Hongloumeng/de/Chapter 55

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Kapitel 55

Tanchun zeigt ihre Klugheit bei der Aufdeckung alter Missstaende und verwaltet nun den Haushalt. Phoenixglanz enthuellt im Gespraech die Sorgen um die Zukunft der Familie.

Das Laternenfest war nun vorueber. Da der gegenwaertige Kaiser sein Reich nach dem Grundsatz der Pietaet regierte und eine kaiserliche Gemahlin im Palast erkrankt war, mussten sich alle Nebenfrauen und Konkubinen des Hofes in Speise und Schmuck einschraenken. Es waren nicht nur keine Elternbesuche moeglich, auch alle Festlichkeiten und Vergnuegungen waren abgesagt worden. Daher fand auch im Kaufmann-Palast in diesem Jahr kein Laternenraetsel-Fest statt.

Kaum waren die Geschaeftigkeiten des Jahreswechsels vorueber, da erlitt Phoenixglanz eine Fehlgeburt. Sie musste sich einen Monat lang schonen und konnte den Haushalt nicht fuehren. Taeglich kamen zwei oder drei Leibaerzte, um sie zu behandeln. Phoenixglanz vertraute jedoch auf ihre kraeftige Konstitution, und obwohl sie das Haus nicht verliess, plante und rechnete sie wie gewoehnlich. Sobald ihr etwas einfiel, schickte sie Friedchen los, um es Frau Wang berichten zu lassen. Alles Zureden war vergeblich, sie hoerte auf niemanden.

Frau Wang fuehlte sich ihrer wichtigsten Stuetze beraubt. Wie weit reichte schon die Kraft eines einzelnen Menschen! Grundlegende Entscheidungen traf sie selbst; alle kleineren Angelegenheiten des Haushalts ueberliess sie voruebergehend Frau Li. Frau Li war jedoch jemand, der Tugend ueber Tuechtigkeit stellte, und so war es unvermeidlich, dass die Bediensteten unter ihrer Fuehrung tun und lassen konnten, was sie wollten. Darum befahl Frau Wang, dass Tanchun gemeinsam mit Frau Li die Geschaefte fuehren solle. In einem Monat, so hiess es, wenn Phoenixglanz wieder genesen sei, werde ihr alles wieder uebergeben.

Niemand konnte freilich ahnen, dass Phoenixglanz von Natur aus ueber zu wenig Lebenskraft verfuegte. Verschlimmert wurde dies noch dadurch, dass sie sich seit ihrer Jugend nie Schonung gegoennt hatte. Ihr Leben lang wollte sie die Erste und die Kluegste sein und hatte dadurch ihre Kraefte weiter aufgezehrt. So entwickelte sich die eigentlich harmlose Fehlgeburt zu einer echten Entkraeftung, und nach einem Monat kamen noch Unterleibsblutungen hinzu. Phoenixglanz sprach zwar nicht darueber, doch ihr fahles, abgemagertes Gesicht verriet jedem, dass sie sich nicht die noetige Schonung goennte. Darum befahl man ihr, sich zu pflegen und ihren Geist nicht zu strapazieren. Auch Phoenixglanz selbst bekam Angst, es koenne zu einer ernsten Erkrankung kommen, die sie zum Gespoett der Leute machen wuerde. Daher entschloss sie sich, die freie Zeit zur Genesung zu nutzen, und wuenschte sich nichts sehnlicher, als ueber Nacht wieder die Alte zu sein. Doch wer haette gedacht, dass es bis zum achten oder neunten Monat dauern wuerde, ehe es ihr nach bestaendiger Behandlung und groesster Schonung allmaehlich besser ging und auch die Blutungen langsam aufhoerten! Doch das ist ein Vorgriff.

Zunaechst muss erzaehlt werden, was nun geschah. Als Frau Wang sah, wie es um Phoenixglanz bestellt war und dass Tanchun und Frau Li ihre zusaetzlichen Aufgaben so bald nicht wuerden abgeben koennen, und da im Garten viele Bewohner lebten und die Aufsicht zu fehlen drohte, liess sie eigens Schatzspange zu sich rufen und bat sie, ueberall ein wachsames Auge zu haben. „Die alten Frauen sind zu nichts nuetze“, sagte sie. „Sobald sie Freizeit haben, spielen sie Karten und trinken Wein. Am Tage schlafen sie, und in der Nacht treiben sie ihr Unwesen. Das alles ist mir bekannt. Solange Phoenixglanz draussen aufpasste, hatten sie noch ein wenig Angst; jetzt aber werden sie sich erst recht gehen lassen. Du bist ein verlaessliches Kind. Dein Bruder und deine Schwestern sind noch klein, und ich habe keine Zeit. Nimm die Muehe ein paar Tage lang auf dich und fuehre die Aufsicht. Wenn etwas Unerwartetes geschieht, komm zu mir und berichte es. Warte nicht, bis die Herzoginmutter danach fragt und ich keine Antwort weiss. Wenn jemand etwas nicht recht macht, sag es ihm. Hoert er nicht, dann komm zu mir. Auf keinen Fall darf etwas Schlimmes geschehen!“ Schatzspange hatte keine andere Wahl, als zuzustimmen.

Es war bereits der Beginn des Fruehlings. Kajaljade litt wieder an ihrem Husten. Auch Xiangji hatte sich eine Erkaeltung zugezogen und lag krank im Haselwurzpark darnieder; den ganzen Tag ueber nahm sie Medizin.

Tanchun und Frau Li wohnten in einiger Entfernung voneinander. Da sie nun gemeinsame Aufgaben hatten, war es nicht mehr wie in frueheren Zeiten, als sie sich nur gegenseitig besuchten; auch fuer die Dienstboten, die Berichte zu erstatten hatten, war es umstaendlich. Daher hatten sich die beiden verstaendigt: Jeden Morgen wollten sie sich in der kleinen Halle mit drei Saeulenzwischenraeumen suedlich des Gartentors treffen, um gemeinsam die Geschaefte zu fuehren. Dort nahmen sie auch ihr Fruehstueck ein und kehrten erst zur Mittagszeit in ihre Gemaecher zurueck.

Diese Halle war urspruenglich als Aufenthaltsraum fuer die diensthabenden Eunuchen waehrend des kaiserlichen Elternbesuchs eingerichtet worden und war seither nicht mehr benutzt worden; nur nachts hielten dort ein paar alte Frauen Wache. Da es nun schon waermer war, bedurfte es keiner grossen Herrichtung; ein paar einfache Einrichtungsgegenstaende genuegten, und die beiden konnten dort ihren Dienst versehen. In der Halle hing eine Inschriftentafel mit den vier Zeichen „Die Menschlichkeit foerdern, durch Tugend erziehen“, doch im Volksmund nannte man sie nur die „Beratungshalle“. Hier erschienen die beiden nun taeglich um sechs Uhr morgens und gingen um die Mittagszeit. Waehrend der ganzen Zeit riss der Strom der Verwalterinnen und Dienstfrauen nicht ab, die kamen, um Berichte zu erstatten und Anweisungen entgegenzunehmen.

