Hongloumeng/de/Chapter 33
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Kapitel 33
Lauernde Brüder rühren die Zunge
Der missratene Sohn empfängt die schwere Züchtigung
Frau Wang[1] ließ also Goldreifs[2] Mutter zu sich kommen und schenkte ihr eigenhändig einige Haarpfeile und Ringe. Außerdem befahl sie, mehrere buddhistische Mönche zu rufen, die Sutras lesen und die Seele der Toten zur Erlösung geleiten sollten. Goldreifs Mutter dankte kniefällig und zog sich zurück.
Als Schatzjade[3] von seinem Treffen mit Jia Yucun[4] zurückkehrte und die Nachricht erfuhr, wusste er sogleich, dass Goldreif sich aus Scham und Verzweiflung das Leben genommen hatte. Es war ihm, als würden ihm die fünf Eingeweide zerrissen. Als er dann eintrat und Frau Wang ihm Vorhaltungen machte und ihn belehrte, wusste er nichts darauf zu erwidern. Erst als Schatzspange[5] hereinkam, bot sich ihm eine Gelegenheit, sich zu entfernen. Ohne Ziel schlenderte er dahin, die Hände auf dem Rücken, den Kopf gesenkt, vor sich hin seufzend, die Schritte ziellos lenkend, bis er zur großen Empfangshalle gelangte.
Gerade als er durch das Vortor bog, kam ihm jemand entgegen, der hineinwollte, und sie prallten frontal zusammen. Er hörte nur, wie der andere rief: „Halt, stehenbleiben!"
Schatzjade erschrak heftig, blickte auf und erkannte — es war niemand anders als sein Vater. Unwillkürlich stockte ihm der Atem. Er konnte nur mit herabhängenden Armen am Wegrand stehenbleiben.
Kaufmann Aufrecht[6] sprach: „Was lässt du den Kopf hängen und jammerst vor dich hin? Eben war Yucun zu Besuch und wollte dich sehen — es hat eine Ewigkeit gedauert, bis du endlich erschienen bist. Und als du dann da warst, hast du dich weder lebhaft noch anregend gezeigt, sondern bist nur schlaff und matt dagesessen. In deinem Gesicht stand nichts als Sehnsucht und Schwermut. Und jetzt seufzt und stöhnst du! Was fehlt dir denn noch? Was macht dich unzufrieden? Grundlos führst du dich so auf — warum?"
Für gewöhnlich war Schatzjade zwar schlagfertig und redegewandt, doch in diesem Augenblick war sein ganzes Inneres von Trauer um Goldreif erfüllt. Am liebsten wäre er auf der Stelle gestorben, um ihr in den Tod zu folgen. Die Worte seines Vaters hatte er gar nicht gehört — er stand nur da, völlig erstarrt.
Als Kaufmann Aufrecht sah, wie verstört sein Sohn war und wie wenig sein Verhalten dem früheren glich, keimte in ihm, der eigentlich gar nicht zornig gewesen war, plötzlich ein Zorn zu drei Zehnteln auf. Gerade wollte er etwas sagen, da kam ein Bote mit der Meldung: „Aus der Residenz des Prinzen Zhongshun[7] ist jemand gekommen, der den gnädigen Herrn zu sprechen wünscht."
Kaufmann Aufrecht horchte verwundert auf und grübelte bei sich: „Für gewöhnlich pflegen wir keinerlei Umgang mit dem Hause des Prinzen Zhongshun. Warum schickt er heute jemanden zu mir?" Während er noch darüber nachdachte, befahl er bereits: „Schnell, bittet ihn herein!" Und eilte hinaus, um den Gast zu empfangen.
Es war der Kanzler des Prinzenhauses. Kaufmann Aufrecht geleitete ihn eilig in die Halle, bot ihm Platz an und ließ Tee reichen. Noch ehe das Gespräch begonnen hatte, ergriff der Kanzler schon das Wort: „Meine Wenigkeit kommt nicht aus eigenem Antrieb in Euer wertes Haus, sondern im Auftrag des Prinzen. Es gibt ein Anliegen, das ich Euch vortragen möchte. In Ansehung des Prinzen bitte ich Euch, die Sache zu regeln. Nicht nur der Prinz wird es Euch danken — auch meine Wenigkeit wäre Euch unendlich verbunden."
