Hongloumeng/de/Chapter 48

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Kapitel 48

滥情人情误思游艺

慕雅女雅集苦吟诗

Erst als Hsüä Pan das hörte, begann sich also sein Ärger allmählich zu legen. Nach einigen Tagen ließen die Schmerzen nach, aber die Wunden waren noch nicht verheilt, darum schützte Hsüä Pan eine Krankheit vor und blieb zu Hause, weil er sich schämte, Verwandten und Freunden in diesem Zustand gegenüberzutreten. Ehe man sich‘s versah, hatte der zehnte Monat begonnen, und da einige der Angestellten aus seinen Geschäften die Jahresendabrechnungen vornah­men, um dann nach Hause zu reisen, kam Hsüä Pan nicht umhin, Abschieds­essen für sie zu geben. Unter diesen Angestellten war auch ein gewisser Dschang Dë-huee, der schon über sechzig Jahre alt war und von jung auf als Geschäftsführer in der Pfandleihe der Hsüäs arbeitete. Sein Besitz belief sich auf zwei- oder dreitausend Liang Silber. Jetzt hatte er vor, nach Hause zu fahren und erst im Frühjahr wiederzukommen. Darum sagte er: „In diesem Jahr waren Opferpa­pier und Duftholzartikel knapp, darum werden sie im nächsten Jahr bestimmt teuer werden. Nach Neujahr schicke ich zunächst meinen ältesten Sohn her, damit er in der Pfandleihe die Aufsicht führt, ich aber komme erst zum Drachenbootfest und kaufe unterwegs Opferpapier und Duftholzfächer ein. Nach Abzug der Abgaben und Unkosten wird das einen mehrfachen Gewinn ergeben.“ Als Hsüä Pan das hörte, sagte er sich, „seit ich die Prügel bezogen habe, kann ich mich nicht mehr sehen lassen. Darum würde ich mich gern für ein Jahr oder ein halbes verborgen halten, bloß weiß ich nicht wo. Wenn ich mich Tag für Tag krank stelle, ist das auch keine Art. Außerdem habe ich es bisher weder zu einem zivilen noch zu einem militärischen Amt gebracht, obwohl ich alt genug dazu bin. Ich nenne mich zwar Händler, habe aber noch nie eine Balkenwaage oder ein Rechenbrett in der Hand gehabt. Die Gegenden und ihre Sitten, die Wege nah und fern kenne ich auch nicht. Darum ist es das beste, ich nehme ebenfalls etwas Kapital und gehe für ein Jahr mit Dschang Dë-huee zusammen auf Reisen! Egal, ob ich dabei etwas verdiene oder nicht, kann ich doch der Schande entgehen, und ein paar Landschaften kennenzulernen ist auch nicht schlecht.“ Nachdem er diesen Entschluß gefaßt hatte, machte er nach dem Festmahl Dschang Dë-huee damit bekannt und befahl ihm, noch ein paar Tage zu warten, damit sie gemeinsam aufbrechen könnten. Am Abend teilte Hsüä Pan den Plan seiner Mutter mit. Obwohl sie sich darüber freute, hatte sie doch auch Angst, er könnte in der Fremde irgend etwas anstellen, wobei es noch das wenigste war, wenn er nur das Geld ausgab. Deshalb wollte sie ihn nicht ziehen lassen und sagte: „Solange du bei mir bist, bin ich ruhiger. Und wozu mußt du Handel treiben? Auf ein paar hundert Liang Silber sind wir nicht angewiesen. Wenn du stillvergnügt zu Hause bleibst, ist das mehr wert als dieses Silber.“ Aber wie konnte Hsüä Pan noch nachgeben, nachdem sein Entschluß einmal gefaßt war! Darum sagte er: „Tag für Tag heißt es, ich kennte mich nicht aus in der Welt, wisse dieses nicht und hätte jenes nicht gelernt. Jetzt habe ich mich entschlossen, mit allem Unnötigen zu brechen und das Handelsgeschäft zu erlernen, um ein ordentlicher Mensch zu werden, der es zu etwas bringt, und da erlaubst du es nicht. Was soll ich denn machen? Ich bin doch kein Mädchen, daß du mich zu Hause einsperrst, wer weiß wie lange. Außerdem ist Dschang Dë-huee alt und tugendhaft, seine Familie ist mit der unseren schon seit Generationen bekannt. Wie könnte ich also Fehler machen, wenn ich mit ihm zusammen reise? In dem Augenblick, wo ich etwas nicht richtig mache, wird er es mir sagen und mir Ratschläge geben. Über alle Warenpreise und Marktverhältnisse weiß er Bescheid. Ich werde ihn natürlich nach allem fragen, und so wird auch alles glatt gehen. Wenn du mich nicht fortläßt, werde ich in ein paar Tagen heimlich meine Sachen packen und verschwinden, ohne etwas zu sagen. Wenn ich dann nächstes Jahr als reicher Mann zurückkomme, wirst du wissen, wer ich bin.“ Mit diesen Worten ging er wütend schlafen. Tante Hsüä aber beriet sich mit Bau-tschai, und diese sagte ihr lächelnd: „Wenn er sich wirklich mit etwas Ordentlichem beschäftigen will, ist es doch gut. Nur, wenn er jetzt zu Hause schöne Reden führt und dann in der Fremde wieder in seine alten Fehler verfällt, ist es noch schwerer, ihn zu zügeln. Aber darüber dürft Ihr Euch keine allzu großen Sorgen machen. Wenn er sich wirklich ändert, ist es das größte Glück seines Lebens, und wenn er sich nicht ändert, könnt Ihr auch nichts machen. Zur Hälfte liegt es in menschlicher Kraft und zur Hälfte im Schicksal, wie es der Himmel bestimmt. Wenn Ihr ihn, groß wie er ist, nicht gehen lassen wollt, weil Ihr Angst habt, er kenne sich nicht aus in der Welt, könne deshalb nicht unter die Leute und verstehe nicht zu handeln, könnt Ihr ihn wohl jetzt zu Hause einsperren, aber im nächsten Jahr ist es wieder dasselbe. Wenn er heute so verständige Reden führt, solltet Ihr achthundert oder eintausend Liang Silber riskieren, die Ihr ihm gebt, damit er sein Glück probieren kann. Schließlich hat er ja die Angestellten, die ihm helfen können und die sich bestimmt schämen würden, ihn zu betrügen. Unterwegs hat er auch niemand um sich, der ihn zu etwas aufstacheln könnte oder auf den er sich bei so etwas stützen könnte. Wer wird also Angst haben vor ihm? Hat er etwas, dann kann er essen, hat er nichts, muß er hungern. Wenn er sieht, daß er ganz auf sich gestellt ist, wird er vielleicht weniger anrichten als zu Hause.