Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 63"
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=== Zum Geburtstag im Yihong-Hof eroeffnen die Blumenschoenheiten ein naechtliches Festmahl; Beim Tod durch die Goldpille besorgt die einsame Schoenheit allein die Bestattung === | === Zum Geburtstag im Yihong-Hof eroeffnen die Blumenschoenheiten ein naechtliches Festmahl; Beim Tod durch die Goldpille besorgt die einsame Schoenheit allein die Bestattung === | ||
| − | + | '''Zu Bau-yüs Geburtstag feiern alle Blumen ein nächtliches Fest,bei Djia Djings Tod regelt eine einsame Schöne das Trauerzeremoniell.''' | |
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| − | + | Bau-yü kehrte also in seine Räume zurück, um sich die Hände zu waschen. Anschließend sagte er zu Hsi-jën: „Wenn wir heute Abend Wein trinken, wollen wir alle vergnügt sein, ohne uns Zwang anzutun! Und sag rechtzeitig Bescheid, was wir essen wollen, damit alles vorbereitet wird!“ | |
| − | + | „Sei unbesorgt!“ erwiderte Hsi-jën lächelnd. „Tjing-wën, Schë-yüä, Tjiu-wën und ich haben je fünf Tjiän Silber gespendet, das macht zusammen drei Liang und zwei Tjiän. Dieses Silber ist längst Schwägerin Liu ausgehändigt worden, damit sie vierzig Teller mit Zuspeisen für uns vorbereitet. Außerdem habe ich mit Ping-örl gesprochen, und wir haben einen großen Tonbehälter voll Schau-hsing-Wein<ref>Reiswein aus der Stadt Schau-hsing in der Provinz Dschë-djiang, gilt noch heute als beste Sorte.</ref> hergeschafft und hier versteckt. So richten wir dir zu acht den Geburtstag aus.“ | |
| − | + | Froh über das Gehörte, sagte Bau-yü: „Woher sollen die Mädchen das Geld nehmen? Du hättest nicht von ihnen verlangen dürfen, daß sie etwas geben!“ | |
| − | + | „Haben wir vielleicht Geld und sie nicht?“ mischte Tjing-wën sich ein. „Das Herz ist es, das zählt. Also laß dir den Freundschaftsbeweis gefallen, selbst wenn das Geld gestohlen ist!“ | |
| − | + | „Da hast du recht!“ pflichtete Bau-yü ihr bei. | |
| + | „Wenn sie dich nicht zweimal am Tag mit frechen Worten zum Narren hält, fehlt dir etwas“, bemerkte Hsi-jën lächelnd. | ||
| + | „Du gehörst wohl auch zu denen, die stets das Feuer schüren müssen, wenn sie nur selbst in Sicherheit sind?“ erkundigte sich Tjing-wën. | ||
| + | Alle lachten darüber, dann verlangte Bau-yü: „Macht das Hoftor zu!“ | ||
| + | „Nicht umsonst nennt man dich den emsigen Nichtstuer“, rügte Hsi-jën lächelnd. „Wenn wir jetzt schon das Tor zumachen, wecken wir nur Verdacht. Wir müssen noch ein bißchen warten!“ | ||
| + | Bau-yü nickte zustimmend und sagte: „Ich muß noch einmal hinaus. Sï-örl geht Wasser schöpfen, und Tschun-yän wird mich begleiten!“ Damit verließ er das Gehöft, und als sie allein waren, erkundigte er sich, wie es mit Wu-örl stehe. | ||
| + | „Schwägerin Liu habe ich vorhin Bescheid gesagt, und sie hat sich selbstverständlich sehr gefreut“, berichtete Tschun-yän. „Aber Wu-örl hat sich über die Schmach, die man ihr neulich die Nacht über antat, so aufgeregt, daß sie vor Ärger wieder krank geworden ist, kaum daß sie nach Hause kam. So kann sie natürlich nicht zu uns kommen, und wir müssen uns gedulden, bis sie gesund ist.“ | ||
| + | Bau-yü seufzte bedauernd, dann fragte er: „Weiß Hsi-jën davon?“ | ||
| + | „Ich habe ihr nichts gesagt“, antwortete Tschun-yän. „Ob Fang-guan etwas erwähnt hat, weiß ich nicht.“ | ||
| + | „Ich habe mit ihr noch nicht über Wu-örl gesprochen“, fuhr Bau-yü fort. „Aber egal, ich sage es ihr, und damit basta!“ Mit diesen Worten ging er wieder hinein und wusch sich drinnen demonstrativ die Hände. | ||
| + | Inzwischen war es Zeit geworden, die Lampen anzuzünden. Da hörten sie plötzlich, wie ein ganzer Trupp Leute durchs Hoftor kam, also spähten sie durch die Fenster und erkannten Lin Dschï-hsiaus Frau mit mehreren verantwortlichen Sklavenfrauen, von denen die vorderste eine große Laterne trug. | ||
| + | „Sie kommen die Nachtwachen kontrollieren“, sagte Tjing-wën leise und lächelte dabei. „Wenn sie wieder weg sind, können wir zumachen.“ | ||
| + | Nun sahen sie, wie alle Nachtwächterinnen ihres Gehöfts hinaustraten, und als Lin Dschï-hsiaus Frau sich überzeugt hatte, daß keine fehlte, mahnte sie: „Spielt keine Glücksspiele, trinkt keinen Wein, und daß ihr mir nicht einfach in den hellen Tag hinein schlaft! Kommt mir so etwas zu Ohren, dann kenne ich kein Erbarmen!“ | ||
| + | „Wer würde wohl wagen, so dreist zu sein!“ erwiderten die Nachtwächterinnen lächelnd. | ||
| + | „Hat der junge Herr sich schlafen gelegt?“ fragte Lin Dschï-hsiaus Frau dann. Aber alle sagten, sie wüßten das nicht. | ||
| + | Rasch gab Hsi-jën Bau-yü einen Stoß, so daß er in seine Schuhe schlüpfte und hinaustrat, um Lin Dschï-hsiaus Frau lächelnd zu antworten: „Ich schlafe noch nicht. Kommt nur herein und ruht Euch einen Augenblick aus!“ Und er befahl Hsi-jën, sie solle Tee eingießen. | ||
| + | Sofort trat Lin Dschï-hsiaus Frau ins Haus und sagte lächelnd: „Ihr schlaft noch nicht? Die Tage sind jetzt lang und die Nächte kurz, da müßt Ihr früh schlafen gehen, damit Ihr auch früh aufstehen könnt. Wenn Ihr spät aufsteht, werden die Leute Euch auslachen und sagen, das ist kein junger Herr, der die Bücher studiert, sondern ein Lastträger.“ | ||
| + | „Ihr habt ganz recht“, stimmte Bau-yü ihr eilfertig zu und lächelte dabei ebenfalls. „Sonst bin ich auch jeden Tag früh schlafen gegangen und habe es gar nicht gemerkt, wenn Ihr kamt. Aber heute, nach dem Nudelessen, fürchtete ich, eine Verstopfung zu bekommen, darum bin ich etwas länger aufgeblieben.“ | ||
| + | „Da müßt ihr Pu-örl-Tee<ref>Grüner Tee aus der Gegend von Pu-örl, Provinz Yün-nan.</ref> aufbrühen!“ wandte sich Lin Dschï-hsiaus Frau lächelnd an Hsi-jën und die übrigen Sklavenmädchen. | ||
| + | „Wir haben schon eine Kanne Tee aus Wu-tung-Blättern<ref>Über den Wu-tung-Baum vgl. o., Anm. zu S. 629.</ref> gebrüht, und der junge Herr hat zwei Schälchen davon getrunken“, berichteten Hsi-jën und Tjing-wën sofort. „Probiert auch Ihr davon, Tante! Es ist noch welcher da.“ Und schon goß Tjing-wën eine Schale voll ein. | ||
| + | „In der letzten Zeit ist mir aufgefallen, daß der junge Herr seine Ausdrucksweise verändert hat und auch die größeren von euch einfach beim Namen nennt“, nahm Lin Dschï-hsiaus Frau wieder lächelnd das Wort. „Obwohl ihr in seinen Räumen dient, gehört ihr doch zum Gefolge der alten gnädigen Frau, darum müßte er schon respektvoller sein. Wenn er sich nur gelegentlich einmal im Ausdruck vergreift, mag das noch angehen, aber wenn er euch ständig so anredet, werden seine Vettern und Neffen es ihm nachmachen und damit den Spott der Leute herausfordern, die sagen werden, in dieser Familie habe man keinen Respekt vor den Älteren.“ | ||
| + | Wieder pflichtete Bau-yü ihr bei: „Ihr habt ganz recht, aber es geschieht wirklich nur gelegentlich.“ | ||
| + | Auch Hsi-jën und Tjing-wën versicherten lächelnd: „Deswegen dürft Ihr dem jungen Herrn keinen Vorwurf machen. Er redet uns bis heute noch brav als ältere Schwestern an, nur im Scherz gebraucht er manchmal unsere Namen. Aber wenn jemand dabei ist, redet er uns nicht anders an als bisher.“ | ||
| + | „So ist es recht, so benimmt sich jemand, der die Schriften studiert und mit den Riten vertraut ist“, lobte Lin Dschï-hsiaus Frau lächelnd. „Je zuvorkommender man ist, desto mehr wird man geachtet. Nicht nur Leute, die eigentlich in die Räume der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau gehören und deren Familien schon seit drei oder fünf Generationen hier dienen, darf man nicht leichtfertig kränken, für jedes Kätzchen oder Hündchen von dort gilt dasselbe. Das ist das rechte Benehmen für einen Sohn aus gutem Hause, der Erziehung genossen hat.“ Damit trank sie ihren Tee, dann verabschiedete sie sich: „Ich wünsche angenehme Ruhe! Wir gehen.“ | ||
| + | Bau-yü forderte sie zwar noch zum Bleiben auf, aber schon ging sie an der Spitze ihres Gefolges hinaus, um auch noch die anderen Plätze zu kontrollieren. | ||
| + | Rasch ließ jetzt Tjing-wën das Tor schließen, dann kam sie wieder herein und sagte lächelnd: „Die Frau muß irgendwo einen Schluck getrunken haben, daß sie uns hier die Ohren vollsabbelt und uns dabei noch Vorwürfe macht.“ | ||
| + | „Aber sie meint es doch nur gut“, versuchte Schë-yüä lächelnd zu beschwichtigen. „Sie muß uns schon immer wieder ermahnen, damit wir nicht völlig außer Rand und Band geraten.“ Mit diesen Worten ging sie hinaus, um sich um den Wein und die Zukost zu kümmern. | ||
| + | „Wir wollen uns nicht an den hohen Tisch setzen!“ schlug Hsi-jën vor. „Wir stellen den niedrigen runden Palisandertisch auf das Ofenbett und setzen uns alle herum! So haben wir es bequem und sind nicht eingeengt.“ | ||
| + | Der Tisch wurde geholt, und dann begannen Schë-yüä und Sï-örl, die Zukost hereinzutragen. Mit zwei großen Servierbrettern mußten sie vier oder fünf Mal hin- und hergehen, ehe alles herbeigeschafft war. Im Vorraum kauerten zwei alte Sklavenfrauen am Kohlebecken und wärmten den Wein. | ||
| + | „Bei dem heißen Wetter sollten wir alle die Überkleider ablegen“, sagte Bau-yü. | ||
| + | „Zieh dich nur aus, wenn dir danach ist“, sagten die Mädchen. „Wir dagegen müssen erst noch den Vorschriften der Etikette Genüge tun.“ | ||
| + | „Eure Etikette wird bis in die fünfte Nachtwache dauern, wenn ihr erst einmal damit anfangt“, sagte Bau-yü. „Was ich am meisten fürchte, sind diese profanen Förmlichkeiten. In Anwesenheit von Fremden kommt man freilich nicht drum herum, aber wenn ihr jetzt auch mich noch damit ärgern wollt, ist das nicht schön.“ | ||
| + | „Ganz wie du willst!“ sagten alle, und anstatt sich hinzusetzen, gingen sie ihren Schmuck und einen Teil ihrer Kleider ablegen. Bald darauf trugen sie statt des normalen Kopfputzes nur einfache Haarknoten und waren nur mit langen Röcken und halblangen Jacken bekleidet. Bau-yü hatte nur noch eine kurze dunkelrote Baumwolljacke und eine einfach gefütterte Hose aus schwarzbedruckter grüner Seide an, deren Beine er nicht zugeschnürt hatte. Er stützte sich auf ein neues jadefarbenes Baumwollkissen, das mit Blütenblättern von Rosen und Päonien gefüllt war, und spielte mit Fang-guan Fingerknobeln. | ||
| + | Auch Fang-guan hatte über die Hitze gestöhnt und trug jetzt nur noch eine dünn gefütterte kurze Jacke, die aus quadratischen Seidenstücken in dreierlei Farben – Jade, schwärzlich und braunrot – zusammengesetzt war, eine weidengrüne Leibbinde und eine dünn gefütterte rosa Hose mit Streublumenmuster, deren Beine sie ebenfalls nicht verschnürt hatte. | ||
| + | Ihr Haar war zu einem Kranz dünner Zöpfchen geflochten, die auf dem Scheitel zu einem einzigen starken Zopf zusammenliefen, der so dick war wie ein Gänseei und am Hinterkopf herunterbaumelte. Im rechten Ohrläppchen trug sie nur einen Jadestöpsel, der nicht größer war als ein Reiskorn, am linken Ohr dagegen ein Gehänge mit einem goldgefaßten roten Stein, so groß wie eine Gingkonuß. Dadurch schien ihr Gesicht noch reiner als der Vollmond, und ihre Augen wirkten klarer als Herbstwasser. | ||
| + | Lachend bemerkten die anderen: „Wie Zwillingsbrüder sehen die beiden aus.“ | ||
| + | „Wartet noch mit dem Fingerknobeln!“ bat Hsi-jën, die inzwischen Wein eingegossen hatte. „Wenn wir schon auf die Etikette verzichten, muß dafür jeder einen Schluck aus dem Becher trinken, den ich ihm reiche.“ Damit hob sie ihren Becher an die Lippen und nahm einen Schluck. Dann ließ sie der Rangfolge nach einen nach dem anderen trinken, und danach erst setzten sie sich rund um den Tisch auf das Ofenbett. Nur Tschun-yän und Sï-örl, die dort keinen Platz fanden, stellten sich Stühle dicht an das Ofenbett. Die vierzig Teller mit der Zukost zum Wein waren einheitlich aus imitiertem weißen Ding-dschou-Porzellan<ref>Dieses Porzellan wurde während der Tjing-Zeit in Djing-dë-dschën, Provinz Djiang-hsi, nach dem Muster des Sung-zeitlichen Porzellans aus Ding-dschou gefertigt (vgl. o., Anm. zu S. 701).</ref> und nicht größer als kleine Teeteller. Sie enthielten alles erdenkliche Naschwerk aus sämtlichen Gegenden des Landes sowie aus dem Ausland, frisch und getrocknet, Produkte des Festlands ebenso wie solche aus dem Wasser. | ||
| + | „Wir müssen ein Trinkspiel spielen!“ verlangte Bau-yü. | ||
| + | „Es muß aber etwas Gesittetes sein“, mahnte Hsi-jën. „Wenn wir dabei schreien und lärmen, wird man uns hören. Außerdem können wir nicht schreiben und lesen, darum darf es nichts Literarisches sein.“ | ||
| + | „Dann wollen wir würfeln!“ schlug Schë-yüä vor. | ||
| + | „Das ist zu langweilig“, widersprach Bau-yü, „wir wollen lieber Blumenlotto spielen!“ | ||
| + | „Au ja“, unterstützte ihn Tjing-wën, „das wollte ich schon immer einmal spielen.“ | ||
| + | „Das Spiel ist zwar gut, aber wenn wir nur so ein paar Leute sind, macht es keinen Spaß“, gab Hsi-jën zu bedenken. | ||
| + | „Ich finde, wir sollten in aller Stille noch Fräulein Bau-tschai und Fräulein Lin einladen. Wenn sie bis zur zweiten Nachtwache mit uns spielen, kommen sie noch immer früh genug ins Bett“, schlug Tschun-yän lächelnd vor. | ||
| + | „Da müssen wir ja noch einmal unser Hoftor aufmachen, und dort müssen wir am Tor rufen“, wandte Hsi-jën ein. „Was ist, wenn wir auf die Wächterinnen stoßen?“ | ||
| + | „Wovor hast du Angst?“ fragte Bau-yü. „Auch meine Schwester Tan-tschun trinkt gern Wein, wir sollten sie ebenfalls holen, genauso Fräulein Bau-tjin.“ | ||
| + | „Fräulein Bau-tjin nicht“, protestierten die anderen, „sie wohnt bei der älteren jungen Herrin, da gibt es ein großes Hin und Her.“ | ||
| + | „Was macht das schon! Beeilt euch und holt sie her!“sagte Bau-yü. | ||
| + | Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, gingen Tschun-yän und Sï-örl hinaus und ließen sich das Tor öffnen. Dann trennten sich ihre Wege. | ||
| + | „Wenn diese beiden die Einladung überbringen, werden Fräulein Bau-tschai und Fräulein Lin wohl nicht kommen“, orakelten Tjing-wën, Schë-yüä und Hsi-jën. „Da müssen wir schon gehen und sie auf Gedeih und Verderb herschleppen!“ Und rasch befahlen Hsi-jën und Tjing-wën einer alten Sklavin, eine Laterne anzuzünden, dann machten auch sie sich auf den Weg. | ||
| + | Tatsächlich sagte Bau-tschai, es sei schon zu spät, während Dai-yü sich auf ihre schwache Gesundheit berief. Aber die beiden ließen nicht locker und baten immer wieder: „So gönnt uns doch ein wenig Ehre! Setzt Euch ein Weilchen zu uns, und dann geht Ihr wieder!“ | ||
| + | Tan-tschun dagegen freute sich, als ihr die Einladung überbracht wurde, doch sie sagte sich, es wäre nicht schön, wenn man Li Wan nicht einladen würde und sie es vielleicht zu erfahren bekäme. Deshalb befahl sie Tsuee-mo, sie solle mit Tschun-yän zu ihr gehen, und vereint baten die beiden dann Li Wan und Bau-tjin ein um das andere Mal, die Gesellschaft komplett zu machen. | ||
| + | Schließlich trafen alle nacheinander im Hof der Freude am Roten ein. Selbst Hsiang-ling wurde von Hsi-jën herbeigeschafft. Jetzt mußte noch ein zweiter Tisch aufs Ofenbett gestellt werden, ehe jeder einen Platz fand. | ||
| + | „Kusine Lin friert leicht, sie soll sich lieber hier an die hölzerne Trennwand setzen!“ empfahl Bau-yü und schob ein Rückenpolster für sie zurecht. Hsi-jën und die anderen Sklavenmädchen stellten sich Stühle dicht an das Ofenbett. | ||
| + | Dai-yü lehnte sich weit vom Tisch entfernt an ihr Polster, lächelte Bau-tschai, Li Wan und Tan-tschun zu und sagte: „Ihr haltet den Leuten stets vor, daß sie sich nachts heimlich treffen, um Wein zu trinken und Glücksspiele zu spielen. Jetzt aber treiben wir genau dasselbe. Da könnt ihr in Zukunft niemand mehr einen Vorwurf machen.“ | ||
| + | Lächelnd erwiderte Li Wan: „Was sollte uns daran hindern? Wenn man nicht jede Nacht so zusammenkommt, sondern immer nur zu Geburts- und Feiertagen, dann ist auch nichts zu befürchten.“ | ||
| + | Inzwischen brachte Tjing-wën schon den mit Schnitzereien verzierten Bambuszylinder, der die elfenbeinernen Spielsteine für das Blumenlotto enthielt. Nachdem sie den Behälter geschüttelt hatte, stellte sie ihn mitten auf das Ofenbett. Dann holte sie noch Würfel, tat sie in ein Kästchen und schüttelte sie. Als sie das Kästchen wieder aufmachte, zeigten sich fünf Augen. Sie zählte ab, und die Fünfte in der Tischrunde war Bau-tschai, die nun lächelnd sagte: „Ich ziehe als Erste, ich bin gespannt, was es ist!“ Damit schüttelte sie den Bambuszylinder, griff hinein und holte einen Spielstein heraus. | ||
| + | Alle schauten ihn sich an und sahen, daß eine Päonienblüte darauf gemalt war. Darunter stand „Durch üppige Schönheit die Erste unter den Blumen.“ Und in kleineren Schriftzeichen war eine Zeile aus einem Tang-Gedicht eingekerbt: | ||
| + | „Gefühllos zwar, und doch rührt sie den Menschen.“<ref>Eine Zeile aus einem Gedicht von Luo Yin (833 – 909).</ref> | ||
