Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 108"

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(German-only page for Hongloumeng chapter 108)
 
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== 强欢笑蘅芜庆生辰 / 死缠绵潇湘闻鬼哭 ==
 
== 强欢笑蘅芜庆生辰 / 死缠绵潇湘闻鬼哭 ==
  
gegnen.“ Bau-yü war noch ein wenig beschwippst, wollte es wagen und antwortete: „Vor so etwas habe ich keine Angst!“
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'''Eine Geburtstagsfeier zu Ehren von Bau-tschai erfordert aufgesetzte FröhlichkeitWehklagen aus der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß sorgen für einen neuen Ausbruch von Kummer.'''
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Wir haben bereits berichtet, wie der Kaiser Djia Dschëngs Bitte abwies, das Jung-guo-Anwesen und den Garten des Großen Anblicks dem Thron zu überlassen. Da aber auch niemand aus der Familie Djia noch im Garten lebte, waren seine Tore seitdem verschlossen. Frau You und Hsi-tschun, deren derzeitige Unterkunft im Jung-guo-Anwesen an die Gartenmauer grenzte, empfanden diesen Ort als schauerlich und verlassen, und auch das war einer der Gründe, warum Bau Yung mit der Gartenpflege beauftragt worden war.
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Djia Dschëng nahm sich ernstlich vor, sich um die Haushaltsangelegenheiten zu kümmern, und in Übereinstimmung mit den Anweisungen der Herzoginmutter ordnete er eine umfassende Einschränkung des Personals und weitere Einsparungen an, und doch reichten diese Maßnahmen nicht. Gott sei Dank konnte sich Hsi-fëng dank der Liebe der Herzoginmutter weiter um den Haushalt kümmern. Obwohl Frau Wang und die anderen nicht mehr viel für sie übrig hatten, beschloß Djia Dschëng, sie trotzdem mit der Abwicklung der internen Angelegenheiten zu beauftragen. Sie übernahm diese Verantwortung gern, doch entdeckte sie bald, daß durch die Plünderung der Goldjacken alles nicht mehr so lief wie vorher. Alles mußte genau berechnet werden. Die Damen und ihre Mägde, von der höchsten zur niedrigsten, waren ein unbeschwertes Leben gewohnt. Wie sie unter den neuen schlechteren Umständen feststellten, daß sie sich ihren alten Luxus nicht mehr leisten konnten, waren sie nur am Jammern. Hsi-fëng konnte sich ihrer Pflicht nicht entziehen und versuchte trotz ihrer Krankheit die Herzoginmutter, so gut sie konnte zu erfreuen.
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Djia Schë und Vetter Dschën kamen gerade an ihrem vorgesehenen Exilort an. Dank des Geldes, das ihnen mitgegeben worden war, ging es ihnen zunächst soweit gut, und sie schrieben nach Haus, daß sie wohlauf waren und daß die Familie sich ihretwegen keine Sorgen machen müsse. Die Herzoginmutter war sehr erleichtert und die Neuigkeiten trösteten ihre Frauen ein wenig.
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Einige Tage später kam Schï Hsiang-yün, die nun verheiratet war und zu Hause ihren Besuch des Neunten Tages abstattete. Die Herzoginmutter sagte, was für einen günstigen Bericht sie über ihren Ehemann vernommen habe, während Hsiang-yün bestätigte, daß das Eheleben sie glücklich mache. Sie bat die Herzoginmutter, sich keine Sorgen zu machen. Bei der Erwähnung von Dai-yüs Tod brachen beide in Tränen aus, und der Kummer der Herzoginmutter wurde mit den Gedanken an Ying-tschun und ihre Strapazen noch vergrößert. Hsiang-yün blieb eine Zeit bei ihr, gab ihr Bestes, um sie aufzuheitern, dann schaute sie bei den anderen vorbei und kehrte zuletzt zu den Gemächern der Herzoginmutter zurück. Die Unterredung an diesem Abend richtete sich auf die Familie Hsüä, und Hsiang-yün erfuhr von der Herzoginmutter, wie aufgrund von Pans Eskapaden die Hsüäs nun vor dem vollständigen Ruin standen. Pans Todesurteil wurde zunächst aufgehoben, das war wahr, und er war immer noch lebend im Kerker. Doch es gab keinen Bericht darüber, ob das Urteil bis zum nächsten Jahr geändert und somit sein Leben gerettet werden könne.
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„Und du hast auch noch nichts von Pans Frau gehört“, fuhr die Herzoginmutter fort. „Sie hat ein böses Ende gefunden, und es gab beinahe einen schrecklichen Skandal. Doch Buddha hat in seiner allsichtigen Weisheit ihre eigene Magd dazu gebracht, uns die ganze Geschichte zu erzählen. Frau Hsia mußte trotz all ihrer Possen der Wahrheit ins Angesicht blicken und bat zuletzt darum, die Untersuchung einzustellen. Das Ganze konnte gerade so in der Familie gehalten werden. Es ist ja wirklich so, daß die ganze Familie Hsüä unter diesem Schicksal litt. Tante Schë lebt nun mit dem jungen Kë zusammen. Er ist ein wundervoller Bursche und hat ein enormes Pflichtbewußtsein. Er denkt, er müsse seine Hochzeit aufschieben, bis Pan aus dem Gefängnis entlassen und der Mordfall aufgeklärt sei. Natürlich macht dies die Sachen schwer, besonders für die arme Schwester Hsing [Hsiu-yän], die bei ihrer Tante Hsing bleiben muß. Auch nicht viel besser ist es für Bau-tjin, die nicht ihren jungen Herrn Mei heiraten kann, bis die Trauerzeit für ihren Schwiegervater vorbei ist. Ach du meine Güte! Es kommt das eine zum anderen, unsere Verwandten scheinen in einer ähnlichen Lage wie wir zu sein. Laß mich sehen, was es sonst noch Neues gibt. In der Familie Wang, von dem älteren Bruder deiner Tante Wang, ist dein Großonkel Dsï-teng verschieden. Hsi-fëngs älterer Bruder Jen hat sich selbst entehrt. Und ihrem zweiten Onkel Dsï-sheng, deinem anderen Großonkel Wang, ergeht es auch nicht gut. Er konnte die Schulden seines älteren Bruders nicht bezahlen und hat uns deshalb um Hilfe gebeten. Wir wissen nichts Neues von den Dschëns, seitdem sie ebenso ausgeraubt wurden wie wir und man ihr Eigentum beschlagnahmte.“
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„Gab es irgend etwas Neues von Tan-tschun, seit sie gegangen ist?“, fragte Hsiang-yün.
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„Nach ihrer Hochzeit ist dein Onkel Dschëng von seinem Posten zurückgekehrt, und er erzählte mir, daß Tan-tschun an der Küste sehr glücklich sei. Aber nur haben wir immer noch nichts direkt von ihr gehört, und ich mache mir große Sorgen. Wir hatten hier vor Ort mit so vielen Problemen zu kämpfen, deshalb hatte ich einfach keine Zeit, etwas für sie zu tun. Und dann ist da noch Hsi-tschun. Ich habe immer noch keinen Ehemann für sie gefunden. Wer könnte ihn im Zusammenhang mit einer Fertigkeit erwähnen? Oh, unser Zuhause hat sich sehr verändert, seit du das letzte Mal hier warst,– leider zum Schlechten. Deine arme Kusine Bau-tschai hat keinen Tag Frieden gehabt, seit sie in unsere Familie eingeheiratet hat. Und Bau-yü verhält sich immer noch so unbeholfen wie zuvor. Ach du liebe Güte! Wir sitzen wirklich in der Klemme!“
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„Ich bin hier aufgewachsen“, sagte Hsiang-yün, „Deshalb kenne ich jeden einzelnen Charakter sehr gut. Aber dieses Mal haben sich alle verändert. Zuerst meinte ich, sie seien mir gegenüber etwas distanziert, weil ich so lange fort war. Doch dann dachte ich darüber nach und sah, daß dies nicht sein konnte. Sie wollten mit mir so heiter wie immer sein, doch nachdem wir miteinander zu reden begonnen hatten, wurden sie alle traurig. Deshalb bin ich nicht lange geblieben und kam zurück zu dir, Großmutter.“
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„Für mich als alte Frau macht das nichts mehr“, sagte die Herzoginmutter. „Doch die jungen Leute scheinen daran zu zerbrechen. Ich habe heute ein wenig versucht, sie aufzuheitern, doch dann fehlte mir die Kraft dazu.“
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„Ich habe eine Idee“, sagte Hsiang-yün. „Ist übermorgen nicht Bau-tschais Geburtstag? Warum bleibe ich dann nicht noch, um ihr Glück zu wünschen, dann sind wir einen Tag lang froh zusammen. Was sagst du dazu, Großmutter?“
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„Meine Güte! Ich werde schon schusselig!“, rief die Herzoginmutter. „Wenn du das nicht erwähnt hättest, hätte ich es ganz vergessen. Natürlich, du hast recht! Morgen werde ich den Köchen etwas Geld geben, und wir feiern ein Fest. Bevor Bau-tschai Bau-yü heiratete, haben wir ihren Geburtstag einige Male gefeiert. Doch nicht, seit sie ein Teil der Familie ist. Bau-yü, das arme Kind, der ein Ausbund von Unfug und Spaß war, wurde so schwer von unseren Sorgen getroffen, daß er kaum zwei Worte zusammenbekommt. Ich kann mich immer noch auf die Frau von Dschu-örl [Wan] verlassen. Sie wird sich niemals ändern, weder in guten noch in schlechten Zeiten. Sie und der kleine Lan verbringen ihre Tage ruhig zusammen. Sie ist ein Wunder!“
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„Den anderen geht es nicht schlecht, nur Schwägerin Hsi-fëng hat sich verändert“, sagte Hsiang-yün. „Sie sieht zunächst einmal so anders aus und spricht nicht mehr so vergnügt wie damals. Morgen muß ich sehen, ob ich sie alle irgendwie aufmuntern kann. Doch ich fürchte, daß sie es mir, auch wenn sie es nicht aussprechen, innerlich übelnehmen, daß ich so glücklich bin.“
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Sie hielt inne und errötete plötzlich. Die Herzoginmutter verstand, was sie meinte. „Es gibt keinen Grund, dir deshalb Sorgen zu machen. Du und deine Vetter seid zusammen als Kinder aufgewachsen. Ihr habt miteinander gespielt, geplaudert und zusammen gelacht. Mach Dir nicht zuviele Gedanken um sie!  Wir alle müssen lernen, die Höhen und Tiefen des Lebens zu akzeptieren. Wir sollten alle lernen, das Glück zu nutzen, solange es dauert und Armut geduldig zu überstehen. Deine Kusine Bau-tschai hatte immer eine klare Sicht vom Leben. In vergangenen Tagen, als ihre Familie noch wohlgestellt war, war sie niemals eingebildet; und seitdem harte Zeiten angebrochen sind, ist sie davon kaum erschüttert. Nun, da sie ein Teil unserer Familie ist, ist sie ruhig und zufrieden wie immer, wenn Bau-yü nett zu ihr ist, und ich habe sie nie grummeln gesehen, wenn er sie manchmal zu einem Lied oder kleinen Tanz verleitet. Dieses Mädchen scheint mit einer herrlichen Gabe ausgestattet zu sein. Deine Kusine Dai-yü war so anders – sie kritisierte andere oft, war schnell gekränkt und zweifelte an allem. Es überraschte kaum, daß sie so jung starb, armes Kind. Und was Hsi-fëng angeht, sie hat etwas vom Leben gesehen, sie sollte es besser wissen, als sich von kleinen Unpäßlichkeiten erschlagen zu lassen. Schwachheit liegt in ihrem Charakter ... Ja, ich sollte eine bestimmte Geldsumme für Bau-tschais Geburtstag an die Seite legen, und wir werden ein frohes Fest feiern und werden ihr damit auch eine Freude bereiten.“
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„Das klingt nach einer guten Idee, Großmutter“, antwortete Hsiang-yün, „ich werde schon mal die Mädchen einladen, und wir können alle zusammen ein bißchen plaudern.“ –
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„Ja, tu das“, sagte die Herzoginmutter. In ihrer Begeisterung rief sie Yüan-yang zu sich und sagte: „Nimm hundert Tael Silber und sag’ den Kontoführern, daß wir Essen und Trinken für eine Zwei-Tages-Feier brauchen, die morgen beginnt!“
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Yüan-yang gab einem alten Dienstmädchen das Geld, um den Auftrag auszuführen. Der folgende Abend und die Nacht blieben ohne weitere Ereignisse.
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Am darauf folgenden Tag wurde ein Diener wegen der Feier zu Ying-tschun geschickt. Tante Hsüä und Bau-tjin wurden eingeladen und gebeten, Hsiang-ling mitzubringen. Frau Li wurde ebenfalls eingeladen und später am Tag kamen Li Wën und Li Tji an.
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Die Vorbereitungen wurden vor Bau-tschai geheim gehalten. Eine der Mägde der Herzoginmutter kam einfach vorbei, um ihr zu sagen, daß ihre Mutter nach ihr riefe und bestellte sie hinüber in die Gemächer der Herzoginmutter. Bau-tschai war froh, von der Ankunft ihrer Mutter zu hören und ging gekleidet, wie sie war, um sie zu begrüßen. Sie fand dort ihre Kusine Bau-tjin, Hsiang-ling und Frau Li mit den Schwestern Li und nahm an, daß sie sich alle versammelt hatten, um die Nachrichten vom Ende der Familienkrise zu hören. Sie begrüßte Frau Li, dann die Herzoginmutter, wechselte dann ein paar Worte mit ihrer Mutter und begrüßte dann die Schwestern Li.
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„Wenn die Damen sich bitte setzen würden“, sagte Hsiang-yün von der Seite, „dann können wir meiner Kusine gratulieren und ihr ein langes und glückliches Leben zu diesem besonderen Anlaß wünschen.“
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Bau-tschai blickte einen Moment verwirrt. Dann dachte sie bei sich, ‚Natürlich! Morgen habe ich Geburtstag!‘ Sie protestierte: „Es ist sehr gut, daß ihr Großmutter besuchen gekommen seid. Doch ihr hättet euch meinetwegen nicht so eine Mühe machen müssen.“
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Bau-yü hörte das, als er hereinkam, um Tante Hsüä und Frau Li zu begrüßen. Er wollte eigentlich selbst etwas für Bau-tschais Geburtstag geplant haben, doch hatte er der Herzoginmutter wegen der Ärgernisse der letzten Wochen nichts davon gesagt. Er war sehr froh, daß Hsiang-yün die Initiative ergriffen hatte. „Ja, morgen hat sie Geburtstag“, sagte er, „ich wollte dich gerade daran erinnern, Großmutter.“ –
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„Schande über dich!“, rief  Hsiang-yün mit einem scherzhaften Lachen, „als ob Großmutter daran erinnert werden müßte! Wer, glaubst du, hat die ganzen Leute eingeladen wenn nicht Großmutter?“
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Bau-tschai zweifelte insgeheim daran. Doch dann hörte sie die Herzoginmutter zu ihrer Mutter sagen: „Arme Bau-tschai, es ist ungefähr ein Jahr her, daß sie Bau-yü geheiratet hat und, da das eine zum anderen kam, haben wir nie ihren Geburtstag gefeiert. Heute wollte ich es richtig angehen, deshalb habe ich dich und und alle Frauen eingeladen, sodaß wir uns bei dieser Gelegenheit alle gut unterhalten können.“ –
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„Sie fangen gerade erst an, ruhigere Zeiten zu haben, gnädige Frau“, sagte Tante Hsüä, „es ist meine Tochter, die sich am ehesten bemühen sollte, ihre Pflichten zu erfüllen und Ihnen ihre Liebe und Respekt zu zeigen. Sie sollten wirklich nicht so einen Aufwand für Bau-tschai machen.“ –
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„Bau-yü ist Großmutters Lieblingsenkel“, sagte Hsiang-yün, „deswegen hat sie natürlich auch eine kleine Schwäche für Bau-tschai! Trotzdem verdient Bau-tschai es, daß meine Großmutter für sie ein Geburtstagsessen organisiert!“
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Wie es der Anstand erforderte, schwieg Bau-tschai mit gesenktem Kopf.
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Bau-yü wunderte sich derweil selbst über Hsiang-yüns Offenheit: ‚Ich hatte mir immer vorgestellt, daß Hsiang-yün sich nach ihrer Hochzeit ändern würde; deshalb war ich gestern eher zurückhaltend zu ihr. Als Folge davon wird sie sich selbst auch etwas zurückgehalten haben. Doch wenn man sie jetzt reden hört, scheint sie dieselbe wie immer zu sein. Warum hat die Ehe mein Leben nur so bescheiden gemacht und schamhafter und sprachloser als je zuvor?’
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Während diese Gedanken seinen Geist durchströmten, kam eine jüngere Magd herein, um die Ankunft von Ying-tschun anzukündigen. Kurz darauf kamen Li Wan und Hsi-fëng an, und sie begrüßten sich alle. Ying-tschun kam auf die Abreise ihres Vaters zu sprechen: „Ich wollte ihn vor seiner Abreise noch gesehen haben, doch mein Ehemann hat es mir nicht gestattet. Er sagte, er wolle nicht, daß das Unglück seine Familie befällt. Er wollte auf nichts hören, was ich sagte, und ich konnte nichts tun. Zwei oder drei Tage lang habe ich geweint.“
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„Warum ließ er dich denn heute kommen?“, fragte Hsi-fëng.
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„Dieses Mal sagte er, daß seit Djia Dschëng den Titel wiedererlangt habe, es kein Problem mehr gebe, den Kontakt aufrecht zu erhalten.“ Sie brach in Tränen aus.
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„Ich habe mich selber elendig gefühlt“, schimpfte die Herzoginmutter, „und ich habe dich nur gebeten, mit uns den Geburtstag meiner Schwiegerenkelin zu feiern und etwas Spaß zu haben. Ich dachte, wir könnten viel miteinander lachen – und dann erwähnst du deine betrüblichen Angelegenheiten und machst mich wieder ganz traurig.“
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Ying-tschun und der Rest wurden still.
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Hsi-fëng gab ihr Bestes, ein frohes Gesicht zu machen und die Herzoginmutter wieder aufzuheitern; doch irgendwie schien ihr das Talent abhanden gekommen zu sein, andere Leute zum Lachen zu bringen und ihre Mühen waren vergebens. Die Herzoginmutter selbst wollte Bau-tschai den Tag nicht verderben und stachelte Hsi-fëng ganz bewußt an. Hsi-fëng wußte, was die Herzoginmutter wollte und versuchte ihr Bestes: „Es geht Ihnen heute viel besser, nicht wahr, gnädige Frau? Hier sind wir alle nach so langer Zeit wieder versammelt. Es ist wirklich eine Wiedervereinigung!“
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Nach diesen Worten blickte sie sich um, bemerkte die offensichtliche Abwesenheit der Damen Hsing und You und schwieg. Das Wort „Wiedervereinigung“ hatte die Erinnerung der Herzoginmutter geweckt und sie schickte umgehend nach den fehlenden Damen. Die Damen Hsing und You sowie Hsi-tschun wußten, daß sie dem Ruf der Herzoginmutter folgen mußten, obwohl feiern das letzte war, wonach ihnen zumute war. Der veiwelkte Haushalt ging ihnen immer nach, aber die Herzoginmutter freute sich sehr darüber, Bau-tschais Geburtstag zu feiern, was war Beweis genug, wo ihre Zuneigung lag. Sie kamen in das Zimmer und boten ein farbloses Bild des Elends. Die Herzoginmutter erkundigte sich nach Hsiu-yän und die Dame Hsing erfand eine Krankheit, die ihre Nichte davon abhielt, zu der Feier zu erscheinen. Die Herzoginmutter selbst wußte nur zu gut, daß Hsiu-yäns Abwesenheit von ihrer Anwesenheit bei der Feier von Tante Hsüä [der Tante ihres zukünftigen Ehemannes] herrührte und fragte nicht nach.
