Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 65"

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(German-only page for Hongloumeng chapter 65)
 
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=== Der zweite junge Herr Jia heiratet heimlich die zweite Tante You; Die dritte Schwester You will den zweiten jungen Herrn Liu heiraten ===
 
=== Der zweite junge Herr Jia heiratet heimlich die zweite Tante You; Die dritte Schwester You will den zweiten jungen Herrn Liu heiraten ===
  
serm ältesten Fräulein ist nicht viel zu sagen. Wenn sie nicht ihre Vorzüge besäße, hätte sie auch nicht so großes Glück erfahren. Das zweite Fräulein heißt mit Spitznamen die Holzpuppe, denn sie würde nicht einmal au! sagen, wenn man sie pikte. Das dritte Fräulein wird die Rose genannt...“
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'''Djia Liän nimmt heimlich die zweite Schwester You zur Frau,die dritte Schwester You möchte Liu Hsiang-liän zum Mann haben.'''
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Als alles, was Djia Liän mit Djia Dschën und Djia Jung abgesprochen hatte, ins Werk gesetzt war, wurden am zweiten Tag des neuen Monats zunächst die alte Frau You und die dritte Schwester You in die neue Wohnung geschickt. Die alte Frau You mußte zwar erkennen, daß Djia Jung ihnen weit mehr versprochen hatte, aber weil immerhin alles sehr ordentlich war, gaben sich Mutter und Tochter zufrieden. Bau Örl und seine Frau waren gleich vom ersten Zusammentreffen an sehr liebenswürdig und nannten Mutter You nicht anders als ‚alte Dame‘ oder gar ‚alte gnädige Frau‘, während sie die dritte Schwester You mit ‚dritte Tante‘ oder ‚Frau Tante‘ anredeten.
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Am nächsten Morgen in der fünften Nachtwache wurde die zweite Schwester You in einer schlichten Sänfte gebracht. Weihrauch, Kerzen und Opfergaben standen bereit, das Brautbett war schon gemacht, Wein und Speisen waren zugerichtet, so daß alles seine Ordnung hatte, und bald erschien auch in einer kleinen Sänfte Djia Liän, schmucklos gekleidet. Gemeinsam vollzogen sie ihren Stirnaufschlag vor Himmel und Erde und verbrannten die papiernen Opfergaben. Die alte Frau You sah, daß ihre Tochter von Kopf bis Fuß frisch eingekleidet und neu geschmückt war, wie sie es zu Hause nie gekannt hatte, und führte sie deshalb höchst zufrieden ins Brautgemach. Wie Djia Liän und die zweite Schwester You in dieser Nacht einem Phönixpärchen gleich auf hunderterlei Weise die Freuden der Liebe genossen, braucht nicht erzählt zu werden.
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Je mehr Djia Liän von der zweiten Schwester You sah und je länger er sie sah, desto besser gefiel sie ihm, und er vermochte ihr gar nicht genug zu schmeicheln. Bau Örl und dem übrigen Gesinde befahl er, sie durchaus nicht anders zu nennen als ‚junge Herrin‘, auch er selbst redete sie so an, und den Namen Hsi-fëng schien er mit einem Pinselstrich aus seinen Gedanken getilgt zu haben.
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Wenn er gelegentlich einmal nach Hause kam, sagte er nur, er habe im Ning-guo-Anwesen zu tun und könne sich nicht losmachen. Hsi-fëng und die anderen wußten, wie eng sein Verhältnis zu Djia Dschën war, und da sie sich denken konnten, daß es viel zu bereden gab, schöpften sie keinen Verdacht. Das zahlreiche Gesinde dagegen kümmerte sich nicht um solche Dinge, und die wenigen Neugierigen, die stets hinter jedem Klatsch her waren, bemühten sich, Djia Liän gefällig zu sein, um sich dadurch kleine Vorteile zu verschaffen. Wer von ihnen hätte also etwas verraten sollen? Djia Liäns Dankbarkeit gegenüber Djia Dschën kannte keine Grenze.
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Jeden Monat zahlte Djia Liän fünf Liang Silber für den täglichen Unterhalt der Yous. Wenn er nicht kam, aßen Mutter und Töchter zu dritt, kam er dagegen, aß das Paar nur zu zweit, während Mutter und Tochter sich in ihre Räume zurückzogen und dort aßen. Djia Liän brachte auch all seine Ersparnisse mit, die er im Laufe der Jahre gemacht hatte, und übergab sie der zweiten Schwester You zur Aufbewahrung.
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Zwischen Decken und Kissen machte er die zweite Schwester You ausführlich mit dem Charakter und dem Verhalten von Hsi-fëng vertraut und versprach ihr, sie ins Haus zu nehmen, sobald Hsi-fëng tot sei. Dagegen hatte die zweite Schwester You natürlich nichts einzuwenden. So begann sich das Leben des kleinen Haushalts von nicht viel mehr als zehn Personen einzuspielen und gestaltete sich höchst angenehm.
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Ehe man sich‘s versah, waren zwei Monate vergangen. Im Kloster Eiserne Schwelle waren die Totenmessen zu Ende gelesen, und am Abend kehrte Djia Dschën nach Hause zurück. Da er die Stiefschwestern seiner Frau lange nicht gesehen hatte, wollte er sie gern besuchen. Zuerst aber befahl er einem Sklavenjungen, er solle erkunden gehen, ob Djia Liän dort sei oder nicht. Als der Knabe mit der Meldung zurückkam, er sei nicht dort, war Djia Dschën hocherfreut und schickte sein ganzes Gefolge bis auf zwei vertraute Sklavenjungen fort, die ihm das Pferd führen mußten.
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Als sie das Haus erreichten, war es eben Zeit, die Lampen anzuzünden. Leise traten sie in den Hof, und die beiden Knaben führten das Pferd in den Stall, um dann in die Gesinderäume zu gehen und zu warten. Djia Dschën trat ins Haus, wo gerade erst die Lampen angezündet worden waren, und begrüßte als Erstes die alte Frau You und ihre jüngere Tochter, dann kam auch die zweite Schwester You zu ihnen heraus, und Djia Dschën redete sie wie früher mit ‚Schwägerin‘ an.
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Als sie Tee tranken und plauderten, fragte Djia Dschën lächelnd: „Wie bist du mit dem Mann zufrieden, den ich dir verschafft habe? Wenn du ihn nicht genommen hättest, würdest du seinesgleichen auch mit der Laterne nicht finden. Demnächst wird dich noch eure ältere Schwester mit Geschenken besuchen kommen.“
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Inzwischen hatten die zweite Schwester You befohlen, Wein und Zuspeisen zurechtzumachen und die Türen zu schließen, da sie als Verwandte unter sich waren und so keine Tabus bestanden.
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Als Bau Örl hereintrat, um seinen Gruß zu entbieten, redete Djia Dschën ihn an: „Ich habe dich hierher geschickt, weil du ein guter Kerl bist. In Zukunft wird es noch größere Dinge für dich zu tun geben. Nur darfst du nicht außer Hause Wein trinken gehen und irgendwelche Dinge anstellen. Selbstverständlich wird es auch Belohnungen für dich geben. Und da der junge Herr Liän viel zu tun hat und die Leute in seinem Anwesen recht gemischt sind, kannst du unbesorgt zu mir kommen, falls es hier an irgend etwas fehlt. Schließlich bin ich sein Vetter und kein Fremder.“
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„Ich habe verstanden“, erwiderte Bau Örl. „Wenn ich nicht alles tue, was in meiner Kraft steht, will ich auf meinen Kopf gern verzichten.“
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„Das ist es, was du verstehen solltest“, sagte Djia Dschën und nickte dazu.
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Dann tranken sie zu viert Wein, und da die zweite Schwester You die Situation durchschaute, forderte sie ihre Mutter auf: „Begleitet mich bitte nach drüben, Mutter! Ich bin so furchtsam.“
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Auch die alte Frau You hatte begriffen und ging tatsächlich mit hinaus, so daß bei Djia Dschën und der dritten Schwester You nur die kleinen Sklavenmädchen zurückblieben. Als aber Djia Dschën so eng an die dritte Schwester You heranrückte, daß er sie mit Schulter und Wange berührte, und sich hunderterlei Freiheiten herausnahm, konnten es die Sklavenmädchen nicht länger mit ansehen und zogen sich ebenfalls zurück, damit sich die beiden keinen Zwang anzutun brauchten und miteinander treiben konnten, was immer sie wollten.
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Djia Dschëns Sklavenjungen saßen in der Küche und tranken mit Bau Örl zusammen Wein, während Bau Örls Frau am Herd stand und kochte, als plötzlich die beiden Sklavenmädchen lachend hereinkamen und ebenfalls Wein verlangten.
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„Anstatt drüben aufzuwarten, schleicht ihr hierher, und wenn man euch ruft, und ihr seid nicht da, gibt es Ärger“, hielt Bau Örl ihnen vor.
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„Du dummer versoffener Hahnrei, laß dich mit gelber Brühe vollaufen, und wenn du genug hast, dann klemm deinen Schwanz zwischen die Beine und mach deinen Kadaver lang!“ schimpfte seine Frau. „Es hat doch einen Dreck mit dir zu tun, ob sie rufen oder nicht. Und in jedem Falle bin ja ich da. Auch wenn es ein Gewitter gibt, wirst du doch nicht naß.“
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Nun verdankte Bau Örl seinen Aufstieg einzig und allein seiner Frau, und für die jüngste Beförderung galt das erst recht. Obwohl er nichts anderes tat als Geld einstecken und Wein trinken, machte ihm doch weder Djia Liän noch jemand anders einen Vorwurf. Darum gehorchte er seiner Frau aufs Wort, gerade als wäre sie seine Mutter gewesen, und so ging er wirklich schlafen, nachdem er genug getrunken hatte.
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Seine Frau leistete inzwischen den Sklavenmädchen und den Sklavenjungen Gesellschaft und war bemüht, sich bei ihnen lieb Kind zu machen, weil sie hoffte, sie würden dafür bei Djia Dschën ein gutes Wort für sie einlegen. Da hörten sie, als sie gerade im besten Zuge waren, plötzlich ein Klopfen am Tor, und als Bau Örls Frau rasch hinausging und öffnete, sah sie Djia Liän vom Pferd steigen.
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„War irgend etwas?“ fragte er.
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„Euer Herr Vetter ist hier, er sitzt im westlichen Seitengebäude“, gab Bau Örls Frau leise Auskunft.
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Daraufhin ging Djia Liän in seinen Schlafraum, wo er die zweite Schwester You und ihre Mutter vorfand, die bei seinem Eintritt verlegene Gesichter machten. Er tat aber so, als ob er nichts merkte, und befahl: „Bring uns schnell Wein! Wir wollen ein paar Becher trinken, damit wir besser schlafen können. Ich bin schrecklich müde heute.“
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Rasch trat die zweite Schwester You auf ihn zu und nahm ihm lächelnd das Obergewand ab, dann reichte sie ihm Tee und stellte ihm tausend Fragen. Djia Liän hatte so viel Freude an ihr, daß ihn das Herz unerträglich zu jucken begann.
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Bald darauf brachte Bau Örls Frau den Wein, und die beiden tranken einander zu. Die alte Frau You mochte nichts trinken und ging in ihr Zimmer, während eines der beiden Sklavenmädchen erschien, um dem Paar aufzuwarten.
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Als Djia Liäns vertrauter Sklavenjunge Lung-örl das Pferd in den Stall führte und dort schon ein anderes vorfand, das er bei näherer Betrachtung als Djia Dschëns erkannte, konnte er sich denken, was hier vorging, und begab sich in die Küche, wo er richtig auf Hsi-örl und Schou-örl stieß, die schon beim Wein saßen und sich bei seinem Anblick ebenfalls ihr Teil denken konnten.
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„Du kommst gerade richtig!“ begrüßten sie ihn lächelnd. „Wir haben nämlich mit dem Pferd unseres Herrn nicht Schritt halten können, und um nicht gegen das nächtliche Ausgehverbot zu verstoßen, haben wir hier um ein Nachtquartier gebeten.“
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Ebenfalls lächelnd, erwiderte Lung-örl: „Schlaft nur hier, es ist Platz genug auf den Ofenbetten! Mich hat mein Herr hergeschickt, um das Monatsgeld zu bringen. Ich habe es der jungen Herrin ausgehändigt und übernachte ebenfalls hier.“
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„Wir haben schon eine Menge getrunken“, sagte Hsi-örl, „komm, trink auch einen Becher!“
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Aber kaum hatte Lung-örl sich gesetzt und seinen Becher gehoben, hörten sie plötzlich Lärm aus dem Pferdestall. Dort wollten die beiden Pferde einander nicht an der Krippe dulden und hatten begonnen, sich mit den Hufen zu treten. Rasch setzten Lung-örl und die anderen beiden Knaben ihre Becher nieder und stürzten hinaus. Als sie die Pferde mit viel Mühe wieder zur Ruhe gebracht hatten, banden sie sie an anderer Stelle fest, dann kehrten sie in die Küche zurück.
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„Ihr drei schlaft hier!“ sagte Bau Örls Frau zu ihnen. „Der Tee ist auch fertig, da gehe ich jetzt.“ Mit diesen Worten ging sie hinaus und machte die Tür hinter sich zu.
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Hsi-örl, der schon einige Becher getrunken hatte, konnte kaum noch aus den Augen sehen, und als Lung-örl und Schou-örl die Tür abgeschlossen hatten und sich dann wieder nach ihm umsahen, lag er stocksteif auf dem Ofenbett. Also stießen sie ihn an und baten: „Komm hoch und leg dich ordentlich schlafen! Wenn du nur an dich denkst, sind wir beide schlecht dran.“
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Aber Hsi-örl erwiderte ihnen: „Heute wollen wir uns ehrlich und gerecht eine tüchtige Portion Sesambrötchen backen! Und wer den Musterknaben spielen will, dem vögele ich seine Mutter gründlich durch!“
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Lung-örl und Schou-örl merkten, daß er betrunken war, also verzichteten sie auf überflüssige Worte, bliesen das Licht aus und legten sich schlafen, so gut es ging.
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Auch die zweite Schwester You hatte den Lärm im Pferdestall gehört und war darüber unruhig geworden. Mit ein paar Worten lenkte sie Djia Liän ab. Djia Liän war schon nach wenigen Bechern in Frühlingsstimmung gekommen, also befahl er, den Wein und die Zuspeisen abzutragen, dann verschloß er die Tür und begann sich auszuziehen. Die zweite Schwester You trug nur eine halblange dunkelrote Jacke, und die schwarzen Wolken ihres Haares hingen lose herab. Mit ihren weingeröteten Wangen sah sie noch lieblicher aus als bei Tage. Djia Liän nahm sie in die Arme und sagte lächelnd: „Alle sagen, meine Hexe sei hübsch, ich aber finde, sie ist nicht würdig, dir die Schuhe zu reichen.“
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„Ich bin zwar schön, aber ich habe keinen Charakter“, gab die zweite Schwester You zurück. „Mir scheint, die Häßlichen haben es besser.“
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„Das verstehe ich nicht. Wie meinst du das?“ fragte Djia Liän sofort.
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„Ihr haltet mich alle für ein Dummchen, das von nichts eine Ahnung hat“, klagte die zweite Schwester You unter Tränen. „Wir sind jetzt seit zwei Monaten Mann und Frau, das ist keine lange Zeit, aber es reicht, um zu wissen, daß du nicht dumm bist. Ich werde dir im Leben als Mensch und im Tod als Geist gehören. Als deine Frau werde ich mich mein Leben lang auf dich stützen, wie könnte ich dir also auch nur ein Wort verschweigen?! Ich habe eine Stütze gefunden, aber was wird aus meiner jüngeren Schwester? Das, was jetzt ist, ist nichts für ewig. Es muß dauerhaft für sie gesorgt werden.“
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„Sei unbesorgt!“ sagte Djia Liän und lächelte, „ich bin nicht von der eifersüchtigen Sorte. Was gewesen ist, weiß ich, darüber brauchst du nicht zu erschrecken. Es muß dir natürlich peinlich sein, daß mein Vetter der Mann deiner Schwester wird, aber ich werde die Ausnahme machen!“
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Mit diesen Worten verließ er den Raum und ging in den westlichen Hof, wo er durchs Fenster sah, daß die Lampen hell brannten und die beiden vergnügt beim Wein saßen. Er schob die Tür auf, trat ins Zimmer und sagte lächelnd: „Ich wollte den Herrn Vetter begrüßen, wenn er schon einmal hier ist.“
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Djia Dschën brachte vor Scham kein Wort hervor und hatte keine andere Wahl, als aufzustehen und Djia Liän einen Platz anzubieten.
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„Was ist dir denn?“ fragte Djia Liän lächelnd. „Haben wir uns nicht immer bestens vertragen? Dafür, was du für mich getan hast, würde ich mich für dich in Stücke hauen lassen, so unendlich dankbar bin ich dir. Wie könnte ich Ruhe finden, wenn du an mir zweifelst? Also benimm dich wieder wie früher, sonst komme ich nie wieder hierher, auch wenn ich dann ohne Sohn sterben muß.“
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Bei den letzten Worten kniete er nieder, und verwirrt half ihm Djia Dschën wieder auf. Dabei sagte er nur: „Ich werde alles tun, was du befiehlst, Vetter.“
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Sofort rief Djia Liän: „Bringt uns noch Wein, ich will ein paar Becher mit meinem Vetter trinken!“ Dann griff er nach der Hand der dritten Schwester You und forderte sie auf: „Komm her, du sollst auch einen Becher mit dem Vetter deines Mannes trinken!“
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„Also, du bist ja einer!“ sagte Djia Dschën lächelnd. „Ich werde diesen Becher leeren!“ Und schon stürzte er den Wein in einem Zug hinunter.
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Derweilen stieg die dritte Schwester You aufs Ofenbett, wies mit der Hand auf Djia Liän und sagte lächelnd: „Spar dir deine schönen Worte und laß mich ungeschoren! Meinst du, ich wäre blind? Wenn du Schattentheater spielen willst, mußt du aufpassen, daß du nicht ein Loch in den Bildschirm reißt. Du mußt dir nichts vormachen und darfst dir nicht einbilden, wir wüßten nicht, wie es in eurem Hause zugeht. Wenn ihr beide glaubt, bloß weil ihr ein bißchen schnödes Geld ausgegeben habt, könntet ihr uns beide als Huren betrachten und herkommen, um euch mit uns zu amüsieren, habt ihr euch verrechnet.
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Ich weiß, daß mit deiner Frau kein Auskommen ist und daß du deshalb meine Schwester als Nebenfrau hierher gebracht hast. Aber einen gestohlenen Gong darf man nicht schlagen. Diese Frau Hsi-fëng würde ich gern einmal treffen, nur um zu sehen, wie viele Köpfe und wie viele Hände sie eigentlich hat.
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Solange ihr nur schön friedlich bleibt, soll alles gut sein, aber wenn ihr euch nur das mindeste leistet, was wir nicht hinnehmen können, bin ich imstande, euch die Gedärme herauszureißen. Und anschließend fechte ich es mit diesem Weibsstück aus, auch wenn es das Leben kostet, sonst will ich nicht länger die dritte Schwester You sein! – Wein trinken wollt ihr? Also los, trinken wir!“
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Mit diesen Worten griff sie nach der Kanne, goß sich einen Becher Wein ein und trank ihn zur Hälfte aus. Dann schlang sie den Arm um Djia Liäns Nacken, flößte ihm den restlichen Wein ein und sagte: „Mit deinem Vetter habe ich schon getrunken, jetzt wollen wir es uns miteinander gemütlich machen!“
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Djia Liän wurde vor lauter Schreck wieder nüchtern, und auch Djia Dschën hatte nicht erwartet, daß sich die dritte Schwester You so schamlos benehmen könnte. Beide Vettern waren aus den Freudenhäusern einiges gewöhnt, jetzt aber hatten ihnen die Worte eines jungen Mädchens die Sprache verschlagen.
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Die dritte Schwester You ließ jedoch nicht locker und rief nach ihrer Schwester. „Wenn wir uns schon vergnügen wollen, müssen wir es zu viert tun!“ verlangte sie. „Sagt nicht das Sprichwort ‚Bequemer als zu Hause hat man es nirgends‘? Sie sind Vettern, und wir sind Schwestern, da sind wir uns doch nicht fremd. Also komm nur!“
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Der zweiten Schwester You war die Sache höchst unangenehm, und Djia Dschën glaubte, eine Gelegenheit gefunden zu haben, um sich wegzustehlen, aber die dritte Schwester You ließ ihn nicht fort. Jetzt begann Djia Dschën zu bereuen, daß er überhaupt gekommen war, denn das hätte er nie erwartet, daß er und Djia Liän nicht auch mit der dritten Schwester You leichtes Spiel haben sollten.
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Die dritte Schwester You trug jetzt ihr Haar in einem losen Knoten, ihre dunkelrote Jacke stand halb offen, so daß ihr lauchgelbes Brusttuch und ein Streifen schneeweißes Fleisch zu sehen waren. Ihre Beine in grünen Hosen und roten Strümpfen sowie ihre ‚Goldlotos‘-Füßchen<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 157.</ref> hielt sie keinen Augenblick züchtig still, mal klopfte sie damit auf den Boden, mal öffnete und schloß sie sie. Ihre Ohrgehänge schwangen wie Schaukeln hin und her, ihre weidenblattförmigen Brauen wirkten im Lampenlicht wie dunkler Nebel, und ihr sandelduftender Mund schien wie mit Zinnober betupft. Ihre Augen, die sonst klar wie Herbstwasser strahlten, waren nach dem Weingenuß umflort und verführerisch.
