Hongloumeng/de/Chapter 72

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Zweiundsiebzigstes Kapitel

Phönixglanz verheimlicht aus Stolz ihre Krankheit, die Frau des Laiwang erzwingt mit Hilfe ihrer Stellung eine Heirat

Nun sei erzählt, dass Mandarinenente[1] [鸳鸯] aus dem Seitentor heraustrat, noch immer mit rotem Gesicht, das Herz noch immer wild pochend -- es war wirklich ein unerwartetes Ereignis gewesen. Da sie bedachte, dass diese Angelegenheit ungewöhnlich war, und dass, wenn sie davon erzählte, Unzucht und Diebstahl miteinander verknüpft würden und Menschenleben auf dem Spiel standen, und man obendrein nicht sicher sein konnte, ob nicht auch Unbeteiligte mit hineingezogen würden, sagte sie sich, da es sie ohnehin nichts anging, sei es besser, alles in ihrem Herzen zu verschließen und keinem einzigen Menschen davon zu erzählen. Sie ging in ihr Zimmer zurück, erstattete der Herzoginmutter [贾母] Bericht, und alle begaben sich zur Ruhe. Von da an kam sie abends kaum noch in den Garten. Da sie sich sagte, dass es im Garten schon solch merkwürdige Vorfälle gab, wie viel mehr mochte es dann anderswo geben, ging sie fortan auch an anderen Orten nicht mehr leichtfertig umher.

Es verhielt sich nämlich so, dass Siqi [司棋] von klein auf mit ihrem Cousin mütterlicherseits zusammen gespielt und gescherzt hatte, und als Kinder hatten sie im Scherz einander versprochen, niemals jemand anderen zu heiraten. In den letzten Jahren waren sie herangewachsen und hatten sich beide zu ansehnlichen Erscheinungen entwickelt. Immer wenn Siqi nach Hause ging, tauschten die beiden verliebte Blicke, und die alte Zuneigung war nicht erloschen, nur konnten sie nicht zueinander finden. Da beide fürchteten, ihre Eltern könnten nicht einverstanden sein, hatten sie Mittel und Wege gefunden, die alten Dienerinnen im Garten zu bestechen, damit diese das Tor offen ließen und den Weg bewachten. Heute hatten sie das allgemeine Durcheinander genutzt, um zum ersten Mal zueinander zu finden. Obwohl sie nicht wirklich ein Paar geworden waren, hatten sie doch Schwüre wie Meer und Berge getauscht und heimlich Liebespfänder ausgetauscht, und es hatte zwischen ihnen bereits grenzenlose Zärtlichkeit gegeben. Da wurden sie plötzlich von Mandarinenente aufgeschreckt, und der junge Bursche war eilig durch Blumen und Weiden schlüpfend aus dem Seitentor verschwunden.

Siqi lag die ganze Nacht wach und bereute es zutiefst. Am nächsten Tag, als sie Mandarinenente sah, wurde sie abwechselnd rot und blass und fühlte sich auf hunderterlei Weise unwohl. In ihrem Herzen trug sie einen schweren Stein, hatte keinen Appetit auf Tee und Reis und war beim Aufstehen und Sitzen ganz benommen. Zwei Tage vergingen, ohne dass sie die geringste Aufregung bemerkte, und so beruhigte sie sich allmählich ein wenig. Doch eines Abends kam plötzlich eine der alten Dienerinnen und flüsterte ihr zu: »Dein Bruder ist weggelaufen, seit drei oder vier Tagen ist er nicht nach Hause gekommen. Man hat Leute losgeschickt, ihn überall zu suchen.« Als Siqi das hörte, wurde sie so wütend, dass sie beinahe umkippte. Sie dachte bei sich: »Selbst wenn es herausgekommen wäre, hätten wir zusammen sterben sollen. Er denkt, weil er ein Mann ist, kann er einfach davonlaufen -- das zeigt, dass er kein Herz hat!« So kam zu ihrem Kummer noch eine weitere Schicht des Zorns hinzu. Am nächsten Tag fühlte sie sich innerlich unwohl, konnte sich auf keine Weise mehr zusammenreißen, legte sich nieder und verfiel in eine ernste Krankheit.

Als Mandarinenente erfuhr, dass drüben ohne ersichtlichen Grund ein junger Diener verschwunden war und dass Siqi im Garten schwer erkrankt sei und hinausgebracht werden müsse, war sie sicher, dass beides aus Angst vor Strafe geschah. »Sie fürchten, ich könnte es verraten, und haben sich so erschrecken lassen.« Deshalb fühlte sie sich ihrerseits unwohl. Sie ging Siqi besuchen, schickte alle anderen hinaus und schwor ihr feierlich: »Wenn ich auch nur einem einzigen Menschen davon erzähle, soll ich auf der Stelle sterben! Beruhige dich und werde wieder gesund, wirf dein junges Leben nicht nutzlos weg!«

Siqi ergriff ihre Hand und sagte weinend: »Liebe Schwester! Wir sind von Kindheit an Seite an Seite aufgewachsen, du hast mich nie als Fremde behandelt, und ich hätte es nie gewagt, dir gegenüber nachlässig zu sein. Nun habe ich einen falschen Schritt getan. Wenn du wirklich keinem einzigen Menschen davon erzählst, bist du mir wie eine leibliche Mutter. Von nun an ist jeder Tag, den ich lebe, ein Tag, den du mir schenkst. Wenn ich von meiner Krankheit genesen bin, werde ich dir eine Ahnentafel für langes Leben aufstellen und täglich Räucherwerk verbrennen und dich anbeten, um dir Glück und ein langes Leben zu sichern. Und wenn ich sterbe, will ich als Esel oder Hund wiedergeboren werden, um es dir zu vergelten. Außerdem heißt es im Volksmund: ›Tausend Meilen lang kann man ein Festzelt aufstellen, doch jedes Gastmahl geht einmal zu Ende.‹ In zwei oder drei Jahren werden wir alle von hier fortgehen. Und ein anderes Sprichwort sagt: ›Selbst Wasserlinsen treffen sich wieder, wie sollten Menschen sich nie wiedersehen!‹ Wenn wir uns eines Tages wiederbegegnen, wie könnte ich dir dann deine Güte vergelten!« Während sie sprach, weinte sie unablässig. Diese Worte rührten Mandarinenente so sehr, dass auch sie zu weinen begann. Sie nickte und sagte: »Ganz recht. Ich bin keine Aufseherin, warum sollte ich deinen guten Ruf zerstören und mir unnötig Verdienste anmaßen? Zudem wäre es auch für mich selbst nicht angemessen, so etwas jemandem zu erzählen. Sei ganz unbesorgt. Werde nur erst wieder gesund, aber dann musst du dich anständig betragen und darfst dir keine weiteren Torheiten erlauben.« Siqi nickte vom Kopfkissen her wieder und wieder.

