Hongloumeng/de/Chapter 23
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Kapitel 23
Kaiserliche Gemahlin Urfrühling befiehlt, im Großen Garten der Pracht zu wohnen — Durch die „Romanze der Westkammer" lernen Schatzjade[1] und Kajaljade[2] verbotene Gefühle kennen
Es wird erzählt, dass die Kaiserliche Gemahlin Urfrühling [贾元春] nach ihrem Besuch im Großen Garten der Pracht [Anm.: 大观园, Daguanyuan] in den Palast zurückkehrte und die an jenem Tag verfassten Gedichte von Spürfrühling der Reihe nach abschreiben ließ, sie selbst ordnete und nach Qualität bewertete. Ferner ordnete sie an, die Gedichte im Großen Garten der Pracht in Stein meißeln zu lassen, als ein kulturelles Denkmal für alle Zeiten. Daraufhin ließ Kaufmann Aufrecht an verschiedenen Orten die besten Steinmetze auswählen, die im Garten die Steine schliffen und die Schriftzeichen einmeißelten. Kaufmann Juwel[3] beaufsichtigte zusammen mit Kaufmann Herrlichkeit[4] und Jia Ping die Arbeiten. Da Jia Qiang mit der Verwaltung der zwölf Schauspielerinnen und ihrer Kostüme beschäftigt und nicht leicht abkömmlich war, rief Kaufmann Juwel auch Jia Chang und Jia Ling herbei, um die Aufsicht zu führen. Eines Tages wurde mit der Arbeit begonnen: Wachs wurde aufgetragen, Lack aufgebracht und Zinnober eingerieben. Doch davon muss hier nicht weiter die Rede sein.
Was nun die zwölf kleinen Mönche und zwölf kleinen Daoisten betrifft, die im Jadekaisertempel und im Bodhidharma-Kloster untergebracht gewesen waren — da sie nun aus dem Großen Garten hinausgebracht worden waren, wollte Kaufmann Aufrecht sie auf verschiedene Tempel verteilen. Doch da kam Zhou-shi, die Mutter von Jia Qin, die in der Hintergasse wohnte, auf die Idee, bei Kaufmann Aufrecht um eine kleine Aufgabe für ihren Sohn zu bitten, damit er etwas Geld verdienen konnte. Als sie von dieser Angelegenheit hörte, kam sie in einer Sänfte, um Phönixglanz[5] um Hilfe zu bitten. Phönixglanz, die sah, dass sie sich gewöhnlich nicht wichtigtat, sagte zu, überlegte ein paar Sätze und ging zu Frau Wang: „Diese kleinen Mönche und Daoisten dürfen auf keinen Fall anderswohin geschickt werden. Wenn die Kaiserliche Gemahlin eines Tages herauskommt, werden sie gebraucht. Sollten sie sich zerstreut haben, wäre es aufwendig, sie wieder zusammenzubringen. Meiner Meinung nach sollten wir sie einfach in unseren Familientempel, den Eisernen Schwellen-Tempel [Anm.: 铁槛寺], schicken. Wir brauchen nur monatlich jemanden mit etwas Silber für Brennholz und Reis hinzuschicken. Wenn wir sie brauchen, können wir sie jederzeit rufen — das macht überhaupt keine Mühe." Frau Wang besprach es mit Kaufmann Aufrecht. Kaufmann Aufrecht lachte: „Das hat mich daran erinnert, ja, machen wir es so." Sogleich ließ er Kaufmann Jadeschale rufen.
