem Geschmack und sagte: „Was der Herr Onkel sagt, ist gewiss allzu bescheiden. Was aber Aufsätze und praktische Befähigung betrifft — wahres Talent und wahre Gelehrsamkeit kommen erst durch Erfahrung hervor. Euer kleiner Neffe ist zwar jung und versteht noch nicht, was ein Aufsatz eigentlich ist, doch wenn ich das Gelesene sorgfältig durchdenke, erscheinen mir üppige Speisen und prächtige Gewänder gegenüber einem guten Ruf und weitem Ansehen wirklich hundertmal unbedeutender."
Hsi-tschuns errötete und fiel ihnen ins Wort: „Was läßt euch glauben, daß meine Schwiegerschwester euch fortgeschickt hätte und ich nicht Nonne werden kann?
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Die Schwestern bemerkten, wie ernst es ihr war, und entschieden, sie noch etwas weiter anzutreiben: „Fühlen Sie sich nicht angegriffen, Fräulein. Doch glauben Sie wirklich, daß die Damen und die jungen Damen das Fräulein gehen lassen würden? Sie werden sich selbst damit nur unnötigen Ärger bereiten. Das Fräulein sollte sollten an sich denken.“ –
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Noch bevor der Zhen-Schatzjade antworten konnte, hörte Kaufmann Schatzjade die Worte des jungen Lan und war in seinem Inneren noch weniger einverstanden. Er dachte: „Seit wann hat auch dieses Kind diese säuerlichen Theorien übernommen?" Und sagte: „Ich habe vernommen, dass der Herr Vetter die gewöhnlichen Sitten verachtet und sein Wesen auf ganz eigene Einsichten gründet. Heute habe ich das Glück, mit dem duftenden Vorbild zusammenzutreffen, und wünschte, eine Lehre über die Überwindung des Gewöhnlichen und den Eintritt in die Sphäre der Heiligen zu empfangen, um damit die profane Gesinnung reinzuwaschen und den Blick neu zu öffnen. Unerwartet haltet Ihr mich für einen Dummkopf und speist mich mit Weltreden ab."
„Wir werden sehen“, war Hsi-tschuns knapper Kommentar.
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Tsai-ping glaubte, das würde zu nichts führen, und warf den Nonnen einen bedeutungsvollen Blick zu. Sie bemerkten den Hinweis und waren zu ängstlich, um Hsi-tschun weiter anzutreiben. Sie verabschiedeten sich. Hsi-tschun hielt sie nicht zurück, blickte ihnen verächtlich nach und sagte: „Glaubt nicht, Euer Kloster sei das einzige auf dieser Welt!“
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Als der Zhen-Schatzjade das hörte, verstand er innerlich: „Er kennt mein jugendliches Wesen und argwöhnt daher, ich verstelle mich. Am besten spreche ich offen; vielleicht gewinne ich so einen Herzensfreund." Er sagte: „Des Herrn Vetters erhabene Darlegung ist fürwahr aufrichtig. Doch auch ich habe in meiner Jugend jene alten Phrasen und abgedroschenen Reden zutiefst verabscheut. Nur wird man Jahr um Jahr älter. Mein Vater lebt im Ruhestand zu Hause und hat keine Lust mehr, Gäste zu empfangen, und hat mich damit betraut. Als ich dann all jene Herren und hohen Beamten kennenlernte, sah ich, dass sie allesamt Männer waren, die ihre Vorfahren ehrten und ihren Namen rühmten. Auch jene, die Bücher verfassten und Lehren aufstellten, sprachen von nichts anderem als Treue und Kindespietät, und jeder von ihnen hatte ein eigenes Werk, Tugend und Worte für die Nachwelt zu hinterlassen. So lebt man nicht umsonst in einer aufgeklärten Zeit und wird auch der Gnade seiner Väter und Lehrer gerecht, die einen aufgezogen und unterwiesen haben. Darum habe ich die Hirngespinste und Schwärmereien meiner Jugend allmählich abgelegt. Nun suche ich noch Lehrer und Freunde, die mich in meiner Beschränktheit unterweisen. Dass ich heute den Herrn Vetter treffe — gewiss kann er mir etwas lehren. Was ich vorhin sagte, war keineswegs leeres Gerede."
Die Nonnen hielten es für klüger, nicht zu antworten.
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Tsai-ping war über den Lauf der letzten Ereignisse betrübt und fürchtete, daß sie dafür beschuldigt werden könnte, wenn sie Frau You irgendeine bedauerliche Mitteilung vorenthielt: „das vierte Fräulein [Hsi-tschun] möchte sich immer noch den Kopf rasieren und eine Nonne werden. Sie war in den letzten Tagen nicht krank, sie lag zu Hause und haderte mit dem Schicksal. Vielleicht wäre es sicherer, ein bißchen aufzupassen. Wenn irgendwas passiert, werden wir später beschuldigt.“ –
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Kaufmann Schatzjade wurde das Zuhören immer unerträglicher, doch er mochte nicht unfreundlich sein und musste sich mit ausweichenden Worten behelfen. Zum Glück kam aus dem Inneren die Nachricht: „Wenn die Herren draußen mit dem Essen fertig sind, wird der junge Herr Zhen gebeten, nach drinnen zu kommen." Schatzjade ergriff die Gelegenheit und lud den Zhen-Schatzjade ein, mitzukommen. Jener gehorchte und ging voran; Kaufmann Schatzjade und die anderen begleiteten ihn zu Frau Wang. Kaufmann Schatzjade sah, dass Dame Zhen den Ehrenplatz einnahm, und begrüßte sie zunächst. Kaufmann Huan und Kaufmann Lan stellten sich ebenfalls vor. Der Zhen-Schatzjade begrüßte seinerseits Frau Wang. Die beiden Mütter und die beiden Söhne — sie musterten einander. Obwohl Kaufmann Schatzjade schon verheiratet war, war Dame Zhen bereits in den Jahren und eine alte Verwandte; als sie sah, dass sein Aussehen und seine Gestalt ihrem eigenen Sohn glichen, konnte sie sich einer gewissen Wärme nicht erwehren. Von Frau Wang gar nicht zu reden — sie nahm den Zhen-Schatzjade bei der Hand und fragte dies und das; sie fand ihn reifer als ihren eigenen Schatzjade. Auch Kaufmann Lan war von klarer und überragender Anmut — wenn er auch nicht ganz an die Ähnlichkeit der beiden Schatze heranreichte, so war er doch recht ansehnlich. Nur Kaufmann Huan war grob und plump. Es war wohl unvermeidlich, dass ein wenig Voreingenommenheit mitschwang.
„Sie will nicht wirklich von zuhause fort und einen heiligen Schwur ablegen“, sagte Frau You. „Sie glaubt nur, sie kann den ersten gnädigen Herr [Dschën] dazu benutzen, meine Autorität in Frage zu stellen. Nun, soweit ich betroffen bin, kann sie ruhig gehen und soll ihr Glück versuchen!“
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Tsai-ping versuchte dennoch, Hsi-tschun von ihrem drastischen Vorhaben abzubringen. Doch Hsi-tschun blieb bei ihrem Entschluß, sie nichts mehr und ihr einziger Gedanke war nun, den letzten Schritt zu wagen und ihr letztes Haar abzuschneiden. Tsai-ping und die anderen konnten das nicht länger ertragen und erzählte es allen Damen. Die Damen Wang und Hsing versuchten mehrere Male, es Hsi-tschun auszureden, doch ihre Mühen waren umsonst. Sie schien wie besessen.
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Als die Anwesenden die beiden Schatze beisammen sahen, kamen alle herbei, um sie anzuschauen, und sagten: „Wahrhaftig ein Wunder! Dass die Namen gleich sind, sei dahingestellt — aber wie können Gesicht und Gestalt so genau übereinstimmen? Zum Glück trägt unser Schatzjade Trauer; trügen sie die gleiche Kleidung, könnte man sie auf Anhieb nicht unterscheiden." Unter den Anwesenden überkam Zijuan ein Anflug von Schwermut: Sie dachte an Kajaljade und sagte sich im Stillen: „Wie schade, dass Fräulein Lin gestorben ist. Wäre sie noch am Leben, hätte man jenen Zhen-Schatzjade ihr geben können sie wäre gewiss einverstanden gewesen."
Die zwei Damen Wang und Hsing wollten gerade gehen, um es Djia Dschëng zu berichten, als sie von draußen hörten: „Frau Dschën ist mit ihrem jungen Herr Bau-yü da.“ Sie eilten hinaus, um ihre Gäste zu empfangen, und führten sie [Frau Dschën] in die Gemächer der Dame Wang, wo sie sich alle setzten, förmliche Grüße austauschten und sich freundlich miteinander unterhielten. Näheres wird darüber nun nicht berichtet. Dame Wang machte eine Anspielung, dass Dschën Bau-yü und ihr eigener Bau-yü gleich aussähen. Sie wollte Dschën Bau-yü selbst sehen. Es wurde sofort nach ihm geschickt, doch als Antwort wurde überbracht, daß der junge Herr Dschën sich mit dem gnädigen Herrn [Dschëng] im äußeren Studierzimmer unterhielt und daß sie eine wichtige Angelegenheit klären müßten. Unser zweiter Herr [Bau-yü], der dritte Herr [Huan] und der ältere Bruder Lan wurden auch versammelt, um im Studierzimmer ihr Mittagessen einzunehmen. Nach dem Essen kämen sie her. Nun wurde den Damen das Mittagessen serviert.  
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Djia Dschëng, der selbst die anatomische Ähnlichkeit zwischen Dschën Bau-yü und [seinem eigenen Sohn] Bau-yü bemerkt hatte, fuhr fort, die literarischen und scholastischen Fertigkeiten des jungen Mannes zu testen und war zutiefst beeindruckt von den flüssigen Antworten, die er gab. Er schickte nach [seinem eigenen Sohn] Bau-yü und anderen zwei Jungen, um ihnen diese Vorbilder an Tugendhaftigkeit vorzuführen, als Anreiz und Ermahnung und insbesondere, um Bau-yü eine günstige Gelegenheit des Selbstvergleichs zu bieten.
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Gerade als sie in solche Gedanken versunken war, hörte sie Dame Zhen sagen: „Neulich erzählte mir mein Mann, unser Schatzjade sei nun auch alt genug. Er bittet den Herrn hier, sich nach einer guten Partie für ihn umzusehen." Frau Wang war dem Zhen-Schatzjade zugetan und sagte ohne Umschweife: „Auch ich hatte daran gedacht, für Euren Sohn zu vermitteln. In unserer Familie gibt es vier junge Damen: Bei dreien ist nichts mehr zu machen — die eine ist gestorben, die anderen verheiratet. Dann gibt es noch die Schwester unseres Neffen Zhen, doch sie ist einige Jahre zu jung — das dürfte schwierig sein. Hingegen sind da zwei Cousinen unserer ältesten Schwiegertochter, die beide von vortrefflicher Erscheinung sind. Das Zweite Fräulein ist allerdings schon versprochen; das Dritte Fräulein wäre gerade recht für Euren Sohn. Eines Tages werde ich für ihn den Heiratsvermittler machen. Nur ist die finanzielle Lage ihrer Familie derzeit etwas beengt." Dame Zhen sagte: „Gnädige Frau, das ist zu höflich. Was haben wir heutzutage noch vorzuweisen? Wahrscheinlich fürchten eher andere, wir seien arm geworden!" Frau Wang sagte: „In Eurem Hause hat man nun wieder ein Amt erlangt; in Zukunft wird nicht nur alles wie früher sein, sondern gewiss noch glanzvoller als je zuvor." Dame Zhen lachte: „Wenn es nach den Worten der Gnädigen Frau ginge, wäre das wunderbar. Dann bitten wir die Gnädige Frau, als Bürgin zu fungieren."
Bau-yü kam der Bitte sofort nach und erschien in farbloser Kleidung in Begleitung seines Bruders [Huan] und seines Neffen [Lan]. Als er Dschën Bau-yü zum ersten Mal sah, schien es ihm fast, als wäre er mit einem alten Freund wieder vereint, und die Freude beruhte auf Gegenseitigkeit. Sie verbeugten sich voreinander, und Djia Huan und Djia Lan taten es ihnen gleich. Djia Dschëng saß auf einer Matte am Boden und hatte Dschën Bau-yü bei seiner Ankunft, einen Stuhl zum Sitzen angeboten, eine Einladung, die Dschën Bau-yü deutlich zurückwies, da der Ältere sich auf einer niederen Ebene befand. Stattdessen setzte er sich auf ein Kissen am Boden. Nun, da Bau-yü und die anderen beiden die Gesellschaft begleitet hatten, wäre es für sie kaum angemessen, mit Djia Dschëng auf dem Boden zu sitzen. Andererseits konnten sie auch nicht stehen bleiben, während Dschën Bau-yü, ihr Altersgenosse, unter ihnen saß. Djia Dschëng löste das Dilemma, indem er selbst aufstand, sich eine Weile mit ihnen unterhielt und dann die Diener anwies, das Mittagessen aufzutragen.
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„Ich werde euch nun verlassen müssen“, sagte er zu Herrn Dschën, „bitte entschuldigt mich. Ich werde euch an die jüngere Generation weiterreichen, die noch viel von euch lernen wird.“ –
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Als der Zhen-Schatzjade hörte, dass man über Heiratsangelegenheiten sprach, verabschiedete er sich und ging hinaus. Kaufmann Schatzjade und die anderen begleiteten ihn zum Arbeitszimmer, wo sie auf Kaufmann Aufrecht trafen. Man wechselte noch einige Worte im Stehen, bis die Diener der Familie Zhen kamen und dem Zhen-Schatzjade ausrichteten: „Die gnädige Frau will aufbrechen; sie bittet den jungen Herrn zurückzukehren." Darauf verabschiedete sich der Zhen-Schatzjade. Kaufmann Aufrecht befahl Schatzjade, Huan und Lan, ihn hinauszubegleiten. Mehr braucht davon nicht erzählt zu werden.
„Wenn Ihr euch empfehlt, so bin ich es, Herr“, antwortete Dschën Bau-yü mit freundlicher Bescheidenheit, „der erfürchtig erwartet, viel von diesen Ehrenmännern zu lernen.
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Djia Dschëng antwortete noch etwas und brach auf. Dabei hielt er freundlich Dschën Bau-yü davon ab, ihn zu begleiten, doch gestattete es Bau-yü und die anderen, die voranschritten und hinter der Schwelle auf Djia Dschëng warteten, um Djia Dschëng in das innere Studierzimmer zu geleiten.
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Schatzjade hatte, seit er neulich vom Vater des Zhen-Schatzjade erfahren hatte, dass dieser nach der Hauptstadt komme, Tag und Nacht auf diese Begegnung gewartet. Heute nun, da er ihn sah, hatte er geglaubt, einen Seelenverwandten zu finden. Stattdessen stellte sich nach langem Gespräch heraus, dass sie wie Eis und Glut zueinander standen. Verstimmt kehrte er in sein Zimmer zurück, sprach kein Wort und lachte nicht, sondern starrte nur vor sich hin. Schatzspange fragte: „Sieht der Zhen-Schatzjade wirklich so aus wie du?" Schatzjade antwortete: „Im Aussehen gleicht er mir tatsächlich. Doch im Gespräch zeigt sich, dass er nichts versteht — er ist auch nur ein Gehaltsschmarotzer." Schatzspange sagte: „Schon wieder redest du über andere her. Wie kommst du darauf, dass er auch ein Gehaltsschmarotzer sei?" Schatzjade erwiderte: „Er hat einen halben Tag lang geredet, ohne eine einzige erleuchtende Einsicht zu äußern; nur immer ‚Aufsätze und praktische Befähigung' und ‚Treue und Kindespietät'. Ist so ein Mensch etwa kein Gehaltsschmarotzer? Nur schade, dass er so ein Gesicht hat wie ich. Wenn ich an ihn denke, möchte ich am liebsten mein eigenes Aussehen nicht mehr haben." Schatzspange hörte ihn schon wieder Unsinn reden und sagte: „Du sagst wirklich Dinge, die einen zum Lachen bringen. Wie kann man sein Aussehen nicht mehr haben wollen? Außerdem sind seine Worte vernünftig. Als Mann sollte man sich natürlich einen Namen machen. Wer wie du nur weicher Zuneigung und privater Gefühlsduselei nachhängt! Statt dir deine eigene Weichheit einzugestehen, schimpfst du andere Gehaltsschmarotzer."
Sie kehrten zurück, baten Herr Dschën Bau-yü, sich wieder zu setzen und man unterhielt sich ganz gewöhnlich gemäß diesem langerwarteten und ersehnten Treffen; davon sollen nun keine Details berichtet werden.
