Hongloumeng/de/Chapter 42

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Kapitel 42

蘅芜君兰言解疑癖

潇湘子雅谑补馀音

Die Mädchen kehrten also in den Garten zurück, und nach dem Essen gingen sie auseinander. Mehr ist davon nicht zu berichten. Oma Liu aber ging mit Ban-örl zu Hsi-fëng, um ihr ihre Aufwartung zu machen, und sagte: „Morgen in aller Frühe muß ich unbedingt wieder nach Hause! Ich war zwar nur wenige Tage hier, aber ich habe Dinge kennengelernt, wie ich sie nie im Leben gesehen, gehört und gegessen hatte, und das nur, weil sich alle – die alte gnädige Frau und auch Ihr und die Fräulein und die Mädchen aus den einzelnen Räumen – aus Mitgefühl für die Armen und Alten um mich gekümmert haben. Wenn ich wieder zu Hause bin, kann ich meine Dankbarkeit nicht anders beweisen als dadurch, daß ich vom besten Weihrauch kaufe und täglich zu Buddha bete, er möge Euch ein langes Leben schenken. Das wäre mein Herzenswunsch!“ „Es besteht aber kein Grund zur Freude“, sagte Hsi-fëng lächelnd. „Deinetwegen hat die alte gnädige Frau durch die Zugluft eine Krankheit bekommen. Sie liegt zu Bett und klagt, sie fühle sich unwohl. Auch unsere Da-djiä hat sich erkältet und fiebert jetzt.“ „Die alte gnädige Frau ist schon hoch bei Jahren“, sagte Oma Liu seufzend. „Große Anstrengungen ist sie nicht gewohnt.“ „Sie war noch nie so fröhlich wie gestern“, sagte Hsi-fëng. „Sie besucht zwar auch sonst den Garten, um spazierenzugehen, aber da setzt sie sich nur an ein, zwei Stellen für ein Weilchen hin und kommt dann wieder zurück. Gestern dagegen ist sie den halben Garten abgelaufen, weil du dabei warst und sie dir alles zeigen wollte. Da-djiä aber hat, als sie mich suchte, von der gnädigen Frau ein Stück Kuchen bekommen, das sie im Zugwind gegessen hat, und nun fiebert sie.“ „Die Kleine kommt sicher nicht oft in den Garten“, mutmaßte Oma Liu. „Aber Kinder wie sie müssen fremde Orte meiden. Mit unsern Kindern ist es etwas anderes. Kaum daß sie auf den Beinen stehen, laufen sie schon zu jedem Grab, das es gibt. Es kann natürlich sein, daß die Kleine Zugluft bekommen hat. Aber so sauber, wie sie ist, und so klar, wie ihre Augen sind, kann es auch sein, daß sie einem Gespenst begegnet ist. Meiner Meinung nach sollte man einmal für sie in der Spukfibel nachlesen, damit sie nicht von einem bösen Geist besessen wird!“ Diese Worte öffneten Hsi-fëng die Augen, und sie befahl Ping-örl, die ‚Aufzeichnungen in der Jadeschatulle‘ zu holen. Tsai-ming sollte vorlesen. Tsai-ming blätterte in dem Buch, dann las sie: „Am fünfundzwanzigsten Tag des achten Monats kann es zu einer Erkrankung kommen, weil man im Südosten den Blumengeist treffen kann. Macht man vierzig Schritte nach Südosten und bringt dem Geist dabei vierzig Münzen aus buntem Papier als Abschiedsgeschenk dar, wird man großes Glück erlangen.“ „Tatsächlich!“ sagte Hsi-fëng. „Muß nicht der Blumengeist im Garten sein?! Wahrscheinlich ist auch die alte gnädige Frau ihm begegnet.“ Sie befahl, zwei Packen Papiermünzen zu besorgen, dann mußten zwei Leute für die Herzoginmutter und für Da-djiä den Spuk hinweggeleiten. Und wirklich schlief Da-djiä danach ruhig ein. Lächelnd sagte Hsi-fëng daraufhin: „Ihr alten Leute seid wirklich reich an Erfahrung! Meine Da-djiä wird immer wieder krank, und ich weiß nicht, woran das liegt.“ „Das ist gar nicht verwunderlich“, erwiderte Oma Liu. „Reicher Leute Kinder sind meist verzärtelt und vertragen nicht viel. Außerdem wird die Kleine zu wichtig genommen, und das verkraftet sie nicht. Es wäre besser, wenn Ihr sie in Zukunft nicht mehr so verwöhnen würdet.“ „Das klingt vernünftig“, sagte Hsi-fëng. „Aber da fällt mir ein, sie hat auch noch keinen richtigen Namen. Gib du ihr einen! Dann wird sie zum einen an deiner Langlebigkeit teilhaben, zum anderen aber – nimm mir das nicht übel! – seid ihr Bauern arm, und der Name, den ein Armer ihr gibt, wird Mißgeschick von ihr fernhalten.“ Oma Liu dachte kurz nach, dann fragte sie lächelnd: „Wann ist sie geboren?“ „Das ist ja eben das Unglück“, sagte Hsi-fëng. „Gerade am siebenten Tag des siebenten Monats ist sie geboren.“ „Aber das ist doch gut“, entgegnete Oma Liu rasch mit einem Lächeln. „Da sollte sie den Namen Tjiau-gë – ‚Geschickter Bruder‘ – bekommen. Das nennt man ‚Gift mit Gift und Feuer mit Feuer bekämpfen‘. Ihr müßt unbedingt diesen Namen für sie wählen, dann wird sie mit Sicherheit hundert Jahre alt. Und wenn sie erst groß ist, eine eigene Familie und einen eigenen Hausstand hat, dann wird sich, wenn die Dinge einmal nicht nach Wunsch gehen, das Unglück bestimmt in Glück verkehren, weil sie das Wort ‚geschickt‘ in ihrem Namen hat.“ Hsi-fëng freute sich natürlich, und nachdem sie sich bedankt hatte, sagte sie lächelnd: „Wenn es nur eintreffen wollte, was du ihr voraussagst!“ Dann rief sie Ping-örl und befahl ihr: „Morgen haben wir zu tun, da wird keine Gelegenheit mehr dazu sein, also nutze jetzt die Zeit und such alles zusammen, was die Oma mitbekommt, damit sie morgen in aller Frühe ohne Verzögerung aufbrechen kann!