Hongloumeng/de/Chapter 42
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Kapitel 42
Schatzspange nutzt die Gelegenheit zu guter Ermahnung — Oma Liu [刘姥姥] benennt Qiao Jie'er mit glueckverhessender Absicht
Es wird erzaehlt, dass die Schwestern in den Garten zurueckkehrten, zu Abend assen und sich zerstreuten. Weiter gibt es nichts zu berichten.
Oma Liu kam mit Ban'er zuerst zu Phönixglanz[1] [熙凤] und sagte: "Morgen frueh fahre ich bestimmt heim. Obwohl ich nur zwei, drei Tage geblieben bin, habe ich alles erlebt, was es zu sehen, zu essen und zu hoeren gibt, was es seit alters her noch nie gegeben hat. Der Alten Herrin, der jungen Herrin, den jungen Damen und allen Dienerinnen in den verschiedenen Gemaechern danke ich, dass sie sich einer armen, alten Frau so angenommen haben. Wenn ich zurueck bin, kann ich nichts weiter tun, als feinstes Raeucherwerk zu entzuenden und taeglich fuer euch zu Buddha beten, auf dass ihr hundert Jahre lang leben moegt — das soll mein Dank sein."
Phönixglanz lachte: "Freut Euch nicht zu frueh! Euretwegen hat sich die Alte Herrin erkaeltet und liegt krank im Bett und fuehlt sich unwohl. Auch unsere kleine Da Jie'er hat sich eine Erkaeltung geholt und fiebert." Oma Liu hoerte das und seufzte: "Die Alte Herrin ist in ihren Jahren solche Strapazen nicht gewoehnt."
Phönixglanz sagte: "So vergnuegt wie gestern war sie noch nie. Sonst geht sie auch in den Garten spazieren, setzt sich an ein, zwei Stellen und kommt zurueck. Gestern ist sie Euretwegen den halben Garten durchgewandert. Da Jie'er hat mich gesucht, und die Herrin gab ihr ein Stueck Kuchen — im Wind hat sie es gegessen und prompt Fieber bekommen."
Oma Liu sagte: "Die kleine Dame kommt wohl nicht oft in den Garten — ein fremder Ort, und kleine Kinder sollten eigentlich nicht dorthin gehen. Bei uns ist das anders — sobald sie laufen koennen, rennen sie auf jeden Friedhof. Erstens kann es der Wind gewesen sein; zweitens hat sie vielleicht reine Augen und ist einem Geist begegnet. Meiner Meinung nach solltet Ihr im Buch der Omen nachschlagen — vielleicht hat sie den boesen Blick abbekommen."
Das brachte Phönixglanz auf einen Gedanken. Sie befahl Friedchen [平儿], das "Buch der Jadeschatulle" herauszuholen und Caiming daraus vorlesen zu lassen. Caiming blaetterte eine Weile und las: "Am fuenfundzwanzigsten des achten Monats begegnet die Kranke im Suedosten einer Bluemengottheit. Man verbrenne vierzig Stueck fuenffarbiges Papiergeld und sende es vierzig Schritte in suedoestlicher Richtung — grosses Glueck."
Phönixglanz lachte: "Stimmt genau — im Garten sind doch ueberall Blumengottheiten! Wahrscheinlich hat auch die Alte Herrin eine getroffen." Sie liess zwei Portionen Papiergeld holen und schickte zwei Leute — einen fuer die Herzoginmutter [贾母] und einen fuer Da Jie'er —, um die Geister zu verabschieden. Und tatsaechlich schlief Da Jie'er ruhig ein.
Phönixglanz sagte lachend: "Ihr bejahrten Leute habt eben mehr Erfahrung. Unsere Da Jie'er wird staendig krank, und ich weiss nicht warum." Oma Liu sagte: "Das kommt vor. Kinder reicher Familien werden zu verwoehnt aufgezogen und koennen auch das Geringste nicht ertragen. Am besten verwoehnt Ihr sie kuenftig etwas weniger."
Phönixglanz sagte: "Da ist was dran. Mir faellt ein, sie hat noch gar keinen Namen. Gebt Ihr ihr doch einen. Erstens leihen wir uns Euer langes Leben; zweitens seid Ihr Landbewohner — nehmt es mir nicht uebel —, und ein Name von jemandem aus bescheidenen Verhaeltnissen kann vielleicht ihr Schicksal besaenftigen."
