Hongloumeng/de/Chapter 1
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Kapitel 1
Echt Wahrheitsverberger erkennt im Traum die Wahrheit der Vergänglichkeit
Kaufmann Regenort verliebt sich im Staub der Welt in eine Schönheit
Verehrte Leser, wisst Ihr, woher dieses Buch stammt? Obwohl sein Ursprung dem Absurden nahekommt, birgt es bei näherer Betrachtung tiefe Bedeutung. Lasst mich, den Erzähler, seine Herkunft darlegen, damit die Zuhörer alles klar verstehen und keinen Zweifel hegen.
Es war einst, als die Göttin Nüwa[1] Steine schmolz, um den Himmel zu flicken. Am Berg der Großen Öde[2], an der Klippe des Grundlosen[3], schmolz sie insgesamt 36.501 gewaltige Steine, zwölf Zhang[4] hoch und vierundzwanzig Zhang breit. Die Göttin verwendete davon nur 36.500 Stück und ließ einen einzigen übrig, den sie am Fuße des Grünen Gipfels[5] dieses Berges liegen ließ. Doch wer hätte gedacht, dass dieser Stein, nachdem er den Schmelzprozess durchlaufen hatte, bereits ein Bewusstsein erlangt hatte! Als er sah, dass alle anderen Steine zum Flicken des Himmels auserwählt worden waren und er allein als untauglich zurückgeblieben war, beklagte und bemitleidete er sich Tag und Nacht voller Kummer und Scham.
Eines Tages, als er gerade in tiefem Kummer versunken war, erblickte er plötzlich von ferne einen buddhistischen Mönch und einen daoistischen Priester herankommen, beide von außergewöhnlicher Erscheinung und unvergleichlichem Auftreten. Lachend und plaudernd kamen sie zum Fuße des Gipfels und setzten sich neben den Stein, um angeregt miteinander zu reden. Zuerst sprachen sie von fernen Wolkenbergen und nebelverhangenen Meeren, von Unsterblichen und wundersamen Dingen, dann aber kamen sie auf Ruhm und Reichtum in der Welt der Sterblichen[6] zu sprechen. Als der Stein dies hörte, ward unwillkürlich sein irdisches Verlangen geweckt, und auch er wollte in die Menschenwelt hinab, um jenen Glanz und Reichtum zu genießen. Da er jedoch seine eigene Ungeschlachtheit bedauerte, blieb ihm nichts anderes übrig, als mit menschlicher Stimme zu den beiden zu sprechen: „Ehrwürdige Meister! Euer demütiger Schüler ist nur ein plumpes Ding und vermag Euch nicht gebührend zu grüßen. Soeben hörte ich Euch von den Freuden und dem Ruhm der Menschenwelt sprechen und sehne mich zutiefst danach. Obwohl mein Wesen grob und unbeholfen ist, besitze ich doch ein wenig Verstand. Und da ich sehe, dass Ihr beide unsterbliche Gestalt und den Leib von Weisen habt, seid Ihr gewiss keine gewöhnlichen Wesen, sondern müsst das Vermögen besitzen, den Himmel zu flicken und die Welt zu retten. Wenn Ihr ein wenig Barmherzigkeit zeigen und Euren Schüler in die Rote Welt der Sterblichen mitnehmen könntet, um dort einige Jahre lang Reichtum und Zärtlichkeit zu genießen, so wäre ich Euch auf ewig dankbar und würde es in zehntausend Ewigkeiten nicht vergessen." Die beiden unsterblichen Meister lachten gutmütig und sprachen: „Gut, gut! In jener roten Staubwelt gibt es zwar manches Vergnügen, doch nichts davon währt ewig. Zudem sind da die acht Zeichen: ‚Im Schönen liegt der Mangel, dem Guten folgt das Böse'[7], die stets beieinander stehen. Im Nu schlägt höchste Freude in Leid um, und Menschen und Dinge wandeln sich. Letzten Endes ist alles nur ein Traum, und alle Welten kehren in die Leere zurück. Es wäre besser, nicht zu gehen." Doch das irdische Verlangen des Steins loderte bereits mächtig, und er konnte diese Worte nicht mehr vernehmen. So flehte er abermals und abermals. Die beiden Unsterblichen, die wussten, dass man ihn nicht zwingen konnte, seufzten und sprachen: „Dies ist wohl die Bestimmung – aus äußerster Stille entsteht Bewegung, aus dem Nichts wird Sein. Da es so ist, nehmen wir dich mit, damit du den Genuss erfahren kannst. Nur wenn es einst nicht nach deinem Wunsch geht, so bereue es nicht!" Der Stein antwortete: „Gewiss, gewiss!" Da sprach der Mönch: „Was deine Natur betrifft, so bist du zwar nicht ohne Geist, doch von so plumper Gestalt und ohne besondere Kostbarkeit – das reicht gerade, um auf die Zehenspitzen zu treten. Nun gut, ich will jetzt große Buddhakunst wirken und dir helfen. Wenn der Tag der Vergeltung gekommen ist, wirst du in deine ursprüngliche Gestalt zurückkehren und diesen Fall beschließen. Was sagst du dazu?" Der Stein war unendlich dankbar. Daraufhin sprach der Mönch Beschwörungen, zeichnete Talismane und entfaltete seine Zauberkünste. Den großen Stein verwandelte er augenblicklich in ein Stück strahlend schönen, leuchtend klaren Jade, verkleinerte ihn auf die Größe eines Fächeranhängers, den man am Körper tragen konnte. Der Mönch hielt ihn auf seiner Handfläche und lachte: „Was die Form angeht, bist du nun wohl ein Juwel, doch fehlt dir noch ein wirklicher Vorzug. Man müsste einige Zeichen eingravieren, damit die Menschen auf den ersten Blick erkennen, dass du etwas Besonderes bist. Dann kann ich dich in jenes Land des Wohlstands und Glanzes bringen, in jene Familie von Dichtung und Adel, an jenen Ort blühender Pracht und zärtlichen Reichtums, damit du dort in Frieden und Freude leben kannst." Als der Stein das hörte, konnte er seine Freude kaum fassen und fragte: „Was für wunderbare Gaben wollt Ihr mir verleihen? Und an welchen Ort wollt Ihr mich bringen? Bitte verratet es mir, damit Euer Schüler nicht im Unklaren bleibt." Der Mönch lachte: „Frage nicht, die Zeit wird es zeigen." Mit diesen Worten steckte er den Stein in seinen Ärmel und ging zusammen mit dem Priester davon, und niemand wusste, wohin sie zogen.
Später, man weiß nicht nach wie vielen Zeitaltern und Weltperioden, durchwanderte ein daoistischer Priester namens Leere-des-Leeren[8] Berge und Täler auf der Suche nach dem Weg und der Unsterblichkeit, als er zufällig am Fuße des Grünen Gipfels am Berg der Großen Öde vorbeikam. Dort erblickte er einen großen Stein, auf dem deutlich Schriftzeichen zu lesen waren, die eine wohlgeordnete Geschichte erzählten. Der Priester Leere-des-Leeren las sie von Anfang an durch und erkannte, dass es die Geschichte jenes untauglichen Steins war, der nicht zum Flicken des Himmels getaugt hatte, in irdische Gestalt verwandelt und vom Erhabenen Mönch der Weiten Leere[9] und dem Wahren Unsterblichen der Nebelhaften Ferne[10] in die Rote Welt der Sterblichen getragen worden war, wo er alle Wechselfälle von Trennung und Wiedersehen, Freude und Leid, Hitze und Kälte durchlebte. Am Ende stand ein Vers:
<poem style="margin-left:2em;"> Zum Flicken des Himmels taugte ich nicht, Umsonst weilte ich all die Jahre im roten Staub! Dies sind die Geschichten vor und nach dem Leben – Wer wird sie niederschreiben als wundersame Überlieferung? </poem>
Nach dem Gedicht folgte die Geschichte des Steins von seinem Fall in diese Welt, dem Ort seiner Wiedergeburt, und was er dort selbst erlebte. Darin waren häusliche Angelegenheiten der Frauengemächer beschrieben, auch Gedichte und Verse fanden sich vollständig; doch Dynastie und Jahreszahl, Geographie und Staatswesen waren verloren gegangen und nicht mehr feststellbar.