“ Tante Hsüä dachte ein Weilchen darüber nach, dann sagte sie: „Du hast recht! Es lohnt sich schon, eine Kleinigkeit auszugeben, damit er ein wenig zu Verstand kommt.“ So war die Sache entschieden, und über den Rest der Nacht ist nichts zu berichten. Am nächsten Tag schickte Tante Hsüä einen Boten, um Dschang Dë-huee einzuladen, und befahl Hsüä Pan, ihn im Bibliothekszimmer mit Wein und Speisen zu bewirten. Sie selbst nahm im hinteren Wandelgang Platz und belehrte Dschang Dë-huee wortreich durchs Fenster, wie er auf Hsüä Pan achtgeben sollte. Dschang Dë-huee versprach alles, und als er sich nach dem Essen verabschiedete, sagte er noch: „Der vierzehnte ist ein außerordentlich glückverheißender Tag für den Antritt einer Reise. Bereitet also das Gepäck vor und mietet Maultiere, damit wir uns am vierzehnten in aller Frühe auf den Weg machen können!“ Hsüä Pans Freude kannte keine Grenze, und er teilte die Nachricht Tante Hsüä mit, die sich sofort mit Bau-tschai, Hsiang-ling und zwei alten Sklavenfrauen daranmachte, sein Reisegepäck vorzubereiten. Zur Begleitung gab sie ihm den Mann seiner alten Amme, zwei erfahrene Diener und zwei Sklavenjungen aus seinem ständigen Gefolge mit, so daß sie insgesamt zu sechst waren. Gemietet wurden drei große Wagen für das Gepäck und vier Reisemaultiere. Hsüä Pan selbst ritt ein kräftiges eisenfarbenes Maultier aus dem eigenen Stall, und zur Reserve nahm er noch ein Reitpferd mit. Welche Ratschläge und Ermahnungen Hsüä Pan von Tante Hsüä und Bau-tschai bekam, nachdem alle Vorbereitungen getroffen waren, braucht hier nicht erzählt zu werden. Am dreizehnten verabschiedete sich Hsüä Pan zuerst von seinem Onkel, dann ging er hinüber und verabschiedete sich auch von allen Angehörigen der Familie Djia. Natürlich luden ihn Djia Dschën und die anderen noch zu einem Abschiedsessen ein, aber auch davon soll hier nicht näher erzählt werden. Am Morgen des vierzehnten wurde Hsüä Pan von Tante Hsüä und Bau-tschai bis vor das Innentor begleitet, wo sie ihm noch aus vier weinenden Augen nachsahen, ehe sie wieder hineingingen. Als Tante Hsüä seinerzeit in die Hauptstadt gekommen war, hatte sie nur vier oder fünf Dienerfamilien mitgebracht, dazu zwei, drei alte Ammen und ein paar Sklavenmädchen. Nach Hsüä Pans Abreise waren in den äußeren Gemächern nur noch ein oder zwei Diener übrig, darum begab sich Tante Hsüä noch am selben Tag in die Bibliothek und ließ alle Ausstattungsstücke und Antiquitäten, Vorhänge und Bezüge nach drinnen schaffen und dort verwahren. Die Frauen der beiden erwachsenen Diener, die Hsüä Pan begleiteten, mußten nach drinnen umziehen und hier schlafen. Auch Hsiang-ling erhielt den Befehl, ihre Zimmer sorgfältig aufzuräumen und abzuschließen. Nachts sollte sie bei Tante Hsüä schlafen. Da sagte Bau-tschai: „Ihr habt schon mehrere Frauen zur Gesellschaft, Mutter. Darum ist es das beste, wenn Schwester Hsiang-ling mir Gesellschaft leistet. Bei uns im Garten ist es menschenleer, die Nächte werden länger, und ich mache jeden Abend Handarbeiten. Ist es da nicht besser, wenn ich noch jemand bei mir habe?“ „Richtig!“ sagte Tante Hsüä lächelnd. „Daran hatte ich nicht gedacht, sie muß zu dir ziehen. Neulich sprach ich noch mit deinem Bruder darüber, daß Wën-hsing klein und unverständig ist undYing-örl allein zu deiner Bedienung nicht ausreicht. Darum wollte ich noch eine Magd für dich kaufen.“ „Wenn man eine kauft, weiß man nie, was man sich da einhandelt“, erwiderte Bau-tschai. „Gesetzt den Fall, daß man sich in ihr täuscht, ist das aufgewendete Geld noch das wenigste. Vor dem Ärger muß man sich hüten. Darum wollen wir uns in aller Ruhe erkundigen und eine Magd erst kaufen, wenn wir über sie Bescheid wissen!“ Dann befahl sie Hsiang-ling, sie solle ihr Bettzeug und ihre Toilettenartikel zusammenpacken, und gab einer der alten Ammen den Auftrag, die Sachen mit Dschën-örl zusammen in den Haselwurzpark zu tragen. Anschließend ging sie mit Hsiang-ling in den Garten hinüber. „Ich wollte schon mit der jungen gnädigen Frau sprechen, ob ich Euch Gesellschaft leisten darf, wenn der junge Herr fort ist“, sagte Hsiang-ling. „Aber ich hatte Angst, die junge gnädige Frau könnte mißtrauisch sein und sagen, ich sei nur begierig darauf, mich im Garten zu vergnügen. Jetzt aber habt Ihr es vorgeschlagen.“

