Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 84"
(DE4 (Woesler 4. Aufl.): Kapitel 84 mit Navigation und Fussnoten) |
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Vierundachtzigstes Kapitel | Vierundachtzigstes Kapitel | ||
| − | Schriftliche Prüfung | + | Schriftliche Prüfung — zum ersten Mal wird für Schatzjade<ref>Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.</ref> [宝玉] eine Heirat vorgeschlagen, |
| − | Die Untersuchung eines Schreckkrampfes bringt Kaufmann Unheil [贾环] neuen Groll | + | Die Untersuchung eines Schreckkrampfes bringt Kaufmann Unheil<ref>Kaufmann Unheil: Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Unheil/Plage".</ref> [贾环] neuen Groll |
| − | Wie berichtet, war Tante Schnee [薛姨妈] von Jinquis Wutanfall so aufgebracht, dass ihr Leberqi aufstieg und sie Schmerzen in der linken Seite bekam. Schatzspange<ref>Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange".</ref> [宝钗] wusste genau, woran es lag, und wartete nicht erst auf den Arzt: Sie ließ ein paar Qian Uncaria-Zweige kaufen, kochte einen starken Sud und gab ihn ihrer Mutter zu trinken. Dann klopften sie und Xiangling Tante Schnees Beine und rieben ihr die Brust. Nach einer Weile beruhigte sie sich ein wenig. Tante Schnee war gleichzeitig traurig und wütend: wütend auf Jinquis Tobsuchtsanfälle und traurig, weil Schatzspanges Geduld sie rührte. Schatzspange redete ihr noch eine Weile gut zu, bis Tante Schnee unversehens einschlief und das Leberqi sich allmählich legte. Schatzspange sagte: „Mama, solchen Ärger darfst du dir nicht zu Herzen nehmen. Wenn du in ein paar Tagen wieder laufen kannst, geh doch einfach hinüber zur Großmutter und zur Tante und plaudere ein wenig, um dich abzulenken. Zu Hause passen Xiangling und ich schon auf | + | Wie berichtet, war Tante Schnee<ref>Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante des Xue-Hauses".</ref> [薛姨妈] von Jinquis Wutanfall so aufgebracht, dass ihr Leberqi<ref>Leberqi (肝气): In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) die Lebensenergie der Leber, deren Stauung zu Schmerzen, Reizbarkeit und Krämpfen führt.</ref> aufstieg und sie Schmerzen in der linken Seite bekam. Schatzspange<ref>Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.</ref> [宝钗] wusste genau, woran es lag, und wartete nicht erst auf den Arzt: Sie ließ ein paar Qian Uncaria-Zweige kaufen, kochte einen starken Sud und gab ihn ihrer Mutter zu trinken. Dann klopften sie und Xiangling Tante Schnees Beine und rieben ihr die Brust. Nach einer Weile beruhigte sie sich ein wenig. Tante Schnee war gleichzeitig traurig und wütend: wütend auf Jinquis Tobsuchtsanfälle und traurig, weil Schatzspanges Geduld sie rührte. Schatzspange redete ihr noch eine Weile gut zu, bis Tante Schnee unversehens einschlief und das Leberqi sich allmählich legte. Schatzspange sagte: „Mama, solchen Ärger darfst du dir nicht zu Herzen nehmen. Wenn du in ein paar Tagen wieder laufen kannst, geh doch einfach hinüber zur Großmutter und zur Tante und plaudere ein wenig, um dich abzulenken. Zu Hause passen Xiangling und ich schon auf — die wird sich schon nicht trauen." Tante Schnee nickte: „Wir werden sehen." |
| − | Nachdem die Kaiserliche Gemahlin genesen war, herrschte in der Familie allgemeine Freude. Einige Tage später kamen Eunuchen mit Geschenken und Silber und verkündeten den Befehl der Edlen Gemahlin: Da die Familie sich so eifrig um sie gesorgt habe, wolle sie alle belohnen. Gaben und Silber wurden einzeln übergeben. Kaufmann Begnadigung | + | Nachdem die Kaiserliche Gemahlin genesen war, herrschte in der Familie allgemeine Freude. Einige Tage später kamen Eunuchen mit Geschenken und Silber und verkündeten den Befehl der Edlen Gemahlin: Da die Familie sich so eifrig um sie gesorgt habe, wolle sie alle belohnen. Gaben und Silber wurden einzeln übergeben. Kaufmann Begnadigung [贾赦] und Kaufmann Aufrecht<ref>Kaufmann Aufrecht: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".</ref> [贾政] berichteten die Herzoginmutter [贾母], und alle dankten gemeinsam für die kaiserliche Gnade. Nachdem die Eunuchen ihren Tee getrunken hatten, zogen sie sich zurück. Die Familie versammelte sich in die Herzoginmutters Gemächern und plauderte fröhlich eine Weile. Da kam eine Dienerin herein und meldete: „Die Diener lassen ausrichten, dass jemand vom anderen Haus den Ersten Herrn dringend zu sprechen wünscht." die Herzoginmutter wandte sich an Kaufmann Begnadigung: „Geh nur." Kaufmann Begnadigung verließ den Raum. |
| − | Hier erinnerte sich die Herzoginmutter plötzlich an etwas und sagte lachend zu Kaufmann Aufrecht: „Die Kaiserliche Gemahlin denkt viel an Schatzjade | + | Hier erinnerte sich die Herzoginmutter plötzlich an etwas und sagte lachend zu Kaufmann Aufrecht: „Die Kaiserliche Gemahlin denkt viel an Schatzjade — neulich hat sie eigens nach ihm gefragt." Kaufmann Aufrecht lächelte höflich: „Nur hat Schatzjade nicht recht die Lust zum Lernen und macht der gnädigen Aufmerksamkeit der Gemahlin wenig Ehre." die Herzoginmutter sagte: „Ich habe ihm ein gutes Wort eingelegt und gesagt, er schreibe neuerdings ordentliche Aufsätze." Kaufmann Aufrecht lachte: „Wo käme das dem gleich, was die Alte Ahnin sagt!" die Herzoginmutter erwiderte: „Ihr lasst ihn doch dauernd Gedichte und Aufsätze schreiben — hat er denn gar nichts zuwege gebracht? Ein Kind muss man behutsam anleiten. Wie man so sagt: ‚Auch ein Dicker wurde nicht mit einem Bissen dick.'" Kaufmann Aufrecht beeilte sich, ihr beizupflichten: „Die Alte Ahnin hat völlig recht." |
| − | die Herzoginmutter fuhr fort: „Wo wir schon von Schatzjade sprechen | + | die Herzoginmutter fuhr fort: „Wo wir schon von Schatzjade sprechen — ich habe noch eine Sache mit dir zu besprechen. Er ist nun alt genug; ihr solltet euch umsehen und ein gutes Mädchen für ihn finden, damit man ihn verloben kann. Das ist eine Angelegenheit für sein ganzes Leben. Es muss nicht unbedingt eine nahe Verwandte sein, und ob arm oder reich, spielt keine Rolle — es kommt nur darauf an, dass man den Charakter des Mädchens gut kennt und sie anständig aussieht." Kaufmann Aufrecht antwortete: „Was die Alte Ahnin anordnet, ist ganz richtig. Nur eines: Das Mädchen mag gut sein, aber er selbst muss sich erst bessern, sonst schadet er dem Ruf eines anständigen Mädchens — wäre das nicht bedauerlich?" |
| − | die Herzoginmutter war über diese Worte etwas verstimmt und sagte: „Eigentlich seid ihr als Eltern zuständig, und ich müsste mich nicht einmischen. Aber Schatzjade ist von klein auf bei mir aufgewachsen, und ich habe ihn vielleicht ein wenig zu sehr verwöhnt und so seine Erziehung vernachlässigt. Doch wenn ich ihn mir ansehe | + | die Herzoginmutter war über diese Worte etwas verstimmt und sagte: „Eigentlich seid ihr als Eltern zuständig, und ich müsste mich nicht einmischen. Aber Schatzjade ist von klein auf bei mir aufgewachsen, und ich habe ihn vielleicht ein wenig zu sehr verwöhnt und so seine Erziehung vernachlässigt. Doch wenn ich ihn mir ansehe — sein Aussehen ist ansehnlich, und sein Wesen ist im Grunde aufrichtig; ich glaube nicht, dass er so verdorben ist, dass er einem Mädchen Schaden zufügen würde. Vielleicht bin ich voreingenommen, aber ich halte ihn jedenfalls für etwas besser als Huan. Was meint ihr?" |
| − | Diese wenigen Sätze machten Kaufmann Aufrecht verlegen. Er lachte hastig: „Die Alte Ahnin hat viele Menschen gesehen | + | Diese wenigen Sätze machten Kaufmann Aufrecht verlegen. Er lachte hastig: „Die Alte Ahnin hat viele Menschen gesehen — wenn sie ihn für gut hält und ihm Glück zuschreibt, wird es gewiss stimmen. Ich bin nur zu ungeduldig gewesen, dass er ein ordentlicher Mensch wird. Vielleicht ist es bei mir ganz im Gegensatz zum alten Sprichwort, und ich sehe gar nicht, wie gut mein eigener Sohn ist." Dieser Satz brachte sogar die Herzoginmutter zum Lachen, und alle lachten mit. die Herzoginmutter sagte: „Du bist inzwischen auch in die Jahre gekommen und bekleidest ein Amt — natürlich wirst du durch Erfahrung immer reifer." Dann blickte sie lächelnd zu Xing Furen und Wang Furen und sprach: „Erinnert euch nur, wie er in seiner Jugend war — mit seinem absonderlichen Temperament, das doppelt so schlimm war wie das von Schatzjade! Erst als er geheiratet hatte, verstand er allmählich, wie man sich unter Menschen benimmt. Und jetzt beschwert er sich nur über Schatzjade! Ich finde, Schatzjade zeigt jetzt sogar ein besseres Gespür für die menschlichen Verhältnisse als er damals." Xing Furen und Wang Furen lachten und sagten: „Die Alte Ahnin erzählt wieder ihre lustigen Geschichten!" |
| − | Da kamen kleine Mädchen herein und flüsterten Mandarinenente<ref>Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. | + | Da kamen kleine Mädchen herein und flüsterten Mandarinenente<ref>Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente".</ref> [鸳鸯] etwas zu. die Herzoginmutter fragte: „Was tuschelt ihr schon wieder?" Mandarinenente erklärte lachend, das Abendessen sei angerichtet. die Herzoginmutter sagte: „Dann geht alle zum Essen. Nur Phönixglanz<ref>Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".</ref> [熙凤] und die Frau von Zhen sollen bei mir bleiben und mit mir speisen." Kaufmann Aufrecht, Xing Furen und Wang Furen sagten zu, warteten, bis aufgedeckt war, und gingen, als die Herzoginmutter sie noch einmal ermahnte, auseinander. |
| − | Xing Furen ging ihres Weges. Kaufmann Aufrecht und Wang Furen traten in ihre Gemächer. Kaufmann Aufrecht kam auf die Herzoginmutters Worte zurück: „Da die Alte Ahnin Schatzjade so liebt, muss er am Ende doch solide Kenntnisse erwerben und sich eines Tages eine Prüfung verdienen, damit die Zuneigung der Alten Ahnin nicht umsonst war und kein Mädchen darunter leidet." Wang Furen stimmte zu: „Was der gnädige Herr sagt, ist natürlich richtig." Kaufmann Aufrecht schickte ein Stubenmädchen hinaus, um Li Gui Bescheid zu geben: „Wenn Schatzjade von der Schule kommt, soll er erst essen und danach zu mir kommen | + | Xing Furen ging ihres Weges. Kaufmann Aufrecht und Wang Furen traten in ihre Gemächer. Kaufmann Aufrecht kam auf die Herzoginmutters Worte zurück: „Da die Alte Ahnin Schatzjade so liebt, muss er am Ende doch solide Kenntnisse erwerben und sich eines Tages eine Prüfung verdienen, damit die Zuneigung der Alten Ahnin nicht umsonst war und kein Mädchen darunter leidet." Wang Furen stimmte zu: „Was der gnädige Herr sagt, ist natürlich richtig." Kaufmann Aufrecht schickte ein Stubenmädchen hinaus, um Li Gui Bescheid zu geben: „Wenn Schatzjade von der Schule kommt, soll er erst essen und danach zu mir kommen — ich habe ihn noch etwas zu fragen." Li Gui antwortete: „Jawohl." |
