Hongloumeng/de/Chapter 47
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Kapitel 47
呆霸王调情遭苦打
冷郎君惧祸走他乡
Als Dame Wang also hörte, Dame Hsing sei gekommen, ging sie ihr rasch entgegen. Dame Hsing wußte nicht, daß die Herzoginmutter über die Sache mit Yüan-yang schon im Bilde war, deshalb war sie gekommen, um zu hören, was es Neues gab. Aber kaum daß sie den Hof betreten hatte, berichteten ihr ein paar Sklavenfrauen verstohlen, was geschehen war, und da hätte sie am liebsten wieder kehrtgemacht. Weil sie jedoch drinnen bereits gemeldet war und Dame Wang ihr entgegenkam, mußte sie wohl oder übel hineingehen. Als erstes entbot sie der Herzoginmutter ihren Gruß, aber diese erwiderte keinen Ton, und Dame Hsing fühlte sich tief beschämt. Hsi-fëng hatte sich bereits unter einem Vorwand zurückgezogen, und auch Yüan-yang war in ihr Zimmer gegangen und grollte dort weiter. Tante Hsüä, Dame Wang und die anderen fürchteten, ihre Anwesenheit werde Dame Hsing peinlich sein, darum gingen auch sie eine nach der anderen fort. Dame Hsing selbst jedoch wagte nicht, wieder zu gehen. Als die Herzoginmutter sah, daß weiter niemand mehr im Zimmer war, sagte sie endlich: „Wie ich gehört habe, warst du als Heiratsvermittlerin für deinen Mann hier. Du bist gewiß eine folgsame und tugendhafte Frau, aber das ist zuviel des Guten. Ihr habt schon Kinder und Enkel genug, und trotzdem hast du immer noch Angst vor deinem Mann. Anstatt ihm gut zuzureden, machst du, was ihm gefällt.“ Schamrot erwiderte Dame Hsing: „Ich habe ihm mehr als einmal zugeredet, aber er wollte nicht hören. Ihr wißt doch über alles Bescheid, alte gnädige Frau. Ich hatte einfach keine andere Wahl.“ „Und wenn er dich zwingt, jemand umzubringen, tust du es auch?“ hielt ihr die Herzoginmutter vor. „Denk doch einmal nach! Deine Schwägerin ist ein einfaches Gemüt, außerdem ist sie viel krank, trotzdem kümmert sie sich um alles, ob es nun hoch oder niedrig betrifft. Deine Schwiegertochter hilft ihr zwar, aber trotzdem ist es zuviel für sie, darum verzichte ich schon auf vieles. Wenn die beiden mal etwas vergessen, ist Yüan-yang da, die aufmerksam genug ist, auf meine Belange zu achten. Wenn etwas zu holen ist, holt sie es, wenn etwas ersetzt werden muß, paßt sie einen günstigen Moment ab und sagt es den beiden. Wenn Yüan-yang nicht wäre, würden die beiden von den inneren und äußeren, größeren und kleineren Angelegenheiten manches übersehen. Soll ich mich darum vielleicht selber kümmern und jeden Tag überlegen, was ich mir von euch geben lassen muß? Yüan-yang ist die letzte, die mir in meinen Räumen noch geblieben ist. Sie ist auch schon ein bißchen älter und kennt sich in meinen Launen und Stimmungen aus. Zum anderen ist sie bei der gesamten Herrschaft beliebt, läßt es sich aber nicht einfallen, unter Hinweis auf mich von der einen gnädigen Frau Kleider und von der anderen Silber zu verlangen. In all den Jahren konnten sich deine Schwägerin, deine Schwiegertochter und alle anderem im Haus in jeder Hinsicht darauf verlassen, was Yüan-yang gesagt hat. Darum bin nicht nur ich auf sie angewiesen, auch deine Schwägerin und deine Schwiegertochter ersparen sich durch sie viel Verdruß. Mit so einem Mädchen brauche ich nichts zu entbehren, auch wenn meine Schwiegertochter und die Frau meines Enkels etwas übersehen, und brauche mich nicht zu ärgern. Wenn sie jetzt wegginge, wen wolltet ihr mir da zu meiner Bedienung geben? Selbst wenn ihr jemand aus Perlen formen wolltet, hätte das keinen Sinn, weil so jemand nicht sprechen könnte. Eben wollte ich jemand schicken, um deinem Mann zu sagen, wenn er ein Mädchen braucht, soll er sich eins kaufen. Geld habe ich, meinetwegen kann er acht- oder zehntausend dafür ausgeben. Dieses Mädchen aber bekommt er nicht. Wenn sie mir noch die paar Jahre aufwartet, wird das für mich so sein, als wenn er selbst mir Tag und Nacht aufwarten und seine Sohnesliebe unter Beweis stellen würde. So kommst du mir eben recht. Wenn du ihm das sagst, ist es um so besser.“ Anschließend befahl sie: „Bittet Frau Hsüä und die jungen Fräulein zu mir, damit ich mich mit ihnen unterhalten kann! Eben waren wir noch so fröhlich, warum sind sie alle weggelaufen?“ Die Sklavenmädchen sagten rasch jawohl und gingen los. Alle kamen schnell wieder herüber, nur Tante Hsüä sagte zu dem Sklavenmädchen: „Eben erst bin ich zurückgekommen, warum soll ich da schon wieder hinübergehen? Sag, ich schlafe schon!“ „Liebste gnädige Frau Tante, beste Ahne!“ bettelte das Sklavenmädchen. „Unsere alte gnädige Frau hat sich geärgert. Wenn Ihr nicht zu ihr geht, kommt sie nicht darüber hinweg. Tut uns doch den Gefallen! Wenn Euch das Gehen zu mühsam ist, werde ich Euch auf dem Rücken hinübertragen.“ „Wovor hast du Angst, kleiner Teufel?