Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 38"
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= Kapitel 38 = | = Kapitel 38 = | ||
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| − | + | == Die Kaiserfrau vom Fluss Xiao und Xiang erringt den Sieg beim Chrysanthemen-Dichten == | |
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| + | === Die Edle von Haselwurz dichtet spöttisch über Krabben === | ||
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| + | Es wird erzählt, dass Schatzspange<ref>薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schnee Kostbare-Haarspange" — Schatzjades Kusine aus der Familie Xue, klug, besonnen und tugendreich.</ref> und Wolkenkind<ref>史湘云 Shǐ Xiāngyún, wörtl. „Geschichtsschreiber Wolke-am-Xiang-Fluss" — Schatzjades lebenslustige Kusine, eine begabte Dichterin.</ref> ihren Plan bereits besprochen hatten. Von der restlichen Nacht ist nichts weiter zu berichten. Am nächsten Tag lud Wolkenkind die Herzoginmutter<ref>贾母 Jiǎ Mǔ, wörtl. „Matriarchin der Kaufmann-Familie" — die Großmutter des Hauses Kaufmann (Jiǎ), eine der mächtigsten Figuren des Romans.</ref> und die anderen ein, sich an den Duftblüten zu erfreuen. Die Herzoginmutter und alle Übrigen sagten einhellig: „Sie weiß wirklich, wie man sich vergnügt! An diesem edlen Zeitvertreib sollte man unbedingt teilhaben!" | ||
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| + | Zur Mittagszeit kam die Herzoginmutter tatsächlich in Begleitung von Dame Wang<ref>王夫人 Wáng Fūrén — Schatzjades Mutter, zweite Frau des Kaufmann Aufrecht.</ref> und Phönixglanz<ref>王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „König Heiterer-Phönix" — die energische und verschlagene Haushälterin des Kaufmann-Anwesens.</ref> in den Garten; auch Tante Schnee<ref>薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante Schnee" — Schatzspanges Mutter, Schwester von Dame Wang.</ref> und die anderen hatte sie eingeladen mitzukommen. | ||
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| + | „Wo ist es am schönsten?" erkundigte sich die Herzoginmutter. | ||
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| + | „Überall, wo es Euch gefällt, alte gnädige Frau, ist es auch schön", antwortete Dame Wang. | ||
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| + | Phönixglanz aber sagte: „Im Kiosk des Lotoswurzelduftes ist schon alles vorbereitet. Dort blühen die beiden Duftblütensträucher am Berghang besonders schön, und das Wasser im Fluss ist klar und grün. Vom Pavillon inmitten des Flusses hat man eine freie Aussicht — und der Anblick des Wassers erfreut die Augen!" | ||
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| + | „Das hast du vollkommen richtig gesagt", erwiderte die Herzoginmutter, und schon ging sie allen voran zum Kiosk des Lotoswurzelduftes<ref>Chin. 藕香榭</ref>. | ||
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| + | Dieser Kiosk stand mitten im Teich und hatte an allen vier Seiten Fenster. Rechts und links führten gewundene Wandelgänge über das Wasser ans Ufer; im hinteren Teil verbarg sich zudem eine geschwungene Zickzackbrücke aus Bambus, die den Kiosk mit dem Ufer verband. | ||
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| + | Als die Gesellschaft die Bambusbrücke betrat, eilte Phönixglanz nach vorn, um die Herzoginmutter zu stützen, und sagte dabei: „Nur kräftig ausschreiten, alte Ahnin, das macht gar nichts! Bei einer Bambusbrücke gehört es sich, dass sie knarzt und ächzt!" | ||
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| + | Bald darauf betraten sie den Kiosk, und man sah, dass außerhalb des Geländers zwei Bambustische aufgestellt waren. Der eine war mit Bechern, Essstäbchen und Weingeschirr eingedeckt, auf dem anderen standen Teepinsel, Teetöpfe und allerlei Teegerät bereit. Auf der einen Seite fächelten zwei, drei Dienstmädchen die Glut in einem Windöfchen an, um den Tee zu brühen; auf der anderen Seite fächelten weitere Mädchen ebenfalls, um auf einem zweiten Öfchen den Reiswein zu wärmen. | ||
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| + | Die Herzoginmutter rief sogleich erfreut: „Wie schön, dass du an Tee gedacht hast! Und wie sauber alles ringsum ist — der Platz, die Ausstattung!" | ||
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| + | Wolkenkind erwiderte lächelnd: „Schatzspange-Schwester hat mir geholfen, alles vorzubereiten." | ||
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| + | „Ich sage es ja", bemerkte die Herzoginmutter, „dieses Mädchen ist fein und umsichtig, sie denkt an alles." Während sie das sagte, fielen ihr auch die schwarzlackierten, mit Perlmutt eingelegten Spruchpaare auf, die an den Säulen hingen. Sie befahl, man solle ihr die Sätze vorlesen. Wolkenkind las: | ||
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„Der Lotosblüten Schatten bricht der Ruderschlag, | „Der Lotosblüten Schatten bricht der Ruderschlag, | ||
| − | + | der Lotoswurzeln Duft durchquert der Bambussteg." | |
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| − | Ohne abzuwarten, ob jemand | + | Die Herzoginmutter hob den Kopf und blickte zur Namenstafel des Pavillons empor. Dann wandte sie sich an Tante Schnee und sagte: „Als ich noch ein junges Mädchen war, hatten wir zu Hause auch so einen Pavillon. Er hieß 'Pavillon des Ruhekissens im Abendrot' oder so ähnlich. Ich war damals nicht älter als die Mädchen hier jetzt und habe mich jeden Tag mit meinen Schwestern und Kusinen dort amüsiert. Eines Tages bin ich ausgerutscht und ins Wasser gefallen — um ein Haar wäre ich ertrunken! Mit Müh und Not wurde ich herausgezogen, aber dabei hatte ich mir an einem Holznagel den Kopf aufgeschlagen. Die fingerkuppengroße Delle hier an meiner Schläfe habe ich davon zurückbehalten. Alle hatten Angst, ich würde es nicht überleben, nachdem ich erst ins Wasser gefallen war und mich dann auch noch verkühlt hatte. Doch wider Erwarten bin ich genesen." |
| − | Sie hatte noch nicht | + | |
| − | + | Ohne auch nur abzuwarten, ob sonst jemand etwas sagen wollte, ergriff Phönixglanz lächelnd das Wort: „Wenn Ihr damals nicht überlebt hättet, alte Ahnin — wer sollte dann heute all dieses Glück genießen? Wie man sieht, war Euch von Kindheit an kein geringes Maß an Glück und langem Leben zugedacht, und die Götterdiener und Teufelsknechte haben Euch eigens diese Delle in den Kopf geschlagen, damit sich darin das Glück und die Langlebigkeit sammeln konnten! Auch der Gott des langen Lebens hatte ursprünglich so eine Delle am Kopf — aber weil bei ihm zehntausendfaches Glück und zehntausendfache Langlebigkeit hineingefüllt wurden, ist die Delle schließlich nach außen gewölbt und zu einer Beule geworden ..." | |
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| − | „Nur weil Ihr sie so | + | Sie hatte noch nicht ausgesprochen, da bogen sich die Herzoginmutter und alle Anwesenden schon vor Lachen. Die Herzoginmutter sagte glucksend: „Dieses Äffchen wird immer schlimmer! In einem fort macht sie sich über mich lustig! — Warte nur, ich werde dir dein geschmiertes Mundwerk zerreißen!" |
| − | Aber immer noch lächelnd | + | |
| − | + | Phönixglanz erwiderte lächelnd: „Gleich werden wir Krabben essen, und ich hatte Sorge, die Kälte könnte sich in Eurem Innern stauen, alte Ahnin. Deshalb wollte ich Euch zum Lachen bringen, um Euch das Herz aufzulockern. Wenn Ihr gut aufgelegt seid und ein paar Krabben mehr esst, schadet es gar nichts." | |
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| − | + | Die Herzoginmutter lachte: „Von nun an wirst du Tag und Nacht an meiner Seite bleiben! Wenn ich oft lache, fühle ich mich immer wohl. Nach Hause darfst du nicht mehr zurück!" | |
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| − | + | Dame Wang mischte sich lächelnd ein: „Nur weil Ihr sie so gernhabt, alte gnädige Frau, verwöhnt Ihr sie dermaßen. Wenn Ihr jetzt noch so etwas sagt, wird sie in Zukunft erst recht jeden Anstand vergessen." | |
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| − | + | Aber die Herzoginmutter meinte immer noch lächelnd: „Ich mag sie genau so, wie sie ist. Außerdem ist sie kein Kind, das den Unterschied zwischen hoch und niedrig nicht kennt. In den eigenen vier Wänden sollten Mütter und Töchter so ungezwungen miteinander umgehen, solange keine Fremden dabei sind. Es reicht doch, wenn man sich bei offiziellen Anlässen korrekt benimmt. Was nützte es, von ihr zu verlangen, sie solle wandeln wie eine Göttin?" | |
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| − | + | Mit diesen Worten traten alle zusammen in den Pavillon. Nachdem der Tee gereicht worden war, ließ Phönixglanz eilends die Tische aufstellen und mit Bechern und Essstäbchen eindecken. Am Ehrentisch nahmen die Herzoginmutter, Tante Schnee, Schatzspange, Kajaljade<ref>林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Wald Kajal-Jade" — die weibliche Protagonistin, Schatzjades Kusine mütterlicherseits, berühmt für ihre Dichtkunst und Empfindsamkeit.</ref> und Schatzjade<ref>贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kaufmann Kostbare-Jade" — der männliche Protagonist des Romans, ein verträumter junger Mann aus der Kaufmann-Familie.</ref> Platz. Am östlichen Tisch saßen Wolkenkind, Dame Wang, Willkommensfrühling<ref>迎春 Yíngchūn, wörtl. „Willkommensfrühling" — Schatzjades zweite Schwester.</ref>, Spürfrühling<ref>探春 Tànchūn, wörtl. „Spürfrühling" — Schatzjades dritte Halbschwester (Tochter der Nebenfrau Zhao), klug und tatkräftig.</ref> und Bewahrfrühling<ref>惜春 Xīchūn, wörtl. „Bewahrfrühling" — Schatzjades jüngste Schwester (eigentlich Nichte).</ref>. Am westlichen Tisch, der neben der Tür stand, waren die Plätze für Li Schleierfrau<ref>李纨 Lǐ Wán — die tugendhafte junge Witwe des verstorbenen Kaufmann Perle, Schatzjades älteste Schwägerin.</ref> und Phönixglanz zwar eingedeckt, blieben jedoch leer — die beiden wagten es nicht, sich hinzusetzen, und warteten stattdessen an den Tischen der Herzoginmutter und Dame Wangs auf. | |
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| − | + | Phönixglanz ordnete an: „Die Krabben nicht alle auf einmal bringen! Lasst die übrigen im Dampfgefäß, und bringt erst einmal zehn Stück — wenn die aufgegessen sind, könnt ihr nachbringen." Dann ließ sie sich Wasser reichen, wusch sich die Hände, stellte sich neben die Herzoginmutter und begann, Krabbenfleisch aus den Schalen zu lösen. Die erste Portion bot sie Tante Schnee an. | |