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Wie Djia Bau-yü Dschën Bau-sah, wurde er sofort an ihre frühere Traumbegegnung erinnert. Er wußte aus Berichten über Dschën Bau-, daß sein Jade-Gegenstück eine Person seines Herzens wäre und er bestimmt war, in ihm einen wahren Freund zu finden. Da dies nun ihre erste wirkliche Begegnung war und weil Djia Huan und Djia Lan anwesend waren, spürte er das Bedürfnis, etwas diskreter zu sein und behalf sich mit freundlichen Übertreibungen, die zu solchen Gelegenheiten üblich sind: „Lang habe ich Sie aus der Ferne bewundert, doch bis heute ist mir die Ehre verwehrt geblieben, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen. Der heutige Tag ist ein Segen für mich. Vor mir sehe ich nun die Wiedergeburt eines perfekten Unsterblichen.“
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Schatzjade hatte das Gerede des Zhen-Schatzjade schon kaum ausgehalten; nun wurde er auch noch von Schatzspange zurechtgewiesen und war noch weniger in Stimmung. Verdrossen und benommen, merkte er nicht, wie sein altes Leiden wieder aufloderte. Er sprach kein Wort und lächelte nur noch dümmlich. Schatzspange wusste nicht, was in ihm vorging; sie glaubte, sie habe etwas Falsches gesagt und er verspotte sie mit seinem kalten Lächeln, und kümmerte sich nicht weiter um ihn. Doch von jenem Tag an wurde er immer verwirrter. Dufthauch und die anderen versuchten, ihn aufzumuntern, doch er sprach kein Wort. Nach einer Nacht war er am nächsten Morgen nur noch geistesabwesend — ganz wie bei seinem früheren Leiden.
Dschën Bau-yü hatte auch bereits viel von Djia Bau-yü gehört und fand, daß die Realität seine Erwartungen noch übertraf.
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‚Er scheint eine angemessene Begleitung für meine Studien‘, dachte er bei sich, ‚doch kaum jemand teilt mein Streben. Doch er hat meinen Namen und sieht aus wie ich. Wir müssen irgendwie über den Fels der Wiedergeburt seelenverwandt sein. Ich habe erst sehr spät Fortschritte im Verstehen der höheren Prinzipien gemacht und sollte deshalb versuchen, an ihn weiterzugeben, was ich gelernt habe. Doch da dies unser erstes Treffen ist und da ich nicht sicher bin, wo unsere Sympathien liegen, sollte ich behutsam vorgehen.
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Eines Tages war es so weit: Da Bewahrfrühling sich unbedingt das Haar abschneiden und Nonne werden wollte, Frau You sie nicht davon abhalten konnte, und es den Anschein hatte, dass Bewahrfrühling sich das Leben nehmen würde, wenn man ihr nicht nachgab — obwohl man Tag und Nacht Wachen bei ihr aufstellte, konnte das auf Dauer keine Lösung sein. So meldete man es Kaufmann Aufrecht. Der seufzte und stampfte mit dem Fuß auf: „Was hat man drüben im Osthaus nur angestellt, dass es so weit gekommen ist!" Er ließ Kaufmann Rong kommen, schalt ihn und befahl ihm, seiner Mutter auszurichten: „Ernsthaft gut zureden! Wenn sie dennoch darauf besteht, ist sie kein Mädchen unserer Familie mehr."
Er antwortete auf Djia Bau-yüs Bemerkungen auf eine Art, die ihm angemessen erschien: „Schon lange weiß ich um eure großen Begabungen. Ich fürchte, daß vor einer Person von solch hervorragender Reinheit, Feinheit und Anmut nur ein gewöhnlicher, dummer Sterblicher steht und durch unsere Namensgleichheit nur ihren Glanz beflecke.
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‚Sein Charakter scheint sympathisch‘, überlegte Djia Bau-yü, wie er dies hörte. ‚Doch warum schmeichelt er mir, als sei ich ein Mädchen? Wir sind doch Männer und daher Geschöpfe der Unreinheit.‘
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Doch als Frau You sie nicht ermahnte, war es besser gewesen; kaum redete sie zu, wurde es schlimmer, und Bewahrfrühling drohte wieder mit dem Tod. Sie sagte: „Als Mädchen kann man nicht ein ganzes Leben lang zu Hause bleiben. Wenn es mir erginge wie der Zweiten Schwester, müssten sich Vater und die Damen Sorgen machen — und überdies ist sie gestorben. Betrachtet mich jetzt so, als wäre ich tot, und lasst mich ins Kloster gehen; dann habe ich ein reines Leben, und das heißt, mich zu lieben. Außerdem gehe ich ja nicht weit weg — das Longcui-Kloster steht auf unserem eigenen Grund; dort will ich asketisch leben. Was auch immer mit mir ist, ihr könnt nach mir sehen. Die frühere Verwalterin der Miaoyu ist noch dort. Wenn ihr mir nachgebt, habe ich mein Leben gerettet; wenn nicht, bleibt mir nichts als der Tod. Sollte ich meinen Herzenswunsch erfüllt bekommen, werde ich, wenn mein Bruder zurückkommt, ihm selbst sagen, dass ihr mich nicht gezwungen habt. Sterbe ich aber, wird mein Bruder bei seiner Rückkehr sagen, ihr hättet mich nicht geduldet." Frau You, die ohnehin mit Bewahrfrühling auf gespanntem Fuß stand, fand ihre Worte einigermaßen einleuchtend und ging, um es Frau Wang zu berichten.
„Ihr lobt mich unverdienterweise“, sagte er, „meine Wenigkeit ist nichts als eine närrische Kreatur, eher ein Lump oder harter Stein. Wie kann ich mit einer Person von solcher Vorzüglichkeit und Erhabenheit wie euch verglichen werden? Ich bin es, der unwert ist, diesen Namen zu tragen.“
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„Als meine Wenigkeit jung war“, dachte Dschën Bau-yü laut zu Gunsten seines neuen Freundes, „war ich blind für meine eigene Beschränkung und folgte Ideen weit über meinem Rang. Doch dann geriet meine Familie in Bedrängnis und wir mußten die letzten Jahre in sehr bescheidenen Verhältnissen verbringen. Obwohl ich sonst kaum Erfahrungen mit der Wechselhaftigkeit des Lebens gemacht habe, fühle ich als Folge davon, daß ich ein höheres Wissen über die Wege der Welt und ein besseres Verständis von der ärmlichen Natur des Menschen erlangt habe. Andererseits haben Sie Ihr ganzes Leben überwiegend in Prunk verbracht, es hat Ihnen an nichts gemangelt, und ich bin sicher, Sie konnten Auszeichnung in literarischen Aufsätzen und in öffentlichen Angelegenheiten erwerben, Auszeichnungen, die Ihrem ehrwürdigen Vater gewiß großen Ruhm bereitet haben, so daß er Sie mit großem Stolz und Zuneigung sieht. Meine Wenigkeit wiederhole, Sie sind des Namens wert, den wir beide tragen.“
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Frau Wang war gerade zu Schatzspange gegangen und sah, dass Schatzjade geistig verwirrt war. Besorgt tadelte sie Dufthauch: „Ihr passt nicht gut genug auf! Der Zweite Herr hat einen Anfall, und ihr kommt nicht einmal, es mir zu melden." Dufthauch entgegnete: „Das Leiden des Zweiten Herrn kommt und geht; mal ist es besser, mal schlechter. Wenn er täglich zur Gnädigen Frau geht, um die Morgenaufwartung zu machen, ist er ganz normal; erst heute ist er etwas verwirrt geworden. Die Zweite Herrin wollte es gerade melden, fürchtete aber, die Gnädige Frau würde sagen, wir schlagen unnötig Alarm." Als Schatzjade hörte, wie Frau Wang Dufthauch und die anderen tadelte, kam ein Moment der Klarheit in ihm auf; aus Angst, sie könnten bestraft werden, sagte er: „Mutter, seid unbesorgt. Mir fehlt nichts; ich fühle mich nur ein wenig bedrückt." Frau Wang sagte: „Du hast nun einmal die Anlage zu diesem Leiden. Sag es rechtzeitig, damit wir den Arzt rufen und du zwei Dosen Medizin nehmen kannst — wäre das nicht besser? Wenn es wieder so weit kommt wie damals, als du den Jade verloren hast, dann wird es aufwendig." Schatzjade sagte: „Wenn die Mutter nicht beruhigt ist, lasst nur den Arzt kommen, ich werde die Medizin nehmen." Frau Wang schickte eine Zofe hinaus, um den Arzt rufen zu lassen. Mit ihren Gedanken ganz bei Schatzjade, vergaß sie die Angelegenheit Bewahrfrühlings. Nachdem der Arzt ihn untersucht und ihm Medizin verschrieben hatte, ging Frau Wang erst zurück.
Djia Bau-yü erkannte nun die verräterische Rhetorik und blieb still, überlegte eine passende Antwort, während Djia Huan sich für seinen Teil unwohl fühlte, so von der Unterhaltung ausgeschlossen zu sein. Djia Lan fand Dschën Bau-yüs kleine Predigt trotzdem höchst geistreich: „Ihr seid einfach zu bescheiden, Herr. Sicher, im Bereich der literarischen Aufsätze und der öffentlichen Angelegenheiten, von denen ihr sprecht, rührt es gewiß von langer Erfahrung her, wahre Fertigkeit und Wissen zu erlangen. Meine Wenigkeit ist natürlich zu jung, um ein solches literarisches Wissen für mich zu beanspruchen, doch eine sorgfältige Prüfung von dem bißchen, was ich gelesen habe, hat mich zu dem Entschluß geführt, daß äußere Anmut und aufgesetzte Feinheit von geringem Wert sind, im Gegensatz zur Bildung eines guten Charakters.
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Djia Bau-yü fand die Bemerkungen seines Neffen äußerst selbstgefällig und überlegte, wo der kleine Neffe nur so zu sprechen gelernt haben könnte. Er versuchte, Dschën Bau-yü eine Antwort vorwegzunehmen: „Meine Wenigkeit hat Sie so verstanden, daß Sie gewöhnliche und umgangssprachliche Äußerungen verurteilen und Ihre eigene Sicht der Welt gebildet haben. Meine Wenigkeit war so glücklich über die Gelegenheit, Sie heute zu treffen und von Ihnen etwas zu lernen, das mir hilft, aus der sterblichen Sphäre, in der wir leben, aufzusteigen und einen geistigeren Bereich zu betreten. Meine Wenigkeit ist sicher, daß eine solche Begegnung helfen würde, mein Herz von weltlichen Gelüsten zu befreien und meine Augen für eine tiefere Sicht der Dinge zu öffnen. Aber ach, meine Wenigkeit entnehme Ihren Worten, daß Sie mich für einen einfachen Menschen halten und mich nur aus Freundlichkeit zu diesem Geschwätz über weltliche Weisheit eingeladen haben.
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Nach einigen Tagen wurde Schatzjade noch verwirrter; er aß und trank kaum noch, und alle machten sich große Sorgen. Gerade war man mit dem Ende der Trauerzeit beschäftigt, und es fehlte an Leuten im Hause; man ließ Kaufmann Yun kommen, um sich um den Arzt zu kümmern. Da in Kaufmann Kettes Haushalt niemand war, bat man Wang Ren, draußen bei den Angelegenheiten zu helfen. Die kleine Qiaojie weinte Tag und Nacht um ihre Mutter und wurde ebenfalls krank. So herrschte im Rongguofu erneut Chaos.
Dschën Bau-yü überlegte: ‚Mit Sicherheit hat er Geschichten von mir als kleines Kind gehört und denkt deshalb, daß ich aus Höflichkeit so spreche und dabei meine wahre Natur verdecke. Ich muß offen mit ihm sein. Wer weiß, vielleicht offenbart er sich doch als wahrer Freund.‘ - „Ich verstehe absolut den Ernst Eurer Bemerkungen“, begann er, „als meine Wenigkeit noch jung war, habe ich auch alles abgelehnt, das inhaltlich flach oder klischeebelastet war. Doch ich wurde älter, und als mein Vater degradiert wurde und keine Neigung mehr zu gesellschaftlicher Unterhaltung hatte, fiel die Führungsrolle auf meine Wenigkeit zurück. Im Zuge meiner Verpflichtungen bemerkte ich, daß jeder der erhabenen Edelleute, denen ich begegnete, unserem Familiennnamen auf die eine oder andere Art Ruhm und Ehre gebracht hatte. All ihre geschriebenen oder gesprochenen Worte waren voll Loyalität und brüderlicher Frömmigkeit, ihr ganzes Leben war der Tugend und der Wahrheit gewidmet und sie waren in der Tat ein passender Beitrag zu der erleuchteten Rolle, in welcher ich lebe. Für die freundlichen und erleuchtenden Anweisungen ihrer Väter und Lehrer gebührt ihnen jede Menge Dankbarkeit. Also verwarf ich allmählich die wirren Theorien und närrischen Gelüste meiner Jugend. Gegenwärtig suche ich immer noch nach Lehrern und Freunden, die mich anleiten können und mich aus meiner benebelten Unwissenheit führen, und ich halte es für einen großen Segen, Sie getroffen zu haben. Ich bin sicher, daß ich von Ihnen viel zu lernen habe. Glauben Sie mir, was ich zuvor sagte, war ernst gemeint!“
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Je mehr Djia Bau-yü hörte, desto verärgerter wurde er. Um der Höflichkeit willen murmelte er etwas Ähnliches als Antwort und wurde vor weiteren Verlegenheiten durch einen Ruf in die inneren Gemächer bewahrt: „Wenn die Herren aufgegessen haben, würde Herr Dschën dann bitte den Damen Gesellschaft leisten?“
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Eines Tages, als man wieder wegen der Trauerfeierlichkeiten nach Hause kam, ging Frau Wang selbst zu Schatzjade und fand ihn ohne Bewusstsein. Alle waren bestürzt; weinend meldeten sie Kaufmann Aufrecht: „Der Arzt hat gesagt, er könne keine Medizin mehr verschreiben; man solle das Letzte vorbereiten." Kaufmann Aufrecht seufzte immer wieder und ging selbst, um nach Schatzjade zu sehen. Als er erkannte, dass es tatsächlich schlecht stand, befahl er Kaufmann Kette, die Vorbereitungen zu treffen.
Bau-yü nutzte diese Gelegenheit, um Dschën Bau-yü den Weg zu zeigen, und sie begaben sich begleitet von Djia Bau-yü und den anderen Jungen zu den Gemächern der Dame Wang. Wie er die Frau Dschën am Ehrenplatz sitzen sah, begrüßte er sie, Djia Huan und Djia Lan taten es ihm gleich, und Dschën Bau-begrüßte die Dame Wang auf die gleiche Weise. Dann saßen sich die beiden Damen und ihre zwei „Jaden“ genau gegenüber. Obwohl Djia Bau-yü nun verheiratet war, war Frau Dschën alt genug, sich aus diesem Anlaß nicht zurückhalten zu müssen, besonders durch die langjährige Verbindung ihrer beiden Familien. Sie sah, wie ähnlich sich die beiden waren und erwärmte sich sofort für Djia Bau-yü. Mit der Dame Wang war es das Gleiche, sie nahm Dschën Bau-yü an die Hand und überhäufte ihn mit Fragen, fand ihn sogar noch reifer als ihren eigenen Bau-yü. Sie blickte Djia Lan an und dachte bei sich, daß er eine feine Figur besitze, doch nicht annähernd auf einer Ebene mit den zwei Bau-yüs war. Djia Huans grobe Erscheinung auf der anderen Seite erweckte keine Sympathie in ihr.
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Als bekannt wurde, daß beide Bau-yüs zusammen waren, kamen alle Mägde vorbei, um nachzusehen.
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Kaufmann Kette wagte nicht zu widersprechen und ließ die Leute alles herrichten, doch er war knapp bei Kasse und in großer Verlegenheit. Da kam jemand hereingelaufen und rief: „Zweiter Herr, es ist schlimm! Schon wieder ein Ärgernis!" Kaufmann Kette wusste nicht, worum es ging, und erschrak gewaltig. Mit aufgerissenen Augen fragte er: „Was ist denn?" Der Diener sagte: „Am Tor ist ein Mönch aufgetaucht, der das verlorene Jadestück des Zweiten Herrn in der Hand hält und zehntausend Silbertael Finderlohn verlangt." Kaufmann Kette spuckte ihm ins Gesicht und sagte: „Ich dachte, es wäre etwas Schlimmes, so wie du in Panik gerätst! Erinnerst du dich nicht an die Fälschung von neulich? Selbst wenn es das echte wäre — der Mensch liegt im Sterben, wozu brauchen wir dann den Jade?" Der Diener sagte: „Das habe ich auch gesagt, aber der Mönch besteht darauf, man solle ihm das Silber geben, dann wäre alles in Ordnung." Gerade als sie noch sprachen, wurde von draußen hereingerufen: „Der Mönch benimmt sich frech und stürmt von selbst herein; die Leute können ihn nicht aufhalten!" Kaufmann Kette rief: „Was für eine Unverschämtheit! Warum prügelt ihr ihn nicht hinaus!"