Der Priester Leere-des-Leeren sprach daher zum Stein: „Bruder Stein, diese Geschichte enthält nach deinen eigenen Worten einigen Reiz, weshalb du sie hier aufgeschrieben hast in der Absicht, sie der Welt als wundersame Überlieferung vorzulegen. Doch meines Erachtens fehlt erstens jede Angabe über Dynastie und Jahreszahl, und zweitens handelt es sich keineswegs um die guten Taten großer Weiser und treuer Minister, die am Hof die Sitten ordneten. Es kommen darin nur einige ungewöhnliche Frauen vor, die einen leidenschaftlich, die anderen töricht, manche von kleinem Talent und bescheidener Tugend, aber keine unter ihnen besitzt die Fähigkeiten einer Ban Zhao oder Cai Wenji[11]. Selbst wenn ich die Geschichte abschriebe, fürchte ich, die Menschen würden sie nicht gern lesen."
Der Stein erwiderte lachend: „Wie töricht seid Ihr doch, mein Meister! Wenn Ihr meint, es fehle an Dynastien, so könnte ich leicht Han, Tang oder andere Jahreszahlen hinzufügen – was wäre daran schwer? Doch ich denke mir, alle bisherigen inoffiziellen Geschichten folgen einem und demselben Schema. Gerade weil ich mich dieser Konventionen nicht bediene, ist mein Werk neuartig und ungewöhnlich. Es geht nur um die Wahrheit der Gefühle und Begebenheiten – wozu sich an Dynastien und Jahreszahlen klammern! Zudem lesen die gewöhnlichen Menschen auf dem Markt sehr selten Bücher über Staatskunst; sie bevorzugen unterhaltsame Lektüre. Die bisherigen inoffiziellen Geschichten verleumden entweder Herrscher und Minister oder erniedrigen die Frauen anderer Männer, voll von Ausschweifung und Gewalt. Noch schlimmer sind jene erotischen Schriften, die mit ihrem Schmutz die Seelen der jungen Leute vergiften. Was die Geschichten von schönen Damen und begabten Jünglingen betrifft, so folgen tausend Bücher ein und demselben Muster, und letztlich können sie Anzüglichkeit nicht vermeiden, mit ihren Pan An und Zi Jian, ihren Xi Shi und Wen Jun[12] – das alles nur, weil die Autoren ihre eigenen Liebesgedichte unterbringen wollten und dafür fiktive Namen erfanden, wobei stets ein Bösewicht als Störenfried auftritt, wie der Hanswurst im Theater. Und die Zofen reden von Anfang an in gestelztem Gelehrten-Chinesisch. Liest man diese Werke der Reihe nach, so stecken sie voller Widersprüche und sind dem wirklichen Leben ganz fremd. Meine Geschichte hingegen beruht auf dem, was ich ein halbes Leben lang mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört habe. Die wenigen Frauen darin wage ich nicht den Gestalten früherer Bücher gleichzusetzen, doch die wahre Begebenheit kann gewiss der Langeweile abhelfen, und es finden sich auch einige holprige Verse und alltägliche Sprüche, die zum Schmunzeln beim Wein taugen. Was Trennung und Wiedersehen, Aufstieg und Niedergang betrifft, so folge ich genau den Spuren der Wirklichkeit, ohne auch nur das Geringste hinzuzuerfinden. Die Menschen von heute – die Armen werden täglich von Nahrung und Kleidung bedrückt, die Reichen sind nie zufrieden, und selbst wenn sie einmal einen Augenblick Muße haben, verfallen sie der Wollust und Habgier. Wo sollten sie die Zeit finden, Bücher über Staatskunst zu lesen? Darum möchte ich mit meiner Geschichte weder Bewunderung erregen noch unbedingt die Gunst der Leser gewinnen. Ich wünsche mir nur, dass sie in Stunden der Trunkenheit oder Müdigkeit, oder wenn sie der Welt entfliehen und ihren Kummer vergessen wollen, dieses Werk zur Hand nehmen – wäre das nicht besser als manch andere Zeitverschwendung? Und es würde die Leser auch davon abhalten, eitlen Trugbildern nachzujagen. Was meint Ihr, mein Meister?"
Der Priester Leere-des-Leeren hörte dies, überlegte eine Weile und las den „Bericht des Steins"[13] noch einmal durch. Er fand darin zwar auch Worte, die Schurken anprangerten und Böses verurteilten, doch war dies keineswegs als Schmähung der Welt gemeint. Wo es um die Pflichten zwischen Herrscher und Untertan, Vater und Sohn ging, lobte und pries das Werk stets voller Hingabe – wahrlich nicht mit anderen Büchern zu vergleichen. Obwohl sein Hauptthema die Liebe war, handelte es sich doch nur um eine wahrheitsgetreue Aufzeichnung, nicht um erfundene Liebesgelübde und heimliche Schwüre. Da das Werk keinerlei Bezug zu politischen Angelegenheiten nahm, schrieb er es von Anfang bis Ende ab und gab es der Welt als wundersame Überlieferung. Weil er durch die Farbe die Leere erkannte, aus der Leere die Empfindung schöpfte, die Empfindung in die Farbe einführte und aus der Farbe wieder zur Leere gelangte[14], nannte er sich fortan den „Mönch der Leidenschaft"[15] und benannte den „Bericht des Steins" um in „Aufzeichnungen des Mönches der Leidenschaft". Wu Yufeng[16] gab ihm den Titel „Der Traum der Roten Kammer"[17]. Kong Meixi aus dem östlichen Lu[18] nannte es „Der Spiegel von Wind und Mond"[19]. Schließlich durchsah Cao Xueqin[20] es im Pavillon des Bedauerns über die Roten[21] während zehn Jahren, strich und ergänzte fünfmal, stellte ein Inhaltsverzeichnis zusammen und teilte es in Kapitel ein, unter dem Titel „Die Zwölf Schönen von Jinling"[22]. Er verfasste dazu ein Gedicht:
<poem style="margin-left:2em;"> Die ganze Seite nur verrückte Worte, Eine Handvoll bitterer Tränen! Alle sagen, der Autor sei besessen – Wer versteht den Geschmack darin? </poem>
Als Zhiyanzhai[23] es im Jiaxu-Jahr[24] abschrieb und mit Anmerkungen versah, behielt er den Titel „Bericht des Steins" bei. Nun, da der Ursprung erklärt ist, lasst uns sehen, was auf dem Stein geschrieben steht:
In jener Zeit, als der Südosten der Erde einbrach, gab es in dieser südöstlichen Ecke einen Ort namens Gusu[25], darin eine Stadt mit einem Tor namens Changmen[26], dem prächtigsten Ort von Ruhm und Reichtum in der ganzen Welt der Sterblichen. Vor dem Changmen-Tor lag die Zehn-Li-Straße, in der Straße die Gasse der Menschenfreundlichkeit, und in der Gasse stand ein alter Tempel, den man wegen der Enge des Platzes allgemein den Kürbistempel[27] nannte. Neben dem Tempel wohnte ein ehemaliger Beamter namens Zhen Fei, mit dem Rufnamen Shiyin[28]. Seine rechtmäßige Gattin, eine geborene Feng, war von tugendhaftem und freundlichem Wesen und verstand sich auf Sitte und Anstand. Obwohl die Familie nicht besonders reich war, galt sie in der Gegend als angesehenes Geschlecht. Dieser Echt Wahrheitsverberger war von gelassenem Temperament, er strebte nicht nach Ruhm und Karriere, sondern vergnügte sich täglich mit Blumen und Bambus, Wein und Gedichten – ein wahrer Charakter wie aus dem Reich der Unsterblichen. Nur eines fehlte ihm: Er war bereits um die fünfzig Jahre alt und hatte keinen Sohn, nur eine einzige Tochter mit dem Milchnamen Yinglian[29], die gerade drei Jahre alt war.
