Hongloumeng/de/Chapter 78
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Achtundsiebzigstes Kapitel
Der alte Gelehrte laesst zum Vergnuegen ein Gedicht auf eine schoene Kriegerin verfassen; der verliebte junge Herr erfindet eine Totenklage auf die Hibiskusgoettin
Es wird erzaehlt, dass Dame Wang, nachdem die beiden Nonnen Fangguan und die anderen mitgenommen hatten, zur Herzoginmutter ging, um ihr den Morgengruss zu entbieten. Als sie die Herzoginmutter guter Stimmung vorfand, nutzte sie die Gelegenheit und berichtete: "In Schatzjades Raeumen gibt es eine Dienerin namens Heitermuster. Das Maedchen ist schon gross geworden, und obendrein ist sie das ganze Jahr ueber krank. Ich habe bemerkt, dass sie fauler und ungezogener ist als die anderen. Vor kurzem lag sie wieder ueber zehn Tage krank darnieder; der Arzt diagnostizierte Maedchenschwindsucht, und deshalb habe ich sie sofort fortschicken lassen. Wenn sie genesen ist, brauchen wir sie nicht zurueckzurufen -- man kann sie dann gleich ihren Leuten zur Verheiratung geben. Was die Schauspielmaedchen betrifft, die seinerzeit das Theaterspielen lernten, so habe ich sie ebenfalls auf eigene Verantwortung freigelassen. Erstens haben sie durchs Theaterspielen gelernt, ungehemmt zu reden und alles Moegliche daherzuplappern -- wie soll das angehen, wenn die jungen Damen so etwas hoeren? Zweitens ist es nur recht und billig, dass man sie freilaesst, nachdem sie eine Zeitlang gesungen haben. Ausserdem haben wir ohnehin zu viele Dienerinnen. Wenn es nicht genug sind, waehlen wir eben ein paar neue aus -- das ist dasselbe."
Die Herzoginmutter nickte: "Das ist durchaus vernuenftig. Ich habe mir auch schon so etwas gedacht. Aber diese Heitermuster -- ich fand sie immer ausgezeichnet. Wie konnte es so weit kommen? Meiner Meinung nach koennen all die anderen Dienerinnen an Aussehen, Gewandtheit, Redekunst und Handarbeit nicht mit ihr mithalten. Ich dachte, sie allein sei es wert, Schatzjade kuenftig zu dienen. Wer haette geahnt, dass sie sich so veraendern wuerde?"
Dame Wang laechelte: "Die alte gnaedige Frau hatte mit ihrer Wahl ganz recht. Nur hat sie wohl nicht das Glueck, das ihr bestimmt ist, und deshalb bekam sie diese Krankheit. Wie das Sprichwort sagt: 'Wenn ein Maedchen achtzehn wird, aendert sie sich achtzehnmal.' Zudem haben begabte Menschen zwangslaefig auch ihre Eigenheiten. Was haette die alte gnaedige Frau in ihrem Leben nicht schon alles erfahren? Auch ich habe diese Sache bereits seit drei Jahren im Auge behalten. Anfangs hatte ich sie ebenfalls ausgewaehlt, und seither beobachtete ich sie genau. Bei kuehlem Hinsehen uebertrifft sie zwar in jeder Hinsicht die anderen, nur ist sie nicht besonnen genug. Was Besonnenheit und Kenntnis der grossen Umgangsformen betrifft, steht Dufthauch an erster Stelle. Man sagt zwar, eine tuechtige Ehefrau und eine schoene Nebenfrau, doch ist es noch besser, wenn sie sanftmuetig im Wesen und gesetzt im Auftreten ist. Dufthauch mag zwar vom Aussehen her eine Stufe unter Heitermuster stehen, doch wenn man sie ins Gemach nimmt, zaehlt sie immer noch zu den Besten. Zudem ist sie grosszuegig im Handeln und aufrichtig im Herzen. In all den Jahren hat sie Schatzjade nie in seinem Unfug unterstuetzt. Wann immer Schatzjade sich gar zu wild aufgefuehrt hat, hat sie ihm eindringlich abgeraten. Nachdem ich sie zwei Jahre lang geprueft und keinen Fehler gefunden hatte, habe ich still und leise ihr monatliches Dienerinnengehalt eingestellt und stattdessen aus meinem eigenen Monatsgeld zwei Liang Silber fuer sie abgezweigt -- nur, damit sie selbst es weiss und sich noch gewissenhafter um ihre Tugend bemueht. Warum ich es nicht offen ausgesprochen habe? Erstens ist Schatzjade noch zu jung, und wenn der gnaedige Herr davon erfuehre, koennte er sagen, es lenke ihn vom Studium ab. Zweitens wuerde Schatzjade, sobald er wuesste, dass sie bereits seine Nebenfrau ist, glauben, sie wuerde es nicht mehr wagen, ihn zu ermahnen und zurechtzuweisen, und erst recht zugellos werden. Deshalb habe ich erst heute der alten gnaedigen Frau Bericht erstattet."
Die Herzoginmutter hoerte dies und laechelte: "Ach so ist das! Dann ist es ja umso besser. Dufthauch war von klein auf schweigsam und still -- ich hielt sie immer fuer eine mundlose Kuerbisflasche. Wenn du sie so gut kennst, kann es keinen grossen Fehler geben. Und dein Gedanke, es Schatzjade nicht offen zu sagen, ist sogar noch klueeger. Reden wir nicht weiter darueber, es genuegt, wenn wir es im Herzen wissen. Ich kenne Schatzjade -- er wird auch kuenftig nicht auf Frau und Nebenfrau hoeren. Auch ich verstehe ihn nicht und habe noch nie ein solches Kind gesehen. All sein anderer Unfug ist ja verstaendlich, nur dass er sich so sehr zu den Dienerinnen hingezogen fuehlt, ist raetselhaft. Ich habe mir deshalb auch Sorgen gemacht und ihn oft heimlich beobachtet. Dass er mit den Dienerinnen scherzt, muesste eigentlich heissen, dass er gross geworden ist und die Dinge zwischen Mann und Frau versteht, und sich darum gern in ihrer Naehe aufhaelt. Doch wenn man genau nachforscht, ist es eben nicht deshalb. Ist das nicht seltsam? Wahrscheinlich ist er eigentlich ein Maedchen, das versehentlich als Junge geboren wurde."
Alle lachten. Dame Wang berichtete ferner, wie Kaufmann Aufrecht Schatzjade heute gelobt und die Knaben zu einem Ausflug mitgenommen hatte. Die Herzoginmutter freute sich darueber noch mehr.
Bald darauf erschien Yingchun, fein herausgeputzt, um sich zu verabschieden, ehe sie zu ihrer Familie zurueckkehrte. Auch Phoenixglanz kam zum Morgengruss. Nachdem das Fruehstueck serviert war und man noch eine Weile geplaudert und gelacht hatte, ging die Herzoginmutter zum Mittagsschlaf.
Danach rief Dame Wang Phoenixglanz zu sich und fragte, ob die Arzneipillen schon zubereitet seien. Phoenixglanz erwiderte: "Noch nicht. Ich nehme immer noch Heiltraenke. Aber die gnaedige Frau braucht sich keine Sorgen zu machen -- mir geht es schon viel besser." Da Dame Wang sah, dass sie wieder so munter war wie frueher, glaubte sie ihr. Dann berichtete sie von der Vertreibung Heitermusters und der anderen und fuhr fort: "Warum ist Fraeulein Schatzspange heimlich zu sich nach Hause zum Schlafen gegangen, ohne dass ihr es wusstet? Neulich habe ich auf meinem Weg alles inspiziert. Es stellte sich heraus, dass auch die neue Amme des kleinen Lan recht kokett ist -- sie gefaellt mir nicht. Ich habe es deiner Schwaegerin gesagt: Am besten schickt man sie fort. Zumal der kleine Lan schon gross ist und keine Amme mehr braucht. Ich fragte deine Schwaegerin: 'Hast du etwa auch nicht gewusst, dass Fraeulein Schatzspange fortgegangen ist?' Sie sagte, Schatzspange habe es ihr durchaus mitgeteilt -- sie wolle nur zwei, drei Tage bleiben, bis es der Tante besser gehe, und dann zurueckkommen. Ihrer Tante fehlt im Grunde nichts Ernstes, es ist nur wieder der uebliche Husten und die Rueckenschmerzen, die sie jedes Jahr hat. Aber Schatzspanges Fortgehen muss einen besonderen Grund haben. Ob sie jemand gekraenkt hat? Das Kind nimmt sich alles so zu Herzen. Wir sind Verwandte und leben unter einem Dach -- es waere nicht gut, wenn man jemanden beleidigt."