„Unglaublich!“ murmelten sie zueinander.
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„Daß sie denselben Namen haben ist das eine; aber sie sehen ja noch gleich aus – Gesicht, Figur, alles! Glücklicherweise ist unser Bau-yü in Trauerweiß gekleidet, sonst könnte man sie nicht auseinanderhalten!“
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Während des Tumults hörte auch Kaufmann Aufrecht davon und wusste nicht, was er tun sollte. Aus dem Inneren kam weinend die Nachricht: „Es steht schlecht um den Zweiten Herrn!" Das beunruhigte Kaufmann Aufrecht noch mehr. Da rief der Mönch: „Wollt ihr ein Leben retten, dann gebt mir das Silber!" Kaufmann Aufrecht dachte plötzlich: „Beim letzten Mal wurde Schatzjades Krankheit von einem Mönch geheilt; vielleicht ist dieser Mönch wieder ein Retter. Doch wenn der Jade echt ist und er Silber verlangt, was dann?" Er überlegte: „Lassen wir das vorerst beiseite. Wenn der Mensch gerettet wird, können wir weiter sehen."
Dsï-djüan war besonders verblüfft. Sie dachte an Dai-yü: ‚Wenn Fräulein Lin nur noch leben würde! Sie hätten sie mit Dschën Bau-yü verheiraten können. Das hätte sie bestimmt gern getan.
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Als sie eben diesen Gedanken faßte, hörte sie Frau Dschën sagen: „Vor einigen Tagen hat unser gnädiger Herr, der nun meint, unser Bau-yü sei in einem heiratsfähigen Alter, glaube ich, den gnädigen Herrn [Dschëng] gebeten, sich nach einer passenden Braut für ihn umzuschauen.
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Kaufmann Aufrecht schickte jemanden, den Mönch hereinzubitten, doch der war schon von selbst hereingekommen. Ohne eine Verbeugung, ohne ein Wort rannte er geradewegs nach drinnen. Kaufmann Kette hielt ihn fest: „Dort drinnen sind nur Frauen! Du wilde Kreatur, was rennst du umher?" Der Mönch rief: „Wenn wir zu spät kommen, kann er nicht mehr gerettet werden!" Kaufmann Kette lief hinterher und schrie: „Drinnen, hört auf zu weinen! Der Mönch kommt herein!" Frau Wang und die anderen weinten und hörten nichts. Kaufmann Kette kam herein und schrie erneut. Frau Wang und die anderen drehten sich um und sahen einen großen Mönch — sie erschraken und konnten nicht mehr ausweichen. Der Mönch ging geradewegs zum Ruhebett Schatzjades. Schatzspange wich zur Seite. Dufthauch sah, dass Frau Wang dastand, und wagte nicht, wegzugehen. Der Mönch sagte: „Meine Gönnerinnen, ich bringe den Jade zurück." Er hielt den Jade hoch und rief: „Gebt mir schnell das Silber, damit ich ihn retten kann!" Frau Wang und die anderen waren vor Bestürzung ganz verwirrt und fragten nicht nach echt oder falsch: „Wenn Ihr den Menschen rettet, ist das Silber da." Der Mönch lachte: „Her damit." Frau Wang sagte: „Seid unbesorgt, wir werden es zusammenbekommen."
Die Dame Wang war bereits sehr von Dschën Bau-yü angetan und antwortete, ohne zu zögern: „Ich wäre froh, als Ehestifterin für Ihren Sohn dienen zu können. Von unseren vier Mädchen sind leider zwei gestorben und eine ist bereits verheiratet. Unser erster Neffe Dschën hat eine unverheiratete jüngere Schwester, doch sie ist noch ein wenig zu jung. Ich habe aber eine andere Idee. Meine ältere Schwiegertochter, hat zwei Kusinen, zwei gut aussehende Mädchen. Das zweite Fräulein ist bereits verlobt, doch das dritte Fräulein nicht und würde eine ausgezeichnete Braut für ihren Sohn abgeben. Ich könnte morgen für ihren Sohn einen Vorschlag einreichen. Ich sollte vielleicht erwähnen, daß sich Ihre Familie in etwas bescheidenen Umständen befindet.“ –
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„Gnädige Herrin ist unnötig freundlich“, sagte Frau Dschën. „Heutzutage möchte jeder nur von sich herumprahlen. Tatsächlich könnten Sie uns unter Ihnen stehen sehen.“ –
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Der Mönch lachte laut und hielt den Jade an Schatzjades Ohr. „Schatzjade, Schatzjade! Dein Schatzjade ist zurück!", rief er. Kaum hatte er das gesagt, als Frau Wang und die anderen sahen, wie Schatzjade die Augen öffnete. Dufthauch rief: „Es geht ihm besser!" Schatzjade fragte: „Wo ist er?" Der Mönch legte ihm den Jade in die Hand. Zunächst hielt Schatzjade ihn fest umklammert, dann drehte er langsam die Hand und hob ihn vor seine Augen. Sorgfältig betrachtete er ihn und sagte: „Ach! Lange nicht gesehen." Alle, drinnen und draußen, freuten sich und riefen „Buddha sei gepriesen!"; selbst Schatzspange vergaß, dass ein Mönch im Raum war.
„Ihr Mann ist doch vor kurzem rehabilitiert worden“, sagte die Dame Wang, „und ich bin sicher, daß er in Zukunft nicht nur zu seinem alten Erfolg zurückkehren, sondern seinen Ruhm noch vermehren wird.
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Frau Dschën lächelte: „Wenn Ihre Prophezeiungen nur wahr würden. Nun, in diesem Fall sollte ich dankbar sein, wenn die gnädige Herrin diesen Ehevorschlag für uns einreichen würdet.“
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Auch Kaufmann Kette kam herüber, um nachzusehen; als er sah, dass Schatzjade tatsächlich wieder zu sich gekommen war, freute er sich und eilte hinaus. Der Mönch, ohne ein Wort zu sagen, fasste Kaufmann Kette und rannte los. Kaufmann Kette folgte ihm notgedrungen nach vorn, um Kaufmann Aufrecht Bericht zu erstatten. Als Kaufmann Aufrecht die Nachricht hörte, freute er sich und suchte sogleich den Mönch, um sich zu verneigen und zu danken. Der Mönch erwiderte die Verbeugung und setzte sich. Kaufmann Kette argwöhnte: „Er wird erst gehen, wenn er das Silber bekommen hat." Kaufmann Aufrecht betrachtete den Mönch genauer — es war nicht derselbe wie beim letzten Mal — und fragte: „Aus welchem Kloster kommt Ihr? Wie lautet Euer ehrwürdiger Name? Wo habt Ihr diesen Jade gefunden? Warum wurde mein Sohn sofort gesund, als er ihn sah?" Der Mönch lächelte nur leicht und sagte: „Ich weiß auch nicht; gebt mir nur die zehntausend Tael Silber, und alles ist erledigt." Kaufmann Aufrecht sah, dass der Mönch ein rauer Gesell war, wagte aber nicht, ihn zu kränken, und sagte: „Wir haben es." Der Mönch sagte: „Wenn ihr es habt, dann bringt es schnell. Ich will gehen." Kaufmann Aufrecht sagte: „Wartet einen Augenblick, ich gehe nur kurz hinein, um nachzusehen." Der Mönch sagte: „Geht, aber kommt schnell zurück."
Wie Dschën Bau-yü die Unterhaltung über seine Verlobung vernahm, entschuldigte er sich und wurde von Djia Bau-yü und den anderen Jungen zurück ins Studierzimmer begleitet, wo sie Djia Dschëng wiedertrafen und sich eine Weile unterhielten. Dann erschien einer der Dschën-Diener, um nach Dschën Bau-yü zu rufen: „Gnädige Herrin [Dschën] bricht nun auf, Herr und möchte, daß ihr mitkommt.
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Dschën Bau-yü verabschiedete sich und Djia Dschëng wies Bau-, [Djia] Huan und [Djia] Lan an, ihn hinaus zu begleiten. Und hier müssen wir ihn verlassen.
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Kaufmann Aufrecht ging tatsächlich hinein, ohne lange zu erklären, und trat an Schatzjades Ruhebett. Schatzjade sah seinen Vater kommen und wollte sich aufrichten, doch er war zu schwach dazu. Frau Wang hielt ihn nieder und sagte: „Beweg dich nicht." Schatzjade lächelte und hielt den Jade hoch, damit sein Vater ihn sehe: „Der Schatzjade ist da." Kaufmann Aufrecht warf einen kurzen Blick darauf, wusste um den besonderen Ursprung dieses Steins und betrachtete ihn nicht weiter. Er fragte Frau Wang: „Schatzjade hat sich erholt — wie machen wir es mit dem Finderlohn?" Frau Wang sagte: „Ich werde alles, was ich habe, zusammentragen und ihm geben." Schatzjade sagte: „Ich glaube nicht, dass dieser Mönch wirklich Silber will." Kaufmann Aufrecht nickte: „Ich finde ihn auch merkwürdig, doch er verlangt ständig Silber." Frau Wang sagte: „Geht hinaus und haltet ihn erst einmal hin." Kaufmann Aufrecht ging hinaus.
Seit seiner früheren Begegnung mit Dschën Bau-yüs Vater hatte Djia Bau-yü voller Vorfreude und Ungeduld auf die Ankunft Dschën Bau-yü gewartet und gehofft, in ihm einen guten Freund zu finden. Da sie sich nun begegnet waren, war er völlig desillusioniert, hatte ihrer Unterhaltung entnommen, daß sie wie gegensätzliche Pole waren, weit voneinander entfernt wie sprichwörtlich Eis und Kohle. Er begab sich zurück in seine Gemächer in einer Stimmung absoluter Niedergeschlagenheit, sagte nicht ein Wort, gab nicht ein Lächeln von sich, sondern starrte leer in den Raum.
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„Nun?“, fragte Bau-tschai, „ist Dschën Bau-yü denn dein ‚lebendes Ebenbild‘?“
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Schatzjade klagte über Hunger; er trank eine Schale Reissuppe und verlangte dann feste Nahrung. Die Dienerinnen brachten tatsächlich Reis, doch Frau Wang traute sich nicht, ihm davon zu geben. Schatzjade sagte: „Es schadet nicht, mir geht es schon besser." Er aß eine Schale, und sein Geist kehrte sichtlich zurück. Er wollte sich aufsetzen. Mondschein trat leise hinzu und stützte ihn; in ihrer Freude vergaß sie sich und sagte: „Wahrhaftig ein Schatz! Kaum hat er ihn kurz gesehen, geht es ihm schon wieder gut. Zum Glück ist er damals nicht zerschlagen worden." Als Schatzjade das hörte, verfärbte er sich, warf den Jade von sich und fiel rücklings hin.
„Er sieht auf jeden Fall aus wie ich“, antwortete Bau-yü, „doch daran, wie er sprach, konnte ich erkennen, daß er nur ein Narr ist, nur ein weiterer Karrierewurm.“ –
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„Da haben wir es, wieder suchst du nur nach den Fehlern!“, protestierte Bau-tschai, „wie kannst du so schnell wissen, daß er ein Karrierewurm ist?“ –
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Ob er lebte oder starb — das wird im nächsten Kapitel erzählt.
„Er hat viel geredet“, antwortete Bau-yü, „und in dem, was er sagte, war nichts Tiefgründiges oder Erleuchtendes. Er sprudelte nur von ‚literarischen Aufsätzen und öffentlichen Angelegenheiten‘, und ‚Loyalität und brüderlicher Frömmigkeit‘. Spricht so nicht ein Wurm? Es ist eine Schande, daß er aussieht wie ich. Da ich nun weiß, wie er ist, wünschte ich, er sähe anders aus.
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== Anmerkungen ==
Bau-tschai wußte, daß er wieder eine seiner Marotten hatte: „Was du sagst, ist doch lächerlich! Wie kannst du denn anders aussehen? Seine Gedanken erscheinen mir soweit vernünftig. Ein Mann sollte im Leben vorankommen wollen und etwas erreichen. Nur weil du so überempfindlich und von deinen Gefühlen so eingenommen bist, heißt das etwa, daß jeder andere auch so sein muß? Du bezeichnest ihn schimpflicherweise als einen Wurm, obwohl du es bist, der keine Charakterstärke hat!“
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<references />
Bau-yü fand Dschën Bau-yüs Predigt bereits ärgerlich genug. Mit Bau-tschais Hetzrede obendrauf fühlte er sich, als würde er in einem Sumpf der Verzweiflung versinken. Ein vertrautes Gefühl überwältigender Verschwommenheit schien ihn zu überkommen, und er konnte den nahenden Zusammenbruch spüren. Er sagte nichts, doch lächelte er leer, zur Verwirrung von Bau-tschai. Sie vermutete, daß er lächelte, um seine Empörung über ihre harten Worte zu verdecken, und entschied deshalb, ihn zu ignorieren. Doch für den Rest des Tages blieb er weiterhin so benebelt, weigerte sich sogar, mit Hsi-jën oder den anderen zu sprechen, als sie ihn reizten und als er am nächsten Morgen aufstand, sah er genauso aus wie vor seiner Genesung.
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Die Dame Wang hatte währenddessen beschlossen, Djia Dschëng über Hsi-tschuns Entschluß, sich den Kopf zu rasieren und das Gelübde abzulegen, informieren zu müssen. Frau You hatte sich als unfähig erwiesen, sie davon abzubringen, und es sah danach aus, daß es sie nur in den Selbstmord treiben würde, widersetzte man sich ihrem Willen weiter. Sie bewachten sie Tag und Nacht, doch das war nur eine vorübergehende Maßnahme. Ihr Vorhaben konnten so nicht für immer verhindert werden. Djia Dschëng seufzte und stampfte mit dem Fuß: „Womit hat das Östliche [Ning-guo-]Anwesen nur so ein Ende verdient.“
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Er schickte nach Djia Jung: „Geh und sag’ deiner Mutter, daß sie sich ein letztes Mal bemühen soll, Hsi-tschun davon abzubringen. Wenn das Mädchen dann weiterhin auf seiner Narrheit besteht, werden wir es einfach so behandeln, als sei es kein Mitglied unserer Familie mehr.“
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Frau You tat, wie es ihr aufgetragen war, doch ihre Mühe bewirkte nur das Gegenteil und rief noch mehr Selbstmorddrohungen von Hsi-tschun hervor. „Ich bin ein Mädchen, und du weißt, ich kann nicht für den Rest meines Lebens zu Hause bleiben. Was ist, wenn ich in einer miserablen Ehe wie die zweite Schwester [Ying-tschun] ende? Was hat sie der gnädige Herr [Dschëng] und die gnädige Herrin [Wang] nur für einen Kummer bereitet und dann ist sie gestorben... Wenn du mich liebst, denke von mir, ich sei tot, laß mich gehen, laß mich zumindest versuchen, ein reines Leben zu führen. Ich werde nicht weit weg von zuhause wohnen, nur im Kloster Gefangenes Grün, die ja ein Teil des Gartens und eine alte Familienadresse ist. Miau-yüs Nonnen leben immer noch dort. Das könnte mein Frauenkloster sein. Ihr könnt euch hier um meinen Bedarf kümmern. Bitte laßt mich das tun, das wäre ein Segen für mich. Wenn Sie sich weiterhin gegen mich wenden, zwingen Sie mich, meinem Leben ein Ende zu setzen. Wenn es mir erlaubt ist, meinem gewählten Weg zu folgen und wenn dann mein Bruder zurückkehrt, so werde ich ihm sagen, daß es aus freiem Willen geschehen ist. Doch wenn ich sterbe, wird mein Bruder sicher behaupten, Sie hätten mich in den Tod getrieben.“
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''Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).''
Frau You und Hsi-tschun waren nie miteinander im Einklang gewesen und außerdem konnte Frau You ihre Einwände verstehen. Sie erzählte dies der Dame Wang. Doch die Dame Wang war in Bau-tschais Gemächern, wo sie eben selbst entdeckt hatte, wie sehr sich Bau-yüs Zustand verschlechtert hatte und warf Hsi-jën vor: „Ihr seid alle zu nachlässig! Ihr hättet mir sofort sagen sollen, daß der zweite Herr [Bau-yü] krank geworden ist!“ –
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„Doch Herrin“, flehte Hsi-jën, „Der zweite Herr [Bau-yü] ist oft krank, – an manchen Tagen geht es ihm besser und dann wieder schlechter. Er hat Euch besucht und jeden Morgen seine Pflichten erfüllt und bis jetzt ging es ihm wirklich gut. Nun scheint es eine verrückte Wendung gegeben zu haben. Die zweite Herrin [Bau-tschai] wollte gerade hinüber gehen und es euch mitteilen, sie wollte nur nicht, daß ihr uns scheltet, daß wir so einen Trubel darum machen.“
 