Aus: Jinyuyuan 1889b. „Ich wußte, daß dir der Garten nicht erst seit gestern oder heute gefällt“, erwiderte Bau-tschai lächelnd, „aber es hatte sich nie ein Anlaß ergeben. Und immer nur in aller Eile einmal herüberzukommen ist auch nicht das Richtige. Nutze also die Gelegenheit und bleib einfach das ganze Jahr! So habe ich Gesellschaft, und du kannst dir deinen Wunsch erfüllen.“ „Liebes Fräulein, dann bringt mir bitte in dieser Zeit auch das Dichten bei!“ bat Hsiang-ling lächelnd. „Ich muß schon sagen!“ entgegnete Bau-tschai, „kaum hast du Lung erobert, schaust du nach Schu . Ich rate dir, heute am ersten Tag durch das östliche Innentor zur alten gnädigen Frau und allen andern hinüberzugehen und überall deinen Gruß zu entbieten. Du mußt nicht extra erzählen, daß du in den Garten gezogen bist. Nur wenn dich jemand nach dem Grund fragen sollte, sagst du beiläufig, ich hätte dich zu meiner Gesellschaft mitgebracht, weiter nichts. Und wenn du dann wieder im Garten bist, mußt du auch die anderen Fräulein begrüßen gehen.“ Hsiang-ling sagte: „Jawohl!“, und sie wollten eben weitergehen, als sie plötzlich Ping-örl erblickten, die ihnen eiligen Schrittes entgegenkam. Hsiang-ling begrüßte sie rasch, und so mußte Ping-örl den Gruß lächelnd erwidern. „Ich habe sie eben mit in den Garten gebracht, damit sie mir Gesellschaft leistet“, erklärte Bau-tschai. „Gerade wollte ich deiner jungen Herrin Bescheid sagen gehen.“ „Was sagt Ihr da, Fräulein?“ erwiderte Ping-örl lächelnd. „Ich weiß gar nicht, was ich Euch antworten soll.“ “Aber wieso?“ sagte Bau-tschai. „So muß es doch sein. Jeder Gasthof hat seinen Wirt und jeder Tempel seinen Vorsteher. Wenn es auch weiter keine schwerwiegende Angelegenheit ist, muß man doch darüber Mitteilung machen, damit die Nachtwachen Bescheid wissen und darauf achten, wenn sie die Tore schließen. Übermittle du es bitte, wenn du zurückgehst, dann brauche ich deshalb niemand zu schicken.“ Ping-örl versprach es ihr, dann fragte sie Hsiang-ling lächelnd: „Willst du nicht auch deinen neuen Nachbarn die Aufwartung machen?“ „Das hatte ich ihr eben schon gesagt“, erklärte Bau-tschai lächelnd. „Aber zu uns solltest du nicht kommen!“ sagte Ping-örl. „Unser junger Herr liegt krank.“ Hsiang-ling versprach, darauf zu achten, und ging als erstes zur Herzoginmutter. Aber davon braucht hier nicht erzählt zu werden. Als Ping-örl sah, daß Hsiang-ling fort war, faßte sie nach Bau-tschais Hand und fragte: „Habt Ihr schon gehört, was es bei uns gegeben hat?“ „Nein“, sagte Bau-tschai, „wir waren dieser Tage damit beschäftigt, die Reisevorbereitungen für meinen Bruder zu treffen, darum weiß ich nicht, was es hier Neues gibt. Auch meine Kusinen habe ich in den letzten Tagen nicht gesehen.“ „Dann wißt Ihr noch gar nicht, daß der gnädige Herr unsern jungen Herrn so geschlagen hat, daß er sich nicht mehr rühren kann?“ fragte Ping-örl lächelnd. „Heute früh habe ich wohl so etwas gehört“, sagte Bau-tschai, „aber ich glaubte es nicht. Eben wollte ich zu deiner jungen Herrin gehen, und da kamst du gerade. Warum hat er ihn denn wieder geschlagen?“ Zähneknirschend schimpfte Ping-örl: „An allen ist nur dieser Djia Yü-tsun schuld oder wie er heißt, dieser Bastard und Hungerleider, von dem keiner weiß, woher er eigentlich stammt. Noch keine zehn Jahre ist er mit der Herrschaft bekannt, aber wieviel ist seinetwegen schon passiert! Dieses Jahr im Frühling hat der gnädige Herr irgendwo ein paar alte Fächer gesehen, und als er nach Hause kam und sich hier seine Fächersammlung ansah, taugten all die schönen Fächer nichts mehr. Er hat sofort seine Leute überall auf die Suche geschickt, und tatsächlich haben sie einen hirnverbrannten Unglücksraben gefunden, der von allen nur ‚Schï der Tor‘ genannt wird. Er ist so arm, daß er nichts zu beißen hat, aber er hat zwanzig alte Fächer in seinem Besitz, von denen er sich jedoch um nichts in der Welt trennen will. Es hat unsern jungen Herrn wer weiß wieviel Mühe gekostet, bis er mit diesem Mann zusammenkam und dieser ihn nach langem Hin und Her zu sich nach Hause einlud, wo er seine Fächer hervorgeholt und ihm kurz gezeigt hat. Wie unser junger Herr sagte, gibt es solche Fächer kein zweites Mal. Sie sind alle aus geflecktem Bambus, aus Palm-, Hirsch- oder Jadebambus und mit echten Kalligraphien und Bildern alter Meister geschmückt. Als er das dem gnädigen Herrn berichtete, hat der ihm befohlen, sie um jeden Preis für ihn zu erwerben. Schï der Tor aber hat gesagt: ‚Selbst wenn ich verhungern oder erfrieren muß, verkaufe ich die Fächer nicht, auch nicht für tausend Liang das Stück.‘ Da konnte der gnädige Herr nichts machen und hat nur Tag für Tag unsern jungen Herrn beschimpft, er sei unfähig. Er war schon so weit, daß er fünfhundert Liang Silber im voraus zahlen wollte, ohne die Fächer bekommen zu haben, aber Schï der Tor wollte sie nicht verkaufen.

