Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 68"

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=== Die leidgepruefte Frau You wird in den Grossen Garten gelockt; Die bittere Xifeng schlaegt im Ningguo-Anwesen grossen Laerm ===
 
=== Die leidgepruefte Frau You wird in den Grossen Garten gelockt; Die bittere Xifeng schlaegt im Ningguo-Anwesen grossen Laerm ===
  
damit sie ihren Stirnaufschlag vor ihnen macht, und dabei sage ich, sie sei deine Schwester und ich hätte größte Zuneigung zu ihr gefaßt. Wegen meiner Probleme mit dem Kinderkriegen hätte ich bereits die Absicht gehabt, zwei Mädchen als Beischläferinnen zu kaufen, aber weil ich jetzt solchen Gefallen an deiner Schwester gefunden hätte und weil das die Gelegenheit zu einer Doppelverschwägerung geben würde, sei ich gewillt, sie als Nebenfrau ins Haus zu nehmen.
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'''Die unglückliche zweite Schwester You wird in den Garten des Großen Anblicks gelockt,die eifersüchtige Hsi-fëng wütet im Ning-guo-Anwesen.'''
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Als Djia Liän auf die Reise ging, war der Kommandant von Ping-an eben zu einer Grenzinspektion unterwegs und wurde erst in ungefähr einem Monat zurückerwartet. Da Djia Liän noch keine eindeutige Antwort von ihm bekommen hatte, blieb ihm nichts weiter übrig, als sich in einem Gasthaus einzumieten und zu warten. Bis der Kommandant endlich zurück war und sie sich gesehen und die Sache geregelt hatten, war Djia Liän bereits annähernd zwei Monate von zu Hause fort.
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Wer konnte schon ahnen, daß Hsi-fëng alles längst entschieden hatte und nur wartete, bis Djia Liän weit genug fort war! Die verschiedensten Handwerker mußten kommen, und dann ließ sie drei Räume im östlichen Seitenflügel genauso herrichten und ausstatten wie ihre eigenen Zimmer.
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Am vierzehnten teilte Hsi-fëng der Herzoginmutter und Dame Wang mit, sie wolle am nächsten Morgen in aller Frühe ins Nonnenkloster fahren, um dort Weihrauch zu opfern. Von ihrem Gefolge nahm sie nur Ping-örl, Fëng-örl und die Frauen von Dschou Juee und Lai Wang mit, und erst als sie in die Wagen stiegen, eröffnete sie ihnen den wahren Zweck der Aktion. Das männliche Gesinde mußte noch auf ihren Befehl weiße Trauerkleider und kopfbedeckungen anlegen, und dann ging es los.
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Hsing-örl führte den Zug schnurstracks zum Hause der zweiten Schwester You und pochte dort ans Tor. Als Bau Örls Frau öffnete, sagte Hsing-örl lächelnd zu ihr: „Geh und melde der zweiten jungen Herrin, die ältere junge Herrin sei da!“
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Bau Örls Frau flog bei diesen Worten gleich die Seele zum Scheitel hinaus, und sie stürzte nach drinnen, um der zweiten Schwester You Meldung zu machen. Auch die zweite Schwester You erschrak, aber nachdem Hsi-fëng einmal da war, mußte sie sie wohl oder übel dem Ritual entsprechend empfangen. Also ordnete sie rasch ihre Kleider und ging ihr entgegen. Als sie ans Tor kam, war Hsi-fëng eben aus dem Wagen gestiegen und trat nun ein. Auf dem Kopf trug sie schlichten Silberschmuck, gekleidet war sie in ein bläulich-weißes Atlasgewand, einen Umhang aus dunkelblauem Atlas und einen Rock aus feiner weißer Seide. Ihre Brauen waren geschwungene Weidenblätter, deren Spitzen weit in die Höhe ragten, ihre Augen schmale Phönixaugen, aus deren Winkeln der Geist sprühte. Sie war schön wie eine Pfirsichblüte im Frühling, frisch wie eine Chrysantheme im Herbst.
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Von Dschou Juees und Lai Wangs Frau gestützt, trat Hsi-fëng in den Hof. Lächelnd ging ihr die zweite Schwester You zur Begrüßung entgegen und sagte: „Ihr laßt Euch herab, mich zu besuchen, ältere Schwester, ich aber habe verabsäumt, Euch weit entgegenzugehen. Ich bitte, mir dieses Vergehen der Unachtsamkeit zu verzeihen.“ Damit machte sie einen tiefen Knicks.
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Ohne Verzug erwiderte Hsi-fëng den Gruß mit lächelnder Miene, dann traten sie Hand in Hand gleichzeitig ins Haus.
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Nachdem Hsi-fëng Platz genommen hatte, ließ sich die zweite Schwester You von den Sklavenmädchen ein Polster bringen, kniete nieder und sagte: „Ich, Eure Sklavin, bin noch jung an Jahren. Alles, was ich getan habe, seitdem ich hier bin, geschah auf Anraten meiner Mutter und meiner Schwester. Nachdem ich heute das Glück habe, Euch zu begegnen, möchte ich, wenn ich Euch nicht zu gering bin, in allen Dingen um Eure Anweisung und Belehrung bitten. Ich will Euch auch gern mein Innerstes offenbaren, nur um Euch zu dienen, ältere Schwester.“ Mit diesen Worten beugte sie tief den Nacken vor ihr.
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Sofort erhob sich Hsi-fëng von ihrem Sitz, erwiderte den Gruß in der gleichen Weise und sagte: „Alles liegt nur an mir. Ich habe dem jungen Herrn immer geraten, er solle besonnen sein und nicht auswärts bei ‚Blumen und Weiden‘<ref>Euphemistische Bezeichnung für Freudenmädchen.</ref> schlafen, damit er seinen Eltern keinen Kummer bereitet. Diese Bitte entsprang meinem Herzen, das töricht ist wie jedes Frauenherz. Er aber muß mich mißverstanden haben, Denn daß er es mir verschweigt, wenn er im Freudenhaus nächtigt, mag wohl angehen, er aber hat auch so eine wichtige zeremonielle Handlung wie seine Heirat mit Euch vor mir geheimgehalten. Dabei hatte ich ihm selbst schon lange geraten, diesen Schritt zu tun, um uns einen männlichen Nachkommen zu sichern.
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Wider Erwarten scheint er mich aber für eifersüchtig zu halten und hat diese große Angelegenheit heimlich vollzogen, ohne mich etwas davon wissen zu lassen, so daß ich niemand anders meinen Kummer klagen konnte als dem Himmel und der Erde. Erfahren habe ich schon vor zehn Tagen davon, doch weil ich Angst hatte, der junge Herr könnte zürnen, habe ich nichts gesagt. Heute nun ist er fern auf Reisen, deshalb bin ich gekommen, um Euch meinen Respekt zu bezeugen. Zugleich möchte ich Euch bitten, Mitleid mit meinem Herzen zu haben und Euch zu entschließen, zu uns zu ziehen. Nur wenn wir zusammen leben wie Schwestern und den jungen Herrn einmütig ermahnen, er solle die Dinge dieser Welt ernst nehmen und seine Gesundheit schonen, entspricht das den Riten.
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Wenn Ihr außerhalb lebt, ich aber in der Familie, dann wird mein Herz keine Ruhe finden, obwohl ich zu dumm und zu gering bin, um zu Eurer Gesellschaft zu taugen. Überdies würde es auch keinen guten Eindruck machen, wenn Außenstehende davon erführen. Um meinetwillen würde ich nicht grollen, wenn man über uns herzieht, der Ruf des jungen Herrn ist es, was zählt. Deshalb liegt meine Ehre in diesem Leben und in dieser Existenz ganz in Euren Händen, meine Schwester.
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Das Gesinde und anderer Pöbel wird bestimmt der Ansicht sein, meine übliche Haushaltsführung sei zu streng, und wird hinter meinem Rücken manches verschweigen und anderes hinzudichten – das ist nur normal. Aber wie kann ein Mensch von Euresgleichen das für die Wahrheit nehmen? Hätte man mich vielleicht bis zum heutigen Tage geduldet, wenn ich wirklich solche Unzulänglichkeiten besäße? Schließlich sind doch über mir drei Stufen von Schwiegermüttern da und neben mir unzählige Kusinen und Schwägerinnen, noch dazu sind die Djias seit Generationen eine namhafte Sippe.
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Eine andere würde es vielleicht als ein Ärgernis ansehen, daß der junge Herr Euch geheiratet hat, ich aber betrachte es als ein Glück. Dazu ist es nur gekommen, weil Himmel und Erde, Götter und Buddhas es nicht ertragen konnten, daß ich von gemeinen Menschen verleumdet werde. Heute bin ich gekommen, um Euch, meine Schwester, aufzufordern, mit mir zusammen zu leben und zu wohnen, damit wir gleiche Anteile empfangen und nach denselben Maßstäben behandelt werden, gemeinsam unsern Schwiegereltern dienen und gemeinsam unsern Gatten ermahnen. Freud und Leid wollen wir teilen, wollen einander lieben und miteinander harmonieren wie zwei leibliche Schwestern.
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Nicht nur jene verächtlichen Leute werden dann bereuen, daß sie mich bisher verkannt haben, auch unser junger Herr wird vielleicht eine heimliche Reue empfinden, wenn er nach Hause kommt und uns als unser Gatte so sieht. So könnt Ihr, meine Schwester, zu meiner größten Wohltäterin werden, die meinen Namen wieder makellos reinwäscht. Wenn Ihr mir aber nicht folgen wollt, bin ich auch gern bereit, Euch hier Gesellschaft zu leisten. Mit Freuden will ich Euch als jüngere Schwester dienen und Euch täglich beim Frisieren und Waschen aufwarten. Nur um das eine bitte ich Euch, daß Ihr zu meinen Gunsten ein gutes Wort bei unserm jungen Herrn einlegt, damit er mir soviel Platz gönnt, wie ich brauche, um eine Matte auszubreiten und meinen Körper darauf zu betten. Dafür würde ich selbst mit dem Leben zahlen.“
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Bei den letzten Worten hatte sie begonnen zu schluchzen, und unwillkürlich liefen auch der zweiten Schwester You die Tränen herab. Noch einmal vollzogen sie voreinander den zeremoniellen Gruß, dann nahmen sie der Rangfolge gemäß wieder Platz. Da trat Ping-örl rasch heran und wollte ebenfalls niederknien.
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Aus ihrer schönen Ausstattung, ihrem gesitteten Betragen und ihrem lieblichen Gesicht hatte die zweite Schwester You schon geschlußfolgert, daß dies bestimmt Ping-örl sein müsse, darum half sie ihr jetzt geschwind mit eigener Hand wieder auf die Beine und sagte: „Nicht doch, meine jüngere Schwester! Du und ich, wir sind gleichen Ranges:“
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Auch Hsi-fëng war rasch aufgestanden und sagte nun lächelnd: „Ihr zerstört ihr Glück und bringt sie zu Tode, wenn Ihr sie so behandelt, meine Schwester. Empfangt nur ihren Gruß, sie ist unsere Magd. Fortan dürft Ihr Euch nicht so zieren.“ Dann ließ sie sich von Dschou Juees Frau vier Stücken schönster Seide und vier Garnituren Kopfschmuck aus Gold und Perlen, bestehend aus Haarpfeilen und Ohrgehängen, aus ihrer Beuteltasche reichen, um sie der zweiten Schwester You als Geschenk anläßlich ihrer ersten Begegnung zu verehren, und diese kniete schnell nieder, um die Gaben zu empfangen.
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Während sie zu zweit Tee tranken, schilderten sie einander ihre Lebensgeschichte, und Hsi-fëng floß über von Selbstvorwürfen. „Ich kann niemand etwas verargen“, erklärte sie, „und bitte nur darum, daß Ihr mich lieb habt, meine Schwester.“
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Als die zweite Schwester You sie so sah, hielt sie sie für den besten Menschen von der Welt, und da es auch der übliche Brauch ist, daß niedrige Menschen ihre Herren verleumden, wenn sie unzufrieden sind, zögerte sie nicht, ihr wirklich ihr Innerstes zu offenbaren, und glaubte schließlich, sie habe eine aufrichtige Freundin in ihr gefunden.
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Auch die Frauen von Dschou Juee und Lai Wang sparten nebenbei nicht mit Lob über Hsi-fëngs gutes Regiment und versicherten, ihr einziger Fehler sei ihre Gutmütigkeit, die ihr oft Nachteile einbringe, was manche Leute verärgert habe. Außerdem sagten sie: „Es sind schon Zimmer für Euch hergerichtet. Ihr werdet staunen, junge gnädige Frau, wenn Ihr dort einzieht!“
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Nun war die zweite Schwester You still bei sich schon lange der Meinung gewesen, es sei das beste für sie, zu den Djias zu ziehen, und nach dem heutigen Erlebnis sah sie erst recht keinen Grund mehr zu zögern, darum sagte sie: „Eigentlich müßte ich mit Euch gehen, meine Schwester, aber was soll ich hier mit dem Haus machen?“
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„Das ist doch kein Problem!“ erwiderte Hsi-fëng. „Die Truhen und Körbe mit Eurer Kleidung und Eurem Schmuck können die Jungen zu uns hinüberschaffen. Den gröberen Hausrat aber, für den Ihr bei uns keinen Bedarf habt, laßt Ihr hier von jemand bewachen. Dafür könnt Ihr einsetzen, wen immer Ihr für geeignet haltet.“
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„Nachdem ich Euch heute kennengelernt habe und jetzt mit Euch gehe, meine Schwester, will ich alles Eurer Entscheidung überlassen“, erklärte die zweite Schwester You. „Denn ich bin noch nicht lange hier, habe nie einen Haushalt geführt und kenne mich in den Dingen der Welt nicht aus. Wie könnte ich also etwas entscheiden?! Nur ein paar Truhen und Körbe müßten mit, da ich selbst keinen Besitz habe und auch das dem jungen Herrn gehört.“
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Daraufhin erhielt Dschou Juees Frau von Hsi-fëng den Auftrag, sich alles genau zu merken und gut darauf achtzugeben, wenn es hinübergeschafft wurde. Als sich die zweite Schwester You auf Hsi-fëngs Drängen hin umgezogen hatte, stiegen sie beide Hand in Hand in den Wagen, setzten sich nebeneinander, und dann sagte Hsi-fëng leise zu ihr: „In unserer Familie herrschen strenge Regeln. Die alte gnädige Frau hat von dieser Angelegenheit nicht die mindeste Ahnung. Wenn sie erfährt, daß der junge Herr dich während der Trauerzeit geheiratet hat, läßt sie ihn ohne weiteres totschlagen. Deshalb wirst du dich der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau heute noch nicht vorstellen. Wir haben einen riesengroßen Garten, in dem meine Kusinen wohnen und in den nicht leicht ein Fremder gelangt. Dort mußt du ein paar Tage wohnen, bis ich einen Weg gefunden habe, um die Sache klarzulegen, dann erst können wir dich präsentieren.“
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„Ich füge mich Eurer Entscheidung, Schwester“, willigte die zweite Schwester You ein.
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Die begleitenden Sklavenjungen waren vorab instruiert worden, und so fuhren die Wagen jetzt nicht durchs Haupttor, sondern durch den Hintereingang. Als sie ausgestiegen waren, schickte Hsi-fëng das Gefolge fort, dann führte sie die zweite Schwester You durch das hintere Tor in den Garten des Großen Anblicks zu Li Wan und machte die beiden miteinander bekannt.
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Zu dieser Zeit wußten im Garten des Großen Anblicks schon neun von zehn Leuten über Djia Liäns heimliche Ehe Bescheid, und als die zweite Schwester You jetzt von Hsi-fëng in den Garten gebracht wurde, erschienen sie zahlreich, um sie sich anzusehen. Alle wurden sie von der zweiten Schwester You empfangen, und jede zollte ihrer Schönheit und ihrer Freundlichkeit Lob. Jede einzelne aber wurde von Hsi-fëng gewarnt: „Draußen darf von ihr nichts bekannt werden! Wenn die alte gnädige Frau oder die gnädige Frau von ihr erfahren, bringe ich dich um!“
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Da alle Sklavenfrauen und -mädchen im Garten vor Hsi-fëng Angst hatten und sehr gut wußten, daß sich Djia Liän durch diese Tat während der Staatstrauer und der Familientrauer zugleich eines schwerwiegenden Vergehens schuldig gemacht hatte, ließen sie die Finger davon.
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Dann richtete Hsi-fëng leise die Bitte an Li Wan: „Nimm sie ein Weilchen hier bei dir auf. Sobald ich drüben von ihr berichtet habe, zieht sie natürlich hinüber.“
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Da Li Wan wußte, daß Hsi-fëng schon Räume hatte herrichten lassen, und da es nur korrekt war, die Sache nicht während der Trauerzeit zu offenbaren, mußte sie die zweite Schwester You wohl oder übel vorläufig bei sich aufnehmen.
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Hsi-fëngs nächster Schritt bestand darin, der zweiten Schwester You alle ihre Sklavenmädchen wegzunehmen und ihr statt dessen eines ihrer eigenen Mädchen zur Bedienung zu schicken. Außerdem gab sie heimlich allen Sklavenfrauen im Garten den Befehl: „Paßt mir gut auf sie auf! Wenn sie wegläuft, rechne ich mit euch ab!“ Weitere Maßnahmen traf sie in aller Stille. Jeder im Hause aber staunte still bei sich: ‚Schau an, wie gütig sie auf einmal ist!‘
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Als die zweite Schwester You dieses Unterkommen erhalten hatte und feststellte, daß alle Mädchen im Garten gut zu ihr waren, glaubte sie ruhigen Herzens und frohen Sinnes, nun sei ihr Platz im Leben gefunden. Aber drei Tage später begann das Sklavenmädchen Schan-djiä auf einmal, widersetzlich zu werden.
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Die zweite Schwester You hatte zu ihr gesagt: „Mein Haaröl ist alle, geh zur älteren jungen Herrin und laß dir welches geben!“ Schan-djiä aber erwiderte: „Ihr wißt es wohl nicht zu schätzen, wie gut Ihr es habt, junge Herrin, oder Ihr habt keine Augen im Kopf. Die junge gnädige Frau muß sich Tag für Tag hier um die alte gnädige Frau und dort um die gnädige Frau kümmern. Sämtliche Schwägerinnen und Kusinen sowie ein Gesinde, das nach Hunderten zählt, alle warten sie jeden Morgen auf ihre Anordnungen. Jeden Tag hat sie mindestens zehn bis zwanzig große und noch einmal dreißig bis fünfzig kleinere Angelegenheiten zu entscheiden.
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Nach außen hin hat sie den Geschenkverkehr mit wer weiß wie vielen Persönlichkeiten zu unterhalten, von der kaiserlichen Nebenfrau bis zu den Familien von Prinzen, Herzögen, Fürsten und Grafen, und zu Hause muß sie sich um die Betreuung von Verwandten und Freunden kümmern. Tausende Liang Silber und Zehntausende Bronzemünzen gehen täglich durch ihre Hände, ihre Gedanken und ihre Reden. Und da wollt Ihr sie wegen so einer Nichtigkeit behelligen?
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Ich kann Euch nur raten, etwas bescheidener zu sein. Eure Ehe ist nicht einmal  auf  ordentliche  Weise  und mit anständigen Vermittlern geschlossen
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worden, und trotzdem ist die junge gnädige Frau so nett zu Euch, weil sie so ein gütiger Mensch ist, wie es ihn seit Urzeiten selten gegeben hat. Wenn sie auch nur etwas weniger Tugend besäße, würde sie auf Eure Forderungen hin zu schreien und zu toben beginnen und Euch auf Gedeih und Verderb aus dem Hause jagen, ohne daß Ihr es wagen dürftet, Einwendungen dagegen zu machen.“
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Diese Worte bewirkten, daß die zweite Schwester You den Kopf hängen ließ und sich sagte, wenn man ihr so käme, müsse sie wohl oder übel ein wenig zurückstecken. Nach und nach aber begann Schan-djiä, auch das Essen unregelmäßig zu bringen. Mal brachte sie ihr nur zur Morgenmahlzeit eine Portion, mal nur am Abend, und was sie brachte, waren nichts als Reste. Als die zweite Schwester You ihr ein paarmal etwas deswegen gesagt hatte, begann sie sogar zu toben. Und wieder hatte die zweite Schwester You Angst, man könnte sie auslachen, weil sie ihren Platz nicht kannte, und fügte sich.
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Wenn sie alle fünf bis acht Tage einmal mit Hsi-fëng zusammentraf, zeigte diese ihr stets ein fröhliches, freundliches Gesicht, nannte sie in einem fort „meine Schwester“ und forderte sie auf: „Wenn es das Gesinde an etwas fehlen läßt und dir nicht gehorcht, dann sag es mir, und ich lasse sie schlagen!“ Außerdem schalt sie die Sklavenmädchen und -frauen: „Euch kenne ich nur zu gut, die Sanften betrügt ihr, und die Unsanften fürchtet ihr. Sobald ich euch den Rücken kehre, kennt ihr keinen Respekt mehr. Aber wenn ihr der jüngeren Herrin auch nur den kleinsten Grund zur Klage gebt, bezahlt ihr dafür mit dem Leben!“
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Als die zweite Schwester You sah, wie gut es Hsi-fëng mit ihr meinte, sagte sie sich: „Warum soll ich viel Aufhebens darum machen, wenn ich doch sie habe! Ist es nicht der übliche Zustand, daß das Gesinde sich nicht zu benehmen weiß? Wenn ich mich beschwere und sie deswegen leiden müssen, gebe ich den Leuten nur Anlaß, mich engherzig zu nennen.“ Und so schwieg sie von den Unbotmäßigkeiten.
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Inzwischen hatte Hsi-fëng durch Lai Wang genaue Erkundigungen einholen lassen, und nun wußte sie über die Angelegenheiten der zweiten Schwester You bestens Bescheid. Sie hatte in der Tat schon einen Verlobten gehabt, der jetzt erst neunzehn Jahre alt war und sich nur herumtrieb, um zu huren und Glücksspiele zu spielen, anstatt einem ordentlichen Gewerbe nachzugehen. Den Familienbesitz hatte er durchgebracht, deswegen hatte ihm sein Vater die Tür gewiesen, und seitdem hatte er in einer Spielhölle Zuflucht gefunden. Als der Vater aus den Händen der alten Frau You zehn Liang Silber erhielt, machte er die Verlobung rückgängig, aber davon wußte der Sohn noch nichts. Der Name des Sohnes lautete wirklich Dschang Hua.
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Nachdem Hsi-fëng all dies hatte auskundschaften lassen, händigte sie Lai Wang ein Päckchen mit zwanzig Liang Silber aus und befahl ihm heimlich, er solle sich an Dschang Hua heranmachen und ihn freihalten, um ihn dann zu veranlassen, eine Anklageschrift aufzusetzen und bei den Behörden einzureichen, in der Djia Liän beschuldigt wurde, in einer Zeit von Staats- und Familientrauer entgegen dem kaiserlichen Befehl und ohne das Wissen seiner Eltern, gestützt auf Reichtum und Macht die Auflösung einer Verlobung erzwungen und eine zweite Gattin genommen zu haben.
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Aber Dschang Hua war sich der Gefährlichkeit eines solchen Unterfangens wohl bewußt und wollte nichts überstürzen. Als Hsi-fëng durch Lai Wang hiervon unterrichtet wurde, schimpfte sie: „Der Kerl ist ja wie ein kranker Hund, der sich nicht über die Mauer helfen lassen will! Erklär ihm, daß es nichts ausmachen würde, wenn er uns dreist des Hochverrats beschuldigen würde. Die Hauptsache ist, daß mit seiner Hilfe Unruhe entsteht und unser Ansehen gefährdet wird. Wenn die Sache zu große Kreise zieht, werde ich schon für Ruhe sorgen.“
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Lai Wang nahm den Befehl entgegen und setzte Dschang Hua alles genau auseinander. Dann befahl ihm Hsi-fëng: „Dich soll er ebenfalls beschuldigen, dann wirst du mit ihm konfrontiert und handelst soundso... Ich weiß schon, wie wir es machen müssen!“
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Lai Wang fügte sich ihrer Entscheidung und gab Dschang Hua den Auftrag, auch seinen Namen in die Anklageschrift einzufügen. „Beschuldige mich einfach, ich sei der Mittelsmann gewesen, der den jungen Herrn zu allem angestiftet hat“, sagte er.
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Nachdem Dschang Hua wußte, was er zu tun hatte, und alles mit Lai Wang abgesprochen war, schrieb er die Anklageschrift, ging am nächsten Tag zum Zensorat und erhob Klage.