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| − | + | Tante Schnee wehrte ab: „Am besten schmeckt es mir, wenn ich sie selbst aufbreche! Bedient mich nur nicht." | |
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| − | + | Also gab Phönixglanz die Portion der Herzoginmutter, die zweite Schatzjade. Dann rief sie: „Den Wein bringt kochend heiß!" Außerdem wies sie die kleinen Dienstmädchen an, mit Chrysanthemenblättern und Duftblütenkernen parfümiertes Grünbohnenmehl zum Händewaschen bereitzuhalten. | |
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| − | + | Wolkenkind aß nur eine einzige Krabbe zur Gesellschaft mit, dann stand sie auf und ging umher, um die anderen zu bedienen. Schließlich trat sie hinaus und befahl, zwei Teller voll Krabbenfleisch für die Nebenfrauen Zhao<ref>Chin. 赵姨娘</ref> und Zhou<ref>Chin. 周姨娘</ref> hinzuschicken. Dann kam auch Phönixglanz heraus und sagte zu ihr: „Du bist es nicht gewohnt, andere zu bewirten — geh lieber hinein und iss! Ich übernehme es an deiner Stelle, und wenn alle fertig sind, esse ich selbst." | |
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| − | + | Doch Wolkenkind lehnte ab und ließ stattdessen draußen auf dem Wandelgang zwei weitere Tische aufstellen, damit Mandarinenente<ref>鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente" — die treue Leibdienerin der Herzoginmutter.</ref>, Bernstein<ref>琥珀 Hǔpò, wörtl. „Bernstein" — ein Dienstmädchen der Herzoginmutter.</ref>, Farbenwolke<ref>彩霞 Cǎixiá, wörtl. „Farbenwolke" — ein Dienstmädchen der Dame Wang.</ref>, Wolkenglanz<ref>Chin. 彩云</ref> und Friedchen<ref>平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen" — Phönixglanz' loyale Kammerzofe und engste Vertraute.</ref> dort Platz nehmen konnten. | |
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| − | + | Mandarinenente sagte lächelnd zu Phönixglanz: „Die junge gnädige Frau bedient hier, dann werden wir wohl essen gehen!" | |
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| − | + | Phönixglanz erwiderte: „Geht nur! Lasst mir alles, ich kümmere mich darum." | |
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| − | + | So kehrte Wolkenkind an ihren Platz zurück, während Phönixglanz und Li Schleierfrau eilig ein wenig aßen, so gut es die Umstände erlaubten. Dann ging Phönixglanz wieder hinein, um aufzuwarten. Nach einer Weile trat sie erneut auf den Wandelgang hinaus, wo Mandarinenente und die anderen fröhlich beim Essen saßen. Als sie Phönixglanz kommen sahen, standen sie auf, und Mandarinenente fragte: „Was wollt Ihr schon wieder hier, junge gnädige Frau? Gönnt Ihr uns nicht einmal ein wenig Genuss?" | |
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| − | Als | + | Phönixglanz lachte: „Mandarinenente, du kleines Spitzbein, du wirst wirklich immer schlimmer! Ich übernehme deinen Dienst, und anstatt mir dankbar zu sein, machst du mir Vorwürfe? Willst du mir nicht endlich einen Becher Wein einschenken?" |
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| − | „Die | + | Lächelnd goss Mandarinenente rasch einen Becher voll und hielt ihn Phönixglanz an die Lippen. Phönixglanz streckte den Hals und leerte ihn in einem Zug. Inzwischen hatte Friedchen schon ein fettes Stück gelben Krabbenrogen herausgelöst und brachte es ihr. |
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| − | + | „Tüchtig Ingwer-Essig darüber!" verlangte Phönixglanz. Dann aß sie es und sagte lächelnd: „Setzt euch nur wieder und esst weiter — ich muss zurück." | |
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| − | + | Mandarinenente rief lachend: „Was für eine Unverschämtheit, uns das Essen wegzuschnappen!" | |
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| − | + | Phönixglanz erwiderte ebenfalls lachend: „Spar dir deine Scherze mit mir! Du weißt doch, dass dein Herr Kaufmann Kette<ref>Chin. 贾琏</ref> sich in dich verguckt hat und die alte gnädige Frau bitten will, dich ihm als Nebenfrau zu geben." | |
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| − | + | „Pfui!" Mandarinenente spuckte empört aus. „So etwas sagt eine junge Herrin! Wenn ich Euch jetzt nicht meine nach Krabbe riechenden Finger durchs Gesicht schmiere, dann wäre ich keine Mandarinenente!" Und schon stürzte sie auf Phönixglanz zu. | |
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| − | + | Phönixglanz flehte: „Liebste Schwester, verzeih mir dies eine Mal!" | |
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| − | + | Bernstein bemerkte lächelnd von der Seite: „Mandarinenente will sich rächen, aber wird Friedchen sie auch verschonen? Seht nur, sie hat keine zwei Krabben gegessen, aber ein ganzes Schälchen Essig ausgetrunken! Man kann wirklich nicht sagen, dass sie nicht sauer werden kann!" <ref>Das Wortspiel bezieht sich darauf, dass 'Essig trinken' (吃醋) im Chinesischen 'eifersüchtig sein' bedeutet — Bernstein stichelt, Friedchen sei eifersüchtig über die Scherze bezüglich Mandarinenentes Verheiratung an ihren Herrn.</ref> | |
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| − | + | Friedchen, die gerade eine fette, prall mit gelbem Rogen gefüllte Krabbe auseinanderbrach, hörte, wie sie so aufgezogen wurde, und ging mit der Krabbe in der Hand auf Bernsteins Gesicht los, wobei sie lachend schimpfte: „Dir werde ich's zeigen, du Lästerzunge, du kleines Spitzbein!" | |
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| − | + | Bernstein wich lachend zur Seite aus, und Friedchens Hand mit der Krabbe fuhr ins Leere, traf aber — als sie nach vorne stolperte — genau Phönixglanz' Wange. Phönixglanz, die sich gerade noch mit Mandarinenente geneckt hatte und nicht damit rechnete, schreckte auf, schrie „Au!" — und alle Anwesenden brachen in lautes Gelächter aus. Selbst Phönixglanz konnte nicht anders und schimpfte lachend: „Du verflixtes Frauenzimmer! Hast du dich blindgefressen, dass du deiner eigenen Herrin das Gesicht vollschmierst?" | |
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| − | + | Friedchen eilte sofort herbei, wischte ihr das Gesicht ab und ging selbst Wasser holen. Mandarinenente sagte: „Amitabha Buddha! Das war die gerechte Vergeltung!" | |
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| − | + | Drinnen hatte die Herzoginmutter den Lärm vernommen und erkundigte sich ein ums andere Mal: „Was ist da los? Was macht euch so fröhlich? Erzählt es uns, damit auch wir etwas zu lachen haben!" | |
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| − | + | Mandarinenente rief mit lauter Stimme und lachend hinüber: „Die Frau des zweiten jungen Herrn kam herüber, um uns die Krabben zu stibitzen! Da ist Friedchen in Zorn geraten und hat ihrer eigenen Herrin das ganze Gesicht mit Krabbenrogen vollgeschmiert! Herrin und Dienerin prügeln sich!" | |
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| − | + | Als die Herzoginmutter und Dame Wang das hörten, lachten auch sie laut auf. Die Herzoginmutter sagte: „Erbarmt euch doch über sie! Gebt ihr von den Krabbenbeinen und den Bauchpanzern etwas ab, dann ist es gut." | |
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| − | + | Lachend versprachen Mandarinenente und die anderen es, und Mandarinenente rief noch immer laut: „Die Krabbenbeinchen auf dem ganzen Tisch — die junge gnädige Frau darf ruhig zugreifen!" | |
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| − | + | Phönixglanz wusch sich das Gesicht und ging wieder hinein, um die Herzoginmutter und die anderen noch eine Weile zu bedienen. Kajaljade allein wagte nicht, viel von den Krabben zu essen; sie nahm sich nur etwas Scherenfleisch und verließ dann den Tisch. | |
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| − | + | Als die Herzoginmutter schließlich nichts mehr aß, löste sich die Tafel auf. Alle wuschen sich die Hände, und dann besichtigten die einen die Blumen, während andere am Wasser standen und die Fische beobachteten, und so vergnügten sie sich noch ein Weilchen. | |
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| − | + | Dame Wang wandte sich an die Herzoginmutter: „Hier weht ein frischer Wind, und Ihr habt eben erst Krabben gegessen, alte gnädige Frau. Es wäre wohl das Beste, wenn Ihr jetzt in Eure Gemächer zurückkehrt und Euch ausruht. Wenn Ihr Lust habt, können wir morgen wiederkommen." | |
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| − | + | Die Herzoginmutter lächelte: „Du hast ganz recht. Ich fürchtete nur, euch den Spaß zu verderben, wenn ich aufbreche. Aber wenn du es so sagst, dann gehen wir jetzt alle zusammen." Sie wandte sich an Wolkenkind: „Pass auf, dass dein Schatzjade-Vetter und deine Kajaljade-Schwester nicht zu viel von den Krabben essen!" | |
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| − | + | Wolkenkind versprach es. Dann ermahnte die Herzoginmutter auch Wolkenkind und Schatzspange: „Auch ihr beide dürft nicht zu viel davon essen! Krabben schmecken zwar gut, aber sie sind schwer verdaulich. Isst man zu viel davon, bekommt man Bauchschmerzen!" Die beiden versprachen es sofort und geleiteten die Herzoginmutter bis vor den Garten. Dann kehrten sie zurück und ließen die Überreste der Tafel abräumen und frisch eindecken. | |
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| − | + | Schatzjade schlug vor: „Wir brauchen gar nicht neu einzudecken! Wir wollen doch Gedichte schreiben. Stellt einfach den großen runden Tisch in die Mitte, Wein und Speisen darauf — und auf eine feste Sitzordnung verzichten wir! Wer essen möchte, geht hin und greift zu, die übrigen setzen sich, wo immer es ihnen beliebt. Ist das nicht viel zwangloser?" | |
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| − | + | Schatzspange stimmte zu: „Das ist ein ausgezeichneter Vorschlag." | |
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| − | + | Wolkenkind wandte ein: „So weit, so gut — aber wir dürfen die anderen nicht vergessen." Sie ließ noch einen weiteren Tisch aufstellen und frische, heiße Krabben herausbringen, dann lud sie Dufthauch<ref>袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch" — Schatzjades treueste Kammerzofe, besonnen und pflichtbewusst.</ref>, Purpurkuckuck<ref>紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck" — Kajaljade's treue Kammerzofe.</ref>, Siqui<ref>Chin. 司棋</ref>, Daishu<ref>Chin. 侍书</ref>, Ruhua<ref>Chin. 入画</ref>, Goldreifchen<ref>Chin. 莺儿</ref> und Tuschegrün<ref>Chin. 翠墨</ref> ein, sich gemeinsam an diesem Tisch niederzulassen. Unter den Duftblütensträuchern am Berghang ließ sie zwei bunt gemusterte Filzteppiche ausbreiten und befahl, auch die wartenden Bediensteten und die kleinen Dienstmädchen sollten sich setzen und nach Herzenslust essen und trinken — wenn man sie brauche, werde man sie rufen. | |