Djia Schë mit seinem Sohn Djia Liän. Aus: Jinyuyuan 1889b. Er sagte: ‚Wenn ihr mir die Fächer nehmen wollt, müßt ihr mir zuerst das Leben nehmen.‘ Überlegt nur, konnte man da wohl etwas machen? Aber dann erfuhr dieser ehrvergessene Djia Yü-tsun davon und dachte sich folgendes aus. Er behauptete einfach, Schï der Tor sei den Behörden Geld schuldig, ließ ihn in sein Amtsgebäude bringen und ordnete an,sein Besitz solle verkauft werden, um die Schuld zu begleichen. Dann hat er die Fächer beschlagnahmt, einen amtlichen Preis dafür festgesetzt und sie hierher geschickt. Ob Schï der Tor jetzt noch am Leben ist, weiß ich nicht. Als der gnädige Herr die Fächer hatte, fragte er unsern jungen Herrn: ‚Warum hat denn er sie bekommen?‘ Und unser junger Herr gab ihm zur Antwort: ‚Heißt das etwa fähig sein, wenn man so einer Nichtigkeit wegen einen Menschen ins Unglück stürzt?‘ Als der gnädige Herr das hörte, wurde er wütend und sagte, der junge Herr versuche, ihn ins Unrecht zu setzen. Das war der Hauptgrund. Außerdem gab es in den letzten Tagen noch ein paar kleinere Vorfälle, an die ich mich schon nicht mehr erinnern kann. So kam eins zum andern, und schließlich hat er ihn geschlagen, aber nicht im Liegen mit Stock oder Prügel, sondern im Stehen, und ich weiß gar nicht womit. Wie wild hat er auf ihn eingeschlagen, so daß er selbst im Gesicht zwei Wunden hat. Nun haben wir gehört, die Frau Tante habe eine Sorte Arzneikugeln, mit der man Schlagverletzungen behandeln kann. Holt uns doch schnell so eine Kugel, Fräulein!“ Kaum daß Bau-tschai dies vernommen hatte, erteilte sie Ying-örl den Befehl, eine von den Arzneikugeln zu holen und sie Ping-örl zu geben. Dann sagte sie: „Bestell einen Gruß von mir, ich komme dann nicht!“ Ping-örl versprach es, und mehr soll davon hier nicht die Rede sein. Als Hsiang-ling alle begrüßt und dann zu Abend gegessen hatte, war Bau-tschai inzwischen mit den anderen zur Herzoginmutter gegangen, darum begab sich Hsiang-ling in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Dai-yü ging es inzwischen viel besser, und als sie erfuhr, auch Hsiang-ling sei in den Garten gezogen, freute sie sich natürlich. Da sagte Hsiang-ling lächelnd: „Jetzt habe ich auch Zeit. Wenn Ihr mir jetzt das Dichten beibringt, wäre ich glücklich.“ „Dann mußt du mich zunächst förmlich als deine Lehrerin anerkennen“, verlangte Dai-yü. „Ich bin zwar auch nicht perfekt, aber um dich zu lehren, langt es wohl hin.“ „Ich respektiere Euch als Lehrerin“, sagte Hsiang-ling lächelnd, „aber Ihr dürft nicht ungeduldig werden mit mir.“ „Was ist schon Schwieriges daran, was man erlernen müßte“, sagte Dai-yü. „Es ist doch nur Auftakt, Anknüpfung, Wendung und Beschluß, wobei Anknüpfung und Wendung durch zwei Parallelsätze gebildet werden. Den flachen Tönen stehen schräge gegenüber, den bedeutungstragenden Wörtern Füllwörter und umgekehrt. Ist man aber auf eine außergewöhnliche Zeile gekommen, spielt es nicht einmal eine Rolle, wenn diese Gegenüberstellungen fehlen.“ Lächelnd erwiderte Hsiang-ling: „Da ist es kein Wunder, daß es in dem alten Gedichtband, den ich immer bei mir hatte, um in freien Momenten ein, zwei Gedichte zu lesen, sowohl solche gab, in denen die Gegenüberstellung sehr streng gehandhabt war, als auch solche, in denen sie fehlte. Ich habe auch gehört, bei der ersten, dritten und fünften Silbe einer Zeile könne man die Tonhöhe vernachlässigen, bei der zweiten, vierten und sechsten aber müsse man sie beachten. Doch in den Gedichten der Alten habe ich bemerkt, daß sich die einen daran halten, während es bei den andern auch bei der zweiten, vierten und sechsten Silbe Abweichungen gibt. Darüber habe ich mich immer gewundert. Nachdem ich jetzt Eure Erklärung gehört habe, weiß ich, daß die Formen und Regeln nicht so wichtig sind, Hauptsache, daß die Verszeilen neuartig und außergewöhnlich sind.“ „So ist es“, bestätigte Dai-yü, „und nicht einmal darauf kommt es an, das Wichtigste ist die Grundidee. Wenn die richtig ist, müssen auch die Sätze nicht wohlgeordnet sein, und trotzdem ist es ein gutes Gedicht. Dazu sagt man, der Sinn darf durch den Satzbau nicht Schaden leiden.