Nachdem Mandarinenente sie noch ein wenig getröstet hatte, ging sie hinaus. Da sie wusste, dass Kaufmann Kette [贾琏] nicht zu Hause war und Phönixglanz[2] [王熙凤] in den letzten Tagen matter und lustloser als gewöhnlich wirkte, machte sie unterwegs noch einen Besuch bei ihr. Als sie durch das Tor zu Phönixglanz' Hof trat, erhoben sich die Diener am inneren Tor respektvoll und ließen sie passieren. Mandarinenente hatte kaum die Haupthalle betreten, als Friedchen [平儿] aus dem Innenraum herauskam. Bei Mandarinenentes Anblick kam sie eilig herbei und flüsterte lächelnd: »Sie hat gerade gegessen und hält ihren Mittagsschlaf. Setz dich doch einstweilen hier ein Weilchen.« Mandarinenente folgte Friedchen in das östliche Zimmer. Ein kleines Mädchen brachte Tee. Mandarinenente fragte leise: »Was ist denn in den letzten Tagen mit deiner Herrin los? Sie sieht so matt aus.«

Friedchen sah, dass sie allein im Raum waren, und seufzte: »Diese Mattigkeit ist nicht erst seit heute. Schon vor einem Monat hat es angefangen. Dann kamen diese paar hektischen Tage, und sie hat sich auch noch allerlei Ärger anhören müssen, das hat alles wieder aufgewühlt. In den letzten zwei Tagen ist noch eine Krankheit dazugekommen, so dass sie es einfach nicht mehr verbergen konnte.«

»Wenn es so steht, warum habt ihr dann nicht früher einen Arzt gerufen?« fragte Mandarinenente besorgt.

Friedchen seufzte: »Ach Schwester, du kennst doch ihr Temperament! Von einem Arzt und Medizin will sie nichts hören. Ich konnte es nicht mehr mit ansehen und habe nur einmal beiläufig gefragt, wie sie sich fühle -- da wurde sie gleich wütend und warf mir vor, ich wolle sie krank reden. Trotzdem ist sie Tag für Tag noch immer damit beschäftigt, alles und jeden zu beaufsichtigen und kontrollieren, und will einfach nicht auf sich achten und ihren Körper schonen.«

»Auch wenn es so ist«, sagte Mandarinenente, »sollte man doch unbedingt einen Arzt kommen lassen, damit man weiß, was für eine Krankheit es ist, und alle beruhigt sein können.«

»Schwester«, sagte Friedchen, »wenn wir von der Krankheit sprechen -- so wie ich es sehe, ist es keine Kleinigkeit.«

»Was für eine Krankheit ist es denn?« fragte Mandarinenente dringend.

Friedchen rückte noch ein Stückchen näher und flüsterte ihr ins Ohr: »Seit sie letzten Monat ihre Blutung hatte, hat diese einen ganzen Monat lang nicht aufgehört, sie tröpfelt und tröpfelt unablässig. Ist das etwa keine schwere Krankheit?«

Als Mandarinenente das hörte, rief sie erschrocken: »Ach du meine Güte! Nach dem, was du sagst, ist das ja ein Blutsturz!«

Friedchen spuckte rasch einmal aus und flüsterte dann lachend: »Du als unverheiratetes Mädchen -- wie kannst du so etwas sagen! Du verfluchst sie ja geradezu!«

Mandarinenente wurde unwillkürlich rot im Gesicht und flüsterte dann ebenfalls lachend: »Ich weiß ja eigentlich auch nicht, was ein Blutsturz ist und was nicht. Hast du denn vergessen, dass meine ältere Schwester an dieser Krankheit gestorben ist? Ich wusste auch nicht, was das für eine Krankheit war. Ich hatte nur zufällig gehört, wie meine Mutter und meine Schwägerin darüber sprachen, und war ganz verwundert. Erst später, als meine Mutter alles genau erklärte, habe ich ein oder zwei Dinge davon begriffen.«

»Stimmt, du müsstest es wissen«, sagte Friedchen lachend. »Das hatte ich ganz vergessen.«

Während die beiden noch miteinander sprachen, kam ein kleines Mädchen herein und sagte zu Friedchen: »Eben war Frau Zhu schon wieder da. Wir haben ihr gesagt, die Herrin halte gerade Mittagsschlaf, da ist sie zur gnädigen Frau hinübergegangen.« Friedchen nickte.

»Welche Frau Zhu?« fragte Mandarinenente.

»Die offizielle Heiratsvermittlerin, Frau Zhu«, erklärte Friedchen. »Irgendein Herr Sun hat bei uns um eine Heirat nachgesucht, und deshalb kommt sie dieser Tage jeden Tag mit einer Besuchskarte und lässt nicht locker.«

Bevor sie ausgesprochen hatte, kam ein kleines Mädchen gelaufen und rief: »Der zweite junge Herr kommt herein!« Und schon war Kaufmann Kette in der Tür zur Haupthalle und rief nach Friedchen. Friedchen antwortete und wollte ihm gerade entgegengehen, als er bereits in dieses Zimmer herüberkam. Als er vor der Tür plötzlich Mandarinenente auf dem Ofenbett sitzen sah, blieb er stehen und sagte lächelnd: »Mandarinenente, welch seltene Ehre, dass dein edler Fuß unseren bescheidenen Boden betritt!«

Mandarinenente blieb sitzen und sagte lächelnd: »Ich wollte dem jungen Herrn und der jungen Herrin meinen Gruß entbieten, aber der eine ist nicht da und die andere schläft.«

Kaufmann Kette lachte: »Du dienst das ganze Jahr über der Herzoginmutter mit solcher Aufopferung -- ich habe es noch nicht einmal geschafft, dich zu besuchen, und nun machst du dir noch die Mühe, herzukommen und nach uns zu sehen! Aber das ist ein glücklicher Zufall: Ich wollte gerade zu dir gehen. Nur war mir in diesem Gewand zu warm, und ich wollte zuerst ein leichteres anziehen, bevor ich zu dir gehe. Und nun, dem Himmel sei Dank, hast du mir den Weg gespart und wartest schon hier auf mich!« Dabei setzte er sich auf einen Stuhl.