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| − | + | Dann holte Wolkenkind das Blatt mit den Gedichtthemen und heftete es mit Nadeln an die Wand. Alle lasen es und sagten: „Die Themen sind allerdings neu und ungewöhnlich — aber ob wir etwas Brauchbares darüber zustande bringen?" Wolkenkind erklärte noch einmal, warum sie auf einen festgelegten Reim verzichtet hatte. | |
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| − | + | Schatzjade sagte: „Das ist die einzig richtige Vorgehensweise! Ich bin auch überhaupt kein Freund festgelegter Reime." | |
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| − | + | Kajaljade, die nicht viel Wein trank und auch keine Krabben mehr essen wollte, ließ sich einen bestickten Porzellanhocker ans Geländer stellen, setzte sich darauf und griff nach der Angelrute, um Fische zu fangen. | |
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| − | + | Schatzspange hielt einen Zweig Duftblüten in der Hand und betrachtete ihn eine Weile, dann lehnte sie sich ans Fensterbrett, zupfte die Blütenblättchen ab und warf sie aufs Wasser, sodass die Fische hochstiegen und danach schnappten. | |
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| − | + | Wolkenkind schaute eine Weile gedankenverloren vor sich hin, bediente dann eine Zeitlang Dufthauch und die anderen Mädchen, die am Tisch saßen, und rief den Leuten am Berghang zu, sie sollten nur kräftig zugreifen. | |
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| − | + | Spürfrühling stand mit Li Schleierfrau und Bewahrfrühling im Schatten der Trauerweiden und beobachtete die Möwen und Reiher auf dem Wasser. Willkommensfrühling saß für sich allein im Blütenschatten und fädelte mit einer Sticknadel Jasminblüten auf. | |
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| − | + | Schatzjade schaute eine Weile Kajaljade beim Angeln zu, lehnte sich dann an Schatzspanges Seite und plauderte ein paar Sätze mit ihr, ging darauf zu Dufthauch und den anderen, sah ihnen beim Krabbenessen zu und trank ihnen zuliebe ein, zwei Schlückchen Wein. Dufthauch löste ihm ein Stück Krabbenfleisch aus der Schale und reichte es ihm. | |
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| − | + | Kajaljade legte die Angelrute beiseite, ging an den Tisch und griff nach einem Selbsteingieß-Kännchen aus geschwärztem Silber mit eingraviertem Aprikosenblütenmuster. Dann suchte sie sich einen winzigen Bananenblattbecher aus mit Speckstein in der Farbe gefrorener Zierapfelblüten. Als die Dienstmädchen sahen, dass Kajaljade Wein trinken wollte, kamen sie eilig herbei, um für sie einzugießen. | |
| − | + | ||
| − | + | Kajaljade sagte: „Geht nur essen! Lasst mich mir selbst einschenken — so macht es erst richtig Spaß." Sie goss sich einen halben Becher ein und sah, dass es gelber Reiswein war. „Ich habe vorhin nur ein kleines bisschen Krabbe gegessen", sagte sie, „aber jetzt tut mir leicht der Leib weh. Ich müsste einen Schluck heißen Branntwein trinken." | |
| − | + | ||
| − | + | Schatzjade rief sofort: „Es ist welcher da!" und befahl, man solle ein Kännchen von dem mit Albizienblüten<ref>Chin. 合欢花</ref> angesetzten Branntwein aufwärmen. Kajaljade trank nur einen Schluck davon und stellte den Rest hin. | |
| − | + | ||
| − | + | Schatzspange kam ebenfalls herüber, nahm sich einen eigenen Becher und trank einen Schluck. Dann befeuchtete sie den Schreibpinsel mit Tusche, trat an die Wand und hakte das erste Thema — „Erinnerung an Chrysanthemen" — ab. Darunter setzte sie das Schriftzeichen „Heng"<ref>Chin. 蘅</ref>, ihren Dichternamen „Edle von Haselwurz". | |
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| − | + | Schatzjade bat sogleich: „Liebste Schwester, das zweite Thema — dafür habe ich schon vier Verse zusammen. Überlass es mir, bitte!" | |
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| − | + | Schatzspange lachte: „So eilig? Ich habe mit Mühe und Not erst dieses eine Gedicht fertig." | |
| − | + | ||
| − | + | Kajaljade sagte nichts, nahm den Pinsel und hakte das achte Thema — „Chrysanthemen befragen" — ab, anschließend auch das elfte — „Chrysanthementraum". Darunter setzte sie das Schriftzeichen „Xiao"<ref>Chin. 潇</ref> aus ihrem Dichternamen „Kaiserfrau vom Fluss Xiao und Xiang". | |
| − | + | ||
| − | + | Nun griff auch Schatzjade zum Pinsel und hakte das zweite Thema — „Chrysanthemen aufsuchen" — ab, mit dem Zeichen „Jiang"<ref>Chin. 绛</ref> für „Rot" darunter. | |
| − | + | ||
| − | + | Spürfrühling kam herbei, musterte die Liste und sagte: „Es will tatsächlich niemand über 'Chrysanthemen ins Haar stecken' schreiben? Dann übernehme ich das!" Dann wies sie mit dem Finger auf Schatzjade und warnte ihn lachend: „Vorhin wurde ausdrücklich verkündet, dass keinerlei Ausdrücke aus den Mädchengemächern vorkommen dürfen! Gib also acht!" | |
| − | + | ||
| − | + | Während sie noch sprach, trat Wolkenkind heran und hakte auf einen Streich das vierte und das fünfte Thema — „Chrysanthemen zugewandt" und „Chrysanthemen aufstellen" — ab, mit dem Zeichen „Xiang"<ref>Chin. 湘</ref> darunter. | |
| − | + | ||
| − | + | Spürfrühling sagte: „Du musst dir auch einen Dichternamen zulegen." | |
| − | + | ||
| − | + | Wolkenkind erwiderte lächelnd: „In unserem Haus gibt es zwar einige Pavillons und Gartenhäuser, aber ich wohne ja gar nicht darin. Mir einen solchen Namen zu borgen hätte keinen Reiz." | |
| − | + | ||
| − | + | Schatzspange meinte lächelnd: „Vorhin hat die alte gnädige Frau erzählt, bei euch zu Hause habe es auch so einen Wasserpavillon gegeben, der 'Pavillon des Ruhekissens im Abendrot' hieß. Gehörte der nicht eigentlich dir? Es gibt ihn heute zwar nicht mehr, aber trotzdem bist du seine einstige Herrin." | |
| − | + | ||
| − | + | Alle stimmten zu. Noch ehe Wolkenkind die Hand rühren konnte, hatte Schatzjade bereits das Zeichen „Xiang" übermalt und stattdessen „Xia"<ref>Chin. 霞</ref> — „Abendrot" — hingeschrieben. | |
| − | + | ||
| − | + | Nun dauerte es nur noch so lange, wie man braucht, um eine Schale Reis zu essen, und alle zwölf Gedichte waren vollendet. Jeder schrieb das Seine auf und gab es Willkommensfrühling, die einen Bogen feinstes „Schneewellen"-Zierpapier<ref>Chin. 雪浪笺</ref> nahm und alles zusammen abschrieb, unter jedem Titel den Dichternamen des Verfassers. | |
| − | + | ||
| − | + | Li Schleierfrau und die anderen begannen, die Gedichte von Anfang an durchzulesen: | |
| − | + | ||
| − | + | Erinnerung an Chrysanthemen — Edle von Haselwurz<ref>Chin. 蘅芜君</ref> | |
| − | + | ||
| − | Chrysanthemen | + | Im Westwind steh ich betrübt, von Sehnsucht bedrängt; |
| − | + | Wird der Knöterich rot und das Schilfgras weiß, bricht mir das Herz. | |
| − | + | Im leeren Garten am alten Zaun ist keine Spur mehr vom Herbst, | |
| − | + | Doch der magere Mond und der kühle Reif wissen: Ich träume von dir. | |
| − | + | Mein Herz fliegt fort mit den Wildgänsen, Gedanke um Gedanke, | |
| − | + | Und einsam lausch ich am Abend dem Schlag der Waschbleuel. | |
| − | + | Wer hat Erbarmen mit mir und meiner gelben Blumenkrankheit? | |
| − | + | Getrost! Zur Doppelneun-Feier sehen wir uns wieder. | |
| − | + | ||
| − | + | Chrysanthemen aufsuchen — Fürstensohn, der sich am Roten freut<ref>Chin. 怡红公子</ref> | |
| − | + | ||
| − | + | Müßig streif ich umher an einem reifklaren Tag, | |
| − | + | Statt bei Arzneibecher und Weinpokal zu verweilen. | |
| − | + | Wer hat die Blumen dort im Mondlicht gepflanzt? | |
| − | + | Am Zaun, am Geländer — wo kommt all dieser Herbst nur her? | |
| − | + | In Holzschuhen bin ich von weit her gewandert, tapp, tapp, | |
| − | + | Und mein kühles Gedicht klingt nie aus, so endlos die Freude. | |
| − | + | Wenn die gelben Blumen den Dichter verstehen könnten, | |
| − | + | War nicht umsonst mein Geld für den Wanderstab. | |
| − | + | ||
| − | + | Chrysanthemen pflanzen — Fürstensohn, der sich am Roten freut<ref>Chin. 怡红公子</ref> | |
| − | + | ||
| − | + | Mit der Hacke kam ich zum Herbstgarten und setzte sie um, | |
| − | + | Pflanzte sie sorgsam am Zaun und vor dem Haus. | |
| − | + | Unverhofft kam der Regen gestern Nacht — und sie wuchsen, | |
| − | + | Heute blühen sie fröhlich, noch immer bedeckt vom Reif. | |
| − | + | Tausend Gedichte sing ich zur Herbstesfarbe, | |
| − | + | Und ein Becher Wein sei dem kühlen Duft geweiht. | |
| − | + | Ich will sie gießen, die Erde häufen und sie hegen — | |
| − | + | Auf dass der Gartenpfad frei bleibe von Staub und Getöse. | |
| − | + | ||
| − | + | Chrysanthemen zugewandt — Freundin des Ruhekissens im Abendrot<ref>Chin. 枕霞旧友</ref> | |
| − | + | ||
| − | + | Kostbare Blüten, köstlicher als Gold, | |
| − | + | Ein Busch ganz blass, ein anderer tief und dunkel. | |
| − | + | Barhäuptig sitz ich am Zaun, | |
| − | + | Die Knie umfassend, summe ich ein Lied. | |
| − | + | Zählt man die Stolzen dieser Welt — keiner übertrifft euch; | |
| − | + | Seht euch um: Nur ich allein bin euer wahrer Freund. | |
| − | + | Lasst das Herbstlicht nicht ungenutzt verrinnen, | |
| − | + | Einander zugewandt, wollen wir jede Stunde schätzen. | |
| − | + | ||
| − | + | Chrysanthemen aufstellen — Freundin des Ruhekissens im Abendrot<ref>Chin. 枕霞旧友</ref> | |
| − | + | ||
| − | + | Bei Saitenspiel und Wein — willkommener Gefährte! — | |
| − | + | Steht ihr anmutig auf dem Tisch, ziert still den Raum. | |
| − | + | Vom Nebensitz strömt feuchter Duft aus dem Gartenpfad herüber, | |
| − | + | Ich lege das Buch beiseite — nur ein Stengel Herbstschönheit genügt. | |
| − | + | Im kühlen Reif bringt ihr mir neue Träume, | |
| − | + | Im kalten Garten erinnert die schräge Sonne an alte Zeiten. | |
| − | + | Unser Stolz ist uns gemeinsam — wir sind eines Wesens; | |
| − | + | Kirsch- und Pflaumenblüte im Frühling — das ist nicht unsere Art. | |
| − | Die | + | |
| − | + | Lob der Chrysantheme — Kaiserfrau vom Fluss Xiao und Xiang<ref>Chin. 潇湘妃子</ref> | |
| − | + | ||
| − | + | Der Dichterdämon lockt mich, morgens und abends, | |
| − | + | Am Zaun, am Felsen versinke ich in Verse. | |
