Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 106"

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== 王熙凤致祸抱羞惭 / 贾太君祷天消祸患 ==
 
== 王熙凤致祸抱羞惭 / 贾太君祷天消祸患 ==
  
od kann ich nichts tun, um meine Lethargie und Depression loszuwerden, und ich muß mich zusammenreißen, nicht ständig zu weinen, um Bau-tschai nicht zu bekümmern, die selber um ihren Bruder und ihre Mutter trauert und nur sehr selten ein Lächeln auf ihrem Gesicht sehen läßt.“
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'''Wang Hsi-fëng hat ein schlechtes Gewissen ob früherer VergehenDie Herzoginmutter betet zum Himmelsgott und versucht, das Unglück zu vertreiben.'''
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Als Djia Dschëng hörte, daß es der Herzoginmutter nicht gut ging, eilte er direkt zu ihren Gemächern. Er sah, daß sie aufgeregt und unregelmäßig atmete. Die Dame Wang brachte sie mit Hilfe von Yüan-yang und den anderen Mägden wieder zu sich. Sie verabreichten ihr eines ihrer Duftsprühmittel und Beruhigungspillen, was etwas für Erleichterung sorgte. Doch sie blieb traurig und weinte. Djia Dschëng stand ihr zur Seite, versuchte sie zu trösten und zu beruhigen: „Deine Söhne haben dieses Unglück über die Familie gebracht und dir diesen Kummer bereitet, Mutter. Bitte beruhige dich und gib uns Zeit, daß wir uns um alles kümmern können. Wenn du dadurch erkrankst, ist unsere Schuld nicht mehr zu ertragen!“
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„Ich bin jetzt über achtzig“, antwortete die Herzoginmutter, „und seit dem Tag, als ich als junges Mädchen herkam und mit eurem Vater verheiratet wurde, habe ich ein behütetes Leben geführt. Von den Ahnen der Familie wurde ich gesegnet und beschützt. Nie zuvor habe ich auch nur von solchen schlimmen Dingen wie diesen gehört. Nun bin ich alt und sehe, daß Ihr bestraft werdet. Wie könnte ich das ertragen? Lieber sterbe ich und laß Euch in Ruhe.“
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Wieder brach sie in Tränen aus, und Djia Dschëng wurde immer besorgter um ihren Zustand. Plötzlich hörte man draußen eine Stimme rufen: „Neuigkeiten vom Hof für den Herrn!“
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Djia Dschëng eilte hinaus. Ein Gehilfe des Prinzen von Bee-djing wartete in der Hauptempfangshalle auf ihn und begrüßte ihn mit den Worten: „Gute Nachrichten, Herr!“
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Djia Dschëng dankte dem Gehilfen für sein Kommen und bat ihn, sich zu setzen.
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„Was befiehlt ihre Hoheit?“, fragte er.
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„Mein Herr und Ihre Hoheit der Prinz von Hsi-ping haben seiner Majestät einen Bericht vorgelegt und sprachen zu Ihren Gunsten, Herr, betonten Ihre Reue und Ihre große Anerkennung der Milde, die Ihnen vom Thron erwiesen wurde. Seine Majestät war äußerst mitfühlend und aufmerksam wegen des kürzlichen Ablebens der kaiserlichen Nebenfrau. Er brachte es nicht über sich, Euch zu bestrafen. Stattdessen setzt er Euch auf Eure frühere Position als Untersekretär an die Arbeitsbehörde zurück. Von dem beschlagnahmten Familieneigentum wird nur jenes von Herrn Schë beschlagnahmt behalten. Der Rest wird Euch zurückgegeben. Seine Majestät verlangt von Euch, die Euch auferlegten Pflichten gewissenhaft und treu auszuführen.
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Die beschlagnahmten Schuldscheine werden von meinem Herrn persönlich überprüft. Schuldscheine mit Wucherzinsen werden nach dem Gesetz umgehend konfisziert. Schuldscheine, die vernünftige Raten beinhalten, sowie Besitzurkunden für Häuser und Ländereien werden alle an Sie zurückgegeben. Djia Liän werden seine Stellung und sein Rang entzogen, er wird allerdings von weiteren Bestrafungen verschont und freigelassen.“
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Djia Dschëng erhob sich von seinem Stuhl und verbeugte sich in die vorgesehene Richtung, aus Dank für die kaiserliche Großzügigkeit. Er verneigte sich auch vor dem Gehilfen, um seine tiefempfundene Dankbarkeit für das Eingreifen des Prinzen zu seinen Gunsten zu zeigen. „Seid so gut und übermittet Seiner Hoheit meinen allergrößten Dank. Morgen werde ich am Hof erscheinen, um Seiner Hoheit meine Dankbarkeit persönlich zu erweisen.“
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Der Gehilfe des Prinzen brach auf. Kurz darauf erschien ein Beamter, um den Erlaß vorzutragen. Gefolgt von Beamten, die alle Anweisungen sorgfältigst ausführten, die Dokumente einzeln überprüften, nur das konfiszierten, was angegeben war, und den Rest den Eigentümern zurückgaben. Djia Liän wurde freigelassen, während Djia Schës Hausstand und seine Angestellten alle in Staatseigentum übergingen bzw. in den öffentlichen Dienst übernommen wurden.
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Djia Liäns Position war nicht zu beneiden. Einige der Dokumente wurden zurückgegeben und von seinem anderen Eigentum wurde nichts beschlagnahmt, doch seine Gemächer waren durchwühlt und geplündert. Nichts als die bloßen Möbel waren an ihrem Platz geblieben. Seine anfängliche Erleichterung darüber, frei und der befürchteten Strafe entgangen zu sein, ging über in ein tiefes Gefühl des Verlustes, wenn er sah, wie sein eigener und Hsi-fëngs Besitz – alles zusammen mit einem Wert von siebzig- bis achtzigtausend Goldtaler – an einem einzigen Morgen verschwunden war. Die Verhaftung seines Vaters, Hsi-fëngs lebensbedrohlicher Gesundheitszustand: Das war zuviel für ihn. Und nun mußte er Djia Dschëng Rechenschaft ablegen, der ihn einbestellte und, sein Schluchzen unterdrückend, ausschalt: „Ich war viel zu oft mit meinen amtlichen Pflichten beschäftigt und habe den Familienangelegenheiten überhaupt zu wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht.
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Deshalb habe ich dich und deine Frau den Haushalt führen lassen. Ich kann deinem Vater Vorhaltungen über seine falsche Erziehung machen, doch dieser Wucher, der ans Licht gekommen ist – wer um Himmels willen ist dafür verantwortlich? Familien wie unsere haben mit so etwas nichts zu schaffen. Die Dokumente wurden konfisziert und Aufträge und Zinsen sind verfallen: doch es ist nicht das Geld, es ist der unglaubliche Schlag, den es unserem Ruf versetzt hat!“
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Djia Liän fiel auf seine Knie: „Ich habe mich immer um die Familienangelegenheiten gekümmert, doch ich habe nie privat etwas zurückbehalten. Alle Konten wurden von den Verwaltern Lai Da, Wu Hsin-deng, Dai Liang und den anderen geführt. Bitte bestelle sie her, und höre die Wahrheit aus ihrem Munde. In den letzten Jahren waren unsere Ausgaben viel höher als unser Einkommen, und es gab Defizite in den Konten, die ich bislang nicht ausgleichen konnte, unabhängig von den Schulden, die ich noch zu bewältigen hatte. Tante Wang wird dir davon erzählen können. Und was das geliehene Geld betrifft, so habe ich keine Vorstellung davon, wo das herkommen könnte. Frag’ doch besser Dschou Juee und Wang Örl.“ –
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„Du willst mir damit also sagen, daß du nicht weißt, was in deinen eigenen Gemächern vor sich ging, und daß du den ganzen Haushalt allein ließest! Ich sollte besser nicht weiter mit dir darüber reden. Schätze dich selbst glücklich, daß du so einfach davongekommen bist. Jetzt bewegst du dich besser und siehst nach, was mit deinem Vater und Vetter Dschën los ist.“
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Djia Liän fühlte sich sehr streng behandelt, doch hielt er seine Tränen zurück und folgte gehorsam den Anweisungen seines Onkels.
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Ganz allein gelassen sann Djia Dschëng tief seufzend über diese Familientragödie: ‚Es war vergebens, daß mein Großvater und mein Großonkel dem Thron so loyal dienten, der Familie große Ehre und erbliche Titel erwarben. Jetzt sind unsere beiden Haushalte entehrt, beide Titel wurden uns genommen. Und auf weitere Sicht sehe ich keine Ruhepause, keinen aufsteigenden Stern in der jüngeren Generation! Gütiger Himmel! Dank einer Handlung außerordentlicher Großzügigkeit auf Seiten Seiner Majestät wurde ich verschont und habe mein Eigentum zurückerhalten. Doch beide Haushalte müssen sich nun zusammenraufen, und wie könnte ich das alleine bewältigen? Die letzte Offenbarung von Liän war ein weiterer schmerzlicher Schlag. Nicht nur, daß wir keine Rücklagen haben, hinzu kommen noch Schulden. Wir haben offensichtlich über Jahre unwissend über unsere Verhältnisse gelebt! Und alles wegen meiner Dummheit. Ich hasse mich. Wie konnte ich nur so blind sein? Wenn nur [mein ältester Sohn] Dschu-örl noch leben würde! Dschu hätte mich wenigstens unterstützen können. Doch Bau-yü, obwohl er mein Sohn und nun erwachsen ist, wird mir keine Stütze sein.’
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Während dieses stillen Monologes mußte Djia Dschëng unfreiwillig weinen, und der Kragen seines Umhangs war naß vor Tränen.
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„Und Mutter – besonders in Anbetracht ihres hohen Alters, haben wir beinahe in den Tod getrieben. Wer außer mir selbst ist Schuld an diesem frevelhaften Vergehen?“
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Er brütete vor sich hin, war in den tiefsten Selbstvorwürfen versunken, als ein Diener eintrat, um die Ankunft verschiedener Freunde und Verwandten anzukündigen. Djia Dschëng empfing sie und dankte jedem einzeln für seine Betroffenheit.
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„Diese Unglücksfälle bei uns“, sagte er in entschuldigendem Ton zu ihnen, „sind die direkte Folge meiner Unfähigkeit, der jüngeren Generation das nötige Verantwortungsbewußtsein zu vermitteln.“
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„Das muß man aber klar trennen“, antwortete einer von ihnen. „Wir haben lange über Herrn Schës fragwürdige Erziehung nachgedacht. Und Herr Dschën war auf seine Art noch arroganter und liederlicher. Jetzt ist ihr Fehlverhalten ans Licht gekommen und brachte ihnen öffentliche Zensur. Die Schuld liegt voll und ganz bei ihnen. Es ist höchst bedauerlich, daß ihr Fehlverhalten nun auf Sie zurückfällt, Herr.“
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„Ich kenne da einige ähnliche Fälle“, kommentierte ein anderer, „doch keiner davon führte zu einer solchen Anklage. Herr Dschën muß irgendjemanden geärgert haben.“
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„Das Eingreifen des Zensors kann in diesem Fall leicht erklärt werden“, erwiderte ein anderer. „Es scheint, daß einer der Hausangestellten und einige der weniger respektablen Freunde unangenehme Gerüchte verbreitet haben und daß diese zum Zensor vorgedrungen sind. Er wünschte Beweise dafür, bevor sie fortschritten und holte eben diesen Diener von Euch, um ihn zu verhören. Wenn ich bedenke, wie großzügig Ihr mit Euren Angestellten umgeht, kann ich mir kaum vorstellen, daß so etwas passieren konnte.“ –
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„So ist das mit den Angestellten“, bemerkte ein anderer, „sie ziehen ihre Vorteile aus der Großzügigkeit ihrer Herren. Da wir hier unter Freunden sind, kann ich gewiß ganz frei reden. Ich weiß, was für ein unbestechlicher Mann Sie sind, Herr; doch während Sie in Djiang-hsi waren, wurde Ihr Ruf irgendwie befleckt. Das müssen eure Diener gewesen sein. In Zukunft müssen Sie noch vorsichtiger sein. Obwohl Sie dieses Mal mit ihrem Eigentum davongekommen sind, könnte es wesentlich unangenehmer werden, wenn Seine Majestät jemals wieder ihre Pflichttreue in Frage stellen sollten.“
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Djia Dschëng schien sehr verstört. „Was meinen sie? Inwiefern wurde mein Ruf befleckt?“ –
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„Es gibt natürlich keine eindeutigen Beweise dafür“, war die Antwort, „doch wir haben andere sagen gehört, daß sie während ihrer Zeit als Korninspektor ihre Diener beauftragten, Erpressung zu betreiben.“ –
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„Der Himmel sei mein Zeuge“, rief Djia Dschëng aus, „ich habe noch nicht einmal im Traum an so etwas gedacht! Meine Männer haben hinter meinem Rücken krumme Geschäfte betrieben. Noch mehr von solchem Gerede, und ich bin am Ende!“ –
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„Es bringt nichts, davor Angst zu haben“, kommentierte einer aus der Gesellschaft. „Doch ihr solltet Euren jetzigen Hausstand gründlich überprüfen. Sortiert alle widerspenstigen Elemente unter ihnen aus und seid strenger mit ihnen.“
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In diesem Moment betrat ein Pförtner den Raum: „Herr Sun hat einen Diener mit einer Nachricht geschickt, Herr. Sein Herr ist zu beschäftigt, um selbst zu kommen. Dieser Mann wurde angewiesen, Euch darüber zu informieren, daß die Suns von Euch erwarten, die Schulden von Herrn Schë zu bezahlen.“
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Djia Dschëng blickte finster und genervt und sagte: „Ich weiß Bescheid.“ Seine Freunde lachten verächtlich: „Dieser Herr Sun macht seinem schlechten Ruf alle Ehre. Wenn das Haus seines Schwiegervaters leergeräumt und sein Eigentum beschlagnahmt ist, kommt er, anstatt Hilfe anzubieten, nur um um Geld zu betteln. Das ist höchst ungebührlich!“ –
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„Laßt uns nicht über ihn sprechen“, antwortete Djia Dschëng. „Ich hätte daran denken sollen, daß meine arme Nichte bereits genug durch die Hand dieses jungen Mannes gelitten hat, jetzt quält er auch noch mich.“
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Als er sprach, erschien Hsüä Kë. „Ich habe herausgefunden,“ berichtete er Djia Dschëng, „daß Komissar Dschau darauf besteht, jeden Punkt der Anklage zu verfolgen. Ich fürchte, es wird für Onkel Schë und Vetter Dschën nicht leicht.“ –
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„In dieser Angelegenheit mußt du die Hilfe des Prinzen suchen“, wiesen Djia Dschëngs Freunde ihn an, „ohne sein Eingreifen werdet ihr alle ruiniert werden.“
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Djia Dschëng dankte seinen Besuchern für diesen Rat, den er zu befolgen versicherte, und sie brachen auf.
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Es dämmerte bereits und Djia Dschëng stattete der Herzoginmutter seinen abendlichen Besuch ab. Diese hatte sich sichtlich erholt. Er kehrte in seine Gemächer zurück, saß dort im Stillen und grübelte über Djia Liän und Hsi-fëngs unbedachtes Verhalten. Da ihr Betrug nun ans Licht gekommen war, würde es der ganzen Familie schaden, und er gab ihnen die Schuld dafür. Doch er bedachte auch, daß Hsi-fëng schwer krank war und bei der Plünderung alles verloren hatte, was ihr bestimmt einen schweren Schlag versetzt haben mußte. Er entschied, sie zunächst nicht zu kritisieren, sondern seinen Ärger für sich zu behalten und nichts zu sagen. Der Rest dieser Nacht verlief ohne weitere Ereignisse.
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Früh am nächsten Morgen ging Djia Dschëng zu den Palästen der Prinzen von Bee-djing und Hsi-ping, wo er seine Ehrenbezeugungen darbot und sie bat, Djia Schë und Vetter Dschën zu unterstützen. Die Prinzen versicherten es. Djia Dschëng besuchte weiter andere Freunde und Bekannte, um auch sie um Unterstützung zu bitten.
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Unser Erzähler widmet sich nun Djia Liän. Als er sich umhörte, fand er heraus, daß seinem Vater und Vetter Dschën in der Tat ein ernstes Urteil bevorstand. Und da er sah, daß er ihnen unter keinen Umständen einen Aufschub verschaffen konnte, konnte er nur nach Hause zurückkehren. In seinen Gemächern saß Ping-örl weinend an Hsi-fëngs Seite, während Tjiu-tung im Nebenzimmer um Hsi-fëng klagte. Als Djia Liän sich Hsi-fëng näherte und sah, daß sie dem Tode nahe war, fand er für seine Wehklage keine Worte. Ping-örl sagte weinend zu ihm: „Die Sache hat sich nun einmal so entwickelt. Alles, was weg ist, wird auch nicht mehr wiederkommen. Und sehen Sie sich Frau Liän an, Herr.“ –
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Liän spuckte aus und sagte. „Nicht einmal für mein Leben besteht noch Hoffnung, wie könnte ich ihr Leben retten?“
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Hsi-fëng hörte das, öffnete ihre Augen und blickte Djia Liän still an. Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie sah, wie Djia Liän das Zimmer verließ und sagte zu Ping-örl: So wie die Dinge sich entwickelt haben, solltest du dich nicht mehr um mich kümmern. Ich wünschte nur, ich könnte heute sterben und mit allem fertig sein! Wenn ich dir noch irgend etwas bedeute, dann kümmere dich bitte um die kleine Tjiau-djiä, wenn ich tot bin. Tu es für mich, und meine Seele wird dir in der nächsten Welt dankbar sein.“
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Ping-örl brach in Tränen aus.
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„Nun komm schon“, sagte Hsi-fëng, „du bist doch eine kluge Person! Ich weiß, daß keiner kommen und es mir ins Gesicht sagen würde, doch ich weiß, daß sie mir die Schuld für alles geben, was passiert ist. Andere haben draußen damit angefangen. Doch ich gebe zu, wenn ich das Geld nicht lieben würde, wäre mir das heute nicht widerfahren. All meine Pläne und Vorhaben enden im Nichts. Mein lebenslanges Streben war umsonst. Ich bin zerbrochen, niedriger als die Niedrigen. Ich hasse nur, daß wir keine anständigen Menschen angestellt haben. Ich hörte, daß drüben Vetter Dschën die Verlobte eines Herrn Dschang zur Konkubine nahm und sie zu Tode brachte? Überleg’ mal, wer dieser Herr Dschang sein könnte. Wenn die Geschichte jemals ans Licht kommt, wird Herr Liän entehrt sein. Und wie stehe ich dann da? Ich wünschte, ich könnte sofort sterben! Doch wie? Ich wage nicht, selbst Gold zu schlucken oder Gift einzunehmen. Und du willst einen Arzt rufen! Damit würdest du mir nur schaden!“
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Ping-örl wurde mit jedem Wort Hsi-fëngs noch verzweifelter. Sie empfand viel für sie und beschloß, nahe bei ihr zu bleiben und noch besser auf sie aufzupassen, aus Angst, sie könnte sich in ihrer Verzweiflung etwas antun.
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Glücklicherweise wußte die Herzoginmutter nichts von solch beklemmenden Szenen. Ihre eigene Genesung und ihr Seelenheil wurden von der Kenntnis über Djia Dschëngs Wiedereinstellung stark gefördert und auch von der ständigen Gegenwart von Bau-yü und Bau-tschai an ihrer Seite. Sie hatte immer eine Schwäche für Hsi-fëng gehabt, und nun rief sie Yüan-yang zu sich, und sagte: „Nimm diese Sachen von mir und bring sie hinüber zu Frau Liän. Und gib Ping-örl etwas Geld, daß sie sich gut um sie kümmern kann!“ Sie sagte der Dame Wang auch, sie solle nachsehen, was die Dame Hsing bräuchte.
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Das gesamte Vermögen des Ning-guo-Anwesens, eingeschlossen Eigentum und Angestellte, wurden inventarisiert und beschlagnahmt. Die Herzoginmutter ließ einen Wagen besorgen, der Frau You und Djia Jungs Frau herüberholen sollte. Diese beiden Damen und Vetter Dschëns zwei Konkubinen, Pei-fëng und Djie Yüän, waren als einzige in den luxuriösen Gemächern des Ning-guo-Anwesens übriggeblieben. Nicht ein einziger Diener war mehr dort. Sie verlangte nach vier Ammen und zwei Mägden, um ihr aufzuwarten, und ordnete an, daß ihre Speisen und andere tägliche Erforderlichkeiten aus der Hauptküche gebracht werden sollten. Sie schickte ihnen auch Kleidung und andere Notwendigkeiten und wies die Haushalts-Kasse an, ihnen die gleichen monatlichen Beträge zu gewähren wie den Mitgliedern des Jung-guo Zweiges.
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Doch es stand außer Frage, Geld von den Konten zu besorgen, um die Ausgaben (hauptsächlich Bestechung), die bei Djia Schë, Vetter Dschën und Djia Jung im Kerker anfielen, zu decken. Hsi-fëng hatte kein Geld und Djia Liän war hoch verschuldet, wohingegen Djia Dschëng, der keine Erfahrung mit Familien-Finanzen hatte, auf seine charakteristische Art nur fruchtlos sagen konnte: „Ich habe mit einigen Leuten gesprochen und bin zuversichtlich, daß sie tun werden, was sie können.“
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Djia Liän fiel keine Möglichkeit ein, um an Geld zu kommen. Es würde nichts bringen, sich an Hsi-fëngs Seite der Familie zu wenden. Die Hsüäs waren bankrott, ihr älterer Onkel Wang Dsï-tëng war tot, und die anderen Wangs waren nicht in der Position zu helfen. Am Ende schickte er aus Verzweiflung geheim einen Mann zum Jung-guo-Anwesen mit der Anweisung, eine Landfläche mit einem Wert von tausend Silbertael zu verkaufen. Dieses Geld würde er seinen Familienmitgliedern im Gefängnis anbieten. Als die Bediensteten sahen, zu welchen Methoden ihr Herr gezwungen war, entschieden manche, selbst ihren Nutzen aus der Situation zu ziehen und erfanden Vorwände dafür, gegen Pachtanteile des östlichen Landsitzes der Familie auf eigene Rechnung Geld auszuleihen. Doch darauf werden wir später in der Geschichte noch eingehen.
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Die Herzoginmutter sah die Familie ihrer erblichen Titel beraubt. Sie sah einen ihrer Söhne und Enkel im Kerker die Verhandlung erwarten. Sie hörte die ganze Nacht das Weinen der Damen Hsing und You, und Hsi-fëng lag im Sterben. Bau-yü und Bau-tschai trösteten sie zwar, doch sie konnten ihr den Kummer und Schmerz nicht nehmen, die ihr Herz schwer machten. Eines Tages gegen Abend schickte sie Bau-yü zurück in seine Wohnung, erhob sich mühevoll ohne Hilfe von ihrem Sofa und trug Yüan-yang und den anderen Mägden auf, überall vor den Buddhastatuen Räucherstäbchen anzuzünden. Zuletzt gab sie Anweisungen, im eigenen Hof ein großes scheffelförmiges Bündel Räucherstäbchen anzuzünden und ging auf ihren Stock gestützt in den Hof. Hu-po wußte, daß sie vorhatte zu beten und legte ihr eine große rote Meditationsmatte zurecht, damit sie darauf niederknien konnte. Die alte Dame kniete nieder und machte mehrere Kotaus. Sie rezitierte eine Strophe aus einem Sutra und begann mit Tränen in den Augen zu den Göttern von Himmel und Erde zu beten: „Allmächtiger höchster Buddha! Ich, deine demütige Dienerin, in die Familie Schï geboren und verheiratet mit dem Hause Djia, erbitte ergeben deine Barmherzigkeit. Über viele Generationen haben wir nichts Falsches gemacht, wir haben uns nicht in den Wegen der Gewalt und des Hochmuts verirrt. Ich habe demütig und unzureichend mein Bestes versucht, dem Pfad der Rechtschaffenheit zu folgen, meinen Ehemann zu unterstützen und meinen Söhnen zu helfen. Doch die jüngere Generation hat mit mutwilliger Sorglosigkeit gehandelt, sie haben sich dem Zorn des Schicksals ausgeliefert, und jetzt wurde unser Heim geplündert und unser Eigentum geraubt. Mein Sohn und
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sitzen im Gefängnis und haben das Schlimmste zu befürchten. Die Schuld dieses Unglücks lastet allein auf meinen Schultern, da ich der jüngeren Generation nicht die richtigen Verhaltens-Grundsätze vermitteln konnte. Nun verbeuge ich mich und bitte den Allmächtigen Himmel, uns zu schützen. Möge denen im Gefängnis ihr Kummer zur Freude werden, mögen die Kränklichen wieder  ihre Gesundheit erlangen.  Möge ich  für alles  sühnen und die Schuld der Familie auf meinen Schultern tragen!  Und möge den Söhnen und Enkeln vergeben werden! Sei gnädig mit mir, allmächtiger Himmel, und erhöre mein gläubiges Flehen. Schenke mir einen frühen Tod, daß ich für die Sünden meiner Kinder und Enkelkinder büßen kann!“
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Als dieses Gebet beendet war, brach die Herzoginmutter zusammen und begann so kläglich zu schluchzen, daß sie nur noch keuchen konnte. Yüan-yang und Hu-po trösteten sie, halfen ihr auf die Beine und begleiteten sie zurück ins Haus.
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Die Dame Wang kam kurz danach mit Bau-yü und Bau-tschai, um ihren abendlichen Besuch abzustatten. Der bedauerliche Zustand der Herzoginmutter rührte sie sehr, und alle drei weinten laut. Bau-tschai hatte ihren eigenen Grund zum Kummer. Die Zukunft ihres Bruders war ungewiß. Keiner wußte, ob sein Urteil gemildert oder er freigelassen würde. Und obwohl Djia Dschëng und die Dame Wang nicht direkt von den derzeitigen Ereignissen betroffen waren, konnte Bau-tschai selbst sehen, daß die Familie Djia um sie herum dezimiert wurde. Während ihr Ehemann sich so blöde und hilflos wie immer benahm. Als sie über ihre eigene Notlage nachdachte, war ihr Schluchzen sogar noch anrührender als das der Herzoginmutter und der Dame Wang.
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Bau-yü sah, daß Bau-tschai so verzweifelt war und wurde auch sehr traurig. „Großmutter ist in ihrem Alter mit Sorgen überhäuft, Mutter und Vater haben auch nichts als Kummer. Meine Schwestern und Kusinen sind fort, zerstreut wie Wolken von den vier Winden, und jeder Tag macht mich noch einsamer, mit nichts, was mich noch hält, außer den Erinnerungen an eine glückliche Vergangenheit, an die goldenen Tage der Poesietreffen im Garten. Seit Kusine Dai-yüs Tod kann ich nichts tun, um meine Lethargie und Depression loszuwerden, und ich muß mich zusammenreißen, nicht ständig zu weinen, um Bau-tschai nicht zu bekümmern, die selber um ihren Bruder und ihre Mutter trauert und nur sehr selten ein Lächeln auf ihrem Gesicht sehen läßt.“
 
