Hongloumeng/de/Chapter 83
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Dreiundachtzigstes Kapitel
Ein Besuch im Palast: Die Kaiserliche Gemahlin Jia[1] liegt krank darnieder, Aufruhr in der Frauenkammer: Schatzspange schluckt stumm ihre Tränen
Wie berichtet, wollten Spürfrühling[2] [探春] und Wolke vom Xiang-Fluss[3] [湘云] gerade aufbrechen, als sie draußen jemanden schimpfen hörten: „Du nichtsnutziges Balg! Was bist du für ein Ding, dass du dich hier im Garten herumtreibst!" Kajaljade[4] [黛玉] rief laut: „Hier kann man nicht mehr wohnen!" — mit einer Hand zum Fenster deutend, verdrehten sich ihre Augen nach oben. Denn obwohl Kajaljade im Großen Garten der Betrachtung unter dem Schutz der Alten Ahnin lebte, war sie doch in Gegenwart anderer stets auf der Hut. Als sie nun die alte Dienerin draußen so fluchen hörte, hätte es bei anderen Menschen nichts zu bedeuten gehabt, doch Kajaljade bezog es gänzlich auf sich. Sie dachte: „Ein Mädchen aus vornehmem Haus — nur weil es keine Eltern mehr hat, schickt irgendwer diese Alte, um so zu schmähen!" Die Kränkung zerriss ihr Herz, und sie fiel in Ohnmacht. Purpurkuckuck[5] [紫鹃] rief unter Tränen: „Fräulein, was ist mit Euch? Wacht doch auf!" Auch Spürfrühling rief eine Weile. Erst nach langer Zeit kam Kajaljade wieder zu Atem, doch sprechen konnte sie noch nicht; ihre Hand wies immer noch zum Fenster hinaus.
Spürfrühling verstand, öffnete die Tür und trat hinaus. Sie sah, wie die alte Dienerin, einen Knotenstock in der Hand, ein schmutziges Mädchen vor sich hertrieb: „Ich bin hier, um die Blumen und Bäume im Garten zu beaufsichtigen — was hast du hier zu suchen? Wart nur, zu Hause werde ich dir eine Lektion erteilen!" Das Mädchen drehte den Kopf zur Seite, steckte den Finger in den Mund und grinste die Alte an. Spürfrühling schalt: „Ihr Leute werdet immer frecher! Ist dies ein Ort zum Schimpfen?" Die Alte sah, dass es Spürfrühling war, und sagte eilig mit unterwürfigem Lächeln: „Das war meine Enkelin — als sie mich kommen sah, lief sie mir nach. Ich wollte sie nur verjagen, ich würde doch hier nicht fluchen!" Spürfrühling rief: „Genug der Worte, verschwindet sofort! Das Fräulein Lin ist nicht wohl — macht, dass ihr fortkommt!" Die Alte gehorchte mit mehrfachem „Jawohl" und trollte sich; auch das Mädchen rannte davon.
Spürfrühling kehrte zurück und fand Wolke vom Xiang-Fluss, die Kajaljades Hand hielt und weinte. Purpurkuckuck stützte Kajaljade mit einem Arm und rieb ihr mit der anderen Hand die Brust. Kajaljades Augen drehten sich allmählich zurück. Spürfrühling sagte lächelnd: „Du hast wohl die Worte der alten Frau gehört und dir etwas eingebildet?" Kajaljade schüttelte nur den Kopf. Spürfrühling fuhr fort: „Sie hat ihre Enkelin gescholten — auch ich habe es gehört. Solche Leute reden ohne jede Rücksicht; was verstehen die von Feingefühl?" Kajaljade seufzte, fasste Spürfrühlings Hand und rief: „Schwester …" — doch weiter sagte sie nichts. Spürfrühling sprach: „Nimm dir das nicht zu Herzen. Dass ich dich besuche, gehört sich unter Schwestern, zumal du wenig Bedienung hast. Wenn du nur ruhig deine Arznei nimmst und an Erfreuliches denkst und Tag für Tag wieder zu Kräften kommst — dann können wir wieder eine Dichtgesellschaft gründen und Verse schmieden, wäre das nicht schön?" Wolke vom Xiang-Fluss stimmte zu: „Genau, wie die Dritte Schwester sagt — warum sollte man sich nicht darüber freuen?" Kajaljade schluchzte: „Ihr wollt nur, dass ich fröhlich bin — aber mir armen ist solche Freude nicht mehr vergönnt. Ich fürchte, es wird nicht mehr reichen." Spürfrühling sagte: „Das sagst du zu hart. Wer wird nicht einmal krank? Wie kommst du nur auf solche Gedanken? Ruh dich gut aus, wir gehen zur Alten Ahnin und kommen später wieder nach dir sehen. Wenn du etwas brauchst, lass es Purpurkuckuck mir ausrichten." Kajaljade sagte unter Tränen: „Liebe Schwester, wenn du zur Alten Ahnin gehst, sag nur, ich lasse grüßen, mir sei etwas unwohl — es sei nichts Ernstes, die Alte Ahnin brauche sich keine Sorgen zu machen." Spürfrühling bejahte: „Ich weiß, ruh dich nur aus." Damit gingen sie und Wolke vom Xiang-Fluss hinaus.
