Hongloumeng/de/Chapter 56
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Kapitel 56
Tanchun ersinnt weise Reformen und setzt Verwalterinnen fuer den Garten ein. Schatzspange haelt eine kluge Rede und gewinnt die Herzen der alten Dienerinnen.
Friedchen hatte Phoenixglanz beim Essen Gesellschaft geleistet und ihr beim Mundspuelen und Haendewaschen geholfen, dann machte sie sich auf den Weg zu Tanchun. Im Hof war es still; nur die Zofen und alten Frauen des inneren Haushalts warteten draussen vor den Fenstern.
Friedchen trat in die Halle ein. Die drei Damen berieten gerade ueber Haushaltsangelegenheiten und sprachen eben von dem Fest, das die Familie Lai gegen Jahresende gegeben hatte, und von den Dingen, die ihnen in deren Garten aufgefallen waren. Als Friedchen kam, wies ihr Tanchun einen Platz auf dem Fussschemel an und sagte: „Was ich vorhabe, hat keinen besonderen Anlass. Mir ist aufgefallen, dass wir jeden Monat zwei Liang Silber erhalten und die Zofen darueber hinaus auch noch ein eigenes Monatsgeld bekommen. Neulich hat nun jemand beantragt, dass uns fuer den monatlichen Bedarf an Haaroel, Schminke und Puder pro Person noch einmal zwei Liang ausgezahlt werden. Das ist genau dasselbe wie vorhin mit den acht Liang fuer die Schule — alles wird doppelt berechnet. Das sind zwar nur Kleinigkeiten und die Betraege sind gering, aber angemessen erscheint es mir nicht. Warum ist das deiner Herrin nicht aufgefallen?“
Friedchen erwiderte laechelnd: „Die Sache hat ihren Grund. Fuer die Beduerfnisse der Fraeulein muessen selbstverstaendlich Mittel bereitstehen. Jeden Monat kaufen die Einkaufer die Sachen ein und lassen sie durch die Dienerinnen auf die einzelnen Haeuser verteilen, wo wir sie in Verwahrung nehmen, damit die Fraeulein sie gebrauchen koennen. Es gibt doch keinen Grund, warum jede von uns taeglich selbst Geld nehmen und jemanden suchen sollte, der mal Haaroel und dann wieder Schminke und Puder kaufen geht. Darum kaufen die Einkaufer draussen alles zusammen ein und lassen es monatsweise an uns verteilen.
Die zwei Liang Silber, die die Fraeulein monatlich bekommen, sind nicht dafuer bestimmt, solche Dinge zu kaufen. Sie sind eigentlich dafuer gedacht, dass die Fraeulein nicht erst jemanden losschicken muessen, wenn sie ploetzlich etwas Geld brauchen, waehrend die Haushaltsfuehrerin oder die gnaedige Frau vielleicht nicht da oder nicht frei sind. Es soll den Fraeulein peinliche Situationen ersparen. Also hat die Zahlung dieser Gelder nichts damit zu tun, dass dafuer solche Sachen gekauft werden sollen.
Bei nuchterner Betrachtung habe ich jedoch bemerkt, dass die Zofen in den einzelnen Hauesern tatsaechlich zur Haelfte ihre eigenen Sachen fuer Geld kaufen lassen. Darum vermute ich, dass uns die Einkaufer entweder an der Nase herumfuehren und die Sachen deshalb immer ein paar Tage zu spaet bringen, oder aber sie kaufen keine einwandfreie Ware und bringen uns nur zum Schein irgendwelchen Schund, der nicht zu verwenden ist.“
Tanchun und Frau Li sagten laechelnd: „Also hast auch du die Augen offengehalten und es bemerkt! An der Nase herumfuehren wuerden sie uns nicht, das wuerden sie nicht wagen. Aber sie schieben alles auf die lange Bank, und wenn man sie mahnt, es sei dringend, dann besorgen sie die Sachen wer weiss woher — nur dem Namen nach, gebrauchen kann man das Zeug nicht. Also muss man die Sachen doch gegen Barzahlung kaufen lassen, von diesen zwei Liang Silber dafuer nehmen und jemandes Amme oder den Sohn eines Verwandten beauftragen, sie zu kaufen — dann erst sind sie zu verwenden. Beauftragt man naemlich jemand von der Verwaltung damit, sind die Sachen auch wieder von derselben schlechten Sorte. Wer weiss, wie sie das machen! Es muessen wohl alles Dinge sein, die schon im Laden verdorben und unbrauchbar geworden sind — das schleppen sie an und halten es eigens fuer uns bereit.“
Friedchen erwiderte laechelnd: „Wenn das, was die Einkaufer bringen, von der schlechten Sorte ist, und nun bringt jemand aus der Verwaltung etwas Gutes, dann finden sich die Einkaufer natuerlich nicht ohne weiteres damit ab. Sie sagen, der habe boese Absichten und wolle ihnen den Posten wegschnappen. Darum bleibt denen aus der Verwaltung gar keine Wahl: Lieber vergehen sie sich gegen Euch hier drinnen als gegen die Verantwortlichen draussen. Ihr koennt also niemand anders beauftragen als die Ammen — dann wagt keiner, seine Unzufriedenheit zu aeussern.“
Tanchun sagte: „Es beunruhigt mich, dass das Geld doppelt ausgegeben und die Haelfte der Sachen weggeworfen wird. Wenn man das zusammenrechnet, ist es ein zweifacher Verlust. Darum ist es am besten, die monatlichen Zahlungen an die Einkaufer ganz einzustellen. Das ist das erste. Und nun zum zweiten! Als wir gegen Jahresende im Hause von Lai Da gewesen sind, warst du doch auch mit. Wie fandest du seinen kleinen Garten im Vergleich zu unserem?“
Friedchen antwortete laechelnd: „Er war nicht einmal halb so gross wie unserer, und Baecume und Blumen wuchsen dort auch viel weniger als bei uns.“
Tanchun fuhr fort: „Ich habe mich mit einer Tochter des Hauses darueber unterhalten. Zu meinem Erstaunen liefert ihnen dieser Garten nicht nur Blumen zum Schmuck sowie Bambussprossen, Gemuese, Fische und Krebse zum Essen — sie ueberlassen ihn vielmehr jemand zur Bewirtschaftung und erzielen zum Jahresende einen Ueberschuss von vollen zweihundert Liang Silber. Seitdem erst weiss ich, dass auch ein zerrissenes Lotosblatt und ein trockener Grashalm noch ihren Wert haben.“
Schatzspange lachte: „Das ist wahrhaftig der richtige Gespraechsstoff fuer ein Kind aus vornehmster Familie, das nur vom Besten isst und sich in Seide kleidet! Auch wenn Ihr als Toechter aus reichem Hause eigentlich nichts von diesen Dingen wisst — Ihr habt doch alle Buecher gelesen und koennt schreiben. Habt Ihr dabei nicht den Aufsatz ›Man wirft sich nicht weg‹ von Meister Zhu gelesen?“
Tanchun sagte laechelnd: „Gelesen habe ich ihn schon, aber das sind doch nur Ermutigungen zur Selbststaerkung, schoene Worte und leere Vergleiche. Wo gaebe es das in der Wirklichkeit?“
Schatzspange erwiderte: „Schoene Worte und leere Vergleiche bei Meister Zhu? Da ist jeder Satz Wirklichkeit! Kaum fuehrst du ein paar Tage den Haushalt, schon vernebelt dir die Gewinnsucht das Herz, und du haeltst Meister Zhus Worte fuer leeres Gerede. Wenn du erst einmal hinausgehst und die grossen Dinge kennenlernst, bei denen es um wirklichen Gewinn und wirklichen Verlust geht, wirst du wohl sogar Konfuzius fuer einen Schwaetzer halten!“
Tanchun gab laechelnd zurueck: „Und du als so gebildete Person hast wohl die Werke der Meister nicht gelesen? Bei Meister Ji heisst es: ›Wer zu den Staetten von Reichtum und Ruhm aufsteigt und im Bereich von Planung und Leitung verharrt, der stiehlt seine Worte bei Yao und Shun, von der Lehre des Konfuzius und des Meister Meng aber kehrt er sich ab.‹“
Schatzspange fragte laechelnd: „Und wie geht der naechste Satz?“
Tanchun lachte: „Ich greife nur den einen heraus, um den es mir hier geht. Soll ich mit dem naechsten Satz vielleicht mich selbst beschimpfen?“
Schatzspange sagte: „Es gibt nichts auf der Welt, wofuer es keine Verwendung gaebe; und was man verwenden kann, das ist Geldes wert. Wie schade, dass ein so kluger Mensch wie du diese wahren und bedeutsamen Tatsachen noch nicht erfahren hat! Es ist wirklich bedauerlich, dass du erst so spaet darauf kommst.“
Frau Li warf laechelnd ein: „Erst bestellt Ihr Euch jemand her, und dann breitet Ihr Eure Gelehrsamkeit voreinander aus, anstatt vom Eigentlichen zu reden!“
Schatzspange belehrte sie: „Gerade in dieser Gelehrsamkeit liegt das Eigentliche. Wenn wir diese Kleinigkeiten mit Hilfe unserer Kenntnisse anpacken, heben wir sie auf eine hoehere Stufe. Tun wir das aber nicht, dann werden sie zum profanen Marktklatsch.“
So neckten die drei einander mit Worten, und als sie eine Zeitlang gescherzt und geplaudert hatten, sprachen sie wieder vom Wesentlichen.
