Hongloumeng/de/Chapter 57

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Kapitel 57

Die kluge Purpurkuckuck prueft den stuermischen Schatzjade mit gefuehlvollen Worten — Die guetige Tante Schnee troestet die schwermuetige Kajaljade mit liebevollen Reden

Es wird erzaehlt, dass Schatzjade, als er Dame Wangs Ruf hoerte, eilig zu ihr hinueberging. Es stellte sich heraus, dass Dame Wang ihn mitnehmen wollte, um bei der Dame der Familie Zhen einen Besuch zu machen. Schatzjade freute sich natuerlich und ging rasch seine Kleider wechseln. Dann begleitete er Dame Wang dorthin. Als er dort die Verhaeltnisse des Hauses sah, unterschieden sie sich kaum von denen der Rong-guo- und Ning-guo-Anwesen, nur das eine oder andere mochte ein wenig praechtiger sein. Bei naeherem Nachfragen erfuhr er, dass es in der Tat auch dort einen Schatzjade gab. Die Dame der Familie Zhen bat sie zum Essen, und erst gegen Abend kehrten sie zurueck. Nun war Schatzjade ueberzeugt. Am Abend, als sie wieder zu Hause waren, befahl Dame Wang, man solle ein erstklassiges Festmahl richten und eine beruehmte Theatertruppe bestellen, um Dame Zhen mit ihrer Tochter einzuladen. Zwei Tage spaeter verabschiedeten sich Mutter und Tochter und kehrten an den Amtssitz zurueck. Davon sei hier nicht weiter die Rede.

An diesem Tag stellte Schatzjade fest, dass es Xiangyun allmaehlich besser ging, und ging danach zu Kajaljade. Diese hielt gerade ihren Mittagsschlaf, und Schatzjade wagte nicht, sie zu stoeren. Da Purpurkuckuck im Wandelgang sass und an einer Nadelarbeit werkte, trat er zu ihr und fragte: „War es letzte Nacht mit dem Husten besser?" Purpurkuckuck antwortete: „Etwas besser." Schatzjade rief laechelnd: „Amitabha Buddha! Wenn sie doch nur endlich gesund wuerde!" Purpurkuckuck entgegnete laechelnd: „Seit wann rufst du denn den Buddha an? Das ist ja etwas ganz Neues!" Schatzjade lachte: „Es heisst ja auch: 'In der aeussersten Not sucht man jeden Arzt auf.'" Waehrend sie so sprachen, bemerkte er, dass sie ein duennes, mit schwarzer Tusche bespritztes Seidenjaekkchen trug und darueber nur eine gefuetterte Weste aus blaugruener Atlasseide. Schatzjade streckte die Hand aus, betastete ihre Kleidung und sagte: „So duenn angezogen sitzt du auch noch im Durchzug. Bei diesem launischen Fruehlingswind und dem schlechten Wetter — wenn du noch krank wirst, waere das erst recht ein Unglueck." Purpurkuckuck erwiderte: „Von nun an wollen wir nur noch miteinander reden, aber ohne uns zu beruehren. Von Jahr zu Jahr wirst du aelter, und die Leute finden es unanstaendig, wenn sie das sehen. Die schlimmsten unter dem Gesinde reden hinter deinem Ruecken ueber dich, doch du achtest nie darauf und benimmst dich noch immer wie ein Kind. Wie soll das denn gehen? Das Fraeulein traegt uns staendig auf, mit dir weder zu scherzen noch zu lachen. In letzter Zeit haeltst du dich ja ohnehin schon von ihr fern, als fuerchtest du, ihr nicht fern genug zu sein." Mit diesen Worten stand sie auf, nahm ihr Naehzeug und ging in ein anderes Zimmer.

Schatzjade fuehlte sich, als haette man ihm einen Kuebel kaltes Wasser ueber den Kopf gegossen. Er stand da, starrte die Bambusstauden an und fiel in eine Art Erstarrung. Gerade kam eine alte Dienerin, um Bambussprossen auszugraben und die Halme zu stutzen. Wie betaeubt ging er hinaus. Seine Seele schien den Koerper verlassen zu haben, sein Geist wusste nichts mehr. Er liess sich auf einen Felsbrocken sinken und versank in Gedanken, und unversehens liefen ihm die Traenen herunter. So sass er da, voellig abwesend, so lange, wie man fuer fuenf oder sechs Mahlzeiten braucht, ueberlegte hin und her und wusste doch nicht, was er tun sollte.

Zufaellig kam Schneegans gerade von Dame Wangs Gemach zurueck, wo sie Ginseng geholt hatte, und kam hier vorbei. Als sie den Kopf wandte, sah sie jemanden unter dem Pfirsichbaum auf einem Stein sitzen, das Kinn in die Hand gestuetzt, in Gedanken versunken. Es war niemand anders als Schatzjade. Schneegans dachte verwundert: „Wie kalt es ist! Was macht er ganz allein hier? Im Fruehling kriegen alle, die eine Schwaechlichkeit haben, einen Rueckfall — vielleicht ist er wieder in seinen Dummheitswahn verfallen?" Waehrend sie so dachte, ging sie zu ihm hin, hockte sich laechelnd neben ihn und sagte: „Was machst du denn hier?" Schatzjade sah Schneegans und sagte: „Was kommst du mich suchen? Bist du nicht auch ein Maedchen? Wenn sie sich vor Verdacht schuetzen will und euch verbietet, euch mit mir abzugeben, warum suchst du mich dann auf? Wenn dich jemand sieht, gibt es wieder Gerede. Geh schnell nach Hause!" Schneegans hoerte das und dachte, er habe sich wieder mit Kajaljade gestritten. So kehrte sie in Kajaljades Gemach zurueck.

Kajaljade war noch nicht aufgewacht. Schneegans uebergab den Ginseng an Purpurkuckuck. Purpurkuckuck fragte sie: „Was macht die gnaedige Frau?" Schneegans antwortete: „Sie haelt auch ein Mittagsschlaefchen, deshalb musste ich so lange warten. Schwester, hoer dir mal was Komisches an: Waehrend ich auf die gnaedige Frau wartete, sass ich mit Jade-Armreif unten in der Gesindestube und plauderte. Da winkte mich Nebenfrau Zhao zu sich herueber. Ich dachte, sie wollte mir etwas sagen, aber es war so: Sie hatte von der gnaedigen Frau Urlaub bekommen, um draussen bei ihrem Bruder die Totenwache zu halten und am naechsten Tag den Leichenzug zu begleiten. Ihre kleine Zofe, Klein-Glueckskind, hatte nichts Passendes zum Anziehen, und so wollte sie sich mein mondweisses Atlasjaekkchen leihen. Ich dachte mir, die haben doch selber auch zwei Sachen zum Wechseln, aber fuer so einen schmutzigen Anlass wollen sie ihre eigenen nicht hergeben und leihen sich lieber die von anderen. Dass man mir meins schmutzig macht, waere kein grosses Unglueck, aber ich dachte, was hat sie mir je Gutes getan? Also sagte ich: 'Meine Kleider und meinen Schmuck hat alles das Fraeulein der Schwester Purpurkuckuck zur Aufbewahrung uebergeben. Ich muesste erst zu ihr gehen und es ihr sagen, und dann muesste sie das Fraeulein fragen. Das Fraeulein ist gerade krank, das waere alles recht umstaendlich und wuerde Euch nur beim Aufbruch aufhalten. Leiht Euch die Sachen doch lieber anderswo.'" Purpurkuckuck lachte: „Du kleines Biest, du bist ganz schoen schlau! Du leihst es ihr nicht, schiebst aber alles auf mich und das Fraeulein, damit sie dir nicht boese sein kann. Ist sie jetzt gleich aufgebrochen, oder geht sie erst morgen frueh?" Schneegans antwortete: „Sie wollte gleich gehen. Wahrscheinlich ist sie schon weg." Purpurkuckuck nickte. Schneegans fuhr fort: „Das Fraeulein schlaeft noch. Aber wer hat Schatzjade so zugesetzt? Er sitzt dort und weint." Purpurkuckuck fragte erschrocken, wo das sei. Schneegans sagte: „Hinter dem Duftgetraenkten Pavillon, unter dem Pfirsichbaum."