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Dann wurden Wein und Konfekt serviert.
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„Es gibt keinen Grund, nach einem der Männer zu schicken“, sagte die Herzoginmutter, „heute ist Frauentag.“
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Obwohl Bau-yü ein verheirateter Mann war, hatte er als Großmutters Liebling die Erlaubnis zu bleiben. Aber er wurde nicht an einen Tisch mit Hsiang-yün und Bau-tjin gesetzt, sondern auf einen Stuhl neben der Herzoginmutter. Bau-yü ließ Bau-tschai hochleben, ging herum und stieß einzeln mit allen repräsentativ für sie an.
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„Setzt euch beide,“ verlangte die Herzoginmutter, „und laßt uns alle etwas trinken. Später am Abend kannst du jedem gegenüber deine Pflicht erfüllen. Doch wenn du dich jetzt zu förmlich benimmst und eine Zeremonie aus dem Ganzen machst, ist meine Laune ganz tief unten, und die Feier macht keinen Spaß.“
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Sie gehorchte und setzte sich. Die Herzoginmutter wandte sich zu den anderen: „Um Himmels willen, laßt uns doch entspannen. Wir brauchen nur eine oder zwei Mägde, die uns aufwarten. Yüan-yang, nimm Tsai-yün, Ying-örl, Hsi-jën und Ping-örl mit zurück und trinkt etwas Wein zusammen!“ –
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„Aber wir haben immer noch nicht Frau Bau-tschai gratuliert“, sagten Yüan-yang und die andere. „Wie können wir etwas trinken, ohne das vorher getan zu haben?“ –
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„Ab mich euch!“ sagte die Herzoginmutter. „Wir lassen euch rufen, wenn wir euch brauchen.“
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Yüan-yang und die anderen Mägde gehorchten.
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Die Herzoginmutter forderte ihre Gäste nun zum Trinken auf. Doch bald bemerkte sie, dass niemand in der gewöhnlichen Stimmung war.
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„Was ist mit euch allen los?“, fragte sie ärgerlich. „Seid doch alle mal etwas fröhlicher!“ –
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„Wir essen und trinken“, antwortete Hsiang-yün. „Was erwartest du denn noch von uns?“
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„Als sie alle noch Kinder waren“, sagte Hsi-fëng, „war es einfacher für sie, sorglos und heiter zu sein. Da sie nun erwachsen sind, lassen sie sich nicht mehr so gehen. Deswegen erscheinen sie so ruhig.“
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Bau-yü sagte der Herzoginmutter im Vertrauen: „Am besten sagen wir gar nichts, Großmutter. Wenn  wir so offen sind wie du, könnte sich noch jemand verletzt fühlen. Warum schlägst du stattdessen nicht ein Trinkspiel vor?“
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Die Herzoginmutter hatte zum Lauschen ihren Kopf zur Seite geneigt. „Wenn es ein Spiel sein soll“, antwortete sie mit einem Lachen, „müssen wir Yüan-yang zurückrufen!“
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Als Bau-yü es hörte, mußte er kein zweites Mal gebeten werden, sondern ging direkt aus den Gemächern, um Yüan-yang zu finden.
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„Großmutter möchte ein Spiel spielen und braucht deine Hilfe.“ –
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„Herr Bau-yü, können wir uns nicht ausruhen und gemütlich unseren Wein trinken? Mußt du ein Mittel finden, um uns zu stören?“ –
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„Es hat nichts mit mir zu tun. Ehrlich. Es ist Großmutter. Sie trug mir auf, dich zu holen.“
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Yüan-yang hatte keine Wahl. „Ihr bleibt alle hier und trinkt euren Wein. Ich bin gleich wieder da.“
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Sie begab sich in die Gemächer der Herzoginmutter.
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„Da bist du ja!“, rief die Herzoginmutter, als sie erschien. „Wir spielen ein Trinkspiel!“ –
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„Herr Bau-yü sagte, ich sollte kommen, gnädige Frau“, sagte Yüan-yang, „Nun bin ich hier. Was für ein Spiel wolltet Ihr denn genau spielen?“ –
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„Nun, für den Anfang keines aus diesen schlauen Büchern. Die sind zu langweilig. Und auch keines von diesen gewalttätigen. Irgendetwas Neues und Unterhaltsames.“
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Yüan-yang überlegte einen Moment: „Da Frau Hsüä eine unserer Besucherinnen ist und ich sehe, daß sie eine ältere Dame ist, will ich sie nicht überfordern. Warum holen wir nicht ganz einfach die Würfelschale und werfen um Liedtitel? Der Verlierer muß ein Schälchen Wein trinken.“ –
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„Das klingt gut“, sagte die Herzoginmutter. Sie bat eine der Mägde, die Würfel zu besorgen.
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„Werft vier Würfel“, sagte Yüan-yang. „Wenn die Kombination keinen besonderen Namen hat, muß der Werfer ein Schälchen Wein trinken. Wenn der Wurf einen Namen ergibt, hängt die Anzahl der Schalen, die die anderen trinken müssen, von der Kombination ab.“
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„Das klingt leicht genug“, antworteten sie, „wir folgen deiner Führung.“
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Yüan-yang warf zwei Würfel, um zu schauen, wer anfangen sollte. Sie bestanden darauf, daß von Yüan-yang aus gezählt werden solle. Dann kamen sie bei Tante Hsüä an, die warf, und vier „Einsen“ erwischte.
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„Das ergibt bekannte historische Persönlichkeiten“, sagte Yüan-yang. „ ‚Die vier alten Einsiedler vom Berg Shang‘. Alle älteren Gäste müssen einen Becher trinken.“
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Die Herzoginmutter, Frau Li, die Damen Hsing und Wang willigten ein. Gerade, als die Herzoginmutter ihren Becher an die Lippen hob, sagte Yüan-yang:
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„Da dies Frau Hsüäs Wurf war, muß sie sich einen Vers einfallen lassen, um zu bestehen; und die Person neben ihr muß einen Vers der ‚Klassischen Dichter‘ hinzufügen. Wenn sie es nicht schafft, bedeutet es einen Becher Strafe.“ –
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„Das ist ein Komplott!“, rief Tante Hsüä. „Da habe ich doch keine Chance!“ –
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„Komm schon,“ ermutigte sie die Herzoginmutter. „Versuch’ es. Sonst verdirbst du uns den Spaß. Ich bin als Nächste dran und wenn ich auch hereinfalle, dann trinke ich einen mit.“
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Tante Hsüä versuchte es: „Nehmen wir dies: ‚Graubart zeigt sich in den Blumen‘.“ Die Herzoginmutter nickte und zitierte die Fortsetzung: „Und sie schwelgen im sorglosen Schein der Jugend...“
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Der Würfelbecher wurde an Li Wën weitergereicht, die zwei „Vieren“ und zwei „Zweien“ warf.
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„Auch das ergibt ein bekanntes Gedicht“, sagte Yüan-yang. „Zwei Reisende begegnen zwei überirdischen Damen in den Tiäntai-Bergen.“
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Li Wën schlug das Gedicht „Zwei Freunde gingen in den Pfirsichblütenquell“ vor, und Li Wan, die neben ihr saß, zitierte den Vers: „Auf der Suche nach dem Pfirsichblütenquell, um der Tyrannei des Tjin zu entkommen...“
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Jeder trank etwas, und die Würfel wurden der Herzoginmutter übergeben, die zwei „Zweien“ und zwei „Dreien“ warf.
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„Ich fürchte, ich muß zur Strafe etwas trinken.“ –
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„Nein“, sagte Yüan-yang. „Auch hier gibt es einen Vers. ‚Eine Flußschwalbe regt ihre Küken zum Fliegen an‘. Jeder muß einen Becher trinken.“ –
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„Küken sind Küken, wenn sie Nestflüchter sind, ist es doch gut so, oder?“, sagte Hsi-fëng. Alle schauten sie an und Hsi-fëng verstummte. „Nun, was soll ich zu dem Vers sagen“, sagte die Herzoginmutter. „Wie wäre es mit ‚Der Großvater führt seinen Enkel‘?“
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Dann war Li Qi an der Reihe, sie zitierte den Vers: „Gemütlich die Kinder beim Sammeln von Weidenkätzchen beobachten.“ Alle applaudierten zu ihrer Wahl.
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Bau-yü wollte ungeduldig auch etwas sagen, war aber noch nicht ander Reihe. Während er gerade überlegte, wurden ihm die Würfel zugeworfen. Er warf eine „Zwei“, zwei „Dreien“ und eine „Eins“. –
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„Was ist das?“, fragte er.
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Yüan-yang lachte. „Das ist das Zeichen für ‚Gestank‘. Ein kleiner Schluck als Strafe und dann darfst Du noch einmal würfeln.“
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Bau-yü tat, was ihm aufgetragen wurde. Dieses Mal warf er zwei „Dreien“ und zwei „Vieren“.
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„Das ist besser“, sagte Yüan-yang. „Das ist wie ‚Dschang Tschang zieht seiner Frau die Augenbrauen nach‘.“
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Bau-yü wußte, daß sie sich über ihn lustig machte und Bau-tschai wurde auf der Stelle rot. Hsi-fëng schien nichts Außergewöhnliches bemerkt zu haben und sagte ihm: „Bruder, du solltest sich beeilen und sich schnell einen Vers aussuchen. Dann sehen wir, wer als Nächster dran ist.“
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„Dann sehen wir, wer als Nächster dran ist.“
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Bau-yü war zu verwirrt: „Bestraf mich ruhig. Ich habe ohnehin niemanden, der nach mir käme.“
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Der Becher ging wieder an den Anfang der Runde zu Li Wan. Sie warf, und Yüan-yang benannte den Vers als Kombination „Die Zwölf Goldenen Haarspangen“. Bau-yü eilte an Li Wans Seite und betrachtete die Würfel: der rote und grüne Kern waren symmetrisch angeordnet.
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„Das sieht sehr schön aus“, rief er.
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Plötzlich erinnerte er sich an seinen Traum und die Liste der Zwölf Haarspangen von Jinling. Er ging benebelt an seinen Platz zurück.
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‚In meinem Traum waren es zwölf,‘ überlegte er. ‚Doch von meinen schönen Kusinen wurden die meisten bereits in alle vier Himmelsrichtungen zerstreut. Warum wurden so wenige verschont?‘
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Er blickte sich um. Hsiang-yün und Bau-tschai waren an diesem Tag zugegen, das stimmte. Doch die Abwesenheit von Dai-yü schlug ihn wie eine überwältigende Kraft und er wußte, daß er in Tränen ausbrechen würde. Da er die anderen seinen Kummer nicht sehen lassen wollte, gab er vor, daß ihm heiß wäre und er vorhabe, sich umzuziehen. Er gab Bescheid und verließ die Runde.
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Hsiang-yün bemerkte sein Gehen und glaubte, er sei von der Tatsache verärgert, daß er keinen guten Wurf gehabt hatte und von den anderen geschlagen worden war. Sie selbst war langsam gelangweilt und irritiert von dem Spiel.
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„Mir fällt keines ein“, sagte Li Wan. „Einer aus der Runde fehlt ohnehin. Ich trinke einfach meinen Strafbecher, und dann ist es gut.“ –
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„Dieser Wurf macht doch nicht so viel Spaß“, sagte die Herzoginmutter. „Warum machen wir nicht etwas anderes? Yüan-yang soll einen Wurf machen.“
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Eine jüngere Magd stellte den Becher vor Yüan-yang hin, die tat, wie die Herzoginmutter geheißen hatte, und würfelte. Sie hatte zwei „Zweien“ und eine „Fünf“. Wie der letzte Würfel sich noch im Becher drehte, rief Yüan-yang aus: „Oh nein, bitte keine weitere ‚Fünf‘ !“
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Schließlich kam er zum Ruhen; da war sie, eindeutig eine „Fünf“.
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„Oh nein!“, rief Yüan-yang, „ich habe verloren.“
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„Gibt es dafür keinen Vers?“, fragte die Herzoginmutter.
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„Doch den gibt es“, sagte Yüan-yang. „Doch mir fällt das passende Lied dazu nicht ein.“
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„Nun, sag’ uns den Vers, und ich überlege etwas.“ –
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„Der Vers lautet ‚Wellen fegen über die schwebende Wasserlinse‘.“ – „Das ist nicht schwer“, sagte die Herzoginmutter. „Hier ist ein Lied für dich: ‚Herbstfisch in einer Höhle mit Hsiang-ling‘.“ Hsiang-yün, die neben Yüan-yang saß, schlug das Lied vor: „Die weiße Wasserlinse jammert, wie der Herbst den südlichen Fluß erreicht.“ –
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„Sehr passend!“, riefen alle.
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„Das Spiel ist zu Ende“, sagte die Herzoginmutter, „jeder trinkt noch zwei Becher Wein, dann beginnen wir mit dem Essen.“
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Sie blickte sich um und bemerkte, daß Bau-yü immer noch fort war. „Wo ist Bau-yü hingegangen? Warum ist er noch nicht zurück?“ –
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„Er wollte sich umziehen“, informierte sie Yüan-yang.
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„Wer ist mit ihm gegangen?“
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Ying-örl trat vor: „Als ich sah, daß Herr Bau-yü hinaus ging, trug ich Hsi-jën auf, mit ihm zu gehen.“
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Das beruhigte die Damen. Sie warteten noch etwas länger auf seine Rückkehr und dann, als er immer noch nicht in Sicht war, schickte die Dame Wang eine ihrer jüngeren Mägde, um ihn zu suchen. Die Magd ging in seine neuen Gemächer, doch die einzige Person dort war Wu-örl, die Kerzen anzündete.
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„Wo ist Herr Bau-yü hingegangen?“, fragte die Magd sie.
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„Er trinkt Wein bei der Herzoginmutter“, antwortete Wu-örl.
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„Hier ist er nicht. Ich komme gerade von dort. Die Herzoginmutter hat mich geschickt, um ihn zu holen. Sie vermutete, er sei hier.“ – „Nun, in diesem Fall weiß ich nicht, wo er ist. Suche besser woanders nach ihm.“
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Die Mägde mußten umkehren und begegneten auf ihrem Weg Tjiu-wën. „Hast du gesehen, wo Herr Bau-yü hingegangen ist?“
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„Ich suche ihn auch“, sagte Tjiu-wën, „die gnädige Herrin und die anderen warten auf ihn, damit sie zu Abend essen können. Wo kann er nur hingegangen sein? Ihr geht besser zurück und berichtet es der gnädigen Herrin. Sagt nicht, wir konnten ihn nicht finden, sondern daß er den Alkohol nicht gut vertragen habe und keinen Hunger habe. Sagt, er käme hinüber, wenn er sich ein bißchen hingelegt habe. Sagt der gnädigen Herrin und den anderen Damen, daß sie ohne ihn anfangen sollten.“
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Die jüngere Magd überbrachte Tjiu-wëns Nachricht Dschën-dschu, die sie dann an die Herzoginmutter weitergab.
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„Er ißt gewöhnlich auch nicht viel“, kommentierte die Herzoginmutter. „Er kann ruhig das Abendessen ausfallen lassen und sich ausruhen. Sagt ihm, er brauch nicht zurückzukommen. Seine Frau ist hier, das reicht.“
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„Hast du das gehört?“, sagte Dschën-dschu zu der jüngeren Magd.
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„Ja, Fräulein Dschën-dschu!“, sagte die Magd und wagte nicht zu erwähnen, wie es sich wirklich verhielt. Sie ging hinaus und lief etwas herum, kehrte dann zurück und gab vor, Bau-yü die Nachricht überbracht zu haben. Niemand nahm dies besonders zur Kenntnis. Sie aßen zu Abend und unterhielten sich.
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Unser Erzähler verläßt sie nun und widmet sich Bau-yü. Von plötzlichem Kummer überwältigt, hatte er die Feier verlassen und lief ziellos draußen umher. Hsi-jën eilte ihm nach und fragte, was los sei.
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„Nichts Ernstes“, antwortete er, „ich fühle mich nur auf einmal ganz übel. Warum bummeln wir nicht gemütlich zu den Gemächern, wo Vetter Dschëns Frau lebt und überlassen die anderen ihrem Gelage?“ –
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„Aber Frau Dschën ist auf der Feier“, sagte Hsi-jën, „wen willst du in ihren Gemächern denn besuchen?“
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„Niemanden“, antwortete Bau-yü, „ich wollte nur kurz dort vorbeischauen, um zu sehen, in welchen Gemächern sie nun lebt.“
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Hsi-jën konnte ihn nur begleiten, und sie unterhielten sich auf ihrem Weg. Bald erreichten sie Frau Yous Gemächer und bemerkten, daß das kleine Seitentor daneben, das in den Garten führte, halb offen war. Bau-yü ging gar nicht in Frau Yous Gemächer; statt dessen ging er wegen des Tores zu den zwei alten Dienstmädchen, die auf der Schwelle saßen und sich unterhielten. Er fragte sie: „Wird das Seitentor offen gehalten?“ –
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„Gewöhnlich nicht“, antwortete eine von ihnen, „doch heute wurde uns gesagt, daß die Herzoginmutter eventuell etwas Obst aus dem Garten haben wollte, für diesen Fall bleibt es geöffnet.“
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Bau-yü ging langsam zum Tor und sah, daß es tatsächlich halb offen stand, und er ging hindurch. Hsi-jën wollte ihn zurückhalten und sagte: „Geh nicht dort hinein! Der Garten ist verwahrlost. Es gehen selten Menschen hinein. Sonst würdest du Geistern begegnen.“ Bau-yü war noch ein wenig beschwippst, wollte es wagen und antwortete: „Vor so etwas habe ich keine Angst!“
 