»Was gibt es denn?« fragte Mandarinenente.

Kaufmann Kette lächelte erst, bevor er zu sprechen begann: »Es geht um eine Sache, die ich tatsächlich vergessen hatte, aber du erinnerst dich vielleicht noch. Im vorigen Jahr zum Geburtstag der Herzoginmutter kam ein Mönch von auswärts und brachte als Geschenk eine Buddhahand [Anm.: die Frucht der Zitruspflanze Citrus medica var. sarcodactylis] aus Wachsöl. Die Herzoginmutter mochte sie so gern, dass sie sie sofort herüberbringen und aufstellen ließ. Neulich beim Geburtstag der Herzoginmutter habe ich im Antiquitätenregister diesen Posten gefunden, weiß aber nicht, wo sich das Stück jetzt befindet. Die Leute aus der Antiquitätenkammer haben mich schon zweimal danach gefragt, damit sie die Sache in den Büchern vermerken können. Deshalb frage ich dich, Schwester: Hat die Herzoginmutter das Stück noch bei sich stehen, oder ist es jemandem übergeben worden?«

»Die Herzoginmutter hat es ein paar Tage aufgestellt«, erwiderte Mandarinenente, »dann war sie es leid und hat es eurer Herrin geschenkt. Und jetzt fragst du mich! Ich erinnere mich sogar noch an den Tag. Ich habe die alte Frau Wang beauftragt, es hierher zu bringen. Du hast es vergessen -- frag deine Herrin und Friedchen.«

Friedchen, die gerade ein Kleidungsstück geholt hatte, hörte das und eilte heraus: »Es wurde hierher gegeben und steht jetzt oben im Stockwerk. Die Herrin hat schon jemanden hinausgeschickt, um Bescheid zu sagen, dass es in diesem Haus ist. Die Leute dort drüben haben es in ihrer Vergesslichkeit nicht eingetragen, und jetzt kommen sie noch einmal wegen solch unwichtiger Sachen.«

»Aha!« sagte Kaufmann Kette lächelnd. »Wenn sie sie eurer Herrin geschenkt hat, warum weiß ich dann nichts davon? Ihr habt sie einfach unterschlagen!«

»Die Herrin hat es dem zweiten jungen Herrn gesagt«, entgegnete Friedchen, »aber der junge Herr wollte das Stück gleich verschenken. Die Herrin war dagegen und hat es mit Mühe und Not behalten. Jetzt hat er es selbst vergessen und behauptet, wir hätten es unterschlagen! Was ist das schon für eine Kostbarkeit, was für ein unersetzliches Stück! Zehnmal wertvollere Dinge haben wir kein einziges Mal unterschlagen, und jetzt soll es ausgerechnet dieses billige Ding sein!«

Kaufmann Kette ließ den Kopf sinken, dachte lächelnd einen Moment nach und schlug sich dann auf die Schenkel: »Ich bin in letzter Zeit wirklich ganz verwirrt! Ich vergesse alles, bringe die Leute gegen mich auf -- ganz anders als früher!«

»Das ist kein Wunder«, sagte Mandarinenente lächelnd. »So viele Geschäfte, so viel Gerede -- und wenn du dann noch ein paar Gläser Wein dazu trinkst, wie soll da noch Klarheit herrschen?« Bei diesen Worten stand sie auf und wollte gehen.

Kaufmann Kette stand rasch ebenfalls auf und sagte: »Liebe Schwester, bleib doch noch einen Augenblick! Dein Bruder hat noch eine Bitte an dich.« Dann schalt er die kleinen Mädchen: »Warum bringt ihr keinen anständigen Tee! Holt schnell eine saubere Deckeltasse und brüht eine Tasse von dem neuen Tee auf, den man gestern für den Hof geliefert hat!« Dann wandte er sich an Mandarinenente: »Wegen des Geburtstags der Herzoginmutter haben wir in den letzten Tagen alle paar tausend Liang Silber ausgegeben. Die Mieteinnahmen und Grundsteuern von verschiedenen Stellen kommen erst im neunten Monat herein, jetzt klafft eine Lücke. Morgen müssen wir die Geschenke für das Fürstentum Nan'an absenden, dann die Geschenke zum Doppelneunfest [Anm.: das Chongyang-Fest am 9. Tag des 9. Monats] für die Kaiserliche Nebenfrau vorbereiten, und dann sind da noch einige Geschenke für Hochzeiten und Trauerfälle in befreundeten Häusern. Es werden mindestens noch zwei- bis dreitausend Liang gebraucht, und für den Moment ist es schwierig, die irgendwo aufzutreiben. Wie das Sprichwort sagt: ›Besser, man bittet sich selbst, als andere um Hilfe zu bitten.‹ Da bleibt mir nichts anderes übrig, als dich in eine unangenehme Lage zu bringen: Könntest du heimlich eine Kiste mit goldenen und silbernen Geräten der Herzoginmutter herausschaffen, die sie nicht gleich vermissen wird, damit wir sie vorübergehend für etwa tausend Liang versetzen? In weniger als einem halben Jahr, wenn das Silber hereinkommt, löse ich sie sofort wieder aus und gebe alles zurück. Auf keinen Fall werde ich dich in Schwierigkeiten bringen.«

Mandarinenente lachte: »Dir fallen aber auch immer wieder neue Tricks ein! Wie du nur auf solche Ideen kommst!«

Kaufmann Kette lachte: »Ich übertreibe nicht -- wenn wir von dir absehen, gibt es zwar andere, die über tausend Liang verfügen können, aber keiner von ihnen ist so verständig und mutig wie du. Wenn ich es mit denen bespreche, sind sie nur erschrocken. Deshalb sage ich: ›Lieber einmal die goldene Glocke anschlagen als dreitausend Mal auf die kaputte Trommel hauen.‹«

Bevor er ausgesprochen hatte, kam ein kleines Mädchen von der Herzoginmutter eilig herübergelaufen und suchte Mandarinenente: »Die Herzoginmutter sucht dich schon eine ganze Weile! Wir haben dich überall gesucht, und jetzt finden wir dich hier!« Als Mandarinenente das hörte, verabschiedete sie sich hastig und ging zur Herzoginmutter.