Purpurkuckuck stützte Kajaljade beim Hinlegen. Xueyan besorgte alles Nötige; Purpurkuckuck selbst wachte an ihrer Seite, blickte auf Kajaljade, und ihr Herz tat weh, doch sie wagte nicht zu weinen. Kajaljade lag mit geschlossenen Augen da, fand aber keinen Schlaf. Sonst empfand sie den Garten als still und einsam — jetzt, da sie im Bett lag, hörte sie plötzlich überall Wind, Insektenzirpen, Vogelstimmen, Schritte und aus der Ferne das Weinen von Kindern. Alles zusammen machte sie nervös. Sie rief: „Lass den Bettvorhang herab."
Xueyan brachte eine Schale Schwalbennestersuppе und reichte sie Purpurkuckuck. Purpurkuckuck fragte leise durch den Vorhang: „Fräulein, trinkt einen Schluck Suppe." Kajaljade machte nur ein leises Geräusch der Zustimmung. Purpurkuckuck gab die Schale an Xueyan zurück, half Kajaljade beim Aufsetzen, nahm die Schale zurück, prüfte die Temperatur an den Lippen; mit einem Arm stützte sie Kajaljades Schultern, mit der anderen Hand führte sie die Schale an deren Lippen. Kajaljade öffnete leicht die Augen, trank zwei, drei Schlucke und schüttelte den Kopf — sie mochte nicht mehr. Purpurkuckuck gab die Schale Xueyan zurück und half Kajaljade behutsam, sich wieder hinzulegen.
Nach einer Weile der Stille kam etwas Ruhe auf. Dann hörte man vor dem Fenster eine leise Stimme fragen: „Ist die Schwester Purpurkuckuck zu Hause?" Xueyan eilte hinaus und sah, dass es Dufthauch[6] [袭人] war. Sie flüsterte: „Komm herein, Schwester." Dufthauch flüsterte ebenfalls: „Wie geht es dem Fräulein?" Auf dem Weg berichtete Xueyan von den Geschehnissen der Nacht und des Morgens. Dufthauch erschrak und sagte: „Kein Wunder! Eben kam Cuilü zu uns und erzählte, das Fräulein sei krank. Der Zweite Herr Bao hat mich sofort geschickt, nachzusehen."
Gerade sprachen sie noch, als Purpurkuckuck den Vorhang des inneren Gemachs hob und nach draußen spähte. Als sie Dufthauch sah, winkte sie sie herbei. Dufthauch trat leise ein und fragte: „Schläft das Fräulein?" Purpurkuckuck nickte und fragte: „Hast du eben alles gehört, Schwester?" Dufthauch nickte ebenfalls und sagte mit gerunzelter Stirn: „Was soll nur daraus werden? Auch jener hat mich gestern Nacht halb zu Tode erschreckt." Purpurkuckuck fragte hastig: „Was war denn?" Dufthauch erzählte: „Gestern Abend ging er noch völlig gesund schlafen, doch mitten in der Nacht schrie er plötzlich auf, er habe Herzschmerzen. Er redete wirres Zeug und sagte, es fühle sich an, als werde sein Herz mit einem Messer herausgeschnitten — das ging so bis nach dem Vierten Nachtwachenschlag. Ist das nicht erschreckend? Heute kann er nicht in die Schule; es soll noch ein Arzt kommen."
Gerade sprachen sie, als Kajaljade hinter dem Vorhang erneut zu husten begann. Purpurkuckuck eilte herbei und hielt die Spuckschale. Kajaljade öffnete matt die Augen und fragte: „Mit wem sprichst du?" Purpurkuckuck antwortete: „Die Schwester Dufthauch ist gekommen, nach dem Fräulein zu sehen." Dufthauch trat ans Bett. Kajaljade ließ sich von Purpurkuckuck aufrichten und deutete auf den Bettrand, damit Dufthauch Platz nehme. Dufthauch setzte sich seitwärts und drängte lächelnd: „Fräulein, bleibt lieber liegen." Kajaljade sagte: „Das macht nichts. Macht mir doch bitte nicht solch ein Aufheben. Vorhin war die Rede davon, dass jemand mitten in der Nacht Herzschmerzen bekam — wer war das?" Dufthauch antwortete: „Der Zweite Herr Bao hatte nur einen Albtraum, es war nichts Ernstes." Kajaljade verstand, dass Dufthauch fürchtete, sie würde sich Sorgen machen, und war ihr zugleich dankbar und traurig. Sie fragte beiläufig: „Wenn es ein Albtraum war — hat er denn sonst nichts gesagt?" Dufthauch sagte: „Nein, nichts." Kajaljade nickte, schwieg lange, seufzte und sagte dann: „Sagt dem Zweiten Herrn Bao nicht, dass es mir schlecht geht — sonst stört es seinen Unterricht und macht den Herrn Vater zornig." Dufthauch bejahte und ermahnte nochmals: „Fräulein, legt Euch hin und ruht Euch aus." Kajaljade nickte und ließ sich von Purpurkuckuck stützen.
Dufthauch saß noch eine Weile daneben und sprach einige tröstende Worte, dann verabschiedete sie sich. Im Yihong-Hof sagte sie nur, das Fräulein fühle sich ein wenig unwohl, es sei aber nichts Ernstes. Erst da beruhigte sich Schatzjade[7] [宝玉].