Hsi-jën versuchte mit aller Kraft, ihn zurückzuhalten, doch es war zwecklos. Die Dienstmädchen kamen dazu: „Heute ist der Garten ruhig und friedlich. Seit die Priester hier waren und die bösen Geister vertrieben haben, sind wir oft dort gewesen, um Blumen und Früchte zu sammeln. Wenn Herr Bau-yü nachsehen möchte, gehen wir alle mit. Wenn so viele dabei sind, muß man gewöhnlich keine Angst haben.“
 
Hsi-jën versuchte mit aller Kraft, ihn zurückzuhalten, doch es war zwecklos. Die Dienstmädchen kamen dazu: „Heute ist der Garten ruhig und friedlich. Seit die Priester hier waren und die bösen Geister vertrieben haben, sind wir oft dort gewesen, um Blumen und Früchte zu sammeln. Wenn Herr Bau-yü nachsehen möchte, gehen wir alle mit. Wenn so viele dabei sind, muß man gewöhnlich keine Angst haben.“
 
Bau-yü war begeistert; und Hsi-jën mußte ihre Bemühungen aufgeben, ihn aufhalten zu wollen und folgte ihnen ebenfalls.
 
Bau-yü war begeistert; und Hsi-jën mußte ihre Bemühungen aufgeben, ihn aufhalten zu wollen und folgte ihnen ebenfalls.
Line 27: Line 150:
 
„Ich könnte schwören, daß ich jemanden weinen gehört habe! Da muß jemand sein!“ –
 
„Ich könnte schwören, daß ich jemanden weinen gehört habe! Da muß jemand sein!“ –
 
„Das bildest du dir ein“, sagte Hsi-jën, „es ist nur, weil du hier damals Fräulein Dai-yü oft weinen gehört hast.“
 
„Das bildest du dir ein“, sagte Hsi-jën, „es ist nur, weil du hier damals Fräulein Dai-yü oft weinen gehört hast.“
Bau-yü war überzeugt und wollte noch weiter gehen und aus der Nähe zuhören. Die Amme eilte vor: „Es ist nun wirklich sehr spät, Herr. Es ist Zeit, zurückzugehen. Wir trauen uns nicht, noch weiterzugehen, hier ist der Weg etwas versteckt. Wir haben vor allem sagen gehört, daß seit Fräulein Dai-yü gestorben ist, öfter Geräusche des Weinens gehört wurden. Niemand möchte sich diesem Ort nähern.“
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Bau-yü war (von Hsi-jën) nicht überzeugt und wollte noch weiter gehen und aus der Nähe zuhören. Die Amme eilte vor: „Es ist nun wirklich sehr spät, Herr. Es ist Zeit, zurückzugehen. Wir trauen uns nicht, noch weiterzugehen, hier ist der Weg etwas versteckt. Wir haben vor allem sagen gehört, daß seit Fräulein Dai-yü gestorben ist, öfter Geräusche des Weinens gehört wurden. Niemand möchte sich diesem Ort nähern.“
 
Bau-yü und Hsi-jën hielten beide inne, als sie es hörten.
 
Bau-yü und Hsi-jën hielten beide inne, als sie es hörten.
 
„Da! Ich habe es doch gesagt!“, rief Bau-yü, Tränen liefen ihm aus den Augen, „oh, Kusine Dai-yü! Kusine Dai-yü!“ seufzte er. „Wie konnte ich dich nur so verletzen, während es dir noch so gut ging? Bitte mach’ mir keine Vorwürfe! Sei meinetwegen nicht verbittert! Meine Eltern haben diese Wahl getroffen. Ich wollte dich nicht verletzen!“
 
„Da! Ich habe es doch gesagt!“, rief Bau-yü, Tränen liefen ihm aus den Augen, „oh, Kusine Dai-yü! Kusine Dai-yü!“ seufzte er. „Wie konnte ich dich nur so verletzen, während es dir noch so gut ging? Bitte mach’ mir keine Vorwürfe! Sei meinetwegen nicht verbittert! Meine Eltern haben diese Wahl getroffen. Ich wollte dich nicht verletzen!“
 
Mit jedem Wort wurde er immer betrübter, und zuletzt überkam ihn eine große Welle des Kummers. Hsi-jën wußte nicht, was sie tun könnte, als sie Tjiu-wën mit einer Menge an Dienstmädchen zu sich eilen sah.
 
Mit jedem Wort wurde er immer betrübter, und zuletzt überkam ihn eine große Welle des Kummers. Hsi-jën wußte nicht, was sie tun könnte, als sie Tjiu-wën mit einer Menge an Dienstmädchen zu sich eilen sah.
 
 
Aus: Jinyuyuan 1889b.
 
 
„Habt ihr den Verstand verloren!“, rief Tjiu-wën, „Herrn Bau-yü ausgerechnet  hierher  zu bringen!  Die Herzoginmutter  und  die Dame Wang  sind sehr besorgt und lassen überall nach ihm suchen. Vorhin, als ich die Seitentür halb offen sah, hörte ich, daß Bau-yü mit dir hierhergegangen ist. Die Damen waren so aufgeregt, daß sie mich beschimpften und mich mit den anderen Mägden hierher schickten, um ihn zu holen. Jetzt kommt schon, wir sollten uns beeilen!“
 
„Habt ihr den Verstand verloren!“, rief Tjiu-wën, „Herrn Bau-yü ausgerechnet  hierher  zu bringen!  Die Herzoginmutter  und  die Dame Wang  sind sehr besorgt und lassen überall nach ihm suchen. Vorhin, als ich die Seitentür halb offen sah, hörte ich, daß Bau-yü mit dir hierhergegangen ist. Die Damen waren so aufgeregt, daß sie mich beschimpften und mich mit den anderen Mägden hierher schickten, um ihn zu holen. Jetzt kommt schon, wir sollten uns beeilen!“
 
Bau-yü seufzte noch kläglicher, doch Hsi-jën kümmert sich nicht darum,  zwei Dienstmägde  zerrten  ihn  zurück.  Sie versuchten einerseits,  seine Tränen abzuwischen, andererseits erklärten sie ihm, wie sehr sich seine Großmutter um ihn sorgte. So gab er letztlich nach und ging mit ihnen.  
 
Bau-yü seufzte noch kläglicher, doch Hsi-jën kümmert sich nicht darum,  zwei Dienstmägde  zerrten  ihn  zurück.  Sie versuchten einerseits,  seine Tränen abzuwischen, andererseits erklärten sie ihm, wie sehr sich seine Großmutter um ihn sorgte. So gab er letztlich nach und ging mit ihnen.  
Line 47: Line 167:
 
Nur Bau-yü ging in sein Zimmer und seufzte. Bau-tschai wußte den Grund seines Kummers und stellte sich taub. Sie war trotzdem sehr besorgt, daß, wenn es so weiter ging, er wieder ernsthaft depressiv würde und seine alte Krankheit wiederkehren würde. Sie ging in das innere Zimmer und rief sie nach Hsi-jën und befragte sie detailliert über Bau-yüs Ausflug in den Garten.  
 
Nur Bau-yü ging in sein Zimmer und seufzte. Bau-tschai wußte den Grund seines Kummers und stellte sich taub. Sie war trotzdem sehr besorgt, daß, wenn es so weiter ging, er wieder ernsthaft depressiv würde und seine alte Krankheit wiederkehren würde. Sie ging in das innere Zimmer und rief sie nach Hsi-jën und befragte sie detailliert über Bau-yüs Ausflug in den Garten.  
 
Um Hsi-jëns Antwort zu erfahren, muß man das nächste Kapitel lesen.
 
Um Hsi-jëns Antwort zu erfahren, muß man das nächste Kapitel lesen.
109. Wu-örl teilt die Nachtwache und empfängt die Zuneigung, die für jemand anderen gedacht war
 
Ying-tschun muß sich dem Schicksal ergeben und kehrt in die himmlischen Sphären der ursprünglichen Wahrheit zurück.
 
 
Bau-tschai hatte Hsi-jëns ausführlichen Bericht über die Vorfälle im Garten angehört und befürchete, daß sich Bau-yüs Krankheit dadurch wieder verstärken könne. Um dies zu vermeiden, bezog sie sich direkt auf Dai-yüs Sterben und lenkte das Gespräch mit Hsi-jën auf dieses Thema. „Menschen haben bestimmte Gefühle zueinander, wenn sie leben“, sagte sie weiter. „Doch nach dem Tod betritt die Person eine andere Sphäre und wird ein anderes Wesen. Jemand, der weiter lebt, kann immer noch verliebt sein, doch die tote Person, das Objekt dieser Gefühle, weiß davon nichts. Außerdem, wenn Dai-yü eine Fee geworden ist, kann sie einfache Sterbliche nur eingeschränkt wahrnehmen und würde sich kaum dazu herablassen, sich hier unter die Menschen zu mischen. Wenn man sich ängstigt, kann man von bösen Geistern in Besitz genommen werden.“
 
Sie sprach zwar mit Hsi-jën, doch ihre Worte waren eigentlich für Bau-yüs Ohren bestimmt. Hsi-jën bemerkte das und antwortete dazu passend: „Natürlich ist sie keine Fee. Das steht außer Frage. Wenn Fräulein Dai-yüs Geist den Garten heimsuchen würde, warum ist sie mir dann niemals im Traum erschienen? Wir waren doch sehr gute Freunde.“
 
Bau-yü lauschte von außen und dachte genau über Hsi-jëns Gedanken nach: ‚Das ist seltsam! Seit ich das erste Mal von Kusine Dai-yüs Tod gehört hatte, habe ich jeden Tag oft an sie gedacht. Doch warum habe ich sie nie in meinen Träumen gesehen? Sie muß im Himmel sein und hält mich für einen dummen Erdling, der unfähig ist, mit höheren Sphären zu kommunizieren. Ich weiß, was zu tun ist: heute Nacht werde ich in einem äußeren Zimmer schlafen. Vielleicht wird sie erst durch meine Rückkehr in den Garten auf meine Gefühle aufmerksam und wird herabsteigen, um mich im Traum zu besuchen. Wenn sie das tut, muß ich sie fragen, wo sie hingegegangen ist, sodaß ich sie öfter sehen kann. Wenn es sich aber andererseits herausstellt, daß sie selbst für einen nächtlichen Besuch zu rein ist, dann muß ich sie für immer aus meinen Gedanken verbannen.‘
 
Als er diese Entscheidung getroffen hatte, sagte er laut: „Ich werde heute Nacht hier draußen schlafen. Ihr braucht euch um mich nicht zu sorgen.“
 
Bau-tschai wollte sich dem nicht direkt widersetzen, doch warnte ihn: „Komm nicht auf dumme Gedanken!“ Hast du nicht gesehen, wie bekümmert Mut­ter war, als sie hörte, daß du im Garten warst? Sie konnte vor Angst kaum sprechen! Du mußt vorsichtig sein. Wenn du wieder etwas Dummes tust, und Großmutter findet es heraus, wird sie uns die Schuld geben, nicht genug auf dich aufgepaßt zu haben.“ –
 
„So ernst ist das doch nicht“, sagte Bau-yü, „ich möchte hier nur eine Weile sitzen und dann reinkommen. Du bist sicher müde. Geh schlafen und warte nicht auf mich!“
 
Bau-tschai glaubte, er würde später nachkommen und sagte, sich unwissend stellend: „Nun gut, ich gehe schlafen. Hsi-jën wird nach dir sehen.“
 
Genau darauf hatte Bau-yü gehofft. Er wartete, bis Bau-tschai ins Bett gegangen war, und trug dann Hsi-jën und Schë-yüä auf, sein Bett zu bereiten. Er schickte eine der beiden in regelmäßigen Abständen los, um zu sehen, ob Frau Bau-tschai bereits schlief oder nicht. Bau-tschai gab vor zu schlafen, obwohl sie tatsächlich hellwach war, und so blieb es die ganze Nacht. Bau-yü fiel darauf herein und sagte zu Hsi-jën: „Du und Schë-yüä könnt jetzt schlafen gehen. Ich bin jetzt nicht mehr traurig. Wenn ihr mir nicht glaubt, bleibt hier, bis ich schlafe und geht. Doch ich möchte später in der Nacht nicht gestört werden.“
 
Hsi-jën blieb eine Weile, brachte ihn ins Bett und servierte ihm noch etwas Tee. Dann schloß sie die Tür und ging in das innere Zimmer, wo sie noch ein paar gewöhnliche Arbeiten verrichtete und sich dann hinlegte. Sie gab auch vor zu schlafen und lag wach, bereit aufzuspringen, falls Bau-yü sie draußen brauchte.
 