Eines Tages, an einem langen Sommertag, saß Shiyin müßig in seinem Arbeitszimmer. Als seine Hände müde wurden, legte er das Buch beiseite, lehnte sich über den Tisch und ruhte ein wenig. Unmerklich schlummerte er ein und träumte sich an einen Ort, den er nicht zu bestimmen wusste. Da sah er plötzlich einen Mönch und einen Priester herankommen, die im Gehen miteinander sprachen.
Er hörte den Priester fragen: „Was willst du mit diesem plumpen Ding anfangen, und wohin trägst du es?" Der Mönch lachte: „Sei unbesorgt! Es gibt gerade einen eleganten Fall leidenschaftlicher Schuld, der abgeschlossen werden muss. All diese leidenschaftlichen Schuldner haben sich noch nicht zur Wiedergeburt in der Welt eingefunden. Bei dieser Gelegenheit nehme ich dieses plumpe Ding mit, damit es die Welt erleben kann." Der Priester fragte: „Also wird eine neue Schar leidenschaftlicher Schuldner in die Welt hinabsteigen? Wo werden sie wiedergeboren?"
Der Mönch lachte: „Das ist eine höchst seltsame und in tausend Jahren unerhörte Geschichte. Am Ufer des Geistigen Flusses[30] im Westlichen Paradies, am Stein der Drei Geburten[31], wuchs eine Pflanze aus Purpurperlen-Gras[32]. Ein Diener namens Göttlicher Jade[33] aus dem Palast des Roten Fehlglanzes[34] pflegte sie täglich mit süßem Tau zu begießen, so dass die Purpurperlen-Pflanze ihre Lebenszeit verlängern konnte. Nachdem sie die Essenz von Himmel und Erde aufgenommen und die Nahrung von Regen und Tau empfangen hatte, streifte sie ihre pflanzliche Gestalt ab und nahm menschliche Form an – allerdings nur die eines weiblichen Körpers. Fortan wanderte sie jenseits des Himmels des Hasses[35], aß Honig und grüne Früchte, wenn sie hungrig war, und trank Wasser aus dem Meer des Kummers, wenn sie durstig war. Weil sie die Güte der Bewässerung noch nicht vergolten hatte, trug sie in ihrem Inneren eine endlose Sehnsucht. Als nun der Diener Göttlicher Jade plötzlich von irdischem Verlangen erfasst wurde, beschloss er, in diese strahlende und friedvolle Welt hinabzusteigen, um sein illusorisches Schicksal zu erleben, und hatte sich bereits bei der Feenkönigin Jinghua[36] angemeldet. Die Feenkönigin hatte auch nach der noch unbeglichenen Schuld der Bewässerung gefragt, und dies bot eine Gelegenheit, sie zu begleichen. Die Purpurperlen-Fee sprach: ‚Er hat mir die Gnade des süßen Taus erwiesen, doch ich habe kein solches Wasser, um es ihm zurückzugeben. Da er in die Menschenwelt hinabsteigt, will auch ich als Mensch geboren werden und ihm alle Tränen meines ganzen Lebens zurückgeben – damit sollte die Schuld beglichen sein.'[37] Durch diese eine Begebenheit kamen viele leidenschaftliche Schuldner zusammen, um den Fall gemeinsam abzuschließen."
Der Priester sprach: „Das ist wahrlich unerhört! Ich habe noch nie von einer Rückzahlung mit Tränen gehört. Diese Geschichte muss wohl noch feingliedriger und zarter sein als alle bisherigen Liebesgeschichten." Der Mönch sagte: „Die bisherigen romantischen Gestalten wurden nur in groben Umrissen und mit ihren Gedichten überliefert. Das tägliche Essen und Trinken in den Frauengemächern wurde nie beschrieben. Und die meisten Liebesgeschichten handeln nur von gestohlenen Düften und heimlichen Fluchtversuchen, ohne je das wahre Gefühl zwischen Söhnen und Töchtern zum Ausdruck zu bringen. Diese Schar von Menschen, die nun in die Welt eintreten – ob gefühlstrunken oder farbbesessen, weise oder töricht –, sie alle werden ganz anders sein als die Gestalten früherer Überlieferungen."
Der Priester sprach: „Warum nutzen wir nicht die Gelegenheit und steigen ebenfalls in die Welt hinab, um einige Seelen zu erretten? Wäre das nicht ein verdienstvolles Werk?" Der Mönch antwortete: „Genau mein Gedanke! Komm mit mir zum Palast der Feenkönigin Jinghua, damit wir das plumpe Ding ordnungsgemäß übergeben. Wenn all diese leidenschaftlichen Schuldner in die Welt hinabgestiegen sind, können wir ihnen folgen. Zwar ist bereits die Hälfte von ihnen in den Staub der Welt gefallen, doch sind noch nicht alle versammelt."
Der Priester sprach: „Wenn dem so ist, folge ich dir."
Echt Wahrheitsverberger hatte alles deutlich gehört, verstand aber nicht, was für ein „plumpes Ding" gemeint war. Er konnte nicht umhin, vorzutreten und sie höflich zu grüßen, und fragte lächelnd: „Seid gegrüßt, ihr beiden unsterblichen Meister!" Mönch und Priester erwiderten eilig den Gruß. Shiyin sprach: „Soeben hörte ich Euch über Ursache und Wirkung sprechen, Dinge, die man in der Menschenwelt selten erfährt. Doch Euer unwürdiger Schüler ist von beschränktem Verstand und kann nicht alles klar begreifen. Wenn Ihr die Güte hättet, mir alles ausführlich zu erklären, so würde ich aufmerksam zuhören. Könnte mir das auch nur ein wenig zur Erleuchtung verhelfen, so wäre ich den Leiden des Unterliegens entgangen." Die beiden Unsterblichen lachten: „Dies ist ein himmlisches Geheimnis und darf nicht vorab verraten werden. Wenn die Zeit gekommen ist, vergesst uns beide nicht, dann könnt Ihr dem Feuer entkommen." Shiyin wagte nicht weiter zu fragen und sprach lachend: „Das himmlische Geheimnis darf nicht verraten werden, doch Ihr spracht soeben von einem ‚plumpen Ding' – dürfte ich es vielleicht einmal sehen?" Der Mönch erwiderte: „Was dieses Ding betrifft, so besteht tatsächlich eine Verbindung zwischen euch." Mit diesen Worten nahm er es heraus und reichte es Shiyin. Als Shiyin es betrachtete, sah er, dass es ein Stück strahlend schönen Jade war, auf dem deutlich die vier Zeichen „Durchdringender Geist-Jade"[38] eingraviert waren, und auf der Rückseite fanden sich noch einige Zeilen kleiner Schrift. Gerade als er sie genauer betrachten wollte, sagte der Mönch, sie seien am Rand der Illusion angelangt, entriss ihm das Stück Jade und verschwand zusammen mit dem Priester durch ein großes steinernes Tor, auf dem in vier großen Zeichen geschrieben stand: „Land der Großen Leere"[39]. Zu beiden Seiten hing ein Spruchpaar:
<poem style="margin-left:2em;"> Wenn das Falsche für wahr gehalten wird, wird auch das Wahre falsch; Wo das Nichts zum Sein wird, wird auch das Sein zum Nichts.[40] </poem>
Shiyin wollte ihnen folgen, doch kaum hatte er den Fuß gehoben, als ein Donnerschlag ertönte, als brächen Berge zusammen und die Erde stürze ein. Shiyin schrie laut auf, riss die Augen auf und sah nur die glühende Sonne und die sanft wehenden Bananenblätter – die Hälfte des Traumes war bereits vergessen.