“ Darauf bekannte Hsiang-ling: „Ich mag die Zeilen von Lu You ‚Den Doppelvorhang nicht eingerollt, hält sich der Weihrauch lange, im alten Reibstein, leicht vertieft, sammelt sich Tusche genug.‘ Das ist wirklich gut gesagt.“ „An solchen Gedichten darfst du dir kein Beispiel nehmen“, warnte Dai-yü. „Weil du keine Ahnung hast, gefallen dir solche seichten Dinge, und wenn du dir diese Form einmal angewöhnt hast, kommst du nicht mehr davon los. Hör zu, was ich dir sage! Wenn du es wirklich lernen willst, gebe ich dir hier ‚Wang Mo-djiäs gesammelte Werke‘ , darin liest du einhundert fünfsilbige Regelgedichte und läßt sie dir sorgsam durch den Kopf gehen, bis du völlig vertraut damit bist. Dann liest du ein- bis zweihundert siebensilbige Regelgedichte von Du dem Älteren und anschließend genausoviel siebensilbige Vierzeiler von Li Tjing-liän . Wenn du diese drei als Basis intus hast, kannst du noch Tau Yüan-ming , Ying Yang , Hsiä , Juan , Yü und Bau lesen. Flink und klug, wie du bist, brauchst du keine Sorge zu haben, daß du nicht in weniger als einem Jahr eine Dichterin bist.“ Dai-yü befahl Dsï-djüan, ihr die fünfsilbigen Regelgedichte von Wang Mo-djiä zu bringen, reichte sie Hsiang-ling und erklärte dazu: „Du liest nur die Gedichte, die mit einem roten Kringel gekennzeichnet sind. Die Auswahl ist von mir. Lies sie eins nach dem andern, und wenn du etwas nicht verstehst, fragst du dein Fräulein danach, oder ich erkläre es dir, wenn du mich triffst.“ Hsiang-ling kehrte mit dem Gedichtband in den Haselwurzpark zurück und las im Lampenschein Gedicht auf Gedicht. Für alles andere hatte sie keinen Sinn mehr. Und obwohl Bau-tschai ihr schon ein paarmal gesagt hatte, sie solle schlafen gehen, legte sie sich nicht hin. Angesichts so ernster Entschlossenheit ließ Bau-tschai sie gewähren. Eines Morgens, als Dai-yü sich eben erst frisiert und gewaschen hatte, brachte ihr Hsiang-ling freudestrahlend das Buch zurück und wollte dafür die Gedichte von Du Fu haben. „Wie viele hast du davon behalten?“ erkundigte sich Dai-yü lächelnd. „Ich habe alle gelesen, die rot angekringelt sind“, versicherte Hsiang-ling und lächelte ebenfalls. „Und hast du auch ein wenig verstanden, worin dabei das Besondere liegt?“ fragte Dai-yü weiter. „Verstanden habe ich schon etwas“, sagte Hsiang-ling, „ich weiß aber nicht, ob es das Richtige ist. Ich will es Euch vortragen.“ „Ja, gut“, stimmte Dai-yü zu, „nur wenn man sich in die Dinge vertieft und sich darüber ausspricht, kann man Fortschritte machen. Also sprich, und ich höre zu.“ „Meiner Meinung nach“, sagte Hsiang-ling, „ist es der Vorzug dieser Gedichte, daß sie etwas ausdrücken, was man nicht in Worte fassen kann, was jedoch sehr wahr ist, wenn man darüber nachdenkt. Sie erscheinen sinnlos, aber wenn man es sich überlegt, enthalten sie Sinn und Gefühl.“ „Du hast gar nicht so unrecht“, bestätigte Dai-yü lächelnd. „Doch ich weiß nicht, woran du das siehst.“ „Zum Beispiel an dem Parallelsatzpaar in dem Gedicht ‚An der Grenze‘“, sagte Hsiang-ling, „wo es heißt: ‚Steil der einsame Rauch in der Wüste, rund die sinkende Sonne am Fluß.‘ Da sagt man sich, wie kann der Rauch steil sein, und natürlich ist die Sonne rund. Das Wort ‚steil‘ erscheint einem sinnlos, und das Wort ‚rund‘ erscheint profan. Wenn man aber das Buch zuklappt und sich die Sache bildlich vorstellt, kommt es einem so vor, als ob man es selbst gesehen hätte, und die beiden Wörter lassen sich nicht durch andere ersetzen. Oder das: ‚Die Sonne sinkt, es bleichen Strom und See, die Fluten steigen, es dunkeln Himmel und Erde.‘ Die beiden Wörter ‚bleichen‘ und ‚dunkeln‘ scheinen keinen Sinn zu geben, aber wenn man es sich überlegt, müssen es diese beiden Wörter sein, damit die Stimmung zum Ausdruck kommt, und wenn man das liest, glaubt man, eine tausend Djin schwere Kanariennuß im Mund zu spüren. Oder auch das: ‚Über der Furt schwebt die sinkende Sonne, aus dem Dorf steigt ein einsamer Rauch.