Oma Liu ueberlegte und fragte laechelnd: "Wann ist sie geboren?" Phönixglanz sagte: "Ihr Geburtstag ist unglueckselig — genau am siebten Tag des siebten Monats." Oma Liu rief lachend: "Das passt ja perfekt! Nennt sie Qiao Jie'er! Das ist die Methode 'Gift mit Gift bekaempfen, Feuer mit Feuer loeschen'. Wenn die junge Herrin meinen Namensvorschlag annimmt, wird sie gewiss hundert Jahre alt. Wenn sie dereinst erwachsen wird und eigene Familie gruendet, wird sie bei allen Widrigkeiten Glueck im Unglueck finden und Gefahr in Segen verwandeln — und alles kommt von diesem Zeichen 'Qiao', dem Geschick."
Phönixglanz hoerte das und war hocherfreut. Eilig bedankte sie sich und lachte: "Wenn sich nur Eure Worte bewahrheiten!" Dann rief sie Friedchen und befahl: "Morgen sind wir beschaeftigt und haben wahrscheinlich keine Zeit. Pack in deiner freien Zeit die Geschenke fuer die Laolao zusammen, damit sie morgen frueh bequem aufbrechen kann."
Oma Liu sagte eilig: "Macht Euch nicht noch mehr Unkosten! Ich habe schon einige Tage hier geschmarotzt, und wenn ich noch etwas mitnehme, wird mir ganz unwohl zumute." Phönixglanz sagte: "Es sind nur gewoehliche Dinge. Ob gut oder schlecht, nehmt sie mit, damit Eure Nachbarn etwas zu sehen haben — es zeigt wenigstens, dass Ihr einmal in der Stadt wart."
Friedchen kam und sagte: "Laolao, kommt hier entlang und schaut."
Oma Liu folgte Friedchen in das Nebenzimmer, wo ein halbes Bett voll Dinge aufgestapelt waren. Friedchen zeigte ihr eins nach dem anderen: "Dies ist die blaue Gaze, die Ihr gestern haben wolltet. Die Herrin schickt noch ein Stueck weisse Gaze als Futter dazu. Hier sind zwei Stueck Kokonseide, gut fuer Jacken und Roecke. In diesem Buendel sind zwei Stueck Seide fuer Winterkleider. Hier eine Schachtel mit verschiedenen Gebaeck aus der Palastkueche — manches habt Ihr schon gegessen, manches nicht — bringt sie mit, um sie aufzutischen, das ist besser als was Ihr kaufen koenntet. Diese beiden Saecke sind die, mit denen Ihr gestern die Fruechte gebracht habt: in dem einen sind zwei Dou kaiserlicher Reis, vorzueglich fuer Reisbrei; im anderen Gartenobst und verschiedene Trockenfruechte. Hier ein Paeckchen mit acht Liang Silber. Das alles ist von unserer Herrin. Diese zwei Paeckchen enthalten jeweils fuenfzig Liang, zusammen hundert Liang — von der gnaedigen Frau. Sie sagt, Ihr sollt damit ein kleines Geschaeft anfangen oder ein paar Mu Land kaufen, und kuenftig nicht mehr bei Verwandten und Freunden betteln gehen muessen."
Dann sagte sie leise laechelnd: "Diese zwei Jacken und zwei Roecke, dazu vier Kopftuecher und ein Paeckchen Strickwolle — das ist mein Geschenk an die Laolao. Die Kleider sind zwar getragen, aber ich habe sie kaum angehabt. Wenn Ihr sie verschmaeht, wuerde ich mich nicht trauen, mehr zu sagen."
Bei jedem Gegenstand, den Friedchen nannte, sprach Oma Liu ein "Amitabha" — am Ende hatte sie schon mehrere Tausend Gebete gemurmelt. Als sie nun sah, dass auch Friedchen ihr so bescheiden etwas schenkte, sagte sie: "Wo sagt die junge Dame so etwas! Solche schoenen Sachen verschmaehen? Selbst mit Geld koennte ich sie nirgendwo kaufen! Nur ist es mir peinlich — annehmen ist nicht recht, aber ablehnen hiesse, Euer Herz missachten."
Friedchen lachte: "Keine Umstaende, wir gehoeren doch zusammen. Deshalb erlaube ich mir das. Nehmt es ruhig an — ich habe auch eine Bitte an Euch. Bringt uns im Winter von dem getrockneten Graumeldegemuese, Kuhbohnen, Saubohnen, Auberginen und Kuerbisstreifen etwas mit — bei uns moegen alle das gern. Das genuegt, alles andere ist nicht noetig."