Spürfrühling und Wolke vom Xiang-Fluss gingen inzwischen aus dem Xiaoxiang-Pavillon geradewegs zur Alten Ahnin. Spürfrühling ermahnte Wolke vom Xiang-Fluss unterwegs: „Schwester, wenn wir gleich die Alte Ahnin sehen, sei nicht wieder so unbesonnen wie vorhin." Wolke vom Xiang-Fluss nickte lachend: „Ich weiß. Vorhin war ich so erschrocken, dass ich den Kopf verlor." Damit waren sie bei der Alten Ahnin. Spürfrühling erwähnte Kajaljades Krankheit. Die Alte Ahnin wurde unruhig und sagte: „Diese beiden Jade-Kinder machen immer Ärger mit Krankheiten! Das Mädchen Lin wird auch älter — auf ihren Körper muss man achtgeben. Ich finde, das Kind nimmt sich alles zu sehr zu Herzen." Niemand wagte zu antworten. Die Alte Ahnin wies Mandarinenente[8] [鸳鸯] an: „Sag ihnen: Wenn morgen der Arzt kommt, um Schatzjade zu untersuchen, soll er anschließend auch das Fräulein Lin besuchen." Mandarinenente bejahte und übermittelte die Botschaft den Dienerinnen, die ihrerseits die Nachricht weitergaben. Spürfrühling und Wolke vom Xiang-Fluss aßen mit der Alten Ahnin zu Abend und kehrten dann gemeinsam in den Garten zurück.
Am nächsten Tag kam der Arzt, untersuchte Schatzjade und befand, es sei nichts als eine Verdauungsstörung mit leichter Erkältung — nicht weiter schlimm; einige schweißtreibende Mittel, und es werde sich geben. Wang Furen und Feng Jie schickten jemanden mit dem Rezept zur Alten Ahnin, und gleichzeitig wurde dem Xiaoxiang-Pavillon mitgeteilt, der Arzt komme gleich. Purpurkuckuck bejahte und deckte Kajaljade eilig zu, ließ den Bettvorhang herab; Xueyan räumte hastig das Zimmer auf.
Bald kam Kaufmann Jadeschale[9] [贾琏] mit dem Arzt herein und sagte: „Dieser Herr Doktor kommt öfter — die Fräulein brauchen sich nicht zurückzuziehen." Die alten Dienerinnen hoben den Vorhang, Kaufmann Jadeschale ließ dem Arzt den Vortritt, und sie nahmen im Zimmer Platz. Kaufmann Jadeschale sagte: „Schwester Purpurkuckuck, schildere dem Herrn Doktor Wang zunächst den Krankheitsverlauf des Fräuleins." Der Arzt Wang sagte: „Warten wir erst. Lasst mich den Puls fühlen, dann sage ich, was ich gefunden habe. Wenn etwas nicht stimmt, können die Schwestern mich korrigieren." Purpurkuckuck schob durch den Vorhang Kajaljades eine Hand auf das Pulskissen heraus und streifte behutsam Armreif und Ärmel zurück, damit der Puls nicht gestört werde.
Doktor Wang fühlte lange den Puls, ließ auch die andere Hand reichen und trat dann mit Kaufmann Jadeschale ins Vorzimmer. Er verbeugte sich vor Kaufmann Jadeschale und sagte: „Alle sechs Pulse sind gespannt — die Ursache liegt in lang angestauter innerer Bedrückung." Purpurkuckuck kam ebenfalls heraus und stellte sich an die Tür des inneren Gemachs. Doktor Wang wandte sich an sie: „Die Patientin dürfte häufig an Schwindel leiden, wenig Appetit haben und viel träumen. Gegen fünf Uhr morgens wacht sie gewiss mehrfach auf. Auch wenn sie tagsüber etwas hört, das sie nichts angeht, regt sie sich darüber auf; dazu kommen Argwohn und Ängstlichkeit. Wer sie nicht kennt, hält ihr Wesen vielleicht für launisch, aber in Wirklichkeit liegt es an der Erschöpfung des Leber-Yin und dem Verfall der Herz-Energie — alles Auswirkungen dieser Krankheit. Stimmt das?" Purpurkuckuck nickte und sagte zu Kaufmann Jadeschale: „Er hat es genau getroffen." Der Arzt sagte: „Wenn dem so ist, dann ist es klar."
Damit stand er auf und ging mit Kaufmann Jadeschale in das äußere Arbeitszimmer, um das Rezept zu schreiben. Die Diener hatten bereits ein Blatt korallenrotes Briefpapier vorbereitet. Doktor Wang trank seinen Tee und schrieb dann mit dem Pinsel:
„Alle sechs Pulse sind gespannt und langsam, verursacht durch lang angestaute Bedrückung. Der linke Cun-Puls ist kraftlos — die Herz-Energie ist bereits erschöpft. Der Guan-Puls allein ist stark — Leber-Feuer dominiert. Da das Holz-Qi nicht freien Lauf hat, wird es unausweichlich die Milz-Erde angreifen: der Appetit schwindet. Im äußersten Fall obsiegt es über die Lunge — das Lungen-Metall erleidet unweigerlich Schaden. Wenn das Qi nicht die Essenz bewegt, verdichtet sie sich zu Schleim; das Blut folgt dem aufsteigenden Qi — so kommt es zum Bluthusten. Die angemessene Behandlung ist: Leber befreien, Lunge schützen, Herz und Milz nähren. Obgleich stärkende Mittel nötig sind, können sie nicht überstürzt angewendet werden. Vorläufig verordne ich die ‚Schwarze Xiaoyao-Formel' als Einstieg, gefolgt von der ‚Guifei Guijin-Formel' zur Fortsetzung. Mit aller Bescheidenheit unterbreite ich dies der Beurteilung höherer Sachverständiger."