Bau-tschais untröstliches Weinen traf ihn so sehr, daß er selber laut hoffnungslos zu weinen begann, was wiederum Yüan-yang, Tsai-yün, Ying-örl und Hsi-jën traurig stimmte, und bald weinte jeder von ihnen bitterlich aus eigenen Beweggründen. Zuletzt ging die Welle dieses hinderlichen Kummers bis zu den anderen Mägden über, und es war niemand mehr übrig, der selber hätte trösten können. Ein Chor des Jammers erfüllte den Raum und erreichte die Ohren der Dienstmädchen in der Nachtschicht, welche dies umgehend Djia Dschëng berichteten.
 
Bau-tschais untröstliches Weinen traf ihn so sehr, daß er selber laut hoffnungslos zu weinen begann, was wiederum Yüan-yang, Tsai-yün, Ying-örl und Hsi-jën traurig stimmte, und bald weinte jeder von ihnen bitterlich aus eigenen Beweggründen. Zuletzt ging die Welle dieses hinderlichen Kummers bis zu den anderen Mägden über, und es war niemand mehr übrig, der selber hätte trösten können. Ein Chor des Jammers erfüllte den Raum und erreichte die Ohren der Dienstmädchen in der Nachtschicht, welche dies umgehend Djia Dschëng berichteten.
 
Djia Dschëng grübelte immer noch in seinem Arbeitszimmer, was inzwischen zur Gewohnheit geworden war, als die Neuigkeiten ihn erreichten. Er sprang alarmiert auf und eilte zu den Gemächern der Herzoginmutter. Auf seinem Weg hörte er den Klang weinender Stimmen in der Ferne und fürchtete das Schlimmste für die alte Dame. Als er eilig die Gemächer betrat, war er tödlich besorgt. Er fand sie zu seiner großen Erleichterung schluchzend, aber lebendig.
 
Djia Dschëng grübelte immer noch in seinem Arbeitszimmer, was inzwischen zur Gewohnheit geworden war, als die Neuigkeiten ihn erreichten. Er sprang alarmiert auf und eilte zu den Gemächern der Herzoginmutter. Auf seinem Weg hörte er den Klang weinender Stimmen in der Ferne und fürchtete das Schlimmste für die alte Dame. Als er eilig die Gemächer betrat, war er tödlich besorgt. Er fand sie zu seiner großen Erleichterung schluchzend, aber lebendig.
 
Er wandte sich an die versammelte Familie und hielt ihnen vor: „Die Herzoginmutter ist traurig. In einem solchen Moment solltet ihr die gnädige Frau Djia besser trösten und mit eurem kollektiven Gejammer nicht alles noch schlimmer machen.“
 
Er wandte sich an die versammelte Familie und hielt ihnen vor: „Die Herzoginmutter ist traurig. In einem solchen Moment solltet ihr die gnädige Frau Djia besser trösten und mit eurem kollektiven Gejammer nicht alles noch schlimmer machen.“
Als alle die Stimme von Djia Dschëng hörten, herrschte plötzlich Stille, alle starrten sich verblüfft an. Djia Dschëng sagte der Herzoginmutter ein paar Worte, dann sprach er zu den anderen, bevor er ging.
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Als alle die Stimme von Djia Dschëng hörten, herrschte plötzlich Stille, alle starrten sich verblüfft an. Djia Dschëng sagte der Herzoginmutter ein paar Worte, dann sprach er zu den anderen.
 