Tanchun nahm den Faden wieder auf: „Unser Garten ist nur doppelt so gross wie der dort. Rechnen wir also das Doppelte, dann macht das einen Gewinn von vierhundert Liang Silber im Jahr. Wenn wir ebenfalls die Produkte verkaufen wollten, um Silber zu erloesen, waere das natuerlich sehr kleinlich und nicht das Richtige fuer eine Familie wie die unsere. Aber wenn wir nicht ein paar Verantwortliche dafuer bestimmen, wird so vieles, was Geldeswert hat, einfach der Willkuer der Leute ueberlassen, und das ist wohl auch ›Vernichtung von himmlischen Gaben‹.
Darum ist es am besten, unter all den alten Muettern im Garten einige auszusuchen, die einen erprobten Charakter haben und sich im Gartenbau auskennen, und sie einzusetzen, um alles in Ordnung zu halten und zu pflegen. Wir muessen ja nicht von ihnen verlangen, dass sie Pacht oder Abgaben zahlen — wir koennen es ihnen ueberlassen, was sie uns von den Produkten im Laufe des Jahres darbringen. Auf diese Weise waere zum einen jemand fest verantwortlich fuer die Pflege der Blumen und Baeume, sodass sie von Jahr zu Jahr schoener werden und keine Notwendigkeit besteht, sie im Notfall Hals ueber Kopf in Ordnung zu bringen.
Zweitens wuerde nichts verdorben oder sinnlos zerstoert. Drittens wuerden die alten Muetter dadurch einen kleinen Ausgleich fuer die viele Muehe erhalten, die sie Jahr fuer Jahr im Garten haben. Und viertens koennten wir auch die Arbeitsloehne fuer Blumengaertner, Gartengestalter und Reiniger einsparen und die Ueberschuesse benutzen, um anderswo Fehlendes zu ersetzen. Nichts spricht dagegen.“
Schatzspange, die eben aufgestanden war, um die Kalligraphien und Bilder an den Waenden zu betrachten, nickte bei jeder dieser Ueberlegungen, und als Tanchun fertig war, sagte sie laechelnd: „Bestens! Drei Jahre, und es wird keine Hungersnot mehr geben!“
Frau Li bestaetigte ebenfalls laechelnd: „Das ist ein guter Gedanke! Wenn das tatsaechlich verwirklicht wird, wird sich die gnaedige Frau bestimmt freuen. Dass Geld gespart wird, ist noch das wenigste. In erster Linie geht es darum, dass fuer Sauberkeit gesorgt wird, dass jeder seine feste Verantwortung hat und dass den Leuten ausserdem erlaubt wird, durch den Verkauf der Produkte Geld zu verdienen. Befehligt man die Menschen mittels Autoritaet und bewegt man sie mittels Gewinn, so wird es niemanden mehr geben, der nicht seine Pflicht erfuellt.“
Friedchen sagte: „Vorbringen muesst Ihr das aber, Fraeulein! Unsere junge Herrin denkt zwar genauso, aber sie kann es schlecht aussprechen. Die Fraeulein wohnen jetzt im Garten. Wenn man, anstatt zusaetzliche Anschaffungen zu machen, eine Aufsicht einfuehrt und Ordnung schafft, um Geld zu sparen — das kann unmoeglich die junge Herrin vorschlagen.“
Schatzspange ging rasch zu Friedchen hinueber, beruehrte mit der Hand ihre Wange und sagte laechelnd: „Mach mal den Mund auf, ich will sehen, woraus deine Zaehne und deine Zunge gemacht sind! Von heute morgen bis jetzt hattest du zu jeder Sache auf deine Weise etwas zu sagen, aber weder schmeichelst du dem dritten Fraeulein, noch gibst du zu, dass deine Herrin nicht so begabt ist, an alles zu denken. Was das dritte Fraeulein auch vorbrachte, nie hast du einfach ja dazu gesagt. Auf jeden Vorschlag von ihr hattest du eine Antwort parat. Alles, was ihr einfiel, war auch deiner Herrin schon eingefallen, nur gab es stets einen Grund, warum es nicht zu verwirklichen war.
Jetzt ist es wieder so: Weil die Fraeulein im Garten wohnen, kann man nicht um des Sparens willen eine Aufsicht einfuehren. Ueberlegt Euch das einmal! Wenn man den Leuten wirklich den Garten ueberlasst, damit sie Gewinn daraus schoepfen, werden sie natuerlich nicht erlauben, dass auch nur eine Blume gepflueckt oder eine Frucht angeruehrt wird. Euch gegenueber werden sie das freilich nicht wagen, aber mit den Zofen wird es taeglich endlosen Streit geben. So bedenkt Friedchen alles Nah- und Fernliegende sorgsam, widerspricht weder dem dritten Fraeulein noch setzt sie ihre Herrin herab. Wenn ihre Herrin das hoeren koennte, muesste sie sich schaemen und zu unserer guten Freundin werden, wenn sie es nicht schon waere!“
Tanchun sagte laechelnd: „Heute morgen hatte ich den Bauch voll Wut, und als ich hoerte, dass Friedchen kommt, fielen mir sofort ihre Herrin und all die Leute ein, die sie durch ihre Haushaltsfuehrung zur Schamlosigkeit erzogen hat. Ich wurde nur umso wuetender, als ich Friedchen sah. Doch sie stand die ganze Zeit da wie eine Maus, die sich vor der Katze versteckt — ein wahres Bild des Jammers. Und dann hat sie diese Worte gesagt.