Als die Bediensteten zunaechst gehoert hatten, dass Frau Li den Haushalt allein fuehren werde, hatten sich alle insgeheim gefreut, denn Frau Li stand im Ruf, guetig und grosszuegig zu sein und niemanden zu bestrafen — sie wuerde gewiss leichter zu taeuschen sein als Phoenixglanz. Auch als man dann von Tanchuns Ernennung erfuhr, dachten alle, sie sei nur ein junges Maedchen, das seine Kammern noch nie verlassen habe, dazu friedfertig und zurueckhaltend von Natur. Darum machten sie sich keine Gedanken und faulenzten noch viel mehr als zu Zeiten von Phoenixglanz. Doch nach drei oder vier Tagen, als Tanchun bereits einige Entscheidungen getroffen hatte, wurde ihnen allmaehlich klar, dass ihre Gruendlichkeit der von Phoenixglanz in nichts nachstand — nur dass ihre Sprache ruhiger und ihr Charakter ausgeglichener waren.

Nun wollte es der Zufall, dass sich tagelang hintereinander in ueber zehn Familien von Prinzen, Herzoegen und Erbbeamten, mit denen die Kaufmann-Familie entweder verwandt oder befreundet war, Befoerderungen, Degradierungen, Hochzeiten oder Todesfaelle ereigneten, sodass Frau Wang mit Gratulationen und Kondolenzen, Empfaengen und Abschiedsbesuchen mehr als genug beschaeftigt war und sich um den Haushalt nicht kuemmern konnte. So sassen nun Tanchun und Frau Li den ganzen Tag in der Halle. Schatzspange ihrerseits beaufsichtigte tagsueber die Raeume von Frau Wang und kam erst heim, wenn jene zurueckkehrte. Am Abend unterbrach sie ihre Nadelarbeit, um sich vor dem Zubettgehen in einer kleinen Saenfte, begleitet von den Nachtwwaechterinnen, durch den ganzen Garten tragen zu lassen und alles zu kontrollieren.

Unter diesem Dreigestirn ging es noch strenger zu als unter der alleinigen Herrschaft von Phoenixglanz. Im Innen- wie im Aussenbereich murrte das Gesinde heimlich: „Kaum sind wir den einen Wachteufel los, der auf dem Meer patrouillierte, bekommen wir gleich drei Jupitergoetter, die die Berge behueten. Nicht einmal zum heimlichen Trinken und Spielen hat man nachts noch Zeit!“

An diesem Tag war Frau Wang zu einem Festessen im Palast des Fuersten von Jinxiang eingeladen. Frau Li und Tanchun hatten sich schon am fruehen Morgen zurechtgemacht, Frau Wang beim Aufbruch assistiert und waren danach in die Halle gegangen. Sie hatten sich gerade hingesetzt und tranken Tee, als Wu Xindengs Frau hereinkam und meldete: „Zhao Guoji, der Bruder der Nebenfrau Zhao, ist gestern verstorben. Ich habe es gestern der gnaedigen Frau gemeldet, und die gnaedige Frau hat gesagt, sie wisse Bescheid, ich solle es dem gnaedigen Fraeulein und der jungen Herrin berichten.“ Damit liess sie die Arme haengen, verharrte in dienstfertiger Haltung am Rand und sagte kein Wort mehr.

Zu dieser Zeit waren etliche Frauen anwesend, die Berichte zu erstatten hatten, und alle warteten gespannt darauf, wie die beiden entscheiden wuerden. Wuerde die Entscheidung angemessen ausfallen, wuerden alle Respekt empfinden. Wuerde es jedoch auch nur den geringsten Anlass zum Einwand geben, wuerden sie nicht nur keinen Respekt zeigen, sondern nach dem Verlassen des Innentors auch noch allerlei Witze darueber reissen.

Wu Xindengs Frau hatte natuerlich ihre eigene Vorstellung davon, was zu tun war. Haette Phoenixglanz vor ihr gesessen, haette sie laengst ihren Eifer unter Beweis gestellt, mehrere Vorschlaege gemacht und allerhand alte Praezedenzfaelle herausgesucht, unter denen Phoenixglanz haette waehlen koennen. Nun aber blickte sie auf Frau Li herab, die ihr zu einfaeltig erschien, und auf Tanchun ebenso, weil diese nur ein junges Fraeulein war. Darum hatte sie absichtlich nur diesen einen Satz gesagt, um die beiden auf die Probe zu stellen.

Tanchun fragte Frau Li. Frau Li dachte einen Moment nach und sagte dann: „Als neulich Dufthauchs Mutter starb, hat man, wie ich gehoert habe, vierzig Liang Silber ausgezahlt. Dann lasst uns hier ebenfalls vierzig Liang geben, und damit basta.“

Wu Xindengs Frau hoerte das, sagte eilig „Jawohl!“, nahm die Anweisungsmarke entgegen und wollte gehen.

„Halt, komm zurueck!“, befahl Tanchun.

Notgedrungen kehrte Wu Xindengs Frau um.

„Hol noch kein Silber“, fuhr Tanchun fort. „Erst will ich dich etwas fragen: Bei den alten Nebenfrauen in den Gemaechern der Herzoginmutter wurde stets unterschieden zwischen denen, die aus dem Haus stammten, und denen, die von draussen kamen. Wie viel wurde gegeben, wenn bei einer von hier jemand starb, und wie viel bei einer von draussen? Nenne mir ein paar Beispiele.“

Auf diese Frage hin wollte sich Wu Xindengs Frau ploetzlich an nichts erinnern koennen und sagte eilfertig mit aufgesetztem Laecheln: „Das ist doch keine so wichtige Angelegenheit. Wer wuerde es wagen, ueber die Hoehe zu streiten?“

Tanchun lachte: „Das ist Unsinn! Nach mir ginge es, hundert Liang zu geben. Aber wenn ich mich nicht an die bestehenden Regeln halte, werden nicht nur die Leute ueber mich lachen — ich koennte auch der zweiten jungen Herrin kuenftig nicht mehr ins Gesicht sehen.“

Wu Xindengs Frau sagte laechelnd: „Wenn dem so ist, werde ich die alten Rechnungsbuecher nachschlagen. Im Augenblick kann ich mich nicht erinnern.“

Tanchun lachte: „Du fuehrst seit Jahren diesen Dienst und kannst dich nicht erinnern, aber uns willst du in die Enge treiben? Sagst du etwa auch deiner zweiten jungen Herrin, du muesstest erst nachschlagen? Wenn das so waere, dann waere Phoenixglanz ja gar nicht so streng, sondern geradezu nachsichtig! Also beeil dich und bring mir die Unterlagen, damit ich sie selbst ansehen kann. Wenn die Sache auch nur um einen Tag verzoegert wird, dann heisst es nicht, ihr waeret nachlaessig gewesen, sondern wir haetten keine eigene Meinung.“

Wu Xindengs Frau war ueber und ueber rot geworden. Hastig machte sie kehrt und ging hinaus. Die Verwalterinnen draussen reckten verblüfft die Zunge heraus. Inzwischen wurden andere Angelegenheiten vorgetragen.

