Hongloumeng/de/Chapter 51

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Kapitel 51

Die junge Schnee-Schwester verfasst neue Gedichte ueber historische Staetten — Ein Kurpfuscher verschreibt rohe Wolfsmedizin

Als alle hoerten, Schatzzither [宝琴] habe ueber die historischen Staetten in den verschiedenen Provinzen, die sie auf ihren Reisen besucht hatte, zehn Vierzeiler verfasst, in denen je ein Alltagsgegenstand als Raetsel verborgen sei, sagten sie einhellig, das sei natuerlich und neuartig zugleich. Alle draengten sich vor, um die Gedichte zu lesen, und dort stand geschrieben:

   Erinnerung an die Rote Wand (I)
   An der Roten Wand versenkt, das Wasser stockt im Lauf,
   vergeblich stehn noch Namen auf dem leeren Boot.
   Im Laerm der Flammen heult der kalte Wind,
   zahllose Heldenseelen treiben still darin.
   Erinnerung an Jiaozhi (II)
   Bronzene Glocken kuenden strenge Ordnung an,
   ihr Hall erreicht barbarische Voelker ueberm Meer.
   Ma Yuans Verdienste waren wahrlich gross,
   die Eisenfloete braucht nicht Zhang Liang zu besingen.
   Erinnerung an den Glocken-Berg (III)
   Wann haetten Ruhm und Reichtum je zu dir gehoert?
   Grundlos vom Edikt gerufen in den Staub der Welt.
   Verwicklung und Verstrickung enden nie,
   so zürne nicht, wenn andere spotten ueber dich.
   Erinnerung an Huaiyin (IV)
   Auch tapfre Krieger muessen vor gemeinen Hunden stehn,
   erst auf dem Thron, da senkt sich schon der Sargdeckel.
   Sagt diesem schnöden Volke, es soll nicht verachten,
   selbst sterbend denkt er noch an jenen Bissen Reis.
   Erinnerung an Guangling (V)
   Zikaden zirpen, Kraehen nisten — im Nu ist es vorbei,
   der Damm der Sui-Dynastie — wie steht es heute dort?
   Nur weil er sich den Ruf der Eleganz erwarb,
   gab es nicht wenig boeser Zungen ueber ihn.
   Erinnerung an die Pfirsichblatt-Faehre (VI)
   Welkes Gras und muessige Blumen spiegeln sich im flachen Teich,
   der Pfirsichzweig, das Pfirsichblatt — getrennt fuer immer.
   Sechs Dynastien lang standen stolze Balken dort,
   ein kleines Bildnis haengt noch einsam an der Wand.
   Erinnerung an den Duesteren Huegel (VII)
   Der Schwarze Strom, er wuehlt und stockt in seinem Lauf,
   die Eissaiten der Laute klagen bittre Trauer.
   Des Han-Reichs Ordnung ist wahrlich zu beklagen,
   ein Nichtsnutz sollte sich in Ewigkeit noch schaemen.
   Erinnerung an Mawei (VIII)
   Einsam die Rougespuren, schweissbedeckt und glaenzend,
   und alle Zartheit ging dem Osten zu in einem Nu.
   Nur weil von jener Schoenen Spuren blieben,
   duften noch heute ihre Kleider und ihr Tuch.
   Erinnerung an den Pudong-Tempel (IX)
   Die kleine Rote, von geringer Herkunft, leichten Sinns,
   half heimlich stehlen und das Liebespaar zusammenzwingen.
   Obwohl die Herrin sie zuweilen an den Balken hing,
   hatt' sie die beiden laengst zusammengebracht.
   Erinnerung an den Pflaumenbluetenkloster (X)
   Nicht beim Pflaumenbaum, beim Weidenbaum statt dessen,
   wer findet dort das Bildnis jener Schoenen?
   An Wiedersehn denk nicht — erst wenn der Fruehling naht,
   nach einem Abschied weht der Herbstwind, und ein Jahr vergeht.

Alle lasen die Gedichte und priesen sie als aussergewoehnlich und kunstvoll. Schatzspange[1] [宝钗] aeusserte sich zuerst: "Die ersten acht Gedichte beruhen saemtlich auf historisch belegten Tatsachen, aber fuer die letzten beiden gibt es keine Beweise. Wir verstehen sie auch nicht recht. Es waere besser, du schriebest zwei neue an ihrer Stelle."

Kajaljade[2] [黛玉] fiel ihr hastig ins Wort: "Schwester Schatzspange ist wirklich zu sehr eine, die den Leim auf den Steg klebt und dann die Laute spielen will [Anm.: Sprichwort fuer uebertriebene Pedanterie] — zu gekuenstelt und geziert! Fuer diese beiden Gedichte mag es zwar keine Belege in den Geschichtswerken geben, und wir moegen die inoffiziellen Ueberlieferungen nicht gelesen haben und die Hintergruende nicht kennen, aber haben wir denn nicht einmal zwei Theaterstuecke gesehen? Das weiss schon ein dreijaehriges Kind, geschweige denn wir!"

Tanchun [探春] sagte: "Das ist voellig richtig."

