Hongloumeng/de/Chapter 1

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Kapitel 1

甄士隐梦幻识通灵

贾雨村风尘怀闺秀

Dies ist das erste Kapitel, mit ihm beginnt das Buch. Der Verfasser sagt selbst, nachdem er ein Traumgesicht gehabt habe, verberge er die wahren Tatsachen und erzähle an Hand des ‚beseelten Jade‘ das Buch ‚Die Geschichte vom Stein‘. Deshalb sei von Dschën Schï-yin die Rede. Aber wovon und von wem wird in dem Buch erzählt? Wieder sagt der Verfasser selbst: ‚Nachdem ich es im Staub der Welt zu nichts gebracht hatte, fielen mir plötzlich all die Mädchen von damals wieder ein. Sorgfältig dachte ich über jede von ihnen nach, verglich sie untereinander und kam zu dem Schluß, daß sie mich in Verhalten und Wissen allesamt übertrafen. Ich, ein stattlicher Mann, komme nicht diesen Mädchen gleich! Scham empfinde ich mehr als genug, aber Reue ist sinnlos, denn es ist viel zu spät, um noch etwas zu ändern. So möchte ich jetzt über die kaiserliche Huld und die Tugend meiner Ahnen, auf die ich mich einst stützen konnte, über die Zeit, da ich Gewänder aus Brokat und Hosen aus Seide trug und mich an süßen und fetten Speisen satt essen konnte, und darüber, wie ich mich von der Gnade der Erziehung durch Vater und Brüder abgewandt und der Güte der Unterweisung durch Lehrer und Freunde den Rücken gekehrt habe, wodurch heute die Schuld auf mir lastet, daß keine einzige meiner Fertigkeiten ausgebildet und mein halbes Leben vertan ist, ein Buch schreiben, um aller Welt zu sagen: Meine Vergehen sind wahrlich unverzeihlich, aber unter den Mädchen waren unstreitig Talente, die auf gar keinen Fall mit der Vergessenheit anheimfallen dürfen, nur weil ich nichtswürdig bin und meine Fehler verbergen möchte. Wenn auch heute mein Dach mit Schilf gedeckt und mein Fenstergitter aus Kräuterstengeln geflochten ist, wenn auch mein Herd aus Ziegeln gemauert und mein Bett mit Stricken bespannt ist, erfrischen mich doch morgens und abends der Wind und der Tau; neben der Plattform meines Hauses wachsen Weiden, und im Hof blühen Blumen – was sollte mich also hindern, ans Schreiben zu denken? Ich habe zwar nichts gelernt und verfüge nicht über literarische Gaben, aber was kann mich abhalten, mit erdachten Worten in ländlich plumper Sprache eine Geschichte zu erzählen, um den Mädchen ein Denkmal zu setzen und die Augen der Welt zu erquicken? Den Leuten die Trübsal zu vertreiben, hat das nicht auch einen Sinn?‘ Darum ist von Djia Yü-tsun die Rede. Immer wenn in diesem Kapitel Wörter wie Traum und Trugbild gebraucht werden, geschieht das, um den Lesern die Augen zu öffnen. Das ist zugleich erklärte Absicht und Grundanliegen des Buches. Meine Leser! Wißt Ihr, woher das Buch stammt? Es klingt zwar absurd, aber genau genommen ist es doch höchst interessant. Wenn ich den Hergang erst einmal erklärt habe, wird es keinen Zweifel mehr geben. Als nämlich Nü-wa Steine schmolz, um den Himmel auszubessern, goß sie an der Klippe Unerforschlich im Großen Wüsten Gebirge sechsunddreißigtausendfünfhundertundeinen Steinblock von zwölf Dschang Höhe und vierundzwanzig Dschang im Geviert. Davon verbrauchte sie sechsunddreißigtausendfünfhundert Blöcke, nur ein einziger blieb übrig und wurde vor die Felswand Grüne Erhebung geworfen. Wer hätte gedacht, daß der Stein durch das Umschmelzen beseelt worden war! Als er sah, daß all die anderen Steinblöcke verwendet worden waren, um den Himmel auszubessern, und nur er selbst nicht dazu taugte, auserwählt zu werden, haderte er beschämt mit sich selbst und wehklagte Tag und Nacht. Eines Tages, als er eben wieder jammerte und seufzte, sah er plötzlich aus der Ferne einen buddhistischen Mönch und einen dauistischen Priester näher kommen, beide von ungewöhnlicher Gestalt und mit eigenartigem Gesichtsausdruck. Plaudernd und lachend kamen sie bis an die Felswand, setzten sich neben den Steinblock und führten ihr erhabenes Gespräch fröhlich weiter. Anfangs sprachen sie von Göttern und Mirakeln in Wolkenbergen und Nebelmeer, später kamen sie auf Glanz und Reichtum im roten Staub der Welt zu sprechen. Als der Steinblock das hörte, regte sich unversehens sein irdischer Sinn, und er wünschte sich, unter die Menschen zu gehen, um dort Glanz und Reichtum zu genießen. Er bedauerte nur, daß er so plump und so dumm war, und konnte sich nicht enthalten, den Mönch und den Priester in menschlicher Sprache anzureden: „Große Lehrer! Ich dummes Ding kann Euch nicht den Gruß entbieten, wie ihn der Anstand erfordert. Zufällig habe ich gehört, was Ihr von Pracht und Herrlichkeit der Menschenwelt erzählt habt, und jetzt sehnt sich mein Herz heftig danach. Ich bin zwar aus grobem Stoff gemacht, aber mein Wesen ist doch ein wenig durchgeistigt. Außerdem sieht man Euch an, daß Ihr unsterbliche Heilige seid und keine gewöhnlichen Menschen. Bestimmt könnt Ihr das Schicksal beeinflussen und den Sterblichen helfen. Wenn Ihr ein wenig Milde walten lassen und mich in den Staub der Welt mitnehmen wolltet, damit ich ein paar Jahre an jenen Stätten von Wohlstand und Behaglichkeit zubringen kann, würde ich Euch ewig dankbar sein und das in zehntausend Ären nicht vergessen.