Kaufmann Jadeschale saß gerade mit Phönixglanz beim Essen, als er den Ruf hörte. Ohne zu wissen, worum es ging, legte er die Stäbchen hin und wollte aufspringen. Phönixglanz hielt ihn fest und lachte: „Bleib stehen und hör mir zu! Wenn es wegen etwas anderem ist, kümmere ich mich nicht darum, aber wenn es um die kleinen Mönche geht, dann mach es auf jeden Fall so, wie ich es sage." Sie instruierte ihn Punkt für Punkt. Kaufmann Jadeschale lachte: „Ich weiß von nichts — wenn du so tüchtig bist, geh du hin!" Phönixglanz hörte das, reckte den Hals, legte die Stäbchen nieder und sah Kaufmann Jadeschale halb lächelnd, halb schmollend an: „Meinst du das ernst oder ist es ein Scherz?" Kaufmann Jadeschale lachte: „Der Neffe der fünften Schwägerin auf der Westgalerie, der junge Yun, hat mich zwei-, dreimal gebeten, ihm eine Aufgabe zu geben. Ich habe zugesagt und ihn warten lassen. Endlich kommt diese Sache heraus, und du nimmst sie mir weg." Phönixglanz lachte: „Sei beruhigt. An der nordöstlichen Ecke des Gartens sagte die Kaiserliche Gemahlin, man solle noch mehr Kiefern und Zypressen pflanzen, und am Fuße des Gebäudes noch Blumen und Gräser. Wenn dieser Auftrag herauskommt, garantiere ich, dass Yun ihn bekommt." Kaufmann Jadeschale sagte: „Na gut, wenn das so ist." Dann: „Nur gestern Nacht wollte ich ein wenig Abwechslung, und du hast dich gleich gesträubt..." Phönixglanz hörte das und lachte prustend, spuckte einmal in Jia Liens Richtung und senkte den Kopf, um weiterzuessen.
Kaufmann Jadeschale war schon lachend davongeeilt. Vor Kaufmann Aufrecht bestätigte sich: Es ging um die kleinen Mönche. Kaufmann Jadeschale folgte Phönixglanzs Plan und sagte: „Wie es aussieht, ist der junge Qin inzwischen tüchtig geworden. Man könnte ihm diese Angelegenheit übertragen. Er soll einfach monatlich gemäß den üblichen Vorschriften die Gelder abheben." Kaufmann Aufrecht kümmerte sich nicht weiter um solche Dinge und stimmte zu. Kaufmann Jadeschale kehrte in sein Zimmer zurück und berichtete Phönixglanz. Phönixglanz ließ sogleich Frau Zhou Bescheid geben. Jia Qin kam, um Kaufmann Jadeschale und Phönixglanz seinen Dank auszusprechen. Phönixglanz bat Kaufmann Jadeschale dann noch, drei Monatsgehälter im Voraus auszuzahlen. Jia Qin schrieb eine Quittung, Kaufmann Jadeschale visierte sie und gab die Marke heraus. Sogleich wurden aus der Silberkammer drei Monatsrationen ausgezahlt — zwei- bis dreihundert Liang blitzenden Silbers. Jia Qin nahm beiläufig ein Stück heraus, warf es dem Kassenwart zu und sagte: „Trinkt Tee davon." Dann ließ er einen Diener das Silber nach Hause tragen und besprach sich mit seiner Mutter. Sofort mietete er einige Esel und Wagen, ritt selbst voraus und holte die vierundzwanzig Mönche und Daoisten aus dem Seitentor des Rong-Herrenhauses ab, um sie zum Eisernen Schwellen-Tempel vor der Stadt zu bringen.
Was nun die Kaiserliche Gemahlin Urfrühling betrifft: Nachdem sie im Palast die Gedichte aus dem Großen Garten geordnet hatte, dachte sie plötzlich an die Schönheit des Gartens. Sie wusste, dass Kaufmann Aufrecht ihn nach ihrem Besuch gewissenhaft versiegelt und verschlossen halten würde, ohne dass jemand ihn betreten dürfe — wie öde und trostlos! Da es in der Familie doch einige dichtende und schreibende Schwestern gebe, warum sie nicht dort wohnen lassen, damit weder die Schönen verkümmerten noch die Blumen und Weiden ihr Antlitz verlören. Dann dachte sie an Schatzjade, der von klein auf unter seinen Schwestern aufgewachsen war — anders als die anderen Brüder. Wenn man ihn nicht ebenfalls in den Garten einziehen ließe, würde er sich einsam fühlen, und Herzoginmutter[6] und Frau Wang müssten sich Sorgen machen. Also sollte auch er einziehen und dort seinen Studien nachgehen. So beschlossen, sandte sie den Eunuchen Xia Shouzhong zum Rong-Herrenhaus mit einer Anordnung: Schatzspange[7] und die anderen Mädchen sollten frei im Garten wohnen, und auch Schatzjade solle dorthin ziehen, um zu lesen.