Das Ausschelten Hsi-jëns und die Angst, daß sie und Bau-tschai seinetwegen leiden müßten, schien Bau-yüs Sinne wieder kurzzeitig zu beleben: „Mach’ Euch keine Sorgen, gnädige Frau [Mutter]keine Sorgen, Mutter. Mit mir ist alles in Ordnung. Ich fühle mich nur ein wenig traurig.“ –
 
Frau Wang sagte: „Vergiß nicht, daß du die Neigung hast, krank zu werden. Wenn ich es nur früher gewußt hätte, hätte ich einen Arzt rufen und etwas Medizin besorgen lassen können. Wenn du es selbst soweit kommen läßt, in so einen Zustand zu verfallen wie damals, als du deine Jade verloren hattest, wirst du uns wieder endlosen Ärger bereiten!“ –
 
„Wenn gnädige Frau sich immer noch sorgt, Mutter“, sagte Bau-yü, „dann ruft meinetwegen einen Arzt und besorgt Medizin.
 
Die Dame Wang beauftragte sofort eine Magd, einen Arzt zu rufen und war viel zu sehr mit Bau-yü beschäftigt, um an Hsi-tschuns missliche Lage zu denken. Später kam der Arzt an, untersuchte Bau-yü und schrieb ein Rezept, anschließend kehrte die Dame Wang wieder in ihre eigenen Gemächer zurück.
 
Über die nächsten Tage schien Bau-yü aber trotzdem noch geistesschwächer zu werden als jemals zuvor. Er hörte völlig auf zu essen und sein Zustand verursachte allgemeine Betroffenheit. Als die Zeit für die Zeremonie kam, die das Ende der Trauerperiode um die Herzoginmutter markierte, und da die Familie im Tempel besonders beschäftig war, wurde Djia Yün gerufen, um Bau-yüs Arzt zu befragen. Wegen des Mangels an Männern in Djia Liäns Umgebung, mußte Wang Jën auch hergebeten werden, um bei der Bewachung zu helfen. Tjiau-djiä-örl hatte ihre Mutter Tag und Nacht beweint und war auch krank geworden. In jeder Hinsicht bot das Jung-guo-Anwesen ein Bild des Chaos und des Elends.
 