Bald darauf kam Wu Xindengs Frau mit den alten Rechnungsbuechern zurueck. Tanchun sah sie durch und fand: In zwei Faellen, in denen die Nebenfrau aus dem Haus stammte, waren jeweils zwanzig Liang gezahlt worden; in zwei Faellen, in denen sie von ausserhalb kam, jeweils vierzig Liang. Daneben gab es noch zwei Zahlungen an Frauen von ausserhalb — einmal hundert Liang und einmal sechzig Liang. Bei beiden war ein besonderer Grund vermerkt: Im einen Fall waren die sechzig Liang zusaetzlich fuer die Ueberfuehrung der Elternsaerge in eine andere Provinz gewaehrt worden, im anderen die zwanzig Liang zusaetzlich fuer den Kauf einer Grabstaette. Tanchun reichte die Unterlagen an Frau Li weiter, dann sagte sie: „Gebt ihm zwanzig Liang Silber. Die Buecher lasst hier, wir werden sie uns noch genauer ansehen.“

Wu Xindengs Frau ging fort. Da kam ploetzlich Nebenfrau Zhao herein. Frau Li und Tanchun boten ihr eilig einen Platz an, doch kaum dass sie sich gesetzt hatte, brach sie schon los: „Alle Leute in diesem Haus trampeln auf meinem Kopf herum — das mag ja noch hingehen. Aber Ihr, Fraeulein, solltet doch ein wenig nachdenken und mir zu meinem Recht verhelfen!“ Bei diesen Worten begann sie hemmungslos zu weinen.

„Ich verstehe nicht, was Ihr meint, Tante“, erwiderte Tanchun sofort. „Wer trampelt auf Euch herum? Sagt es mir, und ich werde Euch zu Eurem Recht verhelfen.“

Nebenfrau Zhao antwortete: „Ihr selbst seid es, die auf mir herumtrampelt! Bei wem soll ich mich also beschweren?“

Sofort sprang Tanchun auf und sagte: „Ich wuerde so etwas niemals wagen!“

Auch Frau Li stand auf, um zu beschwichtigen. Nebenfrau Zhao aber fuhr fort: „Setzt Euch doch und hoert mich an! Ich bin in diesem Haus alt geworden, habe mich mein ganzes Leben lang abgerackert, habe Euch und Euren Bruder zur Welt gebracht — und jetzt bin ich nicht einmal so viel wert wie Dufthauch! Was bleibt mir da noch an Ansehen? Nicht einmal Ihr habt noch ein Gesicht, von mir ganz zu schweigen!“

Tanchun laechelte: „So ist das also. Ich sage Euch: Ich bin nicht der Mensch, der gegen Recht und Vorschrift verstoesst.“ Damit setzte sie sich wieder, nahm die Rechnungsbuecher und blaetterte sie Nebenfrau Zhao hin, las ihr daraus vor und sagte: „Das sind die alten Regelungen, die von den Ahnen auf uns gekommen sind. Jeder haelt sich daran — soll ausgerechnet ich sie aendern? Das betrifft nicht nur Dufthauch. Wenn Huan einmal eine Nebenfrau von draussen nimmt, wird fuer sie selbstverstaendlich dasselbe gelten. Da gibt es nichts zu streiten, und von Gesichtsverlust kann keine Rede sein. Dufthauch ist eine Dienerin der gnaedigen Frau, und ich handle nach den ueberlieferten Vorschriften. Wer sagt, es sei gut so, der geniesst die Gnade der Ahnen und die Guete der gnaedigen Frau. Wer es ungerecht findet, der ist dumm und weiss sein Glueck nicht zu schaetzen — soll er nur grollen!

Wenn die gnaedige Frau jemandem das ganze Haus schenkt, gewinne ich dadurch kein Ansehen, und wenn sie jemandem keinen einzigen Heller gibt, verliere ich auch keines. Wenn die gnaedige Frau nicht zu Hause ist, taetet Ihr besser daran, Euch auszuruhen und Eure Kraefte zu schonen, anstatt Euch unnoetig aufzuregen. Die gnaedige Frau liebt mich von ganzem Herzen, doch weil Ihr, Tante, immer wieder Unruhe stiftet, war sie schon mehrmals bitter enttaeuscht. Waere ich doch nur ein Mann! Ich haette laengst das Haus verlassen, stuende auf eigenen Beinen und lebte nach meinen eigenen Grundsaetzen. Aber weil ich ein Maedchen bin, steht es mir nicht zu, auch nur ein einziges unbedachtes Wort zu sagen. Das weiss die gnaedige Frau ganz genau. Und eben weil sie mich schaetzt, hat sie mich beauftragt, den Haushalt mit zu fuehren. Noch ehe ich auch nur eine einzige gute Tat vollbringen konnte, kommt Ihr und zieht mich in den Schmutz! Was, wenn die gnaedige Frau davon erfaehrt und meint, die Sache sei mir zu unangenehm, und mir den Posten wieder abnimmt? Dann ist mein Ansehen wirklich dahin — und Eures genauso!“

Waehrend sie sprach, liefen ihr unwillkuerlich Traenen ueber das Gesicht.