Purpurkuckuck hoerte es, legte hastig ihr Naehzeug beiseite und wies Schneegans an, gut aufzupassen, falls jemand rufe: „Wenn man nach mir fragt, sag, ich komme gleich." Damit verliess sie die Herberge am Xiaoxiang-Fluss und ging schnurstracks Schatzjade suchen. Als sie zu ihm trat, sagte sie laechelnd: „Ich habe doch nur ein paar Worte gesagt, weil ich dachte, es waere fuer alle das Beste. Und du laefst schmollend hierher in den Wind und weinst, bis du krank wirst, um mich zu erschrecken." Schatzjade sagte rasch laechelnd: „Wer hat denn geschmollt? Aber als du das gesagt hast, dachte ich, wenn ihr schon so redet, dann denken die anderen bestimmt ebenso, und nach und nach wird sich niemand mehr um mich kuemmern. Bei dem Gedanken wurde ich traurig." Purpurkuckuck setzte sich neben ihn. Schatzjade lachte: „Vorhin, als wir uns gegenuebersassen, bist du davongelaufen. Und jetzt setzt du dich neben mich?" Purpurkuckuck sagte: „Hast du das schon vergessen? Vor ein paar Tagen, als ihr beiden euch gerade unterhalten habt, ist Nebenfrau Zhao hereingeplatzt — ich habe eben gehoert, dass sie nicht zu Hause ist, deshalb bin ich gekommen, um dich etwas zu fragen. Neulich hast du mit ihr gerade das Wort 'Schwalbennest' ausgesprochen und dann abgebrochen, und es kam nie mehr darauf zurueck. Danach wollte ich dich schon die ganze Zeit fragen." Schatzjade sagte: „Nichts Wichtiges. Ich dachte nur, Schwester Schatzspange ist auch nur zu Gast hier. Da sie jetzt Schwalbennessuppe bekommt und das nicht unterbrochen werden darf, waere es ihr unangenehm, wenn sie uns staendig darum bitten muesste. Andererseits waere es unpassend, die gnaedige Frau direkt darum zu bitten. Also habe ich es bei der Herzoginmutter anklingen lassen, und ich nehme an, die Herzoginmutter hat es mit Phoenixglanz besprochen. Ich wollte es Kajaljade noch sagen, bin aber nicht dazu gekommen. Jetzt hoere ich, dass ihr taeglich ein Liang Schwalbennest bekommt, damit ist ja alles geregelt." Purpurkuckuck sagte: „So war das also! Jetzt, da du es sagst — vielen Dank fuer deine Muehe. Wir haben uns schon gewundert, warum die Herzoginmutter ploetzlich jeden Tag ein Liang Schwalbennest schicken laesst. Jetzt wird alles klar." Schatzjade sagte laechelnd: „Wenn sie sich erst einmal daran gewoehnt hat und es zwei, drei Jahre lang taeglich zu sich nimmt, wird es ihr bestimmt besser gehen." Purpurkuckuck sagte: „Wenn sie sich hier daran gewoehnt hat — naechstes Jahr, wenn sie nach Hause geht, wo gibt es dann das Geld fuer so etwas?" Schatzjade hoerte das und fuhr erschrocken auf: „Wer? Nach Hause? In welches Haus?" Purpurkuckuck sagte: „Deine Schwester geht zurueck nach Suzhou." Schatzjade lachte: „Du redest ja Unsinn. Suzhou ist zwar ihre Heimat, aber da ihr Vater und ihre Mutter nicht mehr leben und sich niemand um sie kuemmern kann, ist sie doch hergekommen. Naechstes Jahr zurueckgehen — zu wem denn? Das ist doch offensichtlich gelogen." Purpurkuckuck sagte kuehl laechelnd: „Du unterschaetzt die Leute. Meint ihr, nur die Jia-Familie sei ein grosses Geschlecht mit vielen Mitgliedern? Ausser eurer Familie soll es nur eine Mutter und einen Vater geben und in der ganzen Sippe wahrlich keinen einzigen Menschen mehr? Als unser Fraeulein herkam, tat sie es, weil die Herzoginmutter sich um sie als kleines Kind sorgte. Zwar hatte sie Onkel, aber die konnten nicht die leiblichen Eltern ersetzen. Deshalb holte die Herzoginmutter sie her, damit sie ein paar Jahre hier wohne. Wenn sie einmal alt genug ist, um zu heiraten, wird man sie natuerlich in die Familie Lin zurueckschicken. Soll etwa eine Tochter der Familie Lin ihr ganzes Leben bei euch Jias verbringen? Und wenn die Familie Lin so arm waere, dass es nicht einmal zum Essen reicht — sie sind seit Generationen eine Gelehrtenfamilie und werden ihr Kind bestimmt nicht bei Verwandten lassen, damit die Leute ueber sie spotten. Also fruehestens naechstes Fruehjahr, spaetestens im Herbst. Selbst wenn man sie von hier nicht fortschickt, wird die Familie Lin bestimmt jemanden schicken, der sie abholt. Neulich hat das Fraeulein mir abends noch gesagt, ich solle dir Bescheid geben: Alle die Dinge, mit denen ihr als Kinder gespielt habt — die sie dir geschenkt hat, sollst du zusammensuchen und ihr zurueckgeben. Ihre Sachen, die du ihr geschenkt hast, hat sie auch schon zusammengelegt." Schatzjade hoerte das, und es war, als haette ueber seinem Kopf ein Donnerschlag gekracht. Purpurkuckuck wartete auf seine Antwort, doch er sagte nichts. Da kam Qingwen und sagte: „Die Herzoginmutter laesst dich rufen. Wer haette gedacht, dass du hier bist." Purpurkuckuck sagte laechelnd: „Er hat mich nach dem Fraeulein und ihrer Krankheit gefragt. Ich habe es ihm eine ganze Weile erklaert, aber er will es einfach nicht glauben. Nimm ihn doch mit." Damit ging sie zurueck in ihre Gemaecher.

Qingwen sah, dass er starr vor sich hin blickte, am ganzen Koerper schwitzte und ein ganz blaues Gesicht hatte. Rasch nahm sie ihn an der Hand und fuehrte ihn geradewegs ins Yihong-Yuan zurueck. Als Dufthauch ihn so sah, erschrak sie und dachte, er habe sich bei diesem Wetter eine Erkaeltung zugezogen und der heisse Schweiss sei vom Wind geschlagen worden. Aber nicht nur, dass Schatzjade Fieber hatte — seine Augen wurden starr und glasig, aus seinen Mundwinkeln lief Speichel, ohne dass er es bemerkte. Gab man ihm ein Kissen, legte er sich hin; hob man ihn auf, blieb er sitzen; bot man ihm Tee an, trank er ihn. Als alle ihn so sahen, brach grosse Aufregung aus. Man wagte nicht, es sofort der Herzoginmutter zu melden, und schickte zunaechst nach der alten Amme Li.

Als die alte Amme Li kam, betrachtete sie ihn eine ganze Weile, stellte ihm ein paar Fragen, die er nicht beantwortete, fuehlte an seinem Handgelenk den Puls und drueckte ihm kraeftig auf die Oberlippe und den Bereich unter der Nase, so fest, dass die Fingerspuren tiefe Male hinterliessen — doch er zeigte nicht das geringste Schmerzempfinden. Die alte Amme Li stiess nur ein „Das kann doch nicht wahr sein!" hervor, rief „Oh je!" und umklammerte ihn unter lautem Schluchzen. In ihrer Angst zog Dufthauch sie zur Seite und sagte: „Schaut Euch doch den Zustand an, Grossmutter — ist das schlimm oder nicht? Sagt uns doch wenigstens, dass wir es der Herzoginmutter und der gnaedigen Frau melden koennen. Statt dessen fangt Ihr gleich an zu heulen!" Die alte Amme Li schlug auf das Bett und warf sich auf das Kissen: „Jetzt ist es aus mit ihm! Umsonst habe ich mir ein ganzes Leben lang Sorgen um ihn gemacht!" Dufthauch und die anderen hatten sie gerufen, weil sie als betagte Frau am meisten Erfahrung hatte. Da sie nun so sprach, glaubten alle, es sei ernst, und begannen ebenfalls zu weinen.