‚Wir kamen her, um die gnädige Frau aufzuheitern,‘ dachten sie bei sich, ‚wir wollten sie trösten. Wie konnten wir uns nur so vergessen und damit alles nur noch schlimmer machen?‘
 
‚Wir kamen her, um die gnädige Frau aufzuheitern,‘ dachten sie bei sich, ‚wir wollten sie trösten. Wie konnten wir uns nur so vergessen und damit alles nur noch schlimmer machen?‘
 
Sie waren immer noch in einem Zustand der Verwirrung, als eine altes Dienstmädchen mit zwei Frauen aus dem Schï-Haushalt eintraf. Nachdem sie vor der Herzoginmutter geknickst und alle Anwesenden gegrüßt hatten, überbrachten sie ihre Nachricht: „Unser hochedler Herr, die hochedle Herrin, die kaiserliche Konkubine, und Fräulein Schï haben uns mit einer Nachricht geschickt: Sie haben von Euren Neuigkeiten gehört und möchten Euch versichern, daß dies keine schlimme Sache sei. Sie befürchteten, daß Herr Dschëng und die Herzoginmutter sich grundlos Sorgen machten und baten uns, nachdrücklich zu sagen, daß Herr Dschëng sich beruhigen solle. Er selbst sei nicht in Gefahr. Fräulein Schï wäre selbst gekommen, doch wird sie in einigen Tagen heiraten.“
 
Sie waren immer noch in einem Zustand der Verwirrung, als eine altes Dienstmädchen mit zwei Frauen aus dem Schï-Haushalt eintraf. Nachdem sie vor der Herzoginmutter geknickst und alle Anwesenden gegrüßt hatten, überbrachten sie ihre Nachricht: „Unser hochedler Herr, die hochedle Herrin, die kaiserliche Konkubine, und Fräulein Schï haben uns mit einer Nachricht geschickt: Sie haben von Euren Neuigkeiten gehört und möchten Euch versichern, daß dies keine schlimme Sache sei. Sie befürchteten, daß Herr Dschëng und die Herzoginmutter sich grundlos Sorgen machten und baten uns, nachdrücklich zu sagen, daß Herr Dschëng sich beruhigen solle. Er selbst sei nicht in Gefahr. Fräulein Schï wäre selbst gekommen, doch wird sie in einigen Tagen heiraten.“
 
Die Herzoginmutter fühlte sich etwas unbeholfen, den Dienstmädchen ihre Dankbarkeit auszudrücken. „Wenn ihr zurückkehrt“, sagte sie, „überbringt Eurem Herrn und Eurer Herrin meine Hochachtung. Was unserer Familie widerfuhr, war vom Schicksal so bestimmt. An einem anderen Tag werde ich den Hochedlen persönlich für ihre Anteilnahme danken. Und für Hsiang-yüns Hochzeit bin ich sicher, daß sie sich einen guten jungen Ehemann gewählt hat. Ich wäre sehr froh, etwas von seiner Familie zu hören.“ – „Seine Familie ist nicht besonders wohlhabend“, antworteten die Frauen. „Doch er ist ein angenehmer, junger Mann und hat eine freundliche Natur. Wir haben ihn einige Male gesehen, und er ähnelt äußerlich sehr eurem Herrn Bau-yü. Er hat auch ein besonderes literarisches Talent.“
 
Die Herzoginmutter fühlte sich etwas unbeholfen, den Dienstmädchen ihre Dankbarkeit auszudrücken. „Wenn ihr zurückkehrt“, sagte sie, „überbringt Eurem Herrn und Eurer Herrin meine Hochachtung. Was unserer Familie widerfuhr, war vom Schicksal so bestimmt. An einem anderen Tag werde ich den Hochedlen persönlich für ihre Anteilnahme danken. Und für Hsiang-yüns Hochzeit bin ich sicher, daß sie sich einen guten jungen Ehemann gewählt hat. Ich wäre sehr froh, etwas von seiner Familie zu hören.“ – „Seine Familie ist nicht besonders wohlhabend“, antworteten die Frauen. „Doch er ist ein angenehmer, junger Mann und hat eine freundliche Natur. Wir haben ihn einige Male gesehen, und er ähnelt äußerlich sehr eurem Herrn Bau-yü. Er hat auch ein besonderes literarisches Talent.“
Der Herzoginmutter gefiel diese Beschreibung sehr, und sie sagte erfreut. „Wir sind ja alle aus dem Süden. Auch wenn wir hier lange leben, haben ihre und unsere Familie stets die alten südlichen Heiratssitten aufrecht erhalten, und deswegen haben wir den Bräutigam bis zum heutigen Tage nicht zu Gesicht bekommen. Gerade eben dachte ich noch an meine eigene Familie, besonders an Hsiang-yün. Sie war mir immer die Liebste. Als kleines Mädchen hatte sie immer mehr als zweihundert Tage im Jahr bei mir verbracht. Ich hatte mir vorgenommen, ihr selbst einen angenehmen Ehemann zu suchen, wenn sie erwachsen würde, doch da ihr Onkel nicht zu Hause war, konnte ich kaum die Initiative ergreifen. Nun, da das Glück sie begünstigt und sie eine gute Partie gefunden hat, bin ich ja beruhigt. Ich weiß, daß sie noch in diesem Monat heiraten wird, und ich hätte an dem Empfang so gern ein Glas Wein mitgetrunken. Leider hat es bei uns Verwicklungen gegeben und mein Herz ist wie ein kochender Topf, wie könnte ich in diesem Zustand zur Hochzeit gehen? Bitte überbringt ihnen bei Eurer Rückkehr meine Hochachtung und sagt, daß wir alle ihnen das Beste wünschen. Und sagt Fräulein Schï, sie soll sich meinetwegen nicht sorgen. Ich bin jetzt über achtzig und wenn ich sterbe, habe ich keinen Grund, mich zu beklagen. Ich konnte meinen Segen genug auskosten. Mein einziges Gebet ist, daß sie und ihr Mann glücklich miteinander leben und ein hohes Alter erreichen. Dann kann ich zufrieden sterben.“
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Der Herzoginmutter gefiel diese Beschreibung sehr, und sie sagte erfreut. „Wir sind ja alle aus dem Süden. Auch wenn wir hier lange leben, haben ihre und unsere Familie stets die alten südlichen Heiratssitten aufrecht erhalten, und deswegen haben wir den Bräutigam bis zum heutigen Tage nicht zu Gesicht bekommen. Gerade eben dachte ich noch an meine eigene Familie, besonders an. Sie war mir immer die Liebste. Als kleines Mädchen hatte sie immer mehr als zweihundert Tage im Jahr bei mir verbracht. Ich hatte mir vorgenommen, ihr selbst einen angenehmen Ehemann zu suchen, wenn sie erwachsen würde, doch da ihr Onkel nicht zu Hause war, konnte ich kaum die Initiative ergreifen. Nun, da das Glück sie begünstigt und sie eine gute Partie gefunden hat, bin ich ja beruhigt. Ich weiß, daß sie noch in diesem Monat heiraten wird, und ich hätte an dem Empfang so gern ein Glas Wein mitgetrunken. Leider hat es bei uns Verwicklungen gegeben und mein Herz ist wie ein kochender Topf, wie könnte ich in diesem Zustand zur Hochzeit gehen? Bitte überbringt ihnen bei Eurer Rückkehr meine Hochachtung und sagt, daß wir alle ihnen das Beste wünschen. Und sagt Fräulein Schï, sie soll sich meinetwegen nicht sorgen. Ich bin jetzt über achtzig und wenn ich sterbe, habe ich keinen Grund, mich zu beklagen. Ich konnte meinen Segen genug auskosten. Mein einziges Gebet ist, daß sie und ihr Mann glücklich miteinander leben und ein hohes Alter erreichen. Dann kann ich zufrieden sterben.“
 
Während sie sprach, kamen der Herzoginmutter wieder die Tränen. Eines der Dienstmädchen der Familie Schï sagte: „Bitte macht euch nicht selbst unglücklich, gnädige Frau Djia. Wenn Fräulein Schï erst verheiratet ist und ihren Neunten Tag gefeiert hat, bin ich sicher, werden sie und ihr Mann herkommen, um bei Euch vorbeizuschauen. So können Sie ihn selbst kennenlernen, und das wird Euch erfreuen.“
 
Während sie sprach, kamen der Herzoginmutter wieder die Tränen. Eines der Dienstmädchen der Familie Schï sagte: „Bitte macht euch nicht selbst unglücklich, gnädige Frau Djia. Wenn Fräulein Schï erst verheiratet ist und ihren Neunten Tag gefeiert hat, bin ich sicher, werden sie und ihr Mann herkommen, um bei Euch vorbeizuschauen. So können Sie ihn selbst kennenlernen, und das wird Euch erfreuen.“
 
Die Herzoginmutter nickte. Die Frauen gingen. Bau-yü schien die einzige Person zu sein, die von den Neuigkeiten über Hsiang-yüns bevorstehende Hochzeit betroffen war. Er schaute etwas verwirrt und dachte bei sich: „Warum müssen die Mädchen nur unmittelbar, sobald sie erwachsen sind, verheiratet werden? Einmal verheiratet, haben sie kaum Freiheiten mehr. Sogar die liebe Hsiang-yün muß dem Willen ihres Onkels gehorchen. Wenn wir sie bald wieder treffen, wird es wieder das Gleiche sein. Sie wird einfach nur distanziert zu mir sein. Wozu soll ich denn noch leben, wenn ich für immer so gemieden werde?“
 
Die Herzoginmutter nickte. Die Frauen gingen. Bau-yü schien die einzige Person zu sein, die von den Neuigkeiten über Hsiang-yüns bevorstehende Hochzeit betroffen war. Er schaute etwas verwirrt und dachte bei sich: „Warum müssen die Mädchen nur unmittelbar, sobald sie erwachsen sind, verheiratet werden? Einmal verheiratet, haben sie kaum Freiheiten mehr. Sogar die liebe Hsiang-yün muß dem Willen ihres Onkels gehorchen. Wenn wir sie bald wieder treffen, wird es wieder das Gleiche sein. Sie wird einfach nur distanziert zu mir sein. Wozu soll ich denn noch leben, wenn ich für immer so gemieden werde?“
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Er ging mit den Händen hinter dem Rücken auf und ab und fand keinen Ausweg aus diesem tiefen Familienelend. Seine Diener wußten, daß ihr Herr nicht der Mann für Haushaltsbücher war und jedes Bemühen seinerseits nichts bringen würde.
 
Er ging mit den Händen hinter dem Rücken auf und ab und fand keinen Ausweg aus diesem tiefen Familienelend. Seine Diener wußten, daß ihr Herr nicht der Mann für Haushaltsbücher war und jedes Bemühen seinerseits nichts bringen würde.
 
„Es bringt nichts, sich unnötig zu sorgen, Herr“, rieten sie ihm, „es ist mit jedem Haushalt das Gleiche, sogar bei den Prinzen aus dem Reich! Wenn Sie ihre Konten sehen könnten, würden Sie sehen, daß jene ebenso wenig mit ihrem Vermögen haushalten können. Sie bewahren nur den Anschein und wursteln den ganzen Tag herum so gut, wie sie können. Bedenkt nur, daß ihr Euch glücklich schätzen solltet. Der Kaiser war so freundlich und gestattete Ihnen, Euer Familieneigentum zu bewahren. Doch selbst wenn alles konfisziert worden wäre, so würdet Ihr doch immer noch auf die eine oder andere Art zurechtkommen!“  
 
„Es bringt nichts, sich unnötig zu sorgen, Herr“, rieten sie ihm, „es ist mit jedem Haushalt das Gleiche, sogar bei den Prinzen aus dem Reich! Wenn Sie ihre Konten sehen könnten, würden Sie sehen, daß jene ebenso wenig mit ihrem Vermögen haushalten können. Sie bewahren nur den Anschein und wursteln den ganzen Tag herum so gut, wie sie können. Bedenkt nur, daß ihr Euch glücklich schätzen solltet. Der Kaiser war so freundlich und gestattete Ihnen, Euer Familieneigentum zu bewahren. Doch selbst wenn alles konfisziert worden wäre, so würdet Ihr doch immer noch auf die eine oder andere Art zurechtkommen!“  
„Was redet ihr für einen Unsinn“, rief Djia Dschëng wütend, „ihr Diener seid wertlose Räuber, selbst der letzte von euch! Als es eurem Herrn gut ging, habt ihr alles wie verrückt ausgegeben. Und wenn nichts mehr übrig ist, tretet ihr bei nächster Gelegenheit den Rückzug an. Was bedeutet es euch, ob wir leben oder sterben? Ihr sagt, wir können glücklich sein, daß nicht alles konfisziert wurde, doch was wißt ihr eigentlich davon? Erkennt ihr nicht, daß so, wie es mit unserem Ruf aussieht, es schwierig sein wird, dem Konkurs zu entgehen? Und wenn ihr euch so benehmt, als wäret ihr reich, so redet, als wäret ihr wichtig, aber Leute von vorne bis hinten anschwindelt, dann haben wir keine Chance. Wenn Unheil kommt, seid ihr froh, daß wir die Folgen auf uns nehmen. Ich bin darüber informiert, daß einer von euch, ein Diener mit dem Namen Bau Örl, die Gerüchte verbreitet hat, die meinen Bruder und Herrn Dschën beschuldigt haben. Warum ist sein Name nicht in dem Register aufgeführt?“ –
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„Was redet ihr für einen Unsinn“, rief Djia Dschëng wütend, „ihr Diener seid wertlose Räuber, selbst der letzte von euch! Als es eurem Herrn gut ging, habt ihr alles wie verrückt ausgegeben. Und wenn nichts mehr übrig ist, flieht wer fliehen kann. Was bedeutet es euch, ob wir leben oder sterben? Ihr sagt, wir können glücklich sein, daß nicht alles konfisziert wurde, doch was wißt ihr eigentlich davon? Erkennt ihr nicht, daß so, wie es mit unserem Ruf aussieht, es schwierig sein wird, dem Konkurs zu entgehen? Und wenn ihr euch so benehmt, als wäret ihr reich, so redet, als wäret ihr wichtig, aber Leute von vorne bis hinten anschwindelt, dann haben wir keine Chance. Wenn Unheil kommt, seid ihr froh, daß wir die Folgen auf uns nehmen. Ich bin darüber informiert, daß einer von euch, ein Diener mit dem Namen Bau Örl, die Gerüchte verbreitet hat, die meinen Bruder und Herrn Dschën beschuldigt haben. Warum ist sein Name nicht in dem Register aufgeführt?“ –
 
„Er steht nicht offiziell in unseren Büchern, Herr“, lautete die Antwort, „er gehörte eigentlich zum Ning-guo Register. Dann fiel sein Blick auf Herrn Liän als eine vertrauenswürdige Person, und er und seine Frau wurden von Herrn Liän aufgenommen. Seine Frau starb, und danach ging er in das Ning-guo-Anwesen zurück. Einmal, als Sie in der Behörde so beschäftigt waren, Herr, waren die Herzoginmutter, die anderen Damen und die anderen jungen Herren zum Trauern im Mausoleum, da kam Herr Dschën herüber, um auf dieser Seite alles zu untersuchen und nahm Bau Örl mit sich. Bau Örl ging danach mit ihm wieder zurück ins Ning-guo-Anwesen. Es ist viele Jahre her, daß Sie sich mit solchen Angelegenheiten beschäftigt haben, Herr, und es überrascht kaum, daß Sie von diesen Dingen nichts wissen. Wahrscheinlich denken Sie, sein Name sei der Einzige, der nicht im Register steht. Tatsächlich hat jeder Mann seine verschiedenen Angehörigen – sogar Diener haben ihre eigenen Diener!“ – „Unerhört!“ protestierte Djia Dschëng.
 