Kaufmann Aufrecht konnte sich darauf keinen Reim machen. Er erhob sich lächelnd und fragte: „Da Ihr im Auftrag des Prinzen kommt, mein Herr — was hat er mir zu eröffnen? Ich bitte Euch, es mir kundzutun, damit ich gehorsam danach handeln kann."
Der Kanzler lächelte kühl: „Es bedarf keines Handelns. Es braucht nur ein Wort von Euch, und die Sache ist erledigt. In unserer Residenz gibt es einen Opernsänger namens Qiguan[8], der die jungen Frauenrollen spielt. [9] Er war stets brav bei uns, doch seit einigen Tagen kehrt er nicht mehr zurück. Wir haben überall nach ihm gesucht, konnten aber seine Spur nicht finden. Daher haben wir Erkundigungen eingezogen, und von zehn Leuten in der Stadt sagen acht, er verkehre in jüngster Zeit aufs Engste mit Eurem werten Herrn Sohn, jenem, der mit dem Jadestein im Mund geboren wurde.
Als meine Wenigkeit das hörte, war mir klar, dass man in Euer erlauchtes Haus nicht einfach eindringen kann, um nach ihm zu forschen wie anderswo. Daher habe ich dem Prinzen Bericht erstattet. Der Prinz sagte: ‚Bei jedem anderen Schauspieler wäre es mir gleich — und seien es hundert. Aber dieser Qiguan ist einfühlsam und aufmerksam, vorsichtig und zuverlässig, und meinem alten Herzen sehr lieb. Auf ihn kann ich unmöglich verzichten.'
Daher bitte ich Euch, die Sache Eurem Herrn Sohn mitzuteilen und ihn zu veranlassen, Qiguan zurückkehren zu lassen. Erstens erfüllt Ihr damit den dringenden Wunsch des Prinzen, und zweitens bleibt auch meiner Wenigkeit die Mühe des weiteren Suchens erspart." Nach diesen Worten machte er eine tiefe Verbeugung.
Kaufmann Aufrecht war gleichermaßen erschrocken und erzürnt über das Gehörte. Sofort befahl er, Schatzjade herbeizurufen.
Schatzjade, der keine Ahnung hatte, worum es ging, eilte herbei. Kaufmann Aufrecht fuhr ihn an: „Du todeswürdiger Nichtsnutz! Dass du zu Hause die Bücher vernachlässigst, sei's drum — aber warum begehst du solch himmelschreiende Vergehen? Dieser Qiguan steht im persönlichen Dienst des Prinzen Zhongshun! Was für ein Grashalm bist du, dass du dich erdreistest, ihn ohne jeden Grund zu verführen und wegzulocken? Jetzt fällt das Unheil auf mich zurück!"
Schatzjade erschrak zutiefst und antwortete hastig: „Von dieser Sache weiß ich wahrhaftig nichts! Ich weiß nicht einmal, was die Worte ‚Qiguan' überhaupt bedeuten sollen — wie könnte ich da jemanden ‚verführt und weggelockt' haben?" Während er das sagte, begann er zu weinen.
Noch ehe Kaufmann Aufrecht den Mund öffnen konnte, sagte der Kanzler bereits mit kühlem Lächeln: „Der junge Herr braucht sich nicht zu verstellen. Entweder habt Ihr ihn bei Euch versteckt, oder Ihr wisst, wo er sich aufhält. Sagt es lieber gleich, dann ersparen wir uns alle die Mühe. Wäre das nicht ein Verdienst, das dem jungen Herrn angerechnet würde?"
Wieder und wieder beteuerte Schatzjade, nichts zu wissen. „Es handelt sich wohl um ein Gerücht — wer weiß?" sagte er.
Doch der Kanzler lächelte erneut kühl: „Es gibt handfeste Beweise — wozu also noch leugnen? Wenn ich vor Eurem hochverehrten Herrn Vater die Einzelheiten darlegen muss, wäre das nicht zu Eurem Nachteil, junger Herr? Ihr sagt, Ihr kennt diesen Menschen nicht — aber wie kommt dann dieses rote Schweißtuch an Euren Leib?" [10]
Als Schatzjade diese Worte vernahm, war es, als verließe ihn die Seele. Mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund stand er da und dachte bei sich: „Woher weiß er das? Wenn er sogar dieses Geheimnis kennt, kann ich ihm vermutlich auch alles andere nicht verschweigen. Am besten schicke ich ihn fort, bevor er noch mehr ausplaudert."