“ Rasch warf Oma Liu ein: „Ich möchte nicht, daß Euch meinetwegen noch mehr Unkosten entstehen. Ich muß mich so schon für die Mühen entschuldigen, die Ihr in den letzten Tagen mit mir gehabt habt. Wenn ich jetzt noch etwas mitbekommen soll, wird mein Herz erst recht in Unruhe sein.“ „Nicht doch!“ sagte Hsi-fëng. „Es sind ja nur die allereinfachsten Din­ge. Also nimm sie nur ohne große Umstände mit! Wenn eure Nachbarn sie sehen, werden auch sie ihre Freude daran haben. Erst so wird es ein richtiger Besuch in der Stadt.“ Und schon kam Ping-örl und sagte: „Komm mit, Oma, und schau es dir an!“ Rasch ging Oma Liu mit Ping-örl in das andere Zimmer und sah, daß dort das halbe Ofenbett vollgebaut war. Ping-örl nahm einen Gegenstand nach dem anderen in die Hand, um ihn Oma Liu zu zeigen, und sagte dazu: „Das ist ein Stück von der dunkelblauen Gaze, die du gestern haben wolltest, dazu schenkt dir die junge gnädige Frau ein Stück glatter bläulichweißer Gaze als Futter. Hier sind zwei Stücken Tussahseide, die eignet sich gut für Jacken und Röcke. In diesem Päckchen sind zwei Stücken Seide, um Kleider für das Neujahrsfest daraus zu nähen. In der Schachtel ist Gebäck aus dem Kaiserpalast – solches, wie du gegessen hast, und auch anderes. Das tust du auf einen Teller und bewirtest deine Gäste damit. Es ist etwas Besseres als das, was es zu kaufen gibt. Hier sind die beiden Säcke, in denen du vorgestern Gemüse und Obst mitgebracht hattest. In dem einen findest du zwei Dou nichtklebenden Reis von den kaiserlichen Feldern, um Suppe daraus zu kochen. Das ist etwas Seltenes. In dem anderen ist Obst und Trockenobst aus dem Garten. Außerdem ist hier noch ein Päckchen mit acht Liang Silber. Das alles ist von unserer jungen gnädigen Frau. In diesen beiden Paketen aber sind noch einmal je fünfzig Liang Silber, zusammen also einhundert. Das ist von der gnädigen Frau, damit ihr einen kleinen Handel damit beginnt oder ein paar Mu Land kauft und in Zukunft nicht mehr auf Verwandte oder Freunde angewiesen seid.“ Dann fügte sie lächelnd und mit leiser Stimme hinzu: „Diese beiden Jacken hier und die beiden Röcke, die vier Kopftücher und das Päckchen Stickgarn schenke ich dir, Oma. Die Kleider sind zwar nicht neu, aber ich habe sie wenig getragen. Wenn sie dir nicht gut genug sind, werde ich dir deswegen keine Vorwürfe machen.“ Bei jedem Gegenstand, den Ping-örl nannte, hatte Oma Liu den Namen Buddhas angerufen. Und nachdem sie das wohl schon ein paar tausend Mal getan hatte, machte nun auch noch Ping-örl ihr Geschenke, und das in so zurückhaltender Weise. Darum rief Oma Liu rasch noch einmal den Namen Buddhas an, um dann zu bemerken: „Aber was sagt Ihr da, Fräulein! So schöne Sachen sollten mir nicht gut genug sein? Selbst wenn ich das Silber dafür hätte, würde ich so etwas nirgends zu kaufen bekommen. Mich bedrückt nur das eine: Wenn ich die Sachen annehme, ist das nicht recht, aber wenn ich sie nicht annehme, ist das undankbar.“ Lächelnd erwiderte Ping-örl: „Schluß jetzt mit solchem Gerede! Ich mache das nur, weil wir uns so gut verstehen. Sei also unbesorgt und nimm die Sachen! Auch ich möchte dich um etwas bitten. Bring uns zum Jahreswechsel etwas von eurem Trockengemüse – Gänsefuß, Catjangbohnen, Faselbohnen, Eierfrüchte und Flaschenkürbisstreifen. So etwas mag bei uns hoch und niedrig. Das ist dann aber auch alles, weiter brauchen wir nichts. Du mußt dir nicht unnötig den Kopf zerbrechen.“ Nachdem Oma Liu mit tausend- und zehntausendfachem Dank versprochen hatte, diesen Wunsch zu erfüllen, sagte Ping-örl: „Geh jetzt unbesorgt schlafen, ich lege dir hier alles ordentlich zurecht, und morgen schicke ich in aller Frühe die Dienerknaben los, damit sie einen Wagen für dich mieten und alles aufladen. Du brauchst dich in keiner Weise darum zu kümmern.“ Nun kannte Oma Lius Rührung erst recht keine Grenzen mehr. Sie ging wieder hinüber und verabschiedete sich unter endlosen Dankesbeteuerungen von Hsi-fëng. Dann suchte sie die Räume der Herzoginmutter auf, wo sie die Nacht verbrachte. Als Oma Liu sich am nächsten Morgen frisiert und gewaschen hatte, wollte sie sich verabschieden, aber weil die Herzoginmutter sich nicht wohl fühlte, waren alle zu ihr herübergekommen, um ihr den Gruß zu entbieten, und es war nach dem Arzt geschickt worden. Bald meldeten die Sklavenfrauen, der Arzt sei da, und eine Alte bat die Herzoginmutter, sie solle sich hinter dem Vorhang verbergen. „Wozu denn?“ fragte die Herzoginmutter. „Ich bin alt und könnte ohne weiteres seine Mutter sein. Was soll ich mich da vor ihm genieren! Der Vorhang braucht nicht herabgelassen zu werden, soll er mich so untersuchen!