Bau-yü schickte die beiden Dienstmädchen der Nachtwache fort; und als er allein war, stand er vorsichtig auf, sprach ein leises Gebet und legte sich wieder hin. Zunächst konnte er nicht einschlafen, dann meditierte er ein wenig, schließlich nickte er ein und schlief die ganze Nacht durch. Als er erwachte, war es bereits hellichter Tag. Er rieb sich die Augen, setzte sich auf und dachte nach. Er hatte traumlos geschlafen. Nichts Besonderes war ihm erschienen. Er seufzte:
 
„Wie das Gedicht besagt, so grübele ich laut:
 
Getrennt durch den Tod
 
wollten die Jahre vor Trauer nicht mehr vergehen;
 
Sogar in meinen Träumen
 
ward ihr Antlitz nicht mehr gesehen.“
 
Bau-tschai, die im Gegensatz zu Bau-yü die ganze Nacht über nicht geschlafen hatte, hörte ihn diese wohlbekannten tangzeitlichen Verse aus Bo Djü-yis „Lied andauernden Kummers“ zitieren und bemerkte: „Was für ein unangebrachtes Zitat; wäre Kusine Dai-yü noch am Leben, wäre sie wieder böse mit dir, weil du sie mit Yang Guee-fee verglichen hast!“
 
Bau-yü schämte sich, daß sie ihn gehört hatte. Er kletterte aus dem Bett und ging verschlafen in das innere Zimmer.
 
„Ich wollte letzte Nacht kommen“, sagte er, „doch irgendwie bin ich auf einmal ganz fest eingeschlafen.“ –
 
„Was für einen Unterschied macht es für mich, ob du hergekommen bist oder nicht?“, fragte Bau-tschai.
 
Hsi-jën hatte auch nicht geschlafen, und wie sie die beiden reden hörte, eilte sie herüber, um Tee anzubieten. In diesem Moment kam eine jüngere Magd der Herzoginmutter. „Hat Herr Bau-yü heute Nacht gut geschlafen?“, fragte sie. „Wenn ja, werden dann Herr Bau-yü und Frau Bau-tschai bitte bei der gnädigen Herrin vorbeischauen, wenn sie sich angekleidet haben?“ –
 
„Bitte teilen Sie der gnädigen Frau mit“, antwortete Bau-tschai, „daß Herr Bau-yü überaus gut geschlafen hat und umgehend vorbeikommen wird.“
 
Die Magd brach mit dieser Nachricht auf.
 
Bau-tschai machte sich sofort zurecht und in Begleitung von Ying-örl und Hsi-jën ging sie zuerst zur Herzoginmutter. Dann erwies sie der Dame Wang und Hsi-fëng ihre Referenz, bevor sie wieder zu den Gemächern der Herzoginmutter zurückkehrte. Ihre Mutter war gerade angekommen. „Wie ging es Bau-yü letzte Nacht?“, wollten alle wissen.
 
„Sobald wir zu Hause angekommen waren, ist er schlafen ge­gan­gen,“ berichtete Bau-tschai. „Es ging ihm gut.“
 
Sie waren erleichtert, dies zu hören, und die Unterhaltung berührte mehrere andere Themen. Nun trat eine jüngere Magd ein und gab Bescheid, daß Ying-tschun nach Hause gehen wollte: „Herr Sun schickte jemanden zur Dame Hsing, um sich zu beschweren; die gnädige Herrin besprach sich mit Fräulein Hsi-tschun, um zu sagen, daß Fräulein Ying-tschun nicht aufgehalten werden solle, sondern umgehend nach Hause zurückkehren dürfe. Fräulein Ying-tschun ist gerade bei der gnädigen Herrin. Sie ist sehr traurig und weint. Sie wird nun vorbeikommen, um sich zu verabschieden, Herrin.“
 
Die Herzoginmutter war über Ying-tschuns bevorstehende Abreise sehr betrübt. „Warum mußte das Schicksal ein so süßes Kind wie Ying-örl mit diesem Monster Sun zusammenbringen! Sie wird ihn den Rest ihres Lebens ertragen müssen. Das arme Mädchen wird ihr Leben lang keinen Ausweg finden!“
 
Während sie sprachen, kam Ying-tschun herein, sie hatte geweint. Die Familie war immer noch damit beschäftigt, Bau-tschais Geburtstag zu feiern, deswegen bemühte sie sich, beim Abschied nicht zu weinen. Die Herzoginmutter wußte, daß Ying-tschun ihre Abreise nicht verzögern durfte und versuchte nicht, sie aufzuhalten. „Du machst dich am Besten auf den Weg“, sagte sie, „doch bitte, so schlecht die Dinge auch stehen, versuche die Dinge positiv zu sehen! Er ist, wer er ist, und du wirst ihn kaum ändern können. In einigen Tagen werde ich wieder jemanden schicken, der dich zu einem Besuch einlädt.“ –
 
„Oh Großmutter!“ schluchzte Ying-tschun, „du hast mich immer geliebt! Doch es hat keinen Zweck! Ich weiß, ich werde niemals wiederkommen!“
 
Sie konnte sich nicht länger zusammenreißen und brach in Tränen aus.
 
„Nun komm schon!“, alle versuchten, sie aufzuheitern: „Natürlich kommst du wieder! Sei doch dankbar, daß du nicht am anderen Ende der Welt lebst wie die arme Tan-tschun. Sie hat kaum die Möglichkeit, jemals wieder hierherzukommen.“
 
Die Erwähnung von Tan-tschun rührte die Herzoginmutter und die Damen nur noch mehr zu Tränen. Doch da es Bau-tschais Geburtstag war, schlug wieder jemand einen optimistischeren Ton an: „Wer weiß? Wenn der Friede an der Küste wieder hergestellt ist, könnte Tan-tschuns Schwiegervater zurück in die Hauptstadt geschickt werden, und dann können wir sie wieder sehen!“
 
„Natürlich!“ stimmten alle ein.
 
Ying-tschun mußte nun ihren Kummer so gut wie möglich zurückhalten und brach auf. Sie führten sie hinaus und kehrten zu den Gemächern der Herzoginmutter zurück, wo die Feier für den Rest des Tages bis in den Abend fortgesetzt wurde. Als sie sahen, daß die alte Dame müde wurde, zogen sich alle in ihre Gemächer zurück.
 
Frau Hsüä sagte: „Dein Bruder hat dieses Jahr überlebt, und wenn er nur eine Kaiserliche Begnadigung erhielte und sein Urteil gemildert würde, könnte er sein Bußgeld zahlen und frei kommen. Die letzten paar Jahre waren unerträglich einsam für mich! Ich hatte überlegt, ob ich nicht die Hochzeit deines Vetters Ke in die Wege leiten sollte, was denkst du?“
 
„Du bist besessen davon, nicht wahr, Mama?“, antwortete Bau-tschai. „Pans Hochzeit ist so übel ausgegangen, und du bist besorgt, daß es Ke genauso ergehen wird. Nun, mein Rat wäre, es zu tun. Du kennst Hsiu-yäns Charakter und hast deshalb nichts zu befürchten. Das Leben war für sie noch nie einfach. Wenn sie einmal in unsere Familie eingeheiratet hat, wird es ihr trotz unserer Armut besser gehen, und sie ist nicht mehr so von anderen abhängig.“
 
„In diesem Fall“, sagte Frau Hsüä, „wirst du es der Herzoginmutter erzählen, wenn du die Gelegenheit dazu hast? Bei mir ist niemand zu Hause und sie sollte sich einen günstigen Tag dafür aussuchen.“
 
„Besprich es nur mit Ke und suche ihr einen Tag aus“, sagte Bau-tschai, „dann kannst du es Großmutter und Tante Hsing wissen lassen und die Hochzeit planen. Ich bin sicher, Tante Hsing wird überglücklich sein, wenn sie Hsiu-yän los ist.“ –
 
„Ich habe heute gehört, daß Hsiang-yün nach Hause geht“, sagte Frau Hsüä. „Die Herzoginmutter möchte, daß Bau-tjin ein paar Tage hier bei dir bleibt. Auch sie wird bald heiraten, deshalb solltest du die Gelegenheit nutzen und dich gut mit ihr unterhalten.“
 
„Das werde ich, Mama.“
 
Frau Hsüä blieb noch eine Weile bei ihrer Tochter und ging, nachdem sie sich von den anderen verabschiedet hatte, nach Hause.
 
Laßt uns nun zu Bau-yü zurückkehren. Als er am Abend wieder in seinen Gemächern war, dachte er über die Erfahrung der letzten Nacht nach. Es gab keinen Zweifel daran, daß Dai-yü ihm nicht erschienen war. Das konnte zwei Dinge bedeuten: entweder war sie wirklich eine Fee geworden und hielt sich fern davon, mit einem Grobian wie ihm zu verkehren. Oder er war nur zu ungeduldig. Er entschied sich für die zweite Alternative und beschloß, das Experiment noch einmal zu wagen. Er hatte eine Idee: „Irgendwie habe ich letzte Nacht“, sagte er zu Bau-tschai, „als ich draußen schlief, viel ruhiger geschlafen als sonst innen. Beim Aufwachen fühlte ich mich entspannt und erfrischt. Ich dachte, ich sollte es für ein paar Nächte wiederholen. Doch ich nehme an, du und Hsi-jën habt wieder etwas einzuwenden.“
 
Als sie ihn früh am Morgen das Gedicht hatte rezitieren hören, wußte Bau-tschai, daß die Erinnerung an Dai-yü ihn dazu inspirierte. Sie wußte, daß sie seine Besessenheit mit Worten nicht mildern konnte und folgerte, daß sie ihn ruhig zwei Nächte draußen verbringen lassen konnte und er es schon bald aufgeben würde. Dennoch erschreckte sie die Tatsache, daß er so fest geschlafen hatte, während sie selbst wach gelegen hatte.
 
„Was für ein Unsinn!“, antwortete sie, „warum sollten wir etwas einwenden? Wenn du dort schlafen möchtest, nur zu. Komm nur nicht auf dumme Gedanken! Du öffnest dich ja doch nur, damit böse Geister von dir Besitz ergreifen können.“
 
Bau-yü lachte: „Was soll ich denn davon halten?“
 
Hsi-jën sagte: „Ich denke, Sie sollten besser innen schlafen. Draußen ist es schwerer, Sie zu bedienen. Sie könnten sich vielleicht erkälten…“
 
Bevor Bau-yü antworten konnte, warf Bau-tschai Hsi-jën einen bedeutungsvollen Blick zu.
 
„Nun gut“, sagte Hsi-jën, „Sie sollten zumindest jemanden mitnehmen, der Ihnen etwas bringt, wenn Sie Tee möchten.“
 
Bau-yü lachte: „Na, wenn du das sagst, dann komm doch mit!“
 
Hsi-jën errötete sofort und sagte nichts. Bau-tschai wußte, daß Hsi-jën für solch eine Neckerei zu empfindsam war, und antwortete für sie: „Hsi-jën bleibt jetzt bei mir. Ich denke, sie sollte hier bleiben. Schë-yüä und Wu-örl können nach dir sehen. Außerdem hat Hsi-jën den ganzen Tag damit verbracht, mit mir herumzulaufen und ist müde. Sie verdient Ruhe.“
 
Bau-yü lächelte und ging aus dem Zimmer.
 
Bau-tschai trug Schë-yüä und Wu-örl auf, sein Bett im äußeren Zimmer aufzustellen.
 
„Schlaft nicht so fest“, wies sie sie an, „und seid bereit, ihm etwas zu bringen, wenn er danach verlangt.“
 
„Das werden wir, Herrin“, antworteten sie und gingen hinaus, um Bau-yü aufrecht auf dem Sofa sitzen zu sehen, die Augen geschlossen und die Hände zusammen wie ein Mönch in Meditation. Sie wagten es nicht, ein Wort zu sagen, starrten ihn jedoch mit einem Lächeln auf dem Gesicht an. Bau-tschai schickte Hsi-jën hinein, um zu sehen, ob sie gebraucht wurde, und Hsi-jën fand dieses ebenfalls sehr lustig.
 
„Zeit zu schlafen“, flüsterte sie. „Warum beginnst du zu dieser Nachtstunde zu meditieren?“
 
Bau-yü öffnete seine Augen und blickte sie an.
 
„Ihr könnt jetzt alle ins Bett gehen“, verkündete er. „Ich werde noch eine Weile hier sitzen und dann schlafen gehen.“
 
„Letzte Nacht“, sagte Hsi-jën, „hieltet ihr Frau Bau-tschai die ganze Nacht bis in den Morgen wach. Ihr wollt das doch bestimmt nicht wiederholen?“
 
Bau-yü sah ein, daß, wenn er nicht schlafen ging, es niemand tun würde und kletterte ins Bett. Hsi-jën gab Schë-yüä und Wu-örl ein paar letzte Anweisungen und ging in das innere Zimmer, um zu schlafen, schloß die Tür dabei hinter sich.
 
Schë-yüä und Wu-örl bereiteten ihre Betten und warteten darauf, daß Bau-yü vor ihnen einschlief. Doch er blieb hartnäckig wach. Als er sie dabei sah, wie sie die Betten machten, dachte er plötzlich an die Zeit, als Hsi-jën fort war und Tjing-wën und Schë-yüä übrig waren, um nach ihm zu sehen. Damals ging Schë-yüä in die Nacht hinaus, und Tjing-wën versuchte, ihr einen Streich zu spielen und sie zu erschrecken. Sie war zu leicht angezogen und hatte sich deshalb erkältet. Es war diese Kälte, die letztendlich dazu führte, daß sie starb. Als er so nachdachte, war sein Kopf erfüllt mit Erinnerungen an Tjing-wën. Dann fiel ihm ein, wie Hsi-fëng Wu-örl einst mit Tjing-wën verglichen hatte, ‚das lebende Abbild‘ waren ihre Worte. Kaum merkbar übertrugen sich seine alten Gefühle gegenüber Tjing-wën auf Wu-örl. Er lag dort, gab vor zu schlafen und beobachtete sie heimlich. Je mehr er sie beobachtete, desto mehr verwunderte ihn die Ähnlichkeit und desto erregter fühlte er sich. Im inneren Raum war alles still. ‚Sie müssen schlafen’, dachte er bei sich. Doch er mußte feststellen, ob Schë-yüä noch wach war.
 
Er rief ihren Namen mehrere Male und es kam keine Antwort. Wu-örl hörte es trotzdem: „Was wollt ihr, Herr?“
 
„Ich möchte meinen Mund waschen.“
 
Wu-örl konnte sehen, daß Schë-yüä schlief, erhob sich dann eilig aus dem Bett, entzündete eine Kerze und gab Bau-yü eine Tasse Tee, hielt den Spucknapf dabei in der anderen Hand. Sie mußte sich beim Umziehen beeilen und trug über ihrem Nachtgewand nur ein rosafarbenes, seidenes Jäckchen. Ihr offenes Haar lag wild auf ihrem Kopf .
 
Wie er sie ansah, konnte sich Bau-yü nur zu gut vorstellen, daß Tjing-wën von den Toten auferstanden sei. Plötzlich erinnerte er sich an Tjing-wëns Worte: „Hätte ich nur im Ansatz gewußt, daß es so käme, hätte ich mich völlig anders verhalten.“ Er starrte Wu-örl wie besessen an, vergaß dabei die Teekanne in ihrer ausgestreckten Hand.
 
