Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 70"

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=== Lin Daiyu gruendet die Pfirsichblueten-Dichtgesellschaft neu; Shi Xiangyun dichtet zufaellig ein Weidenkätzchen-Lied ===
 
=== Lin Daiyu gruendet die Pfirsichblueten-Dichtgesellschaft neu; Shi Xiangyun dichtet zufaellig ein Weidenkätzchen-Lied ===
  
berschere aus der Hand und setzte sie direkt an der Haspel an, so daß auch nicht ein Tsun mehr darauf übrigblieb. Ratsch! machte es, als die Schnur durchgeschnitten wurde. „Nun nimm aber auch die Krankheit samt allen Wurzeln mit fort!“ rief Dsï-djüan dem Drachen mit lächelnder Miene nach.
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'''Durch Lin Dai-yü wird der Pfirsichblütenbund neu begründet,von Schï Hsiang-yün wird gelegentlich ein Weidenflockengedicht verfaßt.'''
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Djia Liän hielt also im Birnendufthof sieben Tage und sieben Nächte die Totenwache, und jeden Tag lasen buddhistische und dauistische Mönche ununterbrochen Totenmessen. Unterdes ließ die Herzoginmutter Djia Liän zu sich rufen und verbot ihm, die Tote in den Familientempel überzuführen. So blieb ihm nichts weiter übrig, als noch einmal mit Schï-djüä zu sprechen und zu Häupten des Grabes der dritten Schwester You einen Platz bezeichnen zu lassen, um hier ein Grab für die zweite Schwester You anzulegen.
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Als sie dort beigesetzt wurde, waren außer den Sippenangehörigen nur Wang Hsin mit seiner Frau und Frau You mit ihrer Schwiegertochter anwesend. Hsi-fëng aber kümmerte sich nicht im geringsten darum und ließ Djia Liän alles allein machen.
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Inzwischen näherte sich das Jahresende, und zusätzlich zu allen übrigen Dingen, die es zu erledigen gab, erschien Lin Dschï-hsiau mit einer Liste, auf der die Namen von acht ledigen Sklavenburschen standen, die das fünfundzwanzigste Lebensjahr vollendet hatten und nun eine Frau bekommen mußten, die man seiner Meinung nach gut unter jenen Sklavenmädchen aus den inneren Gemächern auswählen konnte, die ebenfalls das Heiratsalter erreicht hatten.
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Hsi-fëng sah die Liste durch und fragte dann zuerst die Herzoginmutter und Dame Wang um Rat. Dabei ergab sich, daß wohl einige Sklavenmädchen da waren, die eigentlich verheiratet werden mußten, daß es aber bei jeder einen Hinderungsgrund gab.
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Die erste war Yüan-yang, die geschworen hatte, nicht fortzugehen, und seit jenem Tag kein Wort mehr mit Bau-yü gesprochen hatte und sich auch nicht mehr prächtig gekleidet und üppig geschmückt hatte, so daß man sie schlecht zwingen konnte. Die zweite war Hu-po, die jedoch nicht gesund war und deshalb diesmal nicht in Frage kam. Auch Tsai-yün litt, seitdem sie sich vor kurzem mit Djia Huan überworfen hatte, an einer unheilbaren Krankheit. So mußten jetzt nur solche Sklavenmädchen aus dem Dienst entlassen werden, die bei Hsi-fëng beziehungsweise Li Wan grobe Arbeiten verrichteten, alle anderen waren noch zu jung, und deshalb wurde entschieden, die Sklavenburschen sollten sich ihre Bräute außerhalb des Anwesens selber suchen.
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Da Hsi-fëng die ganze Zeit über krank gewesen war und Li Wan und Tan-tschun, die solange das Hauswesen führen mußten, keinen Augenblick mehr frei gehabt hatten, zum anderen aber auch wegen der vielen Verpflichtungen, die die Jahreswende und die Feiertage mit sich brachten, war der Dichterbund vollkommen eingeschlafen. Als jetzt der Frühling kam, war zwar wieder Zeit, aber in stetiger Folge war erst Liu Hsiang-liän ohne Abschied verschwunden, hatte sich nachher die dritte Schwester You die Kehle durchgeschnitten, hatte sich die zweite Schwester You mit Gold umgebracht, und Wu-örl schließlich war vor Kummer krank geworden.
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Müßiger Kummer und törichter Zorn hatten Bau-yü stets von neuem befallen, noch ehe sie abgeklungen waren, und so hatte er das Aussehen eines Geistesgestörten angenommen, und seine Reden waren häufig wirr, ganz als ob er an einer manischen Krankheit litte. Darüber waren Hsi-jën und die anderen so bestürzt, daß sie sich nicht trauten, der Herzoginmutter davon Meldung zu machen, und sich nur mit allen Mitteln bemühten, Bau-yü aufzuheitern.
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Eines Tages, als Bau-yü früh am Morgen erwacht war, hörte er aus dem Vorraum ein nicht enden wollendes Gegacker und Gekicher, und Hsi-jën forderte ihn lächelnd auf: „Geh schnell hinaus und schaff Frieden! Tjing-wën und Schë-yüä halten Venturina fest und kitzeln sie ab.“
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Als Bau-yü sich rasch eine Jacke mit Fehfutter umgehängt hatte und hinausging, entdeckte er dort, daß die drei noch nicht ihr Bettzeug zusammengelegt und sich auch noch nicht angezogen hatten. Tjing-wën, die nur mit einer halblangen Jacke aus lauchgelber Pu-yüan-Seide<ref>Berühmte Seide aus dem Ort Pu-yüan in der Provinz Dschë-djiang.</ref> sowie einer roten Hose und roten Bettschuhen bekleidet war und der das Haar offen um die Schultern hing, saß im Reitersitz auf Hsiung-nus Körper. Schë-yüä, die ein Brusttuch aus dünner roter Seide trug und darüber nur ein abgetragenes langes Gewand, das sie sich lose um die Schultern gelegt hatte, kitzelte Hsiung-nu in den Achselhöhlen. Hsiung-nu aber lag rücklings auf dem Ofenbett, sie hatte eine enganliegende Jacke mit Streublumenmuster, rote Hosen und grüne Strümpfe an, strampelte wie wild mit den Beinen und bekam vor Lachen kaum noch Luft.
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„Zwei Große bedrängen eine Kleine“, sagte Bau-yü lächelnd, während er schnell näher trat. „Paßt auf, wenn ich ihr helfe!“ Mit diesen Worten stieg er ebenfalls auf das Ofenbett und begann, Tjing-wën zu kitzeln. Das brachte sie so zum Lachen, daß sie sogleich von Hsiung-nu abließ, um auf Bau-yü loszugehen. Diese Gelegenheit aber machte sich Hsiung-nu zunutze, warf Tjing-wën nieder und kitzelte sie nun ihrerseits unter den Armen.
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„Gebt acht, daß ihr euch nicht verkühlt!“ mahnte Hsi-jën, die amüsiert nach dem Knäuel aus vier ineinander verstrickten Leibern sah.
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Plötzlich aber erschien Bi-yüä, um im Auftrag von Li Wan zu fragen: „Habt ihr vielleicht ein Taschentuch gefunden, das meine junge Herrin gestern Abend hier vergessen hat?“
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„Es ist da, es ist da“, sagte Hsiau-yän eifrig, „ich habe es vom Fußboden aufgehoben, ohne zu wissen, wem es gehört. Vorhin erst habe ich es gewaschen und zum Trocknen hinausgehängt. Es ist noch feucht.“
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„Hier geht es ja hoch her“, sagte Bi-yüä schmunzelnd und schaute nach den vieren, die sich auf dem Ofenbett wälzten. „Schon am frühen Morgen, kaum daß ihr aufgestanden seid, kabbelt ihr euch mit Hihi und Haha.“
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„Warum macht ihr denn das nicht?“ fragte Bau-yü lächelnd. „Ihr seid doch auch nicht wenig.“
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„Unsere junge Herrin tollt nicht herum“, erwiderte Bi-yüä. „Und ihre beiden Kusinen und Fräulein Bau-tjin hat sie auch zur Räson gebracht. Jetzt ist Fräulein Bau-tjin wieder zur alten gnädigen Frau gezogen, dadurch ist es noch ruhiger geworden. Wenn die beiden Kusinen der jungen Herrin in diesem Jahr verlobt werden und noch vor dem nächsten Winter das Haus verlassen, wird es ganz und gar still werden. Sieh dir doch an, um wieviel eintöniger es bei Fräulein Bau-tschai geworden ist, seitdem Hsiang-ling wieder ausgezogen ist und Fräulein Hsiang-yün dort allein gelassen hat.“
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Während sie das eben sagte, kam in Hsiang-yüns Auftrag Tsuee-lü herein, um auszurichten: „Der junge Herr wird gebeten, rasch zu kommen, um sich ein gutes Gedicht anzusehen.“
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„Was für ein gutes Gedicht ist das?“ wollte Bau-yü sofort wissen.
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„Die Fräulein sind alle im Duftgetränkten Pavillon“, berichtete Tsuee-lü lächelnd. „Geh hin, und du wirst es erfahren.“
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Nachdem Bau-yü sich schnell frisiert und gewaschen hatte, ging er hinüber und fand Dai-yü, Bau-tschai, Hsiang-yün, Bau-tjin und Tan-tschun wirklich alle dort versammelt. In den Händen hielten sie ein Blatt mit einem Gedicht, das sie lasen. Als sie Bau-yü sahen, begrüßten sie ihn lächelnd: „Bist du endlich aufgestanden? Unser Dichterbund ist ein ganzes Jahr lang nicht zusammengetreten, und niemand hat ihm aufgeholfen. Jetzt ist Frühling, und alles regt sich zu neuem Leben, darum sollten wir auch den Dichterbund wieder aufleben lassen. Das wäre gut.“
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„Es war Herbst, als wir den Bund zuerst gegründet haben, darum konnte er gar nicht zur Blüte kommen“, ergänzte Hsiang-yün mit lächelnder Miene. „Jetzt dagegen ist alles auf Frühling, Wachsen und Werden eingestellt. Außerdem ist dieses Pfirsichblütengedicht so gut, daß wir den Begonienbund in einen Pfirsichblütenbund umwandeln sollten!“
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„Ausgezeichnet!“ lobte Bau-yü kopfnickend und verlangte sofort, er wolle das Gedicht lesen. Aber die anderen sagten: „Gehen wir die Alte Reisduftbäuerin besuchen und beratschlagen dort, wie wir den Bund am besten wieder in Gang bringen können!“
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Alle standen auf und machten sich auf den Weg zum Reisduftdorf. Im Gehen las Bau-yü, was auf dem Blatt stand:
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„Ein Pfirsichblütenlied
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  Jenseits des Vorhangs schaukeln Blüten im Wind,
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  diesseits des Vorhangs kämm ich träge mein Haar.
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  Draußen sind Blüten, hier im Zimmer bin ich,
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  wenig nur trennt uns, rote Blüten und Mensch.
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  Der Wind strengt sich an, mein Fenster zu öffnen,
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  die Blüten versuchen, durch den Vorhang zu spähn.
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  Draußen die Blüten stehen üppig in Pracht,
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  ich hier im Zimmer welke schmächtig dahin.
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  Spüren sie Mitleid, so bedauern sie mich,
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  der Wind trägt zu mir ihre Grüße herein.
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  Windhauch durchs Fenster, voller Blüten der Hof,
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  ein lenzliches Bild, doch es steigert mein Weh.
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  Verlassen der Hof, niemand öffnet das Tor,
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  einsam aufs Gatter steh ich abends gelehnt.
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  Aufs Gatter gelehnt, wein im Abendwind ich,
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  rot leuchtet mein Rock, wo die Bäume rot blühn.
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  Blüten und Blätter miteinander vermischt,
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  frischrot die Blüten, grün wie Jade das Laub.
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  Tausender Stämme rotes Nebelgewölk,
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  Häuser und Mauern sind in Gluthauch gehüllt.
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  Rot brennt der Decke feiner Seidenbrokat,
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  ich find keinen Schlaf auf des Kissens Korall.
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  Schon bringt mir die Magd frisches Wasser herein,
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  kalt auf den Wangen brennt das duftige Naß.
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  Wie ist so brandrot auf den Wangen das Rouge,
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  rot wie die Blüten sind die Tränen gefärbt.
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  Glutroten Blüten meine Tränen sind gleich,
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  fließen stets weiter, wenn die Blüten noch blühn.
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  Schnell sind sie gestillt, schau die Blüten ich an,
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  Tränen versiegen, frisches Blühen vergeht.
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  Welkende Blüten mein Welken verbergen,
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  die Blüten fallen, und so müde bin ich.
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  Mit dem Kuckucksruf sagt der Frühling ade,
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  aufs stille Fenster wirft der Mond bleichen Schein.“
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Als Bau-yü zu Ende gelesen hatte, begann er zu weinen, anstatt das Gedicht zu loben, denn er fühlte, daß Dai-yü es verfaßt haben mußte, und das trieb ihm die Tränen in die Augen. Aber weil er Angst hatte, die anderen könnten etwas bemerken, wischte er sich die Tränen rasch selber ab und fragte: „Wie seid ihr zu dem Gedicht gekommen?“
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„Rate mal, von wem es ist!“ forderte Bau-tjin ihn lächelnd auf.
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„Es ist natürlich ein Manuskript der Kaiserfrau vom Hsiau-hsiang-Fluß“, antwortete Bau-yü und lächelte ebenfalls.
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„Nein, ich habe es geschrieben“, behauptete Bau-tjin lächelnd.
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„Das glaube ich nicht“, gab Bau-yü, immer noch lächelnd, zurück. „Nach Tonfall und Ausdrucksweise entspricht es so gar nicht dem Stil der Edlen von Haselwurz, darum glaube ich dir nicht.“
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„Da sieht man, daß du keine Ahnung hast“, mischte Bau-tschai sich lächelnd ein. „Als ob Du Fu in jenem Gedicht nur geschrieben hätte
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‚Zweifach die Chrysanthemen blühn, weinend um andere Tage.‘
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Dabei gibt es doch bei ihm auch herrliche Zeilen wie diese:
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‚Üppig und rot macht der Regen die Aprikosen.‘
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Oder auch diese:
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‚In grünen Bändern treibt der Wind Wasserflott über den Teich.‘“
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„Das stimmt schon“, sagte Bau-yü lächelnd. „Aber ich weiß, daß du deiner Kusine nie gestatten würdest, solche traurigen Zeilen zu dichten. Und obwohl sie durchaus das Talent dazu hat, würde sie so auch gar nicht schreiben wollen. Ganz etwas anderes ist es mit Kusine Dai-yü. Sie hat Kummer erlebt und dichtet in so traurigen Tönen.“
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Alle lachten über seine Worte, aber schon waren sie im Reisduftdorf angelangt, wo sie das Gedicht Li Wan zeigten, die natürlich kein Ende fand mit ihrem Lob. Dann begannen sie, über den Dichterbund zu beraten, und legten fest, am nächsten Tag, dem zweiten des dritten Monats, solle der Bund seine Arbeit aufnehmen, und er solle von Begonienbund in Pfirsichblütenbund umbenannt sein. Die Leitung sollte diesmal Dai-yü haben.
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Am nächsten Tag versammelten sie sich nach dem Frühstück in der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß und wollten ihr erstes Thema festlegen. „Jeder schreibt ein Pfirsichblütengedicht mit hundert Reimen!“ sagte Dai-yü.
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„Das ist nichts!“ wandte Bau-tschai ein. „Pfirsichblütengedichte gibt es seit alters her besonders viel. Wenn wir wirklich welche schreiben wollten, würden wir in Schablonen verfallen, und mit deinem Gedicht im alten Stil wären sie doch nicht zu vergleichen. Wir müssen uns etwas anderes ausdenken!“
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Kaum hatte sie das gesagt, wurde gemeldet: „Die gnädige Frau Tante ist da. Die Fräulein möchten kommen, um ihr ihren Gruß zu entbieten.“ Also gingen alle hinüber, begrüßten Wang Dsï-tëngs Frau und plauderten mit ihr. Nach dem Essen begleiteten sie sie in den Garten und führten sie überall herum. Erst nach dem Abendessen, als schon die Lampen brannten, fuhr sie wieder fort.
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Der nächste Tag war Tan-tschuns Geburtstag, und schon am Morgen schickte Yüan-tschun zwei junge Eunuchen, die ihr einige Spielsachen überbrachten. Daß auch die ganze Familie ihr Geschenke machte, versteht sich von selbst. Nach dem Essen kleidete sich Tan-tschun in ihre Zeremonialgewänder und ging überall ihren offiziellen Gruß entbieten.
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Lächelnd sagte jetzt Dai-yü zu den anderen: „Wieder habe ich den Bund nicht im richtigen Augenblick einberufen! Ich hatte ganz vergessen, daß in diesen Tagen ihr Geburtstag gefeiert wird. Wenn es auch keine Weintafel und keine Theatervorführung gibt, müssen wir ihr zumindest Gesellschaft leisten und den Tag mit der alten gnädigen Frau verplaudern, so daß uns wieder keine Zeit bleibt.“ Daraufhin wurde das Treffen des Dichterbundes auf den fünften verschoben.
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Doch als an diesem Tag die Mädchen noch wartend dabeistanden, während die Herzoginmutter ihr Frühstück einnahm, traf eben ein Brief von Djia Dschëng ein. Bau-yü entbot seinen Gruß, öffnete das Schreiben an die Herzoginmutter und las es ihr vor. Aber es standen nur Grußworte darin und die Ankündigung, Djia Dschëng werde im sechsten Monat wieder in der Hauptstadt sein. Ein weiteres Schreiben, das an die Familie gerichtet war, wurde von Djia Liän und Dame Wang aufgemacht und gelesen. Alle waren unendlich froh darüber, daß Djia Dschëng im sechsten oder siebenten Monat wieder zu Hause sein würde.
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Ausgerechnet in diesen Tagen war eine Tochter von Wang Dsï-tëng mit einem Sohn des Fürsten Bau-ning verlobt worden, und der zehnte Tag des fünften Monats war für die Hochzeit ausgewählt worden. Hsi-fëng war eifrig mit Vorbereitungen beschäftigt, und so war sie häufig drei bis fünf Tage nicht zu Hause. Auch heute kam Wang Dsï-tëngs Frau, um Hsi-fëng abzuholen, und lud zugleich ihre Neffen und Nichten ein, den Tag in fröhlicher Muße bei ihr zu verbringen. Die Herzoginmutter und Dame Wang entschieden, Bau-yü, Tan-tschun, Dai-yü und Bau-tschai sollten Hsi-fëng zu viert begleiten, und da sie nicht wagten, ungehorsam zu sein, mußten sie in ihre Räume zurückkehren, um sich umzuziehen. Dann verabschiedeten sich alle fünf und blieben den Tag über fort. Erst als die Lampen schon brannnten, kamen sie zurück.
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Als Bau-yü wieder im Hof der Freude am Roten war und sich einen Moment ausruhte, nahm Hsi-jën die Gelegenheit wahr, um ihm zu raten, er solle sich zusammennehmen und, wenn er frei sei, seine Bücher ordnen, um vorbereitet zu sein.
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Bau-yü zählte die verbleibende Zeit an den Fingern ab, dann erwiderte er: „Es ist doch noch früh.“
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„Die Bücher sind das eine“, hielt Hsi-jën ihm vor, „und die Schreibübungen sind das andere. Mit den Büchern magst du bis dahin zurechtkommen, aber wann willst du deine Schreibübungen machen?“
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„Ich habe doch immer eine ganze Menge geschrieben“, erklärte Bau-yü lächelnd. „Hast du das nicht aufgehoben?“
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„Natürlich habe ich es aufgehoben“, gab Hsi-jën zurück. „Als du gestern nicht hier warst, habe ich alles hervorgeholt und zusammengezählt. Es sind nur an die fünfzig, sechzig Texte. Du kannst doch in mehr als drei Jahren nicht bloß diese paar Blätter geschrieben haben. Wenn du mich fragst, solltest du ab morgen alles andere sein lassen und rasch jeden Tag ein paar Blätter schreiben, um das Versäumte nachzuholen. Wenn du auch nicht für jeden Tag etwas vorzuweisen hast, könntest du damit ungefähr durchkommen.“
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Sofort sah sich Bau-yü das Geschriebene selber an, und da er sich damit wirklich nicht durchschwindeln konnte, versprach er: „Von morgen an schreibe ich mindestens hundert Schriftzeichen pro Tag.“
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Nach diesen Worten legten sich alle schlafen.
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Kaum daß Bau-yü am nächsten Morgen aufgestanden war und sich gekämmt und gewaschen hatte, rieb er sich dicht am Fenster Tusche an und begann, Normalschrift zu schreiben und Schreibvorlagen zu kopieren. Die Herzoginmutter, die ihn vermißte, nahm an, er müsse krank geworden sein, und schickte schnell jemanden, um nachzufragen. Jetzt erst ging Bau-yü hinüber, um seine Grüße zu entbieten, und erklärte, daß er Schreibübungen mache. Dafür wolle er den frühen Morgen gleich nach dem Aufstehen nutzen, und sich dann erst anderen Dingen zuwenden. Deshalb sei er zu spät gekommen.
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Als die Herzoginmutter das hörte, war sie sehr zufrieden und ordnete an: „Schreib und lies nur! Dann brauchst du auch nicht herüberzukommen. Geh und melde das der gnädigen Frau, damit sie Bescheid weiß!“