Phoenixglanz laechelte: "Wer sollte sie schon grundlos kraenken? Ausserdem ist sie den ganzen Tag im Garten, und da sind nur die Schwestern unter sich."
Dame Wang ueberlegte: "Vielleicht hat Schatzjade mit seinem losen Mundwerk und seiner Gedankenlosigkeit -- er ist ja wie ein Narr und kennt keine Hemmungen -- in einem froehlichen Augenblick etwas Unbedachtes gesagt."
Phoenixglanz laechelte: "Da macht sich die gnaedige Frau zu viele Sorgen. Wenn man ihn hinausschickt, um ernste Dinge zu besprechen, benimmt er sich wie ein Trottel. Aber unter den Schwestern und den Dienerinnen, ob gross oder klein, ist er die Zuvorkommenheit selbst und hat stets Angst, jemanden zu verletzen -- da kann ihn wirklich niemand boese nehmen. Ich denke, Schwester Xues Fortgehen hat mit der Durchsuchung der Dienerinnensachen neulich zu tun. Die Durchsuchung fand ja statt, weil man den Leuten im Garten nicht mehr traute. Da Schatzspange aber eine Verwandte ist und ebenfalls Dienerinnen und aeltere Frauen hier hat, konnten wir sie nicht mit durchsuchen. Sie fuerchtete wohl, wir koennten sie in Verdacht haben, und hat sich deshalb vorsichtshalber selbst zurueckgezogen. Das ist auch durchaus angemessen -- man sollte solchen Verdacht von sich fernhalten."
Dame Wang fand diese Erklaerung einleuchtend, senkte nachdenklich den Kopf und liess dann Schatzspange rufen, um die Sache vom neulichen Tag aufzuklaeren, ihren Verdacht zu zerstreuen und sie einzuladen, wie zuvor im Garten zu wohnen. Schatzspange laechelte: "Ich wollte eigentlich schon laenger gehen, aber die Tante hatte so viele wichtige Angelegenheiten, dass ich den richtigen Zeitpunkt nicht finden konnte, es anzusprechen. Nun wurde meine Mutter gerade wieder krank, und die beiden zuverlaessigen Frauen bei uns daheim liegen ebenfalls darnieder, also habe ich die Gelegenheit genutzt. Da die Tante jetzt Bescheid weiss, kann ich meine Gruende offen darlegen und mich ab heute ordentlich verabschieden und meine Sachen holen lassen."
Dame Wang und Phoenixglanz sagten laechelnd: "Du bist zu eigensinnig. Am besten ziehst du wieder ein. Wegen einer Nichtigkeit sollte man die verwandtschaftlichen Beziehungen nicht aufs Spiel setzen."
Schatzspange erwiderte laechelnd: "Mit Verlaub, das ist ein Missverstaendnis. Ich gehe nicht wegen irgendwelcher Vorfaelle. Erstens ist meine Mutter in letzter Zeit geistig viel schwaecher geworden, und nachts hat sie niemand Zuverlaessigen bei sich -- es gibt nur mich. Zweitens steht meines Bruders Hochzeit bevor, und es fehlt noch vieles an Naeharbeiten und Haushaltsgegenstaenden, bei deren Beschaffung ich Mutter helfen muss. Die Tante und Schwester Phoenixglanz kennen unsere Verhaeltnisse -- ich uebertreibe nicht. Drittens: Seit ich im Garten wohne, steht das kleine Seitentor im Suedosten staendig offen, eigentlich fuer meinen Weg. Aber man kann nicht verhindern, dass auch andere den kuerzeren Weg nehmen und durch dieses Tor gehen, ohne dass jemand sie kontrolliert. Wenn dort etwas passiert, verlieren beide Seiten das Gesicht. Zudem war mein Einzug in den Garten keine grosse Sache. In frueheren Jahren waren wir alle noch jung, und zu Hause gab es nichts zu tun -- da war es schoener, bei den Schwestern im Garten zu sein, zu naehen und zu plaudern, als allein zu Hause zu sitzen. Jetzt aber sind wir alle aelter geworden und haben alle unsere Pflichten. Zudem trifft die Tante in den letzten Jahren ein Unglueck nach dem anderen, und der Garten ist viel zu gross, um ueberall aufzupassen -- alles haengt miteinander zusammen. Je weniger Leute dort wohnen, desto weniger Sorgen. Deshalb gehe ich nicht nur selbst, sondern moechte der Tante auch raten: Was man einsparen kann, sollte man einsparen, ohne dass es der Wuerde eines grossen Hauses Abbruch taete. Meiner Ansicht nach koennte man die Ausgaben fuer den Garten durchaus streichen. Das sage ich nicht leichtfertig -- die Tante kennt unsere Familie gut genug. Waren wir denn frueher etwa so heruntergekommen?"
Phoenixglanz hoerte diese ganze Rede und sagte laechelnd zu Dame Wang: "Was sie sagt, ist richtig. Man sollte sie nicht zwingen." Dame Wang nickte: "Mir faellt auch nichts mehr ein, was ich dagegen sagen koennte. Tu, wie du meinst."
Waehrend sie noch sprachen, kehrten Schatzjade und die anderen bereits zurueck. Er berichtete, sein Vater sei noch nicht aufgebrochen und habe sie vorsorglich frueher heimgeschickt, damit es nicht zu dunkel wuerde. Dame Wang fragte sogleich: "Hast du dich heute blamiert?" Schatzjade laechelte: "Nicht nur keine Blamage -- ich habe sogar allerhand mitgebracht!" Gleich darauf uebernahmen die alten Dienerinnen am zweiten Tor von den Dienern allerlei Gegenstaende. Dame Wang besah sie: drei Faecher, drei Faecheranhaenger, sechs Kaestchen mit Schreibutensilien, drei Schnuere Duftkuegelchen und drei Jadeplatten mit Seidenquasten. Schatzjade erklaerte: "Das hier ist vom Hanlin-Akademiker Mei, das vom Hofrat Yang, und das vom Beamten Li -- jeder hat eine Garnitur bekommen." Dann holte er noch ein kleines sandelhoelzernes Schutzamulett mit einer Buddhafigur aus seinem Gewand hervor und sagte: "Das hat mir der Herzog von Qing persoenlich geschenkt."
Dame Wang erkundigte sich noch, wer bei dem Festmahl zugegen war und welche Gedichte verfasst wurden. Dann liess sie nur Schatzjades Anteil von jemandem tragen und ging mit Schatzjade, Jia Lan und Jia Huan zur Herzoginmutter. Die Herzoginmutter betrachtete alles mit grosser Freude und stellte natuerlich auch einige Fragen. Schatzjade aber dachte die ganze Zeit nur an Heitermuster. Sobald er die Fragen beantwortet hatte, sagte er, das Reiten habe ihn durchgeschuettelt und ihm taeten die Knochen weh. Die Herzoginmutter sagte: "Dann geh schnell zurueck, zieh dich um und beweg dich ein wenig, das wird helfen. Aber leg dich nicht hin!" Schatzjade folgte dem Rat und eilte in den Garten zurueck.
Inzwischen warteten Moschusmond und Qiuwen mit zwei kleinen Dienerinnen auf ihn. Als Schatzjade sich von der Herzoginmutter verabschiedet hatte, nahm Qiuwen die Schreibutensilien auf, und gemeinsam folgten sie ihm in den Garten. Schatzjade beklagte sich unentwegt ueber die Hitze. Waehrend er ging, nahm er seine Muetze ab und lockerte den Guertel; die schwere Oberkleidung zog er aus und gab sie Moschusmond zu tragen. Er trug nur noch eine gefuetterte Jacke aus hellgruener, kiefernbluetenfarbener Seide, unter der die blutrote Hose hervorlugte.
Als Qiuwen diese rote Hose sah, die Heitermuster genaehnt hatte, seufzte sie: "Diese Hose sollte man wohl beiseitelegen. Das Stueck ist noch da, aber der Mensch ist fort."
Moschusmond stimmte seufzend ein: "Das ist wirklich Heitermusters Naehandarbeit. Wahrhaftig -- die Dinge bleiben, die Menschen gehen!"
Qiuwen gab Moschusmond einen leichten Stoss und sagte laechelnd: "Diese Hose mit der kiefernbluetenfarbenen Jacke und den schieferblauen Stiefeln -- da kommt sein indigoblaues Haar und sein schneeweisses Gesicht erst richtig zur Geltung!"