Oma Liu dankte tausendmal und versprach es. Friedchen sagte: "Geht nur schlafen. Ich packe alles ordentlich zusammen und lasse es hier. Morgen frueh schicke ich Burschen, die eine Kutsche mieten und alles aufladen — Ihr braucht Euch um nichts zu kuemmern."
Oma Liu war zutiefst geruehrt, ging hinueber, verabschiedete sich nochmals bei Phönixglanz, und schlief eine Nacht bei die Herzoginmutter. Am naechsten Morgen, nach dem Waschen, wollte sie Abschied nehmen. Da die Herzoginmutter sich aber unwohl fuehlte, kamen alle, um nach ihrem Befinden zu fragen, und man schickte nach dem Arzt.
Bald meldete eine Dienerin, der Arzt sei da, und die alten Dienerinnen baten die Herzoginmutter, sich hinter den Vorhang zu setzen. die Herzoginmutter sagte: "Ich bin auch schon alt — was soll ich mich genieren? Kein Vorhang noetig, er soll mich einfach so untersuchen."
Bald fuehrten Kaufmann Schein-Echt[2] [贾珍], Kaufmann Jadeschale und Kaufmann Herrlichkeit den Doktor Wang herein. Der wagte nicht, den Hauptweg zu nehmen, sondern ging die Seitenstufen entlang. Er trat ein und sah die Herzoginmutter in einem gruenseidenen Lammfellmantel mit Perlenbesatz auf der Liege sitzen; um sie herum vier kleine Dienerinnen mit Fliegenwedeln und Spucknaepfchen, daneben fuenf, sechs alte Ammen in Reihe.
Hinter dem gruenen Gaze-Schrank sah man undeutlich viele Frauen in Rot und Gruen mit Juwelenhaarnadeln und Perlenschmuck. Doktor Wang wagte nicht aufzublicken und verneigte sich eilig. die Herzoginmutter sah seine Amtskleidung sechsten Ranges und wusste, dass er ein Hofarzt war. Laechelnd fragte sie: "Geht es dem Herrn Leibarzt gut?" Dann fragte sie Kaufmann Schein-Echt: "Wie heisst der Herr?" Kaufmann Schein-Echt und die anderen antworteten: "Er heisst Wang." die Herzoginmutter sagte: "Der fruehere Direktor der kaiserlichen Akademie Wang Junxiao hatte einen vorzueglichen Puls."
Doktor Wang verneigte sich ehrerbietig und antwortete laechelnd: "Das war der Urgrosonkel meines bescheidenen Nachkommen." die Herzoginmutter lachte: "Also alte Bekannte!" Sie streckte langsam die Hand auf das kleine Pulspolster. Eine alte Amme stellte rasch einen kleinen Hocker vor den Tisch. Doktor Wang kniete auf ein Knie, legte den Kopf schraeg und fuehlte lange den Puls; dann die andere Hand. Er stand auf, verneigte sich und trat zurueck.
die Herzoginmutter sagte laechelnd: "Muehe gemacht! Zhen'er, fuehrt ihn hinaus und bewirtet ihn gut."
Draussen sagte Doktor Wang: "Die Alte Herrin hat keine besondere Krankheit — nur eine leichte Erkaeltung. Eigentlich braucht sie keine Medizin, nur leichte Kost und Waerme. Ich schreibe ein Rezept — wenn sie es mag, lasse man einen Sud kochen; wenn nicht, ist es auch nicht schlimm." Er trank seinen Tee und schrieb das Rezept. Als er gehen wollte, kam die Amme mit Da Jie'er und lachte: "Herr Doktor, schaut doch auch bei unserem Kind." Doktor Wang stand eilig auf, fuehlte der Kleinen in den Armen den Puls, befuehlte ihren Kopf und liess sich die Zunge zeigen. Er lachte: "Die junge Dame schimpft mich bestimmt wieder! Sie braucht nur zwei Mahlzeiten nichts zu essen, dann wird es besser. Kein Sud noetig — ich schicke Pillen, die man abends mit Ingwertee zerreibt und einnimmt." Damit verabschiedete er sich.