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Sofort ging Bau-yü zu Dame Wang und sagte es ihr. Aber Dame Wang erwiderte darauf: „Die Lanze zu schleifen, wenn es schon in die Schlacht geht, ist auch nicht das Richtige. Selbst wenn du jetzt in aller Eile jeden Tag schreibst und liest, wirst du kaum alles schaffen. Eine Krankheit wirst du dir holen vor lauter Aufregung!“ Aber Bau-yü versicherte ihr, sie brauche sich keine Sorgen zu machen.
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Auch die Herzoginmutter äußerte die Befürchtung, Bau-yü könne sich überanstrengen, worauf Tan-tschun und Bau-tschai sagten: „Ihr braucht Euch nicht zu beunruhigen, alte gnädige Frau! Für ihn lesen können wir nicht, aber schreiben können wir für ihn. Jede von uns wird jeden Tag einen Text für ihn abschreiben, um ihm über diese Klippe hinwegzuhelfen. Dann wird zum einen der gnädige Herr nicht zürnen, wenn er nach Hause kommt, und zum anderen wird sich Bau-yü nicht überanstrengen.“ Die Freude der Herzoginmutter über diese Worte fand kein Ende.
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Als Dai-yü erfuhr, Djia Dschëng werde nach Hause kommen, hatte sie sich gesagt, er werde Bau-yü unbedingt nach seinen Lernergebnissen fragen, und so zersplittert, wie sich Bau-yü betätigte, werde er dann wohl einiges einstecken müssen. Darum tat sie einfach so, als ob sie die Lust verloren hätte, und rief den Dichterbund nicht zusammen. Genausowenig lenkte sie Bau-yü mit anderen Dingen ab.
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Tan-tschun und Bau-tschai kopierten jeden Tag einen Text in Normalschriftzeichen für Bau-yü, und auch er selbst arbeitete mehr, als er sich vorgenommen hatte, und schrieb täglich zwei- bis dreihundert Schriftzeichen. So hatte sich bis zum Ende des dritten Monats bereits eine beachtliche Menge angesammelt, und Bau-yü sagte sich eben, wenn er noch weitere fünfzig Texte zusammenbekäme, dann könnte er sich schon durchmogeln, als plötzlich und unerwartet Dsï-djüan bei ihm erschien und ihm eine Rolle übergab. Als er sie aufmachte, waren es lauter Bogen aus Bambuspapier mit winzig kleinen Schriftzeichen in der Manier des Dschung You und des Wang Hsi-dschï<ref>Dschung You (151 – 230) und Wang Hsi-dschï (vgl. o., Anm. zu S. 40: die Sippen Wang und Hsiä) waren berühmte Kalligraphen.</ref> darauf, und die Schriftform war ganz wie seine eigene. Überglücklich verbeugte sich Bau-yü mit zusammengelegten Händen vor Dsï-djüan und ging sich auch noch persönlich bedanken.
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Hsiang-yün und Bau-tjin schickten ihm ebenfalls ein paar Texte, die sie für ihn abgeschrieben hatten, und alles zusammen reichte zwar nicht aus, um das Soll zu erfüllen, aber doch, um damit durchzukommen. Also war Bau-yü beruhigt und ging nun noch ein paarmal die Bücher durch, die er hatte lesen müssen.
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Während Bau-yü so Tag für Tag fleißig arbeitete, wurde auf einmal das Küstengebiet von einer Flutwelle betroffen, die in mehreren Orten
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Menschenleben vernichtete. Durch die Berichte der Lokalbeamten davon informiert, befahl der Kaiser in einem Erlaß, Djia Dschëng solle auf der Heimreise genaue Angaben darüber sammeln und Hilfsmaßnahmen einleiten. Das bedeutete, daß er erst gegen Ende des Winters zurück sein konnte. Als Bau-yü davon erfuhr, legte er Bücher und Schreibübungen wieder beiseite und gab sich von neuem dem Müßiggang hin.
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Mittlerweile ging der Frühling zu Ende, und als Hsiang-yün in ihrer Langeweile die Weidenflocken durch die Luft treiben sah, dachte sie sich ein kleines tsï-Gedicht nach dem Tonmuster „Wie ein Traum“ aus, das folgendermaßen lautete:
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„Sind das Seidenfadenfusseln,
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  ist‘s ein Vorhang, duftgetränkt?
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  Zarte Hände woll‘n es fassen,
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  Kuckuck, Schwalbe zürnen drum.
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  Haltet ein, haltet ein!
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  Nehmt den Frühling nicht mit fort!“
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Zufrieden mit ihrem Werk, schrieb sie es auf einen Streifen Papier und zeigte es Bau-tschai. Anschließend suchte sie auch Dai-yü damit auf. Nachdem Dai-yü die Verse gelesen hatte, sagte sie lächelnd: „Das ist dir gut gelungen. Neuartig und interessant ist es auch. Ich könnte das nicht.“
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Darauf erwiderte Hsiang-yün, ebenfalls lächelnd: „Sooft unser Dichterbund getagt hat, haben wir nie tsï-Gedichte verfaßt. Willst du nicht den Bund für morgen zusammenrufen und tsï-Gedichte zur Aufgabe machen? Es wäre doch eine Abwechslung, wenn wir einmal eine andere Manier wählen würden.“
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„Du hast ganz recht!“ lobte Dai-yü in spontaner Begeisterung. „Ich werde die andern gleich einladen!“
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Anschließend gab sie den Befehl, allerlei Naschwerk vorzubereiten, zum anderen schickte sie Botinnen aus, um jeden einzeln einzuladen. Inzwischen einigte sie sich mit Hsiang-yün auf das Thema „Weidenflocken“ und legte mit ihr zusammen einige Tonmuster fest, die sie aufschrieben und an die Wand hefteten.
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Am nächsten Tag kamen dann alle und sahen, das Thema war „Weidenflocken“, und dafür vorgeschrieben waren die verschiedensten kurzen Tonmuster. Als sie gelesen hatten, was Hsiang-yün verfaßt hatte, sparten sie nicht mit Lob. Bau-yü aber brachte lächelnd vor: „Auf dem Gebiet der tsï-Dichtung leisten wir nur Alltägliches, bestimmt wird es ein schöner Blödsinn werden, den wir zusammenschreiben.“
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Anschließend losten sie die Tonmuster aus. Bau-tschai zog „Der Unsterbliche von Lin-djiang“, Bau-tjin „Mond überm Westfluß“, Tan-tschun „Baron von Süd-Ast“, Dai-yü „Vielfach zu Zeiten der Tang“, und Bau-yü schließlich „Die Schmetterlinge lieben die Blüten“.
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Dsï-djüan zündete ein Stäbchen „Traumsüße“-Weihrauch an, und alle begannen zu grübeln. Schon bald darauf hatte Dai-yü ihre Verse beisammen und schrieb sie nieder. Dann waren auch Bau-tjin und Bau-tschai soweit. Als sie einander ihre Gedichte zeigten, verlangte Bau-tschai lächelnd: „Meins dürft ihr erst lesen, nachdem ich zuvor eure gesehen habe!“
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„O weh!“ sagte inzwischen Tan-tschun, „warum verbrennt der Weihrauch heute so schnell? Schon sind nur noch drei Zehntel davon übrig, und ich habe mein Gedicht erst zur Hälfte fertig.“ Dann wollte sie von Bau-yü wissen, ob er seines schon fertig habe.
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Bau-yü hatte zwar einiges geschrieben, aber weil es ihm nicht gefiel, hatte er es wieder durchgestrichen, um noch einmal von vorn zu beginnen. Doch als er sich nach dem Weihrauchstäbchen umsah, war es schon kurz vor dem Verlöschen.
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„Das heißt verspielt!“ sagte Li Wan lächelnd zu ihm, dann forderte sie Tan-tschun auf: „Schreib deine fertige Hälfte auf, Gast unter Bananen!“
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Rasch schrieb Tan-tschun die Verse nieder, und als sich die anderen das Blatt ansahen, stand wirklich nur ein halber „Baron von Süd-Ast“ darauf:
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„Unnütz die zahllosen Schnüre,
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zwecklos das dichte Gezweig,
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das kann die Flocken nicht halten,
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sie wirbeln ziellos davon.“
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„Aber das schreibt sich doch leicht“, sagte Li Wan lächelnd. „Warum hast du es nicht fortgesetzt?“
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Als Bau-yü sah, daß das Weihrauchstäbchen schon erloschen war, wollte er sich lieber geschlagen geben als versuchen, die Aufgabe mit Gewalt doch noch zu erfüllen, darum legte er den Schreibpinsel nieder und sah sich ebenfalls das Gedicht an, das Tan-tschun geschrieben hatte. Als er bemerkte, daß es unvollendet geblieben war, erwachte sein Interesse, und einer plötzlichen Eingebung folgend, griff er wieder zum Pinsel und schrieb die Fortsetzung:
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„Gräm dich nicht, wenn wir verfliegen,
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  wir kennen ja unsere Zeit.
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  Geht der Frühling schon zu Ende,
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  kehrn wir wieder nächstes Jahr.“
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Lächelnd bemerkten die anderen dazu: „Was eigentlich deine Aufgabe war, hast du nicht gekonnt, und hierauf mußtest du kommen! Aber es wird dir nicht angerechnet, auch wenn es gut ist.“ Dann lasen sie Dai-yüs „Vielfach zu Zeiten der Tang“:
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„Puderrest von der Blumeninsel,
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  Düftespur aus dem Schwalbenturmhaus,
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  von der Luft nur geballt zu Kugeln,
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  leicht zerstört wie das menschliche Glück.
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  Vergeblich die zarte Verstrickung,
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  zu verderben bestimmt ist die Pracht.
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  Empfinden auch Bäume mit Wehmut,
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  wie das Alter die Haare bereift?
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  Was niemand bereit ist zu halten,
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  treibt davon, mit dem Ostwind vermählt.
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  Drum fort auf dem Weg ohne Umkehr,
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  meine Tränen, sie hindern es nicht.“
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Nach der Lektüre nickten alle und seufzten ergriffen, ehe sie sagten: „Das ist zu traurig geschrieben, aber gut ist es!“ Anschließend lasen sie Bau-tjins „Mond überm Westfluß“:
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„Spärlich im Han-Park standen die Weiden,
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  reichlich bepflanzt war der Suee-Deich damit.
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  Des Frühlings Schöpfung verweht mit dem Wind,
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  ein Mondnachtblütentraum, mehr war sie nicht.
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  Jeder Hof ist mit Blüten beschüttet,
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  und alle Fenster sind duftig beschneit.
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  Ob Nord oder Süd, das Bild ist sich gleich,
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  und dennoch – die Trennung tut weh, so weh.“
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Dann erklärten sie lächelnd: „Das ist kraftvoll geschrieben. Besonders gut sind die beiden Zeilen mit ‚jeder Hof‘ und ‚alle Fenster‘.“
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Bau-tschai jedoch wandte ein: „Aber letzten Endes ist es natürlich zu kopfhängerisch. Für meine Begriffe sind Weidenflocken etwas Leichtes, das weder Wurzel noch Bindung hat, und das muß man von der positiven Seite her sehen, um nicht in Schablonen zu verfallen. So jedenfalls habe ich mein Gedicht zusammenphantasiert. Aber euch wird es kaum gefallen.“
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„Nur keine falsche Bescheidenheit!“ sagten die anderen daraufhin lächelnd. „Wir werden es zu genießen und zu würdigen wissen, bestimmt ist es gut!“ Und sie lasen den „Unsterblichen von Lin-djiang“, der lautete:
 +
„Frühlingstanz vor Jadehallen,
 +
  wo Biene schwärmt und Schmetterling.
 +
  Der Ostwind bläst dazu den Takt.“
 +
„Das ist gut!“ lobte Hsiang-yün. „Und die Zeile ‚Der Ostwind bläst dazu den Takt‘ ist besser als jede andere in den übrigen Gedichten.“ Dann lasen sie weiter:
 +
„Was heißt, sie stürben im Wasser
 +
  und seien bestimmt für den Staub?
 +
  Tausend Fäden, tausend Strähnen,
 +
  so leicht getrennt wie leicht vereint.
 +
  Scheltet sie nicht ungebunden!
 +
  Ein günstiger Wind leiht seine Kraft
 +
  Und trägt sie hoch in die Wolken.“
 +
Alle schlugen auf den Tisch und schrien vor Begeisterung, ehe sie sagten: „Du hast wirklich viel Kraft hineingelegt, und natürlich ist dein Gedicht das beste von allen. Trauriger und ergreifender ist das der Kaiserfrau vom Hsiau-hsiang-Fluß, gemütvoller und lieblicher das des Freundes, der sich aufs Abendrot bettet. Bau-tjin und der Gast unter Bananen sind diesmal durchgefallen und müssen bestraft werden.“
 +
„Das müssen wir natürlich“, räumte Bau-tjin lächelnd ein, „aber wie wird erst der bestraft, der ein leeres Blatt abgegeben hat?“
 +
„Nur nicht so hastig!“ wurde sie von Li Wan ermahnt. „Er wird auf jeden Fall streng bestraft, damit er fürs nächste Mal gewarnt ist!“
 +
Das hatte sie kaum gesagt, als draußen etwas krachend in die Bambuswipfel stürzte. Es hörte sich an, als ob der Fensterflügel in einem Schiebefenster heruntergefallen wäre. Jedermann fuhr erschrocken zusammen, und die Sklavenmädchen liefen hinaus, um nachzusehen. Dann hörte man, wie eine von ihnen rief: „Ein großer Drachen in Schmetterlingsform hängt oben im Bambus.“
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„So ein schöner Drachen!“ ließen sich auch die anderen Sklavenmädchen vernehmen. „Wer weiß, in wessen Familie man ihn hat steigen lassen, und dann ist die Schnur gerissen. Holen wir ihn herunter!“
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Als Bau-yü und die anderen das hörten, gingen sie ebenfalls hinaus, um sich den Drachen anzusehen, und Bau-yü verkündete lächelnd: „Ich kenne diesen Drachen. Den hat Djiau-hung aus dem Gehöft des alten gnädigen Herrn steigen lassen. Holt ihn herunter und tragt ihn zu ihr hinüber!“
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„Gibt es vielleicht in der ganzen Welt keine zwei Drachen, die genauso aussehen, und nur sie hatte solchen?“ fragte Dsï-djüan lächelnd. „Ich werde mich nicht darum kümmern und nehme ihn mir!“
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„Auf einmal macht auch Dsï-djüan diese Kleine-Leute-Art nach“, rügte Tan-tschun. „Ihr habt doch ebensogut einen Drachen, und jetzt willst du dir einen nehmen, der jemand anders weggeflogen ist, ohne daß du dir Gedanken darüber machst, daß so etwas tabu ist.“
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„Ja, eben“, fiel Dai-yü ein, „wer weiß, wer ihn hat wegfliegen lassen, damit sein böses Geschick mit wegfliegt. Schafft ihn nur schnell fort und holt unsern eigenen Drachen heraus, damit auch wir unser böses Geschick wegfliegen lassen können!“
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Jetzt erst gab Dsï-djüan den kleineren Sklavenmädchen den Befehl, den Drachen zu den alten Frauen zu bringen, die am Gartentor Tagdienst hatten, damit ihn sich jemand, der ihn suchte, dort geben lassen könnte.
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Die übrigen kleinen Sklavenmädchen stürzten, kaum daß sie hörten, Dai-yü wolle ihren Drachen steigen lassen, Hals über Kopf davon und kamen mit einem Drachen in Form eines schönen Mädchens wieder. Die einen holten einen hohen Schemel herbei, andere banden einen Zweig dergestalt an einem Bambusstab fest, daß eine Gabelstange entstand, und wieder andere wickelten eine Schnur auf eine Haspel.
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Bau-tschai und die anderen stellten sich vor das Hoftor und befahlen den Sklavenmädchen, sie sollten den Drachen auf der freien Fläche außerhalb des Gehöfts steigen lassen. Da bemerkte Bau-tjin lächelnd: „Der Drachen ist aber nicht so schön wie Tan-tschuns großer Phönixdrachen mit weichen Flügeln.“
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„Tatsächlich!“ bestätigte Bau-tschai, ebenfalls lächelnd. Dann wandte sie den Kopf und befahl Tsuee-mo: „Hol euren Drachen ebenfalls her!“
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Wirklich ging Tsuee-mo lachend fort, um den Drachen zu holen, und nun kam auch Bau-yü auf den Geschmack und erteilte einem seiner kleineren Sklavenmädchen den Befehl: „Geh nach Hause und hol mir den großen Fisch, den ich gestern von Lai Das Frau geschenkt bekommen habe!“
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Das Mädchen blieb lange fort und kam dann mit leeren Händen wieder, um lächelnd zu berichten: „Den Fisch hat Fräulein Tjing-wën gestern schon fliegen lassen.“
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„Dabei hatte ich ihn noch kein einziges Mal steigen lassen“, sagte Bau-yü bedauernd.
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„Und wenn schon“, tröstete Tan-tschun ihn lächelnd, „Tjing-wën hat ja für dich das böse Geschick wegfliegen lassen.“
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„Na schön“, sagte Bau-yü, „dann hol mir statt dessen die große Krabbe!“
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Wieder ging das Sklavenmädchen fort, aber als sie zurückkam, trug sie mit einigen Gefährtinnen zusammen einen Drachen, der ebenfalls die Form eines schönen Mädchens hatte, dazu eine Haspel mit Schnur, und diesmal meldete sie: „Fräulein Hsi-jën läßt sagen, die Krabbe habe sie gestern dem jungen Herrn Huan geschenkt. Diesen hier habe die Frau von Lin Dschï-hsiau eben erst für Euch gebracht, Ihr solltet ihn statt dessen steigen lassen.“
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Bau-yü sah sich das Geschenk aufmerksam an und stellte dabei fest, daß die Schöne sehr sorgfältig gearbeitet war. Froh darüber, befahl er, man solle sie aufsteigen lassen.
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Inzwischen war auch Tan-tschuns Drachen gebracht worden, und Tsuee-mo war eben mit einigen anderen kleinen Sklavenmädchen dabei, ihn vom Hang des Berges aus in die Luft steigen zu lassen. Nun befahl Bau-tjin ebenfalls, man solle ihr ihre große rote Fledermaus holen, und Bau-tschai, die gleichfalls Gefallen an der Sache gefunden hatte, ließ sich auch einen ihrer Drachen bringen, der aus einer Kette von sieben großen Wildgänsen bestand.
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Nacheinander stiegen alle Drachen in die Luft empor, nur Bau-yüs Schöne wollte und wollte nicht fliegen. Da sagte Bau-yü, die Sklavenmädchen hätten keine Ahnung, und versuchte es selbst eine ganze Zeitlang. Aber der Drachen kam nicht weiter als bis in die Höhe der Dächer, dann stürzte er wieder herunter. Vor Aufregung stand Bau-yü schon der Schweiß auf der Stirn, und die anderen machten sich über ihn lustig. Wütend warf Bau-yü schließlich den Drachen auf die Erde, wies mit der Hand darauf und schimpfte: „Wenn du nicht ein Mädchen wärst, würde ich dich mit einem Fußtritt kurz und klein stampfen!“
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Lächelnd verriet ihm Dai-yü: „Es liegt nur daran, daß mit der vorderen Schnur etwas nicht in Ordnung ist. Laß ihn wegbringen, damit man sie richtig anbringt, dann fliegt er auch.“
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Also befahl Bau-yü, den Drachen wieder wegzutragen, und ließ sich zugleich einen anderen bringen, den er steigen ließ. Dann standen alle mit zurückgelegtem Kopf da und schauten den Drachen nach, die hoch in die Luft stiegen.
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Bald darauf brachten die Sklavenmädchen noch die verschiedensten „Essenträger“<ref>Eine Vorrichtung, die man an der Schnur des schon in der Luft befindlichen Drachens hochsteigen ließ, um farbige Papierschnitzel daraus zu verstreuen, wenn sie oben war.</ref>, mit denen sie sich dann eine Weile vergnügten. Lächelnd sagte Dsï-djüan schließlich: „Jetzt zieht er kräftig, nehmt Ihr ihn, Fräulein!“
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Daraufhin legte sich Dai-yü ein Taschentuch über die Hand und ruckte probeweise an der Schnur. Tatsächlich hatte der Wind den Drachen bereits mit voller Kraft gepackt. Also nahm sie Dsï-djüan die Haspel ab und ließ sie frei auf der Achse rotieren. Vom Drachen gezogen, schnurrte die Schnur von der Haspel und war im Nu bis zum Ende abgespult. Jetzt forderte Dai-yü die anderen auf, sie sollten den Drachen für sie wegfliegen lassen, doch sie antworteten ihr: „Jeder hat seinen eigenen, laß du ihn fliegen!“
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„Es macht zwar Spaß, ihn fliegen zu lassen, aber ich bringe es einfach nicht über mich“, klagte Dai-yü lächelnd.
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„Aber es ist doch gerade dieser Spaß, den man erreichen will, wenn man Drachen steigen läßt, und nur darum sagt man doch, man lasse das böse Geschick wegfliegen. Gerade du mußt recht viele Drachen wegfliegen lassen, damit sie die Wurzeln deiner Krankheit ganz und gar mitnehmen“, wurde sie von Li Wan belehrt.
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„Ihr werdet immer kleinlicher, Fräulein“, behauptete Dsï-djüan, an Dai-yü gewandt, „Jahr für Jahr haben wir mehrere Drachen wegfliegen lassen, und jetzt auf einmal tut es Euch leid darum. Wenn Ihr ihn nicht fliegen laßt, lasse ich ihn fliegen.“
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Mit diesen Worten nahm sie Hsüä-yän eine kleine europäische Silberschere aus der Hand und setzte sie direkt an der Haspel an, so daß auch nicht ein Tsun mehr darauf übrigblieb. Ratsch! machte es, als die Schnur durchgeschnitten wurde. „Nun nimm aber auch die Krankheit samt allen Wurzeln mit fort!“ rief Dsï-djüan dem Drachen mit lächelnder Miene nach.
 