“ Kaum hatten die beiden unsterblichen Lehrer das gehört, brachen sie in Gelächter aus und sagten: „Das ist gut, das ist gut! In der Welt des roten Staubes gibt es wohl einige Freuden, aber sie dauern nicht ewig, außerdem sind sie eng mit den Sätzen verknüpft: Das Schöne ist unvollkommen, und das Gute birgt viele Qualen. In einem einzigen Augenblick erwächst auf dem Gipfel der Freude das Leid, die Menschen vergehen, die Dinge verändern sich, und am Ende war alles nur ein Traum und kehrt ins Nichts zurück. Da ist es doch am besten, du gehst erst gar nicht dorthin.“ Wie aber hätte wohl der Stein auf sie hören mögen, nachdem seine weltlichen Gelüste einmal geweckt waren! Und so bettelte er immer wieder. Da die beiden Unsterblichen merkten, daß er nicht davon abzubringen war, seufzten sie: „Hier bestätigt sich die Regel, daß sich in höchster Ruhe der Gedanke regt und das Sein aus dem Nichts entsteht. Gut also, wir nehmen dich mit! Nur darfst du es nicht bereuen, wenn du keine Befriedigung findest.“ „Natürlich nicht!“ beteuerte der Stein, und der Mönch fuhr fort: „Du bist also beseelt, bist aber aus grobem Stoff gemacht und hast weiter nichts Edles an dir. Nun denn, mag es gehen, so gut es geht! Ich will jetzt die ganze Kraft der buddhistischen Lehre daransetzen, um dir zu helfen, aber wenn diese Ära zu Ende ist, kehrst du in deinen Urzustand zurück, damit die Sache ihren Abschluß findet. Bist du damit einverstanden?“ Nachdem der Stein das gehört hatte, kannte sein Dank keine Grenzen. Da sprach der Mönch Beschwörungsformeln, schrieb magische Zeichen und entfaltete seine ganze Zauberkraft. Damit verwandelte er den riesigen Steinblock auf der Stelle in einen klaren, funkelnden Jadestein, der auf die Größe eines Fächeranhängers zusammenschrumpfte, so daß man ihn bequem am Gürtel tragen und in die Hand nehmen konnte. Der Mönch legte ihn auf seinen Handteller und sagte lächelnd: „Der Form nach bist du schon eine Kostbarkeit, aber ein wahrer Vorzug fehlt dir noch. Um das Wunder perfekt zu machen, mußt du ein paar Schriftzeichen eingeschnitten bekommen, damit die Leute dich auf den ersten Blick als etwas Außergewöhnliches erkennen. Und dann bringe ich dich in ein Land von Glanz und Überfluß, in eine Familie von Bildung und Adel, an einen Ort voller Blumen und Weiden, an eine Stätte des Wohlseins und des Reichtums, wo du deine Tage in Frieden und Freude verbringen kannst.“ Als der Stein das vernahm, war er unendlich froh, erkundigte sich aber: „Was sind das für wunderbare Eigenschaften, die Ihr mir verleiht, und was ist das für ein Ort, an den Ihr mich bringt? Ich bitte um klare Belehrung, damit ich nicht im Zweifel bleibe.“ „Frag nicht danach!“ gab der Mönch lächelnd zurück. „Später wirst du es ganz von selbst verstehen.“ Damit steckte er den Stein in den Ärmel und verschwand mit dem Dauisten zusammen wie eine flüchtige Wolke. Wohin sie sich wandten, ist nicht bekannt. Niemand weiß, wie viele Generationen und Zeitalter vergangen waren, als später einmal ein Dauist namens Kung-kung, der auf der Suche nach dem Dau und nach Unsterblichen war, bei der Felswand Grüne Erhebung an der Klippe Unerforschlich im Großen Wüsten Gebirge vorüberkam und plötzlich einen großen Steinblock erblickte, auf dem deutlich Schriftzeichen zu sehen waren, die eine klare Darstellung gaben. Kung-kung las sie von Anfang an, und es war die Geschichte des Steins, der zur Ausbesserung des Himmels nicht getaugt hatte und als Truggestalt auf die Erde gekommen war, den der Heilige Mang-mang und der Erleuchtete Miau-miau in den roten Staub der Welt getragen hatten, wo er Freude und Kummer von Begegnung und Trennung sowie die Unbeständigkeit der menschlichen Beziehungen zur Genüge kennengelernt hatte. Dahinter stand das Gatha: Den blauen Himmel auszubessern, hab ich nicht getaugt und ward auf Jahre unnütz in den roten Staub gesandt. Dies ist es, was als Mensch ich einst erlebte und zuvor, wer hört nun meine Bitte und verfaßt danach ein Buch? Auf diese Verse folgten der Ort, wo der Stein auf die Erde gekommen war, der Platz seiner Geburt und eine Schilderung seiner Erlebnisse. Darin war alles zu finden: Einzelheiten über die Mädchen des Hauses und Gedichte voller müßiger Gefühle, und es war wohl interessant und zerstreuend. Aber der Name der Dynastie und die Jahreszahlen fehlten genauso wie der Erdteil und die Bezeichnung des Landes, nichts war darüber festzustellen. Und so sagte Kung-kung: „Bruder Stein, du selber sagst, deine Geschichte sei interessant, deshalb sei sie hier aufgezeichnet, und dein Wunsch sei es, daß die Welt sie als Buch kennenlernt. Ich aber meine, zum