| − | + | Der Pinsel entfaltet Schönheit und schreibt im Reif, | |
| − | + | Die Lippen tragen Duft und singen im Mondlicht. | |
| − | + | Blatt um Blatt ist nichts als stille Klage, | |
| − | + | Doch wer versteht das Herbstherz in einem einzigen Wort? | |
| − | + | Seit einst Tao Yuanming sein Urteil sprach, | |
| − | + | Hallt sein edles Lob bis zum heutigen Tag. | |
| − | + | <ref>Tao Qian (陶渊明/陶潜, 365–427), der berühmte Eremit und Dichter, der die Chrysantheme zum Symbol des Rückzugs und der Unbestechlichkeit erhob.</ref> | |
| − | + | ||
| − | + | Chrysanthemen malen — Edle von Haselwurz<ref>Chin. 蘅芜君</ref> | |
| − | + | ||
| − | + | Noch ehe die Dichtlust verebbt, greift die Hand schon zum Pinsel, | |
| − | + | Nicht der schönen Farben wegen allein. | |
| − | + | Die Blätter spritzen aufs Papier wie tausend Tuschetupfer, | |
| − | + | Die Blüten, eng gedrängt, tragen weißen Reifeshauch. | |
| − | + | Im blass-dunklen Spiel erahnt man die Schatten im Wind, | |
| − | + | Lebendig springt der Herbstduft vom Handgelenk. | |
| − | + | Verwechselt dies nicht mit frisch gepflückten Blumen am Ostzaun — | |
| − | + | Aufgeklebt auf den Wandschirm tröstet es mich zum Doppelneunfest. | |
| − | + | ||
| − | + | Chrysanthemen befragen — Kaiserfrau vom Fluss Xiao und Xiang<ref>Chin. 潇湘妃子</ref> | |
| − | + | ||
| − | + | Ich forsche nach den Geheimnissen des Herbstes, doch keiner weiß Bescheid, | |
| − | + | Leise murmelnd, die Hände auf dem Rücken, klopfe ich am Ostzaun an: | |
| − | + | So stolz und edel — mit wem wollt ihr euch zurückziehen? | |
| − | + | Gleich den anderen Blumen — warum blüht ihr so spät? | |
| − | + | Im Gartentau, im Hofreif — ist euch nicht einsam? | |
| − | + | Wenn die Gänse ziehen und die Grillen verstummen — fühlt ihr nicht Sehnsucht? | |
| − | + | Sagt nicht, auf der ganzen Welt gebe es niemanden zum Reden — | |
| − | + | Wenn ihr sprechen könnt, so sprecht ein paar Worte mit mir! | |
| − | + | ||
| − | + | Chrysanthemen ins Haar stecken — Gast unter Bananenblättern<ref>Chin. 蕉下客</ref> | |
| − | + | ||
| − | + | Täglich in Eile — hier Vasen füllen, dort Beete pflegen, | |
| − | + | Die gebrochene Blüte steck ich mir an, und der Spiegel zeigt, wie sie steht. | |
| − | + | In Chang'an war einst ein junger Herr von Blumen besessen, | |
| − | + | Der Altmeister von Pengze war dem Wein verfallen. | |
| − | + | Kalter Tau benetzt mir die kurzen Schläfen, | |
| − | + | Herbstreif durchtränkt mein Kopftuch mit seinem Duft. | |
| − | + | Solch edle Neigung ist dem gemeinen Auge fremd — | |
| − | + | Lasst sie nur lachen und spotten am Wegesrand! | |
| − | + | <ref>Chang'an war die alte Kaiserstadt. Der 'Altmeister von Pengze' ist wieder Tao Qian, der einst Bezirksvorsteher von Pengze war.</ref> | |
| − | + | ||
| + | Chrysanthemenschatten — Freundin des Ruhekissens im Abendrot<ref>Chin. 枕霞旧友</ref> | ||
| + | |||
| + | Herbstlicht, Schicht um Schicht, übereinander, | ||
| + | Leise wandern die Schatten durch den Gartenpfad. | ||
| + | Im Fensterlicht zeichnet die ferne Lampe ihre Umrisse, | ||
| + | Durch den Zaun siebt sich der zerbrochene Mond, und ihr Bild wird filigran. | ||
| + | Die kalte Seele scheint im Schein zu verweilen, | ||
| + | Im Reif bewahrt sich ein Geist — doch der Traum bleibt leer. | ||
| + | Gebt acht und zertretet nicht die zarte Duftspur — | ||
| + | Welch trunkenes Auge erkennte im Dämmerlicht noch klar? | ||
| + | |||
| + | Chrysanthementraum — Kaiserfrau vom Fluss Xiao und Xiang<ref>Chin. 潇湘妃子</ref> | ||
| + | |||
| + | Süß schlummert am Zaun die Herbstblume, frisch und klar, | ||
| + | Ihr Geist folgt den Wolken und dem Mond, verschwommen. | ||
| + | Sie träumt nicht wie Zhuangzi vom Schmetterling, | ||
| + | Nein, nach dem alten Bund mit Tao Qian sucht sie. | ||
| + | Einschlummernd folgt sie den Wildgänsen, die in der Ferne verschwinden, | ||
| + | Erwachend ärgert sie der Lärm der Herbstgrillen. | ||
| + | Wem soll sie klagen, wenn sie wieder bei sich ist? | ||
| + | Welkes Gras, kalter Rauch — grenzenlose Trauer. | ||
| + | <ref>Zhuangzi (庄子, ca. 369–286 v. Chr.), der daoistische Philosoph, der träumte, er sei ein Schmetterling, und nicht mehr wusste, ob er Mensch oder Falter war.</ref> | ||
| + | |||
| + | Verwelkte Chrysanthemen — Gast unter Bananenblättern<ref>Chin. 蕉下客</ref> | ||
| + | |||
| + | In Tau und Reif neigen sie sich, langsam welkend, | ||
| + | Kaum hat die kleine Schneezeit begonnen, neigt sich ihr Fest. | ||
| + | Noch duftet der Stiel, doch blass wird das Gold, | ||
| + | Von den Zweigen löst sich das letzte Grün. | ||
| + | Im Mondlicht auf dem Bett klingen die Grillen müde, | ||
| + | Am fernen Himmel ziehen die Wildgänse langsam dahin. | ||
| + | Im nächsten Herbst — wer weiß? — sehen wir uns wieder; | ||
| + | Für diesen kurzen Abschied lasst euch nicht grämen! | ||
| + | |||
| + | Jedes Gedicht, das vorgelesen wurde, erntete sogleich Lob, und die gegenseitigen Komplimente nahmen kein Ende. Li Schleierfrau sagte lächelnd: „Wartet, bis ich mein gerechtes Urteil fälle. Im Ganzen betrachtet ist jedem auf seine Weise eine prächtige Zeile gelungen. Mein Urteil lautet: 'Lob der Chrysantheme' nimmt den ersten Platz ein, 'Chrysanthemen befragen' den zweiten und 'Chrysanthementraum' den dritten. Die Themen sind neu, die Gedichte sind neu, und der Sinn, der hineingelegt wurde, ist erst recht neu — da kann man nicht anders, als die Kaiserfrau vom Fluss Xiao und Xiang zur Siegerin zu erklären! Danach folgen 'Chrysanthemen ins Haar stecken', 'Chrysanthemen zugewandt', 'Chrysanthemen aufstellen', 'Chrysanthemen malen' und 'Erinnerung an Chrysanthemen'." | ||
| + | |||
| + | Als Schatzjade das hörte, klatschte er vor Freude in die Hände und rief: „Genau richtig! Höchst gerecht!" | ||
| + | |||
| + | Kajaljade aber wandte bescheiden ein: „So gut ist mein Vers auch wieder nicht. Im Grunde ist er etwas zu zierlich und gekünstelt." | ||
| + | |||
| + | Li Schleierfrau erwiderte: „Zierlich ist er, ja — aber auf eine gute Art, ohne Steifheit und ohne Überladung." | ||
| + | |||
| + | Kajaljade sagte: „Meiner Meinung nach ist die beste Zeile von allen 'Im kalten Garten erinnert die schräge Sonne an alte Zeiten'. Das ist ein meisterhafter Kontrast. Schon die Zeile davor — 'Ich lege das Buch beiseite, nur ein Stengel Herbstschönheit genügt' — ist vollendet. Zuvor ist alles über das Aufstellen der Chrysanthemen gesagt, es gibt nichts mehr hinzuzufügen; deshalb kehren die Gedanken zurück zu dem Augenblick, als die Blumen noch nicht gebrochen und aufgestellt waren. Darin liegt ein tiefer Sinn." | ||
| + | |||
| + | Li Schleierfrau lächelte: „Das stimmt schon. Aber dein Vers 'Die Lippen tragen Duft und singen im Mondlicht' steht dem in nichts nach." | ||
| + | |||
| + | Spürfrühling fügte hinzu: „Man muss aber einräumen, dass die Edle von Haselwurz den Gedanken der Sehnsucht am tiefsten auslotete — 'keine Spur vom Herbst' und 'der Traum weiß es' bringen das Wort 'Erinnern' wunderbar zum Ausdruck." | ||
| + | |||
| + | Schatzspange erwiderte lachend: „Und bei dir schildern 'kalter Tau benetzt die Schläfen' und 'Herbstduft durchtränkt das Kopftuch' das Bild von Chrysanthemen im Haar so treffend, dass kein Spalt mehr offen bleibt." | ||
| + | |||
| + | Wolkenkind sagte: „'Mit wem wollt ihr euch zurückziehen?' und 'Warum blüht ihr so spät?' — damit werden die armen Chrysanthemen wirklich in die Enge getrieben, dass ihnen die Worte fehlen!" | ||
| + | |||
| + | Li Schleierfrau gab lachend zurück: „Na, wenn du dich 'barhäuptig am Zaun hinsetzt' und 'die Knie umfassend' singst und gar nicht mehr weggehen willst, dann wird das auch den Chrysanthemen, wenn sie fühlen könnten, allmählich lästig werden!" Alle lachten. | ||
| + | |||
| + | Schatzjade seufzte lachend: „Und ich bin wieder einmal durchgefallen! Drücken denn 'Wer hat gepflanzt?', 'Wo kommt der Herbst her?', 'in Holzschuhen von weit her gewandert' und 'mein kühles Gedicht klingt nie aus' nicht das Suchen aus? Und sprechen 'unverhofft der Regen gestern Nacht' und 'heute blühen sie bedeckt vom Reif' nicht vom Pflanzen? Ich ärgere mich nur, dass meine Verse nicht aufkommen gegen 'Die Lippen tragen Duft und singen im Mondlicht', 'Die Knie umfassend, summe ich ein Lied', 'Kalter Tau benetzt die Schläfen', 'Herbstduft durchtränkt das Kopftuch', 'blass wird das Gold', 'löst sich das Grün', 'keine Spur vom Herbst' und 'der Traum weiß es'." Dann fügte er hinzu: „Wenn ich morgen Muße habe, schreibe ich alle zwölf Themen noch einmal ganz allein!" | ||
| + | |||
| + | Li Schleierfrau tröstete ihn: „Auch deine Gedichte sind gut — sie sind nur nicht ganz so originell wie die anderen." | ||
| + | |||
| + | Nachdem sich alle noch eine Weile über ihre Beurteilungen ausgetauscht hatten, ließen sie frische heiße Krabben bringen und aßen gemeinsam am großen runden Tisch. Plötzlich sagte Schatzjade lächelnd: „Heute feiern wir die Duftblüten mit einem Krabbengelage — das muss ebenfalls besungen werden! Mein Gedicht ist schon fertig, wer traut sich noch?" Rasch wusch er sich die Hände, griff zum Pinsel und schrieb. Alle blickten auf sein Blatt und lasen: | ||
| + | |||
| + | Beim Krabbenessen unter Duftblüten | ||
| + | |||
| + | Beim Krabbenschmaus im kühlen Duftblüten-Schatten | ||
| + | Begieß ich sie mit Essig, würze sie mit Ingwer — welch ein Rausch! | ||
| + | Ein Vielfraß von Rang braucht Wein dazu, | ||
| + | Der freche Seitwärtsgeher aber hat kein Herz. | ||
| + | Die Kälte im Leib vergisst der Gierige, | ||
| + | Die Finger riechen nach Fisch, selbst gewaschen noch duftend. | ||
| + | Schon immer lebt der Mensch für die Freuden des Gaumens — | ||
| + | Hatte nicht Su Dongpo gelacht, ein Leben lang rührig zu sein? | ||
| + | <ref>Su Shi (苏轼/苏东坡, 1037–1101), einer der größten Dichter der Song-Dynastie, berühmt auch als Feinschmecker.</ref> | ||
| + | |||
| + | Kajaljade sagte lächelnd: „Von solchen Gedichten könnte man hundert Stück haben." | ||
| + | |||
| + | Schatzjade erwiderte ebenfalls lächelnd: „Deine Eingebung ist für heute erschöpft, du bringst nichts mehr zustande — und trotzdem musst du andere herabsetzen!" | ||
| + | |||
| + | Kajaljade antwortete nicht, besann sich auch keinen Augenblick, nahm den Pinsel und hatte im Nu ein Gedicht geschrieben. Die anderen lasen: | ||
| + | |||
| + | In Panzer und Lanze noch im Tode gerüstet, | ||