Kaufmann Schein-Echt und die anderen brachten das Rezept zu die Herzoginmutter, erklaerten alles und legten es auf den Tisch. Wang Furen, Li Schleierfrau [李纨], Phönixglanz, Schatzspange[3] [宝钗] und die Schwestern kamen nun hinter dem Schrank hervor. Wang Furen sass kurz und ging dann.
Oma Liu sah, dass alles erledigt war, und trat vor, um sich von die Herzoginmutter zu verabschieden. die Herzoginmutter sagte: "Komm wieder, wenn du Zeit hast." Sie rief Mandarinenente[4] [鸳鸯]: "Geleite Oma Liu ordentlich hinaus. Mir ist nicht wohl, ich kann dich nicht begleiten." Oma Liu dankte und verabschiedete sich, dann ging sie mit Mandarinenente hinaus.
Im Dienstbotenquartier zeigte Mandarinenente auf ein Buendel auf dem Kang: "Das sind einige Kleider der Alten Herrin — Geschenke von den Leuten zu Geburtstagen und Festen, die sie nie getragen hat. Gestern liess sie mich zwei Garnituren heraussuchen, die Ihr mitnehmen sollt — zum Verschenken oder selbst tragen, wie Ihr wollt. In der Schachtel ist das Gebaeck, das Ihr haben wolltet. Im Paeckchen sind die Medikamente, nach denen Ihr neulich gefragt habt: Meihua-Dianzhedan, Zijinding, Huoluodan, Cuisheng-Baomingdan — jede Sorte mit einem Rezeptzettel, alles zusammen eingepackt. Hier sind zwei Geldboersen."
Sie oeffnete die Schnuere und holte zwei Silberstuecke in Form von Pinsel und Barren heraus, um sie ihr zu zeigen. Dann lachte sie: "Die Boersen behaltet, aber die hier lasse ich mir — einverstanden?" Oma Liu war schon ueberwaeltigt vor Freude und hatte wieder einige Tausend Buddhas gemurmelt. Als sie Mandarinenentes Worte hoerte, sagte sie: "Die junge Dame darf sie gern behalten." Mandarinenente sah, dass sie es wirklich glaubte, packte sie wieder ein und lachte: "Ich necke Euch nur, ich habe genug davon. Hebt sie fuer die Kleinen im neuen Jahr auf."
Gerade dann brachte eine kleine Dienerin eine Chenghua-Tasse und sagte: "Das schickt der Zweite Junge Herr Schatzjade[5] [宝玉]." Oma Liu sagte: "Was habe ich getan, um solche Gnade zu verdienen!" und nahm sie an. Mandarinenente sagte: "Die Kleider, die ich dir neulich zum Wechseln nach dem Bad gegeben habe, waren meine. Wenn du sie nicht verschmaehst, schenke ich dir noch ein paar." Oma Liu dankte eilig, und Mandarinenente holte tatsaechlich zwei weitere Stuecke.
Oma Liu wollte noch in den Garten, um sich von Schatzjade, den Schwestern und Wang Furen zu verabschieden. Mandarinenente sagte: "Das ist nicht noetig. Sie empfangen jetzt niemanden — ich richte ihnen nachher Eure Gruesse aus. Kommt wieder, wenn Ihr Zeit habt." Sie befahl einer alten Dienerin, am zweiten Tor zwei Burschen rufen zu lassen, die Oma Liu beim Tragen halfen.
Die Dienerin ging mit Oma Liu zu Phönixglanzs Gemaechern, nahm alle Dinge zusammen mit, und am Seitentor liessen die Burschen alles hinausbringen und brachten Oma Liu bis zur Kutsche. Doch davon wollen wir nicht weiter berichten.
Schatzspange und die anderen fruehstueckten und gingen zu die Herzoginmutter, um nach ihrem Befinden zu fragen. Auf dem Rueckweg zum Garten rief Schatzspange an der Wegkreuzung nach Kajaljade[6] [黛玉]: "Pin'er, komm mit mir, ich moechte dich etwas fragen." Kajaljade ging mit Schatzspange zum Hengwu-Hof. Im Zimmer setzte sich Schatzspange laechelnd hin und sagte: "Knie nieder — ich muss dich verhoeren."