Seit der Abreise von Fang-guan hatte Wu-örl ihre Idee völlig aufgegeben, jemals in der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß zu dienen. Doch dann, als Hsi-fëng Anweisungen gab, sie in Bau-yüs Dienst aufzunehmen, war sie davon noch mehr begeistert als Bau-yü selbst. Zu ihrer Überraschung machte nach ihrer Ankunft die besondere und erhabene Art, wie Bau-tschai und Hsi-jën sich benahmen, einen großen Eindruck auf sie, und sie war von großem Respekt und großer Bewunderung erfüllt, wohingegen Bau-yü im Gegensatz dazu zu einem völligen Blödian verkommen zu sein schien und nicht annähernd so gut aussah wie sonst. Außerdem wußte sie, daß die Dame Wang bereits Mägde entlassen hatte, die mit Bau-yü geflirtet hatten, und sie entschloß sich daher, jeden verrückten und romantischen Gedanken ihn betreffend zu verwerfen. Doch jetzt war er hier, dieser Einfaltspinsel, der in dieser Nacht offensichtlich ein Auge auf sie geworfen hatte. Sie wußte nichts von dem Prozess, durch welchen seine Gefühle für Tjing-wën auf sie übertragen wurden.
 
Ihre Wangen brannten. Sie wagte nicht, etwas Lautes zu sagen, doch flüsterte:
 
„Herr Bau-yü, bitte wascht jetzt Euren Mund!“
 
Er lächelte und nahm die Tasse in die Hand. Sie konnte nicht sagen, ob er seinen Mund nun wusch oder nicht, als nächstes wußte sie, daß er kicherte, und sie fragte: „Bist Du Tjing-wëns Freundin?“
 
Wu-örl verstand nicht, was mit ihm los war. „Natürlich! Wir kamen alle gut miteinander aus.“
 
Bau-yü dämpfte seine Stimme zu einem Flüstern: „Als Tjing-wën so krank war, habe ich sie besucht. Warst du nicht auch da?“
 
Wu-örl lächelte und nickte. „Hast du sie irgend etwas sagen hören?“, fragte Bau-yü.
 
Wu-örl antwortete mit einem Kopfschütteln.
 
Bau-yü hielt Wu-örls Hand. Er schien völlig hingerissen zu sein. Sie errötete stark, und ihr Herz schlug heftig.
 
„Aber Herr Bau-yü!“, flüsterte sie, „was ist los mit Ihnen, sagen Sie es mir. Hören Sie schon auf, sich so zu benehmen.“
 
Bau-yü ließ ihre Hand los. „Tjing-wën hatte damals gesagt: ‚Hätte ich nur im Ansatz gewußt, daß es so käme, hätte ich mich völlig anders verhalten...‘ Hast du es auch gehört?“
 
Nun war Wu-örl völlig klar, was für ein „anderes Verhalten“ er im Sinn hatte. Sie fühlte sich herausgefordert: „Wenn es das ist, was sie sagte, hätte sie sich schämen sollen! Kein ehrbares Mädchen hätte so etwas vorgeschlagen!“ –
 
„Halte mir doch kein Predigt!“, antwortete Bau-yü irritiert. „Ich dachte daran, wie ähnlich du Tjing-wën siehst, deshalb erzählte ich dir, was sie sagte. Wie kannst du sie nur so beschimpfen?“
 
Wu-örl konnte Bau-yüs wahre Absichten nun gar nicht mehr erkennen.
 
„Es ist spät“, sagte sie, „ihr solltet wirklich besser schlafen und nicht so sitzen. Ihr könntet euch erkälten. Habt ihr nicht gehört, was Frau Bau-tschai und Hsi-jën vorhin gesagt haben?“ –
 
„Ich friere nicht“, sagte Bau-yü. Wie er dies sagte, bemerkte er erst, daß Wu-örl höchst unangemessen gekleidet war und sie sich schnell eine fiebrige Erkältung holen könnte, wie es Tjing-wën passiert war.
 
„Warum hast du dir keinen richtigen Umhang angezogen?“, fragte er sie.
 
„Ihr habt gerufen, und es klang wichtig“, antwortete sie. „Ich hatte kaum Zeit, mich anzukleiden. Hätte ich gewußt, daß ihr nur auf solches Geplauder aus seid, hätte ich mir etwas anderes angezogen.“
 
Bau-yü reichte Wu-örl eine hellblaue Seidenjacke, die auf dem Bett lag und forderte sie auf, diese anzuziehen. Doch sie lehnte ab.
 
„Behaltet sie, mir ist nicht kalt. Außerdem habe ich selbst einen guten Umhang.“
 
Sie ging hinüber zu ihrem Bett, um sich ihren Umhang zu besorgen. Sie horchte für einen Moment. Schë-yüä schlief fest. Sie ging langsam zurück zu Bau-yü:
 
„Ich dachte, ihr wolltet heute eine ruhige Nacht haben?“
 
Bau-yü lächelte. „Um die Wahrheit zu sagen, war dies nie meine Absicht. Eigentlich wollte ich ja eine Fee treffen.“
 
Seine Worte bestätigten ihren Verdacht. „Wen meinen Sie denn?“
 
„Das sag’ ich dir gern“, antwortete er, „doch das ist eine lange Geschichte. Du kommst besser her und setzt dich zu mir.“
 
„Doch Sie beanspruchen schon das ganze Bett“, protestierte sie, errötete wieder und lächelte schüchtern, „wie kann ich dann neben Ihnen sitzen?“ –
 
„Warum nicht? In einer Nacht jenen Jahres, als das Wetter kalt war, blieb Tjing-wën auf, um Schë-yüä einen Streich zu spielen. Damals befürchtete ich, daß sie Fieber bekommt, deshalb habe ich sie unter meine Decke geholt, um sie warm zu halten. Was ist so schlimm daran? Die Leute sollten nicht so prüde sein.“
 
Wu-örl glaubte, er sagte das nur im Spaß. Sie wußte nicht, daß er jedes Wort meinte, wie er es sagte. Sie überlegte, daß sie kaum entkommen konnte, und wenn sie doch blieb, wäre es ohnehin heikel für sie, ob sie stünde oder säße. Sie blickte ihn an und ihr Gesicht wandelte sich in ein Lächeln: „Sagen Sie nicht so etwas Dummes! Die Leute könnten das hören. Kein Wunder, daß Sie so einen Ruf haben. Wie können Sie immer noch so weiter flirten mit zwei so schönen Frauen wie Bau-tschai und Hsi-jën an Ihrer Seite! Wenn Sie so etwas nochmal versuchen sollten, muß ich es am nächsten Tag Frau Bau-tschai berichten. Und dann haben Sie einen Grund, sich zu schämen!“
 
Während sie sprach, gab es draußen einen plötzlichen Lärm, der sie beide erschreckte und kurz danach hörte man, wie Bau-tschai im inneren Zimmer keuchte. Bau-yü machte eine schnelle Handbewegung, Wu-örl löschte umgehend die Lampe, um unbemerkt in ihr Bett zu verschwinden. In der Tat waren früher am Abend Bau-tschai und Hsi-jën beide direkt schlafen gegangen, erschöpft von ihren vorigen schlaflosen Nächten und den Anstrengungen des Tages, und beide hatten während des Gesprächs zwischen Bau-yü und Wu-örl fest geschlafen. Es war der plötzliche Lärm im Hof, der sie geweckt hatte. Sie horchten nach einem weiteren Geräusch, doch alles blieb ruhig. Bau-yü hatte sich währenddessen wieder hingelegt und dachte bei sich:
 
„Diesen Lärm hat Kusine Dai-yü gemacht! Sie kam, und als sie mich mit Wu-örl sprechen hörte, wollte sie uns erschrecken.“
 
Im Liegen drehte und wälzte er sich, tausend wilde Vorstellungen rasten durch seinen Kopf, und kurz vor dem Morgengrauen nickte er ein.
 
Bau-yüs Versuchungen hinterließen bei Wu-örl ein schlechtes Gewissen, und als Bau-tschai keuchte, fürchtete sie, daß sie gehört worden waren, und lag die ganze Nacht grübelnd wach. Sie stand früh am Morgen auf und, wie sie Bau-yü dort tief schlafen sah, räumte sie leise das Zimmer auf. Schë-yüä war bereits wach.
 
„Warum bist du so früh auf?“, fragte sie Wu-örl. „Sag’ nicht, du warst die ganze Nacht über wach.“
 
Dies brachte Wu-örl auf den Verdacht, daß auch Schë-yüä sie gehört hatte. Sie lächelte gezwungen und sagte nichts. Dann standen Bau-tschai und Hsi-jën auf, öffneten die Tür und traten in das äußere Zimmer, wo sie sehr überrascht waren, Bau-yü immer noch schlafen zu sehen. Es verwirrte sie, daß er zwei Nächte hintereinander so ruhig geschlafen hatte.
 
Als Bau-yü aufwachte und alle um sich stehen sah, setzte er sich sofort auf und rieb sich die Augen. Er dachte an die Nacht zurück. Nein, es hatte immer noch keinen Traum gegeben. Er war niemandem begegnet. Er tröstete sich selbst mit den Worten des alten Sprichwortes: ‚Feen und Sterbliche beschreiten verschiedene Pfade, die sich niemals kreuzen.’
 
Als er langsam aus seinem Bett kletterte, klangen ihm Wu-örls Worte über Bau-tschai und Hsi-jën immer noch in den Ohren: „zwei so schöne Damen“. Ja, das stimmte, dachte er bei sich und starrte Bau-tschai an. Bau-tschai glaubte, es müsse wieder etwas mit Dai-yü zu tun haben, obwohl sie sich nicht danach erkundigt hatte, ob sein Traum ertragreich war oder nicht. Sie fühlte sich schnell unbehaglich unter seinem penetranten Starren und fragte schließlich: „Nun, bist du letzte Nacht einer Fee begegnet oder nicht?“
 
Bau-yü folgerte daraus, daß sie sein tête-à-tête mit Wu-örl gehört haben mußte. Er lachte nervös und antwortete mit gespielter Überraschung: „Was meinst du?“
 
Wu-örl für ihren Teil fühlte sich nur noch schuldiger und beobachtete still Bau-tschais Reaktion. Bau-tschai wandte sich danach an sie und fragte mit einem Lächeln: „Nun, hat Herr Bau-yü während seines Schlafes letzte Nacht geredet?“
 
Hier stammelte Bau-yü nun einige unzusammenhängende Entschuldigungen und verließ ängstlich das Zimmer. Wu-örl errötete sofort und antwortete so ausweichend wie möglich: „In der frühen Nacht sagte er etwas, doch ich habe es nicht ganz verstanden. Etwas wie ,hätte ich gewußt, daß die Dinge so stehen, dann…‘ und dann irgendwas wie ‚völlig anders verhalten’. Ich konnte nicht verstehen, was er zu sagen versuchte, deshalb sagte ich ihm nur, er solle versuchen zu schlafen. Dann schlief ich selbst ein, und wenn er noch etwas gesagt hat, dann habe ich es nicht gehört.“
 
Bau-tschai neigte gedankenvoll ihren Kopf: „Das hat offensichtlich etwas mit Dai-yü zu tun. Wenn ich ihn weiter draußen schlafen lasse, bekommt er mehr von diesen wirren Ideen in den Kopf, und wer weiß, was für merkwürdige Feenerscheinungen dann kommen? Es ist die Schwachheit unseres Geschlechtes, die uns verwundbar macht. Wie kann ich ihn nur für mich gewinnen? Wenn das nur jemals aufhören würde.“
 
Als sie so dachte, errötete sie stark, und ging schnell zurück ins innere Zimmer, um sich anzukleiden.
 
Während der zweitägigen Geburtstagsfeier hatte die Herzoginmutter zu viel gegessen und am zweiten Abend hatte sie ein Völlegefühl sowie einen Druck in der Brust. Am folgenden Tag fühlte sie sich im Magen ganz aufgebläht, was Yüan-yang Djia Dschëng berichten wollte. Doch die Herzoginmutter unterband dies: „Ich war über die letzten Tage nur beim Essen etwas zu gierig. Wenn ich eine Weile faste, werde ich mich schnell erholen. Macht doch deshalb kein Aufhebens.“
 
Also berichtete es Yüan-yang niemandem.
 
An diesem Abend, als Bau-yü in seine Gemächer zurückkehrte und Bau-tschai hereinkommen sah, um die Herzoginmutter und die Dame Wang zu begrüßen, erinnerte er sich an den morgendlichen Zwischenfall und errötete vor Scham. Bau-tschai bemerkte seine Verlegenheit sofort. ‚In solchen extremen Gefühlssituationen‘, dachte sie bei sich, ,ist für manche der einzige Ausweg die Manipulation dieser Gefühle selbst.‘
 
„Wirst du heute wieder draußen schlafen?“, fragte sie. Bau-yü schien diese Angelegenheit nicht mehr dringend verfolgen zu wollen: „Eigentlich ist es mir egal.“
 
Bau-tschai fiel keine passende Erwiderung ein und war etwas verlegen.
 
„Was soll das denn jetzt?“ protestierte Hsi-jën. „Ich glaube nicht, daß man draußen so gut schlafen kann.“
 
Wu-örl sagte sofort: „Herr Bau-yü hat eine friedliche Nacht verbracht, unabhängig von seinem Gerede im Schlaf. Ich habe zwar nicht ganz verstanden, was er sagte, aber es schien sinnvoll, nicht mit ihm darüber zu streiten.“ –
 
„Ich werde heute Nacht mit ihm im Bett schlafen,“ kündigte Hsi-jën an, „dann weiß ich, was er nachts redet. Du kannst damit anfangen, Herrn Bau-yüs Decke ins innere Zimmer zurückzubringen.“
 
Bau-yü fühlte sich für einen Einwand zu schuldig und wollte Bau-tschai trösten. Sie befürchtete, zu viel Selbstbeobachtung und Kummer könnten seine Gesundheit gefährden. Dies brachte sie nur dazu, noch zärtlicher zu ihm zu sein. Sie versuchte ganz bewußt, seine Zuneigung für sich zu gewinnen, und suchte seine Nähe, um Dai-yüs Platz in seinem Herzen zu erobern. Hsi-jën ging an diesem Abend doch draußen schlafen. Bau-yü verhielt sich reuevoll gegenüber Bau-tschai, und Bau-tschai hatte natürlich nicht die Absicht, ihn abzuweisen. In ihrer Hochzeitsnacht waren sie sich das erste Mal körperlich näher gekommen, auf diese Weise kosteten sie die vollen Früchte der ehelichen Vereinigung. Doch davon später mehr.
 
Als Bau-tschai und Bau-yü am Morgen aufstanden, ging sich Bau-yü waschen und begab sich zur Herzoginmutter. Sie hatte an diesem Morgen den plötzlichen Drang, ihrem geliebten Enkelsohn und ihrer ergebenen Schwiegerenkelin einen Gefallen zu tun und hatte Yüan-yang aufgetragen, eine der Truhen zu öffnen und einen antiken Jadefingerring der Han-Dynastie herauszuholen, ein Familienerbstück von ihr. Sie wußte, daß es nicht mit Bau-yüs originaler Jade zu vergleichen war, doch hielt sie es trotzdem für ein besonderes Schmuckstück. Yüan-yang fand es und gab es der Herzoginmutter.
 
„So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen. Wie konnten sie sich nach all den Jahren daran erinnern, wo es war? Sie wußten genau, welche Ecke in welcher Truhe. Mit diesen Anweisungen konnte ich es sofort finden. Wofür brauchen Sie ihn, Herrin?“ –
 
„Du kannst nichts über diesen Jadestein wissen“, antwortete die Herzoginmutter, „ursprünglich gab ihn mein Urgroßvater meinem Vater. Als ich verheiratet war, schickte mein Vater nach mir, um mir dieses Geschenk zu machen. Er sagte mir, es sei ein sehr kostbarer Jadestein der Han-Dynastie. Mit dem Stein sollte ich mich an ihn erinnern. Zu dieser Zeit war ich sehr jung und habe kaum darüber nachgedacht. Ich habe ihn nur in die Truhe gelegt. Und als ich herkam, um hier zu leben und so viele andere Schätze um mich sah, schien er mir nicht mehr so besonders. Ich habe ihn noch nicht einmal getragen. Er muß über sechzig Jahre in der Truhe gelegen haben. Heute dachte ich, was für ein guter Enkelsohn Bau-yü für mich ist; und seit er seinen eigenen Jadestein verloren hat, dachte ich, ich könnte ihm diesen geben, aus demselben Grund wie ihn mein Vater mir gab.“
 
Und da traf Bau-yü auch schon ein.
 
„Komm her“, sagte die Herzoginmutter, „komm und sieh dir etwas an!“
 
Bau-yü ging zu dem Ofenbett, auf dem sie lag, und die Herzoginmutter überreichte ihm den Jadestein. Er nahm ihn in die Hände und schaute ihn an. Sein Umfang betrug etwa eine Handbreit, mit seiner elliptischen Form ähnelte er einer langen Melone mit rötlichem Farbton. Es war ein sehr schönes Stück Handarbeit. Bau-yü war überaus begeistert.
 
