Hongloumeng/Chapter 32

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第三十二回

诉肺腑心迷活宝玉

含耻辱情烈死金钏

Aufrichtig in Herzensdingen, bringt Bau-yü Verwirrung in sein Leben; überwältigt von Scham, geht Djin-tschuan standhaft in den Tod.

中文原文 (庚辰本) Deutsche Übersetzung (Schwarz)

話說寶玉見那麒麟,心中甚是歡喜,便伸手來拿,笑道:「虧你揀著了。你是那裡揀的?」史湘雲笑道:「幸而是這個,明兒倘或把印也丟了,難道也就罷了不 成?」寶玉笑道:「倒是丟了印平常,若丟了這個,我就該死了。」襲人斟了茶來與史湘雲吃,一面笑道:「大姑娘,聽見前兒你大喜了。」史湘雲紅了臉,吃茶不答。襲人道:「這會子又害臊了。你還記得十年前,咱們在西邊暖閣住著,晚上你同我說的話兒?那會子不害臊,這會子怎麼又害臊了?」史湘雲笑道:「你還說呢。那會子咱們那麼好。後來我們太太沒了,我家去住了一程子,怎麼就把你派了跟二哥哥,我來了,你就不象先待我了。」襲人笑道:「你還說呢。先姐姐長姐姐短哄著我替你梳頭洗臉,作這個弄那個,如今大了,就拿出小姐的款來。你既拿小姐的款,我怎敢親近呢?」史湘雲道:「阿彌陀佛,冤枉冤哉!我要這樣,就立刻死了。你瞧瞧,這麼大熱天,我來了,必定趕來先瞧瞧你。不信你問問縷兒,我在家時時刻刻那一回不念你幾聲。」話未了,忙的襲人和寶玉都勸道:「頑話你又認真了。還是這麼性急。」史湘雲道:「你不說你的話噎人,倒說人性急。」一面說,一面打開手帕子,將戒指遞與襲人。襲人感謝不盡,因笑道:「你前兒送你姐姐們的,我已得了;今兒你親自又送來,可見是沒忘了我。只這個就試出你來了。戒指兒能值多 少,可見你的心真。」史湘雲道:「是誰給你的?」襲人道:「是寶姑娘給我的。」湘雲笑道:「我只當是林姐姐給你的,原來是寶釵姐姐給了你。我天天在家裡想 著,這些姐姐們再沒一個比寶姐姐好的。可惜我們不是一個娘養的。我但凡有這麼個親姐姐,就是沒了父母,也是沒妨礙的。」說著, 眼睛圈兒就紅了。寶玉道:「罷,罷,罷!不用提這個話。」史湘雲道:「提這個便怎麼?我知道你的心病,恐怕你的林妹妹聽見,又怪嗔我贊了寶姐姐。可是為這個不是?」襲人在旁嗤的一笑,說道:「雲姑娘,你如今大了,越發心直口快了。」寶玉笑道:「我說你們這幾個人難說話,果然不錯。」史湘雲道:「好哥哥,你 不必說話教我噁心。只會在我們跟前說話,見了你林妹妹,又不知怎麼了。」   襲人道:「且別說頑話,正有一件事還要求你呢。」史湘雲便問:「什麼事?」襲人道:「有一雙鞋,摳了墊心子。我這兩日身上不好,不得做,你可有工夫替 我做做?」史湘雲笑道:「這又奇了,你家放著這些巧人不算,還有什麼針線上的,裁剪上的,怎麼教我做起來?你的活計叫誰做,誰好意思不做呢。」襲人笑道: 「你又糊塗了。你難道不知道,我們這屋裡的針線,是不要那些針線上的人做的。」史湘雲聽了,便知是寶玉的鞋了, 因笑道:「既這麼說,我就替你做了罷。只是一件,你的我才作,別人的我可不能。」襲人笑道:「又來了,我是個什麼,就煩你做鞋了。實告訴你,可不是我的。 你別管是誰的,橫豎我領情就是了。」史湘雲道:「論理,你的東西也不知煩我做了多少了,今兒我倒不做了的原故,你必定也知道。」襲人道:「倒也不知道。 」 史湘雲冷笑道:「前兒我聽見把我做的扇套子拿著和人家比,賭氣又鉸了。我早就聽見了,你還瞞我。這會子又叫我做,我成了你們的奴才了。」寶玉忙笑道:「前 兒的那事,本不知是你做的。」襲人也笑道:「他本不知是你做的。是我哄他的話,說是新近外頭有個會做活的女孩子,說扎的出奇的花,我叫他拿了一個扇套子試 試看好不好。他就信了,拿出去給這個瞧給那個看的。不知怎麼又惹惱了林姑娘,鉸了兩段。回來他還叫趕著做去,我才說了是你作的,他後悔的什麼似的。」史湘雲道:「越發奇了。林姑娘他也犯不上生氣,他既會剪,就叫他做。」襲人道:「他可不作呢。饒這麼著,老太太還怕他勞碌著了。大夫又說好 生靜養才好,誰還煩他做?舊年好一年的工夫,做了個香袋兒;今年半年,還沒見拿針線呢。」   正說著,有人來回說:「興隆街的大爺來了,老爺叫二爺出去會。」寶玉聽了,便知是賈雨村來了,心中好不自在。襲人忙去拿衣服。寶玉一面蹬著靴子,一面抱怨道:「有老爺和他坐著就罷了,回回定要見我。」史湘雲一邊搖著扇子,笑道:「自然你能會賓接客,老爺才叫你出去呢。」寶玉道: 「那裡是老爺,都是他自己要請我去見的。」湘雲笑道:「主雅客來勤,自然你有些警他的好處,他才只要會你。」寶玉道:「罷,罷,我也不敢稱雅,俗中又俗的 一個俗人,並不願同這些人往來。」湘雲笑道:「還是這個情性不改。如今大了,你就不願讀書去考舉人進士的,也該常常的會會這些為官做宰的人們,談談講講些仕途經濟的學問,也好將來應酬世務,日後也有個朋友。沒見你成年家只在我們隊里攪些什麼!」寶玉聽了 道:「姑娘請別的姊妹屋裡坐坐,我這裡仔細污了你知經濟學問的。」襲人道:「雲姑娘快別說這話。上回也是寶姑娘也說過一回,他也不管人臉上過的去過不去,他就咳了一聲,拿起腳來走了。這裡寶姑娘的話也沒說完,見他走了,登時羞的臉通紅,說又不是,不說又不是。幸而是寶姑娘,那要是林姑娘,不知又鬧到怎麼樣,哭的怎麼樣呢。提起這個話來,真真的寶姑娘叫人敬重,自己訕了一會子去了。我倒過不去,只當他惱了。誰知過後還是照舊一樣,真真有涵養,心地寬大。誰知這一個反倒同他生分了。那林姑娘見你賭氣不理他,你得賠多少不是呢。」寶玉道:「林姑娘從來說過這些混帳話不曾?若他也說過這些混帳話,我早和他生分了。」襲人和湘雲都點頭笑道:「這原是混帳話。」   原來林黛玉知道史湘雲在這裡,寶玉又趕來,一定說麒麟的原故。因此心下忖度著,近日寶玉弄來的外傳野史,多半才子佳人都因小巧玩物上撮合,或有鴛鴦, 或有鳳凰,或玉環金珮,或鮫帕鸞絛,皆由小物而遂終身。今忽見寶玉亦有麒麟,便恐藉此生隙,同史湘雲也做出那些風流佳事來。因而悄悄走來,見機行事,以察二人之意。不想剛走來,正聽見史湘雲說經濟一事,寶玉又說:「林妹妹不說這樣混帳話,若說這話,我也和他生分了。」林黛玉聽了這話,不覺又喜又驚,又悲又 嘆。所喜者,果然自己眼力不錯,素日認他是個知己,果然是個知己。所驚者,他在人前一片私心稱揚於我,其親熱厚密,竟不避嫌疑。所嘆者,你既為我之知己, 自然我亦可為你之知己矣;既你我為知己,則又何必有金玉之論哉;既有金玉之論,亦該你我有之,則又何必來一寶釵哉!所悲者,父母早逝,雖有銘心刻骨之言, 無人為我主張。況近日每覺神思恍惚,病已漸成,醫者更云氣弱血虧,恐致勞怯之症。你我雖為知己,但恐自不能久待;你縱為我知己,奈我薄命何!想到此間,不 禁滾下淚來。待進去相見,自覺無味,便一面拭淚,一面抽身回去了。   這裡寶玉忙忙的穿了衣裳出來,忽見林黛玉在前面慢慢的走著,似有拭淚之狀,便忙趕上來,笑道:「妹妹往那裡去?怎麼又哭了?又 是誰得罪了你?」林黛玉回頭見是寶玉,便勉強笑道:「好好的,我何曾哭了。」寶玉笑道:「你瞧瞧,眼睛上的淚珠兒未乾,還撒謊呢。」一面說,一面禁不住抬 起手來替他拭淚。林黛玉忙向後退了幾步,說道:「你又要死了!作什麼這麼動手動腳的!」寶玉笑道:「說話忘了情,不覺的動了手,也就顧不的死活。」林黛玉道:「你死了倒不值什麼,只是丟下了什麼金,又是什麼麒麟,可怎麼樣呢?」一句話又把寶玉說急了,趕上來問道:「你還說這話,到底是咒我還是氣我呢?」林黛玉見問,方想起前日的事來,遂自悔自己又說造次了,忙笑道:「你別著急,我原說錯了。這有什麼的,筋都暴起來,急的一臉汗。」一面說,一面禁不住近前伸手替他拭面上的汗。寶玉瞅了半天,方說道「你放心」三個字。林黛玉聽了,怔了半天,方說道:「我有什麼不放心的?我不明白這話。你倒說說怎麼放心不放心?」寶玉嘆了一口氣,問道:「你果不明白這話?難道我素日在你身上的心都用錯了?連你的意思若體貼不著,就難怪你天天為我生氣了。」林黛玉道:「果然我不明白放心不放心的話。」寶玉點頭嘆道:「好妹妹,你別哄我。果然不 明白這話,不但我素日之意白用了,且連你素日待我之意也都辜負了。你皆因總是不放心的原故,才弄了一身病。但凡寬慰些,這病也不得一日重似一日。」林黛玉聽了這話,如轟雷掣電,細細思之,竟比自己肺腑中掏出來的還覺懇切,竟有萬句言語,滿心要說,只是半個字也不能吐,卻怔怔的望著他。此時寶玉心中也有萬句言語,不知從那一句上說起,卻也怔怔的望著黛玉。兩個人怔了半天,林黛玉只咳了一聲,兩眼不覺滾下淚來,回身便要走。寶玉忙上前拉住,說道:「好妹妹,且略站住,我說一句話再走。」林黛玉一面拭淚,一面將手推開,說道:「有什麼可說 的。你的話我早知道了!」口裡說著,卻頭也不回竟去了。   寶玉站著,只管發起呆來。原來方纔出來慌忙,不曾帶得扇子,襲人怕他熱,忙拿了扇子趕來送與他,忽抬頭見了林黛玉和他站著。一時黛玉走了,他還站著不動,因而趕上來說道:「你也不帶了扇子去,虧我看見,趕了送來。」寶玉出了神,見襲人和他說話,並未看出是何人來,便一把拉住,說道:「好妹妹,我的這心 事,從來也不敢說,今兒我大膽說出來,死也甘心!我為你也弄了一身的病在這裡,又不敢告訴人,只好掩著。只等你的病好了,只怕我的病才得好呢。睡里夢裡也 忘不了你!」襲人聽了這話,嚇得魄消魂散,只叫「神天菩薩,坑死我了!」便推他道:「這是那裡的話!敢是中了邪?還不快去?」寶玉一時醒過來,方知是襲人 送扇子來,羞的滿面紫漲,奪了扇子,便忙忙的抽身跑了。   這裡襲人見他去了,自思方纔之言,一定是因黛玉而起,如此看來,將來難免不才之事,令人可驚可畏。想到此間,也不覺怔怔的滴下淚來,心下暗度如何處治 方免此醜禍。正裁疑間,忽有寶釵從那邊走來,笑道:「大毒日頭地下,出什麼神呢?」襲人見問,忙笑道:「那邊兩個雀兒打架,倒也好玩,我就看住了。」寶釵道:「寶兄弟這會子穿了衣服,忙忙的那去了?我才看見走過去,倒要叫住問他呢。他如今說話越發沒了經緯,我故此沒叫他了,由他過去罷。」襲人道:「老爺叫 他出去。」寶釵聽了,忙道:「噯喲!這麼黃天暑熱的,叫他做什麼!別是想起什麼來生了氣,叫出去教訓一場。」襲人笑道:「不是這個, 想是有客要會。」寶釵笑道:「這個客也沒意思,這麼熱天,不在家裡涼快,還跑些什麼!」襲人笑道:「倒是你說說罷。」   寶釵因而問道:「雲丫頭在你們家做什麼呢?」襲人笑道:「才說了一會子閑話。你瞧,我前兒粘的那雙鞋,明兒叫他做去。」寶釵聽見這話,便兩邊回頭,看 無人來往,便笑道:「你這麼個明白人,怎麼一時半刻的就不會體諒人情。我近來看著雲丫頭神情,再風裡言風裡語的聽起來,那雲丫頭在家裡竟一點兒作不得主。 他們家嫌費用大,竟不用那些針線上的人,差不多的東西多是他們娘兒們動手。為什麼這幾次他來了,他和我說話兒,見沒人在跟前,他就說家裡累的很。我再問他 兩句家常過日子的話,他就連眼圈兒都紅了,口裡含含糊糊待說不說的。想其形景來,自然從小兒沒爹娘的苦。我看著他, 也不覺的傷起心來。」襲人見說這話,將手一拍,說:「是了,是了。怪道上月我煩他打十根蝴蝶結子,過了那些日子才打發人送來,還說『打的粗,且在別處能著 使罷;要勻凈的,等明兒來住著再好生打罷』。如今聽寶姑娘這話,想來我們煩他他不好推辭,不知他在家裡怎麼三更半夜的做呢。可是我也糊塗了,早知是這樣, 我也不煩他了。」寶釵道:「上次他就告訴我,在家裡做活做到三更天,若是替別人做一點半點,他家的那些奶奶太太們還不受用呢。」襲人道:「偏生我們那個牛心左性的小爺,憑著小的大的活計,一概不要家裡這些活計上的人作。我又弄不開這些。」寶釵笑道:「你理他呢!只 管叫人做去,只說是你做的就是了。」襲人笑道:「那裡哄的信他,他才是認得出來呢。說不得我只好慢慢的累去罷了。」寶釵笑道: 「你不必忙,我替你作些如何?」襲人笑道:「當真的這樣,就是我的福了。晚上我親自送過來。」   一句話未了,忽見一個老婆子忙忙走來,說道:「這是那裡說起!金釧兒姑娘好好的投井死了!」襲人唬了一跳,忙問:「那個金釧兒?」那老婆子道:「那裡 還有兩個金釧兒呢?就是太太屋裡的。前兒不知為什麼攆他出去,在家裡哭天哭地的,也都不理會他,誰知找他不見了。剛纔打水的人在那東南角上井里打水,見一個屍首,趕著叫人打撈起來,誰知是他。他們家裡還只管亂著要救活,那裡中用了!」寶釵道:「這也奇了。」襲人聽說,點頭贊嘆,想素日同氣之情,不覺流下淚 來。寶釵聽見這話,忙向王夫人處來道安慰。這裡襲人回去不提。   卻說寶釵來至王夫人處,只見鴉雀無聞,獨有王夫人在裡間房內坐著垂淚。寶釵便不好提這事,只得一旁坐了。王夫人便問:「你從那裡來?」寶釵道:「從園裡來。」王夫人道:「你從園裡來,可見你寶兄弟?」寶釵道:「才倒看見了。他穿了衣服出去了,不知那裡去。」王夫人點頭哭道:「你可知道一樁奇事?金釧兒忽然投井死了!」寶釵見說,道:「怎麼好好的 投井?這也奇了。」王夫人道:「原是前兒他把我一件東西弄壞了,我一時生氣,打了他幾下,攆了他下去。我只說氣他兩天,還叫他上來,誰知他這麼氣性大,就 投井死了。豈不是我的罪過。」寶釵嘆道:「姨娘是慈善人,固然這麼想。據我看來,他並不是賭氣投井。多半他下去住著,或是在井跟前憨頑,失了腳掉下去的。 他在上頭拘束慣了,這一出去,自然要到各處去頑頑逛逛,豈有這樣大氣的理!縱然有這樣大氣,也不過是個糊塗人,也不為可惜。」 王夫人點頭嘆道:「這話雖然如此說,到底我心不安。」寶釵嘆道:「姨娘也不必念念於茲,十分過不去,不過多賞他幾兩銀子發送他,也就盡主僕之情了。」王夫 人道:「剛纔我賞了他娘五十兩銀子,原要還把你妹妹們的新衣服拿兩套給他妝裹。誰知鳳丫頭說可巧都沒什麼新做的衣服,只有你林妹妹作生日的兩套。我想你林 妹妹那個孩子素日是個有心的,況且他也三災八難的,既說了給他過生日,這會子又給人妝裹去,豈不忌諱。因為這麼樣,我現叫裁縫趕兩套給他。要是別的丫頭, 賞他幾兩銀子也就完了,只是金釧兒雖然是個丫頭,素日在我跟前比我的女兒也差不多。」口裡說著,不覺淚下。寶釵忙道:「姨娘這會子又何用叫裁縫趕去,我前 兒倒做了兩套,拿來給他豈不省事。況且他活著的時候也穿過我的舊衣服,身量又相對。」王夫人道:「雖然這樣,難道你不忌諱?」寶釵笑道:「姨娘放心,我從 來不計較這些。」一面說,一面起身就走。王夫人忙叫了兩個人來跟寶姑娘去。   一時寶釵取了衣服回來,只見寶玉在王夫人旁邊坐著垂淚。王夫人正才說他,因寶釵來了,卻掩了口不說了。寶釵見此光景,察言觀色,早知覺了八分,於是將衣服交割明白。王夫人將他母親叫來拿了去。再看下回便知。

