Hongloumeng/de/Chapter 43

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Kapitel 43

闲取乐偶攒金庆寿

不了情暂撮土为香

Als Dame Wang erfuhr, daß die Herzoginmutter von keiner ernsten Krankheit befallen war, sondern sich nur ein wenig im Garten erkältet hatte, aber nun, nachdem der Arzt dagewesen war und sie ein paarmal Medizin eingenommen hatte, wieder genesen sei, ließ sie Hsi-fëng zu sich kommen und ordnete an, was sie für Djia Dschëng vorbereiten sollte, um es ihm zu schicken. Eben beratschlagten sie miteinander, da kam eine Botin der Herzoginmutter, die sie zu sich bitten ließ. Rasch ging Dame Wang mit Hsi-fëng zusammen hinüber und fragte die Herzoginmutter: „Geht es Euch wieder besser?“ „Heute ist mir schon wieder viel wohler“, bestätigte die Herzoginmutter. „Von der Fasanenkükensuppe, die ihr mir schicktet, habe ich gekostet. Sie ist wohlschmeckend. Auch zwei Stücken Fleisch habe ich gegessen, und das hat mir gut getan.“ Lächelnd erklärte ihr Dame Wang: „Es war eine Gabe von Hsi-fëng, ein Zeichen ihrer kindlichen Ehrerbietung und ein Beweis dafür, daß Eure ständige Liebe für sie nicht verschwendet ist.“ Die Herzoginmutter nickte lächelnd und sagte: „Es ist schön, daß sie daran gedacht hat. Wenn noch roher Fasan da ist, möchte ich ein paar Häppchen davon in heißem Fett gebacken haben. Leicht gesalzen, werden sie gut zur nüchternen Reissuppe schmecken. Die Fleischbrühe schmeckt zwar auch, aber sie paßt nicht dazu.“ Hsi-fëng sagte rasch jawohl und schickte jemanden in die Küche, um den Auftrag zu übermitteln. Lächelnd sagte nun die Herzoginmutter zu Dame Wang: „Ich habe dich aus keinem anderen Grund herbitten lassen als dem, daß Hsi-fëng am zweiten Geburtstag hat. Schon in den letzten beiden Jahren hatte ich eine Geburtstagsfeier für sie ausrichten wollen, aber jedesmal, wenn es soweit war, kam etwas Wichtiges dazwischen, und die Feier fiel ins Wasser. Diesmal sind wir alle beisammen, und es kann wohl auch nichts dazwischenkommen. Darum wollen wir uns alle gemeinsam einen vergnügten Tag machen!“ „Daran hatte ich auch schon gedacht“, stimmte Dame Wang lächelnd zu. „Wenn es Euch freut, alte gnädige Frau, sollten wir jetzt darüber beraten und einen Entschluß fassen!“ Lächelnd fuhr die Herzoginmutter fort: „Egal, wessen Geburtstag es war, hat in den vergangenen Jahren stets jeder einzeln seine Geschenke gemacht. Aber das ist alltäglich und zeugt von keinem Zusammenhalt in der Familie. Diesmal möchte ich etwas Neues vorschlagen. Es wird beweisen, daß wir einander nicht fremd sind, und etwas zum Lachen haben werden wir auch.“ Rasch pflichtete Dame Wang ihr bei: „Wie Ihr es für richtig haltet, so soll es sein!“ Wieder fuhr die Herzoginmutter lächelnd fort: „Ich finde, wir sollten es den einfachen Leuten nachmachen – jeder zahlt einen Beitrag, und alles, was dabei zusammenkommt, wird für das Fest verbraucht. Muß das nicht Spaß machen?“ „Ganz gewiß!“ bestätigte Dame Wang lächelnd. „Nur verstehe ich nicht, auf welche Weise die Beiträge zusammengebracht werden sollen.“ Bei diesen Worten geriet die Herzoginmutter sogleich in eine noch freudigere Stimmung, und sie befahl, nicht nur Tante Hsüä und Dame Hsing zu holen, sondern auch die Mädchen und Bau-yü, außerdem Djia Dschëns Frau aus dem anderen Anwesen und schließlich auch noch die Frau von Lai Da und die Frauen der übrigen angesehenen Verwalter. Als die Sklavenfrauen und -mädchen sahen, in welch fröhlicher Laune die Herzoginmutter war, wurden auch sie vergnügt. Sogleich eilten sie geschäftig los, um die Einladungen und Befehle zu übermitteln, und in weniger Zeit, als man sie braucht, um eine Schale Reis zu essen, hatte sich jung und alt, hoch und niedrig versammelt, und das Zimmer war gedrängt voll. Nur Tante Hsüä saß der Herzoginmutter gegenüber, Dame Hsing und Dame Wang saßen auf Stühlen nahe der Tür, Bau-tschai und die anderen Mädchen machten es sich zu fünft oder sechst auf dem Ofenbett bequem, Bau-yü aber schmiegte sich an die Herzoginmutter. Alle übrigen standen dicht an dicht. Rasch befahl die Herzoginmutter, ein paar Schemel zu holen, damit Lai Das Mutter und einige andere geachtete alte Ammen sich setzen konnten. Denn nach den Bräuchen der Familie Djia genossen alte Leute vom Gesinde, die schon unter der vorigen Generation gedient hatten, größere Achtung als die jungen Herrschaften. Darum blieben Frau You, Hsi-fëng und einige andere unbekümmert stehen, während sich Lai Das Mutter und drei, vier weitere alte Ammen, Entschuldigungen murmelnd, auf den Schemeln niederließen. Nun trug die Herzoginmutter mit lächelnder Miene alles vor, was eben besprochen worden war, und es gab niemanden, der sich an dem Spaß nicht beteiligen mochte. Wer sich mit Hsi-fëng gut stand, wollte es aus Anhänglichkeit tun, und wer Angst vor ihr hatte, war froh, sich einschmeicheln zu können. Zumal es sich jeder leisten konnte, etwas zu geben. Darum erklärten sich alle fröhlich mit dem Vorschlag einverstanden, kaum daß er gemacht war. Als erste verkündete die Herzoginmutter: „Ich gebe zwanzig Liang.