| − | Als Schatzjade aus der Schule kam und gerade die Begrüßungsrunde machen wollte, trat Li Gui hervor: „Der Zweite Herr braucht noch nicht hinüberzugehen. Der gnädige Herr hat befohlen, dass der Zweite Herr heute erst nach dem Essen kommen soll | + | Als Schatzjade aus der Schule kam und gerade die Begrüßungsrunde machen wollte, trat Li Gui hervor: „Der Zweite Herr braucht noch nicht hinüberzugehen. Der gnädige Herr hat befohlen, dass der Zweite Herr heute erst nach dem Essen kommen soll — es gibt noch Fragen." Bei diesen Worten ging es Schatzjade wie ein Donnerschlag durch den Kopf. Er begrüßte die Großmutter, ging zurück in den Garten, aß hastig zwei, drei Bissen, spülte den Mund und eilte zu Kaufmann Aufrecht. |
| − | Kaufmann Aufrecht saß in seinem privaten Arbeitszimmer. Schatzjade trat ein, begrüßte ihn und blieb wartend stehen. Kaufmann Aufrecht fragte: „In den letzten Tagen hatte ich einiges im Kopf und vergaß, dich zu fragen. Du sagtest neulich, dein Lehrer wolle dich einen Monat den Stoff erklären lassen und dir dann das Aufsatzschreiben beibringen. Es sind nun schon fast zwei Monate | + | Kaufmann Aufrecht saß in seinem privaten Arbeitszimmer. Schatzjade trat ein, begrüßte ihn und blieb wartend stehen. Kaufmann Aufrecht fragte: „In den letzten Tagen hatte ich einiges im Kopf und vergaß, dich zu fragen. Du sagtest neulich, dein Lehrer wolle dich einen Monat den Stoff erklären lassen und dir dann das Aufsatzschreiben beibringen. Es sind nun schon fast zwei Monate — hast du überhaupt angefangen zu schreiben?" Schatzjade antwortete: „Ich habe drei Stücke geschrieben. Der Lehrer meinte, es sei noch nicht nötig, dem Vater Bescheid zu geben; wenn sie besser seien, solle ich berichten. Deshalb habe ich in den letzten Tagen nichts gesagt." Kaufmann Aufrecht fragte: „Welche Themen?" Schatzjade sagte: „Das erste war ‚Mit fünfzehn richtete ich meinen Willen aufs Lernen', das zweite ‚Wenn andere einen nicht kennen und man doch nicht grollt', das dritte die drei Zeichen ‚Dann wendet man sich Mo zu'." Kaufmann Aufrecht fragte: „Hast du die Entwürfe?" Schatzjade antwortete: „Ich habe sie ins Reine geschrieben, und der Lehrer hat Korrekturen angebracht." Kaufmann Aufrecht: „Hast du sie mitgebracht oder sind sie noch in der Schule?" Schatzjade: „Sie sind in der Schule." Kaufmann Aufrecht: „Lass sie holen." Schatzjade schickte sogleich einen Boten zu Beiming: „Er soll in der Schule in meiner Schublade ein dünnes Heft auf Bambuszellenpapier suchen, auf dem ‚Schulaufgaben' steht, und es schnell herbringen." |
| − | Bald kam Beiming mit dem Heft, reichte es Schatzjade, und Schatzjade legte es Kaufmann Aufrecht vor. Kaufmann Aufrecht schlug es auf und sah als erstes Thema: „Mit fünfzehn richtete ich meinen Willen aufs Lernen." Schatzjades ursprüngliche Einleitung lautete: „Der Heilige richtete seinen Willen aufs Lernen, und zwar von Kindheit an." Dairu hatte jedoch das Wort „Kindheit" gestrichen und stattdessen ausdrücklich „fünfzehn" geschrieben. Kaufmann Aufrecht sagte: „Dein ursprüngliches ‚Kindheit' trifft das Thema nicht genau. ‚Kindheit' reicht vom Kleinkind bis zum sechzehnten Lebensjahr. In diesem Kapitel beschreibt der Heilige, wie sein Studium mit den Jahren fortschritt; deshalb müssen fünfzehn, dreißig, vierzig, fünfzig, sechzig, siebzig jeweils ausdrücklich genannt werden, damit man sieht, wie er in jedem Alter einen anderen Stand erreichte. Dass der Lehrer dein ‚Kindheit' durch ‚fünfzehn' ersetzt hat, macht es wesentlich klarer." Bei der Weiterführung las er Schatzjades gestrichenen Originalsatz: „Denn nicht nach Lernen zu streben, ist das Gewöhnliche bei den Menschen." Kaufmann Aufrecht schüttelte den Kopf: „Das ist nicht nur kindisch, sondern zeigt, dass du von Natur aus keinen Ehrgeiz zum Studium hast." Der nächste Satz lautete: „Dass der Heilige mit fünfzehn danach strebte | + | Bald kam Beiming mit dem Heft, reichte es Schatzjade, und Schatzjade legte es Kaufmann Aufrecht vor. Kaufmann Aufrecht schlug es auf und sah als erstes Thema: „Mit fünfzehn richtete ich meinen Willen aufs Lernen." Schatzjades ursprüngliche Einleitung lautete: „Der Heilige richtete seinen Willen aufs Lernen, und zwar von Kindheit an." Dairu hatte jedoch das Wort „Kindheit" gestrichen und stattdessen ausdrücklich „fünfzehn" geschrieben. Kaufmann Aufrecht sagte: „Dein ursprüngliches ‚Kindheit' trifft das Thema nicht genau. ‚Kindheit' reicht vom Kleinkind bis zum sechzehnten Lebensjahr. In diesem Kapitel beschreibt der Heilige, wie sein Studium mit den Jahren fortschritt; deshalb müssen fünfzehn, dreißig, vierzig, fünfzig, sechzig, siebzig jeweils ausdrücklich genannt werden, damit man sieht, wie er in jedem Alter einen anderen Stand erreichte. Dass der Lehrer dein ‚Kindheit' durch ‚fünfzehn' ersetzt hat, macht es wesentlich klarer." Bei der Weiterführung las er Schatzjades gestrichenen Originalsatz: „Denn nicht nach Lernen zu streben, ist das Gewöhnliche bei den Menschen." Kaufmann Aufrecht schüttelte den Kopf: „Das ist nicht nur kindisch, sondern zeigt, dass du von Natur aus keinen Ehrgeiz zum Studium hast." Der nächste Satz lautete: „Dass der Heilige mit fünfzehn danach strebte — ist das nicht schwer?" Kaufmann Aufrecht sagte: „Das ist noch schlimmer." Dann las er Dairus Korrektur: „Wer lernt nicht? Doch jene, die ihren Willen aufs Lernen richten, sind am Ende selten. Darum sprach der Heilige voller Überzeugung bereits im Alter von fünfzehn Jahren sein Bekenntnis aus." Er fragte: „Verstehst du die Korrektur?" Schatzjade antwortete: „Ja." |
| − | Dann sah er sich den zweiten Aufsatz an, zum Thema „Wenn andere einen nicht kennen und man doch nicht grollt". Er las zuerst Dairus Fassung: „Wer nicht grollt, obwohl man ihn nicht kennt, der hat am Ende seine Freude am Lernen nicht verändert." Dann betrachtete er den gestrichenen Originaltext und sagte: „Was hast du da geschrieben? ‚Fähig zu sein, niemandem zu grollen | + | Dann sah er sich den zweiten Aufsatz an, zum Thema „Wenn andere einen nicht kennen und man doch nicht grollt". Er las zuerst Dairus Fassung: „Wer nicht grollt, obwohl man ihn nicht kennt, der hat am Ende seine Freude am Lernen nicht verändert." Dann betrachtete er den gestrichenen Originaltext und sagte: „Was hast du da geschrieben? ‚Fähig zu sein, niemandem zu grollen — das ist das Wesen eines reinen Gelehrten.' Der erste Satz behandelt nur die drei Zeichen ‚und doch nicht grollt' und versäumt das Gesamtthema; der zweite Satz greift schon in den folgenden Abschnitt über den ‚Edlen' ein. Erst die Korrektur trifft den richtigen Rahmen; zudem greift der Folgesatz sauber auf den vorherigen Text zurück — erst das entspricht dem Sinn des Buches. Du musst sorgfältig darüber nachdenken." Schatzjade bejahte. Kaufmann Aufrecht las weiter: „Denn wer nicht bekannt ist — da gibt es keinen, der nicht grollt; und doch ist es bei ihm nicht so. Ist das nicht, weil einer, der Freude an der Lehre findet, allein dies zu erreichen vermag?" Der Originalsatz am Ende lautete: „Ist er nicht ein reiner Gelehrter?" Kaufmann Aufrecht sagte: „Das hat denselben Fehler wie die Einleitung. Die Korrektur ist zwar auch nichts Besonderes — nur klarer, aber immerhin annehmbar." |
| − | Der dritte Aufsatz behandelte „Dann wendet man sich Mo zu". Kaufmann Aufrecht las das Thema, legte den Kopf in den Nacken und überlegte, dann fragte er Schatzjade: „Bist du mit dem Stoff schon so weit?" Schatzjade sagte: „Der Lehrer meinte, der Mengzi sei leichter verständlich, deshalb hat er ihn zuerst durchgenommen. Vorgestern hat er ihn beendet. Jetzt lesen wir die Lunyu." Kaufmann Aufrecht sah sich Einleitung und Fortführung an | + | Der dritte Aufsatz behandelte „Dann wendet man sich Mo zu". Kaufmann Aufrecht las das Thema, legte den Kopf in den Nacken und überlegte, dann fragte er Schatzjade: „Bist du mit dem Stoff schon so weit?" Schatzjade sagte: „Der Lehrer meinte, der Mengzi sei leichter verständlich, deshalb hat er ihn zuerst durchgenommen. Vorgestern hat er ihn beendet. Jetzt lesen wir die Lunyu." Kaufmann Aufrecht sah sich Einleitung und Fortführung an — hier war kaum etwas korrigiert. Die Einleitung lautete: „Außerhalb der Lehre Yangs, so scheint es, gäbe es nichts, wohin man sich wenden könnte." Kaufmann Aufrecht sagte: „Der zweite Satz — das muss man dir lassen." Dann las er: „Die Lehre Mos ist nicht etwas, dem man sich bewusst zuwendet; doch Mos Worte haben bereits die halbe Welt erfüllt. Wer also die Lehre Yangs verlässt und sich nicht der Lehre Mos zuwenden will — wie könnte ihm das gelingen?" Kaufmann Aufrecht fragte: „Hast du das wirklich selbst geschrieben?" Schatzjade bejahte. Kaufmann Aufrecht nickte: „Es ist zwar nichts Herausragendes, aber für einen Erstversuch durchaus annehmbar. Als ich vor zwei Jahren im Amt war, habe ich einmal das Thema ‚Nur der Gelehrte vermag es' gestellt. Die Prüflinge hatten alle die berühmten Musteraufsätze dazu gelesen und konnten nichts Eigenes hervorbringen — sie haben nur abgeschrieben. Hast du das auch gelesen?" Schatzjade sagte: „Ja." Kaufmann Aufrecht sagte: „Ich will, dass du einen völlig neuen Gedanken findest, ohne die Vorgänger zu kopieren — auch nur eine Einleitung genügt." |
Schatzjade konnte nur zustimmen, senkte den Kopf und grübelte angestrengt. Kaufmann Aufrecht stand mit verschränkten Armen an der Tür und dachte ebenfalls nach. Da sah er einen kleinen Diener hinausrennen, der beim Anblick Kaufmann Aufrechts stehenblieb und die Hände sinken ließ. Kaufmann Aufrecht fragte: „Was ist?" Der Diener antwortete: „Drüben bei der Alten Ahnin ist Tante Schnee eingetroffen. Die Zweite Herrin lässt das Essen vorbereiten." Kaufmann Aufrecht sagte nichts, und der Diener ging. | Schatzjade konnte nur zustimmen, senkte den Kopf und grübelte angestrengt. Kaufmann Aufrecht stand mit verschränkten Armen an der Tür und dachte ebenfalls nach. Da sah er einen kleinen Diener hinausrennen, der beim Anblick Kaufmann Aufrechts stehenblieb und die Hände sinken ließ. Kaufmann Aufrecht fragte: „Was ist?" Der Diener antwortete: „Drüben bei der Alten Ahnin ist Tante Schnee eingetroffen. Die Zweite Herrin lässt das Essen vorbereiten." Kaufmann Aufrecht sagte nichts, und der Diener ging. | ||
