Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 100"
(DE4 (Woesler 4. Aufl.): Kapitel 100 mit Navigation und Fussnoten) |
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= Kapitel 100 = | = Kapitel 100 = | ||
| − | == | + | == Duftlinse durchkreuzt eine Verführung und erntet tiefen Hass == |
| + | === Schatzjade trauert über eine Fernheirat und empfindet den Schmerz des Abschieds === | ||
| − | ' | + | Es wird erzählt, dass Kaufmann Aufrecht<ref>Kaufmann Aufrecht: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng. 政 zhèng bedeutet „aufrecht/Regierung".</ref> [贾政] den Generalgouverneur aufsuchte. Er war bereits eine halbe Ewigkeit drinnen, ohne wieder herauszukommen, und draußen wurde allerhand spekuliert. Li Shi'er [李十儿] konnte draußen auch nichts in Erfahrung bringen und dachte mit Sorge an die in der Amtszeitung gemeldete Affäre mit Xue Pan [薛蟠]. Endlich hörte er, dass Kaufmann Aufrecht herauskam, eilte ihm entgegen und folgte ihm. Ohne abwarten zu können, bis sie zu Hause wären, fragte er ihn, sobald sie einen ruhigen Ort erreicht hatten: „Herr, Sie waren so lange drinnen – ging es um etwas Dringendes?" Kaufmann Aufrecht lächelte: „Es war eigentlich nichts Besonderes. Der Kommandant von Zhenhai [镇海] ist ein Verwandter des Generalgouverneurs, und er hatte ihm geschrieben mit der Bitte, sich um mich zu kümmern. Deshalb sagte er mir einige freundliche Worte. Er meinte sogar, wir seien jetzt ebenfalls verwandt." Li Shi'er freute sich innerlich darüber, fühlte sich dadurch ermutigt und drängte Kaufmann Aufrecht begeistert, der Heiratsverbindung zuzustimmen. |
| − | + | Kaufmann Aufrecht dachte bei sich: „Was die Sache mit Xue Pan betrifft – ob sie mich irgendwie belastet, lässt sich von hier draußen, wo die Nachrichten so schlecht durchkommen, schwer herausfinden und noch schwerer in die richtigen Bahnen lenken." So kehrte er zu seinem eigenen Amtssitz zurück und schickte einen Bediensteten nach Peking, um Erkundigungen einzuziehen. Gleichzeitig ließ er der Herzoginmutter [贾母] das Heiratsangebot des Generalgouverneurs mitteilen: Falls sie einverstanden sei, solle die dritte junge Dame [Tanchun, 探春] zu seinem Amtssitz gebracht werden. | |
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| − | + | Der Bedienstete folgte dem Befehl und eilte in die Hauptstadt, wo er zuerst Dame Wang [王夫人] Bericht erstattete. Dann erkundigte er sich beim Beamtenministerium [吏部] und erfuhr, dass gegen Kaufmann Aufrecht keine Strafe verhängt worden war; nur der kommissarische Magistrat des Kreises Taiping war seines Amtes enthoben worden. Er schrieb einen beruhigenden Brief an Kaufmann Aufrecht und blieb in der Hauptstadt, um auf weitere Nachrichten zu warten. | |
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| − | + | Unterdessen hatte Tante Schnee [薛姨妈] wegen Xue Pans Totschlagsprozess bei den verschiedenen Behörden unzählige Summen Geldes aufgewandt, um das Urteil auf „Tötung durch Unfall" herabstufen zu lassen. Sie hatte vorgehabt, eines der Pfandhäuser zu verkaufen und mit dem Erlös die Strafe freizukaufen. Doch das Strafministerium [刑部] verwarf das Urteil bei der Überprüfung. Erneut wurden Leute beauftragt, viel Geld auszugeben, doch alles war vergeblich – das Urteil lautete weiterhin auf Tod, und er blieb im Gefängnis, um die große Herbstverhandlung abzuwarten. Tante Schnee war gleichermaßen zornig und schmerzerfüllt und weinte Tag und Nacht. | |
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| − | + | Schatzspange<ref>Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.</ref> [薛宝钗] kam häufig vorbei, um sie zu trösten. Sie sagte: „Bruder hatte von Anfang an kein Glück. Er hat das gesamte Vermögen vom Großvater geerbt und hätte ruhig und friedlich davon leben sollen. Schon im Süden hat er sich unmöglich benommen – allein die Geschichte mit Duftlinse [香菱] war ungeheuerlich. Nur weil er sich auf die Macht unserer Verwandten stützen konnte und einiges Geld ausgab, kam er damit davon, einen jungen Mann totgeschlagen zu haben. Danach hätte Bruder sich ändern und ein anständiger Mensch werden sollen, er hätte seine Mutter versorgen müssen. Aber kaum war er in der Hauptstadt, ging es genauso weiter. Mama, wie viel Kränkungen hast du seinetwegen erdulden müssen, wie viele Tränen hast du vergossen! Wir haben ihm eine Frau genommen, in der Hoffnung, dass nun alle in Ruhe und Frieden leben könnten. Doch das Schicksal wollte es anders – ausgerechnet die Schwägerin, die er heiratete, war auch eine Unruhestifterin, sodass Bruder vor ihr aus dem Haus floh. Wie das Sprichwort so wahr sagt: ‚Wer viele Feinde hat, trifft sie auf schmalem Pfad' [冤家路儿狭] – nach wenigen Tagen gab es schon einen Toten. Mama und der zweite Vetter [Xue Ke] haben wirklich alles in ihrer Macht Stehende getan: Nicht nur haben sie Geld ausgegeben, sondern sie haben auch überall um Hilfe gebeten und sich den Kopf zerbrochen. Doch gegen das Schicksal kommt man nicht an, es ist letztlich selbst verschuldet. Im Allgemeinen zieht man Kinder auf, damit man im Alter jemanden hat, auf den man sich stützen kann. Selbst in den ärmsten Familien bemüht sich ein Sohn, seiner Mutter wenigstens eine Schale Reis zu beschaffen. Wo gibt es so jemanden, der das vorhandene Vermögen durchbringt und obendrein die alten Eltern zum Verzweifeln bringt? Ich will es nicht aussprechen, aber Bruders Verhalten – das ist nicht das eines Sohnes, das ist das eines Widersachers. Wenn Mama das immer noch nicht einsieht und von morgens bis abends und von abends bis morgens weint und dann auch noch die Wutanfälle der Schwägerin erduldet – ich kann ja nicht ständig hier sein und trösten. Wenn ich Mama in diesem Zustand sehe, wie soll ich da in Ruhe sein? Schatzjade<ref>Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.