“ Lächelnd sagte darauf Tante Hsüä: „Ich schließe mich an und gebe ebenfalls zwanzig.“ „Wir wagen es nicht, uns der alten gnädigen Frau gleichzustellen“, erklärten Dame Hsing und Dame Wang. „Wir stehen eine Stufe niedriger und geben je sechzehn Liang.“ „Und wir stehen noch eine Stufe niedriger und geben je zwölf“, sagten daraufhin lächelnd Frau You und Li Wan. „Du bist Witwe und hast keinen eigenen Hausstand“, wandte sich die Herzoginmutter sofort an Li Wan. „Wie könnten wir von dir solches Geld verlangen, ich werde es für dich zahlen!“ Aber lächelnd mischte sich jetzt Hsi-fëng mit den Worten ein: „Anstatt Euch hinreißen zu lassen, solltet Ihr erst einmal rechnen, alte gnädige Frau, ehe Ihr das übernehmt. Es sind ohnehin schon zwei Anteile, die zu Euren Lasten gehen, und wenn Ihr jetzt noch die zwölf Liang für die Schwägerin zahlen wollt, freut Ihr Euch wohl in dem Augenblick, wo Ihr es sagt, aber ein Weilchen später werdet Ihr es schon bereuen, und ganz zum Schluß werdet Ihr sagen: ‚So viel Geld für diese Hsi-fëng!‘ Dann werdet Ihr mit irgendeinem Trick dafür sorgen, daß ich sang- und klanglos das Drei- oder Vierfache eines Anteils dazuschießen muß, und ich bilde mir noch etwas darauf ein!“ Alle lachten darüber, und die Herzoginmutter fragte lächelnd: „Was meinst du denn, wie wir es machen sollten?“ „Mein Geburtstag ist noch nicht heran, und schon bekomme ich mehr, als mir zu meinem Glück zuträglich ist“, sagte Hsi-fëng. „Mir ist wirklich nicht wohl bei dem Gedanken, daß ich selber nichts beisteuern darf und nur alle in Unruhe versetze. Darum ist es das beste, ich übernehme den Anteil der Schwägerin, und wenn dann der Tag gekommen ist, esse ich dafür ein bißchen mehr. Das würde mir ein größeres Glück bedeuten.“ Dame Hsing und die anderen sagten: „Sie hat ganz recht!“ Daraufhin gab die Herzoginmutter nach. Hsi-fëng aber fuhr lächelnd fort: „Ich möchte noch etwas sagen. Mir scheint, wenn die alte Ahne zwanzig Liang gibt und dazu noch die beiden Anteile für Dai-yü und Bau-yü übernimmt, und die Frau Tante gibt ebenfalls zwanzig Liang und übernimmt dazu den Anteil für Bau-tschai, so ist das ganz gerecht. Wenn aber die beiden gnädigen Frauen nur jeweils sechzehn Liang geben und für niemand anders einen Anteil übernehmen, ist das nicht sehr gerecht. Da wird die alte Ahne übervorteilt.“ Sofort sagte die Herzoginmutter mit lächelnder Miene: „Meine Hsi-fëng steht auf meiner Seite. Was sie da sagt, stimmt haargenau. Wenn ich sie nicht hätte, hätte ich wieder einmal das Nachsehen gehabt.“ „Alte Ahne, Ihr müßt Bau-yü und Dai-yü an die beiden gnädigen Frauen abtreten“, schlug Hsi-fëng lächelnd vor. „Ob sie nun viel für sie zahlen oder wenig, auf jeden Fall übernehmen sie je einen zusätzlichen Anteil, darauf kommt es an.“ „Das ist nur gerecht, so wird es gemacht!“ stimmte die Herzoginmutter sofort zu. Da stand jedoch Lai Das Mutter auf, um lächelnd zu erklären: „Das ist Verrat, und ich muß mich für die beiden gnädigen Frauen ärgern. Die junge Herrin ist die Schwiegertochter der einen und die Nichte der anderen, aber sie stellt sich nicht auf die Seite von Schwiegermutter oder Tante, sondern auf die von jemand anders. So wird aus der Schwiegertochter eine Fremde und aus der leiblichen Nichte eine angeheiratete.“ Die Herzoginmutter und alle anderen lachten darüber laut heraus, Lai Das Mutter aber fragte: „Wenn die jungen Herrinnen je zwölf Liang geben, müssen wir natürlich eine Stufe niedriger stehen, nicht wahr?“ „Kommt nicht in Frage!“ entschied die Herzoginmutter. „Zwar müßtet ihr eine Stufe niedriger stehen, ich weiß aber, daß ihr alle reiche Leute seid. Euer Stand mag geringer sein, aber Geld habt ihr mehr als sie. Darum kann es nicht anders sein, als daß ihr genausoviel gebt wie sie auch.“ Als die alten Ammen das hörten, sagten sie rasch jawohl. „Die Fräulein brauchen nur ihren guten Willen zu zeigen, indem jede ein Monatsgeld spendet“, fuhr die Herzoginmutter fort. Dann wandte sie sich zu Yüan-yang um und sagte: „Auch ihr solltet euch zusammentun und beraten, wieviel ihr gebt.