Darunter notierte er sieben Bestandteile nebst Zubereitungshinweisen.
Kaufmann Jadeschale nahm das Rezept und fragte: „Bei Blutstau und Blutandrang — darf man Chaihu verwenden?" Doktor Wang lachte: „Der Zweite Herr weiß, dass Chaihu ein aufsteigendes Mittel ist und bei Blutungen als kontraindiziert gilt. Doch wenn man es in Schildkrötenblut anbrät, ist Chaihu unentbehrlich, um das Qi der Leber und Gallenblase zu entfalten. Das Schildkrötenblut verhindert das Aufsteigen und nährt zugleich das Leber-Yin und unterdrückt das Feuer. Deshalb heißt es im ‚Inneren Klassiker': ‚Durchlässiges mit Durchlässigem behandeln, Verstopftes mit Verstopftem behandeln.' Chaihu in Schildkrötenblut gewendet — das ist die Methode, den Feldherrn Zhou Bo zu gebrauchen, um die Dynastie Liu zu sichern." Kaufmann Jadeschale nickte: „So ist das also — nun verstehe ich." Doktor Wang fügte hinzu: „Zunächst zwei Dosen, dann wird angepasst oder eine neue Formel verschrieben. Ich habe noch eine Kleinigkeit zu erledigen und kann nicht lange bleiben; ich komme ein andermal wieder zur Visite." Kaufmann Jadeschale begleitete ihn hinaus und fragte: „Und die Arznei für meinen Bruder?" Der Arzt sagte: „Beim Zweiten Herrn Bao ist es nichts Ernstes, noch eine Dosis, und er ist wohlauf." Damit stieg er in die Kutsche und fuhr davon.
Kaufmann Jadeschale ließ die Arznei besorgen und ging zu Feng Jie, um ihr Kajaljades Diagnose und das Rezept zu berichten. Da kam Zhou Ruis Frau und trug einige unwichtige Angelegenheiten vor. Kaufmann Jadeschale hörte die Hälfte und sagte: „Berichte das der Zweiten Herrin — ich habe noch zu tun." Damit ging er.
Als Zhou Ruis Frau mit ihrem Bericht fertig war, sagte sie: „Ich war vorhin beim Fräulein Lin. So wie die aussieht, geht es ihr wirklich schlecht: kein Tropfen Farbe im Gesicht, nur noch Haut und Knochen. Ich fragte sie, aber sie sagte nichts und weinte nur. Dann hat mir Purpurkuckuck im Vertrauen gesagt: ‚Das Fräulein ist jetzt krank; wenn sie etwas braucht, will sie selbst nicht bitten. Ich möchte bei der Zweiten Herrin vorschüssig ein oder zwei Monatslöhne abholen: Die Arznei wird zwar aus dem Gemeinschaftsfonds bezahlt, aber für Kleinigkeiten braucht man auch Bargeld.' Das habe ich ihr zugesagt und komme nun in ihrem Auftrag zur Herrin."
Feng Jie senkte lange den Kopf und sagte dann: „So machen wir es: Ich schenke ihr ein paar Tael Silber. Aber sag dem Fräulein Lin nichts davon. Die Monatslöhne vorschüssig auszuzahlen geht nicht: Wenn eine damit anfängt, wollen es alle — das ginge doch nicht! Erinnerst du dich noch, wie die Tante Zhao und das Dritte Fräulein sich wegen der Monatslöhne stritten? Außerdem, wie du selbst weißt: Es geht mehr hinaus als hereinkommt, das Geld reicht hinten und vorne nicht. Wer es nicht weiß, meint, ich wirtschafte schlecht; und dann gibt es noch die Sorte, die behauptet, ich schleppe alles zu meiner Herkunftsfamilie. Schwester Zhou, du hast doch selbst die Bücher in der Hand — davon wirst du wohl etwas wissen."