Schatzjade tat, als hoere er nichts. Nach ein paar weiteren Schritten blieb er stehen und sagte: "Ich moechte einen Spaziergang machen. Wie soll das gehen?" Moschusmond sagte: "Am helllichten Tag, wovor hast du Angst? Wirst du dich etwa verlaufen?" Sie befahl zwei kleinen Dienerinnen, ihm zu folgen. "Wir bringen diese Sachen weg und kommen gleich zurueck." Schatzjade sagte: "Liebe Schwestern, wartet auf mich, dann gehe ich mit euch." Moschusmond erwiderte: "Wir sind gleich wieder da. Wir haben beide die Haende voll -- die eine traegt die Vier Schaetze des Studierzimmers, die andere Muetze, Gewand, Guertel und Schuhe. Das sieht ja aus wie ein Aufmarsch! Was fuer ein Anblick!" Schatzjade hoerte dies, und es kam ihm gerade recht, also liess er die beiden gehen.
Er nahm die zwei kleinen Dienerinnen mit hinter einen Felsblock. Ohne grosse Umschweife fragte er die beiden: "Seit ich fort war -- hat Schwester Dufthauch jemanden geschickt, um nach Schwester Heitermuster zu sehen?"
Die eine antwortete: "Sie hat Mutter Song hingeschickt."
"Was hat sie berichtet, als sie zurueckkam?" fragte Schatzjade.
"Mutter Song sagte, Schwester Heitermuster habe die ganze Nacht mit gestrecktem Hals gerufen. Heute frueh hat sie die Augen geschlossen und den Mund nicht mehr aufbekommen. Sie weiss nichts mehr von der Welt, bringt keinen Ton mehr heraus und atmet nur noch ganz schwach."
Hastig fragte Schatzjade: "Wen hat sie die ganze Nacht gerufen?"
"Ihre Mutter", sagte das kleine Maedchen.
Schatzjade wischte sich die Traenen ab: "Hat sie noch jemand anderen gerufen?"
"Sonst niemanden, soweit ich gehoert habe."
"Du bist toericht", sagte Schatzjade. "Du hast bestimmt nicht richtig hingehoert."
Das andere kleine Maedchen, das aufgewecktere von beiden, trat vor und sagte: "Stimmt, sie ist wirklich toericht!" Dann wandte sie sich an Schatzjade: "Ich habe nicht nur genau hingehoert, ich bin sogar selbst heimlich hingegangen und habe nach ihr gesehen."
"Du bist selbst hingegangen?" fragte Schatzjade ueberrascht.
"Ja", sagte das Maedchen. "Ich dachte, Schwester Heitermuster war von jeher anders als die uebrigen und hat uns immer gut behandelt. Jetzt, wo sie zu Unrecht fortgejagt wurde, koennen wir nichts fuer sie tun. Aber sie wenigstens zu besuchen -- das sind wir ihr schuldig fuer all die Jahre, in denen sie gut zu uns war. Selbst wenn es jemand erfaehrt und der gnaedigen Frau meldet und wir eine Tracht Pruegel bekommen -- das nehme ich gern in Kauf. Also habe ich mich eine Tracht Pruegel riskierend hinausgeschlichen und nach ihr gesehen. Und wer haette gedacht: So klug und aufgeweckt sie ihr ganzes Leben lang war, so war sie es auch noch bis zum letzten Atemzug. Weil sie wusste, dass man mit den gewoehnlichen Leuten dort nichts reden konnte, hielt sie einfach die Augen geschlossen und ruhte aus. Aber als sie mich sah, oeffnete sie die Augen, ergriff meine Hand und fragte: 'Wo ist Schatzjade?' Ich erzaehlte ihr die Wahrheit. Sie seufzte und sagte: 'Ich werde ihn nicht mehr sehen koennen.' Darauf sagte ich: 'Schwester, warum wartest du nicht, bis er zurueckkommt, und seht euch noch einmal? Wuerde das nicht beider Herzenswunsch erfuellen?' Da laechelte sie und sagte: 'Ihr wisst es noch nicht. Ich sterbe gar nicht. Im Himmel fehlt eine Blumengoettin, und der Jadekaiser hat mir befohlen, das Amt der Blumenhüterin zu uebernehmen. Ich muss heute, in der zweiten Viertelstunde der Stunde Wei, meinen Dienst antreten. Schatzjade wird aber erst in der dritten Viertelstunde der Stunde Wei nach Hause kommen. Es fehlt nur eine Viertelstunde, aber wir koennen uns nicht mehr sehen. Wenn gewoehnliche Sterbliche sterben sollen, schickt Yama, der Hoellenrichter, kleine Geister, um ihre Seelen zu holen. Wenn man das hinauszogern will, braucht man nur Papiergeld zu verbrennen und Speiseopfer darzubringen -- die Geister sind damit beschaeftigt, das Geld aufzuraffen, und der Sterbende kann noch ein wenig laenger bleiben. Aber mich rufen die Goetter des Himmels persoenlich -- da laesst sich auch nicht eine Viertelstunde hinauszuegern.' Als ich das hoerte, konnte ich es kaum glauben. Doch als ich zurueckkam und heimlich auf die Uhr schaute, war es tatsaechlich in der zweiten Viertelstunde der Stunde Wei, dass sie den letzten Atemzug tat, und genau in der dritten Viertelstunde kam jemand und sagte uns, du seiest zurueck. Die Zeiten stimmen genau ueberein."
Schatzjade rief hastig: "Du liest keine Buecher und weisst es daher nicht: So etwas gibt es wirklich! Nicht nur hat jede Blume eine Goettin, jede einzelne Blumenart hat ihre eigene Goettin, und darueber hinaus gibt es noch eine oberste Blumengoettin. Aber ob sie die oberste Blumengoettin geworden ist oder nur die Hueterin einer einzelnen Blumenart, das weiss ich nicht."
Das kleine Maedchen wusste im Augenblick nicht, was es antworten sollte. Da es gerade August war und die Hibiskusblumen auf dem Gartenteich in voller Bluete standen, fiel ihr beim Anblick der Blumen die passende Antwort ein: "Ich habe sie auch gefragt, welche Blume sie huetet, damit wir ihr kuenftig Opfer darbringen koennen. Sie sagte: 'Himmelsgeheimnisse duerfen nicht verraten werden. Da du so fromm bist, sage ich es nur dir allein. Du darfst es nur Schatzjade erzaehlen. Wenn du es ausser ihm noch jemandem verraetst, werden dich die fuenf Donnerkeile treffen.' Dann hat sie mir gesagt, dass sie die Goettin der Hibiskusbluete ist."
Als Schatzjade das hoerte, empfand er nicht nur keinen Zweifel, sondern seine Trauer verwandelte sich sogar in Freude. Er deutete auf die Hibiskusblueten und sagte laechelnd: "Diese Blume braucht wirklich eine solche Person als Hueterin. Ich wusste es ja, dass jemand wie sie bestimmt eine grosse Bestimmung haben wuerde. Obwohl sie dem Meer des Leidens entkommen ist und wir uns von nun an nicht mehr sehen koennen, bin ich doch nicht frei von Trauer und Sehnsucht." Dann dachte er: "Obwohl ich sie vor ihrem Tod nicht mehr sehen konnte, sollte ich doch wenigstens jetzt vor ihrem Geist eine Reverenz erweisen -- das gebuehrt sich nach fuenf, sechs Jahren inniger Verbundenheit."
Mit diesem Gedanken eilte er zurueck in sein Zimmer, zog sich um und ging unter dem Vorwand, Kajaljade besuchen zu wollen, allein aus dem Garten, um die Totenbahre an der Stelle aufzusuchen, wo sie das letzte Mal gelegen hatte. Doch ihr Vetter und seine Frau hatten, kaum dass sie ihren letzten Atemzug getan hatte, gleich im Haus Bescheid gegeben, in der Hoffnung, moeglichst schnell das uebliche Bestattungsgeld zu bekommen. Dame Wang hatte, als sie davon erfuhr, zehn Liang Silber fuer die Bestattung angewiesen und ausserdem befohlen: "Schafft sie sofort hinaus und verbrennt sie! Wer an Maedchenschwindsucht gestorben ist, den darf man auf keinen Fall aufbewahren!" Der Vetter und seine Frau hatten das Geld erhalten, sogleich Leute angeheuert, den Leichnam eingesargt und zum Verbrennungsplatz vor der Stadt bringen lassen. Die zurueckgebliebenen Kleider, Schmuckstuecke und Haarnadeln, im Wert von drei- bis vierhundert Liang Gold, behielten Vetter und Frau fuer sich, als Ruecklage fuer spaetere Zeiten. Sie schlossen die Tuer ab und begleiteten beide den Sarg -- sie waren noch nicht zurueck.
Schatzjade kam also vor verschlossener Tuer an und fand niemanden vor.