‘ Wie er hier wohl auf die Wörter ‚schwebt‘ und ‚steigt‘ gekommen ist? Als wir damals auf dem Weg in die Hauptstadt waren, haben wir eines Abends mit dem Boot in einer Bucht angelegt. Am Ufer war kein Mensch zu sehen, nur ein paar Bäume standen dort, und weit in der Ferne wurde in einigen Häusern das Abendessen gekocht. Der Rauch war blau und stieg in gerader Linie bis zu den Wolken auf. Als ich gestern abend die beiden Zeilen las, war es mir, als ob ich wieder dort an dem Ufer wäre.“ Während sie das sagte, waren Bau-yü und Tan-tschun hereingekommen und hatten sich hingesetzt und ihre Erklärung mit angehört. Lächelnd sagte Bau-yü jetzt: „Du brauchst weiter keine Gedichte zu lesen. ‚Nicht die Menge macht das Verständnis.‘ Daraus, wie du diese beiden Zeilen erklärt hast, ist zu sehen, daß du den Kern der Sache erfaßt hast.“ „Du hast gesagt, der Satz ‚Aus dem Dorf steigt ein einsamer Rauch‘ sei gut“, schaltete Dai-yü sich ein. „Dabei weißt du nicht, daß es ein Vorbild dafür gibt, dem er nachgeformt ist. Ich will dir die Stelle zeigen, sie ist noch nüchterner und ausgereifter.“ Mit diesen Worten blätterte sie in den Gedichten von Tau Yüan-ming, bis sie die Stelle gefunden hatte ‚In der Ferne unklar die Hütten, darüber verschwommen der Rauch.‘ Sie zeigte sie Hsiang-ling, und als sie diese gelesen hatte, nickte sie und sagte lächelnd und mit einem Seufzer der Bewunderung: „Da steht also das Wort ‚steigt‘ anstelle von ‚verschwommen‘!“ Lachend lobte Bau-yü: „Du hast alles begriffen! Wenn wir noch weiter darüber sprechen, bringen wir nur Verwirrung hinein. Also fang an, selber Gedichte zu schreiben, bestimmt werden sie gut.“ Und Tan-tschun setzte hinzu: „Morgen schreibe ich einen Brief und fordere dich auf, unserm Bund beizutreten.“ „Warum müßt Ihr Euch über mich lustig machen, Fräulein?“ fragte Hsiang-ling. „Es ist doch nur, daß ich Gefallen daran habe und zum Spaß versuche, es zu lernen.“ „Und wer macht es nicht nur zum Spaß?“ hielten ihr Tan-tschun und Dai-yü lächelnd entgegen. „Sind wir vielleicht richtige Dichter? Wenn wir das behaupten wollten, und unsere Gedichte würden außerhalb des Gartens bekannt, würden sich die Leute die Zähne aus dem Mund lachen.“ „Jetzt seid ihr aber zu kleinmütig“, protestierte Bau-yü. „Als ich neulich mit den jungen Freunden des gnädigen Herrn wegen des Bildes sprach und sie hörten, wir hätten einen Dichterbund gegründet, baten sie mich, ihnen unsere Manuskripte zu zeigen. Also habe ich ein paar von unsern Gedichten abgeschrieben und sie ihnen zu lesen gegeben. Und sie waren einer wie der andere ehrlich voll Lob und Begeisterung. Sie haben sich die Gedichte kopiert, um sie drucken zu lassen.“ „Ist das wahr?“ fragten Tan-tschun und Dai-yü sofort. „Wenn hier jemand lügt, dann nur der Papagei dort auf der Stange“, erwiderte Bau-yü lächelnd. „Du weißt wirklich nicht, was du tust“, warfen ihm Dai-yü und Tan-tschun vor. „Abgesehen davon, daß das keine Gedichte sind, selbst wenn es welche wären, darf etwas, was wir verfaßt haben, nicht nach draußen weitergegeben werden.“ „Wovor habt ihr Angst?“ fragte Bau-yü. „Wenn nicht auch früher Schriften aus den Mädchengemächern weiterverbreitet worden wären, würde sie heute kein Mensch kennen.“ Als er das eben sagte, erschien Ju-hua im Auftrag von Hsi-tschun, um Bau-yü zu holen, und er ging fort. Noch einmal drängte jetzt Hsiang-ling, Dai-yü solle ihr die Gedichte von Du Fu geben. Dann bat sie Dai-yü und Tan-tschun: „Stellt mir ein Thema, zu dem ich mir etwas ausdenken kann, und wenn ich es fertig habe, korrigiert Ihr es mir!“ „Gestern nacht schien der Mond sehr schön“, sagte Dai-yü. „Ich wollte selber darüber schreiben, habe es aber noch nicht getan. Also schreib du ein Gedicht, und zwar mit der Reimgruppe vierzehn – han. Welche Silben du nimmst, bleibt dir überlassen.“ Frohen Herzens nahm Hsiang-ling den Gedichtband entgegen und kehrte in den Haselwurzpark zurück, wo sie, angestrengt nachdenkend, mal zwei Verszeilen ersann und sich dann wieder in Du Fus Gedichte vertiefte, um einige davon zu lesen. Sie mochte weder essen noch trinken und fand weder im Liegen noch im Sitzen Ruhe. „Warum mußt du dir solche Mühen aufbürden?“ fragte Bau-tschai. „Dazu hat nur Dai-yü dich verführt, und ich werde deswegen mit ihr abrechnen! Du warst schon immer etwas schwach im Kopf, aber dadurch bist du jetzt vollends närrisch geworden.