| + | Die Anweisung lautete: „Jeder leert seinen Becher. Da dies die Königin der Blumen ist, kann sie nach Belieben jemanden bestimmen, der ein Lied oder ein Gedicht vortragen muß, um die Stimmung zu heben.“ | ||
| + | Als das verlesen war, hieß es: „Wie sich das trifft! Eine Päonienblüte paßt am besten zu dir.“ Und damit tranken sie ihr zu. Nachdem auch Bau-tschai getrunken hatte, ordnete sie lächelnd an: „Fang-guan soll uns ein Lied singen!“ | ||
| + | „Gut, aber zuvor muß jeder noch einen Becher trinken, damit er besser zuhören kann“, verlangte Fang-guan. Als alle getrunken hatten, begann sie: | ||
| + | „Welch schöner Platz, den Geburtstag zu feiern...“ | ||
| + | „Halt!“ riefen alle dazwischen. „Du mußt ihm nicht noch einmal gratulieren, sing uns das schönste Lied, das du kennst!“ | ||
| + | So blieb Fang-guan keine andere Wahl, und mit feiner Stimme sang sie: | ||
| + | „Mit einem Besen aus Phönixfedern<ref>Ein Lied der Unsterblichen Hë aus dem Bühnenstück ‚Die Geschichte aus Han-dan‘ (Han-dan dji); vgl. o., Anm. zu S. 320 (‚Die Begegnung mit dem Unsterblichen‘).</ref> | ||
| + | feg ich Blüten vor der Heiligen Tor. | ||
| + | Schau nur, Jadestaub wirbelt im Winde. | ||
| + | Doch selbst die Abendwolken, die hohen, | ||
| + | steigen zu unserer Schwelle nicht auf. | ||
| + | Sei auf der Hut vor dem Gelben Drachen, | ||
| + | kehr auch nicht ein bei dem gastfreien Wirt, | ||
| + | denk nur stets an die himmlischen Fluren! | ||
| + | Ach, Dung-bin! | ||
| + | Nicht für ewig am Tor möchte ich stehen, | ||
| + | mich zu vertreten, bring jemand herbei!“ | ||
| + | Während Bau-yü auf den Gesang hörte und Fang-guan ansah, hielt er den Spielstein in der Hand und wiederholte still für sich die Zeile „Gefühllos zwar, und doch rührt sie den Menschen.“ Dann aber nahm ihm Hsiang-yün den Stein weg und warf ihn Bau-tschai zu, die mit den Würfeln sechzehn Augen erzielte und beim Abzählen auf Tan-tschun kam. | ||
| + | „Was werde ich wohl bekommen?“ sagte Tan-tschun lächelnd, griff in den Bambuszylinder und nahm einen Spielstein heraus. Aber kaum hatte sie ihn angesehen, warf sie ihn errötend auf den Boden und sagte lächelnd: „Das taugt nichts! Wozu spielen wir überhaupt dieses Spiel? Das könnnen die Männer draußen spielen, es steht lauter Unsinn darauf.“ | ||
| + | Niemand verstand, was sie meinte, bis Hsi-jën den Spielstein rasch aufhob und alle sahen, daß ein Zweig Aprikosenblüten darauf abgebildet war, unter dem in roten Schriftzeichen geschrieben stand „Götterblüten vom himmlischen Jadeteich.“<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 92.</ref> Die Gedichtzeile war: | ||
| + | „Die feurige Sonne schwebt über rosigen Blüten.“<ref>Eine Zeile aus einem Gedicht von Gau Tschan, der zu Ende der Tang-Zeit lebte.</ref> | ||
| + | Die Anweisung aber besagte: „Wer diesen Stein zieht, bekommt einen vornehmen Mann. Alle trinken ihr zu, um sie zu beglückwünschen, dann trinken alle zusammen einen weiteren Becher.“ | ||
| + | „Das war alles?“ fragten die anderen lachend. „Aber es ist doch ein Spiel für Mädchen, und wenn auch zwei, drei Steine wie dieser dabei sind, ist doch nichts Anstößiges daran. Es gibt also keinen Hinderungsgrund. Eine kaiserliche Nebenfrau haben wir schon in der Familie, wirst du vielleicht die nächste sein? Herzlichen Glückwunsch! Herzlichen Glückwunsch!“ | ||
| + | Alle tranken ihr zu, Tan-tschun aber wollte nicht mithalten, und so mußten ihr Hsiang-yün, Hsiang-ling und Li Wan den Wein mit Gewalt einflößen. Tan-tschun verlangte nach wie vor, das Spiel aufzugeben und ein anderes zu spielen, aber damit waren die übrigen durchaus nicht einverstanden. Deshalb griff Hsiang-yün nach Tan-tschuns Hand und zwang sie, die Würfel zu schütteln. Das Ergebnis waren neunzehn Augen, und das bedeutete, daß diesmal Li Wan an der Reihe war. | ||
| + | Li Wan schüttelte also den Bambuszylinder und holte einen Spielstein heraus. Sie warf einen Blick darauf, dann sagte sie strahlend: „Ausgezeichnet! Schaut euch das nur an, das Ding ist gar nicht so verkehrt!“ | ||
| + | Alle sahen sich den Spielstein an und fanden darauf den blühenden Ast eines alten Pflaumbaums und das Motto „Kalte Pracht am frostigen Morgen.“ Die Gedichtzeile hieß: | ||
| + | „Strohhütte und Bambuszaun sind all ihr Begehren.“<ref>Eine Zeile aus einem Gedicht von Wang Tji (11. Jh.). Im Original ist von der Japanischen Aprikose (mee; vgl. o., Anm. zu S. 87) die Rede, hier wurde frei mit ‚Pflaumbaum‘ übersetzt, um wirksamer von der einfachen Aprikose (hsing, Prunus armeniaca) zu unterscheiden.</ref> | ||
| + | Die Anweisung verlangte: „Allein einen Becher trinken, die nächste muß würfeln.“ | ||
| + | „Das ist gut so“, sagte Li Wan lächelnd. „Würfelt ihr nur, was ihr wollt, während ich in Ruhe meinen Wein trinke!“ Mit diesen Worten griff sie nach ihrem Becher, während sie das Kästchen mit den Würfeln an Dai-yü weiterreichte. Dai-yü warf achtzehn Augen, was ergab, daß Hsiang-yün an die Reihe kam. | ||
| + | Hsiang-yün schlug ihren Ärmel zurück, faßte in den Bambuszylinder und griff einen Spielstein heraus. Alle sahen ihn sich an und erblickten darauf einen blühenden Zierapfelzweig mit der Inschrift „Tief versunken in duftigen Schlaf.“ Die Gedichtzeile lautete: | ||
| + | „Spät ist die Nacht, die Blüten schlafen wohl schon.“<ref>Eine Zeile aus einem Gedicht von Su Schï (Su Dung-po; vgl. o., Anm. zu S. 668).</ref> | ||
| + | „Statt ‚spät ist die Nacht‘ sollte es besser heißen ‚kalt ist der Stein‘“, sagte Dai-yü lächelnd. Alle begriffen, daß sie darauf anspielte, wie Hsiang-yün am Tage betrunken eingeschlafen war, und lachten. | ||
| + | Hsiang-yün aber lachte ebenfalls, wies auf das mechanische Bootsmodell und sagte zu Dai-yü: „Du steig in das Boot und fahr nach Hause, anstatt Unsinn zu schwatzen!“ | ||
| + | Auch darüber lachten die anderen nicht weniger. Dann lasen sie die Anweisung auf dem Spielstein: „Da es heißt, sie sei tief versunken in duftigen Schlaf, kann diejenige, die diesen Stein gezogen hat, nicht gut trinken. Statt dessen trinken die Nachbarn zur Rechten und Linken.“ | ||
| + | „Buddha Amitabha, das ist ein guter Stein!“ sagte Hsiang-yün und klatschte vor Freude in die Hände. Ihre Nachbarn waren niemand anders als Dai-yü und Bau-yü. Man füllte ihnen die Becher, und sie mußten trinken. Bau-yü leerte seinen Becher jedoch nur zur Hälfte, dann reichte er ihn in einem unbeobachteten Augenblick Fang-guan, die ihn in einem Zug austrank. Dai-yü dagegen entleerte ihren Wein, während sie angeregt plauderte, in eine Mundspülschale. | ||
| + | Als Hsiang-yün nun würfelte, warf sie neun Augen, und dadurch mußte als Nächste Schë-yüä einen Spielstein ziehen. Als sie ihn in der Hand hielt und alle darauf schauten, sahen sie einen blühenden Rosenzweig und die Inschrift „Schönheit in höchster Vollendung.“ Die Gedichtzeile lautete: | ||
| + | „Die Rosenblüte bringt der Frühlingsblumen Ende.“<ref>Ebenfalls eine Zeile aus einem Gedicht von Wang Tji.</ref> | ||
| + | Die Anweisung verlangte: „Jeder Anwesende trinkt drei Becher, um den Frühling zu verabschieden.“ | ||
| + | „Wie ist das zu verstehen?“ fragte Schë-yüä. Aber mit schmerzlich verzogenen Brauen verbarg Bau-yü den Spielstein und sagte nur: „Also trinken wir!“ | ||
| + | Jeder trank drei Schlucke, um die geforderten drei Becher anzudeuten, dann würfelte Schë-yüä neunzehn Augen, und ausgezählt wurde Hsiang-ling. | ||
| + | Hsiang-ling zog das Bild einer Doppelblüte an einem Stengel und das Motto „Gemeinsamer Frühling, glückliches Omen.“ Die Gedichtzeile dazu hieß: | ||
| + | „Gemeinsamem Zweig sind die Blüten entsprossen.“<ref>Eine Zeile aus einem Gedicht von Dschu Schu-dschën, einer Dichterin des 12. Jahrhunderts.</ref> | ||
| + | Die Anweisung besagte: „Von allen beglückwünscht, muß diejenige, die den Stein gezogen hat, drei Becher trinken, alle anderen trinken zur Gesellschaft einen Becher mit.“ | ||
| + | Dann würfelte Hsiang-ling sechs Augen, und Dai-yü war an der Reihe. „Wird noch ein guter Stein für mich darunter sein?“ fragte sie sich im stillen, und mit diesem Gedanken faßte sie in den Bambuszylinder, griff einen Spielstein heraus und entdeckte darauf eine Hibiskusblüte mit dem Motto „Stummer Gram in Wind und Tau.“ Die zugehörige Gedichtzeile war: | ||
| + | „Groll nicht dem Ostwind, beklag nur dich selbst.“<ref>Eine Zeile aus einem Gedicht von Ou-yang Hsiu (vgl. o., Anm. zu S. 285).</ref> | ||
| + | Die Anweisung schrieb vor: „Den eigenen Becher leeren, die Päonienblüte trinkt zur Gesellschaft mit.“ | ||
| + | „Das paßt bestens!“ sagten alle mit lächelnder Miene. „Wer sonst entspräche der Hibiskusblüte?!“ Auch Dai-yü selbst lächelte froh und trank ihren Wein. Dann würfelte sie, und durch die zwanzig Augen, die sie warf, kam die Reihe diesmal an Hsi-jën. | ||
| + | Hsi-jën zog einen Spielstein, und er zeigte einen blühenden Pfirsichzweig, dazu das Motto „Wu-ling – eine andere Welt.“<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 1140.</ref> Als Gedichtzeile stand da: | ||
| + | „Pfirsichblüten bringen eines neuen Jahres Lenz.“<ref>Eine Zeile aus einem Gedicht von Hsiä Fang-dë (1226 – 1289).</ref> | ||
| + | Die Anweisung bestimmte: „Die Aprikosenblüte trinkt einen Becher zur Gesellschaft mit, desgleichen, wer von den Anwesenden im selben Jahr geboren ist, wer am selben Tag geboren ist und wer denselben Familiennamen trägt.“ | ||
| + | „Jetzt wird es lebhaft und interessant“, sagten die anderen lächelnd. Dann stellten sie fest, daß Hsiang-ling, Tjing-wën und Bau-tschai im selben Jahr wie Hsi-jën geboren waren und Dai-yü am selben Tag, nur jemand mit demselben Familiennamen fanden sie nicht, bis Fang-guan erklärte: „Mein Familienname ist Hua, ich muß mittrinken.“ | ||
| + | Als frischer Wein eingegossen war, wandte sich Dai-yü an Tan-tschun und forderte sie lächelnd auf: „Trink, Aprikosenblüte, wie es die Anweisung verlangt, du Braut eines vornehmen Mannes, damit auch wir trinken können!“ | ||
| + | „Sei nicht so frech!“ wehrte Tan-tschun sich lächelnd. „Gib ihr eins auf den Mund, Schwägerin!“ | ||
| + | „Sie bekommt schon keinen vornehmen Mann, und da soll ich sie noch schlagen? Das bringe ich nicht fertig“, sträubte Li Wan sich lächelnd und rief damit eine neue Lachsalve hervor. | ||
| + | Eben wollte nun Hsi-jën würfeln, da hörten sie, daß am Tor jemand rief. Als die alten Sklavinnen rasch hinausgingen, um nachzufragen, erwies sich, daß Tante Hsüä eine Botin geschickt hatte, um Dai-yü abzuholen. | ||
| + | „Wie spät ist es denn?“ fragten nun alle, und jemand gab Auskunft: „Die zweite Nachtwache ist vorüber, die Uhr hat elf geschlagen.“ Bau-yü wollte es nicht glauben und ließ sich seine Taschenuhr reichen, aber als er darauf schaute, wiesen die Zeiger schon auf zehn Minuten nach elf. | ||
| + | „Ich kann auch nicht mehr“, erklärte Dai-yü und stand auf. „Wenn ich zu Hause bin, muß ich noch meine Medizin einnehmen.“ | ||
| + | Während die meisten anderen nun ebenfalls sagten, es sei Zeit auseinanderzugehen, verlangten Hsi-jën und Bau-yü, sie sollten noch bleiben. Aber Li Wan und Bau-tschai erklärten: „Es ist schon gar zu spät, schon jetzt haben wir die üblichen Regeln durchbrochen.“ | ||
| + | „Dann muß jede noch einen Becher zum Abschied trinken!“ forderte Hsi-jën. Und schon goß Tjing-wën noch einmal ein. Alle tranken, dann befahlen sie, die Laternen anzuzünden, und Hsi-jën begleitete die Gäste bis über das Wasser am Duftgetränkten Pavillon. | ||
| + | Als sie zurückkam, ließ sie das Hoftor wieder verschließen, dann nahmen sie noch einmal das Trinkspiel auf. Zugleich füllte Hsi-jën einige große Becher mit Wein und stellte ein paar Teller mit Naschwerk zusammen, damit auch die alten Sklavenfrauen ihren Anteil bekamen. | ||
| + | Schon zu drei Zehnteln betrunken, machten sie sich sodann ans Faustraten<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 400.</ref> und ließen jeden Verlierer ein Liedchen singen. Da die alten Frauen aber nicht nur tranken, was man ihnen gegeben hatte, sondern sich auch heimlich selbst versorgten, war der große tönerne Weinbehälter in der vierten Nachtwache leer. Alle waren zwar darüber verwundert, aber sie räumten auf, wuschen sich die Hände, spülten sich den Mund und gingen schlafen. | ||
| + | Fang-guan hatte so viel getrunken, daß ihre Wangen glühten wie rot geschminkt, auch der Ausdruck ihrer Augen hatte an Liebreiz beträchtlich gewonnen. Unfähig, sich noch länger aufrecht zu halten, lehnte sie sich im Einschlafen an Hsi-jën und klagte nur noch: „Schwester, mein Herz klopft so wild!“ | ||
| + | „Warum mußtest du auch so viel trinken, bis nichts mehr hineinging!“ sagte Hsi-jën und lächelte. | ||
| + | Auch für Tschun-yän und Sï-örl war es zuviel gewesen war, so daß sie an Ort und Stelle vom Schlaf übermannt worden waren. Tjing-wën versuchte, sie wachzurufen, aber Bau-yü redete ihr zu: „Laß sie doch! Wir schlafen ein bißchen, so gut es eben geht!“ Damit legte er seinen Kopf auf das Kissen mit den Blütenblättern und streckte sich aus, und schon war auch er eingeschlafen. | ||
| + | Hsi-jën hatte Angst, Fang-guan werde sich übergeben müssen, wenn man sie weckte, darum stand sie vorsichtig auf, bettete Fang-guan neben Bau-yü und ließ sie schlafen. Sie selbst ließ sich gegenüber auf die Ruhebank sinken. Dann schliefen alle in süßer Betäubung, ohne zu merken, was weiter geschah. | ||
| + | Als Hsi-jën am nächsten Morgen die Augen aufschlug, sah sie, daß es schon heller Tag war. „Ist das aber spät!“ rief sie aus. Als sie nach dem Ofenbett blickte, lag Fang-guan mit dem Kopf dicht am Bettrand und schlief offenbar noch. Rasch stand Hsi-jën auf und rief sie an. | ||
| + | Bau-yü, der ebenfalls wach wurde, drehte sich auf die andere Seite und fragte lächelnd: „So spät ist es schon?“ Dann stieß er Fang-guan an, damit sie aufstand. | ||
| + | Fang-guan setzte sich im Bett auf und rieb sich verwundert die Augen. „Schämst du dich nicht?“ fragte Hsi-jën lächelnd. „So betrunken warst du, daß du dich einfach schlafen gelegt hast, ohne zu wissen, wo du bist.“ | ||
| + | Jetzt erst sah Fang-guan sich um und entdeckte, daß sie mit Bau-yü auf demselben Bett geschlafen hatte. Lachend sprang sie auf den Boden und fragte: „Warum habe ich davon nichts gewußt?“ | ||
| + | „Ich habe es auch nicht gewußt, sonst hätte ich dir das Gesicht mit schwarzer Tusche bemalt“, sagte Bau-yü lächelnd. | ||
| + | Bei diesen Worten kamen die anderen Sklavenmädchen herein, um Bau-yü beim Waschen und Frisieren aufzuwarten. „Gestern bin ich euch zur Last gefallen, heute lade ich euch meinerseits ein“, sagte Bau-yü fröhlich. | ||
| + | „Laß gut sein!“ wehrte Hsi-jën lächelnd ab, „wir können uns heute nicht noch einmal so aufführen, sonst gibt es Gerede.“ | ||
| + | „Wovor hast du Angst?“ fragte Bau-yü. „Was sind schon zwei Mal? Aber wir müssen ganz schön trinken können, daß wir diesen Behälter leer gemacht haben. Schade nur, daß der Wein alle war, als es eben am schönsten war!“ | ||
| + | „So war es genau richtig“, widersprach Hsi-jën lächelnd. „Wäre uns nicht auf dem Höhepunkt der Wein ausgegangen, wäre der Nachgeschmack heute ein anderer. Aber gestern waren alle so schön in Stimmung, selbst Tjing-wën hatte ihre Scheu überwunden. Ich kann mich erinnern, daß sie gesungen hat.“ | ||
| + | „Und daß du selbst gesungen hast, hast du wohl vergessen, Schwester?“ fragte Sï-örl lächelnd. „Jeder am Tisch hat gesungen.“ | ||
| + | Errötend schlugen alle die Hände vors Gesicht und lachten ohne Ende, bis plötzlich Ping-örl in den Raum trat und gutgelaunt sagte: „Ich bin extra gekommen, um allen, die gestern dabei waren, für heute eine Gegeneinladung auszusprechen. Es darf keiner fehlen.“ | ||
| + | Rasch bot man ihr einen Platz an und goß ihr Tee ein. | ||
| + | „Schade, daß sie gestern nacht nicht mit von der Partie gewesen ist“, bedauerte Tjing-wën. | ||
| + | „Was habt ihr denn getrieben?“ erkundigte Ping-örl sich sofort. | ||
| + | „Das können wir dir nicht erzählen“, nahm Hsi-jën das Wort, „aber es ist hoch hergegangen. Selbst die Feste, die die alte gnädige Frau und die gnädige Frau für uns alle gegeben haben, waren nichts gegen gestern nacht. Den ganzen Weinbehälter haben wir leer gemacht. Alle haben wir so getrunken, daß wir keine Hemmungen mehr hatten, und ehe man sich‘s versah, haben wir alle gesungen. Erst in der vierten Nachtwache haben wir uns endlich hingelegt, wie es gerade kam, und ein bißchen geschlafen.“ | ||
| + | Lächelnd beschwerte sich Ping-örl: „Erst laßt ihr euch einfach den Wein von mir geben und ladet mich nicht einmal ein, und dann erzählt ihr mir noch, wie schön es war, um mich zu ärgern!“ | ||
| + | „Heute gibt er uns ein Fest, bestimmt wirst du auch eingeladen. Wart es nur ab!“ tröstete Tjing-wën. | ||
| + | „Wer ist ‚er‘? Zu wem sagst du ‚er‘?“ fragte Ping-örl lächelnd. | ||