Nachdem Schatzjade lange allein dort gestanden hatte und keinen anderen Ausweg fand, kehrte er in den Garten zurueck. In seinem Zimmer fuehhlte er sich voellig leer. So schlug er den Weg zu Kajaljade ein. Doch Kajaljade war nicht in ihrem Zimmer. Auf die Frage, wo sie sei, antworteten die Dienerinnen: "Sie ist zu Fraeulein Schatzspange gegangen." Schatzjade ging also zum Hengwu-Hof hinueber, doch dort herrschte Totenstille. Die Raeume waren ausgeraeumt und leer. Erschrocken fiel ihm ein, dass er vor ein paar Tagen etwas davon gehoert hatte, dass Schatzspange ausziehen wolle, doch wegen der Arbeit der letzten Tage hatte er es voellig vergessen. Jetzt, da er es mit eigenen Augen sah, wusste er, dass sie tatsaechlich fort war. Erstarrt stand er eine ganze Weile da.
Da kam eine alte Dienerin des Weges. Schatzjade fragte hastig, was vorgefallen sei. Die Alte erklaerte: "Fraeulein Schatzspange ist ausgezogen. Wir passen hier auf und raeumen noch die letzten Sachen zusammen. Gleich sind wir fertig. Bitte geht, junger Herr, damit wir noch den Staub fegen koennen. Von jetzt an koennt Ihr Euch den Weg hierher sparen."
Schatzjade hoerte diese Worte und stand wie erstarrt. Vor seinen Augen rankten sich die Duftwinden und seltenen Schlingpflanzen im Hof, noch immer smaragdgruen und frisch, doch sie schienen ihm auf einmal von Schwermut ueberzogen, ganz anders als gestern. Sein Herz zog sich zusammen vor Trauer.
Schweigend trat er hinaus und sah vor dem Tor den schattigen gruenen Weg. Auch hier war schon laengst niemand mehr voruebergegangen -- ganz anders als in frueheren Tagen, als die Dienerinnen der verschiedenen Haeuser ohne Verabredung in Scharen hin und her liefen. Er beugte sich hinunter und blickte auf das Wasser unter dem Damm, das still und unaufhoerlich dahinfoss. Sein Herz dachte: Wie kann es auf der Welt solche Herzlosigkeit geben!
Er trauerte eine Weile, dann fiel ihm ploetzlich ein: Siqin, Ruhua, Fangguan und die anderen, insgesamt fuenf, waren fortgeschickt worden; Heitermuster war gestorben; nun war auch Schatzspange ausgezogen; Yingchun war zwar noch nicht fort, doch seit Tagen nicht zurueckgekommen, und staendig erschienen Heiratsvermittler. Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich alle im Garten zerstreuen wuerden. Sich darueber zu graemen half auch nichts. Besser, er suchte Kajaljade auf und verbrachte den Tag bei ihr, und dann wuerde er mit Dufthauch zusammen sein -- nur diese zwei, drei Menschen, die wuerden wohl bis zum Ende bei ihm bleiben.
Mit diesem Gedanken ging er abermals zur Herberge am Xiaoxiang-Fluss, doch Kajaljade war immer noch nicht zurueck. Schatzjade dachte, er sollte wohl auch hinausgehen und sie verabschieden, doch er konnte seine Trauer nicht ueberwinden und blieb lieber. Niedergschlagen kehrte er zurueck.
Gerade als er nicht wusste, wohin mit sich, kam ein Dienstmaedchen von Dame Wang herein und suchte ihn: "Der gnaedige Herr ist zurueck und sucht Euch. Er hat ein neues Thema bekommen. Schnell, schnell!"
Schatzjade musste wohl oder uebel mitgehen. In Dame Wangs Raeumen angekommen, war sein Vater bereits hinausgegangen. Dame Wang liess ihn ins Studierzimmer bringen.
Kaufmann Aufrecht sass gerade mit seinen Beratern zusammen und sprach ueber die Schoenheiten des Herbstausflugs. Dann sagte er: "Kurz bevor wir aufbrachen, kam ploetzlich eine Geschichte zur Sprache, die in jeder Hinsicht ein Meisterwerk der Ueberlieferung ist. Acht Tugenden vereint sie in sich: Anmut, Geist, Treue, Gerechtigkeit, Edelmut und Tapferkeit. Ein praeechtiges Thema -- alle sollten eine Klagedichtung darauf verfassen."
Die Berater fragten neugierig, um welche wundersame Begebenheit es sich handle.
Kaufmann Aufrecht erzaehlte: "Einst gab es einen Koenig mit dem Titel Koenig Heng, der als Statthalter in Qingzhou residierte. Dieser Koenig Heng liebte schoenhe Frauen ueber alles und uebte in seiner Freizeit die Kriegskunst. Darum waehlte er viele schoene Maedchen aus und uebte sie taeglich im Waffenhandwerk. In seinen Mussestunden veranstaltete er tagelange Bankette und liess die schoenen Frauen im Kampf gegeneinander antreten. Unter seinen Damen gab es eine mit dem Nachnamen Lin, die vierte in der Geschwisterreihe, die nicht nur die schoenste war, sondern auch die groesste Meisterschaft in den Kriegskuensten besass. Alle nannten sie Lin Siniang. Koenig Heng schaetzte sie am meisten und befoeorderte sie zur Anfuehrerin aller seiner Damen. Er verlieh ihr den Titel 'Guihua-Generalin' -- die 'anmutig Schoene Generalin'."
Die Berater riefen: "Ausserordentlich! Herrlich! Dem Wort 'Guihua' -- 'anmutige Schoenheit' -- das Wort 'General' hinzuzufuegen, macht es nur noch reizvoller und grazioeser. Wahrlich ein einmaliger Ausdruck in der Geschichte der Literatur! Dieser Koenig Heng muss wohl der groesste Lebemann aller Zeiten gewesen sein!"
Kaufmann Aufrecht laechelte: "Gewiss, das stimmt. Aber es gibt noch Erstaunlicheres und Bewundernswuerdigeres zu berichten."
Die Berater fragten verwundert: "Was ist dann geschehen?"
Kaufmann Aufrecht fuhr fort: "Im naechsten Jahr sammelten sich die Ueberbleibsel der Aufstaendischen -- Reste der 'Gelben Turbane' und 'Roten Augenbrauen' -- erneut wie ein Schwarm und pluenderten das Gebiet oestlich der Berge. Koenig Heng hielt sie fuer ein paar raeudige Schaffe und Hunde, die keinen grossen Feldzug verdienten, und ritt mit leichter Kavallerie gegen sie. Doch die Rebellen waren ueberraschend listig und geschickt. Nach zwei verlorenen Schlachten fiel Koenig Heng den Raeuebern zum Opfer. Daraufhin sagten sich alle Zivil- und Militaerbeamten in Qingzhou: 'Wenn nicht einmal der Koenig siegen konnte -- was sollen wir da ausrichten?' Sie waren schon drauf und dran, die Stadt zu uebergeben. Als Lin Siniang die Todesnachricht erhielt, versammelte sie alle Kriegerinnen und sprach: 'Wir alle stehen in der Schuld des Koenigs. Himmel und Erde sind unsere Zeugen, doch wir koennen ihm nicht den zehntausendsten Teil seiner Gnade vergelten. Da der Koenig nun sein Leben fuer das Reich gegeben hat, bin ich entschlossen, mein Leben fuer den Koenig zu geben. Wer mir folgen will, komme sofort mit mir. Wer nicht will, moege sich zerstreuen.' Als die Kriegerinnen diese Worte hoerten, riefen alle einstimmig, sie seien bereit. So fuehrte Lin Siniang ihre Schar bei Nacht aus der Stadt und fiel direkt ueber das Lager der Raeuber her. Die Rebellen waren unvorbereitet, und einige ihrer Anfuehrer wurden erschlagen. Doch als die Raeuber sahen, dass es nur eine Handvoll Frauen war und sie nichts ausrichten konnten, schlugen sie mit aller Macht zurueck, und in einem erbitterten Kampf wurde Lin Siniang und jede einzelne ihrer Kaempferinnen getoetet, ohne dass eine am Leben blieb. So erfuellte Lin Siniang ihren Schwur der Treue und Gerechtigkeit. Als die Nachricht in die Hauptstadt gelangte, waren alle -- vom Kaiser bis zum geringsten Beamten -- erschuettert und voller Bewunderung. Was die Unterdrueckung der Rebellen danach betrifft -- natuerlich schickte der Hof Truppen, und die kaiserlichen Armeen machten dem Spuk rasch ein Ende. Darueber brauchen wir nicht weiter zu sprechen. Aber allein Lin Siniangs Geschichte -- ist die nicht bewundernswert?"