“ Yüan-yang sagte: „Jawohl!“ und kam bald darauf mit Ping-örl, Hsi-jën, Tsai-hsia und ein paar kleineren Sklavenmädchen wieder. Einige von ihnen wollten zwei Liang, andere ein Liang geben. „Willst du etwa deiner Herrin nichts weiter zum Geburtstag schenken, daß du dich hier anschließt?“ wollte die Herzoginmutter von Ping-örl wissen. Lächelnd erwiderte Ping-örl: „Ein persönliches Geschenk habe ich außerdem. Das hier ist eine gemeinsame Sache, zu der ich auch meinen Beitrag leisten muß.“ „Du bist doch ein gutes Kind!“ lobte die Herzoginmutter lächelnd. „Hoch und niedrig sind jetzt vollzählig vertreten, nur die beiden Nebenfrauen fehlen noch“, erinnerte Hsi-fëng die Herzoginmutter mit lächelnder Miene. „Wir müssen sie fragen, ob auch sie etwas beisteuern. Die Sitte verlangt, daß sie berücksichtigt werden. Andernfalls könnten sie denken, daß wir sie geringschätzen.“ „Aber ja!“ sagte die Herzoginmutter sofort. „Wie konnten wir sie nur vergessen! Wahrscheinlich hatten sie keine Zeit zu kommen. Eine der Mägde soll sie fragen gehen!“ Während sie das sagte, ging schon ein Sklavenmädchen los und kam nach geraumer Zeit mit dem Bescheid wieder: „Sie geben jede zwei Liang.“ Fröhlich sagte die Herzoginmutter: „Nehmt Schreibpinsel und Tuschereibstein und rechnet zusammen, wieviel das insgesamt ergibt!“ Frau You aber zankte indessen leise mit Hsi-fëng: „Dir werde ich helfen, du unersättliches Spitzbein! So viele Muttchen und Tantchen legen ihr Silber zusammen, um deinen Geburtstag auszurichten, und dir ist das immer noch nicht genug. Wozu mußtest du auch noch diese armen Weiber mit ins Spiel bringen?“ „Red keinen Unsinn!“ erwiderte Hsi-fëng ebenso leise und mit lächelnder Miene. „Mit dir rechne ich ab, wenn wir draußen sind! Wer sagt, daß die beiden arm sind? Wenn sie Geld haben, stecken sie es anderen zu. Da ist es besser, wir nehmen es ihnen ab und machen uns einen vergnügten Tag damit!“ Inzwischen war die Summe zusammengezählt, und es hatten sich mehr als einhundertfünfzig Liang ergeben. „Das können wir für Theater und Wein an einem Tag nicht verbrauchen“, gab die Herzoginmutter zu bedenken. „Da wir keine Gäste einladen, wird die Weintafel nicht viel kosten, dann reicht das Geld für zwei oder drei Tage“, erklärte ihr Frau You. „Vor allem kostet uns die Therateraufführung kein Geld, das sparen wir ein.“ „Hsi-fëng soll sagen, welche Truppe sie mag, und die lassen wir kommen“, entschied die Herzoginmutter. „Unsere Familientruppe habe ich über. Geben wir lieber ein bißchen Geld aus und hören uns eine andere Truppe an!“ bat Hsi-fëng. „Diese ganze Sache soll Dschëns Frau übernehmen!“ ordnete die Herzoginmutter an. „Hsi-fëng soll damit nicht die geringste Sorge haben und den Tag nur genießen. Erst dann ist es ein richtiger Geburtstag.“ Frau You sagte: „Jawohl!“, und nachdem man noch ein Weilchen geplaudert hatte, gingen nach und nach alle fort, weil sie merkten, daß die Herzoginmutter müde war. Frau You begleitete erst Dame Hsing und Dame Wang hinaus, dann ging sie zu Hsi-fëng, um mit ihr zu beraten, wie sie den Geburtstag gestalten sollte. „Mich mußt du nicht fragen“, sagte Hsi-fëng. „Richte dich ganz danach, was der alten gnädigen Frau gefällt, und damit basta.“ „Du Biest hast aber auch ein unverschämtes Glück!“ sagte Frau You dann lächelnd. „Ich hatte mich gefragt, warum wir alle herüberkommen sollten, und dann ging es einzig und allein darum. Nicht genug damit, daß ich Geld loswerde, habe ich auch noch den ganzen Ärger am Hals. Womit wirst du mir das danken?“ „Red keinen Blödsinn!“ wies Hsi-fëng sie lächelnd zurecht. „Habe vielleicht ich dich gerufen? Warum also sollte ich dir danken? Wenn dir der Ärger zuviel ist, mußt du der alten gnädigen Frau sagen, sie soll jemand anders beauftragen, das ist alles.“ „Sieh einer an, wie sie sich aufführt!“ sagte Frau You lächelnd darauf. „Halt an dich, rate ich dir. Wenn du dich weiter so aufbläst, wirst du noch platzen.“ Nachdem die beiden noch ein Weilchen miteinander gesprochen hatten, gingen auch sie auseinander. Am nächsten Tag wurde Silber ins Ning-guo-Anwesen gebracht, als Frau You nach dem Aufstehen eben dabei war, sich zu frisieren und zu waschen. „Wer hat das gebracht?“ fragte sie. „Tante Lin“, antworteten die Sklavenmädchen. „Sie soll herkommen!“ befahl Frau You. Die Sklavenmädchen gingen also in die Gesindestube und riefen Lin Dschï-hsiaus Frau. Als sie herübergekommen war, ließ Frau You sie auf einer Fußbank Platz nehmen, und während sie eifrig in ihrer Toilette fortfuhr, fragte sie: „Wieviel Silber ist in dem Päckchen?