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Als der Zensor in der Amtshalle Platz genommen hatte und die Anklageschrift las, in der Beschuldigungen gegen Djia Liän erhoben wurden, die aber auch einen Haussklaven namens Lai Wang erwähnte, hatte er keine andere Wahl, als seine Leute zum Anwesen der Djias zu schicken, damit sie Lai Wang zum Verhör vorführten. Die Amtsdiener wagten jedoch nicht, bis ins Anwesen vorzudringen, und wollten nur befehlen, man solle Lai Wang eine Nachricht hineinbringen. Das war aber gar nicht nötig, denn in Erwartung der Amtsdiener hatte Lai Wang schon längst auf der Straße gestanden. Als er sie endlich kommen sah, ging er ihnen noch entgegen und begrüßte sie lächelnd: „Es tut mir leid, daß ihr euch herbemühen mußtet, meine Brüder! Bestimmt geht es um meine Verbrechen. Also, was hilft‘s? Legt mir schon die Kette um den Hals!“
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Das aber wagten die Amtsdiener denn doch nicht und forderten ihn nur auf: „Komm brav mit und mach kein Aufsehen!“
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Als sie dann in der Amtshalle waren, kniete Lai Wang nieder, und der Zensor befahl, ihm die Anklageschrift zu reichen. Lai Wang sah sie sich zum Schein auch an, dann schlug er mit der Stirn auf den Boden, und anschließend erklärte er: „Ich weiß von der Sache, mein Herr hat das wirklich getan. Dieser Dschang Hua aber war schon lange mit mir verfeindet, darum hat er mich absichtlich mit hineingezogen. Es war aber jemand anders beteiligt. Ich bitte Euer Gnaden, den Kläger noch einmal zu befragen.“
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Sofort berührte auch Dschang Hua mit der Stirn den Boden und sagte: „Es war zwar wirklich noch jemand beteiligt, aber ich habe nicht gewagt, ihn zu beschuldigen, deshalb habe ich nur den Knecht angezeigt.“
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Mit gespielter Entrüstung forderte Lai Wang ihn auf: „Sprich endlich, du dummer Tropf! Wir sind in einer kaiserlichen Amtshalle. Auch wenn es ein Herr ist, mußt du seinen Namen nennen.“
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Daraufhin sagte Dschang Hua aus, es handle sich um Djia Jung, und so war der Zensor gezwungen, auch ihn vorladen zu lassen.
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Hsi-fëng hatte sich heimlich durch Tjing-örl auf dem Laufenden halten lassen, und als der Name Djia Jung endlich gefallen war, ließ sie sofort Wang Hsin zu sich rufen, weihte ihn in die Sache ein und befahl ihm, den Zensor zu bitten, er solle zum Schein Strenge üben, damit die Schuldigen einen tüchtigen Schreck bekämen. Um dieser Bitte Nachdruck zu verleihen, sollte Wang Hsin dem Zensor dreihundert Liang Silber übergeben.
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Noch am selben Abend begab sich Wang Hsin in die Privaträume des Zensors und leitete hier die Sache in die Wege. Der Zensor verstand, worauf es ankam, und nahm die Bestechung entgegen. Am nächsten Tag verkündete er in der Amtshalle, Dschang Hua sei ein Taugenichts, der den Djias seit langem einen Betrag Silber schulde und deshalb eine falsche Anklage gegen Unschuldige erhoben habe. Da der Zensor ein alter Freund von Wang Dsï-tëng war, hatte Wang Hsins Besuch ausgereicht, um ihn zu veranlassen, den Fall so schnell wie möglich abzuschließen, zumal es sich um niemand anders als die Djias handelte. Also meldete er die Sache nicht weiter, schlug alles nieder und ließ nur Djia Jung zum Verhör vorladen.
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Djia Jung war eben damit beschäftigt, im Auftrage von Djia Dschën etwas zu erledigen, als plötzlich jemand die Nachricht brachte. Sie seien von jemand verklagt worden, hieß es, die Sache sei die und die, und er solle rasch entscheiden, was zu tun sei. Verwirrt eilte Djia Jung zu Djia Dschën, um ihm Bericht zu erstatten.
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„Darauf war ich gefaßt“, sagte Djia Dschën, „und doch ist es erstaunlich, was dieser Kerl sich erlaubt.“ Worauf er sofort zweihundert Liang Silber einpacken ließ, mit denen jemand zum Zensor gehen sollte, um ihn zu bestechen. Außerdem befahl er, es solle jemand vom Gesinde zum Verhör gehen.
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Während er diese Maßregeln traf, wurde ihm plötzlich gemeldet: „Die zweite junge gnädige Frau ist da.“
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Bei diesen Worten bekam es Djia Dschën mit der Angst zu tun und wollte sich eiligst mit Djia Jung zusammen verstecken. Aber schon trat Hsi-fëng ins Haus und sagte: „Ein feiner älterer Vetter bist du! Und feine Sachen treibst du da mit einem Jüngeren zusammen!“
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Rasch trat Djia Jung ihr entgegen und entbot seinen Gruß, sie aber zog ihn mit in den Innenraum. Hier sagte Djia Dschën noch mit lächelnder Miene: „Sorg schön für deine Tante! Laß ein Huhn schlachten und Essen machen!“ Dann befahl er, sofort sein Pferd zu satteln, und brachte sich irgendwohin in Sicherheit.
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Hsi-fëng aber ging mit Djia Jung in den Hauptraum hinüber, wo ihnen Frau You entgegenkam, die beim Anblick von Hsi-fëngs drohender Miene fragte: „Was hat dich so in Rage gebracht?“
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Da spuckte Hsi-fëng ihr voll ins Gesicht und schimpfte: „Mußtest du die Tochter der Yous bei den Djias einschmuggeln, weil keiner sie haben wollte? Taugen die Männer nur bei den Djias etwas, oder sind alle andern Männer auf der Welt ausgestorben? Und wenn es schon sein mußte, warum dann nicht wenigstens mit den drei Vermittlern und den sechs Zeugen und so, daß alle davon wissen, damit die Sache ihre Form hat? Hat dir der Schleim das Herz verstopft, hat dir das Fett die Sinne verkleistert, daß du sie obendrein während der Staatstrauer und der Familientrauer hier anschleppen mußtest?
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Jetzt hat uns jemand angezeigt, ich aber stehe schutz- und hilflos da, und man wird von Amts wegen feststellen, daß ich bösartig und eifersüchtig bin. Mein Name ist genannt, und mich wird man abschieben. Was habe ich euch denn getan, daß ihr mir so grausam mitspielen müßt? Oder haben vielleicht die alte gnädige Frau und die gnädige Frau dich angestiftet, mir diese Falle zu stellen, weil sie mich aus dem Haus haben wollen? Komm, wir wollen zusammen vor den Beamten treten und dort alles klären! Und wenn wir zurückkommen, bitten wir die ganze Sippe, sich zu versammeln, und legen die Sache vor aller Augen klar. Und dann bekomme ich meinen Scheidungsbrief und verlasse das Haus.“
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Das hatte sie unter einem Strom von Tränen vorgebracht, und nun versuchte sie, Frau You mit sich zu ziehen, wobei sie immer wieder verlangte, mit ihr vor den Zensor zu gehen. In heller Aufregung kniete Djia Jung nieder, schlug mit der Stirn auf den Boden und bat in einem fort: „Beruhigt Euch, Tante!“
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Aber schon beschimpfte Hsi-fëng auch ihn: „Du gewissenloser Bengel! Der Donner soll dir den Schädel spalten, und fünf Teufel sollen deinen Leichnam zerreißen! Du weißt nichts vom Ernst des Lebens, aber du mußt andere dazu anstiften, solche schamlosen und gesetzlosen Dinge zu treiben, mit denen die Familie ins Verderben gestürzt wird. Die Seele deiner verstorbenen Mutter wird dir das nicht nachsehen, deine Ahnen werden es dir nicht nachsehen, und du wagst es noch, auf mich einzureden!“ Mit diesen Worten holte sie schluchzend mit der Hand aus und schlug zu.
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Wieder stieß Djia Jung hörbar mit der Stirn auf den Boden und bat: „Beruhigt Euch, Tante, und schont Eure Hände! Ich werde mich selber schlagen. So beruhigt Euch doch!“ Und tatsächlich holte er mit beiden Händen weit aus, um sich eine Portion Ohrfeigen zu verabreichen. Dabei rief er, sich selbst anklagend, aus: „Wirst du dich noch einmal blindlings um Dinge kümmern, die dich nichts angehen? Wirst du in Zukunft noch einmal auf deinen Onkel hören statt auf deine Tante?“ Das anwesende Gesinde redete begütigend auf ihn ein, aber zugleich war ihnen zum Lachen zumute, ohne daß sie zu lachen gewagt hätten.
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Jetzt warf sich Hsi-fëng Frau You an die Brust, heulte zum Steinerweichen und jammerte laut: „Ich bin euch ja nicht böse, weil ihr ihm eine Frau gesucht habt. Aber warum mußtet ihr ihn anstiften, es gegen den kaiserlichen Befehl, hinter dem Rücken der Verwandtschaft und mir zur Schande zu tun? Gehen wir vor den Beamten, ehe die Büttel und Amtsdiener uns holen! Und dann treten wir vor die alte gnädige Frau, die gnädige Frau und die ganze Sippe, damit alle zusammen darüber entscheiden!
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Wenn ich wirklich so bösartig bin und meinem Mann nicht gestatte, eine andere Frau zu nehmen oder eine Nebenfrau zu kaufen, braucht man mir nur den Scheidungsbrief zu geben, und ich verlasse auf der Stelle das Haus. Deine Schwester habe ich ins Haus geholt, und weil ich Angst hatte, die alte gnädige Frau und die gnädige Frau würden zornig werden, habe ich ihnen nichts davon gesagt. Üppig verpflegt und von schönen Sklavinnen umschmeichelt, wohnt sie im Garten. Schon war ich dabei, Zimmer für sie herrichten zu lassen, wo sie es genauso gut haben sollte wie ich selbst, wenn erst die alte gnädige Frau Bescheid wüßte. Ich wollte sie zu uns holen, und dann, sagte ich ihr, geben wir uns mit dem zufrieden, was wir sind und was wir haben, ohne daß ich noch an Vergangenes rühre.
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Wie konnte ich denn ahnen, daß sie auch noch verlobt gewesen ist! Ich wußte doch nicht, was ihr angestellt habt, und hatte von nichts eine Ahnung. Jetzt hat uns jemand angezeigt, und gestern habe ich mir in meiner Aufregung – schließlich bringe ich ja die Djias in Verruf, wenn ich vor den Beamten muß – nicht anders zu helfen gewußt, als heimlich fünfhundert Liang Silber zu nehmen, die der gnädigen Frau gehörten, um ihn damit zu bestechen. Heute hat man sogar meine Leute dort eingesperrt.“
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Diese Erzählung hatte Hsi-fëng schluchzend und fluchend vorgebracht, und als sie fertig war, beweinte sie laut ihre Eltern und Ahnen und machte sogar Anstalten, sich den Kopf einzurennen, um sich das Leben zu nehmen. Zum Schluß war Frau You so weich geworden wie ein Klumpen Teig, ihre ganze Kleidung war mit Tränen und Rotz befleckt, und anstatt sich zu verteidigen, beschimpfte sie Djia Jung: „Du Unglücksbrut! Fein hast du das mit deinem Vater zusammen gedeichselt! Hatte ich nicht gesagt, die Sache sei faul?!“
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Als Hsi-fëng diese Worte hörte, heulte sie von neuem auf, packte Frau Yous Kopf mit beiden Händen, zog ihr Gesicht dicht vor das ihre und fragte: „Ja, warst du denn nicht bei Sinnen? Konntest du nicht den Mund auftun? Hatten sie dich vielleicht geknebelt? Warum hast du mir nichts davon gesagt? Hätte dann nicht alles glimpflich abgehen können? Was mußt du jetzt ihnen noch grollen, nachdem es schon so weit gekommen ist, daß die Behörden eingegriffen haben?
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Von alters her heißt es ‚Wenn die Frau tüchtig ist, trifft wenig Unheil den Mann; nicht auf seine, sondern auf ihre Stärke kommt es an.‘ Wenn du nur in Ordnung wärst, hätten sie so etwas nie getan! Du bist untüchtig, du kannst nicht reden, du bist ein Versager, der nur blindlings und ängstlich darauf bedacht ist, für tüchtig gehalten zu werden. Und darum haben sie keinen Respekt vor dir und hören auch nicht auf dich.“ Und wieder spuckte sie ein paarmal aus.
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„Es ist aber wahr“, sagte Frau You, ebenfalls unter Tränen. „Wenn du mir nicht glaubst, kannst du mein Gefolge fragen, ob ich den beiden nicht davon abgeraten habe und ob sie nicht hätten hören müssen. Was konnte ich denn machen? Ich mußte sie gewähren lassen. Daß du mir jetzt böse bist, kann ich dir nicht verdenken.“
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Inzwischen war der Raum dicht gedrängt voller Nebenfrauen, Sklavenmädchen und Sklavenfrauen, die auf der Erde knieten und lächelnd baten: „Ihr seid doch von himmlischer Klugheit, zweite junge gnädige Frau! Obwohl unsere junge Herrin im Unrecht ist, habt Ihr sie nun genug gedemütigt. Habt Ihr Euch vor uns Sklaven nicht immer gut verstanden mit ihr? Also laßt ihr bitte auch jetzt noch ein wenig Ehre!“
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Mit diesen Worten reichten sie ihr Tee, und wenn Hsi-fëng auch die Teeschale auf den Boden schmetterte, hörte sie doch auf zu heulen und steckte sich das Haar wieder hoch. Dann aber fuhr sie Djia Jung unter Tränen an: „Geh und bitte deinen Vater her! Ich möchte ihn von Angesicht zu Angesicht fragen, was für ein Ritual das ist, wenn von der Trauerzeit für seinen Vater eben erst fünfmal sieben Tage vorbei sind, und der Neffe des Toten heiratet. Ich möchte mir Klarheit darüber verschaffen, damit auch ich später meine Neffen dementsprechend erziehen kann.“
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Djia Jung schlug in einem fort mit der Stirn auf den Boden und versicherte: „Meine Eltern haben nichts mit der Sache zu tun. Nur ich muß wohl Dreck gefressen haben, daß ich meinen Onkel dazu anstiften konnte. Mein Vater hat gar nichts davon gewußt. Heute will er eben das Begräbnis des verewigten gnädigen Herrn regeln, und wenn Ihr ihm jetzt einen Skandal macht, kostet es mich das Leben. Darum bitte ich Euch, mich zu bestrafen, und bin bereit, jede Strafe hinzunehmen. Nur diesen Prozeß bitte ich Euch abzuwenden, Tante, denn so schwerwiegenden Dingen bin ich nicht gewachsen.
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Ein Mensch wie Ihr kennt sicher den Ausdruck ‚Wenn der Arm gebrochen ist, wird er im Ärmel versteckt.‘ Ich bin hoffnungslos dumm gewesen, dumm wie ein Kätzchen oder ein junger Hund, daß ich so ungehorsam sein konnte. Ihr, die Ihr mich lehrt, habt einen anderen Horizont als ich, darum kann ich Euch nur bitten, so gut zu sein, diesen Prozeß zu unterdrücken. Ich bin Euch ein sehr ungehorsamer Neffe, und für das Unheil, das ich angerichtet habe, verdiene ich Kränkung. Dennoch solltet Ihr Mitleid mit mir haben.“ Und wieder schlug er unaufhörlich mit dem Kopf auf den Boden.
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Als Hsi-fëng Mutter und Sohn so kläglich vor sich sah, konnte sie sich nicht gut weiter so aufspielen wie bisher. Statt dessen machte sie sich die Schwächen der Gegenseite zunutze, verbeugte sich Verzeihung heischend vor Frau You und sagte: „Ich bin jung und unwissend. Als ich erfuhr, es hat uns jemand angezeigt, war ich vor Schreck wie von Sinnen und habe dich eben zutiefst beleidigt, Schwägerin. Aber wie Jung gerade gesagt hat, ‚Wenn der Arm gebrochen ist, wird er im Ärmel versteckt.‘ Versetz dich also in meine Lage und sprich bitte mit meinem Vetter, damit er zuerst diesem Prozeß ein Ende macht.“
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„Sei unbesorgt!“ sagte Frau You. Und Djia Jung versprach: „Der Onkel wird nicht in Mitleidenschaft gezogen. Eben sagtet Ihr, Ihr habt fünfhundert Liang Silber eingesetzt, also müssen wir unsererseits fünfhundert Liang zusammenbringen und sie Euch als Wiedergutmachung übersenden, damit nicht Ihr für die entstandene Fehlsumme aufkommen müßt, sonst würden wir erst recht den Tod verdienen. Und noch etwas: vor der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau solltet Ihr die Angelegenheit der Sicherheit und der Einfachheit halber nicht erwähnen.“
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Darauf erwiderte Hsi-fëng mit reserviertem Lächeln: „Erst seid ihr mir in den Rücken gefallen, und jetzt wollt ihr mich beschwatzen, auf eure Sicherheit Rücksicht zu nehmen. Ich mag zwar dumm sein, aber so dumm bin ich doch wieder nicht. Ich bin mit deinem Schwager verheiratet, und es mag schon sein, daß du befürchtest, er könnte ohne männlichen Nachkommen bleiben, aber habe ich nicht noch größere Angst davor als du? Deine jüngere Schwester gilt mir wie eine eigene Schwester, und als ich von der Sache erfuhr, konnte ich vor lauter Freude nicht schlafen und habe sofort Leute geholt, um Zimmer für sie herrichten zu lassen, damit ich sie zu uns nehmen kann, um gemeinsam mit ihr zu leben.
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Aber die Sklaven mit ihrem niedrigen Verstand haben zu mir gesagt: ‚Ihr seid zu gutherzig, junge gnädige Frau! Wenn es nach uns ginge, würden wir erst der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau von der Sache Meldung machen und abwarten, was sie dazu meinen. Dann ist immer noch Zeit, um die Zimmer herzurichten und die Neue ins Haus zu nehmen.‘ Erst als ich sie schlug und beschimpfte, hörten sie auf, so zu reden. Konnte ich ahnen, daß es doch nicht so kommt, wie ich gedacht hatte, und daß ich statt dessen so einen Reinfall erlebe, daß aus heiterem Himmel dieser Dschang Hua auftaucht und eine Anklageschrift einreicht? Als ich davon erfuhr, ist mir so ein Schreck in die Glieder gefahren, daß ich zwei Nächte lang kein Auge zugetan habe. Trotzdem wagte ich nicht, etwas davon verlauten zu lassen, und habe mich nur erkundigt, wer dieser Dschang Hua überhaupt ist, daß er sich so erdreistet. Nach zwei Tagen Nachforschung stellt sich heraus, er ist ein Taugenichts und Bettler.
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In meinem jugendlichen Unverstand sagte ich mir lachend: ‚Was kann uns seine Klage schon anhaben?‘ Aber die Jungen haben mich aufgeklärt: ,Die jüngere Herrin war ursprünglich mit ihm verlobt. Jetzt lebt er in größter Bedrängnis, und wenn er verhungern oder erfrieren muß, ist sein Leben ohnehin zu Ende. Also hat er sich in diese Sache verbissen, und selbst wenn er deswegen sterben muß, ist das ein sinnvollerer Tod, als wenn er verhungert oder erfriert. Da braucht man sich über seine Anzeige nicht zu wundern.
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Unser Herr ist da etwas vorschnell gewesen. Die Staatstrauer macht das erste Vergehen, die Familientrauer das zweite, die heimliche Hochzeit hinter dem Rücken der Eltern das dritte und die Doppelehe das vierte. Wie das Sprichwort sagt ,Wer es in Kauf nimmt, sich bei lebendigem Leibe zerstückeln zu lassen, der kann sich erlauben, den Kaiser vom Pferd zu zerren.‘ Wen die Armut um den Verstand gebracht hat, der ist zu allem fähig. Außerdem ist ja das Recht auf seiner Seite. Hätte er vielleicht, anstatt uns anzuzeigen, warten sollen, bis man ihn bittet?‘
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Glaubt mir, auch wenn ich ein Han Hsin oder ein Dschang Liang<ref>Han Hsin und Dschang Liang waren zwei Heerführer des Altertums, die hier als Muster kluger Strategen stehen. Über beide vgl. o., Anm. zu S. 886 (Erinnerungen an Cochinchina, Erinnerungen an Huai-yin).</ref> wäre, als ich das gehört hatte, war ich vor Schreck mit meiner Weisheit am Ende. Außerdem ist dein Schwager nicht zu Hause, und ich hatte niemand, mit dem ich mich beraten konnte. Der einzige Ausweg bestand darin, diesem Dschang Hua Geld zu schicken, aber je mehr er bekam, desto unverschämter wurde er und desto mehr hat er aus mir herausgepreßt. Aber wieviel kann man schon herauspressen aus einem Pickel auf einem Mäuseschwanz! Deshalb war ich so verwirrt und so wütend und konnte nicht anders, als zu dir zu kommen...“
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„Kein Grund zur Sorge!“ warfen Frau You und Djia Jung nun ein, und Djia Jung erklärte: „Dieser Dschang Hua ist vor Armut einfach von Sinnen, nur deshalb hat er sein Leben riskiert und diese Anzeige erstattet. Wir wollen es so machen, daß wir ihm ein bißchen Silber versprechen, wenn er nur gesteht, daß seine Anschuldigungen falsch waren. Dann sorgen wir dafür, daß der Prozeß gegen ihn niedergeschlagen wird, und wenn er entlassen wird, bekommt er noch einmal ein wenig Silber, und damit ist der Fall erledigt.“
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„Mein lieber Junge“, sagte Hsi-fëng lächelnd, „es ist wirklich kein Wunder, daß du diese Sache angestellt hast, denn du bist einfach dumm. Wenn wir es so machen würden, wie du es gesagt hast, dann würde er sicher zustimmen, und wenn er freigelassen wird und obendrein noch Silber bekommt, wäre der Fall vorerst natürlich erledigt.
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Aber solche Leute sind nun einmal Schurken, und wenn das Silber, das wir ihm geben, erst einmal alle wäre, würde er eine Möglichkeit suchen, um mehr von uns zu erpressen. Wenn er dann die Geschichte noch einmal aufrührt, brauchten wir nicht gerade Angst zu haben, aber ein Grund zur Sorge wäre es schon. Es ist ja nicht auszuschließen, daß er sagt: ‚Wenn nichts daran faul war, warum haben sie mir dann das Silber gegeben?‘ Ein Spiel ohne Ende würde das werden.“
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Nun war Djia Jung ein verständiger Mensch, und so erwiderte er, als er diese Worte vernommen hatte, mit lächelnder Miene: „Ich habe noch einen Vorschlag. ‚Wer die Sache verbockt hat, der muß sie auch ins reine bringen.‘ Also muß ich es doch selbst übernehmen. Ich werde zu diesem Dschang Hua gehen und ihn fragen, was er will, unbedingt seine Braut wiederhaben oder die Sache mit Geld bereinigen und eine andere heiraten. Wenn er unbedingt seine Braut wiederhaben will, muß ich meine Tante überreden, hier fortzugehen und ihn doch noch zu heiraten. Wenn er aber Geld will, müssen wir es ihm geben.“
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„Das sagst du so“, entgegnete Hsi-fëng daraufhin rasch, „aber ich lasse deine Tante auf keinen Fall von hier fort und werde sie auf keinen Fall drängen. Mein lieber Neffe, wenn du mich gern hast, kannst du nichts anderes tun, als ihm recht viel Geld zu geben.“
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Djia Jung wußte genau, daß Hsi-fëngs Worte nur Heuchelei waren, daß sie sehnlichst hoffte, die andere loszuwerden, und daß sie nur die Gütige spielte. Dennoch versprach er zu tun, was sie verlangte.
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Hsi-fëng äußerte ihre Freude darüber, dann sagte sie: „Was wir draußen zu tun haben, ist leicht erledigt, aber wie verfahren wir auf lange Sicht hier im Hause? Das beste ist, du kommst mit nach drüben, und wir klären die alte gnädige Frau und die gnädige Frau auf!“
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Erschrocken faßte Frau You nach Hsi-fëngs Hand und bat sie, sich etwas auszudenken, womit sie sich durchschwindeln konnten.
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„Wenn du nicht das Zeug dazu hast, warum mußt du dann solche Sachen anstellen?“ fragte Hsi-fëng mit höhnischem Lächeln. „Jetzt aber kommst du mir so, das gefällt mir nicht. Eigentlich sollte ich mir nichts ausdenken, aber ich bin ein gutmütiger, weicher Mensch, und selbst wenn man mich zum Besten hält, bewahre ich mir mein törichtes Herz. Also muß ich wohl auch dazu ja sagen.
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Haltet ihr euch im Hintergrund, und ich führe deine Schwester zur alten gnädigen Frau und zur gnädigen Frau, damit sie ihren Stirnaufschlag vor ihnen macht, und dabei sage ich, sie sei deine Schwester und ich hätte größte Zuneigung zu ihr gefaßt. Wegen meiner Probleme mit dem Kinderkriegen hätte ich bereits die Absicht gehabt, zwei Mädchen als Beischläferinnen zu kaufen, aber weil ich jetzt solchen Gefallen an deiner Schwester gefunden hätte und weil das die Gelegenheit zu einer Doppelverschwägerung geben würde, sei ich gewillt, sie als Nebenfrau ins Haus zu nehmen.
 