Die Berater seufzten: "Wahrlich bewundernswert und erstaunlich! Ein hervorragendes Thema, das verdient, dass alle eine Klageode darauf verfassen." Schon hatte jemand Pinsel und Tusche geholt. Nach Kaufmann Aufrechts muendlichem Bericht wurde, mit leichten Aenderungen in der Wortwahl, eine kurze Einleitung niedergeschrieben und Kaufmann Aufrecht zur Durchsicht vorgelegt. Dieser sagte: "Es ist nicht mehr als das. Die andere Seite hat ohnehin die Originaleinleitung. Gestern erging naemlich ein kaiserlicher Erlass, wonach alle Personen aus frueheren Dynastien, die Anerkennung verdienten, aber bisher uebergangen worden waren, gemeldet werden sollten -- ob Moenche, Nonnen, Bettler, Maenner oder Frauen: Wer auch nur eine lobenswerte Tat vorzuweisen hat, dessen Lebenslauf soll dem Ritenministerium zur Pruefung vorgelegt werden. Deshalb wurde auch jene Originaleinleitung an das Ritenministerium geschickt. Alle, die davon hoerten, wollen nun ein 'Lied auf die Anmutig-Schoene' verfassen, um ihre Treue und Gerechtigkeit zu wuerdigen."
Die Berater sagten laechelnd: "So muss es sein. Und noch bewundernswerter ist, dass unsere erlauchte Dynastie mit beispiellosen Gunsterweisen glaenzt, wie es sie in keiner frueheren Zeit je gegeben hat. Man kann wahrlich sagen: 'Im heiligen Reich gibt es nichts zu beklagen' -- das Wort des Tang-Dichters hat sich in unserer Zeit bewahrheitet. Erst jetzt bekommt dieser Vers seinen vollen Sinn."
Kaufmann Aufrecht nickte: "Genau so ist es."
Waehrend sie noch sprachen, trafen auch Jia Huan und Jia Lan ein. Kaufmann Aufrecht liess sie das Thema lesen. Die beiden waren zwar keine schlechten Dichter, und an Belesenheit standen sie Schatzjade nicht viel nach. Doch erstens schlugen sie grundsaetzlich einen anderen Weg ein: In der Pruefungsdichtung mochten sie Schatzjade ueberlegen sein, doch in der freien Dichtung reichten sie bei weitem nicht an ihn heran. Zweitens war ihr Denken schwerfaellig und umstaendlich, waehrend Schatzjades Geist leicht und grazioes dahinflog. Ihre Gedichte lasen sich stets wie Examenarbeiten: steif, nueuchtern und ohne Schwung.
Schatzjade hingegen war zwar kein Gelehrter im eigentlichen Sinne, doch dank seiner angeborenen Klugheit und seiner Vorliebe fuer allerlei Buecher ausserhalb des Kanons hielt er es fuer moeglich, dass auch die Alten sich gelegentlich geirrt oder etwas erfunden hatten, und meinte, man duerfe nicht alles woertlich nehmen. Wenn man sich staendig aengstlich an Regeln klammerte, kam bestenfalls ein steifes Flickwerk heraus, das keinem Vergnuegen bereitete. Mit dieser Haltung im Herzen fiel ihm jedes Thema, ob schwer oder leicht, muehelos zu -- wie einem gewandten Redner, der aus dem Nichts Geschichten spinnt, mit flinker Zunge lange Tiraden haelt und alles durcheinanderrwirft und ausschmueckt, bis ein ganzer Vortrag dasteht. Auch wenn es an Belegen mangelt, bringt er die ganze Gesellschaft zum Laecheln, und selbst die strengsten Kritiker koennen gegen diesen Schwung nichts ausrichten.
In letzter Zeit hatte Kaufmann Aufrecht, mit zunehmendem Alter, sein Streben nach Ruhm und Ehre weitgehend abgelegt. In seiner Jugend war auch er ein Mann des Weins und der Poesie gewesen, doch vor den juengeren Verwandten hatte er stets den rechten Weg betont. Nun stellte er fest, dass Schatzjade, obwohl er keine Buecher las, ein erstaunliches Verstaendnis fuer die Dichtkunst besass. Bei naeherer Betrachtung hatte er die Familienehre doch nicht allzu sehr beschmutzt. Zudem waren auch die Vorfahren alle auf aehnliche Weise veranlagt gewesen: Zwar hatte es unter ihnen einige gegeben, die sich tief in die Pruefungsliteratur versenkt hatten, doch keiner war je durch die Pruefungen zu Amt und Wuerden gelangt. Offenbar war dies das Schicksal der Familie Jia. Da zudem die Herzoginmutter den Enkel verwoehnte, zwang Kaufmann Aufrecht ihn nicht laenger zum Pruefungsstudium. Deshalb behandelte er ihn in letzter Zeit so. Gleichzeitig wuenschte er sich, dass Jia Huan und Jia Lan neben ihrer Pruefungsvorbereitung auch etwas von Schatzjades Talenten besaessen; deshalb rief er, wann immer Gedichte zu verfassen waren, alle drei zusammen.
Doch lassen wir die Abschweifungen. Kaufmann Aufrecht befahl den dreien, je eine Klageode zu verfassen: Wer zuerst fertig waere, erhalte eine Belohnung, und wer die beste abliefere, eine zusaetzliche. Jia Huan und Jia Lan hatten in letzter Zeit vor zahlreichem Publikum mehrere Gedichte vorgetragen und waren dadurch mutiger geworden. Sie lasen das Thema und gingen in sich. Bald hatte Jia Lan seinen Text fertig. Jia Huan, der nicht zurueckstehen wollte, vollendete seinen ebenfalls. Beide hatten ihre Verse niedergeschrieben, waehrend Schatzjade noch in Gedanken versunken war.
Kaufmann Aufrecht und die Berater besahen zunaechst die Gedichte der beiden. Jia Lans war ein siebensilbiges Vierzeiler:
Guihua-Generalin Lin Siniang, Jade war ihr Fleisch, Eisen ihr Herz. Sie gab ihr Leben, um Koenig Heng zu raeechen -- noch heute duftet der Boden von Qingzhou.
Die Berater lobten: "Fuer einen dreizehnjaehrigen Knaben ist das ganz ausgezeichnet! Man sieht, aus welch gelehrtem Hause er stammt!" Kaufmann Aufrecht laechelte: "Fuer einen Knaben ist das eine beachtliche Leistung."
Dann lasen sie Jia Huans Gedicht, einen fuenfsilbigen Achtzeiler:
Die Schoene kennt noch keinen Gram, doch in des Generals Herz gluecht ein Schwur. Sie wischt die Traenen, laesst den Seidenvorhang, mit Groll im Herzen verlaesst sie Qingzhou. Sie waehnt, des Koenigs Gnade zu vergelten, doch wie die Feinde besiegen? Wer schreibt auf das Grab der Treue? Auf ewig ein Name ohne gleichen.
Die Berater sagten: "Noch besser! Ein paar Jahre aelter, und man merkt, dass die Gedanken schon tiefer gehen." Kaufmann Aufrecht meinte: "Nicht schlecht, aber auch nicht wirklich ergreifend." Die Berater entgegneten: "Mehr kann man nicht verlangen. Der dritte junge Herr ist nur zwei Jahre aelter, und vor der Muendigkeit ist das schon beachtlich. In ein paar Jahren werden sie wie die beiden Ruans sein -- der grosse und der kleine." Kaufmann Aufrecht laechelte: "Uebertiebenes Lob. Ihr einziger Fehler ist, dass sie nicht fleissig genug studieren."
Dann fragte man nach Schatzjade. Die Berater sagten: "Der zweite junge Herr arbeitet sorgfaeltig und mit Bedacht. Das wird gewiss wieder etwas ganz anderes -- voller Eleganz und Gefuehl." Schatzjade laechelte: "Dieses Thema eignet sich nicht fuer die kurze Form. Es braucht ein laengeres Stueck im alten Stil -- ein Lied oder eine Ballade --, um dem Gegenstand gerecht zu werden."
Alle erhoben sich, nickten und klatschten: "Hab ich es nicht gesagt -- er denkt ganz anders! Bei jedem Thema prueft er zuerst, welche Form angemessen ist. Das ist die Methode des Meisters. Wie beim Schneidern: Bevor man den Stoff zuschneidet, muss man die Masse kennen. Das Thema heisst 'Lied auf die Anmutig-Schoene', und da es eine Einleitung gibt, muss es ein laengeres Lied im Balladenstil sein. Etwa nach dem Vorbild von Bai Juyis 'Lied vom ewigen Leid', oder als Nachahmung der historischen Oden, halb erzaehlend, halb bessingend, fliessend und elegant -- nur so kann es gelingen."
Kaufmann Aufrecht stimmte zu, nahm selbst den Pinsel und bat Schatzjade laechelnd: "Also gut, diktiere, ich schreibe. Wenn es nicht gut ist, bekommst du Pruegel. Wer hat dir erlaubt, vorab so grosse Toene zu spucken?"