“ „Dies ist nur das Silber, das wir von der Dienerschaft zusammengelegt haben“, berichtete Lin Dschï-hsiaus Frau. „Das von der alten gnädigen Frau und den gnädigen Frauen ist nicht mit dabei.“ Als sie das eben sagte, meldeten die Sklavenmädchen: „Die gnädige Frau und die gnädige Frau Tante von drüben haben Botinnen mit ihren Beiträgen geschickt.“ Lachend schimpfte Frau You: „Ihr kleinen Spitzbeine achtet wieder mal nur auf die Nebensächlichkeiten! Gestern war die alte gnädige Frau in fröhlicher Stimmung, nur deshalb hat sie gesagt, wir wollten nach Art der kleinen Leute Silber zusammenlegen. Das habt ihr euch eingeprägt und nehmt es jetzt wortwörtlich. Wollt ihr euch das Silber wohl bald geben lassen und den Botinnen Tee anbieten, ehe ihr sie wieder wegschickt?!“ Rasch sagten die Sklavenmädchen jawohl und brachten dann zwei Päckchen Silber herein, in denen auch die Beiträge für Bau-tschai und Dai-yü mit enthalten waren. „Wessen Anteile fehlen jetzt noch?“ fragte Frau You. „Es fehlen die Anteile der alten gnädigen Frau, der zweiten gnädigen Frau, der gnädigen Fräulein und die der Mägde“, gab Lin Dschï-hsiaus Frau Auskunft. „Und was ist mit dem Anteil für die erste junge gnädige Frau?“ fragte Frau You. „Wenn Ihr hinüberkommt, junge Herrin, bekommt Ihr das Geld von der zweiten jungen gnädigen Frau. Sie hat alles beisammen“, erwiderte Lin Dschï-hsiaus Frau. Während sie das sagte, hatte Frau You ihre Toilette beendet und befahl, nach dem Wagen zu sehen. Bald darauf war sie im Jung-guo-Anwesen und begab sich zuerst zu Hsi-fëng, die das Silber schon fertig verpackt hatte und eben jemanden damit losschicken wollte. „Sind alle Beiträge beisammen?“ fragte Frau You. „Ja, alle“, erwiderte Hsi-fëng lächelnd. „Trag das Silber nur rasch fort! Wenn etwas verlorengeht, will ich nichts damit zu tun haben.“ „Ich habe so meine Zweifel“, sagte Frau You, ebenfalls lächelnd. „Ich möchte es in deiner Gegenwart nachprüfen.“ Und schon zählte sie die Beiträge durch und entdeckte, daß der für Li Wan nicht dabei war. „Wußte ich doch, daß du etwas im Schilde führst!“ sagte sie lächelnd. „Wieso fehlt das Silber für deine Schwägerin?“ „Ja, ist denn das immer noch nicht genug?“ fragte Hsi-fëng und lächelte dabei. „Was macht es schon, daß ein Anteil fehlt? Im Falle, daß das Silber nicht reicht, kann ich ihn dir immer noch geben!“ „Gestern vor den Leuten hast du dich aufgespielt, und heute kommst du mir so“, warf Frau You ihr vor. „Aber das lasse ich dir nicht durchgehen. Ich sage es der alten gnädigen Frau!“ „Bist du aber scharf!“ sagte Hsi-fëng, immer noch lächelnd. „Bei der nächsten Gelegenheit werde ich auch so peinlich genau sein. Aber dann beklag dich nicht!“ „Also hast du doch Angst!“ stellte Frau You, ebenfalls lächelnd, fest. „Wenn du dich nicht immer so ehrerbietig mir gegenüber verhalten hättest, würde ich dir das wirklich nicht durchgehen lassen.“ Bei diesen Worten suchte sie Ping-örls Anteil heraus und sagte dann: „Komm her, Ping-örl, und nimm dein Silber zurück! Wenn es nachher fehlen sollte, lege ich es aus meiner Tasche zu.“ Ping-örl hatte ihre Absicht durchschaut, darum sagte sie: „Nehmt es nur, junge Herrin, und gebt es mir als Belohnung wieder, falls etwa übrigbliebt. Kommt das nicht auf dasselbe heraus?“ „Also darf nur deine Herrin ihre Stellung mißbrauchen, ich aber darf niemand bevorzugen?“ fragte Frau You lächelnd. Notgedrungen nahm jetzt Ping-örl ihr Silber wieder an sich, Frau You aber fuhr fort: „Raffiniert geht deine Herrin vor, um sich Geld zu verschaffen! Aber wie will sie das alles ausgeben? Was sie nicht ausgeben kann, wird sie mit ins Grab nehmen!“ Mit diesen Worten ging Frau You hinaus und begab sich zur Herzoginmutter, wo sie zuerst ihren Gruß entbot und ein paar Belanglosigkeiten äußerte, ehe sie zu Yüan-yang ins Zimmer trat, um sich mit ihr zu beraten. Denn sie wollte sich ganz nach Yüan-yangs Vorschlägen richten, um das Wohlgefallen der Herzoginmutter zu erregen. Als alles besprochen war und Frau You sich zum Gehen wandte, gab sie Yüan-yang ihre zwei Liang Silber zurück und sagte: „Wir können das nicht alles ausgeben!“ Damit ging sie hinaus und begab sich nun zu Dame Wang, um auch mit ihr ein Weilchen zu plaudern und dann, nachdem Dame Wang in ihre Betstube gegangen war, auch Tsai-yün ihren Beitrag zurückzugeben. Und da Hsi-fëng nicht dabei war, gab sie auch den Nebenfrauen Dschau und Dschou ihr Silber wieder. Als die beiden es nicht anzunehmen wagten, redete Frau You ihnen zu: „Euch geht es doch jämmerlich genug, woher solltet ihr überflüssiges Geld haben? Falls Hsi-fëng davon erfährt, werde ich dafür geradestehen.