Zhou Ruis Frau sagte: „Das ist wahrhaftig zum Verzweifeln! Bei einem solchen Haushalt — außer unserer Herrin mit ihrem Geschick könnte das niemand führen. Nicht nur eine Frau brächte das nicht fertig — selbst ein Mann mit drei Köpfen und sechs Armen käme nicht zurecht. Und dann noch solch dummes Geschwätz!" Dann lachte sie und fuhr fort: „Und das ist noch nicht alles! Draußen reden die Leute noch größeren Unsinn. Neulich kam Zhou Rui nach Hause und erzählte, was die Leute auf der Straße sagen. Die bilden sich ein, unser Haus schwimme in Gold: ‚Das Haus Jia hat mehrere Schatzkammern voller Silber und Gold, und alles Geschirr ist mit Gold eingelegt und Jade besetzt.' Andere sagen: ‚Die Tochter ist Kaiserliche Gemahlin, natürlich bekommt die Familie die Hälfte der kaiserlichen Schätze. Als die Gemahlin zum Heimatbesuch kam, brachte sie wagenweise Gold und Silber mit — deshalb ist das Haus eingerichtet wie ein Kristallpalast. Als sie im Tempel ein Gelübde einlösten, gaben sie Zigtausende Tael aus — das war wie ein Haar vom Ochsen!' Wieder andere behaupten: ‚Die Löwen vor dem Tor sind wahrscheinlich aus Jade! Im Garten stand ein goldener Qilin — einen haben sie gestohlen, jetzt ist nur noch einer übrig. Die Frauen und Fräulein im Haus, gar nicht zu reden, aber selbst die Mägde rühren keinen Finger: Sie trinken Wein, spielen Schach, spielen Laute und malen — es gibt ja genug Bedienstete. Sie tragen nur Seide und Brokat und essen und tragen lauter Dinge, die gewöhnliche Leute nicht kennen. Und die jungen Herren und Fräulein — wenn sie den Mond am Himmel wollen, steigt jemand hinauf und holt ihn.' Es gibt sogar ein Lied: ‚Haus Ningguo, Haus Rongguo, Gold und Silber wie Kehricht. Aufessen kann man's nicht, auftragen nicht — rechnet man zusammen …'" Bei diesen Worten stockte sie plötzlich. Denn im Lied hieß es: „rechnet man zusammen, ist alles nur leerer Schein." Zhou Ruis Frau hatte sich verplappert und brach erschrocken ab.
Feng Jie hatte es bereits verstanden — es musste ein ungünstiger Vers sein — und fragte nicht weiter nach. Sie sagte nur: „Das alles ist nicht so wichtig. Aber woher kommt die Sache mit dem goldenen Qilin?" Zhou Ruis Frau lachte: „Das ist der kleine goldene Qilin, den der Taoistenpriester im Tempel dem Zweiten Herrn Bao schenkte. Er ging verloren, und das Fräulein Shi fand ihn und gab ihn zurück — und daraus wurde dieses Gerücht. Ist das nicht zum Lachen?" Feng Jie sagte: „Das ist nicht zum Lachen, das ist zum Fürchten. Uns geht es von Tag zu Tag schlechter, und nach außen hin prangt es so. Wie das Sprichwort sagt: ‚Menschen fürchten den Ruhm wie Schweine die Mast.' Und es ist ja nur leerer Ruhm — wer weiß, was daraus noch wird!" Zhou Ruis Frau sagte: „Die Herrin hat recht. Nur — in der ganzen Stadt, in jedem Teehaus, jeder Schenke und jeder Gasse redet man so, und das nicht erst seit gestern. Wie will man allen Leuten den Mund stopfen?"
Feng Jie nickte nachdenklich, ließ dann Friedchen[10] ein paar Tael Silber abwiegen und gab sie Zhou Ruis Frau: „Bring das Purpurkuckuck und sag nur, ich schicke es ihr zum Einkaufen. Wenn sie etwas aus dem Gemeinschaftsfonds braucht, soll sie sich nehmen, aber sprich nicht von Monatlohn-Vorschuss. Sie ist ein kluges Mädchen und wird verstehen. Wenn ich Zeit habe, komme ich selbst nach dem Fräulein sehen." Zhou Ruis Frau nahm das Silber und ging.
Inzwischen war Kaufmann Jadeschale hinausgegangen. Ein Diener kam ihm entgegen und meldete: „Der Ältere Herr lässt den Zweiten Herrn rufen." Kaufmann Jadeschale eilte zu Kaufmann Begnadigung [贾赦]. Kaufmann Begnadigung sagte: „Ich habe eben gehört, dass im Palast ein Kaiserlicher Arzt und zwei Assistenten zu einer Patientin gerufen wurden — das dürfte keine gewöhnliche Hofdame sein. Gibt es in den letzten Tagen Nachrichten aus dem Palast der Gemahlin?" Kaufmann Jadeschale verneinte. Kaufmann Begnadigung sagte: „Erkundige dich beim Zweiten Herrn und bei deinem Cousin Zhen. Oder schicke jemanden zur Kaiserlichen Akademie, um Näheres zu erfahren." Kaufmann Jadeschale bejahte, schickte Boten zur Akademie und eilte zu Kaufmann Aufrecht[11] [贾政] und Kaufmann Schein-Echt[12] [贾珍]. Kaufmann Aufrecht fragte: „Woher stammt das Gerücht?" Kaufmann Jadeschale antwortete: „Der Ältere Herr hat es eben erzählt." Kaufmann Aufrecht sagte: „Geh am besten mit Cousin Zhen und erkundige dich genauer." Kaufmann Jadeschale sagte: „Ich habe schon jemanden zur Kaiserlichen Akademie geschickt." Damit zog er sich zurück und traf Kaufmann Schein-Echt, der ihm bereits entgegenkam und denselben Bericht brachte. Beide gingen gemeinsam zu Kaufmann Aufrecht. Kaufmann Aufrecht sagte: „Falls es die Kaiserliche Gemahlin Yuan betrifft, werden wir früher oder später Nachricht erhalten." Auch Kaufmann Begnadigung kam hinzu.