“ Als die Sklavenfrauen das hörten, brachten sie einen kleinen Tisch und legten ein Kissen darauf. Dann befahlen sie, den Arzt hereinzubitten. Bald darauf konnte man sehen, wie Hofarzt Wang unter Führung von Djia Dschën, Djia Liän und Djia Jung das Gehöft betrat. Er wagte es nicht, in der Mitte des Weges zu gehen, und benutzte statt dessen den Randstreifen. Als er mit Djia Dschën zusammen die Plattform des Hauses erstiegen hatte, hielten bereits zwei Sklavenfrauen von links und rechts den Türvorhang in die Höhe, und zwei andere gingen voran, um ihm den Weg ins Zimmer zu zeigen, wo ihm Bau-yü zur Begrüßung entgegentrat. Dann erblickte Hofarzt Wang die Herzoginmutter, die aufrecht auf einer Polsterbank saß und ein Übergewand aus dunkelblauem Seidenkrepp trug, das mit perlartig gekräuseltem Lammfell gefüttert war. Zu beiden Seiten standen je zwei kleine Sklavenmädchen, die ihr Haar noch nicht wachsen ließen, und hielten Fliegenwedel, Mundspülschale und ähnliches mehr in den Händen. Links und rechts von ihnen schloß sich je eine Reihe von drei alten Ammen an. Hinter der Trennwand aus grüner Gaze aber waren undeutlich viele in Rot und Grün gekleidete und mit Perlen und Edelsteinen geschmückte Gestalten zu erkennen. Ohne aufzublicken, trat Hofarzt Wang rasch näher und entbot seinen Gruß. An den Gewändern eines Beamten der sechsten Rangstufe, die er trug, erkannte die Herrzoginmutter, daß sie einen der Ärzte des Kaisers vor sich hatte, darum fragte sie lächelnd: „Wie geht es Euch, Herr Leibarzt?“ Anschließend erkundigte sie sich bei Djia Dschën: „Wie ist der werte Name des Herrn?“ Rasch gaben Djia Dschën und die anderen Auskunft: „Sein Familien­na­me ist Wang.“ „Seinerzeit hieß der Leiter des Obersten Medizinamtes Wang Djün-hsiau“, erinnerte sich die Herzoginmutter. „Er war ein guter Puls­dia­gno­sti­ker.“ Sofort verneigte sich Hofarzt Wang, senkte den Kopf und erwiderte lächelnd: „Er war mein Großonkel.“ „So ist das also“, sagte die Herzoginmutter und lächelte ebenfalls. „Dann sind wir ja über unsere Vorfahren alte Freunde!“ Mit diesen Worten streckte sie langsam den Arm aus und legte ihn auf das Kissen. Eine der alten Ammen brachte rasch einen Schemel und stellte ihn seitlich vor das Tischchen. Das eine Knie gebeugt, setzte sich Hofarzt Wang auf den Schemel, neigte den Kopf zur Seite und fühlte der Herzoginmutter lange die Pulse. Anschließend griff er auch nach dem anderen Arm, deutete dann eine Verbeugung an und ging mit gesenktem Kopf zum Ausgang. „Ich habe Euch Mühe gemacht!“ sagte die Herzoginmutter lächelnd. Anschließend befahl sie: „Dschën soll mit hinausgehen und für den Tee sorgen!“ Djia Dschën, Djia Liän und die anderen antworteten gleich ein paarmal: „Jawohl, jawohl!“ Nachdem sie Hofarzt Wang in das äußere Bibliotheks­zim­mer geführt hatten, sagte er: „Die alte gnädige Frau hat weiter nichts als eine zufällige leichte Erkältung und braucht keine Medizin einzunehmen. Sie muß nur auf leichte Kost achten und sich warm halten, dann kommt sie wieder in Ordnung. Jetzt schreibe ich noch ein Rezept auf, und wenn der alten Dame danach ist, kann sie sich eine Portion Arznei danach zubereiten lassen und trinken. Wenn sie jedoch nicht davon nehmen mag, ist das ohne Belang.“ Nachdem er das gesagt und seinen Tee getrunken hatte, schrieb es das Rezept und wollte sich eben verabschieden, als Da-djiäs Amme mit dem Kind im Arm erschien. „Uns muß Doktor Wang auch noch ansehen!“ sagte sie lächelnd. Hofarzt Wang erhob sich rasch, als er das hörte, und während die Amme Da-djiä hielt, stützte er mit seiner linken Hand Da-djiäs Arm und fühlte ihr mit der rechten die Pulse. Dann befühlte er auch ihre Stirn, ließ sich die Zunge zeigen und verkündete schließlich lächelnd: „Auch wenn das kleine Fräulein auf mich schimpft, sie muß zu den nächsten beiden Mahlzeiten auf jegliche Speise verzichten, dann wird sie wiederhergestellt sein. Medizin braucht für sie nicht gekocht zu werden, aber ich lasse eine Arzneikugel für sie bringen, die zerrieben und in Ingwerbrühe aufgelöst werden muß. Das wird sie vor dem Schlafengehen trinken, und dann ist alles wieder gut.“ Nachdem er zu Ende gesprochen hatte, grüßte er zum Abschied und ging. Djia Dschën trug mit den anderen zusammen das Rezept zur Herzogin­mut­ter hinein und berichtete ihr, was Hofarzt Wang gesagt hatte. Dann legte er das Rezept auf den Tisch und ging hinaus. Mehr soll hier von ihm nicht die Rede sein. Dame Wang, Li Wan, Hsi-fëng, Bau-tschai und die Mädchen des Hauses waren erst hinter der gazebespannten Trennwand hervorgekommen, als sie sahen, daß der Arzt den Raum wieder verlassen hatte. Dame Wang blieb noch ein Weilchen bei der Herzoginmutter sitzen, dann kehrte auch sie in ihre Räume zurück. Als Oma Liu jetzt sah, daß wieder Ruhe herrschte, trat sie ein, um sich von der Herzoginmutter zu verabschieden. „Komm einmal wieder, wenn du Zeit hast!“ forderte die Herzoginmutter sie auf. Dann rief sie Yüan-yang zu sich. „Begleite Oma Liu schön hinaus!