注释

u-tschai wandte den Kopf und bemerkte lächelnd: „Was gibt es da schon zu danken! Rede ihm nur gut zu, damit er sich ganz in Ruhe erholt und sich keine dummen Gedanken mehr macht, dann ist alles in Ordnung. Die alte gnädige Frau und die gnädige Frau dürfen nicht in Unruhe versetzt werden. Denn wenn der gnädige Herr davon erführe, würde er wohl nicht sofort etwas unternehmen, aber wenn sich später herausstellte, daß es wirklich so war, müßte Bau-yü letzten Endes doch dafür leiden.“ Mit diesen Worten ging sie davon. Durch Bau-tschais Verhalten tief bewegt, machte Hsi-jën kehrt und trat wieder ins Haus. Als sie ins Zimmer kam, fand sie Bau-yü stumm und in sich gekehrt und konnte nicht ausmachen, ob er schlief oder wachte. Also zog sie sich wieder zurück, um sich zu kämmen und zu waschen. Bau-yü lag still auf dem Bett und wußte sich vor Schmerz nicht zu lassen. Das Gesäß tat ihm weh, als würde es mit Nadeln gestochen oder mit Messern geschnitten, es brannte wie Feuer. Sobald er sich nur ein wenig streckte oder drehte, konnte er ein Stöhnen nicht unterdrücken. Inzwischen ging es schon auf den Abend zu, und als Bau-yü sah, daß Hsi-jën fortgegangen war und ein paar andere Sklavenmädchen zu seiner Bedienung dagelassen hatte, sagte er, weil er keine Aufträge für sie hatte: „Geht euch nur kämmen und waschen! Kommt wieder, wenn ich euch rufe!“ Daraufhin gingen die Mädchen alle hinaus, und Bau-yü blieb in Stille und Finsternis zurück. Da sah er, wie Djiang Yü-han hereintrat und klagte, die Leute aus der Residenz des Prinzen Dschung-schun hätten sich seiner bemächtigt. Anschließend sah er, wie auch Djin-tschuan hereinkam und weinend davon sprach, wie sie sich seinetwegen in den Brunnen gestürzt hatte. Das alles nahm Bau-yü im Halbschlaf wahr, ohne groß darauf zu achten. Dann aber spürte er plötzlich, wie ihn jemand berührte, und zugleich drangen undeutlich Klagelaute an sein Ohr. Als er aus seinen Träumen schreckte und die Augen aufschlug, erblickte er niemand anders als Dai-yü. Er fürchtete wohl, auch sie könnte nur ein Traumbild sein, darum richtete er sich rasch auf und sah sie gespannt an. Dabei entdeckte er, daß ihre Augen pfirsichgroß angeschwollen waren und ihr ganzes Gesicht von Tränen glänzte. Wer also konnte es anders sein als Dai-yü! Er hätte sie gern noch länger so angesehen, aber der Schmerz in der unteren Körperhälfte war so unerträglich, daß er es nicht mehr aushielt und sich mit einem „Au weh!“ fallen ließ. Dann fragte er stöhnend: „Warum nur kommst du wieder hierher gelaufen? Die Sonne ist wohl untergegangen, aber aus dem Erdboden ist die Hitze noch nicht geschwunden. Wenn du den Weg hin und zurück machst, kannst du dir erneut einen Hitzschlag holen. Ich habe zwar Prügel bekommen, aber Schmerzen habe ich nicht. Ich tue bloß so als ob, um die anderen anzuführen, damit sie es herumerzählen und der gnädige Herr davon erfährt. Es ist wirklich nur vorgetäuscht, und du darfst es nicht ernst nehmen!“ Dai-yü heulte nicht laut, sie schien vielmehr an einem stummen Schluchzen ersticken zu müssen, und das war weit schlimmer. Als sie hörte, was Bau-yü sagte, drängte es sie, ihm tausenderlei zu erwidern, aber sie bekam keinen halben Satz über die Lippen und stieß erst nach langer Zeit stockend und schluchzend hervor: „Du mußt dich von nun an in allem ändern!“ Bau-yü antwortete ihr mit einem langen Seufzer. Dann sagte er: „Sei unbesorgt und rede nicht so etwas! Auch wenn ich um der beiden willen hätte sterben müssen, hätte ich es gern getan!“ Noch ehe er ausgesprochen hatte, sagte jemand im Hof: „Die Frau des zweiten jungen Herrn kommt.“ Kaum daß Dai-yü hörte, Hsi-fëng komme, stand sie hastig auf und erklärte: „Ich gehe über den Hinterhof und besuche dich ein andermal wieder.“ Aber rasch hielt Bau-yü sie fest und sagte: „Merkwürdig! Warum hast du auf einmal Angst vor ihr?“ Dai-yü stampfte vor Erregung mit dem Fuß auf und sagte leise: „Sieh dir doch meine Augen an! Soll sie sich wieder einmal über mich lustig machen?“ Sofort ließ Bau-yü sie los, und sie eilte Hals über Kopf um sein Bett herum in den hinteren Hof hinaus. Im selben Moment kam Hsi-fëng schon zur Vordertür herein und erkundigte sich: „Geht es dir besser? Möchtest du etwas essen? Ich schicke jemand zu mir hinüber und lasse es dir holen!“ Anschließend kam Tante Hsüä und bald darauf eine Botin der Herzoginmutter. Als es Zeit wurde, die Lampen anzuzünden, trank Bau-yü nur ein paar Schlucke Suppe, dann schlief er benommen ein. Danach aber kamen auch noch die Frauen von Dschou Juee, Wu Hsin-dëng und Dschëng Hau-schï, die alle schon älter waren und sich regelmäßig als Besucherinnen einzufinden pflegten. Auch sie hatten inzwischen erfahren, daß Bau-yü Schläge bekommen hatte. Hsi-jën ging ihnen rasch entgegen und empfing sie lächelnd mit den Worten: „Ihr kommt einen Augenblick zu spät, Tanten! Eben ist der junge Herr eingeschlafen.