So sagte er: „Wenn der Herr so genau über ihn Bescheid weiß, wie kommt es dann, dass Euch eine so bedeutende Angelegenheit wie sein Hauskauf entgangen ist? Wie ich gehört habe, gibt es in der Ostvorstadt, zwanzig Li von der Stadt entfernt, einen Ort namens Zitanbao[11]. Dort soll er einige Mu Land und ein paar Gebäude gekauft haben. Vielleicht hält er sich dort auf."
Der Kanzler lächelte: „Wenn Ihr das sagt, wird er gewiss dort sein. Ich werde ihn dort suchen. Finde ich ihn, ist die Sache erledigt. Wenn nicht, komme ich wieder, um mich erneut an Euch zu wenden." Mit diesen Worten eilte er geschwind davon.
Kaufmann Aufrecht war inzwischen so in Wut geraten, dass ihm die Augen starr aus dem Kopf traten und der Mund sich verzerrte. Während er den Kanzler hinausbegleitete, wandte er den Kopf und befahl Schatzjade: „Du rührst dich nicht von der Stelle! Wenn ich zurückkomme, habe ich noch ein paar Fragen an dich!"
Er geleitete den Beamten hinaus und kehrte gerade zurück, als er plötzlich Kaufmann Ring[12] erblickte, der mit einigen kleinen Dienern in wildem Durcheinander angerannt kam. „Packt ihn! Schlagt ihn!" rief Kaufmann Aufrecht den Dienern zu.
Kaufmann Ring erschrak bei seinem Anblick so sehr, dass ihm die Knochen weich und die Sehnen schlaff wurden. Sofort blieb er mit gesenktem Kopf stehen.
„Was rennst du hier herum?" herrschte Kaufmann Aufrecht ihn an. „Deine Begleiter kümmern sich nicht um dich und treiben sich wer weiß wo herum, während du dich aufführst wie ein wildes Pferd!" Er befahl, die Diener herbeizurufen, die Kaufmann Ring zur Schule begleiten sollten.
Kaufmann Ring bemerkte, dass sein Vater in heller Wut war, und nutzte die Gelegenheit: „Eben bin ich eigentlich gar nicht gerannt. Aber ich kam am Brunnen vorbei, und darin lag eine ertrunkene Magd — ihr Kopf war so groß" — er machte eine Geste — „und der Körper so aufgedunsen. Es war wirklich schrecklich anzusehen, deshalb bin ich so schnell davongelaufen."
Kaufmann Aufrecht erschrak und fragte bestürzt: „Wer springt denn mir nichts, dir nichts in einen Brunnen? So etwas hat es in unserem Hause nie gegeben! Seit Generationen haben unsere Vorfahren das Gesinde stets mit Milde und Nachsicht behandelt. Wahrscheinlich habe ich in den letzten Jahren die Haushaltsführung vernachlässigt, sodass die Verwalter sich angemaßt haben, das Gesinde zu schinden und zu berauben, und so ist es zu diesem furchtbaren Unglück gekommen. Wenn Außenstehende davon erfahren — was bleibt dann vom Ansehen unserer Ahnen?" Und er befahl laut: „Ruft Kaufmann Kette[13], Lai Da und Lai Xing sofort zu mir!"
„Jawohl!" antworteten die Diener und wollten sie eben holen, als Kaufmann Ring eilig vortrat, Kaufmann Aufrecht am Rocksaum zupfte und auf die Knie fiel: „Vater braucht sich nicht zu erzürnen! Von dieser Angelegenheit weiß außer den Leuten in den Gemächern der gnädigen Frau niemand etwas. Ich habe von meiner Mutter gehört, dass ..." An dieser Stelle hielt er inne und blickte sich nach allen Seiten um.
Kaufmann Aufrecht verstand den Wink und warf den kleinen Dienern einen Blick zu. Gehorsam traten sie nach beiden Seiten zurück und entfernten sich.