Da sah er seine Amme mit der kleinen Yinglian auf dem Arm herankommen. Als er seine Tochter erblickte, die immer hübscher und lieblicher wurde wie ein Geschöpf aus Jade und Puder, streckte er die Arme aus, nahm sie in den Arm und spielte ein Weilchen mit ihr. Dann trug er sie auf die Straße, um die festliche Prozession zu betrachten. Gerade als er sich zum Gehen wandte, sah er von dort einen Mönch und einen Priester kommen – der Mönch kahlköpfig und barfuß, der Priester hinkend und zerzaust –, beide halb verrückt, lachend und gestikulierend. Als sie vor seiner Tür anlangten und Shiyin mit der kleinen Yinglian auf dem Arm sahen, begann der Mönch laut zu weinen und rief: „Guter Mann, warum trägst du dieses Kind ohne Glück auf dem Arm, das seinen Eltern nur Kummer bringt?" Shiyin erkannte, dass es verrücktes Gerede war, und beachtete ihn nicht. Der Mönch rief immer wieder: „Gib es mir! Gib es mir!" Shiyin verlor die Geduld und wollte sich mit der Tochter zurückziehen, doch der Mönch zeigte mit dem Finger auf ihn und lachte laut, wobei er vier Verse sprach:
<poem style="margin-left:2em;"> Verwöhnt und verzärtelt – wie töricht von dir! Die Wasserkastanenblüte blickt nur auf Schneegestöber.[41] Hüte dich vor dem Fest der Laternen, Denn dann wird alles zu Rauch und Asche![42] </poem>
Shiyin hörte deutlich und zögerte, er wollte nach ihrer Herkunft fragen. Doch da sagte der Priester: „Wir brauchen nicht zusammen zu gehen. Hier trennen sich unsere Wege, jeder geht seinen Geschäften nach. In drei Weltperioden erwarte ich dich am Berg Beimang[43], wenn wir uns treffen, gehen wir gemeinsam zum Land der Großen Leere, um unsere Namen zu streichen." Der Mönch rief: „Wunderbar, wunderbar!" Mit diesen Worten gingen die beiden davon und waren spurlos verschwunden. Shiyin dachte bei sich: Diese beiden müssen eine besondere Herkunft haben, ich hätte sie befragen sollen. Doch nun bereue ich es zu spät.
Während Shiyin noch in Gedanken versunken war, sah er plötzlich einen armen Gelehrten aus dem benachbarten Kürbistempel herauskommen. Er hieß Jia, mit dem Vornamen Hua, dem Rufnamen Shifei und dem Beinamen Yucun[44]. Dieser Kaufmann Regenort stammte ursprünglich aus Huzhou und entstammte ebenfalls einer Familie von Dichtern und Beamten. Doch da er in einer Zeit des Niedergangs geboren worden war, waren das Vermögen seiner Vorfahren aufgezehrt und die Familie dezimiert, so dass nur er allein übriggeblieben war. Da es für ihn in der Heimat nichts mehr gab, war er nach der Hauptstadt gereist, um dort durch die Prüfungen zu Ruhm zu gelangen und das Familienvermögen wiederherzustellen. Doch seit seiner Ankunft im Vorjahr war er in Schwierigkeiten geraten und fristete nun vorübergehend im Tempel sein Dasein, wo er sich mit Schreiben und Verfassen von Texten über Wasser hielt. Daher pflegte Shiyin häufigen Umgang mit ihm. Als Yucun Shiyin erblickte, verbeugte er sich eilig und sprach lächelnd: „Steht Ihr am Tor und schaut hinaus, mein Herr? Gibt es auf dem Markt etwas Neues?" Shiyin lachte: „Nein, nein. Meine kleine Tochter weinte, und ich trug sie heraus, um sie abzulenken. Ich langweilte mich gerade sehr. Wie gut, dass Ihr kommt! Bitte tretet in mein bescheidenes Arbeitszimmer ein, damit wir plaudern können und uns beiden die Zeit schneller vergeht." Daraufhin ließ er jemanden die Tochter hineintragen und ging mit Yucun Hand in Hand ins Arbeitszimmer. Ein Diener brachte Tee. Sie hatten kaum drei, fünf Sätze gewechselt, als ein Hausbediensteter eilig meldete: „Der alte Herr Yan ist zu Besuch gekommen." Shiyin stand hastig auf und entschuldigte sich: „Verzeiht, dass ich Euch zur Eile veranlasst habe. Bitte bleibt noch einen Moment, ich komme sogleich zurück." Yucun stand ebenfalls auf und sagte höflich: „Gebt Euch keine Mühe, mein Herr. Ich bin ein häufiger Gast, ein kleines Warten macht nichts." Daraufhin ging Shiyin in den vorderen Empfangssaal.
Yucun blätterte in einigen Büchern, um sich die Zeit zu vertreiben. Plötzlich hörte er von draußen vor dem Fenster ein Mädchen räuspern. Er stand auf und blickte hinaus – es war eine Zofe, die dort Blumen pflückte. Obwohl sie keine umwerfende Schönheit war, hatte sie doch etwas Anmutiges. Yucun konnte den Blick nicht von ihr wenden. Die Zofe der Familie Zhen pflückte ihre Blumen und wollte gerade gehen, als sie aufblickte und am Fenster einen Mann erblickte – in abgetragener Kleidung zwar, doch stattlich gebaut, mit breiten Schultern und kräftigem Rücken, markantem Gesicht, Schwertbrauen und Sternenaugen. Die Zofe wandte sich schnell ab und dachte bei sich: „Dieser Mann sieht so stattlich aus und ist doch so zerlumpt. Das muss wohl der Kaufmann Regenort sein, von dem mein Herr immer spricht. Er wollte ihm schon oft helfen, hatte nur noch keine Gelegenheit dazu gefunden. Wir haben keine so armen Verwandten, es muss wohl dieser Mann sein. Kein Wunder, dass der Herr auch sagt, er werde gewiss nicht lange in Armut verharren." Mit diesen Gedanken konnte sie nicht umhin, sich noch zweimal umzudrehen. Als Yucun sah, dass sie den Kopf gewendet hatte, war er überzeugt, das Mädchen habe ein Auge auf ihn geworfen, und freute sich maßlos, denn er hielt sie für eine Frau von scharfem Blick und eine Seelenverwandte im Staub der Welt. Bald darauf kam ein Dienerbursche herein, und Yucun erfuhr, dass man vorne zum Essen gebeten hatte. Da er nicht länger warten durfte, verließ er durch einen Seitengang das Haus. Shiyin verabschiedete seine Gäste und ging, da Yucun bereits gegangen war, nicht mehr hin, um ihn erneut einzuladen.