Qingwen erzaehlte Dufthauch, was sich zugetragen hatte. Dufthauch hoerte es und eilte sofort zur Herberge am Xiaoxiang-Fluss. Dort war Purpurkuckuck gerade dabei, Kajaljade ihre Medizin zu reichen. Ohne Ruecksicht auf irgendetwas ging Dufthauch auf Purpurkuckuck zu und sagte: „Was hast du unserem Schatzjade gesagt? Geh hin und sieh ihn dir an! Melde es der Herzoginmutter! Ich kuemmere mich nicht mehr darum!" Damit setzte sie sich auf einen Stuhl. Kajaljade, die Dufthauchs aufgeloestes, zornesrotes, traenenverschmiertes Gesicht und ihr voellig veraendertes Benehmen sah, erschrak ebenfalls und fragte, was denn geschehen sei. Dufthauch fasste sich einen Augenblick und weinte dann: „Ich weiss nicht, was Fraeulein Purpurkuckuck ihm erzaehlt hat, aber dem Dummkopf sind die Augen starr geworden, die Haende und Fuesse kalt, er sagt kein Wort mehr, und wenn man ihn kneift, spuert er es nicht. Er ist schon mehr als zur Haelfte tot! Selbst die alte Amme Li sagt, es sei hoffnungslos, und hat angefangen zu heulen. Wahrscheinlich ist er inzwischen schon ganz tot!" Als Kajaljade das hoerte — die alte Amme Li war eine erfahrene Frau, und wenn sie sagte, es sei hoffnungslos, dann war es wirklich hoffnungslos —, wuergte sie auf, und alle Medizin, die sie eben eingenommen hatte, kam ihr wieder herauf. Ein Hustenanfall schuettelte sie, vom Magen bis zur Leber, vom Zwerchfell bis zur Lunge, so heftig, dass ihr Gesicht glutrot wurde, die Haare sich loesten, die Augen anschwollen und die Adern hervortraten. Sie konnte den Kopf kaum noch heben, so schwer ging ihr der Atem. Purpurkuckuck klopfte ihr hastig den Ruecken. Kajaljade stuetzte sich auf das Kissen und rang nach Luft. Dann stiess sie Purpurkuckuck weg und sagte: „Du brauchst mir nicht den Ruecken zu klopfen! Nimm lieber einen Strick und erwuerge mich, das waere das Gescheiteste!" Purpurkuckuck weinte: „Ich habe doch gar nichts Besonderes gesagt, nur ein paar Worte zum Spass, und er hat es gleich fuer bare Muenze genommen." Dufthauch sagte: „Kennst du ihn denn immer noch nicht? Dieser Narr nimmt jedes Scherzwort ernst." Kajaljade sagte: „Was hast du gesagt? Geh schnell hin und erklaer es ihm, dann wacht er vielleicht wieder auf." Als Purpurkuckuck das hoerte, sprang sie aus dem Bett und ging mit Dufthauch zusammen zum Yihong-Yuan.

Dort waren die Herzoginmutter, Dame Wang und alle anderen schon versammelt. Kaum erblickte die Herzoginmutter Purpurkuckuck, spruehten ihre Augen Feuer, und sie herrschte sie an: „Was hast du ihm gesagt, du freches Ding?" Purpurkuckuck stammelte: „Gar nichts Besonderes, nur ein paar Worte im Scherz." Doch kaum sah Schatzjade Purpurkuckuck, liess er ein „Ach!" hoeren und brach in Traenen aus. Als die Anwesenden das sahen, fiel ihnen ein Stein vom Herzen. Die Herzoginmutter hielt Purpurkuckuck fest — sie nahm an, sie habe Schatzjade beleidigt, und wollte sie schlagen lassen. Doch Schatzjade klammerte sich an Purpurkuckuck und liess sie unter keinen Umstaenden los: „Wenn sie geht, dann nehmt mich mit!" Niemand verstand, was er meinte. Bei naeherer Erkundigung stellte sich heraus, dass Purpurkuckucks Scherzwort, Kajaljade werde „nach Suzhou zurueckgehen", den ganzen Aufruhr verursacht hatte. Die Herzoginmutter sagte unter Traenen: „Ich dachte, es waere etwas Ernstes, und es war nur dieser Scherz!" Dann wandte sie sich an Purpurkuckuck: „Du warst doch immer ein so kluges und aufgewecktes Kind. Du weisst doch, dass er einen Tick hat — warum hast du ihn grundlos so in die Irre gefuehrt?" Tante Schnee beschwichtigte: „Schatzjade hat eben ein ehrliches Herz. Und Fraeulein Lin ist von klein auf hier, die beiden sind zusammen aufgewachsen und kennen einander in- und auswendig. Da ist es doch klar, dass die Vorstellung, sie koenne weggehen, ihn voellig aus der Fassung bringt. Nicht nur ein naives, treuherziges Kind wie ihn — selbst einen kuehlen, hartgesottenen Erwachsenen wuerde das ruehren. Es ist nichts Ernstes, die Herzoginmutter und die gnaedige Frau koennen ganz beruhigt sein. Ein, zwei Dosen Arznei, und er ist wieder auf dem Damm."

Waehrend sie noch sprachen, wurde gemeldet, dass Frau Lin Zhixiao und Frau Shan Daliang Schatzjade besuchen kaemen. Die Herzoginmutter sagte: „Wie aufmerksam von ihnen! Lasst sie herein, damit sie ihn sehen koennen." Aber kaum hoerte Schatzjade das Wort „Lin", warf er sich im Bett hin und her und schrie: „Es ist soweit! Leute von der Familie Lin sind gekommen, sie abzuholen! Jagt sie fort!" Die Herzoginmutter sagte hastig: „Ja, jagt sie fort!" Dann beruhigte sie ihn eilig: „Das sind keine Leute der Familie Lin. Die Lins sind alle ausgestorben, niemand kommt, sie abzuholen. Sei ganz beruhigt!" Schatzjade schluchzte: „Egal wer es ist — ausser Schwester Kajaljade darf niemand den Namen Lin tragen!" Die Herzoginmutter sagte: „Es kommt niemand mit dem Namen Lin. Alle, die Lin heissen, habe ich fortgejagt." Und zu den Anwesenden gewandt: „Von jetzt an darf Frau Lin Zhixiao nicht mehr in den Garten kommen, und ihr duerft das Wort 'Lin' auch nicht mehr aussprechen. Seid so gut, Kinder, und hoert auf mich!" Alle beeilten sich zuzustimmen und mussten sich das Lachen verbeissen. Da fiel Schatzjades Blick auf ein westliches Segelschiffmodell aus Gold auf dem Vielerlei-Regal. Er zeigte darauf und rief aufgeregt: „Da! Das ist das Schiff, das sie abholen soll! Es hat dort angelegt!" Hastig befahl die Herzoginmutter, es herunterzunehmen. Dufthauch nahm es eilig herunter. Schatzjade streckte die Haende danach aus. Dufthauch reichte es ihm, und er steckte es unter seine Bettdecke und lachte: „Jetzt kann sie nicht mehr fahren!" Dabei hielt er mit einer Hand die Decke fest und mit der anderen Purpurkuckuck und liess sie nicht los.

Dann wurde gemeldet, der Arzt sei da. Die Herzoginmutter befahl, man solle ihn sofort hereinlassen. Dame Wang, Tante Schnee, Schatzspange und die anderen zogen sich vorerst in den hinteren Raum zurueck, und die Herzoginmutter setzte sich aufrecht neben Schatzjades Bett. Der Kaiserliche Leibarzt Wang trat ein, und als er die vielen Anwesenden sah, begruesste er eilig die Herzoginmutter und fuehlte Schatzjades Puls. Purpurkuckuck hielt derweil den Kopf gesenkt. Der Arzt Wang verstand nicht, was das zu bedeuten hatte. Er erhob sich und sagte: „Die Erkrankung des jungen Herrn ist ein Fall von akutem Schmerz, der das Bewusstsein truebte. Die Alten unterschieden verschiedene Arten der Bewusstlosigkeit durch Schleimansammlung: Einmal kann sie durch Erschoepfung von Blut und Lebenskraft entstehen, wenn Essen und Trinken nicht mehr verdaut werden koennen; dann kann sie durch Zorn und Aerger ausgeloest werden, wenn der Schleim sich ballt; und schliesslich kann akuter Schmerz sie verursachen, wenn er den Koerper blockiert. Dies hier ist eine Bewusstlosigkeit durch Schleimansammlung, hervorgerufen durch akuten Schmerz, und nicht mehr als eine voruebergehende Verstopfung der Sinne. Verglichen mit anderen Formen der Bewusstlosigkeit ist sie leichter." Die Herzoginmutter sagte: „Sag mir nur, ob es gefaehrlich ist oder nicht. Wer braucht dein Lehrbuch!" Der Arzt Wang verbeugte sich laechelnd und sagte: „Keine Gefahr, keine Gefahr." Die Herzoginmutter fragte: „Wirklich nicht?" Der Arzt Wang antwortete: „Wirklich nicht. Ich buerge dafuer mit meinem Kopf." Die Herzoginmutter sagte: „Wenn dem so ist, dann geh hinaus, setz dich und schreib das Rezept. Wenn die Medizin wirkt, lasse ich dir ein besonderes Dankesgeschenk zubereiten, und er wird es persoenlich ueberbringen und sich vor dir verneigen. Wenn du aber versagst, schicke ich Leute, die dir die Kaiserliche Aerzteakademie ueber dem Kopf abreissen!" Der Arzt Wang verbeugte sich nur laechelnd und sagte: „Aber nein, aber nein." Als er gehoert hatte, dass ein „besonderes Dankesgeschenk" bereitet werde und Schatzjade persoenlich kommen solle, um sich vor ihm zu verneigen, hatte er „Aber nein" gesagt, ohne die spaetere Drohung mit der Aerzteakademie ueberhaupt gehoert zu haben. So sagte er immer noch „Aber nein", woraufhin die Herzoginmutter und alle anderen lachen mussten. Man bereitete die Arznei nach dem Rezept zu und gab sie Schatzjade ein, und tatsaechlich wurde er ruhiger als zuvor. Nur wollte er Purpurkuckuck um keinen Preis loslassen — wenn sie ging, hiess das fuer ihn, sie wuerde nach Suzhou zurueckkehren. Die Herzoginmutter und Dame Wang wussten sich keinen Rat und befahlen Purpurkuckuck, bei ihm zu bleiben. An ihrer Stelle schickten sie Hupo, um Kajaljade zu bedienen.