Der Drachen taumelte hin und her und entfernte sich dabei immer weiter. Schon war er nur noch so groß wie ein Hühnerei, einen Augenblick später war es nur noch ein schwarzer Punkt, und nach einem weiteren Augenblick war er nicht mehr zu sehen. Alle hatten den Kopf in den Nacken geworfen, kniffen die Augen zusammen und riefen: „Macht das Spaß, macht das Spaß!“
 
Der Drachen taumelte hin und her und entfernte sich dabei immer weiter. Schon war er nur noch so groß wie ein Hühnerei, einen Augenblick später war es nur noch ein schwarzer Punkt, und nach einem weiteren Augenblick war er nicht mehr zu sehen. Alle hatten den Kopf in den Nacken geworfen, kniffen die Augen zusammen und riefen: „Macht das Spaß, macht das Spaß!“
 
Bau-yü aber sagte: „Schade, daß man nicht weiß, wo er herunterkommt! Falls dort Menschen wohnen und Kinder ihn finden, ist es noch gut. Falls er aber in einer wüsten und menschenleeren Gegend herunterkommt, kann ich ihm die Einsamkeit nachfühlen, die er empfinden muß. Der Gedanke daran veranlaßt mich, auch meinen fliegen zu lassen, damit die beiden einen Gefährten aneinander haben!“ Also zerschnitt auch er die Drachenschnur und ließ seinen Drachen genauso fliegen.
 
Bau-yü aber sagte: „Schade, daß man nicht weiß, wo er herunterkommt! Falls dort Menschen wohnen und Kinder ihn finden, ist es noch gut. Falls er aber in einer wüsten und menschenleeren Gegend herunterkommt, kann ich ihm die Einsamkeit nachfühlen, die er empfinden muß. Der Gedanke daran veranlaßt mich, auch meinen fliegen zu lassen, damit die beiden einen Gefährten aneinander haben!“ Also zerschnitt auch er die Drachenschnur und ließ seinen Drachen genauso fliegen.
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Nach diesen Worten ließen auch alle andere ihre Drachen fliegen, und dann trennten sie sich. Dai-yü aber ging in ihr Zimmer, wo sie sich hinlegte, um zu schlafen.
 
Nach diesen Worten ließen auch alle andere ihre Drachen fliegen, und dann trennten sie sich. Dai-yü aber ging in ihr Zimmer, wo sie sich hinlegte, um zu schlafen.
 
Wer wissen will, wie es weiterging, kann es im nächsten Kapitel erfahren.
 
Wer wissen will, wie es weiterging, kann es im nächsten Kapitel erfahren.
71. Mißgunst äußert sich bei passender Gelegenheit,
 
Yüan-yang stößt auf ein verliebtes Paar.
 
 
Nachdem Djia Dschëng wieder in der Hauptstadt war und alle seine Amtsgeschäfte erledigt hatte, wurde ihm ein Monat Urlaub gewährt, damit er sich zu Hause erholen konnte. Und da er schon allmählich auf den Lebensabend zuschritt, da seine Pflichten schwer waren und sein Körper gebrechlich wurde, und da er schließlich nach mehrjähriger Abwesenheit, die ihn von seinen nächsten Angehörigen getrennt hatte, jetzt froh in den Schoß der Familie zurückgekehrt war, fühlte er sich unendlich glücklich. So vernachlässigte er nun mehr denn je alle ernsten Geschäfte, ob groß oder klein, und gab sich nur der Lektüre hin. Und wenn er der Bücher überdrüssig war, spielte er mit seinen Hausgästen Schach und trank Wein dabei, oder aber er plauderte wohl auch am hellen Tag in den inneren Gemächern mit seiner Mutter und seiner Frau über die Freuden, die einem Heim und Familie gewähren.
 
Da am dritten Tag des achten Monats dieses Jahres der achtzigste Geburtstag der Herzoginmutter0 war und alle Verwandten und Freunde kommen würden, so daß der Platz für die Festtafeln nicht ausreichen konnte, beriet sich Djia Dschëng rechtzeitig mit Djia Schë, Djia Dschën und Djia Liän, wobei sie übereinkamen, daß vom achtundzwanzigsten Tag des siebenten Monats bis zum fünften Tag des achten Monats im Jung-guo- und im Ning-guo-Anwesen zugleich gefeiert werden sollte. Ins Ning-guo-Anwesen sollten die männlichen, ins Jung-guo-Anwesen die weiblichen Gäste gebeten werden. Im Garten des Großen Anblicks wurden der Brokatbestückte Turm und die Halle des Vortrefflichen Schattens hergerichtet, damit sie den Gästen zum zeitweiligen Aufenthalt dienen konnten.
 
Für den achtundzwanzigsten wurden kaiserliche Schwäger und Schwiegersöhne, Prinzen und Herzöge, Töchter des Kaisers und der kaiserlichen Prinzen, prinzliche Nebenfrauen sowie Mütter und Hauptfrauen hoher Beamter geladen, für den neunundzwanzigsten die Vorsitzenden des Thronsekretariats, die Leiter der Ministerien und des kaiserlichen Haushalts, die Gouverneure und Militärgouverneure der einzelnen Provinzen sowie die Hauptfrauen aller dieser Beamten, für den dreißigsten dann weitere Beamte mit ihren Hauptfrauen sowie enge und ferne Verwandte und Freunde mit ihren Frauen.
 
Am ersten gab Djia Schë sein Fest im Familienkreis, am zweiten Djia Dschëng, am dritten Djia Dschën gemeinsam mit Djia Liän. Am vierten wurde ein Familienfest auf Kosten sämtlicher Sippenangehörigen – groß und klein, vornehm und gering – gegeben, am fünften schließlich ein Fest, das von Lai Da, Lin Dschï-hsiau und den übrigen Verwaltern beider Anwesen gemeinsam finanziert wurde.
 
Von der ersten Dekade des siebenten Monats an wurden in steter Folge Geschenke gebracht. Vom Ritenministerium wurden auf allerhöchsten Befehl als Geschenke des Kaisers ein Glückwunschzepter aus Gold und Jade, vier Längen bunter Brokat, vier Ringe aus Gold und Jade sowie fünfhundert Liang Silber aus der kaiserlichen Schatzkammer überbracht. Außerdem schickte Yüan-tschun durch die Eunuchen eine Goldstatuette des Gottes der Langlebigkeit, einen Krückstock aus Adlerholz, eine Gebetsschnur aus Duftholzperlen, eine Dose „Weihrauch des Glücks und der Langlebigkeit“, ein Paar Goldbarren, vier Paar Silberbarren, zwölf Stücken bunten Brokat und vier jadene Becher.
 
Auch unter den Familien der Prinzen kaiserlichen Geblüts und der Schwiegersöhne des Kaisers sowie aller höheren und niederen Zivil- und Militärbeamten, mit denen die Djias Umgang hatten, war keine, die nicht ebenfalls ihre Gaben schickte. Diese können hier nicht alle aufgezählt werden.
 
In der Haupthalle war ein großer Tisch bereitgestellt worden, der mit rotem Filz bedeckt war und auf dem alle feineren Geschenke aufgebaut wurden, damit die Herzoginmutter sie in Augenschein nehmen konnte. An den ersten beiden Tagen kam sie auch wirklich freudig herüber und sah sich alles an, aber dann hatte sie es satt, wollte nichts mehr sehen und sagte nur: „Sagt Hsi-fëng, sie soll es in Verwahrung nehmen! Ich sehe es mir ein andermal an, wenn ich Langeweile habe.“
 
Am achtumndzwanzigsten Tag des siebenten Monats glänzten beide Anwesen im Schmuck der Laternen und Seidenrosetten. An den Setzschirmen prangten Phönixbilder, auf den Sitzkissen strahlten Lotosmuster. Die Musik von Flöten und Trommeln drang hinaus in die Straßen und Gassen.
 