Nun flüsterte Kaufmann Ring: „Meine Mutter hat mir erzählt, dass Bruder Schatzjade vorgestern in den Gemächern der gnädigen Frau die Magd Goldreif gepackt und versucht hat, sie zu schänden. Als es ihm nicht gelang, hat er sie verprügelt. Da hat Goldreif sich vor Verzweiflung in den Brunnen gestürzt."
Er hatte noch nicht ausgesprochen, da war Kaufmann Aufrechts Gesicht schon gelb wie Goldpapier geworden. „Bringt mir sofort Schatzjade!" brüllte er. Und während er bereits zur inneren Bibliothek schritt, rief er laut: „Wenn heute wieder jemand versucht, mich zurückzuhalten, dem übergebe ich meine Amtsmütze und meinen gesamten Besitz — er soll mit Schatzjade zusammen davon leben! Dann kann ich nicht umhin, ein Verbrecher zu werden! Ich schneide mir diese paar lästigen Haare ab [14], suche mir einen reinen Ort und beende mein Leben in Einsamkeit. Nur so erspare ich mir die Schande, die Ahnen zu entehren, indem ich einen ungehorsamen Sohn aufziehe!"
Seine zahlreichen Klienten und Diener sahen, in welchem Zustand er sich befand, und begriffen sofort, dass es wieder einmal Schatzjades wegen war. Einer nach dem anderen biss sich auf die Zunge oder presste sich den Finger an die Lippen, und alle zogen sich eilig zurück.
Schnaufend und steif aufgerichtet saß Kaufmann Aufrecht dann auf seinem Stuhl, das Gesicht tränennass, und rief in einem Atemzug: „Bringt mir Schatzjade! Bringt den schweren Stock! Bringt einen Strick und fesselt ihn! Schließt alle Tore! Wer eine Nachricht in die inneren Gemächer trägt, wird auf der Stelle totgeschlagen!"
Den Dienern blieb nichts anderes übrig, als mit einem einstimmigen „Jawohl!" zu antworten, und einige von ihnen machten sich auf die Suche nach Schatzjade.
Schatzjade hatte den Befehl seines Vaters, sich nicht von der Stelle zu rühren, schon als übles Vorzeichen gedeutet. Wie hätte er ahnen können, dass Kaufmann Ring noch so viel dazutun würde! Während er in der Halle wartete und sich verzweifelt umblickte, ob er nicht jemanden finden könnte, der eine Botschaft in die inneren Gemächer brächte, war wie zum Hohn niemand da — nicht einmal sein Diener Beiming[15] war aufzutreiben.
Gerade als er voller Sehnsucht Ausschau hielt, kam eine alte Dienerin aus den inneren Gemächern. Schatzjade war zumute, als hätte er einen kostbaren Schatz gefunden. Eilig trat er auf sie zu, fasste sie am Ärmel und sagte: „Geh schnell hinein und melde — der gnädige Herr will mich schlagen! Schnell, schnell! Es ist dringend, es ist dringend!"
Zum einen sprach Schatzjade vor lauter Aufregung die Worte nicht deutlich genug, zum anderen war die alte Frau obendrein schwerhörig und verstand nicht recht, was er sagte. Die Worte „yaojin" — „es ist dringend" — hörte sie als „tiaojing" — „in den Brunnen springen". So sagte sie lächelnd: „In den Brunnen springen? Lasst sie doch springen! Was fürchtet der junge Herr sich denn davor?"
Als Schatzjade merkte, dass er es mit einer Schwerhörigen zu tun hatte, bat er ungeduldig: „Dann geh wenigstens hinaus und ruf meine Diener!"
Die Alte erwiderte: „Was gibt es denn noch Unerlediges? Es ist doch alles längst erledigt. Die gnädige Frau hat Kleider geschenkt und auch Silber — was soll da noch fehlen?"
Schatzjade stampfte vor Verzweiflung mit dem Fuß auf. Er wusste nicht mehr, wohin er sich wenden sollte. Da kamen auch schon die Diener Kaufmann Aufrechts und drängten ihn hinaus.