“ fragte Tante Hsüä. „Sie wird dich ein bißchen schelten, das ist alles.“ Aber es blieb ihr nichts weiter übrig, als dem Mädchen zu folgen. Die Herzoginmutter forderte sie rasch auf, sie solle Platz nehmen, dann sagte sie: „Wir wollen Karten spielen, und da Ihr Euch damit auch nicht so gut auskennt, wollen wir uns nebeneinander setzen, damit Hsi-fëng uns nicht übers Ohr haut!“ „Ihr habt ganz recht“, erwiderte Tante Hsüä. „Wenn Ihr ein bißchen auf meine Karten achtet, wird es gehen. Wollen wir zu viert spielen, oder nehmen wir noch jemand dazu?“ „Aber wir sind doch nur vier!“ sagte Dame Wang lächelnd. „Wenn noch jemand dazu kommt, wird es lustiger“, meinte Hsi-fëng. „Holt Yüan-yang!“ befahl die Herzoginmutter. „Sie soll sich hier links neben mich setzen. Tante Hsüä hat schwache Augen, darum muß Yüan-yang bei uns beiden ein bißchen auf die Karten sehen!“ Hsi-fëng seufzte, dann sagte sie zu Tan-tschun: „Lesen und schreiben könnt Ihr, aber wahrsagen habt Ihr nicht gelernt.“ „Merkwürdig!“ erwiderte Tan-tschun, „anstatt dir ein Herz zu fassen und der alten gnädigen Frau ein paar Münzen abzugewinnen, möchtest du gewahrsagt haben.“ „Ich wollte ja gerade gewahrsagt haben, wieviel ich heute verlieren werde“, sagte Hsi-fëng. „Wie könnte ich noch ans Gewinnen denken! Sieh doch, das Spiel hat noch nicht begonnen, und schon legt sie links und rechts einen Hinterhalt für mich.“ Die Herzoginmutter und Tante Hsüä mußten lachen. Bald darauf kam Yüan-yang und setzte sich links neben die Herzoginmutter, links von ihr aber saß Hsi-fëng. Eine rote Filzdecke wurde ausgebreitet, die Karten wurden gemischt, die Reihenfolge der Spieler wurde bestimmt, und das Spiel begann. Nach einiger Zeit bemerkte Yüan-yang, daß die Herzoginmutter alle Karten bis auf eine ‚zwei Kuller‘ zusammenhatte, darum gab sie Hsi-fëng heimlich ein Zeichen. Hsi-fëng, die eben ausspielen mußte, zögerte absichtlich einen Augenblick und sagte lächelnd: „Die Karte, die ich brauche, hat bestimmt die Frau Tante und hält sie zurück. Wenn ich die hier nicht ausspiele, kommt sie nie damit heraus.“ „Ich habe nichts, was du brauchst“, erklärte Tante Hsüä. „Das werde ich gleich einmal kontrollieren!“ drohte Hsi-fëng. „Bitte!“ sagte Tante Hsüä, „spiel aus, damit ich sehe, welche Karte es ist!“ Also legte Hsi-fëng ihre Karte vor Tante Hsüä hin, und als diese sah, daß es ‚zwei Kuller‘ waren, sagte sie lächelnd: „Darauf bin ich nicht scharf, aber jetzt hat wohl die alte gnädige Frau ihren Satz voll!“ Als Hsi-fëng das hörte, lächelte sie und sagte rasch: „Ich habe falsch ausgespielt!“ Aber schon warf die Herzoginmutter lächelnd ihre Karten hin und sagte: „Wage es bloß nicht, die Karte zurückzunehmen, niemand hat dir befohlen, sie zu spielen!“ „Ich wollte mir ja wahrsagen lassen!“ jammerte Hsi-fëng. „Jetzt bin ich selber schuld, und dabei hatte ich mich noch über den Hinterhalt beklagt.“ „Du kannst dir selber auf den Mund schlagen“, sagte die Herzoginmutter lächelnd. „Du ganz allein bist schuld.“ Dann wandte sie sich an Tante Hsüä mit den Worten: „Ich bin nicht so kleinlich, daß es mir um den Gewinn geht. Es geht mir nur darum, Glück zu haben.“ „Aber ja!“ stimmte Tante Hsüä lächelnd zu. „Wer könnte so dumm sein zu behaupten, es ginge Euch ums Geld!“ Hsi-fëng, die eben die Münzen abzählte, fädelte sie schnell wieder auf, als sie das hörte, und sagte, an alle gewandt, mit lächelndem Gesicht: „Genug! Wenn es nicht um das Geld geht, sondern nur um das Glück, werde ich nicht so kleinlich sein zu bezahlen und behalte mein Geld!“ Bei der Herzoginmutter war es üblich, daß Yüan-yang für sie die Karten mischte. Als sie jetzt bei ihrem Gespräch mit Tante Hsüä bemerkte, daß Yüan-yang keinen Finger rührte, fragte sie: „Worüber ärgerst du dich, daß du nicht einmal die Karten für mich mischen willst?“ Da griff Yüan-yang nach dem Kartenspiel und sagte lächelnd: „Die junge Herrin zahlt nicht.“ „Da hat sie aber Glück!“ entgegnete die Herzoginmutter und befahl einem kleineren Sklavenmädchen: „Hol mir ihre ganze Münzschnur!“ Wirklich nahm das Sklavenmädchen die Münzschnur und legte sie der Herzoginmutter hin. „Gebt mir das wieder!“ bat Hsi-fëng lächelnd. „Ich gebe so viel, wie ich schuldig bin.“ „Hsi-fëng ist wirklich kleinlich“, bemerkte Tante Hsüä. „Das ist doch nur Spiel!“ Als Hsi-fëng das hörte, stand sie auf, faßte Tante Hsüä beim Arm, damit sie sich umdrehte, und zeigt ihr den Holzkasten, in den die Herzoginmutter immer das Geld legte. „Seht nur, Frau Tante“, sagte sie dazu. „Ich weiß nicht, wieviel von meinem Geld schon beim Spiel dort hineingewandert ist. Mit dieser Münzschnur habe ich noch keine halbe Stunde gespielt, da streckt das Geld im Kasten schon die Hand nach ihr aus. Wenn auch sie erst hineingewandert ist, brauche ich nicht mehr weiterzuspielen, dann hat die alte Ahne ihren Ärger überwunden und wird auch sicher eine ernsthafte Arbeit für mich haben, mit der sie mich wegschicken kann.