</ref> [宝玉] – so begriffsstutzig er auch sein mag – würde mich nie zurückgehen lassen. Vor einigen Tagen schickte der Herr [Kaufmann Aufrecht] jemanden mit der Nachricht, er sei beim Lesen der Amtszeitung erschrocken und habe daher Leute geschickt, um die Sache zu regeln. Wie man sieht, machen sich nicht wenige Leute Sorgen wegen Bruders Skandal. Ein Glück, dass ich wenigstens in der Nähe bin, als wäre ich direkt bei dir. Wenn ich fern von der Heimat wäre und von alldem hörte, würde ich mich vor Sorge um Mama zu Tode grämen. Ich bitte Mama, sich erst einmal etwas zu erholen. Solange Bruder noch am Leben ist, sollten wir die verschiedenen Geschäftskonten durchsehen. Was andere uns schulden und was wir anderen schulden – man sollte einen alten Mitarbeiter bitten, einmal durchzurechnen, und sehen, wie viel Geld noch übrig ist." | |
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| − | + | Tante Schnee sagte weinend: „In den letzten Tagen waren wir so beschäftigt mit den Angelegenheiten deines Bruders. Jedes Mal, wenn du kamst, hast du entweder mich getröstet oder ich habe dir die Neuigkeiten von den Behörden erzählt. Du weißt noch gar nicht das Schlimmste: Der Name unserer Familie ist aus dem Register der Hofhändler [官商] gestrichen worden. Zwei Pfandhäuser sind bereits an andere übergegangen, und das Geld ist längst aufgebraucht. Beim dritten Pfandhaus ist der Geschäftsführer geflohen und hat einen Fehlbetrag von mehreren tausend Taels hinterlassen – auch darum führen wir noch einen Prozess. Dein Vetter Ke [薛蝌] ist jeden Tag unterwegs, um Geld einzutreiben. Die Schulden in der Hauptstadt belaufen sich bereits auf Zehntausende von Taels; wir müssten den Anteil am Grundbesitz und das Wohnhaus im Süden verkaufen, damit es reicht. Vor zwei Tagen habe ich sogar ein beunruhigendes Gerücht gehört, dass auch das gemeinsame Pfandhaus [公分] im Süden Verluste gemacht habe und geschlossen worden sei. Wenn das wahr ist, kann deine Mutter nicht mehr weiterleben!" Dabei brach sie erneut in lautes Weinen aus. | |
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| − | + | Schatzspange weinte ebenfalls und versuchte zu trösten: „Was die Finanzen angeht, Mama, nützt es nichts, sich den Kopf darüber zu zerbrechen – der zweite Vetter kümmert sich darum. Was mich empört, sind diese Angestellten: Kaum sehen sie, dass es mit unserer Familie bergab geht, suchen sie sich alle ihr eigenes Heil – das wäre ja noch hinnehmbar. Aber ich habe gehört, dass manche sogar Außenstehenden helfen, uns auszuplündern. Daran sieht man, was für Leute mein Bruder sein Leben lang um sich versammelt hat – nichts als Zechkumpane, von denen in der Not kein einziger da ist. Wenn Mama mich liebt, dann höre auf meinen Rat: In deinem Alter solltest du auf dich selbst achten. Du wirst in deinem ganzen Leben wohl nicht frieren oder hungern müssen. Die paar Kleider und Habseligkeiten im Haus – die muss man der Schwägerin [金桂] überlassen, da ist nichts zu machen. Was die Diener und deren Frauen betrifft – die haben ohnehin kein Herz mehr bei der Sache; wer gehen will, den lass gehen. Nur die arme Duftlinse tut mir leid – sie hat ihr ganzes Leben lang gelitten und sollte bei Mama bleiben. Wenn es wirklich an etwas fehlt und ich es habe, kann ich immer etwas herüberbringen; ich bin sicher, auch unser Herr [Schatzjade] hätte nichts dagegen. Selbst Dufthauch<ref>Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „die einen überfällt/umweht". Schatzjades erste Kammerzofe.</ref> [袭人] ist ein aufrichtiges und anständiges Mädchen – wenn sie von unseren Nöten hört und Mamas Name fällt, kommen ihr sofort die Tränen. Unser Herr [Schatzjade] ahnt noch gar nichts von alldem, deshalb macht er sich keine Sorgen. Wenn er es erführe, würde es ihn halbtot vor Schreck treffen." Tante Schnee ließ sie nicht ausreden und sagte: „Mein liebes Mädchen, sag ihm bloß kein Wort davon! Wegen Fräulein Lin [Kajaljade] hat er beinahe sein Leben verloren, jetzt geht es ihm gerade etwas besser. Wenn er vor Aufregung wieder krank würde, bekämst nicht nur du eine Sorge mehr – ich hätte vollends keine Stütze mehr." Schatzspange erwiderte: „Das habe ich mir auch gedacht, deshalb habe ich ihm nichts gesagt." | |
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| − | + | Während sie noch sprachen, kam Goldkassie [金桂] ins Vorzimmer gerannt und schrie unter Weinen: „Mein Leben ist mir gleichgültig! Mein Mann ist so gut wie tot! Jetzt machen wir einmal richtig Krach – wir marschieren alle zur Hinrichtungsstätte und liefern uns einen Kampf!" Dabei rannte sie mit dem Kopf gegen die Trennwand und stieß so heftig dagegen, dass sich ihr Haar löste und ihr wirr über die Schultern fiel. Tante Schnee war so empört, dass sie nur mit weit aufgerissenen Augen dastehen konnte, ohne ein Wort herauszubringen. Es war Schatzspanges Verdienst, dass sie „liebe Schwägerin" hin und „liebe Schwägerin" her redete und sie mit guten und schlechten Worten zu beruhigen suchte. Goldkassie rief: „Liebe Schwägerin, du kannst dich jetzt nicht mehr mit früher vergleichen! Ihr zwei lebt gut und glücklich miteinander. Ich bin eine alleinstehende Frau – was soll ich noch auf mein Ansehen geben?" Dabei machte sie Anstalten, auf die Straße zu rennen und zu ihrer Mutter zurückzukehren. Zum Glück waren genug Leute da, die sie festhielten und erst nach langem Zureden beruhigen konnten. Schatzperle [宝琴] war so erschrocken, dass sie sich fortan nicht mehr in Goldkassies Nähe wagte. | |