“ Doch Hsiang-ling erwiderte nur lächelnd: „Bringt mich nicht durcheinander, bestes Fräulein!“ Und während sie das sagte, brachte sie ihr Gedicht zu Ende und zeigte es zuerst Bau-tschai. Bau-tschai las es durch, dann sagte sie: „Das ist nicht gut, so wird das nicht gemacht. Aber genier dich nicht! Zeig es ihr nur, um zu hören, was sie dazu sagt.“ Also nahm Hsiang-ling ihr Gedicht und ging Dai-yü suchen. Und Dai-yü las, was da stand: „Eiskalt hängt mitten am Himmel der Mond – runde Kontur und gleißender Schein. Dichter beschwingt sein Anblick stets neu, der Wandrer wendet bekümmert sich ab. Ein Spiegel aus Jade über dem Haus, Ein Teller von Eis hoch in der Luft. Was braucht es noch Kerzen in dieser Nacht? Mein Wandelgang liegt in taghellem Licht.“ Lächelnd erklärte Dai-yü: „Einen Sinn hat es schon, nur die Wortwahl ist nicht elegant. Das liegt daran, daß du noch zu wenig Gedichte gelesen hast und dadurch eingeengt bist. Wirf es weg und schreib ein neues. Nur immer mutig drauflos!“ Als Hsiang-ling das hörte, ging sie schweigend wieder fort. Sie trat nicht einmal ins Haus, sondern blieb am Teich unter den Bäumen, wo sie sich mal auf einen Felsbrocken setzte und in Gedanken versank und sich mal auf die Erde hockte und im Sand stocherte. Jeder, der vorüberkam, wunderte sich. Als Li Wan, Bau-tschai, Tan-tschun und Bau-yü davon erfuhren, stiegen sie auf den Berghang und schauten von weitem zu, wie Hsiang-ling erst die Brauen runzelte und dann wieder vor sich hin lachte. „Sie wird noch den Verstand darüber verlieren“, sagte Bau-tschai lächelnd. „Gestern hat sie die ganze Nacht über vor sich hingemurmelt, ehe sie endlich eingeschlafen ist, und dann dauerte es nicht einmal so lange, wie man braucht, um eine Schale Reis zu essen, da wurde es schon wieder hell, und ich habe hörte, wie sie aufstand, sich hastig kämmte und zu Dai-yü hinüberlief. Als sie zurückkam, war sie den ganzen Tag wie von Sinnen, bis sie ein Gedicht fertig hatte. Aber dann taugte es nichts, und jetzt macht sie natürlich ein neues.“ „Also wirklich, ‚An schönen Orten leben begabte Menschen‘“, sagte Bau-yü lächelnd. „Nicht umsonst hat ihr der Himmel diesen Charakter gegeben. Wie oft haben wir darüber geseufzt, daß ein Mädchen wie sie so ein gewöhnliches Schicksal haben muß, und jetzt auf einmal das! Da sieht man, Himmel und Erde sind höchst gerecht.“ „Wie schön könnte es sein, wenn du auch so fleißig wärst wie sie“, hielt ihm Bau-tschai lächelnd vor. „Alles würdest du dann lernen.“ Bau-yü erwiderte nichts darauf, und jetzt sahen sie, wie Hsiang-ling freudestrahlend zu Dai-yü lief. „Gehen wir ihr nach!“ forderte Tan-tschun die anderen lächelnd auf. „Wir wollen sehen, ob sie einigen Sinn hineingebracht hat oder nicht!“ Bei diesen Worten setzten sich alle zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß in Bewegung, und als sie dort ankamen, sahen sie, daß Dai-yü das Gedicht eben in der Hand hielt und mit Hsiang-ling besprach. Also fragten sie Dai-yü: „Hat sie etwas zustande gebracht?“ „Sie hat sich natürlich große Mühe gegeben, aber gut ist es noch nicht“, antwortete Dai-yü. „Diesmal ist es zu gesucht. Sie muß noch einmal ein neues schreiben.“ Nun ließen sie sich das Gedicht geben und lasen: „Nicht Wasser noch Silber leuchten so klar, ein Teller aus Jade erhellt die Nacht. Die Pflaumenblüten in Dufthauch gehüllt, das Weidengezweig wie mit Tau benetzt, die Stufen gepudert mit zartem Gold, das Geländer mit Reif überzogen. Längst sind die letzten Schritte verklungen, der Mond lugt noch immer zu mir herein.“ „Das hört sich nicht an wie ein Gedicht über den Mond“, wandte Bau-tschai ein. „Man müßte das Wort ‚Farbe‘ hinzufügen, dann ginge es, denn in jeder Zeile geht es nur um die Farbe des Mondlichts. Aber genug damit! Gedichte beginnen nun einmal mit Unsinn. In ein paar Tagen wird es schon besser gehen.“ Hsiang-ling hatte ihr Gedicht diesmal für unübertrefflich gehalten, darum war sie enttäuscht, als sie diese Worte hören mußte, aber sie wollte nicht lockerlassen und suchte eine Gelegenheit, um weiter darüber zu grübeln. Als sie sah, daß sich die anderen in ein Gespräch vertieften, ging sie zwischen den Bambusstauden unterhalb der Plattform einher und zermarterte sich Herz und Galle. Für nichts anderes hatte sie mehr Auge und Ohr als für ihr Gedicht.chts. Aber genug damit! Gedichte beginnen nun einmal mit Unsinn. In ein paar Tagen wird es schon besser gehen.