Nicht dass ihre Herrin gut zu mir sei, hat sie betont, sondern von meiner Freundschaft gegenueber ihrer Herrin hat sie gesprochen. Nach diesen Worten war nicht nur meine Wut verraucht — ich schaemte mich vielmehr und war auch betruebt. Denn wenn ich es recht bedenke: Ich bin ein Maedchen, das es soweit gebracht hat, dass es von niemandem gemocht und von niemandem beachtet wird — wo sollte ich da Vorzuege besitzen, die mich befaehigen, gut mit anderen umzugehen?“ Waehrend sie sprach, liefen ihr unwillkuerlich Traenen ueber das Gesicht.
Frau Li und die anderen hatten bemerkt, wie ernst es Tanchun war. Sie dachten auch daran, wie Tanchun staendig von Nebenfrau Zhao herabgesetzt und selbst von Frau Wang ihretwegen in Schwierigkeiten gebracht wurde. Da brachen auch sie unwillkuerlich in Traenen aus, mahnten aber zugleich: „Wir sollten es ausnutzen, dass jetzt Ruhe herrscht, und ein paar Massnahmen beraten, die Nutzen bringen und Schaeden beseitigen koennen, damit die gnaedige Frau sieht, sie hat uns nicht umsonst eingesetzt! Wozu also wieder diese Nebensaechlichkeiten aufruehren?“
Friedchen fiel rasch ein: „Ich habe alles verstanden. Also sagt nur, wer die geeigneten Leute sind, Fraeulein! Diese werden dann eingesetzt, und damit basta!“
Tanchun erwiderte: „Das sagst du so leicht! Erst musst du deiner Herrin Bescheid sagen. Schon dass wir hier nach jeder kleinsten Reserve fahnden, ist eigentlich nicht recht. Das kann ich mir nur erlauben, weil deine Herrin ein verstaendiger Mensch ist. Waere sie dumm, neidisch und ungerecht, dann haette ich es nicht getan — es koennte so aussehen, als wollte ich sie ausstechen. Wie ginge es also ohne Absprache mit ihr?“
Friedchen willigte ein: „Dann sage ich ihr Bescheid.“ Schon ging sie los. Als sie nach einiger Zeit wiederkam, verkuendete sie laechelnd: „Ich habe es doch gesagt, dass ich den Weg umsonst machen wuerde! Wie sollte die junge Herrin einem so guten Plan nicht zustimmen!“
Als Tanchun dies gehoert hatte, befahl sie mit Frau Li zusammen, man solle die Namensliste aller alten Dienerinnen bringen, die zum Garten gehoerten. Gemeinsam gingen sie die Namen pruefend durch und legten einige vorlaeufig fest. Anschliessend wurden die Frauen alle zusammen hereingeholt, und Frau Li erklaerte ihnen in groben Zuegen, worum es ging.
Keine der Frauen hatte etwas einzuwenden. Die eine sagte: „Ueberlaesst mir den Bambushain! In einem Jahr wird er doppelt so dicht sein. Abgesehen von den Bambussprossen, die das Haus zum Essen braucht, kann ich noch einiges an Geld abliefern.“ Eine andere versprach: „Wenn Ihr mir das Reisfeld ueberlaesst, braucht fuer das Futter saemtlicher Ziervoegel kein Geld mehr aus der Kasse genommen zu werden, und ich kann sogar noch Geld abliefern.“
Gerade wollte Tanchun etwas sagen, da wurde gemeldet, der Arzt sei gekommen, um im Garten nach den Fraeulein zu sehen. Die alten Dienerinnen mussten also aufbrechen, um ihn abzuholen.
Friedchen mischte sich rasch ein: „Selbst wenn hundert von euch gehen, ist das kein ordentliches Auftreten. Sind denn nicht ein paar Verantwortliche da, die den Arzt hereinbegleiten koennen?“
Die Frau, die die Meldung gebracht hatte, sagte: „Ja, Frau Wu und Frau Shan sind da. Sie warten in der Suedwestecke am Tor des Geschichteten Brokats.“
Nun erst gab sich Friedchen zufrieden.
Nachdem die alten Frauen gegangen waren, fragte Tanchun Schatzspange: „Was meinst du?“
Schatzspange antwortete laechelnd: „Wer am Anfang gluecklich ist, wird am Ende traege; wer schoene Worte macht, giert nach Gewinn.“
Tanchun nickte zustimmend, dann wies sie auf einige Namen in dem Heft und zeigte sie den drei anderen. Friedchen holte eilig Schreibpinsel und Tusche. Die drei sagten: „Diese Mutter Zhu hier waere zuverlaessig, zumal auch ihr Alter und ihr Sohn seit Generationen den Bambus pflegen. Darum sollten wir ihr alle Bambuspflanzungen im Garten ueberlassen. Und die Mutter Tian hier stammt urspruenglich vom Lande. Die Gemueseaecker und Reisfelder rund um das Reisduftdorf sind zwar nur Spielerei und brauchen nicht grossartig bestellt und gepfluegt zu werden, aber waere es nicht besser, wenn sie sich darum kuemmerte und sie den Jahreszeiten gemaess bestellte?“
Tanchun bemerkte mit bedauerndem Laecheln: „Schade, dass an zwei so ausgedehnten Orten wie dem Haselwurzpark und dem Hof der Freude am Roten nichts waechst, was einen Gewinn abwirft.“
Aber sofort erklaerte Frau Li, ebenfalls laechelnd: „Der Haselwurzpark wird sogar besonders eintraeglich sein! Die Duftstoffe und Duftkraeuter, die heutzutage in den Spezereihandlungen und auf den grossen Maerkten und Tempelmessen gehandelt werden — das sind doch genau diese Pflanzen! Rechnet man das zusammen, ist der Gewinn groesser als anderswo.
Und was den Hof der Freude am Roten betrifft — ganz abgesehen von anderem: Allein die Zimtrosen bringen im Fruehling und Sommer unzaehlige Blueten hervor! Dazu kommen noch die Wildrosen, die Monatsrosen und all die anderen Sorten am Flechtzaun. Wenn schon diese einfachen Blumen getrocknet und an Tee- und Arzneimittelhandlungen verkauft werden, bringt das allein schon einiges Geld.“
Tanchun laechelte: „So ist das also! Nur schade, dass wir niemanden haben, der sich auf diese Kraeuterpflanzen versteht.“
Friedchen warf eilig und laechelnd ein: „Die Mutter von Fraeulein Schatzspanges Oriole versteht etwas davon! Einmal hatte sie Blueten gepflueckt und getrocknet und mir dann Bluetenkoerbe und -kuerbisse daraus geflochten. Habt Ihr das schon vergessen?“
Schatzspange sagte laechelnd: „Eben habe ich dich gelobt, und jetzt kommst du mir so!“
Die drei fragten verwundert: „Wie meinst du das?“
Schatzspange erklaerte: „Orioles Mutter darf auf gar keinen Fall damit betraut werden! Ihr habt hier so viele taugliche Leute, fuer die es nichts zu tun gibt, und dann soll ich vielleicht noch jemand von uns herschicken? Da wuerden diese Frauen auch von mir gering denken. Ich weiss jemand anders fuer euch. Im Hof der Freude am Roten gibt es eine alte Mutter Ye — das ist die Mutter von Mingyan, dem Diener Schatzjades. Sie ist eine ehrliche alte Haut, und sie versteht sich ausgezeichnet mit der Mutter von unserer Oriole. Darum waere es am besten, diese Aufgabe Mutter Ye zu uebertragen.