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| − | + | Wenn Xue Ke [薛蝌] zu Hause war, schminkte Goldkassie sich ausgiebig, puderte die Wangen, zog die Augenbrauen nach und steckte das Haar auf verführerische Weise hoch. Dann ging sie absichtlich vor Xue Kes Gemächern auf und ab, hustete einmal demonstrativ oder fragte, obwohl sie genau wusste, dass er drinnen war, wer sich denn im Zimmer befände. Wenn sie ihm begegnete, gebärdete sie sich kokett und verführerisch, fragte ihn hier nach seiner Gesundheit und dort nach seinem Befinden, war bald fröhlich, bald schmollend. Die Mägde zogen sich eilig zurück, sobald sie sahen, was vor sich ging. Goldkassie selbst merkte es gar nicht – sie war mit Leib und Seele darauf bedacht, Xue Kes Gefühle zu wecken, um Schatzwanzes [宝蟾] Plan zum Erfolg zu verhelfen. | |
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| − | + | Xue Ke seinerseits wich ihr nach Möglichkeit aus. Wenn er ihr doch begegnete, wagte er es nicht, unfreundlich zu sein – er fürchtete nur, dass sie eine Szene machen würde. Doch Goldkassies verblendete Leidenschaft ließ sie nicht erkennen, ob Xue Kes Höflichkeit echt oder nur gespielt war – je mehr sie ihn ansah, desto mehr gefiel er ihr; je mehr sie an ihn dachte, desto mehr verfiel sie Wunschträumen. Nur eines störte sie: Sie sah, dass Xue Ke alle seine Sachen Duftlinse zur Aufbewahrung anvertraute; das Nähen und Waschen seiner Kleidung oblag ebenfalls Duftlinse. Wenn die beiden sich gelegentlich unterhielten und Goldkassie hinzukam, gingen sie hastig auseinander – da regte sich sofort die Eifersucht in ihr. Doch sie wagte es nicht, sich an Xue Ke darüber zu beklagen, aus Angst, ihn zu verärgern; so richtete sie ihren ganzen verborgenen Groll gegen Duftlinse. Aber auch dort scheute sie sich vor einem offenen Ausbruch, weil sie befürchtete, einen Streit mit Duftlinse würde Xue Ke gegen sie aufbringen. So hielt sie ihren Hass mühsam zurück. | |
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| − | + | Eines Tages kam Schatzwanze [宝蟾] kichernd zu Goldkassie und sagte: „Herrin, haben Sie den zweiten Herrn [Xue Ke] gesehen?" Goldkassie antwortete: „Nein." Schatzwanze lachte: „Ich sagte ja, dem zweiten Herrn und seiner angeblichen Tugendhaftigkeit kann man nicht trauen. Neulich, als wir ihm Wein schickten, sagte er, er könne nicht trinken. Eben aber habe ich ihn bei der gnädigen Frau [Tante Schnee] hereingehen sehen – mit puterrotem Gesicht und nach Alkohol riechend. Wenn die Herrin mir nicht glaubt, warten Sie einfach vor unserem Hoftor auf ihn. Er wird von dort vorbeikommen – die Herrin kann ihn anhalten und fragen. Mal sehen, was er dann sagt." Goldkassie war verärgert und erwiderte: „Er wird jetzt bestimmt noch nicht herauskommen! Wenn er ohnehin kein Interesse hat, wozu soll ich ihn dann fragen?" Schatzwanze sagte: „Da ist die Herrin wieder einmal zu umständlich. Wenn er sich freundlich zeigt, können wir weitersehen; wenn nicht, denken wir uns etwas anderes aus." Goldkassie fand, das klang vernünftig, und befahl: „Pass auf, ob er herauskommt." Schatzwanze ging hinaus, um Ausschau zu halten. | |
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| − | + | Goldkassie öffnete ihren Schminkkasten, warf noch einen Blick in den Spiegel und trug etwas Lippenstift auf. Dann nahm sie ein geblümtes Seidentuch und wollte schon hinausgehen, doch es war, als hätte sie etwas vergessen – sie wusste gar nicht, was sie mit sich anfangen sollte. Da hörte sie Schatzwanze draußen sagen: „Zweiter Herr, Sie sind heute ja guter Laune! Wo haben Sie denn Wein getrunken?" Goldkassie verstand sofort, dass dies das Zeichen war, und hob rasch den Vorhang, um hinauszutreten. Sie sah, wie Xue Ke zu Schatzwanze sagte: „Heute ist der Festtag des Geschäftsführers Zhang [张大爷]. Die haben mich so genötigt, dass ich einen halben Becher getrunken habe – mein Gesicht brennt immer noch." Bevor er den Satz beendet hatte, fiel Goldkassie ihm ins Wort: „Natürlich – der Wein fremder Leute schmeckt wohl besser als der eigene." Xue Ke wurde durch diese spitze Bemerkung noch röter im Gesicht, trat rasch einen Schritt näher und sagte mit verlegenem Lächeln: „Schwägerin, wie kommt Ihr auf so etwas?" Als Schatzwanze sah, dass die beiden im Gespräch waren, verschwand sie ins Innere. | |
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| − | + | Goldkassie hatte ursprünglich vorgehabt, Xue Ke zum Schein ein paar Vorwürfe zu machen. Doch als sie seine leicht geröteten Wangen und seine schläfrig glänzenden Augen sah, die etwas Schüchternes und Rührendes hatten, war ihr ganzer hochfahrender Trotz mit einem Mal wie ins ferne Land Java [爪洼国] entschwunden. Sie lächelte und sagte: „So, du trinkst also nur, wenn man dich regelrecht zwingt?" Xue Ke antwortete: „Ich kann wirklich nicht trinken." Goldkassie sagte: „Umso besser. Dann ist es nicht wie bei deinem Vetter [Xue Pan], der sich durch Trinken solchen Ärger einhandelt. Wenn du später einmal heiratest, muss deine Frau wenigstens nicht wie ich als lebende Witwe in Einsamkeit schmachten!" Bei diesen Worten schielten ihre Augen bereits begehrlich zu ihm hinüber, und ihre Wangen überzog ein Rot. Xue Ke merkte, dass das Gespräch eine zunehmend anstößige Wendung nahm, und machte Anstalten zu gehen. Goldkassie durchschaute seine Absicht und ließ es nicht zu – sie war bereits zu ihm gesprungen und hatte ihn fest gepackt. Xue Ke rief erschrocken: „Schwägerin, wahrt den Anstand!" Dabei zitterte er am ganzen Leib. Goldkassie jedoch warf alle Scham über Bord und sagte: „Komm einfach herein, ich muss dir etwas Wichtiges sagen." | |