Nachdem Kaufmann Kette sah, dass sie gegangen war, blieb ihm nichts anderes übrig, als herüberzugehen und nach Phönixglanz zu sehen. Doch Phönixglanz war bereits aufgewacht und hatte sein Gespräch mit Mandarinenente über das Verpfänden gehört. Da sie nicht gut dazwischenreden konnte, war sie einfach auf ihrem Ruhebett liegengeblieben. Als sie nun hörte, dass Mandarinenente gegangen war und Kaufmann Kette hereinkam, fragte sie: »Hat sie zugestimmt?«

»Noch nicht ganz«, antwortete Kaufmann Kette lächelnd, »aber es sieht zu acht oder neun Teilen gut aus. Wenn du heute Abend noch einmal mit ihr sprichst, ist es so gut wie sicher.«

»Da halte ich mich heraus«, sagte Phönixglanz lächelnd. »Wenn sie einverstanden ist, redest du jetzt schön, aber wenn das Geld da ist, vergisst du alles und wirfst es hinter dich. Wer soll dann hinter dir herlaufen? Und wenn die Herzoginmutter es erfährt, habe ich mein ganzes Ansehen der letzten Jahre verspielt.«

»Liebste«, sagte Kaufmann Kette lächelnd, »wenn du das für mich regelst, wie soll ich dir danken?«

»Sag schon«, erwiderte Phönixglanz lächelnd, »womit willst du mir danken?«

»Nenn mir, was du willst, und du bekommst es«, versprach Kaufmann Kette lächelnd.

Friedchen lachte von der Seite: »Die Herrin braucht keinen Dank. Gestern hat sie gerade gesagt, sie wolle etwas erledigen und brauche ein- oder zweihundert Liang Silber. Wenn wir die leihen und die Herrin nimmt sich davon ein- oder zweihundert Liang, wäre das nicht für beide Seiten ideal?«

»Gut, dass du mich daran erinnerst«, sagte Phönixglanz lächelnd. »Also gut, so machen wir es.«

»Ihr seid wirklich unbarmherzig!« lachte Kaufmann Kette. »Ihr habt jetzt bestimmt nicht nur tausend Liang Pfand, sondern auch drei- oder fünftausend Liang in bar, da bin ich mir sicher. Dass ich gar nicht bei euch borge! Und jetzt, wo ich euch bitte, ein Wort für mich einzulegen, verlangt ihr auch noch Zinsen! Das ist wirklich die Höhe!«

Als Phönixglanz das hörte, setzte sie sich mit einem Ruck auf und sagte: »Ob ich drei- oder fünfzigtausend habe, nichts davon ist auf deine Kosten verdient! Hinter meinem Rücken reden innen wie außen, oben wie unten schon genug Leute schlecht über mich -- nur du hast noch gefehlt! Man sieht, ohne Verräter im eigenen Haus kommen die Geister von außen nicht herein. Wo unser Geld aus der Familie Wang herkommt? Alles ist von euch Kaufmanns verdient worden! Mir wird schlecht davon! Eure Familie hält sich wohl für Shi Chong oder Deng Tong [Anm.: berühmte Reiche des Altertums]! Wenn man die Ritzen im Boden des Hauses Wang auskehrte, würde das für euch ein ganzes Leben lang reichen! Ihr solltet euch schämen, so etwas zu sagen! Hier gibt es den Beweis: Schaut euch die Aussteuer der gnädigen Frau und meine an und vergleicht sie mit eurer -- in welcher Hinsicht steht sie eurer nach?«

»Ich habe doch nur Spaß gemacht, und du regst dich gleich auf!« sagte Kaufmann Kette lächelnd. »Was ist denn schon dabei? Ein- oder zweihundert Liang Silber, das ist doch nichts. Mehr habe ich zwar nicht, aber so viel habe ich schon. Ich bringe es dir herein, du gibst es aus, und dann sehen wir weiter, einverstanden?«

»Mir liegt niemand im Sterben, dem ich etwas in den Mund legen und unter den Kopf schieben müsste [Anm.: Brauch bei Verstorbenen]«, erwiderte Phönixglanz. »Was soll die Eile?«

»Warum quälst du dich«, sagte Kaufmann Kette, »es ist doch nicht nötig, sich solche Galle zu machen.«

Als Phönixglanz das hörte, musste sie selbst wieder lachen: »Ich bin nicht aufgeregt, aber deine Worte stechen ins Herz. Ich muss nämlich daran denken, dass übermorgen der Jahrestag von Zweitschwester You [尤二姐] ist. Wir haben uns doch eine Zeitlang gut verstanden, und wenn wir auch nichts Großes tun können, sollten wir wenigstens ihr Grab besuchen und ein Blatt Papiergeld verbrennen, das schulden wir ihr als Schwestern. Auch wenn sie kein Kind hinterlassen hat, sollte man doch bedenken: ›Der Vorgänger streut Sand, um dem Nachfolger die Augen zu verblenden.‹ [Anm.: Sprichwort: Wer heute stirbt, kann morgen nicht mehr für sich sorgen.]«

Diesem Satz hatte Kaufmann Kette nichts entgegenzusetzen. Er senkte den Kopf, überlegte eine ganze Weile und sagte dann: »Es ist rührend, dass du so umsichtig bist. Ich hatte es ganz vergessen. Wenn es erst übermorgen gebraucht wird und wir morgen das Geld bekommen, dann nimm dir davon, so viel du brauchst.«

Bevor er ausgesprochen hatte, kam die Frau des Laiwang [旺儿] herein. Phönixglanz fragte: »Ist es gelungen?«

»Leider nicht«, antwortete Laiwangs Frau. »Ich sagte ja, wenn die Herrin selbst die Sache in die Hand nimmt, gelingt es bestimmt.«

»Was ist denn los?« fragte Kaufmann Kette.