Kajaljade schickte von Zeit zu Zeit Schneegans, um Nachrichten zu bringen; so wusste sie ueber alles Bescheid und seufzte im Stillen. Zum Glueck wussten alle, dass Schatzjade von jeher etwas sonderbar war und er und Kajaljade von Kindheit an besonders eng miteinander gewesen waren. So war Purpurkuckucks Scherz nichts Ungewoehnliches und Schatzjades Krankheit kein seltener Vorfall. Niemand kam deshalb auf andere Gedanken.

Am Abend, als Schatzjade etwas ruhiger geworden war, kehrten die Herzoginmutter und Dame Wang in ihre Gemaecher zurueck. Im Laufe der Nacht schickten sie noch mehrmals Leute, um nach ihm zu fragen. Die alte Amme Li, zusammen mit der alten Frau Song und einigen anderen bejahrten Frauen, wachte aufmerksam bei ihm. Purpurkuckuck, Dufthauch, Qingwen und die anderen waren Tag und Nacht an seiner Seite. Wenn Schatzjade einschlief, erwachte er stets aus einem Traum und schrie auf. Entweder weinte er und sagte, Kajaljade sei fortgegangen, oder er behauptete, jemand sei gekommen, sie abzuholen. Immer wenn er so auffuhr, musste Purpurkuckuck ihn erst beruhigen, bevor er sich wieder fasste. Die Herzoginmutter liess allerlei kostbare Arzneien bringen — Pillen zur Austreibung boeser Einfluesse, Pulver zur Oeffnung der Sinne und andere geheime Heilmittel aus den Palastapotheken —, die man ihm nach Vorschrift verabreichte. Am naechsten Tag bekam er auch wieder die Medizin des Arztes Wang und wurde allmaehlich besser. Im Grunde war Schatzjades Verstand klar, doch aus Angst, Purpurkuckuck koenne gehen, spielte er zuweilen den Verrueckten. Purpurkuckuck hatte sich seit jenem Tag aufrichtig geschaemt. Jetzt pflegte sie ihn Tag und Nacht ohne jeden Unmut. Dufthauch und die anderen fuehlten sich beruhigt. Laechelnd sagten sie zu Purpurkuckuck: „Du hast das alles angerichtet, und du musst es auch wieder heilen. Man hat ja noch nie gesehen, dass unser Dummkopf jeden Wind gleich fuer Regen nimmt. Was soll nur spaeter werden!" Doch davon sei vorerst nicht weiter die Rede.

Da Xiangyuns Krankheit inzwischen voellig ausgeheilt war, kam sie jeden Tag zu Besuch. Als Schatzjade wieder bei Sinnen war, schilderte sie ihm sein Verhalten waehrend der Krankheit so anschaulich, dass er lachend den Kopf ins Kissen drueckte. Was man ihm erzaehlte, konnte er gar nicht glauben, denn an sein frueheres Gebaren erinnerte er sich ueberhaupt nicht. Wenn niemand sonst zugegen war und nur Purpurkuckuck an seiner Seite sass, nahm er sie bei der Hand und fragte: „Warum hast du mich so erschreckt?" Purpurkuckuck antwortete: „Es war nur ein Scherz, und du hast es gleich ernst genommen." Schatzjade sagte: „Du hast es so ueberzeugend erzaehlt — wie soll das ein Scherz gewesen sein?" Purpurkuckuck lachte: „Alles, was ich gesagt habe, war frei erfunden. Die Familie Lin hat wirklich keine nahen Angehoerigen mehr. Selbst die entfernten Verwandten leben nicht in Suzhou, sie sind ueber das ganze Land verstreut. Und selbst wenn jemand kaeme, sie abzuholen — die Herzoginmutter wuerde sie bestimmt nicht gehen lassen." Schatzjade sagte: „Selbst wenn die Herzoginmutter sie gehen liesse — ich wuerde es nicht zulassen." Purpurkuckuck lachte: „Du wuerdest es nicht zulassen? Das sagst du so leicht. Bald bist du gross genug, und man hat dir sicher schon eine Braut ausgesucht. Wenn du dann in ein paar Jahren geheiratet hast, wirst du dich fuer niemanden mehr interessieren." Schatzjade hoerte das und fragte erschrocken: „Wer hat eine Braut ausgesucht? Und wen?" Purpurkuckuck lachte: „Vergangenes Jahr habe ich gehoert, wie die Herzoginmutter sagte, sie wolle Baoqin fuer dich bestimmen. Warum sollte sie sie sonst so verwoehnen?" Schatzjade lachte: „Alle sagen, ich sei dumm — du bist noch duemmer als ich. Das war nur ein Spass. Baoqin ist doch schon der Familie Mei, des Hanlin-Akademikers, versprochen. Wenn sie wirklich fuer mich bestimmt waere, wuerde ich mich dann so benehmen? Erst habe ich geschworen und geflucht und wollte dieses Ding da zerschlagen — hast du mich nicht damals fuer verrueckt erklaert? Gerade in diesen Tagen ging es mir etwas besser, und du faengst wieder an, mich zu quaelen." Waehrend er sprach, knirschte er mit den Zaehnen und sagte: „Ich wuenschte mir nichts sehnlicher, als auf der Stelle zu sterben! Dann wuerde man mir das Herz herausschneiden und ihr koenntet es sehen! Und dann sollen Haut und Knochen zu Asche werden — aber Asche hat noch Gestalt, also lieber zu Rauch — aber Rauch kann sich noch zusammenballen und man kann ihn sehen —, nein, es muesste ein gewaltiger Sturm kommen und alles in alle vier Himmelsrichtungen auf einmal zerstreuen, das waere das Richtige!" Waehrend er sprach, kullerten ihm wieder die Traenen herunter. Purpurkuckuck legte ihm rasch die Hand auf den Mund, wischte ihm die Traenen ab und sagte beschwichtigend laechelnd: „Du brauchst dich nicht aufzuregen. Es war deshalb, weil mir selber etwas Sorgen machte, und ich wollte dich auf die Probe stellen." Schatzjade hoerte das, noch erstaunter, und fragte: „Was macht dir denn Sorgen?" Purpurkuckuck laechelte: „Weisst du, ich bin gar nicht aus der Familie Lin. Ich gehoere eigentlich wie Dufthauch und Mandarinenente zum Haushalt hier und wurde nur dem Fraeulein Lin zur Bedienung zugeteilt. Und doch sind wir beide so eng miteinander, enger als mit Schneegans, die sie aus Suzhou mitgebracht hat, zehnmal so vertraut — wir koennen keinen Augenblick ohne einander sein. Nun mache ich mir aber Sorgen: Wenn sie einmal fortgeht, muss ich unbedingt mit ihr gehen. Meine ganze Familie ist hier — wenn ich nicht mitgehe, verrate ich unsere innige Verbundenheit; wenn ich mitgehe, lasse ich meine eigene Familie zurueck. Das bedrueckt mich. Deshalb habe ich diese Luege ersonnen und dich gefragt, und du bist gleich durchgedreht." Schatzjade lachte: „Also machst du dir darueber Sorgen! Dann bist du die Dumme. Von jetzt an brauchst du dir keine Sorgen mehr zu machen. Ich sage dir nur eins — um alles zusammenzufassen: Wenn wir leben, leben wir zusammen; und wenn wir nicht mehr leben, werden wir gemeinsam zu Asche und zu Rauch. Wie waere das?" Purpurkuckuck hoerte das und begann insgeheim Plaene zu schmieden. Da wurde gemeldet: „Der junge Herr Huan und der junge Herr Lan lassen nach dem Befinden fragen." Schatzjade sagte: „Danke ihnen in meinem Namen. Ich bin gerade erst eingeschlafen, sie brauchen nicht hereinzukommen." Die alte Dienerin ging. Purpurkuckuck laechelte: „Es geht dir ja schon besser. Lass mich jetzt zurueckgehen und nach unserem Fraeulein sehen." Schatzjade sagte: „Richtig, daran wollte ich dich schon gestern erinnern und habe es vergessen. Es geht mir wirklich viel besser, geh nur." Purpurkuckuck packte Bettzeug und Toilettensachen zusammen. Schatzjade laechelte: „In deiner Schreibschatulle habe ich drei Spiegel gesehen. Lass mir den kleinen mit dem Rankenblumen-Muster da. Ich stelle ihn neben mein Kopfkissen, dann kann ich mich im Liegen darin betrachten, und wenn ich ausgehe, ist er leicht zu tragen." Purpurkuckuck blieb nichts anderes uebrig, als ihm den Spiegel zu lassen. Sie liess erst jemanden ihre Sachen hinuebertragen, verabschiedete sich dann von allen und kehrte in die Herberge am Xiaoxiang-Fluss zurueck.