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Schatzjade hatte Schatzspange seit ihrem Umzug nach Hause sehr vermisst. Als er hörte, dass Tante Schnee da war, nahm er an, Schatzspange sei mitgekommen, und sein Herz schlug sofort schneller. Er wagte sich vor und sagte: „Ich habe eine Einleitung verfasst, weiß aber nicht, ob sie taugt." Kaufmann Aufrecht sagte: „Lies vor." Schatzjade sprach: „Nicht alle Menschen auf der Welt sind Gelehrte; jene, die ohne festen Besitz dennoch Bestand haben, sind wahrlich selten." Kaufmann Aufrecht hörte es, nickte und sagte: „Das geht noch. Beim Aufsatzschreiben musst du immer zuerst die Grenzen klar ziehen und den Kerngedanken durchdenken, ehe du zur Feder greifst. Weiß die Großmutter, dass du hier bist?" Schatzjade sagte: „Ja." Kaufmann Aufrecht sagte: „Dann geh zur Großmutter." | Schatzjade hatte Schatzspange seit ihrem Umzug nach Hause sehr vermisst. Als er hörte, dass Tante Schnee da war, nahm er an, Schatzspange sei mitgekommen, und sein Herz schlug sofort schneller. Er wagte sich vor und sagte: „Ich habe eine Einleitung verfasst, weiß aber nicht, ob sie taugt." Kaufmann Aufrecht sagte: „Lies vor." Schatzjade sprach: „Nicht alle Menschen auf der Welt sind Gelehrte; jene, die ohne festen Besitz dennoch Bestand haben, sind wahrlich selten." Kaufmann Aufrecht hörte es, nickte und sagte: „Das geht noch. Beim Aufsatzschreiben musst du immer zuerst die Grenzen klar ziehen und den Kerngedanken durchdenken, ehe du zur Feder greifst. Weiß die Großmutter, dass du hier bist?" Schatzjade sagte: „Ja." Kaufmann Aufrecht sagte: „Dann geh zur Großmutter." | ||
| − | Schatzjade antwortete mit „Ja" und zog sich betont langsam zurück. Kaum war er hinter der Mondtormauer verschwunden, rannte er wie der Blitz zum Eingang von die Herzoginmutters Hof. Der arme Beiming lief hinterher und rief: „Passt auf, dass Ihr nicht stolpert! Der gnädige Herr könnte kommen!" Doch Schatzjade hörte nichts. Kaum durch die Tür, vernahm er die Stimmen von Wang Furen, Phönixglanz, Spürfrühling [探春] und anderen in heiterem Gelächter. Die Mädchen sahen Schatzjade kommen, hoben schnell den Vorhang und flüsterten: „Die Tante ist hier." Schatzjade eilte hinein, begrüßte zuerst Tante Schnee und dann die Großmutter. die Herzoginmutter fragte: „Warum bist du heute so spät aus der Schule?" Schatzjade berichtete ausführlich von der Aufsatzprüfung und der Aufgabe, die Kaufmann Aufrecht ihm gestellt hatte. die Herzoginmutter strahlte vor Freude. | + | Schatzjade antwortete mit „Ja" und zog sich betont langsam zurück. Kaum war er hinter der Mondtormauer verschwunden, rannte er wie der Blitz zum Eingang von die Herzoginmutters Hof. Der arme Beiming lief hinterher und rief: „Passt auf, dass Ihr nicht stolpert! Der gnädige Herr könnte kommen!" Doch Schatzjade hörte nichts. Kaum durch die Tür, vernahm er die Stimmen von Wang Furen, Phönixglanz, Spürfrühling<ref>Spürfrühling: Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Suchender Frühling".</ref> [探春] und anderen in heiterem Gelächter. Die Mädchen sahen Schatzjade kommen, hoben schnell den Vorhang und flüsterten: „Die Tante ist hier." Schatzjade eilte hinein, begrüßte zuerst Tante Schnee und dann die Großmutter. die Herzoginmutter fragte: „Warum bist du heute so spät aus der Schule?" Schatzjade berichtete ausführlich von der Aufsatzprüfung und der Aufgabe, die Kaufmann Aufrecht ihm gestellt hatte. die Herzoginmutter strahlte vor Freude. |
| − | Schatzjade fragte in die Runde: „Wo sitzt Schwester Schatzspange?" Tante Schnee lächelte: „Deine Schwester Schatzspange ist nicht mitgekommen | + | Schatzjade fragte in die Runde: „Wo sitzt Schwester Schatzspange?" Tante Schnee lächelte: „Deine Schwester Schatzspange ist nicht mitgekommen — sie näht mit Xiangling zu Hause." Enttäuscht wollte Schatzjade lieber gehen, brachte es aber nicht über sich. Inzwischen war aufgedeckt worden. Natürlich saßen die Herzoginmutter und Tante Schnee oben, Spürfrühling und die anderen an den Seiten. Tante Schnee fragte: „Wo ist Schatzjade?" die Herzoginmutter lachte: „Schatzjade setzt sich hierher neben mich." Schatzjade antwortete hastig: „Als ich vorhin aus der Schule kam, hat Li Gui mir die Nachricht des Vaters überbracht: Ich solle erst essen und dann zu ihm kommen. Ich habe mir schnell eine Schüssel Reis mit einem Gericht genommen — die Alte Ahnin, die Tante und die Schwestern mögen ohne mich speisen." die Herzoginmutter sagte: „Gut, dann komm du her, Phönixglanz, und iss mit mir. Deine Tante fastet heute, hat sie mir gesagt — sie sollen für sich essen." Wang Furen bestätigte: „Iss du bei der Großmutter und der Tante — warte nicht auf mich, ich faste." Phönixglanz nahm Platz, ein Mädchen stellte Becher und Stäbchen hin, Phönixglanz schenkte eine Runde ein und setzte sich dann. |
| − | Beim Trinken fragte die Herzoginmutter: „Vorhin erwähnte die Tante Xiangling | + | Beim Trinken fragte die Herzoginmutter: „Vorhin erwähnte die Tante Xiangling — die Mädchen haben neulich ‚Qiuling' gesagt, und ich wusste gar nicht, wer das ist, bis ich nachfragte. Warum hat das Kind einen neuen Namen bekommen?" Tante Schnee errötete und seufzte: „Fragen Sie lieber nicht, Alte Ahnin! Seit mein Pan diese unausstehliche Frau geheiratet hat und es täglich Streit gibt, sieht es bei uns kaum noch wie ein ordentliches Haus aus. Ich habe ihm mehrfach ins Gewissen geredet, aber er ist halsstarrig und hört nicht; mir fehlt die Kraft, mich ständig mit ihnen zu zanken. Also lass ich sie machen. Hat nicht sie den Namen geändert, weil er ihr nicht gefiel!" die Herzoginmutter sagte: „Ein Name ist doch keine große Sache." Tante Schnee fuhr fort: „Wenn ich ehrlich bin — es ist mir peinlich, aber vor der Alten Ahnin gibt es nichts zu verbergen. Es geht ihr gar nicht um den Namen; sie hat gehört, dass Schatzspange ihn ausgesucht hat, und das allein ist der Grund, warum sie ihn ändern wollte." die Herzoginmutter fragte: „Was hat denn Schatzspange damit zu tun?" Tante Schnee tupfte sich unablässig die Tränen mit dem Taschentuch ab und seufzte: „Was die Alte Ahnin noch nicht weiß: Neuerdings legt sich die Schwiegertochter ständig mit Schatzspange an. Neulich, als Sie jemanden schickten, nach mir zu sehen — bei uns war gerade großer Krach." |
| − | die Herzoginmutter fragte sogleich: „Neulich hörte ich, dass du Leberschmerzen hattest, und wollte jemanden schicken; dann hieß es, es gehe dir besser, und ich habe es gelassen. Wenn du mich fragst: Nimm dir das alles nicht so zu Herzen! Außerdem sind sie ja noch frisch verheiratet | + | die Herzoginmutter fragte sogleich: „Neulich hörte ich, dass du Leberschmerzen hattest, und wollte jemanden schicken; dann hieß es, es gehe dir besser, und ich habe es gelassen. Wenn du mich fragst: Nimm dir das alles nicht so zu Herzen! Außerdem sind sie ja noch frisch verheiratet — mit der Zeit wird sich alles geben. Schatzspange hat ein sanftes, gelassenes Wesen; obwohl sie noch jung ist, ist sie reifer als manch ein Erwachsener. Als neulich das kleine Mädchen zurückkam und erzählte, haben wir hier alle noch eine ganze Weile über sie gesprochen. Ein Mädchen wie Schatzspange — eine unter hundert! Ich sage es ohne Umschweife: Wenn die einmal Schwiegertochter wird, wie sollen die Schwiegereltern sie nicht liebhaben, wie sollte das ganze Haus sie nicht respektieren!" |
| − | Schatzjade hatte schon ungeduldig zugehört und wollte einen Vorwand suchen, um zu gehen; als er aber diese Worte hörte, blieb er sitzen und lauschte mit starrem Blick. Tante Schnee sagte: „Das nützt nichts | + | Schatzjade hatte schon ungeduldig zugehört und wollte einen Vorwand suchen, um zu gehen; als er aber diese Worte hörte, blieb er sitzen und lauschte mit starrem Blick. Tante Schnee sagte: „Das nützt nichts — sie mag noch so gut sein, am Ende ist sie doch ein Mädchen. Dass ich diesen verwirrten Pan großgezogen habe, beunruhigt mich wirklich: Ständig fürchte ich, er trinkt draußen und richtet Unheil an. Zum Glück sind die jungen Herren von hier oft mit ihm zusammen — da bin ich ein wenig beruhigter." Schatzjade fiel ihr ins Wort: „Tante, da brauchst du dir wirklich keine Sorgen zu machen. Die Freunde des großen Bruders Xue sind allesamt ehrbare Großkaufleute mit Ansehen — da passiert schon nichts." Tante Schnee lachte: „Nach deinen Worten bräuchte ich mich wohl überhaupt nicht mehr zu sorgen." Währenddessen war das Essen vorbei. Schatzjade verabschiedete sich als Erster, da er abends noch lernen musste, und alle gingen auseinander. |
| − | Gerade wurde der Tee aufgetragen, als Hupo herbeikam und die Herzoginmutter etwas ins Ohr flüsterte. die Herzoginmutter wandte sich sogleich an Phönixglanz: „Geh schnell und sieh nach Qiaojie!" Phönixglanz wusste noch gar nicht, was los war. Alle anderen waren ebenfalls verwundert. Hupo trat zu Phönixglanz und sagte: „Eben hat Friedchen [平儿] ein kleines Mädchen geschickt, um der Zweiten Herrin zu melden, dass es Qiaojie nicht gut geht und die Herrin schnell kommen möge." die Herzoginmutter sagte: „Geh sofort | + | Gerade wurde der Tee aufgetragen, als Hupo herbeikam und die Herzoginmutter etwas ins Ohr flüsterte. die Herzoginmutter wandte sich sogleich an Phönixglanz: „Geh schnell und sieh nach Qiaojie!" Phönixglanz wusste noch gar nicht, was los war. Alle anderen waren ebenfalls verwundert. Hupo trat zu Phönixglanz und sagte: „Eben hat Friedchen<ref>Friedchen: Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedliche".</ref> [平儿] ein kleines Mädchen geschickt, um der Zweiten Herrin zu melden, dass es Qiaojie nicht gut geht und die Herrin schnell kommen möge." die Herzoginmutter sagte: „Geh sofort — die Tante ist ja kein Gast." Phönixglanz entschuldigte sich hastig bei Tante Schnee. Da sagte Wang Furen: „Geh du voraus, ich komme gleich nach. Kleine Kinder haben noch empfindliche Seelen — lass die Mädchen nicht so einen Aufstand machen! Und achtet auf Katzen und Hunde im Zimmer. Bei einem so kostbaren Kind muss man auf jede Kleinigkeit aufpassen." Phönixglanz sagte „Ja" und eilte mit einem kleinen Mädchen in ihre Gemächer. |
| − | Tante Schnee erkundigte sich nach | + | Tante Schnee erkundigte sich nach Kajaljade<ref>Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".</ref>s Gesundheit. die Herzoginmutter sagte: „Das Lin-Mädchen hat sonst nichts, nur nimmt sie alles zu schwer — deshalb ist ihr Körper nicht recht kräftig. Was Klugheit betrifft, steht sie Schatzspange kaum nach; aber an Großmut und Güte im Umgang reicht sie nicht an ihre Schwester Bao heran, die so nachsichtig und duldsam ist." Tante Schnee plauderte noch ein wenig und sagte dann: „Die Alte Ahnin möge sich ausruhen — ich muss auch nach Hause, dort sind ja nur Schatzspange und Xiangling geblieben. Auf dem Weg will ich mit der Tante bei Qiaojie vorbeischauen." die Herzoginmutter sagte: „Richtig. Du als ältere, erfahrene Person kannst ihnen sagen, was zu tun ist." Tante Schnee verabschiedete sich und ging mit Wang Furen zu Phönixglanzs Hof. |