Kaufmann Aufrecht und Frau Wang empfingen die Anordnung. Nachdem der Eunuch gegangen war, berichteten sie Herzoginmutter und ließen überall reinigen, aufräumen, Vorhänge aufhängen und Betten herrichten. Alle hörten die Nachricht mit gemischten Gefühlen; nur Schatzjade war außer sich vor Freude. Er besprach schon mit der Herzoginmutter, was er mitnehmen und was er einrichten wolle, als plötzlich eine Dienerin meldete: „Der Herr Vater ruft nach Schatzjade." Schatzjade erschrak wie vom Blitz getroffen, verlor augenblicklich alle Begeisterung, wurde bleich im Gesicht und klammerte sich an Herzoginmutter wie an ein Malzbonbon — lieber hätte er sich totschlagen lassen, als zu gehen. Herzoginmutter tröstete ihn: „Mein Schatz, geh nur. Ich bin ja da, er wird dir nichts tun. Außerdem hast du doch diesen guten Aufsatz geschrieben. Wahrscheinlich will die Kaiserliche Gemahlin, dass du im Garten wohnst, und dein Vater wird dir nur ein paar Anweisungen geben — nicht herumzutollen und dergleichen. Was er auch sagt, antworte einfach brav." Dann rief sie zwei alte Ammen und wies sie an: „Bringt Schatzjade sicher hin, und lasst seinen Vater ihn nicht erschrecken." Die Ammen gehorchten.
Schatzjade musste nach vorne gehen, wobei er kaum vorankam. Zum Glück war Kaufmann Aufrecht gerade im Zimmer von Frau Wang und besprach etwas mit ihr. Goldarmreif [金钏]'er, Caiyun, Caixia, Xiuluan und Xiufeng standen alle auf der Veranda. Als sie Schatzjade kommen sahen, kicherten alle hinter vorgehaltener Hand. Goldarmreif'er packte Schatzjade, flüsterte lachend: „Ich habe gerade frische Lippen-Rouge aufgetragen — willst du kosten oder nicht?" Caiyun schob Goldarmreif'er beiseite und lachte: „Er fühlt sich gerade nicht wohl — hör auf, ihn aufzuziehen! Nutz die gute Stimmung und geh schnell hinein." Schatzjade musste sich durchs Tor schieben. Kaufmann Aufrecht und Frau Wang saßen drinnen auf dem Kang und redeten miteinander; auf einer Reihe Stühle saßen Willkommensfrühling, Spürfrühling, Bewahrfrühling und Kaufmann Unheil. Als er eintrat, standen nur Spürfrühling, Bewahrfrühling und Kaufmann Unheil auf.
Kaufmann Aufrecht blickte auf und sah Schatzjade vor sich stehen — geistvoll und anmutig, von bestechender Schönheit. Dann sah er Kaufmann Unheil — unbeholfen im Auftreten, linkisch in den Manieren. Plötzlich dachte er an den verstorbenen Jia Zhu. Er bedachte, dass Frau Wang nur diesen einen leiblichen Sohn hatte und ihn über alles liebte, und dass sein eigener Bart bereits ergraute. Aus all diesen Gründen schwand sein gewohnter Widerwille gegen Schatzjade um acht oder neun Zehntel. Nach einer langen Pause sagte er: „Die Kaiserliche Gemahlin hat angeordnet: Du verbringst deine Tage draußen beim Spielen und wirst immer nachlässiger. Nun sollst du mit deinen Schwestern im Garten lesen und schreiben. Lerne fleißig! Wenn du dich nicht an die Regeln hältst, pass nur auf!" Schatzjade antwortete eilig mehrmals mit „Ja". Frau Wang zog ihn neben sich auf den Kang. Die drei Geschwister setzten sich wieder.