Schatzjade musste sich fuegen und diktierte die erste Zeile:
Koenig Heng liebte Krieg und schoene Frauen zugleich,
Kaufmann Aufrecht las es und schuettelte den Kopf: "Grob." Ein Berater widersprach: "Gerade so muss es sein, damit es archaisch wirkt. Letztlich ist es nicht grob. Warten wir das Folgende ab." Kaufmann Aufrecht sagte: "Lassen wir es einstweilen stehen." Schatzjade diktierte weiter:
und liess die schoenen Maedchen Reiten und Schiessen ueben. Ueppiger Gesang und sinnlicher Tanz gaben ihm keine Freude, in Schlachtreihen und Waffengaengen fand er sein Vergnuegen.
Kaufmann Aufrecht schrieb es auf. Die Berater sagten: "Allein die dritte Zeile ist schon altehrwuerdig und kraftvoll. Und diese vier Zeilen als Auftakt sind aeusserst gelungen." Kaufmann Aufrecht mahnte: "Spart euch das uebertriebene Lob und seht zu, wie er die Wendung vollzieht." Schatzjade diktierte:
Vor den Augen wirbelt kein Schlachtfeldstaub empor, im Lampenschein tanzt ein anmutiger Schatten.
Alle riefen: "Herrlich! 'Kein Schlachtfeldstaub empor' -- und dann als Kontrast 'ein anmutiger Schatten im Lampenschein'! Wortgebrauch und Verskunst -- alles ist meisterhaft!" Schatzjade fuhr fort:
Wenn sie den Befehl ruft, duftet ihr Mund nach Nelken, Frostspeere und Schneeschwerter zittern in zaertlichen Haenden.
Die Berater klatschten lachend in die Haende: "Noch plastischer! War der junge Herr Schatzjade etwa selbst dabei und hat ihre Anmut gesehen und ihren Duft gerochen? Sonst wuerde er sich nicht so einfuehlen!" Schatzjade laechelte: "Wenn Maedchen Waffenuebungen machen -- wie tapfer sie sich auch geben, sie sind eben keine Maenner. Ihre Zierlichkeit und Zaertlichkeit kann man sich auch ohne Hinsehen vorstellen."
Kaufmann Aufrecht sagte: "Statt weiter zu schwatzen, mach lieber weiter!" Schatzjade ueberlegte und diktierte:
Nelkenknoepfe schmuecken den Hibiskusguertel,
Alle sagten: "Wechsel zum Reim 'ao' -- Xiao-Reim --, sehr gut! Das gibt Fluss und Schwung. Und die Zeile selbst ist bezaubernd und elegant." Kaufmann Aufrecht schrieb es nieder und bemerkte: "Die Zeile taugt nicht. Vorher hatte er schon 'duftender Mund' und 'zaertliche Haende' -- wozu noch einmal? Das zeigt mangelnde Kraft; also greift er wieder zu blossem Zierwerk, um die Luecke zu fuellen."
Schatzjade laechelte: "Ein langes Lied braucht etwas schmueckende Wortwahl. Sonst wird es zu karg."
Kaufmann Aufrecht entgegnete: "Schon, aber wie willst du nach dieser Zeile wieder zum Kriegerischen zuruecklenken? Noch zwei, drei solche Zeilen, und es ist wie ein fuenftes Rad am Wagen."
Schatzjade antwortete: "Dann wende ich es mit der naechsten Zeile ab und schliesse zugleich. Das muesste gehen."
Kaufmann Aufrecht lachte kuehl: "Was bildest du dir auf dein Koennen ein? Oben ein weiter, offener Satz, und jetzt willst du mit einer einzigen Zeile gleichzeitig wenden und schliessen -- da wird dir wohl die Kraft ausgehen."
Schatzjade ueberlegte kurz und sagte:
Nicht Perlen traegt sie an der Schärpe, sondern das Schwert.
"Geht diese Zeile?" fragte er hastig. Alle schlugen begeistert auf den Tisch. Kaufmann Aufrecht schrieb sie nieder, las sie laechelnd noch einmal und sagte: "Lassen wir sie stehen. Weiter." Schatzjade fuhr fort: "Wenn sie taugt, moechte ich in einem Zug weitermachen. Wenn nicht, streiche ich alles und denke mir eine andere Richtung aus."
"Genug geredet!" befahl Kaufmann Aufrecht. "Wenn es nicht gut ist, schreibst du eben noch zehn oder hundert Stueck -- vor Muehe brauchst du dich nicht zu fuerchten!"
Also ueberlegte Schatzjade noch einen Augenblick und diktierte:
Nach der Schlacht, spaet in der Nacht, erschoepft das Herz, Spuren von Puder und Schminke beflecken die Seidenfahne.
Kaufmann Aufrecht sagte: "Wieder ein Abschnitt. Wie weiter?"
Schatzjade diktierte:
Im naechsten Jahr ziehen Raeuber durch Shandong, verschlingen wie Tiger und Panther, schwaermen wie Bienen.
Die Berater sagten: "Gut das Wort 'ziehen'! Es zeigt sofort den Unterschied der Kraefteverhaeltnisse. Und die ganze Zeile wendet sich geschmeidig."
Schatzjade diktierte weiter:
Der Koenig fuehrt die Himmelstruppen gegen die Raeuber, doch nach einer Schlacht, nach zweien -- kein Sieg. Blutiger Wind bricht den Weizen auf den Huegeln, leer steht das Tigerzelt unter der Kriegsfahne in der Sonne. Die blauen Berge schweigen, das Wasser rauscht, es ist die Stunde, da Koenig Heng den Tod fand. Regen waescht weisse Knochen, Blut traenkt das Gras, der Mond scheint kalt auf gelben Sand, Geister bewachen die Leiche.
Alle sagten: "Meisterhaft, meisterhaft! Aufbau, Erzaehlung, Wortwahl -- alles vollendet. Nun kommt Lin Siniang -- da muss es eine geniale Wendung geben." Schatzjade diktierte:
Die Offiziere und Soldaten denken nur an ihr eigenes Leben, Qingzhou wird vor ihren Augen zu Staub. Doch unerwartet leuchtet Treue und Pflicht aus dem Frauengemach, voller Zorn erheben sich die Geliebten des Koenigs.
Die Berater sagten: "Kunstvoll eingeleitet!" Kaufmann Aufrecht warnte: "Es wird zu lang. Ich fuerchte, es wird schwerfaellig."
Schatzjade diktierte weiter:
Wer war des Koenigs Liebste unter allen? Die Guihua-Generalin Lin Siniang! Sie ruft die Maedchen von Qin herbei, treibt die Toechter von Zhao, wie bluehende Pflaumen und Pfirsiche treten sie aufs Schlachtfeld. Auf besticktem Sattel benetzen Traenen den Fruehlingsschmerz, lautlos liegt die Ruestung in der kuehlen Nachtluft. Sieg oder Niederlage -- wer mag es voraussagen? Doch ihr Schwur gilt: Leben und Tod fuer den frueheren Koenig! Die Macht der Raeuber ist unbezwingbar, gebrochene Weiden, zertretene Blueten -- wahrlich zum Erbarmen! Ihre Seelen schweben nahe der Stadtmauer, nah der Heimat, Pferdehufe zertreten Rosenduft und Knochenmark. Eilboten jagen die Nachricht in die Hauptstadt, welche Soehne und Toechter trauerten nicht? Der Kaiser erschrickt und grollt den Verlusten, auch die Beamten senken beschaemt das Haupt. Wozu stehen Zivil- und Militaerbeamte am Hof, wenn sie hinter einer Frau zurueckstehen -- hinter Lin Siniang! Mir entringt Lin Siniang einen langen Seufzer, das Lied ist zu Ende, doch das Gefuehl irrt noch umher.
Als er fertig war, lobten alle ohne Ende und lasen das Ganze noch einmal von vorn. Kaufmann Aufrecht laechelte: "Ein paar gute Zeilen sind darunter, aber im Ganzen ist es nicht ergreifend genug." Dann sagte er: "Ihr koennt gehen."
Alle drei fuehlten sich wie begnadigt und gingen hinaus, jeder in seine Raeume.
Die uebrigen Personen hatten nichts Besonderes zu berichten; sie gingen am Abend wie gewoehnlich zu Bett. Nur Schatzjade trug ein betruebtes Herz. Als er in den Garten zurueckkehrte, fiel sein Blick auf die Hibiskusblueten am Teich. Er dachte an die Worte des kleinen Maedchens, Heitermuster sei zur Hibiskusgoettin geworden, und ploetzlich hellte sich seine Stimmung auf. Er betrachtete die Hibiskusblueten und seufzte eine Weile.