“ Kaum daß sie ausgesprochen hatte, brachen die Herzoginmutter und alle anderen in ein nicht enden wollendes Gelächter aus. Im selben Moment brachte Ping-örl eine neue Münzschnur, weil sie befürchtete, Hsi-fëng werde mit ihrem Geld nicht auskommen. „Bei mir brauchst du es nicht hinzulegen“, sagte Hsi-fëng. „Leg es nur gleich der alten gnädigen Frau hin, damit es mit in ihren Kasten kommt. Das ist einfacher, da braucht sich das Geld im Kasten nicht zweimal zu bemühen!“ Die Herzoginmutter lachte so, daß sie die Spielkarten, die sie in der Hand hielt, über den ganzen Tisch verstreute, dann stieß sie Yüan-yang an und befahl ihr: „Schnell, zerreiß ihr den Mund dafür!“ Ping-örl legte das Geld hin, wie es Hsi-fëng befohlen hatte, lachte ein Weilchen mit und ging dann wieder hinaus. Am Hoftor traf sie Djia Liän, der sie fragte: „Wo ist die gnädige Frau? Der gnädige Herr hat mir befohlen, sie zu ihm zu bitten.“ Lächelnd antwortete Ping-örl: „Sie ist bei der alten gnädigen Frau und wagt sich nicht vom Fleck. Laß nur die Finger davon! Die alte gnädige Frau war die ganze Zeit über ärgerlich und ist gerade erst wieder halbwegs fröhlich geworden, nachdem unsere junge Herrin sie ein paarmal zum Lachen gebracht hat.“ „Ich werde sagen, ich wolle die Weisung der alten gnädigen Frau einholen, ob sie am vierzehnten Lai Da besucht, damit ich die Sänfte vorbereiten kann“, sagte Djia Liän. „So kann ich die gnädige Frau hinüberbitten und gleichzeitig der alten gnädigen Frau eine Freude machen. Ist das nicht gut?“ „Ich finde, du solltest nicht gehen“, beharrte Ping-örl lächelnd auf ihrer Meinung. „Die ganze Familie einschließlich der jüngeren gnädigen Frau und Bau-yüs hat sich Vorwürfe eingehandelt, du wirst auch etwas abbekommen!“ „Aber jetzt ist es doch vorbei“, sagte Djia Liän. „Meinst du, sie braucht noch jemand zur Ergänzung? Außerdem hatte es mit mir gar nichts zu tun. Und schließlich hat mir der gnädige Herr persönlich befohlen, die gnädige Frau zu holen. Wenn ich jemand anders deswegen schicke und er es erfährt, wird er das zum Vorwand nehmen, um seine schlechte Laune an mir auszulassen.“ Mit diesen Worten ging er los. Ping-örl sagte sich, daß er recht habe, und folgte ihm. Als Djia Liän in die Halle kam, bemühte er sich, leiser aufzutreten. Dann spähte er mit vorgestrecktem Kopf in den Innenraum und erblickte Dame Hsing, die noch immer stand. Hsi-fëng mit ihrem scharfen Blick war die erste, die Djia Liän bemerkte, und machte ihm ein Zeichen, nicht hereinzukommen. Dann gab sie auch Dame Hsing ein Zeichen, aber da diese nicht gut einfach fortgehen konnte, goß sie eine Schale Tee ein und stellte sie vor der Herzoginmutter auf den Tisch. Die Herzoginmutter wandte sich um, und weil Djia Liän nicht schnell genug den Kopf zurückgezogen hatte, fragte sie: „Wer ist da draußen? Es sah so aus, als ob da ein Junge den Kof hereingesteckt hätte.“ Rasch stand Hsi-fëng auf und sagte: „Mir war auch so, als ob ich einen Schatten gesehen hätte. Ich werde nachsehen!“ Mit diesen Worten ging sie zur Tür. Rasch kam Djia Liän herein und sagte: „Ich wollte fragen, ob die alte gnädige Frau am vierzehnten ausgeht, damit ich die Sänfte vorbereiten kann.“ „Wenn es so ist, warum bist du dann nicht hereingekommen, sondern spukst dort herum?“ fragte die Herzoginmutter. Lächelnd erklärte Djia Liän: „Als ich sah, daß Ihr Karten spielt, habe ich nicht gewagt, Euch zu stören, und wollte nur, daß meine Frau herauskommt, damit ich sie fragen kann.“ „Hast du es so eilig damit?“ erkundigte sich die Herzoginmutter. „Warte, bis sie nach Hause kommt, dann kannst du sie fragen, soviel du willst. Seit wann bist du so rücksichtsvoll? Ich weiß wirklich nicht, ob du nicht jemandes Zuträger oder Spion bist. Mit deiner Herumschleicherei hast du mir einen schönen Schreck eingejagt, du nichtswürdiger Kerl! Deine Frau spielt mit mir Karten, da hast du noch Zeit genug, nach Hause zu gehen und wieder einmal mit dem Weib von Dschau Örl etwas gegen sie auszuhecken!“ Alle brachen darüber in Gelächter aus, und Yüan-yang sagte lächelnd: „Das war die Frau von Bau Örl. Was für eine Frau von Dschau Örl bringt Ihr da ins Spiel, alte Ahne?“ „Richtig“, sagte die Herzoginmutter und lächelte ebenfalls. „Wie soll ich mir das merken, wer da auf den Armen getragen wird und wer auf dem Rücken! Die Erinnerung daran reicht, daß mir die Galle hochkommt. Seitdem ich als Frau eines Urenkels in die Familie gekommen bin, sind alles in allem vierundfünfzig Jahre vergangen, und jetzt bekommen schon meine eigenen Urenkel Frauen. In diesen Jahren habe ich auch schreckliche und merkwürdige Dinge erlebt, aber so etwas wie mit dir ist mir zum ersten Mal begegnet. Willst du nicht endlich verschwinden?