Hongloumeng/de/Chapter 2

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Kapitel 2

贾夫人仙逝扬州城

冷子兴演说荣国府

Fëng Su hatte also gehört, es seien Amtsdiener mit einer Vorladung da, deshalb ging er rasch hinaus und erkundigte sich lächelnd, was es gebe. Aber man schrie auf ihn ein: „Bitte schnell Herrn Dschën heraus!“ Immer noch lächelnd, erwiderte Fëng Su eilig: „Ich heiße Fëng, nicht Dschën. Ich hatte nur einen Schwiegersohn mit dem Namen Dschën, aber der hat schon vor mehr als einem Jahr das Haus verlassen, um unter die Dauisten zu gehen. Ist vielleicht er gemeint?“ „Was wissen wir, ob es um einen Herrn ‚Wahr‘ oder einen Herrn ‚Falsch‘ geht“, entgegneten die Amtsdiener. „Wir kommen auf Befehl des Präfekten. Wenn Herr Dschën dein Schwiegersohn war, nehmen wir dich mit, und du wirst dem Präfekten alles selber berichten, damit wir nicht unnötige Laufereien haben!“ Und ohne Fëng Su noch einmal zu Wort kommen zu lassen, schoben sie ihn vor sich her. In der Familie Fëng war jeder erschrocken, und keiner wußte, ob er es zum Guten oder zum Bösen deuten sollte. Erst um die zweite Nachtwache kam Fëng Su wieder nach Hause zurück und war froh und vergnügt. Als alle stürmisch nach der Ursache fragten, berichtete er: „Der neuernannte Präfekt heißt Djia Hua und stammt aus Hu-dschou. Er war ein guter Bekannter unseres Schwiegersohns. Als er heute an unserem Tor vorübergekommen ist, hat er Djiau-hsing Garn kaufen gesehen und hat deshalb vermutet, unser Schwiegersohn sei hierher übergesiedelt. Ich habe ihm alles erzählt, und er war so betroffen davon, daß er geseufzt hat. Er hat auch nach unserer Enkeltochter gefragt, und ich habe ihm gesagt, daß sie bei der Laternenschau verlorengegangen ist. Da hat er gesagt: ‚Keine Sorge! Ich will selbst Amtsdiener ausschicken, und bestimmt findet sie sich wieder an.‘ So haben wir eine Weile miteinander gesprochen, und bevor ich gegangen bin, hat er mir zwei Liang Silber geschenkt.“ Als Dschën Schï-yins Frau das hörte, wurde ihr unwillkürlich schwer ums Herz. Über die Nacht ist nichts weiter zu berichten. Schon am nächsten Tag überbrachte jemand zwei Päckchen Silber und vier Längen Brokat, womit Djia Yü-tsun bei Dschën Schï-yins Frau seinen Dank abstatten wollte. Außerdem schickte er einen vertraulichen Brief an Fëng Su, in dem er ihn bat, Dschën Schï-yins Frau zu fragen, ob er das Sklavenmädchen Djiau-hsing zur Nebenfrau bekommen könne. Fëng Su wollte sich vor Freude in die Hosen machen und wünschte nichts sehnlicher, als sich beim Präfekten einzuschmeicheln. Darum setzte er seiner Tochter so lange zu, bis sie ihre Einwilligung gab, und brachte dann Djiau-hsing bei Nacht in einer kleinen Sänfte zur Präfektur. Wie Djia Yü-tsun sich freute, braucht nicht groß geschildert zu werden. Er ließ hundert Liang Silber einpacken, die er Fëng Su überreichte, und bedankte sich bei Dschën Schï-yins Frau mit vielen Geschenken. Außerdem ließ er ihr sagen, sie solle schön auf ihre Gesundheit achten und abwarten, bis ihre Tochter gefunden sei. Fëng Su kehrte nach Hause zurück, und weiter soll von ihm hier nicht die Rede sein. Djiau-hsing war das Sklavenmädchen, das sich seinerzeit nach Djia Yü-tsun umgesehen hatte. Daß dieser eine zufällige Blick solche Folgen haben würde, war ihr natürlich nie in den Sinn gekommen. Und wer hätte gedacht, daß es das Schicksal doppelt gut mit ihr meinte! Sie lebte erst ein Jahr mit Djia Yü-tsun, da brachte sie einen Sohn zur Welt, und als ein halbes Jahr später Djia Yü-tsuns Hauptfrau an einer ansteckenden Krankheit starb, machte er Djiau-hsing zu seiner rechtmäßigen Gattin. Wahrlich: Nur dank eines eigenmächtigen Blicks ward hoch sie über die Menge gestellt. Djia Yü-tsun war damals, nachdem er von Dschën Schï-yin das Silber geschenkt bekommen hatte, am sechzehnten in die Hauptstadt aufgebrochen. Als der Prüfungstermin heran war, hatte sich sein Wunsch tatsächlich voll erfüllt. Er hatte den Djin-schï-Grad errungen und wurde für einen Beamtenposten in der Provinz vorgesehen. Jetzt war er zum Amtmann in der hiesigen Präfektur ernannt worden. Aber wenn er auch überragende Fähigkeiten besaß, war er doch nicht ganz frei von den Mängeln der Habsucht und der Hartherzigkeit. Außerdem war er überheblich und verletzend seinen Vorgesetzten gegenüber, so daß ihn die übrigen Beamten mit scheelen Blicken ansahen. Es war noch kein Jahr vergangen, da suchte sein Vorgesetzter einen Vorwand und schrieb eine Throneingabe, in der er folgende Anklage erhob: ‚Er ist von Natur aus verschlagen, geht willkürlich mit den Riten um, läßt sich als ehrlich und unbestechlich feiern und tut sich dabei heimlich mit ›Tigern und Wölfen‹ zusammen, so daß es in seinem Amtsgebiet zu zahlreichen Zwischenfällen kam und das Leben der Bevölkerung unerträglich geworden ist.