„Gefällt er dir?“, fragte die Herzoginmutter. „Er wurde mir von meinem Urgroßvater übergeben und nun gebe ich ihn dir.“
 
Bau-yü lächelte und sprach, ein Knie auf den Boden hinunterlassend, seinen Dank aus und meinte, er würde ihn gern seiner Mutter zeigen.
 
„Wenn sie ihn sieht, wird sie es deinem Vater erzählen“, ermahnte ihn die Herzoginmutter, „und dann wird er sagen, daß ich dich mehr liebe als ich ihn geliebt habe. Sie haben ihn noch niemals gesehen.“
 
Bau-yü lächelte und ging hinaus, Bau-tschai blieb noch eine Weile und sprach noch ein wenig mit der Herzoginmutter, bevor sie ging.
 
Die Herzoginmutter fastete zwei Tage, doch immer noch fühlte sich ihr Magen schmerzhaft aufgebläht an, sie begann zu keuchen und ihr wurde schwindelig. Die Damen Wang und Hsing sowie Hsi-fëng fanden sie in gutem Zustand, als sie ihren Pflichtbesuch abstatteten, doch sie überbrachten Djia Dschëng die Nachricht, daß er vorbeischauen solle. Er eilte sofort zu ihr und rief nach einem Arzt, der ihren Puls messen und eine Diagnose geben solle. Der Arzt erschien umgehend und verkündete nach seiner Untersuchung, daß diese Umstände nichts Ungewöhnliches für eine Person im Alter der Herzoginmutter seien. Eine fehlerhafte Diät habe leichtes Fieber verursacht, was durch die Einnahme eines Beruhigungsmittels schnell gelindert würde. Er schrieb das Rezept und als Djia Dschëng sah, daß es nichts Besonderes enthielt, trug er einer der Mägde auf, die Zutaten zusammenzubrauen und das Gemisch der Herzoginmutter zu verabreichen.
 
Djia Dschëng besuchte die Herzoginmutter morgens und abends. Nach drei Tagen, als immer noch keine Besserung eintrat, sagte er zu Djia Liän: „Du mußt einen besseren Arzt herbestellen, daß er so schnell wie möglich nach der Herzoginmutter sehen kann. Ich fürchte, ein einfacher Arzt wird dafür nicht ausreichen.“
 
Djia Liän überlegte einen Moment und sagte: „Ich erinnere mich daran, wie Bau-yü  vor einer Weile krank war, da besorgten wir zuletzt auch einen Arzt, der streng genommen auch nur ein gewöhnlicher Hausarzt war – und am Ende ging es Bau-yü doch wieder besser. Warum holen wir ihn nicht wieder her?“ –
 
„Medizin ist eine durchaus raffinierte Kunst“, Djia Dschëng überlegte laut, „und manchmal werden die fähigsten Mediziner nicht als solche erkannt. Also dann besorg’ uns diesen Mann!“
 
Djia Liän brach sofort auf, nur um mit der Nachricht zurückzukehren, daß der besagte Arzt Liu zur Zeit die Stadt verlassen habe, um seine Schüler zu unterrichten und erst in zehn Tagen zurückkomme. Doch weil die Angelegenheit dringend war, besorgte Djia Liän einen anderen, der bereits auf dem Weg war. Djia Dschëng konnte nur warten. Soviel dazu.
 
Während dieser Krankheit waren alle Damen in ständiger Aufwartung bei der Herzoginmutter.
 
 
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Kapitel 108

强欢笑蘅芜庆生辰 / 死缠绵潇湘闻鬼哭

Eine Geburtstagsfeier zu Ehren von Bau-tschai erfordert aufgesetzte FröhlichkeitWehklagen aus der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß sorgen für einen neuen Ausbruch von Kummer.