Und weil ihre Eltern und Geschwister vor kurzem alle weggestorben seien und sie es schwer habe, sich in diesen harten Zeiten ohne Familie und ohne Einkommen über Wasser zu halten, könne man sie wirklich nicht gut warten lassen, bis die Trauerzeit um sei. Meine Absicht sei es, sie ins Haus zu nehmen und erst einmal im Seitenflügel wohnen zu lassen, der schon für sie hergerichtet sei, die wirkliche Hochzeit aber erst nach Abschluß der Trauerperiode vollziehen zu lassen. Darauf werde ich mich mit aller Kraft versteifen und alle Vorwürfe an mir abprallen lassen. Und sollten Unannehmlichkeiten daraus erwachsen, bleibt ihr doch davon unberührt. Überlegt es euch, ob es so geht oder nicht!“
 
Und weil ihre Eltern und Geschwister vor kurzem alle weggestorben seien und sie es schwer habe, sich in diesen harten Zeiten ohne Familie und ohne Einkommen über Wasser zu halten, könne man sie wirklich nicht gut warten lassen, bis die Trauerzeit um sei. Meine Absicht sei es, sie ins Haus zu nehmen und erst einmal im Seitenflügel wohnen zu lassen, der schon für sie hergerichtet sei, die wirkliche Hochzeit aber erst nach Abschluß der Trauerperiode vollziehen zu lassen. Darauf werde ich mich mit aller Kraft versteifen und alle Vorwürfe an mir abprallen lassen. Und sollten Unannehmlichkeiten daraus erwachsen, bleibt ihr doch davon unberührt. Überlegt es euch, ob es so geht oder nicht!“
 
„Ihr seid wirklich großmütig, Tante!“ lobte Djia Jung und strahlte, und Frau You bestärkte ihn darin. „Wenn alles geregelt ist, werden wir nicht verfehlen, zu Euch zu kommen, um Euch kniefällig zu danken.“
 
„Ihr seid wirklich großmütig, Tante!“ lobte Djia Jung und strahlte, und Frau You bestärkte ihn darin. „Wenn alles geregelt ist, werden wir nicht verfehlen, zu Euch zu kommen, um Euch kniefällig zu danken.“
 
Dann befahl Frau You ihren Sklavenmädchen, sie sollten Hsi-fëng helfen, sich zu frisieren und zu waschen, außerdem ließ sie Wein und Speisen auftragen und bediente Hsi-fëng mit eigener Hand. Hsi-fëng aber hielt sich nicht lange auf und bestand darauf zu gehen. Wieder im Garten, informierte sie die zweite Schwester You, erzählte ihr, wie sie voller Sorge gewesen sei, welche Erkundigungen sie eingeholt habe, welchen Plan sie entwickelt habe, und wie die zweite Schwester You sich verhalten müsse, damit alle Beteiligten glimpflich davonkämen. Sie vergaß auch nicht, darauf hinzuweisen: „Nur wenn ich diesen ‚Fischkopf zerlege‘, wird es uns allen gut gehen.“
 
Dann befahl Frau You ihren Sklavenmädchen, sie sollten Hsi-fëng helfen, sich zu frisieren und zu waschen, außerdem ließ sie Wein und Speisen auftragen und bediente Hsi-fëng mit eigener Hand. Hsi-fëng aber hielt sich nicht lange auf und bestand darauf zu gehen. Wieder im Garten, informierte sie die zweite Schwester You, erzählte ihr, wie sie voller Sorge gewesen sei, welche Erkundigungen sie eingeholt habe, welchen Plan sie entwickelt habe, und wie die zweite Schwester You sich verhalten müsse, damit alle Beteiligten glimpflich davonkämen. Sie vergaß auch nicht, darauf hinzuweisen: „Nur wenn ich diesen ‚Fischkopf zerlege‘, wird es uns allen gut gehen.“
 
Was wirklich geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.   
 
Was wirklich geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.   
69. Durch einen kleinen Kunstgriff tötet Hsi-fëng ,mit fremder Hand‘,
 
angesichts der großen Auswegslosigkeit nimmt die zweite Schwester You sich das Leben.
 
 
Als die zweite Schwester You gehört hatte, was Hsi-fëng ihr sagte, fand sie kein Ende mit ihrem Dank und folgte ihr willig. Auch Frau You konnte natürlich bei so einem wichtigen Zeremoniell nicht fehlen, und so kam sie herüber, um dabeizusein, wenn Hsi-fëng die Sache der Herzoginmutter meldete. „Du halt den Mund und überlaß es mir, zu reden!“ wurde sie von Hsi-fëng ermahnt.
 
„Das versteht sich von selbst“, sagte Frau You, „aber so wirst du die Vorwürfe einstecken müssen, wenn sich welche ergeben.“ Mit diesen Worten betraten sie die Räume der Herzoginmutter.
 
Die Herzoginmutter plauderte und scherzte eben zum Zeitvertreib mit den Mädchen aus dem Garten, als sie plötzlich sah, daß Hsi-fëng eine schöne blutjunge Frau hereinführte. Rasch kniff sie die Augen zusammen, um sie zu mustern, dann fragte sie: „Aus wessen Familie ist sie? Sie sieht sympathisch aus.“
 
Darauf trat Hsi-fëng vor und forderte sie auf: „Seht sie Euch genau an, alte Ahne! Gefällt sie Euch?“ Dann zog sie die zweite Schwester You flink an der Hand und sagte: „Das ist die Schwiegergroßmutter. Mach schnell deinen Stirnaufschlag vor ihr!“ Sofort ließ sich die zweite Schwester You auf die Knie nieder und begann, mit der Stirn auf den Boden zu schlagen.
 
Dann wies Hsi-fëng der Reihe nach auf die Mädchen des Hauses, erklärte dabei, wer jede war, und setzte hinzu: „Merk dir, wer sie sind, und nachdem die gnädigen Frauen dich gesehen haben, entbietest du auch ihnen den zeremoniellen Gruß!“
 
Vorläufig wechselte die zweite Schwester You mit jedem der Mädchen ein Grußwort, dann blieb sie mit gesenktem Kopf an der Seite stehen. Die Herzoginmutter betrachtete sie von oben bis unten und fragte dann: „Wie heißt du? Und wie alt bist du?“
 
Aber lächelnd mischte Hsi-fëng sich ein: „Fragt sie nichts, alte Ahne! Sagt nur, ob sie schöner ist als ich!“
 
Nun setzte die Herzoginmutter ihre Brille auf und befahl Yüan-yang und Hu-po: „Führt sie hierher, damit ich ihre Haut sehen kann!“
 
Alle schmunzelten und mußten die zweite Schwester You wohl oder übel zur Herzoginmutter hinüberschieben. Diese nahm sie genau in Augenschein, dann befahl sie Hu-po: „Zeig mir ihre Hände!“ Und Yüan-yang mußte noch den Rock der zweiten Schwester You anheben.
 