| + | Ebenfalls lächelnd, gab Tjing-wën ihr einen Klaps und sagte: „Mußt du so scharfe Ohren haben und alles so genau verstehen?“ | ||
| + | „Ich habe noch etwas zu tun und muß jetzt gehen, deshalb kann ich mich vorerst nicht weiter mit dir befassen“, sagte Ping-örl. „Nachher schicke ich jemand, um euch zu holen. Und wenn auch nur eine fehlt, komme ich selbst und schlage euch die Tür ein.“ | ||
| + | Bau-yü machte noch Anstalten, Ping-örl zurückzuhalten, aber schon war sie gegangen. Also frisierte und wusch er sich und trank dann Tee. Dabei fiel sein Blick auf ein Blatt Papier, das unter seinem Tuschereibstein klemmte. „Es ist nicht schön von euch, alle möglichen Zettel hier abzulegen“, tadelte er. | ||
| + | „Was ist?“ fragten Hsi-jën und Tjing-wën sogleich. „Hat wieder einmal jemand etwas falsch gemacht?“ | ||
| + | „Was klemmt da unter dem Tuschereibstein?“ fragte Bau-yü. „Bestimmt hat wieder eine von euch vergessen, ihr Stickmuster wegzulegen.“ | ||
| + | Als Tjing-wën den Tuschereibstein eilig hochnahm und das Papier aufhob, erwies es sich als ein beschriebener Bogen. Sie reichte ihn Bau-yü, und er las: „Miau-yü, der Mensch außerhalb der Schwelle, verneigt sich ergeben, um aus der Ferne einen Geburtstagsgruß zu entbieten.“ | ||
| + | Kaum hatte Bau-yü zu Ende gelesen, sprang er hastig auf und fragte: „Wer hat das entgegengenommen, ohne mir einen Ton zu sagen?“ | ||
| + | Hsi-jën und Tjing-wën, die aus seinem Benehmen schlossen, daß es der Brief einer gewichtigen Persönlichkeit sein müsse, fragten ihrerseits: „Wer hat gestern einen Brief angenommen?“ | ||
| + | Sofort kam Sï-örl hereingestürzt und berichtete lächelnd: „Miau-yü hat den Brief nicht selber gebracht, sondern ein Muttchen damit hergeschickt. Ich habe ihn dort hingelegt und ihn dann über dem Weintrinken vergessen.“ | ||
| + | „Und wir dachten wunder von wem der Brief sei, daß du dich so darüber aufregst“, sagten die anderen. „Das ist er doch nicht wert.“ | ||
| + | Nichtsdestotrotz befahl Bau-yü: „Holt mir schnell Papier!“ | ||
| + | Als das Papier gebracht war, rieb er Tusche an, wußte aber nicht, womit er den Ausdruck „Mensch außerhalb der Schwelle“ in seinem Antwortschreiben passend erwidern sollte. Den Schreibpinsel in der Hand, brütete er lange vor sich hin, ohne daß ihm etwas eingefallen wäre. Dann sagte er sich: „Wenn ich Bau-tschai frage, wird sie mir vorhalten, ich sei wunderlich, darum ist es besser, ich frage Dai-yü!“ | ||
| + | Mit diesem Gedanken schob er den Brief in den Ärmel und machte sich auf den Weg zu Dai-yü. Eben war er am Duftgetränkten Pavillon vorüber, da kam ihm schwankenden Schrittes<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 157.</ref> Hsiu-yän entgegen. „Wohin gehst du?“ erkundigte er sich. | ||
| + | „Ich bin auf dem Weg zu Miau-yü, um mich mit ihr zu unterhalten“, erwiderte Hsiu-yän. | ||
| + | Verwundert sagte Bau-yü: „Miau-yü ist eine Eigenbrötlerin, die sich nicht dem Zeitgeschmack fügt. Von zehntausend Menschen findet kein einziger Gnade in ihren Augen. Wenn du ihre Wertschätzung genießt, mußt du etwas anderes sein als wir profanen Leute.“ | ||
| + | „Sie braucht mich nicht unbedingt wirklich zu schätzen“, sagte Hsiu-yän lächelnd. „Wir waren einfach zehn Jahre lang unmittelbare Nachbarn, als sie im Kloster des sich Kräuselnden Weihrauchs ihre Meditationsübungen trieb. Unsere Familie war nämlich arm und wohnte zehn Jahre lang in einem Haus zur Miete, das dem Kloster gehörte. Wenn ich nichts zu tun hatte, ging ich zu Miau-yü ins Kloster und leistete ihr Gesellschaft. Die Schriftzeichen, die ich beherrsche, hat sie mir beigebracht. | ||
| + | Wir sind also nicht nur Freunde aus schlechten Zeiten, sie ist auch halb und halb meine Lehrerin. Als wir bei unsern Verwandten Zuflucht suchten, erfuhr ich, sie habe sich hierher gewandt, weil sie sich nicht dem Zeitgeschmack beugen wollte, was ihr von mächtigen Leuten verübelt wurde. Jetzt hat uns das Schicksal wieder zusammengeführt, und unsere Gefühle füreinander sind unverändert. Im Gegenteil, sie ist noch freundlicher zu mir als damals.“ | ||
| + | Bau-yü war es bei diesen Worten, als ob ein Blitz aus heiterem Himmel ihn getroffen hätte, und er sagte: „Kein Wunder, daß du in deinem Betragen und deiner Ausdrucksweise so frei bist wie ein wilder Kranich oder eine ziehende Wolke. Das also ist der Grund! Aber ich war gerade unterwegs, um jemand in einer Sache um Rat zu fragen, die Miau-yü betrifft. Daß ich jetzt dich getroffen habe, muß wirklich eine Fügung des Himmels sein, und so will ich mich an dich wenden.“ Mit diesen Worten gab er Hsiu-yän den Glückwunschbrief zu lesen. | ||
| + | „Sie kann aus ihrer Haut einfach nicht heraus!“ kommentierte Hsiu-yän mit einem Lächeln. „Diese Unbekümmertheit und Extravaganz sind ihr angeboren. Wo hätte man je gesehen, daß sich jemand in einem Glückwunsch mit seinem Pseudonym bezeichnet. So etwas nennt der Volksmund ‚Nicht Mönch und nicht Laie, weder Mann noch Frau.‘ Was soll das darstellen?“ | ||
| + | „Du siehst das nicht richtig“, sagte Bau-yü rasch, „sie steht außerhalb solcher Kategorien. Sie ist ein Mensch, der für gewöhnliche Menschen unbegreiflich ist. Diesen Brief hat sie mir nur geschrieben, weil sie meint, daß ich nicht völlig unwissend sei. Ich weiß jedoch nicht, wie ich den Ausdruck erwidern soll, den sie gebraucht hat. Eben wollte ich Kusine Dai-yü danach fragen, da bin ich dir begegnet.“ | ||
| + | Als Hsiu-yän dies gehört hatte, musterte sie Bau-yü aufmerksam von Kopf bis Fuß, dann sagte sie lächelnd: „Kein Wunder, wenn das Sprichwort sagt ‚Jemand von Angesicht zu kennen ist wichtiger, als um seinen Ruf zu wissen.‘ Kein Wunder auch, daß Miau-yü dir diesen Brief geschickt hat. Und kein Wunder schließlich, daß sie dir im vergangenen Jahr die blühenden Aprikosenzweige schenkte. Wenn sie schon so zu dir ist, muß ich dir erst recht erklären, was sie hier meint. | ||
| + | Sie sagt oft, es gebe bei den Dichtern der Han- und der Djin-Zeit, der Zeit der Fünf Dynastien sowie der Tang- und der Sung-Zeit keine guten Verse mit Ausnahme von nur zwei Zeilen, nämlich: | ||
| + | ‚Und hättest du eiserne Schwellen,<ref>Zwei Zeilen aus einem Gedicht von Fan Tschëng-da, über diesen vgl. o., Anm. zu S. 289.</ref> | ||
| + | ein Erdhügel ist schließlich dein Los.‘ | ||
| + | Deshalb nennt sie sich den ‚Menschen außerhalb der Schwelle‘. Unter den Prosaschriftstellern schätzt sie Dschuang-dsï<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 365 (‚Buch vom Südlichen Blütenland‘).</ref> und nennt sich deshalb manchmal auch den ‚Sonderling‘. Hätte sie sich in ihrem Brief als ‚der Sonderling‘ bezeichnet, dann hättest du ihr als ‚der Weltling‘ antworten können. Denn mit ‚Sonderling‘ will sie sagen, daß sie einsam außerhalb der Menge steht, da würde sie sich freuen, wenn du bescheiden von dir sagst, daß du im Getümmel der Welt stehst. | ||
| + | Wenn sie sich jetzt den ‚Menschen außerhalb der Schwelle‘ genannt hat, will sie damit zum Ausdruck bringen, daß sie sich außerhalb dieser ‚eisernen Schwellen‘ bewegt, also nenn du dich nur den ‚Menschen innerhalb der Schwelle‘, dann triffst du ihren Sinn.“ | ||
| + | „Ach so!“ rief Bau-yü aus, dem es wie Schuppen von den Augen gefallen war. Dann fuhr er lächelnd fort: „Kein Wunder, daß unser Familientempel ‚Kloster Eiserne Schwelle‘ heißt. Das also ist die Erklärung dafür. Jetzt aber will ich gehen und meine Antwort schreiben!“ | ||
| + | Also ging Hsiu-yän weiter zum Kloster Gefangenes Grün, während Bau-yü in seine Räume zurückkehrte und dort auf einen Briefbogen die Zeichen schrieb: ‚Bau-yü, der Mensch innerhalb der Schwelle, verneigt sich ergebenst zum Dank.‘ Diesen Brief trug er eigenhändig zum Kloster Gefangenes Grün und schob ihn dort bescheiden durch den Spalt zwischen den Torflügeln. | ||
| + | Als er von dort zurückkam, hatte sich Fang-guan eben frisiert und trug das Haar zu einem Knoten aufgesteckt, den sie mit Blumen und Federschmuck verziert hatte. Sofort befahl Bau-yü ihr, die Frisur zu ändern, und ließ ihr die kürzeren Haare rund um den Kopf abrasieren, so daß die bläulich schimmernde Kopfhaut zu sehen war. Das restliche Haar wurde durch einen deutlichen Mittelscheitel geteilt. „Im Winter“, kündigte er ihr an, „bekommst du eine große Zobelfellmütze, einen ‚Schlafenden Hasen‘, auf den Kopf und an die Füße Kampfstiefelchen mit Tigerkopfkappen und bunten Wolkenmustern. Oder aber du läßt die Hosenbeine lose und trägst weiße Strümpfe und dazu bortierte Schuhe mit dicken Sohlen.“ | ||
| + | Dann sagte er: „Der Name Fang-guan gefällt mir nicht, du mußt einen männlichen Namen bekommen, das ist originell!“ Und er änderte ihren Namen in Hsiung-nu – „tapferer Sklave“. | ||
| + | Fang-guan war damit sehr zufrieden. „Dann mußt du mich aber auch mitnehmen, wenn du ausreitest“, verlangte sie. „Und wenn jemand fragt, wer ich bin, sagst du, ich sei einer deiner Knaben, wie Ming-yän.“ | ||
| + | „Aber man sieht dir doch an, was du bist“, wandte Bau-yü lächelnd ein. | ||
| + | „Also du bist aber auch wirklich einfallslos“, sagte Fang-guan und lächelte ebenfalls. „Es leben doch genug Angehörige von Reiterstämmen mit ihren Familien hier bei uns. Du sagst einfach, ich sei einer von ihnen. Zumal alle sagen, ich sähe hübsch aus, wenn ich mir Zöpfe flechte. Ist das nicht eine gute Idee?“ | ||
| + | „Das ist sogar ausgezeichnet!“ lobte Bau-yü hocherfreut. „Ich habe auch schon oft gesehen, daß Beamte ausländische Kriegsgefangene in ihrem Gefolge haben. Sie sind geschätzt, weil sie Wind und Frost nicht fürchten und gute Reiter sind. Aber dann mußt du auch einen enstprechenden Namen haben. Ich werde dich Yä-lü Hsiung-nu<ref>Yä-lü war der Familienname der Khitan-Herrscher, die als Liau-Dynastie über China regierten. Auch unter der Yüan-Dynastie dienten noch zahlreiche Khitan dieses Namens den Mongolenherrschern als Beamte.</ref> nennen. Hsiung-nu klingt überhaupt genauso wie der Stammesname der Hsiung-nu, der Hunnen. Auch die Tjüan-jung-Barbaren trugen solche Namen. | ||
| + | Diese beiden Stämme waren schon zu Zeiten von Yau und Schun<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 38.</ref> eine Bedrohung für China, besonders unter der Djin- und der Tang-Dynastie hat unser Land schwer unter ihnen gelitten. Wir dagegen sind so glücklich, in der Zeit des heute regierenden Kaisers zu leben, der ein direkter Nachfahre des Großen Schun ist. Seine Tüchtigkeit, Tugend, Menschlichkeit und Sohnesliebe erstrahlen bis zum Himmel, und seine Herrschaft ist unvergänglich wie Himmel und Erde, Sonne und Mond. | ||
| + | Deshalb braucht man heute nicht mit Schild und Lanze gegen die Bösewichter zu ziehen, die sich unter so vielen Dynastien aufrührerisch und zügellos gebärdet haben, sie kommen vielmehr auf Geheiß des Himmels mit erhobenen Händen und gesenktem Kopf aus der Ferne herbei, um sich zu unterwerfen. Es ist nur zu richtig, sie zu demütigen, um den Ruhm unseres Herrschers zu mehren.“ | ||
| + | „Da solltest du dich im Bogenschießen und Reiten üben und ein wenig die Kriegskunst studieren, um dann mutig auszuziehen und ein paar Aufrührer zu fangen“, hielt ihm Fang-guan lächelnd entgegen. „Könntest du damit nicht deine Untertanentreue und deine Einsatzbereitschaft unter Beweis stellen? Warum mußt du dich statt dessen unserer bedienen und dabei großartig den Mund aufreißen, obwohl es nur Spiel und Belustigung für dich ist, wenn du auch sagst, du wolltest damit die Verdienste und die Tugenden des Herrschers preisen?“ | ||
| + | „Du verstehst das eben nicht“, belehrte Bau-yü sie lächelnd. „Heute sind die Anwohner der Vier Meere gehorsam, und in allen acht Richtungen herrscht Frieden, für Jahrhunderte und Jahrtausende können die Waffen schweigen. Deshalb müssen wir den Herrscher preisen, auch wenn es nur bei Scherz und Spiel ist, um so zu zeigen, daß wir es zu würdigen wissen, wenn wir den Frieden billig genießen dürfen.“ | ||
| + | Fang-guan fand es vernünftig, was er gesagt hatte, und da sie es beide für richtig und angemessen hielten, nannte Bau-yü sie nun Yä-lü Hsiung-nu. Dabei gab es in den beiden Anwesen der Djias wirklich Leute, die seinerzeit von Bau-yüs Vorfahren in Gefangenschaft genommen und ihnen deshalb als Sklaven geschenkt worden waren. Aber sie wurden nur als Pferdeknechte gebraucht, weiter waren sie zu nichts nütze. | ||
| + | Als Hsiang-yün, die selbst eine starke Vorliebe für törichte Spiele hatte und sich gern militärisch herausstaffierte, indem sie einen Phönixgürtel anlegte und umgeschlagene Manschetten trug, jetzt sah, wie Fang-guan von Bau-yü als Junge gekleidet wurde, zog sie ihre Kuee-guan ebenfalls wie einen Sklavenjungen an. Da Kuee-guan ihr Haar ohnehin kurz getragen hatte, weil sie so während ihrer Schauspielerzeit leichter Maske machen konnte, und überdies sehr behende war, fiel die Verwandlung nicht schwer. | ||
| + | Selbst Li Wan und Tan-tschun fanden Gefallen an der Sache und veranlaßten Bau-tjin, daß sie aus ihrer Dou-guan ebenfalls einen Knaben machte. Mit zwei Haarknoten auf dem Kopf, in einer kurzen Jacke und mit roten Schuhen fehlte ihr nur die Schminke im Gesicht, um wie ein Dienerknabe auf der Bühne auszusehen, der seinem Herrn die Zither nachträgt. | ||
| + | Kuee-guans Namen änderte Hsiang-yün in Da-ying – „großer Held“ –, und da ihr Familienname Wee lautete, gab sie sich mit keiner anderen Anrede als Wee Da-ying – „Nur ein großer Held“ – für sie zufrieden, wobei sie an die Zeile dachte: | ||
| + | „Nur ein großer Held vermag der eignen Farbe treu zu bleiben.“ | ||
| + | Muß man denn zu Schminke und Puder greifen, um als Mann zu gelten? wollte sie damit sagen. | ||
| + | Dou-guan trug ihren Namen, weil sie nach Wuchs und Jahren noch sehr klein und dabei quicklebendig war. Im Garten wurde sie A-dou oder Miau-dou-dsï – „die niedliche Erbse“ – gerufen. Da Bau-tjin fand, solche Namen wie Tjin-tung – „Zitherknabe“ – und Schu-tung – „Bücherknabe“ – seien zu geläufig, Dou – „Erbse“ – dagegen sei etwas Originelles, änderte sie den Namen in Dou-tung – „Erbsenknabe“. | ||
| + | Nach dem Essen gab Ping-örl ihr Dankgelage, und da es ihr im Garten der Roten Düfte zu heiß war, hatte sie in der Halle im Ulmenschatten die Tische decken lassen. Zur allgemeinen Freude brachte Frau You die beiden Nebenfrauen Pee-fëng und Hsiä-yüan mit, um sie am Vergnügen teilhaben zu lassen. Beide waren sie jung und lieblich-unbekümmert und kamen nur selten ins Jung-guo-Anwesen herüber. | ||
| + | Als sie heute in den Garten kamen und hier mit Hsiang-yün, Hsiang-ling, Fang-guan, Juee-guan und all den anderen zusammentrafen, konnte man wirklich sagen „Gleich und gleich gesellt sich gern.“ Da war des Lachens und Schwatzens kein Ende, und anstatt sich um Frau You zu kümmern, überließen sie dies den Sklavenmädchen, während sie selbst sich mit den anderen die Zeit vertrieben. | ||
| + | Als sie dabei auch in den Hof der Freude am Roten kamen, hörten sie, wie Bau-yü nach Yä-lü Hsiung-nu rief. Darüber brachen Pee-fëng, Hsiä-yüan und Hsiang-ling in Lachen aus, fragten, was das für eine Sprache sei, und versuchten anschließend, den Namen nachzusprechen. Aber mal verhedderten sie sich dabei, mal vergaßen sie eine Silbe davon, und das trieben sie so lange, bis sie schließlich Yä-lü-dsï – „Wildesel“ – daraus gemacht hatten, worüber sich jedermann, der es hörte, vor Lachen ausschütten wollte. | ||
| + | Als Bau-yü sah, wie alle ihren Scherz damit trieben, befürchtete er, Fang-guan würde sich dadurch erniedrigt fühlen, deshalb sagte er rasch: „Wie ich gehört habe, gibt es westlich des Ozeans, in Frankreich, ein Glas mit gol- | ||
| + | goldenen Sternchen darin. Dieses Goldsternglas wird in der einheimischen Barbarensprache Venturina<ref>Aventurin(glas) ist bereits oben (im 52. Kap.) als Material für eine europäische Schnupftabaksdose erwähnt. Dort ist im Original der chinesische Name ‚Goldsternglas‘ gebraucht. Aventurin hieß in den europäischen Sprachen auch Venturin, bemerkenswert ist bei Tsau Hsüä-tjin die Endung -a für einen weiblichen Vornamen.</ref> genannt. Was meinst du, wollen wir daraus einen Vergleich ableiten und dich in Venturina umbenennen?“ | ||
| + | „Einverstanden!“ sagte Fang-guan, der dies noch besser gefiel, und damit war ihr Name erneut geändert. Die anderen aber, denen das Wort zu zungenbrecherisch war, übersetzten es sich ins Chinesische und nannten sie Bo-li – „Glas“. | ||
| + | Doch genug jetzt der müßigen Worte, besser sollte davon erzählt werden, wie man sich in der Halle im Ulmenschatten bei dem, was sich ein Weingelage nennt, vergnügte. Eine Geschichtenerzählerin mußte die Trommel schlagen, und die zwanzig Tischgäste ließen dabei eine Päonienblüte von Hand zu Hand gehen, die Ping-örl gepflückt hatte. Das war ihr Trinkspiel. | ||
| + | Als sie sich damit einige Zeit unterhalten hatten, wurde gemeldet: „Es sind zwei Frauen aus dem Hause der Dschëns mit Geschenken da.“ | ||