Der zur Ausbesserung des Himmelsgewölbes überflüssige 36.501 beseelte Jadestein, der dem Roman den Namen „Geschichte vom Stein“ gab, und die Pflanze Purpurperle. Aus: Gai Qi 1879. einen sind die Dynastie und die Jahreszahlen nicht zu ermitteln, und zum anderen ist hier nicht von tüchtigen Ministern und treuen Beamten die Rede, die durch gutes Regieren den Herrscher auf den rechten Weg bringen und die Sitten des Volkes läutern. Es gibt hier nur ein paar eigenartige Mädchen, gefühlvoll oder töricht, vielleicht auch mit einem geringen Talent oder einem bißchen Güte, aber doch nicht mit der Tugend und den Fähigkeiten der Mädchen Ban und Tsai . Selbst wenn ich deine Geschichte abschreibe, werden die Menschen sie nicht gern lesen wollen, fürchte ich.“ Lächelnd erwiderte der Stein: „Warum seid Ihr so töricht, mein Lehrer? Wenn Ihr meint, die Dynastie und die Jahreszahlen fehlten, macht es doch keine Schwierigkeiten, wenn Ihr die Han- oder die Tang-Dynastie und ein paar Jahreszahlen einfügt. Aber mir scheint, die inoffiziellen Geschichtswerke aller Zeiten folgen immer denselben ausgefahrenen Gleisen, doch meine Erzählung, die sich nicht an diese Schablone hält, ist neuartig und ungewöhnlich. Es geht doch nur um Ereignisse und Wahrheiten, warum also muß man sich an eine Dynastie und an Jahreszahlen klammern? Und wer von den einfachen Leuten auf der Straße liest schon gern von tüchtigen Ministern, die ihren Herrscher bessern? Die allermeisten lieben nur leichte, unterhaltsame Lektüre. All die inoffiziellen Geschichtswerke, in denen entweder Herrscher und Kanzler geschmäht oder aber Frauen und Töchter gelästert werden und die voller Ausschweifungen und Grausamkeiten sind, kann schon kein Mensch mehr zählen. Dann gibt es noch eine Sorte von Liebesgeschichten, die so schmutzig und schlüpfrig sind, daß sie die ganze Literatur in Verruf bringen und die jungen Leute verderben. Auch diese sind nicht zu zählen. Die Bücher vom schönen Mädchen und vom begabten Jüngling schließlich kommen zu Tausenden aus einer Form, auch hier geht es nicht ohne Unzüchtigkeiten ab, und es gibt darin nichts als nur lauter Pan Ans, Dsï-djiäns, Hsi-dsïs und Wën-djüns . Nur um ein paar eigene Liebesgedichte unterzubringen, denken sich die Verfasser die Namen eines Jünglings und eines Mädchens aus und fügen unbedingt noch einen Bösewicht dazu, der zwischen ihnen Verwirrung stiftet wie der Spaßmacher auf der Bühne. Da braucht nur ein Sklavenmädchen den Mund aufzumachen, und schon wimmelt es von altertümlichen papiernen Phrasen. Es ist ein Stil der Stillosigkeit. Auf den ersten Blick entdeckt man innere Widersprüche und bemerkt, daß die Erzählung an der Wahrheit weit vorbeigeht. An die Mädchen, die ich ein halbes Leben lang gesehen und gehört habe, reicht das nicht heran. Ich wage ja nicht zu behaupten, daß sie unbedingt so waren wie die Heldinnen der Bücher vergangener Zeiten. Aber mit ihren Erlebnissen kann man sich doch seinen Kummer und seinen Gram zerstreuen. Es sind auch ein paar minderwertige Gedichte darin und Redensarten, die jeder kennt, aber sie bringen einen vielleicht zum Lachen, und man trinkt einen Schluck Wein dazu. Trennung und Wiedersehen, Freud und Leid, Gedeih und Verderb – alles hält sich an die Spuren von Ereignissen, nichts ist auch nur im mindesten entstellt, so daß es nur dem Auge gefällig wäre, aber von der Wahrheit abweichen würde. Unter den Menschen von heute müssen sich die Armen tagtäglich abmühen, um Kleidung und Nahrung zu haben, die Reichen aber tragen ein ewig unzufriedenes Herz in der Brust. Haben sie einen Augenblick Muße, dann geben sie sich der Wollust hin, oder sie streben nach Besitz und laden sich dadurch Sorgen auf. Wann also hätten sie Zeit, um Bücher zu lesen, in denen tüchtige Minister ihren Herrscher bessern? Darum erwarte ich nicht, daß die Zeitgenossen über meine Geschichte in Entzücken geraten, und verlange auch nicht, daß sie sich voll Begeisterung daran machen, sie zu studieren. Ich möchte nur, daß sie einmal darin blättern, wenn sie sich satt und trunken von Liebe und Wein zur Ruhe legen oder wenn sie ihren weltlichen Geschäften und Sorgen entfliehen. Könnten sie damit nicht ihr Leben ein bißchen verlängern und ihre Kräfte ein wenig schonen, anstatt auf Hohlheiten zu sinnen und nach Nichtigkeiten zu streben? Würden sie nicht ihren Mündern den Schaden des Streits ersparen und ihren Beinen die Mühsal des Laufens? Und würden sie so nicht endlich auch einmal etwas Neues zu sehen bekommen anstelle der alten Texte, deren bewährtes Rezept schon allbekannt ist mit seinen albernen Verwicklungen und dem ewigen Hin und Her und in denen es nur so wimmelt von begabten Jünglingen und tugendhaften Jungfrauen in der Art von Dsï-djiän, Wën-djün, Hung-niang Der buddhistische Mönch und der dauistische Priester. Aus: Chengjiaben 1791. und Hsiau-yü ? Was meint Ihr dazu, mein Lehrer?“ Als der Dauist Kung-kung das gehört hatte, bedachte er es einige Zeit, prüfte dann noch einmal die ‚Geschichte vom Stein‘ und sah, daß es darin wohl Passagen gab, in denen Falschheit und Bosheit gegeißelt wurden, aber nicht die Absicht, die Sitten der Zeit zu verletzen und die Welt zu verfluchen, und daß sie im Unterschied zu anderen Büchern an allen Stellen, wo es um die Menschlichkeit des Herrschers und die Tüchtigkeit der Beamten, die Milde der Väter und den Gehorsam der Söhne ging und wo die Normen der menschlichen Grundbeziehungen berührt wurden, unerschöpflich war in dem Bestreben, Verdienste zu preisen und Tugenden zu loben. Das Hauptanliegen bestand zwar darin, von Gefühlen zu erzählen, aber es war doch nur die getreuliche Aufzeichnung von Tatsachen, ganz etwas anderes als diese verlogenen Gleichnisse und überspannten Bezeichnungen, diese ewigen lüsternen Verabredungen und heimlichen Verhältnisse. Weil schließlich auch in keiner Weise die gegenwärtigen Zustände berührt wurden, schrieb er es von Anfang bis Ende ab, um es der Welt als Übermittlung von Wunderbarem bekannt zu machen. Weil man aus der Leere den Anblick erschaut und durch den Anblick das Gefühl entsteht, weil man durch die Wiedergabe des Gefühls in den Anblick eindringt und aus dem Anblick die Leere versteht, änderte der Dauist Kung-kung seinen Namen jetzt in Tjing-sëng – ‚Gefühlvoller Mönch‘ – und benannte die ‚Geschichte vom Stein‘ in ‚Aufzeichnungen des Gefühlvollen Mönches‘ um. Kung Mee-hsi aus dem östlichen Lu gab ihr den Titel ‚Zauberspiegel der Liebe‘. Später las sie Tsau Hsüä-tjin in seiner Studierstube ‚Trauer um das Rote‘ zehn Jahre lang immer wieder durch, schrieb sie fünfmal um, verfaßte ein Inhaltsverzeichnis dazu, teilte sie in Kapitel ein und nannte das Buch jetzt ‚Zwölf Mädchen aus Djin-ling ‘. Er stellte ihm auch den Vierzeiler voran:

Völliger Unsinn der ganze Text, eine Handvoll bitterster Tränen. Alle Welt nennt den Autor verrückt, wer schmeckt heraus, was es ist?

Nachdem der Ursprung nun geklärt ist, wollen wir sehen, was für eine Geschichte auf dem Stein geschrieben stand. Er hieß dort nämlich so: Seinerzeit war die Erde im Südosten abgesunken, und dort im Südosten liegt ein Ort namens Gu-su . Am Stadttor Tschang-mën war die Gegend, wo in der Welt des roten Staubes Reichtum, Vornehmheit und Eleganz in höchstem Maße zu Hause waren. Außerhalb des Tors Tschang-mën gab es die Zehn-Li-Straße mit der Gasse der Menschlichkeit und der Reinheit. In dieser Gasse stand ein alter Tempel, der seiner Enge wegen von allen Leuten nur der ‚Flaschenkürbistempel‘ genannt wurde. Hier neben dem Tempel wohnte ein Beamter im Ruhestand, der den Familiennamen Dschën und den Rufnamen Fee trug, sein Ehrenname lautete Schï-yin. Er war mit einer Frau Fëng verheiratet, die rechtschaffen und tugendhaft war und ein tiefes Gefühl für Anstand und Pflicht hatte. Die beiden waren zwar nicht sehr reich, zählten aber zu den angesehenen Familien der Gegend. Dschën Schï-yin war still und bescheiden, er strebte nicht nach Anerkennung und Ruhm. Seine täglichen Freuden waren nur Bambus und Blumen, Gedichte und Wein. So lebte er ganz wie ein Unsterblicher. Nur eines fehlte zur Vollkommenheit: Er hatte jetzt die fünfzig schon überschritten, besaß aber keinen Sohn. Lediglich eine Tochter hatte er, die mit Kindheitsnamen Ying-liän hieß und erst drei Jahre alt war. An einem endlosen heißen Sommertag saß Dschën Schï-yin müßig in seiner Bibliothek. Er tat mit müder Hand das Buch beiseite und legte den Kopf auf den Tisch, um ein Nickerchen zu machen. Ohne zu merken wie, kam er im Dämmer des Einschlafens in eine Gegend, die er nicht erkannte. Plötzlich sah er einen buddhistischen Mönch und einen dauistischen Priester auf sich zukommen, die sich im Gehen unterhielten, und hörte, wie der Dauist fragte: „Wozu hast du das dumme Ding mitgenommen? Wohin willst du damit?“ „Sei unbesorgt!“ erwiderte der Mönch lächelnd. „Es bahnt sich gerade ein Liebesdrama an, aber noch haben seine Helden nicht das Licht der Welt erblickt. Diese Gelegenheit will ich nutzen, um das dumme Ding dort unterzuschieben, damit es die Erlebnisse bekommt, die es haben möchte.“ „So treten also die Liebenden jetzt ihren irdischen Leidensweg an“, sagte der Dauist. „Aber wo wird es sein, wo sie zur Welt kommen?“ „Das ist eine komische Geschichte“, entgegnete lächelnd der Mönch, „eine einmalige Sache, wie man sie seit undenklichen Zeiten nicht gehört hat. Neben dem Felsen der Dreimaligen Wiedergeburt am Ufer des Seelenflusses im Westen wuchs eine Pflanze Pupurperle, die seinerzeit jeden Tag von dem Pagen Geisterjade aus dem Rotjadepalast mit süßem Tau gegossen wurde und sich nur dadurch über Monate und Jahre am Leben halten konnte. Als sie später die Essenzen des Himmels und der Erde in sich aufgenommen hatte und mit Regen und Tau genährt worden war, vermochte sie endlich, sich aus ihrer pflanzlichen Hülle zu lösen und menschliche Gestalt anzunehmen, allerdings wurde sie nur ein Mädchen. Von morgens bis abends streifte sie jetzt außerhalb des Himmels des Trennungsschmerzes umher. War sie hungrig, dann dienten ihr süße grüne Früchte als Nahrung, war sie durstig, dann bildete Wasser aus dem Meer des Kummers ihren Trank. Weil sie aber die Güte des Gegossenwerdens noch nicht vergolten hatte, festigte sich in ihrem tiefsten Innern ein unabänderlicher Vorsatz. Doch gerade jetzt ist der Page Geisterjade auf profane Gedanken gekommen und möchte es ausnutzen, daß eine glanzvolle, friedfertige Dynastie herrscht, um unter die Menschen zu gehen und den Wahn des Lebens kennenzulernen. Er hat sich bereits bei der Fee Warnendes Trugbild eintragen lassen, und als diese dabei erfuhr, daß die Dankesschuld für das Gießen noch nicht abgegolten ist, fand sie, es sei eine günstige Gelegenheit, um auch das zu erledigen. Die Fee Pupurperle sagte dazu: ‚Er hat mir die Wohltat erwiesen, mir süßen Tau zu bringen, aber ich kann ihm das nicht mit Wasser zurückerstatten. Wenn er als Mensch auf die Erde geht, will auch ich ein Mensch werden und ihm die Tränen eines ganzen Lebens geben. So kann ich es ihm vergelten.‘ Diese Sache hat etliche Liebesnarren angelockt, die mit ihnen gehen wollen, um den Fall zum Abschluß zu bringen.“ „Das ist tatsächliche eine seltene Kunde“, sagte der Dauist. „Daß man etwas mit Tränen vergelten kann, habe ich wirklich noch nicht gehört. Mir scheint, diese Geschichte wird viel reicher an Einzelheiten werden als die herkömmlichen Liebesromane.“ Darauf erwiderte der Mönch: „Von den Helden der bisherigen Liebesromane wird nur in groben Zügen erzählt, dazu kommen Verse und Gedichte, und das ist alles. Was in den Mädchengemächern gegessen und getrunken wird, hat noch nie jemand berichtet. Außerdem beschreiben die meisten Liebesromane nur unerlaubte Beziehungen und heimliche Zusammenkünfte, von den wahren Gefühlen der jungen Leute dagegen wird nicht das mindeste erzählt. Ich glaube, wenn jetzt diese Gestalten auf die Erde hinabsteigen, werden unter ihnen Narren der Liebe und Sklaven der Wollust, Tüchtige, Dumme und auch Nichtswürdige sein, wie sie noch keiner geschildert hat.“ „Warum gehen wir beide nicht mit auf die Erde und erlösen ein paar von ihnen? Wäre das nicht ein verdienstvolles Werk?“ fragte der Dauist. „Das trifft genau meine Absicht“, sagte der Mönch. „Geh mit mir in den Palast der Fee Warnendes Trugbild, um für das dumme Ding hier alles zu regeln, und wenn dann die Liebesnarren alle auf der Erde sind, gehen wir hinterher. Die Hälfte von ihnen ist jetzt wohl schon im Staub angelangt, aber noch sind nicht alle beisammen.“ „Wenn dem so ist, gehe ich mit dir“, stimmte der Dauist zu. Dschën Schï-yin hatte alles deutlich gehört, er wußte nur nicht, was das für ein ‚dummes Ding‘ war, von dem die beiden gesprochen hatten. Darum konnte er sich nicht enthalten, näher zu treten und mit einer Verbeugung lächelnd zu sagen: „Gruß Euch, heilige Lehrer!“ Der Mönch und der Dauist erwiderten auch rasch die Verbeugung und fragten, was er wolle. Daraufhin sagte Dschën Schï-yin: „Zufällig habe ich vernommen, was Ihr über Ursache und Folge gesprochen habt, und so etwas bekommt man in der Menschenwelt wirklich selten zu hören. Doch in meiner Einfalt habe ich es nicht ganz verstanden. Wenn Ihr meine Dummheit erleuchtet und es mich genau wissen laßt, werde ich mir die Ohren waschen und ergeben zuhören. Wenn ich ein wenig auf der Hut sein könnte, würde es mir möglich sein, der Qual des Untergangs zu entgehen.“ Lächelnd klärten die beiden Unsterblichen ihn auf: „Die dunklen Geheimnisse des Himmels dürfen nicht vorzeitig durchsickern. Wenn du nur uns beide nicht vergißt, wenn es soweit ist, wirst du der Feuergrube entrinnen können.“ Als Dschën Schï-yin das vernahm, konnte er schlecht noch ein zweites Mal fragen, darum sagte er lächelnd: „Die Geheimnisse des Himmels dürfen nicht vorzeitig durchsickern, aber eben war von einem ‚dummen Ding‘ die Rede, und ich weiß nicht, was das ist. Darf ich es vielleicht einmal sehen?“ „Fragst du danach?“ sagte der Mönch, „du hast wirklich allen Grund, es dir gut anzusehen.“ Damit holte er es hervor und reichte es Dschën Schï-yin. Als Dschën Schï-yin es entgegennahm und betrachtete, erwies es sich als ein schöner Jadestein. Deutlich waren Schriftzeichen darauf zu erkennen. ‚Wertvoller beseelter Jade‘ war dort eingeschnitten. Auf der Rückseite standen noch ein paar Zeilen kleinerer Schriftzeichen, aber als Dschën Schï-yin sie eben genauer betrachten wollte, sagte der Mönch: „Wir sind schon an den Wahngefilden angelangt!“ und nahm ihm den Stein mit Gewalt aus der Hand. Dann schritt er mit dem Dauisten durch ein großes steinernes Schmucktor, auf dem oben in großen Schriftzeichen geschrieben stand ‚Wahngefilde der Großen Leere‘. Eine Parallelinschrift zu beiden Seiten lautete: ‚Wenn Falsches wahr ist, wird auch Wahres falsch,