Kaum erblickte Kaufmann Aufrecht ihn, da wurden seine Augen blutunterlaufen. Ohne sich die Zeit zu nehmen, ihn nach seinem Umgang mit Schauspielern und dem Tausch persönlicher Geschenke zu befragen, ohne ihn wegen der Vernachlässigung seiner Studien oder der Schändung der Dienstmagd seiner Mutter zur Rede zu stellen, befahl er nur mit donnernder Stimme: „Knebelt ihm den Mund! Schlagt ihn tot!"
Die Diener wagten nicht zu widersprechen. Sie drückten Schatzjade auf eine Bank nieder, hoben den schweren Stock und ließen ihn mehr als zehnmal niedersausen. Doch Kaufmann Aufrecht waren die Schläge noch zu leicht. Er stieß den Diener, der den Stock führte, mit einem Fußtritt beiseite, riss ihm den Stock aus der Hand und schlug mit zusammengebissenen Zähnen dreißig, vierzig Mal aus voller Kraft zu.
Seine Klienten sahen, dass die Sache einen schlimmen Verlauf nahm, und versuchten, ihn zurückzuhalten und zu beschwichtigen. Doch Kaufmann Aufrecht wollte nichts hören und rief: „Fragt ihn selbst, ob man verzeihen kann, was er getan hat! Ihr alle habt ihn so weit verdorben, und jetzt wollt ihr mich noch davon abhalten! Wollt ihr erst aufhören, wenn ihr ihn so weit gebracht habt, dass er seinen Kaiser ermordet und seinen Vater erschlägt?"
Diese heftigen Worte ließen die Klienten erkennen, dass Kaufmann Aufrecht vor Wut außer sich war. Sie zogen sich abermals zurück und wussten sich keinen anderen Rat, als jemanden zu suchen, der eine Nachricht in die inneren Gemächer brachte.
Frau Wang wagte es nicht, zunächst die Herzoginmutter[16] zu benachrichtigen. Sie warf sich nur eilig ihre Kleider über und stürzte heraus, ohne darauf zu achten, ob ihr jemand begegnete oder nicht. In heller Aufregung rannte sie zur Bibliothek, sodass die verdutzten Klienten und Diener gar nicht die Zeit fanden, sich zurückzuziehen.
Kaum trat Frau Wang ein, wirkte das auf Kaufmann Aufrecht wie Öl auf Feuer: Der Stock sauste noch heftiger und schneller nieder. Die beiden Diener, die Schatzjade festhielten, ließen ihn sofort los und traten beiseite. Doch Schatzjade konnte sich längst nicht mehr rühren.
Als Kaufmann Aufrecht weiter zuschlagen wollte, hatte Frau Wang den Stock bereits mit beiden Händen umklammert.
„Genug! Genug!" rief Kaufmann Aufrecht. „Willst du mich heute durch deinen Widerspruch zu Tode bringen?"
Frau Wang schluchzte: „Schatzjade hat die Schläge zwar verdient, aber auch Ihr müsst Euch schonen, Herr! Zumal bei dieser unerträglichen Sommerhitze auch die Herzoginmutter sich nicht recht wohl fühlt. Wenn Ihr Schatzjade totschlagt, ist das noch das Geringere — aber wenn die Herzoginmutter deswegen erkrankt, wäre das wahrhaft keine Kleinigkeit!"
Kaufmann Aufrecht lachte kalt: „Erinnere mich nicht daran! Dass ich einen solch missratenen Sohn in die Welt gesetzt habe, ist schon ein Verstoß gegen die Kindespflicht. Und will ich ihn einmal züchtigen, wird er von allen in Schutz genommen. Da ist es besser, ihn auf der Stelle zu erdrosseln und künftigem Unheil vorzubeugen!" Und er verlangte nach dem Strick, um Schatzjade zu erdrosseln.
Frau Wang klammerte sich sogleich an ihn und weinte: „Ihr tut gewiss recht daran, Euren Sohn zu erziehen, Herr, doch bedenkt auch unsere Verbindung als Gatten! Ich bin beinahe fünfzig Jahre alt und habe nur diesen einen missratenen Sohn. Wenn Ihr unbedingt ein strenges Exempel an ihm statuieren wollt, wage ich nicht, Euch zurückzuhalten. Doch wenn Ihr ihn heute umbringen wollt, so ist das nichts anderes als die Absicht, mich zu vernichten! Wollt Ihr ihn erdrosseln, so nehmt lieber gleich den Strick und erdrosselt zuerst mich und dann ihn. Mutter und Sohn werden es nicht wagen, Euch zu grollen, und in der Unterwelt haben wir wenigstens einander als Stütze!" Nach diesen Worten warf sie sich über Schatzjade und brach in haltloses Weinen aus.