Zu Gast ins Ning-guo-Anwesen kamen an diesem Tag nur die Prinzen Bee-djing und Nan-an, der kaiserliche Schwiegersohn Yung-tschang, der Prinz Lë-schan sowie die Träger der Erbtitel einiger Herzogs- und Fürstenhäuser, mit denen die Djias seit Generationen befreundet waren, und ins Jung-guo-Anwesen eine verwitwete Nebenfrau des vorigen Prinzen Nan-an, eine Nebenfrau des Prinzen Bee-djing sowie die Hauptfrauen der befreundeten Herzöge und Fürsten.
 
Im vollen Festschmuck, wie er ihrem jeweiligen Rang entsprach, gingen ihnen die Herzoginmutter und alle anderen zum Empfang entgegen. Nachdem sie einander begrüßt hatten, wurden die Gäste zunächst in die Halle des Vortrefflichen Schattens im Garten des Großen Anblicks gebeten. Erst nachdem sie hier Tee getrunken hatten und austreten waren, verließen sie wieder den Garten und begaben sich in die Halle der Üppigen Glückwünsche hinüber, um ihre Gratulationen vorzutragen und dann zu Tisch zu gehen. Hierbei gab es ein langes Sichzieren, ehe endlich alle Platz genommen hatten.
 
An den beiden Ehrentischen saßen die verwitwete Nebenfrau des Prinzen Nan-an und die Nebenfrau des Prinzen Bee-djing, an den übrigen Tischen der Rangfolge nach abwärts die Frauen der Herzöge und Fürsten. Am ersten Tisch linkerhand saßen als „begleitende Ehrengäste“ die Frau des Fürsten Djin-hsiang und die des Grafen Lin-tschang, und erst am ersten Tisch rechterhand war der Platz der Herzoginmutter. Hinter ihr standen, angeführt von den Damen Hsing und Wang, Frau You und Hsi-fëng mit den anderen jungen Frauen der Familie in keilförmiger Formation, um aufzuwarten.
 
Außerhalb der Bambusvorhänge waren unter der Aufsicht der Frauen von Lin Dschï-hsiau und Lai Da Sklavenfrauen angetreten, um die Speisen und den Wein hereinzureichen. Hinter den Setzschirmen aber waren unter dem Kommando von Dschou Juees Frau Sklavenmädchen postiert, um etwaige Aufträge entgegenzunehmen. Das Gefolge der Gäste war von weiteren Sklavenfrauen fortgeführt worden, um anderswo bewirtet zu werden.
 
Alsbald erschienen auf der Bühne die Schauspieler, um zuerst ihre Glückwünsche auszusprechen. Vor der Bühne traten zwölf Sklavenjungen in gleichartiger Aufmachung an, die noch zu klein waren, um ihr Haar wachsen zu lassen. Einen Augenblick später erschien am Fuße der Treppe ein weiterer kleiner Sklavenjunge mit dem Repertoirzettel und reichte ihn einer Sklavenfrau, deren Aufgabe es war, Meldungen weiterzuleiten. Erst aus ihren Händen empfing ihn Lin Dschï-hsiaus Frau, legte ihn auf ein kleines Tablett und trat damit durch die Tür, um ihn an die Nebenfrau Pee-fëng zu übergeben, die zu Frau Yous Bedienung gehörte.
 
Aus Pee-fëngs Händen nahm Frau You das Tablett entgegen und trug den Zettel darauf zu den Ehrentischen, wo sich die verwitwete Nebenfrau des Prinzen Nan-an erst ein Weilchen höflich zierte, ehe sie einen glückverheißenden Titel auswählte. Nachdem sich auch die Nebenfrau des Prinzen Bee-djing eine Zeitlang geziert hatte, suchte sie ebenfalls eine Szene aus. Anschließend machten auch alle anderen Gäste dieselben Umstände und sagten, man solle nur nach Belieben einige gute Szenen bestimmen, um sie spielen zu lassen.
 
Als nach kurzer Zeit schon die vierte Speise aufgetragen und die Suppe gereicht worden war, verteilte das Gefolge der Gäste die Belohnungen für die Schauspieler. Nachdem alle austreten waren, gingen sie in den Garten zurück, wo feiner Tee serviert wurde. Nun erkundigte sich die verwitwete Nebenfrau des Prinzen Nan-an nach Bau-yü, und die Herzoginmutter gab lächelnd die Auskunft: „Heute wird in mehreren Tempeln das Sutra zum Erhalt der Gesundheit und zur Verlängerung des Lebens verlesen, und er nimmt daran teil.“
 
Nach den jungen Mädchen gefragt, sagte die Herzoginmutter, wiederum lächelnd: „Die einen sind krank, die anderen schwächlich, außerdem sind sie scheu gegenüber Fremden. Darum habe ich ihnen gesagt, sie sollen meine Räume beaufsichtigen. Und da genug Schaupielertruppen im Hause sind, habe ich eine davon hinübergeschickt, damit sie bei mir in der Halle vor unsern Mädchen und ihren Kusinen aus den Familien ihrer Tanten etwas vorführt.“
 
„Wenn das so ist“, sagte die verwitwete Nebenfrau des Prinzen Nan-an, „laßt sie doch durch jemand herüberbitten!“
 
Also wandte die Herzoginmutter den Kopf nach Hsi-fëng und befahl ihr, sie solle Hsiang-yün, Bau-tschai, Bau-tjin und Dai-yü herüberholen. „Außer diesen bringst du nur das dritte Fräulein zu ihrer Begleitung mit!“ setzte sie noch hinzu.
 
Hsi-fëng ging in die Räume der Herzoginmutter hinüber, wo die Mädchen eben Naschwerk knabberten und dabei dem Theaterspiel zusahen. Auch Bau-yü war gerade von seinem Tempelbesuch zurückgekommen.
 
Als Hsi-fëng ihre Bestellung ausgerichtet hatte, folgten ihr Bau-tschai, Bau-tjin, Dai-yü, Tan-tschun und Hsiang-yün in den Garten, wo sie die Besucherinnen begrüßten und sich nach ihrem Befinden erkundigten.
 
Einige Besucherinnen waren mit den Mädchen bereits bekannt, manche sahen sie zum ersten Mal, aber alle lobten sie ohne Ende. Am vertrautesten war die verwitwete Nebenfrau des Prinzen Nan-an mit Hsiang-yün, darum warf sie ihr lächelnd vor: „Da bist du hier im Hause, aber anstatt herüberzukommen, wenn du hörst, ich sei zu Besuch, wartest du, bis ich dich holen lasse! Morgen werde ich mit deinem Onkel deswegen abrechnen!“
 
Nun faßte sie mit der einen Hand Tan-tschun, mit der anderen Bau-tschai, erkundigte sich nach ihrem Alter und lobte sie gleich noch einmal in einem fort. Dann ließ sie die beiden wieder los, faßte statt dessen Dai-yü und Bau-tjin bei den Händen, musterte sie sorgfältig und spendete auch ihnen höchstes Lob. „Ihr seid alle so lieb“, sagte sie lächelnd, „daß ich nicht weiß, wen von euch ich am meisten loben soll!“
 
 
Aus: Gai Qi 1879.
 
Schon hatte jemand fünf Satz Geschenke zurechtgemacht, die von der verwitweten Nebenfrau des Prinzen Nan-an in Reserve gehalten worden waren, und jedes der Mädchen bekam einen goldenen und einen jadenen Fingerring sowie eine Armkette aus Duftholzperlen. „Lacht bitte nicht über das wertlose Zeug!“ bat die verwitwete Nebenfrau. „Nehmt es und schenkt es euren Mägden!“
 
Sofort fielen die fünf Mädchen auf die Knie und bedankten sich. Auch von der Nebenfrau des Prinzen Bee-djing bekamen sie fünferlei Geschenke. Was die übrigen gaben, braucht nicht im einzelnen erläutert zu werden.
 
Nach dem Teetrinken spazierten alle ein wenig durch den Garten, und dann bat die Herzoginmutter sie an die Tafel zurück. Aber die verwitwete Nebenfrau des Prinzen Nan-an entschuldigte sich, sie fühle sich nicht recht wohl. „Nicht zu kommen wäre nicht recht gewesen“, sagte sie, „aber jetzt müßt Ihr schon gestatten, daß ich mich verabschiede.“
 
Die Herzoginmutter konnte sie nicht gut nötigen und begleitete sie deshalb nach einigem höflichen Hinundher bis zum Gartentor, wo diese in ihre Sänfte stieg und sich forttragen ließ. Die Nebenfrau des Prinzen Bee-djing blieb noch ein Weilchen, dann nahm auch sie Abschied. Von den anderen blieben manche bis zum Schluß, manche auch nicht.
 
Da die Herzoginmutter von den Anstrengungen des Tages erschöpft war, empfing sie die Besucherinnen des nächsten Tages nicht persönlich, und an ihrer Statt mußten sich die Damen Hsing und Wang mit ihnen abgeben. Als die jungen Männer aus den befreundeten Familien erschienen, um der Herzoginmutter ihre Geburtstagsgrüße zu entbieten, wurden sie in die Halle geführt, um sich dort zu verbeugen, und erwidert wurden diese Verbeugungen durch Djia Schë, Djia Dschëng und Djia Dschën, die die Besucher anschließend ins Ning-guo-Anwesen zu Tisch führten. Aber davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
 
Frau You ging an all diesen Tagen nicht in das andere Anwesen hinüber. Am Tage betreute sie die Besucherinnen, und bei Nacht schlief sie im Garten des Großen Anblicks in den Räumen von Li Wan. Eines Abends sagte die Herzoginmutter, nachdem Frau You ihr beim Abendessen aufgewartet hatte: „Ihr seid alle müde, und auch ich bin müde, darum seht zu, daß ihr etwas zu essen bekommt, und dann legt euch schlafen. Morgen müssen wir wieder früh aufstehen, um den Trubel über uns ergehen zu lassen.“
 
Frau You sagte: „Jawohl!“ und zog sich zurück. Dann begab sie sich in die Räume von Hsi-fëng, um zu essen. Hsi-fëng selbst war gerade im zweistöckigen Speichergebäude, um die Leute zu beaufsichtigen, die einen neuen Setzschirm wegstellten, den die Herzoginmutter geschenkt bekommen hatte, und so befand sich in ihren Räumen nur Ping-örl, damit beschäftigt, Hsi-fëngs Kleider zusammenzulegen. Also fragte Frau You: „Hat eure junge Herrin schon gegessen?“
 
„Würden wir Euch nicht hergebeten haben, junge gnädige Frau, wenn wir gegessen hätten?“ fragte Ping-örl lächelnd zurück.
 
„Wenn das so ist, werde ich zusehen, daß ich anderswo etwas zu essen finde“, sagte Frau You, ebenfalls lächelnd. „Ich halte es vor Hunger nicht mehr aus.“ Und damit wandte sie sich zum Gehen.
 
„Bleibt doch bitte, junge gnädige Frau!“ forderte Ping-örl sie rasch mit lächelndem Gesicht auf. „Hier ist Gebäck. Damit könnt Ihr Euch ein wenig stärken, und nachher kommt Ihr zum Essen wieder!“
 
„So beschäftigt, wie ihr hier seid, gehe ich lieber in den Garten und falle den Mädchen zur Last“, sagte Frau You und ging nun wirklich hinaus. Da Ping-örl sie nicht zu halten vermochte, mußte sie ihr wohl oder übel ihren Willen lassen.
 
Frau You ging dann geradewegs zum Garten, wobei sie feststellen mußte, daß sowohl das Haupttor als auch die Nebentore des Gartens noch nicht geschlossen waren. Auch brannten noch überall die bunten Laternen. Darum wandte sie den Kopf und befahl einem ihrer kleinen Sklavenmädchen, die diensthabenden Frauen zu rufen. Das Mädchen ging in die Wachstube, aber hier war nicht die Spur eines Menschen, nicht einmal sein Schatten. Also kehrte sie zu Frau You zurück, um ihr dies zu melden. Darauf befahl ihr Frau You, eine von den Verwalterinnen zu holen.
 
Das Mädchen sagte: „Jawohl!“ und ging hinaus zu der Plattform außerhalb des Innentors, wo die Verwalterinnen ihren Versammlungs- und Beratungsplatz hatten, aber auch hier fand sie nur zwei alte Sklavenfrauen vor, die damit beschäftigt waren, Gemüse und Obst in Portionen zu teilen. Diese fragte sie nun: „Welche von den Verwalterinnen ist hier? Die junge gnädige Frau aus dem Ostanwesen hat ihr auf der Stelle etwas zu sagen.“
 
Die beiden Alten waren ganz in ihr Geschäft vertieft, und außerdem hörten sie, es handle sich um die junge gnädige Frau aus dem anderen Anwesen. Darum nahmen sie die Sache nicht weiter ernst und antworteten: „Die Verwalterfrauen sind eben nach Hause gegangen.“
 
„Dann geht ihr zu einer von ihnen nach Hause und holt sie!“ verlangte das Mädchen.
 
„Wir haben hier nur aufzupassen und niemand zu holen“, erwiderten die Alten. „Wenn ihr wollt, daß sie geholt wird, müßt ihr jemand beauftragen, der dazu da ist, Bestellungen auszurichten.“
 
 
Aus: Jinyuyuan 1889a.
 
„Also, ... also, das ist ja Aufruhr!“ empörte sich das Mädchen. „Wieso wollt ihr sie nicht holen? So könnt ihr mit jemand umgehen, der hier neu ist, aber nicht mit mir! Wer holt sie denn sonst, wenn nicht ihr?! Wenn ihr hört, es gibt etwas zu verdienen oder eine der Verwalterfrauen soll ein Geschenk bekommen, dann reißt ihr euch darum, sie zu holen, und würdet am liebsten noch mit dem Schwanz wedeln, jetzt aber wißt ihr nicht, wer wer ist. Würdet ihr genauso antworten, wenn ihr für die Gattin des jungen Herrn Liän jemand holen solltet?“
 
Die beiden Frauen hatten zuvor Wein getrunken, außerdem hatte das Sklavenmädchen mit seinen Worten an einen wunden Punkt gerührt, und die Scham darüber brachte die beiden in Zorn. Deshalb erwiderten sie: „Daß du dich nicht schämst, solchen Unsinn zu schwatzen! Schließlich ist es unsere Sache, ob wir jemand holen oder nicht, und dich geht das gar nichts an.
 
Außerdem brauchst du uns hier nicht madig zu machen. Denk einmal daran, wie sich deine Eltern vor euren eigenen Verwaltern noch viel mehr lieb Kind zu machen verstehen als wir! Oder hältst du uns vielleicht für blind? Jeder soll nur hübsch vor der eigenen Tür kehren! Wenn du das Zeug dazu hast, kannst du eure Leute drüben ausschmieren, aber bei uns bist du an der falschen Adresse!“
 
Das Sklavenmädchen war blaß geworden vor Zorn. „Gut, gut, das will ich mir merken!“ sagte sie. Und damit machte sie kehrt und ging zum Gartentor zurück, um Frau You von der Sache zu unterrichten.
 
Aber Frau You war inzwischen längst in den Garten hineingegangen, wo sie Hsi-jën, Bau-tjin und Hsiang-yün traf, die mit zwei Nonnen aus dem Ksitigarbha-Kloster0 plauderten und sich von ihnen Geschichten erzählen ließen. Als Frau You sagte, sie sei hungrig, gingen sie mit ihr in den Hof der Freude am Roten, wo Hsi-jën einen Imbiß – sowohl mehrere Fleischspeisen als auch fleischlose Gerichte – auftun ließ, den sie für Frau You in den Vorraum herausbrachte. Die beiden Nonnen tranken mit Bau-tjin und Hsiang-yün zusammen Tee und erzählten weiter ihre Geschichten. Da trat das kleine Sklavenmädchen von Frau You herein, das sich unverzüglich auf die Suche nach ihr gemacht hatte, und berichtete wutentbrannt in aller Ausführlichkeit, was sie soeben von den beiden alten Sklavenfrauen hatte anhören müssen.
 
„Wer waren die beiden?“ erkundigte sich Frau You sofort mit verächtlichem Lächeln.
 
„Nicht doch!“ mischten sich da die beiden Nonnen ein, und im Verein mit ihnen auch Bau-tjin und Hsiang-yün, die befürchteten, Frau You könnte sich aufregen. „Bestimmt hat sie sich verhört!“
 
Dann stießen die beiden Nonnen das kleine Sklavenmädchen an und sagten lächelnd: „Du bist aber hitzig, Kind! Du hättest es doch nicht melden müssen, was die beiden dummen alten Weiber gesagt haben. Tagelang hat deine Herrin ihren kostbaren Leib strapazieren müssen, jetzt hat sie noch keinen Schluck getrunken und keinen Happen gegessen, und es war uns erst zur Hälfte gelungen, sie mit unseren Scherzen wieder aufzuheitern, da kommst du und erzählst solche Sachen!“
 
Hsi-jën faßte das kleine Sklavenmädchen schnell bei der Hand, um es hinauszuführen, und redete ihm lächelnd zu: „Ruh dich draußen erst mal ein bißchen aus, Schwesterchen! Ich werde gleich jemand nach den Verwalterinnen schicken!“
 
„Laß nicht nach den Verwalterinnen schicken, sondern nach diesen beiden Alten!“ verlangte Frau You. „Und dann laß Hsi-fëng von drüben holen!“
 
Lächelnd erklärte Hsi-jën: „Ich  werde sie herbitten!“
 
„Nein!“ sagte Frau You. „Du gehst mir nicht!“
 
Sofort erhoben sich nun die beiden Nonnen von ihren Plätzen und sagten lächelnd: „Ihr wart doch sonst immer großmütig, junge gnädige Frau. Und meint Ihr nicht, daß es Gerede geben würde, wenn Ihr ausgerechnet zum Geburtstag der alten Ahne wütend werdet?“ Auch Bau-tjin und Hsiang-yün redeten mit lächelndem Gesicht begütigend auf Frau You ein.
 