“ befahl sie, um sich dann wieder an diese zu wenden. „Mir ist nicht wohl, ich kann dich nicht hinausbringen“, sagte sie. Oma Liu bedankte und verabschiedete sich, ehe sie den Raum verließ. In der Gesindestube zeigte ihr Yüan-yang ein Bündel, das auf dem Ofenbett lag, und erklärte dazu: „Das sind Kleider der alten gnädigen Frau, die sie in früheren Jahren zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Aber sie hat nie etwas getragen, was andere Leute haben anfertigen lassen. Um die Sachen einfach herumliegen zu lassen, sind sie zu schade, sie sind kein einziges Mal getragen. Gestern hat mir die alte gnädige Frau befohlen, ein paar davon auszuwählen und sie dir mitzugeben, damit du sie entweder weiterverschenkst oder aber zu Hause selber anziehst, wenn du dir nicht lächerlich darin vorkommst. In dieser Schachtel ist das Gebäck, das du haben wolltest, und in diesem Päckchen sind die Arzneimittel, um die du vorgestern gebeten hast. Es sind ‚Aprikosenblütenpulver‘, ‚Pupurgoldbarren‘, Venentonikum und geburtsfördernde Pillen. Jede Sorte ist einzeln in das Rezept dafür eingewickelt, und alles zusammen ist in dem Päckchen. Dann sind hier noch zwei Täschchen, die du am Gürtel tragen kannst.“ Bei diesen Worten zog sie die Schnüre daran auf und holte zwei kleine Silberbarren mit der Aufschrift „Alles nach Wunsch“ daraus hervor, die sie Oma Liu zeigte. Dazu sagte sie lächelnd: „Die Täschchen kannst du mitnehmen, und das läßt du mir hier!“ Oma Lius Freude kannte keine Grenze, und wieder hatte sie schon Tausende Male den Namen Buddhas angerufen. Als sie die letzten Worte von Yüan-yang gehört hatte, sagte sie: „Aber ja, Fräulein, behaltet es nur!“ Als Yüan-yang merkte, daß Oma Liu ihren Scherz für Ernst genommen hatte, schob sie die Silberbarren wieder in die Täschchen zurück und sagte lächelnd: „Das war doch nur Spaß! Ich habe genug davon. Heb sie auf und schenk sie zu Neujahr den Kindern!“ Während sie das eben sagte, kam ein kleineres Sklavenmädchen mit dem Teeschälchen aus Tschëng-hua-Porzellan herein und reichte es Oma Liu mit den Worten: „Das schickt der junge Herr.“ „Was heißt das?“ wunderte sich Oma Liu. „In welcher meiner früheren Existenzen habe ich so viel Gutes getan, um das alles verdient zu haben?“ Mit diesen Worten nahm sie die Schale entgegen, Yüan-yang aber fuhr fort: „Die Sachen, die ich dir vorgestern nach dem Baden zum Anziehen gab, waren von mir. Wenn du sie nicht verschmähst, schenke ich dir hier noch ein paar.“ Wieder bedankte Oma Liu sich rasch, und Yüan-yang holte wirklich einige Kleider hervor und packte sie ihr ein. Oma Liu wollte dann noch in den Garten gehen, um sich bei Bau-yü, den Mädchen und Dame Wang zu bedanken und zu verabschieden, aber Yüan-yang sagte ihr: „Das kannst du dir sparen, denn sie empfangen jetzt niemand, aber ich werde es ihnen ausrichten. Komm einmal wieder, wenn du Zeit hast!“ Anschließend beauftragte sie eine Sklavenfrau, zwei Sklavenjungen vom Innentor zu holen, um Oma Liu das Gepäck hinauszutragen. Die Frau sagte: „Jawohl!“ und begleitete Oma Liu in die Räume von Hsi-fëng, um auch von dort die Sachen zu holen. Am Nebentor befahl sie den Knaben, alles hinauszutragen und Oma Liu beim Einsteigen behilflich zu sein. Aber genug jetzt davon. Als Bau-tschai und die anderen zusammen gefrühstückt hatten, gingen sie wieder zur Herzoginmutter, um ihr den Gruß zu entbieten. Dann kehrten sie in den Garten zurück, und als ihre Wege sich trennten, sagte Bau-tschai zu Dai-yü: „Komm mit zu mir, ich muß dich etwas fragen!“ Also ging Dai-yü mit in den Haselwurzpark. Nachdem sie ins Haus getreten waren, setzte Bau-tschai sich hin und sagte lächelnd: „Knie nieder, du wirst verhört!“ Dai-yü, die nicht begriff, was Bau-tschai von ihr wollte, erklärte lächelnd: „Schau sich einer das Mädchen an! Sie muß verrückt geworden sein, daß sie mich verhören will!“ Bau-tschai aber lächelte kühl, während sie sagte: „Ein Fräulein aus gutem Hause, eine wohlbehütete Tochter bist du, und was führst du für Worte im Munde? Sag die Wahrheit, dann passiert dir nichts!“ Dai-yü verstand noch immer nicht, was Bau-tschai meinte, darum lachte sie nur, in ihrem Herzen aber begann ein Zweifel zu keimen. „Was habe ich denn gesagt?“ fragte sie. „Du willst mir einfach etwas andichten. Aber sag es schon, ich möchte es hören!“ „Dumm stellen willst du dich auch noch?“ fragte Bau-tschai lächelnd. „Was hast du gestern beim Trinkspiel gesagt? Ich weiß nur nicht, woher das stammt.“ Dai-yü mußte erst nachdenken, ehe ihr wieder einfiel, daß sie am Tag zuvor unbedacht zwei Sätze aus dem ‚Päonienpavillon‘ und dem ‚Westzimmer‘ zitiert hatte. Unwillkürlich wurde sie rot. Sie trat zu Bau-tschai heran, umarmte sie und sagte lächelnd zu ihr: „Liebste Kusine, das habe ich in meiner Dummheit so dahin gesagt. Nachdem du mich jetzt belehrt hast, sage ich es nicht wieder.“ Ebenfalls lächelnd, erwiderte Bau-tschai: „Ich konnte auch nicht verstehen, wie du so etwas Befremdliches sagen konntest, darum wollte ich dich danach fragen.“ „Erzähl bitte den anderen nichts davon, liebste Kusine“, bat Dai-yü jetzt. „Ich werde das wirklich nicht mehr sagen.