Eines Tages kam wieder das Mittherbstfest[45]. Shiyin hatte das Familienessen beendet und ein weiteres Mahl im Arbeitszimmer vorbereitet. Er ging selbst im Mondschein zum Tempel, um Yucun einzuladen. Yucun hatte seit jenem Tag, als er die Zofe der Familie Zhen sich zweimal umblicken sah, sie für eine Seelenverwandte gehalten und ständig an sie gedacht. Nun, am Mittherbstfest, konnte er angesichts des Mondes nicht umhin, seine Sehnsucht auszudrücken, und dichtete ein Gedicht in fünfsilbigen regulären Versen:
<poem style="margin-left:2em;"> Noch ungewiss das Gelübde dreier Leben, Mehrt sich nur der Kummer. In Schwermut senkt sich die Stirn, Beim Gehen der Blick zurück. Im Wind betrachte ich meinen Schatten, Wer vermag mein Gefährte im Mondschein zu sein? Wenn der Mond ein Herz hat, Möge er zuerst das Gemach der Schönen bescheinen. </poem>
Nachdem Yucun sein Gedicht aufgesagt hatte, dachte er an seine unerfüllten Lebensträume und seufzte zum Himmel empor. Dann rezitierte er laut ein Spruchpaar:
<poem style="margin-left:2em;"> Der Jade im Schrein harrt des rechten Preises,[46] Die Haarnadel in der Schatulle wartet auf den rechten Zeitpunkt.[47] </poem>
Gerade in diesem Moment kam Shiyin und hörte es. Lachend sprach er: „Bruder Yucun, Ihr habt wahrlich große Ambitionen!" Yucun erwiderte hastig lachend: „Ich zitierte nur Verse der Alten, wie käme ich zu solcher Anmaßung?" Dann fragte er: „Was führt Euch hierher, mein Herr?" Shiyin lachte: „Heute Nacht ist Mittherbst, das sogenannte ‚Fest der Wiedervereinigung'. Ich dachte mir, Ihr müsstet Euch einsam fühlen in Eurer Mönchszelle, und habe ein bescheidenes Mahl bereitet, um Euch einzuladen. Dürfte ich hoffen, dass Ihr meiner geringen Aufmerksamkeit Beachtung schenkt?" Yucun, ohne lange Umstände zu machen, lachte: „Da Ihr so freundlich seid, wie könnte ich Eure großzügige Einladung ausschlagen?" Daraufhin gingen sie zusammen hinüber ins Arbeitszimmer.
Bald war der Tee getrunken und Wein und Speisen aufgetragen, über die man nicht eigens reden muss. Sie setzten sich, und zunächst tranken sie bedächtig und gemessen, dann aber kam das Gespräch in Schwung, und ehe sie sich versahen, flogen die Becher. Auf der Straße ertönten Flöten und Pfeifen aus jedem Haus, und über ihnen strahlte der volle Mond in all seinem Glanz. Beider Stimmung stieg, und sie leerten Becher um Becher. Yucun, bereits zu sieben oder acht Teilen betrunken, konnte seine überschäumende Begeisterung nicht mehr zurückhalten. Dem Mond zugewandt, dichtete er ein Gedicht:
<poem style="margin-left:2em;"> Wenn der Fünfzehnte kommt, rundet sich der Mond, Sein klares Licht umhüllt die Jade-Balustrade. Kaum hat der Himmel den vollen Mond hervorgebracht, Blicken zehntausend Menschen empor.[48] </poem>
Shiyin rief begeistert: „Wunderbar! Ich habe immer gesagt, Ihr seid kein Mann, der lange unter anderen stehen wird. Die Verse, die Ihr soeben gedichtet habt, zeigen bereits die Vorzeichen des Aufstiegs. Bald werdet Ihr über den Wolken wandeln. Das ist zu beglückwünschen!" Er schenkte ihm eigenhändig einen großen Becher ein. Yucun leerte ihn in einem Zug und seufzte: „Dies sind keine trunkenen Worte: Was die zeitgemäße Gelehrsamkeit betrifft, könnte ich mich wohl durchaus versuchen. Nur fehlen mir Reisegeld und Reisekosten gänzlich, und die Hauptstadt ist weit – allein durch Schreiben und Textverfassen komme ich nicht dorthin." Shiyin unterbrach ihn, bevor er ausgeredet hatte: „Warum habt Ihr das nicht früher gesagt! Ich hegte schon lange diesen Wunsch, doch da Ihr bei unseren Treffen nie davon spracht, wagte ich nicht, Euch zu nahe zu treten. Da Ihr es nun ansprecht – obwohl ich kein besonderes Talent habe, verstehe ich doch etwas von den Begriffen ‚Gerechtigkeit' und ‚Nutzen'. Zudem ist nächstes Jahr das große Prüfungsjahr, und Ihr solltet Euch schleunigst in die Hauptstadt begeben, um bei den Frühjahrsprüfungen[49] Euer Bestes zu geben. Die Reisekosten sind Nebensache, ich werde mich darum kümmern und Eure freundschaftliche Zuneigung nicht enttäuscht haben!" Er befahl sogleich einem Diener, fünfzig Liang[50] Silber und zwei Garnituren Winterkleidung einzupacken. Dann sagte er: „Der neunzehnte ist ein günstiger Tag. Kauft Euch ein Boot und reist nach Westen. Wenn Ihr im Frühjahr Karriere macht, können wir uns nächsten Winter wiedersehen – wäre das nicht wunderbar!" Yucun nahm Silber und Kleidung entgegen, bedankte sich flüchtig und machte kein großes Aufheben, sondern trank und plauderte weiter. Es war bereits die dritte Nachtwache[51], als die beiden sich trennten.
Nachdem Shiyin Yucun verabschiedet hatte, kehrte er ins Schlafgemach zurück und schlief bis zum späten Morgen. Da fiel ihm ein, noch zwei Empfehlungsschreiben für Yucun zu verfassen, damit er in der Hauptstadt bei einer Beamtenfamilie Unterkunft finden könnte. Als er jedoch jemanden hinüberschickte, kam der Diener zurück und berichtete: „Der Mönch sagt, Herr Jia sei heute bei der fünften Trommel[52] bereits nach der Hauptstadt aufgebrochen. Er hinterließ dem Mönch eine Nachricht für den Herrn: ‚Für einen Gelehrten zählen keine günstigen und ungünstigen Tage, sondern nur die Sache selbst. Es tut mir leid, dass ich mich nicht persönlich verabschieden konnte.'" Shiyin konnte nichts weiter tun als es hinzunehmen.
Die Zeit verging rasch in der Muße, und ehe man sich's versah, war wieder das Laternenfest[53] gekommen. Shiyin beauftragte seinen Diener Huo Qi[54], die kleine Yinglian hinauszutragen, um die Festlichkeiten und Laternen zu betrachten. Um Mitternacht musste Huo Qi sich erleichtern und setzte die kleine Yinglian auf die Schwelle eines Hauses. Als er fertig war und sie wieder auf den Arm nehmen wollte, war von Yinglian keine Spur mehr zu sehen. In seiner Verzweiflung suchte er die halbe Nacht, doch bis zum Morgengrauen fand er sie nicht. Da wagte er nicht, zu seinem Herrn zurückzukehren, und floh in die Ferne. Als die Eheleute Shiyin merkten, dass ihre Tochter nicht zurückkam, ahnten sie, dass etwas nicht stimmte. Sie schickten weitere Leute aus, die alle ohne die geringste Spur zurückkehrten. Die beiden Eheleute, die in ihrem halben Leben nur dieses eine Kind hatten, waren untröstlich. Tag und Nacht weinten sie und wären beinahe gestorben. Schon nach einem Monat wurde Shiyin krank, und auch Frau Feng erkrankte vor Kummer. Täglich wurden Ärzte gerufen.
Wer hätte gedacht, dass am fünfzehnten des dritten Monats beim Opferfest im Kürbistempel die Mönche nicht aufpassten, so dass heißes Öl überkochte und die Fensterbespannung in Brand setzte? Da die Häuser in dieser Gegend meist aus Bambusgeflechten und Holzwänden bestanden und das Schicksal es wohl so bestimmte, griff das Feuer eines nach dem anderen über, und bald brannte eine ganze Straße wie ein Flammenberg. Obwohl Soldaten und Bürger zur Hilfe eilten, war das Feuer bereits zu gewaltig. Es brannte die ganze Nacht, bis es allmählich erlosch, und man wusste nicht, wie viele Häuser vernichtet worden waren. Das Haus der Familie Zhen nebenan war zu einem Trümmerfeld verbrannt. Nur das Ehepaar und einige Bedienstete waren mit dem Leben davongekommen. In seiner Verzweiflung konnte Shiyin nur die Füße stampfen und seufzen. Er musste mit seiner Frau beraten und beschloss, auf ihren Landsitz zu ziehen. Doch in den letzten Jahren hatten Dürre und Überschwemmungen die Ernte zerstört, Räuberbanden trieben ihr Unwesen, und es war unmöglich, in Frieden zu leben. So blieb Shiyin nichts anderes übrig, als sein gesamtes Landgut zu verkaufen und mit seiner Frau und zwei Zofen zu seinem Schwiegervater zu ziehen.