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Mit all dem stellte die dritte Schwester You nicht nur ihre ältere Schwester in den Schatten, nach dem Urteil von Djia Dschën und Djia Liän verfügte keine einzige von den Frauen vornehmen und geringen Standes, die sie bisher gesehen hatten, über solche Zartheit und solchen Charme. Beide Vettern fühlten sich wie betäubt, und als sie unwillkürlich die Hände nach der dritten Schwester You ausstrecken wollten, hatte die Wollüstigkeit des Anblicks sie selbst dazu unfähig gemacht.
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Mühelos konnte sich die dritte Schwester You davon überzeugen, daß die beiden nichts anderes mehr kannten und nichts anderes mehr sahen als sie. Sie waren nicht einmal mehr imstande, einen vernünftigen Satz zu äußern, und alles, woran sie noch dachten, waren Wein und Lust. Sie selbst dagegen sprach laut und ungeniert, tat sich keinerlei Zwang an und hielt die beiden kräftig zum Narren. Nicht sie hatten die Männer zur Prostituierten gemacht, sie hatten sich vielmehr vor ihr prostituiert.
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Als die dritte Schwester You genug getrunken hatte und ihre Stimmung verflogen war, erlaubte sie den beiden nicht, länger zu bleiben, und warf sie kurzerhand hinaus. Dann verschloß sie die Tür und legte sich schlafen.
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Von nun an brauchten nur die Sklavenmädchen oder die alten Sklavenfrauen etwas nicht recht zu machen, schon schimpfte die dritte Schwester You in den höchsten Tönen über Djia Liän, Djia Dschën und Djia Jung und sagte, die drei hätten eine arme Witwe und ihre verwaisten Töchter schändlich betrogen. Djia Dschën seinerseits wagte von nun an nicht mehr, ohne weiteres in die Gasse der Kleinen Blütenzweige zu kommen. Nur manchmal, wenn die dritte Schwester You in der Stimmung dazu war und ihn durch einen Sklavenjungen einladen ließ, traute er sich noch hierher und fügte sich dann stets ihren Wünschen.
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Die dritte Schwester You aber hatte von Natur aus die unerträgliche Neigung, sich zusätzlich zu ihrer Schönheit und ihrem Charme extravagant herauszustaffieren und mit zahllosen unzüchtigen Gesten und wollüstigen Posen, die ihr keine andere nachmachen konnte, die Männer dahin zu bringen, daß ihnen das Wasser im Munde zusammenlief und die Sinne ihnen schwanden, daß sie sich ihr nähern wollten und nicht durften, sie fliehen wollten und nicht konnten. Sie völlig verwirrt und kopflos zu machen, darin bestand ihr Vergnügen.
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Ihre Mutter und ihre Schwester bemühten sich nach Kräften, ihr dieses Benehmen auszureden, aber darauf erwiderte sie: „Du bist dumm, Schwester! Wir sind Mädchen wie Gold und Jade, wenn wir uns für nichts und wieder nichts von diesen Strolchen besudeln ließen, müßten wir ja als ganz und gar unfähig gelten. Zumal sie dieses bösartige Frauenzimmer im Hause haben, und wir nur so lange in Sicherheit sind, wie sie nichts von uns weiß.
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Sobald sie von uns erfährt, gibt es für sie keinen Grund, sich tatenlos mit diesem Zustand abzufinden, und es wird mit Sicherheit einen gewaltigen Skandal geben. Wer dabei überlebt und wer daran zugrunde geht, ist noch gar nicht abzusehen. Wenn ich nicht jetzt die Gelegenheit nutze, um mich über sie lustig zu machen und sie zu demütigen, um mich an ihnen schadlos zu halten, bleibt nachher von mir nur ein schlechter Ruf zurück, und zur Reue ist es dann zu spät.“
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Dieser Rede entnahmen ihre Mutter und ihre Schwester, daß sie nicht gewillt war, auf sie zu hören, und damit mußten sie sich notgedrungen abfinden.
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In bezug auf Kleidung und Speisen wurde die dritte Schwester You von Tag zu Tag wählerischer. Gab man ihr Silber, dann wollte sie Gold, bekam sie Perlen, verlangte sie Edelsteine. Setzte man ihr fettes Gänsefleisch vor, dann ließ sie statt dessen feiste Enten schlachten, wenn sie nicht gar in Zorn geriet und die Speisen mitsamt dem Tisch umwarf. Gefielen ihr die Kleider nicht, die man ihr zuteilte, dannn zerschlitzte sie sie mit der Schere, mochten sie auch aus Seide oder Brokat sein und nagelneu. Und jeden Streifen, den sie abriß, begleitete sie mit einem Fluch. So hatte Djia Dschën keinen einzigen glücklichen Tag mit ihr und gab nur große Mengen Sündengeld für sie aus.
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Wenn Djia Liän kam, hielt er sich nur in den Räumen der zweiten Schwester You auf. Er bereute ein wenig, was er getan hatte, aber andererseits war nun einmal die zweite Schwester You eine sehr gefühlvolle Frau, die ihn für den Rest ihrer Tage als Herrn und Meister betrachtete und die auch stets wußte, wo ihn der Schuh drückte. Ihre Nachgiebigkeit und Friedfertigkeit waren zehnmal größer als die von Hsi-fëng, über alles und jedes beriet sie sich mit ihm und erlaubte sich nicht, auf Grund ihrer eigenen Fähigkeiten selbstherrlich zu entscheiden.
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Auch in Schönheit, Redeweise und Betragen übertraf sie Hsi-fëng noch zu fünf Zehnteln. Aber wenn sie sich auch gebessert hatte, haftete ihr doch, da sie einmal gestrauchelt war, der Makel der Unzüchtigkeit an, durch den alle ihre Vorzüge null und nichtig wurden. Djia Liän aber sagte dazu: „Welcher Mensch ist schon frei von Fehlern? Die Hauptsache ist, er stellt sie ab, sobald er sie einmal erkannt hat.“ Deshalb rührte er nicht an ihre vergangene Unkeuschheit und hielt sich nur an ihre jetzige Güte. So klebten sie aneinander wie Leim und Lack und waren so vertraut miteinander wie Fisch und Wasser. Sie waren ein Herz und eine Seele, schworen sich, miteinander zu leben und zu sterben, und für Hsi-fëng und Ping-örl war in Djia Liäns Gedanken kein Platz mehr.
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Noch immer redete die zweite Schwester You zwischen Decken und Kissen auf Djia Liän ein: „Berate dich mit deinem Vetter Dschën und such mit ihm zusammen einen eurer Bekannten aus, um ihn mit meiner Schwester zu verloben! Sie hier im Hause zu behalten ist auf die Dauer nicht das Richtige. Was willst du machen, wenn schließlich ein Skandal daraus wird?“
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„Ich habe meinen Vetter neulich schon deswegen angesprochen, aber er will einfach nicht von ihr lassen“, berichtete Djia Liän. „Ich habe gesagt: ‚Sie ist ein schönes, fettes Stück Hammelfleisch, nur leider so heiß, daß man sich den Mund daran verbrennt, eine liebliche Rose, aber mit solchen Stacheln, daß man sich die Hände daran zersticht. Wir kriegen sie bestimmt nicht herum, darum ist die einzige Möglichkeit die, jemand zu suchen, um sie zu verloben.‘ Darauf druckste er nur herum und ließ das Thema fallen. Was also soll ich deiner Meinung nach tun?“
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„Sei unbesorgt!“ sagte die zweite Schwester You. „Morgen reden wir meiner Schwester noch einmal zu, und wenn sie einverstanden ist, soll sie so weitermachen wie bisher. Wenn ihm das zuviel wird, kann er nicht anders, als sie zu verloben.“
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„Völlig richtig!“ stimmte Djia Liän zu.
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Am nächsten Tag ließ die zweite Schwester You eine besondere Weintafel herrichten, und Djia Liän ging nicht aus dem Hause. Um die Mittagszeit bat sie dann ihre Schwester herüber und nötigte sie mit der Mutter zusammen auf die Ehrenplätze. Da konnte sich die dritte Schwester You denken, worum es ging, und ohne daß ihre Schwester den Mund aufzumachen brauchte, sagte sie nach der dritten Runde Wein unter Tränen: „Wenn du mich heute eingeladen hast, Schwester, willst du bestimmt über ein wichtiges Zeremoniell mit mir sprechen. Aber ich bin keine Närrin, und so brauchen wir die häßlichen Dinge, die es gegeben hat, nicht wieder und wieder aufzuwärmen. Ich weiß das alles, und es hat keinen Sinn, noch darüber zu reden.
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Nachdem du deinen Platz im Leben gefunden hast und auch Mutter dadurch eine Bleibe hat, muß ich auch für mich eine Lösung finden, damit alles seine Ordnung hat. Aber diese wichtigste Entscheidung im Leben gilt bis ans Grab, und darum ist sie kein Kinderspiel. Ich habe es mir überlegt und will mich in mein Los fügen, aber ich gehe nur mit jemand, der nach meinem Herzen und meinem Sinn ist. Wenn ihr jemand aussucht, und er wäre reich wie Schï Tschung<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 316 (der Wein von Djin-gu).</ref>, talentiert wie Tsau Dschï<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 6 (Dsï-djiän).</ref> und schön wie Pan Yüä<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 6 (Pan An).</ref>, wäre mein Leben dennoch vergeudet, wenn er mein Herz nicht gewinnt.“
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„Das ist kein Problem“, sagte Djia Liän lächelnd, „wen du uns nennst, der soll es sein. Alle Geschenke geben wir, auch deine Mutter braucht sich keine Sorgen zu machen.“
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Weinend erklärte die dritte Schwester You: „Meine Schwester weiß, wen ich meine, ich brauche keinen Namen zu nennen.“
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Lächelnd fragte Djia Liän nun die zweite Schwester You, wer es sei, aber diese kam nicht darauf, wen ihre Schwester meinte. Während sie sich gemeinsam den Kopf zerbrachen, glaubte Djia Liän plötzlich, er müsse des Rätsels Lösung gefunden haben, darum klatschte er lächelnd in die Hände und sagte: „Ich weiß es! An ihm ist nichts auszusetzen, du hast wirklich einen guten Blick.“
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Nun war es an der zweiten Schwester You zu fragen: „Wer ist es?“
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„Wen soll sie wohl anders wollen? Bestimmt ist es Bau-yü!“ sagte Djia Liän lächelnd.
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Schon glaubten die zweite Schwester You und auch ihre Mutter, Djia Liän müsse recht haben, da spuckte die dritte Schwester You aus und fragte: „Wenn wir zehn Schwestern wären, müßten wir wohl zehn Vettern von euch heiraten, ja? Gibt es vielleicht außer in eurer Familie keine guten Männer mehr auf der Welt?“
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Verwundert fragten sich die anderen, wen es sonst noch geben könnte, da sagte die dritte Schwester You: „Ihr dürft nicht nur in der unmittelbaren Umgebung suchen! Denk einmal daran, was vor fünf Jahren war, Schwester, dann hast du es!“
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Kaum hatte sie das gesagt, kam plötzlich Djia Liäns vertrauter Sklavenjunge Hsing-örl herein und meldete: „Der alte gnädige Herr verlangt dringend nach Euch. Ich habe gesagt, Ihr wärt drüben im Haus Eures Onkels, und bin dann hierher geeilt, um Euch zu holen.“
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„Hat gestern niemand nach mir gefragt?“ erkundigte Djia Liän sich rasch.
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„Ich habe der jungen Herrin gesagt, Ihr wärt im Familientempel, um mit Herrn Dschën noch etwas wegen des hunderttägigen Totenrituals zu besprechen und könntet wohl nicht nach Hause kommen“, berichtete Hsing-örl.
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Nun befahl Djia Liän, sein Pferd zu holen, und ritt in Lung-örls Begleitung davon, während Hsing-örl zurückbleiben mußte, um aufzuwarten, falls jemand käme. Die zweite Schwester You reichte ihm zwei Teller mit Speisen, ließ einen großen Becher bringen, den sie für ihn mit Wein füllte, und befahl ihm dann, er solle sich vor das Ofenbett hocken und essen und trinken. Dabei begann sie, ihn gründlich auszufragen. Wie alt seine junge Herrin sei, ob sie wirklich so tückisch sei, wie alt die alte gnädige Frau und die gnädige Frau seien, wie viele junge Fräulein im Haus seien – dies und alle möglichen anderen Familienangelegenheiten wollte sie wissen.
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Hsing-örl hockte lächelnd vor dem Ofenbett und aß, zugleich gab er der alten Frau You und ihren Töchtern einen ausführlichen Bericht über die Verhältnisse im Jung-guo-Anwesen. Dabei sagte er: „Ich tue Dienst am zweiten Tor, dort arbeiten wir schichtweise in zwei Gruppen zu je vier Mann, zusammen sind wir also acht. Einige von uns sind Vertraute der jungen Herrin, die andern Vertraute des jungen Herrn. Die Vertrauten der jungen Herrin wagen wir nicht herauszufordern, sie aber fordern uns heraus. Die junge Herrin selbst hat ein böses Herz und eine spitze Zunge. Unser junger Herr ist sicher nicht schlecht, aber er gilt nicht viel in ihren Augen.
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Dann ist da noch seine Beischläferin Ping-örl. Das ist ein guter Mensch. Obwohl sie auf der Seite der jungen Herrin steht, tut sie doch hinter ihrem Rücken viel Gutes. Die junge Herrin vergibt uns nicht, wenn wir einen Fehler gemacht haben, aber sie brauchen wir nur zu bitten, dann ist die Sache erledigt. Die junge Herrin ist in der ganzen Familie bei hoch und niedrig verhaßt, alles andere ist nur Verstellung, weil jeder Angst vor ihr hat. Eine Ausnahme bilden lediglich die alte gnädige Frau und die gnädige Frau. Und das liegt nur daran, daß niemand von den Leuten, die sie zu Gesicht bekommen, an die junge Herrin heranreicht, und weil diese ihnen ständig nach dem Munde redet. Darum wird alles getan, was sie sagt, und niemand wagt, sie zu hindern. Am liebsten möchte sie alle Ausgaben einsparen und das Silber zu einem Berg anhäufen, nur damit die alte gnädige Frau und die gnädige Frau sagen, sie verstehe zu wirtschaften.
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Wer wüßte nicht, wie sie das Gesinde quält, nur um sich bei den Familienoberen lieb Kind zu machen. Wenn sich etwas Gutes ereignet, wartet sie nicht, bis andere es melden, sondern schiebt sich selbst damit in den Vordergrund. Wenn sich aber etwas Schlechtes ereignet, oder sie selbst hat einen Fehler gemacht, dann zieht sie den Kopf ein und wälzt alles auf andere ab. Ja, sie stellt sich noch daneben und schürt das Feuer. Selbst ihre Schwiegermutter, die erste gnädige Frau, hat nur Verachtung für sie und sagt: ‚Sie ist ein Spatz, der hoch hinaus will, eine Krähe, so schwarz wie die anderen auch. Um die eigene Familie kümmert sie sich nicht, für andere aber läuft sie sich die Hacken ab.‘ Wenn nicht die alte gnädige Frau schützend vor ihr stände, hätte sie sie längst zu sich hinübergenommen.“
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„Wer weiß, wie du eines Tages von mir sprechen wirst, wenn du hinter ihrem Rücken so über sie herziehst!“ sagte die zweite Schwester You lächelnd. „Schließlich stehe ich eine ganze Stufe tiefer als sie, da wirst du wohl über mich noch mehr zu erzählen wissen.“
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Sofort fiel Hsing-örl auf die Knie und versicherte: „Müßte ich nicht Angst haben, daß mich der Donner erschlägt, wenn es so wäre, wie Ihr sagt, Herrin? Es wäre für uns alle ein Glück gewesen, wenn der junge Herr gleich beim ersten Mal jemand wie Euch gefunden hätte. Dann hätten wir etwas weniger Schläge und Schelte bekommen und brauchten nicht so in Zittern und Zagen zu leben. Wer von uns Dienern des jungen Herrn lobt Euch nicht heimlich und offen für Eure heilige Tugend und Euer Mitgefühl gegen die Dienerschaft?! Wir haben schon darüber gesprochen, daß wir den jungen Herrn bitten wollen, hierher kommen zu dürfen, um Euch zu dienen.“
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„Steh endlich auf, du Affenbrut!“ sagte die zweite Schwester You lächelnd. „Kaum daß man einen Scherz macht, bekommst du so einen Schreck! Was wolltet ihr hier? Ich frage mich vielmehr, ob nicht ich zu eurer jungen Herrin gehen sollte.“
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„Das dürft Ihr auf gar keinen Fall!“ riet ihr Hsing-örl und winkte dabei sogar mit der Hand ab. „Das beste ist, wenn Ihr sie Euer Leben lang nicht zu Gesicht bekommt. Laßt Euch das gesagt sein, Herrin. Wenn sie auch honigsüße Reden führt, ist doch ihr Herz gallebitter. Sie ist falsch und verlogen, während sie Euch mit den Augen anlächelt, zieht sie Euch mit dem Fuß die Beine weg. Sie lodert förmlich vor Liebenswürdigkeit, doch heimlich hält sie schon den Dolch in der Hand. Sie ist einfach zu allem fähig. Wahrscheinlich kann nicht einmal die dritte Tante mit ihrer flinken Zunge gegen sie an, wie sollte ihr da ein gütiger, gesitteter Mensch gewachsen sein, wie Ihr es seid?!“
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„Aber was kann sie mir anhaben, wenn ich ihr mit Respekt begegne?“ fragte die zweite Schwester You.
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„Ihr müßt nicht denken, daß ich vielleicht flunkere, weil ich den Wein getrunken habe“, sagte Hsing-örl. „Selbst wenn Ihr höflich und zuvorkommend seid, wird sie Euch dennoch nie in Frieden lassen, sobald sie festgestellt hat, daß Ihr schöner und beliebter seid als sie. Wenn andere eine Essigflasche sind, so ist sie ein Essigkrug, ja ein ganzer Essigkübel. Wenn der junge Herr eine von den Mägden zu aufmerksam ansieht, bekommt sie es fertig und läßt sie vor seinen Augen windelweich prügeln.
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Obwohl doch Fräulein Ping-örl seine Beischläferin ist, macht sie es ihr zehnmal zum Vorwurf, wenn sie in ein oder zwei Jahren auch nur einmal mit dem jungen Herrn zusammen ist. Sie hat ihr deswegen so zugesetzt, daß Fräulein Ping-örl in Wut geriet und geheult und getobt hat. ‚Ich bin schließlich nicht auf eigenen Wunsch geworden, was ich bin‘, hat sie gesagt. ‚Ihr habt mir immer wieder zugeredet, und als ich nicht nachgeben wollte, habt Ihr gesagt, das sei Auflehnung. Und jetzt kommt Ihr mir so.‘ Da hat die Herrin sie zufriedengelassen und hat sich sogar bei ihr entschuldigt.“
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„Jetzt lügst du aber!“ wandte die zweite Schwester You lächelnd ein. „Was sollte so eine Hexe von einer Beischläferin fürchten?“
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„Dazu sagt der Volksmund ‚Alles auf der Welt läßt sich vernünftig erklären‘“, entgegnete Hsing-örl. „Diese Ping-örl ist von klein auf ihre Magd, und von den vieren, die sie bei ihrer Hochzeit mitgebracht hat, ist sie die einzige Vertraute, die ihr geblieben ist, die andern sind verheiratet worden beziehungsweise gestorben. Zur Beischläferin des jungen Herrn hat sie sie gemacht, um zum einen zu zeigen, wie gütig sie ist, und zum andern, um das Herz des jungen Herrn zu fesseln, damit er nicht fremd geht.
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Außerdem gab es noch einen Grund: Nach den Regeln des Hauses bekommt jeder der jungen Herren, wenn er erwachsen, aber noch nicht verheiratet ist, zwei ‚Aufwärterinnen‘. Die hatte auch unser junger Herr, aber als die junge Herrin ins Haus gekommen war, dauerte es nicht einmal ein halbes Jahr, da hatte sie die beiden unter irgendwelchen Vorwänden weggeschickt. Dagegen konnte zwar niemand gut etwas sagen, aber ihr selbst war es peinlich, und so hat sie Fräulein Ping-örl gezwungen, die Beischläferin des jungen Herrn zu werden.
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Dieses Fräulein Ping-örl ist ein rechtschaffener Mensch. Sie hat sich die Sache nie zu Herzen genommen und denkt auch nicht daran, die beiden gegeneinander aufzubringen. Statt dessen dient sie ihrer Herrin treu und aufrichtig, und nur deswegen wird sie von ihr geduldet.“
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„So ist das also!“ sagte die zweite Schwester You. „Aber ich habe gehört, es gibt bei euch noch eine verwitwete junge Herrin und ein paar junge Fräulein. Wie finden die sich denn damit ab, wenn die junge Herrin so gräßlich ist?“
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Lächelnd klatschte Hsing-örl in die Hände und sagte: „Ihr kennt unsere junge Witwe nicht, Herrin. Ihr Spitzname ist Großer Bodhisattwa, denn sie ist der gütigste Mensch, den man sich denken kann. Außerdem gibt es in den Hausregeln auch dafür Festlegungen. Verwitwete junge Herrinnen haben sich nicht um das Hauswesen zu kümmern, sondern still und zurückgezogen ihre Witwenschaft zu pflegen. Weil viele junge Fräulein im Hause sind, hat man ihr diese anvertraut, damit sie ihnen Lesen und Schreiben, Nadelarbeiten und Sittlichkeit beibringt. Das ist ihre einzige Aufgabe, um andere Dinge kümmert sie sich nicht.
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Nur weil die zweite junge Herrin schon so lange krank ist und viele Dinge zu erledigen waren, hat sie eine Zeitlang ausgeholfen. Aber große Entscheidungen hat sie dabei auch nicht getroffen, statt dessen hat sie sich an die herkömmlichen Regeln gehalten, nicht so wie die zweite junge Herrin, die stets viel Gewese macht, um ihre Tüchtigkeit zur Schau zu stellen.
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Von unserm ältesten Fräulein ist nicht viel zu sagen. Wenn sie nicht ihre Vorzüge besäße, hätte sie auch nicht so großes Glück erfahren. Das zweite Fräulein heißt mit Spitznamen die Holzpuppe, denn sie würde nicht einmal au! sagen, wenn man sie pikte. Das dritte Fräulein wird die Rose genannt...“
 