‘ Des Kaisers Drachenantlitz war dar-

Djiau-hsing. Aus: Wang Xilian 1832. über schwer erzürnt, und der Entscheid lautete, Djia Yü-tsun seines Amtes zu entheben. Als der entsprechende Erlaß eintraf, gab es keinen Beamten in der Präfektur, der sich nicht darüber gefreut hätte. Djia Yü-tsun selbst war zwar innerlich zutiefst beschämt und verärgert, aber seine Miene verriet nichts von seiner Wut, vielmehr zwang er sich zu lächeln, als ob nichts gewesen wäre. Nachdem er die Amtsgeschäfte übergeben hatte, schaffte er den Besitz, den er während seiner Dienstzeit angesammelt hatte, mit Frau und Kind und allem Anhang in seine Heimat, und als dort alles wohlgeregelt war, machte er sich auf, um ‚nur mit dem Wind auf den Schultern und dem Mond in den Ärmeln‘ die sehenswerten Stätten des Reiches zu besuchen. Eines Tages führte ihn der Zufall nach Wee-yang , und er erfuhr, daß zum Salzinspektor in diesem Jahr Lin Ju-hai ernannt worden war. Dieser Lin Ju-hai hieß mit Familiennamen Lin und mit Rufnamen Hai, Ju-hai war sein Ehrenname. Er war als Drittbester aus der letzten Palastprüfung hervorgegangen und war inzwischen bis zum Mitglied des Zensorats aufgestiegen. Zu Hause war er in Gu-su . Jetzt war er auf kaiserlichen Befehl zum verantwortlichen Zensor für das Salzmonopol bestimmt worden und war noch nicht viel länger als einen Monat im Amt. Lin Ju-hais Ururgroßvater war seinerzeit der Rang eines Fürsten verliehen worden mit dem Recht, ihn bis in die dritte Generation zu vererben. Dank der gewaltigen Gnade des regierenden Herrschers aber, die die seiner Vorgänger weit übertrifft, war der Titel als Zeichen besonderer Huld Lin Ju-hais Vater für eine weitere Generation übertragen worden. Lin Ju-hai nun mußte über die Staatsprüfungen seinen Aufstieg nehmen. Die Sippe der Lins war nicht nur hochvornehm, sondern auch von großer literarischer Bildung. Leider aber waren ihre Mitglieder nicht eben zahlreich, und die Nachkommenschaft war spärlich. Es gab wohl noch einige Zweige der Familie, aber diese waren mit Lin Ju-hai nur weitläufig und nicht in direkter Linie verwandt. Lin Ju-hai war jetzt schon vierzig Jahre alt und hatte nur ein dreijähriges Söhnchen gehabt, das aber im Jahr zuvor gestorben war. Er besaß wohl mehrere Nebenfrauen, aber da ihm vom Schicksal kein Sohn bestimmt war, ließ sich nichts daran ändern. So hatte er jetzt nur noch eine Tochter von seiner Hauptfrau, einer geborenen Djia. Die Tochter hieß mit Kindheitsnamen Dai-yü und war eben fünf Jahre alt. Weil die beiden Gatten keinen Sohn besaßen, liebten sie die Tochter wie ein Juwel. Und da sie sich als klug und aufgeweckt erwies, sollte sie anstelle des fehlenden Sohnes lesen und schreiben lernen, um den Eltern in ihrer Einsamkeit ein Trost zu sein. Es fügte sich so, daß Djia Yü-tsun sich erkältete und fast einen Monat im Gasthof lag, ehe er sich allmählich wieder erholte. Weil er dadurch von Kräften gekommen war und zum anderen auch seine Mittel erschöpft waren, hätte er gern eine passende Stelle gefunden, wo er einstweilen ausruhen konnte. Glücklicherweise wohnten zwei alte Freunde von ihm in der Gegend, die wußten, daß der Salzinspektor einen Hauslehrer suchte. Mit ihrer Hilfe erhielt Djia Yü-tsun die Stelle, die ihm den gewünschten Lebensunterhalt verschaffen sollte. Günstig war, daß er nur eine einzige Schülerin hatte, der zwei Sklavenmädchen beim Lernen Gesellschaft leisteten. Überdies war die Schülerin noch sehr jung und von zartester Konstitution, so daß keine feste Stundenzahl vorgegeben war und Djia Yü-tsun es sehr leicht hatte. Wer aber hätte gedacht, daß nach