Gegen Mittag waren die Kundschafter noch nicht zurück. Da meldeten die Pförtner: „Zwei Eunuchen sind draußen und wünschen die beiden Herren zu sprechen." Kaufmann Begnadigung sagte: „Bittet sie herein." Die Pförtner führten die Eunuchen herein. Kaufmann Begnadigung und Kaufmann Aufrecht empfingen sie am zweiten Tor. Zuerst erkundigten sie sich nach dem Wohlbefinden der Kaiserlichen Gemahlin; dann traten alle in die Halle und nahmen Platz. Der Eunuch sprach: „Die Kaiserliche Gemahlin Eures Hauses war in den letzten Tagen unwohl. Gestern erging ein kaiserlicher Erlass: Vier weibliche Verwandte dürfen sie besuchen, jede mit einer Magd; weitere Begleitung ist nicht gestattet. Die männlichen Verwandten dürfen nur am äußeren Palasttor ihre Visitenkarten abgeben und auf Nachricht warten; das Betreten des Palastes ist ihnen untersagt. Der Besuch ist morgen zwischen der Chen- und Si-Stunde gestattet, die Abreise zwischen der Shen- und You-Stunde." Kaufmann Aufrecht und Kaufmann Begnadigung standen auf und nahmen den Erlass entgegen. Man bot den Eunuchen Tee an, und sie verabschiedeten sich.
Kaufmann Begnadigung und Kaufmann Aufrecht begleiteten sie bis zum Haupttor und kehrten zurück, um die Alte Ahnin zu informieren. Die Alte Ahnin überlegte: „Vier weibliche Verwandte — das werden ich, die beiden Schwiegertöchter und noch eine sein." Niemand wagte etwas zu sagen. Die Alte Ahnin dachte nach: „Es muss Feng Jie sein — sie versteht es, sich um alles zu kümmern." Kaufmann Begnadigung und Kaufmann Aufrecht verbeugten sich und gingen, um die weiteren Vorbereitungen zu treffen. Kaufmann Jadeschale und Kaufmann Herrlichkeit [贾蓉] sollten das Haus hüten; alle anderen männlichen Verwandten vom „Wen"-Radikal bis zum „Cao"-Radikal sollten mitgehen. Vier grüne Sänften und über zehn Kutschen mit grünem Verdeck wurden für den Morgen bereitgestellt. Kaufmann Begnadigung und Kaufmann Aufrecht gingen wieder hinein und berichteten der Alten Ahnin: „Der Besuch ist zwischen der Chen- und Si-Stunde; der Rückweg beginnt zwischen Shen und You. Bitte ruht Euch heute früh aus, damit Ihr morgen zeitig aufbrechen könnt." Die Alte Ahnin sagte: „Ich weiß, geht nur." Die Herren zogen sich zurück. Xing Furen, Wang Furen und Feng Jie sprachen noch eine Weile über Urfrühling [元春]s Krankheit und gingen dann auseinander.
Am nächsten Morgen, in der Dämmerung, waren alle Lichter angezündet, alle Damen gewaschen und geschmückt, alle Herren bereit. Zur ersten Stunde kamen Lin Zhixiao und Lai Da zum zweiten Tor und meldeten: „Sänften und Wagen stehen bereit." Bald darauf erschienen auch Kaufmann Begnadigung und Xing Furen. Man frühstückte; Feng Jie stützte die Alte Ahnin zum Wagen. Jeder Dame folgte eine Magd. Zwei Reitknechte ritten voraus zum äußeren Palasttor; die Familie folgte. Kaufmann Jadeschale und Kaufmann Herrlichkeit hüteten das Haus.
Am äußeren westlichen Palasttor hielt die Gesellschaft an. Zwei Eunuchen traten heraus und verkündeten: „Die Damen des Hauses Jia mögen eintreten; die Herren haben am inneren Palasttor zu warten und dürfen nicht eintreten." Die vier Sänften folgten den Eunuchen; die Herren gingen zu Fuß hinterher. Am inneren Tor verweilten die Herren; die Sänften wurden bis zum Palast der Kaiserlichen Gemahlin getragen. Dort stiegen die Damen aus und wurden von Hofdamen geführt. Als sie das Schlafgemach der Gemahlin erreichten, erstrahlte es in feierlichem Glanz. Zwei Hofdamen übermittelten: „Es genügt ein Gruß — alle Zeremonien sind erlassen." Die Alte Ahnin dankte, trat ans Bett, grüßte die Gemahlin, und alle nahmen die angewiesenen Plätze ein. Urfrühling fragte die Alte Ahnin: „Wie geht es Euch in letzter Zeit?" Die Alte Ahnin erhob sich zitternd, gestützt auf ein Mädchen, und antwortete: „Dank der Gnade Ihrer Majestät bin ich noch bei guter Gesundheit." Urfrühling fragte auch Xing Furen und Wang Furen nach ihrem Wohlbefinden. Dann wandte sie sich an Feng Jie: „Wie steht es mit dem Haushalt?" Feng Jie erhob sich und antwortete: „Wir kommen zurecht." Urfrühling sagte: „Diese Jahre haben dir viel Mühe gemacht."