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| − | + | Gerade in diesem kritischen Augenblick rief eine Stimme hinter ihr: „Herrin, Duftlinse kommt!" Goldkassie erschrak heftig. Sie drehte sich um und sah Schatzwanze, die den Vorhang gelüftet hatte, um die beiden zu beobachten. Als sie den Kopf hob, bemerkte sie Duftlinse, die von der anderen Seite herankam, und warnte sofort Goldkassie. Das war ein gewaltiger Schreck für Goldkassie – ihre Hand lockerte sich unwillkürlich, und Xue Ke nutzte die Gelegenheit und rannte davon. Duftlinse ihrerseits war einfach ihres Weges gegangen und hatte nichts bemerkt, bis sie Schatzwanzes Ruf hörte. Erst dann blickte sie auf und sah, wie Goldkassie Xue Ke festhielt und ihn mit Gewalt ins Haus zu zerren versuchte. Duftlinse erschrak so sehr, dass ihr Herz zu rasen begann; sie wandte sich sofort um und ging eilig zurück. Goldkassie aber stand da, halb vor Schreck, halb vor Zorn erstarrt, und starrte Xue Ke nach, der davonlief. Nach langem Verharren stieß sie einen wütenden Laut aus und kehrte enttäuscht in ihre Gemächer zurück. Von diesem Tag an hasste sie Duftlinse bis ins Mark. Duftlinse war eigentlich auf dem Weg zu Schatzperle [宝琴] gewesen; als sie am Durchgangstor das Geschehen erblickte, war sie erschrocken zurückgelaufen. | |
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| − | + | An jenem Tag befand sich Schatzspange in den Gemächern der Herzoginmutter und hörte, wie Dame Wang der alten Herzoginmutter von der geplanten Verlobung Tanchuns [探春] berichtete. Die Herzoginmutter sagte: „Wenn der junge Mann auch aus unserer Heimatprovinz [金陵] stammt, ist das sehr schön. Nur habe ich gehört, dass er schon einmal bei uns zu Besuch war – warum hat dein Herr [Kaufmann Aufrecht] ihn damals nie erwähnt?" Dame Wang erwiderte: „Selbst wir wussten nichts davon." Die Herzoginmutter sagte: „An sich ist es gut, nur liegt es gar zu weit weg. Solange der Herr noch dort im Amt ist, geht es ja. Aber wenn er einmal versetzt wird, steht unser Kind dann nicht ganz allein da?" Dame Wang antwortete: „Beide Familien sind Beamtenfamilien – da kann man nie wissen. Vielleicht wird der andere noch in die Hauptstadt versetzt; wenn nicht, so heißt es doch: ‚Das fallende Laub kehrt zur Wurzel zurück.' [叶落归根] Außerdem – wo der Herr dort Beamter ist und sein Vorgesetzter das selbst vorgeschlagen hat – wie könnte man da ablehnen? Ich denke, der Herr hat sich bereits entschieden und hat nur deshalb jemanden geschickt, um die Zustimmung der alten Herzoginmutter einzuholen." Die Herzoginmutter sagte: „Wenn ihr beide einverstanden seid, ist es gut. Nur macht es mich traurig: Wenn das dritte Fräulein einmal fort ist, kann es zwei oder drei Jahre dauern, bis sie zurückkehrt. Wenn es noch länger dauert, fürchte ich, werde ich nicht mehr leben, um sie wiederzusehen." Dabei kamen ihr die Tränen. | |
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| − | + | Dame Wang sagte: „Wenn die Töchter erwachsen sind, müssen sie früher oder später verheiratet werden. Selbst wenn der Ehemann aus dem Ort wäre – es sei denn, er wäre kein Beamter –, wer könnte garantieren, dass sie immer beieinander blieben? Wichtig ist nur, dass die Kinder ihr Glück finden. Nehmen wir Fräulein Yingchun [迎春] als Beispiel – die hat ja ganz in der Nähe geheiratet, und dennoch hört man ständig, dass sie von ihrem Mann geschlagen wird und nicht einmal genug zu essen bekommt. Was wir ihr schicken, bekommt sie nicht einmal zu sehen. In letzter Zeit heißt es, es werde sogar noch schlimmer, und er lässt sie auch nicht nach Hause kommen. Wenn die beiden sich streiten, behauptet er, wir hätten sein Geld benutzt. Das arme Kind hat keinen einzigen Tag des Glücks! Vor kurzem habe ich an sie gedacht und Dienerinnen geschickt, nach ihr zu sehen. Yingchun versteckte sich in einer Kammer und wollte nicht herauskommen. Die Frauen bestanden darauf hineinzugehen, und fanden sie in dieser bitteren Kälte in ein paar abgetragenen alten Kleidern. Unter Tränen sagte sie: ‚Berichtet zu Hause nicht, wie elend es mir geht – es ist mein Schicksal, das mir das eingebracht hat. Schickt mir auch keine Kleider oder Sachen mehr; nicht nur bekomme ich nichts davon, sondern ich beziehe dafür obendrein noch Prügel, weil er behauptet, ich hätte mich beschwert.' Mutter, bedenke: Das ist es, was es heißt, in der Nähe zu sein und das Elend mit eigenen Augen sehen zu müssen – ist das nicht noch schwerer zu ertragen? Die Schwiegermutter kümmert sich nicht, und der Schwiegervater weigert sich einzugreifen. Heute ist Fräulein Yingchun schlechter dran als unsere niedrigste Magd. Was Tanchun betrifft – sie ist zwar nicht meine leibliche Tochter, aber da der Herr den jungen Mann offenbar selbst gesehen hat, wird er sie gewiss nur an jemanden Tüchtigen vergeben. Ich bitte die alte Herzoginmutter um ihre Weisung: Wählen wir einen günstigen Tag, stellen ein angemessenes Geleit zusammen und schicken sie zum Amtssitz des Herrn. Was dort zu tun ist, wird der Herr schon nicht nachlässig betreiben." Die Herzoginmutter sagte: „Da der Vater die Entscheidung getroffen hat, richte du alles Nötige her. Wähle einen günstigen Reisetag und schicke sie los – damit ist die Sache erledigt." Dame Wang antwortete: „Ja, Mutter." | |
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| − | + | Schatzspange hörte alles deutlich mit an und wagte keinen Laut, doch in ihrem Herzen klagte sie: „Von unseren Fräuleins gilt Tanchun als die Klügste und Fähigste, und nun soll sie auch noch in die Ferne verheiratet werden. Es werden von Tag zu Tag weniger hier." Als sie sah, dass Dame Wang sich erhob und sich verabschiedete, begleitete sie sie hinaus und kehrte dann geradewegs in ihre eigenen Gemächer zurück. Schatzjade sagte sie nichts davon. Als sie Dufthauch [袭人] allein beim Nähen fand, erzählte sie ihr, was sie gehört hatte. Auch Dufthauch war sehr betrübt darüber. | |