| − | Kaufmann Aufrecht war nach der Prüfung Schatzjades recht zufrieden und ging hinaus, um mit seinen literarischen Beratern zu plaudern. Er erzählte von der Sache, und ein kürzlich eingetroffener Berater namens Wang Zuomei, Stilname Erdiao, ein großer Schachliebhaber, sagte: „Nach unserer Einschätzung hat der Zweite Herr Bao große Fortschritte in seiner Bildung gemacht." Kaufmann Aufrecht erwiderte: „Wo denn? Er versteht gerade ein wenig mehr | + | Kaufmann Aufrecht war nach der Prüfung Schatzjades recht zufrieden und ging hinaus, um mit seinen literarischen Beratern zu plaudern. Er erzählte von der Sache, und ein kürzlich eingetroffener Berater namens Wang Zuomei, Stilname Erdiao, ein großer Schachliebhaber, sagte: „Nach unserer Einschätzung hat der Zweite Herr Bao große Fortschritte in seiner Bildung gemacht." Kaufmann Aufrecht erwiderte: „Wo denn? Er versteht gerade ein wenig mehr — von ‚Bildung' kann noch lange keine Rede sein." Zhan Guang sagte: „Der verehrte Herr ist zu bescheiden. Nicht nur Bruder Wang meint das — auch wir sehen, dass der Zweite Herr Bao es unbedingt weit bringen wird." Kaufmann Aufrecht lächelte: „Das ist nur eure freundliche Übertreibung." |
| − | Wang Erdiao sprach weiter: „Ich hätte da noch etwas | + | Wang Erdiao sprach weiter: „Ich hätte da noch etwas — verzeihen Sie meine Kühnheit — das ich mit dem verehrten Herrn besprechen möchte." Kaufmann Aufrecht fragte: „Was denn?" Wang Erdiao lächelte verbindlich: „Ein Bekannter von mir, ein gewisser Herr Zhang, der einst Intendant für Nan-Shao war, hat eine Tochter, die, wie man sagt, an Tugend, Aussehen, Fleiß und Schönheit nichts zu wünschen übrig lässt und noch unverlobt ist. Er hat keine Söhne und ein gewaltiges Vermögen. Er sucht jedoch eine Familie, die Reichtum und Rang vereint, und einen herausragenden Schwiegersohn. In den zwei Monaten, die ich hier bin, habe ich gesehen, dass der Zweite Herr Bao an Charakter und Gelehrsamkeit ganz gewiss eine große Zukunft hat. Bei einem Hause wie dem Ihren — was sollte dagegen sprechen? Wenn ich vermitteln darf, wird die Sache auf Anhieb zustande kommen." Kaufmann Aufrecht sagte: „Eine Verlobung für Schatzjade wäre altersmäßig durchaus angebracht, und die Alte Ahnin hat es auch schon erwähnt. Nur kenne ich Herrn Zhang nicht näher." Zhan Guang sagte: „Die Familie Zhang, die Bruder Wang vorschlägt, kenne auch ich; zudem ist sie mit dem Ersten Herrn hier altbekannt — der verehrte Herr braucht nur zu fragen." Kaufmann Aufrecht überlegte: „Vom Ersten Herrn habe ich nie etwas von dieser Verwandtschaft gehört." Zhan Guang erklärte: „Das wusste der verehrte Herr natürlich nicht — die Familie Zhang ist mit dem Onkel der Frau Xing verwandt." Kaufmann Aufrecht verstand nun, dass es sich um eine Verwandte Xing Furens handelte. |
Er saß noch eine Weile, dann ging er hinein, um Wang Furen zu informieren und bei Xing Furen nachzufragen. Doch Wang Furen war mit Tante Schnee bei Phönixglanz, um nach Qiaojie zu sehen. Es war schon Lampenzündzeit, als Tante Schnee ging und Wang Furen zurückkam. Kaufmann Aufrecht erzählte ihr von Wang Erdiaos und Zhan Guangs Vorschlag und fragte: „Was ist mit Qiaojie?" Wang Furen antwortete: „Es scheint ein Schreckkrampf zu sein." Kaufmann Aufrecht: „Ist es schlimm?" Wang Furen: „Es sieht nach Krämpfen aus, nur sind sie noch nicht ausgebrochen." Kaufmann Aufrecht seufzte und sagte nichts mehr. Man ging zur Ruhe. | Er saß noch eine Weile, dann ging er hinein, um Wang Furen zu informieren und bei Xing Furen nachzufragen. Doch Wang Furen war mit Tante Schnee bei Phönixglanz, um nach Qiaojie zu sehen. Es war schon Lampenzündzeit, als Tante Schnee ging und Wang Furen zurückkam. Kaufmann Aufrecht erzählte ihr von Wang Erdiaos und Zhan Guangs Vorschlag und fragte: „Was ist mit Qiaojie?" Wang Furen antwortete: „Es scheint ein Schreckkrampf zu sein." Kaufmann Aufrecht: „Ist es schlimm?" Wang Furen: „Es sieht nach Krämpfen aus, nur sind sie noch nicht ausgebrochen." Kaufmann Aufrecht seufzte und sagte nichts mehr. Man ging zur Ruhe. | ||
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Am nächsten Tag kam Xing Furen zur Begrüßung bei die Herzoginmutter vorbei. Wang Furen brachte die Familie Zhang zur Sprache, berichtete die Herzoginmutter und fragte gleichzeitig Xing Furen. Xing Furen sagte: „Die Zhangs sind zwar alte Bekannte, aber seit Jahren hat man keinen Kontakt mehr. Ich weiß nicht, wie das Mädchen ist. Vor ein paar Tagen schickte allerdings die Verwandte Sun jemanden zum Grüßen, und dabei kam die Rede auf die Zhangs: Die hätten eine Tochter und wollten über die Suns einen Vermittler finden. Es heißt, die Familie habe nur dieses eine Mädchen und verwöhne es sehr; es kenne ein paar Schriftzeichen, sei aber scheu und verlasse kaum das Haus. Der alte Herr Zhang wolle sie auf keinen Fall weggeben, weil er fürchte, strenge Schwiegereltern könnten sie unglücklich machen. Der Schwiegersohn müsse einziehen und bei ihnen den Haushalt führen." | Am nächsten Tag kam Xing Furen zur Begrüßung bei die Herzoginmutter vorbei. Wang Furen brachte die Familie Zhang zur Sprache, berichtete die Herzoginmutter und fragte gleichzeitig Xing Furen. Xing Furen sagte: „Die Zhangs sind zwar alte Bekannte, aber seit Jahren hat man keinen Kontakt mehr. Ich weiß nicht, wie das Mädchen ist. Vor ein paar Tagen schickte allerdings die Verwandte Sun jemanden zum Grüßen, und dabei kam die Rede auf die Zhangs: Die hätten eine Tochter und wollten über die Suns einen Vermittler finden. Es heißt, die Familie habe nur dieses eine Mädchen und verwöhne es sehr; es kenne ein paar Schriftzeichen, sei aber scheu und verlasse kaum das Haus. Der alte Herr Zhang wolle sie auf keinen Fall weggeben, weil er fürchte, strenge Schwiegereltern könnten sie unglücklich machen. Der Schwiegersohn müsse einziehen und bei ihnen den Haushalt führen." | ||
| − | die Herzoginmutter unterbrach, ohne das Ende abzuwarten: „Das kommt auf gar keinen Fall in Frage! Unser Schatzjade | + | die Herzoginmutter unterbrach, ohne das Ende abzuwarten: „Das kommt auf gar keinen Fall in Frage! Unser Schatzjade — es reicht kaum, wenn andere ihn bedienen, und dann soll er in einem fremden Haus den Haushalt führen!" Xing Furen bestätigte: „Genau so sagt es die Alte Ahnin." die Herzoginmutter wandte sich an Wang Furen: „Sag deinem Mann, von mir: Die Heirat mit den Zhangs kommt nicht in Betracht." Wang Furen sagte zu. |
| − | die Herzoginmutter fragte: „Wie geht es Qiaojie? Vorhin kam Friedchen zu mir und sagte, es stehe nicht gut. Ich wollte selbst hinübergehen und nach ihr schauen." Xing und Wang Furen sagten: „Die Alte Ahnin liebt sie zwar, aber das Kind verträgt so einen Besuch kaum." die Herzoginmutter erwiderte: „Es geht mir nicht nur um sie | + | die Herzoginmutter fragte: „Wie geht es Qiaojie? Vorhin kam Friedchen zu mir und sagte, es stehe nicht gut. Ich wollte selbst hinübergehen und nach ihr schauen." Xing und Wang Furen sagten: „Die Alte Ahnin liebt sie zwar, aber das Kind verträgt so einen Besuch kaum." die Herzoginmutter erwiderte: „Es geht mir nicht nur um sie — ich möchte auch ein bisschen spazieren und meine Knochen bewegen." Damit ordnete sie an: „Geht essen, und dann kommt, um mich hinüberzubegleiten." Die beiden stimmten zu und gingen. |
Nach dem Essen begleiteten sie die Herzoginmutter zu Phönixglanzs Gemächern. Phönixglanz eilte heraus und führte sie hinein. die Herzoginmutter fragte: „Was fehlt Qiaojie eigentlich?" Phönixglanz sagte: „Es scheint ein Schreckkrampf zu werden." die Herzoginmutter: „Warum lasst ihr nicht sofort den Arzt kommen?" Phönixglanz: „Es ist bereits jemand geschickt worden." die Herzoginmutter trat mit den beiden Schwiegertöchtern ins Schlafzimmer. Die Amme hielt das Kind, eingewickelt in eine pfirsichfarbene kleine Seidendecke; das Gesichtchen war bläulich-grün, und an den Augenbrauen und Nasenflügeln waren leichte Zuckungen zu erkennen. die Herzoginmutter, Xing Furen und Wang Furen schauten sich das Kind an und setzten sich dann im Vorzimmer nieder. | Nach dem Essen begleiteten sie die Herzoginmutter zu Phönixglanzs Gemächern. Phönixglanz eilte heraus und führte sie hinein. die Herzoginmutter fragte: „Was fehlt Qiaojie eigentlich?" Phönixglanz sagte: „Es scheint ein Schreckkrampf zu werden." die Herzoginmutter: „Warum lasst ihr nicht sofort den Arzt kommen?" Phönixglanz: „Es ist bereits jemand geschickt worden." die Herzoginmutter trat mit den beiden Schwiegertöchtern ins Schlafzimmer. Die Amme hielt das Kind, eingewickelt in eine pfirsichfarbene kleine Seidendecke; das Gesichtchen war bläulich-grün, und an den Augenbrauen und Nasenflügeln waren leichte Zuckungen zu erkennen. die Herzoginmutter, Xing Furen und Wang Furen schauten sich das Kind an und setzten sich dann im Vorzimmer nieder. | ||
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Da kam ein kleines Mädchen und meldete Phönixglanz: „Der gnädige Herr lässt fragen, wie es dem Fräulein geht." Phönixglanz sagte: „Bestelle dem gnädigen Herrn, der Arzt ist bestellt. Sobald das Rezept geschrieben ist, berichte ich dem gnädigen Herrn." | Da kam ein kleines Mädchen und meldete Phönixglanz: „Der gnädige Herr lässt fragen, wie es dem Fräulein geht." Phönixglanz sagte: „Bestelle dem gnädigen Herrn, der Arzt ist bestellt. Sobald das Rezept geschrieben ist, berichte ich dem gnädigen Herrn." | ||
| − | die Herzoginmutter erinnerte sich plötzlich an die Familie Zhang und wandte sich an Wang Furen: „Du solltest es deinem Mann gleich sagen, damit die anderen nicht erst hinschicken und es dann eine Absage gibt." Dann fragte sie Xing Furen: „Warum habt ihr den Kontakt zu den Zhangs verloren?" Xing Furen sagte: „Wenn man bedenkt, wie die Zhangs wirtschaften | + | die Herzoginmutter erinnerte sich plötzlich an die Familie Zhang und wandte sich an Wang Furen: „Du solltest es deinem Mann gleich sagen, damit die anderen nicht erst hinschicken und es dann eine Absage gibt." Dann fragte sie Xing Furen: „Warum habt ihr den Kontakt zu den Zhangs verloren?" Xing Furen sagte: „Wenn man bedenkt, wie die Zhangs wirtschaften — da passt keine Heirat zu uns: viel zu geizig, das wäre unter Schatzjades Würde." Phönixglanz hatte genug gehört und fragte: „Geht es um die Heirat des Bruders Bao?" Xing Furen bestätigte: „Genau." die Herzoginmutter erzählte Phönixglanz die ganze Geschichte. Phönixglanz lachte: „Mir fällt — verzeihen Sie, dass ich in Gegenwart der Alten Ahnin und der Tanten so kühn bin — eine vom Himmel bestimmte Verbindung ein, da muss man nicht anderswo suchen!" die Herzoginmutter fragte lachend: „Wo denn?" Phönixglanz sagte: „Ein ‚Schatzjade' und ein ‚Goldenes Schloss' — hat die Alte Ahnin das vergessen?" die Herzoginmutter lächelte. „Gestern war deine Tante hier — warum hast du es nicht angesprochen?" Phönixglanz erwiderte: „In Gegenwart der Alten Ahnin und der Tanten ist es nicht an uns jungen Leuten, das Wort zu führen. Und die Tante kam auf Besuch zur Großmutter — da bringt man so etwas nicht auf. Das müssten die Tanten persönlich vortragen." die Herzoginmutter lachte, und auch Xing und Wang Furen lachten. die Herzoginmutter sagte: „Wie konnte ich nur so vergesslich sein!" |