“ Erst nach diesen Worten nahmen die beiden das Silber mit tausend- und zehntausendfachem Dank an. Frau You aber ging geradewegs hinaus, stieg in ihren Wagen und fuhr wieder nach Hause. Mehr soll hier von ihr nicht die Rede sein. Ehe man es sich versah, war der zweite Tag des neunten Monats gekommen. Alle im Garten hatten erfahren, daß Frau You für Zerstreuungen jeglicher Art gesorgt hatte. Nicht nur Schauspieler würden dasein, auch an Gaukler und Geschichtenerzähler hatte sie gedacht, damit jeder sich vergnügen und amüsieren konnte. Da sagte Li Wan zu den Mädchen: „Heute ist der feste Tag für unseren Begonienbund, das wollen wir nicht vergessen! Aber Bau-yü ist nicht hier, wahrscheinlich ist er nur auf lärmende Unterhaltung aus und hat die edleren Dinge aus seinem Gedächtnis gestrichen.“ Damit befahl sie einem Sklavenmädchen: „Geh und sieh nach, was er macht, und bitte ihn schnell hierher!“ Erst nach geraumer Zeit kam das Sklavenmädchen wieder und meldete: „Schwester Hua sagt, er habe das Anwesen schon am frühen Morgen verlassen.“ „Aber das gibt es doch nicht“, sagten alle verwundert. „Das Mädchen ist ja dumm und kann sich nicht verständlich machen.“ Also bekam Tsuee-mo den Auftrag, sich noch einmal erkundigen zu gehen. Als sie wiederkam, berichtete sie: „Er ist wirklich ausgeritten. Er hat gesagt, ein Freund sei gestorben, und er wolle einen Beileidsbesuch machen.“ „Das ist auf keinen Fall wahr“, erklärte Tan-tschun, „und was auch immer sein möge, er hat kein Recht, heute auszugehen. Ruft Hsi-jën her, ich werde sie befragen!“ Während sie das eben sagte, trat Hsi-jën bereits ein, und Li Wan sagte: „Egal, was er hat, er hätte heute nicht ausgehen dürfen! Erstens ist der Geburtstag der zweiten jungen Herrin, auf den sich die alte gnädige Frau so gefreut hat und für den hoch und niedrig aus beiden Anwesen Geld zusammenlegte, und da läuft er fort. Zweitens ist heute der Tag für unser erstes reguläres Dichtertreffen, und er ist heimlich fortgegangen, ohne sich freigeben zu lassen.“ Seufzend erwiderte Hsi-jën: „Gestern abend sagte er, er habe heute in aller Frühe etwas Dringendes zu erledigen. Er wolle zum Prinzen Bee-djing reiten und dann schnell wieder zurückkommen. Ich habe ihm geraten, nicht fortzureiten, aber er wollte einfach nicht hören. Heute morgen ist er dann früh aufgestanden und hat sich weiße Trauerkleidung geben lassen, die er angezogen hat. Wer weiß, ob nicht vielleicht im Hause des Prinzen eine wichtige Nebenfrau gestorben ist.“ „Wenn es so ist, mußte er natürlich hinreiten, trotzdem darf er das Wiederkommen nicht vergessen“, sagten Li Wan und die anderen. Dann entschieden sie: „Wir schreiben unsere Gedichte, und wenn er zurückkommt, wird er bestraft!“ Während sie das eben sagte, kamen Botinnen von der Herzoginmutter, die sie zu sich bitten ließ. Also gingen sie hinüber, und Hsi-jën berichtete, was mit Bau-yü war. Ärgerlich befahl die Herzoginmutter, Bau-yü solle geholt werden. In Wirklichkeit war es so, daß Bau-yü sich heimlich etwas vorgenommen hatte und deshalb am Tag zuvor Ming-yän befahl: „Morgen in aller Frühe will ich ausreiten, warte am hinteren Tor mit zwei Pferden! Ich will nicht, daß jemand anders mitkommt! Li Guee sagst du, ich sei in der Residenz des Prinzen Bee-djing, und wenn jemand nach mir suchen wolle, solle er ihn davon abhalten und sagen, ich wäre beim Prinzen aufgehalten worden und würde ganz bestimmt kommen.“ Ming-yän hatte sich keinen Vers darauf machen können und die Botschaft so bestellt, wie sie ihm aufgetragen war. Heute hatte er wirklich in aller Frühe zwei Pferde ans hintere Gartentor geführt und dort gewartet. Als es hell wurde, sah er Bau-yü ganz in Weiß aus dem Tor treten und wortlos aufs Pferd steigen. Dann beugte er sich vor und ritt in leichtem Trab auf der Straße davon. So blieb Ming-yän nichts anderes übrig, als ebenfalls aufzusitzen und dem Pferd die Peitsche überzuziehen.In Wirklichkeit war es so, daß Bau-yü sich heimlich etwas vorgenommen hatte und deshalb am Tag zuvor Ming-yän befahl: „Morgen in aller Frühe will ich ausreiten, warte am hinteren Tor mit zwei Pferden! Ich will nicht, daß jemand anders mitkommt! Li Guee sagst du, ich sei in der Residenz des Prinzen Bee-djing, und wenn jemand nach mir suchen wolle, solle er ihn davon abhalten und sagen, ich wäre beim Prinzen aufgehalten worden und würde ganz bestimmt kommen.