Kaufmann Aufrecht konnte nicht umhin, einen tiefen Seufzer auszustoßen. Er ließ sich in seinen Stuhl sinken, und die Tränen liefen ihm wie Regen über das Gesicht.
Frau Wang hielt Schatzjade im Arm und sah, dass sein Gesicht weiß war und sein Atem kaum noch ging. Darunter trug er nur eine dünne Sommerhose aus grüner Seidengaze, die ganz von Blut durchtränkt war. Sie konnte nicht umhin, die Leibbinde zu lösen und nachzusehen. Vom Gesäß bis zu den Unterschenkeln war alles blau und violett geschlagen, teils noch unversehrt, teils schon aufgeplatzt — keine einzige heile Stelle war zu finden. Laut schreiend brach sie in Tränen aus: „Mein armes Kind!"
Das Wort „armes Kind" erinnerte sie plötzlich an Jia Zhu[17], und unter Tränen rief sie seinen Namen: „Wenn nur du noch am Leben wärst! Dann könnten meinethalben hundert andere sterben!"
Inzwischen hatte man in den inneren Gemächern erfahren, dass Frau Wang hinausgegangen war. Li Wan[18], Phönixglanz[19] sowie Yingchun[20] und ihre Schwestern waren längst herbeigeeilt. Als Frau Wang nun Jia Zhus Namen rief, mochten die anderen es noch ertragen — doch Li Wan [21] konnte sich nicht mehr halten und brach ebenfalls laut weinend zusammen. Als Kaufmann Aufrecht das hörte, rollten ihm die Tränen nur so herab wie reife Früchte vom Baum.
Mitten in dieses Durcheinander platzte eine Magd mit den Worten: „Die Herzoginmutter kommt!"
Der Satz war noch nicht verklungen, da hörte man vor dem Fenster schon die zitternde Stimme der Herzoginmutter: „Dann schlag doch erst mich tot und dann ihn — wäre das nicht sauber erledigt?"
Als Kaufmann Aufrecht hörte, dass seine Mutter kam, durchfuhr ihn Angst und Reue zugleich. Eilig ging er ihr entgegen und sah, wie sie, auf die Arme ihrer Mägde gestützt, keuchend herangewankt kam. Er trat vor sie hin, verneigte sich und sagte mit besänftigender Miene: „Bei dieser schrecklichen Hitze — warum kommt Ihr selbst herüber, Mutter? Warum regt Ihr Euch auf? Ihr hättet nur Euren Sohn zu Euch rufen und ihm Eure Befehle erteilen sollen."
Die Herzoginmutter blieb stehen und rang einen Moment nach Atem. Dann stieß sie mit scharfer Stimme hervor: „So, du willst also mit mir reden! Ja, ich habe durchaus etwas zu befehlen — nur leider habe ich in meinem ganzen Leben keinen einzigen ordentlichen Sohn hervorgebracht. Wem soll ich also meine Befehle erteilen?"
Kaufmann Aufrecht hörte, wie ernst diese Worte gemeint waren, und sank rasch auf die Knie. Unter Tränen sagte er: „Wenn Euer Sohn seinen Sohn züchtigt, so geschieht es zum Ruhm unserer Ahnen. Wie soll ich Eure Worte ertragen, Mutter?"
Die Herzoginmutter spuckte verachtungsvoll aus und erwiderte: „Wenn ich ein paar Worte sage, kannst du es schon nicht ertragen — aber Schatzjade soll es ertragen, wenn du mit tödlicher Gewalt auf ihn einschlägst? Du sagst, du züchtigst deinen Sohn zum Ruhm der Ahnen — aber wie hat dein Vater seinerzeit dich erzogen?" Während sie das sagte, rollten ihr unwillkürlich die Tränen über die Wangen.