| + | Lockt ihr, auf dem Teller aufgetürmt, zum ersten Bissen. | ||
| + | Die Scheren bergen zarten Jade, paarweise prall und voll, | ||
| + | Aus dem Panzer duftet rotes Fett, Stück für Stück. | ||
| + | Acht Beine, fleischig — man liebt euch nur mehr dafür, | ||
| + | Tausend Becher Wein — wer riet mir, so viel zu trinken? | ||
| + | Zu solch edler Speise am Festtag erhoben, | ||
| + | Streicht der Wind durch Duftblüten und die Chrysanthemen tragen Reif. | ||
| + | |||
| + | Schatzjade las und rief begeistert Bravo, doch Kajaljade riss ihm das Blatt aus der Hand, zerriss es und befahl einer Dienerin, die Fetzen zu verbrennen. Dann sagte sie lächelnd: „Mein Gedicht ist nicht so gut wie deines, darum lasse ich es verbrennen. Aber deines ist wirklich gelungen — besser sogar als deine Chrysanthemengedichte von vorhin. Heb es auf und zeig es den Leuten." | ||
| + | |||
| + | Schatzspange meldete sich lächelnd: „Ich habe mir auch eines abgerungen. Es ist nicht unbedingt gut, aber ich schreibe es auf, damit ihr wenigstens etwas zum Lachen habt." Sie griff zum Pinsel und schrieb. Alle lasen mit: | ||
| + | |||
| + | Unter Duftblüten und Paulownien den Becher erhoben — | ||
| + | Die Schlemmer von Chang'an wässern sich den Mund zum Doppelneunfest. | ||
| + | Vor euch liegt ein Weg ohne Recht und ohne Ordnung, | ||
| + | Unter eurer Schale verbergt ihr Herbst und Frühling, nichts als Schwärze und Gelb. | ||
| + | |||
| + | Als sie bis hierher gelesen hatten, riefen alle begeistert Bravo. Schatzjade sagte: „Großartig geschrieben! Mein Gedicht sollte ich auch verbrennen!" Dann las er weiter: | ||
| + | |||
| + | Heißer Wein vertreibt den Fischgeruch — nimm noch Chrysanthemen dazu, | ||
| + | Gegen die anstauende Kälte hilft gewiss der Ingwer. | ||
| + | Nun aber seid ihr im Kessel gelandet — was nützt euch das alles noch? | ||
| + | Am Mondufer bleibt nur der leere Duft von Hirse und Korn. | ||
| + | |||
| + | Als alle fertig gelesen hatten, sagten sie: „Das ist das unübertreffliche Gedicht zum Krabbenessen! Bei solch einem kleinen Thema einen tiefen Sinn zu verbergen — das zeugt von großem Talent. Allerdings ist der Spott über die Menschen der Gegenwart vielleicht ein wenig zu giftig." | ||
| + | <ref>Die verdeckte Satire kritisiert die korrupten Beamten und Höflinge, die — gleich den Krabben — hinter den Kulissen ihre eigennützigen Machenschaften betreiben und am Ende doch im 'Kochtopf' enden.</ref> | ||
| + | |||
| + | In diesem Augenblick sahen sie Friedchen wieder in den Garten zurückkehren. Was sie wollte, wird im nächsten Kapitel erzählt. | ||
== Anmerkungen == | == Anmerkungen == | ||
| − | <references/> | + | <references /> |
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| + | [[Kategorie:Hongloumeng]] | ||
Revision as of 12:28, 15 April 2026
Kapitel: [1-10] · [11-20] · [21-30] · 31 · 32 · 33 · 34 · 35 · 36 · 37 · 38 · 39 · 40 · [41-50] · [51-60] · [61-70] · [71-80] · [81-90] · [91-100] · [101-110] · [111-120] · ← Inhalt
Kapitel 38
Die Kaiserfrau vom Fluss Xiao und Xiang erringt den Sieg beim Chrysanthemen-Dichten
Die Edle von Haselwurz dichtet spöttisch über Krabben
Es wird erzählt, dass Schatzspange[1] und Wolkenkind[2] ihren Plan bereits besprochen hatten. Von der restlichen Nacht ist nichts weiter zu berichten. Am nächsten Tag lud Wolkenkind die Herzoginmutter[3] und die anderen ein, sich an den Duftblüten zu erfreuen. Die Herzoginmutter und alle Übrigen sagten einhellig: „Sie weiß wirklich, wie man sich vergnügt! An diesem edlen Zeitvertreib sollte man unbedingt teilhaben!"
Zur Mittagszeit kam die Herzoginmutter tatsächlich in Begleitung von Dame Wang[4] und Phönixglanz[5] in den Garten; auch Tante Schnee[6] und die anderen hatte sie eingeladen mitzukommen.
„Wo ist es am schönsten?" erkundigte sich die Herzoginmutter.
„Überall, wo es Euch gefällt, alte gnädige Frau, ist es auch schön", antwortete Dame Wang.
Phönixglanz aber sagte: „Im Kiosk des Lotoswurzelduftes ist schon alles vorbereitet. Dort blühen die beiden Duftblütensträucher am Berghang besonders schön, und das Wasser im Fluss ist klar und grün. Vom Pavillon inmitten des Flusses hat man eine freie Aussicht — und der Anblick des Wassers erfreut die Augen!"
„Das hast du vollkommen richtig gesagt", erwiderte die Herzoginmutter, und schon ging sie allen voran zum Kiosk des Lotoswurzelduftes[7].
Dieser Kiosk stand mitten im Teich und hatte an allen vier Seiten Fenster. Rechts und links führten gewundene Wandelgänge über das Wasser ans Ufer; im hinteren Teil verbarg sich zudem eine geschwungene Zickzackbrücke aus Bambus, die den Kiosk mit dem Ufer verband.
Als die Gesellschaft die Bambusbrücke betrat, eilte Phönixglanz nach vorn, um die Herzoginmutter zu stützen, und sagte dabei: „Nur kräftig ausschreiten, alte Ahnin, das macht gar nichts! Bei einer Bambusbrücke gehört es sich, dass sie knarzt und ächzt!"
Bald darauf betraten sie den Kiosk, und man sah, dass außerhalb des Geländers zwei Bambustische aufgestellt waren. Der eine war mit Bechern, Essstäbchen und Weingeschirr eingedeckt, auf dem anderen standen Teepinsel, Teetöpfe und allerlei Teegerät bereit. Auf der einen Seite fächelten zwei, drei Dienstmädchen die Glut in einem Windöfchen an, um den Tee zu brühen; auf der anderen Seite fächelten weitere Mädchen ebenfalls, um auf einem zweiten Öfchen den Reiswein zu wärmen.
Die Herzoginmutter rief sogleich erfreut: „Wie schön, dass du an Tee gedacht hast! Und wie sauber alles ringsum ist — der Platz, die Ausstattung!"
Wolkenkind erwiderte lächelnd: „Schatzspange-Schwester hat mir geholfen, alles vorzubereiten."
„Ich sage es ja", bemerkte die Herzoginmutter, „dieses Mädchen ist fein und umsichtig, sie denkt an alles." Während sie das sagte, fielen ihr auch die schwarzlackierten, mit Perlmutt eingelegten Spruchpaare auf, die an den Säulen hingen. Sie befahl, man solle ihr die Sätze vorlesen. Wolkenkind las:
„Der Lotosblüten Schatten bricht der Ruderschlag, der Lotoswurzeln Duft durchquert der Bambussteg."
Die Herzoginmutter hob den Kopf und blickte zur Namenstafel des Pavillons empor. Dann wandte sie sich an Tante Schnee und sagte: „Als ich noch ein junges Mädchen war, hatten wir zu Hause auch so einen Pavillon. Er hieß 'Pavillon des Ruhekissens im Abendrot' oder so ähnlich. Ich war damals nicht älter als die Mädchen hier jetzt und habe mich jeden Tag mit meinen Schwestern und Kusinen dort amüsiert. Eines Tages bin ich ausgerutscht und ins Wasser gefallen — um ein Haar wäre ich ertrunken! Mit Müh und Not wurde ich herausgezogen, aber dabei hatte ich mir an einem Holznagel den Kopf aufgeschlagen. Die fingerkuppengroße Delle hier an meiner Schläfe habe ich davon zurückbehalten. Alle hatten Angst, ich würde es nicht überleben, nachdem ich erst ins Wasser gefallen war und mich dann auch noch verkühlt hatte. Doch wider Erwarten bin ich genesen."
Ohne auch nur abzuwarten, ob sonst jemand etwas sagen wollte, ergriff Phönixglanz lächelnd das Wort: „Wenn Ihr damals nicht überlebt hättet, alte Ahnin — wer sollte dann heute all dieses Glück genießen? Wie man sieht, war Euch von Kindheit an kein geringes Maß an Glück und langem Leben zugedacht, und die Götterdiener und Teufelsknechte haben Euch eigens diese Delle in den Kopf geschlagen, damit sich darin das Glück und die Langlebigkeit sammeln konnten! Auch der Gott des langen Lebens hatte ursprünglich so eine Delle am Kopf — aber weil bei ihm zehntausendfaches Glück und zehntausendfache Langlebigkeit hineingefüllt wurden, ist die Delle schließlich nach außen gewölbt und zu einer Beule geworden ..."
Sie hatte noch nicht ausgesprochen, da bogen sich die Herzoginmutter und alle Anwesenden schon vor Lachen. Die Herzoginmutter sagte glucksend: „Dieses Äffchen wird immer schlimmer! In einem fort macht sie sich über mich lustig! — Warte nur, ich werde dir dein geschmiertes Mundwerk zerreißen!"
Phönixglanz erwiderte lächelnd: „Gleich werden wir Krabben essen, und ich hatte Sorge, die Kälte könnte sich in Eurem Innern stauen, alte Ahnin. Deshalb wollte ich Euch zum Lachen bringen, um Euch das Herz aufzulockern. Wenn Ihr gut aufgelegt seid und ein paar Krabben mehr esst, schadet es gar nichts."
Die Herzoginmutter lachte: „Von nun an wirst du Tag und Nacht an meiner Seite bleiben! Wenn ich oft lache, fühle ich mich immer wohl. Nach Hause darfst du nicht mehr zurück!"
Dame Wang mischte sich lächelnd ein: „Nur weil Ihr sie so gernhabt, alte gnädige Frau, verwöhnt Ihr sie dermaßen. Wenn Ihr jetzt noch so etwas sagt, wird sie in Zukunft erst recht jeden Anstand vergessen."
Aber die Herzoginmutter meinte immer noch lächelnd: „Ich mag sie genau so, wie sie ist. Außerdem ist sie kein Kind, das den Unterschied zwischen hoch und niedrig nicht kennt. In den eigenen vier Wänden sollten Mütter und Töchter so ungezwungen miteinander umgehen, solange keine Fremden dabei sind. Es reicht doch, wenn man sich bei offiziellen Anlässen korrekt benimmt. Was nützte es, von ihr zu verlangen, sie solle wandeln wie eine Göttin?"
Mit diesen Worten traten alle zusammen in den Pavillon. Nachdem der Tee gereicht worden war, ließ Phönixglanz eilends die Tische aufstellen und mit Bechern und Essstäbchen eindecken. Am Ehrentisch nahmen die Herzoginmutter, Tante Schnee, Schatzspange, Kajaljade[8] und Schatzjade[9] Platz. Am östlichen Tisch saßen Wolkenkind, Dame Wang, Willkommensfrühling[10], Spürfrühling[11] und Bewahrfrühling[12]. Am westlichen Tisch, der neben der Tür stand, waren die Plätze für Li Schleierfrau[13] und Phönixglanz zwar eingedeckt, blieben jedoch leer — die beiden wagten es nicht, sich hinzusetzen, und warteten stattdessen an den Tischen der Herzoginmutter und Dame Wangs auf.
Phönixglanz ordnete an: „Die Krabben nicht alle auf einmal bringen! Lasst die übrigen im Dampfgefäß, und bringt erst einmal zehn Stück — wenn die aufgegessen sind, könnt ihr nachbringen." Dann ließ sie sich Wasser reichen, wusch sich die Hände, stellte sich neben die Herzoginmutter und begann, Krabbenfleisch aus den Schalen zu lösen. Die erste Portion bot sie Tante Schnee an.
Tante Schnee wehrte ab: „Am besten schmeckt es mir, wenn ich sie selbst aufbreche! Bedient mich nur nicht."
Also gab Phönixglanz die Portion der Herzoginmutter, die zweite Schatzjade. Dann rief sie: „Den Wein bringt kochend heiß!" Außerdem wies sie die kleinen Dienstmädchen an, mit Chrysanthemenblättern und Duftblütenkernen parfümiertes Grünbohnenmehl zum Händewaschen bereitzuhalten.