“ Ming-yän hatte sich keinen Vers darauf machen können und die Botschaft so bestellt, wie sie ihm aufgetragen war. Heute hatte er wirklich in aller Frühe zwei Pferde ans hintere Gartentor geführt und dort gewartet. Als es hell wurde, sah er Bau-yü ganz in Weiß aus dem Tor treten und wortlos aufs Pferd steigen. Dann beugte er sich vor und ritt in leichtem Trab auf der Straße davon. So blieb Ming-yän nichts anderes übrig, als ebenfalls aufzusitzen und dem Pferd die Peitsche überzuziehen. Nachdem er Bau-yü eingeholt hatte, fragte er: „Wohin reiten wir?“ „Wohin führt die Straße?“ erkundigte sich Bau-yü. „Zum nördlichen Stadttor hinaus“, gab Ming-yän Auskunft. „Gleich vor dem Tor ist es totenstill, dort kann man sich nirgends vergnügen.“ „Eine stille Gegend ist gerade das, was ich möchte“, erwiderte Bau-yü kopfnickend und schlug auf sein Pferd ein. Nur wenige Biegungen, dann hatten sie das Stadttor passiert. Ming-yän, der sich nun erst recht keinen Rat mehr wußte, hielt sich dicht hinter Bau-yü. Erst als sie sieben oder acht Li ohne Aufenthalt getrabt waren und die menschlichen Behausungen nach und nach spärlicher wurden, zügelte Bau-yü sein Pferd und wandte sich nach Ming-yän um mit der Frage: „Kann man hier Räucherwerk kaufen?“ „Räucherwerk wird es schon geben“, antwortete Ming-yän, „es fragt sich bloß, was für welches.“ Bau-yü dachte nach, dann sagte er: „Es kommt nichts anderes in Frage als Sandelholz, Zitronellaweihrauch und Lakaholz.“ „So etwas wird hier kaum zu bekommen sein“, erwiderte Ming-yän lächelnd. Und als er dann sah, was für ein bekümmertes Gesicht Bau-yü machte, fragte er: „Wozu braucht Ihr das Räucherwerk? Ich weiß doch, daß Ihr immer ein bißchen davon lose in Eurem Gürteltäschchen tragt. Warum seht Ihr nicht nach?“ Dieser Hinweis brachte Bau-yü zur Besinnung. Er griff unter sein Gewand und holte das Täschchen hervor, in dem er dann zwei kleine Stücken Adlerholz fand, und das machte ihn wieder froh. Nur schien ihm, dies sei nicht ehrerbietig genug. Dann aber fand er, Räucherholz, das er selber bei sich getragen hatte, sei noch besser als gekauftes, und fragte nach Räucherkessel und Holzkohle. „Das schlagt Euch aus dem Kopf!“ sagte Ming-yän. „Woher wollen wir das in dieser Einöde nehmen? Warum habt Ihr nicht eher gesagt, was Ihr braucht, dann hätte ich es mitbringen können. Wäre das nicht einfacher gewesen?“ „Dummer Kerl!“ schimpfte Bau-yü. „Wenn wir es hätten mitbringen können, hätte ich ja nicht so wild zu traben brauchen.“ Ming-yän überlegte ein Weilchen, dann sagte er freudestrahlend: „Ich habe eine Idee! Ich weiß ja nicht, was Ihr vorhabt, aber ich vermute, Ihr braucht noch mehr. Aber das ist kein Problem. Wenn wir noch zwei Li weiter reiten, kommen wir zum Kloster der Wassergöttin.“ „Hier liegt das Kloster der Wassergöttin? Um so besser“, sagte Bau-yü darauf. „Wir reiten hin!“ Damit trieb er sein Pferd an und ritt weiter. Gleichzeitig wandte er den Kopf nach Ming-yän um und sagte noch: „Die Nonnen von dort kommen schon seit langem zu uns ins Haus. Wenn wir jetzt bei ihnen vorsprechen, um uns einen Räucherkessel zu borgen, werden sie bestimmt nichts dagegen haben.“ „Ganz abgesehen davon, daß sie von uns unterstützt werden, würde man uns auch in keinem anderen Tempel abweisen, wenn wir um einen Räucherkessel bitten, auch wenn uns dort niemand kennt“, meinte Ming-yän. „Nur das eine wundert mich: Ihr hattet immer solchen Abscheu vor dem Kloster der Wassergöttin, heute dagegen scheint es Euch sehr lieb zu sein.“ „Das liegt daran, daß es mir stets zuwider war, wenn profane Leute ohne Grund und Ursache Götter verehren und Tempel errichten“, erklärte ihm Bau-yü. „Irgendwelche reichen alten Männer und törichten Frauen hören von einer Gottheit und errichten ihr einen Tempel, um sie darin anzubeten, ohne zu wissen, wer diese Gottheit ist. Sie erfahren nur in einer inoffiziellen Geschichtsdarstellung davon oder in einem Roman und nehmen das für bare Münze. In diesem Kloster zum Beispiel wird die Fee des Luo-Flusses verehrt, darum heißt es auch das Kloster der Wassergöttin. Dabei hat es eine Fee des Luo-Flusses nie gegeben, sie ist nichts weiter als ein Hirngespinst von Tsau Dsï-djiän . Diese Dummköpfe aber haben ein Götterbild formen lassen und bringen ihm Opfer dar. Doch heute paßt es zu meinem Vorhaben, darum will ich Gebrauch davon machen.