Frau Wang strich Schatzjade über den Nacken und fragte: „Hast du die Pillen von neulich alle aufgebraucht?" Schatzjade sagte: „Es ist noch eine übrig." Frau Wang sagte: „Morgen lass dir zehn neue geben. Jeden Abend vor dem Schlafengehen soll Dufthauch[8] dir eine geben." Schatzjade sagte: „Seit die gnädige Mutter es angeordnet hat, denkt Dufthauch jeden Abend daran und gibt sie mir." Kaufmann Aufrecht fragte: „Wer ist Dufthauch?" Frau Wang sagte: „Eine Dienerin." Kaufmann Aufrecht sagte: „Eine Dienerin kann heißen, wie sie will — wer ist so frech und gibt ihr einen solchen Namen?" Frau Wang sah, dass Kaufmann Aufrecht ungehalten wurde, und versuchte, Schatzjade zu decken: „Den Namen hat die alte Herrin gegeben." Kaufmann Aufrecht sagte: „Woher sollte die alte Herrin so etwas kennen? Das muss Schatzjade gewesen sein." Schatzjade sah, dass die Tarnung aufgeflogen war, stand auf und antwortete: „Beim Lesen stieß ich auf einen alten Vers: ‚Der Blütenduft überwältigt und kündet warme Tage' [Anm.: 花气袭人知昼暖, Vers von Lu You (1125-1210)]. Da diese Dienerin den Nachnamen Hua [Blume] trägt, nannte ich sie so." Frau Wang sagte eilig: „Schatzjade, geh zurück und ändere den Namen. Der Herr Vater muss sich wegen solcher Kleinigkeiten nicht aufregen." Kaufmann Aufrecht sagte: „Im Grunde ist es belanglos, es muss nicht geändert werden. Nur zeigt es, dass Schatzjade sich nicht dem Wesentlichen widmet, sondern sich nur mit üppiger Lyrik und Liebesgedichten beschäftigt." Dann donnerte er: „Verschwinde, du Taugenichts!" Frau Wang sagte eilig: „Geh! Die Großmutter wartet mit dem Essen auf dich." Schatzjade verneigte sich und zog sich langsam zurück. Er streckte Goldarmreif'er die Zunge heraus, und mit den beiden Ammen raste er davon.
Kaum war er an der Galerie angekommen, sah er Dufthauch an die Tür gelehnt stehen. Als sie Schatzjade heil zurückkommen sah, lächelte sie erleichtert: „Was wollte er von dir?" Schatzjade erzählte: „Nichts Besonderes, nur Ermahnungen wegen des Gartens — dass ich dort nicht herumtollen soll." Während er sprach, ging er zu Herzoginmutter und berichtete alles. Da sah er Kajaljade dort sitzen. Schatzjade fragte: „Wo möchtest du am liebsten wohnen?" Kajaljade hatte gerade darüber nachgedacht und sagte lächelnd: „Ich finde das Xiaoxiang-Haus [Anm.: 潇湘馆, benannt nach den Flüssen Xiao und Xiang] am schönsten — ich liebe diese Bambusse hinter dem geschwungenen Geländer, dort ist es stiller als anderswo." Schatzjade hörte das, klatschte lachend in die Hände: „Genau wie ich es mir gedacht habe! Ich wollte dich auch dort einquartieren! Ich wohne im Hof der Roten Freude [Anm.: 怡红院, Yihong Yuan] — wir wären ganz nah beieinander, und beide in schöner Ruhe."