| − | In diesem Moment wurde gemeldet: „Der Arzt ist da." die Herzoginmutter blieb im Vorzimmer sitzen; Xing und Wang Furen zogen sich ein wenig zurück. Der Arzt kam mit Kaufmann Jadeschale [贾琏] herein, begrüßte die Herzoginmutter und ging dann ins Schlafzimmer. Nach der Untersuchung kam er heraus, blieb stehen und berichtete ehrerbietig: „Das Fräulein leidet zur Hälfte an innerer Hitze und zur Hälfte an einem Schreckkrampf. Zuerst muss eine Arznei zur Zerstreuung von Wind und Schleim gegeben werden, dann das ‚Pulver der Vier Götter', denn die Krankheit ist nicht leicht. Die heutzutage erhältlichen Gallensteine vom Rind sind fast alle gefälscht | + | In diesem Moment wurde gemeldet: „Der Arzt ist da." die Herzoginmutter blieb im Vorzimmer sitzen; Xing und Wang Furen zogen sich ein wenig zurück. Der Arzt kam mit Kaufmann Jadeschale<ref>Kaufmann Jadeschale: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Jadeschale".</ref> [贾琏] herein, begrüßte die Herzoginmutter und ging dann ins Schlafzimmer. Nach der Untersuchung kam er heraus, blieb stehen und berichtete ehrerbietig: „Das Fräulein leidet zur Hälfte an innerer Hitze und zur Hälfte an einem Schreckkrampf. Zuerst muss eine Arznei zur Zerstreuung von Wind und Schleim gegeben werden, dann das ‚Pulver der Vier Götter', denn die Krankheit ist nicht leicht. Die heutzutage erhältlichen Gallensteine vom Rind sind fast alle gefälscht — es muss ein echter sein, sonst wirkt die Medizin nicht." die Herzoginmutter dankte dem Arzt. Der Arzt ging mit Kaufmann Jadeschale hinaus, schrieb das Rezept und fuhr davon. Phönixglanz sagte: „Ginseng haben wir zu Hause immer vorrätig, aber ob wir echte Rinder-Gallensteine haben, bezweifle ich. Draußen kaufen kann man — nur muss es echt sein." Wang Furen sagte: „Ich schicke jemanden zu Tante Schnee; ihr Pan handelt immer mit ausländischen Kaufleuten — vielleicht hat er echte. Ich lasse nachfragen." |
Während sie noch sprachen, kamen die Schwestern herein, setzten sich eine Weile und gingen dann mit die Herzoginmutter und den anderen. | Während sie noch sprachen, kamen die Schwestern herein, setzten sich eine Weile und gingen dann mit die Herzoginmutter und den anderen. | ||
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Im Zimmer wurde inzwischen die Medizin gekocht und Qiaojie eingeflößt. Mit einem Würgen spuckte das Kind Arznei und Schleim in einem Schwall aus, und Phönixglanz atmete ein wenig auf. Da kam ein kleines Mädchen von Wang Furen mit einem winzigen roten Papierpaketchen und sagte: „Zweite Herrin, der Gallenstein ist da. Die Gnädige Frau lässt ausrichten, dass die Zweite Herrin die Dosis persönlich genau abwiegen soll." Phönixglanz nahm das Päckchen, ließ Friedchen Perlen, Borneolkampfer und Zinnober dazumischen und schnell ansetzen. Sie selbst wog mit der Feinwaage nach der Vorschrift ab, mischte alles zusammen und wartete, bis Qiaojie aufwachte, um ihr die Medizin zu geben. Da schob Kaufmann Unheil den Vorhang beiseite und trat ein: „Zweite Schwester, was fehlt eurem Qiaojie? Mama schickt mich, nach ihr zu sehen." Phönixglanz verabscheute Mutter und Sohn und sagte: „Es geht ihr besser. Geh zurück und danke deiner Mutter für die Anteilnahme." | Im Zimmer wurde inzwischen die Medizin gekocht und Qiaojie eingeflößt. Mit einem Würgen spuckte das Kind Arznei und Schleim in einem Schwall aus, und Phönixglanz atmete ein wenig auf. Da kam ein kleines Mädchen von Wang Furen mit einem winzigen roten Papierpaketchen und sagte: „Zweite Herrin, der Gallenstein ist da. Die Gnädige Frau lässt ausrichten, dass die Zweite Herrin die Dosis persönlich genau abwiegen soll." Phönixglanz nahm das Päckchen, ließ Friedchen Perlen, Borneolkampfer und Zinnober dazumischen und schnell ansetzen. Sie selbst wog mit der Feinwaage nach der Vorschrift ab, mischte alles zusammen und wartete, bis Qiaojie aufwachte, um ihr die Medizin zu geben. Da schob Kaufmann Unheil den Vorhang beiseite und trat ein: „Zweite Schwester, was fehlt eurem Qiaojie? Mama schickt mich, nach ihr zu sehen." Phönixglanz verabscheute Mutter und Sohn und sagte: „Es geht ihr besser. Geh zurück und danke deiner Mutter für die Anteilnahme." | ||
| − | Kaufmann Unheil murmelte zwar ein „Ja", sah sich aber neugierig überall um. Nach einer Weile fragte er Phönixglanz: „Ich habe gehört, ihr habt hier Rinder-Gallensteine | + | Kaufmann Unheil murmelte zwar ein „Ja", sah sich aber neugierig überall um. Nach einer Weile fragte er Phönixglanz: „Ich habe gehört, ihr habt hier Rinder-Gallensteine — wie sieht so etwas aus? Lass mich mal sehen." Phönixglanz sagte: „Hör auf, hier herumzustöbern — dem Mädchen geht es gerade etwas besser. Die Gallensteine sind schon in der Arznei." Kaufmann Unheil ging trotzdem hin und streckte die Hand nach dem Medizintöpfchen aus — doch er war ungeschickt; mit einem Zischen kippte es um, und die Hälfte des Feuers war gelöscht. Kaufmann Unheil sah, dass es schlimm stand, und rannte beschämt davon. Phönixglanz war so wütend, dass ihr Funken sprühten. Sie schimpfte: „Dieser ewige Feind aus einem früheren Leben! Was treibt dich her, um Schaden anzurichten? Schon damals wollte deine Mutter mich umbringen, und jetzt kommst du, um meiner Kleinen zu schaden. Seit wie vielen Generationen hegen wir denn einen Groll gegeneinander?" Dann schalt sie auch Friedchen, weil sie nicht aufgepasst habe. |
| − | Während sie noch schimpfte, kam ein Dienstmädchen, das Kaufmann Unheil suchte. Phönixglanz sagte: „Geh und sag Zhao Yiniang: Sie hat sich wahrlich zu viel Mühe gemacht! Qiaojie ist so gut wie tot | + | Während sie noch schimpfte, kam ein Dienstmädchen, das Kaufmann Unheil suchte. Phönixglanz sagte: „Geh und sag Zhao Yiniang: Sie hat sich wahrlich zu viel Mühe gemacht! Qiaojie ist so gut wie tot — sie braucht sich nicht mehr zu sorgen." Friedchen bereitete hastig die Arznei von Neuem zu. Das Mädchen wusste nicht, wie ihm geschah, und fragte Friedchen leise, was los sei. Friedchen erzählte, wie Huan das Arzneigefäß umgeworfen hatte. Das Mädchen sagte: „Kein Wunder, dass er sich nicht zurücktraut und sich versteckt hat. Was wird morgen erst mit ihm los sein! Schwester Ping, soll ich dir beim Aufräumen helfen?" Friedchen sagte: „Das ist nicht nötig. Zum Glück ist noch ein Rest Gallenstein da — ich habe alles frisch angesetzt. Geh nur." Das Mädchen sagte: „Ich werde es der Frau Zhao auf jeden Fall erzählen — dann muss sie auch mal aufhören, so große Töne zu spucken." |
| − | Das Mädchen ging zurück und erzählte Zhao Yiniang alles. Zhao Yiniang war außer sich vor Wut und rief: „Sucht mir sofort den Huan!" Huan hatte sich im Vorzimmer versteckt und wurde hereingeholt. Zhao Yiniang schimpfte: „Du nichtswürdiges Balg! Warum hast du die Medizin verschüttet und dafür gesorgt, dass man auf uns schimpft? Ich hatte dir nur aufgetragen, dich zu erkundigen, du brauchtest gar nicht hineinzugehen. Aber nein, du gehst hinein und bleibst auch noch | + | Das Mädchen ging zurück und erzählte Zhao Yiniang alles. Zhao Yiniang war außer sich vor Wut und rief: „Sucht mir sofort den Huan!" Huan hatte sich im Vorzimmer versteckt und wurde hereingeholt. Zhao Yiniang schimpfte: „Du nichtswürdiges Balg! Warum hast du die Medizin verschüttet und dafür gesorgt, dass man auf uns schimpft? Ich hatte dir nur aufgetragen, dich zu erkundigen, du brauchtest gar nicht hineinzugehen. Aber nein, du gehst hinein und bleibst auch noch — und dann musst du auf dem Tigerkopf Läuse suchen! Warte nur, bis ich es dem Herrn sage — dann gibt es Prügel!" |
Während Zhao Yiniang noch schimpfte, war im Nebenzimmer von Kaufmann Unheil etwas zu hören, das einem das Herz stocken ließ. | Während Zhao Yiniang noch schimpfte, war im Nebenzimmer von Kaufmann Unheil etwas zu hören, das einem das Herz stocken ließ. | ||
Was er sagte, möge der geneigte Leser im folgenden Kapitel erfahren. | Was er sagte, möge der geneigte Leser im folgenden Kapitel erfahren. | ||
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| − | + | Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). | |
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Revision as of 12:47, 15 April 2026
Kapitel: 1 · 2 · 3 · 4 · 5 · 6 · 7 · 8 · 9 · 10 · [11-20] · [21-30] · [31-40] · [41-50] · [51-60] · [61-70] · [71-80] · [81-90] · [91-100] · [101-110] · [111-120] · ← Inhalt
Vierundachtzigstes Kapitel
Schriftliche Prüfung — zum ersten Mal wird für Schatzjade[1] [宝玉] eine Heirat vorgeschlagen, Die Untersuchung eines Schreckkrampfes bringt Kaufmann Unheil[2] [贾环] neuen Groll
Wie berichtet, war Tante Schnee[3] [薛姨妈] von Jinquis Wutanfall so aufgebracht, dass ihr Leberqi[4] aufstieg und sie Schmerzen in der linken Seite bekam. Schatzspange[5] [宝钗] wusste genau, woran es lag, und wartete nicht erst auf den Arzt: Sie ließ ein paar Qian Uncaria-Zweige kaufen, kochte einen starken Sud und gab ihn ihrer Mutter zu trinken. Dann klopften sie und Xiangling Tante Schnees Beine und rieben ihr die Brust. Nach einer Weile beruhigte sie sich ein wenig. Tante Schnee war gleichzeitig traurig und wütend: wütend auf Jinquis Tobsuchtsanfälle und traurig, weil Schatzspanges Geduld sie rührte. Schatzspange redete ihr noch eine Weile gut zu, bis Tante Schnee unversehens einschlief und das Leberqi sich allmählich legte. Schatzspange sagte: „Mama, solchen Ärger darfst du dir nicht zu Herzen nehmen. Wenn du in ein paar Tagen wieder laufen kannst, geh doch einfach hinüber zur Großmutter und zur Tante und plaudere ein wenig, um dich abzulenken. Zu Hause passen Xiangling und ich schon auf — die wird sich schon nicht trauen." Tante Schnee nickte: „Wir werden sehen."
Nachdem die Kaiserliche Gemahlin genesen war, herrschte in der Familie allgemeine Freude. Einige Tage später kamen Eunuchen mit Geschenken und Silber und verkündeten den Befehl der Edlen Gemahlin: Da die Familie sich so eifrig um sie gesorgt habe, wolle sie alle belohnen. Gaben und Silber wurden einzeln übergeben. Kaufmann Begnadigung [贾赦] und Kaufmann Aufrecht[6] [贾政] berichteten die Herzoginmutter [贾母], und alle dankten gemeinsam für die kaiserliche Gnade. Nachdem die Eunuchen ihren Tee getrunken hatten, zogen sie sich zurück. Die Familie versammelte sich in die Herzoginmutters Gemächern und plauderte fröhlich eine Weile. Da kam eine Dienerin herein und meldete: „Die Diener lassen ausrichten, dass jemand vom anderen Haus den Ersten Herrn dringend zu sprechen wünscht." die Herzoginmutter wandte sich an Kaufmann Begnadigung: „Geh nur." Kaufmann Begnadigung verließ den Raum.