Frau Li [李纨] fuhr fort: "Zumal sie ja selbst an diesen Orten gewesen ist. Obwohl es fuer die beiden Geschichten keine Belege gibt — seit alters her wurde von Mund zu Mund weitererzaehlt, und begeisterte Liebhaber solcher Geschichten haben absichtlich pseudohistorische Staetten erfunden, um die Leute hinters Licht zu fuehren. Als wir damals zum Beispiel auf dem Weg in die Hauptstadt waren, haben wir allein vom Grab des Meisters Guan [Anm.: Guan Yu, beruethmter General der Drei Reiche] drei oder vier vorgefunden. Meister Guans Lebenswerk ist historisch verbuergt, aber wie kann er mehrere Graeber haben? Natuerlich liegt es daran, dass spaetere Menschen seine Taten so bewunderten, dass sie aus dieser Verehrung heraus solche Orte erdachten. Auch moeglich. Schaut man in die 'Aufzeichnungen ueber das Weite Land', so gibt es nicht nur von Meister Guan viele Graeber — seit alters her haben beruethmte Menschen nicht wenige Graeber, und unbelegte historische Staetten gibt es noch viel mehr. Bei diesen beiden Gedichten mag es keinen Beweis geben, aber bei allen Geschichtenerzaehlern und Theaterspielern, ja selbst auf Orakellosen finden sich Anmerkungen dazu. Jeder kennt sie, Alt und Jung, Mann und Frau, sie sind in aller Munde. Zudem ist es ja nicht so, als haette man die Texte des 'Westzimmers' oder der 'Pfingstrose' gelesen und muesste boese Buecher fuerchten. Es ist also voellig in Ordnung, die Gedichte koennen bleiben."

Schatzspange gab sich nach diesen Worten geschlagen. Alle raeselten eine Weile, aber niemand fand die Loesungen.

Da die Wintertage kurz sind, war es unversehens schon wieder Zeit fuer das Abendessen, und alle gingen gemeinsam hinueber, um zu speisen. Da meldete jemand Dame Wang [王夫人]: "Dufthauchs [袭人] Bruder Hua Zifang ist gekommen und berichtet, ihre Mutter sei schwer krank und sehne sich nach ihrer Tochter. Er bittet um die Gnade, Dufthauch nach Hause holen zu duerfen."

Dame Wang hoerte dies und sprach: "Mutter und Tochter — wie koennte ich es ihr verwehren!" Sogleich liess sie Phoenixglanz [凤姐] rufen, teilte ihr die Angelegenheit mit und befahl ihr, alles Noetige zu veranlassen.

Phoenixglanz sagte "Jawohl", kehrte in ihre Gemaecher zurueck und liess Frau Zhou Rui kommen, damit diese Dufthauch die Nachricht ueberbringe. Dann wies sie Frau Zhou Rui an: "Nimm noch eine der aelteren Frauen mit, die fuer Aussenbegleitungen zustaendig sind, dazu zwei kleine Maedchen als Begleitung fuer Dufthauch. Draussen lass vier aeltere Maenner den Wagen begleiten. Einen grossen Wagen fuer euch und einen kleinen fuer die Maedchen."

Frau Zhou Rui sagte "Jawohl" und wollte gerade gehen, als Phoenixglanz noch hinzufuegte: "Dufthauch ist eine, die nicht gern Umstaende macht. Richte ihr von mir aus: Sie soll sich huebsch anziehen, ein ordentliches Buendel Kleider einpacken — auch der Kleiderbeutel muss ansehnlich sein —, und ein gutes Handoefchen mitnehmen. Bevor sie abfaehrt, soll sie erst zu mir kommen, damit ich sie ansehe."

Frau Zhou Rui sagte alles zu und ging.

Erst nach laengerer Zeit erschien Dufthauch in veraendertem Aufzug. Zwei Maedchen und Frau Zhou Rui trugen Handoefchen und Kleiderbuendel. Phoenixglanz musterte Dufthauch: Im Haar trug sie mehrere goldene Nadeln und Perlenspangen — recht prachtvoll. Am Koerper trug sie eine pfirsichrosa Jacke mit dem Hundert-Kinder-Motiv in Kesi-Seidenweberei [Anm.: eine spezielle chinesische Textiltechnik], gefuettert mit silbergrauem Eichhoernchenfell, dazu einen lauchgruenen Rock aus goldbesetzter Buntstickerei mit Baumwollfuetterung und darueber ein Obergewand aus dunkelblauem Atlas, gefuettert mit grauem Eichhoernchenfell.

Phoenixglanz sagte laechelnd: "Diese drei Kleidungsstuecke stammen alle von der gnaedigen Frau, und die Schenkung war gut und richtig. Nur das Obergewand ist etwas zu schlicht, und bei dieser Kaelte solltest du eines mit dickerem Pelz tragen."

Dufthauch erwiderte laechelnd: "Die gnaedige Frau hat mir nur dieses mit dem grauen Eichhoernchenfell gegeben und noch eines mit silbergrauem Eichhoernchenfell. Sie sagte, zum Jahreswechsel bekaeme ich eines mit dickerem Pelz, aber bisher habe ich es noch nicht erhalten."

Phoenixglanz laechelte: "Ich haette da eines mit dickem Pelz, aber mir gefaellt nicht, wie die Pelzkanten hervorstehen, und ich wollte es gerade umarbeiten lassen. Nun gut, zieh du es erst einmal an. Wenn die gnaedige Frau zum Jahreswechsel neue anfertigen laesst, bekomme ich ein neues, und du gibst mir das dann quasi zurueck."