“ Als Bau-tschai sah, daß Dai-yü wie mit Blut übergossen vor ihr stand und so inständig bat, wollte sie nicht weiter in sie dringen. Sie zog Dai-yü auf den Sitz nieder, ließ sie Tee trinken und sagte dann bedächtig: „Was glaubst du, wer ich bin? Ich bin nicht weniger unartig als du. Schon mit sieben, acht Jahren gab es genug Ärger mit mir. Auch unsere Familie galt als gebildet, und mein Großvater war ein begeisterter Büchersammler. Seinerzeit waren wir eine vielköpfige Familie, ich lebte mit Vettern und Kusinen zusammen, und keiner nahm gern die klassischen Bücher in die Hand. Einige von meinen Vettern liebten Verse und Gedichte, und von solchen Texten wie dem ‚Westzimmer‘, der ‚Laute‘ und den ‚Hundert Stücken aus der Yüan-Zeit‘ fehlte kein einziger. Darin lasen sie heimlich hinter unserem Rücken, und wir lasen ebenfalls heimlich hinter ihrem Rücken darin. Als die Erwachsenen das merkten, wurde geschlagen, gescholten und verbrannt, ehe wir endlich davon abließen. Darum ist es für uns Mädchen besser, wenn wir erst gar nicht lesen können; und für die Männer ist es besser, gar nichts zu lesen, als zu lesen und keine Vernunft aus den Büchern zu schöpfen. Um wieviel mehr gilt das für dich und mich! Für uns schickt es sich von Rechts wegen weder zu dichten noch zu schreiben. Eigentlich schickt sich das nicht einmal für die Männer. Es ist gut, wenn ein Mann, der studiert und dadurch Vernunft gewonnen hat, dem Staat dient und das Volk regiert.hen Texten wie dem ‚Westzimmer‘, der ‚Laute‘ und den ‚Hundert Stücken aus der Yüan-Zeit‘ fehlte kein einziger. Darin lasen sie heimlich hinter unserem Rücken, und wir lasen ebenfalls heimlich hinter ihrem Rücken darin. Als die Erwachsenen das merkten, wurde geschlagen, gescholten und verbrannt, ehe wir endlich davon abließen. Darum ist es für uns Mädchen besser, wenn wir erst gar nicht lesen können; und für die Männer ist es besser, gar nichts zu lesen, als zu lesen und keine Vernunft aus den Büchern zu schöpfen. Um wieviel mehr gilt das für dich und mich! Für uns schickt es sich von Rechts wegen weder zu dichten noch zu schreiben. Eigentlich schickt sich das nicht einmal für die Männer. Es ist gut, wenn ein Mann, der studiert und dadurch Vernunft gewonnen hat, dem Staat dient und das Volk regiert. Nur merkt man heutzutage nichts davon, daß es solche Männer gibt, vielmehr werden sie durch das Studium schlimmer statt besser. Das heißt, sie werden durch die Bücher verdorben, und leider werden auch die Bücher durch sie verdorben. Darum ist es besser, wenn sie pflügen und säen oder aber Handel treiben, weil sie dadurch nicht viel Unheil anrichten können. Und das Richtige für dich und mich ist es, wenn wir sticken, nähen und spinnen. Und wenn wir schon die Schriftzeichen kennen, dürfen wir nur zu den klassischen Büchern greifen, vor unorthodoxen Schriften aber müssen wir uns hüten. Denn wenn der Charakter einmal verdorben ist, kommt jede Hilfe zu spät.“ Während dieses Monologs hatte Dai-yü mit gesenktem Kopf Tee getrunken. Innerlich mußte sie Bau-tschai recht geben, darum antwortete sie nur das eine Wort: „Ja.“ Da kam plötzlich Su-yün herein und sagte: „Unsere junge Herrin bittet die beiden Fräulein zu einer wichtigen Beratung. Das zweite, das dritte und das vierte Fräulein sowie Fräulein Schï und der junge Herr warten bereits.“ „Was mag das nun wieder sein?“ fragte Bau-tschai verwundert. „Wenn wir da sind, werden wir es erfahren“, erwiderte Dai-yü, und damit begaben sie sich zum Reisduftdorf. Dort waren wirklich schon alle versammelt, und als Li Wan die beiden kommen sah, erklärte sie: „Mit unserem Bund stehen wir noch ganz am Anfang, aber schon versucht sich jemand zu drücken. Hsi-tschun möchte sich für ein Jahr freistellen lassen.“ „Das liegt nur daran, daß die alte gnädige Frau ihr gestern gesagt hat, sie solle ein Bild vom Garten malen“, sagte Dai-yü lächelnd. „Der alten gnädigen Frau darfst du keinen Vorwurf machen“, berichtigte Tan-tschun sie lächelnd, „auf Oma Liu geht das zurück.“ „Richtig“, bestätigte Dai-yü sofort lächelnd. „Sie hat damit angefangen. Zu welchem Zweig der Familie gehört denn diese ‚Oma‘? Eine Heuschrecke sollte man sie nennen!“ Alle begannen zu lachen, Bau-tschai aber sagte: „Aus Hsi-fëngs Mund bekommt man alle Redensarten dieser Welt zu hören, aber glücklicherweise kann sie weder lesen noch schreiben und ist nicht sehr gebildet. Sie gebraucht diese Gassenausdrücke nur, um uns zum Lachen zu bringen. Aber Dai-yü mit ihrer Lästerzunge bedient sich der Methode der ‚Frühlings- und Herbstannalen‘. Sie greift von den groben Gassenausdrücken das Wesentliche auf, läßt das Überflüssige weg und spricht in anschaulichen Bildern. Darum trifft bei ihr jeder Satz ins Schwarze. Die Bezeichnung ‚Heuschrecke‘ bringt die gestrige Situation vollkommen richtig zum Ausdruck. Es ist das reinste Wunder, wie zungenfertig Dai-yü ist!“ Alle lachten darüber und sagten: „Mit diesem Kommentar stehst du aber hinter den beiden auch nicht zurück!