Hier erinnerte sich die Herzoginmutter plötzlich an etwas und sagte lachend zu Kaufmann Aufrecht: „Die Kaiserliche Gemahlin denkt viel an Schatzjade — neulich hat sie eigens nach ihm gefragt." Kaufmann Aufrecht lächelte höflich: „Nur hat Schatzjade nicht recht die Lust zum Lernen und macht der gnädigen Aufmerksamkeit der Gemahlin wenig Ehre." die Herzoginmutter sagte: „Ich habe ihm ein gutes Wort eingelegt und gesagt, er schreibe neuerdings ordentliche Aufsätze." Kaufmann Aufrecht lachte: „Wo käme das dem gleich, was die Alte Ahnin sagt!" die Herzoginmutter erwiderte: „Ihr lasst ihn doch dauernd Gedichte und Aufsätze schreiben — hat er denn gar nichts zuwege gebracht? Ein Kind muss man behutsam anleiten. Wie man so sagt: ‚Auch ein Dicker wurde nicht mit einem Bissen dick.'" Kaufmann Aufrecht beeilte sich, ihr beizupflichten: „Die Alte Ahnin hat völlig recht."
die Herzoginmutter fuhr fort: „Wo wir schon von Schatzjade sprechen — ich habe noch eine Sache mit dir zu besprechen. Er ist nun alt genug; ihr solltet euch umsehen und ein gutes Mädchen für ihn finden, damit man ihn verloben kann. Das ist eine Angelegenheit für sein ganzes Leben. Es muss nicht unbedingt eine nahe Verwandte sein, und ob arm oder reich, spielt keine Rolle — es kommt nur darauf an, dass man den Charakter des Mädchens gut kennt und sie anständig aussieht." Kaufmann Aufrecht antwortete: „Was die Alte Ahnin anordnet, ist ganz richtig. Nur eines: Das Mädchen mag gut sein, aber er selbst muss sich erst bessern, sonst schadet er dem Ruf eines anständigen Mädchens — wäre das nicht bedauerlich?"
die Herzoginmutter war über diese Worte etwas verstimmt und sagte: „Eigentlich seid ihr als Eltern zuständig, und ich müsste mich nicht einmischen. Aber Schatzjade ist von klein auf bei mir aufgewachsen, und ich habe ihn vielleicht ein wenig zu sehr verwöhnt und so seine Erziehung vernachlässigt. Doch wenn ich ihn mir ansehe — sein Aussehen ist ansehnlich, und sein Wesen ist im Grunde aufrichtig; ich glaube nicht, dass er so verdorben ist, dass er einem Mädchen Schaden zufügen würde. Vielleicht bin ich voreingenommen, aber ich halte ihn jedenfalls für etwas besser als Huan. Was meint ihr?"
Diese wenigen Sätze machten Kaufmann Aufrecht verlegen. Er lachte hastig: „Die Alte Ahnin hat viele Menschen gesehen — wenn sie ihn für gut hält und ihm Glück zuschreibt, wird es gewiss stimmen. Ich bin nur zu ungeduldig gewesen, dass er ein ordentlicher Mensch wird. Vielleicht ist es bei mir ganz im Gegensatz zum alten Sprichwort, und ich sehe gar nicht, wie gut mein eigener Sohn ist." Dieser Satz brachte sogar die Herzoginmutter zum Lachen, und alle lachten mit. die Herzoginmutter sagte: „Du bist inzwischen auch in die Jahre gekommen und bekleidest ein Amt — natürlich wirst du durch Erfahrung immer reifer." Dann blickte sie lächelnd zu Xing Furen und Wang Furen und sprach: „Erinnert euch nur, wie er in seiner Jugend war — mit seinem absonderlichen Temperament, das doppelt so schlimm war wie das von Schatzjade! Erst als er geheiratet hatte, verstand er allmählich, wie man sich unter Menschen benimmt. Und jetzt beschwert er sich nur über Schatzjade! Ich finde, Schatzjade zeigt jetzt sogar ein besseres Gespür für die menschlichen Verhältnisse als er damals." Xing Furen und Wang Furen lachten und sagten: „Die Alte Ahnin erzählt wieder ihre lustigen Geschichten!"
Da kamen kleine Mädchen herein und flüsterten Mandarinenente[7] [鸳鸯] etwas zu. die Herzoginmutter fragte: „Was tuschelt ihr schon wieder?" Mandarinenente erklärte lachend, das Abendessen sei angerichtet. die Herzoginmutter sagte: „Dann geht alle zum Essen. Nur Phönixglanz[8] [熙凤] und die Frau von Zhen sollen bei mir bleiben und mit mir speisen." Kaufmann Aufrecht, Xing Furen und Wang Furen sagten zu, warteten, bis aufgedeckt war, und gingen, als die Herzoginmutter sie noch einmal ermahnte, auseinander.
Xing Furen ging ihres Weges. Kaufmann Aufrecht und Wang Furen traten in ihre Gemächer. Kaufmann Aufrecht kam auf die Herzoginmutters Worte zurück: „Da die Alte Ahnin Schatzjade so liebt, muss er am Ende doch solide Kenntnisse erwerben und sich eines Tages eine Prüfung verdienen, damit die Zuneigung der Alten Ahnin nicht umsonst war und kein Mädchen darunter leidet." Wang Furen stimmte zu: „Was der gnädige Herr sagt, ist natürlich richtig." Kaufmann Aufrecht schickte ein Stubenmädchen hinaus, um Li Gui Bescheid zu geben: „Wenn Schatzjade von der Schule kommt, soll er erst essen und danach zu mir kommen — ich habe ihn noch etwas zu fragen." Li Gui antwortete: „Jawohl."
Als Schatzjade aus der Schule kam und gerade die Begrüßungsrunde machen wollte, trat Li Gui hervor: „Der Zweite Herr braucht noch nicht hinüberzugehen. Der gnädige Herr hat befohlen, dass der Zweite Herr heute erst nach dem Essen kommen soll — es gibt noch Fragen." Bei diesen Worten ging es Schatzjade wie ein Donnerschlag durch den Kopf. Er begrüßte die Großmutter, ging zurück in den Garten, aß hastig zwei, drei Bissen, spülte den Mund und eilte zu Kaufmann Aufrecht.
Kaufmann Aufrecht saß in seinem privaten Arbeitszimmer. Schatzjade trat ein, begrüßte ihn und blieb wartend stehen. Kaufmann Aufrecht fragte: „In den letzten Tagen hatte ich einiges im Kopf und vergaß, dich zu fragen. Du sagtest neulich, dein Lehrer wolle dich einen Monat den Stoff erklären lassen und dir dann das Aufsatzschreiben beibringen. Es sind nun schon fast zwei Monate — hast du überhaupt angefangen zu schreiben?" Schatzjade antwortete: „Ich habe drei Stücke geschrieben. Der Lehrer meinte, es sei noch nicht nötig, dem Vater Bescheid zu geben; wenn sie besser seien, solle ich berichten. Deshalb habe ich in den letzten Tagen nichts gesagt." Kaufmann Aufrecht fragte: „Welche Themen?" Schatzjade sagte: „Das erste war ‚Mit fünfzehn richtete ich meinen Willen aufs Lernen', das zweite ‚Wenn andere einen nicht kennen und man doch nicht grollt', das dritte die drei Zeichen ‚Dann wendet man sich Mo zu'." Kaufmann Aufrecht fragte: „Hast du die Entwürfe?" Schatzjade antwortete: „Ich habe sie ins Reine geschrieben, und der Lehrer hat Korrekturen angebracht." Kaufmann Aufrecht: „Hast du sie mitgebracht oder sind sie noch in der Schule?" Schatzjade: „Sie sind in der Schule." Kaufmann Aufrecht: „Lass sie holen." Schatzjade schickte sogleich einen Boten zu Beiming: „Er soll in der Schule in meiner Schublade ein dünnes Heft auf Bambuszellenpapier suchen, auf dem ‚Schulaufgaben' steht, und es schnell herbringen."
Bald kam Beiming mit dem Heft, reichte es Schatzjade, und Schatzjade legte es Kaufmann Aufrecht vor. Kaufmann Aufrecht schlug es auf und sah als erstes Thema: „Mit fünfzehn richtete ich meinen Willen aufs Lernen." Schatzjades ursprüngliche Einleitung lautete: „Der Heilige richtete seinen Willen aufs Lernen, und zwar von Kindheit an." Dairu hatte jedoch das Wort „Kindheit" gestrichen und stattdessen ausdrücklich „fünfzehn" geschrieben. Kaufmann Aufrecht sagte: „Dein ursprüngliches ‚Kindheit' trifft das Thema nicht genau. ‚Kindheit' reicht vom Kleinkind bis zum sechzehnten Lebensjahr. In diesem Kapitel beschreibt der Heilige, wie sein Studium mit den Jahren fortschritt; deshalb müssen fünfzehn, dreißig, vierzig, fünfzig, sechzig, siebzig jeweils ausdrücklich genannt werden, damit man sieht, wie er in jedem Alter einen anderen Stand erreichte. Dass der Lehrer dein ‚Kindheit' durch ‚fünfzehn' ersetzt hat, macht es wesentlich klarer." Bei der Weiterführung las er Schatzjades gestrichenen Originalsatz: „Denn nicht nach Lernen zu streben, ist das Gewöhnliche bei den Menschen." Kaufmann Aufrecht schüttelte den Kopf: „Das ist nicht nur kindisch, sondern zeigt, dass du von Natur aus keinen Ehrgeiz zum Studium hast." Der nächste Satz lautete: „Dass der Heilige mit fünfzehn danach strebte — ist das nicht schwer?" Kaufmann Aufrecht sagte: „Das ist noch schlimmer." Dann las er Dairus Korrektur: „Wer lernt nicht? Doch jene, die ihren Willen aufs Lernen richten, sind am Ende selten. Darum sprach der Heilige voller Überzeugung bereits im Alter von fünfzehn Jahren sein Bekenntnis aus." Er fragte: „Verstehst du die Korrektur?" Schatzjade antwortete: „Ja."
Dann sah er sich den zweiten Aufsatz an, zum Thema „Wenn andere einen nicht kennen und man doch nicht grollt". Er las zuerst Dairus Fassung: „Wer nicht grollt, obwohl man ihn nicht kennt, der hat am Ende seine Freude am Lernen nicht verändert." Dann betrachtete er den gestrichenen Originaltext und sagte: „Was hast du da geschrieben? ‚Fähig zu sein, niemandem zu grollen — das ist das Wesen eines reinen Gelehrten.' Der erste Satz behandelt nur die drei Zeichen ‚und doch nicht grollt' und versäumt das Gesamtthema; der zweite Satz greift schon in den folgenden Abschnitt über den ‚Edlen' ein. Erst die Korrektur trifft den richtigen Rahmen; zudem greift der Folgesatz sauber auf den vorherigen Text zurück — erst das entspricht dem Sinn des Buches. Du musst sorgfältig darüber nachdenken." Schatzjade bejahte. Kaufmann Aufrecht las weiter: „Denn wer nicht bekannt ist — da gibt es keinen, der nicht grollt; und doch ist es bei ihm nicht so. Ist das nicht, weil einer, der Freude an der Lehre findet, allein dies zu erreichen vermag?" Der Originalsatz am Ende lautete: „Ist er nicht ein reiner Gelehrter?" Kaufmann Aufrecht sagte: „Das hat denselben Fehler wie die Einleitung. Die Korrektur ist zwar auch nichts Besonderes — nur klarer, aber immerhin annehmbar."
Der dritte Aufsatz behandelte „Dann wendet man sich Mo zu". Kaufmann Aufrecht las das Thema, legte den Kopf in den Nacken und überlegte, dann fragte er Schatzjade: „Bist du mit dem Stoff schon so weit?" Schatzjade sagte: „Der Lehrer meinte, der Mengzi sei leichter verständlich, deshalb hat er ihn zuerst durchgenommen. Vorgestern hat er ihn beendet. Jetzt lesen wir die Lunyu." Kaufmann Aufrecht sah sich Einleitung und Fortführung an — hier war kaum etwas korrigiert. Die Einleitung lautete: „Außerhalb der Lehre Yangs, so scheint es, gäbe es nichts, wohin man sich wenden könnte." Kaufmann Aufrecht sagte: „Der zweite Satz — das muss man dir lassen." Dann las er: „Die Lehre Mos ist nicht etwas, dem man sich bewusst zuwendet; doch Mos Worte haben bereits die halbe Welt erfüllt. Wer also die Lehre Yangs verlässt und sich nicht der Lehre Mos zuwenden will — wie könnte ihm das gelingen?" Kaufmann Aufrecht fragte: „Hast du das wirklich selbst geschrieben?" Schatzjade bejahte. Kaufmann Aufrecht nickte: „Es ist zwar nichts Herausragendes, aber für einen Erstversuch durchaus annehmbar. Als ich vor zwei Jahren im Amt war, habe ich einmal das Thema ‚Nur der Gelehrte vermag es' gestellt. Die Prüflinge hatten alle die berühmten Musteraufsätze dazu gelesen und konnten nichts Eigenes hervorbringen — sie haben nur abgeschrieben. Hast du das auch gelesen?" Schatzjade sagte: „Ja." Kaufmann Aufrecht sagte: „Ich will, dass du einen völlig neuen Gedanken findest, ohne die Vorgänger zu kopieren — auch nur eine Einleitung genügt."