“ Hsiang-ling hatte ihr Gedicht diesmal für unübertrefflich gehalten, darum war sie enttäuscht, als sie diese Worte hören mußte, aber sie wollte nicht lockerlassen und suchte eine Gelegenheit, um weiter darüber zu grübeln. Als sie sah, daß sich die anderen in ein Gespräch vertieften, ging sie zwischen den Bambusstauden unterhalb der Plattform einher und zermarterte sich Herz und Galle. Für nichts anderes hatte sie mehr Auge und Ohr als für ihr Gedicht. Als ihr kurze Zeit später Tan-tschun lächelnd durchs Fenster zurief, sie solle sich eine Pause gönnen, antwortete sie hastig: „Ihr irrt Euch, Fräulein, ‚Pause‘ (hsiän) gehört nicht unter den Reim han, sondern unter shan, das ist Reimgruppe fünfzehn.“ Unwillkürlich brachen alle in Gelächter aus, und Bau-tschai sagte: „Sie ist wirklich süchtig geworden, aber dahin hat nur Dai-yü sie gebracht.“ „Der Heilige hat gesagt ‚Unermüdlich die Menschen belehren‘“, verteidigte sich Dai-yü. „Schließlich ist sie zu mir gekommen und hat mich gefragt, wie hätte ich es ihr da nicht erklären sollen!“ „Wir wollen sie zu Hsi-tschun bringen und ihr das Bild zeigen, damit sie wieder zu sich kommt!“ schlug Li Wan lächelnd vor. Bei diesen Worten ging sie wirklich hinaus, faßte Hsiang-ling bei der Hand und zog sie mit sich am Kiosk des Lotoswurzelduftes vorbei zum Gehege der Warmen Düfte. Hier hielt Hsi-tschun eben erschöpft ihren Mittagsschlaf. Das Bild lehnte an der Wand und war mit einem Stück Seidengaze bedeckt. Als die Mädchen Hsi-tschun aufweckten und die Gaze vom Bild nahmen, sahen sie, daß von den zehn Gartenhäusern erst drei gemalt waren. Hsiang-ling entdeckte ein paar schöne Mädchen auf dem Bild, zeigte mit dem Finger darauf und sagte: „Das ist unser gnädige Fräulein, und das ist Fräulein Lin.“ Lächelnd behauptete Tan-tschun: „Jede, die dichten kann, kommt mit auf das Bild, also lern es nur schnell!“ So scherzten und plauderten sie noch eine Weile, dann gingen sie wieder auseinander. Hsiang-ling hatte noch immer nichts anderes als ihre Verse im Sinn. Den ganzen Abend starrte sie geistesabwesend auf die Lampe, und erst nach der dritten Nachtwache legte sie sich ins Bett. Aber immer noch blickte sie aus großen Augen kummervoll vor sich hin, und erst in der fünften Nachtwache fiel sie endlich in Schlaf. Als es wieder hell wurde und Bau-tschai erwachte, lauschte sie nach Hsiang-ling und sagte sich: „Die ganze Nacht hat sie sich herumgewälzt. Wer weiß, ob ihr dabei endlich etwas eingefallen ist. Jetzt muß sie müde sein, ich will sie nicht wecken!“ Und gerade als sie sich das überlegte, hörte sie, wie Hsiang-ling im Traum auflachte und dann sagte: „Jetzt hab ich‘s aber! Oder wird es wieder nichts taugen?“ Bau-tschai war zum Lachen und Seufzen zugleich zumute. Rasch weckte sie Hsiang-ling und fragte: „Was hast du? Mit deinem Eifer kannst du die Götter rühren. Aber anstatt dichten zu lernen, wirst du noch krank werden.“ Bei diesen Worten hatte sie ihre Toilette beendet und ging hinaus, um mit den Kusinen zusammen der Herzoginmutter ihren Gruß zu entbieten. So beharrlich hatte sich Hsiang-ling aufs Dichten versteift und ihren ganzen Geist darauf konzentriert, daß ihr die acht Zeilen, die sie am Tage nicht hatte finden können, im Traum plötzlich eingefallen waren. Nachdem sie sich gekämmt und gewaschen hatte, schrieb sie sie schnell auf, und ohne selber einschätzen zu können, ob sie gut oder schlecht waren, machte sie sich damit auf die Suche nach Dai-yü. Als sie am Duftgetränkten Pavillon angelangt war, kam ihr dort Li Wan mit den Mädchen entgegen, die eben aus den Räumen von Dame Wang zurückkamen. Gerade erzählte Bau-tschai, daß Hsiang-ling sogar im Traum noch gedichtet und gesprochen hatte, und als sie lachend aufblickten, entdeckten sie, daß Hsiang-ling vor ihnen stand. Sofort verlangten sie, das Gedicht zu sehen. Im nächsten Kapitel wird mehr davon erzählt.