Als die Herzoginmutter fertig war mit der Besichtigung, nahm sie die Brille wieder ab und sagte lächelnd: „Ein makelloses Mädchen. Wie mir scheint, ist sie noch ein wenig schöner als du.“
 
Da kniete Hsi-fëng rasch mit lächelnder Miene nieder, um die Geschichte, die sie sich drüben bei Frau You ausgedacht hatte, in allen Einzelheiten vorzutragen, und schloß mit der Bitte: „Ihr müßt gnädig sein, alte Ahne, und ihr gestatten, schon jetzt zu uns zu ziehen! Erst wenn ein Jahr vergangen ist, werden sie die Ehe vollziehen.“
 
„Dagegen ist nichts einzuwenden“, sagte die Herzoginmutter. „Es ist schön, daß du derart gütig bist. Aber die Ehe dürfen sie wirklich erst nach einem Jahr vollziehen!“
 
Als Hsi-fëng das hörte, berührte sie mit der Stirn den Boden, dann bat sie die Herzoginmutter, sie solle ihr zwei Frauen mitgeben, die vor den gnädigen Frauen bestätigen konnten, daß alles ihr Wille sei. Die Herzoginmutter erklärte sich einverstanden und bestimmte zwei Sklavenfrauen, die die zweite Schwester You zu Dame Hsing und den anderen gnädigen Frauen begleiten mußten. Dame Wang, die tief bekümmert gewesen war über den schlechten Namen, den sich Hsi-fëng gemacht hatte, war natürlich über ihre jetzige Handlungsweise hocherfreut. Und die zweite Schwester You sah wieder Licht, als sie nun im Seitenflügel des Wohngehöfts von Djia Liän und Hsi-fëng wohnen durfte.
 
Auf der anderen Seite ließ Hsi-fëng durch einen ihrer Beauftragten Dschang Hua anstacheln, er solle seine Verlobte zurückfordern, und versprach ihm, neben der reichen Mitgift, die er zu erwarten hätte, wolle sie ihm Silber geben, von dem das Paar sich einrichten und sein Leben fristen könnte.
 
Dschang Hua klagte nur mutlos und lustlos noch einmal gegen die Djias. Dann mußte er hören, wie der von Djia Jung entsandte Verwalter aussagte: „Dschang Hua war es, der die Verlobung rückgängig gemacht hat. Seine Verlobte ist mit unserer Familie verwandt. Daß wir sie ins Haus genommen haben, ist wahr, die Behauptung über ihre Hochzeit jedoch ist erlogen. Nur weil Dschang Hua seine Schulden verschleppt hat und sie trotz Mahnung nicht begleichen wollte, hat er meine Herrschaften fälschlich dieser Dinge bezichtigt.“
 
Der Zensor, dessen Familie schon seit Generationen mit den Djias und den Wangs befreundet war und der obendrein ein Schmiergeld erhalten hatte, sagte nur, Dschang Hua sei ein Schurke, der die Djias aus Armut erpressen wolle, er weigerte sich, die Anklageschrift entgegenzunehmen, und befahl, ihn durchzuprügeln und hinauszuwerfen. Draußen bestach Tjing-örl die Büttel, damit sie nicht zu stark zuschlugen, und anschließend setzte er Dschang Hua zu: „Mit dir war sie zuerst verlobt. Wenn du nur auf der Hochzeit bestehst, muß der Beamte sie dir zusprechen.“
 
Also verklagte Dschang Hua die Djias ein weiteres Mal, wieder instruierte Wang Hsin den Zensor, und nun entschied er: „Dschang Hua soll das Silber, das er den Djias schuldet, termingemäß und in voller Höhe zurückzahlen. Seine Verlobte soll er heiraten, sobald er dazu in der Lage ist.“ Diesen Spruch verkündete er in der Amtshalle in Anwesenheit von Dschang Huas Vater, den er hatte vorladen lassen. Auch von Tjing-örl bekam Dschang Huas Vater alles erklärt, und froh über die Aussicht, die Schwiegertochter mit einer reichen Zugabe zurückzubekommen, begab er sich zu den Djias, um die zweite Schwester You abzuholen.
 
Mit erschrockener Miene lief Hsi-fëng zur Herzoginmutter, berichtete ihr und sagte, das alles liege nur daran, daß Frau You so unklug gehandelt habe, das Verlöbnis mit den Dschangs nicht rückgängig zu machen, was die Leute dazu veranlaßt habe, eine Klage zu erheben, die nun amtlicherseits auf diese Weise entschieden worden sei.
 
Sofort ließ die Herzoginmutter Frau You zu sich herüberrufen und warf ihr vor, sie habe unziemlich gehandelt. „Wenn deine jüngere Schwester schon als Kind im Mutterleib mit dem Mann verlobt worden war und du die Verlobung nicht rückgängig gemacht hast, warst du es, die ihn dazu gebracht hat, diese dumme Anklage zu erheben.“
 
„Aber er hat doch das Silber genommen, wie kann er da nicht einverstanden gewesen sein?“ verteidigte sich Frau You.
 
„Dschang Hua hat jetzt ausgesagt, er habe kein Silber gesehen und bei ihm sei auch niemand gewesen“, fiel Hsi-fëng ein, die am Rande stand. „Und sein Vater sagt: ‚Die Mutter der Verlobten hat einmal mit mir gesprochen, aber ich habe durchaus nicht zugestimmt. Nachdem ihre Mutter gestorben war, habt ihr sie als Nebenfrau ins Haus genommen.‘ Da wir keinen Gegenbeweis haben, mußten wir ihn reden lassen. Ein Glück nur, daß der junge Herr Liän nicht zu Hause ist und noch nicht die Ehe mit ihr vollzogen hat! Von daher gäbe es also keinen Hinderungsgrund. Aber da sie einmal hier ist, können wir sie schlecht wieder herausgeben, ohne daß unser Ansehen darunter leidet.“
 
„Da die Ehe noch nicht vollzogen ist und da es unserem Ansehen noch mehr schaden würde, wenn wir jemand mit Gewalt die Verlobte wegnähmen, ist es das beste, wir schicken sie zurück“, entschied die Herzoginmutter. „Werden wir etwa kein anderes gutes Mädchen für ihn finden?“
 
Als die zweite Schwester You das hörte, berichtete sie der Herzoginmutter: „Aber meine Mutter hat dem Mann wirklich an dem und dem Tag des soundsovielten Monats des Jahres sowieso zehn Liang Silber gegeben, und er hat sich mit der Aufhebung der Verlobung einverstanden erklärt. Er ist verrückt vor Armut, deshalb hat er uns angezeigt und behauptet dabei das Gegenteil. Meine ältere Schwester trifft keine Schuld.“
 
„Da sieht man, daß man sich mit arglistigen Menschen nicht einlassen darf“, sagte die Herzoginmutter darauf. „Wenn die Dinge so liegen, soll Hsi-fëng Rat schaffen.“
 
Hsi-fëng hatte keine andere Wahl als zuzustimmen. Als sie in ihre Räume zurückgekehrt war, ließ sie Djia Jung Bescheid sagen. Dieser wußte nur zu gut, daß Hsi-fëng der Meinung war, es würde einen sehr schlechten Eindruck machen, wenn man die zweite Schwester You durch Dschang Hua abholen ließe, darum meldete er die Sache an Djia Dschën weiter, und dann wurde in aller Heimlichkeit jemand zu Dschang Hua geschickt, um ihm zu sagen: „Du hast jetzt so viel Silber, warum willst du unbedingt deine ehemalige Verlobte wiederhaben? Hast du denn, wenn du dich so darauf versteifst, gar keine Angst, daß die Herrschaften böse werden und irgendeinen Vorwand gegen dich suchen, durch den du so ums Leben kommst, daß man sich die Beerdigung sparen kann? Mit dem Silber kannst du doch in eure Heimat zurückkehren und allemal eine gute Braut finden. Wenn du dich dazu entschließen kannst, bekommst du sogar noch etwas Reisegeld.“
 
Dschang Hua dachte kurz nach und fand den Vorschlag annehmbar. Nachdem er sich noch mit seinem Vater beraten hatte und sie nun insgesamt an die hundert Liang Silber bekommen hatten, machten sie sich am nächsten Morgen in der fünften Nachtwache auf den Weg und kehrten in ihren Heimatort zurück.
 
Als Djia Jung auf seine Erkundigungen hin hiervon Kenntnis erhalten hatte, meldete er der Herzoginmutter und Hsi-fëng: „Aus Furcht vor einer Strafe für seine falsche Anklage ist Dschang Hua mit seinem Vater zusammen geflohen. Die Behörden wissen bereits davon und stellen keine weiteren Ermittlungen mehr an. Damit ist der Fall erledigt.“
 
Nun überlegte Hsi-fëng: „Wenn ich dafür gesorgt hätte, daß Dschang Hua seine Verlobte zurückbekommt, wäre nicht auszuschließen gewesen, daß Djia Liän bei seiner Rückkehr etwas Geld ausgegeben und sie wieder in seinen Besitz gebracht hätte. Dieser Dschang Hua hätte bestimmt nachgegeben. Da ist es schon besser, die zweite Schwester You bleibt hier, und ich denke mir etwas anderes aus. Ich weiß aber nicht, wohin Dschang Hua jetzt gegangen ist. Wenn ich zulasse, daß er irgend jemand von der Sache erzählt oder den Fall später unter einem Vorwand erneut aufrollt, schade ich mir nur selbst. Ich hätte das Ruder nie aus der Hand geben dürfen!“
 
Ihre Reue fand kein Ende, ehe sie nicht einen neuen Plan gefaßt hatte und Lai Wang heimlich befahl, er solle Dschang Hua suchen lassen, um ihn dann entweder als Räuber vor Gericht zu bringen und hinrichten zu lassen oder aber heimlich mit ihm abzurechnen. Auf jeden Fall mußte Dschang Hua sterben, damit das Unheil mit der Wurzel ausgerottet wurde und ihr Ansehen keinen Schaden litt.
 
Nachdem Lai Wang diesen Befehl erhalten hatte und wieder zu Hause war, sagte er sich: „Der Mann ist verschwunden, und damit ist der Fall erledigt. Weshalb also soviel Aufhebens machen? Ein Menschenleben geht den Himmel an und ist kein Kinderspiel. Ich will mir etwas ausdenken, wie ich sie hinters Licht führen kann!“ Also hielt er sich für ein paar Tage außerhalb verborgen, und als er zurückkam, sagte er zu Hsi-fëng: „Dschang Hua hatte etliches Silber bei sich, und schon am dritten Tag nach seiner Flucht ist er im Morgengrauen in der Gegend von Djing-kou0 von Straßenräubern niedergeschlagen und umgebracht worden. Sein Vater ist dann in einem Gasthauszimmer durch den erlittenen Schreck gestorben. Es hat eine Leichenschau stattgefunden, und die beiden sind dort begraben worden.“
 
Hsi-fëng wollte ihm nicht glauben und drohte: „Wenn du gelogen hast, und ich finde es durch jemand anders heraus, dann schlage ich dir die Zähne ein.“ Aber sie ließ die Sache auf sich beruhen und stellte keine weiteren Nachforschungen mehr an. Zur zweiten Schwester You war sie auffallend freundlich, noch zehnmal mehr als zu einer leiblichen Schwester.
 
Als Djia Liän endlich seine Aufgabe erfüllt hatte und zurückkam, ritt er als erstes zu seinem neuen Haus und fand es still und verschlossen. Nur ein alter Wächter war da, bei dem er sich erkundigte, was vorgefallen sei. Der Alte erzählte ihm alles so, wie es gewesen war, und Djia Liän stampfte mit dem Fuß, obwohl er im Sattel saß.
 
Notgedrungen mußte er erst einmal Djia Schë und Dame Hsing begrüßen und über die Erledigung seines Auftrags berichten. Djia Schë war sehr zufrieden mit ihm und lobte, er sei ein brauchbarer Helfer. Dann belohnte er ihn mit einhundert Liang Silber und schenkte ihm obendrein ein siebzehnjähriges Sklavenmädchen namens Tjiu-tung aus seinen eigenen Räumen als Beischläferin. Djia Liän nahm sie mit einem Stirnaufschlag zum Zeichen des Dankes entgegen, und seine Freude kannte keine Grenze.
 
Als er auch die Herzoginmutter und die übrigen Hausgenossen begrüßt hatte und dann seine eigenen Räume aufsuchte, waren seine Züge unvermeidlich ein wenig von Scham gezeichnet. Doch wider Erwarten machte Hsi-fëng nicht ihr übliches Gesicht, als sie ihm mit der zweiten Schwester You zusammen zur Begrüßung entgegentrat und sie die gebräuchlichen Phrasen über das Wetter miteinander wechselten.
 
Während Djia Liän von Tjiu-tung erzählte, leuchteten natürlich Stolz und Selbstzufriedenheit aus seinen Augen. Hsi-fëng hörte ihn an, dann gab sie rasch den Befehl, zwei Sklavenfrauen sollten das Mädchen mit dem Wagen von drüben abholen. Noch war der erste Stachel aus ihrem Herzen nicht entfernt, da kam aus heiterem Himmel ein zweiter dazu. Doch wohl oder übel mußte sie es schweigend erdulden und gute Miene zum bösen Spiel machen. Sie ließ dann zum einen eine Weintafel herrichten, um den Heimgekehrten zu bewillkommnen, und führte zum anderen Tjiu-tung zur Herzoginmutter, zu Dame Wang und zu den übrigen, um sie vorzustellen. Still bei sich war Djia Liän verwundert.
 
Inzwischen war schon der zwölfte Tag des zwölften Monats gekommen, und Djia Dschën mußte aufbrechen. Zuerst entbot er seinen zeremoniellen Gruß im Ahnentempel, dann kam er herüber, um auch vor der Herzoginmutter und den übrigen zum Abschied niederzuknien.Alle Familienangehörigen gaben ihm das Geleit bis zum Pavillon der Tränen0, nur Djia Liän und Djia Jung begleiteten ihn drei Tage und drei Nächte lang, und kehrten dann erst um. Den ganzen Weg über schärfte Djia Dschën ihnen ein, sie sollten alle Kraft auf die Führung des Hauswesens richten und dergleichen mehr, und mit dem Mund versprachen sie es ihm beide. Außerdem wechselten sie auch ein paar hochtönende Redensarten, die hier nicht umständlich wiedergegeben werden müssen.
 
Wenn Hsi-fëng in ihren Räumen war, behandelte sie die zweite Schwester You äußerlich natürlich so, daß nichts daran auszusetzen war, in ihrem Herzen jedoch brütete sie andere Pläne aus, und als sie einmal mit der zweiten Schwester You allein war, legte sie los: „Von dir werden böse Dinge erzählt, meine Schwester. Sogar die alte gnädige Frau und die gnädige Frau haben davon gehört und sagen nun, schon als Mädchen im Haus deiner Mutter seist du nicht keusch gewesen und hättest auch mit deinem Schwager etwas gehabt.
 
‚Du hast eine ausgesucht, die keiner mehr haben wollte‘, sagten sie mir vorwurfsvoll. ‚Willst du sie nicht wegschicken und eine bessere suchen?‘ Als ich das hörte, bin ich beinahe geplatzt vor Wut. Ich habe herauszufinden versucht, wer das erzählt hat, aber es war nicht festzustellen. Wie soll ich jetzt dem Sklavengesinde auf die Dauer ins Gesicht sehen? Etwas Schönes habe ich mir da aufgeladen!“
 
Nachdem sie zweimal in dieser Weise geredet hatte, wurde sie vor Ärger krank und konnte nicht mehr essen und trinken. Mit Ausnahme von Ping-örl gab es unter den Sklavenmädchen und -frauen keine, die nicht alles mögliche daherredete, anzügliche Reden führte und insgeheim stichelte.
 
Tjiu-tung dagegen war der Meinung, weil niemand anders als Djia Schë sie Djia Liän zum Geschenk gemacht hatte, könne es keine bessere geben als sie selbst, und so verachtete sie sogar Hsi-fëng und Ping-örl, von der zweiten Schwester You ganz zu schweigen. Sooft sie den Mund aufmachte, hetzte sie: „So eine dahergelaufene Dirne! Erst hurt sie herum, und als sie keiner mehr wollte, hat sie geheiratet. Und so etwas will mir hier den Rang streitig machen!“ Wenn Hsi-fëng das hörte, freute sie sich im stillen, und wenn die zweite Schwester You es hörte, war sie im stillen beschämt, verärgert und wütend.
 
Seitdem Hsi-fëng krank spielte, aß sie nicht mehr mit der zweiten Schwester You zusammen und ließ ihr das Essen jeden Tag durch das Gesinde in ihre Räume bringen. Aber Essen wie Tee waren gleichermaßen ungenießbar. Ping-örl, die das nicht mit ansehen konnte, ließ für ihr eigenes Geld Speisen herrichten, die sie ihr brachte. Manchmal sagte sie auch einfach, sie wolle mit ihr im Garten spazierengehen, um dann in der Gartenküche eine Suppe für sie kochen zu lassen. Und niemand wagte es, Hsi-fëng davon zu unterrichten. Doch als Tjiu-tung die beiden einmal dabei ertappt hatte, bohrte sie bei Hsi-fëng: „Ausgerechnet von Ping-örl wird Euer Ruf untergraben, junge Herrin. Hier muß das schöne Essen verderben, und sie füttert diese Person heimlich im Garten.“
 
Daraufhin wurde Ping-örl von Hsi-fëng gescholten: „Anderer Leute Katzen fangen Ratten, nur meine Katze muß Hühner stehlen.“
 
Da Ping-örl nicht wagte, sich auf eine Auseinandersetzung einzulassen, mußte sie sich fortan von der zweiten Schwester You fernhalten. Gegen Tjiu-tung aber hegte sie von nun an einen heimlichen Haß, über den sie schlecht etwas verlauten lassen konnte.
 
 
Aus: Chengjiaben 1791.
 
Von den Gartenbewohnern sympathisierten Li Wan, Ying-tschun, Hsi-tschun und andere mit Hsi-fëng, während Bau-yü, Dai-yü und ihnen Gleichgesinnte sich insgeheim um die zweite Schwester You Sorgen machten. Zwar konnten sie nicht gut etwas unternehmen, aber sie sahen, daß man Mitleid mit ihr haben mußte, und sooft sie kam,  bedauerten sie sie.  Aber auch wenn niemand ihr Gespräch belauschen konnte, weinte die zweite Schwester You nur und wagte sich nicht zu beklagen.
 