Als die Familie von ihrem Dienst im Tempel zurückkehrte, ging die Dame Wang sofort Bau-yü besuchen. Sie sah, daß Bau-yüs Zustand sich noch verschlechtert hatte. Bau-yü war bewußtlos und die Diener waren in hilfloser Panik. Die Dame Wang weinte bitterlich, ging zu Djia Dschëng und sagte: „Der Arzt sagt, es sei Zeitverschwendung, ihm weitere Medizin zu verschreiben und wir müssen auf das Schlimmste gefaßt sein.
 
Djia Dschëng seufzte bitter und sah selbst nach. Bau-yü erweckte wirklich den Eindruck, daß er dem Tode nahe sei, und Djia Dschëng trug Djia Liän auf, die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Djia Liän wagte nicht, ihm zu widersprechen und gab umgehend Anweisungen, Bau-yüs letzte Sachen vorbereiten zu lassen. Er fragte sich nur, woher sie das Geld für ein weiteres Begräbnis nehmen sollten, bis einer der Diener aufgeregt in den Raum eilte und schrie: „Der zweite Herr [Liän]! Etwas Schreckliches! Noch eine Katastrophe!“
 
Djia Liän hatte keine Ahnung, was er meinen könnte, und blickte ihn erstarrt vor Angst an: „Was ist es?
 
„Da ist ein Mönch am Tor und sagt, er habe Bau-yüs verlorene Jade wiedergebracht. Er verlangt zehntausend Tael dafür.
 
Djia Liän spuckte dem Diener ins Gesicht: „Verdammt! Ich dachte von deiner Aufregung her, daß es etwas Ernstes sei. Hast du nichts von dem letzten Scherz gehört? Selbst wenn es die richtige Jade wäre, was würde sie dem Jungen denn noch bringen, wenn es bereits keine Hoffnung mehr für den ihn gibt?“ –
 
„Das habe ich selbst gesagt, Herr. Doch der Mönch schwört, daß Bau-yü geheilt würde, sobald wir ihm das Geld gezahlt hätten.
 
Während er sprach, kam ein weiterer Diener schreiend herbeigerannt: „Der Mönch ist verrückt geworden! Er ist ohne zu fragen hereingekommen und niemand kann ihn aufhalten!
 
„Das ist unglaublich!“, rief Djia Liän, „das kann doch nicht wahr sein!
 
Als er erfuhr, was passiert war, verlor Djia Dschëng beinahe genauso seinen Verstand wie Djia Liän. Währenddessen kamen weitere Schreie von innen: „Der zweite Herr Bau[-yü] stirbt!
 
Djia Dschëng war völlig verzweifelt, als er den Mönch rufen hörte: „Wenn ihr wollt, daß der Junge lebt, dann gebt mir das Geld!“ Djia Dschëng dachte plötzlich: „Es war ein Mönch, der Bau-yüs damalige Krankheit geheilt hat; vielleicht kann ihm dieser Mönch auch helfen. Doch wenn es die richtige Jade ist, woher nehmen wir das Geld dafür?
 
Nach einiger Überlegung beschloß er: „Nun gut, darüber denken wir später nach. Laßt uns ihm erst helfen, verhandeln werden wir später.
 
Während Djia Dschëng seine Entscheidung getroffen und einen Diener mit der Einladung abgefertigt hatte, war der Mönch bereits auf seinem Weg und ging, ohne sich rückzuversichern, direkt in Bau-yüs Gemächer. Djia Liän versuchte ihn zurückzuhalten, indem er sagte: „Es sind Damen darin! Ein Landstreicher wie ihr kann da nicht einfach hineinplatzen!“ –
 
„Nur eine Verzögerung“, rief der Mönch, „und es kann zu spät für ihn sein!“ Djia Liän war zu aufgeregt, um ihm zu folgen, und rief verwirrt: „Ruhe! Hört auf zu weinen! Der Mönch ist da!
 
Er rief so weiter, doch die Dame Wang und die anderen waren von Bau-yüs Zustand zu eingenommen, um ihm zuzuhören. Als die Dame Wang und die anderen sich umblickten, waren sie erstaunt, die große, schlacksige Figur des Mönchs auf sie zukommen zu sehen und versuchten im letzten Moment erfolglos, sich zu verstecken, während der Mönch sich direkt zum Ofenbett begab, auf welchem Bau-yü lag. Bau-tschai zog sich etwas zurück, doch Hsi-jën meinte, sie müsse bei der Dame Wang bleiben, die dort stehen blieb, wo sie war.
 
„Meine Damen, ich habe den Jadestein mitgebracht“, verkündete der Mönch. Er hielt ihn hoch, als er fortfuhr: „Gebt mir das Geld, und ich kann ihm helfen.“
 
Der Schock setzte die Dame Wang und die anderen völlig außer Gefecht und sie und die anderen Damen waren gewiß nicht in dem Zustand, die Echtheit des ihnen gezeigten Steins zu beurteilen.
 
„Rettet ihn einfach“, riefen sie, „und das Geld gehört Ihnen!“ Der Mönch lachte. „Ich will es jetzt!“ –
 
„Macht euch keine Sorgen“, sagte die Dame Wang. „Ihr werdet das Geld auf jeden Fall bekommen, auch wenn es das letzte ist, was wir haben.“
 
Der Mönch schien seine Forderung äußerst lustig zu finden und nach einigem Gelächter hielt er den Jade in der ausgestreckten Hand, bückte sich und flüsterte in Bau-yüs Ohr: „Bau-yü! Bau-yü! Dein Jadestein kommt wieder zurück!
 
Kaum hatte er das gesagt, öffnete Bau-yü die Augen ein wenig. „Er lebt!“, rief Hsi-jën euphorisch.
 
„Wo ist er?“, fragte Bau-yü.
 
Der Mönch legte den Jadestein in Bau-yüs Hand.
 
Zuerst umklammerte Bau-yü ihn sanft, dann hob er ihn leicht nach oben und brachte ihn auf Augenhöhe. Er sah ihn genau an und sagte: „Ah! Zuletzt sind wir doch vereint!“
 
Jeder begann, inbrünstige Gebete an Buddha zu schicken, und sogar Bau-tschai schien nun über die männliche Gegenwart des Mönches hinwegzusehen. Djia Liän kam vorbei, um zu sehen, was geschehen war, und das Erblicken des lebendigen Bau-yü erwärmte sein Herz für einen Moment. Plötzlich ging er weg und ohne ein Wort eilte der Mönch ihm nach und holte ihn ein. Djia Liän hatte keine Wahl, als den Mönch in die Empfangshalle zu begleiten und dann hinüber zu Djia Dschëng zu eilen, um ihm davon zu berichten, der sehr erleichtert über diese Neuigkeiten war und umgehend nach dem Mönch schickte, um ihm seinen tiefen Dank auszusprechen. Der Mönch grüßte und setzte sich. Djia Liän dachte besorgt bei sich: „Jetzt wird er nicht mehr gehen, bis man ihn bezahlt hat.
 
Djia Dschëng befragte den Mönch. Er fand heraus, daß er keiner von denen war, die er bei einer anderen Angelegenheit schon gesehen haben könnte.
 
„Von welcher heiligen Unterkunft stammen Sie?“, wollte er wissen. „Und wie lautet Ihr Name in Ihrer Religion? Wo haben Sie den Stein meines Sohnes gefunden? Wie kommt es, daß es meinem Sohn durch ihn so schnell besser ging?
 
Der Mönch begegnete diesem Strom an Fragen mit einem rätselhaften Lächeln: „Fragt mich nicht. Ich habe nicht die geringste Ahnung. Gebt mir nur die Zehntausend Tael, und wir sind fertig.
 
Djia Dschëng konnte sehen, daß er es mit einem sehr groben Typen zu tun hatte und fürchtete eine Konfrontation: „Das Geld? Aber natürlich, Sie sollen es bekommen.“ –
 
„Ich will es jetzt, ich habe es eilig.“ –
 
„Bitte setzen Sie sich einen Moment, während ich sehe, ob es bereit liegt.“ –
 
„Sie beeilen sich besser.
 
Djia Dschëng ging zu den anderen. Er sagte nichts von seinem Gespräch mit dem Mönch, sondern ging direkt zum Ofenbett, in dem Bau-yü lag. Als Bau-yü seinen Vater kommen sah, versuchte er aufzustehen, doch war er noch zu schwach dafür. Die Dame Wang hielt ihn zurück und verlangte, er solle sich auf keinen Fall bewegen, während Bau-yü lächelte und Djia Dschëng den Jadestein mit den Worten überreichte: „Du siehst, die kostbare Jade ist zurückgekehrt!“
 
Djia Dschëng wußte um die übernatürlichen Eigenschaften des Steines. Er blickte ihn an und sagte zu der Dame Wang: „Da Bau-yü nun sein Bewußtsein wiedererlangt hat, wie können wir nun den Mönch bezahlen?“ –
 
„Verkauf alles, was ich besitze!“, antwortete die Dame Wang sofort. „Das sollte reichen.“ –
 
„Ich glaube kaum, daß er nach Geld verlangt,“ warf Bau-yü ein. „Oder?“ Djia Dschëng nickte nachdenklich: „Ich finde es selbst merkwürdig, muß ich sagen. Doch er besteht darauf.“ – „Der gnädige Herr muß gehen und ihn unterhalten“, sagte die Dame Wang, „wir werden sehen, was wir tun können.
 
Als Djia Dschëng fort war, begann Bau-yü, nach Essen zu verlangen. Zunächst aß er eine Schüssel Reisbrei, und dann wollte er etwas Reis, welchen ihm die Ammen brachten. Doch die Dame Wang verbot ihm zu essen.
 
„Es ist alles in Ordnung“, protestierte Bau-yü, „es geht mir besser.
 
Er lehnte sich vor und bediente sich an der Schale Reis. Seine Lebensgeister schienen sichtlich wiederbelebt. Er wollte richtig aufrecht sitzen und Schë-yüä half ihm vorsichtig dabei. Von ihrer Begeisterung über seine Genesung überwältigt rief sie: „Was für ein Schatz dieser Stein sein muß! Man konnte förmlich sehen, wie er Euch half! Ein Glück, daß Ihr ihn nicht in Stücke zerbrochen habt!“
 
Ihre Worte verursachten einen plötzlichen Wechsel in Bau-yüs Gesicht. Er warf den Stein zur Seite und fiel nach hinten.  
 
Doch um zu wissen, ob er überlebte, muß man zum nächsten Kapitel gehen.
 

Revision as of 12:36, 15 April 2026

Kapitel: 1 · 2 · 3 · 4 · 5 · 6 · 7 · 8 · 9 · 10 · [11-20] · [21-30] · [31-40] · [41-50] · [51-60] · [61-70] · [71-80] · [81-90] · [91-100] · [101-110] · [111-120] · ← Inhalt

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Einhundertundfünfzehntes Kapitel

Verblendet durch Voreingenommenheit schwört Bewahrfrühling einen reinen Eid; Der Beweis der Gleichartigkeit — Schatzjade verliert seinen vermeintlichen Seelenverwandten

Es wird erzählt, dass Schatzjade sich verplappert hatte und von Schatzspange in die Enge getrieben worden war; er wollte gerade darüber hinweggehen, als Herbstmuster hereinkam und sagte: „Draußen lässt der Herr den Zweiten Herrn rufen." Schatzjade konnte es gar nicht schnell genug hören und ging davon. Als er bei Kaufmann Aufrecht ankam, sagte dieser: „Ich habe dich nicht wegen etwas anderem rufen lassen. Jetzt, wo du Trauerkleidung trägst, ist es unpassend, zur Schule zu gehen. Zu Hause musst du unbedingt die Aufsätze, die du durchgenommen hast, noch einmal durcharbeiten. Ich habe dieser Tage ohnehin Muße; alle zwei, drei Tage sollst du mir einige Aufsätze schreiben, damit ich sie ansehe und prüfe, ob du in letzter Zeit Fortschritte gemacht hast." Schatzjade musste zustimmen. Kaufmann Aufrecht fuhr fort: „Deinem Bruder Huan und deinem Neffen Lan habe ich ebenfalls aufgetragen, ihre Studien aufzufrischen. Sollten deine Aufsätze schlecht ausfallen und hinter den ihren zurückbleiben, dann wäre das eine Schande." Schatzjade wagte nichts zu erwidern, antwortete nur mit einem „Ja" und blieb stehen. Kaufmann Aufrecht sagte: „Geh nur." Schatzjade zog sich zurück und begegnete auf dem Weg hinaus Verwalter Lai und einigen anderen, die mit Kassenbüchern hereinkamen. Schatzjade eilte im Sturmschritt zurück in sein Zimmer. Als Schatzspange hörte, dass man ihn zum Aufsatzschreiben aufgefordert hatte, freute sie sich sogar darüber. Nur Schatzjade selbst hatte keine Lust, wagte aber auch nicht, es auf die leichte Schulter zu nehmen.