“ Djia Liän wagte kein Wort zu erwidern und ging schnell hinaus. Dort stand Ping-örl am Fenster und sagte leise und mit lächelnder Miene zu ihm: „Auf mich wolltest du ja nicht hören, jetzt bist du hereingefallen!“ Als sie das eben sagte, kam auch Dame Hsing heraus, und Djia Liän sagte: „An allem ist nur der gnädige Herr schuld, aber wir müssen es ausbaden!“ „Dir werde ich helfen, du pflichtvergessener, nichtsnutziger Strolch!“ drohte Dame Hsing. „Daß dich der Donner erschlage! Andere Leute sterben für ihren Vater, du aber grollst schon, wenn du ein paar Worte gesagt bekommst. Willst du wohl endlich still sein! Er ist schon tagelang wütend, paß auf, daß er dich nicht schlägt!“ „Kommt schnell mit hinüber, gnädige Frau“, bat Djia Liän. „Es ist schon lange genug her, daß er mir befohlen hat, Euch zu ihm zu bitten.“ Mit diesen Worten begleitete er seine Mutter hinaus und in ihr Anwesen hinüber. Dame Hsing berichtete Djia Schë in knappen Worten, was sich ereignet hatte, und nun war er mit seiner Weisheit am Ende und war zugleich so beschämt, daß er sich unter dem Vorwand einer Krankheit nicht mehr bei der Herzoginmutter sehen ließ und nur Dame Hsing und Djia Liän jeden Tag zu ihr schickte, um ihr Grüße zu entbieten. Zum anderen blieb ihm nichts weiter übrig, als seine Leute überall auf die Suche zu schicken und sich schließlich für achthundert Liang Silber ein siebzehnjähriges Mädchen namens Yän-hung als Beischläferin zu kaufen. Mehr soll davon hier nicht die Rede sein. Bei der Herzoginmutter spielte man noch bis zum Abendessen Karten. Von den nächsten Tagen aber ist nichts zu berichten. Ehe man sich‘s versah, war der vierzehnte gekommen, und im Morgengrauen erschien Lai Das Frau, um noch einmal die Einladung zu erneuern. Froh gestimmt begab sich die Herzoginmutter mit Dame Wang, Tante Hsüä, Bau-yü und den Mädchen in Lai Das Garten, wo sie den halben Tag verbrachten. Dieser Garten konnte zwar mit dem Garten des Großen Anblicks nicht mithalten, war aber doch akkurat und geräumig. Mit seinen Felsen und Bäumen, Türmen und Pavillons wies er einige bemerkenswerte Partien auf. In der äußeren Halle saßen Hsüä Pan, Djia Dschën, Djia Liän, Djia Jung sowie einige nahe Verwandte. Die fernere Verwandtschaft war nicht erschienen, ebensowenig Djia Schë. Darüberhinaus aber hatte Lai Das Familie auch einige höhere Beamte und Söhne angesehener Familien eingeladen, damit sie den Djias Gesellschaft leisteten. Unter ihnen war auch ein gewisser Liu Hsiang-liän, an den Hsüä Pan unentwegt dachte, seitdem er ihn einmal gesehen hatte. Wie er in Erfahrung gebracht hatte, spielte Liu Hsiang-liän gern Theater, und da er stets junge Männer oder Frauen in Liebesstücken verkörperte, hielt er ihn fälschlicherweise für einen Lustknaben und hätte gern seine Bekanntschaft gemacht. Aber zu seinem Ärger hatte er nie Gelegenheit dazu gehabt. Als er ihn heute wiedertraf, war er vor Freude außer sich. Aber auch bei Djia Dschën und den anderen hatte der Name Liu Hsiang-liän einen guten Klang, und nachdem der Wein sie mutig gemacht hatte, baten sie ihn, ein paar Szenen zu spielen. Als er von der Bühne zurückkam, setzten sie sich mit ihm zusammen, fragten ihn dies und das und plauderten mit ihm über dieses und jenes. Liu Hsiang-liän stammte aus gutem Hause, doch er hatte es beim Lernen zu nichts gebracht, und seine Eltern waren beide früh verstorben. Er hatte einen offenen, edelmütigen Charakter und ließ sich nicht durch Kleinigkeiten einengen. Er war ein großer Freund von Lanzen- und Schwertübungen, spielte Glücksspiele, trank Wein, verkehrte in Freudenhäusern und machte auch gern Musik. Das war es, womit er sich beschäftigte. Weil er jung war und gut gewachsen, hielten ihn alle, die von seinem Stand nichts wußten, für einen Schauspieler. Lai Das Sohn Lai Schang-jung war seit langem mit Liu Hsiang-liän befreundet, darum hatte er ihn heute zur Gesellschaft mit eingeladen. Während sich aber die anderen auch nach dem Weingenuß noch im Zaum zu halten vermochten, verfiel Hsüä Pan wieder einmal in seinen alten Fehler, und das ärgerte Liu Hsiang-liän dermaßen, daß er bei der ersten Gelegenheit verschwinden wollte, um dem ein Ende zu machen. Lai Schang-jung aber wollte ihn um keinen Preis gehen lassen und sagte: „Eben hat mir der junge Herr Bau-yü gesagt, er habe dich zwar beim Hereinkommen gesehen, aber vor all den Leuten habe er nicht gut mit dir sprechen können. Er hat mich beauftragt, dir zu bestellen, du solltest nach dem Fest noch nicht weggehen, weil er mit dir reden möchte. Wenn du unbedingt fort willst, dann warte wenigstens, bis ich ihn geholt habe, damit ihr euch sehen könnt, ehe du gehst. So kann er mir keine Vorwürfe machen.