Wolkenkind aß nur eine einzige Krabbe zur Gesellschaft mit, dann stand sie auf und ging umher, um die anderen zu bedienen. Schließlich trat sie hinaus und befahl, zwei Teller voll Krabbenfleisch für die Nebenfrauen Zhao[14] und Zhou[15] hinzuschicken. Dann kam auch Phönixglanz heraus und sagte zu ihr: „Du bist es nicht gewohnt, andere zu bewirten — geh lieber hinein und iss! Ich übernehme es an deiner Stelle, und wenn alle fertig sind, esse ich selbst."
Doch Wolkenkind lehnte ab und ließ stattdessen draußen auf dem Wandelgang zwei weitere Tische aufstellen, damit Mandarinenente[16], Bernstein[17], Farbenwolke[18], Wolkenglanz[19] und Friedchen[20] dort Platz nehmen konnten.
Mandarinenente sagte lächelnd zu Phönixglanz: „Die junge gnädige Frau bedient hier, dann werden wir wohl essen gehen!"
Phönixglanz erwiderte: „Geht nur! Lasst mir alles, ich kümmere mich darum."
So kehrte Wolkenkind an ihren Platz zurück, während Phönixglanz und Li Schleierfrau eilig ein wenig aßen, so gut es die Umstände erlaubten. Dann ging Phönixglanz wieder hinein, um aufzuwarten. Nach einer Weile trat sie erneut auf den Wandelgang hinaus, wo Mandarinenente und die anderen fröhlich beim Essen saßen. Als sie Phönixglanz kommen sahen, standen sie auf, und Mandarinenente fragte: „Was wollt Ihr schon wieder hier, junge gnädige Frau? Gönnt Ihr uns nicht einmal ein wenig Genuss?"
Phönixglanz lachte: „Mandarinenente, du kleines Spitzbein, du wirst wirklich immer schlimmer! Ich übernehme deinen Dienst, und anstatt mir dankbar zu sein, machst du mir Vorwürfe? Willst du mir nicht endlich einen Becher Wein einschenken?"
Lächelnd goss Mandarinenente rasch einen Becher voll und hielt ihn Phönixglanz an die Lippen. Phönixglanz streckte den Hals und leerte ihn in einem Zug. Inzwischen hatte Friedchen schon ein fettes Stück gelben Krabbenrogen herausgelöst und brachte es ihr.
„Tüchtig Ingwer-Essig darüber!" verlangte Phönixglanz. Dann aß sie es und sagte lächelnd: „Setzt euch nur wieder und esst weiter — ich muss zurück."
Mandarinenente rief lachend: „Was für eine Unverschämtheit, uns das Essen wegzuschnappen!"
Phönixglanz erwiderte ebenfalls lachend: „Spar dir deine Scherze mit mir! Du weißt doch, dass dein Herr Kaufmann Kette[21] sich in dich verguckt hat und die alte gnädige Frau bitten will, dich ihm als Nebenfrau zu geben."
„Pfui!" Mandarinenente spuckte empört aus. „So etwas sagt eine junge Herrin! Wenn ich Euch jetzt nicht meine nach Krabbe riechenden Finger durchs Gesicht schmiere, dann wäre ich keine Mandarinenente!" Und schon stürzte sie auf Phönixglanz zu.
Phönixglanz flehte: „Liebste Schwester, verzeih mir dies eine Mal!"
Bernstein bemerkte lächelnd von der Seite: „Mandarinenente will sich rächen, aber wird Friedchen sie auch verschonen? Seht nur, sie hat keine zwei Krabben gegessen, aber ein ganzes Schälchen Essig ausgetrunken! Man kann wirklich nicht sagen, dass sie nicht sauer werden kann!" [22]
Friedchen, die gerade eine fette, prall mit gelbem Rogen gefüllte Krabbe auseinanderbrach, hörte, wie sie so aufgezogen wurde, und ging mit der Krabbe in der Hand auf Bernsteins Gesicht los, wobei sie lachend schimpfte: „Dir werde ich's zeigen, du Lästerzunge, du kleines Spitzbein!"
Bernstein wich lachend zur Seite aus, und Friedchens Hand mit der Krabbe fuhr ins Leere, traf aber — als sie nach vorne stolperte — genau Phönixglanz' Wange. Phönixglanz, die sich gerade noch mit Mandarinenente geneckt hatte und nicht damit rechnete, schreckte auf, schrie „Au!" — und alle Anwesenden brachen in lautes Gelächter aus. Selbst Phönixglanz konnte nicht anders und schimpfte lachend: „Du verflixtes Frauenzimmer! Hast du dich blindgefressen, dass du deiner eigenen Herrin das Gesicht vollschmierst?"
Friedchen eilte sofort herbei, wischte ihr das Gesicht ab und ging selbst Wasser holen. Mandarinenente sagte: „Amitabha Buddha! Das war die gerechte Vergeltung!"
Drinnen hatte die Herzoginmutter den Lärm vernommen und erkundigte sich ein ums andere Mal: „Was ist da los? Was macht euch so fröhlich? Erzählt es uns, damit auch wir etwas zu lachen haben!"
Mandarinenente rief mit lauter Stimme und lachend hinüber: „Die Frau des zweiten jungen Herrn kam herüber, um uns die Krabben zu stibitzen! Da ist Friedchen in Zorn geraten und hat ihrer eigenen Herrin das ganze Gesicht mit Krabbenrogen vollgeschmiert! Herrin und Dienerin prügeln sich!"
Als die Herzoginmutter und Dame Wang das hörten, lachten auch sie laut auf. Die Herzoginmutter sagte: „Erbarmt euch doch über sie! Gebt ihr von den Krabbenbeinen und den Bauchpanzern etwas ab, dann ist es gut."
Lachend versprachen Mandarinenente und die anderen es, und Mandarinenente rief noch immer laut: „Die Krabbenbeinchen auf dem ganzen Tisch — die junge gnädige Frau darf ruhig zugreifen!"
Phönixglanz wusch sich das Gesicht und ging wieder hinein, um die Herzoginmutter und die anderen noch eine Weile zu bedienen. Kajaljade allein wagte nicht, viel von den Krabben zu essen; sie nahm sich nur etwas Scherenfleisch und verließ dann den Tisch.
Als die Herzoginmutter schließlich nichts mehr aß, löste sich die Tafel auf. Alle wuschen sich die Hände, und dann besichtigten die einen die Blumen, während andere am Wasser standen und die Fische beobachteten, und so vergnügten sie sich noch ein Weilchen.
Dame Wang wandte sich an die Herzoginmutter: „Hier weht ein frischer Wind, und Ihr habt eben erst Krabben gegessen, alte gnädige Frau. Es wäre wohl das Beste, wenn Ihr jetzt in Eure Gemächer zurückkehrt und Euch ausruht. Wenn Ihr Lust habt, können wir morgen wiederkommen."
Die Herzoginmutter lächelte: „Du hast ganz recht. Ich fürchtete nur, euch den Spaß zu verderben, wenn ich aufbreche. Aber wenn du es so sagst, dann gehen wir jetzt alle zusammen." Sie wandte sich an Wolkenkind: „Pass auf, dass dein Schatzjade-Vetter und deine Kajaljade-Schwester nicht zu viel von den Krabben essen!"
Wolkenkind versprach es. Dann ermahnte die Herzoginmutter auch Wolkenkind und Schatzspange: „Auch ihr beide dürft nicht zu viel davon essen! Krabben schmecken zwar gut, aber sie sind schwer verdaulich. Isst man zu viel davon, bekommt man Bauchschmerzen!" Die beiden versprachen es sofort und geleiteten die Herzoginmutter bis vor den Garten. Dann kehrten sie zurück und ließen die Überreste der Tafel abräumen und frisch eindecken.
Schatzjade schlug vor: „Wir brauchen gar nicht neu einzudecken! Wir wollen doch Gedichte schreiben. Stellt einfach den großen runden Tisch in die Mitte, Wein und Speisen darauf — und auf eine feste Sitzordnung verzichten wir! Wer essen möchte, geht hin und greift zu, die übrigen setzen sich, wo immer es ihnen beliebt. Ist das nicht viel zwangloser?"
Schatzspange stimmte zu: „Das ist ein ausgezeichneter Vorschlag."
Wolkenkind wandte ein: „So weit, so gut — aber wir dürfen die anderen nicht vergessen." Sie ließ noch einen weiteren Tisch aufstellen und frische, heiße Krabben herausbringen, dann lud sie Dufthauch[23], Purpurkuckuck[24], Siqui[25], Daishu[26], Ruhua[27], Goldreifchen[28] und Tuschegrün[29] ein, sich gemeinsam an diesem Tisch niederzulassen. Unter den Duftblütensträuchern am Berghang ließ sie zwei bunt gemusterte Filzteppiche ausbreiten und befahl, auch die wartenden Bediensteten und die kleinen Dienstmädchen sollten sich setzen und nach Herzenslust essen und trinken — wenn man sie brauche, werde man sie rufen.
Dann holte Wolkenkind das Blatt mit den Gedichtthemen und heftete es mit Nadeln an die Wand. Alle lasen es und sagten: „Die Themen sind allerdings neu und ungewöhnlich — aber ob wir etwas Brauchbares darüber zustande bringen?" Wolkenkind erklärte noch einmal, warum sie auf einen festgelegten Reim verzichtet hatte.
Schatzjade sagte: „Das ist die einzig richtige Vorgehensweise! Ich bin auch überhaupt kein Freund festgelegter Reime."
Kajaljade, die nicht viel Wein trank und auch keine Krabben mehr essen wollte, ließ sich einen bestickten Porzellanhocker ans Geländer stellen, setzte sich darauf und griff nach der Angelrute, um Fische zu fangen.
Schatzspange hielt einen Zweig Duftblüten in der Hand und betrachtete ihn eine Weile, dann lehnte sie sich ans Fensterbrett, zupfte die Blütenblättchen ab und warf sie aufs Wasser, sodass die Fische hochstiegen und danach schnappten.
Wolkenkind schaute eine Weile gedankenverloren vor sich hin, bediente dann eine Zeitlang Dufthauch und die anderen Mädchen, die am Tisch saßen, und rief den Leuten am Berghang zu, sie sollten nur kräftig zugreifen.
Spürfrühling stand mit Li Schleierfrau und Bewahrfrühling im Schatten der Trauerweiden und beobachtete die Möwen und Reiher auf dem Wasser. Willkommensfrühling saß für sich allein im Blütenschatten und fädelte mit einer Sticknadel Jasminblüten auf.
Schatzjade schaute eine Weile Kajaljade beim Angeln zu, lehnte sich dann an Schatzspanges Seite und plauderte ein paar Sätze mit ihr, ging darauf zu Dufthauch und den anderen, sah ihnen beim Krabbenessen zu und trank ihnen zuliebe ein, zwei Schlückchen Wein. Dufthauch löste ihm ein Stück Krabbenfleisch aus der Schale und reichte es ihm.
Kajaljade legte die Angelrute beiseite, ging an den Tisch und griff nach einem Selbsteingieß-Kännchen aus geschwärztem Silber mit eingraviertem Aprikosenblütenmuster. Dann suchte sie sich einen winzigen Bananenblattbecher aus mit Speckstein in der Farbe gefrorener Zierapfelblüten. Als die Dienstmädchen sahen, dass Kajaljade Wein trinken wollte, kamen sie eilig herbei, um für sie einzugießen.
Kajaljade sagte: „Geht nur essen! Lasst mich mir selbst einschenken — so macht es erst richtig Spaß." Sie goss sich einen halben Becher ein und sah, dass es gelber Reiswein war. „Ich habe vorhin nur ein kleines bisschen Krabbe gegessen", sagte sie, „aber jetzt tut mir leicht der Leib weh. Ich müsste einen Schluck heißen Branntwein trinken."
Schatzjade rief sofort: „Es ist welcher da!" und befahl, man solle ein Kännchen von dem mit Albizienblüten[30] angesetzten Branntwein aufwärmen. Kajaljade trank nur einen Schluck davon und stellte den Rest hin.