Kaufmann Aufrecht zwang sich zu einem Lächeln und sagte beschwichtigend: „Ihr müsst Euch nicht bekümmern, Mutter. Es war nur eine vorübergehende Aufwallung. Von nun an werde ich ihn nicht mehr schlagen."
Die Herzoginmutter lächelte kalt: „Du brauchst mir gegenüber auch nicht den Beleidigten zu spielen! Was kümmert mich, ob du deinen Sohn schlägst oder nicht! Ich vermute ohnehin, dass dir Mutter und Kinder zur Last geworden sind. Am besten gehen wir dir so bald wie möglich aus dem Weg — dann hat jeder seine Ruhe!" Und sie befahl: „Schaut nach Sänften und Pferden! Ich fahre auf der Stelle mit der gnädigen Frau und Schatzjade nach Nanjing zurück!"
Das Gesinde konnte nur pflichtschuldig antworten: „Jawohl!"
Dann wandte sich die Herzoginmutter an Frau Wang: „Du musst nicht mehr weinen. Jetzt ist Schatzjade noch klein, und du liebst ihn. Aber wenn er erst groß geworden ist und einmal ein hoher Beamter wird, wird er sich vielleicht gar nicht mehr daran erinnern, dass du seine Mutter bist. Wenn du ihn schon jetzt nicht mehr liebst, ersparst du dir in Zukunft manchen Kummer."
Kaufmann Aufrecht hörte das, warf sich auf die Knie und schlug mit der Stirn auf den Boden: „Wenn Ihr so etwas sagt, Mutter, weiß ich nicht mehr, wo ich mich hinstellen soll!"
Die Herzoginmutter lächelte kalt: „Du bist es, der mir keinen Platz zum Stehen lässt, und dann beklagst du dich! Wenn wir erst fort sind, hast du deine Ruhe, und niemand wird dich hindern, wen auch immer zu verprügeln." Und abermals befahl sie: „Beeilt euch mit dem Packen! Wagen und Sänften bereit! Wir fahren!"
Da warf sich Kaufmann Aufrecht unter heftigen Stirnaufschlägen vor ihr zu Boden und flehte um Vergebung, indem er seine Schuld bekannte.
Die Herzoginmutter aber machte sich Sorgen um Schatzjade. Eilig trat sie ins Zimmer und sah, dass die Züchtigung diesmal bei weitem schlimmer war als alle früheren. Schmerz und Zorn durchfuhren sie zugleich. Sie nahm ihn in die Arme und weinte haltlos. Erst als Frau Wang, Phönixglanz und die anderen ihr eine ganze Weile gut zugesprochen hatten, beruhigte sie sich allmählich.
Sogleich traten Mägde und Dienerinnen heran und wollten Schatzjade aufhelfen. Phönixglanz aber schalt sie: „Ihr dummen Dinger! Macht doch die Augen auf und seht, wie er zugerichtet ist! Und ihr wollt ihn aufstehen lassen! Holt lieber schnell die Korbliege von drinnen!"
Die Dienerinnen eilten sofort hinein und brachten tatsächlich die Korbliege. Man legte Schatzjade darauf und trug ihn im Gefolge der Herzoginmutter und Frau Wangs in die Gemächer der Herzoginmutter.
Kaufmann Aufrecht sah, dass der Zorn seiner Mutter noch nicht verraucht war, und wagte es nicht, sich eigenmächtig zu entfernen. So folgte er ihnen ebenfalls hinein. Er betrachtete Schatzjade und musste erkennen, dass er ihn diesmal tatsächlich zu hart geschlagen hatte. Dann hörte er, wie Frau Wang abwechselnd „mein Junge!" und „mein Liebling!" rief und klagte: „Warum konntest du nicht an Zhus Stelle jung sterben, damit er am Leben bliebe und dein Vater sich nicht aufregen müsste? Dann hätte ich mir nicht ein halbes Leben lang vergeblich Sorgen gemacht! Wenn dir jetzt etwas zustößt und du mich verlässt — auf wen soll ich mich dann stützen?" Dann wieder nannte sie ihn schluchzend: „Mein armer, armer Sohn, der nicht für sich einstehen kann!"
Als Kaufmann Aufrecht das hörte, überwältigte ihn die Reue, und er verfluchte sich selbst, den Stock so unbarmherzig geschwungen zu haben.