Sein Schwiegervater hieß Siegel Schlicht[55] und stammte aus der Gegend von Daru. Obwohl er ein Bauer war, war sein Haushalt durchaus wohlhabend. Als er jedoch seinen Schwiegersohn in so erbärmlichem Zustand ankommen sah, war er nicht sonderlich erfreut. Glücklicherweise hatte Shiyin noch etwas Silber vom Verkauf seines Landbesitzes übrig und bat seinen Schwiegervater, davon etwas Land und ein Haus zu kaufen, um für die Zukunft vorzusorgen. Doch Siegel Schlicht überredete und übervorteilte ihn und gab ihm nur ein wenig schlechtes Land und ein verfallenes Haus. Shiyin, ein Gelehrter, verstand sich nicht auf Landwirtschaft und Geschäfte. Nach ein, zwei Jahren wurde seine Lage immer schlechter. Siegel Schlicht warf ihm bei jedem Treffen Sprüche an den Kopf und beschwerte sich hinter seinem Rücken, dass sie nicht wirtschaften könnten und nur faul und verfressen seien. Shiyin erkannte, dass er sich an den Falschen gewandt hatte, und konnte Reue nicht vermeiden. Dazu kam der Schrecken des Vorjahres, Zorn, Kummer und Schmerz, die ihn innerlich verwundet hatten. Als alter Mann, von Armut und Krankheit bedrängt, näherte er sich mehr und mehr seinem Ende.
An einem Tage, als er sich zufällig auf seinen Stock gestützt auf die Straße schleppte, um frische Luft zu schöpfen, sah er plötzlich einen hinkenden Priester herankommen, halb verrückt und verwahrlost, in Strohsandalen und zerlumpter Kleidung, der einige Verse vor sich hin murmelte:
<poem style="margin-left:2em;"> Alle wissen, dass Unsterbliche glücklich sind, Nur Ruhm und Ehre können sie nicht vergessen; Wo sind die Feldherren und Minister von einst? Nur ein Grabhügel voller Gras ist geblieben!
Alle wissen, dass Unsterbliche glücklich sind, Nur Gold und Silber können sie nicht vergessen; Lebenslang beklagen sie, nicht genug gerafft zu haben, Doch wenn sie genug haben, schließen sich die Augen.
Alle wissen, dass Unsterbliche glücklich sind, Nur die geliebte Gattin können sie nicht vergessen; Täglich reden Mann und Frau von ihrer Liebe, Doch stirbt er, folgt sie einem anderen.
Alle wissen, dass Unsterbliche glücklich sind, Nur die Kinder können sie nicht vergessen; Törichter Eltern gab es von jeher viele, Doch pflichtbewusste Kinder – wer hat sie je gesehen! </poem>
Shiyin trat vor und sprach: „Was murmelst du da in einem fort? Ich höre nur ‚gut' und ‚vorbei', ‚gut' und ‚vorbei'." Der Priester lachte: „Wenn du tatsächlich die Worte ‚gut' und ‚vorbei' gehört hast, so bist du ein verständiger Mensch. Wisse, dass in der Welt alles, was gut ist, auch vorbei ist, und alles, was vorbei ist, auch gut. Wenn es nicht vorbei ist, kann es nicht gut sein; wenn es gut sein soll, muss es vorbei sein. Mein Lied heißt das ‚Lied von Gut und Vorbei'."[56] Shiyin war ein Mann, der von Natur aus Weisheit besaß. Kaum hatte er diese Worte gehört, war in seinem Herzen die Erleuchtung aufgegangen. Lachend sprach er: „Halt! Lass mich dein ‚Lied von Gut und Vorbei' kommentieren, was sagst du?" Der Priester lachte: „Tu es, tu es!" Shiyin sprach also:
<poem style="margin-left:2em;"> Verfallene Hallen, leere Säle – einst voll von Amtstafeln; Vertrocknetes Gras, dürre Weiden – einst Schauplatz von Tanz und Gesang. Spinnweben bedecken die geschnitzten Balken, Grüne Gaze deckt nun das Fenster der Armut. Was nützt das Rot der Schminke und der Duft des Puders, Wenn beide Schläfen längst ergraut? Gestern noch Gebeine auf dem gelben Hügel, Heute Nacht das Liebespaar im roten Lampenschein. Goldkisten und Silberkisten – Im Handumdrehen bettelarm und von allen geschmäht. Man bedauert anderer kurzes Leben, Und weiß nicht, dass man selbst bald stirbt! Wer seinen Sohn gut erzieht, sieht ihn dennoch als Räuber enden; Wer eine reiche Braut erwählt, sieht sie in der Gosse landen! Weil ihm die Beamtenmütze zu klein war, Trägt er nun die Kette des Gefangenen. Gestern bedauerte er den zerlumpten Mantel, Heute ist ihm der Purpurmantel schon zu lang. Ein wilder Tumult – der eine singt, der andere tritt auf, Und alle halten die Fremde für die Heimat. Wie absurd! Letzten Endes näht ein jeder Nur das Hochzeitskleid für andere![57] </poem>
Der verrückte, hinkende Priester hörte zu, klatschte in die Hände und lachte: „Treffend kommentiert, treffend kommentiert!" Shiyin lachte einmal auf, rief: „Gehen wir!" und riss dem Priester den Quersack von der Schulter und trug ihn selbst auf dem Rücken. Ohne nach Hause zurückzukehren, ging er mit dem verrückten Priester davon.
Dies erregte großes Aufsehen in der ganzen Nachbarschaft, und die Leute tratschten darüber als etwas Unerhörtes. Als Frau Feng davon erfuhr, weinte sie sich fast zu Tode. Sie musste mit ihrem Vater beraten und Leute in alle Richtungen ausschicken, um Shiyin zu suchen – doch woher sollte eine Nachricht kommen? Was blieb ihr anderes übrig, als sich auf ihre Eltern zu stützen. Glücklicherweise hatte sie noch zwei alte Zofen, die ihr dienten. Herrin und Dienerinnen verdienten Tag und Nacht mit Näharbeiten ihr Brot und halfen dem Vater bei den Ausgaben. Obwohl Siegel Schlicht sich täglich beklagte, blieb ihm nichts anderes übrig.
Eines Tages war die ältere Zofe der Familie Zhen gerade vor der Tür und kaufte Garn, als sie auf der Straße Rufe hörte und alle sagten, der neue Magistrat sei ins Amt eingeführt worden. Die Zofe lugte durch die Türspalte und sah Wachen und Läufer paarweise vorüberziehen, dann kam eine große Sänfte mit einem Beamten in schwarzer Mütze und scharlachrotem Gewand. Die Zofe war verblüfft und dachte bei sich: Dieser Beamte sieht mir bekannt aus, als hätte ich ihn schon einmal gesehen. Dann ging sie ins Haus zurück und dachte nicht weiter darüber nach. Am Abend, als sie sich gerade zur Ruhe legen wollte, hörte sie plötzlich lautes Pochen an der Tür und den Lärm vieler Menschen, die riefen: „Der Magistrat schickt nach Euch!" Siegel Schlicht erschrak bis ins Mark und wusste nicht, was für ein Unheil dies bedeuten mochte.