Sofort fragten beide Schwestern You, was das zu bedeuten habe, und Hsing-örl erklärte: „Eine Rose ist schön und duftig, und jedermann mag sie, aber sie hat auch Stacheln, an denen man sich die Finger zersticht. Auch sie ist wunderbar begabt, aber leider hat nicht die gnädige Frau sie geboren, sie ist ein Phönix aus einem Krähennest. Unser viertes Fräulein ist noch klein. Sie ist in Wirklichkeit die leibliche Schwester des jungen Herrn Dschën, aber da sie schon im Kindesalter die Mutter verlor, mußte unsere gnädige Frau sie auf Befehl der alten gnädigen Frau zu sich nehmen und großziehen, auch sie hat mit der Haushaltsführung nichts zu tun.
 
Sofort fragten beide Schwestern You, was das zu bedeuten habe, und Hsing-örl erklärte: „Eine Rose ist schön und duftig, und jedermann mag sie, aber sie hat auch Stacheln, an denen man sich die Finger zersticht. Auch sie ist wunderbar begabt, aber leider hat nicht die gnädige Frau sie geboren, sie ist ein Phönix aus einem Krähennest. Unser viertes Fräulein ist noch klein. Sie ist in Wirklichkeit die leibliche Schwester des jungen Herrn Dschën, aber da sie schon im Kindesalter die Mutter verlor, mußte unsere gnädige Frau sie auf Befehl der alten gnädigen Frau zu sich nehmen und großziehen, auch sie hat mit der Haushaltsführung nichts zu tun.
Ihr wißt vielleicht nicht, Herrin, daß wir außer diesen vier Fräulein noch zwei weitere bei uns haben, wie sie im Himmel schwer zu finden und auf Erden ohnegleichen sind. Die eine ist die Tochter der verstorbenen Schwester unseres gnädigen Herrn und heißt mit Familiennamen Lin, ihr Rufname ist wohl Dai-yü. In ihrem Aussehen und ihrer Gestalt gibt sie der dritten Tante nichts nach, und sie strotzt nur so von Bildung. Nur hat sie auch vielerlei Krankheiten, und selbst bei solchem Wetter wie jetzt muß sie gefütterte Kleider tragen. Wenn sie hinausgeht, wirft jeder Windhauch sie um. Deshalb nennen wir sie, respektlos, wie wir sind, die kränkelnde Hsi-schï0.
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Ihr wißt vielleicht nicht, Herrin, daß wir außer diesen vier Fräulein noch zwei weitere bei uns haben, wie sie im Himmel schwer zu finden und auf Erden ohnegleichen sind. Die eine ist die Tochter der verstorbenen Schwester unseres gnädigen Herrn und heißt mit Familiennamen Lin, ihr Rufname ist wohl Dai-yü. In ihrem Aussehen und ihrer Gestalt gibt sie der dritten Tante nichts nach, und sie strotzt nur so von Bildung. Nur hat sie auch vielerlei Krankheiten, und selbst bei solchem Wetter wie jetzt muß sie gefütterte Kleider tragen. Wenn sie hinausgeht, wirft jeder Windhauch sie um. Deshalb nennen wir sie, respektlos, wie wir sind, die kränkelnde Hsi-schï<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 6 (Hsi-dsï) und zu S. 526.</ref>.
 
Die andere ist die Tochter der Schwester unserer gnädigen Frau und heißt mit Familiennamen Hsüä, ihr Rufname ist Bau-tschai oder so ähnlich. Sie scheint ganz und gar aus Schnee gemacht zu sein. Jedesmal wenn die beiden durchs Tor gehen oder in den Wagen steigen und wir einen Blick von ihnen erhaschen, ist es, als hätte uns ein Spuk oder ein Zauber gebannt, und wir halten den Atem an.“   
 
Die andere ist die Tochter der Schwester unserer gnädigen Frau und heißt mit Familiennamen Hsüä, ihr Rufname ist Bau-tschai oder so ähnlich. Sie scheint ganz und gar aus Schnee gemacht zu sein. Jedesmal wenn die beiden durchs Tor gehen oder in den Wagen steigen und wir einen Blick von ihnen erhaschen, ist es, als hätte uns ein Spuk oder ein Zauber gebannt, und wir halten den Atem an.“   
 
  „Nach den Regeln der großen Familien müßtet ihr euch doch abseits und versteckt halten, wenn die jungen Fräulein erscheinen, auch wenn ihr schon als Kinder ins Haus gekommen seid“, hielt ihm die zweite Schwester You lächelnd vor.
 
  „Nach den Regeln der großen Familien müßtet ihr euch doch abseits und versteckt halten, wenn die jungen Fräulein erscheinen, auch wenn ihr schon als Kinder ins Haus gekommen seid“, hielt ihm die zweite Schwester You lächelnd vor.
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Alle, die im Zimmer waren, wollten sich darüber vor Lachen ausschütten.
 
Alle, die im Zimmer waren, wollten sich darüber vor Lachen ausschütten.
 
Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.
 
Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.
66. Ein empfindsames Mädchen betritt aus verschmähter Liebe das Reich der Toten,
 
ein gefühlskalter Jüngling entsagt nach jäher Ernüchterung der Welt des Scheins.
 
 
Lachend gab Bau Örls Frau Hsing-örl einen Klaps und sagte: „Es ist schon etwas Wahres daran, aber du dichtest so viel Unsinn dazu, daß man dir einfach nicht glauben kann. Deinem Gerede nach sollte man meinen, du gehörst nicht zum Gefolge des zweiten jungen Herrn, sondern zu Bau-yüs Leuten.“
 
Eben wollte die zweite Schwester You eine weitere Frage stellen, da kam ihr die dritte Schwester zuvor und erkundigte sich lächelnd: „Was macht eigentlich euer Bau-yü, außer zur Schule zu gehen?“
 
„Nach ihm solltet Ihr lieber nicht fragen, Frau Tante“, erwiderte Hsing-örl mit lächelnder Miene. „Denn wenn ich von ihm erzähle, werdet Ihr mir vielleicht nicht glauben. Groß, wie er ist, hat er nie einen ordentlichen Unterricht besucht. Welcher Mann in unserm Hause, vom alten Ahnherrn bis zu unserem jungen Herrn, hätte nicht zehn Jahre lang die Schulbank gedrückt?! Er aber mag nicht lernen, der Liebling der alten gnädigen Frau. Zu Anfang hat der gnädige Herr noch versucht, ihn zu bändigen, jetzt aber wagt er das nicht mehr.
 
Bau-yü gebärdet sich stets wie verrückt. Was er sagt, versteht keiner, und was er tut, weiß keiner. Alle sehen nur, daß er hübsch ist, und meinen, er müsse natürlich auch klug sein. In Wirklichkeit aber ist er äußerlich klar und innerlich trüb. Wenn er mit Leuten zusammentrifft, weiß er keinen einzigen Satz zu sagen, und sein Glück ist nur, daß er ein paar Schriftzeichen kennt, obwohl er keine Schule besucht hat. Weder treibt er literarische Studien, noch macht er militärische Übungen, und Besucher zu empfangen fürchtet er sich. Nur immer mit den Mädchen herumtollen möchte er.
 
Er hat auch kein Gefühl dafür, wo Härte angebracht ist und wo Nachgiebigkeit. Wenn er uns sieht, und er hat gute Laune, dann tobt er mit uns zusammen herum, ohne einen Unterschied zwischen hoch und niedrig zu machen. Ist er aber nicht bei Laune, dann geht er allein seines Weges und kümmert sich um niemand. Wenn wir herumsitzen oder herumliegen und ihn nicht beachten, macht er uns keine Vorwürfe. Deshalb hat niemand Respekt vor ihm, und jeder kommt bei ihm durch, wie es ihm paßt.“
 
„So redet ihr, wenn die Herrschaft großzügig ist, wenn sie aber streng ist, beklagt ihr euch“, sagte die dritte Schwester You lächelnd. „Da sieht man, wie schwer mit euch auszukommen ist.“
 
„Er hatte uns gut gefallen, und dabei steht es so mit ihm“, bemerkte die zweite Schwester You. „Schade um so einen guten Jungen!“
 
„Glaub doch nicht, was er uns hier erzählt, Schwester!“ wandte die dritte Schwester You ein. „Wir haben ihn doch selbst schon öfter als ein- oder zweimal gesehen. Sein Benehmen, seine Ausdrucksweise und seine Eßgewohnheiten haben etwas Mädchenhaftes, aber das liegt einfach daran, daß er es aus den inneren Gemächern so gewöhnt ist. Dumm ist er nicht.
 