Schatzjade konnte nur zustimmen, senkte den Kopf und grübelte angestrengt. Kaufmann Aufrecht stand mit verschränkten Armen an der Tür und dachte ebenfalls nach. Da sah er einen kleinen Diener hinausrennen, der beim Anblick Kaufmann Aufrechts stehenblieb und die Hände sinken ließ. Kaufmann Aufrecht fragte: „Was ist?" Der Diener antwortete: „Drüben bei der Alten Ahnin ist Tante Schnee eingetroffen. Die Zweite Herrin lässt das Essen vorbereiten." Kaufmann Aufrecht sagte nichts, und der Diener ging.
Schatzjade hatte Schatzspange seit ihrem Umzug nach Hause sehr vermisst. Als er hörte, dass Tante Schnee da war, nahm er an, Schatzspange sei mitgekommen, und sein Herz schlug sofort schneller. Er wagte sich vor und sagte: „Ich habe eine Einleitung verfasst, weiß aber nicht, ob sie taugt." Kaufmann Aufrecht sagte: „Lies vor." Schatzjade sprach: „Nicht alle Menschen auf der Welt sind Gelehrte; jene, die ohne festen Besitz dennoch Bestand haben, sind wahrlich selten." Kaufmann Aufrecht hörte es, nickte und sagte: „Das geht noch. Beim Aufsatzschreiben musst du immer zuerst die Grenzen klar ziehen und den Kerngedanken durchdenken, ehe du zur Feder greifst. Weiß die Großmutter, dass du hier bist?" Schatzjade sagte: „Ja." Kaufmann Aufrecht sagte: „Dann geh zur Großmutter."
Schatzjade antwortete mit „Ja" und zog sich betont langsam zurück. Kaum war er hinter der Mondtormauer verschwunden, rannte er wie der Blitz zum Eingang von die Herzoginmutters Hof. Der arme Beiming lief hinterher und rief: „Passt auf, dass Ihr nicht stolpert! Der gnädige Herr könnte kommen!" Doch Schatzjade hörte nichts. Kaum durch die Tür, vernahm er die Stimmen von Wang Furen, Phönixglanz, Spürfrühling[9] [探春] und anderen in heiterem Gelächter. Die Mädchen sahen Schatzjade kommen, hoben schnell den Vorhang und flüsterten: „Die Tante ist hier." Schatzjade eilte hinein, begrüßte zuerst Tante Schnee und dann die Großmutter. die Herzoginmutter fragte: „Warum bist du heute so spät aus der Schule?" Schatzjade berichtete ausführlich von der Aufsatzprüfung und der Aufgabe, die Kaufmann Aufrecht ihm gestellt hatte. die Herzoginmutter strahlte vor Freude.
Schatzjade fragte in die Runde: „Wo sitzt Schwester Schatzspange?" Tante Schnee lächelte: „Deine Schwester Schatzspange ist nicht mitgekommen — sie näht mit Xiangling zu Hause." Enttäuscht wollte Schatzjade lieber gehen, brachte es aber nicht über sich. Inzwischen war aufgedeckt worden. Natürlich saßen die Herzoginmutter und Tante Schnee oben, Spürfrühling und die anderen an den Seiten. Tante Schnee fragte: „Wo ist Schatzjade?" die Herzoginmutter lachte: „Schatzjade setzt sich hierher neben mich." Schatzjade antwortete hastig: „Als ich vorhin aus der Schule kam, hat Li Gui mir die Nachricht des Vaters überbracht: Ich solle erst essen und dann zu ihm kommen. Ich habe mir schnell eine Schüssel Reis mit einem Gericht genommen — die Alte Ahnin, die Tante und die Schwestern mögen ohne mich speisen." die Herzoginmutter sagte: „Gut, dann komm du her, Phönixglanz, und iss mit mir. Deine Tante fastet heute, hat sie mir gesagt — sie sollen für sich essen." Wang Furen bestätigte: „Iss du bei der Großmutter und der Tante — warte nicht auf mich, ich faste." Phönixglanz nahm Platz, ein Mädchen stellte Becher und Stäbchen hin, Phönixglanz schenkte eine Runde ein und setzte sich dann.
Beim Trinken fragte die Herzoginmutter: „Vorhin erwähnte die Tante Xiangling — die Mädchen haben neulich ‚Qiuling' gesagt, und ich wusste gar nicht, wer das ist, bis ich nachfragte. Warum hat das Kind einen neuen Namen bekommen?" Tante Schnee errötete und seufzte: „Fragen Sie lieber nicht, Alte Ahnin! Seit mein Pan diese unausstehliche Frau geheiratet hat und es täglich Streit gibt, sieht es bei uns kaum noch wie ein ordentliches Haus aus. Ich habe ihm mehrfach ins Gewissen geredet, aber er ist halsstarrig und hört nicht; mir fehlt die Kraft, mich ständig mit ihnen zu zanken. Also lass ich sie machen. Hat nicht sie den Namen geändert, weil er ihr nicht gefiel!" die Herzoginmutter sagte: „Ein Name ist doch keine große Sache." Tante Schnee fuhr fort: „Wenn ich ehrlich bin — es ist mir peinlich, aber vor der Alten Ahnin gibt es nichts zu verbergen. Es geht ihr gar nicht um den Namen; sie hat gehört, dass Schatzspange ihn ausgesucht hat, und das allein ist der Grund, warum sie ihn ändern wollte." die Herzoginmutter fragte: „Was hat denn Schatzspange damit zu tun?" Tante Schnee tupfte sich unablässig die Tränen mit dem Taschentuch ab und seufzte: „Was die Alte Ahnin noch nicht weiß: Neuerdings legt sich die Schwiegertochter ständig mit Schatzspange an. Neulich, als Sie jemanden schickten, nach mir zu sehen — bei uns war gerade großer Krach."
die Herzoginmutter fragte sogleich: „Neulich hörte ich, dass du Leberschmerzen hattest, und wollte jemanden schicken; dann hieß es, es gehe dir besser, und ich habe es gelassen. Wenn du mich fragst: Nimm dir das alles nicht so zu Herzen! Außerdem sind sie ja noch frisch verheiratet — mit der Zeit wird sich alles geben. Schatzspange hat ein sanftes, gelassenes Wesen; obwohl sie noch jung ist, ist sie reifer als manch ein Erwachsener. Als neulich das kleine Mädchen zurückkam und erzählte, haben wir hier alle noch eine ganze Weile über sie gesprochen. Ein Mädchen wie Schatzspange — eine unter hundert! Ich sage es ohne Umschweife: Wenn die einmal Schwiegertochter wird, wie sollen die Schwiegereltern sie nicht liebhaben, wie sollte das ganze Haus sie nicht respektieren!"
Schatzjade hatte schon ungeduldig zugehört und wollte einen Vorwand suchen, um zu gehen; als er aber diese Worte hörte, blieb er sitzen und lauschte mit starrem Blick. Tante Schnee sagte: „Das nützt nichts — sie mag noch so gut sein, am Ende ist sie doch ein Mädchen. Dass ich diesen verwirrten Pan großgezogen habe, beunruhigt mich wirklich: Ständig fürchte ich, er trinkt draußen und richtet Unheil an. Zum Glück sind die jungen Herren von hier oft mit ihm zusammen — da bin ich ein wenig beruhigter." Schatzjade fiel ihr ins Wort: „Tante, da brauchst du dir wirklich keine Sorgen zu machen. Die Freunde des großen Bruders Xue sind allesamt ehrbare Großkaufleute mit Ansehen — da passiert schon nichts." Tante Schnee lachte: „Nach deinen Worten bräuchte ich mich wohl überhaupt nicht mehr zu sorgen." Währenddessen war das Essen vorbei. Schatzjade verabschiedete sich als Erster, da er abends noch lernen musste, und alle gingen auseinander.
Gerade wurde der Tee aufgetragen, als Hupo herbeikam und die Herzoginmutter etwas ins Ohr flüsterte. die Herzoginmutter wandte sich sogleich an Phönixglanz: „Geh schnell und sieh nach Qiaojie!" Phönixglanz wusste noch gar nicht, was los war. Alle anderen waren ebenfalls verwundert. Hupo trat zu Phönixglanz und sagte: „Eben hat Friedchen[10] [平儿] ein kleines Mädchen geschickt, um der Zweiten Herrin zu melden, dass es Qiaojie nicht gut geht und die Herrin schnell kommen möge." die Herzoginmutter sagte: „Geh sofort — die Tante ist ja kein Gast." Phönixglanz entschuldigte sich hastig bei Tante Schnee. Da sagte Wang Furen: „Geh du voraus, ich komme gleich nach. Kleine Kinder haben noch empfindliche Seelen — lass die Mädchen nicht so einen Aufstand machen! Und achtet auf Katzen und Hunde im Zimmer. Bei einem so kostbaren Kind muss man auf jede Kleinigkeit aufpassen." Phönixglanz sagte „Ja" und eilte mit einem kleinen Mädchen in ihre Gemächer.
Tante Schnee erkundigte sich nach Kajaljade[11]s Gesundheit. die Herzoginmutter sagte: „Das Lin-Mädchen hat sonst nichts, nur nimmt sie alles zu schwer — deshalb ist ihr Körper nicht recht kräftig. Was Klugheit betrifft, steht sie Schatzspange kaum nach; aber an Großmut und Güte im Umgang reicht sie nicht an ihre Schwester Bao heran, die so nachsichtig und duldsam ist." Tante Schnee plauderte noch ein wenig und sagte dann: „Die Alte Ahnin möge sich ausruhen — ich muss auch nach Hause, dort sind ja nur Schatzspange und Xiangling geblieben. Auf dem Weg will ich mit der Tante bei Qiaojie vorbeischauen." die Herzoginmutter sagte: „Richtig. Du als ältere, erfahrene Person kannst ihnen sagen, was zu tun ist." Tante Schnee verabschiedete sich und ging mit Wang Furen zu Phönixglanzs Hof.
Kaufmann Aufrecht war nach der Prüfung Schatzjades recht zufrieden und ging hinaus, um mit seinen literarischen Beratern zu plaudern. Er erzählte von der Sache, und ein kürzlich eingetroffener Berater namens Wang Zuomei, Stilname Erdiao, ein großer Schachliebhaber, sagte: „Nach unserer Einschätzung hat der Zweite Herr Bao große Fortschritte in seiner Bildung gemacht." Kaufmann Aufrecht erwiderte: „Wo denn? Er versteht gerade ein wenig mehr — von ‚Bildung' kann noch lange keine Rede sein." Zhan Guang sagte: „Der verehrte Herr ist zu bescheiden. Nicht nur Bruder Wang meint das — auch wir sehen, dass der Zweite Herr Bao es unbedingt weit bringen wird." Kaufmann Aufrecht lächelte: „Das ist nur eure freundliche Übertreibung."
Wang Erdiao sprach weiter: „Ich hätte da noch etwas — verzeihen Sie meine Kühnheit — das ich mit dem verehrten Herrn besprechen möchte." Kaufmann Aufrecht fragte: „Was denn?" Wang Erdiao lächelte verbindlich: „Ein Bekannter von mir, ein gewisser Herr Zhang, der einst Intendant für Nan-Shao war, hat eine Tochter, die, wie man sagt, an Tugend, Aussehen, Fleiß und Schönheit nichts zu wünschen übrig lässt und noch unverlobt ist. Er hat keine Söhne und ein gewaltiges Vermögen. Er sucht jedoch eine Familie, die Reichtum und Rang vereint, und einen herausragenden Schwiegersohn. In den zwei Monaten, die ich hier bin, habe ich gesehen, dass der Zweite Herr Bao an Charakter und Gelehrsamkeit ganz gewiss eine große Zukunft hat. Bei einem Hause wie dem Ihren — was sollte dagegen sprechen? Wenn ich vermitteln darf, wird die Sache auf Anhieb zustande kommen." Kaufmann Aufrecht sagte: „Eine Verlobung für Schatzjade wäre altersmäßig durchaus angebracht, und die Alte Ahnin hat es auch schon erwähnt. Nur kenne ich Herrn Zhang nicht näher." Zhan Guang sagte: „Die Familie Zhang, die Bruder Wang vorschlägt, kenne auch ich; zudem ist sie mit dem Ersten Herrn hier altbekannt — der verehrte Herr braucht nur zu fragen." Kaufmann Aufrecht überlegte: „Vom Ersten Herrn habe ich nie etwas von dieser Verwandtschaft gehört." Zhan Guang erklärte: „Das wusste der verehrte Herr natürlich nicht — die Familie Zhang ist mit dem Onkel der Frau Xing verwandt." Kaufmann Aufrecht verstand nun, dass es sich um eine Verwandte Xing Furens handelte.