Phönixglanz sagte: »Es ist nichts Großes. Laiwang hat einen Sohn, der dieses Jahr siebzehn geworden ist und noch keine Frau hat. Er will Caixia [彩霞] aus dem Haushalt der gnädigen Frau haben, aber wir wissen nicht, was die gnädige Frau davon hält, und so ist nichts entschieden worden. Vor einigen Tagen hat die gnädige Frau gesehen, dass Caixia erwachsen geworden ist, und da sie auch noch kränklich war, hat sie sie gnädigerweise freigelassen, damit ihre Eltern sich selbst einen Schwiegersohn für sie suchen können. Deshalb kam Laiwangs Frau zu mir. Ich dachte, die beiden Familien wären einander ebenbürtig, und wenn man nachfrage, würde es von selbst klappen. Doch nun kommt sie und sagt, es sei nichts daraus geworden.«

»Was ist das schon für eine große Sache!« sagte Kaufmann Kette. »Viel besser als Caixia gibt es doch genug.«

Laiwangs Frau sagte mit beflissenem Lächeln: »Wenn der junge Herr das so sagt -- wenn selbst ihre Familie auf uns herabschaut, dann werden andere erst recht auf uns herabschauen! Endlich hatten wir eine passende Schwiegertochter gefunden, und ich dachte, ich bitte den jungen Herrn und die Herrin um ihre Gnade, damit die Sache zustande kommt. Die Herrin sagte auch, sie würden gewiss einverstanden sein, also bat ich jemanden, es zu versuchen. Aber wider Erwarten wurde ich abgewiesen. Gegen das Mädchen selbst ist nichts zu sagen, und als ich sie in meiner Art beiläufig auf den Zahn fühlte, schien sie nichts dagegen zu haben. Nur ihre Eltern, diese beiden alten Sturköpfe, haben Höheres mit ihr im Sinn.«

Diese Worte trafen Phönixglanz und Kaufmann Kette ins Ehrgefühl. Phönixglanz sagte nichts, da Kaufmann Kette anwesend war, und wartete ab, wie er reagieren würde. Kaufmann Kette hatte seine eigenen Sorgen im Kopf und nahm sich diese Kleinigkeit nicht zu Herzen. Er wollte sich am liebsten heraushalten, doch da Laiwangs Frau nun einmal von Phönixglanz mit in die Ehe gebracht worden war und ihre Verdienste hatte, konnte er schlecht nein sagen. Also sprach er: »Was ist das schon Großes, dass ihr ewig herumzischelt und tuschelt! Geh nur unbesorgt nach Hause. Morgen spiele ich den Vermittler und schicke zwei angesehene Leute, die mit ihnen reden und gleich die Verlobungsgeschenke mitbringen, und sie sollen sagen, es sei mein Wunsch. Wenn sie sich dann immer noch sträuben, sollen sie zu mir kommen.«

Laiwangs Frau warf Phönixglanz einen fragenden Blick zu. Phönixglanz verzog leicht den Mund. Laiwangs Frau verstand und kniete sogleich nieder, um Kaufmann Kette mit einem Stirnaufschlag zu danken.

»Deiner Herrin musst du danken!« sagte Kaufmann Kette rasch. »Ich habe zwar gesagt, so soll es gehen, aber trotzdem muss deine Herrin noch jemanden schicken und Caixias Mutter rufen lassen, um freundlich mit ihr zu sprechen, das wäre besser. Auch wenn sie gewiss zustimmen werden, darf man in solchen Angelegenheiten nicht tyrannisch vorgehen.«

»Wenn sogar du so gnädig bist und dir solche Mühe gibst«, sagte Phönixglanz rasch, »dann kann ich doch nicht die Hände in den Schoß legen und zusehen! Laiwangs Frau, hör zu: Nachdem diese Sache erledigt ist, musst du auch schnell meine Aufträge erfüllen. Sag deinem Mann, er soll alle Schulden da draußen noch vor Jahresende eintreiben. Nicht ein einziger Heller darf fehlen! Mein Ruf ist schon schlecht genug, und wenn ich noch ein Jahr Geld verleihe, werden sie mich bei lebendigem Leibe auffressen.«

»Ihr seid zu ängstlich, Herrin«, sagte Laiwangs Frau lächelnd. »Wer würde es wagen, schlecht über die Herrin zu reden? Ehrlich gesagt, wenn alles eingezogen würde, wäre das auch für uns weniger Arbeit und weniger Ärger mit den Leuten.«

»Ich habe mich auch nur aus reiner Dummheit darauf eingelassen«, sagte Phönixglanz mit kühlem Lächeln. »Wozu brauche ich wirklich das Geld? Es geht nur darum, dass die täglichen Ausgaben höher sind als die Einnahmen. Was dieses Haus betrifft: Das Monatsgeld für mich und den Herrn zusammen, dazu das Monatsgeld für die vier Dienstmädchen, macht insgesamt zehn bis zwanzig Liang -- das reicht nicht einmal für drei bis fünf Tage! Wenn ich nicht alles zusammengekratzt hätte, was nur ging, wüsste der Himmel, in welcher verfallenen Hütte wir längst gelandet wären! Und jetzt habe ich den Ruf eines heruntergekommenen Geldverleihers. Gut denn, ich ziehe alles ein. Geld ausgeben kann ich so gut wie jeder andere auch. In Zukunft sitzen wir einfach da und geben aus, solange es reicht, reicht es.