einem Jahr die Mutter seiner Schülerin, jene geborene Frau Djia, krank werden und sterben würde! Da seine Schülerin erst die Mutter gepflegt hatte und dann die Trauer streng einhielt, wollte Djia Yü-tsun die Stelle aufgeben und sich nach etwas anderem umsehen, Lin Ju-hai aber wünschte, daß seine Tochter auch in der Trauerzeit weiterlernte, und behielt ihn im Hause. In der letzten Zeit war nun bei der Schülerin durch den übergroßen Kummer und die ohnehin schwache Gesundheit ein altes Leiden neu ausgebrochen, so daß sie tagelang nicht zum Unterricht kam. Das Nichtstun langweilte Djia Yü-tsun, und so ging er bei schönem Wetter nach dem Essen stets spazieren. Eines Tages führte ihn der Zufall vor die Stadt, und er wollte die ländliche Umgebung genießen. Dabei geriet er an eine Stelle, wo zwischen Bergen und Wasser inmitten von Bäumen und Bambus ein Tempel versteckt lag. Der Zugang war verfallen, die Umfassungsmauer eingestürzt. Auf der Namenstafel am Tor stand ‚Kloster des Weisen Durchdringens‘, und zu beiden Seiten des Tors lautete eine halbzerstörte Parallelinschrift: ‚Nach dem Reichtum streckt man noch sterbend die Hände aus, an Umkehr denkt man erst, wenn man keinen Ausweg mehr hat.‘ Nachdem Djia Yü-tsun das gelesen hatte, dachte er: ‚Literarisch sind diese Sätze nichts Besonderes, aber es liegt ein tiefer Sinn darin. Ich habe schon einige berühmte Berge und große Tempel besucht, auf diese Inschrift bin ich dort jedoch nirgends gestoßen. Wer weiß, ob ihr nicht die Erfahrung eines reuigen Sünders zugrunde liegt. Warum sollte ich nicht hineingehen, um mich zu erkundigen?‘ Als er mit diesem Gedanken eintrat, fand er nur einen alten, gebrechlichen Mönch, der dort Reissuppe kochte und ihn kaum beachtete. Als er ihm einige Fragen stellte, erwies es sich, daß er taub und verwirrt war. Die Zähne waren ihm ausgefallen, und die Zunge gehorchte ihm nicht. Seine Antworten hatten nichts mit den Fragen zu tun. Djia Yü-tsun verlor die Geduld und ging wieder hinaus. Er gedachte, in einer Dorfschenke ein paar Becher Wein zu trinken, um seinem Ausflug die richtige Würze zu geben. Also schlenderte er gemächlich dorthin. Eben wollte er eintreten, da sah er, wie sich einer der Gäste mit einem breiten Lächeln erhob und ihm mit den Worten entgegentrat: „Ist das aber eine Überraschung!“ Als Djia Yü-tsun den Mann schnell musterte, erkannte er den Antiquitätenhändler Lëng Dsï-hsing, den er noch aus der Hauptstadt kannte. Djia Yü-tsun schätzte Lëng Dsï-hsing als tüchtigen und befähigten Menschen, Lëng Dsï-hsing aber profitierte gern von Djia Yü-tsuns Ruf eines kultivierten und gebildeten Mannes. So hatten sie einander immer bestens verstanden. Jetzt erkundigte sich Djia Yü-tsun rasch mit einem Lächeln: „Wann seid Ihr hier angekommen? Ich habe gar nichts davon gewußt. Daß wir uns heute hier treffen, ist wirklich ein merkwürdiger Zufall.“ Darauf erwiderte Lëng Dsï-hsing: „Ich war Ende vergangenen Jahres in meine Heimat zurückgekehrt und bin jetzt wieder auf dem Weg in die Hauptstadt. Dabei habe ich einen Abstecher gemacht, um einen Freund zu besuchen, mit dem ich etwas zu besprechen hatte, und er war so großzügig, mich für ein paar Tage einzuladen. Da ich keine dringenden Geschäfte habe, bin ich gern hier geblieben und will mich Mitte des Monats wieder auf den Weg machen. Heute nun hatte mein Freund etwas zu erledigen, darum habe ich einen Spaziergang gemacht und ruhe mir eben die Beine aus. Ich hätte nicht gedacht, daß uns der Zufall hier zusammenführt.“ Bei diesen Worten führte er Djia Yü-tsun an seinen Tisch und ließ noch einmal Wein und Speisen auftragen. Dann plauderten und tranken sie zwanglos und erzählten einander ihre Erlebnisse seit der letzten Begegnung. Anschließend erkundigte sich Djia Yü-tsun: „Gibt es etwas Neues in der Hauptstadt?“ „Nein“, erwiderte Lëng Dsï-hsing. „Nur bei Eurer werten Verwandtschaft hat sich eine kleine Merkwürdigkeit zugetragen.“ „Von meiner Verwandtschaft lebt niemand in der Hauptstadt“, wandte Djia Yü-tsun lächelnd ein. „Was also redet Ihr da?“ „Ihr tragt denselben Familiennamen wie sie, müssen es demnach nicht Stammesverwandte sein?“ fragte Lëng Dsï-hsing und lächelte ebenfalls.