Alle lachten: "Die junge gnaedige Frau redet immer so! Das ganze Jahr ueber legt Ihr grosszuegig fuer die gnaedige Frau aus, ohne dass sie es weiss — die Betraege sind wirklich nicht zu beziffern. Und wann haettet Ihr je daran gedacht, ihr das vorzurechnen? Und jetzt fuehrt Ihr solche kleinlichen Reden, nur um uns zum Lachen zu bringen."

Phoenixglanz laechelte: "Wie koennte die gnaedige Frau an solche Dinge denken? Ausserdem sind es keine wichtigen Angelegenheiten, aber wenn sich niemand darum kuemmert, geht es um unser aller Ansehen. Da muss ich wohl oder uebel ein wenig Verlust hinnehmen und dafuer sorgen, dass alle anstaendig gekleidet sind — so ernte ich wenigstens einen guten Ruf. Wenn alle wie 'verbrannte Kuchen' aussaehen, wuerde man zuallererst ueber mich lachen, dass ich als Haushaltsfuehrerin die Leute wie Bettler herumlaufen lasse."

Alle seufzten: "Wer kommt der jungen gnaedigen Frau gleich an Weisheit? Nach oben denkt Ihr Euch in die Lage der gnaedigen Frau, nach unten kuemmert Ihr Euch liebevoll um die Untergebenen."

Waehrenddessen befahl Phoenixglanz Friedchen [平儿], das steinblaue Kesi-Seidengewand mit den acht Kreisen und Fluegelrossen, gefuettert mit Himmelspferd-Pelz [Anm.: ein edler Pelz], herbeizubringen und Dufthauch zu geben. Als sie dann den Kleiderbeutel ansah, fand sie nur einen mit spritztintengemusterter Seide und rotem Seidenfutter, der lediglich zwei halbgetragene wattierte Jacken und ein Pelzobergewand enthielt. Phoenixglanz befahl Friedchen, auch einen jadegruen gefuetterten Wollstoff-Kleiderbeutel zu bringen und einen Umhang einzupacken.

Friedchen ging und brachte zwei Stuecke: einen halbgetragenen Umhang aus leuchtend rotem Orang-Utan-Filz [Anm.: kostbarer scharlachroter Filzstoff] und einen aus dunkelrotem Federkrepp. Dufthauch sagte: "Schon einen einzigen kann ich kaum annehmen."

Friedchen laechelte: "Nimm den aus dem Orang-Utan-Filz. Den anderen habe ich gleich mitgebracht, damit er Fraeulein Xing [邢岫烟] geschickt wird. Gestern bei dem starken Schneefall trugen alle ihre Umhaenge — aus Filz, Federsatin oder Federkrepp. Ein Dutzend in leuchtendem Rot, wie huebsch sie sich gegen den Schnee abhoben! Nur sie allein trug ihren alten Filzumhang und sah mit hochgezogenen Schultern und gekruemmtem Ruecken wirklich erbaermlich aus. Also schicken wir ihr diesen hier."

Phoenixglanz laechelte: "Meine Sachen verschenkt sie einfach von sich aus! Ich allein gebe nicht schon genug aus, jetzt muss auch du noch dein Teil dazutun — das wird ja immer besser!"

Alle lachten: "Das liegt nur daran, dass die junge gnaedige Frau stets so pflichttreu gegenueber der gnaedigen Frau und so fueersorglich gegenueber den Untergebenen ist. Waeret Ihr kleinlich und nur auf Euren Besitz bedacht, wuerde sie es nicht wagen, so zu handeln."

Phoenixglanz laechelte: "Man sieht, dass sie die Einzige ist, die mein Herz wenigstens zu einem Drittel kennt." Dann wandte sie sich an Dufthauch: "Wenn es deiner Mutter besser geht, ist alles in Ordnung. Wenn sie es aber nicht schafft, bleib ruhig dort. Schick jemanden zu mir, und ich lasse dir das Bettzeug nachbringen. Benutze auf keinen Fall fremdes Bettzeug oder fremde Toilettensachen." Dann wies sie Frau Zhou Rui an: "Ihr kennt die Regeln hier, ich brauche euch nichts einzuschaerfen."

Frau Zhou Rui sagte: "Wir wissen Bescheid. Wenn wir dort ankommen, sorgen wir natuerlich dafuer, dass deren Leute Abstand halten. Sollte sie bleiben muessen, lassen wir uns auf jeden Fall ein oder zwei separate Innenzimmer geben." Nach diesen Worten folgte sie Dufthauch hinaus. Man liess Laternen vorbereiten, bestieg den Wagen und fuhr zum Haus des Hua Zifang. Davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Hier liess Phoenixglanz nun zwei alte Ammen aus dem Hof der Freude am Roten [怡红院] zu sich kommen und befahl: "Dufthauch kommt wohl heute nicht zurueck. Ihr kennt die aelteren Maedchen dort — sucht zwei Verstaendige aus und schickt sie in Schatzjades [宝玉] Zimmer zur Nachtwache. Gebt auch ihr gut acht und lasst ihn keinen Unfug treiben."