„Wenn nicht der Geburtstag der alten gnädigen Frau wäre, würde ich auf keinen Fall nachgeben“, erklärte Frau You. „Aber so mag es hingehen.“
 
Inzwischen hatte Hsi-jën schon ein Sklavenmädchen zum Gartentor geschickt, um jemanden von dort zu holen, und dieses Mädchen stieß auf niemand anders als auf Dschou Juees Frau. Also erzählte sie ihr den ganzen Vorfall, und wenn Dschou Juees Frau auch nichts damit zu tun hatte, so genoß sie doch als langjährige Sklavin, die von Dame Wang mit in die Ehe gebracht worden war, einiges Ansehen und hatte es verstanden, sich durch geschickte Schmeicheleien bei der gesamten Herrschaft beliebt zu machen.
 
Als sie sich angehört hatte, was vorgefallen war, lief sie spornstreichs zum Hof der Freude am Roten, trat hier mit schnellem Schritt ins Haus und versicherte dabei lautstark: „Es ist unerhört, wie man Euch so erzürnen konnte, junge gnädige Frau! Bei uns sind jetzt Sitten eingerissen, die einfach nicht zu ertragen sind. Und wie zum Tort mußte ich nicht dabeisein. Wäre ich dabeigewesen, dann hätte ich den beiden auf der Stelle ein paar Ohrfeigen verpaßt, und in ein paar Tagen hätte ich mit ihnen abgerechnet.“
 
Lächelnd blickte Frau You sie an und sagte: „Gut, daß du da bist, Schwester Dschou! Entscheide du, ob das richtig ist: Um diese Zeit stehen die Tore noch weit offen, und die Laternen brennen noch hell. Alles mögliche Volk kann hier ein- und ausgehen. Was, wenn etwas passiert? Deshalb wollte ich den Diensthabenden sagen, sie sollten die Lampen ausblasen und die Tore zumachen. Dann aber stellte sich heraus, daß keine Menschenseele zur Stelle war.“
 
„Ist das die Möglichkeit?“ empörte sich Dschou Juees Frau. „Neulich erst hat unsere zweite junge Herrin angeordnet, in diesen Tagen, wo so viel Trubel herrscht und so ein gemischtes Volk im Anwesen ist, sollten die Tore geschlossen und die Lampen gelöscht werden, sobald es Abend wird, und niemand, der nicht in den Garten gehört, sollte mehr eingelassen werden. Und nun war einfach niemand da! Wenn die Feiern erst zu Ende sind, werden wohl einige Leute Schläge bekommen müssen!“
 
Nun erzählte Frau You noch, was ihr das Sklavenmädchen berichtet hatte, und Dschou Juees Frau sagte: „Regt Euch nicht auf, junge gnädige Frau! Wenn das Fest vorüber ist, werde ich den Verwalterinnen sagen, sie sollen die beiden tüchtig durchklopfen lassen. Und dann sollen sie sich auch erkundigen, wer denen beigebracht hat zu sagen, jeder solle hübsch vor der eigenen Tür kehren. Die Lampen zu löschen und das Haupttor wie die Nebentore zu schließen habe ich schon angeordnet.“
 
Während es noch aufgeregt hin- und herging, erschien eine Botin von Hsi-fëng, um Frau You zum Essen zu bitten. Diese aber fertigte die Sklavin ab: „Ich habe keinen Hunger, eben erst habe ich etwas Gebäck gegessen! Deine Herrin soll bitte allein essen!“
 
Dschou Juees Frau, die einige Zeit später auf bequeme Weise fortgehen konnte, erstattete Hsi-fëng über den Vorfall Bericht und setzte dann noch hinzu: „Die beiden Alten gehören zu den Verwalterinnen. Sooft wir mit ihnen sprechen, führen sie sich auf wie bissige Hunde. Wenn Ihr sie nicht verwarnt und belehrt, ist das für die Ehre der älteren jungen Herrin unerträglich.“
 
„Dann schreib die beiden namentlich auf, und wenn die Feiern vorüber sind, soll man sie gefesselt in das andere Anwesen hinüberbringen, wo meine Schwägerin ihnen nach eigenem Ermessen eine Belehrung erteilen soll. Ob sie ihnen ein paar Schläge gibt oder Gnade walten läßt und ihnen verzeiht, liegt ganz bei ihr“, entschied Hsi-fëng. „Was ist da schon groß dabei?“
 
Dschou Juees Frau hatte begierig auf jedes Wort gelauscht, denn sie war auf diese Frauen schon lange böse. Als sie Hsi-fëngs Gehöft wieder verlassen hatte, gab sie einem Sklavenjungen den Auftrag, Lin Dschï-hsiaus Frau über Hsi-fëngs Anordnung zu unterrichten und ihr zu sagen, sie solle unverzüglich die ältere junge Herrin aufsuchen. Außerdem gab sie sofort jemandem den Befehl, die beiden alten Sklavenfrauen zu binden und unter Bewachung im Pferdestall einzusperren.
 
Lin Dschï-hsiaus Frau wußte natürlich nicht, was es jetzt, da schon die Lampen brannten, noch zu erledigen gab, aber sie stieg rasch in den Wagen und kam angefahren. Zuerst wollte sie zu Hsi-fëng. Aber als sie vom Innentor aus Bescheid geben ließ, erschien ein Sklavenmädchen, um ihr zu sagen: „Meine Herrin hat sich gerade schlafen gelegt. Die ältere junge Herrin ist im Garten, geht nur zu ihr!“
 
Also begab sich Lin Dschï-hsiaus Frau in den Garten zum Reisduftdorf. Als die Sklavenmädchen sie drinnen anmeldeten, tat es Frau You leid, daß man sie herbemüht hatte, deshalb rief sie sie schnell herein und sagte ihr mit lächelnder Miene: „Ich hatte nur nach dir gefragt, weil ich jemand von den Leuten suchte und niemand zu finden war. Wer hat dich jetzt rufen lassen, wenn du schon fort warst? Den Weg hast du umsonst gemacht, denn es war weiter nichts Wichtiges, und die Sache hat sich schon erledigt.“
 
Ebenfalls lächelnd, erwiderte Lin Dschï-hsiaus Frau: „Die zweite junge Herrin hat jemand geschickt, um mich holen zu lassen, und wie es hieß, wolltet Ihr mir etwas sagen.“
 
„Nicht doch!“ erklärte Frau You lächelnd, „ich wußte nicht, daß du schon fort warst, und hatte vergeblich nach dir gefragt. Irgend jemand muß das unnötigerweise Schwägerin Hsi-fëng erzählt haben, wahrscheinlich war es Schwester Dschou. Fahr nur wieder nach Hause und ruh dich aus! Es war nichts Besonderes.“
 
Li Wan wollte noch erklären, was sich zugetragen hatte, doch Frau You hinderte sie daran. Angesichts dieser Umstände hatte Lin Dschï-hsiaus Frau keine andere Wahl, als den Garten wieder zu verlassen. Dabei führte ihr der Zufall Nebenfrau Dschau in den Weg, die lächelnd zu ihr sagte: „Ei, ei, Schwägerin! Was machst du denn noch hier, anstatt zu Hause zu sitzen und dich auszuruhen?“
 
Lächelnd erklärte ihr Lin Dschï-hsiaus Frau den Grund, sagte ihr, so und so sei es gewesen, und es sei dies eine merkwürdige Geschichte.
 
Nun hatte Nebenfrau Dschau größte Freude daran, solcherlei Dinge genau auszuforschen, und stand stets auf gutem Fuß mit den Frauen von der Verwaltung, um sich mit ihnen auszutauschen, damit sie um so besser ihre Ränke spinnen konnte. Über den Vorfall von vorhin hatte sie schon zu acht, neun Zehnteln Bescheid gewußt, und als sie jetzt die Erklärung hörte, die Lin Dschï-hsiaus Frau ihr gab, erzählte sie dieser, so und so habe sich die Sache zugetragen.
 
„Das war es also!“ sagte Lin Dschï-hsiaus Frau darauf lächelnd. „Aber das ist doch kaum einen Furz wert! Wenn die junge Herrin gnädig ist, wird sie nichts weiter sagen, und selbst wenn sie engherzig sein sollte, gibt es ein paar Schläge dafür, mehr nicht.“
 
„Schwerwiegend ist die Sache wahrhaftig nicht, meine Schwägerin“, sagte Nebenfrau Dschau darauf. „Aber man sieht doch daran, daß die ein bißchen gar zu hemmungslos sind. Da lassen sie dich extra herholen, um sich offen über dich lustig zu machen und dich an der Nase herumzuführen. Aber fahr jetzt nur nach Hause und ruh dich aus! Morgen ist wieder viel zu tun. Deshalb will ich dich auch nicht noch zum Tee einladen.“
 
Damit war das Gespräch beendet, und Lin Dschï-hsiaus Frau wollte schon hinausgehen, als am Nebentor die Töchter der beiden Sklavenfrauen von vorhin auf sie zu traten und weinend baten, sie möge ein gutes Wort für ihre Mütter einlegen.
 
„Ihr seid ganz schön dumm“, sagte Lin Dschï-hsiaus Frau darauf lächelnd zu ihnen, „wer hat denn eure Mütter geheißen, erst zu trinken und dann solchen Unsinn zu reden, daß ein Skandal daraus wurde? Und ich habe nicht einmal davon gewußt. Die zweite junge Herrin hat Leute geschickt, um sie zu binden, und selbst mir hat man Vorwürfe gemacht. Wie käme ich also dazu, für sie zu bitten?“
 
Aber die beiden Sklavenmädchen waren nicht älter als sieben oder acht Jahre0 und kannten sich deshalb nicht aus. Darum bettelten sie schluchzend weiter und trieben Lin Dschï-hsiaus Frau damit so in die Enge, daß sie schließlich sagte: „Ihr dummen Dinger! Den richtigen Weg laßt ihr außer acht, statt dessen belästigt ihr mich. Du da, deine ältere Schwester ist doch jetzt dem Sohn von Tante Fee, der alten Magd der gnädigen Frau von drüben, zur Frau gegeben worden. Geh also hinüber und erzähl die Sache deiner Schwester, damit ihre Schwiegermutter mit der gnädigen Frau spricht, dann ist alles erledigt!“
 
Nun wußte die eine, was sie zu tun hatte, aber die andere flehte weiter, bis Lin Dschï-hsiaus Frau ausspuckte und schimpfte: „Dummes Gör! Wenn sie hinübergeht und mit ihrer Schwester spricht, ist doch alles gut. Wieso sollte man nur ihre Mutter laufen lassen, deine Mutter dagegen unbedingt schlagen?“ Mit diesen Worten stieg sie in ihren Wagen und fuhr davon.
 
Das kleine Mädchen ging dann wirklich zu seiner Schwester, und diese sprach mit der alten Fee. Die alte Fee war von Dame Hsing als Sklavenmädchen mit in die Ehe gebracht worden und hatte früher auch einiges gegolten. Aber weil Dame Hsing in der letzten Zeit bei der Herzoginmutter nicht mehr hoch im Kurs stand, hatte auch ihr gesamtes Gefolge an Macht eingebüßt, und jeder, der hier bei Djia Dschëng über ein bißchen Ansehen verfügte, belauerte die Leute aus Djia Schës Haushalt argwöhnisch wie ein Tiger.
 
Die alte Fee machte gern von den Vorrechten Gebrauch, die ihr auf Grund ihres Alters zustanden, nutzte die Machtstellung von Dame Hsing für sich aus, und wenn sie Wein getrunken hatte, pflegte sie wüst zu zanken, um sich Luft zu machen. Als sie jetzt bei so einem großartigen Anlaß wie dem Geburtstag der Herzoginmutter tatenlos zusehen mußte, wie andere bei der Erledigung von Sonderaufträgen ihren Witz und ihr Talent einzusetzen verstanden und ein großes Gewese darum machten, war sie schon längst verärgert, hatte andeutungsweise geschimpft und gescholten und mit haltlosen Behauptungen für Unruhe gesorgt. Doch in Djia Dschëngs Haushalt nahm niemand sie für voll.
 
Die Nachricht, daß die Schwiegermutter ihres Sohnes auf Befehl von Dschou Juees Frau in Fesseln gelegt worden sei, goß nun erst recht Öl ins Feuer, und mutig geworden durch den Wein, den sie genossen hatte, wies die alte Fee mit der Hand in Richtung der Trennmauer zwischen den beiden Gehöften und schimpfte dabei, was das Zeug hielt.
 
Dann ging sie zu Dame Hsing und sagte, die Schwiegermutter ihres Sohnes habe durchaus nichts verbrochen. „Nur ein müßiges kleines Wortgefecht mit einer Magd der jungen gnädigen Frau aus dem andern Anwesen hat sie gehabt“, beteuerte sie, „doch auf Betreiben von Dschou Juees Frau hat unsere eigene junge Herrin sie gefesselt in den Pferdestall sperren lassen, und nach dem Fest soll sie sogar geschlagen werden. Dabei ist sie eine Frau von weit über siebzig Jahren. Ich bitte Euch, gnädige Frau, sprecht mit der zweiten jungen Herrin, damit sie ihr dies eine Mal noch verzeiht!“
 
Schon nach der Schlappe, sie in der Sache mit Yüan-yang hatte einstecken müssen, mußte Dame Hsing erleben, wie sie von der Herzoginmutter immer kühler behandelt wurde, während Hsi-fëng ein höheres Ansehen genoß als sie. Und als jetzt die verwitwete Nebenfrau des vorigen Prinzen Nan-an dagewesen war und die Mädchen hatte sehen wollen, hatte die Herzoginmutter zwar Tan-tschun rufen lassen, aber Ying-tschun hatte sie behandelt, als wenn es sie gar nicht gäbe. Deshalb war Dame Hsing schon längst verärgert und mißmutig, ohne daß sie das auch nur hätte zeigen dürfen.
 
Außerdem war Dame Hsing von kleinen Leuten umgeben, die ihre Mißgunst und ihren Groll nicht zu äußern wagten und deshalb nur im Verborgenen Gerüchte in Umlauf setzten, Reibereien verursachten und bemüht waren, ihre Herrin aufzustacheln. Anfangs hatten sie sich nur über die Sklaven aus dem anderen Haushalt beklagt, dann waren sie allmählich auch über Hsi-fëng hergezogen. „Sie schmeichelt sich nur bei der alten gnädigen Frau ein, um Macht zu gewinnen und für ihr eigenes Glück zu sorgen“, sagten sie. „Der junge Herr Liän aber wird von ihr gegängelt, und die zweite gnädige Frau wird von ihr aufgehetzt, damit sie Euch als der eigentlichen gnädigen Frau den schuldigen Respekt verweigert.“
 
Zu guter Letzt hatten sie sich sogar an Dame Wang selbst herangewagt und behauptet: „Daß die alte gnädige Frau Euch nicht mag, liegt nur daran, daß sie von der zweiten gnädigen Frau und von der Frau des zweiten jungen Herrn gegen Euch scharfgemacht wird.“
 
Mochte Dame Hsing auch ein Herz aus Eisen und eine Galle aus Bronze haben, aber sie war und blieb doch eine Frau, und so waren ihre Gedanken unvermeidlich auch nicht ganz von Mißgunst frei. Darum war Hsi-fëng ihr in jüngster Zeit zutiefst verhaßt, und als sie jetzt von dem neuesten Vorfall erfuhr, fragte sie nicht viel danach, wer im Recht war und wer im Unrecht.
 
Als Dame Hsing am nächsten Morgen in aller Frühe hinüberging, um der Herzoginmutter ihren Gruß zu entbieten, war bereits die ganze Sippe versammelt und hatte Platz genommen, um die Theatervorführung zu sehen. Die Herzoginmutter war in bester Laune, und weil heute niemand von der entfernteren Verwandtschaft anwesend war, sondern nur die Kinder und Kindeskinder aus der eigenen Sippe, erschien sie in bequemer Kleidung und alltäglichem Schmuck, um in der Halle die Geburtstagsgrüße zu empfangen.
 
Mitten im Raum stand eine einzige Ruhebank, komplett mit Kissen, Polstern und Fußbank versehen. Darauf machte es sich die Herzoginmutter bequem.Rings um die Ruhebank standen gleichartige niedrige Schemel, auf denen die Mädchen Bau-tschai, Bau-tjin, Dai-yü, Hsiang-yün, Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun sie umgaben. Djia Biäns Mutter hatte auch ihre Tochter Hsi-luan mitgebracht, ebenso Djia Tjiungs Mutter ihre Tochter Sï-djiä, und weitere Großnichten der Herzoginmutter aus anderen Zweigen der Sippe waren ebenfalls da, insgesamt an die zwanzig Mädchen verschiedenen Alters.
 