Dann fiel ihm ein, dass er nach ihrem Tod nicht einmal an ihrem Totenschrein hatte opfern koennen. Warum sollte er nicht hier, vor den Hibiskusblueten, ein Totenopfer darbringen? Das waere doch weit vornehmer als die gewoehnliche Trauervisite, wie es vulgaere Menschen taten.
So beschloss er, die Zeremonie durchzufuehren, hielt dann aber inne: "So geht es doch nicht. Man muss ordentlich gekleidet sein, und die Opfergaben muessen vollstaendig vorbereitet werden, um wahre Ehrfurcht zu zeigen." Er ueberlegte: "Wenn ich jetzt die gewoehnlichen Trauerriten der Welt nachahmte, gaebe das gar nicht. Es muss etwas Einzigartiges sein, etwas Originelles und nie Dagewesenes, das unserer beider Wesen gerecht wird. Die Alten sagen ja: 'Auch Wasserpfuetze und Regenlache, auch Wasserlinse und Brunnenkresse, so gering sie sein moegen, koennen einem Fuersten als Opfer dargebracht und den Goettern geweiht werden.' Es kommt nicht auf den Wert der Gaben an, sondern allein auf die Aufrichtigkeit des Herzens. Das ist das eine.
Zweitens muss auch der Klagetext und das Trauergedicht von eigener Hand und eigenem Denken sein, frei geschrieben, ohne die ausgetretenen Pfade der Vorgaenger zu betreten -- keine leeren Phrasen zum Blenden, sondern jedes Wort unter Traenen geschrieben, jeder Satz unter Schluchzen. Lieber fehlende Kunstfertigkeit bei ueberreichem Gefuehl als schmueckende Sprache bei mangelnder Trauer. Zudem haben die Alten oft Anspielungen verwendet -- nicht ich bin der Erste. Nur sind die Menschen von heute so verblendet von Ruhm und Karriere, dass sie den Geist des Altertums voellig vergessen haben, aus Furcht, es koenne ihrer Laufbahn schaden. Ich aber strebe nicht nach Ruhm; ich schreibe nicht fuer die Welt. Warum also sollte ich nicht den alten Meistern von Chu nacheifern -- ihren 'Grossen Worten', dem 'Ruf der Seele', der 'Begegnung mit dem Leid', den 'Neun Klagen', dem 'Verdorrten Baum', der 'Schwierigen Frage', dem 'Herbstwasser' und der 'Lebensbeschreibung des grossen Herrn'? Ich will einzelne Zeilen mischen, kurze Parallelpaare einstreuen, wahre Begebenheiten und Gleichnisse verwenden, der Eingebung folgen und dem Pinsel freien Lauf lassen -- fröhlich sein, wenn ich schreibe, und weinen, wenn mir danach ist. Erst wenn Wort und Gefuehl sich erschoepfen, hoere ich auf. Warum sollte ich mich wie die Welt in enge Grenzen zwaengen?"
Da Schatzjade ohnehin kein Buechermensch war und nun auch noch diese eigenwilligen Gedanken hegte, war natuerlich kein musterhaftes Gedicht zu erwarten. Er aber schrieb, ohne sich um anderer Urteil zu kuemmern, ganz nach seinem Gutduenken und ohne jede Zurueckhaltung einen langen Text zusammen. Auf ein Stueck jener eisigen Haifischseide, die Heitermuster stets geliebt hatte, schrieb er ihn in sauberer Regelschrift nieder. Er nannte ihn 'Klage auf das Hibiskusmaedchen', mit einer Einleitung und einem abschliessenden Lied. Auch bereitete er vier Opfergaben vor, lauter Dinge, die Heitermuster stets gemocht hatte.
Bei Mondschein in der Nacht liess er das kleine Dienstmaedchen die Gaben vor die Hibiskusblueten tragen. Zuerst vollzog er den Ritus. Dann haengte er den Klagetext an einen Hibiskuszweig und sprach ihn unter Traenen:
"Am Anfang des Grossen Friedens, in nie wechselnder Aera, im Monat, da Hibiskus und Duftbluete um die Wette duften, an einem Tag, an dem nichts anderes bleibt als Ergebung -- ich, der truebe Jade aus dem Hof der Roten Freude, bringe in aller Bescheidenheit Blueten der hundert Blumen, Haifischseidenstoff, Wasser aus der Duftgetraenkten Quelle und Tee, der unter Ahornhonig gereift ist, dar. Obwohl diese vier Gaben gering sind, moegen sie meine Aufrichtigkeit und Treue bezeugen. Hiermit bringe ich mein Opfer dar vor der Hibiskusgoettin, Hueterin der Herbstschoenheit, im Palast des Weissen Kaisers:
Wenn ich bedenke, wie das Maedchen in diese truebe Welt kam und nun sechzehn Jahre auf Erden gelebt hat -- ihre fruehere Heimat, ihren Familiennamen, ihr Geschlecht: Alles ist laengst verschuettet und nicht mehr zu erforschen. Doch ich, der Truebe Jade, hatte das Glueck, ihr nahe zu sein -- in Bett und Kissen, bei Kamm und Bad, in Ruhe und bei Festen, in Vertrautheit und Naehe -- ganze fuenf Jahre und acht Monate lang.
Wenn ich an ihr frueheres Wesen denke: Ihre Natur war so kostbar, dass Gold und Jade nicht genuegen, sie zu beschreiben; ihre Art war so rein, dass Eis und Schnee ihr Gleichnis nicht erreichen; ihr Geist war so strahlend, dass Sterne und Sonne ihn nicht fassen; ihre Schoenheit war so leuchtend, dass Blumen und Mond nur matter Abglanz sind. Alle Schwestern bewunderten ihre Anmut und Tugend, alle Aelteren schaetzten ihre Freundlichkeit und Guete.
Wer haette geahnt, dass Giftvoegel ihre Hoehe neiden und der Adler in die Falle des Jaeegers gerät? Dass giftiges Unkraut ihren Duft missgoennnt und edle Orchideen unter der Sichel fallen? Die Blume war von Natur aus zart -- wie sollte sie dem Sturm trotzen? Die Weide war von jeher truebsinnig -- wie sollte sie dem Platzregen standhalten?
Durch eine boese Verleumdung erkrankt, wurde sie von toedlichem Siechtum befallen. Ihre Kirschenlippen verloren die Roete und stoehnten nur noch; ihre Aprikosenwangen verblassten und wurden hager. Verleumdung und Schmaehung kamen aus dem Frauengemach; Dornen und Disteln wucherten bis zur Tuerschwelle. Nicht sie hat sich die Schuld aufgeladen -- in Wahrheit hat man ihr die Schande aufgebuerdet. Endloser Kummer versank in bodenloser Tiefe, unendliches Unrecht drueckt sie in alle Ewigkeit.
Ihre Erhabenheit erregte Neid -- wie einst der Verbannte in Changsha litt sie hinter dem Frauenvorhang. Ihre Aufrichtigkeit wurde ihr zum Verhaengnis -- wie einst der Gerechte in Yuye verging sie unter dem Kopfschmuck der Frauen. Still trug sie ihre Bitterkeit, wer hatte Mitleid mit ihrem fruehen Tod?
Die Wolke der Unsterblichen zerstreute sich, ihre duftenden Spuren sind nicht mehr zu finden. Weder das Kraut gegen den Tod noch die Medizin der Wiedergeburt vermochte sie zu retten. Gestern noch zeichnete ich ihre Brauen mit Tusche; heute -- wessen Hand wird den kalten Jadeuing waermen? In der Rauchpfanne stehen noch die Reste der Arznei; am Gewand haften noch die Spuren der Traenen. Der Spiegel zerbrach, der Luan-Vogel flog davon -- mit Trauer oeffne ich Moschusmonds Schatulle. Der Kamm ward zum Drachen -- unter Klagen zerbrach Tanyuns Zahn.
Goldene Haarnadeln liegen im Unkraut, eine Jadeschatulle im Staub. Leer steht das Gebaelk, wo einst die Elstern nisteten -- umsonst haengt dort die Nadel des siebten Abends. Zerrissen ist das Band der Mandarinenenteneine -- wer knuepft den Faden des fuenften Tages wieder?
Zumal nun der Herbst herrscht, der Weisse Kaiser regiert, die einsame Decke von Traeumen spricht und das leere Zimmer menschenleer ist. Der mondlose Hof unter den Wutongstongen -- die schoene Seele und der liebliche Schatten schwanden zugleich. Der Hibiskusvorhang hat seinen Duft verloren -- das zaertliche Atmen und die leise Stimme verstummten fuer immer.