“ Dann führte sie die Frauen in das andere Zimmer, lud sie ein, Platz zu nehmen, und bot ihnen Tee an. Die Frauen blieben ein Weilchen still sitzen, dann baten sie Hsi-jën: „Sag dem jungen Herrn, wenn er wach wird, daß wir hier gewesen sind,!“ Hsi-jën versprach es und begleitete die Frauen hinaus. Eben wollte sie wieder ins Haus gehen, da kam eine alte Sklavin, die von Dame Wang geschickt worden war, um zu melden: „Die gnädige Frau verlangt nach jemand aus dem Gefolge des jungen Herrn!“ Hsi-jën dachte kurz nach, dann wandte sie sich nach Tjing-wën, Schë-yüä, Tan-yün und Tjiu-wën um und sagte mit leiser Stimme: „Die gnädige Frau ruft. Bleibt ihr schön im Zimmer! Ich gehe zu ihr und bin bald wieder da.“ Nach diesen Worten verließ sie mit der alten Sklavin zusammen den Garten und begab sich zu den Haupträumen hinüber. Dame Wang saß eben auf dem Sommerbett und schwenkte einen Bananenblattfächer. Als sie Hsi-jën hereinkommen sah, sagte sie: „Du hättest doch irgend jemand anders schicken können. Jetzt hast du ihn allein gelassen, wer soll sich da um ihn kümmern?“ Rasch erwiderte Hsi-jën mit lächelnder Miene: „Eben hat der junge Herr ganz ruhig geschlafen. Und an den vier oder fünf Mägden, die dort geblieben sind, ist mittlerweile nichts mehr auszusetzen. Sie verstehen, den jungen Herrn zu bedienen. Ihr braucht Euch nicht zu beunruhigen, gnädige Frau. Ich hatte gedacht, Ihr könntet etwas befehlen wollen, und wenn ich eine von den anderen schickte, würde sie es vielleicht nicht richtig begreifen, so daß es zu Verzögerungen oder Irrtümern gekommen wäre.“ „Es ist weiter nichts“, sagte Dame Wang, „ich wollte nur wissen, wie es ihm inzwischen geht.“ „Ich habe dem jungen Herrn ein Heilmittel auf die Wunden gestrichen, das Fräulein Bau-tschai gebracht hat, und davon ist ihm ein wenig besser geworden“, berichtete Hsi-jën. „Erst hat er vor Schmerzen nicht still liegen können, aber jetzt ist er fest eingeschlafen. Daran sieht man, daß es ihm besser geht.“ „Hat er etwas gegessen?“ erkundigte sich Dame Wang weiter. „Er hat ein paar Schlucke von der Suppe getrunken, die ihm die alte gnädige Frau geschickt hat, und klagte, er habe schrecklichen Durst und wolle einen Aufguß von getrockneten grünen Aprikosen trinken“, gab Hsi-jën Auskunft. „Aber ich habe mir gesagt, grüne Aprikosen wirken zusammen­ziehend, und nachdem er eben erst Schläge bekommen hat, ohne dabei schreien zu dürfen, hat sich natürlich infolge der Aufregung das hitzig-vergiftete Blut im Herzen gestaut. Wenn er jetzt diesen Aufguß trinken und dadurch das Blut im Herzen aufwühlen würde, könnte das eine ernste Erkrankung zur Folge haben, und was dann! Darum habe ich ihm so lange zugeredet, bis er schließlich darauf verzichtet hat, und habe ihm statt dessen gezuckertes Rosenmus in Wasser aufgelöst und zu trinken gegeben. Davon hat er ein halbes Schälchen getrunken, aber dann hat er gesagt, mehr wolle er nicht, weil es nicht süß sei und kein Aroma habe.“ „O weh!“ sagte Dame Wang. „Warum bist du nicht eher gekommen, um mir das zu sagen? Neulich habe ich ein paar Flaschen Nektar bekommen und wollte ihm schon davon abgeben, doch dann hatte ich Angst, er würde ihn nur sinnlos vergeuden, darum habe ich es bleibenlassen. Aber wenn ihm die Rosenpaste nicht schmeckt, dann nimm nur ein paar Flaschen von dem Nektar mit! Man braucht davon nur einen Teelöffel voll in ein Schälchen Wasser zu rühren, und es wird außerordentlich wohlschmeckend.“ Sie rief Tsai-yün und befahl: „Bring mir die Flaschen mit dem Nektar, die wir neulich bekommen haben!“ „Zwei Flaschen sind genug!“ sagte Hsi-jën. „Wenn es zuviel ist, wird es nur unnütz verschwendet. Und falls es nicht reichen sollte, kann ich genausogut noch einmal kommen und mehr davon holen.“ Tsai-yün ging hinaus und kam nach einiger Zeit wirklich mit zwei Flaschen wieder, die sie Hsi-jën gab. Es waren kleine Flaschen aus Glas, nicht größer als drei Tsun und mit silbernen Schraubkappen verschlossen. Auf dem blaßgelben Etikett der einen stand ‚Reiner Duftblütennektar‘, auf dem der anderen ‚Reiner Rosennektar‘. „Das muß wohl ziemlich kostbar sein“, sagte Hsi-jën und lächelte. „Wieviel kann in so einer kleinen Flasche schon drin sein!“ „Es war für den kaiserlichen Gebrauch bestimmt“, erklärte Dame Wang. „Siehst du nicht die gelben Etiketten? Geh nur sparsam damit um und vergeude nichts!“ Hsi-jën sagte: „Jawohl!“ und wollte eben gehen, als Dame Wang ihr befahl: „Warte mal! Mir ist etwas eingefallen, was ich dich fragen will.“ Sofort machte Hsi-jën wieder kehrt, und weil Dame Wang sah, daß sonst niemand im Zimmer war, sagte sie: „Mir ist da zu Ohren gekommen, Bau-yü sei deshalb geschlagen worden, weil Huan dem gnädigen Herrn etwas erzählt haben soll. Weißt du davon? Falls ja, dann sag es mir! Ich werde auch niemand verraten, daß ich es von dir habe.“ „Davon habe ich nichts gehört“, erwiderte Hsi-jën. „Der junge Herr hat jemand einen Schauspieler weggenommen, und die Leute haben vom gnädigen Herrn verlangt, sie wollten ihn wiederhaben. Deshalb hat er die Schläge bekommen.“ Dame Wang schüttelte den Kopf, als sie jetzt sagte: „Deshalb war es auch, aber es gab noch einen anderen Grund.“ „Von einem anderen Grund weiß ich nichts“, beteuerte Hsi-jën. „Aber ich will mich erdreisten, Euch ein paar offene Worte zu sagen, gnädige Frau. Von Rechts wegen...