“ Dann nahm wieder Li Wan das Wort, um zu erklären: „Ich habe euch hergebeten, damit wir gemeinsam beraten, wieviel Tage wir ihr zubilligen wollen. Ich hatte ihr einen Monat angeboten, aber das war ihr zu wenig. Was meint ihr?“ „Ein Jahr ist eigentlich nicht viel“, begann Dai-yü. „Den Garten zu bauen hat nur ein Jahr gedauert, aber wenn sie ihn jetzt malen will, braucht sie natürlich zwei Jahre dafür. Sie muß die Tusche zerreiben, den Pinsel eintauchen, das Papier ausbreiten, die Farben auftragen, und...“ „Und was noch?“ unterbrachen die andern sie lachend, als sie gemerkt hatten, daß Dai-yü sich über Hsi-tschun lustig machte. Jetzt mußte Dai-yü selber lachen, ehe sie weitersprechen konnte: „Und wenn sie auf diese Weise langsam und in aller Ruhe malt, braucht sie schon ihre zwei Jahre.“ Alle schlugen vor Vergnügen in die Hände und kamen aus dem Lachen nicht mehr heraus, als sie das hörten, und Bau-tschai erklärte lachend: „Ihr letzter Satz ‚Wenn sie auf diese Weise langsam und in aller Ruhe malt, braucht sie schon ihre zwei Jahre‘ ist einfach köstlich. All die Scherze von gestern waren zwar zum Lachen, aber wenn man sie jetzt überdenkt, erscheinen sie fade. Dieser Satz jedoch, so einfach er klingt, wird pikant, wenn man ihn überdenkt. Ich jedenfalls kann bald nicht mehr vor Lachen.“ „Je mehr du sie lobst, desto mehr wird sie sich hervortun, und heute bin ich an der Reihe, verspottet zu werden“, beklagte sich Hsi-tschun. Rasch griff Dai-yü nach ihrer Hand und bat lächelnd: „Sag mir lieber, ob du nur den Garten malen wirst, oder ob wir alle mit auf das Bild kommen!“ „Zuerst war nur die Rede davon, den Garten zu malen“, gab Hsi-tschun Auskunft, „aber dann hat die alte gnädige Frau gestern gesagt, der Garten allein würde wie eine Bauzeichnung wirken, darum solle ich, damit es besser aussieht, auch Menschen mit aufs Bild bringen, so daß eine Art ‚Vergnügte Szene‘ daraus wird. Dabei kann ich weder feine Gebäude zeichnen noch Menschen. Aber ablehnen kann ich es auch nicht. Das ist ja das Dumme daran.“ „Menschen sind noch das Einfachste“, wandte Dai-yü ein, „aber Insekten im Gras sind auch nicht deine Stärke.“ „Du redest wieder einmal dummes Zeug!“ entrüstete sich Li Wan. „Was sollen Insekten darauf? Höchstens ein paar Vögel und Vierbeiner könnten als Zierde mit auf das Bild.“ Lächelnd erklärte Dai-yü: „Andere Insekten braucht sie ja nicht zu malen, aber wenn die Heuschrecke von gestern nicht mit auf das Bild kommt, ist es doch wohl um eine Anspielung ärmer, oder nicht?“ Wieder brach alles in Gelächter aus. Auch Dai-yü lachte so, daß sie die Hände gegen die Brust pressen mußte, fuhr aber fort: „Mal es nur schnell, ich weiß schon eine Aufschrift dafür. Der Titel muß lauten ‚Fresserei mit Heuschrecke‘.“ Nach diesen Worten schwoll das Gelächter noch lauter an. Alles schüttelte sich vor Lachen, bis es plötzlich bums! machte, als ob etwas umgefallen wäre. Man schaute sich um und entdeckte, daß Hsiang-yün es war, die sich lachend auf ihrem Stuhl zurückgelehnt hatte, obwohl er nicht ganz sicher stand, und sich dabei so unvorsichtig hin und her geworfen hatte, daß sie schließlich mitsamt dem Stuhl umgekippt war. Glücklicherweise hatte die hölzerne Trennwand sie aufgehalten, so daß sie nicht auf den Boden gefallen war. Der Anblick bewirkte einen neuen Ausbruch der Heiterkeit. Bau-yü aber trat schnell näher, um Hsiang-yün aufzuhelfen, und erst dann ebbte das Gelächter langsam ab. Durch einen Blick von Bau-yü alarmiert, ging Dai-yü in den Innenraum hinüber und zog die Hülle vom Spiegel. Als sie sich darin besah, entdeckte sie, daß ihr Schläfenhaar sich auf beiden Seiten gelockert hatte. Rasch nahm sie eine kleine Haarbürste aus Li Wans Toilettenkästchen und strich sich das Haar zurecht. Danach ging sie wieder hinaus, richtete ihren Finger gegen Li Wan und sagte: „Da hat man dir gesagt, du sollst Handarbeiten mit uns machen und uns Vernunft beibringen, aber du rufst uns zu Spaß und Gelächter zusammen!“ „Hört euch nur an, wie raffiniert sie ist!“ gab Li Wan lächelnd zurück. „Sie ist es, die den größten Unfug treibt und alle zum Lachen bringt, und mir macht sie Vorhaltungen. Das ist doch wirklich häßlich! – Dir wünsche ich nur, daß du einmal eine böse Schwiegermutter bekommst und dazu noch ein paar hundsgemeine Schwägerinnen. Dann möchte ich einmal sehen, ob du noch immer so spitzbübisch sein wirst.“ Dai-yü war längst rot geworden, hatte nach Bau-tschais Hand gegriffen und sagte jetzt: „Also geben wir ihr ein Jahr frei!“ „Ich möchte euch etwas Ernsthaftes sagen, das ihr anhören solltet“, sagte Bau-tschai. „Hsi-tschun kann zwar malen, aber sie beherrscht nur die ‚Ideenschrift‘-Technik ein wenig. Doch um ein ordentliches Bild des Gartens