| + | Während Tan-tschun mit Li Wan und Frau You in die „Palaverhalle“ ging, um die Botinnen zu empfangen, verließ der Rest der Gesellschaft die Tafel, um sich ein wenig die Beine zu vertreten. Pee-fëng und Hsiä-yüan wollten auf der Schaukel schwingen, und Bau-yü erbot sich: „Stellt euch beide darauf, ich schiebe euch an!“ | ||
| + | „Nicht doch!“ lehnte Pee-fëng erschrocken ab, „willst du uns Ärger bereiten? Sag lieber deinem Wildesel, sie soll uns anschieben!“ | ||
| + | „Laß doch bitte diesen Scherz, liebe Schwester!“ bat Bau-yü sofort. „Wenn die andern das hören, werden sie es euch nachmachen und ihren Schimpf mit ihr treiben.“ | ||
| + | Hsiä-yüan aber warnte: „Wie willst du schaukeln, wenn du so lachst? Wenn du herunterfällst, zerbrichst du, und das Eigelb läuft aus!“ | ||
| + | Nun ging Pee-fëng auf sie los, um sie zu schlagen, und der Spaß und das Lachen wollten nicht enden. Plötzlich aber stürzten Hals über Kopf ein paar Leute aus dem Ning-guo-Anwesen herbei und meldeten: „Der alte gnädige Herr ist in den Himmel eingegangen.“ | ||
| + | Alle fuhren erschrocken zusammen und fragten bestürzt: „Wie kann er plötzlich tot sein, wo er doch eben noch gesund war?“ | ||
| + | „Der alte gnädige Herr hat Tag für Tag Elixiere gebraut, seine Bemühungen werden sicher Erfolg gehabt haben, so daß er ist unter die Unsterblichen entrückt ist“, antworteten die Leute vom Gesinde. | ||
| + | Als Frau You die Nachricht erfuhr, geriet sie unwillkürlich in Verwirrung, waren doch weder Djia Dschën und ihr Sohn noch Djia Liän zu Hause, so daß vorübergehend kein einziger Mann da war, auf den sie sich hätte stützen können. Deshalb konnte sie nichts anderes tun, als rasch ihren Schmuck abzulegen und sofort jemanden ins Kloster der Dunklen Wahrheit zu schicken, um dort alle Mönche einzusperren, bis ihr Mann wieder da war, um sie zu verhören. Dann bestieg sie eilig einen Wagen und begab sich mit Lai Schëngs Frau und anderen alten Verwalterinnen vor die Stadt. | ||
| + | Zugleich ließ sie Ärzte kommen, um feststellen zu lassen, woran Djia Djing gestorben war. Aber wie sollten sie eine Pulsdiagnose stellen, wenn der Patient schon tot war?! Sie wußten jedoch, daß die Atemübungen, die er getrieben hatte, Unfug waren, und daß er in seinem Irrglauben so weit gegangen war, die Sterne anzubeten, Nachtwachen zu halten und Zinnoberpräparate einzunehmen, was seinen Körper und seinen Geist überanstrengen und endlich zum Tode führen mußte. Obwohl er tot war, fühlte sich seine Bauchdecke hart wie Eisen an, sein Gesicht aber, und besonders die Lippen, waren von rotvioletter Färbung, gekräuselt und gesprungen. Also verkündeten sie den Verwalterfrauen: „Er ist gestorben, weil er sich mit seinen dauistischen Wunderdrogen die Eingeweide verbrannt hat.“ | ||
| + | Hastig berichteten auch die Dauisten: „Der gnädige Herr hat sich mit einem Elixier umgebracht, das er nach einem Geheimrezept neu zusammengestellt hatte. Wir warnten ihn davor, es einzunehmen, solange er nicht durch Taten und Tugend zur Genüge darauf vorbereitet sei, wider Erwarten hat er jedoch heute nacht heimlich davon genommen, während er seine Nachtwache hielt, und ist unter die Unsterblichen aufgestiegen. Wahrscheinlich hat er auf Grund seiner aufrichtigen Ergebenheit den rechten Weg erlangt und ist so dem Meer des Kummers entronnen, hat seine irdische Hülle abgestreift und kann jetzt selbst über sich gebieten.“ | ||
| + | Frau You ging nicht darauf ein und befahl, man solle die Mönche so lange hinter Schloß und Riegel halten, bis Djia Dschën sie wieder freilassen würde. Dann schickte sie Eilboten mit der Nachricht auf den Weg. | ||
| + | Da es im Kloster der Dunklen Wahrheit zu eng war, um den Toten aufzubahren, und der Leichnam genausowenig in die Stadt gebracht werden konnte, ließ sie ihn eiligst einkleiden und dann in einer Sänfte in das Kloster Eiserne Schwelle tragen, um ihn dort aufzubahren. An den Fingern zählte sie ab, daß es bis zur Rückkehr von Djia Dschën mindestens einen halben Monat | ||
| + | dauern würde, und da das Wetter schon sengend heiß war, so daß man unmöglich so lange warten konnte, traf sie von sich aus die Entscheidung, durch einen Astrologen einen Tag auswählen zu lassen, um den Toten einzusargen. | ||
| + | Der Sarg war schon seit Jahren vorbereitet gewesen und hatte im Kloster Eiserne Schwelle bereitgestanden, was sich als sehr praktisch erwies. Drei Tage später sollte die Trauerzeit beginnen. Gleichzeitig ließ sie, während noch auf Djia Dschën gewartet wurde, durch buddhistische und dauistische Mönche die Totenmessen lesen. | ||
| + | Im Jung-guo-Anwesen konnte Hsi-fëng ihre Räume nicht verlassen, Li Wan mußte sich um die Mädchen kümmern, und Bau-yü hatte von praktischen Dingen keine Ahnung. So mußten alle Angelegenheiten der äußeren Haushaltsführung vorübergehend zweitrangigen Verwaltern übertragen werden. Auch Djia Biän, Djia Guang, Djia Hung, Djia Ying, Djia Tschang und Djia Ling bekamen jeder seine Aufgaben. Da Frau You nicht nach Hause zurückkehren konnte, ließ sie ihre Stiefmutter holen und bat sie, einstweilen im Ning-guo-Anwesen dem Haushalt vorzustehen. Die Stiefmutter aber gab sich erst zufrieden, als sie auch ihre beiden unverheirateten Töchter mitbringen durfte. | ||
| + | Als Djia Dschën die Trauerbotschaft empfangen hatte, bat er sofort um Urlaub, denn er sowohl wie Djia Jung hatten jeder sein Amt. Nun wußten die Beamten des Zeremonialministeriums zwar, welch große Bedeutung der regierende Kaiser den Prinzipien der Kindes- und der Bruderliebe beimaß, aber sie wagten nicht, eine eigenmächtige Entscheidung zu treffen, und baten deshalb in einem Thronbericht um Befehle. | ||
| + | Der Himmelssohn in seiner unübertroffenen Menschlichkeit und Sohnesliebe, der die Nachkommen verdienter Beamter stets mit größter Wertschätzung bedachte, erkundigte sich nach der Lektüre des Thronberichts sogleich, welchen Posten Djia Djing bekleidet habe. Das Zeremonialministerium antwortete, Djia Djing habe die Staatsprüfungen als Djin-schï bestanden, der Titel seiner Vorfahren aber sei bereits seinem Sohn Djia Dschën übertragen worden. Auf Grund seines fortgeschrittenen Alters und seiner zahlreichen Gebrechen habe sich Djia Djing außerhalb der Hauptstadt im Kloster der Dunklen Wahrheit der Ruhe hingegeben, wo er jetzt einer Krankheit erlegen sei. Sein Sohn Dschën und sein Enkel Jung befänden sich im Trauerzug anläßlich des Staatsbegräbnisses und bäten jetzt um Urlaub, um an Djia Djings Sarg eilen zu können. | ||
| + | Gleich nachdem er dies erfahren hatte, ließ der Himmelssohn ein außerordentliches Gnadendekret ergehen, in dem es hieß: „Obschon Djia Djing kein Amt bekleidete und somit vor dem Staat keinerlei Verdienste hat, wird er in Ansehung der Meriten seines Großvaters postum mit der fünften Rangklasse ausgezeichnet. Sein Sohn und sein Enkel sollen seinen Sarg durch das untere Nordtor in die Hauptstadt geleiten, um den Toten in ihrem Privatanwesen aufzubahren. Nach Abschluß des Trauerzeremoniells sollen sie den Sarg in den Heimatort der Familie überführen. Das Amt für Opfergaben, Speisen und Bankette soll das Opfer für höhere Staatsbeamte gewähren. Jedem am Hof, vom Prinzen und Herzog an abwärts, ist es gestattet zu kondolieren. Dies ist Unser kaiserlicher Wille.“ | ||
| + | Dieses Dekret rief nicht nur bei den Djias größte Dankbarkeit hervor, auch die Hofbeamten zollten dem Herrscher nicht enden wollendes höchstes Lob. | ||
| + | Djia Dschën und sein Sohn kehrten dann in größter Eile in die Hauptstadt zurück. Dabei trafen sie auf halbem Wege mit Djia Biän und Djia Guang zusammen, die ihnen in Begleitung einiger Knechte pfeilschnell entgegengeritten kamen. Als sie Djia Dschëns ansichtig wurden, ließen sie sich vom Pferd gleiten und entboten ihren Gruß. Sofort fragte Djia Dschën, was sie hier machten. | ||
| + | „Die Schwägerin hatte Angst, die alte gnädige Frau würde ohne Begleitung sein, wenn Ihr zurückkommt, darum hat sie uns beide geschickt, um der alten gnädigen Frau das Geleit zu geben“, berichtete Djia Biän. | ||
| + | Djia Dschën lobte diese Entscheidung, dann fragte er, welche Schritte zu Hause unternommen worden seien. Also schilderte Djia Biän, wie Frau You die dauistischen Mönche eingesperrt hatte, wie sie den Leichnam in den Familientempel überführen ließ und wie sie, weil nun niemand mehr im Hause war, ihre Stiefmutter mit deren Töchtern in den Haupträumen einquartierte. | ||
| + | Als Djia Jung, der ebenfalls aus dem Sattel gestiegen war, hörte, seine beiden Stieftanten seien im Hause, warf er Djia Dschën einen lächelnden Blick zu. Djia Dschën aber sagte nur mehrmals: „Es ist gut so!“ Dann gab er seinem Pferd die Peitsche und ritt weiter. | ||
| + | Ohne in Gasthäusern einzukehren, zogen sie, ständig die Pferde wechselnd, Tag und Nacht wie im Flug weiter. Nachdem sie endlich vor den Toren der Hauptstadt waren, eilten sie als Erstes zum Kloster Eiserne Schwelle, wo sie nicht früher als in der vierten Nachtwache ankamen. Als die Wächter sie hörten, weckten sie rasch alle anderen. Inzwischen war Djia Dschën vom Pferd gestiegen und hatte mit Djia Jung zusammen laut zu jammern begonnen. Auf den Knien rutschten sie vom Tempeltor bis vor den Sarg, wo sie mit der Stirn den Boden berührten und blutige Tränen weinten. So gebärdeten sie sich, bis es hell wurde und ihre Kehlen heiser waren. | ||
| + | Nachdem sie von Frau You und den anderen begrüßt worden waren, zogen Vater und Sohn die Trauergewänder an, die das Ritual vorschreibt, und warfen sich noch einmal vor dem Sarg auf die Erde. Da aber noch vieles zu regeln war, konnte Djia Dschën nicht einfach Augen und Ohren dagegen verschließen und mußte notgedrungen seinen Kummer etwas zurückdrängen, um allen seine Anweisungen zu erteilen. Zuerst verkündete er den Verwandten und Freunden den Inhalt des kaiserlichen Dekrets, dann schickte er Djia Jung nach Hause, um ihn dort die Vorbereitungen für die Aufbahrung des Toten treffen zu lassen. | ||
| + | Danach bedurfte es keines weiteren Wortes, damit Djia Jung sich aufs Pferd schwang und flugs nach Hause ritt. Hier befahl er zunächst, man solle Tische und Stühle aus der vorderen Halle räumen, die Holzblenden entfernen und Trauervorhänge aufhängen, vor dem Tor einen offenen Stand für die Trommler sowie einen Ehrenbogen errichten und so weiter, dann eilte er in die inneren Gemächer, um seine Stiefgroßmutter und die beiden Stieftanten zu begrüßen. | ||
| + | Nun war die alte Frau You schon ziemlich bei Jahren und schlief deshalb gern und oft. So auch jetzt, als ihre beiden Töchter mit den Sklavenmädchen bei einer Handarbeit saßen. | ||
| + | Als die beiden Schwestern You ihren Stiefneffen hereinkommen sahen, sprachen sie ihm artig ihr Bedauern über den Kummer aus, den er hatte. Djia Jung aber wandte sich lachend an die zweite Schwester You und sagte: „Da bist du ja, Tante! Mein Vater hat schon Sehnsucht nach dir.“ | ||
| + | Errötend schimpfte die zweite Schwester You: „Wenn ich dich Bengel nicht alle paar Tage einmal schelte, scheinst du dich nicht wohl zu fühlen. Der Anstand geht dir immer mehr verloren. Dabei bist du ein junger Herr aus guter Familie, liest Tag für Tag Bücher und studierst das Ritual. Aber ein Lümmel aus einfacher Familie benimmt sich besser als du.“ Mit diesen Worten griff sie nach einem Bügeleisen, hielt Djia Jungs Kopf fest und machte Anstalten, ihn zu schlagen. | ||
| + | Schützend legte Djia Jung die Arme um den Kopf, ließ sich an die Brust der zweiten Schwester You fallen und bat um Gnade. Nun trat die dritte Schwester You näher, um ihm den Mund zu zerreißen, und sagte dabei: „Warte nur! Wenn deine Mutter wieder zu Hause ist, werden wir ihr alles erzählen!“ | ||
| + | Rasch kniete Djia Jung mit lächelnder Miene auf dem Ofenbett nieder und bat erneut um Vergebung. Als die beiden Schwestern darüber lachten, versuchte Djia Jung, der zweiten Schwester You etwas von den Kardamomsamen wegzunehmen, die sie in der Hand hielt, doch sie spuckte ihm einen Mundvoll ausgekauter Kerne mitten ins Gesicht. Er aber, nicht faul, leckte alles mit der Zunge ab und aß es auf. | ||
| + | Nun war es selbst den Sklavenmädchen zuviel, und lächelnd hielt eine von ihnen ihm vor: „Ihr seid in tiefer Trauer, dort schläft Eure Großmutter, und die beiden sind schließlich und endlich, auch wenn sie jung sind, Eure Tanten. Schämt Ihr Euch denn gar nicht bei dem Gedanken an Eure Mutter? Wenn der gnädige Herr wieder zu Hause ist, werden wir ihm alles erzählen, und dann geht es Euch schlecht!“ | ||
| + | Rasch ließ Djia Jung von den Schwestern You ab, umhalste das Sklavenmädchen, küßte es auf den Mund und sagte: „Du hast ja so recht, mein Herz, meine Leber! Komm, wir wollen den beiden den Mund wäßrig machen!“ | ||
| + | Sofort stieß ihn das Sklavenmädchen zurück und schimpfte wütend: „Kurzlebiger Teufel Ihr! Habt Ihr nicht Eure Frau und Eure eigenen Mägde, daß Ihr mit uns Euren Unfug treiben müßt? Wer Bescheid weiß, wird sagen, es ist nur Spaß, aber unter denen, die nicht Bescheid wissen, gibt es Leute genug, die ein schmutziges Herz und faulige Lungen haben und die ihre Nase in alles hineinstecken müssen, um dann müßig die Zunge zu wetzen. Durch deren Geschwätz ist drüben im andern Anwesen schon jedermann der Meinung, bei uns herrschten lose Sitten.“ | ||
| + | „Soll nur jeder hübsch vor der eigenen Tür kehren, dann hat er genug zu tun!“ erwiderte Djia Jung lächelnd. „Und hat man nicht sogar die Han- und die Tang-Dynastie „die dreckige Tang und die stinkende Han“ genannt? Warum soll man ausgerechnet uns ungehudelt lassen? Welche Familie hat denn nicht ihre Affären? Wollt ihr mich drängen, davon zu erzählen? So streng auch der alte gnädige Herr drüben ist, an seine jungen Nebenfrauen hat sich Onkel Liän trotzdem herangemacht, und so standhaft Onkel Liäns Frau auch ist, wollte Onkel Juee trotzdem mit ihr ins Bett. Mir kann man nichts vormachen.“ | ||
| + | Während er so seinem Mundwerk freien Lauf ließ und allen erdenklichen Unsinn von sich gab, sah er, daß die alte Frau You aus dem Schlaf erwachte. Also entbot er ihr seinen Gruß und fragte nach ihrem Befinden. Dann sagte er: „Es ist lieb von Euch, alte Ahne, daß Ihr Euch diese Mühe macht, und es ist lieb von den beiden Tanten, daß sie diese Last auf sich nehmen! Mein Vater und ich, wir sind Euch zu unendlichem Dank verpflichtet. Wenn die Sache erst vorüber ist, werden wir mit der ganzen Familie zu Euch ins Haus kommen und unsern Stirnaufschlag vor Euch machen.“ | ||
| + | Die alte Frau You nickte und sagte: „Was redest du da, mein Junge? Unter Verwandten muß das schon sein!“ Dann fragte sie: „Wie geht es deinem Vater? Wann habt ihr die Nachricht erhalten, und wann seid ihr zurückgekommen?“ | ||
| + | „Wir sind eben erst angekommen“, behauptete Djia Jung lächelnd. „Vater hat mich als Erstes hergeschickt, um nach Euch zu sehen und Euch zu bitten, unbedingt so lange hierzubleiben, bis alles erledigt ist.“ Dabei warf er der zweiten Schwester You einen heimlichen Blick zu. | ||
| + | Lächelnd murmelte die zweite Schwester You durch die Zähne: „Du glattzüngiger kleiner Affe! Meinst du, wir bleiben hier, um deinen Vater zu bemuttern?“ | ||
| + | „Keine Bange!“ sagte Djia Jung im Scherz, „mein Vater macht sich Tag für Tag Gedanken um die beiden Tanten, weil er zwei hübsche, junge, reiche und wohlerzogene Männer für sie finden möchte. All die Jahre hat er vergeblich gesucht, und jetzt auf dem Rückweg hat er einen gefunden.“ | ||
| + | „Aus welcher Familie stammt er?“ erkundigte sich die alte Frau You sofort, die ihm ohne weiteres glaubte. | ||
| + | Die beiden Schwestern aber legten ihre Handarbeiten beiseite, gingen lächelnd auf Djia Jung los, um ihn zu schlagen, und sagten dabei: „Glaubt nicht diesem Lügner, Mutter! Der Donner soll ihn erschlagen!“ | ||
| + | Auch die Sklavenmädchen bekräftigten: „Der Himmel hat Augen! Nehmt Euch vor dem Donner in acht!“ | ||
| + | Im selben Augenblick kamen Leute, um zu melden: „Es ist alles fertig, junger Herr! Kommt heraus und seht es Euch an, damit Ihr dem gnädigen Herrn darüber berichten könnt.“ | ||
| + | Lachend folgte ihnen Djia Jung nach draußen. | ||
| + | Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen. | ||
| − | + | == Anmerkungen == | |
| − | + | <references/> | |
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Revision as of 13:46, 12 April 2026
Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 62 · 63 · 64 · 65 · 66 · 67 · 68 · 69 · 70 · 71 · 81 · 91 · 101 · 111 · ← Inhalt
Kapitel 63
壽怡紅群芳開夜宴 / 死金丹獨艷理親喪
Zum Geburtstag im Yihong-Hof eroeffnen die Blumenschoenheiten ein naechtliches Festmahl; Beim Tod durch die Goldpille besorgt die einsame Schoenheit allein die Bestattung
Zu Bau-yüs Geburtstag feiern alle Blumen ein nächtliches Fest,bei Djia Djings Tod regelt eine einsame Schöne das Trauerzeremoniell.