“ Kaum hatte sie das gesagt, verstummte sie wieder. „Sprich nur!“ forderte Dame Wang sie auf. „Ihr dürft mir nicht böse sein, gnädige Frau, dann sage ich es“, bat Hsi-jën lächelnd. „Warum sollte ich dir böse sein!“ beschwichtigte Dame Wang sie. „Sprich nur!“ „Von Rechts wegen hatte es der junge Herr wirklich verdient, daß ihm der gnädige Herr ein paarmal eine Lektion erteilt“, sagte Hsi-jën. „Wer weiß, was er sonst in Zukunft noch angestellt hätte, wenn sich der gnädige Herr nicht darum gekümmert hätte.“ Als Dame Wang das hörte, legte sie die Handflächen zusammen und rief: „Buddha Amitabha!“ Dann fuhr sie, an Hsi-jën gewandt, fort: „Wie schön, daß du Verständnis dafür hast, mein Kind! Ich denke ganz genauso darüber. Weiß ich vielleicht nicht, wie man einen Sohn zu behandeln hat? Wie habe ich denn den jungen Herrn Dschu behandelt, als er noch lebte! Meinst du, das wüßte ich heute nicht mehr? Die Sache hat ihren Grund. Ich meine, weil ich bald fünfzig bin und nur noch ihn allein habe. Außerdem ist er so zart gebaut, und der Liebling der alten gnädigen Frau ist er auch. Hält man ihn zu streng, dann stößt ihm womöglich etwas zu. Das würde die alte gnädige Frau fürchterlich aufbringen, und darunter hätten dann hoch und niedrig zu leiden. Wäre das vielleicht nicht schlimm? Darum ist er durch Nachsicht verdorben worden. Wie oft habe ich ihm hinter vorgehaltener Hand gut zugeredet, wie oft habe ich geschimpft und geweint, wenn ich wütend war! Dann hat er sich wohl gebessert, aber hinterher hat es ihn nicht mehr gekümmert. Das trieb er so lange, bis es jetzt etwas gesetzt hat. Aber auf wen soll ich mich in Zukunft stützen, wenn er nicht wieder wird?“ Unwillkürlich liefen ihr bei diesen Worten die Tränen herab. Als Hsi-jën sah, wie Dame Wang litt, überkam unversehens auch sie der Kummer, und sie weinte mit ihr im Verein. Dann sagte sie: „Der junge Herr ist Euer Sohn, gnädige Frau. Natürlich grämt Ihr Euch da um ihn. Auch wir vom Gesinde leben in Sicherheit, wenn wir ihm dienen können, darin liegt unser Glück. Wenn es aber so mit ihm käme, wäre es auch mit unserer Sicherheit aus. An welchem Tag und zu welcher Stunde hätte ich dem jungen Herrn nicht gut zugeredet! Aber auch das hat ihn nicht zur Besinnung gebracht. Dann mußten sich auch noch solche Leute an ihn hängen – kein Wunder, daß er sich so benimmt. Deshalb war es ihm nie recht, was wir ihm geraten haben. Da Ihr heute auf diese Dinge zu sprechen kommt, fällt mir noch etwas ein, worüber ich Euch längst berichten wollte, um Eure Meinung darüber einzuholen, gnädige Frau. Nur habe ich Angst, Ihr könntet auf falsche Gedanken kommen. Dann hätte ich es nicht nur umsonst gesagt, ich wüßte nicht einmal, wo ich mich begraben lassen sollte!“ Dame Wang hatte herausgehört, daß diese Worte nicht ohne Grund gesagt waren, darum erwiderte sie sogleich: „Sag nur, was du sagen wolltest, mein Kind! In der letzten Zeit wirst du von jedermann gelobt, egal, ob du anwesend bist oder nicht, und ich dachte zuerst, dabei ginge es nur darum, daß du dir wegen Bau-yü viel Mühe gibst oder zu allen nett und freundlich bist. Darum habe ich dich nicht anders behandelt als die alten Nebenfrauen. Wie konnte ich ahnen, daß du jetzt solche vernünftigen Gedanken äußern würdest, die ganz und gar meinen eigenen Überlegungen entsprechen! Also sag mir nur, was du auf dem Herzen hast! Hauptsache, es erfährt niemand anders davon!“ „Es ist nichts weiter, gnädige Frau“, sagte Hsi-jën. „Ich dachte nur daran, Euch um eine Weisung zu bitten, mit der man erreichen kann, daß der junge Herr aus dem Garten auszieht.“ Dame Wang erschrak, faßte Hsi-jën bei den Händen und fragte: „Bau-yü hat doch nicht etwa mit jemand etwas angestellt?“ „Nicht doch, gnädige Frau!“ erwiderte Hsi-jën rasch. „Davon kann gar nicht die Rede sein. Mir scheint nur, der junge Herr ist jetzt groß, und auch die jungen Fräulein sind groß. Fräulein Lin und Fräulein Hsüä sind wohl seine Kusinen, aber es ist doch nicht egal, daß sie junge Mädchen sind, und er ist ein junger Mann. Da können sie nicht gut bei Tag und bei Nacht zusammen sein. Unwillkürlich macht man sich seine Gedanken darüber. Und wenn jemand Fremdes es sieht, macht es auch keinen guten Eindruck. Nicht umsonst sagt das Sprichwort ‚Auch wo nichts ist, denkt man immer, da wäre etwas.‘ Die meisten Unannehmlichkeiten entstehen dadurch, daß etwas ohne jede Absicht geschieht, aber von mißtrauischen Leuten, die es sehen, für Absicht gehalten und falsch ausgelegt wird. Darum kann es nicht gut sein, keine Vorsorge zu treffen. Ihr kennt die übliche Art des jungen Herrn, gnädige Frau, und wißt, daß er zu gern mit uns Mädchen zusammen herumtollt. Wenn man da nicht vorbeugt, wird es schon beim geringsten Verdacht einer Verfehlung unvermeidlich Gerede geben. Der Pöbel kennt keine Tabus. Wer ihm gefällt, ist in seinem Munde besser als Buddha, und wer ihm mißfällt, wird schlimmer geschmäht als ein Stück Vieh. Niemand wird es beachten, wenn man in Zukunft gut vom jungen Herrn spricht, aber wenn auch nur einer ihn tadelt, ist das für uns der sichere Tod, keine schwerere Schuld könnte uns treffen. Doch das wäre nur eine Kleinigkeit. Der Ruf und die Würde des jungen Herrn wären fürs ganze Leben zerstört. Außerdem könntet auch Ihr dem gnädigen Herrn nicht mehr ins Gesicht sehen. Ein anderes Sprichwort sagt ‚Der Edle trifft Vorsorge, bevor etwas geschieht.