“ Damit befahl er den Sklavenjungen, es solle jemand hineingehen und nach einer Sklavenfrau suchen, der er unauffällig sagen konnte, sie möchte den jungen Herrn Bau-yü herausbitten. Als der Knabe gegangen war, dauerte es nicht einmal so lange, wie man braucht, um eine Schale Tee zu trinken, da kam Bau-yü wirklich heraus, und Lai Schang-jung sagte lächelnd zu ihm: „Hier habt Ihr ihn, Onkel! Ich werde mich um die Gäste kümmern.“ Mit diesen Worten ging er schnurstracks davon, Bau-yü aber zog Liu Hsiang-liän mit sich in ein kleines Bibliothekszimmer neben der Halle, wo sie sich setzten. Dann fragte er: „Bist du in den letzten Tagen einmal an Tjin Dschungs Grab gewesen?“ „Aber ja“, erwiderte Liu Hsiang-liän. „Neulich waren wir mit ein paar Mann auf der Falkenjagd und waren dabei nur zwei Li von seinem Grab entfernt. Und weil ich mir sagte, es werde den heftigen Regenfällen dieses Sommers bestimmt nicht standgehalten haben, machte ich mich von den anderen los und ritt hin, um nachzusehen. Tatsächlich war es etwas ausgewaschen, und so habe ich mir, als ich wieder zu Hause war, ein paar hundert Bronzemünzen verschafft und bin drei Tage später in aller Frühe wieder hingeritten, habe zwei Leute angeheuert und das Grab in Ordnung gebracht.“ „So war das also!“ sagte Bau-yü. „Als im vorigen Monat bei uns im Teich die Lotoskapseln reif waren, habe ich zehn Stück gepflückt und Ming-yän damit zu Tjin Dschungs Grab geschickt, um sie als Opfer darzubringen. Als er zurückkam und ich ihn fragte, ob der Regen das Grab zerstört habe, sagte er, es sei nicht nur nicht zerstört, sondern sogar noch besser in Stand als zuvor. Da habe ich mir gedacht, einer von Tjin Dschungs Freunden müsse es in Ordnung gebracht haben. Ich ärgere mich nur, daß ich Tag für Tag zu Hause eingesperrt bin und in nichts mein eigener Herr sein darf. Sobald bekannt wird, daß ich etwas vorhabe, hält mich dieser zurück, oder jener rät mir ab, so daß ich nur reden und nichts tun kann. Und obwohl ich Geld habe, kann ich es nicht so ausgeben, wie ich möchte.“ „Aber du brauchst dich um diese Sache nicht zu kümmern“ tröstete ihn Liu Hsiang-liän. „Draußen bin ich ja da. Hauptsache ist, du denkst mit dem Herzen an ihn. Bald ist der erste Tag des zehnten Monats. Ich habe das Geld schon beiseite gelegt, das ich für ein Opfer an seinem Grab brauche. Du weißt, wie bitter arm ich bin und daß ich zu Hause keine Besitztümer angehäuft habe. Wenn ich wirklich einmal ein bißchen Geld habe, gebe ich es im Nu wieder aus. Darum war es das beste, hierfür rechtzeitig etwas aufzusparen, damit ich dann nicht mit leeren Händen dastehe.“
„Gerade deswegen wollte ich ja Ming-yän zu dir schicken“, sagte Bau-yü. „Aber du bist unstet wie Entengrütze und deshalb selten zu Hause. Einen ständigen Aufenthalt hast du nicht.“
Liu Hsiang-liän. Aus: Gai Qi 1879.
„Deswegen mußt du mich nicht suchen“, sagte Liu Hsiang-liän. „Jeder von uns tut, was er kann. Bald will ich sowieso fortgehen und erst in drei bis fünf Jahren wiederkommen.“
„Warum das?“ fragte Bau-yü sofort.
„Du weißt nicht, wie es in meinem Herzen aussieht“, sagte Liu Hsiang-liän mit kühlem Lächeln. „Wenn es soweit ist, wirst du es von selbst verstehen. Aber für heute will ich mich verabschieden.“
„Mit knapper Mühe haben wir uns einmal getroffen“, wandte Bau-yü ein. „Bleiben wir doch bis zum Abend zusammen! Wäre das nicht schöner?“
„Dein werter Vetter mütterlicherseits hat sich immer noch nicht geändert“, erklärte ihm Liu Hsiang-liän. „Wenn ich länger bleibe, gibt es unvermeidlich Ärger, darum ist es besser, ich gehe ihm aus dem Wege.“
Bau-yü dachte nach und stimmte dann zu: „In diesem Falle ist es wirklich das beste. Aber wenn du tatsächlich eine weite Reise antreten willst, mußt du mir vorher Bescheid geben. Auf keinen Fall darfst du dich einfach davonstehlen.“ Während er das sagte, liefen ihm die Tränen herunter.
„Natürlich werde ich mich verabschieden“, versprach Liu Hsiang-liän, „aber sag bloß niemand davon!“ Damit stand er auf, um zu gehen, und setzte dann noch hinzu: „Geh du nur wieder hinein, du mußt mich nicht hinausbegleiten!“ Und mit diesen Worten verließ er die Bibliothek.
Als er ans Tor kam, lärmte dort Hsüä Pan und fragte eben: „Wer hat Klein Liu weggehen lassen?“
Als Liu Hsiang-liän das hörte, tanzten vor Wut Sterne vor seinen Augen, und er hätte Hsüä Pan am liebsten mit einem Faustschlag erledigt. Aber dann sagte er sich, eine Schlägerei nach dem Weintrinken würde dem Ansehen von Lai Schang-jung schaden, und so beherrschte er sich.
Als Hsüä Pan den Gesuchten plötzlich vor sich sah, freute er sich, als ob er eine kostbare Perle gefunden hätte, kam torkelnd näher, faßte nach Liu Hsiang-liäns Arm und sagte lächelnd: „Wo willst du hin, Brüderchen?“
„Ich bin bald wieder da“, sagte Liu Hsiang-liän.