„Er steht nicht offiziell in unseren Büchern, Herr“, lautete die Antwort, „er gehörte eigentlich zum Ning-guo Register. Dann fiel sein Blick auf Herrn Liän als eine vertrauenswürdige Person, und er und seine Frau wurden von Herrn Liän aufgenommen. Seine Frau starb, und danach ging er in das Ning-guo-Anwesen zurück. Einmal, als Sie in der Behörde so beschäftigt waren, Herr, waren die Herzoginmutter, die anderen Damen und die anderen jungen Herren zum Trauern im Mausoleum, da kam Herr Dschën herüber, um auf dieser Seite alles zu untersuchen und nahm Bau Örl mit sich. Bau Örl ging danach mit ihm wieder zurück ins Ning-guo-Anwesen. Es ist viele Jahre her, daß Sie sich mit solchen Angelegenheiten beschäftigt haben, Herr, und es überrascht kaum, daß Sie von diesen Dingen nichts wissen. Wahrscheinlich denken Sie, sein Name sei der Einzige, der nicht im Register steht. Tatsächlich hat jeder Mann seine verschiedenen Angehörigen – sogar Diener haben ihre eigenen Diener!“ – „Unerhört!“ protestierte Djia Dschëng.
 
Djia Dschëng verstand, daß er sowieso nicht in kurzer Zeit alles herausfinden könnte, und er entließ seine Diener. Er hatte sich fest vorgenommen, erst abzuwarten, was bei der Untersuchung von Djia Schë und Vetter Dschën herauskam, und dann erst zu entscheiden, was zu tun war.
 
Djia Dschëng verstand, daß er sowieso nicht in kurzer Zeit alles herausfinden könnte, und er entließ seine Diener. Er hatte sich fest vorgenommen, erst abzuwarten, was bei der Untersuchung von Djia Schë und Vetter Dschën herauskam, und dann erst zu entscheiden, was zu tun war.
 
Einen Tag später saß er in seinem Studierzimmer und rechnete im Haushaltsbuch, als ein Diener herbeieilte, um ihn zu informieren, daß seine Präsenz am Hof verlangt würde. Djia Dschëng brach auf der Stelle voller Unruhe auf.  
 
Einen Tag später saß er in seinem Studierzimmer und rechnete im Haushaltsbuch, als ein Diener herbeieilte, um ihn zu informieren, daß seine Präsenz am Hof verlangt würde. Djia Dschëng brach auf der Stelle voller Unruhe auf.  
 
Um herauszufinden, ob das Urteil für ihn günstig oder eher schlecht war, muß man das nächste Kapitel lesen.
 
Um herauszufinden, ob das Urteil für ihn günstig oder eher schlecht war, muß man das nächste Kapitel lesen.
107. Aus weiser Großzügigkeit verteilt die Herzoginmutter ihren persönli­chen Besitz
 
Dank kaiserlicher Gunst empfängt Djia Dschëng den erblichen Rang und Titel seines Bruders.
 
 
Djia Dschëng kam am Palast an und begrüßte die verschiedenen Prinzen und Militär-Geheimräte, die versammelt waren, um ihn zu treffen.
 
„Seine Majestät hat uns angewiesen, Sie heute hierherzurufen“, sagte der Prinz von Bei-jing. „Ich befolge des Kaisers Befehl, um Sie zu befragen.“
 
Djia Dschëng kniete umgehend nieder und die Befragung wurde fortgesetzt: „War Ihnen bewußt, daß ihr älterer Bruder sich mit einem Beamten der Provinz zu seinem Vorteil verschworen hatte? Daß er seinen Einfluß mißbraucht und schutzlose Bürger schikaniert hat? Daß er seinem Sohn das Glücksspiel und ein nachlässiges Leben erlaubt hat und daß dieser Sohn mutwillig die Verlobte einer unschuldigen Person in sein Bett führte und sie zu Tode brachte, als sie sein Verlangen nicht stillen wollte? War Ihnen all das bekannt?“
 
Djia Dschën antwortete, so gut er konnte: „Seitdem ich Dank seiner Majestät Bildungskomissar wurde, war ich zunächst verpflichtet, Entlastungsmaßnahmen zu überwachen und dann, bei meiner Rückkehr nach Hause gegen Ende des letzten Winters, wurde ich von meinen Vorgesetzten abgeordnet, Sanierungsarbeiten zu überwachen und wurde anschließend als Getreide-Intendant in die Provinz Djianghsi berufen. Von dieser letzten Stellung kehrte ich unter Anklage in die Hauptstadt zurück und habe gerade meine frühere Position in der Arbeitsbehörde wieder angetreten. Ich habe mich wirklich bemüht, diese amtlichen Pflichten gründlich zu erfüllen. Doch ich fürchte, daß ich dabei völlig vernachlässigt habe, meinen eigenen Haushalt in Ordnung zu halten. Für diesen unentschuldbaren Fehler auf meiner Seite, für mein offensichtliches Versagen, meinen Söhnen und Neffen die richtigen Verhaltensgrundsätze beizubringen, für meine üble Undankbarkeit gegenüber dem Thron, kann ich nur darum bitten, daß seine Majestät mich mit der angemessenen Strenge bestrafen.“
 
Der Prinz von Bei-jing begab sich fort, um dies mit dem Kaiser zu besprechen und kehrte nach einem kurzen Moment mit dem Kaiserlichen Edikt zurück, welches er der versammelten Gesellschaft vortrug: „Wir haben eine Anklage vom Zensorat erhalten, die besagt, daß Djia Schë sich mit einem Beamten der Provinz verschworen hat und seinen eigenen Einfluß ausnutzte, um schutzlose Bürger zu schikanieren. Der Provinzbeamte, den der Zensor nannte, war der Präfekt von Ping-an. Djia Schë, so besagt es die Anklage, sprach sich mit dem Präfekten ab, um Einfluß auf die Untersuchung zu nehmen. Bei näherer Untersuchung bestätigte Djia Schë jedoch, daß der Präfekt tatsächlich mit ihm durch Heirat verwandt war und daß ihre Beziehung eine rein persönliche war. Der Zensor war weiterhin nicht in der Lage, diesen Teil der Anklage zu belegen. Ein anderer Teil wurde allerdings bestätigt, nämlich daß Djia Schë seinen persönlichen Einfluß benutzte, um einen Mann namens Schï Dai-Dsï zu nötigen, sich von einem antiquarischen Fächer zu trennen. Hierbei handelt es sich aber lediglich um Bagatellen und muß daher von den ernsten Fällen des Mißbrauchs getrennt werden. Der darauf folgende Selbstmord von Schï Dai-Dsï kann ebenso nur als Resultat seiner eigenen Exzentrizität gedeutet werden, und es ist unwahrscheinlich, daß er ‚in den Tod getrieben‘ wurde. Wir sehen uns also bereit, Djia Schë Nachsicht zu zeigen und ihn zum Strafdienst an einem Militärposten an der Grenze zu versetzen, wo er sich durch pflichttreuen Dienst freikaufen kann.
 
Mit Bezug auf die erste Klage, die gegen Djia Dschën hervorgebracht wurde, daß er gewaltsam die Verlobte eines unschuldigen Bürgers in sein Bett genommen und sie zu Tode gebracht habe, als sie seinen Willen nicht erfüllen wollte: Nach Begutachtung des eigentlichen Berichtes im Zensorat fanden wir heraus, daß die besagte Dame, ein gewisses Fräulein You Örl-djie, mit einem gewissen Dschang Hua verlobt wurde, als beide noch im Mutterleib waren. Die Hochzeit wurde nie gefeiert, tatsächlich wünschte Dschang selbst, daß sie auf Grund seiner eigenen Armut annuliert würde. Die Mutter von You Örl-djie war auch damit einverstanden, daß ihre Tochter als Konkubine genommen würde, nicht von Djia Dschën selbst, sondern von seinem jüngeren Vetter. Also war dies offensichtlich keine ‚gewaltsame Besitznahme’. Dann der Fall von Fräulein You San-djie: hier lautet die Anklage, daß sie nach ihrem Selbstmord geheim beerdigt und ihr Tod von den Behörden vertuscht wurde. Bei weiteren Untersuchungen wurde herausgefunden, daß dieses Fräulein You San-djie die jüngere Schwester von Djia Dschëns Frau war und daß ihre eigentliche Absicht war, eine Hochzeit für sie zu arrangieren. Die weit verbreiteten und bösen Gerüchte, die um ihre Person kursierten, ihre eigenen Gefühle der Scham und der Reue, sowie das Bestehen ihres Verlobten darauf, ihm die Brautgeschenke zurückzugeben, waren die eigentliche Ursache ihres Selbstmordes, keine schlechte Behandlung oder Nötigung auf Seiten Djia Dschëns. Als Träger der erblichen Position jedoch, verdient Djia Dschën, für die Unkenntnisse über das Gesetz schwer bestraft zu werden, und für seinen Fehler, die Beerdigung einer verschiedenen Person nicht berichtet zu haben. In Anbetracht der Tatsache, daß er der Nachkomme eines Adeligen und somit eine auserwählte Person ist, können wir nicht die schwere Strafe verhängen, die das Gesetz vorsieht, sondern bewahren unsere Diskretion, womit wir ihn verurteilen, seines erblichen Titels enthoben und an die Küste geschickt zu werden, wo er seine Schuld durch gehorsame Pflichterfüllung abarbeiten kann. Djia Jung, der zu jung ist, um in die Angelegenheiten ver­wickelt zu sein, wird freigesprochen. Djia Dschëng hat über viele Jahre Posten in der Provinz besetzt, in welchen er gewissenhaft und weise diente und er wird von den Konsequenzen seines Versagens, seinen Haushalt richtig zu führen, entbunden.“
 
Djia Dschëng reagierte mit Tränen der Dankbarkeit auf das Edikt und verbeugte sich hastig, zuerst in Richtung des Kaiserlichen Throns, dann in Richtung des Prinzen, welchen er bat, dem Kaiser seine demütigste Erge­ben­heit zu übermitteln.
 
„Danke dem Himmel“, sagte der Prinz, „es besteht kein Bedarf für weiteres.“ –
 
„Meine Dankbarkeit gegenüber Seiner Majestät, mich so großzügig der Schuld entbunden und meinen Teil des Familieneigentums bewahrt zu haben, kennt keine Grenzen“, sagte Djia Dschëng, „ich habe ein wirklich schlechtes Gewissen. Bitte erlaubt mir, dem Kaiser all meine geerbten Güter und angesammeltes Eigentum zu überlassen.“ –
 
„Seine Majestät ist gegenüber seinen Untertanen in der Tat human und einfühlsam. Er ist weise und anspruchsvoll in seinen Urteilen und täuscht sich nie, weder bei der Belohnung von Rechtschaffenheit noch bei der Bestrafung des Lasters. Dadurch, daß Sie Ihr Eigentum wiedererlangt haben, wurde Ihnen eine ausgezeichnete Ehre zu Teil. Auf Ihrer Seite ist nun keine weitere Geste erforderlich.“
 
Die anderen Edelleute  stimmten überein.
 
So verbeugte sich Djia Dschëng wieder, zuerst in Richtung des Kaisers und dann zu dem Prinzen und verließ den Palast. Er eilte dann nach Hause, um der Herzoginmutter die Neuigkeiten zu überbringen, da er wußte, mit welchem Bangen seine Rückkehr erwartet wurde. Der gesamte Haushalt der Familie Djia, Männer und Frauen, wartete ängstlich am Eingang des Jung-guo-Anwesens, um das Ergebnis seiner Besprechung zu vernehmen und seufzten tief vor Erleichterung, als sie ihn sicher nach Hause kommen sahen. Niemand wagte es, ihn zu fragen, als er an ihnen vorbei direkt in die Gemächer der Herzoginmutter eilte. Er berichtete ihr die Einzelheiten des letzten Erlasses. Die Herzoginmutter war zwar erleichtert darüber, daß einige Anklagepunkte wegfielen, war aber verständlicherweise bestürzt darüber zu erfahren, daß zwei Titel der Familie verloren und daß Djia Schë und Vetter Dschën beide zu Strafdiensten verurteilt worden waren. Die Dame Hsing und You-schï brachen einfach zusammen, als sie die Neuigkeiten vernahmen.
 
„Mach’ dir keine Sorgen, Mutter“, flehte Djia Dschëng, „obwohl Bruder Schë an der Grenze dienen muß, dient er immer noch dem Reich und wird nicht schlecht behandelt. Wenn er sich lobenswert beträgt, wird er vollständig wieder eingesetzt. Und Dschën ist immer noch ein junger Mann und ein wenig harte Arbeit wird ihm gewiß nicht schaden. Eine solche Lehre hätten wir ihm früher oder später ohnehin erteilen müssen. Wir können nicht ewig die Lorbeeren unserer Ahnen ernten.“
 
Er fügte noch mehr Worte dieser Art hinzu, welche die Herzoginmutter trösteten. Dennoch hatte sie Djia Schë nie besonders gemocht, und Vetter Dschën war nicht ihr eigener Enkel. Doch die Dame Hsing und You-schï waren untröstlich.
 
‚Wir sind ruiniert!‘, dachte die Dame Hsing bei sich. ‚Wenn mein Mann in seinem Alter noch ins Exil geschickt wird, an wen kann ich mich dann wenden? Liän ist zwar mein Sohn, doch er fühlte sich immer mehr zu seinem Onkel Dschëng hingezogen als zu seinem eigenen Vater. Nun, da wir alle mit Dschëng verwandt sind, müssen sich Liän und Hsi-fëng noch mehr dieser Seite der Familie zuwenden. Ich werde völlig verlassen sein. Für meine letzten Tage erwartet mich nichts als Einsamkeit und Kummer, das ist nichts Gutes.‘
 
Neben Djia Dschën war seine Frau You-schï schon immer allein für das Ning-guo-Anwesen verantwortlich. Sie war die einzige in der Familie, die sich den Respekt der Angestellten erworben hatte. Sie und Vetter Dschën hatten darüber hinaus eine schöne Hochzeit gehabt. Nun wurde er unehrenhaft fortgeschickt, ihr gesamter Besitz wurde beschlagnahmt, und sie würden gezwungen sein, im Jung-guo Zweig um Unterstützung zu bitten. Die Herzoginmutter liebte sie zwar sehr, doch immer noch mußte sie im fremden Haushalt leben, und sie müßte Djie Yüän und Pei-fëng erziehen, nicht zu vergessen das Ehepaar Jung-örl und seine Frau, die keine Menschen waren, um einen eigenen Haushalt zu führen.
 
‚Es war wirklich Liäns Schuld, daß meine Schwestern so übel enden mußten‘, dachte sie, ‚und trotzdem haben Liän und Hsi-fëng unversehrt überlebt, während wir in diese verzweifelte Lage gebracht wurden, wie könnte man da noch weiterleben?‘
 
Die Herzoginmutter war sehr betroffen von You-schïs untröstlichem Schluchzen und wandte sich an Djia Dschëng, um ihn zu fragen: „Jetzt, da ihr Urteil gesprochen ist, haben Bruder Schë und der junge Dschën die Erlaubnis, nach Hause zu kommen? Jung wurde frei gesprochen, deshalb nehme ich an, daß er freigelassen wird.“ –
 
„Eigentlich sind solche Besuche nicht erlaubt“, antwortete Djia Dschëng. Doch ich habe mich bereits danach erkundigt, ob Bruder Schë und Vetter Dschën als persönliche Gunst Vorbereitungen für ihre Abreise treffen dürften, und die Strafbehörde hat gnädigerweise ihre Zustimmung gegeben. Ich nehme an, daß Jung-örl mit seinem Vater und Großvater zusammen her­aus­kommt. Jetzt mach’ dir bitte keine Sorgen mehr, Mutter. Ich werde alles für sie tun, was ich kann.“ –
 
„Ich werde langsam alt und greisenhaft“, sagte die Herzoginmutter unter Tränen. „Vor Jahren habe ich mich zuletzt nach den Familienfinanzen erkundigt. Ich weiß, daß alles im Ning-guo-Anwesen beschlagnahmt wurde, und das schließt auch das Haus selbst mit ein. Auf unserer Seite wurden deinem Bruder Schë und Liän auch alle Sachen genommen. Nun, sag’ es mir besser jetzt: Wieviel Geld haben wir übrig? Und was sind unsere Anwesen in den östlichen Provinzen wert? Wenn die beiden gehen müssen, werden wir ihnen ein paar Tausend Silbertael mit auf den Weg geben.“
 
Djia Dschëng saß in der Falle.
 