‘ Darum wäre es richtig, jetzt Maßnahmen zu ergreifen. Ihr seid stark beschäftigt, gnädige Frau, und konntet wahrhaftig noch nicht daran denken. Hätten auch wir nicht daran gedacht, so wäre das nicht das Schlimmste, aber da wir einmal daran gedacht haben, wäre es ein schweres Vergehen, Euch nicht darauf aufmerksam zu machen. Das ist es, worüber ich in der letzten Zeit Tag und Nacht gegrübelt habe. Jemand anders konnte ich es schlecht sagen, darum wußte allein meine Lampe davon.“ Als Dame Wang das hörte, war sie wie vom Blitz getroffen, wie vom Donner gerührt, weil Hsi-jën mit ihren Worten ganz genau darauf eingegangen war, was sich mit Djin-tschuan ereignet hatte, und tief im Innern gewann sie Hsi-jën noch unendlich viel lieber als zuvor. Lächelnd sagte sie: „Wie weitsichtig du bist, mein Kind, daß du alles so gründlich bedacht hast! Ich hatte natürlich auch schon daran gedacht, aber dann war immer etwas zu erledigen, so daß ich es wieder vergessen habe. Deine Worte haben es mir wieder zum Bewußtsein gebracht. Hab Dank dafür, daß du so auf Ruf und Ansehen von mir und meinem Sohn bedacht bist! Ich habe wirklich nicht geahnt, was für ein gutes Mädchen du bist. Aber genug, geh jetzt! Ich weiß, was ich zu tun habe. Doch noch eins! Nachdem du mir das heute gesagt hast, überlasse ich den jungen Herrn deiner Obhut. Gib acht auf ihn! Wenn du ihn wohl bewahrst, bewahrst du damit auch mich, und das werde ich dir nicht vergessen.“ Hsi-jën versprach es ihr, ohne zu zögern, und ging dann. Als sie in den Hof der Freude am Roten zurückkam, wurde Bau-yü eben wach, und sie berichtete ihm von dem Nektar, den sie mitgebracht hatte. Bau-yüs Freude darüber kannte keine Grenze. Sofort befahl er, davon zurechtzumachen, damit er kosten konnte, und fand das Getränk in der Tat außerordentlich erfrischend. Weil sich Bau-yü Gedanken um Dai-yü machte, hätte er gar zu gern jemand zu ihr geschickt, nur vor Hsi-jën mußte er dabei auf der Hut sein. Darum ersann er eine List und schickte zuerst Hsi-jën zu Bau-tschai, damit sie ein Buch für ihn holte. Als sie gegangen war, ließ er Tjing-wën kommen und befahl ihr: „Geh zu Fräulein Lin und sieh nach, was sie macht! Wenn sie nach mir fragt, darfst du nur sagen, es gehe mir gut.“ „Wie kann ich denn ohne jeden Grund zu ihr gehen?“ sträubte sich Tjing-wën. „Zum mindesten müßte ich etwas auszurichten haben.“ „Aber es ist nichts auszurichten“, erwiderte Bau-yü. „Dann müßte ich etwas hinbringen oder von ihr holen“, beharrte Tjing-wën. „Sonst ist es mir peinlich.“ Bau-yü dachte nach, dann streckte er den Arm aus und ergriff zwei Taschentücher. Er gab sie Tjing-wën und sagte lächelnd: „Also gut! Sag ihr, ich hätte dich geschickt, um ihr das hier zu bringen!“ „Aber das ist ja dann noch eigenartiger!“ protestierte Tjing-wën. „Was soll sie denn mit zwei gebrauchten Taschentüchern? Sie wird sich wieder einmal aufregen und sagen, du machtest dich über sie lustig.“ „Keine Sorge!“ sagte Bau-yü. „Sie wird es schon verstehen.“ Nun blieb Tjing-wën keine andere Wahl, als die Taschentücher zu nehmen. Als sie damit zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß kam, hängte Tschun-hsiän dort eben Taschentücher zum Trocknen über das Geländer, und als sie Tjing-wën hereinkommen sah, winkte sie mit der Hand ab und sagte: „Sie hat sich schlafen gelegt.“ Tjing-wën trat ins Haus und fand dort alles stockfinster, keine einzige Lampe brannte. Dai-yü lag schon im Bett und fragte: „Wer ist da?“ „Tjing-wën“, antwortete Tjing-wën rasch. „Was ist?“ fragte Dai-yü. „Der junge Herr hat mich geschickt, um Euch Taschentücher zu bringen“, sagte Tjing-wën. „Warum schickt er mir Taschentücher?“ wunderte sich Dai-yü, und so fragte sie: „Von wem hat er sie? Bestimmt sind sie etwas Besonderes. Sag ihm, er solle sie aufheben und jemand anderem schenken, ich könne so etwas jetzt nicht brauchen!“ „Aber es sind keine neuen“, erwiderte Tjing-wën. „Es sind ganz gewöhnliche alte Taschentücher.“ Nun wunderte sich Dai-yü erst recht, aber dann dachte sie eine Zeitlang scharf und gründlich darüber nach, und plötzlich wurde ihr alles klar. „Leg sie hin, dann kannst du wieder gehen!“ befahl sie rasch. Also mußte Tjing-wën die Taschentücher hinlegen. Dann machte sie kehrt und ging zurück, wobei sie den ganzen Weg lang darüber nachgrübelte, was das bedeuten sollte, und doch zu keinem Ergebnis kam. Dai-yü aber war, als sie die Bedeutung der Taschentücher erkannt hatte, unwillkürlich bis ins Innerste erschüttert. „Daß Bau-yü in seinem Kummer meinen Kummer begreift, macht mich froh“, sagte sie sich, „aber ich weiß nicht, was mir die Zukunft bringt, und das macht mich traurig. Daß er mir plötzlich zwei alte Taschentücher schickt, wäre, wenn er mich nicht von ganzem Herzen verstanden hätte, zum Lachen. Wenn man aber bedenkt, daß er sie mir heimlich durch jemand bringen läßt, ist das zum Fürchten. Da ich immer zum Weinen aufgelegt bin, was ihm sicher nicht gefallen kann, ist es zugleich aber auch zum Schämen.“ So überlegte sie hin und her und schien bald vor innerer Hitze zu kochen. Ganz benommen befahl sie, die Lampe zu bringen, und ohne daß ihr irgendwelche Zweifel oder Tabus in den Sinn gekommen wären, ging sie zum Tisch, rieb Tusche an und tränkte den Pinsel damit. Dann schrieb sie auf die Taschentücher: ‚Ich weine mir sinnlos die Augen aus, wem gelten all meine Tränen? Nun schickst du Tücher als Geschenk, wie sollte ich da nicht trauern?