Gerade als er sich setzen und zur Ruhe kommen wollte, kamen zwei Nonnen herein — sie stammten aus dem Dizang-Kloster. Als sie Schatzspange sahen, sagten sie: „Wir grüßen die Zweite junge Herrin." Schatzspange erwiderte halb gleichgültig: „Geht es euch gut?" Dann rief sie jemanden herbei: „Schenkt den ehrwürdigen Meisterinnen Tee ein." Schatzjade hätte gern mit den Nonnen geplaudert, doch da Schatzspange offenbar einen Widerwillen gegen solcherlei hegte, mochte er kein Gespräch anfangen. Die Nonnen wussten, dass Schatzspange eine kühle Person war, und blieben nicht lange. Als sie sich verabschieden wollten, sagte Schatzspange: „Bleibt doch noch ein wenig." Die Nonnen antworteten: „Wir haben im Eisernen Schwellen-Tempel eine Andacht verrichtet und sind schon lange nicht mehr gekommen, um den Damen und jungen Herrinnen unsere Aufwartung zu machen. Heute, da wir hier sind und die Herrinnen und Damen gesehen haben, möchten wir auch noch das Vierte Fräulein besuchen." Schatzspange nickte und ließ sie gehen.

Die Nonnen kamen zu Bewahrfrühling und erblickten die Zofe Buntschirm. „Wo ist das Fräulein?", fragten sie. Buntschirm sagte: „Fragt nicht danach! Das Fräulein hat seit Tagen nichts gegessen und liegt nur da." — „Warum denn?", fragten die Nonnen. Buntschirm sagte: „Das ist eine lange Geschichte. Wenn ihr das Fräulein seht, wird sie es euch vermutlich selbst erzählen." Bewahrfrühling hatte alles schon gehört, richtete sich hastig auf und sagte: „Ihr zwei! Seit unsere Familiengeschäfte schlecht stehen, kommt ihr gar nicht mehr!" Die Nonnen erwiderten: „Amitabha! Ob die Gönner reich sind oder nicht, sie bleiben unsere Gönner. Ganz zu schweigen davon, dass wir aus dem Familienkloster stammen und so viel Gnade von der seligen Herzoginmutter empfangen haben. Nun sind wir wegen der Angelegenheiten der Herzoginmutter gekommen und haben schon alle Damen und Herrinnen gesehen, nur das Fräulein noch nicht. Da lag es uns auf dem Herzen, und heute sind wir eigens gekommen, um nach dem Fräulein zu sehen."

Bewahrfrühling erkundigte sich nach den Nonnen des Shuiyue-Klosters. Die Nonnen sagten: „In ihrem Kloster hat es einige Vorfälle gegeben, und nun lässt man sie am Tor nicht mehr so oft herein." Dann fragten sie Bewahrfrühling: „Neulich haben wir gehört — stimmt es, dass die ehrwürdige Meisterin Miaoyu aus dem Longcui-Kloster mit jemandem davongegangen ist?" Bewahrfrühling antwortete: „Was für ein Gerede! Wer so etwas sagt, der soll sich vor der Zunge hüten! Die wurde von Räubern geraubt — wie kann man da noch solche üblen Dinge sagen?" Die Nonnen erwiderten: „Die Meisterin Miaoyu war ja ein wunderlicher Mensch, vielleicht war es nur Heuchelei? Vor dem Fräulein dürfen wir das freilich nicht weiter ausführen. Wo sind wir doch solch grobe Leute, die nur Sutren rezitieren und Buddha anrufen, für andere Bußgebete verrichten und dadurch auch für sich selbst gutes Karma sammeln."

Bewahrfrühling fragte: „Was genau versteht man unter gutem Karma?" Die Nonnen antworteten: „Abgesehen von Familien voller Tugend wie der unsrigen braucht man nichts zu fürchten. Aber bei anderen Familien — selbst Hofdamen mit kaiserlichem Ehrentitel und Fräuleins aus vornehmem Hause können sich nicht ein Leben lang der Pracht sicher sein. Kommt das Leid, ist keine Rettung mehr möglich. Einzig die Bodhisattva Guanyin, die Barmherzige und Gnädige, lässt, wenn sie sieht, dass jemand in Not ist, ihr mitfühlendes Herz walten und findet Mittel und Wege zur Rettung. Warum sagen die Leute heutzutage alle: ‚Die große Barmherzige und Gnädige, leiderlösende Bodhisattva Guanyin'? Wir, die wir den Weg der Askese beschritten haben, leiden zwar weit mehr als Damen und Fräuleins, doch Gefahren und Katastrophen gibt es für uns nicht. Wenn wir auch nicht Buddha oder Patriarchin werden können — arbeiten wir am nächsten Leben, werden wir vielleicht als Mann wiedergeboren, und dann wird alles besser. Nicht wie jetzt, wo man als Frau geboren ist und all die Kränkungen und Nöte nicht einmal aussprechen kann. Fräulein, Ihr wisst es noch nicht: Wenn ein Fräulein erst einmal verheiratet ist und ein Leben lang einem Mann folgen muss, dann gibt es erst recht keinen Ausweg. Wer den Weg der Askese gehen will, muss ihn wahrhaftig gehen. Die Meisterin Miaoyu hielt sich in Talent und Geist für uns überlegen und verachtete uns als gewöhnlich. Doch wer weiß — gerade die Gewöhnlichen erlangen gutes Karma! Und sie hat am Ende doch eine große Katastrophe erlitten."

Bewahrfrühling war von den Worten der Nonnen tief getroffen; ohne Rücksicht auf die anwesenden Zofen erzählte sie, wie Frau You sie behandelt hatte und was neulich bei der Hausaufsicht vorgefallen war. Sie zeigte ihnen ihr Haar und sagte: „Glaubt ihr etwa, ich sei jemand, der ohne eigenen Willen an der Feuergrube hängt? Ich hege diesen Wunsch schon lange, nur fand ich keinen Weg." Als die Nonnen das hörten, taten sie bestürzt und sagten: „Fräulein, sagt so etwas bloß nicht! Wenn die Erste Herrin Zhen das hört, wird sie uns ausschelten und aus dem Kloster jagen! Ein Fräulein von solcher Anmut, aus solcher Familie — Ihr werdet gewiss einen guten Bräutigam finden und ein Leben in Glanz und Pracht genießen …" Noch ehe sie ausgesprochen hatten, wurde Bewahrfrühling rot im Gesicht und sagte: „Die Erste Herrin Zhen kann euch hinausjagen — meint ihr, ich kann das nicht?" Die Nonnen erkannten, dass es ihr ernst war, und wollten sie noch ein wenig weiter herausfordern: „Fräulein, nehmt es uns nicht übel, wenn wir das Falsche gesagt haben. Aber ob die Damen und Herrinnen dem Fräulein wohl seinen Willen lassen werden? Wenn es dann peinlich wird, ist das nicht gut. Wir meinen es doch nur gut mit dem Fräulein." Bewahrfrühling sagte: „Das werden wir sehen."

Buntschirm und die anderen Zofen hörten, dass das Gespräch eine bedenkliche Wendung nahm, und gaben den Nonnen einen Wink, sie sollten gehen. Die Nonnen verstanden; ohnehin hatten sie Angst und wagten nicht, weiter zu provozieren, und verabschiedeten sich. Bewahrfrühling hielt sie nicht zurück und sagte mit kaltem Lächeln: „Ihr glaubt wohl, auf der ganzen Welt gäbe es nur euer Dizang-Kloster?" Die Nonnen wagten keine Antwort und gingen.

Buntschirm erkannte, dass die Lage bedenklich war, und fürchtete, man würde ihr die Schuld geben. Heimlich ging sie zu Frau You und berichtete: „Das Vierte Fräulein hat den Gedanken, sich das Haar abzuschneiden, noch keineswegs aufgegeben. In diesen Tagen war sie nicht krank — sie hadert mit ihrem Schicksal. Herrin, seid auf der Hut, damit kein Unglück geschieht. Sonst fällt die Schuld auf uns." Frau You sagte: „Ihr geht es nicht ums Klosterleben — weil der Erste Herr nicht zu Hause ist, will sie mir absichtlich Ärger bereiten. Man kann sie eben nur gewähren lassen." Buntschirm und die anderen Zofen wussten keinen Rat und konnten nur immer wieder gut zureden. Doch Bewahrfrühling aß von Tag zu Tag weniger und wollte sich nur noch das Haar abschneiden. Buntschirm und die anderen hielten es nicht mehr aus und berichteten überallhin davon. Die Damen Xing und Wang versuchten mehrfach, sie umzustimmen, doch Bewahrfrühling beharrte unerschütterlich.

Die Damen Xing und Wang wollten gerade Kaufmann Aufrecht davon in Kenntnis setzen, als von draußen hereingemeldet wurde: „Die Dame der Familie Zhen ist da und hat ihren Schatzjade mitgebracht." Die Damen eilten hinaus, um sie zu empfangen, und man nahm bei Frau Wang Platz. Alle begrüßten einander und wechselten die üblichen Höflichkeiten — das braucht nicht im Einzelnen beschrieben zu werden. Es sei nur erwähnt, dass Frau Wang den Schatzjade der Zhens mit dem eigenen Schatzjade verglich und sie zum Verwechseln ähnlich fand. Sie wollte den Zhen-Schatzjade hereinbitten, damit man ihn sehe. Man schickte eine Nachricht hinaus, und die Antwort lautete: „Der junge Herr Zhen unterhält sich im äußeren Arbeitszimmer mit dem Herrn; die Unterhaltung sei außerordentlich anregend. Man habe Leute geschickt, um unseren Zweiten Herrn, den Dritten Herrn sowie den jungen Herrn Lan zu bitten, draußen zu speisen; nach dem Essen würden sie hereinkommen." Danach wurde auch drinnen aufgetafelt.

Der Grund war, dass Kaufmann Aufrecht, als er sah, dass der Zhen-Schatzjade dem eigenen Schatzjade tatsächlich glich wie ein Ei dem anderen, ihn in seiner Bildung prüfte, worauf jener so gewandt und flüssig antwortete, dass Kaufmann Aufrecht größten Respekt empfand. Darum ließ er die drei Jungen herauskommen — teils um sie anzuspornen, teils um einen direkten Vergleich mit dem eigenen Schatzjade anzustellen. Schatzjade gehorchte, zog schlichte Trauerkleidung an und ging mit seinem Bruder und Neffen hinaus. Als er den Zhen-Schatzjade erblickte, war es, als träfe er einen alten Bekannten. Auch der Zhen-Schatzjade hatte das Gefühl, ihn schon irgendwo gesehen zu haben. Beide verbeugten sich, dann kamen Kaufmann Huan und Kaufmann Lan hinzu. Kaufmann Aufrecht hatte auf dem Boden gesessen und wollte den Zhen-Schatzjade auf einem Stuhl Platz nehmen lassen, doch dieser wagte als Jüngerer nicht, oben zu sitzen, und setzte sich auf ein Polster auf dem Boden. Als nun Schatzjade und die anderen herauskamen, konnten sie nicht mit Kaufmann Aufrecht zusammensitzen; da der Zhen-Schatzjade einer jüngeren Generation angehörte, konnte man Schatzjade und die anderen auch nicht stehen lassen. Kaufmann Aufrecht merkte die Unannehmlichkeit, stand auf, sagte noch einige Worte, ließ auftafeln und sprach: „Ich muss mich verabschieden und überlasse es den jungen Leuten, zusammen zu plaudern, damit sie die Gelegenheit haben, von einem so bedeutenden Gast zu lernen." Der Zhen-Schatzjade erwiderte bescheiden: „Bitte, Herr Onkel, bemüht Euch nur. Der kleine Neffe möchte gerade von den Herren Vettern lernen." Kaufmann Aufrecht wechselte noch einige Worte und ging ins innere Arbeitszimmer. Der Zhen-Schatzjade wollte ihn hinausbegleiten, doch Kaufmann Aufrecht hielt ihn zurück. Schatzjade und die anderen waren rasch einen Schritt vorausgelaufen, stellten sich draußen vor der Schwelle des Arbeitszimmers auf und warteten, bis Kaufmann Aufrecht hineingegangen war, ehe sie zurückkehrten und den Zhen-Schatzjade baten, Platz zu nehmen. Es folgten die üblichen Höflichkeitsfloskeln — „lang ersehnte Bewunderung", „brennendes Verlangen nach einem Treffen" und dergleichen —, die nicht weiter erzählt werden müssen.

Nun zu Kaufmann Schatzjade: Als er den Zhen-Schatzjade sah, dachte er an die Szene in seinem Traum. Da er ohnehin wusste, dass der Zhen-Schatzjade ein Mensch nach seinem eigenen Herzen sei, glaubte er, endlich einen Seelenverwandten gefunden zu haben. Da es das erste Treffen war, wollte er sich nicht vorschnell äußern, und da überdies Kaufmann Huan und Kaufmann Lan zugegen waren, blieb ihm nur, überschwänglich zu loben: „Euren glanzvollen Namen habe ich seit langem verehrt, ohne je Gelegenheit gehabt zu haben, Euch persönlich kennenzulernen. Euch heute zu sehen — Ihr seid wahrhaftig eine Gestalt, wie ein auf die Erde verbannter Unsterblicher!"