Gerade wollte Feng Jie antworten, da brachte eine Hofdame eine Liste mit vielen Visitenkarten. Urfrühling las die Namen — Kaufmann Begnadigung, Kaufmann Aufrecht und die anderen —, und Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie trocknete sie mit einem Seidentuch und befahl: „Heute fühle ich mich etwas besser — lasst sie draußen ruhen." Die Alte Ahnin erhob sich und dankte. Urfrühling sagte unter Tränen: „Als Vater, Tochter und Geschwister sind wir schlechter daran als eine einfache Familie, die sich jederzeit sehen kann." Die Alte Ahnin unterdrückte ihre Tränen: „Eure Majestät braucht sich nicht zu grämen — die Familie genießt dank Eurer Majestät viele Segnungen." Urfrühling fragte noch: „Wie steht es mit Schatzjade?" Die Alte Ahnin antwortete: „In letzter Zeit lernt er recht fleißig. Sein Vater hält ihn streng, und seine Aufsätze sind auch besser geworden." Urfrühling sagte: „So ist es recht." Dann befahl sie, im Außenpalast ein Bankett auszurichten. Hofdamen und Eunuchen geleiteten die Besucher in einen Saal, wo alles gerichtet war. Man nahm nach Rang Platz und speiste.
Nach dem Essen dankte die Alte Ahnin. Man verweilte noch eine Weile, doch als die You-Stunde nahte, wagte man nicht länger zu bleiben. Alle verabschiedeten sich von Urfrühling; Hofdamen geleiteten sie bis zum inneren Tor, und die Eunuchen brachten sie hinaus. Die Alte Ahnin und ihre Begleiterinnen stiegen in die Sänften, wurden draußen von Kaufmann Begnadigung und den anderen empfangen, und alle kehrten gemeinsam heim. Man beriet auch schon die Besuche der folgenden Tage.
Nun zu Xue Jinguis Haushalt: Seit sie Schnee Becken [薛蟠] fortgejagt hatte, fehlte ihr tagsüber der Streitpartner. Xiangling wohnte inzwischen bei Schatzspange[13] [宝钗], und nur Baochan war noch bei ihr. Doch seit Baochan zur Nebenfrau Schnee Beckens bestimmt worden war, gab sie sich nicht mehr so unterwürfig wie zuvor. In Jinguis Augen war sie damit nur eine weitere Gegnerin — zu spät bereute sie es.
Eines Tages hatte Jingui ein paar Gläser Wein getrunken und lag auf dem Kang. Sie wollte Baochan als Zielscheibe benutzen. „Wohin ist der Herr neulich verreist?" fragte sie. „Du weißt es natürlich." Baochan entgegnete: „Woher soll ich das wissen? Wenn er es nicht einmal der Herrin sagt, woher sollte ich es wissen?" Jingui lachte höhnisch: „Wo gibt es heute noch Herrinnen und Mägde? Es ist alles eure Welt geworden. Andere darf man ja nicht reizen — die haben ihren Schutzschild. Du bist immerhin noch meine Magd; ich frage dich ein einziges Wort, und du schneidest mir eine Grimasse. Da du so mächtig bist, warum erdrosselst du mich nicht? Dann könntest du oder Xiangling die Herrin spielen — wäre das nicht fein? Aber leider sterbe ich nicht, und das steht euch im Weg."
Baochan konnte das nicht hinnehmen und starrte Jingui mit weit aufgerissenen Augen an: „Diese Reden, Herrin, spart Euch für andere. Ich habe Euch kein Wort widersprochen. Wenn Ihr es nicht wagt, andere zu reizen, warum lasst Ihr's dann an uns aus? Was anständig wäre, tut Ihr, als hörtet Ihr es nicht!" Damit brach sie in lautes Weinen aus. Jingui wurde noch wilder, sprang vom Kang und wollte Baochan schlagen. Doch Baochan hatte das Temperament der Familie Xia und gab keinen Fingerbreit nach. Jingui fegte Tische, Stühle und Tassen um. Baochan schrie nach Gerechtigkeit, ohne sich um sie zu kümmern.
Tante Schnee[14] [薛姨妈], die drüben bei Schatzspange saß, hörte den Tumult und rief: „Xiangling, geh hinüber und sieh nach — versuch, sie zu beruhigen." Schatzspange sagte: „Das geht nicht, Mama. Wenn sie hingeht, ist das Öl ins Feuer." Tante Schnee sagte: „Dann gehe ich selbst." Schatzspange erwiderte: „Meiner Meinung nach solltest du auch nicht gehen. Lass sie sich austoben — es hilft doch nichts." Tante Schnee rief: „So geht das nicht weiter!" und ging, gestützt auf eine Magd, zu Jingui hinüber. Schatzspange folgte, ermahnte aber Xiangling: „Bleib hier."
Mutter und Tochter kamen an Jinguis Zimmertür, und drinnen wurde immer noch gekreischt und geweint. Tante Schnee rief: „Was soll das wieder? Stellt ihr das Haus auf den Kopf? Sieht das noch aus wie ein ordentlicher Haushalt? Bei unseren niedrigen Mauern und kleinen Höfen — habt ihr keine Angst, dass die Verwandten euch auslachen?" Aus Jinguis Zimmer kam die Antwort: „Ich hätte ja Angst vor Gerede! Aber hier steht der Besen auf dem Kopf — es gibt keine Herrin, keine Magd, keine Hauptfrau, keine Nebenfrau — alles geht drunter und drüber! Wir von der Familie Xia kennen solche Zustände nicht; das halte ich nicht aus!"