Schatzspange kam ebenfalls herüber, nahm sich einen eigenen Becher und trank einen Schluck. Dann befeuchtete sie den Schreibpinsel mit Tusche, trat an die Wand und hakte das erste Thema — „Erinnerung an Chrysanthemen" — ab. Darunter setzte sie das Schriftzeichen „Heng"[31], ihren Dichternamen „Edle von Haselwurz".
Schatzjade bat sogleich: „Liebste Schwester, das zweite Thema — dafür habe ich schon vier Verse zusammen. Überlass es mir, bitte!"
Schatzspange lachte: „So eilig? Ich habe mit Mühe und Not erst dieses eine Gedicht fertig."
Kajaljade sagte nichts, nahm den Pinsel und hakte das achte Thema — „Chrysanthemen befragen" — ab, anschließend auch das elfte — „Chrysanthementraum". Darunter setzte sie das Schriftzeichen „Xiao"[32] aus ihrem Dichternamen „Kaiserfrau vom Fluss Xiao und Xiang".
Nun griff auch Schatzjade zum Pinsel und hakte das zweite Thema — „Chrysanthemen aufsuchen" — ab, mit dem Zeichen „Jiang"[33] für „Rot" darunter.
Spürfrühling kam herbei, musterte die Liste und sagte: „Es will tatsächlich niemand über 'Chrysanthemen ins Haar stecken' schreiben? Dann übernehme ich das!" Dann wies sie mit dem Finger auf Schatzjade und warnte ihn lachend: „Vorhin wurde ausdrücklich verkündet, dass keinerlei Ausdrücke aus den Mädchengemächern vorkommen dürfen! Gib also acht!"
Während sie noch sprach, trat Wolkenkind heran und hakte auf einen Streich das vierte und das fünfte Thema — „Chrysanthemen zugewandt" und „Chrysanthemen aufstellen" — ab, mit dem Zeichen „Xiang"[34] darunter.
Spürfrühling sagte: „Du musst dir auch einen Dichternamen zulegen."
Wolkenkind erwiderte lächelnd: „In unserem Haus gibt es zwar einige Pavillons und Gartenhäuser, aber ich wohne ja gar nicht darin. Mir einen solchen Namen zu borgen hätte keinen Reiz."
Schatzspange meinte lächelnd: „Vorhin hat die alte gnädige Frau erzählt, bei euch zu Hause habe es auch so einen Wasserpavillon gegeben, der 'Pavillon des Ruhekissens im Abendrot' hieß. Gehörte der nicht eigentlich dir? Es gibt ihn heute zwar nicht mehr, aber trotzdem bist du seine einstige Herrin."
Alle stimmten zu. Noch ehe Wolkenkind die Hand rühren konnte, hatte Schatzjade bereits das Zeichen „Xiang" übermalt und stattdessen „Xia"[35] — „Abendrot" — hingeschrieben.
Nun dauerte es nur noch so lange, wie man braucht, um eine Schale Reis zu essen, und alle zwölf Gedichte waren vollendet. Jeder schrieb das Seine auf und gab es Willkommensfrühling, die einen Bogen feinstes „Schneewellen"-Zierpapier[36] nahm und alles zusammen abschrieb, unter jedem Titel den Dichternamen des Verfassers.
Li Schleierfrau und die anderen begannen, die Gedichte von Anfang an durchzulesen:
Erinnerung an Chrysanthemen — Edle von Haselwurz[37]
Im Westwind steh ich betrübt, von Sehnsucht bedrängt; Wird der Knöterich rot und das Schilfgras weiß, bricht mir das Herz. Im leeren Garten am alten Zaun ist keine Spur mehr vom Herbst, Doch der magere Mond und der kühle Reif wissen: Ich träume von dir. Mein Herz fliegt fort mit den Wildgänsen, Gedanke um Gedanke, Und einsam lausch ich am Abend dem Schlag der Waschbleuel. Wer hat Erbarmen mit mir und meiner gelben Blumenkrankheit? Getrost! Zur Doppelneun-Feier sehen wir uns wieder.
Chrysanthemen aufsuchen — Fürstensohn, der sich am Roten freut[38]
Müßig streif ich umher an einem reifklaren Tag, Statt bei Arzneibecher und Weinpokal zu verweilen. Wer hat die Blumen dort im Mondlicht gepflanzt? Am Zaun, am Geländer — wo kommt all dieser Herbst nur her? In Holzschuhen bin ich von weit her gewandert, tapp, tapp, Und mein kühles Gedicht klingt nie aus, so endlos die Freude. Wenn die gelben Blumen den Dichter verstehen könnten, War nicht umsonst mein Geld für den Wanderstab.
Chrysanthemen pflanzen — Fürstensohn, der sich am Roten freut[39]
Mit der Hacke kam ich zum Herbstgarten und setzte sie um, Pflanzte sie sorgsam am Zaun und vor dem Haus. Unverhofft kam der Regen gestern Nacht — und sie wuchsen, Heute blühen sie fröhlich, noch immer bedeckt vom Reif. Tausend Gedichte sing ich zur Herbstesfarbe, Und ein Becher Wein sei dem kühlen Duft geweiht. Ich will sie gießen, die Erde häufen und sie hegen — Auf dass der Gartenpfad frei bleibe von Staub und Getöse.
Chrysanthemen zugewandt — Freundin des Ruhekissens im Abendrot[40]
Kostbare Blüten, köstlicher als Gold, Ein Busch ganz blass, ein anderer tief und dunkel. Barhäuptig sitz ich am Zaun, Die Knie umfassend, summe ich ein Lied. Zählt man die Stolzen dieser Welt — keiner übertrifft euch; Seht euch um: Nur ich allein bin euer wahrer Freund. Lasst das Herbstlicht nicht ungenutzt verrinnen, Einander zugewandt, wollen wir jede Stunde schätzen.
Chrysanthemen aufstellen — Freundin des Ruhekissens im Abendrot[41]
Bei Saitenspiel und Wein — willkommener Gefährte! — Steht ihr anmutig auf dem Tisch, ziert still den Raum. Vom Nebensitz strömt feuchter Duft aus dem Gartenpfad herüber, Ich lege das Buch beiseite — nur ein Stengel Herbstschönheit genügt. Im kühlen Reif bringt ihr mir neue Träume, Im kalten Garten erinnert die schräge Sonne an alte Zeiten. Unser Stolz ist uns gemeinsam — wir sind eines Wesens; Kirsch- und Pflaumenblüte im Frühling — das ist nicht unsere Art.
Lob der Chrysantheme — Kaiserfrau vom Fluss Xiao und Xiang[42]
Der Dichterdämon lockt mich, morgens und abends, Am Zaun, am Felsen versinke ich in Verse. Der Pinsel entfaltet Schönheit und schreibt im Reif, Die Lippen tragen Duft und singen im Mondlicht. Blatt um Blatt ist nichts als stille Klage, Doch wer versteht das Herbstherz in einem einzigen Wort? Seit einst Tao Yuanming sein Urteil sprach, Hallt sein edles Lob bis zum heutigen Tag. [43]
Chrysanthemen malen — Edle von Haselwurz[44]
Noch ehe die Dichtlust verebbt, greift die Hand schon zum Pinsel, Nicht der schönen Farben wegen allein. Die Blätter spritzen aufs Papier wie tausend Tuschetupfer, Die Blüten, eng gedrängt, tragen weißen Reifeshauch. Im blass-dunklen Spiel erahnt man die Schatten im Wind, Lebendig springt der Herbstduft vom Handgelenk. Verwechselt dies nicht mit frisch gepflückten Blumen am Ostzaun — Aufgeklebt auf den Wandschirm tröstet es mich zum Doppelneunfest.
Chrysanthemen befragen — Kaiserfrau vom Fluss Xiao und Xiang[45]
Ich forsche nach den Geheimnissen des Herbstes, doch keiner weiß Bescheid, Leise murmelnd, die Hände auf dem Rücken, klopfe ich am Ostzaun an: So stolz und edel — mit wem wollt ihr euch zurückziehen? Gleich den anderen Blumen — warum blüht ihr so spät? Im Gartentau, im Hofreif — ist euch nicht einsam? Wenn die Gänse ziehen und die Grillen verstummen — fühlt ihr nicht Sehnsucht? Sagt nicht, auf der ganzen Welt gebe es niemanden zum Reden — Wenn ihr sprechen könnt, so sprecht ein paar Worte mit mir!
Chrysanthemen ins Haar stecken — Gast unter Bananenblättern[46]
Täglich in Eile — hier Vasen füllen, dort Beete pflegen, Die gebrochene Blüte steck ich mir an, und der Spiegel zeigt, wie sie steht. In Chang'an war einst ein junger Herr von Blumen besessen, Der Altmeister von Pengze war dem Wein verfallen. Kalter Tau benetzt mir die kurzen Schläfen, Herbstreif durchtränkt mein Kopftuch mit seinem Duft. Solch edle Neigung ist dem gemeinen Auge fremd — Lasst sie nur lachen und spotten am Wegesrand! [47]
Chrysanthemenschatten — Freundin des Ruhekissens im Abendrot[48]
Herbstlicht, Schicht um Schicht, übereinander, Leise wandern die Schatten durch den Gartenpfad. Im Fensterlicht zeichnet die ferne Lampe ihre Umrisse, Durch den Zaun siebt sich der zerbrochene Mond, und ihr Bild wird filigran. Die kalte Seele scheint im Schein zu verweilen, Im Reif bewahrt sich ein Geist — doch der Traum bleibt leer. Gebt acht und zertretet nicht die zarte Duftspur — Welch trunkenes Auge erkennte im Dämmerlicht noch klar?
Chrysanthementraum — Kaiserfrau vom Fluss Xiao und Xiang[49]
Süß schlummert am Zaun die Herbstblume, frisch und klar, Ihr Geist folgt den Wolken und dem Mond, verschwommen. Sie träumt nicht wie Zhuangzi vom Schmetterling, Nein, nach dem alten Bund mit Tao Qian sucht sie. Einschlummernd folgt sie den Wildgänsen, die in der Ferne verschwinden, Erwachend ärgert sie der Lärm der Herbstgrillen. Wem soll sie klagen, wenn sie wieder bei sich ist? Welkes Gras, kalter Rauch — grenzenlose Trauer. [50]
Verwelkte Chrysanthemen — Gast unter Bananenblättern[51]
In Tau und Reif neigen sie sich, langsam welkend, Kaum hat die kleine Schneezeit begonnen, neigt sich ihr Fest. Noch duftet der Stiel, doch blass wird das Gold, Von den Zweigen löst sich das letzte Grün. Im Mondlicht auf dem Bett klingen die Grillen müde, Am fernen Himmel ziehen die Wildgänse langsam dahin. Im nächsten Herbst — wer weiß? — sehen wir uns wieder; Für diesen kurzen Abschied lasst euch nicht grämen!
Jedes Gedicht, das vorgelesen wurde, erntete sogleich Lob, und die gegenseitigen Komplimente nahmen kein Ende. Li Schleierfrau sagte lächelnd: „Wartet, bis ich mein gerechtes Urteil fälle. Im Ganzen betrachtet ist jedem auf seine Weise eine prächtige Zeile gelungen. Mein Urteil lautet: 'Lob der Chrysantheme' nimmt den ersten Platz ein, 'Chrysanthemen befragen' den zweiten und 'Chrysanthementraum' den dritten. Die Themen sind neu, die Gedichte sind neu, und der Sinn, der hineingelegt wurde, ist erst recht neu — da kann man nicht anders, als die Kaiserfrau vom Fluss Xiao und Xiang zur Siegerin zu erklären! Danach folgen 'Chrysanthemen ins Haar stecken', 'Chrysanthemen zugewandt', 'Chrysanthemen aufstellen', 'Chrysanthemen malen' und 'Erinnerung an Chrysanthemen'."
Als Schatzjade das hörte, klatschte er vor Freude in die Hände und rief: „Genau richtig! Höchst gerecht!"
Kajaljade aber wandte bescheiden ein: „So gut ist mein Vers auch wieder nicht. Im Grunde ist er etwas zu zierlich und gekünstelt."
Li Schleierfrau erwiderte: „Zierlich ist er, ja — aber auf eine gute Art, ohne Steifheit und ohne Überladung."