	 wo Nichtsein Sein ist, wird auch Sein zum Nichts.‘

Dschën Schï-yin wollte mit durch das Tor gehen, aber als er eben den Fuß hob, hörte er es plötzlich donnern, als ob Berge zusammenstürzten und die Erde berste. Er schrie laut auf, aber als er zu sich kam, sah er nur die brennende Sonne und schwankende Bananenstauden. Den größten Teil seiner Traumerlebnisse hatte er vergessen. Dann erblickte er die Amme mit Ying-liän auf dem Arm. Er sah, daß seine Tochter immer lieblicher und verständiger wurde, darum streckte er die Hände nach ihr aus und nahm sie der Amme ab, um sie auf den Armen zu halten und ein Weilchen mit ihr zu spielen. Anschließend trat er mit ihr auf die Straße, um das Gewimmel einer vorüberziehenden Prozession anzusehen. Als er eben wieder hineingehen wollte, sah er einen buddhistischen Mönch und einen dauistischen Priester näher kommen. Der Mönch hatte einen grindigen Kopf und ging barfuß, der Dauist hinkte, und das Haar hing ihm wirr ins Gesicht. Gestikulierend, lachend und schwatzend kamen sie daher wie zwei Verrückte. Als sie an seinem Tor waren und Dschën Schï-yin mit Ying-liän auf dem Arm sahen, begann der Mönch laut zu weinen und sprach Dschën Schï-yin an: „Mein Wohltäter, warum hältst du dieses Geschöpf auf dem Arm, das zum Unglück bestimmt ist und seine Eltern mit ins Verderben ziehen wird?“ An diesen Worten erkannte Dschën Schï-yin, daß der Wahnsinn aus ihm sprach, darum beachtete er ihn nicht. Da sagte der Mönch: „Gib sie mir, gib sie mir!“ Nun wurde es Dschën Schï-yin zuviel, und mit der Tochter auf dem Arm machte er kehrt, um hineinzugehen. Der Mönch aber wies mit dem Finger auf ihn und brach in Gelächter aus. Dann sagte er vier Sätze her: „Töricht, sich um das Kind zu sorgen, unnütz im Schnee blüht die Wassernuß. Sei auf der Hut zum Laternenfest , wenn das rauchende Feuer verlischt!“


Aus: Jinyuyuan 1889a. Dschën Schï-yin, der alles deutlich gehört hatte, schlichen Zweifel ins Herz. Eben wollte er nach einer Erklärung fragen, da hörte er, wie der Dauist sagte: „Wir müssen nicht zusammenbleiben, also trennen wir uns hier, und jeder geht seinen Angelegenheiten nach! Wenn drei Zeitalter vergangen sind, warte ich am Berg Bee-mang-schan auf dich, und wenn wir uns getroffen haben, gehen wir gemeinsam in die Wahngefilde der Großen Leere, um die Sache wieder austragen zu lassen.“ „Ausgezeichnet, ausgezeichnet!“ erwiderte der Mönch. Als er ausgesprochen hatte, waren die beiden verschwunden, ohne daß eine Spur zurückgeblieben wäre. Dschën Schï-yin aber sagte sich: ‚Mit den beiden hatte es bestimmt etwas auf sich, ich hätte versuchen müssen, sie zu fragen. Doch jetzt kommt die Reue zu spät.‘ Als er eben noch seinen törichten Gedanken nachhing, sah er plötzlich einen armen Gelehrten herankommen, der nebenan im ‚Flaschenkürbistempel‘ hauste. Sein Familienname war Djia, sein Rufname Hua, sein Ehrenname Schï-fee und sein Beiname Yü-tsun. Ursprünglich kam dieser Djia Yü-tsun aus Hu-dschou und stammte aus einer Familie von Literaten und Beamten. Als er geboren wurde, war die Familie schon im Untergang begriffen, der Besitz, von dem seine Eltern und Ahnen gelebt hatten, war aufgebraucht, alle Familienmitglieder bis auf ihn waren tot. In der Heimat zu bleiben, hätte ihm nichts eingebracht, darum wollte er in die Hauptstadt, um über die Staatsprüfungen eine Beamtenstelle zu erhalten und so wieder Besitz zu erwerben. Vor zwei Jahren war er hier hängengeblieben und hatte im Tempel eine einstweilige Bleibe gefunden. Er lebte von täglichen Schreibarbeiten, und Dschën Schï-yin kam oft mit ihm zusammen. Als Djia Yü-tsun jetzt Dschën Schï-yin erblickte, grüßte er rasch und erkundigte sich lächelnd: „Gibt es irgendetwas Interessantes auf der Straße, daß Ihr am Tor lehnt und Ausschau haltet, alter Herr?“ „Nein“, erwiderte Dschën Schï-yin, ebenfalls lächelnd. „Nur mein Töchterchen hatte geweint, und ich bin mit ihr herausgetreten, um sie zu unterhalten. Aber Ihr kommt gerade recht, es ist sterbenslangweilig. Kommt bitte in mein bescheidenes Studierzimmer zu einem Plausch, damit wir uns zu zweit an diesem endlosen Tag die Zeit vertreiben!“ Bei diesen Worten schickte er jemanden mit dem Kind ins Haus, faßte Djia Yü-tsun bei der Hand und führte ihn in seine Bibliothek. Ein Knabe brachte Tee. Sie hatten erst drei oder fünf Sätze gewechselt, als plötzlich ein Diener mit der eiligen Meldung kam: „Der alte Herr Yän ist gekommen, seine Aufwartung zu machen.“ Hastig stand Dschën Schï-yin auf und entschuldigte sich: „Verzeiht mir, daß ich Euch im Stich lasse! Wenn Ihr ein wenig wartet, werde ich Euch wieder Gesellschaft leisten.“ Rasch erhob sich auch Djia Yü-tsun und forderte ihn auf: „Tut Euch nur keinen Zwang an, alter Herr! Ich bin ein häufiger Gast, warum sollte ich mich nicht ein wenig gedulden können?“ Dschën Schï-yin verschwand bei diesen Worten bereits in Richtung der Vorhalle. Hier aber vertrieb sich Djia Yü-tsun die Zeit damit, in Büchern zu blättern. Auf einmal hörte er vor dem Fenster ein Mädchen husten. Also stand er auf und sah hinaus. Er erblickte ein Sklavenmädchen, das Blumen pflückte. In ihrer Erscheinung war nichts Vulgäres, ihr Gesicht war rein und wohlgeformt. Wenn sie auch keine vollendete Schönheit war, hatte sie doch manches Anziehende an sich. Unwillkürlich verlor sich Djia Yü-tsun in ihren Anblick.