Kajaljade hatte in den letzten Tagen von Schatzjades Zustand gehoert, und das hatte ihre eigene Krankheit verschlimmert. Sie hatte oefter geweint als sonst. Als jetzt Purpurkuckuck kam und nach dem Grund gefragt wurde, war zu erfahren, dass er sich bereits erholt hatte. So schickte man Hupo zurueck, damit sie wieder der Herzoginmutter aufwarte. Nachts, als alle zur Ruhe gegangen waren und Purpurkuckuck sich schon zum Schlafen ausgezogen und hingelegt hatte, sagte sie leise laechelnd zu Kajaljade: „Schatzjades Herz ist aufrichtig. Kaum hoerte er, wir wuerden weggehen, hat er sich so aufgefuehrt." Kajaljade antwortete nicht. Purpurkuckuck wartete eine Weile und sprach dann, als fuehre sie ein Selbstgespraech: „Lieber in der Ruhe bleiben, als etwas in Bewegung setzen. Hier sind wir gut aufgehoben, bei einer angesehenen Familie. Alles andere mag sich fuegen, aber das Schwerste ist doch, jemanden zu finden, mit dem man von Kind auf zusammen aufgewachsen ist, dessen Art und Wesen man durch und durch kennt." Kajaljade schalt: „Bist du noch nicht muede nach all den Tagen? Jetzt, wo du ein wenig Ruhe hast, ruhst du dich nicht aus, sondern kaust an solchem Unsinn!" Purpurkuckuck laechelte: „Es ist kein leeres Geschwatz. Ich meine es wirklich gut mit Euch, Fraeulein. Seit Jahren mache ich mir fuer Euch Sorgen. Ohne Vater, ohne Mutter, ohne Brueder — wer sorgt sich wirklich um Euch? Solange die Herzoginmutter noch bei klarem Verstand und ruesteriger Gesundheit ist, sollte man die grosse Sache festmachen. Es heisst im Sprichwort: 'Der Alte kann ploetzlich straucheln, wie der Fruehling ploetzlich friert und der Herbst ploetzlich hitzt.' Sollte der Herzoginmutter einmal etwas zustossen, dann wird zwar auch alles seinen Lauf nehmen, aber die beste Zeit waere dann vorbei, und es kaeme vielleicht nicht mehr so, wie man es sich wuenscht. Die Soehne und Enkel der edlen Familien — wer unter ihnen hat nicht drei Nebenfrauen und fuenf Konkubinen, heute der einen zugewandt, morgen der anderen? Und kaeme eine Himmelsfee daher, nach drei Naechten haette er sie schon vergessen. Und erst wenn es wegen der Nebenfrauen und Zofen zum Streit kommt! Wer eine einflussreiche Familie im Ruecken hat, kommt noch glimpflich davon. Aber jemand in Eurer Lage, Fraeulein — solange die Herzoginmutter lebt, ist jeder Tag ein guter Tag. Wenn sie einmal nicht mehr ist, dann seid Ihr den Launen anderer ausgeliefert. Deshalb sage ich: Trefft eine Entscheidung, solange es noch geht! Das Fraeulein ist eine kluge Frau — kennt Ihr nicht das Sprichwort: 'Zehntausend Liang Gold sind leicht zu bekommen, doch ein wahres Herz zu finden schwer'?" Kajaljade sagte: „Dieses Maedchen ist heute wirklich uebergeschnappt. Warum hat sie sich in diesen paar Tagen voellig veraendert? Morgen werde ich die Herzoginmutter bitten, dich zurueckzunehmen. Ich wage es nicht, dich laenger bei mir zu haben." Purpurkuckuck lachte: „Ich sage doch nur Gutes, ich bitte Euch nur, in Eurem Herzen aufzupassen. Ich habe Euch doch nicht aufgefordert, etwas Schlechtes zu tun. Warum wollt Ihr dann zur Herzoginmutter gehen und mich bestrafen lassen? Welchen Nutzen haette das?" Mit diesen Worten schlief sie ein. Kajaljade hatte zwar so gesprochen, doch im Inneren war sie tief beruehrt. Nachdem Purpurkuckuck eingeschlafen war, weinte sie die ganze Nacht und schlief erst gegen Morgen kurz ein. Am naechsten Tag zwang sie sich, aufzustehen, sich zu waschen und ein wenig Schwalbennestsuppenreis zu essen. Da kamen auch schon die Herzoginmutter und die anderen, um nach ihr zu sehen und ihr noch allerhand aufzutragen.

Es war gerade Tante Schnees Geburtstag. Von der Herzoginmutter angefangen hatte jeder Glueckwuensche und Geschenke gesandt. Auch Kajaljade hatte schon zwei Saetze Nadelarbeiten vorbereitet. An diesem Tag wurde auch eine kleine Theaterauffuehrung arrangiert, um die Herzoginmutter und Dame Wang zu unterhalten. Nur Schatzjade und Kajaljade konnten nicht dabei sein. Am Abend schauten die Herzoginmutter und die anderen auf dem Heimweg noch bei den beiden vorbei, dann erst kehrten sie in ihre Gemaecher zurueck. Am naechsten Tag lud Tante Schnee ueber ihren Neffen Xue Ke die Geschaeftspartner zu einem Gelage ein. So vergingen geschaeftig drei bis vier Tage.