Hsi-fëng ließ auch keinerlei schlechte Absichten erkennen. Wenn Djia Liän nach Hause kam, sah er sie stets nur gütig, und deshalb war er unachtsam. Außerdem hegte Djia Liän angesichts der überaus zahlreichen Beischläferinnen und Sklavenmädchen, die Djia Schë sein eigen nannte, schon immer ungehörige Absichten und hatte nur nicht gewagt, sie in die Tat umzusetzen.
 
Andererseits waren Tjiu-tung und ihresgleichen böse auf ihren Gebieter, weil er alt und trottelhaft war, zwar noch einen unersättlichen Appetit hatte, aber nicht mehr die Kraft, ordentlich zu kauen, so daß man sich fragen mußte, wozu er die vielen Mädchen eigentlich bei sich behielt. Abgesehen von einigen wenigen, die ein Gefühl für Anstand und Scham besaßen, vergnügten sich die übrigen wohl mit den Sklavenjungen vom Innentor, wenn sie nicht gar durch das Spiel ihrer Augen und Brauen versuchten, heimlich mit Djia Liän anzubändeln, wobei es nur aus Furcht vor Djia Schës Gewalt noch zu keinem Ergebnis gekommen war.
 
Gerade Tjiu-tung war für Djia Liän eine alte Bekannte, wenn es auch kein einziges Mal zu einer wirklichen Begegnung zwischen ihnen gekommen war. Jetzt hatte es der Himmel gut gemeint, und Djia Schë hatte sie Djia Liän zum Geschenk gemacht. Nun waren die beiden wie prasselndes Feuer und trockenes Reisig, unzertrennlich wie Leim und Lack und unbeschwert fröhlich wie Neuvermählte. Tagelang ließen sie nicht voneinander ab. Deshalb wurde Djia Liäns Interesse für die zweite Schwester You allmählich lau, und nur Tjiu-tung war für ihn noch das Leben.
 
Für Hsi-fëng war Tjiu-tung selbst zwar ein Gegenstand des Hasses, aber erfreulich fand sie die Möglichkeit, sich ihrer zu bedienen, um zuerst die zweite Schwester You loszuwerden, während sie selbst im Hintergrund bliebe, so daß sie ‚mit fremder Hand töten‘ und ‚vom Berg aus den kämpfenden Tigern zusehen‘ könnte. Wenn Tjiu-tung die zweite Schwester You erledigt hätte, wollte sie ihrerseits Tjiu-tung erledigen.
 
Nachdem dieser Plan einmal feststand, sagte sie häufig unter vier Augen zu Tjiu-tung: „Du bist noch jung und kennst dich nicht aus. Sie ist hier die jüngere gnädige Frau und der Liebling unseres jungen Herrn, selbst ich muß ihr einige Zugeständnisse machen. Du gräbst dir doch dein eigenes Grab, wenn du ihr mit Härte entgegentrittst.“
 
Solche Worte verdrossen Tjiu-tung nur um so mehr, und Tag für Tag schalt sie mit lauter Stimme: „Die junge gnädige Frau ist zu weichlich. Derartige Nachsicht ist nichts für mich. Irgendwie ist ihr die ganze Autorität abhanden gekommen. Sie ist großmütig, ich aber lasse mir keinen Sand in die Augen streuen. Die Hure soll mich kennenlernen!“
 
Hsi-fëng in ihrem Zimmer tat so, als ob sie nicht den Mut hätte, etwas dagegen zu sagen, und die zweite Schwester You in ihrem Zimmer weinte nur, aß nichts mehr und traute sich nicht, Djia Liän davon zu berichten. Als am nächsten Tag der Herzoginmutter auffiel, wie rot und geschwollen die Augen der zweiten Schwester You waren, fragte sie sie nach dem Grund, aber auch ihr wagte die zweite Schwester You nichts zu sagen.
 
Tjiu-tung jedoch, die sich überall in den Vordergrund drängte und ihre Reize spielen ließ, bemerkte insgeheim zur Herzoginmutter und zu Dame Wang: „Die versteht es, die Leidende zu spielen! Den ganzen Tag flennt sie grundlos herum. Hinter unserem Rücken aber betet sie, daß die zweite junge Herrin und ich nur bald sterben, damit sie ganz nach ihren Wünschen mit dem jungen Herrn leben kann.“
 
„So eine betörende Schönheit läßt auf ein neidisches Herz schließen“, sagte die Herzoginmutter darauf. „Hsi-fëng ist so gut zu ihr, sie aber muß Streit suchen und eifersüchtig sein. Sie ist wahrhaftig ein undankbares Ding!“ Und mit der Zeit ließ ihr Gefallen an der zweiten Schwester You nach.
 
Als die anderen merkten, daß die zweite Schwester You von der Herzoginmutter nicht mehr gemocht wurde, trampelten sie natürlich erst recht auf ihr herum und brachten es damit so weit, daß die zweite Schwester You nicht leben und nicht sterben konnte. Ein Glück war es noch, daß Ping-örl sie immer wieder zu trösten versuchte, wenn sie sie hinter Hsi-fëngs Rücken so antraf.
 
Aber die zweite Schwester You war ein Mensch mit Magen und Darm wie aus Blumen, mit Fleisch und Haut wie aus Schnee. Wie sollte sie da solchen Quälereien gewachsen sein! Nach nur einem Monat, den sie an ihrem heimlichen Groll gelitten hatte, wurde sie vor Ärger krank. Arme und Beine waren ihr träge geworden, und Appetit hatte sie auch nicht mehr, so daß sie allmählich gelb und mager wurde.
 
Eines Abends, als sie die Augen schloß, um zu schlafen, sah sie ihre jüngere Schwester mit den Ente-Erpel-Schwertern auf sich zutreten und hörte sie sagen: „Du hattest immer ein törichtes Herz und einen weichen Sinn, Schwester, deshalb mußt du jetzt diese Enttäuschung erleben. Glaub nicht mehr den blumigen Worten und den raffinierten Reden dieser eifersüchtigen Frau! Nach außen hin ist sie gütig, aber innerlich ist sie verschlagen. Ihr Haß wird keine Ruhe finden, ehe sie dich nicht umgebracht hat.
 
Wenn ich noch in dieser Welt lebte, hätte ich bestimmt nicht zugelassen, daß du zu ihr ziehst, oder zumindest nicht, daß sie dich so behandelt. Aber es mußte ja so kommen. Wir haben weder züchtig noch tüchtig gelebt und haben die Männer dazu gebracht, daß sie Anstand und Sitte zerstörten. Das ist nun die Vergeltung dafür. Hör jetzt auf mich und erschlage das eifersüchtige Weib mit diesen Schwertern, dann aber komm mit mir, tritt vor den Richtertisch der Fee Warnendes Trugbild und laß sie über dich entscheiden! Sonst opferst du sinnlos dein Leben, ohne daß dich jemand bedauert.“
 
„Schwesterchen“, erwiderte die zweite Schwester You unter Tränen, „wenn ich mich mein Leben lang schlecht aufgeführt habe, ist die Vergeltung, die mich jetzt trifft, die zwangsläufige Folge. Warum soll ich auch noch die Schuld eines Mordes auf mich nehmen? Laß mich nur weiter aushalten! Vielleicht hat der Himmel Erbarmen mit mir und läßt es mir wieder gut gehen. Wäre damit nicht beiden Seiten geholfen?“
 
„Du bist und bleibst eine Närrin“, hielt die dritte Schwester You ihr vor und lächelte dabei. „Seit Anbeginn gilt ‚Die Netze des Himmels sind allumfassend, sie sind grobmaschig, und doch lassen sie nichts durch.‘ Und ‚Der Weg des Himmels ist es, die Vergeltung zu lieben.‘ Auch wenn du das Vergangene bereust und ein neuer Mensch geworden bist, hast du doch zwischen Vater und Sohn, Vetter und Vetter solche Verwirrung gestiftet, daß sie sich verhalten haben wie die wilden Hirsche, die sich ein und dasselbe Weibchen teilen. Wie könnte es der Himmel da zulassen, daß du in Frieden lebst?“
 
„Wenn ich nicht in Frieden leben darf, muß wohl auch das so sein, und ich werde keinen Groll deswegen hegen“, sagte die zweite Schwester You unter Tränen.
 
Als die Jüngere das hörte, stieß sie einen langen Seufzer aus und verschwand. Die zweite Schwester You aber fuhr erschrocken auf und merkte, daß es ein Traum gewesen war. Als dann Djia Liän kam, um nach ihr zu sehen, sagte sie, da weiter niemand dabei war, unter Tränen zu ihm: „Ich werde nicht wieder gesund. Ein halbes Jahr bin ich jetzt bei dir und weiß, daß ich schwanger bin, wenn ich auch nicht wissen kann, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Wenn der Himmel Mitleid mit mir hat, werde ich das Kind noch zur Welt bringen können. Wenn nicht, gibt es keine Sicherheit für mein Leben, geschweige denn für das des Kindes.“
 
„Beruhige dich!“ sagte Djia Liän ebenfalls unter Tränen. „Ich werde einen verständigen Mann herbitten, der dich gesund macht.“ Und er ging hinaus, um sofort nach einem Arzt zu schicken.
 
Wider Erwarten war jedoch Hofarzt Wang auf den Gedanken verfallen, sich bei der Armee Verdienste zu erwerben, die später seinen Kindern zugute kommen sollten. Deshalb kamen die Sklavenjungen mit einem Hofarzt namens Hu wieder, dessen Rufname Djün-jung lautete. Als er eingetreten war und der Kranken die Pulse gefühlt hatte, sagte er, sie leide unter einer unregelmäßigen Periode und brauche nur eine kräftige Stärkung.
 
„Aber ihre Regel hat schon vor drei Monaten ausgesetzt, und sie muß sich häufig erbrechen. Ich vermute, sie wird wohl schwanger sein“, wandte Djia Liän ein.
 
Daraufhin befahl Hu Djün-jung den alten Sklavenfrauen, sie sollten ihre Herrin bitten, ihm noch einmal die Hand zu zeigen, und wohl oder übel schob die zweite Schwester You noch einmal ihren Arm unter dem Bettvorhang durch.
 
Hu Djün-jung fühlte ihr zum zweiten Mal lange die Pulse, dann verkündete er: „Bei einer Schwangerschaft müßte sich der Leberpuls kräftig anfühlen. Aber wenn das Element Holz zu üppig wird, entsteht Feuer. Die unregelmäßige Periode wird nur durch das Holz der Leber bewirkt. Ich muß so kühn sein, die junge gnädige Frau zu bitten, mir ihr kostbares Antlitz ein wenig zu enthüllen, damit ich sehen kann, was ihre Miene über ihren Lebenshauch offenbart. Dann erst wage ich, ihr ein Medikament zu verschreiben.“
 
Djia Liän hatte keine andere Wahl, als anzuordnen, man solle den Bettvorhang einen Spalt weit anheben, und die zweite Schwester You solle ihr Gesicht sehen lassen. Doch der flüchtige Anblick genügte, um die Seele von Hu Djün-jung bis zum neunten Himmel entschweben zu lassen. Sein ganzer Körper war wie gelähmt, und sein Denken setzte aus.
 
Nachdem der Bettvorhang wieder herabgelassen war, begleitete Djia Liän den Arzt hinaus und wollte wissen, was nun sei. „Das ist keine Schwangerschaft“, erklärte Hu Djün-jung, „es ist lediglich das angestaute Blut, das sich verdickt hat. Darum kommt es nur darauf an, dieses Blut abzuleiten und die Adern für die Periode durchlässig zu machen.“ Danach schrieb er sein Rezept, verabschiedete sich und ging.
 
Djia Liän befahl, man solle dem Arzt sein Honorar bringen, die Zutaten für die Arznei holen, sie zubereiten und der zweiten Schwester You zu trinken geben. Noch in der Nacht bekam dann die zweite Schwester You Bauchschmerzen, die sich nicht stillen ließen, und schließlich ging ihr ein voll ausgebildeter männlicher Fötus ab. Danach setzte eine Blutung ein, die nicht wieder aufhören wollte, und die zweite Schwester You wurde ohnmächtig.
 
Als Djia Liän die Neuigkeit erfuhr, fluchte er laut auf Hu Djün-jung, schickte nach einem anderen Arzt, um die Kranke behandeln zu lassen, und schickte auch jemand los, um Anklage gegen Hu Djün-jung zu erheben. Aber Hu Djün-jung erfuhr davon, schnürte flugs sein Bündel und machte sich aus dem Staub.
 
Inzwischen stellte der neue Arzt fest: „Eure werte Gattin hat von Natur aus eine schwächliche Konstitution. Seitdem sie schwanger war, muß sie wohl einigen Ärger erfahren haben, der sich angestaut hat. Jener Herr hat mit seiner Tiger- und Wolfsmedizin den Lebenshauch Eurer werten Gattin zu acht, neun Zehnteln zerstört. An eine baldige Genesung ist nicht zu denken. Aber wenn sie Heiltränke und zugleich Arzneikugeln einnimmt und außerdem mit überflüssigem Gerede verschont wird, besteht vielleicht noch einige Aussicht auf Genesung.“ Mit diesen Worten ging er davon.
 
Djia Liän aber ließ in seiner Wut feststellen, wer den Arzt Hu geholt hatte, und als er es heraushatte, schlug er den Schuldigen halbtot.
 
Noch zehnmal aufgeregter als Djia Liän gebärdete sich Hsi-fëng. Klagend rief sie aus: „Uns war vom Schicksal kein Sohn bestimmt, und nachdem uns jetzt endlich einer in Aussicht stand, mußten wir an so einen unfähigen Arzt geraten!“ Dann brannte sie für Himmel und Erde Weihrauch ab, fiel auf die Knie und betete: „Auch wenn ich dafür krank werden muß, bitte ich nur um das eine, daß Schwester You wieder ganz gesundet, von neuem schwanger wird und einen Sohn gebiert. Dann will ich auf ewig fleischlose Fastenspeisen essen und zu Buddha beten!“
 
Djia Liän und alle anderen, die davon erfuhren, waren des Lobes voll.
 
Wenn Djia Liän mit Tjiu-tung zusammen war, kochte Hsi-fëng Suppen und Brühen und ließ sie der zweiten Schwester You hinübertragen. Außerdem hielt sie Ping-örl vor, sie müsse zum Unglück geboren sein, und sagte: „Mit dir ist es dasselbe wie mit mir, aber ich bin viel krank, während du nie krank bist und trotzdem nicht schwanger wirst. Der jüngeren Herrin ist das bestimmt nur zugestoßen, weil uns beiden kein Glück beschieden ist. Oder vielleicht ist jemand daran schuld, der ihr auf Grund seines ungünstigen Horoskops entgegensteht.“
 
Also schickte sie jemand aus, um die Wahrsager befragen zu lassen, und der Bescheid, den die Botin zurückbrachte, lautete: „Die Schuld trägt eine, die im Zeichen des Hasen geboren0 ist.“ Nun rechneten alle nach, und die einzige, auf die das zutraf, war Tjiu-tung. Darum hieß es, sie sei schuld.
 
Tjiu-tung hatte mit ansehen müssen, wie Djia Liän in den letzten Tagen Ärzte holen und Arznei kochen ließ, wie er die Leute schlug und selbst die Hunde beschimpfte, und wie er die zweite Schwester You mit zärtlicher Fürsorge umgab. Schon das hatte genügt, um ihr Herz randvoll mit Essig zu füllen. Als sie jetzt noch hören mußte, sie solle die Schuldige sein, und als Hsi-fëng ihr riet, sie solle sich vorübergehend woanders einen Unterschlupf suchen und in ein paar Monaten wiederkommen, da schimpfte sie mit Tränen der Wut in den Augen: „Was kümmert es mich, was dieses blinde Wahrsagerpack zusammenschwindelt! ‚Brunnenwasser tut dem Flußwasser nichts zuleide‘, sagt man, warum also soll ich schuld sein? Draußen hat sich das feine Püppchen mit wer weiß wem abgegeben, und kaum daß sie hier ist, steht ihr jemand durch sein Horoskop entgegen.
 
Wie will sie überhaupt mir nichts, dir nichts zu einem Kind gekommen sein? Davon hat sie doch nur erzählt, um unsern jungen Herrn kirre zu machen, so empfänglich wie er für Schmeicheleien ist. Und selbst wenn sie ein Kind gehabt hat, weiß man noch nicht, ob es mit Familiennamen Dschang oder Wang hätte heißen müssen. Wenn Ihr so viel Wert auf einen Bastard legt, junge gnädige Frau, ich hätte keine Freude daran! Und überhaupt – wer könnte auf die Dauer nicht auch ein Kind haben? Jede könnte das! Wenn ich in einem Jahr oder einem halben ein Kind habe, ist es wenigstens ohne jede Beimischung!“
 
Allen war zum Lachen bei dieser Tirade, aber keine hatte den Mut dazu, es zu tun.
 
Zufällig kam eben Dame Hsing, um nach der Kranken zu sehen, und sofort klagte ihr Tjiu-tung unter Tränen: „Der zweite junge Herr und die junge Herrin wollen mich hinauswerfen und obdachlos machen. Erbarmt Euch meiner, gnädige Frau!“
 
Aufgeregt machte Dame Hsing zuerst Hsi-fëng eine Zeitlang Vorhaltungen, dann schalt sie Djia Liän: „Du undankbares Geschöpf! Welche Fehler sie auch immer haben mag, ist sie dennoch ein Geschenk deines Vaters. Wenn du sie um einer andern willen hinauswerfen willst, die du dir von draußen geholt hast, gilt dir dein Vater also nichts mehr, wie? Anstatt sie hinauszuwerfen, tätest du besser daran, sie ihm zurückzugeben.“ Damit ging sie wütend hinaus.
 
Tjiu-tung aber hatte erreicht, was sie wollte, und ging nun so weit, sich unter die Fenster der zweiten Schwester You zu stellen, um dort laut zu schimpfen und zu weinen, was natürlich den Ärger der zweiten Schwester You nur vermehrte.
 