Lin Dai-yü. Aus: Gai Qi 1879. Als Djia Yü-tsun wissen wollte, von welcher Familie er redete, fuhr Lëng Dsï-hsing fort: „Die Djias aus dem Jung-guo-Anwesen wären doch wohl keine Schande für Eure Sippe?“ „Ach, die habt Ihr gemeint“, sagte Djia Yü-tsun und lächelte wieder. „Wenn man es so nimmt, ist unsere Sippe sehr zahlreich. Ausgehend von Djia Fu unter der Östlichen Han-Dynastie haben sich zahllose Seitenlinien gebildet, und es gibt sie in allen Provinzen. Wer wollte das alles genau erforschen! Mit dem Jung-guo-Zweig stehen wir allerdings im selben Ahnenregister, aber so vornehm, wie sie sind, können wir uns schlecht darauf berufen, und heute sind wir einander so entfremdet, daß einer den anderen nicht kennt.“ „So etwas solltet Ihr nicht sagen“, nahm Lëng Dsï-hsing mit einem Seufzer wieder das Wort. „Mit dem Hause Jung-guo wie mit dem Hause Ning-guo steht es nicht mehr zum besten. Sie sind nicht mehr das, was sie einmal waren.“ „Beide Häuser waren doch aber sehr volkreich, wieso steht es da nicht mehr gut mit ihnen?“ erkundigte sich Djia Yü-tsun. „Da habt Ihr ganz recht“, sagte Lëng Dsï-hsing. „Es ist eine lange Geschichte.“ „Als ich voriges Jahr in Djin-ling war, bin ich innerhalb der Steinernen Mauer gewesen, um die Überbleibsel aus der Zeit der Sechs Dynastien zu besichtigen, und bin dabei an den Toren ihrer alten Anwesen vorübergekommen“, berichtete Djia Yü-tsun. „Östlich der Straße liegt das Ning-guo-Anwesen und westlich der Straße das Jung-guo-Anwesen, beide sind untereinander verbunden und nehmen den größten Teil der Straße ein. An den Haupttoren war es öde und menschenleer, aber hinter den Umfassungsmauern sah man große Hallen und mehrstöckige Gebäude mächtig aufragen. Auch die Gärten im hinteren Teil machten mit ihren Bäumen und Felsgruppen einen üppigen Eindruck. Nach Niedergang und Verfall sah das wirklich nicht aus.“ „Ihr seid mir ein schöner Djin-schï, wenn Ihr das nicht versteht“, spottete Lëng Dsï-hsing. „Heißt es nicht bei den Alten: ‚Ein Tausendfüßer zappelt lange, wenn er stirbt‘? Es geht ihnen jetzt nicht mehr so glänzend wie früher, aber sie sind doch ganz etwas anderes als eine gewöhnliche Beamtenfamilie. Ihre Zahl wächst ständig, ihre Tätigkeit wird immer geschäftiger. Herren und Diener, die an Reichtum und Luxus gewöhnt sind, gibt es mehr als genug, aber Gedanken um die Zukunft macht sich kein einziger von ihnen. Und die täglichen Kosten und den äußeren Aufwand können sie natürlich nicht einschränken. Die Fassade macht wohl noch keinen so schlechten Eindruck, dahinter jedoch sieht es traurig genug aus. Aber das ist nur eine Kleinigkeit, verglichen mit etwas wirklich Ernstem. Wer hätte gedacht, daß in so einer reichen und gebildeten Familie die Söhne und Enkel von Generation zu Generation mehr zu wünschen übrig lassen!“ „Wie kann es denn in so einer kultivierten Familie an Verständnis für die rechte Erziehung mangeln?“ wunderte sich Djia Yü-tsun. „Von den anderen Zweigen der Familie weiß ich es nicht, aber im Ning-guo- und im Jung-guo-Anwesen wendet man für die Erziehung der Söhne die besten Grundsätze an.“ „Aber genau von denen spreche ich“, seufzte Lëng Dsï-hsing. „Laßt mich erzählen! Die alten Herzöge Ning-guo und Jung-guo waren zwei Brüder, Söhne derselben Mutter. Herzog Ning-guo war der Ältere. Er hatte vier Söhne, und als er starb, ging der Titel auf den ältesten Sohn Djia Dai-hua über, der seinerseits zwei Söhne besaß. Der ältere von ihnen hieß Djia Fu und starb, als er acht oder neun Jahre alt war. Übrig blieb nur der zweite Sohn Djia Djing, der den Titel erhielt. Er hat sich inzwischen ganz dem Dauismus verschrieben, und sein einziges Interesse besteht darin, mit Zinnober und Quecksilber zu experimentieren, alles andere ist ihm egal. Glücklicherweise hat er schon aus jungen Jahren einen Sohn mit Namen Djia Dschën. Weil der Vater nur darauf aus ist, unsterblich zu werden, wurde der Titel dem Sohn übertragen. Der Vater denkt aber auch nicht daran, an seinen angestammten Wohnsitz zurückzukehren, und treibt sich außerhalb der Hauptstadt bei Dauisten herum. Auch Djia Dschën hat einen Sohn, der gerade sechzehn Jahre alt ist und Djia Jung heißt. Der alte Herr Djia Djing kümmert sich also um nichts, und der junge Herr Djia Dschën hat zum Lernen keine Lust. Er lebt in Saus und Braus und hat das ganze Ning-guo-Anwesen auf den Kopf gestellt. Aber niemand wagt, ihm etwas zu sagen. Jetzt will ich Euch auch vom Jung-guo-Anwesen erzählen. Hier hat sich auch die Merkwürdigkeit zugetragen, die ich vorhin erwähnte. Als der alte Herzog Jung-guo gestorben war, erhielt den Titel sein ältester Sohn Djia Dai-schan. Dieser nahm eine Tochter des Fürsten Schï – ebenfalls eine Familie aus Djin-ling, die seit Generationen ihre Verdienste hat – zur Frau und hatte zwei Söhne. Der ältere heißt Djia Schë, der jüngere heißt Djia Dschëng. Djia Dai-schan ist schon lange tot, seine Frau aber lebt noch. Der Titel ging auf den älteren Sohn Djia Schë über. Der jüngere, Djia Dschëng, hatte von klein auf größte Freude am Lernen. Sein Großvater hatte ihn sehr gern und wünschte sich, daß er über die Staatsprüfungen Karriere macht. Aber als Djia Dai-schan im Sterben lag und seine letztwillige Throneingabe vorgelegt wurde, befahl der Kaiser aus Mitgefühl für seinen alten Beamten nicht nur, daß der ältere Sohn auf der Stelle den Titel erhalten sollte, er fragte vielmehr auch, wieviel Söhne noch da seien, und wollte sie sogleich vorgestellt haben. Er gewährte dann Djia Dschëng als besondere Gunst den Rang eines Assistenzsekretärs mit der Auflage, in ein Ministerium einzutreten und dort in der Praxis zu lernen. Inzwischen hat er es schon bis zum Ministerialsekretär gebracht. Djia Dschëngs Frau, eine geborene Wang, hatte als erstes Kind einen Sohn geboren, der Djia Dschu genannt wurde. Mit vierzehn Jahren war er schon Hsiu-tsai, und als er noch keine zwanzig war, heiratete er und bekam einen Sohn. Aber dann wurde er krank und starb. Als zweites Kind brachte Djia Dschëngs Frau eine Tochter zur Welt, und das genau am Neujahrstag, was schon seltsam ist. Als nächstes bekam sie wieder einen Sohn, und das ist noch seltsamer, er trug, als er aus dem Mutterleib kam, einen glänzenden bunten Jadestein im Mund mit vielen Schriftzeichen darauf. Deswegen wurde er Bau-yü – ‚Wertvoller Jade‘ – genannt. Sagt selbst, ist das merkwürdig oder nicht?“ Lächelnd erwiderte Djia Yü-tsun: „Es ist wirklich merkwürdig. Bestimmt hat es mit dem Jungen einiges auf sich.“ „Das sagen alle“, entgegnete Lëng Dsï-hsing mit einem kühlen Lächeln, „und die Großmutter liebt den Jungen wie ein Juwel. Als er ein Jahr alt war, wollte Djia Dschëng seine künftigen Neigungen feststellen und legte ihm alles hin, was es nur gibt auf der Welt, danach sollte er greifen. Er griff aber nach nichts anderem als ausgerechnet nach Schminke und Puder, Haarpfeilen und Ringen. Darüber geriet Djia Dschëng schrecklich in Wut und sagte, aus dem Jungen würde nichts als ein Trinker und Weiberheld werden. Seitdem mag er ihn nicht mehr, die alte Herzoginmutter aber liebt ihn wie ihr Leben. Und noch etwas ist seltsam, der Junge ist jetzt sieben oder acht Jahre alt, und wenn er auch furchtbar ungezogen ist, so reicht doch an seinen Verstand von Hunderten nicht einer heran. Auch seine kindlichen Äußerungen sind bemerkenswert. So sagt er: ‚Mädchen sind aus Wasser gemacht, Männer aber aus Schlamm. Wenn ich Mädchen sehe, ist mir frisch und wohl zumute, aber


Aus: Jinyuyuan 1889b. wenn ich Männer sehe, merke ich, wie mir der Gestank zusetzt.‘ Ist das nicht zum Lachen? Ganz ohne Zweifel wird ein Lüstling aus ihm...“ „Nein!“ unterbrach ihn hier Djia Yü-tsun empört und befremdet. „Ihr versteht leider nicht, was es mit diesem Jungen auf sich hat. Vermutlich hält ihn auch sein Vater Djia Dschëng für einen lüsternen Wüstling. Wer nicht so viel gelesen hat, daß er sich in den Dingen auskennt, und wem nicht die Gabe verliehen ist, in das Wesen der Erscheinungen einzudringen, sowie die Kraft, das Dau zu verstehen und des Verborgenen teilhaftig zu werden, der kann das nicht wissen.“ Als Lëng Dsï-hsing diese schwerwiegenden Worte hörte, bat er sogleich, sie ihm zu erklären, und Djia Yü-tsun sagte: „Die Menschen, die von Himmel und Erde hervorgebracht werden, sind, von den großen Wohltätern und den großen Übeltätern abgesehen, ohne viel Unterschied. Die großen Wohltäter werden zum Heil und die großen Übeltäter zum Unheil geboren. Durch jemanden, der zum Heil geboren wurde, kommt die Welt in Ordnung, durch jemanden, der zum Unheil geboren ist, kommt sie in Unordnung. Yau , Schun , Yü , Tang , Wën , Wu , Dschou , Schau , Kung , Mëng , Dung , Han , Dschou , die beiden Tschëng sowie Dschang und Dschu wurden zum Heil geboren. Tschï-you , Gung-gung , Djiä , Dschou , Schï-huang , Wang Mang , Tsau Tsau , Huan Wën , An Lu-schan und Tjin Huee wurden zum Unheil geboren. Die großen Wohltäter haben die Welt zur Ordnung geführt, die großen Übeltäter haben die Welt in Unordnung gestürzt. Erleuchtung und Verfeinerung sind der gute Hauch von Himmel und Erde, der den Wohltätern innewohnt, Grausamkeit und Entartung sind der böse Hauch von Himmel und Erde, der den Übeltätern innewohnt. Heute, da eine Dynastie an der Macht ist, deren Geschick blühend ist und deren Glück ewig währt, da im Reich Ausgeglichenheit herrscht, ohne daß der Herrscher tätig eingreifen muß, finden sich Menschen, denen der Hauch der Erleuchtung und Verfeinerung innewohnt, überall – vom Kaiserhof hochoben bis hinunter ins einfache Volk.