Welkendes Gras bedeckt den Himmel -- nicht nur Schilf und Rohr; Klagetoene erfuellen die Erde -- nichts als Grillen und Heimchen. Auf dem bemoosten Pfad am spaeten Abend dringt kein Waesche-Klopfen durch den Vorhang; im regengetremkten Garten hoert man ueber die Mauer nur selten die klagende Floete.
Ihr duftender Name ist noch nicht verloschen -- der Papagei am Dach ruft ihn immer noch. Doch ihre schoene Gestalt ist dem Vergehen nahe -- der Zierapfelbaum vor dem Gelaender welkte schon voraus.
Beim Versteckspiel hinter dem Wandschirm fielen die Lotusblaetter lautlos; beim Kraeuterpfluecken im Hof wartet die Orchidee vergebens auf Bluete. Zerrissen die Seidenfaeden -- wer naehte die Silberborten und bunten Baender? Zerbrochen die Eisnadel -- im goldenen Buegeleisen ruht ungeglaettet der kaiserliche Duft.
Gestern noch auf strengen Befehl bestieg sie den Wagen und verliess den duftenden Garten; heute unter grausamer Gewalt stuetzt sie sich auf den Stock und verlaesst den einsamen Sarg. Da der Sarg verbrannt wurde -- wie beschaemt bin ich, das Versprechen des gemeinsamen Grabes gebrochen zu haben! Da der Steinsarkophag zu Asche ward -- welche Schande, dass wir nicht gemeinsam zu Staub werden!
So weht der Herbstwind ueber den alten Tempel, und Irrlichter verweilen; die untergehende Sonne sinkt ueber den wuesten Huegel, und weisse Knochen liegen zerstreut. Ulmen und Katalpen rauschen, Beifuss und Wermut wispern. Durch den Nebel schreit der Affe am Grabhuegel, durch den Dunst weint der Geist am Felddamm.
Ich glaubte fest, im roten Seidenzelt stehe der junge Herr in tiefer Zuneigung; nun erst glaube ich, im gelben Erdhuegel leidet das Maedchen unter bitterem Schicksal. Runan sah Traenen aus Blut -- Tropfen fuer Tropfen spritzten sie in den Herbstwind; Zize hoert den letzten Herzschlag -- still und stumm klagt er im kalten Mondlicht.
O weh! Gewiss waren es boeswillige Daemonen, die dieses Unheil anrichteten -- doch waren es am Ende auch neidische Goetter? Knebelt man den Verleumdern den Mund -- reicht diese Strafe je aus? Schneidet man den Haertlingen das Herz auf -- stillt das je den Zorn?
Deine irdischen Bande waren zwar kurz, doch mein niedriger Sinn findet kein Ende. Aus unablässiger Sehnsucht stelle ich unablässige Fragen. So erfuhr ich: Der Himmlische Kaiser hat sein Banner entfaltet, im Blumenpalast wartet ein Amt. Im Leben war sie unter Orchideen und Duftpflanzen, im Tode herrscht sie ueber die Hibiskusblueten.
Was das kleine Maedchen sagte, mag wie leeres Gerede klingen; doch wenn der Truebe Jade nachdenkt, hat es tiefen Sinn. Denn einst entfuehrte Ye Fashan eine Seele, um eine Grabinschrift zu verfassen, und Li Changji wurde in die Unterwelt berufen, um einen Bericht zu schreiben -- die Begebenheiten sind verschieden, doch das Prinzip ist dasselbe. Darum glaube ich fest, dass der Himmlische Kaiser in seiner Zuweisung des Amtes wahrhaft gerecht und angemessen gehandelt hat, ganz im Einklang mit ihrem innersten Wesen. In der Hoffnung, dass ihr unsterblicher Geist vielleicht hierher herabsteigt oder emporschwebt, wage ich, trotz meiner ungeschlachten Worte, die ihr feines Gehoer beleidigen moegen, zu singen und sie herbei zu rufen:
Warum ist der Himmel so unendlich blau? Fliegt sie auf einem Jadedrachen durch das Firmament? Warum ist die Erde so unendlich weit? Reitet sie auf einem Juwelen-Elefanten hinab in die Quellen? Schaut sie empor zum schillernden Baldachin? Ist es der Glanz des Sterns Ji oder Wei? Reiht sich ein Federfaecher als Vorhut auf? Schuetzen die Sterne Wei und Xu sie zur Seite? Treibt sie den Donnergott als Begleiter an? Trennt sie sich vom Mondlicht, das Wang Shu fuehrt? Hoert man die Raeder knirschen und achzen? Lenkt sie den Wagen der Luan- und Yi-Voegel? Duftet es so suess und betaeubend? Flicht sie Liguster und Angelika zum Halsband? Funkelt ihr Rock und Gewand so leuchtend? Schmueckt sie sich mit dem Mond als Ohrgehaenge? Sind mit rankenden Kraeutern die Stufen zum Altar geschmueckt? Brennt eine Lotuskerze im Lampenol aus Orchideen? Traegt der Becher die Muster von Kuerbis und Flaschenbuerbis? Schenkt man Reiswein ein, gewuerzt mit Zimtbluete? Blickt sie in die Wolken und haelt den Blick fest? Sieht sie etwas in der Ferne schimmern? Lauscht sie in die Tiefe und spitzt die Ohren? Hoert sie in der Stille etwas? Schwebt sie grenzenlos durch die Endlosigkeit? Wirft sie mich Elenden in den Staub zurueck? Moege der Wind ihr Bote sein und mir den Wagen senden! Kann ich hoffen, dass wir gemeinsam die Zuegel ergreifen und heimkehren? Mein Herz ist voller Kummer -- doch was nuetzt all mein Wehklagen? Du ruhst so still in deinem langen Schlummer -- ist es das Schicksal, das sich hier gewandelt hat? Da du nun im Grabe liegst und Frieden findest -- bist du zurueckgekehrt zu deinem wahren Wesen, ohne noch einmal verwandelt zu werden? Ich aber bin noch in Fesseln und haenge am Leben -- wird dein Geist mich rufen, mich hierher zu locken? Komm herbei, bleib hier, komm doch herbei!
Wenn du aber im formlosen Urnebel wohnst und in schweigender Stille ruhst -- so kann ich, selbst wenn du hier waerst, dich nicht erblicken. Dann will ich Nebel-Efeu zum Wandschirm erheben und Schwertschilfrohr als Reihen aufstellen. Die schlaeafrigen Augen der Weiden wecken und das bittere Herz des Lotus befreien. Sunyue einladen am Felskap der Zimtpflanzen und Luofei begrüssen am Orchidenufer. Nongyue blaest die Floete, und ein Klanginstrument aus Jade wird geschlagen. Die Goettin des Berges Song wird herbeigerufen und die Alte vom Berg Li geweckt. Die Seelen des Berges Penglai tanzen, die Tiere im Teich Xianchi springen. Der rote Drache singt in der Tiefe, der Phonix versammelt sich im Perlenwald.
Ehrfurcht und Aufrichtigkeit -- nicht in Opferschalen und Holzgefaessen. Der Wagen bricht auf von der Morgenroetlichen Stadt und kehrt zurueck zum Feengarten. Mal scheint es, als ob die Grenze zwischen Sichtbar und Unsichtbar durchlaessig wuerde; mal verdichtet sich der Dunst und versperrt pltabzlich den Weg. Vereinigung und Trennung wie Wolken und Nebel, verschwommen wie Regen und Dunst. Der Staub legt sich, die Sterne stehen hoch; Baeche und Berge schimmern im Mittagsmond. Wie unruhig ist mein Herz! Wie zwischen Wachen und Traeumen schwankend! So seufze ich in Sehnsucht, weineund und umherirrend. Menschenstimmen versinken in der Stille, Himmelstoene klingen in den Bambusdickichten. Aufgeschreckte Voegel flattern davon, Fische schnappen an der Wasserflaeeche. Meine Klage ist mein Gebet, mein Ritus ist mein Segen. O weh! Nehmt dieses Opfer an!"
Als er die Klage zu Ende gelesen hatte, verbrannte er Seidenopfer und goss Tee als Libation, doch konnte er sich nicht losreissen. Das kleine Maedchen musste ihn wieder und wieder draengen, ehe er sich schliesslich umwandte. Da hoerte er ploetzlich hinter den Felsen jemanden lachen und sagen: "Bitte bleibt noch einen Augenblick!"
Beide erschraken. Das kleine Maedchen sah sich um -- da trat eine Gestalt hinter den Hibiskusblueten hervor. Sie schrie laut auf: "Ein Geist! Heitermuster zeigt sich als Geist!" Auch Schatzjade blickte erschrocken hin --
Wer es war, wird im naechsten Kapitel erzaehlt.
Anmerkungen
Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本).