Nebenfrau Zhao wusste nichts Besseres zu erwidern als: „Wenn die gnaedige Frau Euch so liebt, muesstet Ihr uns doch erst recht unter die Arme greifen. Aber Ihr denkt nur daran, Euch bei der gnaedigen Frau einzuschmeicheln, und habt uns ganz vergessen.“

Tanchun entgegnete: „Wie habe ich Euch vergessen? Und wie soll ich Euch unter die Arme greifen? Fragt Euch doch selbst: Welche Herrschaft liebt nicht die Bediensteten, die tuechtig und nuetzlich sind? Und welcher aufrechte Mensch ist auf die Fuersprache anderer angewiesen?“

Frau Li versuchte von der Seite her unablaessig zu beschwichtigen und sagte: „Seid nicht boese, Tante. Man darf es dem Fraeulein nicht veruebeln — sie ist ja im Herzen ganz darauf bedacht, Euch zu helfen, nur aussprechen kann sie es nicht.“

Sofort protestierte Tanchun: „Auch die Schwaegerin redet nun Unsinn! Wen will ich denn unterstuetzen? In welcher Familie werden die Sklaven von den Fraeulein des Hauses unterstuetzt? Ob es ihnen gut oder schlecht ergeht — das solltet Ihr wissen. Was hat das mit mir zu tun?“

Wuetend sagte Nebenfrau Zhao: „Niemand verlangt von Euch, andere zu unterstuetzen! Wenn Ihr nicht den Haushalt fuehren wuerdet, waere ich erst gar nicht zu Euch gekommen. Ihr habt doch jetzt das Sagen! Wenn Ihr mir fuer das Begraebnis Eures Onkels zwanzig oder dreissig Liang mehr gebt — meint Ihr wirklich, die gnaedige Frau haette etwas dagegen? Die gnaedige Frau ist wahrhaftig eine guetige Herrin! Ihr seid es, die hartherzig und knauserig seid. Es ist Euch leid, dass die Guete der gnaedigen Frau nicht zur Geltung kommt! Und es ist ja nicht Euer eigenes Silber! Ich hatte gehofft, wenn Ihr einmal verheiratet seid, wuerdet Ihr Euch um die Familie Zhao besonders gut kuemmern. Aber Ihr habt vergessen, woher Ihr kommt, noch ehe Euch die Federn gewachsen sind, und wollt nur noch hoch hinaus!“

Noch ehe die letzten Worte verklungen waren, war Tanchun vor Zorn bleich geworden und rang schluchzend nach Atem: „Wer ist mein Onkel? Mein Onkel ist zu Neujahr zum Oberbefehlshaber von neun Provinzen aufgestiegen — wo kommt auf einmal ein weiterer Onkel her? Ich habe mich stets respektvoll verhalten, wie es sich gehoert, und zum Dank dafuer wird mir nun solche Verwandtschaft angehaengt! Wenn Zhao Guoji mein Onkel gewesen waere — warum stand er dann jedes Mal auf, wenn Huan den Raum verliess? Warum begleitete er ihn zur Schule? Warum kehrte er da nicht den Onkel heraus?

Wozu muss das alles sein? Jeder weiss doch, dass ich von Euch, einer Nebenfrau, geboren bin. Warum muesst Ihr alle paar Monate einen Vorwand suchen, alles gruendlich aufzuruehren, als haettet Ihr Angst, irgend jemand koennte es vergessen haben, und deshalb muesstet Ihr es wieder und wieder herausschreien? Ein Glueck nur, dass ich vernuenftig genug bin! Waere ich dumm und unverstaendig, haette ich schon laengst die Geduld verloren.“

Waehrend Frau Li in ihrer Aufregung weiterzubeschwichtigen versuchte und Nebenfrau Zhao immer weiter palaverte, hoerte man ploetzlich jemanden melden: „Die zweite junge Herrin schickt Fraeulein Friedchen mit einer Mitteilung.“

Jetzt endlich hielt Nebenfrau Zhao den Mund. Im naechsten Augenblick trat Friedchen ein. Sofort setzte Nebenfrau Zhao ein Laecheln auf, bot Friedchen einen Sitz an und fragte eilfertig: „Geht es deiner Herrin schon etwas besser? Eben wollte ich sie besuchen, kam aber nicht dazu.“

Frau Li sah Friedchen kommen und fragte: „Was fuehrt dich her?“

Friedchen erwiderte laechelnd: „Die junge gnaedige Frau hat gesagt, da jetzt der Bruder von Nebenfrau Zhao verstorben ist, koennten die Herrin und das Fraeulein vielleicht nicht ueber die alten Regelungen Bescheid wissen. Nach dem ueblichen Brauch sind nur zwanzig Liang vorgesehen. Sie bittet das Fraeulein, nach eigenem Ermessen etwas draufzulegen, wenn sie es fuer angemessen haelt.“

Tanchun hatte sich laengst die Traenen abgewischt und erwiderte sogleich: „Warum ohne Grund etwas drauflegen? War der Verstorbene etwa ein Wunder, das nach vierundzwanzigmonatiger Schwangerschaft zur Welt kam? Oder war er ein Held, der im Krieg seinem Herrn das Leben rettete? Deine Herrin ist wirklich sonderbar — sie will, dass ich den Praezedenzfall schaffe, damit sie als die Wohltaeterin dasteht. Mit dem Geld der gnaedigen Frau laesst sich schoen grosszuegig sein! Sag ihr: Ich wage es nicht, eigenmaechtig etwas zu kuerzen oder draufzulegen. Wenn sie etwas zulegen und Gnade walten lassen moechte, soll sie warten, bis sie genesen ist und wieder den Haushalt fuehrt — dann mag sie zahlen, so viel sie will.“

Friedchen hatte schon beim Eintreten die Lage halb durchschaut, und bei diesen Worten war ihr alles klar. Da Tanchun noch immer zornig dreinblickte, wagte sie nicht, sich so ungezwungen zu verhalten wie sonst in froehlichen Zeiten, und blieb still und dienstfertig an der Seite stehen.

Gerade kam auch Schatzspange aus den Raeumen von Frau Wang herueber. Tanchun und die anderen standen eilig auf und boten ihr einen Platz an. Noch bevor jemand etwas sagen konnte, kam wieder eine Verwalterfrau herein, um etwas zu berichten. Da Tanchun soeben geweint hatte, brachten drei oder vier kleine Dienstmaedchen eine Waschschuessel, Tuecher, einen Handspiegel und Toilettenartikel.

Tanchun sass mit untergeschlagenen Beinen auf der niedrigen Ruhebank. Das Maedchen mit der Waschschuessel trat vor sie hin, kniete sich auf beide Knie nieder und hielt die Schuessel in die Hoehe. Die beiden anderen Maedchen knieten ebenfalls nieder und reichten Tuecher, Spiegel, Rouge und Puder dar. Da Dienstbuch nirgends zu sehen war, trat Friedchen eilig heran, krempelte Tanchun die Aermel hoch, streifte ihr die Armreife ab und breitete ein grosses Handtuch ueber ihr Gewand, um es zu schuetzen. Erst dann streckte Tanchun die Haende in die Schuessel und wusch sich.