„Wenn du weg bist, macht es hier keinen Spaß mehr“, versicherte Hsüä Pan. „Bleib doch noch ein bißchen, damit ich sehe, daß du mich gern hast. Deine dringenden Besorgungen überlaß nur mir und hab keine Bange. Mit einem Bruder wie mir gibt es keine Schwierigkeiten mehr, selbst wenn du Beamter werden wolltest oder ein reicher Mann.“
Liu Hsiang-liän, der über dieses widerliche Benehmen ebenso wütend wie beschämt war, hatte inzwischen einen Plan erdacht. Darum zog er Hsüä Pan in einen abgelegenen Winkel und fragte lächelnd: „Hast du mich wirklich gern, oder tust du nur so?“
Als Hsüä Pan das hörte, hüpfte ihm vor Freude das Herz im Leibe, und er sagte mit einem schiefen Lächeln: „Wie kannst du das fragen?! Ich will auf der Stelle tot umfallen, wenn ich es nicht ernst meine!“
„Wenn das so ist, wäre es hier nicht bequem für uns“, erwiderte Liu Hsiang-liän. „Wir bleiben noch ein Weilchen, dann gehe ich vor, und du folgst mir zu mir nach Hause. Dort können wir die Nacht durchmachen. Ich habe auch zwei prima Jungen da, die noch nie mit Fremden zusammen waren. Du brauchst also niemand mitzubringen, für unsere Bedienung ist gesorgt.“
Vor Freude halb ernüchtert, fragte Hsüä Pan: „Aber ist das auch wahr?“
„Man offenbart dir sein Herz, und du glaubst einem nicht!“ empörte sich Liu Hsiang-liän.
„Doch, doch, ich bin ja nicht blöd“, beschwichtigte ihn Hsüä Pan lächelnd. „Warum sollte ich dir nicht glauben? Aber ich weiß nicht, wo ich dich suchen soll, wenn du vorreitest.“
„Meine Wohnung liegt außerhalb des Nordtors“, erklärte ihm Liu Hsiang-liän. „Wirst du es fertigbringen, eine Nacht fern von deiner Familie außerhalb der Stadt zu verbringen?“
„Was soll mir meine Familie, wenn ich dich habe!“ versicherte Hsüä Pan lächelnd.
„Gut“, sagte Liu Hsiang-liän, „ich warte an der Brücke außerhalb des Nordtors auf dich. Jetzt aber gehen wir an den Tisch zurück und trinken Wein. Du kommst erst nach, wenn du siehst, daß ich weg bin, so fällt es den andern nicht auf.“
Hsüä Pan war sofort einverstanden, und so kehrten sie zu der übrigen Gesellschaft zurück und tranken noch ein Weilchen. Hsüä Pan konnte sich kaum gedulden und ließ kein Auge von Liu Hsiang-liän. Derweil wurde ihm immer wohliger zumute, und er leerte eine Kanne nach der anderen, ohne daß ihn jemand auffordern mußte, und unvermerkt war er zu acht, neun Zehnteln betrunken.
Jetzt stand Liu Hsiang-liän auf und ging hinaus, wobei er den anderen mit den Augen ein Zeichen machte, ihn nicht zu begleiten. Draußen befahl er seinem Sklavenjungen Hsing-nu: „Du gehst nach Hause! Ich habe noch vor der Stadt zu tun und komme dann nach.“
Mit diesen Worten stieg er auf sein Pferd und ritt geradewegs zum Nordtor hinaus, wo er auf der Brücke Hsüä Pan erwartete. Es dauerte nicht einmal so lange, wie man braucht, um eine Schale Reis zu essen, da sah er Hsüä Pan auf einem kräftigen Pferd angetrabt kommen. Sein Mund stand offen, seine Augen stierten, und sein Kopf pendelte hin und her wie die Trommel eines Straßenhändlers. So ritt er an Liu Hsiang-liän vorbei, ohne ihn
Hsüä Pan. Aus: Jinyuyuan 1889b. zu bemerken, weil er nur in die Ferne starrte und nicht darauf achtete, was in seiner Nähe war. Trotz seines Zorns amüsiert, ließ Liu Hsiang-liän die Zügel locker und ritt Hsüä Pan hinterher. Als dieser merkte, daß die menschlichen Behausungen allmählich immer seltener wurden, hielt er sein Pferd an und machte kehrt, um noch einmal zu suchen. Aber kaum hatte er das Pferd gewendet, erblickte er Liu Hsiang-liän vor sich, und ihm war so, als ob ihm eine seltene Kostbarkeit in die Hände gefallen wäre. „Ich wußte doch, daß Verlaß auf dich ist!“ sagte er strahlend. „Schnell, reiten wir weiter!“ verlangte Liu Hsiang-liän mit lächelndem Gesicht. „Wir müssen achtgeben, daß uns niemand sieht. Es wäre unangenehm, wenn man uns folgte!“ Und damit setzte er sein Pferd wieder in Bewegung. Hsüä Pan hielt sich dicht hinter ihm. Als Liu Hsiang-liän sah, daß die Gegend vollends einsam war und ein schilfbewachsener Tümpel vor ihnen lag, stieg er ab und band sein Pferd an einen Baum. Lächelnd forderte er Hsüä Pan auf: „Steig du auch ab! Wir wollen zuerst einen Schwur leisten! Wer zum Verräter wird und etwas ausplaudert, an dem soll sich der Schwur erfüllen!“ „Das ist vernünftig“, stimmte Hsüä Pan zu, stieg vom Pferd und machte es ebenfalls an einem Baum fest. Dann kniete er nieder und sprach: „Wenn ich zum Verräter werde und etwas ausplaudere, soll der Himmel mich strafen, die Erde soll mich vernichten...