Verstohlen rollen die Tränenperlen, mein Tag kennt nicht Freude noch Sinn. Ich wische sie nicht vom Kleid, nicht vom Kissen, wohin sie tropfen, dort bleibt ein Fleck.

Auf keine Schnur zu reihen sind Tränenperlen, die Tränenspur vom Hsiang-djiang, sie ist verblaßt. Dicht steht der Bambus vor meiner Tür, machen ihn wohl meine Tränen fleckig?“ Sie wollte noch mehr schreiben, aber da spürte sie, daß ihr Körper heiß wie Feuer war, und auch ihr Gesicht schien zu glühen. Darum trat sie vor den Spiegelständer und nahm die seidene Spiegelhülle ab. Als sie sich spiegelte, sah sie wohl, daß ihre Wangen röter waren als Pfirsichblüten, doch daß dies der Anfang einer Krankheit war, erkannte sie nicht. Erst einige Zeit später legte sie sich schlafen. Dabei hielt sie die Taschentücher immer noch in der Hand und grübelte weiter nach. Aber davon soll hier nicht mehr die Rede sein. Als Hsi-jën zu Bau-tschai kam, hatte diese den Garten verlassen, um zu ihrer Mutter zu gehen. Also mußte Hsi-jën mit leeren Händen zurückkehren. Bau-tschai aber kam erst in der zweiten Nachtwache wieder. Da Bau-tschai mit Hsüä Pans Charakter vertraut war, hatte sie schon selbst vermutet, er könne jemanden aufgehetzt haben, Bau-yü anzuschwärzen. Als dann Hsi-jën davon sprach, bestärkte sie das in ihrer Annahme. Nun hatte ja Hsi-jën die Sache von Bee-ming gehört, dieser aber hatte willkürlich ausgesponnen, was er nur zur Hälfte als Tatsache kannte, und nahm lediglich an, es sei bestimmt Hsüä Pan gewesen, der geschwatzt hatte. Obwohl Hsüä Pan allgemein im entsprechenden Ruf stand, war er doch diesmal unschuldig. Weil sich aber inzwischen alle darauf versteift hatten, er sei es gewesen, mußte es schwer für ihn werden, sich zu rechtfertigen. Heute hatte Hsüä Pan irgendwo beim Wein gesessen, und als er jetzt nach Hause kam und der Mutter seinen Gruß entbot, fand er Bau-tschai bei ihr. Nach einigen belanglosen Sätzen fragte er: „Wie es heißt, hat Vetter Bau-yü etwas abbekommen. Wie kam denn das?“ Tante Hsüä, die sich eben erst deswegen geärgert hatte, preßte zwischen den Zähnen hervor: „Schamloser Bengel du! Alles war nur deine Schuld, und da hast du noch die Stirn, danach zu fragen?“

Aus: Jinyuyuan 1889b. Verdutzt fragte Hsüä Pan: „Wieso meine Schuld?“ „Dumm stellen willst du dich auch noch?“ sagte Tante Hsüä. „Jeder weiß, daß du es erzählt hast, du aber streitest es ab?“ „Wenn jeder sagt, ich hätte jemand ermordet, wirst du es auch glauben, ja?“ fragte darauf Hsüä Pan. „Auch deine Schwester weiß, daß du es warst, der es erzählt hat“, entgegnete Tante Hsüä. „Würde etwa auch sie dich verleumden?“ Rasch legte sich Bau-tschai ins Mittel. „Mutter! Bruder! Schreit doch nicht so, wir wollen die Sache in Ruhe klären!“ mahnte sie. Dann wandte sie sich zu Hsüä Pan und fuhr fort: „Egal, ob du es warst, der es erzählt hat, oder nicht, die Sache ist nun einmal passiert, und wir müssen keine Untersuchung anstellen, die alles nur noch schlimmer machen würde. Aber das eine rate ich dir: Stell in Zukunft draußen keinen Unfug mehr an und kümmere dich nicht um anderer Leute Angelegenheiten. Tag für Tag treibt ihr euch zusammen herum, und du bist unvorsichtig genug. Solange nichts passiert, ist ja alles gut. Aber wenn etwas passiert, wird jeder vermuten, du seist es gewesen, auch wenn du es gar nicht warst. Von anderen ganz zu schweigen, werde ich die erste sein, die es glaubt.“ Nun war Hsüä Pan ein Mensch, der stets geradlinig dachte und ohne Umschweife sprach. Ein Versteckspiel wie dieses hatte er nie gemocht. Als Bau-tschai ihm jetzt riet, er solle sich nicht mehr herumtreiben, und seine Mutter sagte, seinen Worten seien die Schläge zuzuschreiben, die Bau-yü erhalten hatte, konnte er vor Aufregung nicht mehr still stehen und rechtfertigte sich unter Schwüren und Beteuerungen. Dann wieder schimpfte er: „Wer hat mir das angehängt? Ich gebe keine Ruhe, ehe ich diesem Sträflingspack die Zähne eingeschlagen habe! Es ist doch ganz klar, da will sich nur jemand lieb Kind machen, nachdem Bau-yü Prügel bezogen hat, und ich muß jetzt dafür herhalten. Ist Bau-yü vielleicht ein Himmelskönig, daß die gesamte Familie tagelang in Aufruhr sein muß, wenn er mal von seinem Vater Schläge bekommt? Als er sich damals schlecht aufführte und der Onkel ihm dafür Schläge verpaßte, hat die alte gnädige Frau, die davon erfuhr, behauptet, Vetter Dschën trage die Schuld daran. Also ließ sie ihn rufen und hat ihn fürchterlich ausgeschimpft. Heute nun werde sogar ich mit hineingezogen. Aber nachdem es einmal so weit gekommen ist, werde ich einfach hingehen und Bau-yü totschlagen. Dann zahle ich zwar mit dem Leben dafür, aber alle haben ihre Ruhe!“ Während er so tobte, hatte er den Balken gepackt, mit dem die Tür zugesperrt wurde, und wollte hinausstürzen. Aufgeregt hielt Tante Hsüä ihn zurück und schalt: „Wen wirst du erschlagen, du Strafe meiner Sünden? Besser, du erschlägst zuerst mich!“ Hsüä Pans Augen waren vor Wut groß wie Messingschellen, und er schrie: „Was soll das? Gehen darf ich nicht, aber grundlos verleumden lassen soll ich mich! Solange Bau-yü am Leben ist, wird man mich für jeden Streit verantwortlich machen. Da ist es besser, alle sind tot, und es herrscht Ruhe!“ Jetzt trat auch Bau-tschai rasch näher und redete ihm zu: „Hab doch ein wenig Geduld! Siehst du nicht, wie Mutter sich aufregt? Aber anstatt sie zu beruhigen, krakeelst du erst recht. Ob nun Mutter dir etwas rät oder jemand anders, es geschieht doch zu deinem Besten. Was aber passiert? Du regst dich auf.“ „Fängst du schon wieder an?“ fragte Hsüä Pan. „An allem waren nur deine Worte schuld.“ „Ja, wenn ich etwas sage, wirst du böse“, entgegnete Bau-tschai. „Warum wirst du nicht über deine eigene Unvorsichtigkeit böse?“ „Und du bist nur über meine Unvorsichtigkeit böse, anstatt auf Bau-yü böse zu sein, wenn er sich außerhalb des Hauses Unannehmlichkeiten einhandelt“, sagte Hsüä Pan. „Ich will gar nicht zu weit ausholen, nur die Sache mit diesem Tji-guan will ich als Beispiel anführen. Ich hatte Tji-guan schon mehr als zehn Mal gesehen, ohne ein vertrauliches Wort mit ihm zu wechseln, Bau-yü aber hat ihm gleich beim ersten Mal seine Leibbinde geschenkt, als er noch nicht einmal seinen Namen kannte. Das war dann wohl auch meine Schuld?“ „Da haben wir‘s!