Da begann die Verwalterfrau ihren Bericht: „Junge gnaedige Frau und gnaediges Fraeulein, die Familienschule verlangt die diesjaehrigen Unkosten fuer den jungen Herrn Huan und den jungen Herrn Lan.“

Friedchen ergriff als Erste das Wort: „Was soll die Eile? Siehst du denn nicht, dass sich das Fraeulein gerade waescht? Statt draussen zu warten, platzt du hier einfach herein! Wuerdest du dich vor der zweiten jungen Herrin auch so benehmen? Das Fraeulein ist zwar nachsichtig, aber wenn ich drueben meiner Herrin berichte, dass ihr alle das Fraeulein fuer nichts achtet, handelt ihr euch etwas ein. Dann macht mir aber keine Vorwuerfe!“ Die Frau erschrak, setzte eilig ein Laecheln auf, entschuldigte sich — „Ich war unachtsam“ — und zog sich rasch nach draussen zurueck.

Tanchun war inzwischen beim Schminken und wandte sich mit einem kuehlen Laecheln an Friedchen: „Du bist einen Schritt zu spaet gekommen. Es gab noch etwas Laecherlicheres: Selbst eine so altgediente Frau wie Wu Xindengs Gattin erschien hier, ohne sich vorher Klarheit verschafft zu haben, und wollte uns an der Nase herumfuehren. Als wir sie dann befragten, hatte sie sogar noch die Stirn zu behaupten, sie koenne sich an nichts erinnern. Wenn sie deiner Herrin etwas meldet und sagt, sie muesse erst nachschlagen — glaubst du, deine Herrin haette die Geduld, darauf zu warten?“

Friedchen erwiderte laechelnd: „Wenn so etwas auch nur ein einziges Mal vorgekommen waere, haette ihr meine Herrin gewiss schon laengst die Sehnen aus den Beinen gerissen! Glaubt ihnen nichts, Fraeulein. Die sehen, dass die Herrin hier ein gutherziger Bodhisattva ist und das Fraeulein ein zartes junges Maedchen, und schon versuchen sie, es sich bequem zu machen und euch frech ins Gesicht zu luegen.“ Dann rief sie in Richtung Tuer: „Treibt es nur weiter so! Wenn die junge Herrin wieder gesund ist, sprechen wir uns!“

Die Verwalterinnen draussen erwiderten laechelnd: „Fraeulein, Ihr seid doch ein verstaendiger Mensch! Wie das Sprichwort sagt: ›Jeder muss seine eigene Zeche zahlen.‹ Wir wuerden es niemals wagen, das Fraeulein zu hintergehen. Das Fraeulein ist so zart und vornehm — wenn wir es wahrhaft erzuernten, verdienten wir es, dass unsere Gebeine unbegraben vermodern.“

„Gut, dass ihr das wisst“, erwiderte Friedchen kuehl. Dann wandte sie sich wieder laechelnd an Tanchun: „Ihr wisst ja, Fraeulein, wie viel die zweite junge Herrin zu tun hat. Da kann sie sich unmoeglich um alles kuemmern, und es ist nicht ausgeschlossen, dass manches uebersehen worden ist. Wie man sagt: ›Der Zuschauer sieht klarer als der Spieler.‹ In den letzten Jahren habt Ihr mit kuehlem Blick zugesehen — vielleicht ist Euch aufgefallen, wo Mittel haetten gekuerzt oder aufgestockt werden sollen, ohne dass die zweite junge Herrin es getan hat. Wenn Ihr das jetzt tut, ist es erstens im Interesse der gnaedigen Frau, und zweitens beweist Ihr damit die Freundschaft, die Ihr unserer jungen Herrin schon immer entgegengebracht habt.“

Noch bevor sie den Satz beendet hatte, fielen Schatzspange und Frau Li lachend ein: „Was fuer ein praechtiges Maedchen! Es ist wirklich kein Wunder, dass Phoenixglanz ausgerechnet sie so gernhat! Du meinst also, wir sollten uns jetzt ein paar Dinge vornehmen, die bisher nicht erledigt worden sind? Da sollst du nicht enttaeuscht werden!“

Auch Tanchun laechelte: „Ich hatte einen Bauch voll Wut und keinen, an dem ich sie auslassen konnte. Schon hatte ich mir ihre Herrin dafuer ausgesucht — da platzt sie herein und sagt diese Dinge, sodass ich gar nicht mehr weiss, wo mir der Kopf steht.“ Dann rief sie die Verwalterfrau von vorhin herein und fragte: „Wofuer werden die Jahresgelder fuer den jungen Herrn Huan und den jungen Herrn Lan in der Familienschule verwendet?“

Die Frau antwortete: „Jeder erhaelt acht Liang Silber im Jahr fuer den Imbiss in der Schule und fuer Schreibpinsel und Papier.“

Tanchun sagte: „Fuer den Aufwand der jungen Herren bekommt jeder Haushalt ein Monatsgeld. Fuer Huan erhaelt Nebenfrau Zhao zwei Liang, fuer Schatzjade erhaelt Dufthauch zwei Liang aus den Gemaechern der Herzoginmutter, und fuer Lan bekommt sie die aeltere junge Herrin. Warum werden dann noch einmal acht Liang pro Person an die Schule gezahlt? Gehen sie etwa nur wegen dieser acht Liang in die Schule? Ab sofort wird dieser Posten gestrichen! Friedchen, wenn du nach Hause kommst, bestelle deiner Herrin, was ich gesagt habe: Diese Zahlung muss unbedingt abgeschafft werden.“

Friedchen erwiderte laechelnd: „Sie haette schon laengst abgeschafft werden sollen. Gegen Jahresende hatte die junge Herrin sie streichen wollen, vergass es aber, weil um den Jahreswechsel so viel zu tun war.“

Die Verwalterfrau sagte notgedrungen „Jawohl“ und ging. Darauf brachten Dienerinnen aus dem Garten des Grossen Anblicks Speisekaesten mit dem Essen.

Dienstbuch und Suyun hatten laengst einen kleinen Esstisch hereingetragen, und Friedchen half eilfertig beim Auftragen.