‚Wenn ich die Wahrheit sage‘, dachte er bei sich, ‚wird es ein großer Schock für sie. Doch wenn ich es geheim halte, weiß der Himmel allein, wie wir unseren derzeitigen Bedarf decken können, geschweige denn in der Zukunft.‘
 
„Hättest du besser nicht gefragt, Mutter“, begann er, „ich hätte dich niemals damit belästigt. Doch seit du gefragt hast und Liän da ist, bin ich verpflichtet zu sagen, daß ich gestern die Familienkonten überprüft und die Wahrheit entdeckt habe. Sie lautet wie folgt: Unsere Kassen sind seit langer Zeit völlig leer. Abgesehen davon, daß alles ausgegeben ist, haben wir sogar draußen erhebliche Schulden. Irgendwie muß ich ohne Verzögerung an Geld gelangen, um die Beamten zu besänftigen, die in Bruder Schës Fall verwickelt waren. Ohne ein solches Eingreifen, fürchte ich, werden sie beide leiden, trotz der großzügigen Anordnungen Seiner Majestät. Ich bin immer noch nicht sicher, wie man an das Geld kommen könnte. Auf die östlichen Anwesen kann man sich nicht verlassen. Die Mieteinnahmen für das kommende Jahr reichen nicht, um die Löcher zu stopfen. Unser einziger Rückhalt wird sein, Kleidung und Schmuck, die wir glücklicherweise noch besitzen, zu verkaufen und den Ertrag davon Bruder Schë und Vetter Dschën mit auf den Weg zu geben. Wie wir selber dann zurecht kommen werden, ist wieder ein ganz anderes Problem.“
 
Die Herzoginmutter brach noch einmal in ein Flut von Tränen aus: „Ist es wirklich so hoffnungslos? Sind wir so tief gefallen? Ich habe so etwas niemals erlebt. Ich kann mich an meine eigene Familie in längst vergangenen Tagen erinnern. Sie waren zehnmal größer als wir, dennoch konnten sie jahrelang über ihre Verhältnisse leben. Und sogar am Ende befiel sie kein solches Unglück. Es kam eher allmählich. Erst nach ein oder zwei Jahren waren sie am Ende. Doch wie du es beschreibst, werden wir die ein oder zwei Jahre nicht mehr überstehen!“
 
„Wenn wir doch nur die zwei geerbten Güter hätten, auf die wir zurückgreifen könnten“, sagte Djia Dschëng, „dann könnten wir einen Kredit aufnehmen. Doch wie die Dinge im Moment stehen, wird uns niemand Geld leihen.“
 
Auch seine Wangen waren nun tränenüberströmt. „Es hat keinen Sinn, unsere Verwandten um Hilfe zu bitten“, fuhr er fort, „diejenigen, die uns helfen würden, haben selber kein Geld und diejenigen, die welches haben, wollen uns nicht helfen. Ich habe die Konten gestern nicht auf jede Einzelheit überprüft, doch ich habe das Register der Haushaltsbesetzung überflogen. Wir können uns kaum selber am Leben halten, wie erst dann eine solche Menge an Dienern?“
 
Diese letzten Einzelheiten in Djia Dschëngs Bericht über die finanzielle Misere versetzten die Herzoginmutter in noch tiefere Schwermut. Zur selben Zeit kamen Djia Schë, Vetter Dschën und Djia Jung an und begrüßten sie. Sie sah die drei, nahm Djia Schë an der Hand, Vetter Dschën an der anderen und brach in Schluchzen aus. Die zwei Männer neigten ihren Kopf vor Scham und fielen, als sie die Herzoginmutter weinen sahen, auf ihre Knie und weinten: „Wir haben die Familie entehrt! Wir haben die Titel unserer Vorväter verloren! Wir haben dir Kummer bereitet! Wir sind noch nicht einmal wert, nach unserem Tod beerdigt zu werden!“
 
Ein Chor des Jammerns erfüllte nach diesen Worten den Raum.
 
„Nun kommt schon“, drängte Djia Dschëng, „wir dürfen keine Zeit damit verlieren, eine Möglichkeit zu überlegen, um ihnen Geld anzubieten. Sie können höchstens ein bis zwei Tage bei uns bleiben.“
 
Die Herzoginmutter gab ihr Bestes, um ihren Kummer zurückzuhalten. „Geht, ihr beide“, sagte sie, ihre Tränen zurückhaltend, „und sprecht mit euren Frauen!“ Sie wandte sich an Djia Dschëng: „Es darf keinen Aufschub geben, und ich sehe, es bringt nichts, sich etwas zu leihen. Wir haben so wenig Zeit. Ich muß selbst etwas tun. Oje, das ist alles so schrecklich verwirrend! Die Dinge können einfach nicht so weitergehen!“
 
Sie rief Yüan-yang zu sich und schickte sie mit Anweisungen fort. Djia Schë und Vetter Dschën verließen währenddessen den Raum und sprachen draußen tränenreich mit Djia Dschëng, drückten dabei ihr Bedauern für ihren damaligen Eigensinn aus und sahen kummervoll dem Exil entgegen, das ihnen bevorstand. Sie gingen hinüber und wehklagten bei ihren Frauen. Djia Schë wurde langsam alt, und die Aussicht auf Trennung für ihn und seine Gattin, die Dame Hsing, war weniger erschütternd als für Vetter Dschën und You-schï.
 
Djia Liän und Djia Jung hielten die Hände ihres Vaters und weinten an seiner Seite. Grenzdienst war eine weniger schlimme Strafe als militärische Verbannung, doch es war immer noch eine lange und schwere Geduldsprobe. Sie konnten nur versuchen, sich dem mit Magenschmerzen so gut wie möglich zu fügen.
 
Die Herzoginmutter trug der Dame Hsing, der Dame Wang, Yüan-yang und einem Schwarm von Mägden auf, jede einzelne ihrer Truhen und Kisten der drei Herrinnen zu durchsuchen und allen persönlichen Besitz, den sie seit ihrer Eheschließung über die Jahre angesammelt hatten, zu holen. Dann rief sie Djia Schë, Djia Dschëng, Vetter Dschën und alle anderen Männer zu sich, um bei ihrer Verteilung zugegen zu sein. Sie begann damit, Djia Schë dreitausend Silbertael zu geben.
 
„Du wirst zweitausend mit dir nehmen“, sagte sie, „für die Reise und weitere Ausgaben, und eintausend überläßt du deiner Frau. Diese dreitausend sind für dich, Dschën. Du nimmst eintausend mit dir und überläßt deiner Frau zweitausend. So sind sie, auch wenn sie hier bei uns leben, immer noch unabhängig und in der Lage, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Ich selbst kümmere mich um die Hochzeit von Hsi-tschun. Und nun Hsi-fëng. Es tut mir leid für sie, sie hat sich so lange so viel Mühe gegeben und endet nun mittellos. Sie soll auch dreitausend Tael bekommen, und es soll alles für ihren Gebrauch sein und wird Liän nichts davon geben. Ich weiß, daß sie jetzt zu krank und nicht in der Lage ist, es selbst in Empfang zu nehmen, deshalb wird Ping-örl es ihr bringen.“
 
„Hier sind einige Umhänge, die meinem Mann gehörten und einige Kleider und Schmuck, die ich trug, als ich noch jung war – Ich brauche sie nicht mehr. Die Männerkleider können unter Schë, Dschën, Liän und Jung aufgeteilt werden. Ihre Frauen teilen sich die Damenkleider. Diese fünfhundert Silbertael sind für Liän, um den Transport von Fräulein Dai-yüs Sarg in den Süden zu bezahlen.“
 
Als die Verteilung vollendet war, wandte sie sich an Djia Dschëng: „Die  Schulden,  die  du  erwähntest,  müssen  umgehend  beglichen  werden.
 
 
Aus: Jinyuyuan 1889a.
 
Nimm dazu bitte dieses Gold! Die vorgefallenen Untaten zwingen mich zu solch drastischen Mitteln, doch glaube nicht, daß ich vergessen habe, daß du mein Sohn bist. Du wirst deinen Anteil zur rechten Zeit erhalten. Bau-yü ist verheiratet und kann behalten, was hier übrig ist – Gold und Silber im Wert von einigen tausend Tael. Und Li Wan: sie war mir immer eine so pflichtbewußte Schwiegerenkelin, und die kleine Lan ist ein so süßes Kind. Hier ist auch etwas für sie. So, nun bin ich am Ende.“
 
Djia Dschëng war zu Tränen gerührt, als er sah, wie genau sie alles ausgearbeitet hatte.
 
„Wir haben versagt, Mutter!“, schluchzte er, fiel dann auf die Knie, „wir haben unsere Sohnespflichten dir gegenüber in deinem Alter verfehlt. Und trotzdem bist du noch so großzügig! Wir schämen uns so, daß wir am liebsten im Boden versinken würden!“
 
„Ach, Unsinn!“, rief die Herzoginmutter, „wäre diese Krise nicht gekommen, hätte ich es für mich selbst behalten! Doch laßt uns ernst sein: unser Hausstand ist zu umfangreich. Du bist der letzte hier mit einer amtlichen Stellung, Dschëng, deshalb brauchen wir nicht mehr als ein paar Diener. Sagt den Verwaltern, sie sollen den Hausstand zusammenrufen und alles Nötige klären. Jede Einrichtung muß mit so wenig Dienern wie möglich auskommen. Wäre unser Haushalt konfisziert worden, was wäre dann gewesen? Dasselbe gilt für die Gemächer der Damen. Für einige Mägde müssen wir Ehemänner finden und die anderen abfinden und ihnen die Freiheit zurückgeben. Und obwohl uns der Besitz geblieben ist, denke ich immer noch, es wäre das Beste, den Garten abzugeben. Liän sollte der Auftrag gegeben werden, die ländlichen Güter zu bewerten. Manche können verkauft werden, manche werden aufrecht erhalten, wie es eben passend scheint. Weiterhin wird es in Zukunft keinen Prunk mehr geben, keine falsche Fassade. Wir müssen realistisch sein. Und eine weitere Sache sollte ich erwähnen. Wir haben immer noch etwas Geld, das der Familie Dschën in Djiangnan gehört. Es wird bei deiner Frau sicher sein, Dschëng. Es sollte jemand geschickt werden, der es ihnen direkt bringt. Wenn uns noch etwas anderes zustoßen sollte, würden wir sie nur noch in weiteren Ärger verwickeln, wir müssen ja nicht vom Regen in die Traufe kommen.“
 
Djia Dschëng, der sich seiner kläglichen Unfähigkeit in solchen Angelegenheiten bewußt war, murmelte reuevoll: „Ja, Mutter“ zu all diesen deutlichen, praktischen Anweisungen, dachte aber bei sich: „Was für ein Organisationstalent sie hat! Und was für wertlose Stümper wir im Gegensatz dazu sind!“
 
Er konnte sehen, daß die Herzoginmutter müde war, und bat sie, sich hinzulegen und auszuruhen.
 
„Das wenige, was ihr seht, ist alles, was mir geblieben ist“, sagte sie. „Wenn ich sterbe, könnt ihr damit meine Beerdigung bezahlen und den Rest meinen Mägden geben.“
 
Als Djia Dschëng und die anderen das hörten, waren sie noch bedrückter und fielen auf die Knie.
 
„Bitte gönne dir etwas Ruhe, Mutter. Es wird die Zeit kommen, daß wir deinen Segen empfangen und wieder die Gunst Seiner Majestät erwerben, dann werden wir alles tun, um unsere vergangenen Fehler zu begleichen, das Glück der Familie wiederherzustellen und dich bis in dein hundertstes Jahr zu unterstützen.“
 
„Wenn ihr das nur irgendwie wieder gut machen könntet“, sagte die Herzoginmutter, „dann kann ich unseren Ahnen nach meinem Tod mit Stolz gegenübertreten. Denkt nicht, daß ich nur ein angenehmes Leben führen kann und Armut fürchte! So ist es nicht. In den letzten Jahren erschient ihr so wohlhabend, und ich war froh, nicht zu stören, bei Laune zu bleiben und meinen eigenen Tätigkeiten nachgehen zu können. Ich hätte mir uns nicht einen Moment in einer so einer heiklen Situation vorstellen können. Ich hatte nicht erwartet, daß Ihr an unsere Ahnen heranreicht, doch ich dachte, wir könnten zumindest den Standard halten. Ich hatte nie gedacht, daß die beiden Verbrecher werden.“
 
Während die Herzoginmutter ihren Monolog hielt, platzte Fëng-örl ins Zimmer und wendete sich aufgeregt an die Dame Wang: „Oh, Herrin! Frau Liän hörte heute morgen die Neuigkeiten vom Hof und weinte so heftig, daß sie keine Luft mehr bekommt. Ping-örl schickt mich, es Sie wissen zu lassen.“
 
„Wie geht es Frau Liän?“, fragte die Herzoginmutter, bevor sie zu Ende gesprochen hatte. „Heute überhaupt nicht gut“, antwortete die Dame Wang für Fëng-örl.
 
„Alle“, rief die gnädige Frau und erhob sich schwerfällig. „sind der Fluch meines Lebens! Sie wollen mich nur ins Grab bringen!“
 
Sie bat eine ihrer Mägde, ihr zu helfen und kündigte an, daß sie Hsi-fëng selbst einen Besuch abstatten werde. Djia Dschëng wollte sie zurückhalten und bemühte sich, sie zu beruhigen:
 
„Das ist viel zuviel Streß für dich, Mutter. Du hast dich schon damit verausgabt, eine Lösung für unsere Probleme zu finden. Du mußt dir selbst wirklich etwas Ruhe gönnen. Ich bin sicher, meine Frau wird hinüber gehen und nach Hsi-fëng sehen. Es gibt keinen Grund, dich weiteren Kümmernissen auszusetzen. Wenn dir irgendetwas Ernstes passiert, wie könnte ich mir das jemals verzeihen?“
 
„Ihr könnt nun alle gehen“, ordnete die Herzoginmutter an. „Kommt etwas später wieder! Es gibt da noch einige Dinge, die ich Euch sagen möchte.“
 
Djia Dschëng, dessen Versuch, sie als ihr Sohn zu trösten, fehlgeschlagen war, wagte nicht, noch ein Wort zu sagen. Er ging hinaus, um die Vorbereitungen für die Abreise der Verbannten zu überwachen und wies Djia Liän an, Diener auszusuchen, die sie begleiten sollten.
 
Yüan-yang versammelte eine Gruppe von Dienstmädchen, um Hsi-fëngs Anteil an den Geschenken der Herzoginmutter zu tragen und letztere in Hsi-fëngs Gemächer zu begleiten. Hsi-fëng war sehr schwach und kaum bei Bewußtsein, während Ping-örls Augen vom Weinen rot und geschwollen waren. Als sie hörte, daß die Herzoginmutter und die Dame Wang in Begleitung von Bau-yü und Bau-tschai auf dem Weg zu ihr waren, eilte Ping-örl ängstlich hinaus, um sie zu grüßen.
 