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| − | + | Die Nebenfrau Zhao [赵姨娘] hingegen freute sich, als sie von Tanchuns Verlobung erfuhr, und dachte bei sich: „Dieses Mädchen hat mich zu Hause immer verachtet. War ich denn je eine Mutter für sie? Schlimmer als eine ihrer Mägde hat sie mich behandelt! Obendrein hat sie sich immer bei den anderen eingeschmeichelt und auf deren Seite geschlagen. Solange sie mir im Weg steht, kommt selbst Huan'er [贾环] nie zum Zug. Jetzt, wo der Vater sie zu sich holt, bin ich sie endlich los. Dass sie mich respektvoll behandelt – darauf kann ich sowieso nicht hoffen. Ich wünsche ihr nur, dass es ihr genauso ergeht wie Fräulein Yingchun. Dann hätte ich wenigstens diese Genugtuung." | |
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| − | + | So denkend eilte sie zu Tanchuns Gemächern und gratulierte ihr: „Fräulein, Sie sind bestimmt zu Höherem berufen! Bei Ihrem Verlobten wird natürlich alles besser sein als hier – ich denke, Sie freuen sich darüber. Ich habe Sie so viele Jahre großgezogen und nie auch nur den geringsten Vorteil von Ihnen gehabt. Selbst wenn ich zu sieben Zehnteln schlecht war, so gab es doch drei Zehntel Gutes an mir. Vergessen Sie mich nicht, wenn Sie fort sind." Tanchun fand diese Worte völlig abwegig und hielt schweigend den Kopf über ihre Nadelarbeit gesenkt, ohne ein einziges Wort zu erwidern. Nebenfrau Zhao sah sich missachtet, ärgerte sich und ging davon. | |
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| − | + | Tanchun ihrerseits war gleichermaßen zornig, belustigt und verletzt über das Verhalten ihrer Mutter und vergoss still ein paar Tränen. Nachdem sie eine Weile dagesessen hatte, ging sie bedrückt hinüber zu Schatzjade. | |
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| − | + | Schatzjade fragte sie: „Dritte Schwester, als Kusine Dai [Kajaljade, 林黛玉] starb – ich habe gehört, du warst dabei. Man hat mir erzählt, dass in der Ferne Musik zu hören war, als sie starb. Vielleicht hatte sie ja eine besondere Herkunft, wer weiß." Tanchun lächelte: „Das denkst du dir wohl so. Allerdings war es in jener Nacht tatsächlich merkwürdig – die Musik klang nicht wie gewöhnliche Klänge. Vielleicht hast du recht." Als Schatzjade das hörte, war er umso überzeugter. Er erinnerte sich, dass ihm jemand während seiner geistigen Verwirrung vor einiger Zeit erschienen war und gesagt hatte, Kajaljade sei nicht wie gewöhnliche Menschen geboren und nicht wie gewöhnliche Geister gestorben – gewiss eine Himmelsfee, die auf Erden geweilt hatte. Dann dachte er an jene Theateraufführung vor Jahren, in der die Mondgöttin Chang'e [嫦娥] dargestellt worden war – so schwebend, so bezaubernd, was für eine überirdische Anmut! | |
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| − | + | Nach einer Weile ging Tanchun wieder. Schatzjade wollte unbedingt Purpurkuckuck<ref>Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurner Kuckuck". Kajaljades treue Kammerzofe.</ref> [紫鹃] in seiner Nähe haben und bat sogleich die Herzoginmutter, sie herüberschicken zu lassen. Purpurkuckuck war im Herzen nicht gewillt, doch da die Herzoginmutter und Dame Wang sie abgestellt hatten, konnte sie sich nicht widersetzen. Bei Schatzjade war sie jedoch ständig am Seufzen und Stöhnen. Hinter dem Rücken der anderen nahm Schatzjade sie beiseite und fragte demütig nach Kajaljade. Doch Purpurkuckuck gab ihm nie eine freundliche Antwort. Schatzspange tadelte sie deswegen nicht, sondern lobte sie im Gegenteil insgeheim für ihre Treue. | |
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| − | + | Was Schneegans [雪雁] betraf – obwohl sie in der Hochzeitsnacht durchaus ihren Beitrag geleistet hatte, hielt Schatzjade sie für etwas einfältig. Er bat die Herzoginmutter und Dame Wang, sie mit einem Pagen zu verheiraten, damit sie ihr eigenes Leben führen konnte. Die Amme Wang [王奶妈] wurde weiter versorgt, damit sie zu gegebener Zeit Kajaljades Sarg in den Süden begleiten konnte. Papagei [鹦哥] und die anderen kleinen Mägde blieben weiterhin bei der Herzoginmutter im Dienst. | |
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| − | + | Schatzjade sehnte sich nach Kajaljade. Von diesem Gedanken ging er zum nächsten über und dachte daran, dass die Menschen, die Kajaljade umgeben hatten, nun wie Wolken zerstreut waren. Das machte ihn noch bedrückter. Als er keinen Ausweg mehr aus seiner Trübsal fand, kam ihm plötzlich der Gedanke, dass Kajaljades Tod so klar und gefasst gewesen war – sie musste gewiss eine Unsterbliche sein, die in ihre himmlische Heimat zurückgekehrt war. Dieser Gedanke stimmte ihn unerwartet fröhlich. | |
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| − | + | Doch plötzlich hörte er, wie Dufthauch und Schatzspange nebenan über Tanchuns bevorstehende Hochzeitsreise sprachen. „Ach!" rief Schatzjade und sank weinend auf das Ofenbett. Schatzspange und Dufthauch eilten erschrocken herbei und richteten ihn auf: „Was ist denn los?" Aber Schatzjade war schon so verweint, dass er kein Wort herausbrachte. Nachdem er sich eine Weile gefasst hatte, sagte er: „Das ist nicht mehr auszuhalten! Meine Schwestern gehen eine nach der anderen fort: Kusine Dai ist als Unsterbliche in den Himmel zurückgekehrt; die älteste Schwester [Yuanchun, 元春] ist gestorben – das mag noch angehen, denn wir sahen uns ohnehin nicht täglich; die zweite Schwester [Yingchun] ist an so einen unmöglichen Wüstling geraten; die dritte Schwester soll nun in die Ferne verheiratet werden, und wir werden uns nie mehr sehen; Schwester Shi [史湘云] – wer weiß, wohin es sie verschlägt; Schwester Xue [Schatzperle, 薛宝琴] ist bereits verlobt. Keine einzige meiner Schwestern und Kusinen bleibt zu Hause – wozu lässt man mich dann allein hier?" | |