Tanchun sagte laechelnd: „Wenn du alles gesagt hast, geh ruhig. Was machst du dich hier noch zu schaffen?“

Friedchen erwiderte laechelnd: „Ich habe weiter nichts zu tun. Die zweite junge Herrin hat mich zum einen hergeschickt, um die Mitteilung zu ueberbringen, zum anderen, weil sie meinte, hier sei zu wenig Personal — ich soll den Maedchen helfen, die junge Herrin und das Fraeulein zu bedienen.“

Tanchun fragte: „Warum hat man das Essen fuer Fraeulein Schatzspange nicht gleich mitgebracht, damit wir zusammen essen koennen?“

Kaum hatten die Dienstmaedchen das gehoert, liefen sie hinaus zu den Verwalterinnen im Saeulengang und riefen: „Fraeulein Schatzspange isst heute hier mit — lasst ihr Essen herbringen!“

Als Tanchun das hoerte, sagte sie laut und bestimmt: „Kommandiert nicht so sinnlos herum! Das sind alles Verwalterfrauen, die fuer wichtige Angelegenheiten zustaendig sind. Ihr schickt sie los, Essen und Tee zu holen, ohne den Unterschied zwischen hoch und niedrig zu kennen! Friedchen steht hier — sie kann Bescheid sagen gehen.“

Friedchen antwortete ohne Zoegern „Jawohl“ und ging hinaus. Draussen fassten die Verwalterinnen sie sogleich am Arm, laechelten und fluesterten: „Fraeulein, Ihr braucht nicht zu gehen. Wir haben bereits jemanden geschickt.“ Zugleich staubten sie mit ihren Taschentüchern eine Steinstufe ab und luden Friedchen ein: „Ihr steht nun schon so lange, Fraeulein, setzt Euch doch ein wenig in den Schatten.“

Friedchen setzte sich. Zwei alte Frauen aus der Teekueche brachten ein Sitzkissen und legten es auf den Stein: „Der Stein ist kalt. Das Kissen ist ganz sauber — setzt Euch doch einen Moment darauf, Fraeulein.“

Friedchen laechelte und dankte freundlich. Eine andere Frau brachte ihr eine Schale feinen, frischen Tee heraus und sagte leise und laechelnd: „Das ist nicht unser gewoehnlicher Tee, sondern der fuer die gnaedigen Fraeulein zubereitete. Erfrischt Euch ein wenig daran, Fraeulein.“

Friedchen beugte sich eilig vor, um die Schale entgegenzunehmen, dann wies sie auf die Verwalterinnen und sagte leise: „Ihr treibt es wirklich zu weit. Sie ist ein Fraeulein und tut sich weder wichtig, noch faehrt sie aus der Haut — das ist ihre Wuerde. Aber ihr behandelt sie geringschaetzig und tretet ihr zu nahe. Wenn ihr sie wirklich so weit treibt, dass sie in Zorn geraet — von ihr wird es nur heissen, sie sei ungehobelt gewesen, und damit ist es erledigt; ihr aber handelt euch etwas ein, was ihr nicht verkraften koennt. Wenn sie nur ein kleines Schmollen zeigt, muss selbst die gnaedige Frau ihr nachgeben, und auch die zweite junge Herrin wagt nicht, etwas dagegen einzuwenden. Wenn ihr so frech seid, sie zu verachten, ist das nichts als ein Ei, das sich am Stein zerschlaegt.“

Sofort verteidigten sich die Frauen: „Wie haetten wir es gewagt, frech zu sein! Das alles ist nur Nebenfrau Zhaos Schuld.“

Friedchen fluesterte weiter: „Lastt es gut sein, werte Damen! ›Wenn die Mauer einstuerzt, schieben alle mit.‹ Nebenfrau Zhao handelt wirklich unueberlegt, aber immer wird alles ihr in die Schuhe geschoben. Meint ihr, ich haette in all den Jahren nicht bemerkt, wie hochmuetig und hinterhaeltig ihr seid? Waere die zweite junge Herrin auch nur ein wenig angreifbarer, ihr haettet sie laengst zu Fall gebracht. Und selbst so, wie es ist, lauert ihr auf jede Gelegenheit, um ihr Schwierigkeiten zu machen. Mehr als einmal waere sie beinahe euren boesen Zungen zum Opfer gefallen.

Alle Welt sagt, sie sei streng, und ihr haettet Angst vor ihr. Doch ich allein weiss, dass man wahrlich nicht sagen kann, sie haette in ihrem Herzen nicht auch Angst vor euch. Neulich erst haben wir darueber gesprochen und festgestellt, dass hier nicht mehr alles im Lot ist und es mit Sicherheit noch ein paar haessliche Szenen geben wird. Das dritte Fraeulein ist zwar noch ein Maedchen, und ihr seht sie alle scheel an. Aber unter all den Schwgaerinnen der zweiten jungen Herrin ist sie die Einzige, vor der meine Herrin wirklich einigen Respekt hat. Und ausgerechnet sie nehmt ihr jetzt nicht ernst.“

Kaum hatte sie das gesagt, erschien Herbstmuster im Hof. Die Verwalterinnen begruessten sie eilig und sagten: „Ruht Euch ebenfalls ein wenig aus, Fraeulein! Drinnen wird gerade gegessen. Wartet doch, bis der Tisch abgeraeumt ist, bevor Ihr hineingeht.“

Herbstmuster sagte laechelnd: „Mich kann man nicht mit euch gleichsetzen. Warum sollte ich warten?“ Schon wollte sie schnurstracks in die Halle eintreten, als Friedchen rief: „Komm sofort zurueck!“

Herbstmuster drehte sich um, erblickte Friedchen und lachte: „Was machst du hier draussen — spielst du den Wachposten?“ Dann setzte sie sich neben Friedchen auf das Kissen.

„Was willst du melden?“, fragte Friedchen leise.

„Ich wollte fragen, wann endlich das monatliche Silber fuer Schatzjade und unser Monatsgeld ausgezahlt werden“, antwortete Herbstmuster.

„Was fuer eine Wichtigkeit!“, meinte Friedchen. „Geh schnell zurueck und sage Dufthauch, sie solle heute nichts melden lassen, gleich was es ist. Wenn sie eine Sache meldet, wird man ihr diese eine Sache abschlagen; meldet sie hundert, werden hundert abgeschlagen.“

„Warum das?“, wollte Herbstmuster wissen.

Friedchen und die Verwalterinnen erklaerten ihr den Grund und fuegten hinzu: „Man wartet geradezu darauf, dass jemand Gewichtiges mit etwas Wichtigem kommt, um ein Exempel zu statuieren und allen anderen eine Warnung zu erteilen. Wollt ausgerechnet ihr es sein, die es trifft? Wenn du jetzt hineingehst und sie das Exempel an euch statuieren will, stehen ihr die Herzoginmutter und die gnaedige Frau im Weg. Laesst sie euch aber ungeschoren, dann heisst es, sie sei parteiisch — vor denen, die sich auf die Herzoginmutter und die gnaedige Frau stuetzen koennen, habe sie Angst, nur an den Schwachen lasse sie alles aus. Glaub mir: Sie wird sogar der zweiten jungen Herrin ein paar Anordnungen aufheben, nur um den Leuten den Wind aus den Segeln zu nehmen.“

Herbstmuster liess verbluefft die Zunge heraus, dann lachte sie: „Ein Glueck, dass Schwester Friedchen hier war! Sonst haette ich mir eine blutige Nase geholt. Ich sage lieber gleich drueben Bescheid!“ Damit stand sie auf und ging davon.