„Wie geht es ihr jetzt?“, fragte die Herzoginmutter, als sie Ping-örl sah.
 
Ping-örl befürchtete, die alte Dame zu erschrecken. „Ein wenig besser, gnädige Frau.“
 
Sie führte die Gesellschaft herein, eilte an Hsi-fëngs Bett und zog vorsichtig die Bettvorhänge zur Seite. Hsi-fëng öffnete ihre Augen. Als sie sah, daß die Herzoginmutter das Zimmer betreten hatte, schämte sie sich. Zuvor war sie zu dem Schluß gekommen, daß sich die ganze Familie gegen sie gewandt hatte, daß sich niemand mehr um sie sorgte, daß es allen gleichgültig war, ob sie lebte oder tot sei. Und jetzt kam die Herzoginmutter persönlich vorbei, um sie zu besuchen. Ihr Herz war erleichtert und die angestaute Luft schien entweichen zu können, sie strengte sich sogar an, sich aufzusetzen; doch die Herzoginmutter trug Ping-örl auf, sie wieder hinzulegen.
 
„Beweg dich nicht“, sagte sie zu Hsi-fëng, „fühlst du dich jetzt ein biß­chen besser?“
 
Hsi-fëng hielt ihre Tränen zurück und sagte. „Seit ich als junge Braut hierher gekommen war, haben du, Mutter und Tante Wang mich geliebt. Wie grausam war ich vom Schicksal verfolgt, ich habe darin versagt, dir und Tante Wang gegenüber meine Pflichten zu erfüllen, dennoch behandelt ihr mich gut und habt mich den Haushalt organisieren lassen. Doch ich habe den Haushalt ins Chaos gestürzt. Ich habe vor Dir und der Tante das Gesicht verloren. Ich verdiene es wirklich nicht, daß ihr mich heute besucht. Ich fürchte, der Himmel wird mich dafür bestrafen, indem er mir die letzten zwei der drei Tage nimmt, die mir noch zum Leben übrig bleiben.“
 
Sie schluchzte heftig.
 
„Diesen ganzen Unsinn haben andere angefangen,“ tröstete sie die Herzoginmutter. „Es hat nichts mit dir zu tun. Ich weiß, daß etwas von deinem Besitz beschlagnahmt wurde, doch sorge dich nicht: Ich habe dir einige Geschenke mitgebracht, sieh selbst!“
 
Sie wies eines der Dienstmädchen an, die Geschenke vor ihr auszubreiten. Besitztümer hatten Hsi-fëng immer viel bedeutet und der plötzliche Verlust all ihrer weltlichen Güter hatte ihr einen schweren Schlag versetzt. Sie hatte sich selbst mit dem Gedanken gequält, daß jeder in der Familie ihr die Schuld für das gab, was vorgefallen war. Als sie zwischen Leben und Tod schwebte, kam sogar die Herzoginmutter und die Dame Wang vorbei und beruhigten sie. Und war nicht auch Djia Liän nichts passiert? Hsi-fëng fühlte sich etwas erleichtert und verneigte sich von ihren Kissen aus vor der Herzoginmutter: „Bitte mach’ dir um mich keine Sorgen, Großmutter! Wenn ich weiterhin deinen Segen genießen kann und meine Gesundheit sich erholt, werde ich voller Freude eure Dienstmagd für schwere Arbeiten sein, mein Herz und meine Seele hingeben, um dir und Tante Wang zu dienen.“
 
Diese demütige Dankbarkeit ging der Herzoginmutter ans Herz, sie brach zusammen und weinte. Bau-yü folgte umgehend darauf. So eine Familienkrise hatte er noch nie erlebt. Sein Leben hatte bis dahin aus friedlichen und angenehmen Beschäftigungen bestanden, und er war stets von allem wirklichen Leid ferngehalten worden. Doch jetzt sah er, wohin er auch blickte, nur Kummer und Leid. Erst jetzt wurde ihm seine eigene Beschränktheit vor Augen geführt; und wenn er jemand anderes weinen sah, tat er es ihm automatisch gleich.
 
Als sie sah, in welch kümmerlichem Zustand ihre Besucher waren, nahm sich Hsi-fëng zusammen, um ein paar heitere Worte zu sagen und bat dann die Herzoginmutter und die Dame Wang, in ihre Gemächer zurückzukehren; sie versprach, nach ihrer Genesung umgehend vorbeizuschauen. Dabei erhob sie ihren Kopf schwach vom Kissen. „Paß gut auf sie auf!“, trug die Herzoginmutter Ping-örl auf. „Und wenn es euch an irgend etwas mangelt, laßt es mich wissen.“
 
Sie nahm die Dame Wang mit zurück in ihre eigenen Gemächer. Auf ihrem Weg konnte sie aus jedem Winkel Gejammer hören. Das war mehr, als sie ertragen konnte. Sie schickte die Dame Wang fort und wies Bau-yü an, sich von seinem Onkel Schë und Vetter Dschën zu verabschieden und danach sofort zurückzukommen.
 
Völlig allein ließ sie sich nun auf ihr Bett fallen und weinte. Yüan-yang versuchte auf alle erdenklichen Arten, sie zu trösten, und schließlich schlief die Herzoginmutter ein.
 
Verständlicherweise sahen Djia Schë und Vetter Dschën ihre bevorstehends Verbannung mit wenig Begeisterung. Die zu ihrer Begleitung ausgewählten Männer waren ebenfalls unwillig zu gehen und beklagten sich bitter über ihr Los. Im Leben verlassen zu werden ist in Wahrheit noch schmerzhafter, als durch den Tod getrennt zu werden, und das Verfolgen eines solchen Abschieds ist meist noch trauriger als der eigentliche Abschied selbst. Das Jung-guo-Anwesen, einst ein so strahlender Ort der Vornehmheit, war nun von Jammern und Klagen erfüllt.
 
Djia Dschëng war gewöhnlich ein großer Verfechter von Formalitäten, und so fuhr er trotz allem fort, Djia Schë den ernsten Respekt entgegen zu bringen, der einem älteren Bruder gebührte. Die zwei Brüder reichten sich daheim die Hände, und Djia Dschëng ritt dann vor hinter die Stadtmauer und wartete dort, um rituell das Glas Wein zum Abschied zu trinken. Er ermahnte Djia Schë, sich an die Erwartungen zu erinnern, die der Staat ihm wegen seiner Vorfahren entgegenbrachte und sich dessen würdig zu erweisen. Djia Schë und Vetter Dschën wischten sich die Tränen aus den Augen und begaben sich auf den Weg zu ihren verschiedenen Reisezielen.
 
Djia Dschëng kehrte mit Bau-yü zurück nach Hause.
 
 
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Kapitel 106

王熙凤致祸抱羞惭 / 贾太君祷天消祸患

Wang Hsi-fëng hat ein schlechtes Gewissen ob früherer VergehenDie Herzoginmutter betet zum Himmelsgott und versucht, das Unglück zu vertreiben.