Aber die Herzoginmutter fand nur an Hsi-luan und Sï-djiä Gefallen, die hübsch gewachsen waren und sich in Redeweise und Betragen von der Menge abhoben, weshalb sie den beiden befahl, näher zu kommen und sich bei ihr vor der Ruhebank zu setzen. Bau-yü aber saß mit auf der Ruhebank zu Füßen der Herzoginmutter und klopfte ihr die Beine.
 
Am Ehrentisch war Tante Hsüä plaziert, zu beiden Seiten aber saß die gesamte weibliche Verwandtschaft in der Reihenfolge der Familienzweige und Generationen. Außerhalb der Bambusvorhänge saßen im Säulengang beiderseits vor der Halle die männlichen Sippenangehörigen, ebenfalls nach der Rangfolge geordnet.
 
Zuerst entboten die weiblichen Gäste gruppenweise den zeremoniellen Gruß, dann erst die männlichen. Die Herzoginmutter lehnte derweilen lässig auf ihrer Ruhebank, und ehe sie durch jemand sagen ließ: „Ihr könnt auf die Zeremonie verzichten!“, hatten schon alle den Gruß vollzogen. Anschließend waren unter Lai Das Führung die Männer vom Gesinde an der Reihe, und sie knieten vom Zeremonialtor bis vor die Halle. Nachdem sie alle ihre Stirnaufschläge gemacht hatten, folgten die Sklavenfrauen, dann die Sklavenmädchen aus den einzelnen Wohngebäuden. Das Ganze dauerte genausolange, wie man braucht, um zwei, drei Portionen Reis zu essen.
 
Als nächstes wurden zahlreiche Käfige mit Vögeln gebracht, denen dann im Hof die Freiheit gegeben wurde. Und als Djia Schë mit seinen Helfern zusammen das Opfergeld für den Himmel, für die Erde und für den Stern der Langlebigkeit0 verbrannt hatte, begannen das Theaterspiel und das Weintrinken.
 
In ihre Räume zog sich die Herzoginmutter nicht vor Ende des Hauptteils der Vorführung zurück, um sich auszuruhen, wobei sie die anderen aufforderte, es sich bequem zu machen. Außerdem beauftragte sie Hsi-fëng, sie solle Hsi-luan und Sï-djiä für ein paar Tage dabehalten, ehe sie wieder nach Hause zurückkehrten. Also ging Hsi-fëng hinaus, um mit den Müttern der beiden zu sprechen, und da diese stets nur Wohltaten von ihr empfangen hatten, bedurfte es kaum eines Wortes. Auch die beiden Mädchen waren gern damit einverstanden, sich im Garten zu vergnügen, und so gingen sie zur Nacht nicht mit fort.
 
Als die Gesellschaft am Abend auseinanderging, trat Dame Hsing vor aller Augen mit lächelnder Miene an Hsi-fëng heran und sagte: „Wie ich gehört habe, hast du dich gestern abend geärgert und hast die Frau des Verwalters Dschou losgeschickt, um zwei alte Frauen in Fesseln legen zu lassen, weil sie irgend etwas verbrochen haben.
 
Eigentlich dürfte ich natürlich nicht für sie bitten, aber ich sage mir, heute hat die alte gnädige Frau ihren Ehrentag, und an einem solchen Tag pflegt jeder, selbst wenn er sonst böse ist, Geld und Reis zu verteilen, um den Armen und Alten zu helfen, bei uns dagegen fängt man an, die Leute zu quälen. Nicht um meinetwillen, aber um der alten gnädigen Frau willen laß die beiden laufen!“ Nachdem sie das gesagt hatte, stieg sie in ihren Wagen und fuhr davon.
 
Als Hsi-fëng diese Worte anhören mußte, noch dazu in Gegenwart so vieler Zeugen, wußte sie im ersten Moment vor Scham und Zorn nicht, was sie tun sollte. Blau angelaufen vor unterdrückter Wut, wandte sie den Kopf nach Lai Das Frau und sagte mit lächelnder Miene: „Was heißt denn das? Weil sich gestern welche von unsern Leuten gegen meine Schwägerin aus dem andern Anwesen vergangen haben und ich Angst hatte, sie könnte das übelnehmen, habe ich es einfach ihr überlassen, die beiden auf freien Fuß zu setzen, denn sie hatten sich ja nicht gegen mich vergangen. Wer hat denn da wieder einmal so einen flinken Zuträger gehabt?“
 
Jetzt wollte Dame Wang wissen, worum es ging, und lächelnd berichtete Hsi-fëng über den Vorfall vom vergangenen Tag.
 
„Davon habe ja nicht einmal ich etwas gewußt“, erklärte Frau You staunend und lächelte ebenfalls. „Du bist wirklich zu weit gegangen.“
 
„Da es um deine Ehre ging, wollte ich, daß du ihnen eine Belehrung erteilst. Das ist nicht mehr, als die Etikette verlangt“, verteidigte sich Hsi-fëng. „Wenn umgekehrt ich bei euch drüben beleidigt werde, wirst du mir ja den Schuldigen ebenfalls ausliefern, um mir Genugtuung zu geben. Diese Form darf schließlich nicht verletzt werden, egal um was für einen guten Sklaven es sich handelt. Wer weiß, wer da wieder hinübergelaufen ist, um seinen Diensteifer zu beweisen, und jetzt wird eine Staatsaffäre daraus gemacht.“
 
„Aber deine Schwiegermutter hat recht“, sagte Dame Wang. „Und schließlich ist auch die Frau deines Vetters Dschën keine Fremde, so daß diese leeren Förmlichkeiten nicht nötig sind.
 
  
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Revision as of 13:46, 12 April 2026

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Kapitel 70

林黛玉重建桃花社 / 史湘雲偶填柳絮詞

Lin Daiyu gruendet die Pfirsichblueten-Dichtgesellschaft neu; Shi Xiangyun dichtet zufaellig ein Weidenkätzchen-Lied

Durch Lin Dai-yü wird der Pfirsichblütenbund neu begründet,von Schï Hsiang-yün wird gelegentlich ein Weidenflockengedicht verfaßt.

Djia Liän hielt also im Birnendufthof sieben Tage und sieben Nächte die Totenwache, und jeden Tag lasen buddhistische und dauistische Mönche ununterbrochen Totenmessen. Unterdes ließ die Herzoginmutter Djia Liän zu sich rufen und verbot ihm, die Tote in den Familientempel überzuführen. So blieb ihm nichts weiter übrig, als noch einmal mit Schï-djüä zu sprechen und zu Häupten des Grabes der dritten Schwester You einen Platz bezeichnen zu lassen, um hier ein Grab für die zweite Schwester You anzulegen. Als sie dort beigesetzt wurde, waren außer den Sippenangehörigen nur Wang Hsin mit seiner Frau und Frau You mit ihrer Schwiegertochter anwesend. Hsi-fëng aber kümmerte sich nicht im geringsten darum und ließ Djia Liän alles allein machen. Inzwischen näherte sich das Jahresende, und zusätzlich zu allen übrigen Dingen, die es zu erledigen gab, erschien Lin Dschï-hsiau mit einer Liste, auf der die Namen von acht ledigen Sklavenburschen standen, die das fünfundzwanzigste Lebensjahr vollendet hatten und nun eine Frau bekommen mußten, die man seiner Meinung nach gut unter jenen Sklavenmädchen aus den inneren Gemächern auswählen konnte, die ebenfalls das Heiratsalter erreicht hatten. Hsi-fëng sah die Liste durch und fragte dann zuerst die Herzoginmutter und Dame Wang um Rat. Dabei ergab sich, daß wohl einige Sklavenmädchen da waren, die eigentlich verheiratet werden mußten, daß es aber bei jeder einen Hinderungsgrund gab. Die erste war Yüan-yang, die geschworen hatte, nicht fortzugehen, und seit jenem Tag kein Wort mehr mit Bau-yü gesprochen hatte und sich auch nicht mehr prächtig gekleidet und üppig geschmückt hatte, so daß man sie schlecht zwingen konnte. Die zweite war Hu-po, die jedoch nicht gesund war und deshalb diesmal nicht in Frage kam. Auch Tsai-yün litt, seitdem sie sich vor kurzem mit Djia Huan überworfen hatte, an einer unheilbaren Krankheit. So mußten jetzt nur solche Sklavenmädchen aus dem Dienst entlassen werden, die bei Hsi-fëng beziehungsweise Li Wan grobe Arbeiten verrichteten, alle anderen waren noch zu jung, und deshalb wurde entschieden, die Sklavenburschen sollten sich ihre Bräute außerhalb des Anwesens selber suchen. Da Hsi-fëng die ganze Zeit über krank gewesen war und Li Wan und Tan-tschun, die solange das Hauswesen führen mußten, keinen Augenblick mehr frei gehabt hatten, zum anderen aber auch wegen der vielen Verpflichtungen, die die Jahreswende und die Feiertage mit sich brachten, war der Dichterbund vollkommen eingeschlafen. Als jetzt der Frühling kam, war zwar wieder Zeit, aber in stetiger Folge war erst Liu Hsiang-liän ohne Abschied verschwunden, hatte sich nachher die dritte Schwester You die Kehle durchgeschnitten, hatte sich die zweite Schwester You mit Gold umgebracht, und Wu-örl schließlich war vor Kummer krank geworden. Müßiger Kummer und törichter Zorn hatten Bau-yü stets von neuem befallen, noch ehe sie abgeklungen waren, und so hatte er das Aussehen eines Geistesgestörten angenommen, und seine Reden waren häufig wirr, ganz als ob er an einer manischen Krankheit litte. Darüber waren Hsi-jën und die anderen so bestürzt, daß sie sich nicht trauten, der Herzoginmutter davon Meldung zu machen, und sich nur mit allen Mitteln bemühten, Bau-yü aufzuheitern. Eines Tages, als Bau-yü früh am Morgen erwacht war, hörte er aus dem Vorraum ein nicht enden wollendes Gegacker und Gekicher, und Hsi-jën forderte ihn lächelnd auf: „Geh schnell hinaus und schaff Frieden! Tjing-wën und Schë-yüä halten Venturina fest und kitzeln sie ab.“ Als Bau-yü sich rasch eine Jacke mit Fehfutter umgehängt hatte und hinausging, entdeckte er dort, daß die drei noch nicht ihr Bettzeug zusammengelegt und sich auch noch nicht angezogen hatten. Tjing-wën, die nur mit einer halblangen Jacke aus lauchgelber Pu-yüan-Seide[1] sowie einer roten Hose und roten Bettschuhen bekleidet war und der das Haar offen um die Schultern hing, saß im Reitersitz auf Hsiung-nus Körper. Schë-yüä, die ein Brusttuch aus dünner roter Seide trug und darüber nur ein abgetragenes langes Gewand, das sie sich lose um die Schultern gelegt hatte, kitzelte Hsiung-nu in den Achselhöhlen. Hsiung-nu aber lag rücklings auf dem Ofenbett, sie hatte eine enganliegende Jacke mit Streublumenmuster, rote Hosen und grüne Strümpfe an, strampelte wie wild mit den Beinen und bekam vor Lachen kaum noch Luft. „Zwei Große bedrängen eine Kleine“, sagte Bau-yü lächelnd, während er schnell näher trat. „Paßt auf, wenn ich ihr helfe!“ Mit diesen Worten stieg er ebenfalls auf das Ofenbett und begann, Tjing-wën zu kitzeln. Das brachte sie so zum Lachen, daß sie sogleich von Hsiung-nu abließ, um auf Bau-yü loszugehen. Diese Gelegenheit aber machte sich Hsiung-nu zunutze, warf Tjing-wën nieder und kitzelte sie nun ihrerseits unter den Armen. „Gebt acht, daß ihr euch nicht verkühlt!“ mahnte Hsi-jën, die amüsiert nach dem Knäuel aus vier ineinander verstrickten Leibern sah. Plötzlich aber erschien Bi-yüä, um im Auftrag von Li Wan zu fragen: „Habt ihr vielleicht ein Taschentuch gefunden, das meine junge Herrin gestern Abend hier vergessen hat?“ „Es ist da, es ist da“, sagte Hsiau-yän eifrig, „ich habe es vom Fußboden aufgehoben, ohne zu wissen, wem es gehört. Vorhin erst habe ich es gewaschen und zum Trocknen hinausgehängt. Es ist noch feucht.“ „Hier geht es ja hoch her“, sagte Bi-yüä schmunzelnd und schaute nach den vieren, die sich auf dem Ofenbett wälzten. „Schon am frühen Morgen, kaum daß ihr aufgestanden seid, kabbelt ihr euch mit Hihi und Haha.“ „Warum macht ihr denn das nicht?“ fragte Bau-yü lächelnd. „Ihr seid doch auch nicht wenig.“ „Unsere junge Herrin tollt nicht herum“, erwiderte Bi-yüä. „Und ihre beiden Kusinen und Fräulein Bau-tjin hat sie auch zur Räson gebracht. Jetzt ist Fräulein Bau-tjin wieder zur alten gnädigen Frau gezogen, dadurch ist es noch ruhiger geworden. Wenn die beiden Kusinen der jungen Herrin in diesem Jahr verlobt werden und noch vor dem nächsten Winter das Haus verlassen, wird es ganz und gar still werden. Sieh dir doch an, um wieviel eintöniger es bei Fräulein Bau-tschai geworden ist, seitdem Hsiang-ling wieder ausgezogen ist und Fräulein Hsiang-yün dort allein gelassen hat.“ Während sie das eben sagte, kam in Hsiang-yüns Auftrag Tsuee-lü herein, um auszurichten: „Der junge Herr wird gebeten, rasch zu kommen, um sich ein gutes Gedicht anzusehen.“ „Was für ein gutes Gedicht ist das?“ wollte Bau-yü sofort wissen. „Die Fräulein sind alle im Duftgetränkten Pavillon“, berichtete Tsuee-lü lächelnd. „Geh hin, und du wirst es erfahren.“ Nachdem Bau-yü sich schnell frisiert und gewaschen hatte, ging er hinüber und fand Dai-yü, Bau-tschai, Hsiang-yün, Bau-tjin und Tan-tschun wirklich alle dort versammelt. In den Händen hielten sie ein Blatt mit einem Gedicht, das sie lasen. Als sie Bau-yü sahen, begrüßten sie ihn lächelnd: „Bist du endlich aufgestanden? Unser Dichterbund ist ein ganzes Jahr lang nicht zusammengetreten, und niemand hat ihm aufgeholfen. Jetzt ist Frühling, und alles regt sich zu neuem Leben, darum sollten wir auch den Dichterbund wieder aufleben lassen. Das wäre gut.“ „Es war Herbst, als wir den Bund zuerst gegründet haben, darum konnte er gar nicht zur Blüte kommen“, ergänzte Hsiang-yün mit lächelnder Miene. „Jetzt dagegen ist alles auf Frühling, Wachsen und Werden eingestellt. Außerdem ist dieses Pfirsichblütengedicht so gut, daß wir den Begonienbund in einen Pfirsichblütenbund umwandeln sollten!“ „Ausgezeichnet!“ lobte Bau-yü kopfnickend und verlangte sofort, er wolle das Gedicht lesen. Aber die anderen sagten: „Gehen wir die Alte Reisduftbäuerin besuchen und beratschlagen dort, wie wir den Bund am besten wieder in Gang bringen können!“ Alle standen auf und machten sich auf den Weg zum Reisduftdorf. Im Gehen las Bau-yü, was auf dem Blatt stand: „Ein Pfirsichblütenlied

 Jenseits des Vorhangs schaukeln Blüten im Wind,
 diesseits des Vorhangs kämm ich träge mein Haar.
 Draußen sind Blüten, hier im Zimmer bin ich,
 wenig nur trennt uns, rote Blüten und Mensch.
 Der Wind strengt sich an, mein Fenster zu öffnen,
 die Blüten versuchen, durch den Vorhang zu spähn.
 Draußen die Blüten stehen üppig in Pracht,
 ich hier im Zimmer welke schmächtig dahin.
 Spüren sie Mitleid, so bedauern sie mich,
 der Wind trägt zu mir ihre Grüße herein.
 Windhauch durchs Fenster, voller Blüten der Hof,
 ein lenzliches Bild, doch es steigert mein Weh.
 Verlassen der Hof, niemand öffnet das Tor,
 einsam aufs Gatter steh ich abends gelehnt.
 Aufs Gatter gelehnt, wein im Abendwind ich,
 rot leuchtet mein Rock, wo die Bäume rot blühn.
 Blüten und Blätter miteinander vermischt,
 frischrot die Blüten, grün wie Jade das Laub.
 Tausender Stämme rotes Nebelgewölk,
 Häuser und Mauern sind in Gluthauch gehüllt.
 Rot brennt der Decke feiner Seidenbrokat,
 ich find keinen Schlaf auf des Kissens Korall.
 Schon bringt mir die Magd frisches Wasser herein,
 kalt auf den Wangen brennt das duftige Naß.
 Wie ist so brandrot auf den Wangen das Rouge,
 rot wie die Blüten sind die Tränen gefärbt.
 Glutroten Blüten meine Tränen sind gleich,
 fließen stets weiter, wenn die Blüten noch blühn.
 Schnell sind sie gestillt, schau die Blüten ich an,
 Tränen versiegen, frisches Blühen vergeht.
 Welkende Blüten mein Welken verbergen,
 die Blüten fallen, und so müde bin ich.
 Mit dem Kuckucksruf sagt der Frühling ade,
 aufs stille Fenster wirft der Mond bleichen Schein.“