Kajaljade sagte: „Meiner Meinung nach ist die beste Zeile von allen 'Im kalten Garten erinnert die schräge Sonne an alte Zeiten'. Das ist ein meisterhafter Kontrast. Schon die Zeile davor — 'Ich lege das Buch beiseite, nur ein Stengel Herbstschönheit genügt' — ist vollendet. Zuvor ist alles über das Aufstellen der Chrysanthemen gesagt, es gibt nichts mehr hinzuzufügen; deshalb kehren die Gedanken zurück zu dem Augenblick, als die Blumen noch nicht gebrochen und aufgestellt waren. Darin liegt ein tiefer Sinn."
Li Schleierfrau lächelte: „Das stimmt schon. Aber dein Vers 'Die Lippen tragen Duft und singen im Mondlicht' steht dem in nichts nach."
Spürfrühling fügte hinzu: „Man muss aber einräumen, dass die Edle von Haselwurz den Gedanken der Sehnsucht am tiefsten auslotete — 'keine Spur vom Herbst' und 'der Traum weiß es' bringen das Wort 'Erinnern' wunderbar zum Ausdruck."
Schatzspange erwiderte lachend: „Und bei dir schildern 'kalter Tau benetzt die Schläfen' und 'Herbstduft durchtränkt das Kopftuch' das Bild von Chrysanthemen im Haar so treffend, dass kein Spalt mehr offen bleibt."
Wolkenkind sagte: „'Mit wem wollt ihr euch zurückziehen?' und 'Warum blüht ihr so spät?' — damit werden die armen Chrysanthemen wirklich in die Enge getrieben, dass ihnen die Worte fehlen!"
Li Schleierfrau gab lachend zurück: „Na, wenn du dich 'barhäuptig am Zaun hinsetzt' und 'die Knie umfassend' singst und gar nicht mehr weggehen willst, dann wird das auch den Chrysanthemen, wenn sie fühlen könnten, allmählich lästig werden!" Alle lachten.
Schatzjade seufzte lachend: „Und ich bin wieder einmal durchgefallen! Drücken denn 'Wer hat gepflanzt?', 'Wo kommt der Herbst her?', 'in Holzschuhen von weit her gewandert' und 'mein kühles Gedicht klingt nie aus' nicht das Suchen aus? Und sprechen 'unverhofft der Regen gestern Nacht' und 'heute blühen sie bedeckt vom Reif' nicht vom Pflanzen? Ich ärgere mich nur, dass meine Verse nicht aufkommen gegen 'Die Lippen tragen Duft und singen im Mondlicht', 'Die Knie umfassend, summe ich ein Lied', 'Kalter Tau benetzt die Schläfen', 'Herbstduft durchtränkt das Kopftuch', 'blass wird das Gold', 'löst sich das Grün', 'keine Spur vom Herbst' und 'der Traum weiß es'." Dann fügte er hinzu: „Wenn ich morgen Muße habe, schreibe ich alle zwölf Themen noch einmal ganz allein!"
Li Schleierfrau tröstete ihn: „Auch deine Gedichte sind gut — sie sind nur nicht ganz so originell wie die anderen."
Nachdem sich alle noch eine Weile über ihre Beurteilungen ausgetauscht hatten, ließen sie frische heiße Krabben bringen und aßen gemeinsam am großen runden Tisch. Plötzlich sagte Schatzjade lächelnd: „Heute feiern wir die Duftblüten mit einem Krabbengelage — das muss ebenfalls besungen werden! Mein Gedicht ist schon fertig, wer traut sich noch?" Rasch wusch er sich die Hände, griff zum Pinsel und schrieb. Alle blickten auf sein Blatt und lasen:
Beim Krabbenessen unter Duftblüten
Beim Krabbenschmaus im kühlen Duftblüten-Schatten Begieß ich sie mit Essig, würze sie mit Ingwer — welch ein Rausch! Ein Vielfraß von Rang braucht Wein dazu, Der freche Seitwärtsgeher aber hat kein Herz. Die Kälte im Leib vergisst der Gierige, Die Finger riechen nach Fisch, selbst gewaschen noch duftend. Schon immer lebt der Mensch für die Freuden des Gaumens — Hatte nicht Su Dongpo gelacht, ein Leben lang rührig zu sein? [52]
Kajaljade sagte lächelnd: „Von solchen Gedichten könnte man hundert Stück haben."
Schatzjade erwiderte ebenfalls lächelnd: „Deine Eingebung ist für heute erschöpft, du bringst nichts mehr zustande — und trotzdem musst du andere herabsetzen!"
Kajaljade antwortete nicht, besann sich auch keinen Augenblick, nahm den Pinsel und hatte im Nu ein Gedicht geschrieben. Die anderen lasen:
In Panzer und Lanze noch im Tode gerüstet, Lockt ihr, auf dem Teller aufgetürmt, zum ersten Bissen. Die Scheren bergen zarten Jade, paarweise prall und voll, Aus dem Panzer duftet rotes Fett, Stück für Stück. Acht Beine, fleischig — man liebt euch nur mehr dafür, Tausend Becher Wein — wer riet mir, so viel zu trinken? Zu solch edler Speise am Festtag erhoben, Streicht der Wind durch Duftblüten und die Chrysanthemen tragen Reif.
Schatzjade las und rief begeistert Bravo, doch Kajaljade riss ihm das Blatt aus der Hand, zerriss es und befahl einer Dienerin, die Fetzen zu verbrennen. Dann sagte sie lächelnd: „Mein Gedicht ist nicht so gut wie deines, darum lasse ich es verbrennen. Aber deines ist wirklich gelungen — besser sogar als deine Chrysanthemengedichte von vorhin. Heb es auf und zeig es den Leuten."
Schatzspange meldete sich lächelnd: „Ich habe mir auch eines abgerungen. Es ist nicht unbedingt gut, aber ich schreibe es auf, damit ihr wenigstens etwas zum Lachen habt." Sie griff zum Pinsel und schrieb. Alle lasen mit:
Unter Duftblüten und Paulownien den Becher erhoben — Die Schlemmer von Chang'an wässern sich den Mund zum Doppelneunfest. Vor euch liegt ein Weg ohne Recht und ohne Ordnung, Unter eurer Schale verbergt ihr Herbst und Frühling, nichts als Schwärze und Gelb.
Als sie bis hierher gelesen hatten, riefen alle begeistert Bravo. Schatzjade sagte: „Großartig geschrieben! Mein Gedicht sollte ich auch verbrennen!" Dann las er weiter:
Heißer Wein vertreibt den Fischgeruch — nimm noch Chrysanthemen dazu, Gegen die anstauende Kälte hilft gewiss der Ingwer. Nun aber seid ihr im Kessel gelandet — was nützt euch das alles noch? Am Mondufer bleibt nur der leere Duft von Hirse und Korn.
Als alle fertig gelesen hatten, sagten sie: „Das ist das unübertreffliche Gedicht zum Krabbenessen! Bei solch einem kleinen Thema einen tiefen Sinn zu verbergen — das zeugt von großem Talent. Allerdings ist der Spott über die Menschen der Gegenwart vielleicht ein wenig zu giftig." [53]
In diesem Augenblick sahen sie Friedchen wieder in den Garten zurückkehren. Was sie wollte, wird im nächsten Kapitel erzählt.
Anmerkungen
- ↑ 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schnee Kostbare-Haarspange" — Schatzjades Kusine aus der Familie Xue, klug, besonnen und tugendreich.
- ↑ 史湘云 Shǐ Xiāngyún, wörtl. „Geschichtsschreiber Wolke-am-Xiang-Fluss" — Schatzjades lebenslustige Kusine, eine begabte Dichterin.
- ↑ 贾母 Jiǎ Mǔ, wörtl. „Matriarchin der Kaufmann-Familie" — die Großmutter des Hauses Kaufmann (Jiǎ), eine der mächtigsten Figuren des Romans.
- ↑ 王夫人 Wáng Fūrén — Schatzjades Mutter, zweite Frau des Kaufmann Aufrecht.
- ↑ 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „König Heiterer-Phönix" — die energische und verschlagene Haushälterin des Kaufmann-Anwesens.
- ↑ 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante Schnee" — Schatzspanges Mutter, Schwester von Dame Wang.
- ↑ Chin. 藕香榭
- ↑ 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Wald Kajal-Jade" — die weibliche Protagonistin, Schatzjades Kusine mütterlicherseits, berühmt für ihre Dichtkunst und Empfindsamkeit.
- ↑ 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kaufmann Kostbare-Jade" — der männliche Protagonist des Romans, ein verträumter junger Mann aus der Kaufmann-Familie.
- ↑ 迎春 Yíngchūn, wörtl. „Willkommensfrühling" — Schatzjades zweite Schwester.
- ↑ 探春 Tànchūn, wörtl. „Spürfrühling" — Schatzjades dritte Halbschwester (Tochter der Nebenfrau Zhao), klug und tatkräftig.
- ↑ 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bewahrfrühling" — Schatzjades jüngste Schwester (eigentlich Nichte).
- ↑ 李纨 Lǐ Wán — die tugendhafte junge Witwe des verstorbenen Kaufmann Perle, Schatzjades älteste Schwägerin.
- ↑ Chin. 赵姨娘
- ↑ Chin. 周姨娘
- ↑ 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente" — die treue Leibdienerin der Herzoginmutter.
- ↑ 琥珀 Hǔpò, wörtl. „Bernstein" — ein Dienstmädchen der Herzoginmutter.
- ↑ 彩霞 Cǎixiá, wörtl. „Farbenwolke" — ein Dienstmädchen der Dame Wang.
- ↑ Chin. 彩云
- ↑ 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen" — Phönixglanz' loyale Kammerzofe und engste Vertraute.
- ↑ Chin. 贾琏
- ↑ Das Wortspiel bezieht sich darauf, dass 'Essig trinken' (吃醋) im Chinesischen 'eifersüchtig sein' bedeutet — Bernstein stichelt, Friedchen sei eifersüchtig über die Scherze bezüglich Mandarinenentes Verheiratung an ihren Herrn.
- ↑ 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch" — Schatzjades treueste Kammerzofe, besonnen und pflichtbewusst.
- ↑ 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck" — Kajaljade's treue Kammerzofe.
- ↑ Chin. 司棋
- ↑ Chin. 侍书
- ↑ Chin. 入画
- ↑ Chin. 莺儿
- ↑ Chin. 翠墨
- ↑ Chin. 合欢花
- ↑ Chin. 蘅
- ↑ Chin. 潇
- ↑ Chin. 绛
- ↑ Chin. 湘
- ↑ Chin. 霞
- ↑ Chin. 雪浪笺
- ↑ Chin. 蘅芜君
- ↑ Chin. 怡红公子
- ↑ Chin. 怡红公子
- ↑ Chin. 枕霞旧友
- ↑ Chin. 枕霞旧友
- ↑ Chin. 潇湘妃子
- ↑ Tao Qian (陶渊明/陶潜, 365–427), der berühmte Eremit und Dichter, der die Chrysantheme zum Symbol des Rückzugs und der Unbestechlichkeit erhob.
- ↑ Chin. 蘅芜君
- ↑ Chin. 潇湘妃子
- ↑ Chin. 蕉下客
- ↑ Chang'an war die alte Kaiserstadt. Der 'Altmeister von Pengze' ist wieder Tao Qian, der einst Bezirksvorsteher von Pengze war.
- ↑ Chin. 枕霞旧友
- ↑ Chin. 潇湘妃子
- ↑ Zhuangzi (庄子, ca. 369–286 v. Chr.), der daoistische Philosoph, der träumte, er sei ein Schmetterling, und nicht mehr wusste, ob er Mensch oder Falter war.
- ↑ Chin. 蕉下客
- ↑ Su Shi (苏轼/苏东坡, 1037–1101), einer der größten Dichter der Song-Dynastie, berühmt auch als Feinschmecker.
- ↑ Die verdeckte Satire kritisiert die korrupten Beamten und Höflinge, die — gleich den Krabben — hinter den Kulissen ihre eigennützigen Machenschaften betreiben und am Ende doch im 'Kochtopf' enden.