Während die beiden noch berieten, kam jemand von Kaufmann Aufrecht mit der Nachricht: Der zweiundzwanzigste des zweiten Monats sei ein günstiger Tag für den Einzug der jungen Herren und Damen; man solle in den nächsten Tagen alles vorbereiten. Schatzspange bezog das Hengwu-Haus [Anm.: 蘅芜苑, „Hof der wohlriechenden Kräuter"], Kajaljade das Xiaoxiang-Haus, Willkommensfrühling die Zhuijin-Galerie, Spürfrühling das Qiushuang-Atelier, Bewahrfrühling den Liaofeng-Pavillon, Li Schleierfrau das Dorf des Reisdufts [Anm.: 稻香村], und Schatzjade den Hof der Roten Freude. Jeder Wohnstätte wurden zwei alte Ammen und vier Dienerinnen zugeteilt, zusätzlich zu den eigenen Ammen und persönlichen Mädchen; außerdem waren eigene Reinigungskräfte abgestellt. Am zweiundzwanzigsten zogen alle ein, und sogleich schmückten sich Blumen mit Bändern und Weiden wiegten sich im Wind — ganz anders als die frühere Einsamkeit.
Ohne weitere Umschweife: Seit Schatzjade in den Garten eingezogen war, fühlte er sich zutiefst zufrieden und hatte kein weiteres Verlangen. Täglich verbrachte er die Zeit mit seinen Schwestern und Dienerinnen — las, schrieb, spielte Qin, spielte Schach, malte, dichtete, stickte Phönixe, schmückte sich mit Blumen, sang leise, löste Rätsel und spielte Fingerspiele. Er war rundum glücklich. Er verfasste einige Gelegenheitsgedichte, die zwar nicht herausragend, doch von wahren Empfindungen und echten Szenen zeugten. Hier seien einige zitiert:
Nächtliche Szene im Frühling
Rosige Gaze und Wolkenbaldachin, üppig drapiert, In der Nachbargasse — das Froschquaken der Nachtwache, halb gehört. Auf dem Kissen leichter Frost, am Fenster der Regen rinnt, Im Frühlingslicht vor den Augen — die Träume des Herzens. Die Kerze weint glänzende Tränen — für wen? Die Blüten grollen mit Sorgenfalten — meinetwegen. Nur weil das Dienstmädchen verwöhnt und träge ist, Hüllt sie sich in die Decke, lachend und schwatzend unaufhörlich.
Nächtliche Szene im Sommer
Die müde Stickerin träumt lang ihren stillen Traum, Im goldnen Käfig ruft der Papagei nach Tee. Das Fenster hell — Moschusmonds Spiegel öffnet sich, Im Zimmerduft — Tanyuns Räucherwerk schwebt sacht. Aus Bernsteinkelch fließt glatt der Lotustau, Die gläserne Balustrade fängt des Weidenbachs Kühle ein. Am Wasserhaus allenthalben wehen Fächer aus Seide, Der Vorhang rollt sich auf — am Turmgemach endet die Abendtoilette.
Nächtliche Szene im Herbst
In Schatzjades Gemach herrscht Stille, kein Geräusch, Des Mondes Glanz durchdringt den roten Gaze-Stoff. Moos versiegelt Steinmuster, wo der Kranich schläft, Vom Brunnen rieselt Tautropfen auf die Krähe im Baum. Mit Decken kommt die Dienerin — der goldne Phönix faltet sich, Am Geländer kehrt man heim — die smaragdne Blume fällt. In stiller Nacht, schlaflos vom Durst nach Wein, Schürt man den Weihrauch und verlangt nach Tee.
Nächtliche Szene im Winter
Pflaumenduft und Bambusträume — schon dritte Nachtwache, Im Brokatgewand, in Gänsedaunendecken — und doch kein Schlaf. Des Kiefernschattens ganzer Hof — nur ein Kranich, Birnenblüten bedecken den Boden — keine Drossel singt. Des Mädchens smaragdner Ärmel ist kalt im Dichtersinnen, Des jungen Herrn goldner Zobel — des Weines Wärme schwindet. Doch freut es, dass die Dienerin den Tee zu prüfen weiß Und frischen Schnee zusammenfegt, um ihn rechtzeitig aufzubrühen.