“ riefen Tante Hsüä und Bau-tschai aufgeregt aus. „Deswegen hat doch Bau-yü die Prügel bekommen. Nun zeigt sich, daß doch du es warst, der davon erzählt hat.“ „Also, ich könnte platzen vor Wut!“ versicherte Hsüä Pan. „Ich ärgere mich nicht einmal, weil ihr behauptet, ich hätte das erzählt, ich ärgere mich, weil ihr euch Bau-yüs wegen dermaßen aufregt.“ „Wir regen uns auf?“ fragte Bau-tschai. „Du warst es, der vor lauter Aufregung handgreiflich werden wollte, und jetzt behauptest du, wir regten uns auf.“ Als Hsüä Pan feststellen mußte, daß alles, was Bau-tschai vorbrachte, Hand und Fuß hatte und nicht zu widerlegen war, so daß er schlechter mit ihr fertig wurde als mit der Mutter, hatte er nur noch den einen Wunsch, sie zum Schweigen zu bringen, damit ihm niemand mehr dazwischenredete. Und ohne in der Hitze seiner Wut daran zu denken, seine Worte zu wägen, sagte er: „Du brauchst mir gar nicht zu zürnen, mein liebes Schwesterchen! Ich weiß ja schon längst, wie es um dich bestellt ist. Die Mutter hat mir davon erzählt, daß nur jemand mit einem Jade der richtige Mann für dich mit deinem Gold ist. Und da du weißt, daß Bau-yü diese Klamotte hat, mußt du ihn natürlich in Schutz nehmen...“ Noch ehe er ausgesprochen hatte, war Bau-tschai vor Zorn wie betäubt. Sie zog Tante Hsüä am Ärmel und sagte unter Tränen: „Hört Ihr, was er sagt, Mutter?“ Als Hsüä Pan seine Schwester weinen sah, wurde ihm klar, daß er zu weit gegangen war. Wütend ging er in sein Zimmer und legte sich schlafen. Davon soll aber hier nicht die Rede sein. Zitternd vor Wut, versuchte Tante Hsüä dennoch, Bau-tschai zu trösten: „Du weißt ja, dieser Taugenichts redet ohne Sinn und Verstand. Morgen sage ich ihm, daß er sich bei dir entschuldigen soll.“ Bau-tschai kochte vor Zorn über die erlittene Kränkung und hätte sich am liebsten dafür gerächt, aber weil sie fürchtete, der Mutter dadurch Unruhe zu bereiten, verabschiedete sie sich mit Tränen in den Augen und kehrte allein in ihre Räume zurück, wo sie die ganze Nacht hindurch weinte. Als sie am nächsten Tag früh am Morgen aufstand, hatte sie keine Lust, sich zu kämmen und zu waschen, darum machte sie sich nur oberflächlich zurecht. Dann ging sie zu ihrer Mutter, um ihr ihren Gruß zu entbieten. Unterwegs stieß sie zufällig auf Dai-yü, die im Schatten blühender Bäume stand und sich erkundigte, wohin sie gehe. „Nach Hause“, antwortete Bau-tschai und ging weiter. Dai-yü, der aufgefallen war, daß Bau-tschai niedergeschlagen und verheult aussah, wie es sonst gar nicht ihre Art war, rief ihr lächelnd hinterher: „Gib acht auf deine Gesundheit, Kusine! Auch wenn du zwei große Kübel Tränen weinst, kannst du doch seine Wunden damit nicht heilen.“ Wer wissen will, was Bau-tschai darauf erwiderte, muß das nächste Kapitel lesen. 35. Yü-tschuan muß die Lotosblättersuppe kosten, Ying-örl knüpft ein Aprikosenblütennetz.

Bau-tschai hatte deutlich gehört, wie Dai-yü sie beschämt hatte, aber weil sie an ihre Mutter und ihren Bruder dachte, ging sie weiter, ohne sich auch nur umzusehen. Dai-yü blieb im Schatten der Bäume stehen und blickte von fern zum Hof der Freude am Roten hinüber. Sie sah, wie Li Wan, Ying-tschun, Tan-tschun, Hsi-tschun und manch andere dort hineingingen und wieder herauskamen, nur Hsi-fëng erschien nicht. „Warum kommt sie Bau-yü nicht besuchen?“ überlegte Dai-yü. „Auch wenn sie durch irgendetwas aufgehalten wurde, kommt sie doch ganz bestimmt und läßt ihr Mundwerk spielen, um sich bei der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau einzuschmeicheln. Wenn sie um diese Zeit noch nicht da ist, hat das bestimmt seinen Grund!“ Während sie so herumrätselte, blickte sie wieder einmal auf und sah eine weitere buntgekleidete Gruppe dem Hof der Freude am Roten zustreben. Bei genauerem Hinsehen erkannte sie die Herzoginmutter, die sich auf Hsi-fëngs Arm stützte, dahinter Dame Hsing und Dame Wang und dann Nebenfrau Dschou sowie Sklavenfrauen und -mädchen. Sie alle traten in den Hof, und unwillkürlich ließ Dai-yü bei diesem Anblick den Kopf sinken und dachte daran, wie gut es war, wenn man Vater und Mutter hatte. Und schon perlten ihr wieder Tränen über das Gesicht. Wenig später sah sie auch Bau-tschai mit Tante Hsüä dort hineingehen. Dann aber trat plötzlich Dsï-djüan von hinten zu ihr heran und sprach sie an: „Geht Eure Medizin einnehmen, Fräulein! Das abgekochte Wasser wird schon wieder kalt.“ „Warum mahnst du mich immerzu?“ fragte Dai-yü. „Was geht es dich an, ob ich meine Medizin nehme oder nicht?“ „Kaum ist es etwas besser mit Eurem Husten, wollt Ihr keine Medizin mehr nehmen“, sagte Dsï-djüan. „Wir haben zwar schon den fünften Monat, und es ist heiß, aber trotzdem müßt Ihr vorsichtig sein. Seit dem frühen Morgen steht Ihr nun schon hier im Feuchten. Ihr solltet nach Hause gehen und Euch ein wenig ausruhen!“ Erst bei diesen Worten kam Dai-yü zum Bewußtsein, daß ihr die Beine weh taten, und nach einigem Zögern ging sie, auf Dsï-djüan gestützt, zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß zurück. Kaum daß sie in den Hof trat und dort auf dem Boden die wirren Schatten der Bambusstauden sowie die mal helleren und mal dunkleren Moosflecken sah, mußte sie unwillkürlich an das „Westzimmer“ denken, wo es hieß: „Betritt wohl jemand den einsamen Ort? Kalt liegt der Tau auf dem Moos der Terrassen.“ Und seufzend sagte sie still bei sich: „Ach, Ying-ying, du hattest wahrlich ein trauriges Geschick, aber du hattest doch wenigstens deine verwitwete Mutter und deinen kleinen Bruder. Ich, Lin Dai-yü, aber habe in meinem Unglück weder Mutter noch Bruder. ,Schönes Mädchen – hartes Los‘, sagten die Alten. Dabei bin ich nicht einmal schön, warum also ist mir ein härteres Los beschieden als Tsuee Ying-ying?“ In diese Gedanken vertieft, ging sie weiter hinein, als ihr plötzlich im Wandelgang der Papagei entgengeflattert kam und ihr so einen Schreck einjagte, daß sie zurückprallte. „Bist du lebensmüde?“ schimpfte sie. „Du machst mir ja den Kopf staubig!“ Der Papagei flog auf seine Stange zurück und rief: „Hsüä-yän, heb schnell den Türvorhang auf, das Fräulein ist da!“ Dai-yü blieb stehen, griff nach der Stange und fragte: „Hat man dir Futter und Wasser gegeben?“ Der Papagei seufzte schwer, und dann sagte er ganz in Dai-yüs klagender Art: „Weil Blüten ich begrabe, nennt man mich törichtes Kind, doch wer wird mich begraben, wenn ich gestorben bin?