Die beiden alten Ammen gingen, kamen aber bald zurueck und meldeten: "Wir haben Heitermuster[3] [晴雯] und Moschusmond [麝月] fuer das Zimmer bestimmt. Wir vier wechseln uns ohnehin bei der Nachtwache ab."

Phoenixglanz nickte: "Abends sorgt dafuer, dass er frueh schlaeft, morgens, dass er frueh aufsteht."

Die alten Ammen sagten zu und kehrten in den Garten zurueck. Bald darauf kam Frau Zhou Rui mit der Nachricht zurueck: "Dufthauchs Mutter ist bereits verstorben. Sie kann nicht zurueckkommen." Phoenixglanz meldete es Dame Wang und schickte jemanden in den Garten der Grossen Anschauung [大观园], um Dufthauchs Bettzeug und Toilettenkiste zu holen.

Schatzjade sah zu, wie Heitermuster und Moschusmond alles zusammenpackten und fortschickten. Danach legten beide ihren restlichen Schmuck ab und wechselten Rock und Jacke. Heitermuster setzte sich einfach auf den Raeucherofen [Anm.: ein Kohlenbecken mit Waermegestell]. Moschusmond laechelte: "Spiel dich heute nicht als Fraeulein auf, ich rate dir, dich auch ein wenig zu bewegen."

Heitermuster sagte: "Wartet nur, bis ihr alle fort seid, dann ruehr ich mich schon noch frueeh genug. Solange ihr noch da seid, lass ich es mir gutgehen."

Moschusmond laechelte: "Liebe Schwester, ich mache das Bett, und du ziehst die Huelle ueber den Ankleidespiegel und schiebst oben den Riegel zu — du bist groesser als ich." Damit ging sie zu Schatzjade, um das Bett zu richten.

Heitermuster seufzte und beklagte sich laechelnd: "Kaum hat man sich aufgewaermt, kommst du schon und stoerst!"

Schatzjade sass unterdessen untaetig da und gruebelte, ob Dufthauchs Mutter nun gestorben oder doch noch am Leben sei. Als er Heitermusters Worte hoerte, stand er selbst auf, ging hinaus, zog die Spiegelhuelle herab, schob den Riegel fest und kam laechelnd zurueck: "Waermt euch nur, es ist alles erledigt."

Heitermuster sagte: "Auf Dauer kann man sich gar nicht waermen. Mir ist gerade eingefallen, dass die Waermflasche noch nicht gebracht worden ist."

Moschusmond sagte: "Da denkst du aber auch an alles! Er nimmt doch sonst nie eine Waermflasche. Wir haben hier den Raeucherofen, der ist viel waermer als das kalte Ofenbett drueben — heute braucht er keine."

Schatzjade laechelte: "Das heisst also, ihr wollt beide hier auf dem Raeucherofen schlafen? Dann liegt draussen niemand bei mir, und ich bekomme die ganze Nacht vor Angst kein Auge zu."

Heitermuster sagte: "Ich schlafe hier. Moschusmond geht nach draussen zum warmen Alkoven und schlaeft dort."

Waehrenddessen war es schon die zweite Nachtwache geworden. Moschusmond hatte laengst die Vorhaenge herabgelassen, die Lampe umgestellt und Raeucherwerk nachgelegt. Sie half Schatzjade ins Bett, dann erst legten sich die beiden Maedchen schlafen.

Heitermuster lag am Raeucherofen, Moschusmond draussen im warmen Alkoven [Anm.: ein beheizter Nebenraum]. Nach der dritten Nachtwache rief Schatzjade im Halbschlaf nach Dufthauch. Er rief zweimal, niemand antwortete. Er erwachte, erinnerte sich, dass Dufthauch nicht da war, und musste ueber sich selbst lachen.

Heitermuster war ebenfalls wach geworden und rief laechelnd nach Moschusmond: "Sogar ich bin aufgewacht, und sie, die direkt neben ihm liegt, merkt nichts — die reinste Leiche!"

Moschusmond drehte sich um, gaehnte und sagte laechelnd: "Er hat nach Dufthauch gerufen — was geht das mich an?" Dann fragte sie, was zu tun sei. Schatzjade wollte Tee. Moschusmond stand eilig auf und zog sich lediglich ein kleines rotes Seidenjaeeckchen ueber.

Schatzjade sagte: "Wirf dir meine Jacke ueber, bevor du gehst — pass auf, dass du dich nicht erkaeltest!"

Moschusmond hoerte das, griff hinter sich und legte sich Schatzjades pelzgefuetterte Zobeljacke um, die er zum naechtlichen Aufstehen trug. Sie ging zum Waschbecken, wusch sich die Haende und goss zuerst eine Schale laues Wasser ein. Sie nahm den grossen Spucknapf, und Schatzjade spuelte sich den Mund. Dann nahm sie eine Teeschale vom Teeregal, spuelte sie mit warmem Wasser aus, goss eine halbe Schale Tee aus der Warmhaltekanne und reichte sie Schatzjade. Auch sie selbst spuelte sich den Mund und trank eine halbe Schale.

Heitermuster laechelte: "Liebe Schwester, gib auch mir einen Schluck!"

Moschusmond laechelte: "Du wirst ja immer dreister!"

Heitermuster sagte: "Liebe Schwester, morgen Abend brauchst du keinen Finger zu ruehren, ich bediene dich die ganze Nacht — wie waere das?"