Wegen dieser Gedichte gab es nun gewisse Menschen, die, weil sie erfuhren, ein zwölf- oder dreizehnjähriger Knabe aus dem Rong-Herrenhaus habe sie geschrieben, sie abschrieben und überall lobten. Andere, leichtsinnige junge Herren, die die eleganten und leidenschaftlichen Verse liebten, schrieben sie auf Fächer und Wände und rezitierten sie unentwegt. So kamen Leute, die um Gedichte, Kalligraphie, Gemälde und Inschriften baten. Schatzjade war begeistert und beschäftigte sich täglich mit solchen Äußerlichkeiten.
Doch wer hätte gedacht, dass aus der Ruhe Unruhe erwächst? Eines Tages wurde er grundlos missmutig. Dies war nicht recht und jenes nicht recht, er lief ein und aus und war nur betrübt. Die meisten Bewohner des Gartens waren junge Mädchen, die in ihrer unschuldigen Welt lebten — sie saßen und lagen, ohne sich zu scheuen, lachten und scherzten arglos und wussten nichts von Schatzjades Herzenssorgen. Schatzjade fühlte sich innerlich unwohl und mochte nicht mehr im Garten bleiben; draußen trieb er sich herum, doch blieb er auch dort versunken und abwesend.
Der Diener Mingyan sah seinen Herrn so und überlegte, wie er ihn aufheitern könnte. Er dachte hin und her — alles, womit Schatzjade sonst spielte, war ihm längst über, nichts konnte ihn erfreuen. Nur eines hatte Schatzjade noch nie gesehen. Entschlossen ging er in eine Buchhandlung und kaufte eine große Menge alter und neuer Romane sowie Geschichten über Zhao Feiyan und Zhao Hede, Wu Zetian und Yang Guifei [Anm.: berühmte Schönheiten und Herrscherinnen der chinesischen Geschichte] und allerlei Theaterstücke. Er brachte sie Schatzjade. Schatzjade, der solche Bücher noch nie gesehen hatte, behandelte sie wie kostbare Schätze. Mingyan ermahnte ihn: „Nimm sie nicht mit in den Garten! Wenn jemand es erfährt, werden sie mich bei lebendigem Leib häuten!" Doch Schatzjade konnte sich unmöglich davon trennen, überlegte hin und her und wählte schließlich einige mit feinem und dichtem Text aus, nahm sie mit in den Garten und versteckte sie unterm Bettdach, um sie heimlich zu lesen, wenn niemand da war. Die gröberen verbarg er im äußeren Arbeitszimmer.
An einem Tag Mitte des dritten Monats ging Schatzjade nach dem Frühstück mit einem Exemplar der „Romanze der Westkammer" [Anm.: 会真记/西厢记, das berühmte Liebesstück von Wang Shifu] zum Brückenrand des Qinfang-Wehrs und setzte sich unter einem Pfirsichbaum auf einen Stein. Er schlug das Buch auf und las von Anfang an. Gerade war er bei der Stelle „Herabfallende Blütenblätter wie ein Heer" angelangt, da wehte ein Windstoß und blies die Hälfte der Pfirsichblüten herab — sie bedeckten seinen ganzen Körper, das Buch und den Boden. Schatzjade wollte sie abschütteln, fürchtete aber, mit den Füßen darauf zu treten. So sammelte er die Blütenblätter in seine Kleider und schüttete sie am Teichrand ins Wasser. Die Blüten trieben auf der Oberfläche, schaukelten hin und her und flossen hinaus durch das Qinfang-Wehr.