Wir haben bereits berichtet, wie der Kaiser Djia Dschëngs Bitte abwies, das Jung-guo-Anwesen und den Garten des Großen Anblicks dem Thron zu überlassen. Da aber auch niemand aus der Familie Djia noch im Garten lebte, waren seine Tore seitdem verschlossen. Frau You und Hsi-tschun, deren derzeitige Unterkunft im Jung-guo-Anwesen an die Gartenmauer grenzte, empfanden diesen Ort als schauerlich und verlassen, und auch das war einer der Gründe, warum Bau Yung mit der Gartenpflege beauftragt worden war. Djia Dschëng nahm sich ernstlich vor, sich um die Haushaltsangelegenheiten zu kümmern, und in Übereinstimmung mit den Anweisungen der Herzoginmutter ordnete er eine umfassende Einschränkung des Personals und weitere Einsparungen an, und doch reichten diese Maßnahmen nicht. Gott sei Dank konnte sich Hsi-fëng dank der Liebe der Herzoginmutter weiter um den Haushalt kümmern. Obwohl Frau Wang und die anderen nicht mehr viel für sie übrig hatten, beschloß Djia Dschëng, sie trotzdem mit der Abwicklung der internen Angelegenheiten zu beauftragen. Sie übernahm diese Verantwortung gern, doch entdeckte sie bald, daß durch die Plünderung der Goldjacken alles nicht mehr so lief wie vorher. Alles mußte genau berechnet werden. Die Damen und ihre Mägde, von der höchsten zur niedrigsten, waren ein unbeschwertes Leben gewohnt. Wie sie unter den neuen schlechteren Umständen feststellten, daß sie sich ihren alten Luxus nicht mehr leisten konnten, waren sie nur am Jammern. Hsi-fëng konnte sich ihrer Pflicht nicht entziehen und versuchte trotz ihrer Krankheit die Herzoginmutter, so gut sie konnte zu erfreuen. Djia Schë und Vetter Dschën kamen gerade an ihrem vorgesehenen Exilort an. Dank des Geldes, das ihnen mitgegeben worden war, ging es ihnen zunächst soweit gut, und sie schrieben nach Haus, daß sie wohlauf waren und daß die Familie sich ihretwegen keine Sorgen machen müsse. Die Herzoginmutter war sehr erleichtert und die Neuigkeiten trösteten ihre Frauen ein wenig. Einige Tage später kam Schï Hsiang-yün, die nun verheiratet war und zu Hause ihren Besuch des Neunten Tages abstattete. Die Herzoginmutter sagte, was für einen günstigen Bericht sie über ihren Ehemann vernommen habe, während Hsiang-yün bestätigte, daß das Eheleben sie glücklich mache. Sie bat die Herzoginmutter, sich keine Sorgen zu machen. Bei der Erwähnung von Dai-yüs Tod brachen beide in Tränen aus, und der Kummer der Herzoginmutter wurde mit den Gedanken an Ying-tschun und ihre Strapazen noch vergrößert. Hsiang-yün blieb eine Zeit bei ihr, gab ihr Bestes, um sie aufzuheitern, dann schaute sie bei den anderen vorbei und kehrte zuletzt zu den Gemächern der Herzoginmutter zurück. Die Unterredung an diesem Abend richtete sich auf die Familie Hsüä, und Hsiang-yün erfuhr von der Herzoginmutter, wie aufgrund von Pans Eskapaden die Hsüäs nun vor dem vollständigen Ruin standen. Pans Todesurteil wurde zunächst aufgehoben, das war wahr, und er war immer noch lebend im Kerker. Doch es gab keinen Bericht darüber, ob das Urteil bis zum nächsten Jahr geändert und somit sein Leben gerettet werden könne. „Und du hast auch noch nichts von Pans Frau gehört“, fuhr die Herzoginmutter fort. „Sie hat ein böses Ende gefunden, und es gab beinahe einen schrecklichen Skandal. Doch Buddha hat in seiner allsichtigen Weisheit ihre eigene Magd dazu gebracht, uns die ganze Geschichte zu erzählen. Frau Hsia mußte trotz all ihrer Possen der Wahrheit ins Angesicht blicken und bat zuletzt darum, die Untersuchung einzustellen. Das Ganze konnte gerade so in der Familie gehalten werden. Es ist ja wirklich so, daß die ganze Familie Hsüä unter diesem Schicksal litt. Tante Schë lebt nun mit dem jungen Kë zusammen. Er ist ein wundervoller Bursche und hat ein enormes Pflichtbewußtsein. Er denkt, er müsse seine Hochzeit aufschieben, bis Pan aus dem Gefängnis entlassen und der Mordfall aufgeklärt sei. Natürlich macht dies die Sachen schwer, besonders für die arme Schwester Hsing [Hsiu-yän], die bei ihrer Tante Hsing bleiben muß. Auch nicht viel besser ist es für Bau-tjin, die nicht ihren jungen Herrn Mei heiraten kann, bis die Trauerzeit für ihren Schwiegervater vorbei ist. Ach du meine Güte! Es kommt das eine zum anderen, unsere Verwandten scheinen in einer ähnlichen Lage wie wir zu sein. Laß mich sehen, was es sonst noch Neues gibt. In der Familie Wang, von dem älteren Bruder deiner Tante Wang, ist dein Großonkel Dsï-teng verschieden. Hsi-fëngs älterer Bruder Jen hat sich selbst entehrt. Und ihrem zweiten Onkel Dsï-sheng, deinem anderen Großonkel Wang, ergeht es auch nicht gut. Er konnte die Schulden seines älteren Bruders nicht bezahlen und hat uns deshalb um Hilfe gebeten. Wir wissen nichts Neues von den Dschëns, seitdem sie ebenso ausgeraubt wurden wie wir und man ihr Eigentum beschlagnahmte.“ „Gab es irgend etwas Neues von Tan-tschun, seit sie gegangen ist?“, fragte Hsiang-yün. „Nach ihrer Hochzeit ist dein Onkel Dschëng von seinem Posten zurückgekehrt, und er erzählte mir, daß Tan-tschun an der Küste sehr glücklich sei. Aber nur haben wir immer noch nichts direkt von ihr gehört, und ich mache mir große Sorgen. Wir hatten hier vor Ort mit so vielen Problemen zu kämpfen, deshalb hatte ich einfach keine Zeit, etwas für sie zu tun. Und dann ist da noch Hsi-tschun. Ich habe immer noch keinen Ehemann für sie gefunden. Wer könnte ihn im Zusammenhang mit einer Fertigkeit erwähnen? Oh, unser Zuhause hat sich sehr verändert, seit du das letzte Mal hier warst,– leider zum Schlechten. Deine arme Kusine Bau-tschai hat keinen Tag Frieden gehabt, seit sie in unsere Familie eingeheiratet hat. Und Bau-yü verhält sich immer noch so unbeholfen wie zuvor. Ach du liebe Güte! Wir sitzen wirklich in der Klemme!“ „Ich bin hier aufgewachsen“, sagte Hsiang-yün, „Deshalb kenne ich jeden einzelnen Charakter sehr gut. Aber dieses Mal haben sich alle verändert. Zuerst meinte ich, sie seien mir gegenüber etwas distanziert, weil ich so lange fort war. Doch dann dachte ich darüber nach und sah, daß dies nicht sein konnte. Sie wollten mit mir so heiter wie immer sein, doch nachdem wir miteinander zu reden begonnen hatten, wurden sie alle traurig. Deshalb bin ich nicht lange geblieben und kam zurück zu dir, Großmutter.“ „Für mich als alte Frau macht das nichts mehr“, sagte die Herzoginmutter. „Doch die jungen Leute scheinen daran zu zerbrechen. Ich habe heute ein wenig versucht, sie aufzuheitern, doch dann fehlte mir die Kraft dazu.“ „Ich habe eine Idee“, sagte Hsiang-yün. „Ist übermorgen nicht Bau-tschais Geburtstag? Warum bleibe ich dann nicht noch, um ihr Glück zu wünschen, dann sind wir einen Tag lang froh zusammen. Was sagst du dazu, Großmutter?“ „Meine Güte! Ich werde schon schusselig!“, rief die Herzoginmutter. „Wenn du das nicht erwähnt hättest, hätte ich es ganz vergessen. Natürlich, du hast recht! Morgen werde ich den Köchen etwas Geld geben, und wir feiern ein Fest. Bevor Bau-tschai Bau-yü heiratete, haben wir ihren Geburtstag einige Male gefeiert. Doch nicht, seit sie ein Teil der Familie ist. Bau-yü, das arme Kind, der ein Ausbund von Unfug und Spaß war, wurde so schwer von unseren Sorgen getroffen, daß er kaum zwei Worte zusammenbekommt. Ich kann mich immer noch auf die Frau von Dschu-örl [Wan] verlassen. Sie wird sich niemals ändern, weder in guten noch in schlechten Zeiten. Sie und der kleine Lan verbringen ihre Tage ruhig zusammen. Sie ist ein Wunder!“ „Den anderen geht es nicht schlecht, nur Schwägerin Hsi-fëng hat sich verändert“, sagte Hsiang-yün. „Sie sieht zunächst einmal so anders aus und spricht nicht mehr so vergnügt wie damals. Morgen muß ich sehen, ob ich sie alle irgendwie aufmuntern kann. Doch ich fürchte, daß sie es mir, auch wenn sie es nicht aussprechen, innerlich übelnehmen, daß ich so glücklich bin.“ Sie hielt inne und errötete plötzlich. Die Herzoginmutter verstand, was sie meinte. „Es gibt keinen Grund, dir deshalb Sorgen zu machen. Du und deine Vetter seid zusammen als Kinder aufgewachsen. Ihr habt miteinander gespielt, geplaudert und zusammen gelacht. Mach Dir nicht zuviele Gedanken um sie! Wir alle müssen lernen, die Höhen und Tiefen des Lebens zu akzeptieren. Wir sollten alle lernen, das Glück zu nutzen, solange es dauert und Armut geduldig zu überstehen. Deine Kusine Bau-tschai hatte immer eine klare Sicht vom Leben. In vergangenen Tagen, als ihre Familie noch wohlgestellt war, war sie niemals eingebildet; und seitdem harte Zeiten angebrochen sind, ist sie davon kaum erschüttert. Nun, da sie ein Teil unserer Familie ist, ist sie ruhig und zufrieden wie immer, wenn Bau-yü nett zu ihr ist, und ich habe sie nie grummeln gesehen, wenn er sie manchmal zu einem Lied oder kleinen Tanz verleitet. Dieses Mädchen scheint mit einer herrlichen Gabe ausgestattet zu sein. Deine Kusine Dai-yü war so anders – sie kritisierte andere oft, war schnell gekränkt und zweifelte an allem. Es überraschte kaum, daß sie so jung starb, armes Kind. Und was Hsi-fëng angeht, sie hat etwas vom Leben gesehen, sie sollte es besser wissen, als sich von kleinen Unpäßlichkeiten erschlagen zu lassen. Schwachheit liegt in ihrem Charakter ... Ja, ich sollte eine bestimmte Geldsumme für Bau-tschais Geburtstag an die Seite legen, und wir werden ein frohes Fest feiern und werden ihr damit auch eine Freude bereiten.“ „Das klingt nach einer guten Idee, Großmutter“, antwortete Hsiang-yün, „ich werde schon mal die Mädchen einladen, und wir können alle zusammen ein bißchen plaudern.“ – „Ja, tu das“, sagte die Herzoginmutter. In ihrer Begeisterung rief sie Yüan-yang zu sich und sagte: „Nimm hundert Tael Silber und sag’ den Kontoführern, daß wir Essen und Trinken für eine Zwei-Tages-Feier brauchen, die morgen beginnt!“ Yüan-yang gab einem alten Dienstmädchen das Geld, um den Auftrag auszuführen. Der folgende Abend und die Nacht blieben ohne weitere Ereignisse. Am darauf folgenden Tag wurde ein Diener wegen der Feier zu Ying-tschun geschickt. Tante Hsüä und Bau-tjin wurden eingeladen und gebeten, Hsiang-ling mitzubringen. Frau Li wurde ebenfalls eingeladen und später am Tag kamen Li Wën und Li Tji an. Die Vorbereitungen wurden vor Bau-tschai geheim gehalten. Eine der Mägde der Herzoginmutter kam einfach vorbei, um ihr zu sagen, daß ihre Mutter nach ihr riefe und bestellte sie hinüber in die Gemächer der Herzoginmutter. Bau-tschai war froh, von der Ankunft ihrer Mutter zu hören und ging gekleidet, wie sie war, um sie zu begrüßen. Sie fand dort ihre Kusine Bau-tjin, Hsiang-ling und Frau Li mit den Schwestern Li und nahm an, daß sie sich alle versammelt hatten, um die Nachrichten vom Ende der Familienkrise zu hören. Sie begrüßte Frau Li, dann die Herzoginmutter, wechselte dann ein paar Worte mit ihrer Mutter und begrüßte dann die Schwestern Li. „Wenn die Damen sich bitte setzen würden“, sagte Hsiang-yün von der Seite, „dann können wir meiner Kusine gratulieren und ihr ein langes und glückliches Leben zu diesem besonderen Anlaß wünschen.“ Bau-tschai blickte einen Moment verwirrt. Dann dachte sie bei sich, ‚Natürlich! Morgen habe ich Geburtstag!‘ Sie protestierte: „Es ist sehr gut, daß ihr Großmutter besuchen gekommen seid. Doch ihr hättet euch meinetwegen nicht so eine Mühe machen müssen.“ Bau-yü hörte das, als er hereinkam, um Tante Hsüä und Frau Li zu begrüßen. Er wollte eigentlich selbst etwas für Bau-tschais Geburtstag geplant haben, doch hatte er der Herzoginmutter wegen der Ärgernisse der letzten Wochen nichts davon gesagt. Er war sehr froh, daß Hsiang-yün die Initiative ergriffen hatte. „Ja, morgen hat sie Geburtstag“, sagte er, „ich wollte dich gerade daran erinnern, Großmutter.“ – „Schande über dich!“, rief Hsiang-yün mit einem scherzhaften Lachen, „als ob Großmutter daran erinnert werden müßte! Wer, glaubst du, hat die ganzen Leute eingeladen wenn nicht Großmutter?“ Bau-tschai zweifelte insgeheim daran. Doch dann hörte sie die Herzoginmutter zu ihrer Mutter sagen: „Arme Bau-tschai, es ist ungefähr ein Jahr her, daß sie Bau-yü geheiratet hat und, da das eine zum anderen kam, haben wir nie ihren Geburtstag gefeiert. Heute wollte ich es richtig angehen, deshalb habe ich dich und und alle Frauen eingeladen, sodaß wir uns bei dieser Gelegenheit alle gut unterhalten können.“ – „Sie fangen gerade erst an, ruhigere Zeiten zu haben, gnädige Frau“, sagte Tante Hsüä, „es ist meine Tochter, die sich am ehesten bemühen sollte, ihre Pflichten zu erfüllen und Ihnen ihre Liebe und Respekt zu zeigen. Sie sollten wirklich nicht so einen Aufwand für Bau-tschai machen.“ – „Bau-yü ist Großmutters Lieblingsenkel“, sagte Hsiang-yün, „deswegen hat sie natürlich auch eine kleine Schwäche für Bau-tschai! Trotzdem verdient Bau-tschai es, daß meine Großmutter für sie ein Geburtstagsessen organisiert!“ Wie es der Anstand erforderte, schwieg Bau-tschai mit gesenktem Kopf. Bau-yü wunderte sich derweil selbst über Hsiang-yüns Offenheit: ‚Ich hatte mir immer vorgestellt, daß Hsiang-yün sich nach ihrer Hochzeit ändern würde; deshalb war ich gestern eher zurückhaltend zu ihr. Als Folge davon wird sie sich selbst auch etwas zurückgehalten haben. Doch wenn man sie jetzt reden hört, scheint sie dieselbe wie immer zu sein. Warum hat die Ehe mein Leben nur so bescheiden gemacht und schamhafter und sprachloser als je zuvor?’ Während diese Gedanken seinen Geist durchströmten, kam eine jüngere Magd herein, um die Ankunft von Ying-tschun anzukündigen. Kurz darauf kamen Li Wan und Hsi-fëng an, und sie begrüßten sich alle. Ying-tschun kam auf die Abreise ihres Vaters zu sprechen: „Ich wollte ihn vor seiner Abreise noch gesehen haben, doch mein Ehemann hat es mir nicht gestattet. Er sagte, er wolle nicht, daß das Unglück seine Familie befällt. Er wollte auf nichts hören, was ich sagte, und ich konnte nichts tun. Zwei oder drei Tage lang habe ich geweint.“ „Warum ließ er dich denn heute kommen?“, fragte Hsi-fëng. „Dieses Mal sagte er, daß seit Djia Dschëng den Titel wiedererlangt habe, es kein Problem mehr gebe, den Kontakt aufrecht zu erhalten.“ Sie brach in Tränen aus. „Ich habe mich selber elendig gefühlt“, schimpfte die Herzoginmutter, „und ich habe dich nur gebeten, mit uns den Geburtstag meiner Schwiegerenkelin zu feiern und etwas Spaß zu haben. Ich dachte, wir könnten viel miteinander lachen – und dann erwähnst du deine betrüblichen Angelegenheiten und machst mich wieder ganz traurig.“ Ying-tschun und der Rest wurden still. Hsi-fëng gab ihr Bestes, ein frohes Gesicht zu machen und die Herzoginmutter wieder aufzuheitern; doch irgendwie schien ihr das Talent abhanden gekommen zu sein, andere Leute zum Lachen zu bringen und ihre Mühen waren vergebens. Die Herzoginmutter selbst wollte Bau-tschai den Tag nicht verderben und stachelte Hsi-fëng ganz bewußt an. Hsi-fëng wußte, was die Herzoginmutter wollte und versuchte ihr Bestes: „Es geht Ihnen heute viel besser, nicht wahr, gnädige Frau? Hier sind wir alle nach so langer Zeit wieder versammelt. Es ist wirklich eine Wiedervereinigung!“ Nach diesen Worten blickte sie sich um, bemerkte die offensichtliche Abwesenheit der Damen Hsing und You und schwieg. Das Wort „Wiedervereinigung“ hatte die Erinnerung der Herzoginmutter geweckt und sie schickte umgehend nach den fehlenden Damen. Die Damen Hsing und You sowie Hsi-tschun wußten, daß sie dem Ruf der Herzoginmutter folgen mußten, obwohl feiern das letzte war, wonach ihnen zumute war. Der veiwelkte Haushalt ging ihnen immer nach, aber die Herzoginmutter freute sich sehr darüber, Bau-tschais Geburtstag zu feiern, was war Beweis genug, wo ihre Zuneigung lag. Sie kamen in das Zimmer und boten ein farbloses Bild des Elends. Die Herzoginmutter erkundigte sich nach Hsiu-yän und die Dame Hsing erfand eine Krankheit, die ihre Nichte davon abhielt, zu der Feier zu erscheinen. Die Herzoginmutter selbst wußte nur zu gut, daß Hsiu-yäns Abwesenheit von ihrer Anwesenheit bei der Feier von Tante Hsüä [der Tante ihres zukünftigen Ehemannes] herrührte und fragte nicht nach. Dann wurden Wein und Konfekt serviert. „Es gibt keinen Grund, nach einem der Männer zu schicken“, sagte die Herzoginmutter, „heute ist Frauentag.“ Obwohl Bau-yü ein verheirateter Mann war, hatte er als Großmutters Liebling die Erlaubnis zu bleiben. Aber er wurde nicht an einen Tisch mit Hsiang-yün und Bau-tjin gesetzt, sondern auf einen Stuhl neben der Herzoginmutter. Bau-yü ließ Bau-tschai hochleben, ging herum und stieß einzeln mit allen repräsentativ für sie an. „Setzt euch beide,“ verlangte die Herzoginmutter, „und laßt uns alle etwas trinken. Später am Abend kannst du jedem gegenüber deine Pflicht erfüllen. Doch wenn du dich jetzt zu förmlich benimmst und eine Zeremonie aus dem Ganzen machst, ist meine Laune ganz tief unten, und die Feier macht keinen Spaß.“ Sie gehorchte und setzte sich. Die Herzoginmutter wandte sich zu den anderen: „Um Himmels willen, laßt uns doch entspannen. Wir brauchen nur eine oder zwei Mägde, die uns aufwarten. Yüan-yang, nimm Tsai-yün, Ying-örl, Hsi-jën und Ping-örl mit zurück und trinkt etwas Wein zusammen!“ – „Aber wir haben immer noch nicht Frau Bau-tschai gratuliert“, sagten Yüan-yang und die andere. „Wie können wir etwas trinken, ohne das vorher getan zu haben?“ – „Ab mich euch!“ sagte die Herzoginmutter. „Wir lassen euch rufen, wenn wir euch brauchen.“ Yüan-yang und die anderen Mägde gehorchten. Die Herzoginmutter forderte ihre Gäste nun zum Trinken auf. Doch bald bemerkte sie, dass niemand in der gewöhnlichen Stimmung war. „Was ist mit euch allen los?“, fragte sie ärgerlich. „Seid doch alle mal etwas fröhlicher!“ – „Wir essen und trinken“, antwortete Hsiang-yün. „Was erwartest du denn noch von uns?“ „Als sie alle noch Kinder waren“, sagte Hsi-fëng, „war es einfacher für sie, sorglos und heiter zu sein. Da sie nun erwachsen sind, lassen sie sich nicht mehr so gehen. Deswegen erscheinen sie so ruhig.“ Bau-yü sagte der Herzoginmutter im Vertrauen: „Am besten sagen wir gar nichts, Großmutter. Wenn wir so offen sind wie du, könnte sich noch jemand verletzt fühlen. Warum schlägst du stattdessen nicht ein Trinkspiel vor?“ Die Herzoginmutter hatte zum Lauschen ihren Kopf zur Seite geneigt. „Wenn es ein Spiel sein soll“, antwortete sie mit einem Lachen, „müssen wir Yüan-yang zurückrufen!“ Als Bau-yü es hörte, mußte er kein zweites Mal gebeten werden, sondern ging direkt aus den Gemächern, um Yüan-yang zu finden. „Großmutter möchte ein Spiel spielen und braucht deine Hilfe.“ – „Herr Bau-yü, können wir uns nicht ausruhen und gemütlich unseren Wein trinken? Mußt du ein Mittel finden, um uns zu stören?“ – „Es hat nichts mit mir zu tun. Ehrlich. Es ist Großmutter. Sie trug mir auf, dich zu holen.“ Yüan-yang hatte keine Wahl. „Ihr bleibt alle hier und trinkt euren Wein. Ich bin gleich wieder da.