Als Djia Dschëng hörte, daß es der Herzoginmutter nicht gut ging, eilte er direkt zu ihren Gemächern. Er sah, daß sie aufgeregt und unregelmäßig atmete. Die Dame Wang brachte sie mit Hilfe von Yüan-yang und den anderen Mägden wieder zu sich. Sie verabreichten ihr eines ihrer Duftsprühmittel und Beruhigungspillen, was etwas für Erleichterung sorgte. Doch sie blieb traurig und weinte. Djia Dschëng stand ihr zur Seite, versuchte sie zu trösten und zu beruhigen: „Deine Söhne haben dieses Unglück über die Familie gebracht und dir diesen Kummer bereitet, Mutter. Bitte beruhige dich und gib uns Zeit, daß wir uns um alles kümmern können. Wenn du dadurch erkrankst, ist unsere Schuld nicht mehr zu ertragen!“ „Ich bin jetzt über achtzig“, antwortete die Herzoginmutter, „und seit dem Tag, als ich als junges Mädchen herkam und mit eurem Vater verheiratet wurde, habe ich ein behütetes Leben geführt. Von den Ahnen der Familie wurde ich gesegnet und beschützt. Nie zuvor habe ich auch nur von solchen schlimmen Dingen wie diesen gehört. Nun bin ich alt und sehe, daß Ihr bestraft werdet. Wie könnte ich das ertragen? Lieber sterbe ich und laß Euch in Ruhe.“ Wieder brach sie in Tränen aus, und Djia Dschëng wurde immer besorgter um ihren Zustand. Plötzlich hörte man draußen eine Stimme rufen: „Neuigkeiten vom Hof für den Herrn!“ Djia Dschëng eilte hinaus. Ein Gehilfe des Prinzen von Bee-djing wartete in der Hauptempfangshalle auf ihn und begrüßte ihn mit den Worten: „Gute Nachrichten, Herr!“ Djia Dschëng dankte dem Gehilfen für sein Kommen und bat ihn, sich zu setzen. „Was befiehlt ihre Hoheit?“, fragte er. „Mein Herr und Ihre Hoheit der Prinz von Hsi-ping haben seiner Majestät einen Bericht vorgelegt und sprachen zu Ihren Gunsten, Herr, betonten Ihre Reue und Ihre große Anerkennung der Milde, die Ihnen vom Thron erwiesen wurde. Seine Majestät war äußerst mitfühlend und aufmerksam wegen des kürzlichen Ablebens der kaiserlichen Nebenfrau. Er brachte es nicht über sich, Euch zu bestrafen. Stattdessen setzt er Euch auf Eure frühere Position als Untersekretär an die Arbeitsbehörde zurück. Von dem beschlagnahmten Familieneigentum wird nur jenes von Herrn Schë beschlagnahmt behalten. Der Rest wird Euch zurückgegeben. Seine Majestät verlangt von Euch, die Euch auferlegten Pflichten gewissenhaft und treu auszuführen. Die beschlagnahmten Schuldscheine werden von meinem Herrn persönlich überprüft. Schuldscheine mit Wucherzinsen werden nach dem Gesetz umgehend konfisziert. Schuldscheine, die vernünftige Raten beinhalten, sowie Besitzurkunden für Häuser und Ländereien werden alle an Sie zurückgegeben. Djia Liän werden seine Stellung und sein Rang entzogen, er wird allerdings von weiteren Bestrafungen verschont und freigelassen.“ Djia Dschëng erhob sich von seinem Stuhl und verbeugte sich in die vorgesehene Richtung, aus Dank für die kaiserliche Großzügigkeit. Er verneigte sich auch vor dem Gehilfen, um seine tiefempfundene Dankbarkeit für das Eingreifen des Prinzen zu seinen Gunsten zu zeigen. „Seid so gut und übermittet Seiner Hoheit meinen allergrößten Dank. Morgen werde ich am Hof erscheinen, um Seiner Hoheit meine Dankbarkeit persönlich zu erweisen.“ Der Gehilfe des Prinzen brach auf. Kurz darauf erschien ein Beamter, um den Erlaß vorzutragen. Gefolgt von Beamten, die alle Anweisungen sorgfältigst ausführten, die Dokumente einzeln überprüften, nur das konfiszierten, was angegeben war, und den Rest den Eigentümern zurückgaben. Djia Liän wurde freigelassen, während Djia Schës Hausstand und seine Angestellten alle in Staatseigentum übergingen bzw. in den öffentlichen Dienst übernommen wurden. Djia Liäns Position war nicht zu beneiden. Einige der Dokumente wurden zurückgegeben und von seinem anderen Eigentum wurde nichts beschlagnahmt, doch seine Gemächer waren durchwühlt und geplündert. Nichts als die bloßen Möbel waren an ihrem Platz geblieben. Seine anfängliche Erleichterung darüber, frei und der befürchteten Strafe entgangen zu sein, ging über in ein tiefes Gefühl des Verlustes, wenn er sah, wie sein eigener und Hsi-fëngs Besitz – alles zusammen mit einem Wert von siebzig- bis achtzigtausend Goldtaler – an einem einzigen Morgen verschwunden war. Die Verhaftung seines Vaters, Hsi-fëngs lebensbedrohlicher Gesundheitszustand: Das war zuviel für ihn. Und nun mußte er Djia Dschëng Rechenschaft ablegen, der ihn einbestellte und, sein Schluchzen unterdrückend, ausschalt: „Ich war viel zu oft mit meinen amtlichen Pflichten beschäftigt und habe den Familienangelegenheiten überhaupt zu wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht. Deshalb habe ich dich und deine Frau den Haushalt führen lassen. Ich kann deinem Vater Vorhaltungen über seine falsche Erziehung machen, doch dieser Wucher, der ans Licht gekommen ist – wer um Himmels willen ist dafür verantwortlich? Familien wie unsere haben mit so etwas nichts zu schaffen. Die Dokumente wurden konfisziert und Aufträge und Zinsen sind verfallen: doch es ist nicht das Geld, es ist der unglaubliche Schlag, den es unserem Ruf versetzt hat!“ Djia Liän fiel auf seine Knie: „Ich habe mich immer um die Familienangelegenheiten gekümmert, doch ich habe nie privat etwas zurückbehalten. Alle Konten wurden von den Verwaltern Lai Da, Wu Hsin-deng, Dai Liang und den anderen geführt. Bitte bestelle sie her, und höre die Wahrheit aus ihrem Munde. In den letzten Jahren waren unsere Ausgaben viel höher als unser Einkommen, und es gab Defizite in den Konten, die ich bislang nicht ausgleichen konnte, unabhängig von den Schulden, die ich noch zu bewältigen hatte. Tante Wang wird dir davon erzählen können. Und was das geliehene Geld betrifft, so habe ich keine Vorstellung davon, wo das herkommen könnte. Frag’ doch besser Dschou Juee und Wang Örl.“ – „Du willst mir damit also sagen, daß du nicht weißt, was in deinen eigenen Gemächern vor sich ging, und daß du den ganzen Haushalt allein ließest! Ich sollte besser nicht weiter mit dir darüber reden. Schätze dich selbst glücklich, daß du so einfach davongekommen bist. Jetzt bewegst du dich besser und siehst nach, was mit deinem Vater und Vetter Dschën los ist.“ Djia Liän fühlte sich sehr streng behandelt, doch hielt er seine Tränen zurück und folgte gehorsam den Anweisungen seines Onkels. Ganz allein gelassen sann Djia Dschëng tief seufzend über diese Familientragödie: ‚Es war vergebens, daß mein Großvater und mein Großonkel dem Thron so loyal dienten, der Familie große Ehre und erbliche Titel erwarben. Jetzt sind unsere beiden Haushalte entehrt, beide Titel wurden uns genommen. Und auf weitere Sicht sehe ich keine Ruhepause, keinen aufsteigenden Stern in der jüngeren Generation! Gütiger Himmel! Dank einer Handlung außerordentlicher Großzügigkeit auf Seiten Seiner Majestät wurde ich verschont und habe mein Eigentum zurückerhalten. Doch beide Haushalte müssen sich nun zusammenraufen, und wie könnte ich das alleine bewältigen? Die letzte Offenbarung von Liän war ein weiterer schmerzlicher Schlag. Nicht nur, daß wir keine Rücklagen haben, hinzu kommen noch Schulden. Wir haben offensichtlich über Jahre unwissend über unsere Verhältnisse gelebt! Und alles wegen meiner Dummheit. Ich hasse mich. Wie konnte ich nur so blind sein? Wenn nur [mein ältester Sohn] Dschu-örl noch leben würde! Dschu hätte mich wenigstens unterstützen können. Doch Bau-yü, obwohl er mein Sohn und nun erwachsen ist, wird mir keine Stütze sein.’ Während dieses stillen Monologes mußte Djia Dschëng unfreiwillig weinen, und der Kragen seines Umhangs war naß vor Tränen. „Und Mutter – besonders in Anbetracht ihres hohen Alters, haben wir beinahe in den Tod getrieben. Wer außer mir selbst ist Schuld an diesem frevelhaften Vergehen?“ Er brütete vor sich hin, war in den tiefsten Selbstvorwürfen versunken, als ein Diener eintrat, um die Ankunft verschiedener Freunde und Verwandten anzukündigen. Djia Dschëng empfing sie und dankte jedem einzeln für seine Betroffenheit. „Diese Unglücksfälle bei uns“, sagte er in entschuldigendem Ton zu ihnen, „sind die direkte Folge meiner Unfähigkeit, der jüngeren Generation das nötige Verantwortungsbewußtsein zu vermitteln.“ „Das muß man aber klar trennen“, antwortete einer von ihnen. „Wir haben lange über Herrn Schës fragwürdige Erziehung nachgedacht. Und Herr Dschën war auf seine Art noch arroganter und liederlicher. Jetzt ist ihr Fehlverhalten ans Licht gekommen und brachte ihnen öffentliche Zensur. Die Schuld liegt voll und ganz bei ihnen. Es ist höchst bedauerlich, daß ihr Fehlverhalten nun auf Sie zurückfällt, Herr.“ „Ich kenne da einige ähnliche Fälle“, kommentierte ein anderer, „doch keiner davon führte zu einer solchen Anklage. Herr Dschën muß irgendjemanden geärgert haben.“ „Das Eingreifen des Zensors kann in diesem Fall leicht erklärt werden“, erwiderte ein anderer. „Es scheint, daß einer der Hausangestellten und einige der weniger respektablen Freunde unangenehme Gerüchte verbreitet haben und daß diese zum Zensor vorgedrungen sind. Er wünschte Beweise dafür, bevor sie fortschritten und holte eben diesen Diener von Euch, um ihn zu verhören. Wenn ich bedenke, wie großzügig Ihr mit Euren Angestellten umgeht, kann ich mir kaum vorstellen, daß so etwas passieren konnte.“ – „So ist das mit den Angestellten“, bemerkte ein anderer, „sie ziehen ihre Vorteile aus der Großzügigkeit ihrer Herren. Da wir hier unter Freunden sind, kann ich gewiß ganz frei reden. Ich weiß, was für ein unbestechlicher Mann Sie sind, Herr; doch während Sie in Djiang-hsi waren, wurde Ihr Ruf irgendwie befleckt. Das müssen eure Diener gewesen sein. In Zukunft müssen Sie noch vorsichtiger sein. Obwohl Sie dieses Mal mit ihrem Eigentum davongekommen sind, könnte es wesentlich unangenehmer werden, wenn Seine Majestät jemals wieder ihre Pflichttreue in Frage stellen sollten.“ Djia Dschëng schien sehr verstört. „Was meinen sie? Inwiefern wurde mein Ruf befleckt?“ – „Es gibt natürlich keine eindeutigen Beweise dafür“, war die Antwort, „doch wir haben andere sagen gehört, daß sie während ihrer Zeit als Korninspektor ihre Diener beauftragten, Erpressung zu betreiben.“ – „Der Himmel sei mein Zeuge“, rief Djia Dschëng aus, „ich habe noch nicht einmal im Traum an so etwas gedacht! Meine Männer haben hinter meinem Rücken krumme Geschäfte betrieben. Noch mehr von solchem Gerede, und ich bin am Ende!“ – „Es bringt nichts, davor Angst zu haben“, kommentierte einer aus der Gesellschaft. „Doch ihr solltet Euren jetzigen Hausstand gründlich überprüfen. Sortiert alle widerspenstigen Elemente unter ihnen aus und seid strenger mit ihnen.“ In diesem Moment betrat ein Pförtner den Raum: „Herr Sun hat einen Diener mit einer Nachricht geschickt, Herr. Sein Herr ist zu beschäftigt, um selbst zu kommen. Dieser Mann wurde angewiesen, Euch darüber zu informieren, daß die Suns von Euch erwarten, die Schulden von Herrn Schë zu bezahlen.“ Djia Dschëng blickte finster und genervt und sagte: „Ich weiß Bescheid.“ Seine Freunde lachten verächtlich: „Dieser Herr Sun macht seinem schlechten Ruf alle Ehre. Wenn das Haus seines Schwiegervaters leergeräumt und sein Eigentum beschlagnahmt ist, kommt er, anstatt Hilfe anzubieten, nur um um Geld zu betteln. Das ist höchst ungebührlich!“ – „Laßt uns nicht über ihn sprechen“, antwortete Djia Dschëng. „Ich hätte daran denken sollen, daß meine arme Nichte bereits genug durch die Hand dieses jungen Mannes gelitten hat, jetzt quält er auch noch mich.“ Als er sprach, erschien Hsüä Kë. „Ich habe herausgefunden,“ berichtete er Djia Dschëng, „daß Komissar Dschau darauf besteht, jeden Punkt der Anklage zu verfolgen. Ich fürchte, es wird für Onkel Schë und Vetter Dschën nicht leicht.“ – „In dieser Angelegenheit mußt du die Hilfe des Prinzen suchen“, wiesen Djia Dschëngs Freunde ihn an, „ohne sein Eingreifen werdet ihr alle ruiniert werden.“ Djia Dschëng dankte seinen Besuchern für diesen Rat, den er zu befolgen versicherte, und sie brachen auf. Es dämmerte bereits und Djia Dschëng stattete der Herzoginmutter seinen abendlichen Besuch ab. Diese hatte sich sichtlich erholt. Er kehrte in seine Gemächer zurück, saß dort im Stillen und grübelte über Djia Liän und Hsi-fëngs unbedachtes Verhalten. Da ihr Betrug nun ans Licht gekommen war, würde es der ganzen Familie schaden, und er gab ihnen die Schuld dafür. Doch er bedachte auch, daß Hsi-fëng schwer krank war und bei der Plünderung alles verloren hatte, was ihr bestimmt einen schweren Schlag versetzt haben mußte. Er entschied, sie zunächst nicht zu kritisieren, sondern seinen Ärger für sich zu behalten und nichts zu sagen. Der Rest dieser Nacht verlief ohne weitere Ereignisse. Früh am nächsten Morgen ging Djia Dschëng zu den Palästen der Prinzen von Bee-djing und Hsi-ping, wo er seine Ehrenbezeugungen darbot und sie bat, Djia Schë und Vetter Dschën zu unterstützen. Die Prinzen versicherten es. Djia Dschëng besuchte weiter andere Freunde und Bekannte, um auch sie um Unterstützung zu bitten. Unser Erzähler widmet sich nun Djia Liän. Als er sich umhörte, fand er heraus, daß seinem Vater und Vetter Dschën in der Tat ein ernstes Urteil bevorstand. Und da er sah, daß er ihnen unter keinen Umständen einen Aufschub verschaffen konnte, konnte er nur nach Hause zurückkehren. In seinen Gemächern saß Ping-örl weinend an Hsi-fëngs Seite, während Tjiu-tung im Nebenzimmer um Hsi-fëng klagte. Als Djia Liän sich Hsi-fëng näherte und sah, daß sie dem Tode nahe war, fand er für seine Wehklage keine Worte. Ping-örl sagte weinend zu ihm: „Die Sache hat sich nun einmal so entwickelt. Alles, was weg ist, wird auch nicht mehr wiederkommen. Und sehen Sie sich Frau Liän an, Herr.“ – Liän spuckte aus und sagte. „Nicht einmal für mein Leben besteht noch Hoffnung, wie könnte ich ihr Leben retten?“ Hsi-fëng hörte das, öffnete ihre Augen und blickte Djia Liän still an. Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie sah, wie Djia Liän das Zimmer verließ und sagte zu Ping-örl: So wie die Dinge sich entwickelt haben, solltest du dich nicht mehr um mich kümmern. Ich wünschte nur, ich könnte heute sterben und mit allem fertig sein! Wenn ich dir noch irgend etwas bedeute, dann kümmere dich bitte um die kleine Tjiau-djiä, wenn ich tot bin. Tu es für mich, und meine Seele wird dir in der nächsten Welt dankbar sein.“ Ping-örl brach in Tränen aus. „Nun komm schon“, sagte Hsi-fëng, „du bist doch eine kluge Person! Ich weiß, daß keiner kommen und es mir ins Gesicht sagen würde, doch ich weiß, daß sie mir die Schuld für alles geben, was passiert ist. Andere haben draußen damit angefangen. Doch ich gebe zu, wenn ich das Geld nicht lieben würde, wäre mir das heute nicht widerfahren. All meine Pläne und Vorhaben enden im Nichts. Mein lebenslanges Streben war umsonst. Ich bin zerbrochen, niedriger als die Niedrigen. Ich hasse nur, daß wir keine anständigen Menschen angestellt haben. Ich hörte, daß drüben Vetter Dschën die Verlobte eines Herrn Dschang zur Konkubine nahm und sie zu Tode brachte? Überleg’ mal, wer dieser Herr Dschang sein könnte. Wenn die Geschichte jemals ans Licht kommt, wird Herr Liän entehrt sein. Und wie stehe ich dann da? Ich wünschte, ich könnte sofort sterben! Doch wie? Ich wage nicht, selbst Gold zu schlucken oder Gift einzunehmen. Und du willst einen Arzt rufen! Damit würdest du mir nur schaden!“ Ping-örl wurde mit jedem Wort Hsi-fëngs noch verzweifelter. Sie empfand viel für sie und beschloß, nahe bei ihr zu bleiben und noch besser auf sie aufzupassen, aus Angst, sie könnte sich in ihrer Verzweiflung etwas antun. Glücklicherweise wußte die Herzoginmutter nichts von solch beklemmenden Szenen. Ihre eigene Genesung und ihr Seelenheil wurden von der Kenntnis über Djia Dschëngs Wiedereinstellung stark gefördert und auch von der ständigen Gegenwart von Bau-yü und Bau-tschai an ihrer Seite. Sie hatte immer eine Schwäche für Hsi-fëng gehabt, und nun rief sie Yüan-yang zu sich, und sagte: „Nimm diese Sachen von mir und bring sie hinüber zu Frau Liän. Und gib Ping-örl etwas Geld, daß sie sich gut um sie kümmern kann!“ Sie sagte der Dame Wang auch, sie solle nachsehen, was die Dame Hsing bräuchte. Das gesamte Vermögen des Ning-guo-Anwesens, eingeschlossen Eigentum und Angestellte, wurden inventarisiert und beschlagnahmt. Die Herzoginmutter ließ einen Wagen besorgen, der Frau You und Djia Jungs Frau herüberholen sollte. Diese beiden Damen und Vetter Dschëns zwei Konkubinen, Pei-fëng und Djie Yüän, waren als einzige in den luxuriösen Gemächern des Ning-guo-Anwesens übriggeblieben. Nicht ein einziger Diener war mehr dort. Sie verlangte nach vier Ammen und zwei Mägden, um ihr aufzuwarten, und ordnete an, daß ihre Speisen und andere tägliche Erforderlichkeiten aus der Hauptküche gebracht werden sollten. Sie schickte ihnen auch Kleidung und andere Notwendigkeiten und wies die Haushalts-Kasse an, ihnen die gleichen monatlichen Beträge zu gewähren wie den Mitgliedern des Jung-guo Zweiges. Doch es stand außer Frage, Geld von den Konten zu besorgen, um die Ausgaben (hauptsächlich Bestechung), die bei Djia Schë, Vetter Dschën und Djia Jung im Kerker anfielen, zu decken. Hsi-fëng hatte kein Geld und Djia Liän war hoch verschuldet, wohingegen Djia Dschëng, der keine Erfahrung mit Familien-Finanzen hatte, auf seine charakteristische Art nur fruchtlos sagen konnte: „Ich habe mit einigen Leuten gesprochen und bin zuversichtlich, daß sie tun werden, was sie können.