Als Bau-yü zu Ende gelesen hatte, begann er zu weinen, anstatt das Gedicht zu loben, denn er fühlte, daß Dai-yü es verfaßt haben mußte, und das trieb ihm die Tränen in die Augen. Aber weil er Angst hatte, die anderen könnten etwas bemerken, wischte er sich die Tränen rasch selber ab und fragte: „Wie seid ihr zu dem Gedicht gekommen?“ „Rate mal, von wem es ist!“ forderte Bau-tjin ihn lächelnd auf. „Es ist natürlich ein Manuskript der Kaiserfrau vom Hsiau-hsiang-Fluß“, antwortete Bau-yü und lächelte ebenfalls. „Nein, ich habe es geschrieben“, behauptete Bau-tjin lächelnd. „Das glaube ich nicht“, gab Bau-yü, immer noch lächelnd, zurück. „Nach Tonfall und Ausdrucksweise entspricht es so gar nicht dem Stil der Edlen von Haselwurz, darum glaube ich dir nicht.“ „Da sieht man, daß du keine Ahnung hast“, mischte Bau-tschai sich lächelnd ein. „Als ob Du Fu in jenem Gedicht nur geschrieben hätte ‚Zweifach die Chrysanthemen blühn, weinend um andere Tage.‘ Dabei gibt es doch bei ihm auch herrliche Zeilen wie diese: ‚Üppig und rot macht der Regen die Aprikosen.‘ Oder auch diese: ‚In grünen Bändern treibt der Wind Wasserflott über den Teich.‘“ „Das stimmt schon“, sagte Bau-yü lächelnd. „Aber ich weiß, daß du deiner Kusine nie gestatten würdest, solche traurigen Zeilen zu dichten. Und obwohl sie durchaus das Talent dazu hat, würde sie so auch gar nicht schreiben wollen. Ganz etwas anderes ist es mit Kusine Dai-yü. Sie hat Kummer erlebt und dichtet in so traurigen Tönen.“ Alle lachten über seine Worte, aber schon waren sie im Reisduftdorf angelangt, wo sie das Gedicht Li Wan zeigten, die natürlich kein Ende fand mit ihrem Lob. Dann begannen sie, über den Dichterbund zu beraten, und legten fest, am nächsten Tag, dem zweiten des dritten Monats, solle der Bund seine Arbeit aufnehmen, und er solle von Begonienbund in Pfirsichblütenbund umbenannt sein. Die Leitung sollte diesmal Dai-yü haben. Am nächsten Tag versammelten sie sich nach dem Frühstück in der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß und wollten ihr erstes Thema festlegen. „Jeder schreibt ein Pfirsichblütengedicht mit hundert Reimen!“ sagte Dai-yü. „Das ist nichts!“ wandte Bau-tschai ein. „Pfirsichblütengedichte gibt es seit alters her besonders viel. Wenn wir wirklich welche schreiben wollten, würden wir in Schablonen verfallen, und mit deinem Gedicht im alten Stil wären sie doch nicht zu vergleichen. Wir müssen uns etwas anderes ausdenken!“ Kaum hatte sie das gesagt, wurde gemeldet: „Die gnädige Frau Tante ist da. Die Fräulein möchten kommen, um ihr ihren Gruß zu entbieten.“ Also gingen alle hinüber, begrüßten Wang Dsï-tëngs Frau und plauderten mit ihr. Nach dem Essen begleiteten sie sie in den Garten und führten sie überall herum. Erst nach dem Abendessen, als schon die Lampen brannten, fuhr sie wieder fort. Der nächste Tag war Tan-tschuns Geburtstag, und schon am Morgen schickte Yüan-tschun zwei junge Eunuchen, die ihr einige Spielsachen überbrachten. Daß auch die ganze Familie ihr Geschenke machte, versteht sich von selbst. Nach dem Essen kleidete sich Tan-tschun in ihre Zeremonialgewänder und ging überall ihren offiziellen Gruß entbieten. Lächelnd sagte jetzt Dai-yü zu den anderen: „Wieder habe ich den Bund nicht im richtigen Augenblick einberufen! Ich hatte ganz vergessen, daß in diesen Tagen ihr Geburtstag gefeiert wird. Wenn es auch keine Weintafel und keine Theatervorführung gibt, müssen wir ihr zumindest Gesellschaft leisten und den Tag mit der alten gnädigen Frau verplaudern, so daß uns wieder keine Zeit bleibt.“ Daraufhin wurde das Treffen des Dichterbundes auf den fünften verschoben. Doch als an diesem Tag die Mädchen noch wartend dabeistanden, während die Herzoginmutter ihr Frühstück einnahm, traf eben ein Brief von Djia Dschëng ein. Bau-yü entbot seinen Gruß, öffnete das Schreiben an die Herzoginmutter und las es ihr vor. Aber es standen nur Grußworte darin und die Ankündigung, Djia Dschëng werde im sechsten Monat wieder in der Hauptstadt sein. Ein weiteres Schreiben, das an die Familie gerichtet war, wurde von Djia Liän und Dame Wang aufgemacht und gelesen. Alle waren unendlich froh darüber, daß Djia Dschëng im sechsten oder siebenten Monat wieder zu Hause sein würde. Ausgerechnet in diesen Tagen war eine Tochter von Wang Dsï-tëng mit einem Sohn des Fürsten Bau-ning verlobt worden, und der zehnte Tag des fünften Monats war für die Hochzeit ausgewählt worden. Hsi-fëng war eifrig mit Vorbereitungen beschäftigt, und so war sie häufig drei bis fünf Tage nicht zu Hause. Auch heute kam Wang Dsï-tëngs Frau, um Hsi-fëng abzuholen, und lud zugleich ihre Neffen und Nichten ein, den Tag in fröhlicher Muße bei ihr zu verbringen. Die Herzoginmutter und Dame Wang entschieden, Bau-yü, Tan-tschun, Dai-yü und Bau-tschai sollten Hsi-fëng zu viert begleiten, und da sie nicht wagten, ungehorsam zu sein, mußten sie in ihre Räume zurückkehren, um sich umzuziehen. Dann verabschiedeten sich alle fünf und blieben den Tag über fort. Erst als die Lampen schon brannnten, kamen sie zurück. Als Bau-yü wieder im Hof der Freude am Roten war und sich einen Moment ausruhte, nahm Hsi-jën die Gelegenheit wahr, um ihm zu raten, er solle sich zusammennehmen und, wenn er frei sei, seine Bücher ordnen, um vorbereitet zu sein. Bau-yü zählte die verbleibende Zeit an den Fingern ab, dann erwiderte er: „Es ist doch noch früh.“ „Die Bücher sind das eine“, hielt Hsi-jën ihm vor, „und die Schreibübungen sind das andere. Mit den Büchern magst du bis dahin zurechtkommen, aber wann willst du deine Schreibübungen machen?“ „Ich habe doch immer eine ganze Menge geschrieben“, erklärte Bau-yü lächelnd. „Hast du das nicht aufgehoben?“ „Natürlich habe ich es aufgehoben“, gab Hsi-jën zurück. „Als du gestern nicht hier warst, habe ich alles hervorgeholt und zusammengezählt. Es sind nur an die fünfzig, sechzig Texte. Du kannst doch in mehr als drei Jahren nicht bloß diese paar Blätter geschrieben haben. Wenn du mich fragst, solltest du ab morgen alles andere sein lassen und rasch jeden Tag ein paar Blätter schreiben, um das Versäumte nachzuholen. Wenn du auch nicht für jeden Tag etwas vorzuweisen hast, könntest du damit ungefähr durchkommen.“ Sofort sah sich Bau-yü das Geschriebene selber an, und da er sich damit wirklich nicht durchschwindeln konnte, versprach er: „Von morgen an schreibe ich mindestens hundert Schriftzeichen pro Tag.“ Nach diesen Worten legten sich alle schlafen. Kaum daß Bau-yü am nächsten Morgen aufgestanden war und sich gekämmt und gewaschen hatte, rieb er sich dicht am Fenster Tusche an und begann, Normalschrift zu schreiben und Schreibvorlagen zu kopieren. Die Herzoginmutter, die ihn vermißte, nahm an, er müsse krank geworden sein, und schickte schnell jemanden, um nachzufragen. Jetzt erst ging Bau-yü hinüber, um seine Grüße zu entbieten, und erklärte, daß er Schreibübungen mache. Dafür wolle er den frühen Morgen gleich nach dem Aufstehen nutzen, und sich dann erst anderen Dingen zuwenden. Deshalb sei er zu spät gekommen. Als die Herzoginmutter das hörte, war sie sehr zufrieden und ordnete an: „Schreib und lies nur! Dann brauchst du auch nicht herüberzukommen. Geh und melde das der gnädigen Frau, damit sie Bescheid weiß!“ Sofort ging Bau-yü zu Dame Wang und sagte es ihr. Aber Dame Wang erwiderte darauf: „Die Lanze zu schleifen, wenn es schon in die Schlacht geht, ist auch nicht das Richtige. Selbst wenn du jetzt in aller Eile jeden Tag schreibst und liest, wirst du kaum alles schaffen. Eine Krankheit wirst du dir holen vor lauter Aufregung!“ Aber Bau-yü versicherte ihr, sie brauche sich keine Sorgen zu machen. Auch die Herzoginmutter äußerte die Befürchtung, Bau-yü könne sich überanstrengen, worauf Tan-tschun und Bau-tschai sagten: „Ihr braucht Euch nicht zu beunruhigen, alte gnädige Frau! Für ihn lesen können wir nicht, aber schreiben können wir für ihn. Jede von uns wird jeden Tag einen Text für ihn abschreiben, um ihm über diese Klippe hinwegzuhelfen. Dann wird zum einen der gnädige Herr nicht zürnen, wenn er nach Hause kommt, und zum anderen wird sich Bau-yü nicht überanstrengen.“ Die Freude der Herzoginmutter über diese Worte fand kein Ende. Als Dai-yü erfuhr, Djia Dschëng werde nach Hause kommen, hatte sie sich gesagt, er werde Bau-yü unbedingt nach seinen Lernergebnissen fragen, und so zersplittert, wie sich Bau-yü betätigte, werde er dann wohl einiges einstecken müssen. Darum tat sie einfach so, als ob sie die Lust verloren hätte, und rief den Dichterbund nicht zusammen. Genausowenig lenkte sie Bau-yü mit anderen Dingen ab. Tan-tschun und Bau-tschai kopierten jeden Tag einen Text in Normalschriftzeichen für Bau-yü, und auch er selbst arbeitete mehr, als er sich vorgenommen hatte, und schrieb täglich zwei- bis dreihundert Schriftzeichen. So hatte sich bis zum Ende des dritten Monats bereits eine beachtliche Menge angesammelt, und Bau-yü sagte sich eben, wenn er noch weitere fünfzig Texte zusammenbekäme, dann könnte er sich schon durchmogeln, als plötzlich und unerwartet Dsï-djüan bei ihm erschien und ihm eine Rolle übergab. Als er sie aufmachte, waren es lauter Bogen aus Bambuspapier mit winzig kleinen Schriftzeichen in der Manier des Dschung You und des Wang Hsi-dschï[2] darauf, und die Schriftform war ganz wie seine eigene. Überglücklich verbeugte sich Bau-yü mit zusammengelegten Händen vor Dsï-djüan und ging sich auch noch persönlich bedanken. Hsiang-yün und Bau-tjin schickten ihm ebenfalls ein paar Texte, die sie für ihn abgeschrieben hatten, und alles zusammen reichte zwar nicht aus, um das Soll zu erfüllen, aber doch, um damit durchzukommen. Also war Bau-yü beruhigt und ging nun noch ein paarmal die Bücher durch, die er hatte lesen müssen. Während Bau-yü so Tag für Tag fleißig arbeitete, wurde auf einmal das Küstengebiet von einer Flutwelle betroffen, die in mehreren Orten Menschenleben vernichtete. Durch die Berichte der Lokalbeamten davon informiert, befahl der Kaiser in einem Erlaß, Djia Dschëng solle auf der Heimreise genaue Angaben darüber sammeln und Hilfsmaßnahmen einleiten. Das bedeutete, daß er erst gegen Ende des Winters zurück sein konnte. Als Bau-yü davon erfuhr, legte er Bücher und Schreibübungen wieder beiseite und gab sich von neuem dem Müßiggang hin. Mittlerweile ging der Frühling zu Ende, und als Hsiang-yün in ihrer Langeweile die Weidenflocken durch die Luft treiben sah, dachte sie sich ein kleines tsï-Gedicht nach dem Tonmuster „Wie ein Traum“ aus, das folgendermaßen lautete: „Sind das Seidenfadenfusseln,

 ist‘s ein Vorhang, duftgetränkt?
 Zarte Hände woll‘n es fassen,
 Kuckuck, Schwalbe zürnen drum.
 Haltet ein, haltet ein!
 Nehmt den Frühling nicht mit fort!“

Zufrieden mit ihrem Werk, schrieb sie es auf einen Streifen Papier und zeigte es Bau-tschai. Anschließend suchte sie auch Dai-yü damit auf. Nachdem Dai-yü die Verse gelesen hatte, sagte sie lächelnd: „Das ist dir gut gelungen. Neuartig und interessant ist es auch. Ich könnte das nicht.“ Darauf erwiderte Hsiang-yün, ebenfalls lächelnd: „Sooft unser Dichterbund getagt hat, haben wir nie tsï-Gedichte verfaßt. Willst du nicht den Bund für morgen zusammenrufen und tsï-Gedichte zur Aufgabe machen? Es wäre doch eine Abwechslung, wenn wir einmal eine andere Manier wählen würden.“ „Du hast ganz recht!“ lobte Dai-yü in spontaner Begeisterung. „Ich werde die andern gleich einladen!“ Anschließend gab sie den Befehl, allerlei Naschwerk vorzubereiten, zum anderen schickte sie Botinnen aus, um jeden einzeln einzuladen. Inzwischen einigte sie sich mit Hsiang-yün auf das Thema „Weidenflocken“ und legte mit ihr zusammen einige Tonmuster fest, die sie aufschrieben und an die Wand hefteten. Am nächsten Tag kamen dann alle und sahen, das Thema war „Weidenflocken“, und dafür vorgeschrieben waren die verschiedensten kurzen Tonmuster. Als sie gelesen hatten, was Hsiang-yün verfaßt hatte, sparten sie nicht mit Lob. Bau-yü aber brachte lächelnd vor: „Auf dem Gebiet der tsï-Dichtung leisten wir nur Alltägliches, bestimmt wird es ein schöner Blödsinn werden, den wir zusammenschreiben.“ Anschließend losten sie die Tonmuster aus. Bau-tschai zog „Der Unsterbliche von Lin-djiang“, Bau-tjin „Mond überm Westfluß“, Tan-tschun „Baron von Süd-Ast“, Dai-yü „Vielfach zu Zeiten der Tang“, und Bau-yü schließlich „Die Schmetterlinge lieben die Blüten“. Dsï-djüan zündete ein Stäbchen „Traumsüße“-Weihrauch an, und alle begannen zu grübeln. Schon bald darauf hatte Dai-yü ihre Verse beisammen und schrieb sie nieder. Dann waren auch Bau-tjin und Bau-tschai soweit. Als sie einander ihre Gedichte zeigten, verlangte Bau-tschai lächelnd: „Meins dürft ihr erst lesen, nachdem ich zuvor eure gesehen habe!“ „O weh!“ sagte inzwischen Tan-tschun, „warum verbrennt der Weihrauch heute so schnell? Schon sind nur noch drei Zehntel davon übrig, und ich habe mein Gedicht erst zur Hälfte fertig.“ Dann wollte sie von Bau-yü wissen, ob er seines schon fertig habe. Bau-yü hatte zwar einiges geschrieben, aber weil es ihm nicht gefiel, hatte er es wieder durchgestrichen, um noch einmal von vorn zu beginnen. Doch als er sich nach dem Weihrauchstäbchen umsah, war es schon kurz vor dem Verlöschen. „Das heißt verspielt!“ sagte Li Wan lächelnd zu ihm, dann forderte sie Tan-tschun auf: „Schreib deine fertige Hälfte auf, Gast unter Bananen!“ Rasch schrieb Tan-tschun die Verse nieder, und als sich die anderen das Blatt ansahen, stand wirklich nur ein halber „Baron von Süd-Ast“ darauf: „Unnütz die zahllosen Schnüre,

zwecklos das dichte Gezweig,
das kann die Flocken nicht halten,
sie wirbeln ziellos davon.“