Als die Magd ihre Blumen gepflückt hatte und eben wieder gehen wollte, blickte sie plötzlich auf und sah, daß jemand am Fenster stand – ein Mann in schäbiger Kleidung und Kopfbedeckung, der wohl ärmlich wirkte, aber eine runde Taille und kräftige Schultern, ein breites Gesicht und einen eckigen Mund hatte. Seine Brauen waren wie Schwerter, seine Augen wie Sterne, die Nase war gerade, die Wangenknochen stark. Eilig wandte die Magd sich ab und dachte dabei: ‚Dieser Mann ist so eine imposante Erscheinung und dabei so schäbig gekleidet. Bestimmt ist es dieser Djia Yü-tsun, von dem der Herr oft gesprochen hat und dem er immer helfen möchte, ohne daß sich eine Gelegenheit dazu bietet. So arm ist sonst kein Verwandter oder Freund des Hauses. Ganz sicher ist er es. Kein Wunder, wenn der Herr sagt, dieser Mann werde nicht lange Not leiden müssen.‘ Bei diesen Gedanken wandte sie sich unwillkürlich noch zweimal nach ihm um.

Als Djia Yü-tsun sah, daß sie sich umdrehte, meinte er, sie müsse etwas für ihn übrig haben, und so überkam ihn eine heftige Freude. Er sagte sich, dieses Mädchen müsse ein Wunder an Scharfblick sein, ein Freund, der ihn auch im Staub der Welt richtig einzuschätzen vermochte. Bald darauf kam der Knabe herein, und Djia Yü-tsun erfuhr auf seine Frage, der Gast in der Vorhalle werde zum Essen bleiben. Da er so lange nicht warten konnte, ging er durch das Seitentor fort. Als Dschën Schï-yin seinen Gast verabschiedet hatte und erfuhr, Djia Yü-tsun sei schon gegangen, holte er ihn nicht noch einmal zurück. Nicht viel später war das Mittelherbstfest gekommen.ter oder Freund des Hauses. Ganz sicher ist er es. Kein Wunder, wenn der Herr sagt, dieser Mann werde nicht lange Not leiden müssen.‘ Bei diesen Gedanken wandte sie sich unwillkürlich noch zweimal nach ihm um. Als Djia Yü-tsun sah, daß sie sich umdrehte, meinte er, sie müsse etwas für ihn übrig haben, und so überkam ihn eine heftige Freude. Er sagte sich, dieses Mädchen müsse ein Wunder an Scharfblick sein, ein Freund, der ihn auch im Staub der Welt richtig einzuschätzen vermochte. Bald darauf kam der Knabe herein, und Djia Yü-tsun erfuhr auf seine Frage, der Gast in der Vorhalle werde zum Essen bleiben. Da er so lange nicht warten konnte, ging er durch das Seitentor fort. Als Dschën Schï-yin seinen Gast verabschiedet hatte und erfuhr, Djia Yü-tsun sei schon gegangen, holte er ihn nicht noch einmal zurück. Nicht viel später war das Mittelherbstfest gekommen. Nach dem Festessen im Kreis der Familie befahl Dschën Schï-yin, in seiner Bibliothek eine Tafel herzurichten, und ging selbst im Mondschein in den Tempel, um Djia Yü-tsun herüberzubitten. Seitdem Djia Yü-tsun an jenem Tag gesehen hatte, wie sich das Sklavenmädchen im Hause Dschën zweimal nach ihm umdrehte, und er sich sagte, sie müsse seinen wahren Wert erkannt haben, trug er ihr Bild ständig im Herzen. Heute nun zum Mittelherbstfest entfachte der Anblick des Mondes die Gefühle in seiner Brust, und er improvisierte ein Gedicht: „Noch ist der Zukunft Orakel nicht klar, und ständig drückt neuer Kummer mein Herz. Schmerzlich zieh ich die Brauen zusammen, sie aber wandte den Kopf nach mir um. Jetzt folgt mir allein mein Schatten im Wind – wer wollte im Mondlicht mein Partner sein? Wenn nur der Mond Verstand besäße, Schaut‘ er zuerst bei der Schönen hinein.“ Als Djia Yü-tsun zu Ende gesprochen hatte, dachte er wieder an seine ständigen Hoffnungen und betrübte sich darüber, daß er es noch zu nichts gebracht hatte. Er kratzte sich den Kopf, schickte einen langen Seufzer zum Himmel und sprach dann laut den Parallelsatz: „Der Jade wartet auf günstigen Preis; kommt seine Zeit, fliegt der Haarpfeil davon. “ Dschën Schï-yin, der eben dazukam und die Worte gehört hatte, sagte lächelnd: „Ihr habt keine geringen Ambitionen, Bruder Yü-tsun!“ Rasch erwiderte Djia Yü-tsun, ebenfalls lächelnd: „Ich habe nur zufällig diese Zeilen eines alten Dichters rezitiert. Wie würde ich es wagen, so maßlose Dinge zu äußern?“ Dann fragte er: „Was führt Euch hierher, alter Herr?“ „Heute ist die Herbstmitte oder das Vollmondfest, wie der Volksmund sagt“, antwortete ihm Dschën Schï-yin. „Ich dachte, Ihr würdet Euch bestimmt langweilen in Eurer Mönchszelle, darum habe ich etwas Wein bereitstellen lassen und möchte Euch bitten, in meinem ärmlichen Studierzimmer mit mir zu trinken. Ich weiß aber nicht, ob Ihr diese Einladung annehmen möchtet.“ Djia Yü-tsun ließ sich nicht lange bitten und sagte lächelnd: „Wie könnte ich es wagen, Eure Freigebigkeit zurückzuweisen, wenn Ihr mir so große Liebe erweist!“ Mit diesen Worten folgte er Dschën Schï-yin in den Hof vor seiner Bibliothek. Als sie dann den Tee getrunken hatten, standen schon die Becher und Teller bereit. Wie edel der Wein und wie köstlich die Speisen waren, braucht nicht extra gesagt zu werden. Nachdem sie am Tisch Platz genommen hatten, tranken sie den Wein zuerst nur gemächlich, dann aber kamen sie durch ihr Gespräch allmählich in Stimmung, und ohne es selbst zu bemerken, tranken sie einander so rasch zu, daß die Becher zu fliegen schienen. Aus allen Anwesen des Viertels erklangen jetzt Musik und Gesang, der klare Mond stand direkt über den Köpfen wie schwebender Glanz und erstarrtes Licht, und die Begeisterung der beiden Männer stieg weiter an. Sie leerten die Becher, kaum daß sie gefüllt waren. Djia Yü-tsun war schon zu sieben oder acht Zehnteln betrunken und vermochte seinen Übermut nicht zu zügeln. Er wandte sich dem Mond zu und sprach ein Gedicht: „Rund ist der Mond am fünfzehnten Tag, scheint gleißend auf Jadegeländer. Sobald er strahlend am Himmel steht, hebt schon ein jeder zu ihm den Blick.“ „Ausgezeichnet!“ rief Dschën Schï-yin, als er das gehört hatte. „Ich habe immer wieder gesagt, Ihr würdet bestimmt nicht mehr lange tiefer stehen als andere Leute. In Euren heutigen Versen sind schon die Vorzeichen eines steilen Aufstiegs zu erkennen, und Ihr werdet bald über Wolken schreiten. Ich gratuliere, ich gratuliere!“ Damit füllte er eigenhändig die Becher, um ihm zuzutrinken. Als Djia Yü-tsun ausgetrunken hatte, seufzte er: „Was ich sage, ist nicht die Prahlerei eines Betrunkenen. Dem Wissen nach, wie es heute geschätzt wird, könnte ich mir bei den Prüfungen wohl einen Namen machen, aber mein Beutel ist leer, und die Hauptstadt ist weit. Nur mit Hilfe meiner Schreibarbeiten komme ich dort nicht hin, und...“ „Warum habt Ihr das nicht schon früher gesagt?