Erinnerst du dich, wie wir in der Trauerzeit mit ihm zusammen waren? An dem Tag, als die Mönche da waren und betend den Sarg umschritten, standen wir alle dabei, und Bau-yü hat sich vor uns gestellt. Die andern sagten, er besäße kein Anstandsgefühl und sei aufdringlich, aber hat er uns nicht später leise gesagt: ‚Ihr müßt nicht denken, ich sei aufdringlich! Ich habe mir gesagt, die Mönche sind schmutzig, und fürchtete, ihr Geruch würde euch durchräuchern.‘ Als er anschließend Tee trank und du auch welchen wolltest, goß dir die Alte den Tee in seine Schale, aber er hat sofort gesagt: ‚Ich habe die Schale verschmutzt, sie muß erst ausgewaschen werden!‘
 
Diese beiden Vorfälle scheinen mir bei nüchterner Betrachtung zu zeigen, daß er mit Mädchen auf jeden Fall auskommen kann. Außenstehende können ihn eben nicht verstehen, weil er nicht den Formen entspricht, die ihnen richtig erscheinen.“
 
„Wenn man dich so hört, möchte man meinen, ihr beide harmoniert miteinander nach Gefühl und Verstand. Wäre es nicht doch gut, dich mit ihm zu verloben?“ fragte die zweite Schwester You lächelnd.
 
In Gegenwart von Hsing-örl konnte die dritte Schwester You nicht gut etwas erwidern, darum senkte sie nur den Kopf und knackte Kürbiskerne.
 
Hsing-örl dagegen sagte lächelnd: „Nach Aussehen, Betragen und Charakter würden sie ein gutes Paar abgeben, aber Bau-yü hat schon jemand, wenn es auch noch nicht bekanntgegeben ist. Ganz ohne Zweifel ist Fräulein Lin seine Zukünftige. Nur weil sie so viel krank ist und sie beide noch zu jung sind, ist es noch nicht dazu gekommen. Aber wenn in zwei, drei Jahren die alte gnädige Frau das entscheidende Wort spricht, wird es bestimmt keine Einwände geben.“
 
Während sie so miteinander plauderten, kam Lung-örl wieder zurück und berichtete: „Der Auftrag des alten gnädigen Herrn ist vertraulich und von größter Wichtigkeit. Er schickt den jungen Herrn deswegen in die Bezirksstadt Ping-an0. Schon in drei bis fünf Tagen soll er sich auf den Weg machen, und für Hin- und Rückreise wird er bestimmt einen halben Monat brauchen. Heute kann der junge Herr nicht mehr kommen. Er läßt die gnädige Frau bitten, alles mit der Frau Tante abzusprechen, damit die Angelegenheit entschieden werden kann, wenn er morgen kommt.“
 
Nach diesen Worten ging Lung-örl wieder fort und nahm auch Hsing-örl mit. Die zweite Schwester You befahl dann, das Tor zu schließen, und ging früh zu Bett. Die ganze Nacht über setzte sie ihrer jüngeren Schwester mit Fragen zu.
 
Am nächsten Tag erschien Djia Liän erst am Nachmittag, und die zweite Schwester You redete ihm zu: „Wenn du etwas Wichtiges zu tun hast, warum mußt du dann hierher kommen, obwohl du in Eile bist? Auf keinen Fall darfst du um meinetwillen deine Pflichten vernachlässigen!“
 
„Es ist ja nichts Besonderes“, erwiderte Djia Liän, „ich muß nur wieder einmal eine weite Reise machen. Sobald der neue Monat begonnen hat, breche ich auf, und einen halben Monat später kann ich erst wieder zurück sein.“
 
„Dann reite nur unbesorgt!“ riet ihm die zweite Schwester You. „Hier brauchst du dir um nichts Sorgen zu machen. Meine Schwester gehört nicht zu denen, die jeden Morgen und jeden Abend die Meinung ändern. Sie hat gesagt, sie bessert sich, also bessert sie sich auch. Und nachdem sie sich einmal jemand ausgesucht hat, brauchst du nur zuzustimmen, und alles ist in Ordnung.“
 
„Wer ist es denn nun?“ fragte Djia Liän.
 
„Er ist jetzt nicht hier, und niemand weiß, wann er zurückkommt“, sagte die zweite Schwester You lächelnd. „Es ist erstaunlich, was meine Schwester für einen Blick hat! Sie sagt, wenn er ein Jahr nicht kommt, wartet sie ein Jahr, und wenn er zehn Jahre nicht kommt, wartet sie zehn Jahre. Wenn er aber tot ist und nie mehr wiederkommt, will sie sich das Haar scheren und Nonne werden, um bis ans Ende ihrer Tage Klosterkost zu essen und zu Buddha zu beten.“
 
„Wer ist es, der ihr Herz so beeindruckt hat?“ fragte Djia Liän erneut.
 
„Das ist eine lange Geschichte“, sagte die zweite Schwester You. „Als unsere Großmutter vor fünf Jahren ihren Geburtstag feierte, ging unsere Mutter mit uns zusammen zu ihr, um ihr ein langes Leben zu wünschen. Die Familie unserer Großmutter hatte eine Truppe von Liebhaberschauspielern zu sich gebeten, unter denen einer war, der junge Männer spielte und Liu Hsiang-liän hieß. In ihn hat sich meine Schwester verliebt und will jetzt nur ihn heiraten und keinen andern. Aber voriges Jahr hörten wir, er habe Unannehmlichkeiten gehabt und sei geflohen. Ob er jetzt wieder zurück ist, wissen wir nicht.“
 
„Schau einer an!“ rief Djia Liän aus, „ich frage mich, was für ein Mensch das sein muß, und nun stellt sich heraus, daß er es ist! Deine Schwester hat wirklich einen guten Blick. Ihr scheint aber nicht zu wissen, daß dieser junge Herr Liu zwar ein schöner Mann ist, aber sehr kühl und reserviert. Mit Durchschnittsmenschen hat er nicht viel im Sinn, aber mit Bau-yü kommt er bestens aus. Im vergangenen Jahr hat er diesen Dummkopf Hsüä Pan verprügelt, und weil es ihm danach peinlich war, mit uns zusammenzutreffen, ist er für eine Weile irgendwohin verschwunden.
 
Später habe ich zwar von jemand gehört, er sei zurückgekommen, aber ich weiß nicht, ob das wirklich stimmt oder nur erdacht ist. Wir brauchen uns nur bei Bau-yüs Knaben danach zu erkundigen, dann wissen wir es. Wenn er aber noch nicht wieder hier ist, kann es bei seiner unsteten Lebensweise leicht sein, daß er erst in einigen Jahren wieder auftaucht. Hieße das nicht, daß deine Schwester ganz umsonst wartet?“
 
„Was meine Schwester sagt, das meint sie auch so“, erwiderte die zweite Schwester You. „Halten wir uns also daran, was sie gesagt hat!“
 
Während die beiden miteinander sprachen, kam die dritte Schwester You dazu und sagte: „Sei unbesorgt, Schwager! Ich gehöre nicht zu den Leuten, deren Mund etwas anderes spricht, als das Herz empfindet. Was ich sage, das gilt. Wenn Liu kommt, dann heirate ich ihn. Von heute an werde ich fleischlose Kost essen, zu Buddha beten und meiner Mutter dienen, bis er kommt und ich ihn heiraten kann. Wenn er aber auch in hundert Jahren nicht kommt, dann will ich gehen und mich Andachtsübungen widmen.“
 
Mit diesen Worten schlug sie einen jadenen Haarpfeil in zwei Hälften und setzte hinzu: „Wenn auch nur ein einziger Satz unwahr ist, soll es mir so ergehen wie diesem Haarpfeil!“ Dann begab sie sich in ihr Zimmer, und von Stund an gab es bei ihr keine Bewegung und kein Wort mehr, die nicht den Riten entsprochen hätten.
 
Djia Liän konnte nichts weiter tun, als mit der zweiten Schwester You noch ein paar Haushaltsangelegenheiten zu besprechen, dann kehrte er ins Jung-guo-Anwesen zurück und beriet sich mit Hsi-fëng über seine Abreise. Außerdem aber schickte er jemand zu Ming-yän, um sich nach Liu Hsiang-liän zu erkundigen, und Ming-yän sagte: „Ich habe wirklich keine Ahnung. Aber wahrscheinlich ist er noch nicht wieder zurück, sonst müßte ich davon wissen.“ Auch bei Lius Nachbarn ließ Djia Liän nachfragen, aber sie sagten ebenfalls, er sei noch nicht wieder da, und so konnte Djia Liän der zweiten Schwester You nichts anderes mitteilen als dies.
 
Inzwischen kam der Termin für die Abreise immer näher, und schließlich sagte Djia Liän zwei Tage zu früh, er breche nun auf, während er sich in Wirklichkeit zunächst zur zweiten Schwester You begab, wo er noch zwei Nächte verbrachte, ehe er von hier aus die Reise in aller Stille wirklich antrat. Er konnte sich davon überzeugen, daß die dritte Schwester You gleichsam ein neuer Mensch geworden war, und er sah auch, daß die zweite Schwester You den Haushalt sehr umsichtig führte, so daß er sich wirklich keine Sorgen zu machen brauchte.
 
Als der Tag des Aufbruchs gekommen war, verließ Djia Liän früh am Morgen die Stadt und schlug den Weg nach Ping-an ein. Am Tage ritt er, bei Nacht rastete er, wenn er durstig war, trank er, und wenn er hungrig war, aß er. Eben war er den dritten Tag unterwegs, da kamen ihm Packpferde und ein Trupp von etwa zehn Reitern, Herren und Diener, entgegen, und als er näher kam, erkannte er, daß es niemand anders als Hsüä Pan und Liu Hsiang-liän waren. Zutiefst verwundert ließ Djia Liän seinem Pferd die Zügel locker, und als er heran war und sie einander begrüßt und die üblichen Phrasen gewechselt hatten, kehrten sie in einem Wirtshaus ein, um zu rasten und sich auszusprechen.
 
„Nachdem ihr euren Krach miteinander hattet, wollten wir euch sofort wieder versöhnen, aber von Bruder Liu fehlte jede Spur. Wie kommt es, daß ihr heute zusammen seid?“ erkundigte sich Djia Liän lächelnd.
 
„Es gibt schon seltsame Dinge auf dieser Welt!“ erwiderte Hsüä Pan, ebenfalls lächelnd. „Ich hatte mit meinen Gehilfen zusammen Waren eingekauft, dann machten wir uns im Frühjahr auf den Heimweg und hatten auch eine gute Reise. Als wir jedoch neulich an die Bezirksgrenze von Ping-an kamen, stießen wir auf eine Bande von Räubern, die uns alles abnahmen, was wir hatten. Dann aber tauchte plötzlich Bruder Liu auf, schlug die Räuber in die Flucht, jagte ihnen unsere Waren wieder ab und rettete uns das Leben.
 
Meine Dankgeschenke wollte er nicht annehmen, statt dessen haben wir miteinander Brüderschaft auf Leben und Tod geschlossen. Jetzt sind wir zusammen auf dem Weg in die Hauptstadt, und in Zukunft werden wir wie leibliche Brüder leben. Am nächsten Kreuzweg müssen wir uns allerdings noch einmal trennen, denn zweihundert Li südlich von dort wohnt eine Tante von Bruder Liu, die er besuchen will. Ich aber reise vor, und sobald ich meine Angelegenheiten geregelt habe, suche ich ihm ein Haus und eine gute Frau, und dann kann das Leben beginnen.“
 
„So ist das also! Und wir haben uns Sorgen gemacht“, sagte Djia Liän. Und da schon von der Suche nach einer Frau die Rede war, fügte er rasch hinzu: „Ich wüßte eine Partie, die gerade das Richtige für Bruder Liu ist.“ Und er erzählte, wie er die zweite Schwester You zu seiner Frau gemacht hatte und daß er jetzt ihre jüngere Schwester verheiraten wollte. Nur daß die dritte Schwester You ihren Bräutigam selbst bestimmt hatte, verschwieg er. Dann schärfte er Hsüä Pan noch ein: „Du darfst aber zu Hause nichts davon erzählen! Sobald sie mir einen Sohn geboren hat, werden sie es natürlich erfahren.“
 
Hsüä Pan fand größtes Gefallen an der Sache und sagte: „Das hättest du längst machen sollen. Schließlich ist Kusine Hsi-fëng selbst daran schuld...“
 
„Du vergißt dich wieder einmal, wirst du wohl den Mund halten!“ unterbrach ihn Liu Hsiang-liän lächelnd.
 
Wirklich hielt Hsüä Pan rasch damit inne und lenkte ab: „Also, diese Verlobung müssen wir unbedingt zustande bringen!“
 
„Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, nur eine einmalige Schönheit zur Frau zu nehmen“, erklärte Liu Hsiang-liän, „aber aus Achtung vor meinen werten Brüdern will ich mich nicht lange bedenken, sondern eurem Urteil folgen und jeden Befehl akzeptieren.“
 
„Worte sind natürlich kein Beweis“, sagte Djia Liän, „aber wenn du meine Schwägerin erst siehst, wirst du feststellen, daß sie nach Charakter und Aussehen nicht ihresgleichen hat, soweit du auch in der Geschichte zurückgehen magst.“
 
Hocherfreut sagte Liu Hsiang-liän: „Wenn das so ist, wollen wir nur warten, bis ich meine Tante besucht habe! Noch in diesem Monat werde ich in der Hauptstadt sein, dann können wir die Sache festmachen. Wie wäre das?"
 
„Unser Wort soll als Abmachung gelten!“ sagte Djia Liän. „Nur habe ich nicht das rechte Vertrauen zu dir, Bruder Liu, denn deine Spuren sind unstet wie Entengrütze und Meereswellen. Es wäre schade um das Mädchen, wenn du spurlos verlorengehst. Darum mußt du mir ein Verlobungsgeschenk lassen.“
 
„Bricht ein Mann von Charakter vielleicht sein Wort?“ fragte Liu Hsiang-liän. „Außerdem bin ich bitterarm, und wer hat schon auf Reisen ein Verlobungsgeschenk bei sich?“
 
„Habe ich nicht Sachen genug? Davon kann doch mein Vetter etwas bekommen und mitnehmen“, erbot sich Hsüä Pan.
 
Aber lächelnd wehrte Djia Liän ab: „Es muß weder Gold noch Seide sein, sondern irgend etwas aus dem persönlichen Besitz von Bruder Liu. Der Wert spielt dabei keine Rolle, ich will es nur mitnehmen, damit es als Unterpfand dient.“
 
„Wenn es so ist“, sagte Liu Hsiang-liän, „kommt, da ich dieses Schwert hier zu meiner Selbstverteidigung brauche und mich nicht davon trennen kann, nur eines in Frage, nämlich ein Paar Ente-Erpel-Schwerter0, das ich in meinem Gepäck habe. Es ist ein Familienerbstück, das ich ohnehin nicht zu benutzen wage und nur ständig bei mir trage, damit es wohlbehütet ist. Das kann Bruder Djia als Verlobungsgeschenk mitnehmen. Wenn ich auch den Charakter von fließendem Wasser und fallenden Blüten habe, auf dieses Schwerterpaar würde ich nie verzichten.“
 
Als die Sache auf diese Weise abgemacht war, tranken sie noch einige Becher, dann saßen sie wieder auf, verabschiedeten sich und ritten weiter.
 
Wahrhaftig:
 
Ohne vom Pferd zu steigen,
 
sprengten die Feldherrn davon.
 
Eines Tages traf Djia Liän dann in Ping-an ein, wurde vom dortigen Ortskommandanten empfangen und entledigte sich seines Auftrages. Er erhielt die Weisung, um den zehnten Monat herum unbedingt noch einmal wiederzukommen, und nachdem er diesen Befehl entgegengenommen hatte, machte er sich schon am nächsten Tag wieder auf den Heimweg.
 
Als erstes besuchte Djia Liän die zweite Schwester You. Sie hatte sich nach seiner Abreise höchst aufmerksam ihrem Haushalt gewidmet, hatte Tag für Tag das Tor verschlossen gehalten und sich nicht im geringsten um die Außenwelt gekümmert. Auch ihre jüngere Schwester hatte bewiesen, daß sie einen eisernen Willen besaß. In den Stunden, in denen sie nicht damit beschäftigt war, ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester aufzuwarten, zog sie sich still zurück und verbrachte die Zeit, wie es ihrer Stellung entsprach. Obwohl die einsamen Nächte ungewohnt still für sie waren, hoffte sie nur, daß Liu Hsiang-liän bald käme, damit sie die wichtigste Angelegenheit ihres Lebens verwirklichen konnte, und schlug sich jeden Gedanken an einen anderen aus dem Kopf. Als Djia Liän jetzt ins Haus trat und dieser Umstände gewahr wurde, fand seine Freude kein Ende, und er war tief beeindruckt von der Tugend der zweiten Schwester You. Nachdem sie die einleitenden Floskeln über das Wetter gewechselt hatten, erzählte Djia Liän, wie er unterwegs Liu Hsiang-liän begegnet war. Dann holte er das Schwerterpaar hervor und übergab es der dritten Schwester You. Diese sah, daß die Scheide mit Drachen und Ungeheuern verziert war und von Perlen und Edelsteinen funkelte. Als sie sie abzog, zeigten sich zwei eng aneinanderliegende Klingen, von denen eine die Aufschrift ‚Erpel‘, die andere die Aufschrift ‚Ente‘ trug. Ihr kalter Glanz erinnerte an zwei Streifen herbstliches Wasser.
 