Djia Hsi-tschun. Aus: Gai Qi 1879. zu malen, bedarf es einiger Überlegung. Der Garten mit seinen Felsen und Bäumen, Türmen und Villen, die nah oder fern, eng oder weit, nicht zu viel und nicht zu wenig an den passenden Stellen verteilt sind, wirkt selbst wie ein Bild. Wenn man das ganz naturgetreu aufs Papier bringt, wird man keinen Beifall damit ernten. Man muß sehen, wie man es auf dem Bild verteilt, wohin mehr kommen muß und wohin weniger, was Hauptsache ist und was Nebensache. An manchen Stellen muß man etwas hinzufügen, an anderen etwas weglassen, manches muß versteckt werden, manches hervorgehoben. Das alles will sorgsam erwogen sein, sobald man den Entwurf beginnt, damit ein Bild daraus wird. Als Zweites muß man die Türme, Terrassen, Häuser und Räume mit dem Lineal zeichnen. Bei der kleinsten Unachtsamkeit stehen die Geländer schräg, die Säulen neigen sich, Fenster und Türen fallen heraus, die Plattformen geraten aus den Fugen, die Tische rutschen in die Wände, und die Blumentöpfe schweben auf den Türvorhängen. Ist so etwas nicht zum Lachen? Als Drittes muß man auch beim Einfügen der Figuren darauf achten, ob man sie eng oder weit stellt, hoch oder tief. Auch die Falten in den Kleidern und die Bänder an den Röcken, die Haltung der Hände und die Stellung der Füße will sorgfältig behandelt sein. Ein mißlungener Pinselstrich, und die Hand ist geschwollen, oder der Fuß ist verdreht. Um ein Gesicht zu verschmieren oder eine Frisur zu verderben, bedarf es nur einer Kleinigkeit. Wegen alledem erscheint mir das Ganze schwierig genug, doch eine Freistellung für ein Jahr ist zuviel, ein Monat dagegen wäre zu kurz. Geben wir ihr also ein halbes Jahr! Außerdem wollen wir Bau-yü beauftragen, ihr zu helfen. Nicht damit er sie Malen lehrt, das würde die Sache nur verderben. Vielmehr darum, weil Bau-yü in dem Falle, daß Hsi-tschun etwas nicht beherrscht oder etwas nicht gut unterzubringen weiß, ohne weiteres hinausgehen kann, um sich bei den jungen Freunden des gnädigen Herrn, die etwas vom Malen verstehen, danach zu erkundigen.“ „Du hast vollkommen recht“, erklärte Bau-yü sofort eifrig, „Dschan Dsï-liang zeichnet die schönsten Türme und Terrassen in der Technik des ‚Sorgfältigen Pinsels‘ , und im Malen von edlen Frauen ist Tschëng Jï-hsing ein Meister. Noch heute werde ich bei ihnen Rat einholen!“ „Ich sage es ja“, entgegnete Bau-tschai, „du bist wahrhaftig der Emsige Nichtstuer. Kaum daß man einen Ton sagt, stürzt du schon los, um dich zu erkundigen. Warte doch, bis alles beraten und festgelegt ist! Das nächste wäre, womit soll sie malen?“ „Ich habe ‚Schneewellen‘-Papier zu Hause“, bot Bau-yü an. „Die Bogen sind groß und nehmen die Tusche gut an.“ „Ich wußte doch, du bist zu nichts nutze“, wies ihn Bau-tschai mit spöttischem Lächeln zurecht. „Auf ‚Schneewellen‘-Papier kann man Zeichen schreiben und Bilder in der ‚Ideenschrift‘-Technik malen beziehungsweise Landschaften nach Art der Südlichen Schule, weil es die Tusche gut annimmt, so daß sich eine gute Schattierung ergibt. Wenn man aber so etwas darauf malt, nimmt es weder die Farben ordentlich an, noch kann man die Konturen richtig unterlegen. Das Bild würde nichts werden, und auch um das Papier wäre es schade. Ich werde euch sagen, wie man es machen kann. Aus der Zeit, als der Garten seinerzeit angelegt wurde, ist eine genaue Zeichnung davon vorhanden. Und obwohl sie von einem Handwerker angefertigt wurde, stimmen doch die Raumaufteilung und die Richtungen. Um diese Zeichnung bittest du die gnädige Frau. Von Hsi-fëng läßt du dir ein Stück schwerer Seide von der gleichen Größe geben, das du von den jungen Männern draußen beizen läßt. Dazu müssen sie nach der vorhandenen Zeichnung den Entwurf machen, wobei sie die notwendigen Weglassungen und Ergänzungen vornehmen. Wenn dann die Figuren dazukommen, ist alles in Ordnung. Die blauen und grünen Farbtöne sowie Gold und Silber müssen ebenfalls die Männer hinzufügen. Ihr müßt auch noch tragbare Öfchen zum Leimkochen und Pinselwaschen besorgen, dazu einen großen weißen Tisch, der mit Filz bedeckt wird. Außerdem sind weder eure Porzellanschälchen komplett noch die Pinsel, das muß neu angeschafft werden.“ „Woher sollte ich all die Malutensilien haben?“ sagte Hsi-tschun. „Ich male nur mit den Pinseln, die ich sonst zum Schreiben benutze. Und Farben habe ich nur viererlei – Umbra, Kanton-Indigo, Rotangrot und Rouge, außerdem zwei Pinsel, um die Farben aufzutragen, das ist alles.“ „Konntest du das nicht eher sagen?“ fragte Bau-tschai. „Ich habe alles, aber nicht in der Art, wie du es brauchst. Es würde nur unnütz bei dir herumliegen. Ich werde es für dich aufheben und dir davon bringen, wenn du etwas brauchst. Aber erst, wenn du einmal Fächer bemalst, für so ein großes Format sind die Sachen zu schade. Ich will dir eine Liste aufstellen, was du dir von der alten gnädigen Frau geben lassen mußt. Ihr wißt vielleicht nicht, was alles dazu gehört, darum werde ich es jetzt nennen, und Vetter Bau-yü wird es aufschreiben.