Bau-yü kehrte also in seine Räume zurück, um sich die Hände zu waschen. Anschließend sagte er zu Hsi-jën: „Wenn wir heute Abend Wein trinken, wollen wir alle vergnügt sein, ohne uns Zwang anzutun! Und sag rechtzeitig Bescheid, was wir essen wollen, damit alles vorbereitet wird!“ „Sei unbesorgt!“ erwiderte Hsi-jën lächelnd. „Tjing-wën, Schë-yüä, Tjiu-wën und ich haben je fünf Tjiän Silber gespendet, das macht zusammen drei Liang und zwei Tjiän. Dieses Silber ist längst Schwägerin Liu ausgehändigt worden, damit sie vierzig Teller mit Zuspeisen für uns vorbereitet. Außerdem habe ich mit Ping-örl gesprochen, und wir haben einen großen Tonbehälter voll Schau-hsing-Wein[1] hergeschafft und hier versteckt. So richten wir dir zu acht den Geburtstag aus.“ Froh über das Gehörte, sagte Bau-yü: „Woher sollen die Mädchen das Geld nehmen? Du hättest nicht von ihnen verlangen dürfen, daß sie etwas geben!“ „Haben wir vielleicht Geld und sie nicht?“ mischte Tjing-wën sich ein. „Das Herz ist es, das zählt. Also laß dir den Freundschaftsbeweis gefallen, selbst wenn das Geld gestohlen ist!“ „Da hast du recht!“ pflichtete Bau-yü ihr bei. „Wenn sie dich nicht zweimal am Tag mit frechen Worten zum Narren hält, fehlt dir etwas“, bemerkte Hsi-jën lächelnd. „Du gehörst wohl auch zu denen, die stets das Feuer schüren müssen, wenn sie nur selbst in Sicherheit sind?“ erkundigte sich Tjing-wën. Alle lachten darüber, dann verlangte Bau-yü: „Macht das Hoftor zu!“ „Nicht umsonst nennt man dich den emsigen Nichtstuer“, rügte Hsi-jën lächelnd. „Wenn wir jetzt schon das Tor zumachen, wecken wir nur Verdacht. Wir müssen noch ein bißchen warten!“ Bau-yü nickte zustimmend und sagte: „Ich muß noch einmal hinaus. Sï-örl geht Wasser schöpfen, und Tschun-yän wird mich begleiten!“ Damit verließ er das Gehöft, und als sie allein waren, erkundigte er sich, wie es mit Wu-örl stehe. „Schwägerin Liu habe ich vorhin Bescheid gesagt, und sie hat sich selbstverständlich sehr gefreut“, berichtete Tschun-yän. „Aber Wu-örl hat sich über die Schmach, die man ihr neulich die Nacht über antat, so aufgeregt, daß sie vor Ärger wieder krank geworden ist, kaum daß sie nach Hause kam. So kann sie natürlich nicht zu uns kommen, und wir müssen uns gedulden, bis sie gesund ist.“ Bau-yü seufzte bedauernd, dann fragte er: „Weiß Hsi-jën davon?“ „Ich habe ihr nichts gesagt“, antwortete Tschun-yän. „Ob Fang-guan etwas erwähnt hat, weiß ich nicht.“ „Ich habe mit ihr noch nicht über Wu-örl gesprochen“, fuhr Bau-yü fort. „Aber egal, ich sage es ihr, und damit basta!“ Mit diesen Worten ging er wieder hinein und wusch sich drinnen demonstrativ die Hände. Inzwischen war es Zeit geworden, die Lampen anzuzünden. Da hörten sie plötzlich, wie ein ganzer Trupp Leute durchs Hoftor kam, also spähten sie durch die Fenster und erkannten Lin Dschï-hsiaus Frau mit mehreren verantwortlichen Sklavenfrauen, von denen die vorderste eine große Laterne trug. „Sie kommen die Nachtwachen kontrollieren“, sagte Tjing-wën leise und lächelte dabei. „Wenn sie wieder weg sind, können wir zumachen.“ Nun sahen sie, wie alle Nachtwächterinnen ihres Gehöfts hinaustraten, und als Lin Dschï-hsiaus Frau sich überzeugt hatte, daß keine fehlte, mahnte sie: „Spielt keine Glücksspiele, trinkt keinen Wein, und daß ihr mir nicht einfach in den hellen Tag hinein schlaft! Kommt mir so etwas zu Ohren, dann kenne ich kein Erbarmen!“ „Wer würde wohl wagen, so dreist zu sein!“ erwiderten die Nachtwächterinnen lächelnd. „Hat der junge Herr sich schlafen gelegt?“ fragte Lin Dschï-hsiaus Frau dann. Aber alle sagten, sie wüßten das nicht. Rasch gab Hsi-jën Bau-yü einen Stoß, so daß er in seine Schuhe schlüpfte und hinaustrat, um Lin Dschï-hsiaus Frau lächelnd zu antworten: „Ich schlafe noch nicht. Kommt nur herein und ruht Euch einen Augenblick aus!“ Und er befahl Hsi-jën, sie solle Tee eingießen. Sofort trat Lin Dschï-hsiaus Frau ins Haus und sagte lächelnd: „Ihr schlaft noch nicht? Die Tage sind jetzt lang und die Nächte kurz, da müßt Ihr früh schlafen gehen, damit Ihr auch früh aufstehen könnt. Wenn Ihr spät aufsteht, werden die Leute Euch auslachen und sagen, das ist kein junger Herr, der die Bücher studiert, sondern ein Lastträger.“ „Ihr habt ganz recht“, stimmte Bau-yü ihr eilfertig zu und lächelte dabei ebenfalls. „Sonst bin ich auch jeden Tag früh schlafen gegangen und habe es gar nicht gemerkt, wenn Ihr kamt. Aber heute, nach dem Nudelessen, fürchtete ich, eine Verstopfung zu bekommen, darum bin ich etwas länger aufgeblieben.“ „Da müßt ihr Pu-örl-Tee[2] aufbrühen!“ wandte sich Lin Dschï-hsiaus Frau lächelnd an Hsi-jën und die übrigen Sklavenmädchen. „Wir haben schon eine Kanne Tee aus Wu-tung-Blättern[3] gebrüht, und der junge Herr hat zwei Schälchen davon getrunken“, berichteten Hsi-jën und Tjing-wën sofort. „Probiert auch Ihr davon, Tante! Es ist noch welcher da.“ Und schon goß Tjing-wën eine Schale voll ein. „In der letzten Zeit ist mir aufgefallen, daß der junge Herr seine Ausdrucksweise verändert hat und auch die größeren von euch einfach beim Namen nennt“, nahm Lin Dschï-hsiaus Frau wieder lächelnd das Wort. „Obwohl ihr in seinen Räumen dient, gehört ihr doch zum Gefolge der alten gnädigen Frau, darum müßte er schon respektvoller sein. Wenn er sich nur gelegentlich einmal im Ausdruck vergreift, mag das noch angehen, aber wenn er euch ständig so anredet, werden seine Vettern und Neffen es ihm nachmachen und damit den Spott der Leute herausfordern, die sagen werden, in dieser Familie habe man keinen Respekt vor den Älteren.“ Wieder pflichtete Bau-yü ihr bei: „Ihr habt ganz recht, aber es geschieht wirklich nur gelegentlich.“ Auch Hsi-jën und Tjing-wën versicherten lächelnd: „Deswegen dürft Ihr dem jungen Herrn keinen Vorwurf machen. Er redet uns bis heute noch brav als ältere Schwestern an, nur im Scherz gebraucht er manchmal unsere Namen. Aber wenn jemand dabei ist, redet er uns nicht anders an als bisher.“ „So ist es recht, so benimmt sich jemand, der die Schriften studiert und mit den Riten vertraut ist“, lobte Lin Dschï-hsiaus Frau lächelnd. „Je zuvorkommender man ist, desto mehr wird man geachtet. Nicht nur Leute, die eigentlich in die Räume der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau gehören und deren Familien schon seit drei oder fünf Generationen hier dienen, darf man nicht leichtfertig kränken, für jedes Kätzchen oder Hündchen von dort gilt dasselbe. Das ist das rechte Benehmen für einen Sohn aus gutem Hause, der Erziehung genossen hat.“ Damit trank sie ihren Tee, dann verabschiedete sie sich: „Ich wünsche angenehme Ruhe! Wir gehen.“ Bau-yü forderte sie zwar noch zum Bleiben auf, aber schon ging sie an der Spitze ihres Gefolges hinaus, um auch noch die anderen Plätze zu kontrollieren. Rasch ließ jetzt Tjing-wën das Tor schließen, dann kam sie wieder herein und sagte lächelnd: „Die Frau muß irgendwo einen Schluck getrunken haben, daß sie uns hier die Ohren vollsabbelt und uns dabei noch Vorwürfe macht.“ „Aber sie meint es doch nur gut“, versuchte Schë-yüä lächelnd zu beschwichtigen. „Sie muß uns schon immer wieder ermahnen, damit wir nicht völlig außer Rand und Band geraten.“ Mit diesen Worten ging sie hinaus, um sich um den Wein und die Zukost zu kümmern. „Wir wollen uns nicht an den hohen Tisch setzen!“ schlug Hsi-jën vor. „Wir stellen den niedrigen runden Palisandertisch auf das Ofenbett und setzen uns alle herum! So haben wir es bequem und sind nicht eingeengt.“ Der Tisch wurde geholt, und dann begannen Schë-yüä und Sï-örl, die Zukost hereinzutragen. Mit zwei großen Servierbrettern mußten sie vier oder fünf Mal hin- und hergehen, ehe alles herbeigeschafft war. Im Vorraum kauerten zwei alte Sklavenfrauen am Kohlebecken und wärmten den Wein. „Bei dem heißen Wetter sollten wir alle die Überkleider ablegen“, sagte Bau-yü. „Zieh dich nur aus, wenn dir danach ist“, sagten die Mädchen. „Wir dagegen müssen erst noch den Vorschriften der Etikette Genüge tun.“ „Eure Etikette wird bis in die fünfte Nachtwache dauern, wenn ihr erst einmal damit anfangt“, sagte Bau-yü. „Was ich am meisten fürchte, sind diese profanen Förmlichkeiten. In Anwesenheit von Fremden kommt man freilich nicht drum herum, aber wenn ihr jetzt auch mich noch damit ärgern wollt, ist das nicht schön.“ „Ganz wie du willst!“ sagten alle, und anstatt sich hinzusetzen, gingen sie ihren Schmuck und einen Teil ihrer Kleider ablegen. Bald darauf trugen sie statt des normalen Kopfputzes nur einfache Haarknoten und waren nur mit langen Röcken und halblangen Jacken bekleidet. Bau-yü hatte nur noch eine kurze dunkelrote Baumwolljacke und eine einfach gefütterte Hose aus schwarzbedruckter grüner Seide an, deren Beine er nicht zugeschnürt hatte. Er stützte sich auf ein neues jadefarbenes Baumwollkissen, das mit Blütenblättern von Rosen und Päonien gefüllt war, und spielte mit Fang-guan Fingerknobeln. Auch Fang-guan hatte über die Hitze gestöhnt und trug jetzt nur noch eine dünn gefütterte kurze Jacke, die aus quadratischen Seidenstücken in dreierlei Farben – Jade, schwärzlich und braunrot – zusammengesetzt war, eine weidengrüne Leibbinde und eine dünn gefütterte rosa Hose mit Streublumenmuster, deren Beine sie ebenfalls nicht verschnürt hatte. Ihr Haar war zu einem Kranz dünner Zöpfchen geflochten, die auf dem Scheitel zu einem einzigen starken Zopf zusammenliefen, der so dick war wie ein Gänseei und am Hinterkopf herunterbaumelte. Im rechten Ohrläppchen trug sie nur einen Jadestöpsel, der nicht größer war als ein Reiskorn, am linken Ohr dagegen ein Gehänge mit einem goldgefaßten roten Stein, so groß wie eine Gingkonuß. Dadurch schien ihr Gesicht noch reiner als der Vollmond, und ihre Augen wirkten klarer als Herbstwasser. Lachend bemerkten die anderen: „Wie Zwillingsbrüder sehen die beiden aus.“ „Wartet noch mit dem Fingerknobeln!“ bat Hsi-jën, die inzwischen Wein eingegossen hatte. „Wenn wir schon auf die Etikette verzichten, muß dafür jeder einen Schluck aus dem Becher trinken, den ich ihm reiche.“ Damit hob sie ihren Becher an die Lippen und nahm einen Schluck. Dann ließ sie der Rangfolge nach einen nach dem anderen trinken, und danach erst setzten sie sich rund um den Tisch auf das Ofenbett. Nur Tschun-yän und Sï-örl, die dort keinen Platz fanden, stellten sich Stühle dicht an das Ofenbett. Die vierzig Teller mit der Zukost zum Wein waren einheitlich aus imitiertem weißen Ding-dschou-Porzellan[4] und nicht größer als kleine Teeteller. Sie enthielten alles erdenkliche Naschwerk aus sämtlichen Gegenden des Landes sowie aus dem Ausland, frisch und getrocknet, Produkte des Festlands ebenso wie solche aus dem Wasser. „Wir müssen ein Trinkspiel spielen!“ verlangte Bau-yü. „Es muß aber etwas Gesittetes sein“, mahnte Hsi-jën. „Wenn wir dabei schreien und lärmen, wird man uns hören. Außerdem können wir nicht schreiben und lesen, darum darf es nichts Literarisches sein.“ „Dann wollen wir würfeln!“ schlug Schë-yüä vor. „Das ist zu langweilig“, widersprach Bau-yü, „wir wollen lieber Blumenlotto spielen!“ „Au ja“, unterstützte ihn Tjing-wën, „das wollte ich schon immer einmal spielen.“ „Das Spiel ist zwar gut, aber wenn wir nur so ein paar Leute sind, macht es keinen Spaß“, gab Hsi-jën zu bedenken. „Ich finde, wir sollten in aller Stille noch Fräulein Bau-tschai und Fräulein Lin einladen. Wenn sie bis zur zweiten Nachtwache mit uns spielen, kommen sie noch immer früh genug ins Bett“, schlug Tschun-yän lächelnd vor. „Da müssen wir ja noch einmal unser Hoftor aufmachen, und dort müssen wir am Tor rufen“, wandte Hsi-jën ein. „Was ist, wenn wir auf die Wächterinnen stoßen?“ „Wovor hast du Angst?“ fragte Bau-yü. „Auch meine Schwester Tan-tschun trinkt gern Wein, wir sollten sie ebenfalls holen, genauso Fräulein Bau-tjin.“ „Fräulein Bau-tjin nicht“, protestierten die anderen, „sie wohnt bei der älteren jungen Herrin, da gibt es ein großes Hin und Her.“ „Was macht das schon! Beeilt euch und holt sie her!“sagte Bau-yü. Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, gingen Tschun-yän und Sï-örl hinaus und ließen sich das Tor öffnen. Dann trennten sich ihre Wege. „Wenn diese beiden die Einladung überbringen, werden Fräulein Bau-tschai und Fräulein Lin wohl nicht kommen“, orakelten Tjing-wën, Schë-yüä und Hsi-jën. „Da müssen wir schon gehen und sie auf Gedeih und Verderb herschleppen!“ Und rasch befahlen Hsi-jën und Tjing-wën einer alten Sklavin, eine Laterne anzuzünden, dann machten auch sie sich auf den Weg. Tatsächlich sagte Bau-tschai, es sei schon zu spät, während Dai-yü sich auf ihre schwache Gesundheit berief. Aber die beiden ließen nicht locker und baten immer wieder: „So gönnt uns doch ein wenig Ehre! Setzt Euch ein Weilchen zu uns, und dann geht Ihr wieder!“ Tan-tschun dagegen freute sich, als ihr die Einladung überbracht wurde, doch sie sagte sich, es wäre nicht schön, wenn man Li Wan nicht einladen würde und sie es vielleicht zu erfahren bekäme. Deshalb befahl sie Tsuee-mo, sie solle mit Tschun-yän zu ihr gehen, und vereint baten die beiden dann Li Wan und Bau-tjin ein um das andere Mal, die Gesellschaft komplett zu machen. Schließlich trafen alle nacheinander im Hof der Freude am Roten ein. Selbst Hsiang-ling wurde von Hsi-jën herbeigeschafft. Jetzt mußte noch ein zweiter Tisch aufs Ofenbett gestellt werden, ehe jeder einen Platz fand. „Kusine Lin friert leicht, sie soll sich lieber hier an die hölzerne Trennwand setzen!“ empfahl Bau-yü und schob ein Rückenpolster für sie zurecht. Hsi-jën und die anderen Sklavenmädchen stellten sich Stühle dicht an das Ofenbett. Dai-yü lehnte sich weit vom Tisch entfernt an ihr Polster, lächelte Bau-tschai, Li Wan und Tan-tschun zu und sagte: „Ihr haltet den Leuten stets vor, daß sie sich nachts heimlich treffen, um Wein zu trinken und Glücksspiele zu spielen. Jetzt aber treiben wir genau dasselbe. Da könnt ihr in Zukunft niemand mehr einen Vorwurf machen.“ Lächelnd erwiderte Li Wan: „Was sollte uns daran hindern? Wenn man nicht jede Nacht so zusammenkommt, sondern immer nur zu Geburts- und Feiertagen, dann ist auch nichts zu befürchten.“ Inzwischen brachte Tjing-wën schon den mit Schnitzereien verzierten Bambuszylinder, der die elfenbeinernen Spielsteine für das Blumenlotto enthielt. Nachdem sie den Behälter geschüttelt hatte, stellte sie ihn mitten auf das Ofenbett. Dann holte sie noch Würfel, tat sie in ein Kästchen und schüttelte sie. Als sie das Kästchen wieder aufmachte, zeigten sich fünf Augen. Sie zählte ab, und die Fünfte in der Tischrunde war Bau-tschai, die nun lächelnd sagte: „Ich ziehe als Erste, ich bin gespannt, was es ist!“ Damit schüttelte sie den Bambuszylinder, griff hinein und holte einen Spielstein heraus. Alle schauten ihn sich an und sahen, daß eine Päonienblüte darauf gemalt war. Darunter stand „Durch üppige Schönheit die Erste unter den Blumen.“ Und in kleineren Schriftzeichen war eine Zeile aus einem Tang-Gedicht eingekerbt: „Gefühllos zwar, und doch rührt sie den Menschen.“[5] Die Anweisung lautete: „Jeder leert seinen Becher. Da dies die Königin der Blumen ist, kann sie nach Belieben jemanden bestimmen, der ein Lied oder ein Gedicht vortragen muß, um die Stimmung zu heben.“ Als das verlesen war, hieß es: „Wie sich das trifft! Eine Päonienblüte paßt am besten zu dir.“ Und damit tranken sie ihr zu. Nachdem auch Bau-tschai getrunken hatte, ordnete sie lächelnd an: „Fang-guan soll uns ein Lied singen!“ „Gut, aber zuvor muß jeder noch einen Becher trinken, damit er besser zuhören kann“, verlangte Fang-guan. Als alle getrunken hatten, begann sie: „Welch schöner Platz, den Geburtstag zu feiern...“ „Halt!“ riefen alle dazwischen. „Du mußt ihm nicht noch einmal gratulieren, sing uns das schönste Lied, das du kennst!“ So blieb Fang-guan keine andere Wahl, und mit feiner Stimme sang sie: „Mit einem Besen aus Phönixfedern[6]