Da Tante Schnee an Xing Xiuyan ein gesittetes, zurueckhaltendes und aus bescheidenen Verhaeltnissen stammendes Maedchen sah — eine wahre „Dornhaarnadel und Leinenrock-Tochter" —, dachte sie zunaechst daran, sie mit Xue Pan zu vermaehlen. Da jedoch Xue Pans Lebenswandel fuer seine Ausschweifungen bekannt war, fuerchtete sie, er koenne ein solches Maedchen zugrunde richten. Waehrend sie noch zoegerte, fiel ihr ein, dass Xue Ke noch unverheiratet war. Sie betrachtete die beiden und fand, sie seien wie fuereinander geschaffen. So besprach sie die Sache mit Phoenixglanz. Phoenixglanz seufzte: „Die Tante kennt unsere gnaedige Frau — sie hat manchmal einen Dickkopf. Ueberlasst das mir, ich werde behutsam vorgehen." Als die Herzoginmutter einmal Phoenixglanz besuchte, sagte diese: „Tante Schnee hat eine Bitte an die Herzoginmutter, traut sich aber nicht, damit herauszuruecken." Die Herzoginmutter fragte sofort, worum es gehe, und Phoenixglanz berichtete von dem Heiratsplan. Die Herzoginmutter laechelte: „Was ist denn daran so schwer auszusprechen? Das ist eine ausgezeichnete Sache! Ich werde mit deiner Schwiegermutter darueber reden — als ob die etwas dagegen haette!" Zurueck in ihren Gemaechern, liess sie sofort Dame Xing kommen und uebernahm hoechstpersoenlich die Rolle der Ehestifterin. Dame Xing ueberlegte kurz: Die Familie Xue hatte ein solides Fundament und war gegenwaertig sehr wohlhabend, Xue Ke war ein gutaussehender junger Mann, und die Herzoginmutter bestand darauf — also stimmte sie zu. Die Herzoginmutter war hocherfreut und liess sofort Tante Schnee rufen. Als die beiden sich sahen, gab es natuerlich viele hoefliche Worte. Dame Xing schickte sogleich jemanden, um Xing Zhong und seine Frau zu benachrichtigen. Die beiden waren ja gerade zu dem Zweck hergekommen, sich unter Dame Xings Schutz zu stellen — wie haetten sie nicht zustimmen sollen? Beide sagten begeistert, es sei wunderbar. Die Herzoginmutter sagte laechelnd: „Ich habe es gern, mich in fremde Angelegenheiten einzumischen. Heute habe ich wieder eine Sache zustande gebracht — wieviel Vermittlungsgeld bekomme ich wohl?" Tante Schnee lachte: „Das versteht sich von selbst. Auch wenn man Ihnen zehntausend Liang Silber braechte, wuerden Sie das wohl kaum zu schaetzen wissen. Aber eins muss ich sagen: Da die Herzoginmutter die Brautseite vertritt, braucht man noch jemanden fuer die Braeutigamsseite." Die Herzoginmutter laechelte: „Sonst habe ich nicht viel, aber ein paar alte Knochen mit lahmen Beinen und Armen lassen sich in unserem Haushalt schon auftreiben." Damit liess sie Frau You und ihre Schwiegertochter kommen. Die Herzoginmutter erzaehlte ihnen die Sache, und alle gratulierten einander. Dann wies die Herzoginmutter Frau You an: „Du kennst die Regeln unseres Hauses zur Genuege. Bei uns haben sich nie die beiden Familien wegen der Geschenke und der Aeusserlichkeiten gestritten. Kuemmere du dich in meinem Auftrag darum — nicht zu geizig, nicht zu verschwenderisch — und sorge dafuer, dass es beiden Familien recht ist, dann berichte mir." Frau You stimmte eilig zu. Tante Schnee war uebergluecklich und liess zu Hause sofort eine Einladungskarte fuer das Ning-guo-Anwesen schreiben. Frau You kannte Dame Xings Art nur zu gut und haette sich am liebsten nicht eingemischt, doch da die Herzoginmutter sie persoenlich beauftragt hatte, blieb ihr nichts anderes uebrig, als zuzustimmen. Sie richtete sich ganz nach Dame Xings Wuenschen. Tante Schnee war in solchen Dingen unkompliziert und leicht zufriedenzustellen. Doch das braucht hier nicht weiter eroertert zu werden.

Nun, da Tante Schnee Xing Xiuyan als kuenftige Schwiegertochter bestimmt hatte, wusste es das ganze Anwesen. Dame Xing wollte Xiuyan eigentlich zu sich holen. Die Herzoginmutter aber sagte: „Was macht das schon? Die beiden jungen Leute sehen sich doch nicht. Und fuer die Tante ist Xiuyan einmal die aeltere Schwiegertochter und einmal die juengere — was soll daran falsch sein? Ausserdem sind es alles Maedchen, die koennen doch ganz vertraut miteinander umgehen." Daraufhin gab Dame Xing nach.

Xue Ke und Xiuyan waren sich ja schon auf der Reise fluechtig begegnet, und im Grunde waren wohl beide im Stillen zufrieden. Nur war Xiuyan im Umgang mit den Schwestern Schatzspange jetzt natuerlich etwas befangener als frueher, zumal Xiangyun gerne neckte, was die Sache nicht leichter machte. Zum Glueck war Xiuyan ein gebildetes, wohlerzogenes Maedchen, das sich zwar seiner maedchenhaften Zurueckhaltung bewusst war, aber nicht zu jener Sorte gehoerte, die falsche Scham und gespielte Scheu zur Schau stellt. Schatzspange hatte, seit sie Xiuyan kannte, bemerkt, dass erstens deren Familie arm war, zweitens, dass die Eltern aller anderen angesehene, wuerdige Leute waren, waehrend Xiuyans Eltern ausgemachte Saeufer waren und als Vaeter einer Tochter nichts taugten, drittens, dass auch Dame Xing ihre Zuneigung nur zum Schein zeigte, und viertens, dass Xiuyan ein feinsinniges und zurueckhaltendes Wesen hatte. Yingchun war wie eine Tote, die noch atmet — sie konnte sich kaum um sich selber kuemmern, geschweige denn um jemand anderen. Wenn es Xiuyan an irgendeinem alltaeglichen Bedarf mangelte, kuemmerte sich niemand darum, und sie selber bat nie jemanden. Schatzspange half ihr daher insgeheim mit dem Noetigsten aus, ohne Dame Xing davon wissen zu lassen, denn sie fuerchtete deren argwoehnisches Gerede. Jetzt nun hatte sich, ganz unerwartet, diese wundersame Verbindung ergeben. Im Herzen hatte Xiuyan sich zuerst fuer Schatzspange entschieden und dann erst fuer Xue Ke. Wenn Xiuyan und Schatzspange sich unterhielten, nannte Schatzspange sie weiterhin „Schwester".