Wenn sie etwas nicht weiss, wird sie sich auch ohne unser Zutun an Orioles Mutter um Rat wenden. Und selbst wenn sich Mutter Ye ueberhaupt nicht darum kuemmert und alles Orioles Mutter ueberlaesst, so ist das ihre Privatangelegenheit. Sollten die Leute darueber reden, trifft ihr Groll nicht uns. Wenn Ihr es so macht, handelt Ihr gerecht, und die Sache ist in besten Haenden.“
„Vortreffllich!“ erklaerten Frau Li und Friedchen.
„Ich fuerchte nur, angesichts des Nutzens koennte sie die Pflichten der Freundschaft vergessen“, wandte Tanchun laechelnd ein.
Friedchen versicherte ebenfalls laechelnd: „Bestimmt nicht! Neulich erst ist Mutter Ye die Ehrenmutter von Oriole geworden, und sie waren zum Essen und Wein eingeladen. Die beiden Familien sind engstens miteinander befreundet.“
Tanchun gab sich zufrieden. Dann einigten sie sich noch auf mehrere andere Frauen, an denen sie alle vier durch nuechterne Betrachtung schon lange Gefallen gefunden hatten, und setzten mit dem Schreibpinsel Kringel an ihre Namen.
Bald darauf kamen die alten Dienerinnen zurueck und meldeten, dass der Arzt gehen wolle, und ueberreichten das Rezept. Die drei sahen es sich an und gaben Auftrag, den Arzt hinauszugeleiten, die Zutaten fuer die Arznei zu holen und darauf achtzugeben, dass sie richtig zubereitet und eingenommen wuerde.
Dann verkuendete Tanchun zusammen mit Frau Li allen Anwesenden genau, wer von nun an fuer welchen Bereich zustaendig sein sollte: „Abzueglich der festgelegten Mengen, die in jeder Jahreszeit fuer den Haushalt gebraucht werden, koennt ihr den Rest zu eurem eigenen Vorteil verwenden. Zum Jahresende wird Abrechnung gehalten.“
Tanchun warf laechelnd ein: „Mir ist noch etwas eingefallen. Wenn zum Jahresende abgerechnet wird und ein Gewinn abzufuehren ist, wird er natuerlich in die Haushaltskasse gezahlt. Auf diese Weise wird dann wieder eine hoehere Verwaltung eingeschaltet, in deren Haenden die Sache liegt und die ihren Anteil dabei abschoepft. Schon dadurch, dass wir jetzt diese Regelung einfuehren und euch fuer diese Dinge einsetzen, handeln wir ueber die Koepfe der Verwalter hinweg. Die werden wuetend darueber sein, auch wenn sie kein Wort dazu sagen. Worauf sollten sie also anders warten als auf eure Gewinnabfuehrung zum Jahresende, um ihr Spiel mit euch zu treiben!
Ausserdem ist es ja so, dass im Laufe des Jahres von allen Dingen, die der Verwaltung unterliegen, die Herrschaften einen ganzen Anteil erhalten und die Verwalter einen halben. Das ist der herkoemmliche Brauch des Hauses, und jedermann weiss es — von dem, was sie sonst noch unterschlagen, ganz abgesehen. Aber diese Neuregelung fuer den Garten ist mein eigenes Werk. Sie soll nicht in die Haende der Verwalter geraten, und was zum Jahresende an Geldern abgefuehrt wird, muss in unsere eigene Kasse fliessen!“
Schatzspange sagte laechelnd: „Meiner Meinung nach brauchen wir auch keine interne Gewinnabfuehrung. Wenn an einer Stelle viel Geld einkommt und an der anderen wenig, macht das nur Umstaende. Besser ist es, jede, die eine Zustaendigkeit uebernimmt, uebernimmt auch die Beschaffung eines bestimmten Bedarfsartikels. Es geht ja nur um die Dinge, die von den Gartenbewohnern gebraucht werden.
Ich habe es einmal fuer euch ueberschlagen — es ist nur eine beschraenkte Anzahl von Dingen: naemlich Haaroel, Rouge, Puder, Raeucherwerk und Papier, und fuer jedes Fraeulein mit seinen Zofen gibt es feste Zuweisungen. Das andere sind Besen, Kehrschaufeln und Flederwische fuer die einzelnen Gartenhaeuser sowie das Futter fuer Ziergefluegel, Singvoegel, Hirsche und Kaninchen. Das ist schon alles. Ueberlegt einmal, wie viel gespart wird, wenn das die Frauen uebernehmen und aus der Haushaltskasse kein Geld mehr dafuer in Anspruch genommen werden muss!“
Friedchen sagte laechelnd: „Diese Posten sind zwar klein, aber fuer ein ganzes Jahr zusammengerechnet koennen gut vierhundert Liang Silber gespart werden.“
Schatzspange fuhr laechelnd fort: „So ist es! Vierhundert im Jahr, in zwei Jahren achthundert. Davon kann man ein paar Haeuser kaufen, fuer die man Miete kassiert, und auch einige Morgen Land hinzuerwerben. Dann bleibt zwar immer noch ein Ueberschuss, aber den sollten die Frauen behalten duerfen, wenn sie das ganze Jahr ueber so hart arbeiten. Das Hauptanliegen ist es zwar, den Nutzen zu erhoehen und die Ausgaben zu verringern, aber man darf auch nicht zu geizig sein. Vielleicht noch einmal zwei- bis dreihundert Liang Silber zu gewinnen, dafuer aber das Ansehen der Familie zu verlieren, ist auch nicht der Sinn der Sache.
Wenn es also auf diese Weise gehandhabt wird und die Haushaltskasse vier- oder fuenfhundert Liang Silber pro Jahr weniger zu zahlen hat, bedeutet das den Verwaltern gegenueber noch keinen Geiz, die Frauen im Garten jedoch gewinnen einen kleinen Zuschuss. So wird es diesen alten Muettern ein wenig besser gehen, die sonst keine Einnahmequelle haben, und auch die Blumen und Baeume im Garten werden von Jahr zu Jahr ueppiger wachsen, und auch ihr bekommt, was ihr braucht. Bei alledem aber bleibt die Reputation erhalten.
Wenn man einzig und allein darauf aus waere zu sparen, koennte man freilich ueberall noch eine Kleinigkeit herauswirtschaften. Aber wenn man jedes bisschen Gewinn fuer die Haushaltskasse beschlagnahmt, dann wird im inneren wie im aeusseren Bereich des Hauses des Murrens kein Ende mehr sein. Und waere damit fuer eine Familie wie die Eure die Reputation nicht verscherzt?