So musste Moschusmond auch ihr den Mund spuelen lassen und eine halbe Schale Tee eingiessen. Dann laechelte Moschusmond: "Schlaft ihr zwei noch nicht ein, unterhaltet euch noch. Ich muss kurz hinausgehen."

Heitermuster laechelte: "Draussen wartet ein Geist auf dich!"

Schatzjade sagte: "Draussen scheint bestimmt der helle Mond. Wir unterhalten uns hier, geh nur." Dabei huestelte er zweimal.

Moschusmond oeffnete die Hintertuer, hob den Filzvorhang und blickte hinaus — tatsaechlich, praechtiger Mondschein. Heitermuster wartete, bis Moschusmond draussen war, dann wollte sie ihr einen Streich spielen und sie erschrecken. Da sie von jeher kraeftiger war als die anderen und die Kaelte nicht scheute, zog sie sich nichts ueber, sondern schlich in ihrem duennen Jaeckchen leise vom Raeucherofen herab und folgte ihr nach draussen.

Schatzjade rief ihr laechelnd nach: "Pass auf, dass du dir keine Erkaeltung holst — damit ist nicht zu spassen!"

Aber Heitermuster winkte nur ab und ging hinaus. Der Mondschein lag wie Wasser auf allem. Ploetzlich kam ein leichter Windstoss, der ihr durch Mark und Bein drang, und sie erschauerte unwillkuerlich. Sie dachte bei sich: "Kein Wunder sagt man, ein erwaermter Koerper darf nicht dem Wind ausgesetzt werden. Diese Kaelte ist wirklich schneidend." Gerade wollte sie Moschusmond erschrecken, als Schatzjade drinnen laut rief: "Heitermuster ist draussen!"

Heitermuster eilte zurueck, kam herein und sagte laechelnd: "Es haette sie schon nicht umgebracht! Immer musst du so zaghaft sein wie ein altes Weib!"

Schatzjade laechelte: "Ich wollte nicht, dass du sie zu Tode erschreckst. Erstens erkaeltest du dich, und zweitens haette sie sich bestimmt nicht beherrschen koennen und aufgeschrien. Wenn davon jemand aufgewacht waere, wuerden sie nicht sagen, wir haetten Spass gemacht, sondern dass wir, kaum dass Dufthauch eine Nacht fort ist, Gespenster sehen. Komm her und stopf mir die Decke fest."

Heitermuster kam zum Bett, stopfte die Decke zurecht und steckte dann die Hand hinein, um sie aufzuwaermen. Schatzjade laechelte: "Was fuer kalte Haende! Ich hab's ja gesagt, pass auf, dass du dir nichts holst." Er sah, dass ihre Wangen rot wie Rouge waren, und als er sie mit der Hand beruehrte, waren sie eiskalt.

Schatzjade sagte: "Schnell, schlupf unter die Decke und waerm dich auf!"

Kaum hatte er das gesagt, klappte die Tuer — Moschusmond kam lachend und atemlos hereingestuerzt: "Was fuer ein Schreck! Im Schatten hinter dem Zierfelsen hockte etwas. Ich wollte schon schreien, als es sich als der grosse Goldfasan herausstellte, der aufgeschreckt ins Helle flatterte. Da erst sah ich's deutlich. Haette ich unbesonnen losgeschrien, waere das ganze Haus wach geworden." Waehrend sie das sagte, wusch sie sich die Haende und laechelte dann: "Heitermuster war draussen, warum habe ich sie nicht gesehen? Bestimmt wollte sie mich erschrecken."

Schatzjade laechelte: "Sie ist hier und waermt sich bei mir. Haette ich nicht schnell gerufen, haettest du einen gehoerigen Schreck bekommen."

Heitermuster laechelte: "Ich brauchte sie gar nicht zu erschrecken — das kleine Biest hat sich ganz allein gefuerchtet." Damit war sie aufgestanden und zu ihrer eigenen Decke zurueckgekehrt.

Moschusmond sagte: "Bist du etwa in diesem Kunstreiter-Kostuem nach draussen gelaufen?"

Schatzjade laechelte: "Aber ja, genau so."

Moschusmond sagte: "Du suchst dir aber auch keinen guten Tag zum Sterben aus! Wenn du draussen herumstehst, springt dir ja die Haut vor Kaelte!"

Damit nahm sie den durchbrochenen Kupferaufsatz vom Kohlenbecken, schob mit der Feuerschaufel die gluehenden Kohlen zurecht und legte zwei Stuecke Raeucherholz auf. Dann setzte sie den Aufsatz wieder drauf, ging hinter den Wandschirm, putzte den Lampendocht zurecht und legte sich erst dann schlafen.

Heitermuster, die sich erst abgekuehlt und dann wieder aufgewaermt hatte, nieste unwillkuerlich zweimal.

Schatzjade seufzte: "Was habe ich gesagt? Du hast dir doch eine Erkaeltung geholt."

Moschusmond laechelte: "Schon heute Morgen klagte sie, sie fuehle sich nicht wohl, und hat den ganzen Tag nichts gegessen. Und statt sich jetzt zu schonen, muss sie noch anderen Streiche spielen. Wenn sie morgen krank ist, hat sie es sich selbst zuzuschreiben."