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| − | + | Dufthauch versuchte sofort, ihn mit guten Worten zu beruhigen. Doch Schatzspange winkte ab und sagte: „Lass nur, du brauchst ihm nicht zuzureden. Ich werde ihn fragen." Dann wandte sie sich an Schatzjade: „Was willst du eigentlich? Sollen all diese Schwestern und Kusinen hier bleiben und dich begleiten, bis du alt und grau bist, ohne je an ihre eigene Zukunft zu denken? Von anderen will ich gar nicht reden – aber wenn es um deine eigene Schwester geht: Selbst wenn sie nicht in die Ferne verheiratet würde – wenn der Vater es so bestimmt hat, was könntest du denn tun? Meinst du, du bist der einzige Mensch auf der Welt, der seine Schwestern liebt? Wenn alle so denken würden wie du, dann könnte auch ich nicht mehr hier bei dir bleiben. Im Allgemeinen studiert man die Bücher, um Vernunft zu erlernen – wie kommt es, dass du mit zunehmendem Studium immer verwirrter wirst? Wenn du es so haben willst, können Dufthauch und ich jede auf ihre Seite gehen, und du lädst dir all deine Schwestern ein, damit sie sich um dich kümmern." | |
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| − | + | Schatzjade ergriff mit beiden Händen Schatzspange und Dufthauch und sagte: „Ich weiß ja, dass ihr recht habt. Aber warum müssen sie alle so früh fortgehen? Wenn sie erst gingen, nachdem ich zu Asche geworden bin, wäre es doch auch nicht zu spät." Dufthauch hielt ihm den Mund zu: „Schon wieder so ein unsinniges Gerede! Gerade erst geht es Ihnen etwas besser, die gnädige Frau isst gerade wieder ein wenig – wenn Sie jetzt wieder alles durcheinanderbringen, kümmere ich mich auch nicht mehr!" Schatzjade hörte, dass beide etwas Vernünftiges sagten, konnte aber in seinem Herzen einfach keinen Frieden finden, und sagte nur: „Ich verstehe ja alles, nur mein Herz will einfach keine Ruhe geben." Schatzspange beachtete ihn nicht weiter und gab Dufthauch heimlich zu verstehen, ihm schnell seine Beruhigungspillen zu geben und ihn allmählich wieder ins Gleichgewicht zu bringen. | |
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| − | + | Dufthauch wollte Tanchun Bescheid geben, sie solle vor der Abreise nicht mehr persönlich Abschied nehmen. Schatzspange sagte: „Das ist doch nicht nötig. Wenn er sich in ein paar Tagen beruhigt hat und wieder klar denkt, wäre es sogar gut, die beiden noch einmal ausgiebig miteinander reden zu lassen. Die dritte Schwester ist ein äußerst verständiger Mensch und nicht jemand, der anderen etwas vorspielt. Sie wird ihm sicher ein paar ernste Worte mit auf den Weg geben, und danach wird er nicht mehr so sein." | |
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| − | + | Gerade als sie so sprachen, schickte die Herzoginmutter Mandarinenente<ref>Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenten-Paar". Erste Zofe der Herzoginmutter.</ref> [鸳鸯] herüber mit der Nachricht, sie habe gehört, dass Schatzjades alte Krankheit wieder aufgeflammt sei. Dufthauch solle ihn trösten und beruhigen und dürfe ihn nicht grübeln lassen. Dufthauch und die anderen versicherten es. Mandarinenente blieb ein Weilchen sitzen und ging dann wieder. | |
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| − | + | Die Herzoginmutter dachte auch an Tanchuns bevorstehende Abreise. Obwohl die Aussteuer nicht in vollem Umfang mitgegeben werden konnte, musste dennoch alles Notwendige vorbereitet werden. Sie ließ Phönixglanz<ref>Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".</ref> [王熙凤] rufen, berichtete ihr von Kaufmann Aufrechts Entschluss und beauftragte sie mit der Planung. Phönixglanz übernahm die Aufgabe. | |
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| − | + | Wie sie das bewerkstelligte, davon erzählt das nächste Kapitel. | |
| − | + | == Anmerkungen == | |
| − | + | <references /> | |
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| − | + | ---- | |
| − | + | <div style="text-align: center; font-size: 0.9em; color: #666; margin-top: 20px;"> | |
| − | + | ''Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).'' | |
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Revision as of 12:36, 15 April 2026
Kapitel: 1 · 2 · 3 · 4 · 5 · 6 · 7 · 8 · 9 · 10 · [11-20] · [21-30] · [31-40] · [41-50] · [51-60] · [61-70] · [71-80] · [81-90] · [91-100] · [101-110] · [111-120] · ← Inhalt
Kapitel 100
Duftlinse durchkreuzt eine Verführung und erntet tiefen Hass
Schatzjade trauert über eine Fernheirat und empfindet den Schmerz des Abschieds
Es wird erzählt, dass Kaufmann Aufrecht[1] [贾政] den Generalgouverneur aufsuchte. Er war bereits eine halbe Ewigkeit drinnen, ohne wieder herauszukommen, und draußen wurde allerhand spekuliert. Li Shi'er [李十儿] konnte draußen auch nichts in Erfahrung bringen und dachte mit Sorge an die in der Amtszeitung gemeldete Affäre mit Xue Pan [薛蟠]. Endlich hörte er, dass Kaufmann Aufrecht herauskam, eilte ihm entgegen und folgte ihm. Ohne abwarten zu können, bis sie zu Hause wären, fragte er ihn, sobald sie einen ruhigen Ort erreicht hatten: „Herr, Sie waren so lange drinnen – ging es um etwas Dringendes?" Kaufmann Aufrecht lächelte: „Es war eigentlich nichts Besonderes. Der Kommandant von Zhenhai [镇海] ist ein Verwandter des Generalgouverneurs, und er hatte ihm geschrieben mit der Bitte, sich um mich zu kümmern. Deshalb sagte er mir einige freundliche Worte. Er meinte sogar, wir seien jetzt ebenfalls verwandt." Li Shi'er freute sich innerlich darüber, fühlte sich dadurch ermutigt und drängte Kaufmann Aufrecht begeistert, der Heiratsverbindung zuzustimmen.