Nun sind aber ein paar Dutzend alte Muetter hier im Garten. Wenn man nur den einen etwas zukommen laesst, werden die uebrigen mit Sicherheit murren, das sei ungerecht. Darum war mein Vorschlag wohl ein wenig zu grosszuegig: Die Frauen brauchen nur fuer diese Bedarfsartikel zu sorgen. Darueber hinaus aber sollte jede von ihnen, gleichgueltig ob ihr ein Ueberschuss bleibt oder nicht, auch noch eine bestimmte Anzahl von Muenzschnueren pro Jahr abliefern, die alle in einen Topf kommen und an die uebrigen Frauen im Garten verteilt werden.
Diese bewirtschaften zwar nichts, aber sie sind doch Tag und Nacht hier im Einsatz: Sie halten Wache, machen Botengaenge, oeffnen und schliessen Tueren und Tore, stehen frueh auf und gehen spaet schlafen. Im staerksten Regen und im tiefsten Schnee tragen sie die Fraeulein in Saenften, staken sie in Booten, ziehen sie in Eisschlitten. Fuer alle groben Arbeiten werden sie eingesetzt. Das ganze Jahr ueber muehen sie sich hier im Garten bis zum letzten — darum gehoert es einfach dazu, dass auch sie etwas abbekommen, wenn hier im Garten ein Gewinn erzielt wird.
Und noch ein Wort will ich Euch offen sagen, ganz ohne Umschweife: Wenn Ihr Euch nur um Euren eigenen Wohlstand kuemmert und ihnen nicht auch eine Kleinigkeit abgebt, werden sie es zwar nicht wagen, offen zu grollen, innerlich aber werden sie unzufrieden sein. Unter dem Vorwand pflichtgemaesser Arbeit werden sie nur auf das eigene Wohl bedacht sein. Dann pfluecken sie auf Eure Kosten mehr Obst und mehr Blumen, und ihr koennt euch nirgends darueber beklagen. Wenn Ihr sie aber ein wenig am Gewinn beteiligt, werden sie fuer Euch auch auf Dinge achten, die Euch selbst entgehen.“
Als die alten Dienerinnen diese Erlaeuterungen hoerten und so erfuhren, dass sie sowohl der Beaufsichtigung durch die Buchhaltung entgehen als auch von der Abrechnung mit Phoenixglanz befreit sein wuerden und lediglich einmal im Jahr ein paar Muenzschnuere abzufuehren haetten, war jede von ihnen ausserordentlich froh, und sie erklaerten einstimmig: „Wir sind einverstanden! Das ist besser, als uns draussen von denen piesacken zu lassen und ihnen dann noch Geld geben zu muessen.“
Und diejenigen, die keine Verantwortung uebernehmen sollten, freuten sich ebenfalls, als sie hoerten, sie wuerden an jedem Jahresende einen Geldanteil empfangen: „Die anderen haben die Muehe, alles in Ordnung zu halten, da muessen sie schon ein wenig als Zuschuss bekommen“, sagten sie. „Aber wir koennen doch nicht gut einen vollen Gewinn einstreichen, ohne einen Handschlag zu tun.“
Schatzspange sagte laechelnd: „Schlagt es nicht ab, Muetterchen! Das muss schon sein. Wenn ihr euch nur bei Tag und bei Nacht ein wenig mehr anstrengt, euch nicht vor der Arbeit drueckt und auch nicht zulaesst, dass andere Wein trinken und Gluecksspiele spielen, dann ist schon alles in Ordnung.
Gewiss, ich haette mich eigentlich um diese Dinge nicht zu kuemmern. Aber ihr habt ja genau wie ich gehoert, wie mich die Tante immer wieder persoenlich darum gebeten hat. Die aeltere junge Herrin habe jetzt keine Zeit dafuer, und die anderen jungen Fraeulein seien noch zu jung, hat sie gesagt, darum gebe sie mir den Auftrag, auf alles achtzugeben. Haette ich abgelehnt, dann haette es so ausgesehen, als wollte ich, dass die Tante sich Sorgen machen muss. Eure junge Herrin ist viel krank und hat mit den Hausangelegenheiten genug zu tun. Ich dagegen bin ein Muessiggaenger. Allein schon als Nachbarin waere man verpflichtet zu helfen — um wie viel mehr erst, wenn einen die eigene Tante beauftragt! Also musste ich mein kleines Ich vergessen und an das Grosse und Ganze denken, auch wenn die Leute mit mir unzufrieden sind. Wenn ich nur um meiner selbst willen auf guten Ruf bedacht waere — wie koennte ich dann der Tante ins Gesicht sehen, falls hier durch Trunk- oder Spielsucht etwas geschieht?
Fuer euch aber kaeme die Reue zu spaet, und euer guter Name waere verloren. Die jungen Fraeulein und der ganze grosse Garten sind eurer Aufsicht ueberlassen, und das nur, weil ihr alte Frauen aus Familien seid, die schon seit drei oder vier Generationen im Hause dienen, und weil ihr in hoechstem Masse auf Sitte und Anstand haltet. Da muesst ihr nun aber auch einmuetig auf euer Ansehen bedacht sein. Stattdessen laesst ihr es zu, dass andere nach Belieben trinken und spielen. Wenn die Tante davon erfaehrt und euch dafuer eine Belehrung erteilt, mag das noch angehen. Aber was, wenn es die Verwalterfrauen erfahren? Sie brauchen es ja nicht der Tante zu melden und koennen euch selbst zur Rede stellen. Dann wuerdet ihr, die Aelteren, von Juengeren eine Belehrung erfahren.
Auch wenn sie nun einmal die Verwalterinnen sind und dadurch das Recht haben, euch zu kontrollieren — ist es nicht besser, ihr achtet ein wenig auf euer Ansehen, sodass sie erst gar nicht die Moeglichkeit haben, euch in den Schmutz zu ziehen? Darum habe ich mir jetzt diese ausserplanmaessige Verdienstmoeglichkeit fuer euch ausgedacht, damit ihr einmuetig zusammenhaltet und die Verhaeltnisse hier im Garten in jeder Hinsicht in beste Ordnung bringt.
Wenn dann diejenigen, die die Macht haben und die Verantwortung tragen, diese strenge Ordnung und diese grosse Sorgfalt sehen, werden sie wissen, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchen, und werden euch dafuer achten. Ausserdem ist es dann auch nicht umsonst gewesen, dass man eine Verdienstmoeglichkeit fuer euch geschaffen hat. So koenntet ihr ein wenig von ihrer Macht erringen und zugleich einen Vorteil haben. Koennte dadurch nicht sinnlose Verschwendung vermieden und den Verantwortlichen ein Teil ihrer Sorgen abgenommen werden? Ueberlegt es euch gut!“
Sofort brodelten die Stimmen der alten Dienerinnen froh durcheinander: „Ihr habt vollkommen recht, Fraeulein! Ihr und die junge gnaedige Frau koennt von nun an ganz unbesorgt sein. Wenn wir uns jetzt, nachdem Ihr so grosse Guete gegen uns bewiesen habt, nicht von der besten Seite zeigen, sollen Himmel und Erde uns nicht laenger dulden!“
Kaum hatten sie das gesagt, kam Lin Zhixiaos Frau herein und meldete: „Gestern sind Angehoerige des Hauses Zhen aus Jiangnan in der Hauptstadt eingetroffen. Heute sind sie im Kaiserpalast, um ihre Glueckwuensche darzubringen, und haben vorab Boten mit Geschenken und Gruessen geschickt.“ Damit uebergab sie die Geschenkliste.