Er versuchte, die Herzoginmutter zu trösten, doch sie fuhr ihn unter Tränen an: „Geh hinaus! Was willst du noch hier? Reicht es dir immer noch nicht? Willst du mit eigenen Augen zusehen, wie er stirbt, bevor du dich davonmachst?" Da zog sich Kaufmann Aufrecht zurück.
Inzwischen waren auch Tante Schnee[22] mit Schatzspange und Xiangling[23] sowie Dufthauch[24] und Wolkenschwinge[25] herbeigeilt. Dufthauch war tief gekränkt, doch wagte sie es nicht, ihre Gefühle offen zu zeigen. Als sie sah, wie sich alle um Schatzjade scharten — die einen gossen ihm Wasser ein, die anderen fächelten ihm Luft zu –, konnte sie sich nirgends nützlich machen. So ging sie kurz entschlossen hinaus bis zum inneren Tor und ließ durch die Diener Beiming herbeirufen, um ihn eingehend zu befragen: „Eben war doch noch alles in Ordnung — warum hat er plötzlich Schläge bekommen? Und warum hast du uns nicht rechtzeitig gewarnt?"
Beiming antwortete aufgeregt: „Ich war gerade nicht in der Nähe und habe erst davon erfahren, als die Züchtigung schon in vollem Gange war. Ich habe mich sogleich nach den Gründen erkundigt — es ging um die Sache mit Qiguan und um Goldreif."
„Wie hat der gnädige Herr davon erfahren?" fragte Dufthauch.
„Die Sache mit Qiguan," erklärte Beiming, „geht höchstwahrscheinlich auf den jungen Herrn Xue[26] zurück, der schon lange eifersüchtig war und seinen Ärger nirgends loswerden konnte. Wer weiß, wen er draußen dazu angestiftet hat, beim gnädigen Herrn die Flamme zu entfachen! Was Goldreif betrifft, so hat der Dritte Herr[27] davon erzählt — das habe ich von den Leuten des gnädigen Herrn gehört."
Da beides sehr einleuchtend klang und mit den Tatsachen übereinstimmte, war Dufthauch zu acht, neun Zehnteln davon überzeugt.
Als sie zurückkam, waren alle mit der Behandlung von Schatzjades Wunden beschäftigt. Nachdem alles versorgt war, befahl die Herzoginmutter: „Tragt ihn vorsichtig in seine Gemächer!"
Alle antworteten: „Jawohl!", und mit vereinten Kräften trugen sie Schatzjade in den Hof der Freude am Roten[28] und legten ihn behutsam auf sein Bett. Es verging noch eine ganze Weile, bis sich die Aufregung legte und sich die Anwesenden allmählich zurückzogen.
Erst jetzt trat Dufthauch an sein Bett, versorgte ihn mit aller Sorgfalt und erkundigte sich, wie es im Einzelnen zu dem Geschehenen gekommen war.
Doch davon wird im nächsten Kapitel erzählt.
Anmerkungen
- ↑ 王夫人
- ↑ 金钏
- ↑ 宝玉
- ↑ 贾雨村
- ↑ 宝钗
- ↑ 贾政
- ↑ 忠顺亲王
- ↑ 琪官
- ↑ Qiguan, wörtl. ‚Jadebeamter', ist der Bühnenkünstler Jiang Yuhan (蒋玉菡), vgl. Kap. 28.
- ↑ Das rote Schweißtuch war ein Freundschaftsgeschenk, das Schatzjade und Qiguan in Kap. 28 getauscht hatten.
- ↑ 紫檀堡
- ↑ 贾环
- ↑ 贾琏
- ↑ Wörtl. ‚Sorgenhaare an den Schläfen' — d.h. er will buddhistischer Mönch werden
- ↑ 焙茗
- ↑ 贾母
- ↑ 贾珠, den verstorbenen ältesten Sohn
- ↑ 李纨
- ↑ 王熙凤
- ↑ 迎春
- ↑ Jia Zhus junge Witwe
- ↑ 薛姨妈
- ↑ 香菱
- ↑ 袭人
- ↑ 史湘云
- ↑ 薛蟠, Xue Pan
- ↑ 贾环, Kaufmann Ring
- ↑ 怡红院