Kaufmann Aufrecht dachte bei sich: „Was die Sache mit Xue Pan betrifft – ob sie mich irgendwie belastet, lässt sich von hier draußen, wo die Nachrichten so schlecht durchkommen, schwer herausfinden und noch schwerer in die richtigen Bahnen lenken." So kehrte er zu seinem eigenen Amtssitz zurück und schickte einen Bediensteten nach Peking, um Erkundigungen einzuziehen. Gleichzeitig ließ er der Herzoginmutter [贾母] das Heiratsangebot des Generalgouverneurs mitteilen: Falls sie einverstanden sei, solle die dritte junge Dame [Tanchun, 探春] zu seinem Amtssitz gebracht werden.
Der Bedienstete folgte dem Befehl und eilte in die Hauptstadt, wo er zuerst Dame Wang [王夫人] Bericht erstattete. Dann erkundigte er sich beim Beamtenministerium [吏部] und erfuhr, dass gegen Kaufmann Aufrecht keine Strafe verhängt worden war; nur der kommissarische Magistrat des Kreises Taiping war seines Amtes enthoben worden. Er schrieb einen beruhigenden Brief an Kaufmann Aufrecht und blieb in der Hauptstadt, um auf weitere Nachrichten zu warten.
Unterdessen hatte Tante Schnee [薛姨妈] wegen Xue Pans Totschlagsprozess bei den verschiedenen Behörden unzählige Summen Geldes aufgewandt, um das Urteil auf „Tötung durch Unfall" herabstufen zu lassen. Sie hatte vorgehabt, eines der Pfandhäuser zu verkaufen und mit dem Erlös die Strafe freizukaufen. Doch das Strafministerium [刑部] verwarf das Urteil bei der Überprüfung. Erneut wurden Leute beauftragt, viel Geld auszugeben, doch alles war vergeblich – das Urteil lautete weiterhin auf Tod, und er blieb im Gefängnis, um die große Herbstverhandlung abzuwarten. Tante Schnee war gleichermaßen zornig und schmerzerfüllt und weinte Tag und Nacht.
Schatzspange[2] [薛宝钗] kam häufig vorbei, um sie zu trösten. Sie sagte: „Bruder hatte von Anfang an kein Glück. Er hat das gesamte Vermögen vom Großvater geerbt und hätte ruhig und friedlich davon leben sollen. Schon im Süden hat er sich unmöglich benommen – allein die Geschichte mit Duftlinse [香菱] war ungeheuerlich. Nur weil er sich auf die Macht unserer Verwandten stützen konnte und einiges Geld ausgab, kam er damit davon, einen jungen Mann totgeschlagen zu haben. Danach hätte Bruder sich ändern und ein anständiger Mensch werden sollen, er hätte seine Mutter versorgen müssen. Aber kaum war er in der Hauptstadt, ging es genauso weiter. Mama, wie viel Kränkungen hast du seinetwegen erdulden müssen, wie viele Tränen hast du vergossen! Wir haben ihm eine Frau genommen, in der Hoffnung, dass nun alle in Ruhe und Frieden leben könnten. Doch das Schicksal wollte es anders – ausgerechnet die Schwägerin, die er heiratete, war auch eine Unruhestifterin, sodass Bruder vor ihr aus dem Haus floh. Wie das Sprichwort so wahr sagt: ‚Wer viele Feinde hat, trifft sie auf schmalem Pfad' [冤家路儿狭] – nach wenigen Tagen gab es schon einen Toten. Mama und der zweite Vetter [Xue Ke] haben wirklich alles in ihrer Macht Stehende getan: Nicht nur haben sie Geld ausgegeben, sondern sie haben auch überall um Hilfe gebeten und sich den Kopf zerbrochen. Doch gegen das Schicksal kommt man nicht an, es ist letztlich selbst verschuldet. Im Allgemeinen zieht man Kinder auf, damit man im Alter jemanden hat, auf den man sich stützen kann. Selbst in den ärmsten Familien bemüht sich ein Sohn, seiner Mutter wenigstens eine Schale Reis zu beschaffen. Wo gibt es so jemanden, der das vorhandene Vermögen durchbringt und obendrein die alten Eltern zum Verzweifeln bringt? Ich will es nicht aussprechen, aber Bruders Verhalten – das ist nicht das eines Sohnes, das ist das eines Widersachers. Wenn Mama das immer noch nicht einsieht und von morgens bis abends und von abends bis morgens weint und dann auch noch die Wutanfälle der Schwägerin erduldet – ich kann ja nicht ständig hier sein und trösten. Wenn ich Mama in diesem Zustand sehe, wie soll ich da in Ruhe sein? Schatzjade[3] [宝玉] – so begriffsstutzig er auch sein mag – würde mich nie zurückgehen lassen. Vor einigen Tagen schickte der Herr [Kaufmann Aufrecht] jemanden mit der Nachricht, er sei beim Lesen der Amtszeitung erschrocken und habe daher Leute geschickt, um die Sache zu regeln. Wie man sieht, machen sich nicht wenige Leute Sorgen wegen Bruders Skandal. Ein Glück, dass ich wenigstens in der Nähe bin, als wäre ich direkt bei dir. Wenn ich fern von der Heimat wäre und von alldem hörte, würde ich mich vor Sorge um Mama zu Tode grämen. Ich bitte Mama, sich erst einmal etwas zu erholen. Solange Bruder noch am Leben ist, sollten wir die verschiedenen Geschäftskonten durchsehen. Was andere uns schulden und was wir anderen schulden – man sollte einen alten Mitarbeiter bitten, einmal durchzurechnen, und sehen, wie viel Geld noch übrig ist."