Ein Überfluß an edlem Hauch, der nirgendwohin kann, wird zu süßem Tau und lauem Wind und ergießt sich bis zu den vier Meeren. Der böse Hauch der Grausamkeit und Entartung aber, der sich unter dem strahlenden Himmel und der belebenden Sonne nicht ausbreiten kann, ballt sich in Gräben und Gruben. Wenn der Wind ihn berührt oder Wolken daran stoßen, gerät er ganz sacht in Bewegung, und eine winzige Kleinigkeit davon kann versehentlich entweichen.errscher tätig eingreifen muß, finden sich Menschen, denen der Hauch der Erleuchtung und Verfeinerung innewohnt, überall – vom Kaiserhof hochoben bis hinunter ins einfache Volk.
Ein Überfluß an edlem Hauch, der nirgendwohin kann, wird zu süßem Tau und lauem Wind und ergießt sich bis zu den vier Meeren. Der böse Hauch der Grausamkeit und Entartung aber, der sich unter dem strahlenden Himmel und der belebenden Sonne nicht ausbreiten kann, ballt sich in Gräben und Gruben. Wenn der Wind ihn berührt oder Wolken daran stoßen, gerät er ganz sacht in Bewegung, und eine winzige Kleinigkeit davon kann versehentlich entweichen. Wenn dann zufällig gerade ein Hauch der Verfeinerung vorüberkommt, duldet das Gute das Böse nicht, das Böse wiederum meidet das Gute, keines gibt dem anderen nach, und sie sind wie Wind und Wasser, Donner und Blitz, die sich nicht auflösen können, wenn sie aufeinandertreffen, und die einander auch nicht ausweichen können, so daß erst Schluß ist, wenn sie sich ausgetobt haben. 

Genauso wird dieser Hauch Menschen zuteil und vergeht erst, wenn er sich völlig ausgebreitet hat. Wenn einem Mann oder einer Frau durch Zufall von Geburt her dieser Hauch innewohnt, können sie weder ein edler Wohltäter noch ein schlimmer Übeltäter werden. Sie sind zwischen Milliarden von Menschen gesetzt, und durch den Hauch der Klugheit und Verfeinerung stehen sie höher als Milliarden andere, durch den Zustand der Entartung und Bosheit aber, die sie menschenunähnlich macht, stehen sie zugleich auch tiefer als Milliarden andere. Wenn sie in reichen, adligen Familien geboren werden, entwickeln sie sich zu Liebesnarren. In unbemittelten Gelehrtenfamilien werden sie zu erhabenen Einsiedlern. Kommen sie aber durch Zufall in einer armen Familie zur Welt, die vom Glück nicht begünstigt ist, werden sie dennoch auf keinen Fall Laufburschen oder Grobmägde, die sich gern vom gemeinen Pöbel herumkommandieren lassen, sondern unbedingt überragende Schauspieler oder gefeierte Freudenmädchen. Unter den früheren Dynastien waren Hsü You , Tau Tjiän , Juan Dji , Dji Kang , Liu Ling , die Sippen Wang und Hsiä, Gu Hu-tou , Tschën Hou-dschu , der Tang-Kaiser Ming-huang , der Sung-Kaiser Huee-dsung , Liu Ting-dschï , Wën Fee-tjing , Mi Nan-gung , Schï Man-tjing , Liu Tji-tjing und Tjin Schau-you und in der jüngeren Zeit Ni Yün-lin , Tang Bo-hu und Dschu Dschï-schan , dann schließlich Li Guee-niän , Huang Fan-tschuo , Djing Hsin-mo , Dschuo Wën-djün, Hung-fu, Hsüä Tau, Tsuee Ying und Dschau Yün alles Menschen dieser Art, nur in unterschiedlicher Stellung.“ „Ihr meint also ‚Der Erfolgreiche ist ein Fürst, der Erfolglose ein Räuber‘?“ vergewisserte sich Lëng Dsï-hsing. „Genau das meine ich“, bestätigte Djia Yü-tsun. „Ihr wißt noch nicht, daß ich in den beiden Jahren, als ich nach meiner Amtsenthebung durch die verschiedenen Provinzen gereist bin, auch ein paar eigenartigen Kindern begegnet bin. Deshalb habe ich mir sofort, als Ihr eben von diesem Bau-yü erzählt habt, gedacht, daß er höchstwahrscheinlich zu derselben Sorte von Menschen gehört. Ich brauche gar nicht weit abzuschweifen. Die Familie des kaiserlichen Bildungskommissars Dschën von der Provinzakademie ‚Halle der Verkörperten Menschlichkeit‘ in der Stadt Djin-ling kennt Ihr doch?“ „Wer kennt sie nicht?“ fragte Lëng Dsï-hsing zurück. „Die Dschëns und die Djias sind schon lange untereinander verschwägert und seit Generationen miteinander befreundet. Die Beziehungen zwischen den beiden Häusern könnten nicht enger sein. Ich selbst habe auch nicht erst seit gestern mit den Dschëns zu tun.