Schatzjade fragte: "Hast du eine heisse Stirn?"

Heitermuster huestelte zweimal und sagte: "Es ist nichts. Seit wann waere ich so zart besaitet?"

Kaum hatte sie das gesagt, schlug die Spieluhr im Zierregal draussen zweimal. Die alte Amme, die im Vorraum Nachtwache hielt, rausperte sich und sagte: "Maedchen, schlaft jetzt! Unterhaltet euch morgen weiter."

Schatzjade fluesterte laechelnd: "Wir sollten still sein, sonst hat sie wieder etwas an uns auszusetzen." Damit legten sich alle schlafen.

Am naechsten Morgen hatte Heitermuster tatsaechlich eine verstopfte Nase und eine belegte Stimme und mochte sich nicht ruehren.

Schatzjade sagte: "Sag schnell keinen Ton! Wenn die gnaedige Frau es erfaehrt, laesst sie dich nach Hause bringen, bis du gesund bist. Zu Hause ist es zwar auch schoen, aber kaelter als hier. Bleib lieber hier und leg dich im Innenzimmer hin. Ich lasse einen Arzt holen, der heimlich durch die Hintertuer kommt und dich untersucht."

Heitermuster sagte: "Schon recht, aber du musst es der aelteren jungen Herrin [Anm.: Frau Li] mitteilen. Wenn ploetzlich ein Arzt kommt und man fragt, was los ist, was sagst du dann?"

Schatzjade sah ein, dass sie recht hatte, und befahl einer alten Amme: "Geh zur aelteren jungen Herrin und melde ihr, Heitermuster habe sich ein wenig verkaeltet, es sei nichts Ernstes. Da Dufthauch nicht da ist und Heitermuster nach Hause ginge, haette ich hier gar niemanden mehr. Ich habe bereits einen Arzt rufen lassen, der still und leise durch die Hintertuer kommt, um sie zu untersuchen. Man moege es bitte nicht der gnaedigen Frau melden."

Die Alte ging und kam nach einiger Zeit zurueck: "Die aeltere junge gnaedige Frau weiss Bescheid. Sie sagt, wenn ein, zwei Dosen Medizin genuegen, sei alles gut. Wenn nicht, muesse sie das Anwesen verlassen. Bei diesem Wetter sei es zwar nicht so schlimm, wenn sich jemand anstecke, aber man muesse auf die Gesundheit der Fraeulein achten."

Heitermuster lag im warmen Alkoven und hustete unablaessig. Als sie diese Worte hoerte, rief sie wuetend: "Habe ich etwa die Pest, dass man fuerchten muss, ich stecke jemanden an? Ich gehe! Aber dann moechte ich nicht erleben, dass hier je wieder jemand Kopfschmerzen bekommt!" Und tatsaechlich wollte sie aufstehen.

Schatzjade drueckte sie eilig nieder und redete ihr laechelnd zu: "Reg dich nicht auf. Sie tut nur ihre Pflicht und fuerchtet, die gnaedige Frau koennte ihr Vorwuerfe machen, falls sie davon erfaehrt. Sie hat das nur so gesagt. Doch du musst dich immer gleich ereifern, und jetzt ist deine Leber ohnehin schon erhitzt."

Waehrend er noch sprach, wurde gemeldet, der Arzt sei da. Schatzjade ging hinueber und verbarg sich hinter dem Buecherregal. Er sah, wie zwei, drei alte Ammen vom Hintertor einen Arzt hereinführten. Die Maedchen hatten sich alle zurueckgezogen. Drei, vier alte Ammen liessen die grossen roten bestickten Vorhaenge des warmen Alkovens herab, und Heitermuster streckte nur ihren Arm darunter hervor.

Als der Arzt diese Hand sah — an der zwei Fingernaegel, gut drei Zoll lang, noch rote Spuren von Balsaminen-Faerbung trugen —, wandte er sofort den Blick ab. Eine der alten Ammen legte rasch ein Tuch ueber die Hand. Erst dann fuehlte der Arzt eine Weile den Puls, stand auf und ging in den Vorraum. Dort erklaerte er den Ammen: "Das Fraeulein leidet an einer aeusserlichen Infektion mit innerlicher Stauung. In letzter Zeit war das Wetter schlecht — es handelt sich im Grunde um eine leichte Erkaeltung. Gluecklicherweise isst und trinkt das Fraeulein von Natur aus maessig, und die Erkaeltung ist nicht schwer. Nur weil die Konstitution etwas zart ist, hat sie sich etwas zugezogen. Nach ein, zwei Dosen aufloesender Medizin wird sie wieder gesund sein." Nach diesen Worten folgte er den Ammen nach draussen.

Inzwischen hatte Frau Li bereits allen am Hintertor und den Maedchen in saemtlichen Gartenhaeusern Bescheid geben lassen, sich zurueckzuziehen, sodass der Arzt nur die Gartenlandschaft zu sehen bekam und kein einziges Maedchen erblickte. Draussen am Gartentor setzte er sich in der Wachstube der Burschen hin und schrieb das Rezept.

Die alte Amme sagte: "Geht noch nicht, Herr Doktor. Unser junger Herr ist etwas umstaendlich und hat vielleicht noch Fragen."