Kajaljade verstand nicht und lachte: "Sieh mal einer an, Schwester Bao ist verrueckt geworden! Worueber willst du mich verhoeren?" Schatzspange sagte kuehl: "Feine Tochter aus gutem Hause! Feines Maedchen, das nie das Frauengemach verlaesst! Was fuer Sachen hast du da von dir gegeben? Gesteh!" Kajaljade verstand immer noch nicht und lachte nur, obwohl in ihrem Herzen Zweifel aufkam. "Wann habe ich denn etwas gesagt? Du willst mir nur einen Fehler anhaengen. Sag du mir doch, was."
Schatzspange lachte: "Du tust, als waerst du ahnungslos. Was hast du gestern beim Trinkspiel aufgesagt? Ich weiss gar nicht, woher du das hast." Kajaljade ueberlegte — da fiel ihr ein, dass sie gestern unachtsam gewesen war und zwei Zeilen aus der "Geschichte vom Paeonien-Pavillon" und dem "Westzimmer" zitiert hatte. Ihr Gesicht wurde rot, und sie umarmte Schatzspange und sagte: "Liebe Schwester, das war unbedacht — es ist mir nur so herausgerutscht. Lehr mich, ich sage es nie wieder."
Schatzspange lachte: "Ich weiss es auch nicht — ich fand nur, was du sagtest, so sonderbar, und wollte dich fragen." Kajaljade sagte: "Liebe Schwester, sag es niemandem, ich sage es nie wieder." Schatzspange sah sie ueber und ueber erroeten und unablaessig bitten und wollte nicht weiter nachhaken. Sie zog sie zum Sitzen und bot ihr Tee an. Dann sagte sie behutsam: "Glaubst du, ich sei eine andere als du? Auch ich war als Kind ungezogen. In unserer Familie ist man belesen; mein Grossvater sammelte gern Buecher. Damals waren wir viele Geschwister beisammen, und alle scheuten die ernsten Buecher. Manche Brueder liebten Gedichte, andere Lieder, und von 'Westzimmer' und 'Laute' bis zu den 'Hundert Yuan-Stuecken' war alles vorhanden. Sie lasen heimlich hinter unserem Ruecken, und wir hinter ihrem. Als die Erwachsenen es entdeckten, gab es Pruegel, Schelte und Buecherverbrennungen, und erst dann hoerten wir auf.
Darum ist es fuer uns Maedchen besser, keine Schriftzeichen zu kennen. Wenn schon Maenner lesen und doch nicht klug werden, ist es noch schlimmer, als wenn sie gar nicht lesen — erst recht bei uns. Selbst Dichten und Kalligraphie sind eigentlich nicht unsere Sache, und streng genommen auch nicht die der Maenner. Maenner sollten lesen, Vernunft lernen, dem Land dienen und das Volk regieren — das waere gut. Aber heutzutage hoert man von solchen nicht mehr. Im Gegenteil, nach dem Lesen werden sie erst recht schlecht. Die Buecher haben ihnen geschadet, und sie den Buechern. Da ist es besser, zu pflügen und Handel zu treiben — das richtet wenigstens keinen grossen Schaden an. Wir Maedchen sollten naehen, spinnen und weben — nichts anderes. Dass wir zufaellig lesen gelernt haben, sei's drum, aber lest dann nur anstaendige Buecher. Am schlimmsten ist es, wenn man mit ungehoeriger Lektuere seine Natur verdirbt — dann ist man verloren."
Kajaljade hoerte diese Rede mit gesenktem Kopf ueber ihrem Tee und empfand im Herzen tiefe Zustimmung. Sie konnte nur "Ja" sagen.
Da kam Suyun herein und sagte: "Unsere Herrin bittet die beiden jungen Damen, eine dringende Angelegenheit zu besprechen. Die Zweite, Dritte und Vierte Junge Dame, Junge Dame Shi und der Zweite Junge Herr warten alle dort." Schatzspange fragte: "Was gibt es denn nun wieder?" Kajaljade sagte: "Wenn wir dort sind, werden wir es erfahren." Damit gingen die beiden zum Daoxiang-Dorf, wo sie alle vorfanden.
Li Schleierfrau sah sie kommen und lachte: "Die Dichtergesellschaft hat noch nicht richtig begonnen, und schon entziehen sich welche — die Vierte Schwester will ein ganzes Jahr Urlaub nehmen!" Kajaljade lachte: "Das ist alles wegen Grossmutters Bemerkung gestern — sie soll den Garten malen, und nun freut sie sich, Urlaub nehmen zu koennen!" Spürfrühling lachte: "Schiebt nicht alles auf die Alte Herrin, es war Oma Lius Wort." Kajaljade rief lachend: "Genau! Alles wegen ihr! Was fuer eine Grossmutter soll sie sein? Ich wuerde sie einfach 'Mutter Heuschrecke' nennen!"