Eines Tages kam Schatzspange, um Kajaljade zu besuchen, und traf unterwegs auf Xiuyan, die ebenfalls auf dem Weg zu Kajaljade war. Laechelnd winkte Schatzspange sie zu sich, und die beiden gingen zusammen bis zu einer Felswand, wo Schatzspange sie laechelnd fragte: „Es ist doch noch recht kalt — warum hast du alles gegen ungefuetterte Sachen getauscht?" Xiuyan senkte den Blick und gab keine Antwort. Schatzspange ahnte, dass es wieder einen Grund gab, und fragte laechelnd weiter: „Bestimmt hast du diesen Monat wieder kein Taschengeld bekommen. Ist Phoenixglanz inzwischen so nachlassig geworden?" Xiuyan sagte: „Sie denkt schon daran und zahlt puenktlich. Aber die Tante hat jemanden geschickt und mir sagen lassen, von meinen monatlichen zwei Liang Silber solle ich ein Liang meinen Eltern geben. Fuer alles andere koenne ich ja die Sachen der zweiten Schwester mitbenutzen. Aber Schwester, bedenke doch: Die zweite Schwester ist auch ein schlichtes Gemuet und achtet nicht sehr auf solche Dinge. Wenn ich ihre Sachen benutze, sagt sie zwar nichts, aber ihre Zofen und alten Dienerinnen — die sind alle unangenehm und haben spitze Zungen. Obwohl ich dort wohne, traue ich mich kaum, sie um etwas zu bitten. Alle paar Tage muss ich ihnen sogar noch Geld geben, damit sie sich Wein und Leckereien kaufen. Meine zwei Liang Silber im Monat reichen hinten und vorne nicht, und jetzt fehlt auch noch ein Liang. Neulich habe ich heimlich meine gefuetterten Winterkleider zum Pfandleiher gebracht und ein paar Strings Kupfergeld dafuer bekommen." Schatzspange hoerte das, seufzte und runzelte die Stirn: „Ausgerechnet ist die Familie Mei ganz am Amtssitz und kommt erst uebernaechstes Jahr zurueck. Waeren sie hier, koennten wir, wenn erst Baoqin versorgt ist, deine Angelegenheit besprechen. Wenn du von hier erst fort bist, ist es zu spaet. Und solange die juengere Schwester nicht verheiratet ist, kann man auf keinen Fall die aeltere vorab vermahlen. Es ist wirklich eine schwierige Lage. Wenn es noch zwei Jahre dauert, fuerchte ich, du graemst dich krank. Lass mich nochmal mit Mama reden. Und wenn dich jemand schlecht behandelt — halt es einfach aus, und auf keinen Fall darfst du dich krank graemen! Am besten gibst du morgen gleich auch das eine Liang Silber an die Leute, dann sind sie zufrieden. In Zukunft brauchst du denen auch nichts mehr zu kaufen. Sollen sie ruhig sticheln — wenn es zu viel wird, geh einfach weg. Und wenn dir etwas fehlt, sei nicht so stolz und komm zu mir. Das hat nichts mit der Verlobung zu tun — von Anfang an, als du kamst, haben wir uns gut verstanden. Wenn du Angst vor Gerede hast, schick ein Zoefchen, das mir leise Bescheid sagt." Xiuyan nickte mit gesenktem Kopf. Schatzspange deutete auf einen gruenen Jadeanhaenger an ihrem Rock und fragte: „Wer hat dir den geschenkt?" Xiuyan antwortete: „Den hat mir die dritte Schwester gegeben." Schatzspange nickte laechelnd: „Sie hat gesehen, dass alle anderen so etwas haben, nur du nicht, und wollte verhindern, dass man ueber dich lacht. Das zeigt ihre Aufmerksamkeit und ihren Feinsinn. Aber eins solltest du bedenken: Solcher Schmuck gehoert zu den Toechtern reicher und vornehmer Haeuser. Schau mich an — trage ich etwa von Kopf bis Fuss solchen praechtigen Zierrat? Frueher, ja, vor sieben, acht Jahren, war es bei mir auch so. Aber jetzt sind die Zeiten nicht mehr wie einst, und ich spare, wo ich kann. Wenn du einmal zu uns kommst, wirst du wahrscheinlich noch eine ganze Truhe voll von dem Zeug finden. Wir sind jetzt nicht mehr wie die anderen. Am wichtigsten ist es, in allem schlicht und bescheiden zu bleiben — das unterscheidet uns von ihnen." Xiuyan laechelte: „Wenn die Schwester so sagt, nehme ich ihn ab, wenn ich zurueckkomme." Schatzspange sagte rasch laechelnd: „Nein, das darfst du nicht! Tanchun hat ihn dir aus guter Absicht geschenkt. Wenn du ihn nicht traegst, wird sie argwoehnen, du verschmaehst ihn. Ich habe es nur beilaeufig erwaehnt — in Zukunft weisst du es einfach." Xiuyan nickte eilig und fragte: „Wohin gehst du jetzt, Schwester?" Schatzspange antwortete: „Zur Herberge am Xiaoxiang-Fluss." Xiuyan sagte: „Dann schick mir den Pfandschein, wenn du kannst. Ich hole heimlich die Sachen aus und lasse sie dir am Abend leise zurueckbringen, damit ich sie morgens wieder anziehen kann. Sonst wird mir der Wind noch gefaehrlich. Aber bei welchem Pfandleiher hast du sie abgegeben?" Xiuyan antwortete: „Er heisst 'Heng-Shu-Pfandleihe', in der grossen Strasse westlich vom Trommelturm." Schatzspange laechelte: „Da landen wir ja bei der eigenen Familie! Wenn die Angestellten es herausfinden, werden sie sagen: 'Die Kleider waren schon vor der Braut da!'" Xiuyan, die nun merkte, dass es sich um eine Pfandleihe mit Xue-Kapital handelte, wurde rot und laechelte verlegen. Die beiden trennten sich.

Schatzspange ging zur Herberge am Xiaoxiang-Fluss. Ihre Mutter war ebenfalls dort und plauderte mit Kajaljade. Schatzspange laechelte: „Wann bist du gekommen, Mama? Ich habe es gar nicht bemerkt." Tante Schnee sagte: „Ich war die letzten Tage so beschaeftigt, dass ich gar nicht dazu kam, Schatzjade und Kajaljade zu besuchen. Deshalb habe ich heute beide besucht, und es geht ihnen beiden besser." Kajaljade liess Schatzspange Platz nehmen und sagte: „Man wuerde es nicht fuer moeglich halten — auf einmal sind die Tante und die Tante Xing nun Verwandte!" Tante Schnee sagte: „Ach Kind, ihr Maedchen wisst das noch nicht. Es heisst doch seit alters her: 'Ehefuegungen ueber tausend Meilen verbindet ein einziger Faden.' Dafuer gibt es einen Alten unter dem Mond, der alles vorher bestimmt und die beiden heimlich mit einem roten Seidenfaden an den Fuessen zusammenbindet. Und moegen zwischen den Familien Meere, Laender und Blutfehden liegen — am Ende werden sie doch Mann und Frau. Das geschieht stets wider alles Erwarten, und weder die Eltern noch die Betreffenden selber koennen etwas daran aendern. Jahrelang koennen zwei beieinander sein, und man glaubt fest, die Sache ist abgemacht — wenn der Alte unter dem Mond den roten Faden nicht knuepft, werden sie trotzdem nie ein Paar. Denk nur an euch Maedchen — eure kuenftigen Maenner koennten gerade vor eurer Nase stehen, oder auch am anderen Ende der Welt." Schatzspange sagte: „Muss Mama denn sofort von uns anfangen, sobald es um Heiraten geht?" Und sie schmiegte sich laechelnd an ihre Mutter und sagte: „Komm, wir gehen." Kajaljade laechelte: „Sieh nur, so gross wie sie ist — wenn die Tante nicht da ist, ist sie die Vernuenftigste, aber kaum kommt die Tante, wird sie wieder zum Kleinkind." Tante Schnee streichelte Schatzspange und sagte seufzend zu Kajaljade: „Deine Schwester ist wie Phoenixglanz bei der Herzoginmutter: Wenn es etwas Ernstes zu besprechen gibt, komme ich zu ihr; und wenn nichts los ist, muntert sie mich auf. Immer wenn ich sie so sehe, zerstreuen sich alle meine Kuemmernisse." Kajaljade hoerte das und sagte unter Traenen seufzend: „Sie macht das absichtlich vor meinen Augen, obwohl sie genau weiss, dass ich keine Mutter habe. Das ist nur, um mich zu kraenken." Schatzspange lachte: „Mama, sie laestert ueber mich, und dabei mache ich doch nur Spass!" Tante Schnee sagte: „Man kann ihr keinen Vorwurf machen, dass sie traurig wird, das arme Kind ohne Eltern, ganz ohne nahe Angehoerige." Und sie streichelte Kajaljade und sagte laechelnd: „Liebes Kind, weine nicht. Wenn du siehst, wie ich deine Schwester verwoehne, und das macht dich traurig — du weisst nicht, wie viel mehr ich dich in meinem Herzen liebe. Deine Schwester hat wenigstens noch mich und einen leiblichen Bruder. Damit ist sie dir gegenueber schon im Vorteil. Jedesmal, wenn ich deiner Schwester sage, wie sehr ich dich liebe, traue ich mich nicht, es offen zu zeigen. Hier gibt es so viele Leute mit losen Zungen, die kaum Gutes reden, aber dafuer umso mehr Schlechtes. Statt zu sagen, du seist ein liebes Kind ohne Familie, das jeden Mitleid und Zuneigung verdient, wuerden sie sagen, wir wollten uns nur bei der Herzoginmutter einschmeicheln." Kajaljade lachte: „Wenn die Tante so redet, dann nenne ich die Tante ab morgen Mama. Wenn die Tante ablehnt, dann ist die ganze Zuneigung nur gespielt." Tante Schnee sagte: „Wenn dir das recht ist, dann gerne!" Schatzspange sagte rasch: „Das geht aber nicht." Kajaljade fragte: „Warum nicht?" Schatzspange fragte laechelnd: „Ueberleg doch mal: Warum wurde zuerst die Verlobung mit Schwester Xiuyan fuer meinen juengeren Bruder geschlossen und nicht die meines aelteren Bruders?" Kajaljade antwortete: „Er ist nicht hier, oder es stimmt das Geburtsjahr und der Tag nicht, deshalb hat man den juengeren Bruder vorgezogen." Schatzspange laechelte: „Nein! Mein aelterer Bruder hat sich schon fuer eine Braut entschieden, und sobald er zurueck ist, wird die Verlobung formell besiegelt. Ich nenne den Namen lieber nicht — aber jetzt verstehst du, warum ich sagte, du kannst Mama nicht 'Mama' nennen. Denk gruendlich darueber nach." Bei diesen Worten zwinkerte sie ihrer Mutter zu und kicherte. Kajaljade verstand und schmiegte sich ebenfalls an Tante Schnee: „Wenn die Tante ihn nicht zurechtweist, bin ich nicht zufrieden!" Tante Schnee zog sie laechelnd an sich: „Glaub deiner Schwester nicht, sie neckt dich nur." Schatzspange sagte laechelnd: „Wirklich, Mama, frag doch die Herzoginmutter, ob sie Kajaljade nicht als Schwiegertochter haben will. Waere das nicht tausendmal besser als jede Fremde?" Kajaljade beugte sich vor, um nach Schatzspange zu greifen, und rief laechelnd: „Jetzt reicht es aber, du bist voellig uebergeschnappt!" Tante Schnee versuchte lachend zu schlichten und schob die beiden auseinander. Dann sagte sie zu Schatzspange: „Ich haette Xiuyan deinem aelteren Bruder nicht anvertraut, deshalb habe ich sie deinem juengeren Bruder versprochen. Erst recht wuerde ich Kajaljade nicht fuer ihn hergeben. Neulich wollte die Herzoginmutter Baoqin mit Schatzjade verbinden, aber die war schon vergeben. Sonst waere es eine ausgezeichnete Partie gewesen. Als ich dann die Verlobung mit Xiuyan verkuendete, hat die Herzoginmutter noch gescherzt: 'Eigentlich wollte ich eine von ihren Leuten haben, und jetzt hat sie mir eine von meinen weggeschnappt.' Das war nur ein Spass, aber im Grunde steckt etwas dahinter. Und obwohl ich sonst niemanden anbieten kann, will ich doch nicht schweigen. Euer Vetter Schatzjade — die Herzoginmutter liebt ihn so, und er ist ein so huebscher junger Mann. Wenn man ausserhalb der Familie suchen wuerde, waere sie bestimmt nie zufrieden. Waere es dann nicht die allervollendetste Loesung, wenn man deine Schwester Kajaljade fuer ihn bestimmte?" Kajaljade, die anfangs wie betaeubt zugehoert hatte, wurde, als die Rede auf sie selber kam, rot und spuckte Schatzspange an. Dann fasste sie Schatzspange am Aermel und rief lachend: „Dich sollte man schlagen! Warum hast du die Tante auf solche schandbaren Gedanken gebracht?" Schatzspange lachte: „Das ist aber seltsam! Mama sagt es, und du schlaegst mich?" Purpurkuckuck kam eilig herbeigelaufen und rief laechelnd: „Wenn die gnaedige Tante solche Absichten hat, warum spricht sie dann nicht mit der gnaedigen Frau?" Tante Schnee lachte schallend: „Du kleines Ding, warum so eilig? Willst du, dass dein Fraeulein schnell unter die Haube kommt, damit du dir auch bald einen kleinen Braeutigam suchen kannst?" Purpurkuckuck wurde rot und lachte: „Die gnaedige Tante bringt jetzt wirklich ihr Alter ins Spiel!" Dann drehte sie sich um und ging. Kajaljade hatte sie zuerst ausgescholten: „Was geht dich das an, du freches Ding?" Doch als sie Purpurkuckucks Verlegenheit sah, musste sie doch lachen und sagte: „Amitabha Buddha! Geschieht dir recht! Da hat sie sich eine Abfuhr geholt!" Tante Schnee, Schatzspange und alle Zofen und Dienerinnen im Zimmer lachten. Die alten Frauen sagten laechelnd: „Was die gnaedige Tante sagt, ist zwar nur ein Scherz, aber eigentlich stimmt es doch. Wenn sie einmal Zeit hat und es mit der Herzoginmutter bespricht — wenn die gnaedige Tante die Ehestifterin macht, dann waere das tausendfach und zehntausendfach das Richtige." Tante Schnee sagte: „Sobald ich diesen Vorschlag mache, wird die Herzoginmutter bestimmt einverstanden sein."