Überglücklich nahm die dritte Schwester You das Schwerterpaar in Verwahrung und hängte es in ihrem Zimmer über das Bett. Jeden Tag sah sie es an und sagte sich lächelnd, nun habe sie für den Rest ihres Lebens eine Stütze gefunden.
 
Djia Liän blieb zwei Tage, dann begab er sich nach Hause, erstattete seinem Vater Bericht und entbot allen Familienangehörigen seinen Gruß. Hsi-fëng ging es inzwischen schon viel besser, sie hatte die Leitung des Hauswesens wieder übernommen und konnte auch wieder gehen.
 
Djia Liän berichtete auch Djia Dschën, was sich ereignet hatte, aber dieser hatte jegliches Interesse daran verloren, weil er eine neue Freundschaft geknüpft hatte, und überließ es Djia Liän, nach eigenem Ermessen zu entscheiden. Doch weil er Angst hatte, Djia Liäns Mittel könnten nicht ausreichen, gab er ihm immerhin dreißig Liang Silber. Djia Liän nahm es und gab es an die zweite Schwester You weiter, damit sie eine Aussteuer davon anschaffte.
 
Liu Hsiang-liän traf dann erst im achten Monat in der Hauptstadt ein. Als erstes suchte er das Haus von Tante Hsüä auf, um ihr seinen Respekt zu bezeugen, und wurde dort von Hsüä Kë empfangen. Er mußte erfahren, daß Hsüä Pan den Anstrengungen der Reise und dem Ortswechsel nicht gewachsen gewesen war. Gleich nach seiner Rückkehr war er zusammengebrochen und befand sich noch immer in ärztlicher Behandlung.
 
Als Hsüä Pan erfuhr, Liu Hsiang-liän sei gekommen, ließ er ihn zu sich ins Schlafzimmer bitten, um ihn zu begrüßen. Auch Tante Hsüä ließ die Vergangenheit ruhen und war zutiefst bewegt von Lius Rettungstat. Mutter und Sohn dankten ihm immer wieder, dann kamen sie auf seine Hochzeit zu sprechen und berichteten ihm, alle Vorbereitungen seien getroffen, nur der Tag müsse noch bestimmt werden. Nun fand auch Liu Hsiang-liän mit seinen Dankesbeteuerungen kein Ende.
 
Am nächsten Tag machte Liu Hsiang-liän dann Bau-yü einen Besuch, und als sie sich wiedersahen, fühlten sie sich wie Fische, die man ins Wasser zurückgesetzt hat. Liu Hsiang-liän erkundigte sich nach Djia Liäns heimlicher Eheschließung mit seiner Nebenfrau, und Bau-yü erwiderte lächelnd: „Ich habe zwar von Ming-yän und anderen etwas darüber gehört, aber selbst gesehen habe ich nichts. Ich möchte mich auch nicht darum kümmern. Aber von Ming-yän weiß ich, daß mein Vetter Liän dringend nach dir gesucht hat, allerdings weiß ich nicht, was er dir sagen wollte.“
 
Nun erzählte ihm Liu Hsiang-liän ausführlich, was sich unterwegs ereignet hatte, und Bau-yü sagte lächelnd: „Ich gratuliere, ich gratuliere! So eine Schönheit ist schwer zu finden, sie hat wirklich nicht ihresgleichen in alter und neuer Zeit. Und auch ihrem Wesen nach paßt sie bestens zu dir.“
 
„Aber wenn das so ist, müßte sie doch Freier genug haben“, wunderte sich Liu Hsiang-liän. „Warum hat dein Vetter nur an mich gedacht, obwohl ich mit ihm nie so vertraut gewesen bin, daß er sich um eine Frau für mich Gedanken machen müßte? Unterwegs ging alles so schnell, und er hat immer wieder darauf gedrängt, die Sache festzumachen. Kann denn die Familie des Mädchens einen Bräutigam suchen? Mir sind so meine Zweifel gekommen, und ich habe es schon bereut, ihm mein Schwerterpaar als Verlobungsgeschenk gegeben zu haben. Dann fiel mir ein, daß ich ja dich fragen kann, was dahintersteckt.“
 
„Du bist doch ein besonnener Mensch“, sagte Bau-yü. „Warum gibst du erst ein Verlobungsgeschenk, und dann fängst du an zu zweifeln? Früher hast du gesagt, du willst eine einmalige Schönheit, mehr nicht. Jetzt bekommst du eine, also gib dich zufrieden. Was mußt du noch zweifeln?“
 
„Woher weißt du überhaupt, daß sie so eine Schönheit ist, wenn du nicht einmal von dieser heimlichen Hochzeit etwas Genaues weißt?“ bohrte Liu Hsiang-liän weiter.
 
„Die beiden sind die Töchter der Stiefmutter von Vetter Dschëns Frau“, erklärte Bau-yü. „Ich war drüben einen ganzen Monat lang mit ihnen zusammen, wie sollte ich sie also nicht kennen?! Sie sind wirklich zwei bemerkenswerte Wesen, die nicht nur You – ‚bemerkenswert‘ – heißen.“
 
„An der Sache ist etwas faul, auf keinen Fall lasse ich mich darauf ein“, sagte Liu Hsiang-liän und stampfte mit dem Fuß auf. „Mit Ausnahme der beiden steinernen Löwenfiguren ist doch nichts sauber in eurem Anwesen, wahrscheinlich nicht einmal die Hunde und Katzen. Ich lasse mich nicht zum Hahnrei machen, indem ich mich mit den Resten begnüge, die ein anderer übriggelassen hat!“
 
Bau-yü war rot geworden, als er dies hörte, und sofort schämte sich Liu Hsiang-liän seiner unbedachten Worte. Rasch machte er eine Verbeugung und sagte: „Ich habe den Tod verdient für den Unsinn, den ich schwatze! Aber sag mir wenigstens, wie es um ihren Charakter und ihr Betragen steht!“
 
„Warum fragst du mich, wenn du so genau über alles Bescheid weißt?“ gab Bau-yü lächelnd zurück. „Vermutlich bin doch auch ich nicht sauber.“
 
„Sei doch bitte nicht so empfindlich, ich hatte mich einen Augenblick lang vergessen!“ bat Liu Hsiang-liän.
 
„Mußt du noch einmal damit anfangen?“ fragte Bau-yü und lächelte. „Du scheinst es doch mit Absicht getan zu haben.“
 
Daraufhin verbeugte sich Liu Hsiang-liän zum Abschied und ging hinaus. „Soll ich zu Hsüä Pan gehen?“ fragte er sich. „Aber der liegt erstens krank zu Bett, und zweitens hat er ein leichtfertiges Wesen. Das beste ist, ich gehe hin und verlange mein Verlobungsgeschenk zurück!“ Kaum hatter diesen Entschluß gefaßt, machte er sich auf die Suche nach Djia Liän und fand ihn schließlich in seinem neuen Heim.
 
Als Djia Liän hörte, Liu Hsiang-liän sei gekommen, kannte seine Freude keine Grenze, und sofort ging er hinaus, um ihn willkommen zu heißen. Dann bat er ihn in die inneren Gemächer und machte ihn mit der alten Frau You bekannt. Liu Hsiang-liän verbeugte sich jedoch lediglich vor ihr und nannte sie auch nur „werte Frau Tante“, während er sich selbst als den ‚Spätgeborenen‘ bezeichnete, was Djia Liän reichlich verwirrte.
 
Beim Teetrinken sagte Liu Hsiang-liän dann: „Auf der Reise hat mich der Zufall zu einem überstürzten Entschluß gebracht. Wie konnte ich ahnen, daß meine Tante schon im vierten Monat ein Verlöbnis für mich geschlossen hatte, ohne daß ich einen Einwand dagegen erheben konnte! Wollte ich deinem Wunsch folgen und meine Tante hintergehen, wäre das gegen jedes Prinzip. Wenn mein Verlobunsgeschenk aus Gold oder Seide bestanden hätte, würde ich nicht wagen, es zurückzufordern, dieses Schwerterpaar jedoch hat mir mein Großvater hinterlassen, und so muß ich schon bitten, es mir zurückzugeben.“
 
Bei diesen Worten wurde Djia Liän unwohl zumute, aber er sagte: „Ein Verlobungsgeschenk ist das Unterpfand eines Versprechens. Gerade weil ich befürchtet habe, du könntest es dir anders überlegen, habe ich ein Pfand verlangt. Eine Verlobung kann man nicht nach Belieben schließen und wieder rückgängig machen. Du solltest dir das noch einmal überlegen!“
 
„Gewiß!“ erwiderte Liu Hsiang-liän lächelnd, „ich will auch gern Schuld und Strafe auf mich nehmen, aber nachgeben werde ich in dieser Angelegenheit auf gar keinen Fall.“
 
Als Djia Liän immer noch nicht lockerlassen wollte, stand Liu Hsiang-liän auf und schlug vor: „Setzen wir uns nach draußen, damit ich es dir erkläre, hier können wir schlecht reden!“
 
Nun hatte die dritte Schwester You in ihrem Zimmer alles Wort für Wort mit angehört. Nachdem sie sich mühsam geduldet hatte, bis Liu Hsiang-liän wieder da war, mußte sie jetzt plötzlich hören, daß er die Sache bereute. Daraus schlußfolgerte sie, daß man ihm im Hause der Djias etwas von ihr erzählt haben müsse, weshalb er sie für ein schamloses Ding hielt, das nicht würdig war, seine Frau zu werden.
 
Wenn sie jetzt zuließe, daß er mit Djia Liän hinausging, um die Verlobung endgültig zu annullieren, würde Djia Liän nichts dagegen machen können, und sie würde den Ärger haben. Darum nahm sie, kaum daß Djia Liän sich bereiterklärt hatte hinauszugehen, das Schwerterpaar von der Wand, verbarg die ‚Enten‘-Klinge hinter dem Arm, trat vor die Männer hin und sagte: „Ihr braucht nicht hinauszugehen, um die Sache weiter zu besprechen. Hier ist das Verlobungsgeschenk zurück!“
 
Während ihre Tränen dicht wie Regentropfen fielen, reichte sie Liu Hsiang-liän mit der linken Hand das eine Schwert mit der Scheide, dann holte sie mit der rechten Hand aus und schnitt sich mit einem einzigen Streich die Kehle durch.
 
O weh!
 
Rote Pfirsichblüten bedecken den Boden,
 
nichts hilft dem gestürzten Jadeberg wieder auf.
 
Schon war ihre duftige Seele ins Ungewisse entschwunden.
 
Erschrocken bemühten sich alle noch, sie zu retten, aber vergebens. Laut weinend schimpfte die alte Frau You auf Liu Hsiang-liän, Djia Liän aber packte ihn und befahl, man solle ihn binden und ins Amtsgebäude schaffen. Da trocknete die zweite Schwester You ihre Tränen und redete Djia Liän zu: „Du übertreibst. Er hat sie doch nicht gezwungen, sich zu töten. Sie hat vielmehr aus eigenem Antrieb Selbstmord begangen. Welchen Sinn sollte es also haben, wenn du ihn vor den Beamten bringst? Es werden im Gegenteil nur Ärger und Verdruß daraus entstehen. Darum ist es das beste, du läßt ihn laufen. Wäre das nicht am allereinfachsten?“
 
Djia Liän, der nichts dagegen einzuwenden wußte, ließ Liu Hsiang-liän los und befahl ihm zu verschwinden. Liu Hsiang-liän aber ging nicht fort und sagte unter Tränen: „Ich habe nicht im mindesten geahnt, daß meine edle Gattin so einen standhaften Charakter hatte. Sie war verehrungswürdig, verehrungswürdig!“ Dann warf er sich über den Leichnam und vergoß einen Strom von Tränen. Als ein Sarg gekauft war und die dritte Schwester You hineingebettet wurde, warf er sich auch über den Sarg und weinte bitterlich, ehe er sich endlich verabschiedete und fortging.
 
Draußen wußte er nicht, wohin er sich wenden sollte, und grübelte düster und schweigsam darüber nach, wie schön und wie standhaft die dritte Schwester You doch gewesen war und daß jede Reue zu spät kam.
 
 
Die dritte Schwester You. Aus: Gai Qi 1879.
 
Während er so dahinging, erblickte er plötzlich einen von Hsüä Pans Sklavenjungen, der ihn nach Hause holen sollte. Willenlos ging er mit und wurde in ein Brautgemach geführt, das sehr ordentlich eingerichtet war. Auf einmal hörte es das Klimpern von jadenem Gürtelschmuck, und herein trat die dritte Schwester You.
 
In der einen Hand hielt sie das Schwerterpaar, in der anderen ein Heft und sagte weinend zu ihm: „In meiner törichten Liebe habe ich fünf Jahre lang auf Euch gewartet und nicht geahnt, daß Ihr wirklich ein kaltes Herz und ein kaltes Gesicht habt. Jetzt habe ich diese Torheit mit meinem Leben bezahlt. Auf Geheiß der Fee Warnendes Trugbild muß ich mich in die Wahngefilde der Großen Leere begeben, um die Akten aller in diesen Fall verwickelten Liebesnarren in Ordnung bringen zu lassen. Da ich mich nicht von Euch trennen konnte, bin ich noch einmal gekommen. In Zukunft können wir uns nicht mehr wiedersehen.“
 
Mit diesen Worten wandte sie sich zum Gehen, und als Liu Hsiang-liän, der nicht von ihr lassen wollte, rasch auf sie zutrat, um sie festzuhalten und Näheres zu erfragen, sagte sie: „Ich kam aus dem Himmel der Liebe und verlasse die Erde der Liebe. In meiner letzten Existenz ließ ich mich von der Liebe betören, bin aber dadurch beschämt und erleuchtet worden. Mit Euch habe ich nichts mehr zu schaffen.“ Als sie ausgesprochen hatte, wehte ein wohlriechender Lufthauch, und sie war spurlos verschwunden.
 
Vor Schreck kam Liu Hsiang-liän wieder zu sich, und ihm war, als ob es ein Traum und doch kein Traum gewesen wäre. Er sah sich mit großen Augen um, aber weder Hsüä Pans Sklavenjunge noch das Brautgemach konnte er entdecken. Statt dessen befand er sich in einem verfallenen Tempel, und neben ihm saß ein lahmer Dauistenpriester, der sich die Läuse absuchte. Also stand Liu Hsiang-liän auf, schlug vor dem Dauisten mit der Stirn auf den Boden und erkundigte sich: „Wo sind wir hier und wie ist Euer werter Tempelname, unsterblicher Lehrer?“
 
Lächelnd erwiderte der Dauist: „Ich weiß selber nicht, wo wir hier sind und wer ich bin. Ich wollte mir hier lediglich kurz die Füße ausruhen.“
 
Als Liu Hsiang-liän das hörte, wurde ihm unwillkürlich so kalt, als ob Frost und Eis in seine Knochen drangen. Er zog das ‚Erpel‘-Schwert aus der Scheide und schnitt sich mit einem Ruck die zehntausend Fäden des kummerbringenden Haupthaars ab. Dann folgte er dem Dauisten wer weiß wohin. In einem späteren Kapitel werden wir es erfahren.
 
 
Aus: Jinyuyuan 1889b.
 
67. Dai-yü erblickt Lokalprodukte und gedenkt ihres Heimatortes,
 
Hsi-fëng erfährt ein Geheimnis und verhört einen Sklavenjungen.
 
 
Als sich die dritte Schwester You das Leben genommen hatte, waren die alte Frau You, die zweite Schwester You sowie Djia Dschën und Djia Liän, wie sich von selbst versteht, unbeschreiblich traurig. Rasch ordneten sie an, man solle die Tote einsargen, aus der Stadt schaffen und begraben. Und jetzt, da die dritte Schwester You tot war, wurde Liu Hsiang-liän von einer törichten Liebe zu ihr erfaßt. Doch ein paar ernüchternde Sätze aus dem Mund eines Dauistenpriesters zerstörten den Wahn. Liu Hsiang-liän schnitt sich sein Haar ab wie ein Mönch und verschwand mit dem verrückten Dauisten ins Ungewisse. Doch davon soll einstweilen nicht mehr die Rede sein.
 
Nachdem Tante Hsüä erfahren hatte, Liu Hsiang-liän habe mit der dritten Schwester You ein Verlöbnis geschlossen, war sie innerlich hocherfreut und plante eben voller Begeisterung, ihm ein Haus zu kaufen und einzurichten und einen Glückstag auswählen zu lassen, an dem er die Braut heimführen konnte, um ihm so für die Großherzigkeit zu danken, daß er Hsüä Pan das Leben gerettet hatte. Plötzlich aber lärmten die Sklavenjungen des Hauses: „Die dritte Schwester You hat sich umgebracht!“
 
Das hörten auch die kleinen Sklavenmädchen und berichteten es Tante Hsüä. Ohne den Grund für die Tat zu kennen, seufzte Tante Hsüä darüber aus tiefstem Herzensgrund. Während sie sich noch in Mutmaßungen erging, kam Bau-tschai aus dem Garten herüber. „Hast du davon gehört, mein Kind?“ fragte Tante Hsüä. „Die jüngste Schwester der Frau deines Vetters Dschën, die mit Liu Hsiang-liän, dem Schwurbruder unseres Pan, verlobt war, hat sich aus irgendeinem Grund die Kehle durchgeschnitten. Und auch Liu Hsiang-liän ist irgendwohin verschwunden. Das ist wirklich eine seltsame Sache, die kein Mensch ahnen konnte.“
 
Bau-tschai hörte sich das an, ohne große Aufmerksamkeit darauf zu wenden, und erwiderte: „Nicht umsonst heißt es im Volksmund ‚Wind und Wolken sind unergründlich, Glück und Unglück wechseln fast stündlich.‘ Auch das war ihnen aus ihrer vorigen Existenz vom Schicksal bestimmt. Neulich spracht Ihr davon, daß Ihr für ihn sorgen wolltet, weil er Bruder Pan das Leben gerettet hat. Jetzt aber ist sie tot, und er ist verschwunden. Meiner Meinung nach solltet Ihr der Sache ihren Lauf lassen, ohne Euch um die beiden zu grämen.
 