Alle brachen in Gelaechter aus. Schatzspange lachte: "Wenn es um den Mund geht, hat Phönixglanz alles zu bieten. Gluecklicherweise kann sie nicht lesen, ihre Witze sind eher marktschreierisch. Aber Pin'er mit ihrem spitzen Mundwerk wendet die Methode der Fruehjahrs-und-Herbst-Annalen an: sie nimmt die groben Redewendungen des Volkes, fasst sie zusammen, streicht das Ueberflüssige, schmueckt sie aus und vergleicht — jeder Satz sitzt. Diese drei Zeichen 'Mutter Heuschrecke' bringen alle gestrigen Szenen vor Augen. Erstaunlich, wie schnell sie darauf kommt."
Die Leute hoerten das und sagten lachend: "Dein Kommentar steht den beiden in nichts nach."
Li Schleierfrau fragte: "Ich bitte euch alle, beratet, wie viele Tage Urlaub wir ihr geben sollen. Ich habe ihr einen Monat gegeben, und sie findet es zu wenig. Was meint ihr?"
Kajaljade sagte: "Streng genommen ist ein Jahr nicht zu viel. Der Garten wurde in einem Jahr gebaut — das Malen muesste zwei Jahre dauern. Man muss Tusche reiben, den Pinsel eintunken, Papier ausbreiten, Farben auftragen, und dann noch..." Die anderen wussten, dass sie Bewahrfrühling [惜春] neckte, und fragten lachend: "Was noch?" Kajaljade konnte selbst nicht mehr an sich halten und lachte: "Und dann muss man nach dieser Vorlage laaangsam malen — da braucht man doch zwei Jahre!" Alle klatschten vor Lachen.
Schatzspange lachte: "'Nach dieser Vorlage langsam malen' — der letzte Satz ist der koestlichste. Die gestrigen Witze waren zwar auch zum Lachen, aber hinterher waren sie geschmacklos. Wenn man ueber Pin'ers Saetze nachdenkt — obwohl sie schlicht sind, haben sie Tiefgang. Ich kann nicht mehr vor Lachen."
Bewahrfrühling sagte: "Das ist alles, weil Schwester Bao sie ermutigt und sie sich immer mehr herausnimmt — und jetzt bin ich dran!" Kajaljade zog sie schnell heran und lachte: "Sag mir, malst du nur den Garten, oder uns alle mit drauf?" Bewahrfrühling sagte: "Urspruenglich sollte es nur der Garten sein, aber gestern sagte die Alte Herrin, ein Garten allein saehe aus wie ein Grundriss — Figuren muessen auch drauf, wie ein 'Festbild'. Aber ich kann keine feinen Gebaeudezeichnungen und keine Figuren — und zurueckweisen kann ich es auch nicht. Deshalb bin ich in der Zwickmuehle."
Kajaljade sagte: "Figuren gehen noch — aber Insekten?" Li Schleierfrau sagte: "Rede keinen Unsinn — wozu braucht man da Insekten? Hoechstens ein, zwei Voegel als Schmuck." Kajaljade lachte: "Auf andere Insekten kann man verzichten, aber wenn man die 'Mutter Heuschrecke' von gestern nicht draufmalt, fehlt doch das Meisterstueck!" Alle lachten erneut.
Kajaljade lachte, die Haende an die Brust gepresst, und sagte: "Mal schnell! Ich habe schon die Inschrift — als Titel nehmen wir 'Bild des grossen Heuschrecken-Gelages'!" Die Leute brachen in noch wilderes Gelaechter aus, sich vor und zurueck beugend. Ploetzlich hoerte man "bums!" — etwas war umgefallen. Wolke vom Xiang-Fluss hatte sich auf die Stuhlruecklehne gelegt, die nicht fest gestanden hatte; als sie mit ganzem Gewicht darueber lachte, kippte der Stuhl mit ihr zusammen um. Gluecklicherweise fing die Wand sie auf.