Auch der Zhen-Schatzjade kannte seit jeher den Ruf des Kaufmann Schatzjade. Als er ihn nun sah, entsprach er tatsächlich dem, was man erzählte. „Nur: mit mir studieren kann er, aber den rechten Weg einschlagen — das vielleicht nicht. Da er denselben Namen und dasselbe Antlitz trägt wie ich, ist er gewiss ein alter Geist vom Dreilebens-Stein. Ich habe inzwischen einige Einsichten gewonnen — warum nicht mit ihm darüber sprechen? Doch da es das erste Treffen ist und ich noch nicht weiß, ob sein Herz dem meinen gleicht, will ich es langsam angehen." So sprach er: „Des Herrn Vetters Ruhm als Gelehrter ist mir wohlbekannt. Unter Zehntausenden seid Ihr der Reinste und Vornehmste. Was mich betrifft — ich bin nur ein stumpfer Durchschnittsmensch, der sich beschämt sieht, denselben Namen zu tragen, und fürchtet, diese beiden Schriftzeichen zu beschmutzen."

Als Kaufmann Schatzjade das hörte, dachte er: „Dieser Mensch denkt wahrhaftig wie ich. Doch wir sind beide Männer und können uns mit der Reinheit der Mädchen nicht messen — wie kommt er dazu, mich zu behandeln wie ein Mädchen?" Er antwortete: „Euer grundloses Lob ist mir peinlich, und ich wage nicht, es anzunehmen. Euer Diener ist äußerst grob und dumm, nichts als ein störrischer Stein; wie sollte ich mich mit der reinen Vornehmheit des Herrn Vetters vergleichen und diesen beiden Schriftzeichen wirklich gerecht werden!"

Der Zhen-Schatzjade sprach: „In meiner Jugend kannte ich mein Maß nicht und glaubte, ich ließe mich noch schleifen und formen. Doch dann traf unsere Familie der Niedergang, und seit Jahren bin ich geringer als Scherben und Geröll. Wenn ich auch nicht behaupten kann, alles Süße und Bittere durchgekostet zu haben, so habe ich doch die Welt und die Sitten der Menschen ein wenig begriffen. Der Herr Vetter lebt in Brokat und Jade, alles nach Herzenswunsch; gewiss sind seine Aufsätze und seine praktische Befähigung allen anderen überlegen, und darum schätzt Euer Herr Vater ihn so sehr und betrachtet ihn als ‚Kostbarkeit auf der Matte'. Darum sagte ich gerade, dass Euer Name Euch wahrhaft gebührt."

Als Kaufmann Schatzjade das hörte, erkannte er darin wieder die alten Phrasen der „Gehaltsschmarotzer" und suchte nach einer Antwort. Kaufmann Huan, zu dem noch niemand gesprochen hatte, war längst unzufrieden. Kaufmann Lan hingegen fand diese Worte sehr nach seinem Geschmack und sagte: „Was der Herr Onkel sagt, ist gewiss allzu bescheiden. Was aber Aufsätze und praktische Befähigung betrifft — wahres Talent und wahre Gelehrsamkeit kommen erst durch Erfahrung hervor. Euer kleiner Neffe ist zwar jung und versteht noch nicht, was ein Aufsatz eigentlich ist, doch wenn ich das Gelesene sorgfältig durchdenke, erscheinen mir üppige Speisen und prächtige Gewänder gegenüber einem guten Ruf und weitem Ansehen wirklich hundertmal unbedeutender."

Noch bevor der Zhen-Schatzjade antworten konnte, hörte Kaufmann Schatzjade die Worte des jungen Lan und war in seinem Inneren noch weniger einverstanden. Er dachte: „Seit wann hat auch dieses Kind diese säuerlichen Theorien übernommen?" Und sagte: „Ich habe vernommen, dass der Herr Vetter die gewöhnlichen Sitten verachtet und sein Wesen auf ganz eigene Einsichten gründet. Heute habe ich das Glück, mit dem duftenden Vorbild zusammenzutreffen, und wünschte, eine Lehre über die Überwindung des Gewöhnlichen und den Eintritt in die Sphäre der Heiligen zu empfangen, um damit die profane Gesinnung reinzuwaschen und den Blick neu zu öffnen. Unerwartet haltet Ihr mich für einen Dummkopf und speist mich mit Weltreden ab."

Als der Zhen-Schatzjade das hörte, verstand er innerlich: „Er kennt mein jugendliches Wesen und argwöhnt daher, ich verstelle mich. Am besten spreche ich offen; vielleicht gewinne ich so einen Herzensfreund." Er sagte: „Des Herrn Vetters erhabene Darlegung ist fürwahr aufrichtig. Doch auch ich habe in meiner Jugend jene alten Phrasen und abgedroschenen Reden zutiefst verabscheut. Nur wird man Jahr um Jahr älter. Mein Vater lebt im Ruhestand zu Hause und hat keine Lust mehr, Gäste zu empfangen, und hat mich damit betraut. Als ich dann all jene Herren und hohen Beamten kennenlernte, sah ich, dass sie allesamt Männer waren, die ihre Vorfahren ehrten und ihren Namen rühmten. Auch jene, die Bücher verfassten und Lehren aufstellten, sprachen von nichts anderem als Treue und Kindespietät, und jeder von ihnen hatte ein eigenes Werk, Tugend und Worte für die Nachwelt zu hinterlassen. So lebt man nicht umsonst in einer aufgeklärten Zeit und wird auch der Gnade seiner Väter und Lehrer gerecht, die einen aufgezogen und unterwiesen haben. Darum habe ich die Hirngespinste und Schwärmereien meiner Jugend allmählich abgelegt. Nun suche ich noch Lehrer und Freunde, die mich in meiner Beschränktheit unterweisen. Dass ich heute den Herrn Vetter treffe — gewiss kann er mir etwas lehren. Was ich vorhin sagte, war keineswegs leeres Gerede."

Kaufmann Schatzjade wurde das Zuhören immer unerträglicher, doch er mochte nicht unfreundlich sein und musste sich mit ausweichenden Worten behelfen. Zum Glück kam aus dem Inneren die Nachricht: „Wenn die Herren draußen mit dem Essen fertig sind, wird der junge Herr Zhen gebeten, nach drinnen zu kommen." Schatzjade ergriff die Gelegenheit und lud den Zhen-Schatzjade ein, mitzukommen. Jener gehorchte und ging voran; Kaufmann Schatzjade und die anderen begleiteten ihn zu Frau Wang. Kaufmann Schatzjade sah, dass Dame Zhen den Ehrenplatz einnahm, und begrüßte sie zunächst. Kaufmann Huan und Kaufmann Lan stellten sich ebenfalls vor. Der Zhen-Schatzjade begrüßte seinerseits Frau Wang. Die beiden Mütter und die beiden Söhne — sie musterten einander. Obwohl Kaufmann Schatzjade schon verheiratet war, war Dame Zhen bereits in den Jahren und eine alte Verwandte; als sie sah, dass sein Aussehen und seine Gestalt ihrem eigenen Sohn glichen, konnte sie sich einer gewissen Wärme nicht erwehren. Von Frau Wang gar nicht zu reden — sie nahm den Zhen-Schatzjade bei der Hand und fragte dies und das; sie fand ihn reifer als ihren eigenen Schatzjade. Auch Kaufmann Lan war von klarer und überragender Anmut — wenn er auch nicht ganz an die Ähnlichkeit der beiden Schatze heranreichte, so war er doch recht ansehnlich. Nur Kaufmann Huan war grob und plump. Es war wohl unvermeidlich, dass ein wenig Voreingenommenheit mitschwang.

Als die Anwesenden die beiden Schatze beisammen sahen, kamen alle herbei, um sie anzuschauen, und sagten: „Wahrhaftig ein Wunder! Dass die Namen gleich sind, sei dahingestellt — aber wie können Gesicht und Gestalt so genau übereinstimmen? Zum Glück trägt unser Schatzjade Trauer; trügen sie die gleiche Kleidung, könnte man sie auf Anhieb nicht unterscheiden." Unter den Anwesenden überkam Zijuan ein Anflug von Schwermut: Sie dachte an Kajaljade und sagte sich im Stillen: „Wie schade, dass Fräulein Lin gestorben ist. Wäre sie noch am Leben, hätte man jenen Zhen-Schatzjade ihr geben können — sie wäre gewiss einverstanden gewesen."

Gerade als sie in solche Gedanken versunken war, hörte sie Dame Zhen sagen: „Neulich erzählte mir mein Mann, unser Schatzjade sei nun auch alt genug. Er bittet den Herrn hier, sich nach einer guten Partie für ihn umzusehen." Frau Wang war dem Zhen-Schatzjade zugetan und sagte ohne Umschweife: „Auch ich hatte daran gedacht, für Euren Sohn zu vermitteln. In unserer Familie gibt es vier junge Damen: Bei dreien ist nichts mehr zu machen — die eine ist gestorben, die anderen verheiratet. Dann gibt es noch die Schwester unseres Neffen Zhen, doch sie ist einige Jahre zu jung — das dürfte schwierig sein. Hingegen sind da zwei Cousinen unserer ältesten Schwiegertochter, die beide von vortrefflicher Erscheinung sind. Das Zweite Fräulein ist allerdings schon versprochen; das Dritte Fräulein wäre gerade recht für Euren Sohn. Eines Tages werde ich für ihn den Heiratsvermittler machen. Nur ist die finanzielle Lage ihrer Familie derzeit etwas beengt." Dame Zhen sagte: „Gnädige Frau, das ist zu höflich. Was haben wir heutzutage noch vorzuweisen? Wahrscheinlich fürchten eher andere, wir seien arm geworden!" Frau Wang sagte: „In Eurem Hause hat man nun wieder ein Amt erlangt; in Zukunft wird nicht nur alles wie früher sein, sondern gewiss noch glanzvoller als je zuvor." Dame Zhen lachte: „Wenn es nach den Worten der Gnädigen Frau ginge, wäre das wunderbar. Dann bitten wir die Gnädige Frau, als Bürgin zu fungieren."

Als der Zhen-Schatzjade hörte, dass man über Heiratsangelegenheiten sprach, verabschiedete er sich und ging hinaus. Kaufmann Schatzjade und die anderen begleiteten ihn zum Arbeitszimmer, wo sie auf Kaufmann Aufrecht trafen. Man wechselte noch einige Worte im Stehen, bis die Diener der Familie Zhen kamen und dem Zhen-Schatzjade ausrichteten: „Die gnädige Frau will aufbrechen; sie bittet den jungen Herrn zurückzukehren." Darauf verabschiedete sich der Zhen-Schatzjade. Kaufmann Aufrecht befahl Schatzjade, Huan und Lan, ihn hinauszubegleiten. Mehr braucht davon nicht erzählt zu werden.

Schatzjade hatte, seit er neulich vom Vater des Zhen-Schatzjade erfahren hatte, dass dieser nach der Hauptstadt komme, Tag und Nacht auf diese Begegnung gewartet. Heute nun, da er ihn sah, hatte er geglaubt, einen Seelenverwandten zu finden. Stattdessen stellte sich nach langem Gespräch heraus, dass sie wie Eis und Glut zueinander standen. Verstimmt kehrte er in sein Zimmer zurück, sprach kein Wort und lachte nicht, sondern starrte nur vor sich hin. Schatzspange fragte: „Sieht der Zhen-Schatzjade wirklich so aus wie du?" Schatzjade antwortete: „Im Aussehen gleicht er mir tatsächlich. Doch im Gespräch zeigt sich, dass er nichts versteht — er ist auch nur ein Gehaltsschmarotzer." Schatzspange sagte: „Schon wieder redest du über andere her. Wie kommst du darauf, dass er auch ein Gehaltsschmarotzer sei?" Schatzjade erwiderte: „Er hat einen halben Tag lang geredet, ohne eine einzige erleuchtende Einsicht zu äußern; nur immer ‚Aufsätze und praktische Befähigung' und ‚Treue und Kindespietät'. Ist so ein Mensch etwa kein Gehaltsschmarotzer? Nur schade, dass er so ein Gesicht hat wie ich. Wenn ich an ihn denke, möchte ich am liebsten mein eigenes Aussehen nicht mehr haben." Schatzspange hörte ihn schon wieder Unsinn reden und sagte: „Du sagst wirklich Dinge, die einen zum Lachen bringen. Wie kann man sein Aussehen nicht mehr haben wollen? Außerdem sind seine Worte vernünftig. Als Mann sollte man sich natürlich einen Namen machen. Wer wie du nur weicher Zuneigung und privater Gefühlsduselei nachhängt! Statt dir deine eigene Weichheit einzugestehen, schimpfst du andere Gehaltsschmarotzer."

Schatzjade hatte das Gerede des Zhen-Schatzjade schon kaum ausgehalten; nun wurde er auch noch von Schatzspange zurechtgewiesen und war noch weniger in Stimmung. Verdrossen und benommen, merkte er nicht, wie sein altes Leiden wieder aufloderte. Er sprach kein Wort und lächelte nur noch dümmlich. Schatzspange wusste nicht, was in ihm vorging; sie glaubte, sie habe etwas Falsches gesagt und er verspotte sie mit seinem kalten Lächeln, und kümmerte sich nicht weiter um ihn. Doch von jenem Tag an wurde er immer verwirrter. Dufthauch und die anderen versuchten, ihn aufzumuntern, doch er sprach kein Wort. Nach einer Nacht war er am nächsten Morgen nur noch geistesabwesend — ganz wie bei seinem früheren Leiden.