Bruder Pan aber ist seit fast zwanzig Tagen aus dem Süden zurück, und die Waren, die er dort eingekauft hat, müssen wohl jetzt schon sämtlich versandt worden sein. Die Gehilfen, die er mitgenommen hatte, mußten sich monatelang abmühen. Darum solltet Ihr mit Bruder Pan darüber reden, daß er sie zum Dank dafür einlädt, damit sie nicht denken, wir wüßten nicht, was sich gehört.“
 
Während Mutter und Tochter so miteinander sprachen, kam Hsüä Pan mit Tränen in den Augen von draußen herein. Kaum daß er im Zimmer war, schlug er vor seiner Mutter die Hände zusammen und fragte: „Wißt Ihr schon, was mit Bruder Liu und der dritten Schwester You geschehen ist, Mutter?“
 
„Gerade habe ich es gehört“, antwortete Tante Hsüä. „Und ich sprach eben mit deiner Schwester über den Fall.“
 
„Habt Ihr auch davon gehört, daß Liu Hsiang-liän mit einem Dauisten fortgegangen sein soll, um Mönch zu werden?“ vergewisserte sich Hsüä Pan.
 
„Das macht die Sache um so eigenartiger“, sagte Tante Hsüä, „wie kann ein gescheiter junger Mann wie der junge Liu auf einmal so dumm sein und mit einem Dauisten auf und davon gehen?! Ich finde, du solltest nach ihm suchen, denn ihr wart doch miteinander befreundet, und er besaß weder Eltern noch Geschwister und hat ganz allein hier gelebt. Bestimmt ist er in einem der Tempel oder Klöster hier in der Nähe.“
 
„Als ob ich mir das nicht auch gesagt hätte!“ erwiderte Hsüä Pan. „Kaum daß ich die Nachricht hörte, habe ich mich mit den Knaben zusammen auf die Suche gemacht, aber nirgends war eine Spur von ihm zu entdecken. Ich habe auch die Leute gefragt, aber alle sagen, sie hätten ihn nicht gesehen.“
 
„Wenn du nach ihm gesucht hast, so ist deine Freundespflicht damit erfüllt, auch wenn du ihn nicht gefunden hast“, entschied Tante Hsüä. „Wer weiß, ob es ihm nicht zum Guten ausschlägt, daß er ein Mönch geworden ist! Du aber mußt dich jetzt um den Handel kümmern, und zum andern muß bald geregelt werden, was für deine eigene Hochzeit zu tun ist. Wir haben keine Leute im Haus, auch sagt das Sprichwort ‚Ein Gimpel braucht länger Zeit.‘ Wir müssen vermeiden, daß wir auf einmal unvorbereitet dastehen, daß dieses und jenes fehlt und daß uns die Leute dann auslachen.
 
Außerdem hat auch deine Schwester gerade gesagt, du bist nun schon mehr als einen halben Monat wieder zu Hause, so daß die Waren versandt sein müßten und es daher an der Zeit wäre, für die Gehilfen, die mit dir waren, eine Weintafel herzurichten, um ihnen für ihre Mühen zu danken. Schließlich haben sie dich ein paar tausend Li weit begleitet, haben sich mehr als vier Monate lang abgeplagt und deinetwegen genug Ängste und Beschwernisse auf sich genommen.“
 
„Ihr habt ganz recht, Mutter, und meine Schwester denkt wirklich an alles“, erwiderte Hsüä Pan darauf. „Ich dachte auch schon daran, aber da ich tagelang zu tun hatte,die Waren überallhin zu verschicken, wußte ich kaum mehr, wo mir der Kopf stand. In den letzten Tagen war ich wegen Bruder Liu in Anspruch genommen, auch wenn das ein Schlag ins Wasser war und ich mich umsonst bemühte. Darüber habe ich meine eigentlichen Aufgaben versäumt. Wenn nicht anders, legen wir uns auf morgen oder übermorgen fest und verschicken die Einladungen!“
 
„Das mußt du schon selbst entscheiden“, erklärte Tante Hsüä.
 
Hsüä Pan schien noch etwas sagen zu wollen, da kam einer der Sklavenjungen von draußen herein und meldete: „Euer Hauptgeschäftsführer, Herr Dschang, hat zwei Truhen herbringen lassen und läßt sagen, das seien Sachen, die Ihr privat gekauft habt und die nicht in den Warenlisten stehen. Er habe sie Euch schon eher bringen lassen wollen, aber sie seien unter den vielen Kisten begraben gewesen, so daß er nicht herangekommen sei. Gestern erst seien die letzten Waren versandt worden, darum habe er die Sachen nicht früher als heute bringen lassen können.“ Während er dies sagte, trugen zwei andere Sklavenjungen zwei große Truhen herein, die mit Palmfasergewebe bezogen und zusätzlich mit Brettern verschalt waren.
 
Kaum daß Hsüä Pan die Truhen erblickte, rief er aus: „O weh! Wie konnte ich nur so dumm sein! Diese Sachen habe ich extra für Euch, Mutter, und für dich, Schwester, gekauft, aber anstatt sie euch bringen zu lassen, habe ich sie vergessen, und die Gehilfen mußten sie schicken!“
 
„Du sagst es!“ bemerkte Bau-tschai. „Nur weil du sie ‚extra‘ mitgebracht hast, mußten sie fast zwanzig Tage herumstehen. Wenn du sie ‚nicht-extra‘ mitgebracht hättest, wären sie wahrscheinlich bis zum Jahresende stehengeblieben und dann erst gebracht worden. Mir scheint, du bist aber auch in allem zu liederlich.“
 
„Es muß wohl daran liegen, daß mir unterwegs vor Schreck die Seele aus dem Leib gefahren ist und noch nicht wieder zurückgefunden hat“, entschuldigte sich Hsüä Pan lächelnd.
 
Alle lachten ein Weilchen darüber, dann erhielt eines der kleinen Sklavenmädchen den Auftrag: „Geh hinaus und laß durch die Knaben
 
  
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Revision as of 13:46, 12 April 2026

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Kapitel 65

賈二舍偷娶尤二姐 / 尤三姐思嫁柳二郎

Der zweite junge Herr Jia heiratet heimlich die zweite Tante You; Die dritte Schwester You will den zweiten jungen Herrn Liu heiraten

Djia Liän nimmt heimlich die zweite Schwester You zur Frau,die dritte Schwester You möchte Liu Hsiang-liän zum Mann haben.

Als alles, was Djia Liän mit Djia Dschën und Djia Jung abgesprochen hatte, ins Werk gesetzt war, wurden am zweiten Tag des neuen Monats zunächst die alte Frau You und die dritte Schwester You in die neue Wohnung geschickt. Die alte Frau You mußte zwar erkennen, daß Djia Jung ihnen weit mehr versprochen hatte, aber weil immerhin alles sehr ordentlich war, gaben sich Mutter und Tochter zufrieden. Bau Örl und seine Frau waren gleich vom ersten Zusammentreffen an sehr liebenswürdig und nannten Mutter You nicht anders als ‚alte Dame‘ oder gar ‚alte gnädige Frau‘, während sie die dritte Schwester You mit ‚dritte Tante‘ oder ‚Frau Tante‘ anredeten. Am nächsten Morgen in der fünften Nachtwache wurde die zweite Schwester You in einer schlichten Sänfte gebracht. Weihrauch, Kerzen und Opfergaben standen bereit, das Brautbett war schon gemacht, Wein und Speisen waren zugerichtet, so daß alles seine Ordnung hatte, und bald erschien auch in einer kleinen Sänfte Djia Liän, schmucklos gekleidet. Gemeinsam vollzogen sie ihren Stirnaufschlag vor Himmel und Erde und verbrannten die papiernen Opfergaben. Die alte Frau You sah, daß ihre Tochter von Kopf bis Fuß frisch eingekleidet und neu geschmückt war, wie sie es zu Hause nie gekannt hatte, und führte sie deshalb höchst zufrieden ins Brautgemach. Wie Djia Liän und die zweite Schwester You in dieser Nacht einem Phönixpärchen gleich auf hunderterlei Weise die Freuden der Liebe genossen, braucht nicht erzählt zu werden. Je mehr Djia Liän von der zweiten Schwester You sah und je länger er sie sah, desto besser gefiel sie ihm, und er vermochte ihr gar nicht genug zu schmeicheln. Bau Örl und dem übrigen Gesinde befahl er, sie durchaus nicht anders zu nennen als ‚junge Herrin‘, auch er selbst redete sie so an, und den Namen Hsi-fëng schien er mit einem Pinselstrich aus seinen Gedanken getilgt zu haben. Wenn er gelegentlich einmal nach Hause kam, sagte er nur, er habe im Ning-guo-Anwesen zu tun und könne sich nicht losmachen. Hsi-fëng und die anderen wußten, wie eng sein Verhältnis zu Djia Dschën war, und da sie sich denken konnten, daß es viel zu bereden gab, schöpften sie keinen Verdacht. Das zahlreiche Gesinde dagegen kümmerte sich nicht um solche Dinge, und die wenigen Neugierigen, die stets hinter jedem Klatsch her waren, bemühten sich, Djia Liän gefällig zu sein, um sich dadurch kleine Vorteile zu verschaffen. Wer von ihnen hätte also etwas verraten sollen? Djia Liäns Dankbarkeit gegenüber Djia Dschën kannte keine Grenze. Jeden Monat zahlte Djia Liän fünf Liang Silber für den täglichen Unterhalt der Yous. Wenn er nicht kam, aßen Mutter und Töchter zu dritt, kam er dagegen, aß das Paar nur zu zweit, während Mutter und Tochter sich in ihre Räume zurückzogen und dort aßen. Djia Liän brachte auch all seine Ersparnisse mit, die er im Laufe der Jahre gemacht hatte, und übergab sie der zweiten Schwester You zur Aufbewahrung. Zwischen Decken und Kissen machte er die zweite Schwester You ausführlich mit dem Charakter und dem Verhalten von Hsi-fëng vertraut und versprach ihr, sie ins Haus zu nehmen, sobald Hsi-fëng tot sei. Dagegen hatte die zweite Schwester You natürlich nichts einzuwenden. So begann sich das Leben des kleinen Haushalts von nicht viel mehr als zehn Personen einzuspielen und gestaltete sich höchst angenehm. Ehe man sich‘s versah, waren zwei Monate vergangen. Im Kloster Eiserne Schwelle waren die Totenmessen zu Ende gelesen, und am Abend kehrte Djia Dschën nach Hause zurück. Da er die Stiefschwestern seiner Frau lange nicht gesehen hatte, wollte er sie gern besuchen. Zuerst aber befahl er einem Sklavenjungen, er solle erkunden gehen, ob Djia Liän dort sei oder nicht. Als der Knabe mit der Meldung zurückkam, er sei nicht dort, war Djia Dschën hocherfreut und schickte sein ganzes Gefolge bis auf zwei vertraute Sklavenjungen fort, die ihm das Pferd führen mußten. Als sie das Haus erreichten, war es eben Zeit, die Lampen anzuzünden. Leise traten sie in den Hof, und die beiden Knaben führten das Pferd in den Stall, um dann in die Gesinderäume zu gehen und zu warten. Djia Dschën trat ins Haus, wo gerade erst die Lampen angezündet worden waren, und begrüßte als Erstes die alte Frau You und ihre jüngere Tochter, dann kam auch die zweite Schwester You zu ihnen heraus, und Djia Dschën redete sie wie früher mit ‚Schwägerin‘ an. Als sie Tee tranken und plauderten, fragte Djia Dschën lächelnd: „Wie bist du mit dem Mann zufrieden, den ich dir verschafft habe? Wenn du ihn nicht genommen hättest, würdest du seinesgleichen auch mit der Laterne nicht finden. Demnächst wird dich noch eure ältere Schwester mit Geschenken besuchen kommen.“ Inzwischen hatten die zweite Schwester You befohlen, Wein und Zuspeisen zurechtzumachen und die Türen zu schließen, da sie als Verwandte unter sich waren und so keine Tabus bestanden. Als Bau Örl hereintrat, um seinen Gruß zu entbieten, redete Djia Dschën ihn an: „Ich habe dich hierher geschickt, weil du ein guter Kerl bist. In Zukunft wird es noch größere Dinge für dich zu tun geben. Nur darfst du nicht außer Hause Wein trinken gehen und irgendwelche Dinge anstellen. Selbstverständlich wird es auch Belohnungen für dich geben. Und da der junge Herr Liän viel zu tun hat und die Leute in seinem Anwesen recht gemischt sind, kannst du unbesorgt zu mir kommen, falls es hier an irgend etwas fehlt. Schließlich bin ich sein Vetter und kein Fremder.“ „Ich habe verstanden“, erwiderte Bau Örl. „Wenn ich nicht alles tue, was in meiner Kraft steht, will ich auf meinen Kopf gern verzichten.“ „Das ist es, was du verstehen solltest“, sagte Djia Dschën und nickte dazu. Dann tranken sie zu viert Wein, und da die zweite Schwester You die Situation durchschaute, forderte sie ihre Mutter auf: „Begleitet mich bitte nach drüben, Mutter! Ich bin so furchtsam.“ Auch die alte Frau You hatte begriffen und ging tatsächlich mit hinaus, so daß bei Djia Dschën und der dritten Schwester You nur die kleinen Sklavenmädchen zurückblieben. Als aber Djia Dschën so eng an die dritte Schwester You heranrückte, daß er sie mit Schulter und Wange berührte, und sich hunderterlei Freiheiten herausnahm, konnten es die Sklavenmädchen nicht länger mit ansehen und zogen sich ebenfalls zurück, damit sich die beiden keinen Zwang anzutun brauchten und miteinander treiben konnten, was immer sie wollten. Djia Dschëns Sklavenjungen saßen in der Küche und tranken mit Bau Örl zusammen Wein, während Bau Örls Frau am Herd stand und kochte, als plötzlich die beiden Sklavenmädchen lachend hereinkamen und ebenfalls Wein verlangten. „Anstatt drüben aufzuwarten, schleicht ihr hierher, und wenn man euch ruft, und ihr seid nicht da, gibt es Ärger“, hielt Bau Örl ihnen vor. „Du dummer versoffener Hahnrei, laß dich mit gelber Brühe vollaufen, und wenn du genug hast, dann klemm deinen Schwanz zwischen die Beine und mach deinen Kadaver lang!“ schimpfte seine Frau. „Es hat doch einen Dreck mit dir zu tun, ob sie rufen oder nicht. Und in jedem Falle bin ja ich da. Auch wenn es ein Gewitter gibt, wirst du doch nicht naß.“ Nun verdankte Bau Örl seinen Aufstieg einzig und allein seiner Frau, und für die jüngste Beförderung galt das erst recht. Obwohl er nichts anderes tat als Geld einstecken und Wein trinken, machte ihm doch weder Djia Liän noch jemand anders einen Vorwurf. Darum gehorchte er seiner Frau aufs Wort, gerade als wäre sie seine Mutter gewesen, und so ging er wirklich schlafen, nachdem er genug getrunken hatte.

Seine Frau leistete inzwischen den Sklavenmädchen und den Sklavenjungen Gesellschaft und war bemüht, sich bei ihnen lieb Kind zu machen, weil sie hoffte, sie würden dafür bei Djia Dschën ein gutes Wort für sie einlegen. Da hörten sie, als sie gerade im besten Zuge waren, plötzlich ein Klopfen am Tor, und als Bau Örls Frau rasch hinausging und öffnete, sah sie Djia Liän vom Pferd steigen.