“ Djia Yü-tsun lächelte dazu und fuhr dann fort: „Als ich im vergangenen Jahr in Djin-ling war, hat mich jemand den Dschëns als Hauslehrer empfohlen. Als ich dorthin kam, mußte ich feststellen, daß sie bei all ihrer Vornehmheit nicht nur reich sind, sondern auch die Riten hochhalten. Es war eine Anstellung, wie sie nur schwer zu finden ist, aber mein dortiger Schüler war zwar erst ein Anfänger, doch er kostete mich größere Mühen als die Vorbereitung auf die Staatsprüfung. Und was erst recht zum Lachen war, er sagte: ‚Ich brauche ein paar Mädchen als Lerngefährten, damit ich mir die Schriftzeichen merken kann und etwas verstehe. Sonst aber ist mein Verstand wie benebelt.‘ Zu seinen Dienern sagte er häufig: ‚Das Wort ›Mädchen‹ ist so erhaben und rein, daß es die Namen ›Buddha Amitabha‹ und ›Himmlischer Urkaiser‹ an Glanz und Einzigartigkeit noch übertrifft. Mit euren Stinkmäulern und Moderzungen dürft ihr dieses Wort nicht leichtfertig aussprechen. Seid also auf der Hut! Wenn ihr es doch einmal gebrauchen müßt, spült euch vorher den Mund mit reinem Wasser oder aromatischem Tee! Wer dagegen verstößt, dem breche ich die Zähne aus und schlitze ihm die Backen auf!‘ Er war bösartig und unbeherrscht, halsstarrig und töricht, auf jede Weise absonderlich. Aber kaum daß der Unterricht zu Ende war und er in die inneren Gemächer zu den Mädchen kam, wurde er so weich und friedfertig, vernünftig und kultiviert, daß er ein anderer Mensch war. Sein Vater hat ihn deswegen ein paarmal hart durchprügeln lassen, aber auch das hat nicht geholfen. Und jedesmal, wenn er geprügelt wurde und die Schmerzen nicht mehr aushalten konnte, begann er wie wild nach seinen Schwestern zu rufen. Später habe ich gehört, daß er von den Mädchen dafür gehänselt wurde. ‚Warum rufst du nach uns, wenn du Schläge bekommst?‘ fragten sie. ‚Du willst wohl, daß wir uns für dich einsetzen und um Gnade bitten? Schämst du dich nicht?‘ Er aber gab eine verblüffende Antwort, er sagte: ‚Als es mir zu weh getan hat, habe ich gedacht, es hilft vielleicht, wenn ich ›Schwestern, Schwestern!‹ rufe, und tatsächlich habe ich keinen Schmerz mehr gespürt, kaum daß ich gerufen hatte. So habe ich mein Geheimrezept gefunden, und immer, wenn die Qual zu groß wird, rufe ich in einem fort nach euch.‘ Ist das nicht zum Lachen? Die Großmutter hing in abgöttischer Liebe an dem Jungen und hat seinetwegen seinen Vater und mir immer wieder beleidigende Vorwürfe gemacht. Darum habe ich die Stellung gekündigt und bin jetzt Hausleherer beim Salzinspektor Lin. Wie Ihr seht, wird so ein Junge den Familienbesitz bestimmt nicht bewahren können und wird auch den Ermahnungen durch Lehrer und Freunde keine Folge leisten. Schade ist es nur um die Mädchen des Hauses. So etwas wie sie trifft man selten.“ „Auch die drei Mädchen, die jetzt noch in der Familie Djia leben, sind ganz in Ordnung“, sagte daraufhin Lëng Dsï-hsing. „Die älteste Tochter von Djia Dschëng heißt Yüan-tschun und ist auf Grund ihrer Tugend und Begabung als Hoffräulein für den Kaiserpalast ausgewählt worden. Das zweite Fräulein ist die Tochter einer Nebenfrau von Djia Schë und heißt Ying-tschun. Das dritte Fräulein ist die Tochter einer Nebenfrau von Djia Dschëng und heißt Tan-tschun. Das vierte Fräulein schließlich ist eine leibliche jüngere Schwester von Djia Dschën im Ning-guo-Anwesen und heißt Hsi-tschun. Frau Schï, die alte Herzoginmutter, hat ihre Enkelinnen sehr gern, darum sind sie alle bei ihr und bekommen dort Unterricht. Nach dem, was man hört, lernt eine so gut wie die andere.“ „Bemerkenswert ist bei den Dschëns noch der Familienbrauch, den Mädchen Jungennamen zu geben und nicht wie in anderen Familien solche süßlichen Wörter wie tschun – ‚Frühling‘, hung – ‚rot‘, hsiang – ‚Duft‘ und yü – ‚Jade‘ dafür zu verwenden. Wie konnten die Djias Freude an dieser vulgären Sitte finden?