Der Arzt fragte verdutzt: "War das eben kein Fraeulein, sondern ein junger Herr? Das Zimmer sah aus wie ein Frauengemach, und die Vorhaenge waren herabgelassen — wie kann das ein junger Herr sein?"

Die alte Amme fluestyle leise und laechelte: "Mein guter Herr Doktor, kein Wunder, dass die Burschen vorhin sagten, es sei ein neuer Arzt gekommen — Ihr kennt unsere Verhaeltnisse wirklich nicht. Das Zimmer gehoert unserem jungen Herrn, und die Kranke ist ein Maedchen aus seinem Haushalt — ein aelteres Dienstmaedchen, kein Fraeulein. Waere es ein Frauengemach gewesen und die Kranke ein Fraeulein, haettet Ihr so leicht nicht hineinkommen duerfen."

Damit nahm sie das Rezept und brachte es hinein.

Schatzjade las es: Schwarznessel, Ballonblumenwurzel, Siler, Katzenminze und anderes, und am Ende sogar noch Bitterorange und Ephedra.

Schatzjade rief: "Der Teufel soll ihn holen! Er behandelt ein Maedchen genauso wie unsereins — wie kann das angehen! Ganz gleich, was fuer eine innerliche Stauung sie hat — Bitterorange und Ephedra, wie soll sie die vertragen? Wer hat ihn herbeigerufen? Schickt ihn sofort weg! Wir lassen einen erfahrenen Arzt kommen."

Eine alte Amme sagte: "Ob die Medizin taugt oder nicht, davon verstehen wir nichts. Es ist auch nicht schwer, einen der Burschen zu schicken und Hofarzt Wang herzubitten. Nur — dieser Arzt hier wurde nicht ueber die Hauptverwaltung bestellt, darum muessen wir ihm das Geld fuer Saenfte und Pferd bezahlen."

Schatzjade fragte: "Wieviel muss man ihm geben?"

Die Alte sagte: "Weniger als ein Liang Silber geht nicht — das waere nicht standesgemaess fuer ein Haus wie unseres."

Schatzjade fragte weiter: "Und Hofarzt Wang — wieviel bekommt der?"

Die Alte laechelte: "Hofarzt Wang und Hofarzt Zhang kommen staendig zu uns, aber sie werden nicht einzeln bezahlt. Viermal im Jahr, zu den grossen Feiertagen, schicken wir reichlich Geschenke — das ist das feste Jahressalahr. Dieser Arzt hier aber war zum ersten Mal da, da muss ihm ein Liang Silber gezahlt werden."

Schatzjade befahl Moschusmond, Silber zu holen. Moschusmond sagte: "Ich weiss nicht einmal, wo Schwester Dufthauch es aufbewahrt."

Schatzjade sagte: "Ich habe oefter gesehen, wie sie aus dem kleinen Perlmuttschraenkchen Geld nahm. Komm, wir suchen zusammen." Also gingen beide in den Raum, wo Schatzjades Habseligkeiten aufbewahrt wurden, und oeffneten das Perlmuttschraenkchen. Im oberen Fach lagen Pinsel, Tusche, Faecher, Raeuchertabletten, allerlei Taeschchen und Schweisstuecher. Im unteren Fach lagen ein paar Muenzschruere. Erst als sie die Schublade oeffneten, fanden sie in einem kleinen Koerbchen einige Silberstuecke und auch eine Balkenwaage.

Moschusmond nahm ein Silberstueck und hielt die Waage hoch: "Welche Markierung ist denn ein Liang?"

Schatzjade lachte: "Das fragst du mich? Interessant — du tust ja, als waerst du gerade erst hergekommen."

Moschusmond lachte ebenfalls und wollte jemand anderen fragen gehen. Schatzjade sagte: "Nimm einfach das groessere Stueck und gib es ihm — das reicht. Wir betreiben doch keinen Handel, wozu das ganze Rechnen!"

Moschusmond legte die Waage zurueck, nahm das groessere Silberstueck und wog es in der Hand: "Dieses Stueck duerfte wohl ein Liang sein. Lieber ein wenig mehr als zu wenig — sonst lacht uns dieser arme Schlucker aus. Er wuerde nicht denken, wir koennten nicht mit der Waage umgehen, sondern meinen, wir waeren absichtlich geizig."

Die alte Amme stand draussen auf der Stufe und laechelte: "Das ist ein halber Fuenf-Liang-Barren — dieses Stueck wiegt mindestens zwei Liang! Wir haben gerade keine Silberschere zur Hand, also legt dieses Stueck zurueck und sucht ein kleineres."

Aber Moschusmond hatte das Schraenkchen laengst zugemacht und kam laechelnd heraus: "Wer sucht denn noch weiter! Wenn es etwas mehr ist, nehmt Ihr es eben mit." Schatzjade sagte: "Beeile dich lieber und lass Mingyan Hofarzt Wang herbeirufen."

Die Alte nahm das Silber und ging, alles zu regeln.

Bald darauf kam tatsaechlich Hofarzt Wang, von Mingyan herbeigefuehrt. Er fuehlte den Puls und kam zu einem aehnlichen Befund wie sein Vorgaenger, nur enthielt sein Rezept statt Bitterorange und Ephedra solche Bestandteile wie Angelikawurzel, getrocknete Mandarinenschale und weisse Paeonien-Wurzel, und auch die Dosierungen waren geringer.