“ unterbrach ihn Dschën Schï-yin. „Ich hatte schon lange diese Absicht, aber wenn wir uns getroffen haben, kam nie die Sprache darauf, und so wollte ich nichts überstürzen. Wie die Sache nun steht, habe ich kein besonderes Talent, aber was Rechtschaffenheit ist und was Eigennutz, das weiß ich noch. Erfreulicherweise wird im nächsten Jahr eben die hauptstädtische Prüfung abgehalten, und Ihr tut gut daran, Euch schnellstens in die Hauptstadt zu begeben. Erst wenn Ihr die Prüfung bestanden habt, waren Eure Studien nicht umsonst. Für die Reisekosten und alles andere erlaube ich mir zu sorgen, um es zu rechtfertigen, daß ich Eure Bekanntschaft machen durfte.“ Auf der Stelle befahl er einem Knaben, ins Haus zu gehen und rasch fünfzig Liang Silber und zweimal Winterkleidung einzupacken. Dann sagte er: „Der neunzehnte ist ein Glückstag, da könnt Ihr Euch ein Boot mieten und nach Westen aufbrechen. Wäre es nicht eine große Freude, wenn wir uns im nächsten Winter wiedersähen und Ihr wäret in Amt und Würden?“ Djia Yü-tsun nahm das Silber und die Kleider entgegen, bedankte sich aber nur flüchtig mit einem Satz und machte nicht viel Aufhebens darum. Dann tranken sie weiter und lachten und schwatzten dazu. Erst in der dritten Nachtwache gingen sie endlich auseinander. Nachdem Dschën Schï-yin seinen Gast hinausbegleitet hatte, ging er in sein Zimmer, um sich schlafen zu legen, und wurde erst wieder wach, als die Sonne schon hoch am Himmel stand. Als er die Ereignisse der letzten Nacht überdachte, fiel ihm ein, er könnte noch zwei Empfehlungsbriefe schreiben und sie Djia Yü-tsun in die Hauptstadt mitgeben, damit er im Hause eines Beamten Aufnahme fände. Also schickte er einen Diener hinüber und ließ Djia Yü-tsun zu sich bitten, aber der Diener kam zurück und berichtete: „Die Mönche sagen, Herr Djia sei schon heute in der fünften Nachtwache in die Hauptstadt aufgebrochen. Euch habe er auszurichten befohlen, als Gelehrter richte er sich nicht nach Glücks- und Unglückstagen, sondern nach der Vernunft der Dinge, und er sei nicht mehr dazu gekommen, sich persönlich zu verabschieden.“ Als Dschën Schï-yin das hörte, mußte er es wohl oder übel auf sich beruhen lassen. Wahrlich, schnell vergeht die Zeit an müßiger Stätte. Schon war das Laternenfest gekommen. Da befahl Dschën Schï-yin seinem Diener Huo Tji, er solle Ying-liän auf den Arm nehmen und mit ihr den Zug der Vermummten und die bunten Laternen ansehen gehen. Gegen Mitternacht mußte Huo Tji einmal austreten und setzte Ying-liän solange auf die Schwelle eines Hauses. Als er nach erledigtem Geschäft zurückkam und sie wieder hochnehmen wollte, war keine Spur von ihr zu finden. Aufgeregt suchte er den Rest der Nacht nach ihr, aber als er sie bei Tagesanbruch nicht gefunden hatte, traute er sich nicht, vor seinen Herrn zu treten, und floh in eine fremde Gegend. Als Dschën Schï-yin und seine Frau sahen, daß der Diener mit Ying-liän die ganze Nacht nicht nach Hause kam, ahnten sie, daß hier etwas nicht stimmte, und schickten mehrere Leute auf die Suche. Aber alle kamen sie wieder und meldeten, daß sie nichts von der Tochter gesehen oder gehört hätten. Wie sollte sich das Ehepaar keine Sorgen machen, das mit fünfzig Jahren nur diese eine Tochter hatte, die jetzt verschwunden war! Sie weinten bei Tag und bei Nacht, und es fehlte nicht viel, so hätten sie sich umgebracht. Nach einem Monat zog sich zuerst Dschën Schï-yin eine Krankheit zu, aber auch Frau Fëng war vor Sehnsucht nach ihrer Tochter nicht mehr gesund, und so mußte Tag für Tag ein Arzt kommen, um sie zu behandeln. Unerwartet geschah es dann am 15. Tag des 3. Monats, als im ‚Flaschenkürbistempel‘ Opferspeisen gesotten wurden, daß die Mönche nicht achtgaben, so daß der Ölkessel Feuer fing und die Flammen auf das Fensterpapier übergriffen. Nun hatten alle Leute in der Gegend Zäune aus Bambus und Wände aus Holz, darum griff das Feuer – wahrscheinlich wollte es das Schicksal so – weiter und immer weiter um sich, und bald war die ganze Straße ein Flammenmeer. Zwar versuchten Armee und Bevölkerung zu löschen, aber was war schon noch zu retten, nachdem das Feuer einmal Gewalt erlangt hatte?! Die ganze Nacht hindurch brannte es, ehe es allmählich erlosch, und unzählige Häuser waren vernichtet. Dschën Schï-yins Haus hatte bedauerlicherweise Wand an Wand mit dem Tempel gestanden und war jetzt nur noch ein Haufen Schutt. Mit seiner Frau und dem wenigen Gesinde zusammen hatte er nicht mehr als das nackte Leben gerettet und stampfte jetzt vor Verzweiflung mit dem Fuß auf die Erde und seufzte dazu. Dann beriet er sich mit seiner Frau, und sie wollten auf ihren Landbesitz ziehen. Aber in den letzten Jahren hatten sich Räuber erhoben, die die Felder plünderten und alles stahlen, so daß die Bevölkerung nicht in Ruhe leben konnte. Auf die Räuber wurde von den Regierungstruppen Jagd gemacht, und so war an eine Zuflucht dort nicht zu denken. Deshalb machte Dschën Schï-yin seinen Landbesitz notgedrungen zu Geld und zog mit seiner Frau und zwei Sklavenmädchen zu seinem Schwiegervater. Der Schwiegervater hieß Fëng Su und war in Da-ju dschou zu Hause. Obwohl er nur ein Bauer war, lebte die Familie doch recht wohlhabend. Als er jetzt seinen Schwiegersohn in so einem erbärmlichen Zustand ankommen sah, war er innerlich alles andere als erfreut. Glücklicherweise war aber das Silber, das Dschën Schï-yin für seinen Landbesitz bekommen hatte, noch nicht aufgebraucht. Er gab es dem Schwiegervater und beauftragte ihn, im Rahmen des Möglichen ein Haus und etwas Ackerland zu kaufen, damit sie etwas für ihren künftigen Lebensunterhalt hätten. Fëng Su steckte die Hälfte des Silbers in die eigene Tasche und kaufte für die andere Hälfte etwas kargen Boden und ein baufälliges Haus. Dschën Schï-yin war ein Stubengelehrter, der sich nicht auf Handel oder Ackerbau verstand. Reichlich ein Jahr hielt er mühsam durch und wurde immer ärmer dabei. Jedesmal, wenn er mit Fëng Su zusammentraf, bekam er nur besserwisserische Bemerkungen zu hören, vor allen Fremden aber beklagte sich jener, die beiden verstünden nicht, richtig zu leben, und könnten nur essen und faulenzen. Dschën Schï-yin mußte erkennen, daß so kein Auskommen war, und bedauerte jetzt natürlich seinen Schritt. Hinzu kamen die Schrecken, die er durchgemacht hatte, und das war zu viel an Kummer und Schmerz für ihn. Wie wäre ein Mann, der schon im Abend des Lebens steht, gleichzeitig Not und Krankheit gewachsen?! Allmählich war es Dschën Schï-yin anzusehen, daß er schon mit einem Bein im Grabe stand. Eines Tages schleppte er sich nun, auf einen Stock gestützt, auf die Straße hinaus, um sich ein wenig zu zerstreuen, als er plötzlich einen hinkenden Dauisten auf sich zukommen sah, der Sandalen aus Hanf und zerrissene Kleider trug und sich wie ein Wahnsinniger gebärdete. Sein Mund sprach die Sätze: „Alle wissen, es wäre gut, unsterblich zu sein, doch von Ruhm und Ehre wollen sie nicht lassen. Wo sind die Generäle und Kanzler von einst? In verfallenen Gräbern, bewachsen mit Gras, liegen sie.