Tanchun nahm sie entgegen und las vor: „Gebluemter Brokat und Drachenbrokat fuer Kaiserlichen Gebrauch — zwoelf Stueck; verschiedenfarbiger Brokat fuer Kaiserlichen Gebrauch — zwoelf Stueck; verschiedenfarbige Seidengaze fuer Kaiserlichen Gebrauch — zwoelf Stueck; Seidentaft fuer Kaiserlichen Gebrauch — zwoelf Stueck; Brokat, Seidengaze, Seidentaft und Seidensatin fuer amtlichen Gebrauch — vierundzwanzig Stueck.“
Frau Li, die mitgelesen hatte, ordnete an: „Belohnt die Boten mit dem hoechsten Geldgeschenk!“ Dann befahl sie jemandem, der Herzoginmutter Meldung zu machen. Die Herzoginmutter liess Frau Li, Tanchun, Schatzspange und die anderen zu sich rufen und sah sich die Geschenke gemeinsam mit ihnen an. Frau Li legte die Stoffe beiseite und befahl den Frauen aus dem inneren Speicher: „Nehmt sie erst in Verwahrung, wenn die gnaedige Frau sie gesehen hat!“
„Die Zhens sind nicht mit anderen Familien zu vergleichen“, sagte die Herzoginmutter. „Die maennlichen Boten hast du mit dem hoechsten Geldgeschenk belohnt, aber ehe wir uns versehen, werden wohl auch Botenfrauen kommen, um uns Gruesse zu ueberbringen. Lass also Seidenstuecke fuer sie bereitlegen!“
Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, da wurde tatsaechlich gemeldet: „Es sind vier Frauen aus dem Hause Zhen da, um ihren Gruss zu entbieten.“
Sofort befahl die Herzoginmutter, sie hereinzufuehren.
Die vier Frauen waren alle ueber vierzig Jahre alt, und ihre Kleidung unterschied sich nicht gross von der, wie Herrschaften sie tragen. Als sie gegruest und nach dem Befinden gefragt hatten, befahl die Herzoginmutter, vier Fussbaenke zu bringen. Die vier Frauen bedankten sich und warteten, bis Schatzspange und die anderen Platz genommen hatten, ehe auch sie sich setzten.
„Wann seid ihr in der Hauptstadt angekommen?“ erkundigte sich die Herzoginmutter.
Sofort erhoben sich die vier Frauen wieder und antworteten: „Gestern sind wir angekommen. Heute hat sich die gnaedige Frau mit dem gnaedigen Fraeulein in den Palast begeben, um ihren Gruss zu entbieten, darum hat sie uns hergeschickt, um nach Eurem Befinden zu fragen und den jungen Fraeulein Gruesse zu senden.“
Die Herzoginmutter fragte laechelnd: „All die Jahre wart ihr nicht in der Hauptstadt. Wir dachten nicht, dass ihr dieses Jahr kommen wuerdet.“
Die vier Frauen erwiderten ebenfalls laechelnd: „Ganz recht. Dieses Jahr sind wir auf allerhoechsten Befehl hier.“
„Ist die ganze Familie mitgekommen?“ wollte die Herzoginmutter weiter wissen.
„Die alte gnaedige Frau und der junge Herr, die beiden Fraeulein und die zweite gnaedige Frau sind nicht mitgekommen“, gaben die vier Frauen Auskunft. „Nur die gnaedige Frau selbst und das dritte gnaedige Fraeulein sind hier.“
„Hat das Fraeulein schon einen Verlobten?“ erkundigte sich die Herzoginmutter.
„Nein, noch nicht“, erwiderten die vier Frauen.
Die Herzoginmutter sagte laechelnd: „Euer aeltestes und euer zweites Fraeulein — die beiden Familien, in die sie eingeheiratet haben, verstehen sich sehr gut mit unserer Familie.“
Die vier Frauen laechelten und sagten: „So ist es. Jedes Jahr schreiben die Fraeulein nach Hause und betonen, dass sie alles nur Eurer liebevollen Fuersorge verdanken.“
Die Herzoginmutter wehrte laechelnd ab: „Von Fuersorge kann keine Rede sein. Seit Generationen sind unsere Familien miteinander befreundet und verschwaegert, da muss das so sein. Besonders euer zweites Fraeulein ist sehr lieb und weder selbstgefaellig noch ueberheblich, darum verkehren wir gerade mit ihr besonders herzlich.“
„Ihr seid zu bescheiden, alte gnaedige Frau“, erklaerten die vier Frauen laechelnd.
„Euer junger Herr lebt auch bei eurer alten gnaedigen Frau?“ wollte die Herzoginmutter nun wissen.
„Ja, bei der alten gnaedigen Frau“, bestaetigten die vier Frauen.
„Wie alt ist er jetzt?“ fragte die Herzoginmutter und fuhr fort: „Geht er schon zur Schule?“
Die vier Frauen sagten laechelnd: „Dreizehn ist er in diesem Jahr. Weil er gut gewachsen ist, hat ihn die alte gnaedige Frau sehr gern. Aber von klein auf ist er ueber alle Massen ungezogen. Tag fuer Tag schwaenzt er die Schule, doch der gnaedige Herr und die gnaedige Frau koennen nicht gut streng zu ihm sein.“
Die Herzoginmutter sagte laechelnd: „Das ist ja ganz wie bei uns! Aber wie heisst euer junger Herr?“
„Weil die alte gnaedige Frau ihn als ein rechtes Kleinod ansieht und er auch eine ganz helle Haut hat, hat die alte gnaedige Frau ihn Baoyu — ›wertvolle Jade‹ — genannt“, antworteten die vier Frauen.
Die Herzoginmutter wandte sich an Frau Li und die anderen: „Ausgerechnet auch Baoyu!“
Frau Li deutete sofort ein Aufstehen an und erwiderte laechelnd: „Von alters her gibt es viele Faelle von Namensgleichheit, ob zur selben oder zu verschiedener Zeit.“
Die vier Botenfrauen sagten laechelnd: „Schon als er diesen Kindheitsnamen bekam, hegte man bei uns hohen und niederen Standes den Verdacht, in irgendeiner Familie von Freunden oder Verwandten muesse es den gleichen Namen geben. Aber da wir mehr als zehn Jahre nicht in der Hauptstadt waren, konnte sich niemand genau erinnern.“
„Wie koennten wir es nur wagen!“ sagte die Herzoginmutter. „Mein Enkel heisst so.“ Dann befahl sie: „Kommt her!“
Die Dienerinnen und Zofen antworteten „Jawohl“ und traten einige Schritte naeher.
Die Herzoginmutter sagte laechelnd: „Geht in den Garten und holt unseren Schatzjade, damit diese vier Verwalterinnen ihn sich ansehen und mit ihrem Baoyu vergleichen koennen!“
Die Dienerinnen gingen sogleich los, und als sie bald darauf zurueckkamen, fuehrten sie Schatzjade in ihrer Mitte.
Kaum hatten die Botenfrauen ihn erblickt, sprangen sie auf und erklaerten laechelnd: „Also, das ist ein Schreck! Wenn wir nicht bei Euch waeren und ihn stattdessen woanders getroffen haetten, wuerden wir jetzt meinen, unser Baoyu sei uns in die Hauptstadt nachgereist!“
Bei diesen Worten traten sie an Schatzjade heran, fassten ihn bei den Haenden und wollten tausend Dinge von ihm wissen. Auch Schatzjade gruesste laechelnd zurueck.