Als er zurückkam, lagen noch viele auf dem Boden. Während er noch unschlüssig dastand, hörte er hinter sich jemanden sagen: „Was machst du hier?" Schatzjade drehte sich um — es war Kajaljade, die eine Blumenhacke auf der Schulter trug, an der ein Blumenbeutel hing, und einen Blumenbesen in der Hand hielt. Schatzjade lachte: „Wunderbar! Komm, feg diese Blüten zusammen und wirf sie ins Wasser! Ich habe eben schon viele hineingeworfen." Kajaljade sagte: „Ins Wasser werfen ist nicht gut. Hier ist das Wasser sauber, aber sobald es hinausfließt, in bewohnte Gebiete, wird es schmutzig und stinkend — die Blüten würden entweiht. Dort drüben an der Ecke habe ich ein Blumengrab [Anm.: 花冢, ein Grab für gefallene Blüten — eine der berühmtesten Szenen des Romans]. Ich werde sie zusammenfegen, in diesen Seidenbeutel tun und mit Erde begraben. Mit der Zeit werden sie mit der Erde vergehen — ist das nicht sauberer?" Schatzjade hörte das und war überglücklich: „Warte, ich lege mein Buch hin und helfe dir!" Kajaljade fragte: „Was für ein Buch?" Schatzjade erschrak und versuchte hastig, es zu verstecken: „Nur der ‚Zhongyong' und der ‚Daxue' [Anm.: zwei konfuzianische Klassiker]." Kajaljade lachte: „Machst du mir wieder etwas vor! Zeig schnell her!" Schatzjade sagte: „Liebe Schwester, vor dir habe ich keine Angst. Wenn du es liest, verspreche mir nur, es niemandem zu verraten. Es ist wirklich ein gutes Buch! Wenn du es liest, vergisst du sogar das Essen." Damit reichte er es ihr. Kajaljade legte ihre Blumengeräte ab, nahm das Buch und las es von Anfang an — je mehr sie las, desto mehr war sie gefesselt. In weniger als einer Mahlzeit hatte sie alle sechzehn Akte durchgelesen und fühlte, wie die Worte sie berauschten und wie ein süßer Nachgeschmack auf ihren Lippen lag. Obwohl sie fertig war, saß sie nur still da und rezitierte die Worte im Stillen.
Schatzjade lachte: „Schwester, wie findest du es?" Kajaljade lachte: „Es ist wirklich wunderbar!" Schatzjade lachte: „Ich bin der ‚Vielkranke mit viel Kummer', und du bist die ‚Schönheit, die Reiche stürzt'." [Anm.: Zitate aus der „Westkammer", mit denen Zhang Sheng und Cui Yingying beschrieben werden] Kajaljade hörte das und wurde augenblicklich bis über beide Ohren rot, richtete ihre Augenbrauen auf — halb gerunzelt, halb nicht — riss die Augen weit auf — halb offen, halb nicht — die Wangen vor Zorn leicht gerötet, die schmalen Lippen voller Groll, deutete auf Schatzjade und sagte: „Dieser verdammte Kerl! Was redest du für verbotenes Zeug? Erst schleppst du diese unzüchtigen Stücke an und lernst daraus solche frevelhaften Worte, um mich zu beleidigen! Das sage ich dem Onkel und der Tante!" Bei den Worten „beleidigen" röteten sich bereits ihre Augenringe, und sie drehte sich um und wollte gehen. Schatzjade geriet in Panik, eilte vor und versperrte ihr den Weg: „Liebe Schwester, tausendmal Verzeihung! Es war falsch von mir. Wenn ich dich absichtlich beleidigt habe, dann soll ich morgen in den Teich fallen und von einer räudigen Schildkröte verschlungen werden und mich in eine riesige Schildkröte verwandeln — und wenn du dereinst als ‚hohe Dame ersten Ranges' alt und krank zum Grabe gehst, trage ich deinen Grabstein mein Leben lang auf dem Rücken!" Kajaljade musste prusten, rieb sich die Augen und sagte halb lachend: „Du erschreckst einen zu Tode mit deinen Schwüren! Und dann schwatzt du weiter Unsinn! Im Grunde bist du ein ‚Hübscher ohne Substanz — wie eine Lanze aus Zinn, die nur silbern glänzt'." [Anm.: ebenfalls ein Zitat aus der „Westkammer"] Schatzjade hörte das und lachte: „Und was ist mit dir? Das sage ich auch weiter!" Kajaljade lachte: „Du rühmst dich, alles nach einmaligem Lesen zu behalten — meinst du, ich könne nicht zehn Zeilen auf einen Blick lesen?"