Alle wissen, es wäre gut, unsterblich zu sein, doch von Gold und Silber wollen sie nicht lassen. Immer jammern sie, es sei nicht genug, doch reicht es endlich, machen sie die Augen zu.

Alle wissen, es wäre gut, unsterblich zu sein, doch von ihrer schönen Frau wollen sie nicht lassen. Solange der Mann lebt, spricht die Frau von Treue, doch ist er tot, geht sie mit einem anderen fort.

Alle wissen, es wäre gut, unsterblich zu sein, doch von Söhnen und Enkeln wollen sie nicht lassen. Törichte Eltern hat es schon viele gegeben, doch wer hat schon folgsame Kinder gesehen?“ Als Dschën Schï-yin das hörte, trat er auf den Dauisten zu und fragte: „Wovon sprichst du da? Ich höre nur, daß etwas gut sein soll und daß mit etwas Schluß sein soll.“ „Wenn du das herausgehört hast, bist du noch ganz verständig“, sagte der Dauist lächelnd. „Du mußt wissen, daß es mit allem auf der Welt ein Ende hat, sobald es gut ist, und daß alles gut ist, sobald es ein Ende hat. Was kein Ende hat, ist nicht gut, und was gut sein soll, muß ein Ende nehmen. So heißt auch mein Lied – ‚Das Lied vom Guten und vom Ende‘.“ Dschën Schï-yin, der über angeborenen Scharfsinn verfügte, war sofort zur Erkenntnis gelangt. Lächelnd bat er: „Bleib stehen und laß mich dein ‚Lied vom Guten und vom Ende‘ deuten!“ „Tu das, tu das!“ forderte der Dauist ihn lächelnd auf. Und Dschën Schï-yin sprach: „Elende Hütten und leere Hallen, wo einst blühende Familien wohnten; welkes Gras und dürre Bäume, wo einmal gesungen und getanzt wurde. Spinnweben bedecken geschnitztes Balkenwerk und grüne Gaze die Fenstergitter aus Kräuterstengeln. Was heißt üppige Schminke und duftiger Puder, wenn sich schon Reif auf das Schläfenhaar legt? Gestern wurde ein bleiches Gerippe in gelber Erde bestattet, heute tummelt sich bei rotem Kerzenschein ein Brautpaar hinter den Bettvorhängen. Truhen voll Gold, Kisten voll Silber, und im Handumdrehen ein Bettler, von jedem geschmäht. Da klagt man, ein anderer sei jung gestorben, und weiß nicht, daß man selbst der nächste ist. Man erzieht mit Sorgfalt den Sohn, und kann nicht verhindern, daß ein Räuber aus ihm wird. Man verwöhnt die Tochter mit Leckerbissen, und ahnt nicht, daß sie in einer Hurengasse verkommt. Die Beamtenkappe dünkt einem zu klein. und man bekommt dafür den hölzernen Halskragen um. Wer noch gestern in zerfetzter Jacke fror, beklagt sich heute, das Drachengewand sei ihm zu lang. Kaum hast du lärmend dein Lied ausgesungen, trete ich auf die Bühne und löse dich ab. Die fremde Welt sieht man als Heimat an, und wie absurd – man näht für andre nur das Hochzeitskleid.“ Jetzt klatschte der verrückte Dauist in die Hände und sagte lächelnd: „Du hast es getroffen, ganz genau!“ „Also gehen wir!“ sagte Dschën Schï-yin nur kurz und nahm dem Dauisten den Schultersack ab, um ihn sich selbst aufzuladen. Ohne noch einmal nach Hause zurückzukehren, verschwand er mit dem Verrückten. Der Vorfall machte sofort im ganzen Viertel die Runde, und jeder erzählte es als Sensation herum. Frau Fëng wollte sich reinweg zu Tode weinen, als sie davon erfuhr. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich mit ihrem Vater zu beraten und Leute auszuschicken, um überall nachzufragen. Aber nirgends war etwas in Erfahrung zu bringen. Notgedrungen mußte sie nun auf Kosten ihrer Eltern leben und konnte nur froh sein, daß wenigstens die beiden Sklavenmädchen aus früheren Tagen noch bei ihr waren, um ihr aufzuwarten. Zu dritt verfertigten sie Tag und Nacht Nadelarbeiten für den Verkauf und trugen damit zum Unterhalt bei. Fëng Su grollte zwar Tag für Tag, aber ändern konnte er nichts. Eines Tages kaufte das ältere der beiden Sklavenmädchen eben Garn am Tor, als plötzlich Rufe ertönten, die Straße frei zu machen. Der neue Präfekt trete sein Amt an, sagten die Leute. Als das Sklavenmädchen in den Toreingang getreten war, erblickte sie Soldaten und Amtsdiener, die paarweise vorüberzogen. Dann folgte in einer großen Sänfte ein Beamter mit schwarzer Kappe und scharlachroter Robe, und die Magd war starr vor Staunen. ‚Dieser Beamte kommt mir so bekannt vor, als ob ich ihn schon irgendwo einmal gesehen hätte‘, dachte sie. Aber dann ging sie ins Haus und machte sich weiter keine Gedanken darum. Am Abend, als die Familie eben schlafen gehen wollte, wurde plötzlich laut ans Tor geklopft, viele Stimmen tönten lärmend durcheinander, und jemand rief: „Die Amtsdiener des Präfekten sind mit einer Vorladung hier.“ Als Fëng Su das hörte, sperrte er vor Schreck Mund und Augen auf und fragte sich, was für ein Unheil dies wohl bedeuten mochte.