Eines Tages war es so weit: Da Bewahrfrühling sich unbedingt das Haar abschneiden und Nonne werden wollte, Frau You sie nicht davon abhalten konnte, und es den Anschein hatte, dass Bewahrfrühling sich das Leben nehmen würde, wenn man ihr nicht nachgab — obwohl man Tag und Nacht Wachen bei ihr aufstellte, konnte das auf Dauer keine Lösung sein. So meldete man es Kaufmann Aufrecht. Der seufzte und stampfte mit dem Fuß auf: „Was hat man drüben im Osthaus nur angestellt, dass es so weit gekommen ist!" Er ließ Kaufmann Rong kommen, schalt ihn und befahl ihm, seiner Mutter auszurichten: „Ernsthaft gut zureden! Wenn sie dennoch darauf besteht, ist sie kein Mädchen unserer Familie mehr."

Doch als Frau You sie nicht ermahnte, war es besser gewesen; kaum redete sie zu, wurde es schlimmer, und Bewahrfrühling drohte wieder mit dem Tod. Sie sagte: „Als Mädchen kann man nicht ein ganzes Leben lang zu Hause bleiben. Wenn es mir erginge wie der Zweiten Schwester, müssten sich Vater und die Damen Sorgen machen — und überdies ist sie gestorben. Betrachtet mich jetzt so, als wäre ich tot, und lasst mich ins Kloster gehen; dann habe ich ein reines Leben, und das heißt, mich zu lieben. Außerdem gehe ich ja nicht weit weg — das Longcui-Kloster steht auf unserem eigenen Grund; dort will ich asketisch leben. Was auch immer mit mir ist, ihr könnt nach mir sehen. Die frühere Verwalterin der Miaoyu ist noch dort. Wenn ihr mir nachgebt, habe ich mein Leben gerettet; wenn nicht, bleibt mir nichts als der Tod. Sollte ich meinen Herzenswunsch erfüllt bekommen, werde ich, wenn mein Bruder zurückkommt, ihm selbst sagen, dass ihr mich nicht gezwungen habt. Sterbe ich aber, wird mein Bruder bei seiner Rückkehr sagen, ihr hättet mich nicht geduldet." Frau You, die ohnehin mit Bewahrfrühling auf gespanntem Fuß stand, fand ihre Worte einigermaßen einleuchtend und ging, um es Frau Wang zu berichten.

Frau Wang war gerade zu Schatzspange gegangen und sah, dass Schatzjade geistig verwirrt war. Besorgt tadelte sie Dufthauch: „Ihr passt nicht gut genug auf! Der Zweite Herr hat einen Anfall, und ihr kommt nicht einmal, es mir zu melden." Dufthauch entgegnete: „Das Leiden des Zweiten Herrn kommt und geht; mal ist es besser, mal schlechter. Wenn er täglich zur Gnädigen Frau geht, um die Morgenaufwartung zu machen, ist er ganz normal; erst heute ist er etwas verwirrt geworden. Die Zweite Herrin wollte es gerade melden, fürchtete aber, die Gnädige Frau würde sagen, wir schlagen unnötig Alarm." Als Schatzjade hörte, wie Frau Wang Dufthauch und die anderen tadelte, kam ein Moment der Klarheit in ihm auf; aus Angst, sie könnten bestraft werden, sagte er: „Mutter, seid unbesorgt. Mir fehlt nichts; ich fühle mich nur ein wenig bedrückt." Frau Wang sagte: „Du hast nun einmal die Anlage zu diesem Leiden. Sag es rechtzeitig, damit wir den Arzt rufen und du zwei Dosen Medizin nehmen kannst — wäre das nicht besser? Wenn es wieder so weit kommt wie damals, als du den Jade verloren hast, dann wird es aufwendig." Schatzjade sagte: „Wenn die Mutter nicht beruhigt ist, lasst nur den Arzt kommen, ich werde die Medizin nehmen." Frau Wang schickte eine Zofe hinaus, um den Arzt rufen zu lassen. Mit ihren Gedanken ganz bei Schatzjade, vergaß sie die Angelegenheit Bewahrfrühlings. Nachdem der Arzt ihn untersucht und ihm Medizin verschrieben hatte, ging Frau Wang erst zurück.

Nach einigen Tagen wurde Schatzjade noch verwirrter; er aß und trank kaum noch, und alle machten sich große Sorgen. Gerade war man mit dem Ende der Trauerzeit beschäftigt, und es fehlte an Leuten im Hause; man ließ Kaufmann Yun kommen, um sich um den Arzt zu kümmern. Da in Kaufmann Kettes Haushalt niemand war, bat man Wang Ren, draußen bei den Angelegenheiten zu helfen. Die kleine Qiaojie weinte Tag und Nacht um ihre Mutter und wurde ebenfalls krank. So herrschte im Rongguofu erneut Chaos.

Eines Tages, als man wieder wegen der Trauerfeierlichkeiten nach Hause kam, ging Frau Wang selbst zu Schatzjade und fand ihn ohne Bewusstsein. Alle waren bestürzt; weinend meldeten sie Kaufmann Aufrecht: „Der Arzt hat gesagt, er könne keine Medizin mehr verschreiben; man solle das Letzte vorbereiten." Kaufmann Aufrecht seufzte immer wieder und ging selbst, um nach Schatzjade zu sehen. Als er erkannte, dass es tatsächlich schlecht stand, befahl er Kaufmann Kette, die Vorbereitungen zu treffen.

Kaufmann Kette wagte nicht zu widersprechen und ließ die Leute alles herrichten, doch er war knapp bei Kasse und in großer Verlegenheit. Da kam jemand hereingelaufen und rief: „Zweiter Herr, es ist schlimm! Schon wieder ein Ärgernis!" Kaufmann Kette wusste nicht, worum es ging, und erschrak gewaltig. Mit aufgerissenen Augen fragte er: „Was ist denn?" Der Diener sagte: „Am Tor ist ein Mönch aufgetaucht, der das verlorene Jadestück des Zweiten Herrn in der Hand hält und zehntausend Silbertael Finderlohn verlangt." Kaufmann Kette spuckte ihm ins Gesicht und sagte: „Ich dachte, es wäre etwas Schlimmes, so wie du in Panik gerätst! Erinnerst du dich nicht an die Fälschung von neulich? Selbst wenn es das echte wäre — der Mensch liegt im Sterben, wozu brauchen wir dann den Jade?" Der Diener sagte: „Das habe ich auch gesagt, aber der Mönch besteht darauf, man solle ihm das Silber geben, dann wäre alles in Ordnung." Gerade als sie noch sprachen, wurde von draußen hereingerufen: „Der Mönch benimmt sich frech und stürmt von selbst herein; die Leute können ihn nicht aufhalten!" Kaufmann Kette rief: „Was für eine Unverschämtheit! Warum prügelt ihr ihn nicht hinaus!"

Während des Tumults hörte auch Kaufmann Aufrecht davon und wusste nicht, was er tun sollte. Aus dem Inneren kam weinend die Nachricht: „Es steht schlecht um den Zweiten Herrn!" Das beunruhigte Kaufmann Aufrecht noch mehr. Da rief der Mönch: „Wollt ihr ein Leben retten, dann gebt mir das Silber!" Kaufmann Aufrecht dachte plötzlich: „Beim letzten Mal wurde Schatzjades Krankheit von einem Mönch geheilt; vielleicht ist dieser Mönch wieder ein Retter. Doch wenn der Jade echt ist und er Silber verlangt, was dann?" Er überlegte: „Lassen wir das vorerst beiseite. Wenn der Mensch gerettet wird, können wir weiter sehen."

Kaufmann Aufrecht schickte jemanden, den Mönch hereinzubitten, doch der war schon von selbst hereingekommen. Ohne eine Verbeugung, ohne ein Wort rannte er geradewegs nach drinnen. Kaufmann Kette hielt ihn fest: „Dort drinnen sind nur Frauen! Du wilde Kreatur, was rennst du umher?" Der Mönch rief: „Wenn wir zu spät kommen, kann er nicht mehr gerettet werden!" Kaufmann Kette lief hinterher und schrie: „Drinnen, hört auf zu weinen! Der Mönch kommt herein!" Frau Wang und die anderen weinten und hörten nichts. Kaufmann Kette kam herein und schrie erneut. Frau Wang und die anderen drehten sich um und sahen einen großen Mönch — sie erschraken und konnten nicht mehr ausweichen. Der Mönch ging geradewegs zum Ruhebett Schatzjades. Schatzspange wich zur Seite. Dufthauch sah, dass Frau Wang dastand, und wagte nicht, wegzugehen. Der Mönch sagte: „Meine Gönnerinnen, ich bringe den Jade zurück." Er hielt den Jade hoch und rief: „Gebt mir schnell das Silber, damit ich ihn retten kann!" Frau Wang und die anderen waren vor Bestürzung ganz verwirrt und fragten nicht nach echt oder falsch: „Wenn Ihr den Menschen rettet, ist das Silber da." Der Mönch lachte: „Her damit." Frau Wang sagte: „Seid unbesorgt, wir werden es zusammenbekommen."

Der Mönch lachte laut und hielt den Jade an Schatzjades Ohr. „Schatzjade, Schatzjade! Dein Schatzjade ist zurück!", rief er. Kaum hatte er das gesagt, als Frau Wang und die anderen sahen, wie Schatzjade die Augen öffnete. Dufthauch rief: „Es geht ihm besser!" Schatzjade fragte: „Wo ist er?" Der Mönch legte ihm den Jade in die Hand. Zunächst hielt Schatzjade ihn fest umklammert, dann drehte er langsam die Hand und hob ihn vor seine Augen. Sorgfältig betrachtete er ihn und sagte: „Ach! Lange nicht gesehen." Alle, drinnen und draußen, freuten sich und riefen „Buddha sei gepriesen!"; selbst Schatzspange vergaß, dass ein Mönch im Raum war.

Auch Kaufmann Kette kam herüber, um nachzusehen; als er sah, dass Schatzjade tatsächlich wieder zu sich gekommen war, freute er sich und eilte hinaus. Der Mönch, ohne ein Wort zu sagen, fasste Kaufmann Kette und rannte los. Kaufmann Kette folgte ihm notgedrungen nach vorn, um Kaufmann Aufrecht Bericht zu erstatten. Als Kaufmann Aufrecht die Nachricht hörte, freute er sich und suchte sogleich den Mönch, um sich zu verneigen und zu danken. Der Mönch erwiderte die Verbeugung und setzte sich. Kaufmann Kette argwöhnte: „Er wird erst gehen, wenn er das Silber bekommen hat." Kaufmann Aufrecht betrachtete den Mönch genauer — es war nicht derselbe wie beim letzten Mal — und fragte: „Aus welchem Kloster kommt Ihr? Wie lautet Euer ehrwürdiger Name? Wo habt Ihr diesen Jade gefunden? Warum wurde mein Sohn sofort gesund, als er ihn sah?" Der Mönch lächelte nur leicht und sagte: „Ich weiß auch nicht; gebt mir nur die zehntausend Tael Silber, und alles ist erledigt." Kaufmann Aufrecht sah, dass der Mönch ein rauer Gesell war, wagte aber nicht, ihn zu kränken, und sagte: „Wir haben es." Der Mönch sagte: „Wenn ihr es habt, dann bringt es schnell. Ich will gehen." Kaufmann Aufrecht sagte: „Wartet einen Augenblick, ich gehe nur kurz hinein, um nachzusehen." Der Mönch sagte: „Geht, aber kommt schnell zurück."

Kaufmann Aufrecht ging tatsächlich hinein, ohne lange zu erklären, und trat an Schatzjades Ruhebett. Schatzjade sah seinen Vater kommen und wollte sich aufrichten, doch er war zu schwach dazu. Frau Wang hielt ihn nieder und sagte: „Beweg dich nicht." Schatzjade lächelte und hielt den Jade hoch, damit sein Vater ihn sehe: „Der Schatzjade ist da." Kaufmann Aufrecht warf einen kurzen Blick darauf, wusste um den besonderen Ursprung dieses Steins und betrachtete ihn nicht weiter. Er fragte Frau Wang: „Schatzjade hat sich erholt — wie machen wir es mit dem Finderlohn?" Frau Wang sagte: „Ich werde alles, was ich habe, zusammentragen und ihm geben." Schatzjade sagte: „Ich glaube nicht, dass dieser Mönch wirklich Silber will." Kaufmann Aufrecht nickte: „Ich finde ihn auch merkwürdig, doch er verlangt ständig Silber." Frau Wang sagte: „Geht hinaus und haltet ihn erst einmal hin." Kaufmann Aufrecht ging hinaus.

Schatzjade klagte über Hunger; er trank eine Schale Reissuppe und verlangte dann feste Nahrung. Die Dienerinnen brachten tatsächlich Reis, doch Frau Wang traute sich nicht, ihm davon zu geben. Schatzjade sagte: „Es schadet nicht, mir geht es schon besser." Er aß eine Schale, und sein Geist kehrte sichtlich zurück. Er wollte sich aufsetzen. Mondschein trat leise hinzu und stützte ihn; in ihrer Freude vergaß sie sich und sagte: „Wahrhaftig ein Schatz! Kaum hat er ihn kurz gesehen, geht es ihm schon wieder gut. Zum Glück ist er damals nicht zerschlagen worden." Als Schatzjade das hörte, verfärbte er sich, warf den Jade von sich und fiel rücklings hin.

Ob er lebte oder starb — das wird im nächsten Kapitel erzählt.

Anmerkungen



Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).