Anmerkungen
- ↑ Nüwa (女媧) ist eine Urgöttin der chinesischen Mythologie, die der Überlieferung nach die Menschen aus Lehm erschuf und den eingestürzten Himmel mit geschmolzenen Steinen flickte.
- ↑ Chin. 大荒山 Dàhuāng Shān, wörtl. „Berg der Großen Wildnis/Öde" – ein mythischer, jenseits der bekannten Welt gelegener Ort.
- ↑ Chin. 無稽崖 Wújī Yá, wörtl. „Klippe ohne Nachweis/Grundlage" – der Name deutet auf das Fiktive und Unüberprüfbare der Erzählung hin.
- ↑ Ein Zhang (丈) entspricht etwa 3,33 Metern.
- ↑ Chin. 青埂峰 Qīnggěng Fēng. Das Zeichen 埂 (gěng) ist ein Homophon zu 情 (qíng, „Gefühl/Leidenschaft") und deutet damit voraus auf das Hauptthema des Romans: die Leidenschaft.
- ↑ Chin. 紅塵 hóngchén, wörtl. „roter Staub" – eine buddhistische Bezeichnung für die irdische, vergängliche Welt mit all ihren Versuchungen und Verstrickungen.
- ↑ Chin. 美中不足,好事多磨 – zwei sprichwörtliche Wendungen, die auf die Unvollkommenheit aller irdischen Freuden hinweisen.
- ↑ Chin. 空空道人 Kōngkōng Dàorén, wörtl. „Leere-Leere-Daoist" – der Name verweist auf die buddhistische Lehre der Leere (空 kōng, skr. śūnyatā) aller Erscheinungen.
- ↑ Chin. 茫茫大士 Mángmáng Dàshì, wörtl. „Weiter, grenzloser großer Gelehrter/Bodhisattva".
- ↑ Chin. 渺渺真人 Miǎomiǎo Zhēnrén, wörtl. „Nebelhaft-ferner Wahrer Mensch" – eine daoistische Bezeichnung für einen Erleuchteten.
- ↑ Ban Zhao (班昭, ca. 49–120) und Cai Wenji (蔡文姬, ca. 177–250) waren berühmte gelehrte Frauen der Han-Dynastie, die als Musterbeispiele weiblicher Bildung und Tugendhaftigkeit galten.
- ↑ Pan An (潘安, 247–300): als schönster Mann des Altertums gepriesener Literat. Zi Jian (子建): Beiname des Dichters Cao Zhi (曹植, 192–232), gefeiert für sein überragendes Talent. Xi Shi (西施): legendäre Schönheit aus der Zeit der Streitenden Reiche. Wen Jun (文君): Zhuo Wenjun, eine junge Witwe, die sich in den Dichter Sima Xiangru (179–118 v. Chr.) verliebte und mit ihm durchbrannte.
- ↑ Chin. 石頭記 Shítou Jì – der älteste und von der Textkritik als ursprünglich angesehene Titel des Romans.
- ↑ Dieser Satz verweist auf die buddhistische Kernlehre des Herzsutra (般若波羅蜜多心經): „Form ist Leere, Leere ist Form" (色即是空,空即是色). Die Begriffe 色 sè („Farbe/Form") und 空 kōng („Leere") bilden den philosophischen Rahmen des gesamten Romans.
- ↑ Chin. 情僧 Qíng Sēng – der Daoist Leere-des-Leeren nimmt diesen buddhistischen Namen an, was die Verschmelzung von Buddhismus und Daoismus im Roman symbolisiert.
- ↑ Chin. 吴玉峰 Wú Yùfēng – eine möglicherweise fiktive Figur, der ein alternativer Titel zugeschrieben wird.
- ↑ Chin. 紅樓夢 Hónglóu Mèng – der heute gebräuchlichste Titel des Romans. „Rote Kammer" (紅樓) bezeichnet die prächtigen Gemächer vornehmer Damen.
- ↑ Lu (魯) ist der alte Name des ehemaligen Lehnsstaats in der heutigen Provinz Shandong, der Heimat des Konfuzius.
- ↑ Chin. 風月寶鑑 Fēngyuè Bǎojiàn, wörtl. „Kostbarer Spiegel von Wind und Mond" – „Wind und Mond" (風月) ist eine umschreibende Bezeichnung für Liebesangelegenheiten.
- ↑ Cao Xueqin (曹雪芹, ca. 1715–1763/64) gilt als der eigentliche Autor des Traums der Roten Kammer. Er entstammte einer einst wohlhabenden Familie von kaiserlichen Textilkommissaren in Nanjing, deren Niedergang den autobiographischen Hintergrund des Romans bildet.
- ↑ Chin. 悼紅軒 Dào Hóng Xuān – das Arbeitszimmer Cao Xueqins.
- ↑ Chin. 金陵十二釵 Jīnlíng Shí'èr Chāi. Jinling (金陵) ist der alte Name von Nanjing. Die „Zwölf Haarnadeln" (十二釵) bezeichnen die zwölf Hauptheldinnen des Romans.
- ↑ Zhiyanzhai (脂硯齋, wörtl. „Studierstube des Schminke-Tintensteins") ist das Pseudonym eines frühen Kommentators, möglicherweise eines Verwandten Cao Xueqins. Seine Anmerkungen in den Handschriften sind eine wichtige Quelle für das Verständnis des Romans.
- ↑ Das Jiaxu-Jahr (甲戌年) entspricht dem Jahr 1754 nach westlicher Zeitrechnung. Die sogenannte „Jiaxu-Handschrift" enthält die früheste erhaltene Fassung der ersten 16 Kapitel.
- ↑ Gusu (姑蘇) ist ein alter Name für die Stadt Suzhou in der heutigen Provinz Jiangsu, seit jeher berühmt für ihre Gärten und ihren Wohlstand.
- ↑ Das Changmen-Tor (閶門, wörtl. „Tor des Himmels") war das westliche Haupttor von Suzhou und galt als Symbol für den Reichtum der Stadt.
- ↑ Chin. 葫蘆廟 Húlu Miào – „Kürbis" (葫蘆 húlu) klingt ähnlich wie 糊塗 (hútu, „verwirrt/unklar") und deutet auf die Verwirrung des Scheins hin.
- ↑ Echt Wahrheitsverberger: Chin. 甄士隱 Zhēn Shìyǐn. Der Familienname 甄 Zhēn ist ein Homophon zu 真 zhēn „wahr/echt", und der Rufname 士隱 Shìyǐn klingt wie 事隱 „die Tatsachen verbergen". Sein Name bedeutet also: „In Wahrheit werden die Tatsachen verborgen." In der Übersetzung: Echt Wahrheitsverberger.
- ↑ Chin. 英蓮 Yīnglián, wörtl. „Heldenhafte Lotusblüte". Der Name ist ein Homophon zu 應憐 yīnglián, „bedauernswert/bemitleidenswert", was auf das tragische Schicksal des Mädchens vorausdeutet. In späteren Kapiteln wird sie als Xiangling (香菱, „Duftende Wasserkastanie") bekannt.
- ↑ Chin. 靈河 Líng Hé, wörtl. „Geistiger/Numinoser Fluss" – ein Fluss im Westlichen Paradies, an dessen Ufer die Vorgeschichte der Hauptfiguren spielt.
- ↑ Chin. 三生石 Sānshēng Shí – ein mythischer Stein, auf dem die Schicksale dreier aufeinanderfolgender Leben verzeichnet sind. Er symbolisiert die karmische Verbindung zwischen Seelenverwandten über mehrere Wiedergeburten hinweg.