Schatzspange sagte: „Liebe Schwägerin, Mama ist nur gekommen, weil sie den Lärm hörte. Wenn sie vor Aufregung nicht zwischen ‚Schwägerin' und ‚Baochan' unterschieden hat — was macht das schon? Lasst uns die Sache klären und friedlich zusammenleben, damit Mama nicht jeden Tag um unseretwillen Sorgen hat." Tante Schnee stimmte zu: „Ja, klärt erst die Sache — danach könnt ihr mir immer noch Vorwürfe machen!"
Jingui höhnte: „Liebes Fräulein, liebes Fräulein, du bist ja so tugendhaft und gütig! Du wirst sicher einen guten Mann und eine gute Familie bekommen — ganz anders als ich, die lebend Witwe spielt, ohne Verwandte, der man auf dem Kopf herumtanzt. Ich bin eben ein einfältiger Mensch — nur bitte, Fräulein, nimm mir nicht jedes Wort übel. Ich hatte keine Eltern, die mich erzogen haben. Und was in meinem Schlafgemach zwischen Mann und Frauen geschieht, hat das Fräulein ohnehin nicht zu bestimmen!"
Schatzspange hörte das — Scham und Zorn zugleich, und der Anblick ihrer Mutter tat ihr zusätzlich weh. Sie schluckte ihren Ärger hinunter und sagte: „Schwägerin, ich rate dir, weniger zu reden. Wer kritisiert dich? Wer schikaniert dich? Von Xiangling gar nicht zu reden — ich habe nie ein lautes Wort gegen sie gesagt."
Jingui schlug auf den Kangrand und weinte noch lauter: „Wie könnte ich mich mit Xiangling vergleichen! Nicht einmal den Staub unter ihren Füßen bin ich wert! Sie ist lange genug hier, kennt die Absichten des Fräuleins und versteht sich einzuschmeicheln. Ich bin neu hier und kann nicht schmeicheln — wie darf man mich mit ihr vergleichen? Wie grausam! Es können eben nicht alle das Glück einer Kaiserlichen Gemahlin haben. Seid lieber gütig — sonst müsst ihr am Ende noch wie ich einen Dummkopf heiraten und lebendig Witwe spielen, das wäre eine schöne Blamage!"
Tante Schnee konnte nicht mehr an sich halten, stand auf und rief: „Ohne meiner eigenen Tochter schmeicheln zu wollen — sie redet dir mit jedem Satz gut zu, und du stachelst sie mit jedem Satz! Wenn du etwas auszusetzen hast, lass es an mir aus — mich umzubringen wäre kein großes Ding!" Schatzspange beschwichtigte: „Mama, rege dich nicht auf. Wir sind doch gekommen, um zu schlichten — wenn wir uns selbst aufregen, kommt noch mehr Ärger hinzu. Gehen wir lieber und lassen die Schwägerin zur Ruhe kommen." Sie wies Baochan an: „Du hörst auch auf." Und damit gingen sie.
Im Hof begegneten ihnen eine Magd der Alten Ahnin und Xiangling. Tante Schnee fragte: „Woher kommst du? Geht es der Alten Ahnin gut?" Das Mädchen antwortete: „Der Alten Ahnin geht es gut. Sie schickt mich, um der Tante guten Tag zu sagen, für die Litschis neulich zu danken und dem Fräulein Qin zu gratulieren." Schatzspange fragte: „Wann bist du gekommen?" Die Magd antwortete: „Schon vor einer ganzen Weile." Tante Schnee errötete verlegen: „Wie du siehst, gibt es bei uns zu Hause solchen Aufruhr — euer Haus lacht gewiss über uns." Das Mädchen sagte: „Aber Tante, so etwas gibt es doch überall — wo gibt es nicht einmal Streit? Das denkt Ihr Euch nur." Man kehrte in Tante Schnees Zimmer zurück, und nach einer kurzen Weile ging die Magd.
Schatzspange hatte gerade Xiangling etwas zugeflüstert, als Tante Schnee plötzlich aufschrie: „Mein linker Rippenbogen schmerzt fürchterlich!" Damit sank sie auf den Kang. Schatzspange und Xiangling waren entsetzt.
Wie es weiterging, erfährt der geneigte Leser im folgenden Kapitel.
- ↑ Die Kaiserliche Gemahlin Jia (贾元春, Yuánchūn): Älteste Tochter Kaufmann Aufrechts, Nebengemahlin des Kaisers.
- ↑ Spürfrühling: Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Suchender Frühling".
- ↑ Wolke vom Xiang-Fluss: Chin. 湘云 Xiāngyún, wörtl. „Wolke des Xiang-Flusses".
- ↑ Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".
- ↑ Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpur-Kuckuck".
- ↑ Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „Angreifender Duft".
- ↑ Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.
- ↑ Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente".
- ↑ Kaufmann Jadeschale: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Jadeschale".
- ↑ Friedchen: Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedliche".
- ↑ Kaufmann Aufrecht: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".
- ↑ Kaufmann Schein-Echt: Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, wörtl. „Schein-Echtheit".
- ↑ Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.
- ↑ Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante des Xue-Hauses".
Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).