„War irgend etwas?“ fragte er. „Euer Herr Vetter ist hier, er sitzt im westlichen Seitengebäude“, gab Bau Örls Frau leise Auskunft. Daraufhin ging Djia Liän in seinen Schlafraum, wo er die zweite Schwester You und ihre Mutter vorfand, die bei seinem Eintritt verlegene Gesichter machten. Er tat aber so, als ob er nichts merkte, und befahl: „Bring uns schnell Wein! Wir wollen ein paar Becher trinken, damit wir besser schlafen können. Ich bin schrecklich müde heute.“ Rasch trat die zweite Schwester You auf ihn zu und nahm ihm lächelnd das Obergewand ab, dann reichte sie ihm Tee und stellte ihm tausend Fragen. Djia Liän hatte so viel Freude an ihr, daß ihn das Herz unerträglich zu jucken begann. Bald darauf brachte Bau Örls Frau den Wein, und die beiden tranken einander zu. Die alte Frau You mochte nichts trinken und ging in ihr Zimmer, während eines der beiden Sklavenmädchen erschien, um dem Paar aufzuwarten. Als Djia Liäns vertrauter Sklavenjunge Lung-örl das Pferd in den Stall führte und dort schon ein anderes vorfand, das er bei näherer Betrachtung als Djia Dschëns erkannte, konnte er sich denken, was hier vorging, und begab sich in die Küche, wo er richtig auf Hsi-örl und Schou-örl stieß, die schon beim Wein saßen und sich bei seinem Anblick ebenfalls ihr Teil denken konnten. „Du kommst gerade richtig!“ begrüßten sie ihn lächelnd. „Wir haben nämlich mit dem Pferd unseres Herrn nicht Schritt halten können, und um nicht gegen das nächtliche Ausgehverbot zu verstoßen, haben wir hier um ein Nachtquartier gebeten.“ Ebenfalls lächelnd, erwiderte Lung-örl: „Schlaft nur hier, es ist Platz genug auf den Ofenbetten! Mich hat mein Herr hergeschickt, um das Monatsgeld zu bringen. Ich habe es der jungen Herrin ausgehändigt und übernachte ebenfalls hier.“ „Wir haben schon eine Menge getrunken“, sagte Hsi-örl, „komm, trink auch einen Becher!“ Aber kaum hatte Lung-örl sich gesetzt und seinen Becher gehoben, hörten sie plötzlich Lärm aus dem Pferdestall. Dort wollten die beiden Pferde einander nicht an der Krippe dulden und hatten begonnen, sich mit den Hufen zu treten. Rasch setzten Lung-örl und die anderen beiden Knaben ihre Becher nieder und stürzten hinaus. Als sie die Pferde mit viel Mühe wieder zur Ruhe gebracht hatten, banden sie sie an anderer Stelle fest, dann kehrten sie in die Küche zurück. „Ihr drei schlaft hier!“ sagte Bau Örls Frau zu ihnen. „Der Tee ist auch fertig, da gehe ich jetzt.“ Mit diesen Worten ging sie hinaus und machte die Tür hinter sich zu. Hsi-örl, der schon einige Becher getrunken hatte, konnte kaum noch aus den Augen sehen, und als Lung-örl und Schou-örl die Tür abgeschlossen hatten und sich dann wieder nach ihm umsahen, lag er stocksteif auf dem Ofenbett. Also stießen sie ihn an und baten: „Komm hoch und leg dich ordentlich schlafen! Wenn du nur an dich denkst, sind wir beide schlecht dran.“ Aber Hsi-örl erwiderte ihnen: „Heute wollen wir uns ehrlich und gerecht eine tüchtige Portion Sesambrötchen backen! Und wer den Musterknaben spielen will, dem vögele ich seine Mutter gründlich durch!“ Lung-örl und Schou-örl merkten, daß er betrunken war, also verzichteten sie auf überflüssige Worte, bliesen das Licht aus und legten sich schlafen, so gut es ging. Auch die zweite Schwester You hatte den Lärm im Pferdestall gehört und war darüber unruhig geworden. Mit ein paar Worten lenkte sie Djia Liän ab. Djia Liän war schon nach wenigen Bechern in Frühlingsstimmung gekommen, also befahl er, den Wein und die Zuspeisen abzutragen, dann verschloß er die Tür und begann sich auszuziehen. Die zweite Schwester You trug nur eine halblange dunkelrote Jacke, und die schwarzen Wolken ihres Haares hingen lose herab. Mit ihren weingeröteten Wangen sah sie noch lieblicher aus als bei Tage. Djia Liän nahm sie in die Arme und sagte lächelnd: „Alle sagen, meine Hexe sei hübsch, ich aber finde, sie ist nicht würdig, dir die Schuhe zu reichen.“ „Ich bin zwar schön, aber ich habe keinen Charakter“, gab die zweite Schwester You zurück. „Mir scheint, die Häßlichen haben es besser.“ „Das verstehe ich nicht. Wie meinst du das?“ fragte Djia Liän sofort. „Ihr haltet mich alle für ein Dummchen, das von nichts eine Ahnung hat“, klagte die zweite Schwester You unter Tränen. „Wir sind jetzt seit zwei Monaten Mann und Frau, das ist keine lange Zeit, aber es reicht, um zu wissen, daß du nicht dumm bist. Ich werde dir im Leben als Mensch und im Tod als Geist gehören. Als deine Frau werde ich mich mein Leben lang auf dich stützen, wie könnte ich dir also auch nur ein Wort verschweigen?! Ich habe eine Stütze gefunden, aber was wird aus meiner jüngeren Schwester? Das, was jetzt ist, ist nichts für ewig. Es muß dauerhaft für sie gesorgt werden.“ „Sei unbesorgt!“ sagte Djia Liän und lächelte, „ich bin nicht von der eifersüchtigen Sorte. Was gewesen ist, weiß ich, darüber brauchst du nicht zu erschrecken. Es muß dir natürlich peinlich sein, daß mein Vetter der Mann deiner Schwester wird, aber ich werde die Ausnahme machen!“ Mit diesen Worten verließ er den Raum und ging in den westlichen Hof, wo er durchs Fenster sah, daß die Lampen hell brannten und die beiden vergnügt beim Wein saßen. Er schob die Tür auf, trat ins Zimmer und sagte lächelnd: „Ich wollte den Herrn Vetter begrüßen, wenn er schon einmal hier ist.“ Djia Dschën brachte vor Scham kein Wort hervor und hatte keine andere Wahl, als aufzustehen und Djia Liän einen Platz anzubieten. „Was ist dir denn?“ fragte Djia Liän lächelnd. „Haben wir uns nicht immer bestens vertragen? Dafür, was du für mich getan hast, würde ich mich für dich in Stücke hauen lassen, so unendlich dankbar bin ich dir. Wie könnte ich Ruhe finden, wenn du an mir zweifelst? Also benimm dich wieder wie früher, sonst komme ich nie wieder hierher, auch wenn ich dann ohne Sohn sterben muß.“ Bei den letzten Worten kniete er nieder, und verwirrt half ihm Djia Dschën wieder auf. Dabei sagte er nur: „Ich werde alles tun, was du befiehlst, Vetter.“ Sofort rief Djia Liän: „Bringt uns noch Wein, ich will ein paar Becher mit meinem Vetter trinken!“ Dann griff er nach der Hand der dritten Schwester You und forderte sie auf: „Komm her, du sollst auch einen Becher mit dem Vetter deines Mannes trinken!“ „Also, du bist ja einer!“ sagte Djia Dschën lächelnd. „Ich werde diesen Becher leeren!“ Und schon stürzte er den Wein in einem Zug hinunter. Derweilen stieg die dritte Schwester You aufs Ofenbett, wies mit der Hand auf Djia Liän und sagte lächelnd: „Spar dir deine schönen Worte und laß mich ungeschoren! Meinst du, ich wäre blind? Wenn du Schattentheater spielen willst, mußt du aufpassen, daß du nicht ein Loch in den Bildschirm reißt. Du mußt dir nichts vormachen und darfst dir nicht einbilden, wir wüßten nicht, wie es in eurem Hause zugeht. Wenn ihr beide glaubt, bloß weil ihr ein bißchen schnödes Geld ausgegeben habt, könntet ihr uns beide als Huren betrachten und herkommen, um euch mit uns zu amüsieren, habt ihr euch verrechnet. Ich weiß, daß mit deiner Frau kein Auskommen ist und daß du deshalb meine Schwester als Nebenfrau hierher gebracht hast. Aber einen gestohlenen Gong darf man nicht schlagen. Diese Frau Hsi-fëng würde ich gern einmal treffen, nur um zu sehen, wie viele Köpfe und wie viele Hände sie eigentlich hat. Solange ihr nur schön friedlich bleibt, soll alles gut sein, aber wenn ihr euch nur das mindeste leistet, was wir nicht hinnehmen können, bin ich imstande, euch die Gedärme herauszureißen. Und anschließend fechte ich es mit diesem Weibsstück aus, auch wenn es das Leben kostet, sonst will ich nicht länger die dritte Schwester You sein! – Wein trinken wollt ihr? Also los, trinken wir!“ Mit diesen Worten griff sie nach der Kanne, goß sich einen Becher Wein ein und trank ihn zur Hälfte aus. Dann schlang sie den Arm um Djia Liäns Nacken, flößte ihm den restlichen Wein ein und sagte: „Mit deinem Vetter habe ich schon getrunken, jetzt wollen wir es uns miteinander gemütlich machen!“ Djia Liän wurde vor lauter Schreck wieder nüchtern, und auch Djia Dschën hatte nicht erwartet, daß sich die dritte Schwester You so schamlos benehmen könnte. Beide Vettern waren aus den Freudenhäusern einiges gewöhnt, jetzt aber hatten ihnen die Worte eines jungen Mädchens die Sprache verschlagen. Die dritte Schwester You ließ jedoch nicht locker und rief nach ihrer Schwester. „Wenn wir uns schon vergnügen wollen, müssen wir es zu viert tun!“ verlangte sie. „Sagt nicht das Sprichwort ‚Bequemer als zu Hause hat man es nirgends‘? Sie sind Vettern, und wir sind Schwestern, da sind wir uns doch nicht fremd. Also komm nur!“ Der zweiten Schwester You war die Sache höchst unangenehm, und Djia Dschën glaubte, eine Gelegenheit gefunden zu haben, um sich wegzustehlen, aber die dritte Schwester You ließ ihn nicht fort. Jetzt begann Djia Dschën zu bereuen, daß er überhaupt gekommen war, denn das hätte er nie erwartet, daß er und Djia Liän nicht auch mit der dritten Schwester You leichtes Spiel haben sollten. Die dritte Schwester You trug jetzt ihr Haar in einem losen Knoten, ihre dunkelrote Jacke stand halb offen, so daß ihr lauchgelbes Brusttuch und ein Streifen schneeweißes Fleisch zu sehen waren. Ihre Beine in grünen Hosen und roten Strümpfen sowie ihre ‚Goldlotos‘-Füßchen[1] hielt sie keinen Augenblick züchtig still, mal klopfte sie damit auf den Boden, mal öffnete und schloß sie sie. Ihre Ohrgehänge schwangen wie Schaukeln hin und her, ihre weidenblattförmigen Brauen wirkten im Lampenlicht wie dunkler Nebel, und ihr sandelduftender Mund schien wie mit Zinnober betupft. Ihre Augen, die sonst klar wie Herbstwasser strahlten, waren nach dem Weingenuß umflort und verführerisch. Mit all dem stellte die dritte Schwester You nicht nur ihre ältere Schwester in den Schatten, nach dem Urteil von Djia Dschën und Djia Liän verfügte keine einzige von den Frauen vornehmen und geringen Standes, die sie bisher gesehen hatten, über solche Zartheit und solchen Charme. Beide Vettern fühlten sich wie betäubt, und als sie unwillkürlich die Hände nach der dritten Schwester You ausstrecken wollten, hatte die Wollüstigkeit des Anblicks sie selbst dazu unfähig gemacht. Mühelos konnte sich die dritte Schwester You davon überzeugen, daß die beiden nichts anderes mehr kannten und nichts anderes mehr sahen als sie. Sie waren nicht einmal mehr imstande, einen vernünftigen Satz zu äußern, und alles, woran sie noch dachten, waren Wein und Lust. Sie selbst dagegen sprach laut und ungeniert, tat sich keinerlei Zwang an und hielt die beiden kräftig zum Narren. Nicht sie hatten die Männer zur Prostituierten gemacht, sie hatten sich vielmehr vor ihr prostituiert. Als die dritte Schwester You genug getrunken hatte und ihre Stimmung verflogen war, erlaubte sie den beiden nicht, länger zu bleiben, und warf sie kurzerhand hinaus. Dann verschloß sie die Tür und legte sich schlafen. Von nun an brauchten nur die Sklavenmädchen oder die alten Sklavenfrauen etwas nicht recht zu machen, schon schimpfte die dritte Schwester You in den höchsten Tönen über Djia Liän, Djia Dschën und Djia Jung und sagte, die drei hätten eine arme Witwe und ihre verwaisten Töchter schändlich betrogen. Djia Dschën seinerseits wagte von nun an nicht mehr, ohne weiteres in die Gasse der Kleinen Blütenzweige zu kommen. Nur manchmal, wenn die dritte Schwester You in der Stimmung dazu war und ihn durch einen Sklavenjungen einladen ließ, traute er sich noch hierher und fügte sich dann stets ihren Wünschen. Die dritte Schwester You aber hatte von Natur aus die unerträgliche Neigung, sich zusätzlich zu ihrer Schönheit und ihrem Charme extravagant herauszustaffieren und mit zahllosen unzüchtigen Gesten und wollüstigen Posen, die ihr keine andere nachmachen konnte, die Männer dahin zu bringen, daß ihnen das Wasser im Munde zusammenlief und die Sinne ihnen schwanden, daß sie sich ihr nähern wollten und nicht durften, sie fliehen wollten und nicht konnten. Sie völlig verwirrt und kopflos zu machen, darin bestand ihr Vergnügen. Ihre Mutter und ihre Schwester bemühten sich nach Kräften, ihr dieses Benehmen auszureden, aber darauf erwiderte sie: „Du bist dumm, Schwester! Wir sind Mädchen wie Gold und Jade, wenn wir uns für nichts und wieder nichts von diesen Strolchen besudeln ließen, müßten wir ja als ganz und gar unfähig gelten. Zumal sie dieses bösartige Frauenzimmer im Hause haben, und wir nur so lange in Sicherheit sind, wie sie nichts von uns weiß. Sobald sie von uns erfährt, gibt es für sie keinen Grund, sich tatenlos mit diesem Zustand abzufinden, und es wird mit Sicherheit einen gewaltigen Skandal geben. Wer dabei überlebt und wer daran zugrunde geht, ist noch gar nicht abzusehen. Wenn ich nicht jetzt die Gelegenheit nutze, um mich über sie lustig zu machen und sie zu demütigen, um mich an ihnen schadlos zu halten, bleibt nachher von mir nur ein schlechter Ruf zurück, und zur Reue ist es dann zu spät.“ Dieser Rede entnahmen ihre Mutter und ihre Schwester, daß sie nicht gewillt war, auf sie zu hören, und damit mußten sie sich notgedrungen abfinden. In bezug auf Kleidung und Speisen wurde die dritte Schwester You von Tag zu Tag wählerischer. Gab man ihr Silber, dann wollte sie Gold, bekam sie Perlen, verlangte sie Edelsteine. Setzte man ihr fettes Gänsefleisch vor, dann ließ sie statt dessen feiste Enten schlachten, wenn sie nicht gar in Zorn geriet und die Speisen mitsamt dem Tisch umwarf. Gefielen ihr die Kleider nicht, die man ihr zuteilte, dannn zerschlitzte sie sie mit der Schere, mochten sie auch aus Seide oder Brokat sein und nagelneu. Und jeden Streifen, den sie abriß, begleitete sie mit einem Fluch. So hatte Djia Dschën keinen einzigen glücklichen Tag mit ihr und gab nur große Mengen Sündengeld für sie aus. Wenn Djia Liän kam, hielt er sich nur in den Räumen der zweiten Schwester You auf. Er bereute ein wenig, was er getan hatte, aber andererseits war nun einmal die zweite Schwester You eine sehr gefühlvolle Frau, die ihn für den Rest ihrer Tage als Herrn und Meister betrachtete und die auch stets wußte, wo ihn der Schuh drückte. Ihre Nachgiebigkeit und Friedfertigkeit waren zehnmal größer als die von Hsi-fëng, über alles und jedes beriet sie sich mit ihm und erlaubte sich nicht, auf Grund ihrer eigenen Fähigkeiten selbstherrlich zu entscheiden. Auch in Schönheit, Redeweise und Betragen übertraf sie Hsi-fëng noch zu fünf Zehnteln. Aber wenn sie sich auch gebessert hatte, haftete ihr doch, da sie einmal gestrauchelt war, der Makel der Unzüchtigkeit an, durch den alle ihre Vorzüge null und nichtig wurden. Djia Liän aber sagte dazu: „Welcher Mensch ist schon frei von Fehlern? Die Hauptsache ist, er stellt sie ab, sobald er sie einmal erkannt hat.“ Deshalb rührte er nicht an ihre vergangene Unkeuschheit und hielt sich nur an ihre jetzige Güte. So klebten sie aneinander wie Leim und Lack und waren so vertraut miteinander wie Fisch und Wasser. Sie waren ein Herz und eine Seele, schworen sich, miteinander zu leben und zu sterben, und für Hsi-fëng und Ping-örl war in Djia Liäns Gedanken kein Platz mehr. Noch immer redete die zweite Schwester You zwischen Decken und Kissen auf Djia Liän ein: „Berate dich mit deinem Vetter Dschën und such mit ihm zusammen einen eurer Bekannten aus, um ihn mit meiner Schwester zu verloben! Sie hier im Hause zu behalten ist auf die Dauer nicht das Richtige. Was willst du machen, wenn schließlich ein Skandal daraus wird?