Am Abend, als Djia Liän bei Tjiu-tung im Bett lag und Hsi-fëng bereits schlief, kam Ping-örl nach der zweiten Schwester You sehen und redete ihr leise zu: „Kurier dich nur schön und achte nicht auf das Biest!“
 
„Meine Schwester!“ sagte die zweite Schwester You und griff nach Ping-örls Hand, „seitdem ich hier bin, habe ich das Glück, von dir umsorgt zu werden, und du mußtest wer weiß wie oft um meinetwillen leiden. Falls ich mit dem Leben davonkomme, will ich dir deine Güte vergelten, doch ich fürchte, es wird nichts daraus und du mußt bis zu meiner nächsten Existenz darauf warten.“
 
Auch Ping-örl konnte die Tränen nicht zurückhalten, als sie ihr sagte: „Wenn ich es mir recht überlege, bin nur ich an deinem Unglück schuld. Ich habe ein törichtes Herz und habe i h r nie etwas verschwiegen, warum hätte ich es ihr also nicht sagen sollen, als ich erfuhr, daß es dich gibt. Und daraus ist dann all dieses Unheil entstanden.“
 
„Da hast du unrecht!“ widersprach die zweite Schwester You eilig. „Auch wenn du ihr nichts gesagt hättest, herausgefunden hätte sie es doch. Du hast es ihr bloß als erste gesagt. Außerdem war es ja mein ganzes Sinnen und Trachten, hierher zu ziehen, damit die Sache ihre Ordnung hätte. Das hat mit dir nichts zu tun.“
 
Beide weinten noch ein Weilchen zusammen, dann erteilte Ping-örl der zweiten Schwester You ein paar gutgemeinte Ermahnungen, und erst als es schon tiefe Nacht war, ging sie in ihr Zimmer zurück, um zu schlafen.
 
Währenddessen sagte sich die zweite Schwester You: „da die Krankheit nun einmal Macht über mich gewonnen hat, und es mir von Tag zu Tag schlechter geht anstatt besser, werde ich bestimmt nicht wieder gesund. Wozu soll ich diesen kleinlichen Ärger ertragen, zumal ich mein Kind verloren habe, an das sich mein Herz hätte klammern können. Besser, ich sterbe und mache damit reinen Tisch! Ich habe die Leute oft sagen hören, man könne sich mit Rohgold umbringen0. Das ist doch sauberer, als wenn ich mich aufhänge oder mir die Kehle durchschneide!“
 
Nachdem sie den Gedanken zu Ende geführt hatte, rappelte sie sich mühsam auf, öffnete eine Truhe, suchte ein Stück unbearbeitetes Gold heraus, ohne zu wissen, wieviel es wog, und mit Tränen in den Augen schob sie es sich gewaltsam in den Mund. Dann mußte sie mehrmals mit aller Macht schlucken, ehe sie es endlich herunter bekam. Dann zog sie sich in größter Eile ordentlich an, schmückte sich mit ihrem Kopfputz und legte sich auf das Ofenbett. Niemand hatte auch nur das geringste bemerkt.
 
Als die Sklavenmädchen und -frauen die zweite Schwester You am nächsten Morgen nicht rufen hörten, machten sie sich unbekümmert an ihre eigene Toilette, während Hsi-fëng mit Tjiu-tung hinüberging, um den Älteren ihren Morgengruß zu entbieten.
 
Da schalt Ping-örl, die es nicht länger mit ansehen konnte, die Sklavenmädchen: „Ihr seid wirklich nur wert, jemand zu bedienen, der kein Herz im Leibe hat und der euch schlägt und beschimpft, wenn ihr mit einer Kranken kein bißchen Mitleid habt. Wollt ihr nicht zeigen, daß ihr wißt, was sich gehört, auch wenn sie gutartig ist, anstatt daß ihr die Sache so übertreibt und ‚mitschiebt, wenn die Mauer schon im Fallen ist‘?“
 
Nun machten die Sklavenmädchen die Tür auf, und als sie ins Zimmer traten, entdeckten sie, daß die zweite Schwester You sauber gekleidet und geschmückt tot auf dem Ofenbett lag. Zutiefst erschrocken, schrien und riefen sie durcheinander. Auch Ping-örl trat nun herein, und beim Anblick der Toten begann sie unwillkürlich, laut zu weinen. Auch die anderen wurden, obwohl sie in steter Furcht vor Hsi-fëng lebten, vom Schmerz gepackt bei dem Gedanken, daß die zweite Schwester You nun tot war, die sich doch Tieferstehenden gegenüber wirklich freundlich und nachsichtig benommen hatte und ein besserer Mensch als Hsi-fëng gewesen war, und da weinten sie ebenfalls um sie, wenn auch nicht so, daß sie dabei von Hsi-fëng überrascht werden konnten.
 
Im Nu war der Vorfall im ganzen Anwesen bekannt. Djia Liän kam herein, nahm die Tote in seine Arme und weinte hemmungslos, ohne wieder aufzuhören. Auch Hsi-fëng klagte unter geheuchelten Tränen: „Du hartherzige Schwester! Warum hast du mich hier allein zurückgelassen und meine Güte mit Undank gelohnt?“
 
Frau You und Djia Jung kamen ebenfalls herüber, um ein Weilchen zu weinen, und trösteten Djia Liän. Dann erstattete Djia Liän Dame Wang über die Angelegenheit Bericht und bat darum, die Tote fünf Tage lang im Birnendufthof aufbahren zu dürfen, um sie dann ins Kloster Eiserne Schwelle zu überführen, und Dame Wang gestattete es. Also schickte Djia Liän rasch Leute zum Birnendufthof, die das Tor aufschlossen und die Haupträume leer machten, um den Leichnam dort aufzubahren.
 
Da es nach Djia Liäns Ansicht keine Art war, die Tote durch den Hinterausgang hinauszutragen, ließ er dem Birnendufthof gegenüber eine große Bresche in die Hauptmauer schlagen. Zu beiden Seiten wurden Behelfsbauten aufgestellt und Altäre für die Totenrituale errichtet. Dann wurde die Tote auf eine mit atlasbezogenen Decken und Kissen gepolsterte Bahre gelegt und mit dem Leichentuch bedeckt. In Begleitung mehrerer Sklavenfrauen trugen acht Sklavenjungen die Bahre von der Innenmauer bis zum Birnendufthof.
 
  
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Revision as of 13:46, 12 April 2026

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Kapitel 68

苦尤娘賺入大觀園 / 酸鳳姐大鬧寧國府

Die leidgepruefte Frau You wird in den Grossen Garten gelockt; Die bittere Xifeng schlaegt im Ningguo-Anwesen grossen Laerm

Die unglückliche zweite Schwester You wird in den Garten des Großen Anblicks gelockt,die eifersüchtige Hsi-fëng wütet im Ning-guo-Anwesen.