Und was für Zustände herrschen hier: Als die Herzoginmutter kürzlich Geburtstag hatte, hat sich die gnädige Frau zwei Monate lang Sorgen gemacht und wusste sich keinen Rat, bis schließlich ich den Hinweis gab, dass oben im Lagerhaus vier oder fünf Kisten mit großen Messing- und Zinngeräten stünden, auf die es nicht weiter ankäme. Die wurden fortgeschafft und brachten dreihundert Liang Silber ein -- erst damit konnte die gnädige Frau ihr Gesicht wahren und die Sache überstehen. Ich habe, wie ihr wisst, die goldene Schlaguhr für fünfhundertsechzig Liang verkauft. Noch kein halber Monat war vergangen, da gab es schon zehn große und kleine Angelegenheiten, und alles wurde für nichts und wieder nichts verschlungen. Jetzt reicht auch draußen das Geld nicht mehr, und irgendwer -- ich weiß nicht, wer -- ist auf den Einfall gekommen, die Sachen der Herzoginmutter anzugehen. In einem weiteren Jahr werden sie an Schmuck und Kleider gehen -- dann wird es erst richtig schön!«

»Schmuck und Kleider jeder einzelnen gnädigen Frau würden, zu Geld gemacht, für ein ganzes Leben reichen«, sagte Laiwangs Frau lächelnd. »Nur wird sich keine auf so etwas einlassen.«

»Ich will nicht sagen, dass ich zu nichts mehr fähig bin«, fuhr Phönixglanz fort, »aber auf diese Art kann ich wirklich nicht mehr. Gestern Nacht hatte ich plötzlich einen Traum -- er klingt vielleicht sogar komisch. Im Traum suchte mich jemand auf, der mir zwar bekannt vorkam, dessen Namen ich aber nicht kannte. Als ich fragte, was er wolle, sagte er, die Kaiserliche Nebenfrau habe ihn geschickt, um hundert Stück Brokat zu holen. Ich fragte, welche Kaiserliche Nebenfrau, und er nannte eine, die nicht aus unserer Familie stammt. Ich wollte ihm die Seide nicht geben, da kam er auf mich zu und wollte sie mir entreißen. Gerade als er zupackte, wachte ich auf.«

»Das liegt nur daran, dass die Herrin sich tagsüber zu viel Sorgen macht und ständig mit Aufträgen für den kaiserlichen Palast zu tun hat«, sagte Laiwangs Frau lächelnd.

Bevor sie ausgesprochen hatte, wurde gemeldet: »Der Oberhofkämmerer Xia hat einen jungen Eunuchen geschickt.«

Als Kaufmann Kette das hörte, runzelte er sofort die Stirn und sagte: »Was will er denn schon wieder! In einem Jahr schleppen die mehr als genug weg!«

»Versteck dich«, sagte Phönixglanz. »Ich empfange ihn. Wenn es eine Kleinigkeit ist, lasse ich es durchgehen. Wenn es etwas Größeres ist, weiß ich schon, was ich ihm sage.«

Kaufmann Kette versteckte sich im Innenraum. Phönixglanz ließ den jungen Eunuchen hereinführen, bot ihm einen Stuhl an und ließ ihm Tee bringen. Dann fragte sie, worum es gehe.

Der junge Eunuch sagte: »Exzellenz Xia hat heute zufällig ein Haus gesehen, aber es fehlen ihm zweihundert Liang Silber. Er schickt mich, um die Frau Tante zu fragen, ob im Haus zweihundert Liang bar verfügbar sind, die er sich kurz leihen könnte. In ein, zwei Tagen schickt er sie zurück.«

»Was heißt hier zurückschicken«, sagte Phönixglanz lächelnd. »Silber haben wir mehr als genug, er soll es nur ruhig nehmen. Wenn wir ein andermal knapp bei Kasse sind, borgen wir bei ihm -- das ist doch dasselbe.«

»Exzellenz Xia lässt außerdem ausrichten«, fuhr der junge Eunuch fort, »dass von den letzten beiden Malen noch eintausendzweihundert Liang ausstehen. Zum Jahresende werde er natürlich alles auf einmal zurückzahlen.«

»Exzellenz Xia ist aber kleinlich!« sagte Phönixglanz lächelnd. »Das ist doch nicht der Rede wert! Ohne ihm zu nahe treten zu wollen: Wenn er alles so genau abrechnen und zurückzahlen wollte, dann wüsste ich gar nicht, wie viel er schon zurückgezahlt haben müsste! Solange wir welches haben, soll er es sich nur nehmen.« Dann rief sie Laiwangs Frau herein: »Geh hinaus und treib irgendwoher zweihundert Liang auf!«

Laiwangs Frau verstand, worum es ging, und sagte lächelnd: »Eben konnte ich nirgendwo etwas auftreiben, deshalb bin ich ja zu Euch gekommen.«

»Ihr versteht es nur, hier hereinzukommen und Geld zu verlangen, aber wenn ihr es draußen beschaffen sollt, seid ihr unfähig!« rügte Phönixglanz. Dann rief sie Friedchen: »Nimm meine beiden goldenen Halsketten heraus und versetz sie für vierhundert Liang Silber!«

Friedchen sagte »Jawohl« und ging. Nach einer ganzen Weile brachte sie tatsächlich ein mit Seide bezogenes Kästchen, in dem zwei seidene Tücher lagen. Als man sie aufwickelte, zeigte sich: Die eine Kette war aus Goldfiligran mit aufgereihten Perlen, jede so groß wie ein Lotuskern. Die andere war mit Eisvogelfedern besetzt und mit Edelsteinen verziert. Beide standen den Schmuckstücken aus dem Kaiserpalast in nichts nach. Als Friedchen sie fortbrachte und zurückkam, hatte sie tatsächlich vierhundert Liang Silber.

Phönixglanz befahl, die Hälfte für den jungen Eunuchen einzupacken. Die andere Hälfte ließ sie Laiwangs Frau übergeben, damit diese die Vorbereitungen für das Mittelherbstfest [Anm.: das Fest am 15. Tag des 8. Monats] treffen konnte. Der junge Eunuch verabschiedete sich, und Phönixglanz befahl jemandem, das Silber für ihn bis zum Haupttor zu tragen.