“ „Ich habe meinen Vetter neulich schon deswegen angesprochen, aber er will einfach nicht von ihr lassen“, berichtete Djia Liän. „Ich habe gesagt: ‚Sie ist ein schönes, fettes Stück Hammelfleisch, nur leider so heiß, daß man sich den Mund daran verbrennt, eine liebliche Rose, aber mit solchen Stacheln, daß man sich die Hände daran zersticht. Wir kriegen sie bestimmt nicht herum, darum ist die einzige Möglichkeit die, jemand zu suchen, um sie zu verloben.‘ Darauf druckste er nur herum und ließ das Thema fallen. Was also soll ich deiner Meinung nach tun?“ „Sei unbesorgt!“ sagte die zweite Schwester You. „Morgen reden wir meiner Schwester noch einmal zu, und wenn sie einverstanden ist, soll sie so weitermachen wie bisher. Wenn ihm das zuviel wird, kann er nicht anders, als sie zu verloben.“ „Völlig richtig!“ stimmte Djia Liän zu. Am nächsten Tag ließ die zweite Schwester You eine besondere Weintafel herrichten, und Djia Liän ging nicht aus dem Hause. Um die Mittagszeit bat sie dann ihre Schwester herüber und nötigte sie mit der Mutter zusammen auf die Ehrenplätze. Da konnte sich die dritte Schwester You denken, worum es ging, und ohne daß ihre Schwester den Mund aufzumachen brauchte, sagte sie nach der dritten Runde Wein unter Tränen: „Wenn du mich heute eingeladen hast, Schwester, willst du bestimmt über ein wichtiges Zeremoniell mit mir sprechen. Aber ich bin keine Närrin, und so brauchen wir die häßlichen Dinge, die es gegeben hat, nicht wieder und wieder aufzuwärmen. Ich weiß das alles, und es hat keinen Sinn, noch darüber zu reden. Nachdem du deinen Platz im Leben gefunden hast und auch Mutter dadurch eine Bleibe hat, muß ich auch für mich eine Lösung finden, damit alles seine Ordnung hat. Aber diese wichtigste Entscheidung im Leben gilt bis ans Grab, und darum ist sie kein Kinderspiel. Ich habe es mir überlegt und will mich in mein Los fügen, aber ich gehe nur mit jemand, der nach meinem Herzen und meinem Sinn ist. Wenn ihr jemand aussucht, und er wäre reich wie Schï Tschung[2], talentiert wie Tsau Dschï[3] und schön wie Pan Yüä[4], wäre mein Leben dennoch vergeudet, wenn er mein Herz nicht gewinnt.“ „Das ist kein Problem“, sagte Djia Liän lächelnd, „wen du uns nennst, der soll es sein. Alle Geschenke geben wir, auch deine Mutter braucht sich keine Sorgen zu machen.“ Weinend erklärte die dritte Schwester You: „Meine Schwester weiß, wen ich meine, ich brauche keinen Namen zu nennen.“ Lächelnd fragte Djia Liän nun die zweite Schwester You, wer es sei, aber diese kam nicht darauf, wen ihre Schwester meinte. Während sie sich gemeinsam den Kopf zerbrachen, glaubte Djia Liän plötzlich, er müsse des Rätsels Lösung gefunden haben, darum klatschte er lächelnd in die Hände und sagte: „Ich weiß es! An ihm ist nichts auszusetzen, du hast wirklich einen guten Blick.“ Nun war es an der zweiten Schwester You zu fragen: „Wer ist es?“ „Wen soll sie wohl anders wollen? Bestimmt ist es Bau-yü!“ sagte Djia Liän lächelnd. Schon glaubten die zweite Schwester You und auch ihre Mutter, Djia Liän müsse recht haben, da spuckte die dritte Schwester You aus und fragte: „Wenn wir zehn Schwestern wären, müßten wir wohl zehn Vettern von euch heiraten, ja? Gibt es vielleicht außer in eurer Familie keine guten Männer mehr auf der Welt?“ Verwundert fragten sich die anderen, wen es sonst noch geben könnte, da sagte die dritte Schwester You: „Ihr dürft nicht nur in der unmittelbaren Umgebung suchen! Denk einmal daran, was vor fünf Jahren war, Schwester, dann hast du es!“ Kaum hatte sie das gesagt, kam plötzlich Djia Liäns vertrauter Sklavenjunge Hsing-örl herein und meldete: „Der alte gnädige Herr verlangt dringend nach Euch. Ich habe gesagt, Ihr wärt drüben im Haus Eures Onkels, und bin dann hierher geeilt, um Euch zu holen.“ „Hat gestern niemand nach mir gefragt?“ erkundigte Djia Liän sich rasch. „Ich habe der jungen Herrin gesagt, Ihr wärt im Familientempel, um mit Herrn Dschën noch etwas wegen des hunderttägigen Totenrituals zu besprechen und könntet wohl nicht nach Hause kommen“, berichtete Hsing-örl. Nun befahl Djia Liän, sein Pferd zu holen, und ritt in Lung-örls Begleitung davon, während Hsing-örl zurückbleiben mußte, um aufzuwarten, falls jemand käme. Die zweite Schwester You reichte ihm zwei Teller mit Speisen, ließ einen großen Becher bringen, den sie für ihn mit Wein füllte, und befahl ihm dann, er solle sich vor das Ofenbett hocken und essen und trinken. Dabei begann sie, ihn gründlich auszufragen. Wie alt seine junge Herrin sei, ob sie wirklich so tückisch sei, wie alt die alte gnädige Frau und die gnädige Frau seien, wie viele junge Fräulein im Haus seien – dies und alle möglichen anderen Familienangelegenheiten wollte sie wissen. Hsing-örl hockte lächelnd vor dem Ofenbett und aß, zugleich gab er der alten Frau You und ihren Töchtern einen ausführlichen Bericht über die Verhältnisse im Jung-guo-Anwesen. Dabei sagte er: „Ich tue Dienst am zweiten Tor, dort arbeiten wir schichtweise in zwei Gruppen zu je vier Mann, zusammen sind wir also acht. Einige von uns sind Vertraute der jungen Herrin, die andern Vertraute des jungen Herrn. Die Vertrauten der jungen Herrin wagen wir nicht herauszufordern, sie aber fordern uns heraus. Die junge Herrin selbst hat ein böses Herz und eine spitze Zunge. Unser junger Herr ist sicher nicht schlecht, aber er gilt nicht viel in ihren Augen. Dann ist da noch seine Beischläferin Ping-örl. Das ist ein guter Mensch. Obwohl sie auf der Seite der jungen Herrin steht, tut sie doch hinter ihrem Rücken viel Gutes. Die junge Herrin vergibt uns nicht, wenn wir einen Fehler gemacht haben, aber sie brauchen wir nur zu bitten, dann ist die Sache erledigt. Die junge Herrin ist in der ganzen Familie bei hoch und niedrig verhaßt, alles andere ist nur Verstellung, weil jeder Angst vor ihr hat. Eine Ausnahme bilden lediglich die alte gnädige Frau und die gnädige Frau. Und das liegt nur daran, daß niemand von den Leuten, die sie zu Gesicht bekommen, an die junge Herrin heranreicht, und weil diese ihnen ständig nach dem Munde redet. Darum wird alles getan, was sie sagt, und niemand wagt, sie zu hindern. Am liebsten möchte sie alle Ausgaben einsparen und das Silber zu einem Berg anhäufen, nur damit die alte gnädige Frau und die gnädige Frau sagen, sie verstehe zu wirtschaften. Wer wüßte nicht, wie sie das Gesinde quält, nur um sich bei den Familienoberen lieb Kind zu machen. Wenn sich etwas Gutes ereignet, wartet sie nicht, bis andere es melden, sondern schiebt sich selbst damit in den Vordergrund. Wenn sich aber etwas Schlechtes ereignet, oder sie selbst hat einen Fehler gemacht, dann zieht sie den Kopf ein und wälzt alles auf andere ab. Ja, sie stellt sich noch daneben und schürt das Feuer. Selbst ihre Schwiegermutter, die erste gnädige Frau, hat nur Verachtung für sie und sagt: ‚Sie ist ein Spatz, der hoch hinaus will, eine Krähe, so schwarz wie die anderen auch. Um die eigene Familie kümmert sie sich nicht, für andere aber läuft sie sich die Hacken ab.‘ Wenn nicht die alte gnädige Frau schützend vor ihr stände, hätte sie sie längst zu sich hinübergenommen.“ „Wer weiß, wie du eines Tages von mir sprechen wirst, wenn du hinter ihrem Rücken so über sie herziehst!“ sagte die zweite Schwester You lächelnd. „Schließlich stehe ich eine ganze Stufe tiefer als sie, da wirst du wohl über mich noch mehr zu erzählen wissen.“ Sofort fiel Hsing-örl auf die Knie und versicherte: „Müßte ich nicht Angst haben, daß mich der Donner erschlägt, wenn es so wäre, wie Ihr sagt, Herrin? Es wäre für uns alle ein Glück gewesen, wenn der junge Herr gleich beim ersten Mal jemand wie Euch gefunden hätte. Dann hätten wir etwas weniger Schläge und Schelte bekommen und brauchten nicht so in Zittern und Zagen zu leben. Wer von uns Dienern des jungen Herrn lobt Euch nicht heimlich und offen für Eure heilige Tugend und Euer Mitgefühl gegen die Dienerschaft?! Wir haben schon darüber gesprochen, daß wir den jungen Herrn bitten wollen, hierher kommen zu dürfen, um Euch zu dienen.“ „Steh endlich auf, du Affenbrut!“ sagte die zweite Schwester You lächelnd. „Kaum daß man einen Scherz macht, bekommst du so einen Schreck! Was wolltet ihr hier? Ich frage mich vielmehr, ob nicht ich zu eurer jungen Herrin gehen sollte.“ „Das dürft Ihr auf gar keinen Fall!“ riet ihr Hsing-örl und winkte dabei sogar mit der Hand ab. „Das beste ist, wenn Ihr sie Euer Leben lang nicht zu Gesicht bekommt. Laßt Euch das gesagt sein, Herrin. Wenn sie auch honigsüße Reden führt, ist doch ihr Herz gallebitter. Sie ist falsch und verlogen, während sie Euch mit den Augen anlächelt, zieht sie Euch mit dem Fuß die Beine weg. Sie lodert förmlich vor Liebenswürdigkeit, doch heimlich hält sie schon den Dolch in der Hand. Sie ist einfach zu allem fähig. Wahrscheinlich kann nicht einmal die dritte Tante mit ihrer flinken Zunge gegen sie an, wie sollte ihr da ein gütiger, gesitteter Mensch gewachsen sein, wie Ihr es seid?!“ „Aber was kann sie mir anhaben, wenn ich ihr mit Respekt begegne?“ fragte die zweite Schwester You. „Ihr müßt nicht denken, daß ich vielleicht flunkere, weil ich den Wein getrunken habe“, sagte Hsing-örl. „Selbst wenn Ihr höflich und zuvorkommend seid, wird sie Euch dennoch nie in Frieden lassen, sobald sie festgestellt hat, daß Ihr schöner und beliebter seid als sie. Wenn andere eine Essigflasche sind, so ist sie ein Essigkrug, ja ein ganzer Essigkübel. Wenn der junge Herr eine von den Mägden zu aufmerksam ansieht, bekommt sie es fertig und läßt sie vor seinen Augen windelweich prügeln. Obwohl doch Fräulein Ping-örl seine Beischläferin ist, macht sie es ihr zehnmal zum Vorwurf, wenn sie in ein oder zwei Jahren auch nur einmal mit dem jungen Herrn zusammen ist. Sie hat ihr deswegen so zugesetzt, daß Fräulein Ping-örl in Wut geriet und geheult und getobt hat. ‚Ich bin schließlich nicht auf eigenen Wunsch geworden, was ich bin‘, hat sie gesagt. ‚Ihr habt mir immer wieder zugeredet, und als ich nicht nachgeben wollte, habt Ihr gesagt, das sei Auflehnung. Und jetzt kommt Ihr mir so.‘ Da hat die Herrin sie zufriedengelassen und hat sich sogar bei ihr entschuldigt.“ „Jetzt lügst du aber!“ wandte die zweite Schwester You lächelnd ein. „Was sollte so eine Hexe von einer Beischläferin fürchten?“ „Dazu sagt der Volksmund ‚Alles auf der Welt läßt sich vernünftig erklären‘“, entgegnete Hsing-örl. „Diese Ping-örl ist von klein auf ihre Magd, und von den vieren, die sie bei ihrer Hochzeit mitgebracht hat, ist sie die einzige Vertraute, die ihr geblieben ist, die andern sind verheiratet worden beziehungsweise gestorben. Zur Beischläferin des jungen Herrn hat sie sie gemacht, um zum einen zu zeigen, wie gütig sie ist, und zum andern, um das Herz des jungen Herrn zu fesseln, damit er nicht fremd geht. Außerdem gab es noch einen Grund: Nach den Regeln des Hauses bekommt jeder der jungen Herren, wenn er erwachsen, aber noch nicht verheiratet ist, zwei ‚Aufwärterinnen‘. Die hatte auch unser junger Herr, aber als die junge Herrin ins Haus gekommen war, dauerte es nicht einmal ein halbes Jahr, da hatte sie die beiden unter irgendwelchen Vorwänden weggeschickt. Dagegen konnte zwar niemand gut etwas sagen, aber ihr selbst war es peinlich, und so hat sie Fräulein Ping-örl gezwungen, die Beischläferin des jungen Herrn zu werden. Dieses Fräulein Ping-örl ist ein rechtschaffener Mensch. Sie hat sich die Sache nie zu Herzen genommen und denkt auch nicht daran, die beiden gegeneinander aufzubringen. Statt dessen dient sie ihrer Herrin treu und aufrichtig, und nur deswegen wird sie von ihr geduldet.“ „So ist das also!“ sagte die zweite Schwester You. „Aber ich habe gehört, es gibt bei euch noch eine verwitwete junge Herrin und ein paar junge Fräulein. Wie finden die sich denn damit ab, wenn die junge Herrin so gräßlich ist?“ Lächelnd klatschte Hsing-örl in die Hände und sagte: „Ihr kennt unsere junge Witwe nicht, Herrin. Ihr Spitzname ist Großer Bodhisattwa, denn sie ist der gütigste Mensch, den man sich denken kann. Außerdem gibt es in den Hausregeln auch dafür Festlegungen. Verwitwete junge Herrinnen haben sich nicht um das Hauswesen zu kümmern, sondern still und zurückgezogen ihre Witwenschaft zu pflegen. Weil viele junge Fräulein im Hause sind, hat man ihr diese anvertraut, damit sie ihnen Lesen und Schreiben, Nadelarbeiten und Sittlichkeit beibringt. Das ist ihre einzige Aufgabe, um andere Dinge kümmert sie sich nicht. Nur weil die zweite junge Herrin schon so lange krank ist und viele Dinge zu erledigen waren, hat sie eine Zeitlang ausgeholfen. Aber große Entscheidungen hat sie dabei auch nicht getroffen, statt dessen hat sie sich an die herkömmlichen Regeln gehalten, nicht so wie die zweite junge Herrin, die stets viel Gewese macht, um ihre Tüchtigkeit zur Schau zu stellen. Von unserm ältesten Fräulein ist nicht viel zu sagen. Wenn sie nicht ihre Vorzüge besäße, hätte sie auch nicht so großes Glück erfahren. Das zweite Fräulein heißt mit Spitznamen die Holzpuppe, denn sie würde nicht einmal au! sagen, wenn man sie pikte. Das dritte Fräulein wird die Rose genannt...“ Sofort fragten beide Schwestern You, was das zu bedeuten habe, und Hsing-örl erklärte: „Eine Rose ist schön und duftig, und jedermann mag sie, aber sie hat auch Stacheln, an denen man sich die Finger zersticht. Auch sie ist wunderbar begabt, aber leider hat nicht die gnädige Frau sie geboren, sie ist ein Phönix aus einem Krähennest. Unser viertes Fräulein ist noch klein. Sie ist in Wirklichkeit die leibliche Schwester des jungen Herrn Dschën, aber da sie schon im Kindesalter die Mutter verlor, mußte unsere gnädige Frau sie auf Befehl der alten gnädigen Frau zu sich nehmen und großziehen, auch sie hat mit der Haushaltsführung nichts zu tun. Ihr wißt vielleicht nicht, Herrin, daß wir außer diesen vier Fräulein noch zwei weitere bei uns haben, wie sie im Himmel schwer zu finden und auf Erden ohnegleichen sind. Die eine ist die Tochter der verstorbenen Schwester unseres gnädigen Herrn und heißt mit Familiennamen Lin, ihr Rufname ist wohl Dai-yü. In ihrem Aussehen und ihrer Gestalt gibt sie der dritten Tante nichts nach, und sie strotzt nur so von Bildung. Nur hat sie auch vielerlei Krankheiten, und selbst bei solchem Wetter wie jetzt muß sie gefütterte Kleider tragen. Wenn sie hinausgeht, wirft jeder Windhauch sie um. Deshalb nennen wir sie, respektlos, wie wir sind, die kränkelnde Hsi-schï[5]. Die andere ist die Tochter der Schwester unserer gnädigen Frau und heißt mit Familiennamen Hsüä, ihr Rufname ist Bau-tschai oder so ähnlich. Sie scheint ganz und gar aus Schnee gemacht zu sein. Jedesmal wenn die beiden durchs Tor gehen oder in den Wagen steigen und wir einen Blick von ihnen erhaschen, ist es, als hätte uns ein Spuk oder ein Zauber gebannt, und wir halten den Atem an.“

„Nach den Regeln der großen Familien müßtet ihr euch doch abseits und versteckt halten, wenn die jungen Fräulein erscheinen, auch wenn ihr schon als Kinder ins Haus gekommen seid“, hielt ihm die zweite Schwester You lächelnd vor.

„Das ist es nicht“, sagte Hsing-örl und winkte ab. „Den strengen Anstandsregeln nach müssen wir uns natürlich verborgen halten, das versteht sich von selbst. Aber auch dann wagen wir nicht zu atmen, weil wir Angst haben, mit unserm Atem könnten wir das Fräulein Lin umblasen oder das Fräulein Hsüä zum Schmelzen bringen.“ Alle, die im Zimmer waren, wollten sich darüber vor Lachen ausschütten. Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.

Anmerkungen

  1. Vgl. o., Anm. zu S. 157.
  2. Vgl. o., Anm. zu S. 316 (der Wein von Djin-gu).
  3. Vgl. o., Anm. zu S. 6 (Dsï-djiän).
  4. Vgl. o., Anm. zu S. 6 (Pan An).
  5. Vgl. o., Anm. zu S. 6 (Hsi-dsï) und zu S. 526.