feg ich Blüten vor der Heiligen Tor. Schau nur, Jadestaub wirbelt im Winde. Doch selbst die Abendwolken, die hohen, steigen zu unserer Schwelle nicht auf. Sei auf der Hut vor dem Gelben Drachen, kehr auch nicht ein bei dem gastfreien Wirt, denk nur stets an die himmlischen Fluren! Ach, Dung-bin! Nicht für ewig am Tor möchte ich stehen, mich zu vertreten, bring jemand herbei!“
Während Bau-yü auf den Gesang hörte und Fang-guan ansah, hielt er den Spielstein in der Hand und wiederholte still für sich die Zeile „Gefühllos zwar, und doch rührt sie den Menschen.“ Dann aber nahm ihm Hsiang-yün den Stein weg und warf ihn Bau-tschai zu, die mit den Würfeln sechzehn Augen erzielte und beim Abzählen auf Tan-tschun kam. „Was werde ich wohl bekommen?“ sagte Tan-tschun lächelnd, griff in den Bambuszylinder und nahm einen Spielstein heraus. Aber kaum hatte sie ihn angesehen, warf sie ihn errötend auf den Boden und sagte lächelnd: „Das taugt nichts! Wozu spielen wir überhaupt dieses Spiel? Das könnnen die Männer draußen spielen, es steht lauter Unsinn darauf.“ Niemand verstand, was sie meinte, bis Hsi-jën den Spielstein rasch aufhob und alle sahen, daß ein Zweig Aprikosenblüten darauf abgebildet war, unter dem in roten Schriftzeichen geschrieben stand „Götterblüten vom himmlischen Jadeteich.“[7] Die Gedichtzeile war: „Die feurige Sonne schwebt über rosigen Blüten.“[8] Die Anweisung aber besagte: „Wer diesen Stein zieht, bekommt einen vornehmen Mann. Alle trinken ihr zu, um sie zu beglückwünschen, dann trinken alle zusammen einen weiteren Becher.“ „Das war alles?“ fragten die anderen lachend. „Aber es ist doch ein Spiel für Mädchen, und wenn auch zwei, drei Steine wie dieser dabei sind, ist doch nichts Anstößiges daran. Es gibt also keinen Hinderungsgrund. Eine kaiserliche Nebenfrau haben wir schon in der Familie, wirst du vielleicht die nächste sein? Herzlichen Glückwunsch! Herzlichen Glückwunsch!“ Alle tranken ihr zu, Tan-tschun aber wollte nicht mithalten, und so mußten ihr Hsiang-yün, Hsiang-ling und Li Wan den Wein mit Gewalt einflößen. Tan-tschun verlangte nach wie vor, das Spiel aufzugeben und ein anderes zu spielen, aber damit waren die übrigen durchaus nicht einverstanden. Deshalb griff Hsiang-yün nach Tan-tschuns Hand und zwang sie, die Würfel zu schütteln. Das Ergebnis waren neunzehn Augen, und das bedeutete, daß diesmal Li Wan an der Reihe war. Li Wan schüttelte also den Bambuszylinder und holte einen Spielstein heraus. Sie warf einen Blick darauf, dann sagte sie strahlend: „Ausgezeichnet! Schaut euch das nur an, das Ding ist gar nicht so verkehrt!“ Alle sahen sich den Spielstein an und fanden darauf den blühenden Ast eines alten Pflaumbaums und das Motto „Kalte Pracht am frostigen Morgen.“ Die Gedichtzeile hieß: „Strohhütte und Bambuszaun sind all ihr Begehren.“[9] Die Anweisung verlangte: „Allein einen Becher trinken, die nächste muß würfeln.“ „Das ist gut so“, sagte Li Wan lächelnd. „Würfelt ihr nur, was ihr wollt, während ich in Ruhe meinen Wein trinke!“ Mit diesen Worten griff sie nach ihrem Becher, während sie das Kästchen mit den Würfeln an Dai-yü weiterreichte. Dai-yü warf achtzehn Augen, was ergab, daß Hsiang-yün an die Reihe kam. Hsiang-yün schlug ihren Ärmel zurück, faßte in den Bambuszylinder und griff einen Spielstein heraus. Alle sahen ihn sich an und erblickten darauf einen blühenden Zierapfelzweig mit der Inschrift „Tief versunken in duftigen Schlaf.“ Die Gedichtzeile lautete: „Spät ist die Nacht, die Blüten schlafen wohl schon.“[10] „Statt ‚spät ist die Nacht‘ sollte es besser heißen ‚kalt ist der Stein‘“, sagte Dai-yü lächelnd. Alle begriffen, daß sie darauf anspielte, wie Hsiang-yün am Tage betrunken eingeschlafen war, und lachten. Hsiang-yün aber lachte ebenfalls, wies auf das mechanische Bootsmodell und sagte zu Dai-yü: „Du steig in das Boot und fahr nach Hause, anstatt Unsinn zu schwatzen!“ Auch darüber lachten die anderen nicht weniger. Dann lasen sie die Anweisung auf dem Spielstein: „Da es heißt, sie sei tief versunken in duftigen Schlaf, kann diejenige, die diesen Stein gezogen hat, nicht gut trinken. Statt dessen trinken die Nachbarn zur Rechten und Linken.“ „Buddha Amitabha, das ist ein guter Stein!“ sagte Hsiang-yün und klatschte vor Freude in die Hände. Ihre Nachbarn waren niemand anders als Dai-yü und Bau-yü. Man füllte ihnen die Becher, und sie mußten trinken. Bau-yü leerte seinen Becher jedoch nur zur Hälfte, dann reichte er ihn in einem unbeobachteten Augenblick Fang-guan, die ihn in einem Zug austrank. Dai-yü dagegen entleerte ihren Wein, während sie angeregt plauderte, in eine Mundspülschale. Als Hsiang-yün nun würfelte, warf sie neun Augen, und dadurch mußte als Nächste Schë-yüä einen Spielstein ziehen. Als sie ihn in der Hand hielt und alle darauf schauten, sahen sie einen blühenden Rosenzweig und die Inschrift „Schönheit in höchster Vollendung.“ Die Gedichtzeile lautete: „Die Rosenblüte bringt der Frühlingsblumen Ende.“[11] Die Anweisung verlangte: „Jeder Anwesende trinkt drei Becher, um den Frühling zu verabschieden.“ „Wie ist das zu verstehen?“ fragte Schë-yüä. Aber mit schmerzlich verzogenen Brauen verbarg Bau-yü den Spielstein und sagte nur: „Also trinken wir!“ Jeder trank drei Schlucke, um die geforderten drei Becher anzudeuten, dann würfelte Schë-yüä neunzehn Augen, und ausgezählt wurde Hsiang-ling. Hsiang-ling zog das Bild einer Doppelblüte an einem Stengel und das Motto „Gemeinsamer Frühling, glückliches Omen.“ Die Gedichtzeile dazu hieß: „Gemeinsamem Zweig sind die Blüten entsprossen.“[12] Die Anweisung besagte: „Von allen beglückwünscht, muß diejenige, die den Stein gezogen hat, drei Becher trinken, alle anderen trinken zur Gesellschaft einen Becher mit.“ Dann würfelte Hsiang-ling sechs Augen, und Dai-yü war an der Reihe. „Wird noch ein guter Stein für mich darunter sein?“ fragte sie sich im stillen, und mit diesem Gedanken faßte sie in den Bambuszylinder, griff einen Spielstein heraus und entdeckte darauf eine Hibiskusblüte mit dem Motto „Stummer Gram in Wind und Tau.“ Die zugehörige Gedichtzeile war: „Groll nicht dem Ostwind, beklag nur dich selbst.“[13] Die Anweisung schrieb vor: „Den eigenen Becher leeren, die Päonienblüte trinkt zur Gesellschaft mit.“ „Das paßt bestens!“ sagten alle mit lächelnder Miene. „Wer sonst entspräche der Hibiskusblüte?!“ Auch Dai-yü selbst lächelte froh und trank ihren Wein. Dann würfelte sie, und durch die zwanzig Augen, die sie warf, kam die Reihe diesmal an Hsi-jën. Hsi-jën zog einen Spielstein, und er zeigte einen blühenden Pfirsichzweig, dazu das Motto „Wu-ling – eine andere Welt.“[14] Als Gedichtzeile stand da: „Pfirsichblüten bringen eines neuen Jahres Lenz.“[15] Die Anweisung bestimmte: „Die Aprikosenblüte trinkt einen Becher zur Gesellschaft mit, desgleichen, wer von den Anwesenden im selben Jahr geboren ist, wer am selben Tag geboren ist und wer denselben Familiennamen trägt.“ „Jetzt wird es lebhaft und interessant“, sagten die anderen lächelnd. Dann stellten sie fest, daß Hsiang-ling, Tjing-wën und Bau-tschai im selben Jahr wie Hsi-jën geboren waren und Dai-yü am selben Tag, nur jemand mit demselben Familiennamen fanden sie nicht, bis Fang-guan erklärte: „Mein Familienname ist Hua, ich muß mittrinken.“ Als frischer Wein eingegossen war, wandte sich Dai-yü an Tan-tschun und forderte sie lächelnd auf: „Trink, Aprikosenblüte, wie es die Anweisung verlangt, du Braut eines vornehmen Mannes, damit auch wir trinken können!“ „Sei nicht so frech!“ wehrte Tan-tschun sich lächelnd. „Gib ihr eins auf den Mund, Schwägerin!“ „Sie bekommt schon keinen vornehmen Mann, und da soll ich sie noch schlagen? Das bringe ich nicht fertig“, sträubte Li Wan sich lächelnd und rief damit eine neue Lachsalve hervor. Eben wollte nun Hsi-jën würfeln, da hörten sie, daß am Tor jemand rief. Als die alten Sklavinnen rasch hinausgingen, um nachzufragen, erwies sich, daß Tante Hsüä eine Botin geschickt hatte, um Dai-yü abzuholen. „Wie spät ist es denn?“ fragten nun alle, und jemand gab Auskunft: „Die zweite Nachtwache ist vorüber, die Uhr hat elf geschlagen.“ Bau-yü wollte es nicht glauben und ließ sich seine Taschenuhr reichen, aber als er darauf schaute, wiesen die Zeiger schon auf zehn Minuten nach elf. „Ich kann auch nicht mehr“, erklärte Dai-yü und stand auf. „Wenn ich zu Hause bin, muß ich noch meine Medizin einnehmen.“ Während die meisten anderen nun ebenfalls sagten, es sei Zeit auseinanderzugehen, verlangten Hsi-jën und Bau-yü, sie sollten noch bleiben. Aber Li Wan und Bau-tschai erklärten: „Es ist schon gar zu spät, schon jetzt haben wir die üblichen Regeln durchbrochen.“ „Dann muß jede noch einen Becher zum Abschied trinken!“ forderte Hsi-jën. Und schon goß Tjing-wën noch einmal ein. Alle tranken, dann befahlen sie, die Laternen anzuzünden, und Hsi-jën begleitete die Gäste bis über das Wasser am Duftgetränkten Pavillon. Als sie zurückkam, ließ sie das Hoftor wieder verschließen, dann nahmen sie noch einmal das Trinkspiel auf. Zugleich füllte Hsi-jën einige große Becher mit Wein und stellte ein paar Teller mit Naschwerk zusammen, damit auch die alten Sklavenfrauen ihren Anteil bekamen. Schon zu drei Zehnteln betrunken, machten sie sich sodann ans Faustraten[16] und ließen jeden Verlierer ein Liedchen singen. Da die alten Frauen aber nicht nur tranken, was man ihnen gegeben hatte, sondern sich auch heimlich selbst versorgten, war der große tönerne Weinbehälter in der vierten Nachtwache leer. Alle waren zwar darüber verwundert, aber sie räumten auf, wuschen sich die Hände, spülten sich den Mund und gingen schlafen. Fang-guan hatte so viel getrunken, daß ihre Wangen glühten wie rot geschminkt, auch der Ausdruck ihrer Augen hatte an Liebreiz beträchtlich gewonnen. Unfähig, sich noch länger aufrecht zu halten, lehnte sie sich im Einschlafen an Hsi-jën und klagte nur noch: „Schwester, mein Herz klopft so wild!“ „Warum mußtest du auch so viel trinken, bis nichts mehr hineinging!“ sagte Hsi-jën und lächelte. Auch für Tschun-yän und Sï-örl war es zuviel gewesen war, so daß sie an Ort und Stelle vom Schlaf übermannt worden waren. Tjing-wën versuchte, sie wachzurufen, aber Bau-yü redete ihr zu: „Laß sie doch! Wir schlafen ein bißchen, so gut es eben geht!“ Damit legte er seinen Kopf auf das Kissen mit den Blütenblättern und streckte sich aus, und schon war auch er eingeschlafen. Hsi-jën hatte Angst, Fang-guan werde sich übergeben müssen, wenn man sie weckte, darum stand sie vorsichtig auf, bettete Fang-guan neben Bau-yü und ließ sie schlafen. Sie selbst ließ sich gegenüber auf die Ruhebank sinken. Dann schliefen alle in süßer Betäubung, ohne zu merken, was weiter geschah. Als Hsi-jën am nächsten Morgen die Augen aufschlug, sah sie, daß es schon heller Tag war. „Ist das aber spät!“ rief sie aus. Als sie nach dem Ofenbett blickte, lag Fang-guan mit dem Kopf dicht am Bettrand und schlief offenbar noch. Rasch stand Hsi-jën auf und rief sie an. Bau-yü, der ebenfalls wach wurde, drehte sich auf die andere Seite und fragte lächelnd: „So spät ist es schon?“ Dann stieß er Fang-guan an, damit sie aufstand. Fang-guan setzte sich im Bett auf und rieb sich verwundert die Augen. „Schämst du dich nicht?“ fragte Hsi-jën lächelnd. „So betrunken warst du, daß du dich einfach schlafen gelegt hast, ohne zu wissen, wo du bist.“ Jetzt erst sah Fang-guan sich um und entdeckte, daß sie mit Bau-yü auf demselben Bett geschlafen hatte. Lachend sprang sie auf den Boden und fragte: „Warum habe ich davon nichts gewußt?“ „Ich habe es auch nicht gewußt, sonst hätte ich dir das Gesicht mit schwarzer Tusche bemalt“, sagte Bau-yü lächelnd. Bei diesen Worten kamen die anderen Sklavenmädchen herein, um Bau-yü beim Waschen und Frisieren aufzuwarten. „Gestern bin ich euch zur Last gefallen, heute lade ich euch meinerseits ein“, sagte Bau-yü fröhlich. „Laß gut sein!“ wehrte Hsi-jën lächelnd ab, „wir können uns heute nicht noch einmal so aufführen, sonst gibt es Gerede.“ „Wovor hast du Angst?“ fragte Bau-yü. „Was sind schon zwei Mal? Aber wir müssen ganz schön trinken können, daß wir diesen Behälter leer gemacht haben. Schade nur, daß der Wein alle war, als es eben am schönsten war!“ „So war es genau richtig“, widersprach Hsi-jën lächelnd. „Wäre uns nicht auf dem Höhepunkt der Wein ausgegangen, wäre der Nachgeschmack heute ein anderer. Aber gestern waren alle so schön in Stimmung, selbst Tjing-wën hatte ihre Scheu überwunden. Ich kann mich erinnern, daß sie gesungen hat.“ „Und daß du selbst gesungen hast, hast du wohl vergessen, Schwester?“ fragte Sï-örl lächelnd. „Jeder am Tisch hat gesungen.“ Errötend schlugen alle die Hände vors Gesicht und lachten ohne Ende, bis plötzlich Ping-örl in den Raum trat und gutgelaunt sagte: „Ich bin extra gekommen, um allen, die gestern dabei waren, für heute eine Gegeneinladung auszusprechen. Es darf keiner fehlen.“ Rasch bot man ihr einen Platz an und goß ihr Tee ein. „Schade, daß sie gestern nacht nicht mit von der Partie gewesen ist“, bedauerte Tjing-wën. „Was habt ihr denn getrieben?“ erkundigte Ping-örl sich sofort. „Das können wir dir nicht erzählen“, nahm Hsi-jën das Wort, „aber es ist hoch hergegangen. Selbst die Feste, die die alte gnädige Frau und die gnädige Frau für uns alle gegeben haben, waren nichts gegen gestern nacht. Den ganzen Weinbehälter haben wir leer gemacht. Alle haben wir so getrunken, daß wir keine Hemmungen mehr hatten, und ehe man sich‘s versah, haben wir alle gesungen. Erst in der vierten Nachtwache haben wir uns endlich hingelegt, wie es gerade kam, und ein bißchen geschlafen.“ Lächelnd beschwerte sich Ping-örl: „Erst laßt ihr euch einfach den Wein von mir geben und ladet mich nicht einmal ein, und dann erzählt ihr mir noch, wie schön es war, um mich zu ärgern!“ „Heute gibt er uns ein Fest, bestimmt wirst du auch eingeladen. Wart es nur ab!“ tröstete Tjing-wën. „Wer ist ‚er‘? Zu wem sagst du ‚er‘?“ fragte Ping-örl lächelnd. Ebenfalls lächelnd, gab Tjing-wën ihr einen Klaps und sagte: „Mußt du so scharfe Ohren haben und alles so genau verstehen?“ „Ich habe noch etwas zu tun und muß jetzt gehen, deshalb kann ich mich vorerst nicht weiter mit dir befassen“, sagte Ping-örl. „Nachher schicke ich jemand, um euch zu holen. Und wenn auch nur eine fehlt, komme ich selbst und schlage euch die Tür ein.“ Bau-yü machte noch Anstalten, Ping-örl zurückzuhalten, aber schon war sie gegangen. Also frisierte und wusch er sich und trank dann Tee. Dabei fiel sein Blick auf ein Blatt Papier, das unter seinem Tuschereibstein klemmte. „Es ist nicht schön von euch, alle möglichen Zettel hier abzulegen“, tadelte er. „Was ist?“ fragten Hsi-jën und Tjing-wën sogleich. „Hat wieder einmal jemand etwas falsch gemacht?“ „Was klemmt da unter dem Tuschereibstein?“ fragte Bau-yü. „Bestimmt hat wieder eine von euch vergessen, ihr Stickmuster wegzulegen.“ Als Tjing-wën den Tuschereibstein eilig hochnahm und das Papier aufhob, erwies es sich als ein beschriebener Bogen. Sie reichte ihn Bau-yü, und er las: „Miau-yü, der Mensch außerhalb der Schwelle, verneigt sich ergeben, um aus der Ferne einen Geburtstagsgruß zu entbieten.“ Kaum hatte Bau-yü zu Ende gelesen, sprang er hastig auf und fragte: „Wer hat das entgegengenommen, ohne mir einen Ton zu sagen?“ Hsi-jën und Tjing-wën, die aus seinem Benehmen schlossen, daß es der Brief einer gewichtigen Persönlichkeit sein müsse, fragten ihrerseits: „Wer hat gestern einen Brief angenommen?“ Sofort kam Sï-örl hereingestürzt und berichtete lächelnd: „Miau-yü hat den Brief nicht selber gebracht, sondern ein Muttchen damit hergeschickt. Ich habe ihn dort hingelegt und ihn dann über dem Weintrinken vergessen.“ „Und wir dachten wunder von wem der Brief sei, daß du dich so darüber aufregst“, sagten die anderen. „Das ist er doch nicht wert.