- ↑ Chin. 絳珠仙草 Jiàngzhū Xiāncǎo, wörtl. „Feenhafte Scharlachperlen-Pflanze" – die Vorinkarnation von Kajaljade [林黛玉 Lín Dàiyù], der weiblichen Hauptfigur des Romans.
- ↑ Chin. 神瑛侍者 Shényīng Shìzhě, wörtl. „Göttlicher Jade-Diener" – die Vorinkarnation von Schatzjade [贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù], der männlichen Hauptfigur des Romans. Der Zusammenhang zwischen dem steinernen Jade und diesem himmlischen Diener verdeutlicht die doppelte Herkunft des Protagonisten.
- ↑ Chin. 赤瑕宮 Chìxiá Gōng – „Roter Makel-Palast". Der Name deutet auf die Verbindung von Schönheit und Mangelhaftigkeit hin, ein Grundmotiv des Romans.
- ↑ Chin. 離恨天 Líhèn Tiān, wörtl. „Himmel der Trennung und des Grams" – eine jenseitige Sphäre, in der die Seelen zwischen den Wiedergeburten weilen.
- ↑ Chin. 警幻仙姑 Jǐnghuàn Xiāngū, wörtl. „Die vor Illusionen warnende Feenherrin" – eine Schlüsselfigur, die in Kapitel 5 Schatzjade das Schicksal der Zwölf Schönen von Jinling offenbart.
- ↑ Diese „Rückzahlung mit Tränen" (還淚 huán lèi) ist das zentrale Motiv für die Beziehung zwischen Schatzjade und Kajaljade im Roman. Es erklärt, warum Kajaljade im irdischen Leben unaufhörlich weint.
- ↑ Chin. 通靈寶玉 Tōnglíng Bǎoyù, wörtl. „Den Geist durchdringender kostbarer Jade" – der übernatürliche Jadestein, den Schatzjade bei seiner Geburt im Mund trägt und der sein ganzes Leben begleitet.
- ↑ Chin. 太虛幻境 Tàixū Huànjìng, wörtl. „Illusorisches Reich der Großen Leere" – der überirdische Ort, an dem die Schicksale aller Figuren des Romans vorherbestimmt sind.
- ↑ Chin. 假作真時真亦假,無為有處有還無. Dieses berühmte Verspaar bildet das philosophische Leitmotiv des gesamten Romans: die Ununterscheidbarkeit von Schein und Wirklichkeit, von Sein und Nichtsein. Zugleich enthält es ein Wortspiel mit dem Familiennamen 賈 Jiǎ (Kaufmann), der ein Homophon zu 假 jiǎ „falsch/fiktiv" ist, und 甄 Zhēn (Echt), einem Homophon zu 真 zhēn „wahr/echt".
- ↑ Die „Wasserkastanenblüte" (菱) spielt auf den späteren Namen Xiangling (香菱, „Duftende Wasserkastanie") an, den Yinglian als Nebenfrau von Xue Pan erhalten wird. Das „Schneegestöber" (雪) verweist auf den Familiennamen 薛 Xuē, der ein Homophon zu 雪 xuě „Schnee" ist.
- ↑ Das Laternenfest (元宵節 Yuánxiāo Jié) wird am 15. Tag des ersten Monats gefeiert. Die Warnung bezieht sich auf das Verschwinden Yinglians und den Brand, die beide am Laternenfest geschehen werden.
- ↑ Der Berg Beimang (北邙山) bei Luoyang in der Provinz Henan war seit der Han-Dynastie ein berühmter Begräbnisort. Hier steht er als Symbol für die Endlichkeit des menschlichen Lebens.
- ↑ Kaufmann Regenort: Chin. 賈雨村 Jiǎ Yǔcūn. Der Familienname 賈 Jiǎ ist ein Homophon zu 假 jiǎ „falsch/fiktiv", der Rufname 雨村 Yǔcūn klingt wie 語村 „dörfliche Worte". Sein voller Bedeutungsname lautet also „Kaufmann Regenort" – er steht für die mit Lügen ausgeschmückten Worte des Romans (假語村言 jiǎ yǔ cūn yán, „falsche, ländlich plumpe Worte"). In der Übersetzung: Kaufmann Regenort.
- ↑ Das Mittherbstfest (中秋節 Zhōngqiū Jié) wird am 15. Tag des achten Monats nach dem chinesischen Mondkalender gefeiert. Es ist das Fest der Familienvereinigung, an dem man gemeinsam den Vollmond betrachtet und Mondkuchen isst.
- ↑ Anspielung auf die Gespräche des Konfuzius (論語 Lúnyǔ, IX.13), wo es heißt: „Ein schöner Jade – soll man ihn in einem Kästchen verbergen, oder soll man auf einen guten Kaufmann warten und ihn verkaufen?" – ein Gleichnis für den Gelehrten, der auf die richtige Gelegenheit zum Staatsdienst wartet.
- ↑ Eine Anspielung auf eine alte Legende, in der der Jade-Haarschmuck einer Göttin als weiße Schwalbe davonfliegt – ein Bild für den nahenden Aufstieg.
- ↑ Dieses Gedicht offenbart Yucuns politischen Ehrgeiz: „Zehntausend Menschen blicken empor" (萬人仰) lässt sich als Metapher für die Ehrerbietung lesen, die ein hoher Beamter genießt. Shiyin erkennt sofort die verborgene Ambition.
- ↑ Die Frühjahrsprüfungen (春闈 chūnwéi) waren die Provinzprüfungen des kaiserlichen Beamtenprüfungssystems, die alle drei Jahre in der Hauptstadt abgehalten wurden und den Zugang zu den höchsten Staatsämtern eröffneten.
- ↑ Ein Liang (兩) Silber entsprach etwa 37,3 Gramm. 50 Liang waren eine beträchtliche Summe, die für eine mehrmonatige Reise in die Hauptstadt und den Aufenthalt während der Prüfungszeit ausreichte.
- ↑ Die dritte Nachtwache (三更 sāngēng) entspricht der Zeit zwischen 23 Uhr und 1 Uhr morgens. Die fünf Nachtwachen teilten die Nacht von 19 Uhr bis 5 Uhr morgens in Abschnitte von je zwei Stunden ein.
- ↑ Die „fünfte Trommel" (五更 wǔgēng) entspricht der Zeit zwischen 3 und 5 Uhr morgens – die früheste Morgenstunde, zu der Reisende aufbrachen.
- ↑ Das Laternenfest (元宵節 Yuánxiāo Jié) am 15. Tag des ersten Monats ist das Fest, vor dem der Mönch warnte: „Hüte dich vor dem Fest der Laternen, denn dann wird alles zu Rauch und Asche!"
- ↑ Der Name Huo Qi (霍啟) klingt wie 禍起 huòqǐ „das Unglück beginnt" – ein weiteres Beispiel für die sprechenden Namen im Roman.
- ↑ Chin. 封肅 Fēng Sù. Der Familienname 封 Fēng klingt wie „Siegel/versiegeln", und 肅 Sù bedeutet „schlicht/nüchtern". Sein Name deutet auf seinen engstirnigen und berechnenden Charakter hin.
- ↑ Chin. 好了歌 Hǎoliǎo Gē – dieses zentrale Lied des Romans spielt mit den Doppelbedeutungen von 好 hǎo „gut" und 了 liǎo „zu Ende/vorbei". Es fasst die buddhistische Grundbotschaft zusammen: Alles Irdische ist vergänglich, und erst im Loslassen liegt die wahre Befreiung.
- ↑ Shiyins Kommentar zum „Lied von Gut und Vorbei" illustriert die Vergänglichkeit mit konkreten Beispielen aus dem menschlichen Leben: Reichtum schwindet, Schönheit welkt, Kinder enttäuschen, Macht geht verloren. Jede Strophe entspricht einer der vier Strophen des „Lieds von Gut und Vorbei" und konkretisiert dessen allgemeine Aussagen.
Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本).