Inzwischen wurde Schatzspanges Essen gebracht, und Friedchen ging wieder hinein, um bei Tisch aufzuwarten. Nebenfrau Zhao war mittlerweile gegangen. Die drei sassen auf der Holzbank und assen: Schatzspange in der Mitte mit dem Gesicht nach Sueden, Tanchun mit dem Gesicht nach Westen, Frau Li mit dem Gesicht nach Osten. Alle Verwalterinnen standen draussen im Saeulengang und warteten schweigend. Drinnen waren nur die engsten Vertrauten und staendigen Begleiterinnen der drei anwesend, um sie zu bedienen. Niemand sonst wagte hinein.

Draussen berieten sich die Verwalterinnen fluestend: „Lastt uns lieber vernuenftig sein und keine unlauteren Plaene schmieden. Selbst Frau Wu hat vorhin eine Abfuhr erhalten — welches Ansehen geniessen wir denn erst?“ So tuschelten sie miteinander und warteten auf das Ende der Mahlzeit, um ihre Berichte erstatten zu koennen. Drinnen aber herrschte Totenstille; kein Schuesselklirren, kein Staebchenklappern war zu vernehmen.

Dann sah man, wie ein Dienstmaedchen den Tuervorhang hochhob und zwei andere den Tisch heraustrugen. In der Teekueche standen laengst drei Maedchen mit Waschschuesseln bereit; als der Tisch herausgetragen war, trugen sie die Schuesseln hinein. Bald darauf kamen sie mit den Schuesseln und Mundspuelschalen wieder heraus. Nun trugen Dienstbuch, Suyun und Oriole je ein Tablett mit einem Deckelschaelchen Tee hinein. Als sie wieder herauskamen, befahl Dienstbuch den kleineren Maedchen: „Wartet drinnen ordentlich auf! Wenn wir vom Essen zurueckkommen, loesen wir euch ab. Schleicht euch nicht wieder heimlich davon, um irgendwo herumzusitzen!“

Erst jetzt wagten sich die Verwalterinnen langsam, eine nach der anderen, wieder hinein und erstatteten der Rangfolge gemaess ihre Berichte. Dabei wagten sie nicht mehr, so geringschaetzig und nachlaessig zu sein wie zuvor.

Tanchuns Zorn war allmaehlich verraucht. Sie wandte sich an Friedchen und sagte: „Ich habe etwas Wichtiges auf dem Herzen, das ich schon lange mit deiner Herrin besprechen wollte. Heute faellt es mir gluecklicherweise wieder ein. Iss schnell und komm dann wieder her. Fraeulein Schatzspange ist auch hier — wir koennen zu viert darueber beraten und es dann deiner Herrin im Einzelnen vortragen, ob es sich verwirklichen laesst oder nicht.“

Friedchen sagte „Jawohl“ und ging nach Hause.

Phoenixglanz fragte, warum sie den ganzen Tag fortgewesen sei, und Friedchen erzaehlte ihr laechelnd alles von Anfang bis Ende.

Phoenixglanz lachte: „Gut, gut, gut! Ein gutes Maedchen, diese dritte Schwester! Ich habe immer gewusst, dass sie etwas taugt. Nur schade, dass ihr kein gutes Los beschieden ist — sie haette aus dem Leib der gnaedigen Frau zur Welt kommen sollen.“

Friedchen sagte laechelnd: „Nun redet auch Ihr Unsinn, junge Herrin. Auch wenn nicht die gnaedige Frau sie geboren hat — wer wuerde es wagen, sie geringer zu schaetzen als die anderen Toechter des Hauses?“

Phoenixglanz seufzte: „Was weisst du schon! Obwohl die Kinder von Nebenfrauen dem Rang nach gleichgestellt sind, ist doch bei den Toechtern ein Unterschied, der sich bei der Verlobung zeigt. Heutzutage gibt es leichtfertige Menschen, die sich als Erstes erkundigen, ob ein Fraeulein die Tochter der Hauptfrau oder einer Nebenfrau ist, und die eine Tochter der Nebenfrau zumeist verschmaehen. Dabei weiss jeder, dass bei uns — ganz zu schweigen von den Toechtern der Nebenfrauen — selbst die Dienerinnen noch etwas Besseres sind als anderer Leute Fraeulein. Wer weiss, welcher Pechvogel sein Glueck verspielt, weil er zwischen Hauptfrau und Nebenfrau unterscheidet, und welcher Glueckspilz Tanchun einmal bekommt, weil er diesen Unterschied nicht macht!“

Dann fuhr Phoenixglanz, wieder laechelnd, fort und wandte sich an Friedchen: „Du weisst ja, wie viele Sparmassnahmen ich in den letzten Jahren ersonnen habe. Es gibt wohl niemanden in der ganzen Familie, der mich deswegen nicht insgeheim hasst. Nun sitze ich einmal auf dem Tiger und muss weiterreiten — auch wenn ich manches klarer sehe als zuvor, kann ich es mir nicht leisten, jetzt lockerzulassen. Zumal unsere Ausgaben gross sind und die Einnahmen gering. Alle wichtigen und unwichtigen Dinge richten sich nach den Grundsaetzen der Ahnen, obwohl die Einnahmen aus den Guetern bei weitem nicht mehr so hoch sind wie frueher. Spare ich aber zu sehr, lachen die Leute, die Herzoginmutter und die gnaedige Frau fuehlen sich gekraenkt, und das Gesinde beklagt sich ueber Geiz. Wenn wir jedoch nicht bald einen Weg zum Sparen finden, ist in wenigen Jahren unser ganzer Besitz aufgebraucht.“

Friedchen bestaetigte: „So ist es. Drei oder vier Fraeulein, zwei oder drei junge Herren und die Herzoginmutter — fuer all das werden noch grosse Summen gebraucht.“

Phoenixglanz sagte laechelnd: „Das habe ich alles schon durchgerechnet; es wird wohl reichen. Wenn Schatzjade heiratet und Schwester Kajaljade einen Mann bekommt, brauchen wir dafuer kein Geld aus der Familienkasse — die Herzoginmutter hat ihre eigenen Ersparnisse, die sie dafuer aufwenden wird. Das zweite Fraeulein Yingchun gehoert zum Haushalt des aelteren Herrn und zaehlt daher nicht mit. Bleiben drei oder vier Fraeulein. Rechnet man fuer jede hoechstens zehntausend Liang, fuer die Hochzeit des jungen Herrn Huan hoechstens dreitausend Liang — von irgendeiner Stelle laesst sich das schon einsparen. Wenn es mit der Herzoginmutter einmal so weit ist, ist das meiste schon vorbereitet; es bleiben nur Kleinigkeiten, die drei- bis fuenftausend Liang kosten moegen. Wenn wir also jetzt noch etwas sparsamer leben, kommen wir aus. Ich fuerchte nur, es koennten ein oder zwei unvorhergesehene Dinge dazwischenkommen — dann waeren wir uebel dran.