„Wie sieht er im Vergleich zu eurem aus?“ fragte die Herzoginmutter laechelnd.
Frau Li und die anderen sagten laechelnd: „Was die vier Muetterchen eben sagten, zeigt deutlich genug, dass er ihm gleicht wie ein Ei dem anderen.“
Die Herzoginmutter wehrte laechelnd ab: „Wie koennte es so einen Zufall geben! Kinder aus vornehmen Familien, noch dazu, wenn sie zart aufgezogen werden — wenn ihr Gesicht nicht gerade durch Krankheit entstellt oder schwarz und haesslich ist, sehen sie wahrscheinlich alle genauso gut aus. Das ist ueberhaupt nichts Seltsames.“
Die vier Botenfrauen sagten laechelnd: „Wie sich zeigt, ist das Aussehen der beiden gleich, und wenn man Euch glauben darf, alte gnaedige Frau, muessten sie auch genauso ungezogen sein. Uns scheint aber, dieser junge Herr hier ist von besserer Wesensart als der unsere.“
„Woran zeigt sich das?“ wollte die Herzoginmutter sofort wissen.
Die vier Frauen erklaerten laechelnd: „Es war zu merken, als wir ihn eben bei den Haenden fassten und mit ihm sprachen. Unser Baoyu nennt uns einfach dumm. Wir duerfen keinen seiner Gegenstaende auch nur ein wenig verruecken, geschweige denn beruehren. Bedienen laesst er sich nur von Maedchen und ...“
Noch ehe die vier Frauen ausgeredet hatten, konnten Frau Li und die Schwestern nicht mehr an sich halten und brachen in Lachen aus. Auch die Herzoginmutter lachte und sagte: „Wenn wir jetzt jemanden hinschicken wuerden, um euren Baoyu zu sehen, und man ihn bei der Hand fasste, wuerde er es sich auch eine Zeitlang gefallen lassen. Kinder aus Familien wie den unseren zeigen, wie verschroben sie im Inneren auch sein moegen, Fremden gegenueber stets ordentliche Umgangsformen. Waere das nicht der Fall, wuerde man ihnen auch keine Marotten durchgehen lassen.
Warum die Erwachsenen eine Schwaeche fuer sie haben, ist zum einen, dass ihre aeussere Erscheinung Wohlgefallen erregt, und zum andern, dass ihr Benehmen Fremden gegenueber besser ist als das manches Erwachsenen, sodass die Leute Liebe und Zuneigung fuer sie verspueren. Nur deshalb sieht man ihnen insgeheim einiges nach. Wuerden sie sich draussen genauso benehmen wie drinnen und den Erwachsenen keine Ehre machen, muesste man sie totschlagen, egal wie huebsch sie auch gewachsen sind.“
„Ihr habt vollkommen recht, alte gnaedige Frau“, bestaetigten die vier Botenfrauen laechelnd. „Wenn unser Baoyu auch frech und sonderbar ist, so ist doch sein Benehmen in Gegenwart von Gaesten manchmal korrekter als das der Erwachsenen. Deshalb gibt es niemand, der ihn nicht liebte, wenn er ihn sieht, und alle fragen, wofuer er eigentlich Schlaege bekommt. Sie haben ja nicht die geringste Vorstellung davon, dass zu Hause kein Gesetz und keine Autoritaet fuer ihn gelten. Was einem Erwachsenen nie einfallen wuerde, das spricht er nicht nur aus, das tut er auch. Dadurch ist er dem gnaedigen Herrn und der gnaedigen Frau so verhasst, dass sie sich nicht zu helfen wissen.
Unbeherrschtheit ist etwas ganz Gewoehnliches fuer ein Kind, Leichtfertigkeit und Verschwendungssucht sind etwas ganz Gewoehnliches fuer einen Sohn aus reicher Familie, und Unlust beim Lernen ist ebenfalls etwas ganz Gewoehnliches fuer ein Kind — all das laesst sich beheben. Aber wie soll man damit fertig werden, wenn jemand vom ersten Lebenstag an derart verschroben ist und ...“
Sie hatten noch nicht zu Ende gesprochen, als gemeldet wurde: „Die gnaedige Frau ist zurueck.“
Frau Wang trat ein, entbot der Herzoginmutter ihren Gruss und empfing die Gruesse der vier Botenfrauen. Man wechselte einige belanglose Saetze. Dann befahl die Herzoginmutter: „Geh dich ausruhen!“ Erst nachdem Frau Wang der Herzoginmutter noch eigenhaendig Tee gereicht hatte, zog sie sich zurueck. Die vier Botenfrauen verabschiedeten sich ebenfalls von der Herzoginmutter und gingen mit Frau Wang in deren Raeume, wo sie ein Weilchen ueber Familienangelegenheiten plauderten, ehe Frau Wang sie fortschickte. Aber das muss nicht in allen Einzelheiten berichtet werden.
Inzwischen erzaehlte die Herzoginmutter in ihrer Freude jedem, den sie sah, es gebe noch einen Baoyu, und es sei mit ihm genau dasselbe wie mit ihrem eigenen. Alle fanden jedoch, dass dies — gross, wie die Welt sei, zahlreich, wie die Familien von Erbbeamten waeren, unzaehlig, wie Faelle von Namensgleichheit vorkaemen, und haefig, wie Grossmuetter eine Schwaeche fuer ihre Enkel haetten — eine ganz normale Sache sei und durchaus keine Seltenheit. Darum achtete niemand weiter darauf.
Einzig Schatzjade, der den auschweifenden Sinn eines toerichten Herrensoehnchens hatte, war der Meinung, die vier Frauen haetten sich die Sache nur ausgedacht, um die Herzoginmutter zu erheitern. Er begab sich dann in den Haselwurzpark, um Xiangji einen Krankenbesuch abzustatten.
Xiangji sagte zu ihm: „Mach nur ruhig weiter so! Bisher hiess es: ›Eine Faser macht noch keinen Faden, ein Baum ergibt noch keinen Wald.‹ Jetzt aber hast du ein zweites Ich gefunden, und wenn du es zu toll treibst und wieder einmal fuerchterliche Pruegel bekommst, kannst du nach Nanjing ausreissen und nach dem anderen suchen.“
Schatzjade entgegnete: „Das sind doch alles Luegen, und du glaubst sie auch noch! Es wird gerade noch einen Baoyu geben!“
Xiangji wandte ein: „Warum gab es dann zur Zeit der Streitenden Reiche einen Lin Xiangru und unter der Han-Dynastie einen Sima Xiangru?“
Schatzjade sagte laechelnd: „Zugegeben. Aber genauso ausgesehen haben sie nicht.“
„Und warum haben die Leute in Kuang, als sie Konfuzius sahen, geglaubt, es sei Yang Huo?“ fragte Xiangji.
Schatzjade erwiderte laechelnd: „Konfuzius und Yang Huo sahen zwar gleich aus, hiessen aber nicht gleich. Lin Xiangru und Sima Xiangru hiessen zwar gleich, sahen aber nicht gleich aus. Ausgerechnet bei mir aber soll beides uebereinstimmen?“
Xiangji wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte, und sagte laechelnd: „Du kannst nichts als Unsinn reden. Was soll ich mich mit dir auf ein Streitgespraech einlassen! Gibt es ihn oder gibt es ihn nicht — mich geht es nichts an.“ Damit schloss sie die Augen, um zu schlafen.