“ Bau-yü hatte bereits Schreibpinsel und Tuschereibstein bereitgelegt, weil er fürchtete, er werde sich nicht alles merken können, und sich deshalb Notizen machen wollte. Als er nun den letzten Satz von Bau-tschai hörte, hob er fröhlich den Pinsel und lauschte gespannt. Bau-tschai zählte auf: „Streichpinsel Nummer 1, Nummer 2 und Nummer 3 je vier Stück, große, mittlere und kleine Einfärbpinsel je vier Stück, große und kleine ‚Krabbenfuß‘-Pinsel sowie ‚Bart- und Brauenpinsel‘ je zehn Stück, große und kleine Kolorierpinsel je zwanzig Stück, ‚Gesichterpinsel‘ zehn Stück, ‚Weidenzweig‘-Pinsel zwanzig Stück, ‚Pfeilspitzen‘-Karmin vier Liang, Umbra aus dem Süden vier Liang, Mineralgelb vier Liang, Malachitgrün vier Liang, Gummigutt vier Liang, Kanton-Indigo acht Liang, Muschelschalenpulver vier Schächtelchen, Rouge zehn Plättchen, rötliches Goldpulver zweihundert Portionen, dunkles Gold zweihundert Portionen, klarer Leim vier Liang, Alaun vier Liang. Leim und Alaun zum Beizen der Seide zählen extra, darum brauchst du dich nicht zu kümmern, du übergibst nur die Seide und sagst, daß sie gebeizt werden soll. Die Farben werden wir mahlen, schlämmen und läutern, das macht Spaß und ist zugleich nützlich. Ich kann dir versichern, daß sie dein Leben lang reichen werden. Dann werden noch Gazesiebe gebraucht, vier von der feinsten Sorte und vier gröbere, vier Pinselständer, vier große und kleine Reibschalen, zwanzig grobe Schalen, zehn Fünf-Tsun-Schälchen, zwanzig weiße Drei-Tsun-Schälchen, zwei tragbare Öfchen, vier große und kleine Tontiegel, zwei neue bauchige Porzellanbehälter, vier neue Wassereimer, vier Beutel aus weißem Baumwollstoff von ein Tschï Länge, zwanzig Djin gewöhnliche Holzkohle, ein Djin Weidenholzkohle, ein Schränkchen mit drei Schubfächern, ein Dschang glatter Seidenstoff, zwei Liang frischer Ingwer, ein halbes Djin Sojawürze, ...“ „Und ein eiserner Kessel sowie ein Rührlöffel“, warf Dai-yü flink ein. „Wozu soll das sein?“ erkundigte sich Bau-tschai. „Wenn du Zutaten haben willst wie frischen Ingwer und Sojawürze, will ich dir auch einen Kessel sichern, damit du die Farben schön schmoren und dann essen kannst“, gab Dai-yü lächelnd zur Antwort. Alle lachten darüber, Bau-tschai aber erklärte lächelnd: „Du weißt natürlich nicht, daß die groben Porzellanschalen auf dem Feuer zerspringen, wenn der Boden nicht vorher mit Ingwersaft und Sojawürze eingerieben wird.“ „So ist das also!“ sagten jetzt alle. Dai-yü las die Liste noch einmal durch, dann zupfte sie Tan-tschun lächelnd am Gewand und sagte leise zu ihr: „Schau mal, nur um so ein Bild zu malen, sollen Wasserbehälter und ein Schränkchen gebraucht werden! Sie muß wohl etwas verwechselt haben und hat ihre Aussteuer mit aufschreiben lassen.“ Tan-tschun platzte laut heraus und konnte sich lange nicht wieder beruhigen. Dann sagte sie: „Bau-tschai, du solltest ihr schnell in die Lippen kneifen. Frag sie mal, was sie eben von dir gesagt hat!“ „Was soll ich da noch fragen!“ gab Bau-tschai zurück, „in einer Hundeschnauze wächst nun einmal kein Elfenbein.“ Und damit kam sie herüber, drückte Dai-yü auf das Ofenbett nieder und wollte ihr ins Gesicht kneifen. Lächelnd bat Dai-yü sogleich: „Vergib mir, liebste Kusine! Ich bin ja noch so klein und schwatze drauflos, ohne mir über die Tragweite meiner Worte im klaren zu sein. Wenn nicht du mich belehrst und mir vergibst, wer sollte es dann tun?“ Die anderen, die nicht wußten, was hinter diesen Worten steckte, bemerkten lächelnd: „Hör nur, wie jämmerlich sie bittet! Sogar wir sind gerührt, also vergib ihr!“ Bau-tschai hatte nur gescherzt, aber als sie jetzt hörte, wie Dai-yü auf ihre Verwürfe wegen der unorthodoxen Bücher anspielte, konnte sie den Spaß schlecht weitertreiben und ließ sie los. Lächelnd sagte Dai-yü: „Du bist wirklich wie eine Schwester zu mir. Ich an deiner Stelle hätte nicht so schnell verziehen.“ Lächelnd richtete Bau-tschai ihren Finger gegen Dai-yü und sagte: „Kein Wunder, daß die alte gnädige Frau dich so gern hat und daß dich alle deiner Klugheit wegen lieben. Ich mag dich jetzt ebenfalls sehr gern. Komm her, ich will dir dein Haar glattstreichen!“ Wirklich drehte Dai-yü sich um, und Bau-tschai strich ihr mit der Hand das Haar nach oben. Bau-yü sah von der Seite her zu und fand das so schön, daß er bereute, sie vorhin nach nebenan geschickt zu haben, damit sie sich das Schläfenhaar richtete. Denn schöner wäre es gewesen, wenn Bau-tschai es für sie getan hätte. Während er noch diesen törichten Gedanken nachhing, hörte er, wie Bau-tschai sagte: „Die Liste ist fertig. Morgen bringst du sie der alten gnädigen Frau. Wenn die Sachen im Hause sind, ist es gut, wenn nicht, müssen sie gekauft werden. Ich helfe euch, alles zusammenzustellen.“ Rasch nahm Bau-yü die Liste an sich, dann plauderten sie noch ein Weilchen, und nach dem Abendessen gingen sie wieder zur Herzoginmutter, um ihr den Gruß zu entbieten. Die Krankheit der Herzoginmutter war nichts Ernsthaftes gewesen. Sie hatte sich lediglich überanstrengt und ein wenig erkältet. Nachdem sie den Tag über ausgespannt, sich dabei warm gehalten und auch eine Portion des Heiltranks eingenommen hatte, war ihr jetzt am Abend wieder wohler. Was der nächste Tag brachte, wird im folgenden Kapitel erzählt.