Als Djia Liän auf die Reise ging, war der Kommandant von Ping-an eben zu einer Grenzinspektion unterwegs und wurde erst in ungefähr einem Monat zurückerwartet. Da Djia Liän noch keine eindeutige Antwort von ihm bekommen hatte, blieb ihm nichts weiter übrig, als sich in einem Gasthaus einzumieten und zu warten. Bis der Kommandant endlich zurück war und sie sich gesehen und die Sache geregelt hatten, war Djia Liän bereits annähernd zwei Monate von zu Hause fort. Wer konnte schon ahnen, daß Hsi-fëng alles längst entschieden hatte und nur wartete, bis Djia Liän weit genug fort war! Die verschiedensten Handwerker mußten kommen, und dann ließ sie drei Räume im östlichen Seitenflügel genauso herrichten und ausstatten wie ihre eigenen Zimmer. Am vierzehnten teilte Hsi-fëng der Herzoginmutter und Dame Wang mit, sie wolle am nächsten Morgen in aller Frühe ins Nonnenkloster fahren, um dort Weihrauch zu opfern. Von ihrem Gefolge nahm sie nur Ping-örl, Fëng-örl und die Frauen von Dschou Juee und Lai Wang mit, und erst als sie in die Wagen stiegen, eröffnete sie ihnen den wahren Zweck der Aktion. Das männliche Gesinde mußte noch auf ihren Befehl weiße Trauerkleider und kopfbedeckungen anlegen, und dann ging es los. Hsing-örl führte den Zug schnurstracks zum Hause der zweiten Schwester You und pochte dort ans Tor. Als Bau Örls Frau öffnete, sagte Hsing-örl lächelnd zu ihr: „Geh und melde der zweiten jungen Herrin, die ältere junge Herrin sei da!“ Bau Örls Frau flog bei diesen Worten gleich die Seele zum Scheitel hinaus, und sie stürzte nach drinnen, um der zweiten Schwester You Meldung zu machen. Auch die zweite Schwester You erschrak, aber nachdem Hsi-fëng einmal da war, mußte sie sie wohl oder übel dem Ritual entsprechend empfangen. Also ordnete sie rasch ihre Kleider und ging ihr entgegen. Als sie ans Tor kam, war Hsi-fëng eben aus dem Wagen gestiegen und trat nun ein. Auf dem Kopf trug sie schlichten Silberschmuck, gekleidet war sie in ein bläulich-weißes Atlasgewand, einen Umhang aus dunkelblauem Atlas und einen Rock aus feiner weißer Seide. Ihre Brauen waren geschwungene Weidenblätter, deren Spitzen weit in die Höhe ragten, ihre Augen schmale Phönixaugen, aus deren Winkeln der Geist sprühte. Sie war schön wie eine Pfirsichblüte im Frühling, frisch wie eine Chrysantheme im Herbst. Von Dschou Juees und Lai Wangs Frau gestützt, trat Hsi-fëng in den Hof. Lächelnd ging ihr die zweite Schwester You zur Begrüßung entgegen und sagte: „Ihr laßt Euch herab, mich zu besuchen, ältere Schwester, ich aber habe verabsäumt, Euch weit entgegenzugehen. Ich bitte, mir dieses Vergehen der Unachtsamkeit zu verzeihen.“ Damit machte sie einen tiefen Knicks. Ohne Verzug erwiderte Hsi-fëng den Gruß mit lächelnder Miene, dann traten sie Hand in Hand gleichzeitig ins Haus. Nachdem Hsi-fëng Platz genommen hatte, ließ sich die zweite Schwester You von den Sklavenmädchen ein Polster bringen, kniete nieder und sagte: „Ich, Eure Sklavin, bin noch jung an Jahren. Alles, was ich getan habe, seitdem ich hier bin, geschah auf Anraten meiner Mutter und meiner Schwester. Nachdem ich heute das Glück habe, Euch zu begegnen, möchte ich, wenn ich Euch nicht zu gering bin, in allen Dingen um Eure Anweisung und Belehrung bitten. Ich will Euch auch gern mein Innerstes offenbaren, nur um Euch zu dienen, ältere Schwester.“ Mit diesen Worten beugte sie tief den Nacken vor ihr. Sofort erhob sich Hsi-fëng von ihrem Sitz, erwiderte den Gruß in der gleichen Weise und sagte: „Alles liegt nur an mir. Ich habe dem jungen Herrn immer geraten, er solle besonnen sein und nicht auswärts bei ‚Blumen und Weiden‘[1] schlafen, damit er seinen Eltern keinen Kummer bereitet. Diese Bitte entsprang meinem Herzen, das töricht ist wie jedes Frauenherz. Er aber muß mich mißverstanden haben, Denn daß er es mir verschweigt, wenn er im Freudenhaus nächtigt, mag wohl angehen, er aber hat auch so eine wichtige zeremonielle Handlung wie seine Heirat mit Euch vor mir geheimgehalten. Dabei hatte ich ihm selbst schon lange geraten, diesen Schritt zu tun, um uns einen männlichen Nachkommen zu sichern. Wider Erwarten scheint er mich aber für eifersüchtig zu halten und hat diese große Angelegenheit heimlich vollzogen, ohne mich etwas davon wissen zu lassen, so daß ich niemand anders meinen Kummer klagen konnte als dem Himmel und der Erde. Erfahren habe ich schon vor zehn Tagen davon, doch weil ich Angst hatte, der junge Herr könnte zürnen, habe ich nichts gesagt. Heute nun ist er fern auf Reisen, deshalb bin ich gekommen, um Euch meinen Respekt zu bezeugen. Zugleich möchte ich Euch bitten, Mitleid mit meinem Herzen zu haben und Euch zu entschließen, zu uns zu ziehen. Nur wenn wir zusammen leben wie Schwestern und den jungen Herrn einmütig ermahnen, er solle die Dinge dieser Welt ernst nehmen und seine Gesundheit schonen, entspricht das den Riten. Wenn Ihr außerhalb lebt, ich aber in der Familie, dann wird mein Herz keine Ruhe finden, obwohl ich zu dumm und zu gering bin, um zu Eurer Gesellschaft zu taugen. Überdies würde es auch keinen guten Eindruck machen, wenn Außenstehende davon erführen. Um meinetwillen würde ich nicht grollen, wenn man über uns herzieht, der Ruf des jungen Herrn ist es, was zählt. Deshalb liegt meine Ehre in diesem Leben und in dieser Existenz ganz in Euren Händen, meine Schwester. Das Gesinde und anderer Pöbel wird bestimmt der Ansicht sein, meine übliche Haushaltsführung sei zu streng, und wird hinter meinem Rücken manches verschweigen und anderes hinzudichten – das ist nur normal. Aber wie kann ein Mensch von Euresgleichen das für die Wahrheit nehmen? Hätte man mich vielleicht bis zum heutigen Tage geduldet, wenn ich wirklich solche Unzulänglichkeiten besäße? Schließlich sind doch über mir drei Stufen von Schwiegermüttern da und neben mir unzählige Kusinen und Schwägerinnen, noch dazu sind die Djias seit Generationen eine namhafte Sippe. Eine andere würde es vielleicht als ein Ärgernis ansehen, daß der junge Herr Euch geheiratet hat, ich aber betrachte es als ein Glück. Dazu ist es nur gekommen, weil Himmel und Erde, Götter und Buddhas es nicht ertragen konnten, daß ich von gemeinen Menschen verleumdet werde. Heute bin ich gekommen, um Euch, meine Schwester, aufzufordern, mit mir zusammen zu leben und zu wohnen, damit wir gleiche Anteile empfangen und nach denselben Maßstäben behandelt werden, gemeinsam unsern Schwiegereltern dienen und gemeinsam unsern Gatten ermahnen. Freud und Leid wollen wir teilen, wollen einander lieben und miteinander harmonieren wie zwei leibliche Schwestern. Nicht nur jene verächtlichen Leute werden dann bereuen, daß sie mich bisher verkannt haben, auch unser junger Herr wird vielleicht eine heimliche Reue empfinden, wenn er nach Hause kommt und uns als unser Gatte so sieht. So könnt Ihr, meine Schwester, zu meiner größten Wohltäterin werden, die meinen Namen wieder makellos reinwäscht. Wenn Ihr mir aber nicht folgen wollt, bin ich auch gern bereit, Euch hier Gesellschaft zu leisten. Mit Freuden will ich Euch als jüngere Schwester dienen und Euch täglich beim Frisieren und Waschen aufwarten. Nur um das eine bitte ich Euch, daß Ihr zu meinen Gunsten ein gutes Wort bei unserm jungen Herrn einlegt, damit er mir soviel Platz gönnt, wie ich brauche, um eine Matte auszubreiten und meinen Körper darauf zu betten. Dafür würde ich selbst mit dem Leben zahlen.“ Bei den letzten Worten hatte sie begonnen zu schluchzen, und unwillkürlich liefen auch der zweiten Schwester You die Tränen herab. Noch einmal vollzogen sie voreinander den zeremoniellen Gruß, dann nahmen sie der Rangfolge gemäß wieder Platz. Da trat Ping-örl rasch heran und wollte ebenfalls niederknien. Aus ihrer schönen Ausstattung, ihrem gesitteten Betragen und ihrem lieblichen Gesicht hatte die zweite Schwester You schon geschlußfolgert, daß dies bestimmt Ping-örl sein müsse, darum half sie ihr jetzt geschwind mit eigener Hand wieder auf die Beine und sagte: „Nicht doch, meine jüngere Schwester! Du und ich, wir sind gleichen Ranges:“ Auch Hsi-fëng war rasch aufgestanden und sagte nun lächelnd: „Ihr zerstört ihr Glück und bringt sie zu Tode, wenn Ihr sie so behandelt, meine Schwester. Empfangt nur ihren Gruß, sie ist unsere Magd. Fortan dürft Ihr Euch nicht so zieren.“ Dann ließ sie sich von Dschou Juees Frau vier Stücken schönster Seide und vier Garnituren Kopfschmuck aus Gold und Perlen, bestehend aus Haarpfeilen und Ohrgehängen, aus ihrer Beuteltasche reichen, um sie der zweiten Schwester You als Geschenk anläßlich ihrer ersten Begegnung zu verehren, und diese kniete schnell nieder, um die Gaben zu empfangen. Während sie zu zweit Tee tranken, schilderten sie einander ihre Lebensgeschichte, und Hsi-fëng floß über von Selbstvorwürfen. „Ich kann niemand etwas verargen“, erklärte sie, „und bitte nur darum, daß Ihr mich lieb habt, meine Schwester.“ Als die zweite Schwester You sie so sah, hielt sie sie für den besten Menschen von der Welt, und da es auch der übliche Brauch ist, daß niedrige Menschen ihre Herren verleumden, wenn sie unzufrieden sind, zögerte sie nicht, ihr wirklich ihr Innerstes zu offenbaren, und glaubte schließlich, sie habe eine aufrichtige Freundin in ihr gefunden. Auch die Frauen von Dschou Juee und Lai Wang sparten nebenbei nicht mit Lob über Hsi-fëngs gutes Regiment und versicherten, ihr einziger Fehler sei ihre Gutmütigkeit, die ihr oft Nachteile einbringe, was manche Leute verärgert habe. Außerdem sagten sie: „Es sind schon Zimmer für Euch hergerichtet. Ihr werdet staunen, junge gnädige Frau, wenn Ihr dort einzieht!“ Nun war die zweite Schwester You still bei sich schon lange der Meinung gewesen, es sei das beste für sie, zu den Djias zu ziehen, und nach dem heutigen Erlebnis sah sie erst recht keinen Grund mehr zu zögern, darum sagte sie: „Eigentlich müßte ich mit Euch gehen, meine Schwester, aber was soll ich hier mit dem Haus machen?“ „Das ist doch kein Problem!“ erwiderte Hsi-fëng. „Die Truhen und Körbe mit Eurer Kleidung und Eurem Schmuck können die Jungen zu uns hinüberschaffen. Den gröberen Hausrat aber, für den Ihr bei uns keinen Bedarf habt, laßt Ihr hier von jemand bewachen. Dafür könnt Ihr einsetzen, wen immer Ihr für geeignet haltet.“ „Nachdem ich Euch heute kennengelernt habe und jetzt mit Euch gehe, meine Schwester, will ich alles Eurer Entscheidung überlassen“, erklärte die zweite Schwester You. „Denn ich bin noch nicht lange hier, habe nie einen Haushalt geführt und kenne mich in den Dingen der Welt nicht aus. Wie könnte ich also etwas entscheiden?! Nur ein paar Truhen und Körbe müßten mit, da ich selbst keinen Besitz habe und auch das dem jungen Herrn gehört.“ Daraufhin erhielt Dschou Juees Frau von Hsi-fëng den Auftrag, sich alles genau zu merken und gut darauf achtzugeben, wenn es hinübergeschafft wurde. Als sich die zweite Schwester You auf Hsi-fëngs Drängen hin umgezogen hatte, stiegen sie beide Hand in Hand in den Wagen, setzten sich nebeneinander, und dann sagte Hsi-fëng leise zu ihr: „In unserer Familie herrschen strenge Regeln. Die alte gnädige Frau hat von dieser Angelegenheit nicht die mindeste Ahnung. Wenn sie erfährt, daß der junge Herr dich während der Trauerzeit geheiratet hat, läßt sie ihn ohne weiteres totschlagen. Deshalb wirst du dich der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau heute noch nicht vorstellen. Wir haben einen riesengroßen Garten, in dem meine Kusinen wohnen und in den nicht leicht ein Fremder gelangt. Dort mußt du ein paar Tage wohnen, bis ich einen Weg gefunden habe, um die Sache klarzulegen, dann erst können wir dich präsentieren.“ „Ich füge mich Eurer Entscheidung, Schwester“, willigte die zweite Schwester You ein. Die begleitenden Sklavenjungen waren vorab instruiert worden, und so fuhren die Wagen jetzt nicht durchs Haupttor, sondern durch den Hintereingang. Als sie ausgestiegen waren, schickte Hsi-fëng das Gefolge fort, dann führte sie die zweite Schwester You durch das hintere Tor in den Garten des Großen Anblicks zu Li Wan und machte die beiden miteinander bekannt. Zu dieser Zeit wußten im Garten des Großen Anblicks schon neun von zehn Leuten über Djia Liäns heimliche Ehe Bescheid, und als die zweite Schwester You jetzt von Hsi-fëng in den Garten gebracht wurde, erschienen sie zahlreich, um sie sich anzusehen. Alle wurden sie von der zweiten Schwester You empfangen, und jede zollte ihrer Schönheit und ihrer Freundlichkeit Lob. Jede einzelne aber wurde von Hsi-fëng gewarnt: „Draußen darf von ihr nichts bekannt werden! Wenn die alte gnädige Frau oder die gnädige Frau von ihr erfahren, bringe ich dich um!“ Da alle Sklavenfrauen und -mädchen im Garten vor Hsi-fëng Angst hatten und sehr gut wußten, daß sich Djia Liän durch diese Tat während der Staatstrauer und der Familientrauer zugleich eines schwerwiegenden Vergehens schuldig gemacht hatte, ließen sie die Finger davon. Dann richtete Hsi-fëng leise die Bitte an Li Wan: „Nimm sie ein Weilchen hier bei dir auf. Sobald ich drüben von ihr berichtet habe, zieht sie natürlich hinüber.“ Da Li Wan wußte, daß Hsi-fëng schon Räume hatte herrichten lassen, und da es nur korrekt war, die Sache nicht während der Trauerzeit zu offenbaren, mußte sie die zweite Schwester You wohl oder übel vorläufig bei sich aufnehmen. Hsi-fëngs nächster Schritt bestand darin, der zweiten Schwester You alle ihre Sklavenmädchen wegzunehmen und ihr statt dessen eines ihrer eigenen Mädchen zur Bedienung zu schicken. Außerdem gab sie heimlich allen Sklavenfrauen im Garten den Befehl: „Paßt mir gut auf sie auf! Wenn sie wegläuft, rechne ich mit euch ab!“ Weitere Maßnahmen traf sie in aller Stille. Jeder im Hause aber staunte still bei sich: ‚Schau an, wie gütig sie auf einmal ist!‘ Als die zweite Schwester You dieses Unterkommen erhalten hatte und feststellte, daß alle Mädchen im Garten gut zu ihr waren, glaubte sie ruhigen Herzens und frohen Sinnes, nun sei ihr Platz im Leben gefunden. Aber drei Tage später begann das Sklavenmädchen Schan-djiä auf einmal, widersetzlich zu werden. Die zweite Schwester You hatte zu ihr gesagt: „Mein Haaröl ist alle, geh zur älteren jungen Herrin und laß dir welches geben!“ Schan-djiä aber erwiderte: „Ihr wißt es wohl nicht zu schätzen, wie gut Ihr es habt, junge Herrin, oder Ihr habt keine Augen im Kopf. Die junge gnädige Frau muß sich Tag für Tag hier um die alte gnädige Frau und dort um die gnädige Frau kümmern. Sämtliche Schwägerinnen und Kusinen sowie ein Gesinde, das nach Hunderten zählt, alle warten sie jeden Morgen auf ihre Anordnungen. Jeden Tag hat sie mindestens zehn bis zwanzig große und noch einmal dreißig bis fünfzig kleinere Angelegenheiten zu entscheiden. Nach außen hin hat sie den Geschenkverkehr mit wer weiß wie vielen Persönlichkeiten zu unterhalten, von der kaiserlichen Nebenfrau bis zu den Familien von Prinzen, Herzögen, Fürsten und Grafen, und zu Hause muß sie sich um die Betreuung von Verwandten und Freunden kümmern. Tausende Liang Silber und Zehntausende Bronzemünzen gehen täglich durch ihre Hände, ihre Gedanken und ihre Reden. Und da wollt Ihr sie wegen so einer Nichtigkeit behelligen? Ich kann Euch nur raten, etwas bescheidener zu sein. Eure Ehe ist nicht einmal auf ordentliche Weise und mit anständigen Vermittlern geschlossen worden, und trotzdem ist die junge gnädige Frau so nett zu Euch, weil sie so ein gütiger Mensch ist, wie es ihn seit Urzeiten selten gegeben hat. Wenn sie auch nur etwas weniger Tugend besäße, würde sie auf Eure Forderungen hin zu schreien und zu toben beginnen und Euch auf Gedeih und Verderb aus dem Hause jagen, ohne daß Ihr es wagen dürftet, Einwendungen dagegen zu machen.“ Diese Worte bewirkten, daß die zweite Schwester You den Kopf hängen ließ und sich sagte, wenn man ihr so käme, müsse sie wohl oder übel ein wenig zurückstecken. Nach und nach aber begann Schan-djiä, auch das Essen unregelmäßig zu bringen. Mal brachte sie ihr nur zur Morgenmahlzeit eine Portion, mal nur am Abend, und was sie brachte, waren nichts als Reste. Als die zweite Schwester You ihr ein paarmal etwas deswegen gesagt hatte, begann sie sogar zu toben. Und wieder hatte die zweite Schwester You Angst, man könnte sie auslachen, weil sie ihren Platz nicht kannte, und fügte sich. Wenn sie alle fünf bis acht Tage einmal mit Hsi-fëng zusammentraf, zeigte diese ihr stets ein fröhliches, freundliches Gesicht, nannte sie in einem fort „meine Schwester“ und forderte sie auf: „Wenn es das Gesinde an etwas fehlen läßt und dir nicht gehorcht, dann sag es mir, und ich lasse sie schlagen!“ Außerdem schalt sie die Sklavenmädchen und -frauen: „Euch kenne ich nur zu gut, die Sanften betrügt ihr, und die Unsanften fürchtet ihr. Sobald ich euch den Rücken kehre, kennt ihr keinen Respekt mehr. Aber wenn ihr der jüngeren Herrin auch nur den kleinsten Grund zur Klage gebt, bezahlt ihr dafür mit dem Leben!“ Als die zweite Schwester You sah, wie gut es Hsi-fëng mit ihr meinte, sagte sie sich: „Warum soll ich viel Aufhebens darum machen, wenn ich doch sie habe! Ist es nicht der übliche Zustand, daß das Gesinde sich nicht zu benehmen weiß? Wenn ich mich beschwere und sie deswegen leiden müssen, gebe ich den Leuten nur Anlaß, mich engherzig zu nennen.“ Und so schwieg sie von den Unbotmäßigkeiten. Inzwischen hatte Hsi-fëng durch Lai Wang genaue Erkundigungen einholen lassen, und nun wußte sie über die Angelegenheiten der zweiten Schwester You bestens Bescheid. Sie hatte in der Tat schon einen Verlobten gehabt, der jetzt erst neunzehn Jahre alt war und sich nur herumtrieb, um zu huren und Glücksspiele zu spielen, anstatt einem ordentlichen Gewerbe nachzugehen. Den Familienbesitz hatte er durchgebracht, deswegen hatte ihm sein Vater die Tür gewiesen, und seitdem hatte er in einer Spielhölle Zuflucht gefunden. Als der Vater aus den Händen der alten Frau You zehn Liang Silber erhielt, machte er die Verlobung rückgängig, aber davon wußte der Sohn noch nichts. Der Name des Sohnes lautete wirklich Dschang Hua. Nachdem Hsi-fëng all dies hatte auskundschaften lassen, händigte sie Lai Wang ein Päckchen mit zwanzig Liang Silber aus und befahl ihm heimlich, er solle sich an Dschang Hua heranmachen und ihn freihalten, um ihn dann zu veranlassen, eine Anklageschrift aufzusetzen und bei den Behörden einzureichen, in der Djia Liän beschuldigt wurde, in einer Zeit von Staats- und Familientrauer entgegen dem kaiserlichen Befehl und ohne das Wissen seiner Eltern, gestützt auf Reichtum und Macht die Auflösung einer Verlobung erzwungen und eine zweite Gattin genommen zu haben. Aber Dschang Hua war sich der Gefährlichkeit eines solchen Unterfangens wohl bewußt und wollte nichts überstürzen. Als Hsi-fëng durch Lai Wang hiervon unterrichtet wurde, schimpfte sie: „Der Kerl ist ja wie ein kranker Hund, der sich nicht über die Mauer helfen lassen will! Erklär ihm, daß es nichts ausmachen würde, wenn er uns dreist des Hochverrats beschuldigen würde. Die Hauptsache ist, daß mit seiner Hilfe Unruhe entsteht und unser Ansehen gefährdet wird. Wenn die Sache zu große Kreise zieht, werde ich schon für Ruhe sorgen.“ Lai Wang nahm den Befehl entgegen und setzte Dschang Hua alles genau auseinander. Dann befahl ihm Hsi-fëng: „Dich soll er ebenfalls beschuldigen, dann wirst du mit ihm konfrontiert und handelst soundso... Ich weiß schon, wie wir es machen müssen!“ Lai Wang fügte sich ihrer Entscheidung und gab Dschang Hua den Auftrag, auch seinen Namen in die Anklageschrift einzufügen. „Beschuldige mich einfach, ich sei der Mittelsmann gewesen, der den jungen Herrn zu allem angestiftet hat“, sagte er. Nachdem Dschang Hua wußte, was er zu tun hatte, und alles mit Lai Wang abgesprochen war, schrieb er die Anklageschrift, ging am nächsten Tag zum Zensorat und erhob Klage. Als der Zensor in der Amtshalle Platz genommen hatte und die Anklageschrift las, in der Beschuldigungen gegen Djia Liän erhoben wurden, die aber auch einen Haussklaven namens Lai Wang erwähnte, hatte er keine andere Wahl, als seine Leute zum Anwesen der Djias zu schicken, damit sie Lai Wang zum Verhör vorführten. Die Amtsdiener wagten jedoch nicht, bis ins Anwesen vorzudringen, und wollten nur befehlen, man solle Lai Wang eine Nachricht hineinbringen. Das war aber gar nicht nötig, denn in Erwartung der Amtsdiener hatte Lai Wang schon längst auf der Straße gestanden. Als er sie endlich kommen sah, ging er ihnen noch entgegen und begrüßte sie lächelnd: „Es tut mir leid, daß ihr euch herbemühen mußtet, meine Brüder! Bestimmt geht es um meine Verbrechen. Also, was hilft‘s? Legt mir schon die Kette um den Hals!“ Das aber wagten die Amtsdiener denn doch nicht und forderten ihn nur auf: „Komm brav mit und mach kein Aufsehen!“ Als sie dann in der Amtshalle waren, kniete Lai Wang nieder, und der Zensor befahl, ihm die Anklageschrift zu reichen. Lai Wang sah sie sich zum Schein auch an, dann schlug er mit der Stirn auf den Boden, und anschließend erklärte er: „Ich weiß von der Sache, mein Herr hat das wirklich getan. Dieser Dschang Hua aber war schon lange mit mir verfeindet, darum hat er mich absichtlich mit hineingezogen. Es war aber jemand anders beteiligt. Ich bitte Euer Gnaden, den Kläger noch einmal zu befragen.“ Sofort berührte auch Dschang Hua mit der Stirn den Boden und sagte: „Es war zwar wirklich noch jemand beteiligt, aber ich habe nicht gewagt, ihn zu beschuldigen, deshalb habe ich nur den Knecht angezeigt.