“ fragte Djia Yü-tsun. „So ist das ja nicht“, erwiderte Lëng Dsï-hsing. „Es liegt nur daran, daß das älteste Fräulein am Neujahrstag geboren ist und deshalb den Namen Yüan-tschun – ‚Neujahrsfrühling‘ – erhielt. Darum hat man sich auch bei den übrigen Mädchen an das tschun gehalten. In der vorigen Generation hießen die Mädchen ebenfalls wie ihre Brüder. Ein Beweis dafür ist die Gattin Eures jetzigen Dienstherrn Lin. Sie ist eine leibliche Schwester der Herren Djia Schë und Djia Dschëng aus dem Jung-guo-Anwesen und heißt Djia Min. Wenn Ihr es nicht glaubt, könnt Ihr Euch danach erkundigen, wenn Ihr zurück seid.“ Lachend schlug Djia Yü-tsun mit der Hand auf den Tisch und sagte: „Darum also liest meine Schülerin dieses Schriftzeichen immer mi statt min, wenn sie in einem Text darauf stößt, und läßt einen oder zwei Striche davon weg, wenn sie es schreiben muß. Ich hatte schon meine Zweifel deswegen, aber nachdem Ihr mir das jetzt erzählt habt, weiß ich sicher, daß dies der Grund ist. Kein Wunder auch, daß meine Schülerin in Worten und Taten anders ist als die Mädchen von heute. Vermutlich ist auch die Mutter eine ungewöhnliche Frau gewesen, daß sie so eine Tochter hat. Nachdem ich jetzt weiß, daß das Mädchen von den Djias im Jung-guo-Anwesen abstammt, wundere ich mich nicht mehr über sie. Bedauerlicherweise ist die Mutter im vergangenen Monat gestorben.“ „Sie war die jüngste von vier Schwestern, und nun ist auch sie tot“, sagte Lëng Dsï-hsing mit einem Seufzer. „Damit ist von den Schwestern der älteren Generation keine mehr am Leben. Jetzt ist die Frage, was die Mädchen der jüngeren Generation für Männer bekommen.“ „Genau so ist es“, sagte Djia Yü-tsun und fuhr dann fort: „Vorhin habt Ihr erzählt, Djia Dschëng habe einen Sohn, der mit einem Jadestein im Mund geboren wurde, sowie einen kleinen Enkel von seinem verstorbenen Ältesten. Djia Schë kann doch wohl nicht gut keinen einzigen Sohn haben!“ „Nachdem der Jadesohn geboren war, hat auch noch eine Nebenfrau von Djia Dschëng einen Sohn zur Welt gebracht, von dem ich aber nicht weiß, ob er etwas taugt“, gab Lëng Dsï-hsing Auskunft. „So hat Djia Dschëng jetzt zwei Söhne und einen Enkel. Was weiter aus ihnen wird, kann man freilich nicht wissen. Djia Schë, nach dem Ihr fragt, hat ebenfalls zwei Söhne. Der ältere heißt Djia Liän und ist schon um die zwanzig. Was einmal verschwägert ist, verschwägert sich weiter, und so hat er vor zwei Jahren eine Nichte von Frau Wang, der Hauptfrau von Djia Dschëng, geheiratet. Man hat für ihn den Titel eines Unterpräfekten gekauft, doch auch er hat keine Lust zu lernen. Als weltgewandter junger Mann wohnte er bei seinem Onkel Djia Dschëng und half ein bißchen bei der Führung des Hauswesens. Aber seitdem er verheiratet ist, singt hoch und niedrig nur Loblieder auf seine Frau, er selbst dagegen ist eine ganze Pfeilschußweite zurückgefallen. Seine Frau ist bildschön und dabei redegewandt und außerordentlich einfallsreich. Von tausend Männern kommt nicht einer ihr gleich.“ „Da seht Ihr, daß es nicht verkehrt war, was ich vorhin gesagt habe“, nahm wieder Djia Yü-tsun lächelnd das Wort. „Alle, von denen wir jetzt gesprochen haben, gehören wohl zu der Sorte Menschen, die Gutes und Böses in sich haben.“ „Ob nun gut oder böse, wir sprechen in einem fort von anderen Leuten. Jetzt müßt Ihr aber einen Becher trinken!“ forderte Lëng Dsï-hsing ihn auf. „Ich habe wahrhaftig nur auf unser Gespräch geachtet und dabei schon ein paar Becher zuviel getrunken“, wehrte Djia Yü-tsun ab. „Ein Gespräch über andere Leute ist gerade die richtige Zukost zum Wein“, sagte Lëng Dsï-hsing lachend. „Was macht es schon, wenn man ein paar Becher mehr trinkt?“ Inzwischen blickte Djia Yü-tsun zum Fenster hinaus und stellte fest: „Es ist spät geworden, wir müssen achtgeben, daß die Stadttore nicht schon geschlossen werden. Wir können doch langsam in die Stadt zurückgehen und uns dabei weiterunterhalten!“ Also erhoben sie sich beide und bezahlten die Rechnung. Eben wollten sie losgehen, da hörten sie, wie sie jemand von hinten anrief: „Bruder Yü-tsun, ich gratuliere! Ich komme extra, um Euch die Freudenbotschaft zu überbringen.“ Rasch drehte Djia Yü-tsun sich um.