Geht die Frühlingszeit zu Ende und die Blüten fall‘n vom Baum, Ist für rote Mädchenwangen auch die Schicksalsstunde nah. Unversehens sind verflossen Frühlingstage, Mädchenglück, Blüten welken, und ich sterbe, aber keiner weiß davon.“ Dai-yü und Dsï-djüan lachten hellauf, als sie das hörten, dann sagte Dsï-djüan: „Es sind die Verse, die ihr immer sprecht, Fräulein. Wie er sich die nur gemerkt hat?“ Da befahl ihr Dai-yü, sie solle die Stange mit dem Papagei abnehmen und an den Haken draußen vor dem kreisrunden Mondfenster hängen. Dann ging sie in ihr Zimmer, setzte sich innen an das Mondfenster und nahm ihre Medizin ein. Von draußen fielen Bambusschatten auf die Fenstergaze und tauchten den Raum in ein grünliches Dämmerlicht, das auf Tisch und Matten den Eindruck von Kühle erweckte. Aus Langeweile neckte Dai-yü durch die Fenstergaze hindurch den Papagei und sprach ihm ihre Lieblingsverse vor. Aber davon muß hier nicht die Rede sein. Als Bau-tschai am Morgen zu ihrer Mutter kam, war diese gerade beim Kämmen. „Warum bist du schon so früh auf den Beinen und kommst hierher gelaufen?“ fragte sie.

Aus: Chengjiaben 1791. „Ich wollte sehen, wie es dir geht, Mutter“, sagte Bau-tschai. „Ist er gestern, nachdem ich fort war, noch einmal herübergekommen und hat weitergetobt?“ Bei diesen Worten setzte sie sich neben die Mutter, und ohne daß sie es wollte, begann sie zu weinen. Als Tante Hsüä sie weinen sah, konnte auch sie die Tränen nicht zurückhalten. Gleichzeitig aber redete sie ihr zu: „Du mußt dich deswegen nicht kränken, mein Kind! Warte, wenn ich ihm den Kopf zurechtsetze! Auf wen könnte ich hoffen, wenn dir etwas zustoßen sollte!“ Hsüä Pan, der von drüben alles mit angehört hatte, kam jetzt schnell hereingelaufen, verneigte sich wieder und wieder vor Bau-tschai und bat: „Verzeih mir dies eine Mal, liebste Schwester! Ich hatte gestern getrunken, und als ich abends zurückkam, bin ich unterwegs auch noch einem Spuk begegnet. Als ich hier ankam, war ich noch nicht wieder nüchtern und habe allen möglichen Unfug geredet. Ich weiß selber nicht mehr, was ich alles gesagt habe. Kein Wunder, daß du böse auf mich geworden bist!“ Bau-tschai hatte die Hände vors Gesicht geschlagen und weinte, bei diesen Worten aber fühlte sie sich versucht zu lachen. Sie blickte auf, spuckte auf den Boden und sagte dann: „Spar dir deine Verstellungskünste! Ich weiß, wie sehr du Mutter und mich in Wahrheit verachtest. Du trachtest mit allen Mitteln danach, daß wir von dir fortgehen. Erst dann wird dir wohl ums Herz sein.“ „Wie kommst du nur darauf, Schwester?“ fragte Hsüä Pan sogleich und lächelte dabei. „Du läßt mir ja keinen Platz, wohin ich noch die Füße setzen könnte! Du warst doch sonst nicht so mißtrauisch und hast nie so böse Dinge gesagt.“ Rasch nahm jetzt Tante Hsüä das Wort und sagte: „Die bösen Dinge, die deine Schwester sagt, hörst du, aber was du gestern abend gesagt hast, mußte wohl sein, ja? Du bist wirklich nicht bei Sinnen!“ „Du mußt dich nicht aufregen, Mutter! Und du mußt nicht bekümmert sein, Schwester!“ erwiderte Hsüä Pan. „Von heute an werde ich nicht mehr mit denen trinken und nicht mehr bummeln gehen. Wie gefällt euch das?“ „Das ist vernünftig!“ lobte Bau-tschai und lächelte ihn an. Tante Hsüä aber sagte: „Eher legt ein Drache ein Ei, als daß du dich dazu durchringst!“ „Wenn ich mich noch einmal mit ihnen herumtreibe, kann die Schwester mich anspucken und mich ein Vieh nennen, einverstanden?“ bot Hsüä Pan an. „Warum sollt ihr Tag für Tag bloß immer Ärger mit mir haben! Wenn sich Mutter über mich aufregen muß, ist das noch zu verzeihen, aber wenn ich meiner Schwester Kummer bereite, bin ich ja wirklich kein Mensch mehr. Da Vater tot ist, wäre ich wahrhaftig schlimmer als ein Tier, wenn ich – anstatt Mutter mehr kindliche Ehrerbietung zu bezeigen und meiner Schwester mehr Liebe zu erweisen – nur dafür sorgte, daß Mutter sich aufregt und meine Schwester bekümmert ist!“ Während er das sagte, liefen ihm unwillkürlich die Tränen herab, und auch Tante Hsüä, die erst nicht geweint hatte, wurde durch seine Worte traurig gestimmt. Da zwang sich Bau-tschai zu einem Lächeln und sagte: „Genug krakeelt, du bringst Mutter schon wieder zum Weinen!“ Rasch hörte Hsüä Pan zu weinen auf und sagte lächelnd: „Ich werde doch Mutter nicht zum Weinen bringen! Aber Schluß jetzt damit, ich rufe Hsiang-ling, sie soll dir Tee eingießen!“ „Ich mag keinen Tee trinken“, sagte Bau-tschai. „Wenn Mutter sich die Hände gewaschen hat, wollen wir hinübergehen!“ „Mir scheint, dein Halsreifen müßte einmal zum Aufpolieren gegeben werden“, sagte Hsüä Pan. „Wozu?“ fragte Bau-tschai. „Er glänzt doch noch ganz frisch.“ „Aber ein paar neue Kleider brauchst du“, fuhr Hsüä Pan fort. „Sag mir nur, welche Farben und Muster du magst!“ „Warum soll ich mir schon wieder neue Kleider machen lassen, obwohl ich die vorigen noch nicht einmal alle angehabt habe?“ sträubte sich Bau-tschai. Inzwischen hatte Tante Hsüä sich umgezogen und kam Bau-tschai holen. Daraufhin ging Hsüä Pan fort, Tante Hsüä aber begab sich mit Bau-tschai zusammen in den Garten, um dort Bau-yü zu besuchen. Als sie in den Hof der Freude am Roten kamen, erkannten sie an der Vielzahl der Sklavenmädchen und -frauen, die innerhalb und außerhalb des Anbaus herumstanden und sich auch im Wandelgang aufhielten, daß die Herzoginmutter und die übrigen Frauen hier sein mußten. Sie gingen ins Haus, und nachdem sie alle begrüßt hatten, traten sie zu Bau-yü ans Bett. „Geht es dir schon ein bißchen besser?“ erkundigte sich Tante Hsüä. Bau-yü versuchte, sich zu verneigen, bestätigte, er fühle sich schon besser, und setzte hinzu: „Nichts als Unruhe bereite ich Euch. Es tut mir leid!“ Tante Hsüä war ihm rasch behilflich, sich wieder hinzulegen, anschließend fragte sie: „Möchtest du irgend etwas haben? Dann sag es mir nur!“ Lächelnd erwiderte Bau-yü: „Wenn mir etwas einfällt, werde ich Euch in jedem Fall darum bitten.“ „Möchtest du vielleicht etwas essen?“ fragte nun auch Dame Wang. „Ich könnte es dir bringen lassen.“ „Appetit habe ich nicht“, sagte Bau-yü lächelnd, „aber solche Suppe mit kleinen Lotosblättchen und kleinen Lotoskapseln, wie wir sie einmal hatten, wäre schön.“ „Hört euch das an!“ kommentierte Hsi-fëng lächelnd, die daneben stand. „Kostspielig sind seine Wünsche nicht, aber anspruchsvoll ist es doch, ausgerechnet danach zu verlangen!“ Die Herzoginmutter aber befahl ein um das andere Mal, man solle ihm die Suppe machen. „Nicht so aufgeregt, alte Ahne!“ bat Hsi-fëng lächelnd. „Ich muß mich erst besinnen, wer die Formen dafür in Verwahrung hat.“ Dann wandte sie sich an eine Sklavin und befahl: „Geh und frag den Verantwortlichen für die Küche danach!“ Die Sklavin ging fort, und als sie nach langer Zeit endlich wiederkam, berichtete sie: „Der Verantwortliche für die Küche sagt, alle vier Satz Formen habe er wieder abgeliefert.“ „Ich weiß, wer sie hat“, sagte Hsi-fëng nach einigem Nachdenken, „sicher sind sie in der Teeküche.“ Und wieder schickte sie jemanden los, um den Verantwortlichen für die Teeküche danach zu fragen, aber auch dort waren sie nicht.