Er saß noch eine Weile, dann ging er hinein, um Wang Furen zu informieren und bei Xing Furen nachzufragen. Doch Wang Furen war mit Tante Schnee bei Phönixglanz, um nach Qiaojie zu sehen. Es war schon Lampenzündzeit, als Tante Schnee ging und Wang Furen zurückkam. Kaufmann Aufrecht erzählte ihr von Wang Erdiaos und Zhan Guangs Vorschlag und fragte: „Was ist mit Qiaojie?" Wang Furen antwortete: „Es scheint ein Schreckkrampf zu sein." Kaufmann Aufrecht: „Ist es schlimm?" Wang Furen: „Es sieht nach Krämpfen aus, nur sind sie noch nicht ausgebrochen." Kaufmann Aufrecht seufzte und sagte nichts mehr. Man ging zur Ruhe.
Am nächsten Tag kam Xing Furen zur Begrüßung bei die Herzoginmutter vorbei. Wang Furen brachte die Familie Zhang zur Sprache, berichtete die Herzoginmutter und fragte gleichzeitig Xing Furen. Xing Furen sagte: „Die Zhangs sind zwar alte Bekannte, aber seit Jahren hat man keinen Kontakt mehr. Ich weiß nicht, wie das Mädchen ist. Vor ein paar Tagen schickte allerdings die Verwandte Sun jemanden zum Grüßen, und dabei kam die Rede auf die Zhangs: Die hätten eine Tochter und wollten über die Suns einen Vermittler finden. Es heißt, die Familie habe nur dieses eine Mädchen und verwöhne es sehr; es kenne ein paar Schriftzeichen, sei aber scheu und verlasse kaum das Haus. Der alte Herr Zhang wolle sie auf keinen Fall weggeben, weil er fürchte, strenge Schwiegereltern könnten sie unglücklich machen. Der Schwiegersohn müsse einziehen und bei ihnen den Haushalt führen."
die Herzoginmutter unterbrach, ohne das Ende abzuwarten: „Das kommt auf gar keinen Fall in Frage! Unser Schatzjade — es reicht kaum, wenn andere ihn bedienen, und dann soll er in einem fremden Haus den Haushalt führen!" Xing Furen bestätigte: „Genau so sagt es die Alte Ahnin." die Herzoginmutter wandte sich an Wang Furen: „Sag deinem Mann, von mir: Die Heirat mit den Zhangs kommt nicht in Betracht." Wang Furen sagte zu.
die Herzoginmutter fragte: „Wie geht es Qiaojie? Vorhin kam Friedchen zu mir und sagte, es stehe nicht gut. Ich wollte selbst hinübergehen und nach ihr schauen." Xing und Wang Furen sagten: „Die Alte Ahnin liebt sie zwar, aber das Kind verträgt so einen Besuch kaum." die Herzoginmutter erwiderte: „Es geht mir nicht nur um sie — ich möchte auch ein bisschen spazieren und meine Knochen bewegen." Damit ordnete sie an: „Geht essen, und dann kommt, um mich hinüberzubegleiten." Die beiden stimmten zu und gingen.
Nach dem Essen begleiteten sie die Herzoginmutter zu Phönixglanzs Gemächern. Phönixglanz eilte heraus und führte sie hinein. die Herzoginmutter fragte: „Was fehlt Qiaojie eigentlich?" Phönixglanz sagte: „Es scheint ein Schreckkrampf zu werden." die Herzoginmutter: „Warum lasst ihr nicht sofort den Arzt kommen?" Phönixglanz: „Es ist bereits jemand geschickt worden." die Herzoginmutter trat mit den beiden Schwiegertöchtern ins Schlafzimmer. Die Amme hielt das Kind, eingewickelt in eine pfirsichfarbene kleine Seidendecke; das Gesichtchen war bläulich-grün, und an den Augenbrauen und Nasenflügeln waren leichte Zuckungen zu erkennen. die Herzoginmutter, Xing Furen und Wang Furen schauten sich das Kind an und setzten sich dann im Vorzimmer nieder.
Da kam ein kleines Mädchen und meldete Phönixglanz: „Der gnädige Herr lässt fragen, wie es dem Fräulein geht." Phönixglanz sagte: „Bestelle dem gnädigen Herrn, der Arzt ist bestellt. Sobald das Rezept geschrieben ist, berichte ich dem gnädigen Herrn."
die Herzoginmutter erinnerte sich plötzlich an die Familie Zhang und wandte sich an Wang Furen: „Du solltest es deinem Mann gleich sagen, damit die anderen nicht erst hinschicken und es dann eine Absage gibt." Dann fragte sie Xing Furen: „Warum habt ihr den Kontakt zu den Zhangs verloren?" Xing Furen sagte: „Wenn man bedenkt, wie die Zhangs wirtschaften — da passt keine Heirat zu uns: viel zu geizig, das wäre unter Schatzjades Würde." Phönixglanz hatte genug gehört und fragte: „Geht es um die Heirat des Bruders Bao?" Xing Furen bestätigte: „Genau." die Herzoginmutter erzählte Phönixglanz die ganze Geschichte. Phönixglanz lachte: „Mir fällt — verzeihen Sie, dass ich in Gegenwart der Alten Ahnin und der Tanten so kühn bin — eine vom Himmel bestimmte Verbindung ein, da muss man nicht anderswo suchen!" die Herzoginmutter fragte lachend: „Wo denn?" Phönixglanz sagte: „Ein ‚Schatzjade' und ein ‚Goldenes Schloss' — hat die Alte Ahnin das vergessen?" die Herzoginmutter lächelte. „Gestern war deine Tante hier — warum hast du es nicht angesprochen?" Phönixglanz erwiderte: „In Gegenwart der Alten Ahnin und der Tanten ist es nicht an uns jungen Leuten, das Wort zu führen. Und die Tante kam auf Besuch zur Großmutter — da bringt man so etwas nicht auf. Das müssten die Tanten persönlich vortragen." die Herzoginmutter lachte, und auch Xing und Wang Furen lachten. die Herzoginmutter sagte: „Wie konnte ich nur so vergesslich sein!"
In diesem Moment wurde gemeldet: „Der Arzt ist da." die Herzoginmutter blieb im Vorzimmer sitzen; Xing und Wang Furen zogen sich ein wenig zurück. Der Arzt kam mit Kaufmann Jadeschale[12] [贾琏] herein, begrüßte die Herzoginmutter und ging dann ins Schlafzimmer. Nach der Untersuchung kam er heraus, blieb stehen und berichtete ehrerbietig: „Das Fräulein leidet zur Hälfte an innerer Hitze und zur Hälfte an einem Schreckkrampf. Zuerst muss eine Arznei zur Zerstreuung von Wind und Schleim gegeben werden, dann das ‚Pulver der Vier Götter', denn die Krankheit ist nicht leicht. Die heutzutage erhältlichen Gallensteine vom Rind sind fast alle gefälscht — es muss ein echter sein, sonst wirkt die Medizin nicht." die Herzoginmutter dankte dem Arzt. Der Arzt ging mit Kaufmann Jadeschale hinaus, schrieb das Rezept und fuhr davon. Phönixglanz sagte: „Ginseng haben wir zu Hause immer vorrätig, aber ob wir echte Rinder-Gallensteine haben, bezweifle ich. Draußen kaufen kann man — nur muss es echt sein." Wang Furen sagte: „Ich schicke jemanden zu Tante Schnee; ihr Pan handelt immer mit ausländischen Kaufleuten — vielleicht hat er echte. Ich lasse nachfragen."
Während sie noch sprachen, kamen die Schwestern herein, setzten sich eine Weile und gingen dann mit die Herzoginmutter und den anderen.
Im Zimmer wurde inzwischen die Medizin gekocht und Qiaojie eingeflößt. Mit einem Würgen spuckte das Kind Arznei und Schleim in einem Schwall aus, und Phönixglanz atmete ein wenig auf. Da kam ein kleines Mädchen von Wang Furen mit einem winzigen roten Papierpaketchen und sagte: „Zweite Herrin, der Gallenstein ist da. Die Gnädige Frau lässt ausrichten, dass die Zweite Herrin die Dosis persönlich genau abwiegen soll." Phönixglanz nahm das Päckchen, ließ Friedchen Perlen, Borneolkampfer und Zinnober dazumischen und schnell ansetzen. Sie selbst wog mit der Feinwaage nach der Vorschrift ab, mischte alles zusammen und wartete, bis Qiaojie aufwachte, um ihr die Medizin zu geben. Da schob Kaufmann Unheil den Vorhang beiseite und trat ein: „Zweite Schwester, was fehlt eurem Qiaojie? Mama schickt mich, nach ihr zu sehen." Phönixglanz verabscheute Mutter und Sohn und sagte: „Es geht ihr besser. Geh zurück und danke deiner Mutter für die Anteilnahme."
Kaufmann Unheil murmelte zwar ein „Ja", sah sich aber neugierig überall um. Nach einer Weile fragte er Phönixglanz: „Ich habe gehört, ihr habt hier Rinder-Gallensteine — wie sieht so etwas aus? Lass mich mal sehen." Phönixglanz sagte: „Hör auf, hier herumzustöbern — dem Mädchen geht es gerade etwas besser. Die Gallensteine sind schon in der Arznei." Kaufmann Unheil ging trotzdem hin und streckte die Hand nach dem Medizintöpfchen aus — doch er war ungeschickt; mit einem Zischen kippte es um, und die Hälfte des Feuers war gelöscht. Kaufmann Unheil sah, dass es schlimm stand, und rannte beschämt davon. Phönixglanz war so wütend, dass ihr Funken sprühten. Sie schimpfte: „Dieser ewige Feind aus einem früheren Leben! Was treibt dich her, um Schaden anzurichten? Schon damals wollte deine Mutter mich umbringen, und jetzt kommst du, um meiner Kleinen zu schaden. Seit wie vielen Generationen hegen wir denn einen Groll gegeneinander?" Dann schalt sie auch Friedchen, weil sie nicht aufgepasst habe.
Während sie noch schimpfte, kam ein Dienstmädchen, das Kaufmann Unheil suchte. Phönixglanz sagte: „Geh und sag Zhao Yiniang: Sie hat sich wahrlich zu viel Mühe gemacht! Qiaojie ist so gut wie tot — sie braucht sich nicht mehr zu sorgen." Friedchen bereitete hastig die Arznei von Neuem zu. Das Mädchen wusste nicht, wie ihm geschah, und fragte Friedchen leise, was los sei. Friedchen erzählte, wie Huan das Arzneigefäß umgeworfen hatte. Das Mädchen sagte: „Kein Wunder, dass er sich nicht zurücktraut und sich versteckt hat. Was wird morgen erst mit ihm los sein! Schwester Ping, soll ich dir beim Aufräumen helfen?" Friedchen sagte: „Das ist nicht nötig. Zum Glück ist noch ein Rest Gallenstein da — ich habe alles frisch angesetzt. Geh nur." Das Mädchen sagte: „Ich werde es der Frau Zhao auf jeden Fall erzählen — dann muss sie auch mal aufhören, so große Töne zu spucken."
Das Mädchen ging zurück und erzählte Zhao Yiniang alles. Zhao Yiniang war außer sich vor Wut und rief: „Sucht mir sofort den Huan!" Huan hatte sich im Vorzimmer versteckt und wurde hereingeholt. Zhao Yiniang schimpfte: „Du nichtswürdiges Balg! Warum hast du die Medizin verschüttet und dafür gesorgt, dass man auf uns schimpft? Ich hatte dir nur aufgetragen, dich zu erkundigen, du brauchtest gar nicht hineinzugehen. Aber nein, du gehst hinein und bleibst auch noch — und dann musst du auf dem Tigerkopf Läuse suchen! Warte nur, bis ich es dem Herrn sage — dann gibt es Prügel!"
Während Zhao Yiniang noch schimpfte, war im Nebenzimmer von Kaufmann Unheil etwas zu hören, das einem das Herz stocken ließ.
Was er sagte, möge der geneigte Leser im folgenden Kapitel erfahren.
- ↑ Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.
- ↑ Kaufmann Unheil: Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Unheil/Plage".
- ↑ Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante des Xue-Hauses".
- ↑ Leberqi (肝气): In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) die Lebensenergie der Leber, deren Stauung zu Schmerzen, Reizbarkeit und Krämpfen führt.
- ↑ Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.
- ↑ Kaufmann Aufrecht: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".
- ↑ Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente".
- ↑ Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".
- ↑ Spürfrühling: Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Suchender Frühling".
- ↑ Friedchen: Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedliche".
- ↑ Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".
- ↑ Kaufmann Jadeschale: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Jadeschale".
Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).