Aber lassen wir die Zukunft. Iss jetzt erst einmal und hoer dir dann an, was sie beraten wollen! Die Sache kommt mir gerade recht, denn ich mache mir Sorgen, dass ich keine geeignete Stuetze habe. Schatzjade ist zwar da, aber er taugt nicht fuer solche Aufgaben; selbst wenn ich ihn fuegig machte, haette ich keinen Nutzen von ihm. Die aeltere junge Herrin Frau Li ist eine Heilige und wuerde mir auch nichts nuetzen. Das zweite Fraeulein Yingchun erst recht nicht, und sie gehoert ueberdies nicht zu unserem Haushalt. Xichun ist zu jung, der kleine Herr Lan noch juenger. Und der junge Herr Huan ist nichts als ein frierendes Kaetzchen, das sich gern das Fell versengt, wenn es nur in den Ofen kriechen kann. Da sind wahrhaftig zwei Kinder aus dem Leib derselben Mutter geboren, und zwischen ihnen klafft ein himmelweiter Unterschied! Sooft ich daran denke, kann ich mich nicht damit abfinden.

Dann haben wir noch Schwester Kajaljade und Fraeulein Schatzspange. Beide waeren nicht schlecht geeignet, aber ausgerechnet sie gehoeren zur Verwandtschaft und koennen deshalb nicht gut unseren Haushalt fuehren. Ausserdem gleicht die eine einer gemalten Schoenheit auf einer Papierlaterne — der erste Windstoss macht sie kaputt. Und die andere hat es sich zur Regel gemacht: ›Was mich nichts angeht, darueber rede ich nicht; wer mich fragt, dem schuettle ich dreimal den Kopf.‹ So kann man sich schlecht an sie wenden. Es bleibt einzig Tanchun — bei der sind Herz und Mund am rechten Fleck. Ausserdem gehoert sie voll und ganz zu unserem Haushalt, und die gnaedige Frau hat sie gern. Zwar macht sie immer ein gleichgueltiges Gesicht, aber daran ist nur dieses alte Stueck von einer Nebenfrau Zhao schuld.

Innerlich gilt Tanchun der gnaedigen Frau genauso viel wie Schatzjade — ganz im Unterschied zum jungen Herrn Huan, der es einem wirklich schwer macht, ihn gernzuhaben; wenn es nach mir ginge, haette ich ihn laengst hinausgeworfen. Da sie nun solche Plaene hat, sollten wir uns zusammentun und einander unterstuetzen — dann bin ich nicht mehr auf mich allein gestellt. Vom Standpunkt der Allgemeinheit aus und nach allem, was Anstand und Gewissen verlangen, brauchen wir uns durch ihre Hilfe weniger das Hirn zu zermartern, und die Sache der gnaedigen Frau hat einigen Nutzen.

Von meinem eigenen, egoistischen Standpunkt aus ist es so, dass ich bisher wohl zu hart gewesen bin und deshalb in den Hintergrund treten und abwarten sollte. Setze ich den Leuten weiter so zu, treibe ich ihren Hass auf die Spitze, und hinter jedem Laecheln lauert dann ein Dolch. Wir beide zusammen haben nur vier Augen und zwei Koepfe — ein unachtsamer Augenblick, und wir sind verloren. Wenn in dieser heiklen Lage Tanchun nach aussen hin in Erscheinung tritt, wird der Hass, den die Leute gegen uns hegen, allmaehlich verfliegen.

Und noch etwas muss ich dir sagen: Sie ist zwar ein Maedchen, begreift aber alles und jedes — nur mit ihren Worten ist sie zurueckhaltend. Und sie kann besser lesen und schreiben als ich, was sie noch tuechtiger macht. Nun heisst es im Sprichwort: ›Willst du die Bande fangen, fang zuerst den Anfuehrer.‹ Wenn sie jetzt neue Massstaebe setzen will, wird sie unweigerlich bei mir den Anfang machen. Wenn sie also eine meiner Anordnungen zurueckweist, darfst du nicht widersprechen — du musst im Gegenteil umso demuetiger sein und ihr recht geben. Auf gar keinen Fall darfst du dir Gedanken machen, ob mein Ansehen dadurch leidet. Wenn du auch nur ein einziges Wort gegen sie sagst, ist alles verdorben.“

Friedchen liess sie gar nicht erst ausreden und sagte laechelnd: „Ihr haltet mich wirklich fuer zu dumm! Ich habe doch schon vorhin genau so gehandelt, und jetzt belehrt Ihr mich noch.“

Phoenixglanz erwiderte laechelnd: „Ich fuerchtete nur, in deinem Herzen und deinen Augen sei nur fuer mich Platz und fuer sonst niemanden — darum musste ich es noch einmal sagen. Aber da du schon danach gehandelt hast, bist du offenbar klueger als ich. Vor lauter Eifer hast du mich allerdings schon wieder einfach geduzt.“

Friedchen sagte: „Und ob ich ›du‹ sage! Wenn es dir nicht passt — hier sind meine Wangen. Schlag nur! Als ob sie noch nicht wuessten, wie sich das anfuehlt!“

Phoenixglanz lachte: „Du kleine Frechheit! Wie oft willst du mir das noch vorhalten? Obwohl ich so krank bin, musst du mich noch aergern. Komm, setz dich her! Da ohnehin niemand kommt, koennen wir auch zusammen essen.“

In diesem Augenblick traten Fenger und drei oder vier andere Dienstmaedchen herein und stellten ein kleines Tischchen auf das Ofenbett. Phoenixglanz ass nur Schwalbennester-Reisbrei mit zwei Schaelchen feiner Beilagen; ihre uebliche Tagesration hatte sie bereits abbestellt. Fenger stellte Friedchens vier Portionen Essen auf das Tischchen und fuellte ihr Reis in die Schale. Friedchen kniete sich mit einem Bein auf das Ofenbett und blieb mit dem anderen auf dem Boden stehen. So leistete sie Phoenixglanz beim Essen Gesellschaft. Nachdem sie ihr auch noch beim Mundspuelen und Haendewaschen geholfen hatte, ermahnte sie Fenger noch mit einigen Worten und machte sich dann wieder auf den Weg zu Tanchun. Im Hof dort war es still, die Leute hatten sich zerstreut.

Wer wissen will, wie es weiterging, ...

Anmerkungen



Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本).