Schatzjade sammelte sein Buch ein und sagte lachend: „Komm, lass uns die Blüten begraben, statt davon zu reden." Die beiden sammelten die gefallenen Blüten ein und begruben sie ordentlich. Da kam Dufthauch und sagte: „Ich habe dich überall gesucht! Dort drüben ist der ältere Herr [Anm.: Kaufmann Begnadigung] unwohl, und die Fräulein sind alle hingegangen, um nach ihm zu sehen. Die alte Herrin hat nach dir geschickt. Geh schnell zurück und zieh dich um!" Schatzjade hörte das, nahm eilig sein Buch, verabschiedete sich von Kajaljade und ging mit Dufthauch zurück, um sich umzuziehen.
Nachdem Schatzjade gegangen war, fand sich Kajaljade allein. Gerade wollte sie in ihr Zimmer zurückkehren und ging eben an der Mauer des Lixiang-Hofes [Anm.: 梨香院, der Hof, in dem die Schauspielerinnen probten] vorbei, als sie von drinnen den Klang einer Flöte vernahm, lang und melodisch, und Gesang, sanft und innig. Kajaljade, die normalerweise nicht viel für Theater übrig hatte, ging unachtsam weiter. Da drangen zwei Zeilen an ihr Ohr, klar und deutlich, jede Silbe vernehmbar:
„So öffnen sich die scharlachroten und karmesinroten Blüten überall, Und all die Pracht — verfällt der bröckelnden Mauer und dem trockenen Schacht." [Anm.: aus der „Päonienlaube" (牡丹亭) von Tang Xianzu (1550-1616)]
Kajaljade hörte das und war tief gerührt. Sie blieb stehen und horchte. Wieder erklang:
„Welch schöner Tag, welch prächtige Szene — Doch ach, die Freude — in wessen Garten blüht sie?"
Als sie das hörte, konnte sie nicht anders als nickend seufzen und dachte: „In der Oper gibt es also auch gute Literatur. Schade, dass die Menschen nur Opern anschauen, ohne den tieferen Sinn darin zu begreifen." Als ihr dies bewusst wurde, bedauerte sie, dass sie in Gedanken versunken das Zuhören versäumt hatte. Sie lauschte wieder und hörte:
„Denn du, mein zärtlich-blühendes Geschöpf, Und ich — die Jahre fließen wie das Wasser hin..."
Diese Worte erschütterten Kajaljade bis ins Innerste. Dann hörte sie:
„In deinem stillen Gemach bemitleidest du dich selbst..."
und Ähnliches — da war sie wie berauscht und betäubt, konnte nicht mehr stehen und sank auf einen Felsen nieder. Sie schmeckte und wog die acht Worte „zärtlich-blühendes Geschöpf, Jahre fließen wie Wasser" [Anm.: 如花美眷,似水流年] in ihrem Herzen. Plötzlich fielen ihr alte Verse ein: „Wasser fließt und Blumen welken — beiden fehlt das Herz", und dann ein Liedvers: „Der Blüten Fall und des Wassers Lauf — der Frühling geht dahin, Himmel und Erde!", und dann die Zeile aus der „Westkammer", die sie eben gelesen hatte: „Blüten fallen, rot treibt das Wasser, tausend Sorten müßiger Gram" — alles kam auf einmal zusammen in ihr. Sie sann und sann, und ohne es zu merken, schmerzte ihr das Herz und trübten sich ihre Gedanken, und Tränen rannen. Gerade war sie in diesem Zustand gefangen, als plötzlich jemand ihr von hinten auf den Rücken klopfte — und als sie sich umdrehte, sah sie, dass es war... Doch das erzählt das nächste Kapitel. So heißt es:
Morgens beim Schminken, nachts beim Sticken — das Herz ist weit fort, Im Mondschein und Wind weht der Gram herüber von dort.
- ↑ Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Jade-Schatz".
- ↑ Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, „Kajal-Jade".
- ↑ Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, Oberhaupt des Ning-Hauses.
- ↑ Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng, Sohn von Kaufmann Juwel.
- ↑ Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, „Strahlender Phönix".
- ↑ Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, Matriarchin der Kaufmann-Familie.
- ↑ Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, „Schatz-Haarspange".
- ↑ Chin. 袭人 Xírén, „die Überraschende".
Anmerkungen
Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本).