“ Über diesem Gespräch waren sie längst am Kloster angelangt. Die alte Äbtissin wunderte sich über Bau-yüs unverhofften Besuch nicht weniger, als wenn ein lebendiger Drache vom Himmel gefallen wäre. Rasch trat sie heraus, um ihn zu begrüßen, dann befahl sie einer bejahrten Klosterdienerin, sich um die Pferde zu kümmern. Bau-yü trat in die Tempelhalle, doch anstatt vor dem Standbild der Fee niederzuknien, schaute er es sich einfach an. Obwohl es nur eine Tonfigur war, hatte sie doch etwas von der ‚Gestalt einer aufgeschreckten Wildgans‘ und der ‚Haltung eines schwimmenden Drachens‘, der ‚Grazie einer Lotosblume inmitten grüner Wellen‘ und der ‚Schönheit der Morgensonne zwischen schillernden Wolken‘ an sich. Und ohne daß Bau-yü dessen gewahr wurde, begannen ihm die Tränen herabzulaufen. Als ihm die Äbtissin Tee vorsetzte, bat Bau-yü um einen Räucherkessel. Da ging die Äbtissin wieder fort, und als sie nach längerer Zeit endlich wiederkam, brachte sie ihm auch Weihrauch, Kerzen und Opferpapier mit. „Davon brauche ich nichts!“ sagte Bau-yü und gab Ming-yän den Befehl, den Räucherkessel in den hinteren Klosterhof zu tragen und dort einen sauberen Platz zu suchen. Als er keinen fand, schlug Ming-yän vor: „Wie wäre es dort auf dem Steinpflaster am Brunnen?“ Bau-yü nickte und trat näher. Als Ming-yän den Räucherkessel abgestellt hatte, trat er beiseite, Bau-yü aber holte das Räucherholz hervor und steckte es in Brand. Mit Tränen in den Augen machte er eine leichte Verbeugung, dann wandte er sich um und befahl Ming-yän, den Räucherkessel wieder wegzuräumen. Ming-yän sagte: „Jawohl!“, doch anstatt den Kessel wegzunehmen, kniete er rasch nieder und schlug mehrmals hintereinander mit der Stirn auf den Boden. Dazu sprach er: „Ich, Ming-yän, diene schon so viele Jahre meinem jungen Herrn und weiß von allem, was in seinem Herzen vorgeht. Nur über das heutige Opfer hat er mir nichts gesagt, und ich wage auch nicht, ihn danach zu fragen. Aber ich denke mir, die abgeschiedene Seele, die dieses Opfer empfängt, muß – wenn ich auch ihren Namen nicht weiß – ein außerordentlich kluges und wunderschönes Mädchen gewesen sein, das auf Erden wie auch im Himmel nicht seinesgleichen hat. Da mein junger Herr sein Geheimnis nicht preisgeben kann, will ich an seiner Statt beten: Wenn du duftige Seele Gefühl und Empfinden hast, mußt du meinen jungen Herrn als deinen besten Freund trotz der Trennung zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten öfter einmal besuchen kommen! Und sorge auch im Jenseits dafür, daß mein junger Herr beim nächsten Mal als Mädchen wiedergeboren wird, das unter euresgleichen leben kann, und nicht als ein dummes, bärtiges Wesen!“ Nachdem er zu Ende gesprochen hatte, vollzog er noch ein paar Stirnaufschläge, ehe er sich endlich wieder aufrappelte. Bau-yü, der zugehört

Ming-yän. Aus: Gai Qi 1879. hatte, mußte schon lachen, ehe Ming-yän ausgesprochen hatte. Er gab ihm einen Fußtritt und befahl: „Schluß mit dem Unsinn! Wenn die Leute dich hören, werden sie uns auslachen.“ Als Ming-yän aufgestanden war und sich den Räucherkessel gegriffen hatte, sagte er im Weggehen zu Bau-yü: „Ich hatte der Äbtissin gesagt, daß Ihr noch nichts gegessen habt und daß sie etwas für Euch zurechtmachen soll, so gut es eben geht. Also seht zu, daß Ihr etwas davon eßt! Ich weiß, daß bei uns heute ein großes Fest gefeiert wird und daß es dabei hoch hergeht. Verbringt Ihr nur den Tag hier in Stille und Abgeschiedenheit, dann habt Ihr Eurer Anstandspflicht Genüge getan. Es geht doch aber nicht an, daß Ihr nun gar nichts eßt!“ „Warum sollte ich nicht von den Klosterspeisen kosten, wenn ich schon keinen Geburtstagswein trinke!“ gab Bau-yü zurück. „So ist es recht!“ lobte Ming-yän. „Aber da ist noch etwas. Man wird sich Sorgen machen, weil wir hier sind. Wenn sich niemand um Euch sorgte, spräche nichts dagegen, erst spät in die Stadt zurückzureiten. So aber müßt Ihr an den Heimweg denken! Dann werden zum einen die alte gnädige Frau und die gnädige Frau beruhigt sein, zum anderen ist ja nun Eure Anstandspflicht erfüllt, und Ihr könnt zu Hause Theater sehen und Wein trinken. Nicht weil das Euer Wunsch wäre, sondern nur, um Euren Eltern Gesellschaft zu leisten und Eurer Sohnespflicht Genüge zu tun. Auch die Seele der Toten, der Euer Opfer galt, wird keine Ruhe finden, wenn Ihr ihretwegen nicht daran denkt, wie sich die alte gnädige Frau und die die gnädige Frau um Euch sorgen. Was meint Ihr dazu?