“ Djia Liän fiel keine Möglichkeit ein, um an Geld zu kommen. Es würde nichts bringen, sich an Hsi-fëngs Seite der Familie zu wenden. Die Hsüäs waren bankrott, ihr älterer Onkel Wang Dsï-tëng war tot, und die anderen Wangs waren nicht in der Position zu helfen. Am Ende schickte er aus Verzweiflung geheim einen Mann zum Jung-guo-Anwesen mit der Anweisung, eine Landfläche mit einem Wert von tausend Silbertael zu verkaufen. Dieses Geld würde er seinen Familienmitgliedern im Gefängnis anbieten. Als die Bediensteten sahen, zu welchen Methoden ihr Herr gezwungen war, entschieden manche, selbst ihren Nutzen aus der Situation zu ziehen und erfanden Vorwände dafür, gegen Pachtanteile des östlichen Landsitzes der Familie auf eigene Rechnung Geld auszuleihen. Doch darauf werden wir später in der Geschichte noch eingehen. Die Herzoginmutter sah die Familie ihrer erblichen Titel beraubt. Sie sah einen ihrer Söhne und Enkel im Kerker die Verhandlung erwarten. Sie hörte die ganze Nacht das Weinen der Damen Hsing und You, und Hsi-fëng lag im Sterben. Bau-yü und Bau-tschai trösteten sie zwar, doch sie konnten ihr den Kummer und Schmerz nicht nehmen, die ihr Herz schwer machten. Eines Tages gegen Abend schickte sie Bau-yü zurück in seine Wohnung, erhob sich mühevoll ohne Hilfe von ihrem Sofa und trug Yüan-yang und den anderen Mägden auf, überall vor den Buddhastatuen Räucherstäbchen anzuzünden. Zuletzt gab sie Anweisungen, im eigenen Hof ein großes scheffelförmiges Bündel Räucherstäbchen anzuzünden und ging auf ihren Stock gestützt in den Hof. Hu-po wußte, daß sie vorhatte zu beten und legte ihr eine große rote Meditationsmatte zurecht, damit sie darauf niederknien konnte. Die alte Dame kniete nieder und machte mehrere Kotaus. Sie rezitierte eine Strophe aus einem Sutra und begann mit Tränen in den Augen zu den Göttern von Himmel und Erde zu beten: „Allmächtiger höchster Buddha! Ich, deine demütige Dienerin, in die Familie Schï geboren und verheiratet mit dem Hause Djia, erbitte ergeben deine Barmherzigkeit. Über viele Generationen haben wir nichts Falsches gemacht, wir haben uns nicht in den Wegen der Gewalt und des Hochmuts verirrt. Ich habe demütig und unzureichend mein Bestes versucht, dem Pfad der Rechtschaffenheit zu folgen, meinen Ehemann zu unterstützen und meinen Söhnen zu helfen. Doch die jüngere Generation hat mit mutwilliger Sorglosigkeit gehandelt, sie haben sich dem Zorn des Schicksals ausgeliefert, und jetzt wurde unser Heim geplündert und unser Eigentum geraubt. Mein Sohn und sitzen im Gefängnis und haben das Schlimmste zu befürchten. Die Schuld dieses Unglücks lastet allein auf meinen Schultern, da ich der jüngeren Generation nicht die richtigen Verhaltens-Grundsätze vermitteln konnte. Nun verbeuge ich mich und bitte den Allmächtigen Himmel, uns zu schützen. Möge denen im Gefängnis ihr Kummer zur Freude werden, mögen die Kränklichen wieder ihre Gesundheit erlangen. Möge ich für alles sühnen und die Schuld der Familie auf meinen Schultern tragen! Und möge den Söhnen und Enkeln vergeben werden! Sei gnädig mit mir, allmächtiger Himmel, und erhöre mein gläubiges Flehen. Schenke mir einen frühen Tod, daß ich für die Sünden meiner Kinder und Enkelkinder büßen kann!“ Als dieses Gebet beendet war, brach die Herzoginmutter zusammen und begann so kläglich zu schluchzen, daß sie nur noch keuchen konnte. Yüan-yang und Hu-po trösteten sie, halfen ihr auf die Beine und begleiteten sie zurück ins Haus. Die Dame Wang kam kurz danach mit Bau-yü und Bau-tschai, um ihren abendlichen Besuch abzustatten. Der bedauerliche Zustand der Herzoginmutter rührte sie sehr, und alle drei weinten laut. Bau-tschai hatte ihren eigenen Grund zum Kummer. Die Zukunft ihres Bruders war ungewiß. Keiner wußte, ob sein Urteil gemildert oder er freigelassen würde. Und obwohl Djia Dschëng und die Dame Wang nicht direkt von den derzeitigen Ereignissen betroffen waren, konnte Bau-tschai selbst sehen, daß die Familie Djia um sie herum dezimiert wurde. Während ihr Ehemann sich so blöde und hilflos wie immer benahm. Als sie über ihre eigene Notlage nachdachte, war ihr Schluchzen sogar noch anrührender als das der Herzoginmutter und der Dame Wang. Bau-yü sah, daß Bau-tschai so verzweifelt war und wurde auch sehr traurig. „Großmutter ist in ihrem Alter mit Sorgen überhäuft, Mutter und Vater haben auch nichts als Kummer. Meine Schwestern und Kusinen sind fort, zerstreut wie Wolken von den vier Winden, und jeder Tag macht mich noch einsamer, mit nichts, was mich noch hält, außer den Erinnerungen an eine glückliche Vergangenheit, an die goldenen Tage der Poesietreffen im Garten. Seit Kusine Dai-yüs Tod kann ich nichts tun, um meine Lethargie und Depression loszuwerden, und ich muß mich zusammenreißen, nicht ständig zu weinen, um Bau-tschai nicht zu bekümmern, die selber um ihren Bruder und ihre Mutter trauert und nur sehr selten ein Lächeln auf ihrem Gesicht sehen läßt.“ Bau-tschais untröstliches Weinen traf ihn so sehr, daß er selber laut hoffnungslos zu weinen begann, was wiederum Yüan-yang, Tsai-yün, Ying-örl und Hsi-jën traurig stimmte, und bald weinte jeder von ihnen bitterlich aus eigenen Beweggründen. Zuletzt ging die Welle dieses hinderlichen Kummers bis zu den anderen Mägden über, und es war niemand mehr übrig, der selber hätte trösten können. Ein Chor des Jammers erfüllte den Raum und erreichte die Ohren der Dienstmädchen in der Nachtschicht, welche dies umgehend Djia Dschëng berichteten. Djia Dschëng grübelte immer noch in seinem Arbeitszimmer, was inzwischen zur Gewohnheit geworden war, als die Neuigkeiten ihn erreichten. Er sprang alarmiert auf und eilte zu den Gemächern der Herzoginmutter. Auf seinem Weg hörte er den Klang weinender Stimmen in der Ferne und fürchtete das Schlimmste für die alte Dame. Als er eilig die Gemächer betrat, war er tödlich besorgt. Er fand sie zu seiner großen Erleichterung schluchzend, aber lebendig. Er wandte sich an die versammelte Familie und hielt ihnen vor: „Die Herzoginmutter ist traurig. In einem solchen Moment solltet ihr die gnädige Frau Djia besser trösten und mit eurem kollektiven Gejammer nicht alles noch schlimmer machen.“ Als alle die Stimme von Djia Dschëng hörten, herrschte plötzlich Stille, alle starrten sich verblüfft an. Djia Dschëng sagte der Herzoginmutter ein paar Worte, dann sprach er zu den anderen. ‚Wir kamen her, um die gnädige Frau aufzuheitern,‘ dachten sie bei sich, ‚wir wollten sie trösten. Wie konnten wir uns nur so vergessen und damit alles nur noch schlimmer machen?‘ Sie waren immer noch in einem Zustand der Verwirrung, als eine altes Dienstmädchen mit zwei Frauen aus dem Schï-Haushalt eintraf. Nachdem sie vor der Herzoginmutter geknickst und alle Anwesenden gegrüßt hatten, überbrachten sie ihre Nachricht: „Unser hochedler Herr, die hochedle Herrin, die kaiserliche Konkubine, und Fräulein Schï haben uns mit einer Nachricht geschickt: Sie haben von Euren Neuigkeiten gehört und möchten Euch versichern, daß dies keine schlimme Sache sei. Sie befürchteten, daß Herr Dschëng und die Herzoginmutter sich grundlos Sorgen machten und baten uns, nachdrücklich zu sagen, daß Herr Dschëng sich beruhigen solle. Er selbst sei nicht in Gefahr. Fräulein Schï wäre selbst gekommen, doch wird sie in einigen Tagen heiraten.“ Die Herzoginmutter fühlte sich etwas unbeholfen, den Dienstmädchen ihre Dankbarkeit auszudrücken. „Wenn ihr zurückkehrt“, sagte sie, „überbringt Eurem Herrn und Eurer Herrin meine Hochachtung. Was unserer Familie widerfuhr, war vom Schicksal so bestimmt. An einem anderen Tag werde ich den Hochedlen persönlich für ihre Anteilnahme danken. Und für Hsiang-yüns Hochzeit bin ich sicher, daß sie sich einen guten jungen Ehemann gewählt hat. Ich wäre sehr froh, etwas von seiner Familie zu hören.“ – „Seine Familie ist nicht besonders wohlhabend“, antworteten die Frauen. „Doch er ist ein angenehmer, junger Mann und hat eine freundliche Natur. Wir haben ihn einige Male gesehen, und er ähnelt äußerlich sehr eurem Herrn Bau-yü. Er hat auch ein besonderes literarisches Talent.“ Der Herzoginmutter gefiel diese Beschreibung sehr, und sie sagte erfreut. „Wir sind ja alle aus dem Süden. Auch wenn wir hier lange leben, haben ihre und unsere Familie stets die alten südlichen Heiratssitten aufrecht erhalten, und deswegen haben wir den Bräutigam bis zum heutigen Tage nicht zu Gesicht bekommen. Gerade eben dachte ich noch an meine eigene Familie, besonders an. Sie war mir immer die Liebste. Als kleines Mädchen hatte sie immer mehr als zweihundert Tage im Jahr bei mir verbracht. Ich hatte mir vorgenommen, ihr selbst einen angenehmen Ehemann zu suchen, wenn sie erwachsen würde, doch da ihr Onkel nicht zu Hause war, konnte ich kaum die Initiative ergreifen. Nun, da das Glück sie begünstigt und sie eine gute Partie gefunden hat, bin ich ja beruhigt. Ich weiß, daß sie noch in diesem Monat heiraten wird, und ich hätte an dem Empfang so gern ein Glas Wein mitgetrunken. Leider hat es bei uns Verwicklungen gegeben und mein Herz ist wie ein kochender Topf, wie könnte ich in diesem Zustand zur Hochzeit gehen? Bitte überbringt ihnen bei Eurer Rückkehr meine Hochachtung und sagt, daß wir alle ihnen das Beste wünschen. Und sagt Fräulein Schï, sie soll sich meinetwegen nicht sorgen. Ich bin jetzt über achtzig und wenn ich sterbe, habe ich keinen Grund, mich zu beklagen. Ich konnte meinen Segen genug auskosten. Mein einziges Gebet ist, daß sie und ihr Mann glücklich miteinander leben und ein hohes Alter erreichen. Dann kann ich zufrieden sterben.“ Während sie sprach, kamen der Herzoginmutter wieder die Tränen. Eines der Dienstmädchen der Familie Schï sagte: „Bitte macht euch nicht selbst unglücklich, gnädige Frau Djia. Wenn Fräulein Schï erst verheiratet ist und ihren Neunten Tag gefeiert hat, bin ich sicher, werden sie und ihr Mann herkommen, um bei Euch vorbeizuschauen. So können Sie ihn selbst kennenlernen, und das wird Euch erfreuen.“ Die Herzoginmutter nickte. Die Frauen gingen. Bau-yü schien die einzige Person zu sein, die von den Neuigkeiten über Hsiang-yüns bevorstehende Hochzeit betroffen war. Er schaute etwas verwirrt und dachte bei sich: „Warum müssen die Mädchen nur unmittelbar, sobald sie erwachsen sind, verheiratet werden? Einmal verheiratet, haben sie kaum Freiheiten mehr. Sogar die liebe Hsiang-yün muß dem Willen ihres Onkels gehorchen. Wenn wir sie bald wieder treffen, wird es wieder das Gleiche sein. Sie wird einfach nur distanziert zu mir sein. Wozu soll ich denn noch leben, wenn ich für immer so gemieden werde?“ Er hätte beinahe wieder geweint. Doch seiner Großmutter zuliebe bemühte er sich, nicht zu weinen, und stattdessen brütete er im Stillen. Djia Dschëng war immer noch besorgt um die Gesundheit der Herzoginmutter und kam gerade vorbei, um zu sehen, wie es ihr ging. Er stellte eine leichte Verbesserung fest und ging wieder hinaus. Er bestellte den Verwalter Lai Da zu sich, trug diesem auf, die vollständigen Haushaltsbücher mit allen Hausangestellten in verantwortlichen Stellungen zu bringen. Er ging das Register Eintrag für Eintrag durch. Abgesehen von Djia Schës Dienern, die verhaftet worden waren, waren dort mehr als dreißig Familien in dem Register mit insgesamt zweihundertzwöf männlichen und weiblichen Angestellten aufgeführt. Djia Dschëng schickte nach einundzwanzig männlichen Dienern, die zur Zeit im Haus angestellt waren und ging mit ihnen sämtliche Einnahmen und Ausgaben der letzten Jahre in verschiedenen Bereichen durch. Der Hauptverwalter zeigte das Kontenbuch zur näheren Betrachtung, und Djia Dschëng konnte auf einen Blick sehen, daß nichts im Gleichgewicht war. Die Ausgaben überstiegen die Einnahmen um einiges und zusätzliche Ausgaben fielen über mehrere Jahre in Zusammenhang mit der kaiserlichen Nebenfrau an. Weiterhin wurden Einträge über unregelmäßige Anleihen außerhalb gefunden. Als er die Renten des Familienvermögens in den östlichen Provinzen betrachtete, konnte er sehen, daß das Einkommen in den letzten Jahren auf weniger als die Hälfte als noch zu Großvaters Zeiten gesunken war, während die Familienausgaben um das Zehnfache gestiegen waren. Diese offensichtliche Mißwirtschaft war ein großer Schock für ihn und er stampfte verärgert mit dem Fuß: „Das ist ungeheuerlich! Ich dachte, Liän sei in der Lage, mit so etwas zurecht zu kommen. Und jetzt sehe ich, daß wir uns in den Ruin gewirtschaftet haben, nur um eine leere Fassade aufrecht zu erhalten. Wir haben weit über unsere Verhältnisse gelebt. Diese Sorglosigkeit mußte ins Verderben führen. Und jetzt ist es zu spät, um mit dem Sparen anzufangen.“ Er ging mit den Händen hinter dem Rücken auf und ab und fand keinen Ausweg aus diesem tiefen Familienelend. Seine Diener wußten, daß ihr Herr nicht der Mann für Haushaltsbücher war und jedes Bemühen seinerseits nichts bringen würde. „Es bringt nichts, sich unnötig zu sorgen, Herr“, rieten sie ihm, „es ist mit jedem Haushalt das Gleiche, sogar bei den Prinzen aus dem Reich! Wenn Sie ihre Konten sehen könnten, würden Sie sehen, daß jene ebenso wenig mit ihrem Vermögen haushalten können. Sie bewahren nur den Anschein und wursteln den ganzen Tag herum so gut, wie sie können. Bedenkt nur, daß ihr Euch glücklich schätzen solltet. Der Kaiser war so freundlich und gestattete Ihnen, Euer Familieneigentum zu bewahren. Doch selbst wenn alles konfisziert worden wäre, so würdet Ihr doch immer noch auf die eine oder andere Art zurechtkommen!“ „Was redet ihr für einen Unsinn“, rief Djia Dschëng wütend, „ihr Diener seid wertlose Räuber, selbst der letzte von euch! Als es eurem Herrn gut ging, habt ihr alles wie verrückt ausgegeben. Und wenn nichts mehr übrig ist, flieht wer fliehen kann. Was bedeutet es euch, ob wir leben oder sterben? Ihr sagt, wir können glücklich sein, daß nicht alles konfisziert wurde, doch was wißt ihr eigentlich davon? Erkennt ihr nicht, daß so, wie es mit unserem Ruf aussieht, es schwierig sein wird, dem Konkurs zu entgehen? Und wenn ihr euch so benehmt, als wäret ihr reich, so redet, als wäret ihr wichtig, aber Leute von vorne bis hinten anschwindelt, dann haben wir keine Chance. Wenn Unheil kommt, seid ihr froh, daß wir die Folgen auf uns nehmen. Ich bin darüber informiert, daß einer von euch, ein Diener mit dem Namen Bau Örl, die Gerüchte verbreitet hat, die meinen Bruder und Herrn Dschën beschuldigt haben. Warum ist sein Name nicht in dem Register aufgeführt?“ – „Er steht nicht offiziell in unseren Büchern, Herr“, lautete die Antwort, „er gehörte eigentlich zum Ning-guo Register. Dann fiel sein Blick auf Herrn Liän als eine vertrauenswürdige Person, und er und seine Frau wurden von Herrn Liän aufgenommen. Seine Frau starb, und danach ging er in das Ning-guo-Anwesen zurück. Einmal, als Sie in der Behörde so beschäftigt waren, Herr, waren die Herzoginmutter, die anderen Damen und die anderen jungen Herren zum Trauern im Mausoleum, da kam Herr Dschën herüber, um auf dieser Seite alles zu untersuchen und nahm Bau Örl mit sich. Bau Örl ging danach mit ihm wieder zurück ins Ning-guo-Anwesen. Es ist viele Jahre her, daß Sie sich mit solchen Angelegenheiten beschäftigt haben, Herr, und es überrascht kaum, daß Sie von diesen Dingen nichts wissen. Wahrscheinlich denken Sie, sein Name sei der Einzige, der nicht im Register steht. Tatsächlich hat jeder Mann seine verschiedenen Angehörigen – sogar Diener haben ihre eigenen Diener!“ – „Unerhört!“ protestierte Djia Dschëng. Djia Dschëng verstand, daß er sowieso nicht in kurzer Zeit alles herausfinden könnte, und er entließ seine Diener. Er hatte sich fest vorgenommen, erst abzuwarten, was bei der Untersuchung von Djia Schë und Vetter Dschën herauskam, und dann erst zu entscheiden, was zu tun war. Einen Tag später saß er in seinem Studierzimmer und rechnete im Haushaltsbuch, als ein Diener herbeieilte, um ihn zu informieren, daß seine Präsenz am Hof verlangt würde. Djia Dschëng brach auf der Stelle voller Unruhe auf. Um herauszufinden, ob das Urteil für ihn günstig oder eher schlecht war, muß man das nächste Kapitel lesen.