Schatzjade freute sich: "Das ist endlich Medizin fuer Maedchen! Eine aufloesende Wirkung muss sein, aber sie darf nicht zu stark sein. Als ich letztes Jahr krank war — es war ebenfalls eine Erkaeltung mit Verdauungsbeschwerden —, meinte er nach der Untersuchung, selbst ich vertrüge keine Wolfs-und-Tiger-Arzneien wie Ephedra, Gips und Bitterorange. Verglichen mit euch bin ich wie eine jahrzehntealte Espe auf einem verwilderten Grabhügel, und ihr seid wie die eben erst aufgebluehten weissen Begonien, die Yun mir letzten Herbst schenkte. Wenn nicht einmal ich solche Medizin vertrage — wie dann erst ihr?"

Moschusmond und die anderen lachten: "Auf verwilderten Grabhuegeln wachsen nicht nur Espen! Gibt es dort nicht auch Kiefern und Zypressen? Espen mag ich am wenigsten — so ein grosser plumper Baum mit winzigen Blaettern, selbst wenn kein Lueftchen weht, raschelt er wie wild. Dich damit zu vergleichen ist wirklich zu abwertend."

Schatzjade laechelte: "Mit Kiefern und Zypressen wage ich mich nicht zu vergleichen. Hat nicht schon Konfuzius gesagt: 'Erst wenn es kalt wird, erkennt man, dass Kiefer und Zypresse zuletzt ihre Nadeln verlieren.' [Anm.: Lunyu 9.28] Das zeigt, wie edel und erhaben diese Baeume sind. Nur wer sich nicht schaemt, vergleicht sich frech mit ihnen."

Waehrend er sprach, brachte eine alte Amme die Arzneizutaten. Schatzjade befahl, den silbernen Arzneitiegel hervorzusuchen und die Medizin auf dem Kohlenbecken zu kochen.

Heitermuster wandte ein: "Lass die Arznei in der Teekueche kochen, wie es sich gehoert. Wenn hier alles nach Medizin riecht, geht das nicht an."

Schatzjade sagte: "Der Duft von Arznei ist edler als aller Blumen- und Fruechteduft. Wenn unsterbliche Goetter Kraeuter sammeln und Medizin brauen, wenn erhabene Einsiedler Heilmittel zubereiten — das ist die feinste Sache der Welt. Ich hatte schon gedacht, dass in diesem Raum alles Moegliche vorhanden ist, nur der Arzneiduft fehlte noch. Jetzt ist endlich alles vollstaendig." Und er befahl erneut, den Tiegel aufzusetzen. Dann wies er Moschusmond an, ein paar Dinge zusammenzupacken und eine alte Amme zu Dufthauch zu schicken, um ihr zuzureden, nicht so viel zu weinen.

Nachdem alles geregelt war, ging er hinueber zu Herzoginmutter [贾母] und Dame Wang, um seinen Gruss zu entbieten und zu essen.

Dort sprach Phoenixglanz gerade mit der Herzoginmutter und Dame Wang: "Die Tage sind kurz und es ist kalt. Am besten essen die aeltere Schwaeglerin und die Fraeulein kuenftig im Garten. Wenn die Tage laenger und waermer werden, koennen sie ja wieder herueeber- und hinueberlaufen."

Dame Wang laechelte: "Das ist eine gute Idee. Bei Wind und Schnee ist das wirklich angebrachter. Nach dem Essen die Kaelte abzubekommen ist nicht gut; mit leerem Magen in der kalten Luft herzukommen und dann etwas auf den kalten Magen zu druecken ist auch nicht gut. In dem grossen Fuenf-Joch-Gebaeude hinter dem Gartentor halten ohnehin Frauen Nachtwache. Wir waehlen zwei Koechinnen aus, die dort eigens fuer die Maedchen kochen. Frisches Gemuese gibt es nach dem ueblichen Satz — die Hauptverwaltung gibt ihnen Geld oder Waren. Was Wildbret angeht — Fasane, Moschushirsche, Rehe und dergleichen —, teilen wir ihnen etwas zu, dann ist alles geregelt."

Die Herzoginmutter sagte: "Genau daran habe ich auch schon gedacht. Nur fuerchtete ich, eine zusaetzliche Kueche einzurichten sei zu umstaendlich."

Phoenixglanz sagte: "Das ist gar nicht umstaendlich. Die Zuteilungen bleiben gleich — was hier hinzukommt, wird dort abgezogen. Selbst wenn es etwas mehr Muehe macht — die jungen Maedchen in Wind und Kaelte! Von den anderen einmal abgesehen, aber gerade Schwester Lin [Anm.: Kajaljade] — wie soll sie das aushalten? Und selbst Bruder Schatzjade ertraegt es kaum, geschweige denn die uebrigen Fraeulein."

Die Herzoginmutter sagte: "Das ist genau der springende Punkt. Schon neulich wollte ich es ansprechen, aber ich sah, dass ihr mit wichtigeren Dingen mehr als genug zu tun hattet. Wenn jetzt auch das noch hinzukaeme ..." — Doch was daraus wurde, erzaehlt das naechste Kapitel.

Anmerkungen

  1. Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange".
  2. Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".
  3. Heitermuster: Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Muster/Klares Gewölk". Schatzjades zweite Kammerzofe.

Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本).