Mitten in das Geplaenkel hinein erschien Xiangyun, einen Zettel in der Hand, und rief lachend: „Was ist das fuer ein Kontobuch?" Kajaljade betrachtete es und konnte es ebenfalls nicht einordnen. Die alten Frauen unten sagten alle lachend: „Das ist schon ein seltenes Stueck! Das Geld, das so etwas bringt, verdient man nicht alle Tage!" Schatzspange griff rasch zu und nahm den Zettel an sich. Als sie hinsah, war es genau der Pfandschein, von dem Xiuyan gerade gesprochen hatte. Eilig faltete sie ihn zusammen. Tante Schnee sagte rasch: „Das muss ein Pfandschein sein, den eine der Zofen verloren hat. Wenn sie zurueckkommt, wird sie ihn ueberall suchen. Wo hast du den denn her?" Xiangyun fragte: „Was ist ein Pfandschein?" Alle lachten: „Was fuer ein Unschuldslamm! Nicht einmal einen Pfandschein kennt sie." Tante Schnee seufzte: „Man kann es ihr wirklich nicht veruebeln. Sie ist eine waschechte Marquistochter und dazu noch so jung. Wie sollte sie so etwas kennen? Wie sollte sie je so etwas zu Gesicht bekommen? Selbst wenn die Bediensteten zu Hause so etwas haetten, bekaeme sie es nie zu sehen. Lacht nicht ueber sie — wenn die jungen Damen eurer Familien das saehen, wuerden auch die ratlos dastehen." Die alten Frauen lachten: „Das Fraeulein Lin hat es eben auch nicht erkannt, von den Fraeulein ganz zu schweigen. Und selbst Schatzjade, der doch oft das Haus verlaesst, hat so etwas vermutlich noch nie gesehen." Tante Schnee erklaerte sogleich, was ein Pfandschein ist. Xiangyun und Kajaljade lachten, als sie es verstanden: „So ist das also! Die Leute kommen auf alles, was Geld bringt. Hat die Familie der Tante auch so ein Pfandhaus?" Alle lachten: „Das ist aber auch naiv. 'Alle Kraehen unter dem Himmel sind gleich schwarz' — warum sollte es da Unterschiede geben?" Tante Schnee fragte noch, wo Xiangyun den Zettel gefunden habe. Xiangyun wollte gerade antworten, als Schatzspange rasch sagte: „Das ist ein alter, abgelaufener Pfandschein, laengst aus den Buechern gestrichen. Duftlinse hatte ihn, um die Maedchen zu unterhalten." Tante Schnee glaubte das und fragte nicht weiter. Da wurde gemeldet: „Die Frau aus dem Ning-guo-Anwesen ist da und moechte die gnaedige Tante sprechen." Tante Schnee verabschiedete sich und ging.

Als es im Zimmer still geworden war, fragte Schatzspange Xiangyun, wo sie den Zettel gefunden habe. Xiangyun laechelte: „Ich habe gesehen, wie die kleine Zofe Zhuan-er von deiner kuenftigen Schwaegerin ihn heimlich Yinger zusteckte. Yinger hat ihn in ein Buch geklemmt und dachte, ich haette nichts bemerkt. Als die beiden draussen waren, habe ich nachgeschaut und konnte nicht erkennen, was es war. Weil ich wusste, dass ihr alle hier seid, habe ich ihn hergebracht, damit wir ihn gemeinsam anschauen." Kajaljade fragte rasch: „Wie, muss sie etwa auch Kleider versetzen? Und wenn ja, warum gibt sie dir den Zettel?" Schatzspange sah, dass sie die beiden nicht anluegen konnte, und erzaehlte ihnen die ganze Geschichte von vorhin. Kajaljade sagte seufzend: „Wenn der Hase stirbt, trauert der Fuchs; wenn das Wesen verletzt wird, fuehlt das Geschoepf mit." Das konnte sie nicht ohne Ruehrung sagen. Xiangyun aber wurde zornig: „Wartet nur, bis ich die zweite Schwester zur Rede stelle! Ich werde den alten Weibern und Zofen die Leviten lesen und euch raechen, einverstanden?" Damit sprang sie auf, doch Schatzspange hielt sie rasch am Arm fest und sagte lachend: „Da bist du wieder uebergeschnappt! Setz dich sofort hin!" Kajaljade lachte: „Wenn du ein Mann waerst, koenntest du hinausgehen und fuer Gerechtigkeit kaempfen. Aber hier spielst du dich als Jing Ke und Nie Zheng auf — das ist wirklich zum Lachen." Xiangyun sagte: „Wenn ihr mich nicht zu ihr lasst, dann holen wir sie morgen zu uns in den Garten, da koennen wir zusammen wohnen — waere das nicht wunderbar?" Schatzspange laechelte: „Darueber reden wir morgen." Da wurde gemeldet: „Das dritte und das vierte Fraeulein kommen." Die drei hoerten es und hielten sofort den Mund, damit kein Wort mehr von der Sache verlautete.

Was weiter geschah, wird im naechsten Kapitel erzaehlt.

Anmerkungen



Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本).