Alle lachten noch mehr. Schatzjade half ihr schnell auf, und das Gelaechter legte sich allmaehlich. Schatzjade gab Kajaljade ein Zeichen, und sie verstand: sie ging ins Nebenzimmer, schlug den Spiegelvorhang zurueck, sah dass ihre Frisur etwas aufgeloest war, oeffnete Li Schleierfraus Schminkkaestchen, nahm ein Haarglaettungswerkzeug und richtete vor dem Spiegel ihre Frisur, ehe sie zurueckkam. Sie deutete auf Li Schleierfrau: "Du sollst uns bei der Handarbeit anleiten und in Anstand unterweisen, und stattdessen lockst du uns zu Scherz und Gelaechter!"
Li Schleierfrau lachte: "Hoert euch das an! Sie geht voran mit dem Unfug und stiftet alle zum Lachen an, und dann gibt sie mir die Schuld!"
Dann sagte Schatzspange: "Ich habe einen gerechten Vorschlag. Bewahrfrühling kann zwar malen, aber nur Skizzen im Freihandstil. Fuer so ein Gartenbild braucht man eine innere Landschaft im Kopf. Dieser Garten gleicht einem Gemaelde — Felsen, Baeume, Gebaude, nah und fern, dicht und licht, nicht zu viel und nicht zu wenig, genau richtig. Einfach abmalen geht nicht — man muss nach dem Raum auf dem Papier entscheiden, was hinzuzufuegen und was wegzulassen ist, was verborgen und was sichtbar sein soll. Erst nach einem Entwurf, nach sorgfaeltiger Pruefung, wird ein richtiges Bild daraus.
Zweitens muessen Gebaude mit Lineal und Zirkel gezeichnet werden. Die kleinste Unachtsamkeit — und die Gelaender sind schief, die Saeulen schraeg, die Fenster auf den Kopf gestellt, die Stufen haben Luecken, der Tisch steckt in der Mauer und der Blumentopf haengt am Vorhang — dann haette man ein 'Witz'-Bild statt eines Bildes.
Drittens, bei den Figuren: sie muessen locker und dicht sein, hoch und tief. Gewandsfalten, Guertel, Finger, Fuesse — alles hoechst wichtig. Ein einziger falscher Strich, und die Hand ist geschwollen oder das Bein verrenkt.
Meiner Meinung nach: ein ganzes Jahr Urlaub ist zu viel, ein Monat zu wenig. Ein halbes Jahr, und Bruder Schatzjade soll ihr helfen. Nicht weil er sie das Malen lehren koennte — das wuerde es nur verderben — sondern weil er bei Schwierigkeiten die professionellen Maler draussen fragen kann."
Schatzjade hoerte das und rief freudig: "Ganz recht! Zhan Ziliang ist ein Meister der feinen Architekturzeichnung, Cheng Rixing zeichnet ueberragende Schoene — ich frage sie gleich." Schatzspange lachte: "Du bist wieder vorschnell! Wartet, bis alles besprochen ist. Und was fuer Papier wollt ihr nehmen?" Schatzjade sagte: "Wir haben Xuelang-Papier, gross und tintenfreundlich." Schatzspange laechelte kuehl: "Wie wenig du davon verstehst! Xuelang-Papier eignet sich fuer Kalligraphie und Freihandmalerei oder fuer Suedschul-Landschaften — es nimmt Tusche auf und haelt Strukturierung aus. Aber damit dieses hier malen — es nimmt keine Farbe auf, laesst sich schwer toenen, das Bild wird nichts und das Papier ist verschwendet."
Dann gab Schatzspange eine ausfuehrliche Anleitung fuer Materialien, Farben, Werkzeuge und Techniken, die sie Schatzjade diktierte. Kajaljade kam herbei und neckte Schatzspange wegen der langen Materialliste, die sie als "Mitgift-Liste" bezeichnete — was allgemeines Gelaechter hervorrief.
Zum Schluss sagte Schatzspange laechelnd, sie wolle alles aufschreiben lassen und bei der Alten Herrin das Fehlende anfordern. Am Abend gingen alle zu die Herzoginmutter, die nur eine leichte Erkaeltung hatte, die mit einem Sud und einer warmen Nacht bald besser wurde. Was am naechsten Tag geschah, wird im folgenden Kapitel erzaehlt.
Anmerkungen
- ↑ Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".
- ↑ Kaufmann Schein-Echt: Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn. 珍 zhēn bedeutet „kostbar/echt".
- ↑ Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange".
- ↑ Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenten-Paar". Erste Zofe der Herzoginmutter.
- ↑ Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.
- ↑ Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".
Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本).