Schatzjade aber wurde wieder von Zweifeln befallen. Sagte er sich, es gebe ihn bestimmt nicht, so sprach doch einiges dafuer, dass es ihn gab; sagte er sich, es gebe ihn bestimmt, so hatte er ihn doch nicht mit eigenen Augen gesehen. Verdriesslich ging er in seine Raeume zurueck, legte sich auf die Ruhebank und grueblte schweigend darueber nach. Unversehens schlummerte er ein und fand sich ploetzlich in einem Garten wieder.
„Nanu“, fragte er sich verwundert, „gibt es denn ausser unserem Garten des Grossen Anblicks noch einen zweiten solchen Garten?“
Waehrend er sich noch staunend umsah, kamen einige Maedchen auf ihn zu, offensichtlich Zofen. Wieder fragte er sich verwundert: „Gibt es denn auch Mandarinenente, Dufthauch und Friedchen noch ein zweites Mal?“
Da hoerte er, wie die Maedchen lachend riefen: „Baoyu! Wie kommt denn unser Baoyu hierher?“
Schatzjade glaubte, von ihm sei die Rede, und trat rasch naeher. Laechelnd sagte er: „Ich bin zufaellig auf einem Spaziergang hierher geraten und weiss gar nicht, welcher befreundeten Familie der Garten gehoert. Fuehrt mich ein wenig herum, liebste Schwestern!“
Die Maedchen riefen: „Das ist ja gar nicht unser Baoyu! Aber er sieht ganz ordentlich aus, und ein flottes Mundwerk hat er auch.“
Als Schatzjade das hoerte, erkundigte er sich rasch: „Habt ihr hier denn auch einen Baoyu, liebste Schwestern?“
Sofort erwiderten die Maedchen: „Wir gebrauchen den Namen Baoyu auf Befehl der alten gnaedigen Frau und der gnaedigen Frau, um ihm Langlebigkeit und Schutz vor Unheil zu sichern. Wenn wir ihn so nennen, freut er sich. Aber wenn du hergelaufener kleiner Stinker einfach diesen Namen gebrauchst, dann nimm nur dein dreckiges Fleisch in acht, damit es dir nicht weichgeklopft wird!“
Ein anderes Maedchen fugte hinzu: „Kommt, wir gehen schnell, damit uns Baoyu nicht mit dem hier zusammen sieht! Sonst sagt er noch, weil wir mit diesem kleinen Stinkkerl gesprochen haben, seien auch wir stinkig geworden.“
Damit gingen sie davon. Schatzjade sagte sich verwundert: „So hat mich ja noch nie jemand behandelt! Warum sind sie nur so zu mir? Aber wie es aussieht, gibt es hier wirklich jemanden wie mich.“
In diese Gedanken vertieft, war er aufs Geratewohl weitergegangen und dabei in ein Gehoeft geraten. Wieder fragte er sich: „Gibt es also auch einen zweiten Hof der Freude am Roten?“
Verwirrt stieg er die Stufen hinauf und trat ins Haus. Dort erblickte er einen Juengling, der auf einer Ruhebank lag, und mehrere Maedchen, die mit Nadelarbeiten beschaeftigt waren, waehrend ein paar andere scherzten und lachten. Der Juengling seufzte, und eines der Dienstmaedchen fragte ihn laechelnd: „Warum schlaefst du nicht, Baoyu? Und worueber seufzt du? Bestimmt machst du dir wieder unnuetze Sorgen, weil dein Schwesterlein krank ist!“
Als Schatzjade das hoerte, bekam er einen Schreck. Dann sagte der Juengling auf der Bank: „Ich hatte gehoert, wie die alte gnaedige Frau erzaehlte, in der Hauptstadt gebe es ebenfalls einen Baoyu, dessen Charakter mit meinem uebereinstimme, und hatte das nicht geglaubt. Eben geriet ich im Traum in der Hauptstadt in einen Garten und traf dort einige Maedchen, die mich einen kleinen Stinker nannten und sich dann nicht weiter um mich kuemmerten. Als ich endlich mit viel Muehe die Raeume von Baoyu fand, schlief er gerade. Nur seine leere fleischliche Huelle lag da, sein eigentliches Ich aber war irgendwohin verschwunden.“
Kaum hatte Schatzjade dies vernommen, sagte er sogleich: „Ich bin hierher gekommen, weil ich Baoyu suche. Da bist du das also!“
Sofort stand der Juengling von der Ruhebank auf, fasste Schatzjade bei den Haenden und fragte: „Du bist Baoyu? So war das kein Traum?“
„Wieso denn ein Traum?“ fragte Schatzjade. „Es ist wahr und nochmals wahr!“
Kaum hatte er das ausgesprochen, kam jemand mit der Meldung: „Der gnaedige Herr verlangt nach Baoyu.“
Beide bekamen einen panischen Schreck. Der eine Baoyu ging fort, und der andere rief ihm hinterher: „Komm schnell zurueck, Baoyu! Komm schnell zurueck!“
Dufthauch, die nahe bei ihm sass, hatte gehoert, wie Schatzjade im Traum seinen eigenen Namen rief. Sie ruettelte ihn wach und fragte lachend: „Wo ist denn Baoyu?“
Schatzjade war zwar wach, doch sein Geist war noch benommen. Er wies zur Tuer und sagte: „Eben ist er hinausgegangen.“
„Das hast du getraeumt“, sagte Dufthauch lachend. „Reib dir den Schlaf aus den Augen und schau genau hin — das ist dein eigenes Spiegelbild.“
Schatzjade blickte auf und sah, dass der grosse Spiegel mit dem Intarsienrahmen, der seiner Ruhebank gegenueber hing, sein Bild zurueckwarf. Nun musste er ebenfalls lachen.
Inzwischen hatten die Maedchen eine Mundspuelschale und starken Tee gebracht, und Schatzjade spuelte sich den Mund. Moschusmond bemerkte: „Kein Wunder, dass die alte gnaedige Frau immer wieder sagt, in den Raeumen von jungen Leuten duerfe es nicht zu viele Spiegel geben. Bei jungen Leuten ist die Seele noch unvollkommen; wenn sie sich zu viel spiegeln, schlafen sie schlecht und haben Alptraeume. Nachdem wir die Ruhebank hierher geraeumt haben, wo auch der Spiegel steht, muessten wir nur die Spiegelhuelle darueberziehen, dann waere alles in Ordnung. Aber wer denkt schon daran, wenn es erst wieder waermer wird und alle muede und traege sind!
Vorhin zum Beispiel haben wir es auch vergessen. Da hat er natuerlich nach dem Hinlegen erst mit seinem Spiegelbild gespielt, und als er dann die Augen schloss, ist ihm im Traum alles durcheinandergeraten. Wie haette er sich sonst selbst sehen und dabei seinen eigenen Namen rufen koennen? Am besten schaffen wir morgen die Ruhebank in den Innenraum ...“
Noch ehe sie den letzten Satz beenden konnte, kam eine Botin von Frau Wang, die Schatzjade zu sich befahl. Was sie ihm zu sagen hatte — wer es wissen will, ...
Anmerkungen
Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本).