„Aber das schreibt sich doch leicht“, sagte Li Wan lächelnd. „Warum hast du es nicht fortgesetzt?“ Als Bau-yü sah, daß das Weihrauchstäbchen schon erloschen war, wollte er sich lieber geschlagen geben als versuchen, die Aufgabe mit Gewalt doch noch zu erfüllen, darum legte er den Schreibpinsel nieder und sah sich ebenfalls das Gedicht an, das Tan-tschun geschrieben hatte. Als er bemerkte, daß es unvollendet geblieben war, erwachte sein Interesse, und einer plötzlichen Eingebung folgend, griff er wieder zum Pinsel und schrieb die Fortsetzung: „Gräm dich nicht, wenn wir verfliegen,

  wir kennen ja unsere Zeit.
  Geht der Frühling schon zu Ende,
 kehrn wir wieder nächstes Jahr.“

Lächelnd bemerkten die anderen dazu: „Was eigentlich deine Aufgabe war, hast du nicht gekonnt, und hierauf mußtest du kommen! Aber es wird dir nicht angerechnet, auch wenn es gut ist.“ Dann lasen sie Dai-yüs „Vielfach zu Zeiten der Tang“: „Puderrest von der Blumeninsel,

 Düftespur aus dem Schwalbenturmhaus,
 von der Luft nur geballt zu Kugeln,
 leicht zerstört wie das menschliche Glück.
 Vergeblich die zarte Verstrickung,
 zu verderben bestimmt ist die Pracht.
 Empfinden auch Bäume mit Wehmut,
 wie das Alter die Haare bereift?
 Was niemand bereit ist zu halten,
 treibt davon, mit dem Ostwind vermählt.
 Drum fort auf dem Weg ohne Umkehr,
 meine Tränen, sie hindern es nicht.“

Nach der Lektüre nickten alle und seufzten ergriffen, ehe sie sagten: „Das ist zu traurig geschrieben, aber gut ist es!“ Anschließend lasen sie Bau-tjins „Mond überm Westfluß“: „Spärlich im Han-Park standen die Weiden,

 reichlich bepflanzt war der Suee-Deich damit.
 Des Frühlings Schöpfung verweht mit dem Wind,
 ein Mondnachtblütentraum, mehr war sie nicht.
 Jeder Hof ist mit Blüten beschüttet,
 und alle Fenster sind duftig beschneit.
 Ob Nord oder Süd, das Bild ist sich gleich,
 und dennoch – die Trennung tut weh, so weh.“

Dann erklärten sie lächelnd: „Das ist kraftvoll geschrieben. Besonders gut sind die beiden Zeilen mit ‚jeder Hof‘ und ‚alle Fenster‘.“ Bau-tschai jedoch wandte ein: „Aber letzten Endes ist es natürlich zu kopfhängerisch. Für meine Begriffe sind Weidenflocken etwas Leichtes, das weder Wurzel noch Bindung hat, und das muß man von der positiven Seite her sehen, um nicht in Schablonen zu verfallen. So jedenfalls habe ich mein Gedicht zusammenphantasiert. Aber euch wird es kaum gefallen.“ „Nur keine falsche Bescheidenheit!“ sagten die anderen daraufhin lächelnd. „Wir werden es zu genießen und zu würdigen wissen, bestimmt ist es gut!“ Und sie lasen den „Unsterblichen von Lin-djiang“, der lautete: „Frühlingstanz vor Jadehallen,

 wo Biene schwärmt und Schmetterling.
 Der Ostwind bläst dazu den Takt.“

„Das ist gut!“ lobte Hsiang-yün. „Und die Zeile ‚Der Ostwind bläst dazu den Takt‘ ist besser als jede andere in den übrigen Gedichten.“ Dann lasen sie weiter: „Was heißt, sie stürben im Wasser

 und seien bestimmt für den Staub?
 Tausend Fäden, tausend Strähnen,
 so leicht getrennt wie leicht vereint.
 Scheltet sie nicht ungebunden!
 Ein günstiger Wind leiht seine Kraft
 Und trägt sie hoch in die Wolken.“

Alle schlugen auf den Tisch und schrien vor Begeisterung, ehe sie sagten: „Du hast wirklich viel Kraft hineingelegt, und natürlich ist dein Gedicht das beste von allen. Trauriger und ergreifender ist das der Kaiserfrau vom Hsiau-hsiang-Fluß, gemütvoller und lieblicher das des Freundes, der sich aufs Abendrot bettet. Bau-tjin und der Gast unter Bananen sind diesmal durchgefallen und müssen bestraft werden.“ „Das müssen wir natürlich“, räumte Bau-tjin lächelnd ein, „aber wie wird erst der bestraft, der ein leeres Blatt abgegeben hat?“ „Nur nicht so hastig!“ wurde sie von Li Wan ermahnt. „Er wird auf jeden Fall streng bestraft, damit er fürs nächste Mal gewarnt ist!“ Das hatte sie kaum gesagt, als draußen etwas krachend in die Bambuswipfel stürzte. Es hörte sich an, als ob der Fensterflügel in einem Schiebefenster heruntergefallen wäre. Jedermann fuhr erschrocken zusammen, und die Sklavenmädchen liefen hinaus, um nachzusehen. Dann hörte man, wie eine von ihnen rief: „Ein großer Drachen in Schmetterlingsform hängt oben im Bambus.“ „So ein schöner Drachen!“ ließen sich auch die anderen Sklavenmädchen vernehmen. „Wer weiß, in wessen Familie man ihn hat steigen lassen, und dann ist die Schnur gerissen. Holen wir ihn herunter!“ Als Bau-yü und die anderen das hörten, gingen sie ebenfalls hinaus, um sich den Drachen anzusehen, und Bau-yü verkündete lächelnd: „Ich kenne diesen Drachen. Den hat Djiau-hung aus dem Gehöft des alten gnädigen Herrn steigen lassen. Holt ihn herunter und tragt ihn zu ihr hinüber!“ „Gibt es vielleicht in der ganzen Welt keine zwei Drachen, die genauso aussehen, und nur sie hatte solchen?“ fragte Dsï-djüan lächelnd. „Ich werde mich nicht darum kümmern und nehme ihn mir!“ „Auf einmal macht auch Dsï-djüan diese Kleine-Leute-Art nach“, rügte Tan-tschun. „Ihr habt doch ebensogut einen Drachen, und jetzt willst du dir einen nehmen, der jemand anders weggeflogen ist, ohne daß du dir Gedanken darüber machst, daß so etwas tabu ist.“ „Ja, eben“, fiel Dai-yü ein, „wer weiß, wer ihn hat wegfliegen lassen, damit sein böses Geschick mit wegfliegt. Schafft ihn nur schnell fort und holt unsern eigenen Drachen heraus, damit auch wir unser böses Geschick wegfliegen lassen können!“ Jetzt erst gab Dsï-djüan den kleineren Sklavenmädchen den Befehl, den Drachen zu den alten Frauen zu bringen, die am Gartentor Tagdienst hatten, damit ihn sich jemand, der ihn suchte, dort geben lassen könnte. Die übrigen kleinen Sklavenmädchen stürzten, kaum daß sie hörten, Dai-yü wolle ihren Drachen steigen lassen, Hals über Kopf davon und kamen mit einem Drachen in Form eines schönen Mädchens wieder. Die einen holten einen hohen Schemel herbei, andere banden einen Zweig dergestalt an einem Bambusstab fest, daß eine Gabelstange entstand, und wieder andere wickelten eine Schnur auf eine Haspel. Bau-tschai und die anderen stellten sich vor das Hoftor und befahlen den Sklavenmädchen, sie sollten den Drachen auf der freien Fläche außerhalb des Gehöfts steigen lassen. Da bemerkte Bau-tjin lächelnd: „Der Drachen ist aber nicht so schön wie Tan-tschuns großer Phönixdrachen mit weichen Flügeln.“ „Tatsächlich!“ bestätigte Bau-tschai, ebenfalls lächelnd. Dann wandte sie den Kopf und befahl Tsuee-mo: „Hol euren Drachen ebenfalls her!“ Wirklich ging Tsuee-mo lachend fort, um den Drachen zu holen, und nun kam auch Bau-yü auf den Geschmack und erteilte einem seiner kleineren Sklavenmädchen den Befehl: „Geh nach Hause und hol mir den großen Fisch, den ich gestern von Lai Das Frau geschenkt bekommen habe!“ Das Mädchen blieb lange fort und kam dann mit leeren Händen wieder, um lächelnd zu berichten: „Den Fisch hat Fräulein Tjing-wën gestern schon fliegen lassen.“ „Dabei hatte ich ihn noch kein einziges Mal steigen lassen“, sagte Bau-yü bedauernd. „Und wenn schon“, tröstete Tan-tschun ihn lächelnd, „Tjing-wën hat ja für dich das böse Geschick wegfliegen lassen.“ „Na schön“, sagte Bau-yü, „dann hol mir statt dessen die große Krabbe!“ Wieder ging das Sklavenmädchen fort, aber als sie zurückkam, trug sie mit einigen Gefährtinnen zusammen einen Drachen, der ebenfalls die Form eines schönen Mädchens hatte, dazu eine Haspel mit Schnur, und diesmal meldete sie: „Fräulein Hsi-jën läßt sagen, die Krabbe habe sie gestern dem jungen Herrn Huan geschenkt. Diesen hier habe die Frau von Lin Dschï-hsiau eben erst für Euch gebracht, Ihr solltet ihn statt dessen steigen lassen.“ Bau-yü sah sich das Geschenk aufmerksam an und stellte dabei fest, daß die Schöne sehr sorgfältig gearbeitet war. Froh darüber, befahl er, man solle sie aufsteigen lassen. Inzwischen war auch Tan-tschuns Drachen gebracht worden, und Tsuee-mo war eben mit einigen anderen kleinen Sklavenmädchen dabei, ihn vom Hang des Berges aus in die Luft steigen zu lassen. Nun befahl Bau-tjin ebenfalls, man solle ihr ihre große rote Fledermaus holen, und Bau-tschai, die gleichfalls Gefallen an der Sache gefunden hatte, ließ sich auch einen ihrer Drachen bringen, der aus einer Kette von sieben großen Wildgänsen bestand. Nacheinander stiegen alle Drachen in die Luft empor, nur Bau-yüs Schöne wollte und wollte nicht fliegen. Da sagte Bau-yü, die Sklavenmädchen hätten keine Ahnung, und versuchte es selbst eine ganze Zeitlang. Aber der Drachen kam nicht weiter als bis in die Höhe der Dächer, dann stürzte er wieder herunter. Vor Aufregung stand Bau-yü schon der Schweiß auf der Stirn, und die anderen machten sich über ihn lustig. Wütend warf Bau-yü schließlich den Drachen auf die Erde, wies mit der Hand darauf und schimpfte: „Wenn du nicht ein Mädchen wärst, würde ich dich mit einem Fußtritt kurz und klein stampfen!“ Lächelnd verriet ihm Dai-yü: „Es liegt nur daran, daß mit der vorderen Schnur etwas nicht in Ordnung ist. Laß ihn wegbringen, damit man sie richtig anbringt, dann fliegt er auch.“ Also befahl Bau-yü, den Drachen wieder wegzutragen, und ließ sich zugleich einen anderen bringen, den er steigen ließ. Dann standen alle mit zurückgelegtem Kopf da und schauten den Drachen nach, die hoch in die Luft stiegen. Bald darauf brachten die Sklavenmädchen noch die verschiedensten „Essenträger“[3], mit denen sie sich dann eine Weile vergnügten. Lächelnd sagte Dsï-djüan schließlich: „Jetzt zieht er kräftig, nehmt Ihr ihn, Fräulein!“ Daraufhin legte sich Dai-yü ein Taschentuch über die Hand und ruckte probeweise an der Schnur. Tatsächlich hatte der Wind den Drachen bereits mit voller Kraft gepackt. Also nahm sie Dsï-djüan die Haspel ab und ließ sie frei auf der Achse rotieren. Vom Drachen gezogen, schnurrte die Schnur von der Haspel und war im Nu bis zum Ende abgespult. Jetzt forderte Dai-yü die anderen auf, sie sollten den Drachen für sie wegfliegen lassen, doch sie antworteten ihr: „Jeder hat seinen eigenen, laß du ihn fliegen!“ „Es macht zwar Spaß, ihn fliegen zu lassen, aber ich bringe es einfach nicht über mich“, klagte Dai-yü lächelnd. „Aber es ist doch gerade dieser Spaß, den man erreichen will, wenn man Drachen steigen läßt, und nur darum sagt man doch, man lasse das böse Geschick wegfliegen. Gerade du mußt recht viele Drachen wegfliegen lassen, damit sie die Wurzeln deiner Krankheit ganz und gar mitnehmen“, wurde sie von Li Wan belehrt. „Ihr werdet immer kleinlicher, Fräulein“, behauptete Dsï-djüan, an Dai-yü gewandt, „Jahr für Jahr haben wir mehrere Drachen wegfliegen lassen, und jetzt auf einmal tut es Euch leid darum. Wenn Ihr ihn nicht fliegen laßt, lasse ich ihn fliegen.“ Mit diesen Worten nahm sie Hsüä-yän eine kleine europäische Silberschere aus der Hand und setzte sie direkt an der Haspel an, so daß auch nicht ein Tsun mehr darauf übrigblieb. Ratsch! machte es, als die Schnur durchgeschnitten wurde. „Nun nimm aber auch die Krankheit samt allen Wurzeln mit fort!“ rief Dsï-djüan dem Drachen mit lächelnder Miene nach. Der Drachen taumelte hin und her und entfernte sich dabei immer weiter. Schon war er nur noch so groß wie ein Hühnerei, einen Augenblick später war es nur noch ein schwarzer Punkt, und nach einem weiteren Augenblick war er nicht mehr zu sehen. Alle hatten den Kopf in den Nacken geworfen, kniffen die Augen zusammen und riefen: „Macht das Spaß, macht das Spaß!“ Bau-yü aber sagte: „Schade, daß man nicht weiß, wo er herunterkommt! Falls dort Menschen wohnen und Kinder ihn finden, ist es noch gut. Falls er aber in einer wüsten und menschenleeren Gegend herunterkommt, kann ich ihm die Einsamkeit nachfühlen, die er empfinden muß. Der Gedanke daran veranlaßt mich, auch meinen fliegen zu lassen, damit die beiden einen Gefährten aneinander haben!“ Also zerschnitt auch er die Drachenschnur und ließ seinen Drachen genauso fliegen. Gerade wollte Tan-tschun ebenfalls ihre Schnur durchschneiden, da entdeckte sie, daß noch ein zweiter Phönix am Himmel aufgetaucht war, und sagte: „Wer weiß, in wessen Familie man den hat steigen lassen!“ Lächelnd empfahlen ihr die anderen: „Warte noch, bevor du die Schnur durchschneidest! Es sieht so aus, als ob sie sich miteinander verheddern wollten.“ Indem sie das sagten, sahen sie, wie der andere Drachen immer näher kam und schließlich die Bahn von Tan-tschuns Drachen kreuzte. Nun wollten sie die Schnur einholen, aber der Besitzer des anderen Drachens versuchte es genauso. Während so die beiden Drachen nicht voneinander loskamen, näherte sich ihnen noch ein weiterer kunstvoll gearbeiteter Drachen mit dem Schriftzeichen hsi – „Freude“ – darauf, der so groß war wie ein Türflügel und überdies mit Rasseln versehen war, die durch die Luft klangen wie Glocken. „Er wird sich wohl auch noch mit verheddern!“ meinten alle lächelnd. „Hol deine Schnur nicht ein, so ein Kuddelmuddel gibt erst den richtigen Spaß!“ Als sie das sagten, hatte sich die Schnur des „Freude“-Drachens wirklich schon um die der beiden Phönixdrachen geschlungen. Nun wurde von drei Seiten gezogen und geruckt, bis plötzlich alle Schnüre zugleich zerrissen und die drei Drachen schwankend auf und davon segelten. Alle klatschten in die Hände und lachten lauthals darüber, dann kommentierten sie: „Das war ein Spaß! Schade nur, daß wir nicht wissen, wem der ‚Freude‘-Drachen gehört, er hat sich ein bißchen gemein benommen.“ „Meinen Drachen habe ich fliegen lassen, müde bin ich auch, jetzt will ich mich ausruhen gehen“, kündigte Dai-yü an. „So warte doch, bis auch wir unsere Drachen haben fliegen lassen!“ verlangte Bau-tschai, „dann können wir zufrieden auseinandergehen.“ Nach diesen Worten ließen auch alle andere ihre Drachen fliegen, und dann trennten sie sich. Dai-yü aber ging in ihr Zimmer, wo sie sich hinlegte, um zu schlafen. Wer wissen will, wie es weiterging, kann es im nächsten Kapitel erfahren.

Anmerkungen

  1. Berühmte Seide aus dem Ort Pu-yüan in der Provinz Dschë-djiang.
  2. Dschung You (151 – 230) und Wang Hsi-dschï (vgl. o., Anm. zu S. 40: die Sippen Wang und Hsiä) waren berühmte Kalligraphen.
  3. Eine Vorrichtung, die man an der Schnur des schon in der Luft befindlichen Drachens hochsteigen ließ, um farbige Papierschnitzel daraus zu verstreuen, wenn sie oben war.