“ Bevor er den Satz vollenden konnte, hörte er es auf einmal dröhnen, als ob ein eiserner Hammer sein Genick träfe, gleichzeitig wurde ihm schwarz vor Augen, und er sah goldene Sterne stieben. Ehe er sich‘s versah, lag er auf der Erde. Liu Hsiang-liän trat vor ihn hin und sah ihn sich an. Da er erkennen mußte, daß Hsüä Pan, schlaff wie ein Sack, es nicht gewohnt war, Prügel zu bekommen, schlug er ihm nur ein paarmal schwach ins Gesicht, das sich aber dadurch trotzdem so bunt färbte wie die Auslage eines Obstladens. Zuerst versuchte Hsüä Pan noch, wieder hochzukommen, aber als Liu Hsiang-liän ihn zweimal mit der Stiefelspitze antippte, lag er erneut auf der Erde und sagte: „Wir waren uns doch einig! Wenn du nicht wolltest, hättest du es ja sagen können. Warum mußtest du mich hierher locken und schlagen?“ Anschließend schimpfte er wie ein Rohrspatz. „Dir werde ich zeigen, du blinder Tropf, wer Herr Liu ist!“ drohte Liu Hsiang-liän. „Anstatt schön zu bitten, beleidigst du mich noch. Dich totzuschlagen wäre sinnlos, aber ordentlich besorgen will ich es dir!“ Er ging seine Peitsche holen und zog sie Hsüä Pan dreißig, vierzig Mal über Rücken und Beine. Hsüä Pan, der inzwischen schon wieder fast ganz nüchtern war, konnte sich den Schmerz nicht verbeißen und stöhnte ach und weh. „Ist das alles, was du kannst?“ höhnte Liu Hsiang-liän.sich aber dadurch trotzdem so bunt färbte wie die Auslage eines Obstladens. Zuerst versuchte Hsüä Pan noch, wieder hochzukommen, aber als Liu Hsiang-liän ihn zweimal mit der Stiefelspitze antippte, lag er erneut auf der Erde und sagte: „Wir waren uns doch einig! Wenn du nicht wolltest, hättest du es ja sagen können. Warum mußtest du mich hierher locken und schlagen?“ Anschließend schimpfte er wie ein Rohrspatz. „Dir werde ich zeigen, du blinder Tropf, wer Herr Liu ist!“ drohte Liu Hsiang-liän. „Anstatt schön zu bitten, beleidigst du mich noch. Dich totzuschlagen wäre sinnlos, aber ordentlich besorgen will ich es dir!“ Er ging seine Peitsche holen und zog sie Hsüä Pan dreißig, vierzig Mal über Rücken und Beine. Hsüä Pan, der inzwischen schon wieder fast ganz nüchtern war, konnte sich den Schmerz nicht verbeißen und stöhnte ach und weh. „Ist das alles, was du kannst?“ höhnte Liu Hsiang-liän. „Ich dachte, du könntest Schläge vertragen.“ Mit diesen Worten packte er Hsüä Pan am linken Bein und zerrte ihn ein paar Schritte durch eine Pfütze im Schilf, bis er über und über mit Schlamm bedeckt war. Dann fragte er: „Weißt du jetzt, wer ich bin?“ Hsüä Pan antwortete nicht. Er lag auf dem Bauch und stöhnte nur. Da warf Liu Hsiang-liän die Peitsche hin und traktierte ihn mit Faustschlägen, bis Hsüä Pan sich aufbäumte und schrie: „Du brichst mir die Rippen. Ich weiß, daß du ein anständiger Mensch bist. Ich hätte nicht darauf hören dürfen, was andere sagen.“ „Laß die andern aus dem Spiel, sag nur, was jetzt ist!“ befahl Liu Hsiang-liän. „Nichts ist“, erwiderte Hsüä Pan. „Du bist ein anständiger Mensch, und ich war im Unrecht.“ „Noch etwas sanfter!“ verlangte Liu Hsiang-liän. „Dann verzeihe ich dir!“ Hsüä Pan stöhnte, dann sagte er: „Lieber jüngerer Bruder!“ Liu Hsiang-liän versetzte ihm erneut einen Faustschlag. „Au!“ schrie Hsüä Pan, dann korrigierte er sich: „Lieber älterer Bruder!“ Noch einmal gab ihm Liu Hsiang-liän ein paar Faustschläge, bis Hsüä Pan unter Schmerzen rief: „Lieber gnädiger Herr, verzeiht mir meine Blindheit! In Zukunft will ich Euch ehren und achten!“ „Dann trink zwei Schluck von dem Wasser!“ befahl Liu Hsiang-liän. Hsüä Pan verzog das Gesicht. „Aber das Wasser ist furchtbar schmutzig“, sagte er. „Wie soll ich das runterkriegen?“ Liu Hsiang-liän hob die Faust und schlug zu. „Ich trinke, ich trinke“, versicherte ihm Liu Hsiang-liän eilig, beugte den Kopf vor und trank einen Schluck zwischen den Schilfwurzeln. Aber noch ehe er das Wasser hinuntergeschluckt hatte, brach er mit einem gurgelndem Geräusch alles aus, was er vorhin gegessen und getrunken hatte. „Dreckiger Kerl!“ schimpfte Liu Hsiang-liän. „Friß das auf, wenn ich dir verzeihen soll!“
Aus: Jinyuyuan 1889a. Als Hsüä Pan das hörte, schlug er in einem fort mit der Stirn auf den Boden und bat: „Seid doch gnädig und vergebt mir! Das kriege ich nicht herunter, und wenn ich sterben müßte!“
„Dein Gestank bringt mich um!“ sagte Liu Hsiang-liän, schleuderte Hsüä Pan beiseite, machte sein Pferd los, stieg auf und ritt davon.