»Wann nehmen diese Plagegeister von draußen endlich ein Ende!« sagte Kaufmann Kette lachend, als er wieder herauskam.

»Gerade sprachen wir davon, und schon kam der nächste Schwall«, erwiderte Phönixglanz lächelnd.

»Gestern war der Obereunuch Zhou hier«, berichtete Kaufmann Kette. »Kaum hatte er den Mund aufgemacht, wollte er tausend Liang. Als ich einen Moment zögerte, wurde er gleich unwillig. In Zukunft wird es noch viele Gelegenheiten geben, wo wir jemanden vor den Kopf stoßen müssen. Es wäre schön, wenn wir noch einmal zwei oder drei Millionen verdienen könnten.« Während er sprach, half Friedchen Phönixglanz bereits, sich zu waschen und umzukleiden, damit sie zur Herzoginmutter hinübergehen und beim Abendessen aufwarten konnte.

Kaufmann Kette ging ebenfalls hinaus, und als er gerade bei seinem äußeren Arbeitszimmer angekommen war, sah er plötzlich Lin Zhixiao [林之孝] auf sich zukommen. Er fragte, was es gebe.

»Ich habe gerade erfahren, dass Yucun [Anm.: Jia Yucun, ein Beamter] seines Amtes enthoben worden sein soll«, sagte Lin Zhixiao. »Aber ich weiß nicht, warum, und möglicherweise stimmt es gar nicht.«

»Ob es stimmt oder nicht«, erwiderte Kaufmann Kette, »sein Amt wird er kaum lange behalten. Wenn er in Schwierigkeiten gerät, ist nicht auszuschließen, dass er uns mit hineinzieht. Es wäre besser, auf Abstand zu gehen.«

»Da habt Ihr völlig recht«, bestätigte Lin Zhixiao, »nur lässt sich das im Moment schlecht bewerkstelligen. Der ältere Herr aus dem Östlichen Anwesen [Anm.: Kaufmann Juwel, 贾珍] versteht sich besser mit ihm als je zuvor, und auch der gnädige Herr hat ihn gern und verkehrt häufig mit ihm. Wer wüsste das nicht!«

»Solange wir keine gemeinsamen Geschäfte mit ihm machen, kann uns nicht viel passieren«, entschied Kaufmann Kette. »Geh und erkundige dich, ob es wahr ist und was der Grund ist.«

Lin Zhixiao sagte zwar jawohl, rührte sich aber nicht von der Stelle. Er blieb auf seinem Stuhl sitzen und führte das Gespräch weiter. Als sie auf die Schwierigkeiten des Haushalts zu sprechen kamen, ergriff er die Gelegenheit und sagte: »Es sind zu viele Leute im Haus. Es wäre das beste, der Herzoginmutter und dem gnädigen Herrn bei Gelegenheit Bericht zu erstatten und einige der alten Bediensteten, die ihre Verdienste haben, aber nicht mehr gebraucht werden, gnädigerweise freizulassen. Erstens hat ohnehin jeder von ihnen seine eigene Wirtschaft, und zweitens ließe sich dadurch jährlich einiges an Verpflegung und Monatsgeld einsparen.

Außerdem gibt es auch zu viele Mädchen in den inneren Gemächern. Der Volksmund sagt richtig: ›Eine Zeit gleicht nicht der anderen.‹ Wir können jetzt nicht mehr an den alten Maßstäben festhalten, und notgedrungen muss sich jeder ein wenig einschränken: Wem acht Mägde zustanden, der muss mit sechs auskommen, und wer vier hatte, muss mit zwei zufrieden sein. Rechnet man das für alle Räume zusammen, kann man im Jahr eine beträchtliche Menge an Reis und Monatsgeld einsparen. Zudem ist die Hälfte der Mädchen drinnen bereits zu alt geworden und sollte verheiratet werden. Wenn sie erst Familien gründen, bringen sie dann nicht noch mehr Leute hervor?«

»Dasselbe habe ich mir auch schon gedacht«, versicherte Kaufmann Kette, »aber der gnädige Herr ist eben erst nach Hause zurückgekehrt, und so viele wichtige Angelegenheiten habe ich ihm noch nicht gemeldet -- wie soll ich da mit so etwas kommen? Neulich hat die offizielle Heiratsvermittlerin eine Verlobungskarte gebracht, um eine Hochzeit anzutragen, aber die gnädige Frau meinte, der gnädige Herr sei gerade erst heimgekehrt und genieße es jeden Tag, wieder mit seiner Familie vereint zu sein. Wenn man jetzt plötzlich von Heirat spräche, fürchtete sie, er werde wieder traurig. Deshalb solle vorerst nicht davon gesprochen werden.«

»Das ist auch richtig«, bestätigte Lin Zhixiao. »Die gnädige Frau denkt sehr umsichtig.«

»Eben!« sagte Kaufmann Kette. »Aber da fällt mir gerade etwas ein. Der Sohn von unserem Laiwang will Caixia aus den Gemächern der gnädigen Frau heiraten. Gestern hat er sich deswegen an mich gewandt. Ich denke, es ist keine große Sache -- schick jemanden hin, der ein Wort mit den Eltern spricht, egal wen. Schau, wer gerade frei ist, und schick ihn hin, in meinem Namen.«

Lin Zhixiao sagte notgedrungen ja, aber nach einer Weile riet er lächelnd: »Wenn Ihr mich fragt, junger Herr, solltet Ihr besser die Finger davon lassen. Laiwangs Sohn ist zwar noch jung, aber er treibt sich draußen herum, trinkt und spielt um Geld und kennt keine Grenzen. Auch wenn alle Beteiligten Dienstleute sind, so ist eine Heirat doch eine Sache fürs ganze Leben. Caixia habe ich zwar in den letzten Jahren nicht mehr gesehen, aber man erzählt, sie habe sich prächtig entwickelt. Warum soll man sie ohne Grund ins Unglück stürzen?«

»Ist sein Sohn wirklich ein solcher Trinker, dass er kein brauchbarer Mensch mehr ist?« fragte Kaufmann Kette.