“ Sie begab sich in die Gemächer der Herzoginmutter. „Da bist du ja!“, rief die Herzoginmutter, als sie erschien. „Wir spielen ein Trinkspiel!“ – „Herr Bau-yü sagte, ich sollte kommen, gnädige Frau“, sagte Yüan-yang, „Nun bin ich hier. Was für ein Spiel wolltet Ihr denn genau spielen?“ – „Nun, für den Anfang keines aus diesen schlauen Büchern. Die sind zu langweilig. Und auch keines von diesen gewalttätigen. Irgendetwas Neues und Unterhaltsames.“ Yüan-yang überlegte einen Moment: „Da Frau Hsüä eine unserer Besucherinnen ist und ich sehe, daß sie eine ältere Dame ist, will ich sie nicht überfordern. Warum holen wir nicht ganz einfach die Würfelschale und werfen um Liedtitel? Der Verlierer muß ein Schälchen Wein trinken.“ – „Das klingt gut“, sagte die Herzoginmutter. Sie bat eine der Mägde, die Würfel zu besorgen. „Werft vier Würfel“, sagte Yüan-yang. „Wenn die Kombination keinen besonderen Namen hat, muß der Werfer ein Schälchen Wein trinken. Wenn der Wurf einen Namen ergibt, hängt die Anzahl der Schalen, die die anderen trinken müssen, von der Kombination ab.“ „Das klingt leicht genug“, antworteten sie, „wir folgen deiner Führung.“ Yüan-yang warf zwei Würfel, um zu schauen, wer anfangen sollte. Sie bestanden darauf, daß von Yüan-yang aus gezählt werden solle. Dann kamen sie bei Tante Hsüä an, die warf, und vier „Einsen“ erwischte. „Das ergibt bekannte historische Persönlichkeiten“, sagte Yüan-yang. „ ‚Die vier alten Einsiedler vom Berg Shang‘. Alle älteren Gäste müssen einen Becher trinken.“ Die Herzoginmutter, Frau Li, die Damen Hsing und Wang willigten ein. Gerade, als die Herzoginmutter ihren Becher an die Lippen hob, sagte Yüan-yang: „Da dies Frau Hsüäs Wurf war, muß sie sich einen Vers einfallen lassen, um zu bestehen; und die Person neben ihr muß einen Vers der ‚Klassischen Dichter‘ hinzufügen. Wenn sie es nicht schafft, bedeutet es einen Becher Strafe.“ – „Das ist ein Komplott!“, rief Tante Hsüä. „Da habe ich doch keine Chance!“ – „Komm schon,“ ermutigte sie die Herzoginmutter. „Versuch’ es. Sonst verdirbst du uns den Spaß. Ich bin als Nächste dran und wenn ich auch hereinfalle, dann trinke ich einen mit.“ Tante Hsüä versuchte es: „Nehmen wir dies: ‚Graubart zeigt sich in den Blumen‘.“ Die Herzoginmutter nickte und zitierte die Fortsetzung: „Und sie schwelgen im sorglosen Schein der Jugend...“ Der Würfelbecher wurde an Li Wën weitergereicht, die zwei „Vieren“ und zwei „Zweien“ warf. „Auch das ergibt ein bekanntes Gedicht“, sagte Yüan-yang. „Zwei Reisende begegnen zwei überirdischen Damen in den Tiäntai-Bergen.“ Li Wën schlug das Gedicht „Zwei Freunde gingen in den Pfirsichblütenquell“ vor, und Li Wan, die neben ihr saß, zitierte den Vers: „Auf der Suche nach dem Pfirsichblütenquell, um der Tyrannei des Tjin zu entkommen...“ Jeder trank etwas, und die Würfel wurden der Herzoginmutter übergeben, die zwei „Zweien“ und zwei „Dreien“ warf. „Ich fürchte, ich muß zur Strafe etwas trinken.“ – „Nein“, sagte Yüan-yang. „Auch hier gibt es einen Vers. ‚Eine Flußschwalbe regt ihre Küken zum Fliegen an‘. Jeder muß einen Becher trinken.“ – „Küken sind Küken, wenn sie Nestflüchter sind, ist es doch gut so, oder?“, sagte Hsi-fëng. Alle schauten sie an und Hsi-fëng verstummte. „Nun, was soll ich zu dem Vers sagen“, sagte die Herzoginmutter. „Wie wäre es mit ‚Der Großvater führt seinen Enkel‘?“ Dann war Li Qi an der Reihe, sie zitierte den Vers: „Gemütlich die Kinder beim Sammeln von Weidenkätzchen beobachten.“ Alle applaudierten zu ihrer Wahl. Bau-yü wollte ungeduldig auch etwas sagen, war aber noch nicht ander Reihe. Während er gerade überlegte, wurden ihm die Würfel zugeworfen. Er warf eine „Zwei“, zwei „Dreien“ und eine „Eins“. – „Was ist das?“, fragte er. Yüan-yang lachte. „Das ist das Zeichen für ‚Gestank‘. Ein kleiner Schluck als Strafe und dann darfst Du noch einmal würfeln.“ Bau-yü tat, was ihm aufgetragen wurde. Dieses Mal warf er zwei „Dreien“ und zwei „Vieren“. „Das ist besser“, sagte Yüan-yang. „Das ist wie ‚Dschang Tschang zieht seiner Frau die Augenbrauen nach‘.“ Bau-yü wußte, daß sie sich über ihn lustig machte und Bau-tschai wurde auf der Stelle rot. Hsi-fëng schien nichts Außergewöhnliches bemerkt zu haben und sagte ihm: „Bruder, du solltest sich beeilen und sich schnell einen Vers aussuchen. Dann sehen wir, wer als Nächster dran ist.“ „Dann sehen wir, wer als Nächster dran ist.“ Bau-yü war zu verwirrt: „Bestraf mich ruhig. Ich habe ohnehin niemanden, der nach mir käme.“ Der Becher ging wieder an den Anfang der Runde zu Li Wan. Sie warf, und Yüan-yang benannte den Vers als Kombination „Die Zwölf Goldenen Haarspangen“. Bau-yü eilte an Li Wans Seite und betrachtete die Würfel: der rote und grüne Kern waren symmetrisch angeordnet. „Das sieht sehr schön aus“, rief er. Plötzlich erinnerte er sich an seinen Traum und die Liste der Zwölf Haarspangen von Jinling. Er ging benebelt an seinen Platz zurück. ‚In meinem Traum waren es zwölf,‘ überlegte er. ‚Doch von meinen schönen Kusinen wurden die meisten bereits in alle vier Himmelsrichtungen zerstreut. Warum wurden so wenige verschont?‘ Er blickte sich um. Hsiang-yün und Bau-tschai waren an diesem Tag zugegen, das stimmte. Doch die Abwesenheit von Dai-yü schlug ihn wie eine überwältigende Kraft und er wußte, daß er in Tränen ausbrechen würde. Da er die anderen seinen Kummer nicht sehen lassen wollte, gab er vor, daß ihm heiß wäre und er vorhabe, sich umzuziehen. Er gab Bescheid und verließ die Runde. Hsiang-yün bemerkte sein Gehen und glaubte, er sei von der Tatsache verärgert, daß er keinen guten Wurf gehabt hatte und von den anderen geschlagen worden war. Sie selbst war langsam gelangweilt und irritiert von dem Spiel. „Mir fällt keines ein“, sagte Li Wan. „Einer aus der Runde fehlt ohnehin. Ich trinke einfach meinen Strafbecher, und dann ist es gut.“ – „Dieser Wurf macht doch nicht so viel Spaß“, sagte die Herzoginmutter. „Warum machen wir nicht etwas anderes? Yüan-yang soll einen Wurf machen.“ Eine jüngere Magd stellte den Becher vor Yüan-yang hin, die tat, wie die Herzoginmutter geheißen hatte, und würfelte. Sie hatte zwei „Zweien“ und eine „Fünf“. Wie der letzte Würfel sich noch im Becher drehte, rief Yüan-yang aus: „Oh nein, bitte keine weitere ‚Fünf‘ !“ Schließlich kam er zum Ruhen; da war sie, eindeutig eine „Fünf“. „Oh nein!“, rief Yüan-yang, „ich habe verloren.“ „Gibt es dafür keinen Vers?“, fragte die Herzoginmutter. „Doch den gibt es“, sagte Yüan-yang. „Doch mir fällt das passende Lied dazu nicht ein.“ „Nun, sag’ uns den Vers, und ich überlege etwas.“ – „Der Vers lautet ‚Wellen fegen über die schwebende Wasserlinse‘.“ – „Das ist nicht schwer“, sagte die Herzoginmutter. „Hier ist ein Lied für dich: ‚Herbstfisch in einer Höhle mit Hsiang-ling‘.“ Hsiang-yün, die neben Yüan-yang saß, schlug das Lied vor: „Die weiße Wasserlinse jammert, wie der Herbst den südlichen Fluß erreicht.“ – „Sehr passend!“, riefen alle. „Das Spiel ist zu Ende“, sagte die Herzoginmutter, „jeder trinkt noch zwei Becher Wein, dann beginnen wir mit dem Essen.“ Sie blickte sich um und bemerkte, daß Bau-yü immer noch fort war. „Wo ist Bau-yü hingegangen? Warum ist er noch nicht zurück?“ – „Er wollte sich umziehen“, informierte sie Yüan-yang. „Wer ist mit ihm gegangen?“ Ying-örl trat vor: „Als ich sah, daß Herr Bau-yü hinaus ging, trug ich Hsi-jën auf, mit ihm zu gehen.“ Das beruhigte die Damen. Sie warteten noch etwas länger auf seine Rückkehr und dann, als er immer noch nicht in Sicht war, schickte die Dame Wang eine ihrer jüngeren Mägde, um ihn zu suchen. Die Magd ging in seine neuen Gemächer, doch die einzige Person dort war Wu-örl, die Kerzen anzündete. „Wo ist Herr Bau-yü hingegangen?“, fragte die Magd sie. „Er trinkt Wein bei der Herzoginmutter“, antwortete Wu-örl. „Hier ist er nicht. Ich komme gerade von dort. Die Herzoginmutter hat mich geschickt, um ihn zu holen. Sie vermutete, er sei hier.“ – „Nun, in diesem Fall weiß ich nicht, wo er ist. Suche besser woanders nach ihm.“ Die Mägde mußten umkehren und begegneten auf ihrem Weg Tjiu-wën. „Hast du gesehen, wo Herr Bau-yü hingegangen ist?“ „Ich suche ihn auch“, sagte Tjiu-wën, „die gnädige Herrin und die anderen warten auf ihn, damit sie zu Abend essen können. Wo kann er nur hingegangen sein? Ihr geht besser zurück und berichtet es der gnädigen Herrin. Sagt nicht, wir konnten ihn nicht finden, sondern daß er den Alkohol nicht gut vertragen habe und keinen Hunger habe. Sagt, er käme hinüber, wenn er sich ein bißchen hingelegt habe. Sagt der gnädigen Herrin und den anderen Damen, daß sie ohne ihn anfangen sollten.“ Die jüngere Magd überbrachte Tjiu-wëns Nachricht Dschën-dschu, die sie dann an die Herzoginmutter weitergab. „Er ißt gewöhnlich auch nicht viel“, kommentierte die Herzoginmutter. „Er kann ruhig das Abendessen ausfallen lassen und sich ausruhen. Sagt ihm, er brauch nicht zurückzukommen. Seine Frau ist hier, das reicht.“ „Hast du das gehört?“, sagte Dschën-dschu zu der jüngeren Magd. „Ja, Fräulein Dschën-dschu!“, sagte die Magd und wagte nicht zu erwähnen, wie es sich wirklich verhielt. Sie ging hinaus und lief etwas herum, kehrte dann zurück und gab vor, Bau-yü die Nachricht überbracht zu haben. Niemand nahm dies besonders zur Kenntnis. Sie aßen zu Abend und unterhielten sich. Unser Erzähler verläßt sie nun und widmet sich Bau-yü. Von plötzlichem Kummer überwältigt, hatte er die Feier verlassen und lief ziellos draußen umher. Hsi-jën eilte ihm nach und fragte, was los sei. „Nichts Ernstes“, antwortete er, „ich fühle mich nur auf einmal ganz übel. Warum bummeln wir nicht gemütlich zu den Gemächern, wo Vetter Dschëns Frau lebt und überlassen die anderen ihrem Gelage?“ – „Aber Frau Dschën ist auf der Feier“, sagte Hsi-jën, „wen willst du in ihren Gemächern denn besuchen?“ „Niemanden“, antwortete Bau-yü, „ich wollte nur kurz dort vorbeischauen, um zu sehen, in welchen Gemächern sie nun lebt.“ Hsi-jën konnte ihn nur begleiten, und sie unterhielten sich auf ihrem Weg. Bald erreichten sie Frau Yous Gemächer und bemerkten, daß das kleine Seitentor daneben, das in den Garten führte, halb offen war. Bau-yü ging gar nicht in Frau Yous Gemächer; statt dessen ging er wegen des Tores zu den zwei alten Dienstmädchen, die auf der Schwelle saßen und sich unterhielten. Er fragte sie: „Wird das Seitentor offen gehalten?“ – „Gewöhnlich nicht“, antwortete eine von ihnen, „doch heute wurde uns gesagt, daß die Herzoginmutter eventuell etwas Obst aus dem Garten haben wollte, für diesen Fall bleibt es geöffnet.“ Bau-yü ging langsam zum Tor und sah, daß es tatsächlich halb offen stand, und er ging hindurch. Hsi-jën wollte ihn zurückhalten und sagte: „Geh nicht dort hinein! Der Garten ist verwahrlost. Es gehen selten Menschen hinein. Sonst würdest du Geistern begegnen.“ Bau-yü war noch ein wenig beschwippst, wollte es wagen und antwortete: „Vor so etwas habe ich keine Angst!“ Hsi-jën versuchte mit aller Kraft, ihn zurückzuhalten, doch es war zwecklos. Die Dienstmädchen kamen dazu: „Heute ist der Garten ruhig und friedlich. Seit die Priester hier waren und die bösen Geister vertrieben haben, sind wir oft dort gewesen, um Blumen und Früchte zu sammeln. Wenn Herr Bau-yü nachsehen möchte, gehen wir alle mit. Wenn so viele dabei sind, muß man gewöhnlich keine Angst haben.“ Bau-yü war begeistert; und Hsi-jën mußte ihre Bemühungen aufgeben, ihn aufhalten zu wollen und folgte ihnen ebenfalls. Als Bau-yü den Garten betrat, wurde er von einem Bild vollständiger Verlassenheit begrüßt, wohin er auch schaute. Die Blumen und Bäume schienen alle zu verdorren, waren ausgetrocknet, und die Farbe blätterte seit langem von den einzelnen Gebäuden. In der Ferne erblickte er einen Bambusbusch, der ziemlich lebendig aussah. Bau-yü ließ diese Ansicht auf sich wirken. „Seit ich krank wurde und den Garten verlassen habe“, sagte er, „habe ich bei Großmutter gelebt. Es muß Monate her sein, daß ich das letzte Mal hier war. Was für eine Wildnis sich in der Zeit hier ausgebreitet hat! Doch schaut dahinten, dieser einsame strahlend grüne Bambusstrauch – das ist sicher die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß?“ – „Du warst schon seit Monaten nicht mehr da“, sagte Hsi-jën, „du hast deinen Orientierungssinn verloren. Während wir sprachen, sind wir bereits am Hof der Freude am Roten vorbeigegangen. Und sieh“, sie drehte sich um und zeigte in eine Richtung, „dort ist die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, da drüben!“ Bau-yüs Augen folgten der Richtung, in die sie zeigte. „Wenn wir bereits daran vorbei sind, dann laß uns hingehen und nachsehen.“ – „Aber es ist schon spät“, sagte Hsi-jën, „die Herzoginmutter wird mit dem Abendessen auf Sie warten. Wir sollten besser zurück zur Feier gehen.“ Bau-yü sagte nichts. Er ging die Strecke weiter, die er in der Vergangenheit schon so oft meinte gegangen zu sein und ging weiter zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Obwohl Bau-yü fast ein Jahr nicht mehr im Garten war, so hatte er natürlich die Orientierung nicht verloren. In Wirklichkeit lag Bau-yü mit seiner Orientierung ganz richtig. Es war Hsi-jën, die, nachdem sie seine Reaktion auf die Sicht der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß bemerkt hatte, ihn absichtlich in eine Unterhaltung verwickelte, und als sie sah, daß er dennoch gegen ihre Bemühungen instinktiv in diese Richtung lief, wie sie befürchtete, direkt in die Arme der Geister, – versuchte sie, ihn zu überzeugen, daß sie bereits daran vorbeigelaufen wären. Bau-yüs Herz war jedoch fest entschlossen; sein Kompaß genau ausgerichtet, und er konnte nicht einfach davon abgebracht werden. Er ging vor und unwillig folgte Hsi-jën. Plötzlich blieb er stehen. Er schien etwas zu hören und zu sehen. „Was ist denn?“, fragte Hsi-jën. „Hörst du das?“, fragte er. „Wohnt jemand darin?“ – „Das glaube ich kaum“, antwortete sie. „Ich könnte schwören, daß ich jemanden weinen gehört habe! Da muß jemand sein!“ – „Das bildest du dir ein“, sagte Hsi-jën, „es ist nur, weil du hier damals Fräulein Dai-yü oft weinen gehört hast.“ Bau-yü war (von Hsi-jën) nicht überzeugt und wollte noch weiter gehen und aus der Nähe zuhören. Die Amme eilte vor: „Es ist nun wirklich sehr spät, Herr. Es ist Zeit, zurückzugehen. Wir trauen uns nicht, noch weiterzugehen, hier ist der Weg etwas versteckt. Wir haben vor allem sagen gehört, daß seit Fräulein Dai-yü gestorben ist, öfter Geräusche des Weinens gehört wurden. Niemand möchte sich diesem Ort nähern.“ Bau-yü und Hsi-jën hielten beide inne, als sie es hörten. „Da! Ich habe es doch gesagt!“, rief Bau-yü, Tränen liefen ihm aus den Augen, „oh, Kusine Dai-yü! Kusine Dai-yü!“ seufzte er. „Wie konnte ich dich nur so verletzen, während es dir noch so gut ging? Bitte mach’ mir keine Vorwürfe! Sei meinetwegen nicht verbittert! Meine Eltern haben diese Wahl getroffen. Ich wollte dich nicht verletzen!“ Mit jedem Wort wurde er immer betrübter, und zuletzt überkam ihn eine große Welle des Kummers. Hsi-jën wußte nicht, was sie tun könnte, als sie Tjiu-wën mit einer Menge an Dienstmädchen zu sich eilen sah. „Habt ihr den Verstand verloren!“, rief Tjiu-wën, „Herrn Bau-yü ausgerechnet hierher zu bringen! Die Herzoginmutter und die Dame Wang sind sehr besorgt und lassen überall nach ihm suchen. Vorhin, als ich die Seitentür halb offen sah, hörte ich, daß Bau-yü mit dir hierhergegangen ist. Die Damen waren so aufgeregt, daß sie mich beschimpften und mich mit den anderen Mägden hierher schickten, um ihn zu holen. Jetzt kommt schon, wir sollten uns beeilen!“ Bau-yü seufzte noch kläglicher, doch Hsi-jën kümmert sich nicht darum, zwei Dienstmägde zerrten ihn zurück. Sie versuchten einerseits, seine Tränen abzuwischen, andererseits erklärten sie ihm, wie sehr sich seine Großmutter um ihn sorgte. So gab er letztlich nach und ging mit ihnen. Hsi-jën konnte sich nur zu gut vorstellen, wie besorgt die Herzoginmutter war und nahm Bau-yü direkt mit in die Gemächer der Herzoginmutter. Niemand war von der Feier nach Hause gegangen. Alle warteten auf Bau-yüs Rückkehr. „Hsi-jën!“, rief die Herzoginmutter streng, „ich dachte, du seist ein einfühlsames Mädchen. Deshalb habe ich dir immer Bau-yü anvertraut. Wie konntest du ihn nur mit in den Garten nehmen? Er hat gerade angefangen, gesund zu werden und wenn er jetzt einem Geist begegnete, würde seine alte Krankheit wieder ausbrechen. Und wie sähen wir dann aus?“ Hsi-jën wagte nicht, ein Wort zu ihrer Verteidigung zu sagen und ließ ihren Kopf beschämt hängen. Bau-tschai war für ihren Teil zutiefst schockiert zu sehen, wie blaß Bau-yü auf einmal war. Bau-yü ließ nicht zu, daß Hsi-jën die Schuld tragen sollte und sprach zu ihrer Unterstützung: „Als wir hineingingen, war es hellichter Tag und man mußte sich vor nichts fürchten. Ich war so lange nicht mehr im Garten spazieren, und nachdem ich heute auf der Feier etwas Wein getrunken hatte, fühlte ich mich in der Stimmung dazu. Was für eine schlimme Erfahrung sollte ich denn dort machen?“ Bei dieser letzten Bemerkung erzitterte Hsi-fëng, die sich selbst im Garten sehr gefürchtet hatte und sagte: „Bau-yü, du solltest nicht so unbekümmert sein!“ – „Nicht unbekümmert“, entgegnete Hsiang-yün. „Hingebungsvoll. Er wollte wahrscheinlich die Hibiskusfee finden oder irgend einen anderen Geist.“ Bau-yü hörte das, wollte aber nichts dazu sagen. Die Dame Wang war zu betroffen, um zu sprechen. „Also gab es nichts Erschreckendes im Garten?“, fragte die Herzoginmutter. „Doch laßt uns darüber nicht mehr sprechen. Doch wenn du in Zukunft dort spazieren gehen möchtest, mußt du zumindest mehr Leute mitnehmen. Hättest du diese kleine Eskapade nicht gehabt, wären unsere Gäste alle schon gegangen. Nun geht alle und habt eine geruhsame Nacht! Kommt dann am frühen Morgen wieder! Für morgen werde ich alles vorbereiten, und wir werden einen weiteren Freudentag erleben. Und dieses Mal wird er uns nicht alles verderben!“ Sie verabschiedeten sich von der Herzoginmutter, und die Feier löste sich auf. Tante Hsüä verbrachte die Nacht bei der Dame Wang, Hsiang-yün bei der Herzoginmutter, während Ying-tschun bei Hsi-tschun blieb. Die anderen kehrten in ihre eigenen Gemächer zurück. Darüber werden wir nicht noch ausführlich berichten. Nur Bau-yü ging in sein Zimmer und seufzte. Bau-tschai wußte den Grund seines Kummers und stellte sich taub. Sie war trotzdem sehr besorgt, daß, wenn es so weiter ging, er wieder ernsthaft depressiv würde und seine alte Krankheit wiederkehren würde. Sie ging in das innere Zimmer und rief sie nach Hsi-jën und befragte sie detailliert über Bau-yüs Ausflug in den Garten. Um Hsi-jëns Antwort zu erfahren, muß man das nächste Kapitel lesen.