“ Nichtsdestotrotz befahl Bau-yü: „Holt mir schnell Papier!“ Als das Papier gebracht war, rieb er Tusche an, wußte aber nicht, womit er den Ausdruck „Mensch außerhalb der Schwelle“ in seinem Antwortschreiben passend erwidern sollte. Den Schreibpinsel in der Hand, brütete er lange vor sich hin, ohne daß ihm etwas eingefallen wäre. Dann sagte er sich: „Wenn ich Bau-tschai frage, wird sie mir vorhalten, ich sei wunderlich, darum ist es besser, ich frage Dai-yü!“ Mit diesem Gedanken schob er den Brief in den Ärmel und machte sich auf den Weg zu Dai-yü. Eben war er am Duftgetränkten Pavillon vorüber, da kam ihm schwankenden Schrittes[17] Hsiu-yän entgegen. „Wohin gehst du?“ erkundigte er sich. „Ich bin auf dem Weg zu Miau-yü, um mich mit ihr zu unterhalten“, erwiderte Hsiu-yän. Verwundert sagte Bau-yü: „Miau-yü ist eine Eigenbrötlerin, die sich nicht dem Zeitgeschmack fügt. Von zehntausend Menschen findet kein einziger Gnade in ihren Augen. Wenn du ihre Wertschätzung genießt, mußt du etwas anderes sein als wir profanen Leute.“ „Sie braucht mich nicht unbedingt wirklich zu schätzen“, sagte Hsiu-yän lächelnd. „Wir waren einfach zehn Jahre lang unmittelbare Nachbarn, als sie im Kloster des sich Kräuselnden Weihrauchs ihre Meditationsübungen trieb. Unsere Familie war nämlich arm und wohnte zehn Jahre lang in einem Haus zur Miete, das dem Kloster gehörte. Wenn ich nichts zu tun hatte, ging ich zu Miau-yü ins Kloster und leistete ihr Gesellschaft. Die Schriftzeichen, die ich beherrsche, hat sie mir beigebracht. Wir sind also nicht nur Freunde aus schlechten Zeiten, sie ist auch halb und halb meine Lehrerin. Als wir bei unsern Verwandten Zuflucht suchten, erfuhr ich, sie habe sich hierher gewandt, weil sie sich nicht dem Zeitgeschmack beugen wollte, was ihr von mächtigen Leuten verübelt wurde. Jetzt hat uns das Schicksal wieder zusammengeführt, und unsere Gefühle füreinander sind unverändert. Im Gegenteil, sie ist noch freundlicher zu mir als damals.“ Bau-yü war es bei diesen Worten, als ob ein Blitz aus heiterem Himmel ihn getroffen hätte, und er sagte: „Kein Wunder, daß du in deinem Betragen und deiner Ausdrucksweise so frei bist wie ein wilder Kranich oder eine ziehende Wolke. Das also ist der Grund! Aber ich war gerade unterwegs, um jemand in einer Sache um Rat zu fragen, die Miau-yü betrifft. Daß ich jetzt dich getroffen habe, muß wirklich eine Fügung des Himmels sein, und so will ich mich an dich wenden.“ Mit diesen Worten gab er Hsiu-yän den Glückwunschbrief zu lesen. „Sie kann aus ihrer Haut einfach nicht heraus!“ kommentierte Hsiu-yän mit einem Lächeln. „Diese Unbekümmertheit und Extravaganz sind ihr angeboren. Wo hätte man je gesehen, daß sich jemand in einem Glückwunsch mit seinem Pseudonym bezeichnet. So etwas nennt der Volksmund ‚Nicht Mönch und nicht Laie, weder Mann noch Frau.‘ Was soll das darstellen?“ „Du siehst das nicht richtig“, sagte Bau-yü rasch, „sie steht außerhalb solcher Kategorien. Sie ist ein Mensch, der für gewöhnliche Menschen unbegreiflich ist. Diesen Brief hat sie mir nur geschrieben, weil sie meint, daß ich nicht völlig unwissend sei. Ich weiß jedoch nicht, wie ich den Ausdruck erwidern soll, den sie gebraucht hat. Eben wollte ich Kusine Dai-yü danach fragen, da bin ich dir begegnet.“ Als Hsiu-yän dies gehört hatte, musterte sie Bau-yü aufmerksam von Kopf bis Fuß, dann sagte sie lächelnd: „Kein Wunder, wenn das Sprichwort sagt ‚Jemand von Angesicht zu kennen ist wichtiger, als um seinen Ruf zu wissen.‘ Kein Wunder auch, daß Miau-yü dir diesen Brief geschickt hat. Und kein Wunder schließlich, daß sie dir im vergangenen Jahr die blühenden Aprikosenzweige schenkte. Wenn sie schon so zu dir ist, muß ich dir erst recht erklären, was sie hier meint. Sie sagt oft, es gebe bei den Dichtern der Han- und der Djin-Zeit, der Zeit der Fünf Dynastien sowie der Tang- und der Sung-Zeit keine guten Verse mit Ausnahme von nur zwei Zeilen, nämlich: ‚Und hättest du eiserne Schwellen,[18]
ein Erdhügel ist schließlich dein Los.‘
Deshalb nennt sie sich den ‚Menschen außerhalb der Schwelle‘. Unter den Prosaschriftstellern schätzt sie Dschuang-dsï[19] und nennt sich deshalb manchmal auch den ‚Sonderling‘. Hätte sie sich in ihrem Brief als ‚der Sonderling‘ bezeichnet, dann hättest du ihr als ‚der Weltling‘ antworten können. Denn mit ‚Sonderling‘ will sie sagen, daß sie einsam außerhalb der Menge steht, da würde sie sich freuen, wenn du bescheiden von dir sagst, daß du im Getümmel der Welt stehst. Wenn sie sich jetzt den ‚Menschen außerhalb der Schwelle‘ genannt hat, will sie damit zum Ausdruck bringen, daß sie sich außerhalb dieser ‚eisernen Schwellen‘ bewegt, also nenn du dich nur den ‚Menschen innerhalb der Schwelle‘, dann triffst du ihren Sinn.“ „Ach so!“ rief Bau-yü aus, dem es wie Schuppen von den Augen gefallen war. Dann fuhr er lächelnd fort: „Kein Wunder, daß unser Familientempel ‚Kloster Eiserne Schwelle‘ heißt. Das also ist die Erklärung dafür. Jetzt aber will ich gehen und meine Antwort schreiben!“ Also ging Hsiu-yän weiter zum Kloster Gefangenes Grün, während Bau-yü in seine Räume zurückkehrte und dort auf einen Briefbogen die Zeichen schrieb: ‚Bau-yü, der Mensch innerhalb der Schwelle, verneigt sich ergebenst zum Dank.‘ Diesen Brief trug er eigenhändig zum Kloster Gefangenes Grün und schob ihn dort bescheiden durch den Spalt zwischen den Torflügeln. Als er von dort zurückkam, hatte sich Fang-guan eben frisiert und trug das Haar zu einem Knoten aufgesteckt, den sie mit Blumen und Federschmuck verziert hatte. Sofort befahl Bau-yü ihr, die Frisur zu ändern, und ließ ihr die kürzeren Haare rund um den Kopf abrasieren, so daß die bläulich schimmernde Kopfhaut zu sehen war. Das restliche Haar wurde durch einen deutlichen Mittelscheitel geteilt. „Im Winter“, kündigte er ihr an, „bekommst du eine große Zobelfellmütze, einen ‚Schlafenden Hasen‘, auf den Kopf und an die Füße Kampfstiefelchen mit Tigerkopfkappen und bunten Wolkenmustern. Oder aber du läßt die Hosenbeine lose und trägst weiße Strümpfe und dazu bortierte Schuhe mit dicken Sohlen.“ Dann sagte er: „Der Name Fang-guan gefällt mir nicht, du mußt einen männlichen Namen bekommen, das ist originell!“ Und er änderte ihren Namen in Hsiung-nu – „tapferer Sklave“. Fang-guan war damit sehr zufrieden. „Dann mußt du mich aber auch mitnehmen, wenn du ausreitest“, verlangte sie. „Und wenn jemand fragt, wer ich bin, sagst du, ich sei einer deiner Knaben, wie Ming-yän.“ „Aber man sieht dir doch an, was du bist“, wandte Bau-yü lächelnd ein. „Also du bist aber auch wirklich einfallslos“, sagte Fang-guan und lächelte ebenfalls. „Es leben doch genug Angehörige von Reiterstämmen mit ihren Familien hier bei uns. Du sagst einfach, ich sei einer von ihnen. Zumal alle sagen, ich sähe hübsch aus, wenn ich mir Zöpfe flechte. Ist das nicht eine gute Idee?“ „Das ist sogar ausgezeichnet!“ lobte Bau-yü hocherfreut. „Ich habe auch schon oft gesehen, daß Beamte ausländische Kriegsgefangene in ihrem Gefolge haben. Sie sind geschätzt, weil sie Wind und Frost nicht fürchten und gute Reiter sind. Aber dann mußt du auch einen enstprechenden Namen haben. Ich werde dich Yä-lü Hsiung-nu[20] nennen. Hsiung-nu klingt überhaupt genauso wie der Stammesname der Hsiung-nu, der Hunnen. Auch die Tjüan-jung-Barbaren trugen solche Namen. Diese beiden Stämme waren schon zu Zeiten von Yau und Schun[21] eine Bedrohung für China, besonders unter der Djin- und der Tang-Dynastie hat unser Land schwer unter ihnen gelitten. Wir dagegen sind so glücklich, in der Zeit des heute regierenden Kaisers zu leben, der ein direkter Nachfahre des Großen Schun ist. Seine Tüchtigkeit, Tugend, Menschlichkeit und Sohnesliebe erstrahlen bis zum Himmel, und seine Herrschaft ist unvergänglich wie Himmel und Erde, Sonne und Mond. Deshalb braucht man heute nicht mit Schild und Lanze gegen die Bösewichter zu ziehen, die sich unter so vielen Dynastien aufrührerisch und zügellos gebärdet haben, sie kommen vielmehr auf Geheiß des Himmels mit erhobenen Händen und gesenktem Kopf aus der Ferne herbei, um sich zu unterwerfen. Es ist nur zu richtig, sie zu demütigen, um den Ruhm unseres Herrschers zu mehren.“ „Da solltest du dich im Bogenschießen und Reiten üben und ein wenig die Kriegskunst studieren, um dann mutig auszuziehen und ein paar Aufrührer zu fangen“, hielt ihm Fang-guan lächelnd entgegen. „Könntest du damit nicht deine Untertanentreue und deine Einsatzbereitschaft unter Beweis stellen? Warum mußt du dich statt dessen unserer bedienen und dabei großartig den Mund aufreißen, obwohl es nur Spiel und Belustigung für dich ist, wenn du auch sagst, du wolltest damit die Verdienste und die Tugenden des Herrschers preisen?“ „Du verstehst das eben nicht“, belehrte Bau-yü sie lächelnd. „Heute sind die Anwohner der Vier Meere gehorsam, und in allen acht Richtungen herrscht Frieden, für Jahrhunderte und Jahrtausende können die Waffen schweigen. Deshalb müssen wir den Herrscher preisen, auch wenn es nur bei Scherz und Spiel ist, um so zu zeigen, daß wir es zu würdigen wissen, wenn wir den Frieden billig genießen dürfen.“ Fang-guan fand es vernünftig, was er gesagt hatte, und da sie es beide für richtig und angemessen hielten, nannte Bau-yü sie nun Yä-lü Hsiung-nu. Dabei gab es in den beiden Anwesen der Djias wirklich Leute, die seinerzeit von Bau-yüs Vorfahren in Gefangenschaft genommen und ihnen deshalb als Sklaven geschenkt worden waren. Aber sie wurden nur als Pferdeknechte gebraucht, weiter waren sie zu nichts nütze. Als Hsiang-yün, die selbst eine starke Vorliebe für törichte Spiele hatte und sich gern militärisch herausstaffierte, indem sie einen Phönixgürtel anlegte und umgeschlagene Manschetten trug, jetzt sah, wie Fang-guan von Bau-yü als Junge gekleidet wurde, zog sie ihre Kuee-guan ebenfalls wie einen Sklavenjungen an. Da Kuee-guan ihr Haar ohnehin kurz getragen hatte, weil sie so während ihrer Schauspielerzeit leichter Maske machen konnte, und überdies sehr behende war, fiel die Verwandlung nicht schwer. Selbst Li Wan und Tan-tschun fanden Gefallen an der Sache und veranlaßten Bau-tjin, daß sie aus ihrer Dou-guan ebenfalls einen Knaben machte. Mit zwei Haarknoten auf dem Kopf, in einer kurzen Jacke und mit roten Schuhen fehlte ihr nur die Schminke im Gesicht, um wie ein Dienerknabe auf der Bühne auszusehen, der seinem Herrn die Zither nachträgt. Kuee-guans Namen änderte Hsiang-yün in Da-ying – „großer Held“ –, und da ihr Familienname Wee lautete, gab sie sich mit keiner anderen Anrede als Wee Da-ying – „Nur ein großer Held“ – für sie zufrieden, wobei sie an die Zeile dachte: „Nur ein großer Held vermag der eignen Farbe treu zu bleiben.“ Muß man denn zu Schminke und Puder greifen, um als Mann zu gelten? wollte sie damit sagen. Dou-guan trug ihren Namen, weil sie nach Wuchs und Jahren noch sehr klein und dabei quicklebendig war. Im Garten wurde sie A-dou oder Miau-dou-dsï – „die niedliche Erbse“ – gerufen. Da Bau-tjin fand, solche Namen wie Tjin-tung – „Zitherknabe“ – und Schu-tung – „Bücherknabe“ – seien zu geläufig, Dou – „Erbse“ – dagegen sei etwas Originelles, änderte sie den Namen in Dou-tung – „Erbsenknabe“. Nach dem Essen gab Ping-örl ihr Dankgelage, und da es ihr im Garten der Roten Düfte zu heiß war, hatte sie in der Halle im Ulmenschatten die Tische decken lassen. Zur allgemeinen Freude brachte Frau You die beiden Nebenfrauen Pee-fëng und Hsiä-yüan mit, um sie am Vergnügen teilhaben zu lassen. Beide waren sie jung und lieblich-unbekümmert und kamen nur selten ins Jung-guo-Anwesen herüber. Als sie heute in den Garten kamen und hier mit Hsiang-yün, Hsiang-ling, Fang-guan, Juee-guan und all den anderen zusammentrafen, konnte man wirklich sagen „Gleich und gleich gesellt sich gern.“ Da war des Lachens und Schwatzens kein Ende, und anstatt sich um Frau You zu kümmern, überließen sie dies den Sklavenmädchen, während sie selbst sich mit den anderen die Zeit vertrieben. Als sie dabei auch in den Hof der Freude am Roten kamen, hörten sie, wie Bau-yü nach Yä-lü Hsiung-nu rief. Darüber brachen Pee-fëng, Hsiä-yüan und Hsiang-ling in Lachen aus, fragten, was das für eine Sprache sei, und versuchten anschließend, den Namen nachzusprechen. Aber mal verhedderten sie sich dabei, mal vergaßen sie eine Silbe davon, und das trieben sie so lange, bis sie schließlich Yä-lü-dsï – „Wildesel“ – daraus gemacht hatten, worüber sich jedermann, der es hörte, vor Lachen ausschütten wollte. Als Bau-yü sah, wie alle ihren Scherz damit trieben, befürchtete er, Fang-guan würde sich dadurch erniedrigt fühlen, deshalb sagte er rasch: „Wie ich gehört habe, gibt es westlich des Ozeans, in Frankreich, ein Glas mit gol- goldenen Sternchen darin. Dieses Goldsternglas wird in der einheimischen Barbarensprache Venturina[22] genannt. Was meinst du, wollen wir daraus einen Vergleich ableiten und dich in Venturina umbenennen?“ „Einverstanden!“ sagte Fang-guan, der dies noch besser gefiel, und damit war ihr Name erneut geändert. Die anderen aber, denen das Wort zu zungenbrecherisch war, übersetzten es sich ins Chinesische und nannten sie Bo-li – „Glas“. Doch genug jetzt der müßigen Worte, besser sollte davon erzählt werden, wie man sich in der Halle im Ulmenschatten bei dem, was sich ein Weingelage nennt, vergnügte. Eine Geschichtenerzählerin mußte die Trommel schlagen, und die zwanzig Tischgäste ließen dabei eine Päonienblüte von Hand zu Hand gehen, die Ping-örl gepflückt hatte. Das war ihr Trinkspiel. Als sie sich damit einige Zeit unterhalten hatten, wurde gemeldet: „Es sind zwei Frauen aus dem Hause der Dschëns mit Geschenken da.“ Während Tan-tschun mit Li Wan und Frau You in die „Palaverhalle“ ging, um die Botinnen zu empfangen, verließ der Rest der Gesellschaft die Tafel, um sich ein wenig die Beine zu vertreten. Pee-fëng und Hsiä-yüan wollten auf der Schaukel schwingen, und Bau-yü erbot sich: „Stellt euch beide darauf, ich schiebe euch an!“ „Nicht doch!“ lehnte Pee-fëng erschrocken ab, „willst du uns Ärger bereiten? Sag lieber deinem Wildesel, sie soll uns anschieben!“ „Laß doch bitte diesen Scherz, liebe Schwester!“ bat Bau-yü sofort. „Wenn die andern das hören, werden sie es euch nachmachen und ihren Schimpf mit ihr treiben.“ Hsiä-yüan aber warnte: „Wie willst du schaukeln, wenn du so lachst? Wenn du herunterfällst, zerbrichst du, und das Eigelb läuft aus!“ Nun ging Pee-fëng auf sie los, um sie zu schlagen, und der Spaß und das Lachen wollten nicht enden. Plötzlich aber stürzten Hals über Kopf ein paar Leute aus dem Ning-guo-Anwesen herbei und meldeten: „Der alte gnädige Herr ist in den Himmel eingegangen.“ Alle fuhren erschrocken zusammen und fragten bestürzt: „Wie kann er plötzlich tot sein, wo er doch eben noch gesund war?“ „Der alte gnädige Herr hat Tag für Tag Elixiere gebraut, seine Bemühungen werden sicher Erfolg gehabt haben, so daß er ist unter die Unsterblichen entrückt ist“, antworteten die Leute vom Gesinde. Als Frau You die Nachricht erfuhr, geriet sie unwillkürlich in Verwirrung, waren doch weder Djia Dschën und ihr Sohn noch Djia Liän zu Hause, so daß vorübergehend kein einziger Mann da war, auf den sie sich hätte stützen können. Deshalb konnte sie nichts anderes tun, als rasch ihren Schmuck abzulegen und sofort jemanden ins Kloster der Dunklen Wahrheit zu schicken, um dort alle Mönche einzusperren, bis ihr Mann wieder da war, um sie zu verhören. Dann bestieg sie eilig einen Wagen und begab sich mit Lai Schëngs Frau und anderen alten Verwalterinnen vor die Stadt. Zugleich ließ sie Ärzte kommen, um feststellen zu lassen, woran Djia Djing gestorben war. Aber wie sollten sie eine Pulsdiagnose stellen, wenn der Patient schon tot war?! Sie wußten jedoch, daß die Atemübungen, die er getrieben hatte, Unfug waren, und daß er in seinem Irrglauben so weit gegangen war, die Sterne anzubeten, Nachtwachen zu halten und Zinnoberpräparate einzunehmen, was seinen Körper und seinen Geist überanstrengen und endlich zum Tode führen mußte. Obwohl er tot war, fühlte sich seine Bauchdecke hart wie Eisen an, sein Gesicht aber, und besonders die Lippen, waren von rotvioletter Färbung, gekräuselt und gesprungen. Also verkündeten sie den Verwalterfrauen: „Er ist gestorben, weil er sich mit seinen dauistischen Wunderdrogen die Eingeweide verbrannt hat.