“ „Ich weiß schon, was dich drückt“, erwiderte Bau-yü lächelnd. „Du machst dir Sorgen, weil du mein einziger Begleiter bist und Angst hast, dafür geradestehen zu müssen, wenn wir nach Hause kommen. Nur deshalb kommst du mir mit so großartigen Prinzipien. Aber ich bin ja nur hergekommen, um diese Anstandspflicht zu erfüllen und dann wieder heimzureiten, wo ich Wein trinken und Theater sehen will. Wann hätte ich gesagt, ich wolle den ganzen Tag nicht in die Stadt zurück? Meinen Vorsatz habe ich verwirklicht, und jetzt reiten wir schnell zurück, damit alle beruhigt sind. Ist dann nicht beiden Seiten Genüge getan?“ „Um so besser!“ sagte Ming-yän nur noch, dann traten sie in die Meditationshalle, wo die Äbtissin wirklich einen Tisch mit Klosterspeisen hergerichtet hatte. Wahllos aß Bau-yü einiges davon, und auch Ming-yän bediente sich, dann stiegen sie auf die Pferde und ritten den Weg zurück, den sie gekommen waren. „Reitet zu, junger Herr, und haltet die Zügel straffer, das Pferd ist nicht viel geritten worden“, mahnte Ming-yän. Und während er das sagte, hatten sie schon das Stadttor passiert, um dann wieder durch das hintere Tor in das Anwesen zu gelangen. Als Bau-yü eilig den Hof der Freude am Roten betrat, waren weder Hsi-jën noch die anderen Sklavenmädchen in den Zimmern. Nur ein paar alte Frauen hielten hier Wache. Beim Anblick von Bau-yü strahlten sie über das ganze Gesicht und sagten: „Buddha Amitabha! Da seid Ihr ja endlich, junger Herr! Fräulein Hua war schon ganz verrückt vor Aufregung. Drüben geht man eben zu Tisch. Beeilt Euch nur!“ Schnell legte Bau-yü die Trauerkleider ab, suchte sich selbst die farbigen Festgewänder hervor und zog sie über. „Wo gibt es das Festes­sen?“ fragte er. „In der neuen Gästehalle“, erwiderten die Sklavinnen. Bau-yü ging schnurstracks hinüber und hörte schon von weitem Musik und Gesang. Als er eben an die Durchgangshalle kam, erblickte er dort Yü-tschuan, die einsam unter dem Dachvorsprung saß und weinte. Aber kaum hatte sie Bau-yü gesehen, hörte sie damit auf und sagte: „Da ist ja der Phönix! Geh nur schnell hinein! Noch ein bißchen später, und hier hätte alles kopfgestanden.“ Lächelnd forderte Bau-yü sie auf: „Rate mal, wo ich gewesen bin!“ Aber Yü-tschuan antwortete nicht und wischte sich nur stumm die Tränen ab. Rasch trat Bau-yü in die Halle und begrüßte die Herzoginmutter und Dame Wang. Alle Anwesenden freuten sich so, als ob wirklich ein Phönix erschienen wäre. Inzwischen beeilte sich Bau-yü, vor Hsi-fëng seine Verbeugung zu machen. Die Herzoginmutter und Dame Wang aber warfen ihm vor, er wisse nicht, was er tue. „Warum konntest du nicht einen Ton sagen und mußtest heimlich fortlaufen?“ fragten sie. „Das ist wirklich unerhört. Wenn du das noch einmal machst, sagen wir es dem gnädigen Herrn, wenn er wiederkommt, und er wird dich schlagen!“ Dann schimpften sie auf die Sklavenjungen aus seiner Begleitung: „Ihr hört natürlich nur auf ihn, und wohin er befiehlt, dahin folgt ihr ihm, ohne auch nur jemand Bescheid zu sagen.“ Dann wieder fragten sie Bau-yü: „Wo warst du nun eigentlich? Hast du etwas gegessen? Hat dich etwas erschreckt?“ Bau-yü erwiderte nur: „Gestern ist eine Lieblingskonkubine des Prinzen Bee-djing verstorben, da war ich kondolieren. Der Prinz hat so geweint, daß ich ihn nicht einfach im Stich lassen und sofort wiederkommen konnte. Deswegen bin ich etwas länger geblieben.“ „Wenn du in Zukunft noch einmal heimlich ausgehst, ohne uns vorher Bescheid zu geben, werde ich deinem Vater ganz gewiß sagen, er solle dich schlagen!“ drohte die Herzoginmutter, und Bau-yü versprach, er wolle es nicht wieder tun. Dann wollte die Herzoginmutter die Sklavenjungen aus Bau-yüs Begleitung durchprügeln lassen, aber rasch legten sich alle ins Mittel und redeten ihr zu: „Macht Euch nicht so viel Sorgen, alte gnädige Frau! Er ist ja wieder da, darum sollten wir uns beruhigen und wieder vergnügt sein!“ Die Herzoginmutter war nur aus Sorge so ärgerlich geworden, und als sie Bau-yü jetzt wiederhatte, war sie mehr als froh. Ihr Zorn verging, und sie rührte nicht weiter an die Sache. Im Gegenteil, sie fürchtete, Bau-yü könnte sich vielleicht nicht wohl fühlen oder nicht satt zu essen bekommen haben, oder er könnte unterwegs etwas erlebt haben, was ihn erchreckte, deshalb hätschelte sie ihn auf hunderterlei Weise, und auch Hsi-jën kam herüber, um ihm aufzuwarten. Dann widmeten sich alle wieder der Theateraufführung. Gegeben wurde die ,Dornenhaarnadel‘ . Die Herzoginmutter und Tante Hsüä waren so gerührt über das Stück, daß sie Tränen vergossen, während von den übrigen Zuschauern die einen seufzten und die anderen fluchten. Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.