“ Mit gespielter Entrüstung forderte Lai Wang ihn auf: „Sprich endlich, du dummer Tropf! Wir sind in einer kaiserlichen Amtshalle. Auch wenn es ein Herr ist, mußt du seinen Namen nennen.“ Daraufhin sagte Dschang Hua aus, es handle sich um Djia Jung, und so war der Zensor gezwungen, auch ihn vorladen zu lassen. Hsi-fëng hatte sich heimlich durch Tjing-örl auf dem Laufenden halten lassen, und als der Name Djia Jung endlich gefallen war, ließ sie sofort Wang Hsin zu sich rufen, weihte ihn in die Sache ein und befahl ihm, den Zensor zu bitten, er solle zum Schein Strenge üben, damit die Schuldigen einen tüchtigen Schreck bekämen. Um dieser Bitte Nachdruck zu verleihen, sollte Wang Hsin dem Zensor dreihundert Liang Silber übergeben. Noch am selben Abend begab sich Wang Hsin in die Privaträume des Zensors und leitete hier die Sache in die Wege. Der Zensor verstand, worauf es ankam, und nahm die Bestechung entgegen. Am nächsten Tag verkündete er in der Amtshalle, Dschang Hua sei ein Taugenichts, der den Djias seit langem einen Betrag Silber schulde und deshalb eine falsche Anklage gegen Unschuldige erhoben habe. Da der Zensor ein alter Freund von Wang Dsï-tëng war, hatte Wang Hsins Besuch ausgereicht, um ihn zu veranlassen, den Fall so schnell wie möglich abzuschließen, zumal es sich um niemand anders als die Djias handelte. Also meldete er die Sache nicht weiter, schlug alles nieder und ließ nur Djia Jung zum Verhör vorladen. Djia Jung war eben damit beschäftigt, im Auftrage von Djia Dschën etwas zu erledigen, als plötzlich jemand die Nachricht brachte. Sie seien von jemand verklagt worden, hieß es, die Sache sei die und die, und er solle rasch entscheiden, was zu tun sei. Verwirrt eilte Djia Jung zu Djia Dschën, um ihm Bericht zu erstatten. „Darauf war ich gefaßt“, sagte Djia Dschën, „und doch ist es erstaunlich, was dieser Kerl sich erlaubt.“ Worauf er sofort zweihundert Liang Silber einpacken ließ, mit denen jemand zum Zensor gehen sollte, um ihn zu bestechen. Außerdem befahl er, es solle jemand vom Gesinde zum Verhör gehen. Während er diese Maßregeln traf, wurde ihm plötzlich gemeldet: „Die zweite junge gnädige Frau ist da.“ Bei diesen Worten bekam es Djia Dschën mit der Angst zu tun und wollte sich eiligst mit Djia Jung zusammen verstecken. Aber schon trat Hsi-fëng ins Haus und sagte: „Ein feiner älterer Vetter bist du! Und feine Sachen treibst du da mit einem Jüngeren zusammen!“ Rasch trat Djia Jung ihr entgegen und entbot seinen Gruß, sie aber zog ihn mit in den Innenraum. Hier sagte Djia Dschën noch mit lächelnder Miene: „Sorg schön für deine Tante! Laß ein Huhn schlachten und Essen machen!“ Dann befahl er, sofort sein Pferd zu satteln, und brachte sich irgendwohin in Sicherheit. Hsi-fëng aber ging mit Djia Jung in den Hauptraum hinüber, wo ihnen Frau You entgegenkam, die beim Anblick von Hsi-fëngs drohender Miene fragte: „Was hat dich so in Rage gebracht?“ Da spuckte Hsi-fëng ihr voll ins Gesicht und schimpfte: „Mußtest du die Tochter der Yous bei den Djias einschmuggeln, weil keiner sie haben wollte? Taugen die Männer nur bei den Djias etwas, oder sind alle andern Männer auf der Welt ausgestorben? Und wenn es schon sein mußte, warum dann nicht wenigstens mit den drei Vermittlern und den sechs Zeugen und so, daß alle davon wissen, damit die Sache ihre Form hat? Hat dir der Schleim das Herz verstopft, hat dir das Fett die Sinne verkleistert, daß du sie obendrein während der Staatstrauer und der Familientrauer hier anschleppen mußtest? Jetzt hat uns jemand angezeigt, ich aber stehe schutz- und hilflos da, und man wird von Amts wegen feststellen, daß ich bösartig und eifersüchtig bin. Mein Name ist genannt, und mich wird man abschieben. Was habe ich euch denn getan, daß ihr mir so grausam mitspielen müßt? Oder haben vielleicht die alte gnädige Frau und die gnädige Frau dich angestiftet, mir diese Falle zu stellen, weil sie mich aus dem Haus haben wollen? Komm, wir wollen zusammen vor den Beamten treten und dort alles klären! Und wenn wir zurückkommen, bitten wir die ganze Sippe, sich zu versammeln, und legen die Sache vor aller Augen klar. Und dann bekomme ich meinen Scheidungsbrief und verlasse das Haus.“ Das hatte sie unter einem Strom von Tränen vorgebracht, und nun versuchte sie, Frau You mit sich zu ziehen, wobei sie immer wieder verlangte, mit ihr vor den Zensor zu gehen. In heller Aufregung kniete Djia Jung nieder, schlug mit der Stirn auf den Boden und bat in einem fort: „Beruhigt Euch, Tante!“ Aber schon beschimpfte Hsi-fëng auch ihn: „Du gewissenloser Bengel! Der Donner soll dir den Schädel spalten, und fünf Teufel sollen deinen Leichnam zerreißen! Du weißt nichts vom Ernst des Lebens, aber du mußt andere dazu anstiften, solche schamlosen und gesetzlosen Dinge zu treiben, mit denen die Familie ins Verderben gestürzt wird. Die Seele deiner verstorbenen Mutter wird dir das nicht nachsehen, deine Ahnen werden es dir nicht nachsehen, und du wagst es noch, auf mich einzureden!“ Mit diesen Worten holte sie schluchzend mit der Hand aus und schlug zu. Wieder stieß Djia Jung hörbar mit der Stirn auf den Boden und bat: „Beruhigt Euch, Tante, und schont Eure Hände! Ich werde mich selber schlagen. So beruhigt Euch doch!“ Und tatsächlich holte er mit beiden Händen weit aus, um sich eine Portion Ohrfeigen zu verabreichen. Dabei rief er, sich selbst anklagend, aus: „Wirst du dich noch einmal blindlings um Dinge kümmern, die dich nichts angehen? Wirst du in Zukunft noch einmal auf deinen Onkel hören statt auf deine Tante?“ Das anwesende Gesinde redete begütigend auf ihn ein, aber zugleich war ihnen zum Lachen zumute, ohne daß sie zu lachen gewagt hätten. Jetzt warf sich Hsi-fëng Frau You an die Brust, heulte zum Steinerweichen und jammerte laut: „Ich bin euch ja nicht böse, weil ihr ihm eine Frau gesucht habt. Aber warum mußtet ihr ihn anstiften, es gegen den kaiserlichen Befehl, hinter dem Rücken der Verwandtschaft und mir zur Schande zu tun? Gehen wir vor den Beamten, ehe die Büttel und Amtsdiener uns holen! Und dann treten wir vor die alte gnädige Frau, die gnädige Frau und die ganze Sippe, damit alle zusammen darüber entscheiden! Wenn ich wirklich so bösartig bin und meinem Mann nicht gestatte, eine andere Frau zu nehmen oder eine Nebenfrau zu kaufen, braucht man mir nur den Scheidungsbrief zu geben, und ich verlasse auf der Stelle das Haus. Deine Schwester habe ich ins Haus geholt, und weil ich Angst hatte, die alte gnädige Frau und die gnädige Frau würden zornig werden, habe ich ihnen nichts davon gesagt. Üppig verpflegt und von schönen Sklavinnen umschmeichelt, wohnt sie im Garten. Schon war ich dabei, Zimmer für sie herrichten zu lassen, wo sie es genauso gut haben sollte wie ich selbst, wenn erst die alte gnädige Frau Bescheid wüßte. Ich wollte sie zu uns holen, und dann, sagte ich ihr, geben wir uns mit dem zufrieden, was wir sind und was wir haben, ohne daß ich noch an Vergangenes rühre. Wie konnte ich denn ahnen, daß sie auch noch verlobt gewesen ist! Ich wußte doch nicht, was ihr angestellt habt, und hatte von nichts eine Ahnung. Jetzt hat uns jemand angezeigt, und gestern habe ich mir in meiner Aufregung – schließlich bringe ich ja die Djias in Verruf, wenn ich vor den Beamten muß – nicht anders zu helfen gewußt, als heimlich fünfhundert Liang Silber zu nehmen, die der gnädigen Frau gehörten, um ihn damit zu bestechen. Heute hat man sogar meine Leute dort eingesperrt.“ Diese Erzählung hatte Hsi-fëng schluchzend und fluchend vorgebracht, und als sie fertig war, beweinte sie laut ihre Eltern und Ahnen und machte sogar Anstalten, sich den Kopf einzurennen, um sich das Leben zu nehmen. Zum Schluß war Frau You so weich geworden wie ein Klumpen Teig, ihre ganze Kleidung war mit Tränen und Rotz befleckt, und anstatt sich zu verteidigen, beschimpfte sie Djia Jung: „Du Unglücksbrut! Fein hast du das mit deinem Vater zusammen gedeichselt! Hatte ich nicht gesagt, die Sache sei faul?!“ Als Hsi-fëng diese Worte hörte, heulte sie von neuem auf, packte Frau Yous Kopf mit beiden Händen, zog ihr Gesicht dicht vor das ihre und fragte: „Ja, warst du denn nicht bei Sinnen? Konntest du nicht den Mund auftun? Hatten sie dich vielleicht geknebelt? Warum hast du mir nichts davon gesagt? Hätte dann nicht alles glimpflich abgehen können? Was mußt du jetzt ihnen noch grollen, nachdem es schon so weit gekommen ist, daß die Behörden eingegriffen haben? Von alters her heißt es ‚Wenn die Frau tüchtig ist, trifft wenig Unheil den Mann; nicht auf seine, sondern auf ihre Stärke kommt es an.‘ Wenn du nur in Ordnung wärst, hätten sie so etwas nie getan! Du bist untüchtig, du kannst nicht reden, du bist ein Versager, der nur blindlings und ängstlich darauf bedacht ist, für tüchtig gehalten zu werden. Und darum haben sie keinen Respekt vor dir und hören auch nicht auf dich.“ Und wieder spuckte sie ein paarmal aus. „Es ist aber wahr“, sagte Frau You, ebenfalls unter Tränen. „Wenn du mir nicht glaubst, kannst du mein Gefolge fragen, ob ich den beiden nicht davon abgeraten habe und ob sie nicht hätten hören müssen. Was konnte ich denn machen? Ich mußte sie gewähren lassen. Daß du mir jetzt böse bist, kann ich dir nicht verdenken.“ Inzwischen war der Raum dicht gedrängt voller Nebenfrauen, Sklavenmädchen und Sklavenfrauen, die auf der Erde knieten und lächelnd baten: „Ihr seid doch von himmlischer Klugheit, zweite junge gnädige Frau! Obwohl unsere junge Herrin im Unrecht ist, habt Ihr sie nun genug gedemütigt. Habt Ihr Euch vor uns Sklaven nicht immer gut verstanden mit ihr? Also laßt ihr bitte auch jetzt noch ein wenig Ehre!“ Mit diesen Worten reichten sie ihr Tee, und wenn Hsi-fëng auch die Teeschale auf den Boden schmetterte, hörte sie doch auf zu heulen und steckte sich das Haar wieder hoch. Dann aber fuhr sie Djia Jung unter Tränen an: „Geh und bitte deinen Vater her! Ich möchte ihn von Angesicht zu Angesicht fragen, was für ein Ritual das ist, wenn von der Trauerzeit für seinen Vater eben erst fünfmal sieben Tage vorbei sind, und der Neffe des Toten heiratet. Ich möchte mir Klarheit darüber verschaffen, damit auch ich später meine Neffen dementsprechend erziehen kann.“ Djia Jung schlug in einem fort mit der Stirn auf den Boden und versicherte: „Meine Eltern haben nichts mit der Sache zu tun. Nur ich muß wohl Dreck gefressen haben, daß ich meinen Onkel dazu anstiften konnte. Mein Vater hat gar nichts davon gewußt. Heute will er eben das Begräbnis des verewigten gnädigen Herrn regeln, und wenn Ihr ihm jetzt einen Skandal macht, kostet es mich das Leben. Darum bitte ich Euch, mich zu bestrafen, und bin bereit, jede Strafe hinzunehmen. Nur diesen Prozeß bitte ich Euch abzuwenden, Tante, denn so schwerwiegenden Dingen bin ich nicht gewachsen. Ein Mensch wie Ihr kennt sicher den Ausdruck ‚Wenn der Arm gebrochen ist, wird er im Ärmel versteckt.‘ Ich bin hoffnungslos dumm gewesen, dumm wie ein Kätzchen oder ein junger Hund, daß ich so ungehorsam sein konnte. Ihr, die Ihr mich lehrt, habt einen anderen Horizont als ich, darum kann ich Euch nur bitten, so gut zu sein, diesen Prozeß zu unterdrücken. Ich bin Euch ein sehr ungehorsamer Neffe, und für das Unheil, das ich angerichtet habe, verdiene ich Kränkung. Dennoch solltet Ihr Mitleid mit mir haben.“ Und wieder schlug er unaufhörlich mit dem Kopf auf den Boden. Als Hsi-fëng Mutter und Sohn so kläglich vor sich sah, konnte sie sich nicht gut weiter so aufspielen wie bisher. Statt dessen machte sie sich die Schwächen der Gegenseite zunutze, verbeugte sich Verzeihung heischend vor Frau You und sagte: „Ich bin jung und unwissend. Als ich erfuhr, es hat uns jemand angezeigt, war ich vor Schreck wie von Sinnen und habe dich eben zutiefst beleidigt, Schwägerin. Aber wie Jung gerade gesagt hat, ‚Wenn der Arm gebrochen ist, wird er im Ärmel versteckt.‘ Versetz dich also in meine Lage und sprich bitte mit meinem Vetter, damit er zuerst diesem Prozeß ein Ende macht.“ „Sei unbesorgt!“ sagte Frau You. Und Djia Jung versprach: „Der Onkel wird nicht in Mitleidenschaft gezogen. Eben sagtet Ihr, Ihr habt fünfhundert Liang Silber eingesetzt, also müssen wir unsererseits fünfhundert Liang zusammenbringen und sie Euch als Wiedergutmachung übersenden, damit nicht Ihr für die entstandene Fehlsumme aufkommen müßt, sonst würden wir erst recht den Tod verdienen. Und noch etwas: vor der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau solltet Ihr die Angelegenheit der Sicherheit und der Einfachheit halber nicht erwähnen.“ Darauf erwiderte Hsi-fëng mit reserviertem Lächeln: „Erst seid ihr mir in den Rücken gefallen, und jetzt wollt ihr mich beschwatzen, auf eure Sicherheit Rücksicht zu nehmen. Ich mag zwar dumm sein, aber so dumm bin ich doch wieder nicht. Ich bin mit deinem Schwager verheiratet, und es mag schon sein, daß du befürchtest, er könnte ohne männlichen Nachkommen bleiben, aber habe ich nicht noch größere Angst davor als du? Deine jüngere Schwester gilt mir wie eine eigene Schwester, und als ich von der Sache erfuhr, konnte ich vor lauter Freude nicht schlafen und habe sofort Leute geholt, um Zimmer für sie herrichten zu lassen, damit ich sie zu uns nehmen kann, um gemeinsam mit ihr zu leben. Aber die Sklaven mit ihrem niedrigen Verstand haben zu mir gesagt: ‚Ihr seid zu gutherzig, junge gnädige Frau! Wenn es nach uns ginge, würden wir erst der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau von der Sache Meldung machen und abwarten, was sie dazu meinen. Dann ist immer noch Zeit, um die Zimmer herzurichten und die Neue ins Haus zu nehmen.‘ Erst als ich sie schlug und beschimpfte, hörten sie auf, so zu reden. Konnte ich ahnen, daß es doch nicht so kommt, wie ich gedacht hatte, und daß ich statt dessen so einen Reinfall erlebe, daß aus heiterem Himmel dieser Dschang Hua auftaucht und eine Anklageschrift einreicht? Als ich davon erfuhr, ist mir so ein Schreck in die Glieder gefahren, daß ich zwei Nächte lang kein Auge zugetan habe. Trotzdem wagte ich nicht, etwas davon verlauten zu lassen, und habe mich nur erkundigt, wer dieser Dschang Hua überhaupt ist, daß er sich so erdreistet. Nach zwei Tagen Nachforschung stellt sich heraus, er ist ein Taugenichts und Bettler. In meinem jugendlichen Unverstand sagte ich mir lachend: ‚Was kann uns seine Klage schon anhaben?‘ Aber die Jungen haben mich aufgeklärt: ,Die jüngere Herrin war ursprünglich mit ihm verlobt. Jetzt lebt er in größter Bedrängnis, und wenn er verhungern oder erfrieren muß, ist sein Leben ohnehin zu Ende. Also hat er sich in diese Sache verbissen, und selbst wenn er deswegen sterben muß, ist das ein sinnvollerer Tod, als wenn er verhungert oder erfriert. Da braucht man sich über seine Anzeige nicht zu wundern. Unser Herr ist da etwas vorschnell gewesen. Die Staatstrauer macht das erste Vergehen, die Familientrauer das zweite, die heimliche Hochzeit hinter dem Rücken der Eltern das dritte und die Doppelehe das vierte. Wie das Sprichwort sagt ,Wer es in Kauf nimmt, sich bei lebendigem Leibe zerstückeln zu lassen, der kann sich erlauben, den Kaiser vom Pferd zu zerren.‘ Wen die Armut um den Verstand gebracht hat, der ist zu allem fähig. Außerdem ist ja das Recht auf seiner Seite. Hätte er vielleicht, anstatt uns anzuzeigen, warten sollen, bis man ihn bittet?‘ Glaubt mir, auch wenn ich ein Han Hsin oder ein Dschang Liang[2] wäre, als ich das gehört hatte, war ich vor Schreck mit meiner Weisheit am Ende. Außerdem ist dein Schwager nicht zu Hause, und ich hatte niemand, mit dem ich mich beraten konnte. Der einzige Ausweg bestand darin, diesem Dschang Hua Geld zu schicken, aber je mehr er bekam, desto unverschämter wurde er und desto mehr hat er aus mir herausgepreßt. Aber wieviel kann man schon herauspressen aus einem Pickel auf einem Mäuseschwanz! Deshalb war ich so verwirrt und so wütend und konnte nicht anders, als zu dir zu kommen...“ „Kein Grund zur Sorge!“ warfen Frau You und Djia Jung nun ein, und Djia Jung erklärte: „Dieser Dschang Hua ist vor Armut einfach von Sinnen, nur deshalb hat er sein Leben riskiert und diese Anzeige erstattet. Wir wollen es so machen, daß wir ihm ein bißchen Silber versprechen, wenn er nur gesteht, daß seine Anschuldigungen falsch waren. Dann sorgen wir dafür, daß der Prozeß gegen ihn niedergeschlagen wird, und wenn er entlassen wird, bekommt er noch einmal ein wenig Silber, und damit ist der Fall erledigt.“ „Mein lieber Junge“, sagte Hsi-fëng lächelnd, „es ist wirklich kein Wunder, daß du diese Sache angestellt hast, denn du bist einfach dumm. Wenn wir es so machen würden, wie du es gesagt hast, dann würde er sicher zustimmen, und wenn er freigelassen wird und obendrein noch Silber bekommt, wäre der Fall vorerst natürlich erledigt. Aber solche Leute sind nun einmal Schurken, und wenn das Silber, das wir ihm geben, erst einmal alle wäre, würde er eine Möglichkeit suchen, um mehr von uns zu erpressen. Wenn er dann die Geschichte noch einmal aufrührt, brauchten wir nicht gerade Angst zu haben, aber ein Grund zur Sorge wäre es schon. Es ist ja nicht auszuschließen, daß er sagt: ‚Wenn nichts daran faul war, warum haben sie mir dann das Silber gegeben?‘ Ein Spiel ohne Ende würde das werden.“ Nun war Djia Jung ein verständiger Mensch, und so erwiderte er, als er diese Worte vernommen hatte, mit lächelnder Miene: „Ich habe noch einen Vorschlag. ‚Wer die Sache verbockt hat, der muß sie auch ins reine bringen.‘ Also muß ich es doch selbst übernehmen. Ich werde zu diesem Dschang Hua gehen und ihn fragen, was er will, unbedingt seine Braut wiederhaben oder die Sache mit Geld bereinigen und eine andere heiraten. Wenn er unbedingt seine Braut wiederhaben will, muß ich meine Tante überreden, hier fortzugehen und ihn doch noch zu heiraten. Wenn er aber Geld will, müssen wir es ihm geben.“ „Das sagst du so“, entgegnete Hsi-fëng daraufhin rasch, „aber ich lasse deine Tante auf keinen Fall von hier fort und werde sie auf keinen Fall drängen. Mein lieber Neffe, wenn du mich gern hast, kannst du nichts anderes tun, als ihm recht viel Geld zu geben.“ Djia Jung wußte genau, daß Hsi-fëngs Worte nur Heuchelei waren, daß sie sehnlichst hoffte, die andere loszuwerden, und daß sie nur die Gütige spielte. Dennoch versprach er zu tun, was sie verlangte. Hsi-fëng äußerte ihre Freude darüber, dann sagte sie: „Was wir draußen zu tun haben, ist leicht erledigt, aber wie verfahren wir auf lange Sicht hier im Hause? Das beste ist, du kommst mit nach drüben, und wir klären die alte gnädige Frau und die gnädige Frau auf!“ Erschrocken faßte Frau You nach Hsi-fëngs Hand und bat sie, sich etwas auszudenken, womit sie sich durchschwindeln konnten. „Wenn du nicht das Zeug dazu hast, warum mußt du dann solche Sachen anstellen?“ fragte Hsi-fëng mit höhnischem Lächeln. „Jetzt aber kommst du mir so, das gefällt mir nicht. Eigentlich sollte ich mir nichts ausdenken, aber ich bin ein gutmütiger, weicher Mensch, und selbst wenn man mich zum Besten hält, bewahre ich mir mein törichtes Herz. Also muß ich wohl auch dazu ja sagen. Haltet ihr euch im Hintergrund, und ich führe deine Schwester zur alten gnädigen Frau und zur gnädigen Frau, damit sie ihren Stirnaufschlag vor ihnen macht, und dabei sage ich, sie sei deine Schwester und ich hätte größte Zuneigung zu ihr gefaßt. Wegen meiner Probleme mit dem Kinderkriegen hätte ich bereits die Absicht gehabt, zwei Mädchen als Beischläferinnen zu kaufen, aber weil ich jetzt solchen Gefallen an deiner Schwester gefunden hätte und weil das die Gelegenheit zu einer Doppelverschwägerung geben würde, sei ich gewillt, sie als Nebenfrau ins Haus zu nehmen. Und weil ihre Eltern und Geschwister vor kurzem alle weggestorben seien und sie es schwer habe, sich in diesen harten Zeiten ohne Familie und ohne Einkommen über Wasser zu halten, könne man sie wirklich nicht gut warten lassen, bis die Trauerzeit um sei. Meine Absicht sei es, sie ins Haus zu nehmen und erst einmal im Seitenflügel wohnen zu lassen, der schon für sie hergerichtet sei, die wirkliche Hochzeit aber erst nach Abschluß der Trauerperiode vollziehen zu lassen. Darauf werde ich mich mit aller Kraft versteifen und alle Vorwürfe an mir abprallen lassen. Und sollten Unannehmlichkeiten daraus erwachsen, bleibt ihr doch davon unberührt. Überlegt es euch, ob es so geht oder nicht!“ „Ihr seid wirklich großmütig, Tante!“ lobte Djia Jung und strahlte, und Frau You bestärkte ihn darin. „Wenn alles geregelt ist, werden wir nicht verfehlen, zu Euch zu kommen, um Euch kniefällig zu danken.“ Dann befahl Frau You ihren Sklavenmädchen, sie sollten Hsi-fëng helfen, sich zu frisieren und zu waschen, außerdem ließ sie Wein und Speisen auftragen und bediente Hsi-fëng mit eigener Hand. Hsi-fëng aber hielt sich nicht lange auf und bestand darauf zu gehen. Wieder im Garten, informierte sie die zweite Schwester You, erzählte ihr, wie sie voller Sorge gewesen sei, welche Erkundigungen sie eingeholt habe, welchen Plan sie entwickelt habe, und wie die zweite Schwester You sich verhalten müsse, damit alle Beteiligten glimpflich davonkämen. Sie vergaß auch nicht, darauf hinzuweisen: „Nur wenn ich diesen ‚Fischkopf zerlege‘, wird es uns allen gut gehen.“ Was wirklich geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.

Anmerkungen

  1. Euphemistische Bezeichnung für Freudenmädchen.
  2. Han Hsin und Dschang Liang waren zwei Heerführer des Altertums, die hier als Muster kluger Strategen stehen. Über beide vgl. o., Anm. zu S. 886 (Erinnerungen an Cochinchina, Erinnerungen an Huai-yin).