Als Hsüä Pan sah, daß Liu Hsiang-liän fort war, fiel ihm ein Stein vom Herzen, und er bereute es, ihn so verkannt zu haben. Er wollte aufstehen, aber der ganze Körper tat ihm unerträglich weh. Nun war es Djia Dschën und den anderen bei Tisch aufgefallen, daß die beiden plötzlich verschwunden waren. Überall wurde erfolglos nach ihnen gesucht, und jemand glaubte zu wissen, sie seien zum nördlichen Stadttor hinausgeritten. Hsüä Pans Sklavenjungen aber hatten solche Angst vor ihm, daß sie ihn nicht zu suchen wagten, nachdem er ihnen befohlen hatte, sie sollten ihm nicht folgen. Schließlich schickte Djia Dschën aus lauter Sorge um ihn Djia Jung mit einigen seiner Sklavenjungen auf die Suche. Als sie zum Nordtor hinausgeritten waren und die Brücke mehr als zwei Li hinter ihnen lag, erblickten sie plötzlich Hsüä Pans Pferd, das neben einem verschilften Tümpel an einen Baum gebunden war. „Ein Glück!“ sagten sie. „Wenn das Pferd da ist, muß auch der Reiter da sein.“ Als sie zu dem Pferd kamen, hörten sie es im Schilf stöhnen und ritten rasch näher heran. Da erblickten sie Hsüä Pan, der sich mit zerrissenen Kleidern und zerschlagenem Gesicht schamlos wie ein Sumpfschwein im Schlamm wälzte. Djia Jung konnte sich die Sache zu neun Zehnteln zusammenreimen. Rasch stieg er vom Pferd und befahl den anderen, Hsüä Pan aufzuheben. Dann sagte er lächelnd: „Onkel Hsüä! Ihr seid wohl auf Eurer ständigen Suche nach Liebesabenteuern hier ins Schilf geraten? Bestimmt hat der Drachenkönig an Eurer Eleganz Gefallen gefunden und wollte Euch zu seinem Schwiegersohn machen. Aber dann müßt Ihr Euch wohl an seinen Drachenhörnern gestoßen haben.“ Hsüä Pan wäre vor Scham am liebsten im Erdboden versunken. Er war natürlich nicht imstande, aufs Pferd zu steigen, darum mußte Djia Jung jemanden zum Stadttor schicken und eine kleine Sänfte holen lassen, in der Hsüä Pan Platz nahm. Dann kehrten sie gemeinsam in die Stadt zurück, wo Djia Jung zu Hsüä Pan sagte, er wolle ihn wieder zu Lai Da tragen lassen, damit er weiter am Fest teilnehmen könne. Unter Bitten und Betteln verlangte Hsüä Pan von Djia Jung, er solle niemandem von der Sache erzählen. Schließlich gab Djia Jung nach und ließ Hsüä Pan allein nach Hause zurückbringen. Er aber begab sich wieder zu Lai Da und erstattete Djia Dschën Bericht. Djia Dschën konnte sich denken, daß Hsüä Pan die Prügel von Liu Hsiang-liän bezogen hatte, und sagte schmunzelnd: „Diesen Reinfall hat er verdient, das wird ihm guttun.“ Als das Fest am Abend zu Ende war, kam Djia Dschën, um Hsüä Pan zu besuchen. Hsüä Pan jedoch, der allein in seinem Schlafzimmer lag, um sich zu kurieren, ließ sich unter dem Vorwand, er sei krank, entschuldigen. Nachdem die Herzoginmutter zurückgekommen war und jeder sich in seine Räume begeben hatte, entdeckten Tante Hsüä und Bau-tschai, daß Hsiang-ling so geweint haben mußte, daß ihre Augen davon geschwollen waren. Als sie den Grund erfragt hatten und zu Hsüä Pan eilten, bemerkten sie die Wunden, die er im Gesicht und am Körper hatte, während Knochen und Muskeln unversehrt waren. Tante Hsüä war von Mitleid ergriffen und zugleich von Haß. Sie schimpfte abwechselnd auf Hsüä Pan und auf Liu Hsiang-liän und wollte Dame Wang von dem Vorfall Mitteilung machen, damit Leute ausgeschickt würden, um Liu Hsiang-liän zu fassen. Aber Bau-tschai riet ihr sofort davon ab. „Das ist doch keine so schwerwiegende Angelegenheit“ sagte sie, „sie haben zusammen getrunken und sind sich dann in die Haare geraten. Das kommt doch vor. Und daß ein Betrunkener ein paar Schläge einstecken muß, kann schon einmal passieren. Wie wild und zügellos unser Pan sich benimmt, weiß ein jeder. Aus Euch spricht jetzt nur das Mitleid, Mutter. Dabei ist es nicht schwer, den Ärger zu überwinden. Wenn Pan in ein paar Tagen wieder gesund ist und ausgehen kann, werden sich Herr Dschën und Herr Liän von drüben bestimmt nicht weigern, ein Essen zu geben und den Mann mit einzuladen. Dann muß er sich vor allen Leuten bei Pan entschuldigen, und damit ist der Fall erledigt. Wenn Ihr aber die Sache heute so groß herausstellt und jedermann zur Kenntnis bringt, wird es dagegen so aussehen, als ob Ihr voreingenommen und blind wärt in Eurer Mutterliebe und nichts dagegen hättet, wenn er Händel anfängt und die Leute herausfordert. Es hätte den Anschein, als würden Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, bloß weil er mal eine Schlappe einstecken mußte, und als würden wir, auf die Macht unserer Verwandtschaft gestützt, einfache Leute bedrücken.“ „Du hast recht, mein Kind“, sagte Tante Hsüä. „Der Ärger hatte mir die Sinne getrübt.“ „Es ist überhaupt ganz gut so“, sagte Bau-tschai lächelnd. „Pan hat weder Respekt vor Euch, noch hört er auf Ratschläge, die man ihm gibt. Wenn er so weitermacht und ihm so etwas noch ein paarmal zustößt, wird er wohl aufhören damit.“ Hsüä Pan aber fluchte vom Ofenbett her auf Liu Hsiang-liän, was das Zeug hielt, und befahl den Sklavenjungen, sie sollten hingehen und sein Haus einreißen, ihn totschlagen, ihn vor Gericht zerren... Tante Hsüä hielt die Sklavenjungen zurück und sagte, Liu Hsiang-liän habe sich in der Trunkenheit gehenlassen, habe alles bereut, als er wieder nüchtern gewesen sei, und sei aus Furcht vor Strafe geflohen. Als Hsüä Pan das hörte, begann sich sein Ärger allmählich zu legen. Wer wissen will, wie es weiterging, ...