»Nicht nur, dass er trinkt und spielt«, sagte Lin Zhixiao mit kühlem Lächeln, »er schreckt da draußen vor keiner Schandtat zurück. Nur weil er zu den Leuten der Herrin gehört, haben wir immer ein Auge zugedrückt.«

»Davon wusste ich nichts!« sagte Kaufmann Kette. »Wenn das so ist, bekommt er statt einer Frau eine Tracht Prügel und wird eingesperrt! Und dann müssen sich seine Eltern verantworten!«

»Nicht gerade jetzt«, riet Lin Zhixiao lächelnd. »Warten wir, bis er wieder etwas anstellt, dann melden wir es Euch, und Ihr könnt ihn bestrafen. Für diesmal lasst es ihm noch durchgehen.«

Kaufmann Kette erwiderte nichts, und nach einer Weile ging Lin Zhixiao.

Am Abend hatte Phönixglanz bereits jemanden geschickt, um Caixias Mutter hereinrufen zu lassen und die Heirat für sie zu vermitteln. Obwohl Caixias Mutter innerlich ganz und gar dagegen war, konnte sie angesichts der Ehre, dass Phönixglanz persönlich mit ihr sprach, nicht anders, als gegen den eigenen Willen lauthals zuzustimmen und zu gehen.

Als Phönixglanz nun Kaufmann Kette fragte, ob man schon mit dem Vater gesprochen habe, sagte er: »Ich wollte es schon veranlassen, aber dann erfuhr ich, dass sein Sohn ein großer Taugenichts ist, darum habe ich den Befehl zurückgenommen. Wenn es wirklich so schlimm mit ihm steht, sollte man ihn erst einmal eine Zeitlang unter Aufsicht erziehen. Danach ist immer noch Zeit, ihm eine Frau zu geben.«

»Von wem hast du gehört, dass er ein Taugenichts ist?« wollte Phönixglanz wissen.

»Nur von einem aus dem Haus, von wem sonst?« wich Kaufmann Kette aus.

Phönixglanz lachte: »Wer aus der Familie Wang kommt, ist euch ja nicht gut genug -- das trifft auf mich zu und auf die Dienstleute erst recht. Eben habe ich schon mit Caixias Mutter gesprochen, und sie war Feuer und Flamme. Soll ich sie etwa noch einmal hereinrufen lassen und ihr sagen, es sei nichts mehr daraus?«

»Wenn du schon mit ihr gesprochen hast, können wir natürlich nicht mehr davon abrücken«, sagte Kaufmann Kette. »Morgen sage ich Laiwang, er soll seinen Sohn streng im Zaum halten, und damit hat es sich.«

Was an diesem Abend sonst noch gesprochen wurde, braucht hier nicht erzählt zu werden.

Nun sei erzählt, dass Caixia, seit sie vor einigen Tagen freigelassen worden war, darauf wartete, dass ihre Eltern einen Bräutigam für sie finden würden. Zwar gab es die alte Bindung an Kaufmann Huan [贾环], an der sie innerlich festhielt, doch es war noch nichts entschieden. Jetzt musste sie mit ansehen, wie Laiwang immer wieder für seinen Sohn um sie anhielt, und sie hatte längst erfahren, dass dieser ein Trinker und Spieler war, dazu von hässlichem Aussehen und ohne jede Fertigkeit. Ihr Herz wurde immer schwerer.

In größter Angst, Laiwang könnte gestützt auf Phönixglanz' Machtstellung die Heirat erzwingen, was für sie ein lebenslanges Unglück bedeuten würde, war ihr Herz in äußerster Bedrängnis. Am Abend gab sie heimlich ihrer jüngeren Schwester Xiaoxia [小霞] den Auftrag, durch das innere Tor hineinzugehen und Nebenfrau Zhao [赵姨娘] aufzusuchen, um die wahre Lage zu erfahren.

Nebenfrau Zhao hatte sich seit langem bestens mit Caixia verstanden und nichts sehnlicher gewünscht, als sie für Kaufmann Huan zu bekommen, weil sie sich von ihr eine tatkräftige Stütze versprach. Doch wider alles Erwarten hatte die gnädige Frau [王夫人] Caixia freigelassen. Zwar hatte Nebenfrau Zhao immer wieder versucht, Kaufmann Huan anzustacheln, er solle Caixia für sich verlangen, aber erstens schämte er sich, den Mund aufzumachen, und zweitens lag ihm auch nicht sonderlich viel daran -- schließlich war Caixia nur eine Magd, und wenn sie ging, würden natürlich andere kommen. So hatte er die Sache immer wieder aufgeschoben und war längst bereit, sie fallen zu lassen.

Nebenfrau Zhao wollte jedoch nicht so leicht auf sie verzichten, und als jetzt auch noch Caixias jüngere Schwester kam, um sich Gewissheit zu verschaffen, nutzte sie die freie Stunde des Abends und ging zunächst zu Kaufmann Aufrecht[3] [贾政], um ihm ihre Bitte vorzutragen.

Kaufmann Aufrecht sagte: »Was soll die Eile? Die beiden Jungen sollen sich noch ein oder zwei Jahre ihren Büchern widmen, dann ist immer noch früh genug, ihnen ein Mädchen zu geben. Ich habe bereits zwei Mägde ausgesucht, eine für Schatzjade[4] [宝玉] und eine für Huan. Nur sind sie noch zu jung dafür, und ich befürchte, sie würden die Bücher vernachlässigen, darum will ich noch ein bis zwei Jahre warten.«

»Aber Schatzjade hat doch schon seit zwei Jahren ein Mädchen«, sagte Nebenfrau Zhao. »Wisst Ihr das nicht, gnädiger Herr?«

»Wer hat es ihm gegeben?« wollte Kaufmann Aufrecht sofort wissen. Doch bevor Nebenfrau Zhao antworten konnte, war plötzlich draußen ein lautes Krachen zu hören, und alle erschraken nicht wenig.

Wer wissen will, was das war, der lese das nächste Kapitel.

Anmerkungen

  1. Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenten-Paar". Erste Zofe der Herzoginmutter.
  2. Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".
  3. Kaufmann Aufrecht: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng. 政 zhèng bedeutet „aufrecht/Regierung".
  4. Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.

Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本).