“ Hastig berichteten auch die Dauisten: „Der gnädige Herr hat sich mit einem Elixier umgebracht, das er nach einem Geheimrezept neu zusammengestellt hatte. Wir warnten ihn davor, es einzunehmen, solange er nicht durch Taten und Tugend zur Genüge darauf vorbereitet sei, wider Erwarten hat er jedoch heute nacht heimlich davon genommen, während er seine Nachtwache hielt, und ist unter die Unsterblichen aufgestiegen. Wahrscheinlich hat er auf Grund seiner aufrichtigen Ergebenheit den rechten Weg erlangt und ist so dem Meer des Kummers entronnen, hat seine irdische Hülle abgestreift und kann jetzt selbst über sich gebieten.“ Frau You ging nicht darauf ein und befahl, man solle die Mönche so lange hinter Schloß und Riegel halten, bis Djia Dschën sie wieder freilassen würde. Dann schickte sie Eilboten mit der Nachricht auf den Weg. Da es im Kloster der Dunklen Wahrheit zu eng war, um den Toten aufzubahren, und der Leichnam genausowenig in die Stadt gebracht werden konnte, ließ sie ihn eiligst einkleiden und dann in einer Sänfte in das Kloster Eiserne Schwelle tragen, um ihn dort aufzubahren. An den Fingern zählte sie ab, daß es bis zur Rückkehr von Djia Dschën mindestens einen halben Monat dauern würde, und da das Wetter schon sengend heiß war, so daß man unmöglich so lange warten konnte, traf sie von sich aus die Entscheidung, durch einen Astrologen einen Tag auswählen zu lassen, um den Toten einzusargen. Der Sarg war schon seit Jahren vorbereitet gewesen und hatte im Kloster Eiserne Schwelle bereitgestanden, was sich als sehr praktisch erwies. Drei Tage später sollte die Trauerzeit beginnen. Gleichzeitig ließ sie, während noch auf Djia Dschën gewartet wurde, durch buddhistische und dauistische Mönche die Totenmessen lesen. Im Jung-guo-Anwesen konnte Hsi-fëng ihre Räume nicht verlassen, Li Wan mußte sich um die Mädchen kümmern, und Bau-yü hatte von praktischen Dingen keine Ahnung. So mußten alle Angelegenheiten der äußeren Haushaltsführung vorübergehend zweitrangigen Verwaltern übertragen werden. Auch Djia Biän, Djia Guang, Djia Hung, Djia Ying, Djia Tschang und Djia Ling bekamen jeder seine Aufgaben. Da Frau You nicht nach Hause zurückkehren konnte, ließ sie ihre Stiefmutter holen und bat sie, einstweilen im Ning-guo-Anwesen dem Haushalt vorzustehen. Die Stiefmutter aber gab sich erst zufrieden, als sie auch ihre beiden unverheirateten Töchter mitbringen durfte. Als Djia Dschën die Trauerbotschaft empfangen hatte, bat er sofort um Urlaub, denn er sowohl wie Djia Jung hatten jeder sein Amt. Nun wußten die Beamten des Zeremonialministeriums zwar, welch große Bedeutung der regierende Kaiser den Prinzipien der Kindes- und der Bruderliebe beimaß, aber sie wagten nicht, eine eigenmächtige Entscheidung zu treffen, und baten deshalb in einem Thronbericht um Befehle. Der Himmelssohn in seiner unübertroffenen Menschlichkeit und Sohnesliebe, der die Nachkommen verdienter Beamter stets mit größter Wertschätzung bedachte, erkundigte sich nach der Lektüre des Thronberichts sogleich, welchen Posten Djia Djing bekleidet habe. Das Zeremonialministerium antwortete, Djia Djing habe die Staatsprüfungen als Djin-schï bestanden, der Titel seiner Vorfahren aber sei bereits seinem Sohn Djia Dschën übertragen worden. Auf Grund seines fortgeschrittenen Alters und seiner zahlreichen Gebrechen habe sich Djia Djing außerhalb der Hauptstadt im Kloster der Dunklen Wahrheit der Ruhe hingegeben, wo er jetzt einer Krankheit erlegen sei. Sein Sohn Dschën und sein Enkel Jung befänden sich im Trauerzug anläßlich des Staatsbegräbnisses und bäten jetzt um Urlaub, um an Djia Djings Sarg eilen zu können. Gleich nachdem er dies erfahren hatte, ließ der Himmelssohn ein außerordentliches Gnadendekret ergehen, in dem es hieß: „Obschon Djia Djing kein Amt bekleidete und somit vor dem Staat keinerlei Verdienste hat, wird er in Ansehung der Meriten seines Großvaters postum mit der fünften Rangklasse ausgezeichnet. Sein Sohn und sein Enkel sollen seinen Sarg durch das untere Nordtor in die Hauptstadt geleiten, um den Toten in ihrem Privatanwesen aufzubahren. Nach Abschluß des Trauerzeremoniells sollen sie den Sarg in den Heimatort der Familie überführen. Das Amt für Opfergaben, Speisen und Bankette soll das Opfer für höhere Staatsbeamte gewähren. Jedem am Hof, vom Prinzen und Herzog an abwärts, ist es gestattet zu kondolieren. Dies ist Unser kaiserlicher Wille.“ Dieses Dekret rief nicht nur bei den Djias größte Dankbarkeit hervor, auch die Hofbeamten zollten dem Herrscher nicht enden wollendes höchstes Lob. Djia Dschën und sein Sohn kehrten dann in größter Eile in die Hauptstadt zurück. Dabei trafen sie auf halbem Wege mit Djia Biän und Djia Guang zusammen, die ihnen in Begleitung einiger Knechte pfeilschnell entgegengeritten kamen. Als sie Djia Dschëns ansichtig wurden, ließen sie sich vom Pferd gleiten und entboten ihren Gruß. Sofort fragte Djia Dschën, was sie hier machten. „Die Schwägerin hatte Angst, die alte gnädige Frau würde ohne Begleitung sein, wenn Ihr zurückkommt, darum hat sie uns beide geschickt, um der alten gnädigen Frau das Geleit zu geben“, berichtete Djia Biän. Djia Dschën lobte diese Entscheidung, dann fragte er, welche Schritte zu Hause unternommen worden seien. Also schilderte Djia Biän, wie Frau You die dauistischen Mönche eingesperrt hatte, wie sie den Leichnam in den Familientempel überführen ließ und wie sie, weil nun niemand mehr im Hause war, ihre Stiefmutter mit deren Töchtern in den Haupträumen einquartierte. Als Djia Jung, der ebenfalls aus dem Sattel gestiegen war, hörte, seine beiden Stieftanten seien im Hause, warf er Djia Dschën einen lächelnden Blick zu. Djia Dschën aber sagte nur mehrmals: „Es ist gut so!“ Dann gab er seinem Pferd die Peitsche und ritt weiter. Ohne in Gasthäusern einzukehren, zogen sie, ständig die Pferde wechselnd, Tag und Nacht wie im Flug weiter. Nachdem sie endlich vor den Toren der Hauptstadt waren, eilten sie als Erstes zum Kloster Eiserne Schwelle, wo sie nicht früher als in der vierten Nachtwache ankamen. Als die Wächter sie hörten, weckten sie rasch alle anderen. Inzwischen war Djia Dschën vom Pferd gestiegen und hatte mit Djia Jung zusammen laut zu jammern begonnen. Auf den Knien rutschten sie vom Tempeltor bis vor den Sarg, wo sie mit der Stirn den Boden berührten und blutige Tränen weinten. So gebärdeten sie sich, bis es hell wurde und ihre Kehlen heiser waren. Nachdem sie von Frau You und den anderen begrüßt worden waren, zogen Vater und Sohn die Trauergewänder an, die das Ritual vorschreibt, und warfen sich noch einmal vor dem Sarg auf die Erde. Da aber noch vieles zu regeln war, konnte Djia Dschën nicht einfach Augen und Ohren dagegen verschließen und mußte notgedrungen seinen Kummer etwas zurückdrängen, um allen seine Anweisungen zu erteilen. Zuerst verkündete er den Verwandten und Freunden den Inhalt des kaiserlichen Dekrets, dann schickte er Djia Jung nach Hause, um ihn dort die Vorbereitungen für die Aufbahrung des Toten treffen zu lassen. Danach bedurfte es keines weiteren Wortes, damit Djia Jung sich aufs Pferd schwang und flugs nach Hause ritt. Hier befahl er zunächst, man solle Tische und Stühle aus der vorderen Halle räumen, die Holzblenden entfernen und Trauervorhänge aufhängen, vor dem Tor einen offenen Stand für die Trommler sowie einen Ehrenbogen errichten und so weiter, dann eilte er in die inneren Gemächer, um seine Stiefgroßmutter und die beiden Stieftanten zu begrüßen. Nun war die alte Frau You schon ziemlich bei Jahren und schlief deshalb gern und oft. So auch jetzt, als ihre beiden Töchter mit den Sklavenmädchen bei einer Handarbeit saßen. Als die beiden Schwestern You ihren Stiefneffen hereinkommen sahen, sprachen sie ihm artig ihr Bedauern über den Kummer aus, den er hatte. Djia Jung aber wandte sich lachend an die zweite Schwester You und sagte: „Da bist du ja, Tante! Mein Vater hat schon Sehnsucht nach dir.“ Errötend schimpfte die zweite Schwester You: „Wenn ich dich Bengel nicht alle paar Tage einmal schelte, scheinst du dich nicht wohl zu fühlen. Der Anstand geht dir immer mehr verloren. Dabei bist du ein junger Herr aus guter Familie, liest Tag für Tag Bücher und studierst das Ritual. Aber ein Lümmel aus einfacher Familie benimmt sich besser als du.“ Mit diesen Worten griff sie nach einem Bügeleisen, hielt Djia Jungs Kopf fest und machte Anstalten, ihn zu schlagen. Schützend legte Djia Jung die Arme um den Kopf, ließ sich an die Brust der zweiten Schwester You fallen und bat um Gnade. Nun trat die dritte Schwester You näher, um ihm den Mund zu zerreißen, und sagte dabei: „Warte nur! Wenn deine Mutter wieder zu Hause ist, werden wir ihr alles erzählen!“ Rasch kniete Djia Jung mit lächelnder Miene auf dem Ofenbett nieder und bat erneut um Vergebung. Als die beiden Schwestern darüber lachten, versuchte Djia Jung, der zweiten Schwester You etwas von den Kardamomsamen wegzunehmen, die sie in der Hand hielt, doch sie spuckte ihm einen Mundvoll ausgekauter Kerne mitten ins Gesicht. Er aber, nicht faul, leckte alles mit der Zunge ab und aß es auf. Nun war es selbst den Sklavenmädchen zuviel, und lächelnd hielt eine von ihnen ihm vor: „Ihr seid in tiefer Trauer, dort schläft Eure Großmutter, und die beiden sind schließlich und endlich, auch wenn sie jung sind, Eure Tanten. Schämt Ihr Euch denn gar nicht bei dem Gedanken an Eure Mutter? Wenn der gnädige Herr wieder zu Hause ist, werden wir ihm alles erzählen, und dann geht es Euch schlecht!“ Rasch ließ Djia Jung von den Schwestern You ab, umhalste das Sklavenmädchen, küßte es auf den Mund und sagte: „Du hast ja so recht, mein Herz, meine Leber! Komm, wir wollen den beiden den Mund wäßrig machen!“ Sofort stieß ihn das Sklavenmädchen zurück und schimpfte wütend: „Kurzlebiger Teufel Ihr! Habt Ihr nicht Eure Frau und Eure eigenen Mägde, daß Ihr mit uns Euren Unfug treiben müßt? Wer Bescheid weiß, wird sagen, es ist nur Spaß, aber unter denen, die nicht Bescheid wissen, gibt es Leute genug, die ein schmutziges Herz und faulige Lungen haben und die ihre Nase in alles hineinstecken müssen, um dann müßig die Zunge zu wetzen. Durch deren Geschwätz ist drüben im andern Anwesen schon jedermann der Meinung, bei uns herrschten lose Sitten.“ „Soll nur jeder hübsch vor der eigenen Tür kehren, dann hat er genug zu tun!“ erwiderte Djia Jung lächelnd. „Und hat man nicht sogar die Han- und die Tang-Dynastie „die dreckige Tang und die stinkende Han“ genannt? Warum soll man ausgerechnet uns ungehudelt lassen? Welche Familie hat denn nicht ihre Affären? Wollt ihr mich drängen, davon zu erzählen? So streng auch der alte gnädige Herr drüben ist, an seine jungen Nebenfrauen hat sich Onkel Liän trotzdem herangemacht, und so standhaft Onkel Liäns Frau auch ist, wollte Onkel Juee trotzdem mit ihr ins Bett. Mir kann man nichts vormachen.“ Während er so seinem Mundwerk freien Lauf ließ und allen erdenklichen Unsinn von sich gab, sah er, daß die alte Frau You aus dem Schlaf erwachte. Also entbot er ihr seinen Gruß und fragte nach ihrem Befinden. Dann sagte er: „Es ist lieb von Euch, alte Ahne, daß Ihr Euch diese Mühe macht, und es ist lieb von den beiden Tanten, daß sie diese Last auf sich nehmen! Mein Vater und ich, wir sind Euch zu unendlichem Dank verpflichtet. Wenn die Sache erst vorüber ist, werden wir mit der ganzen Familie zu Euch ins Haus kommen und unsern Stirnaufschlag vor Euch machen.“ Die alte Frau You nickte und sagte: „Was redest du da, mein Junge? Unter Verwandten muß das schon sein!“ Dann fragte sie: „Wie geht es deinem Vater? Wann habt ihr die Nachricht erhalten, und wann seid ihr zurückgekommen?“ „Wir sind eben erst angekommen“, behauptete Djia Jung lächelnd. „Vater hat mich als Erstes hergeschickt, um nach Euch zu sehen und Euch zu bitten, unbedingt so lange hierzubleiben, bis alles erledigt ist.“ Dabei warf er der zweiten Schwester You einen heimlichen Blick zu. Lächelnd murmelte die zweite Schwester You durch die Zähne: „Du glattzüngiger kleiner Affe! Meinst du, wir bleiben hier, um deinen Vater zu bemuttern?“ „Keine Bange!“ sagte Djia Jung im Scherz, „mein Vater macht sich Tag für Tag Gedanken um die beiden Tanten, weil er zwei hübsche, junge, reiche und wohlerzogene Männer für sie finden möchte. All die Jahre hat er vergeblich gesucht, und jetzt auf dem Rückweg hat er einen gefunden.“ „Aus welcher Familie stammt er?“ erkundigte sich die alte Frau You sofort, die ihm ohne weiteres glaubte. Die beiden Schwestern aber legten ihre Handarbeiten beiseite, gingen lächelnd auf Djia Jung los, um ihn zu schlagen, und sagten dabei: „Glaubt nicht diesem Lügner, Mutter! Der Donner soll ihn erschlagen!“ Auch die Sklavenmädchen bekräftigten: „Der Himmel hat Augen! Nehmt Euch vor dem Donner in acht!“ Im selben Augenblick kamen Leute, um zu melden: „Es ist alles fertig, junger Herr! Kommt heraus und seht es Euch an, damit Ihr dem gnädigen Herrn darüber berichten könnt.“ Lachend folgte ihnen Djia Jung nach draußen. Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.
Anmerkungen
- ↑ Reiswein aus der Stadt Schau-hsing in der Provinz Dschë-djiang, gilt noch heute als beste Sorte.
- ↑ Grüner Tee aus der Gegend von Pu-örl, Provinz Yün-nan.
- ↑ Über den Wu-tung-Baum vgl. o., Anm. zu S. 629.
- ↑ Dieses Porzellan wurde während der Tjing-Zeit in Djing-dë-dschën, Provinz Djiang-hsi, nach dem Muster des Sung-zeitlichen Porzellans aus Ding-dschou gefertigt (vgl. o., Anm. zu S. 701).
- ↑ Eine Zeile aus einem Gedicht von Luo Yin (833 – 909).
- ↑ Ein Lied der Unsterblichen Hë aus dem Bühnenstück ‚Die Geschichte aus Han-dan‘ (Han-dan dji); vgl. o., Anm. zu S. 320 (‚Die Begegnung mit dem Unsterblichen‘).
- ↑ Vgl. o., Anm. zu S. 92.
- ↑ Eine Zeile aus einem Gedicht von Gau Tschan, der zu Ende der Tang-Zeit lebte.
- ↑ Eine Zeile aus einem Gedicht von Wang Tji (11. Jh.). Im Original ist von der Japanischen Aprikose (mee; vgl. o., Anm. zu S. 87) die Rede, hier wurde frei mit ‚Pflaumbaum‘ übersetzt, um wirksamer von der einfachen Aprikose (hsing, Prunus armeniaca) zu unterscheiden.
- ↑ Eine Zeile aus einem Gedicht von Su Schï (Su Dung-po; vgl. o., Anm. zu S. 668).
- ↑ Ebenfalls eine Zeile aus einem Gedicht von Wang Tji.
- ↑ Eine Zeile aus einem Gedicht von Dschu Schu-dschën, einer Dichterin des 12. Jahrhunderts.
- ↑ Eine Zeile aus einem Gedicht von Ou-yang Hsiu (vgl. o., Anm. zu S. 285).
- ↑ Vgl. o., Anm. zu S. 1140.
- ↑ Eine Zeile aus einem Gedicht von Hsiä Fang-dë (1226 – 1289).
- ↑ Vgl. o., Anm. zu S. 400.
- ↑ Vgl. o., Anm. zu S. 157.
- ↑ Zwei Zeilen aus einem Gedicht von Fan Tschëng-da, über diesen vgl. o., Anm. zu S. 289.
- ↑ Vgl. o., Anm. zu S. 365 (‚Buch vom Südlichen Blütenland‘).
- ↑ Yä-lü war der Familienname der Khitan-Herrscher, die als Liau-Dynastie über China regierten. Auch unter der Yüan-Dynastie dienten noch zahlreiche Khitan dieses Namens den Mongolenherrschern als Beamte.
- ↑ Vgl. o., Anm. zu S. 38.
- ↑ Aventurin(glas) ist bereits oben (im 52. Kap.) als Material für eine europäische Schnupftabaksdose erwähnt. Dort ist im Original der chinesische Name ‚Goldsternglas‘ gebraucht. Aventurin hieß in den europäischen Sprachen auch Venturin, bemerkenswert ist bei Tsau Hsüä-tjin die Endung -a für einen weiblichen Vornamen.