Tante Schnee sagte weinend: „In den letzten Tagen waren wir so beschäftigt mit den Angelegenheiten deines Bruders. Jedes Mal, wenn du kamst, hast du entweder mich getröstet oder ich habe dir die Neuigkeiten von den Behörden erzählt. Du weißt noch gar nicht das Schlimmste: Der Name unserer Familie ist aus dem Register der Hofhändler [官商] gestrichen worden. Zwei Pfandhäuser sind bereits an andere übergegangen, und das Geld ist längst aufgebraucht. Beim dritten Pfandhaus ist der Geschäftsführer geflohen und hat einen Fehlbetrag von mehreren tausend Taels hinterlassen – auch darum führen wir noch einen Prozess. Dein Vetter Ke [薛蝌] ist jeden Tag unterwegs, um Geld einzutreiben. Die Schulden in der Hauptstadt belaufen sich bereits auf Zehntausende von Taels; wir müssten den Anteil am Grundbesitz und das Wohnhaus im Süden verkaufen, damit es reicht. Vor zwei Tagen habe ich sogar ein beunruhigendes Gerücht gehört, dass auch das gemeinsame Pfandhaus [公分] im Süden Verluste gemacht habe und geschlossen worden sei. Wenn das wahr ist, kann deine Mutter nicht mehr weiterleben!" Dabei brach sie erneut in lautes Weinen aus.
Schatzspange weinte ebenfalls und versuchte zu trösten: „Was die Finanzen angeht, Mama, nützt es nichts, sich den Kopf darüber zu zerbrechen – der zweite Vetter kümmert sich darum. Was mich empört, sind diese Angestellten: Kaum sehen sie, dass es mit unserer Familie bergab geht, suchen sie sich alle ihr eigenes Heil – das wäre ja noch hinnehmbar. Aber ich habe gehört, dass manche sogar Außenstehenden helfen, uns auszuplündern. Daran sieht man, was für Leute mein Bruder sein Leben lang um sich versammelt hat – nichts als Zechkumpane, von denen in der Not kein einziger da ist. Wenn Mama mich liebt, dann höre auf meinen Rat: In deinem Alter solltest du auf dich selbst achten. Du wirst in deinem ganzen Leben wohl nicht frieren oder hungern müssen. Die paar Kleider und Habseligkeiten im Haus – die muss man der Schwägerin [金桂] überlassen, da ist nichts zu machen. Was die Diener und deren Frauen betrifft – die haben ohnehin kein Herz mehr bei der Sache; wer gehen will, den lass gehen. Nur die arme Duftlinse tut mir leid – sie hat ihr ganzes Leben lang gelitten und sollte bei Mama bleiben. Wenn es wirklich an etwas fehlt und ich es habe, kann ich immer etwas herüberbringen; ich bin sicher, auch unser Herr [Schatzjade] hätte nichts dagegen. Selbst Dufthauch[4] [袭人] ist ein aufrichtiges und anständiges Mädchen – wenn sie von unseren Nöten hört und Mamas Name fällt, kommen ihr sofort die Tränen. Unser Herr [Schatzjade] ahnt noch gar nichts von alldem, deshalb macht er sich keine Sorgen. Wenn er es erführe, würde es ihn halbtot vor Schreck treffen." Tante Schnee ließ sie nicht ausreden und sagte: „Mein liebes Mädchen, sag ihm bloß kein Wort davon! Wegen Fräulein Lin [Kajaljade] hat er beinahe sein Leben verloren, jetzt geht es ihm gerade etwas besser. Wenn er vor Aufregung wieder krank würde, bekämst nicht nur du eine Sorge mehr – ich hätte vollends keine Stütze mehr." Schatzspange erwiderte: „Das habe ich mir auch gedacht, deshalb habe ich ihm nichts gesagt."
Während sie noch sprachen, kam Goldkassie [金桂] ins Vorzimmer gerannt und schrie unter Weinen: „Mein Leben ist mir gleichgültig! Mein Mann ist so gut wie tot! Jetzt machen wir einmal richtig Krach – wir marschieren alle zur Hinrichtungsstätte und liefern uns einen Kampf!" Dabei rannte sie mit dem Kopf gegen die Trennwand und stieß so heftig dagegen, dass sich ihr Haar löste und ihr wirr über die Schultern fiel. Tante Schnee war so empört, dass sie nur mit weit aufgerissenen Augen dastehen konnte, ohne ein Wort herauszubringen. Es war Schatzspanges Verdienst, dass sie „liebe Schwägerin" hin und „liebe Schwägerin" her redete und sie mit guten und schlechten Worten zu beruhigen suchte. Goldkassie rief: „Liebe Schwägerin, du kannst dich jetzt nicht mehr mit früher vergleichen! Ihr zwei lebt gut und glücklich miteinander. Ich bin eine alleinstehende Frau – was soll ich noch auf mein Ansehen geben?" Dabei machte sie Anstalten, auf die Straße zu rennen und zu ihrer Mutter zurückzukehren. Zum Glück waren genug Leute da, die sie festhielten und erst nach langem Zureden beruhigen konnten. Schatzperle [宝琴] war so erschrocken, dass sie sich fortan nicht mehr in Goldkassies Nähe wagte.
Wenn Xue Ke [薛蝌] zu Hause war, schminkte Goldkassie sich ausgiebig, puderte die Wangen, zog die Augenbrauen nach und steckte das Haar auf verführerische Weise hoch. Dann ging sie absichtlich vor Xue Kes Gemächern auf und ab, hustete einmal demonstrativ oder fragte, obwohl sie genau wusste, dass er drinnen war, wer sich denn im Zimmer befände. Wenn sie ihm begegnete, gebärdete sie sich kokett und verführerisch, fragte ihn hier nach seiner Gesundheit und dort nach seinem Befinden, war bald fröhlich, bald schmollend. Die Mägde zogen sich eilig zurück, sobald sie sahen, was vor sich ging. Goldkassie selbst merkte es gar nicht – sie war mit Leib und Seele darauf bedacht, Xue Kes Gefühle zu wecken, um Schatzwanzes [宝蟾] Plan zum Erfolg zu verhelfen.
Xue Ke seinerseits wich ihr nach Möglichkeit aus. Wenn er ihr doch begegnete, wagte er es nicht, unfreundlich zu sein – er fürchtete nur, dass sie eine Szene machen würde. Doch Goldkassies verblendete Leidenschaft ließ sie nicht erkennen, ob Xue Kes Höflichkeit echt oder nur gespielt war – je mehr sie ihn ansah, desto mehr gefiel er ihr; je mehr sie an ihn dachte, desto mehr verfiel sie Wunschträumen. Nur eines störte sie: Sie sah, dass Xue Ke alle seine Sachen Duftlinse zur Aufbewahrung anvertraute; das Nähen und Waschen seiner Kleidung oblag ebenfalls Duftlinse. Wenn die beiden sich gelegentlich unterhielten und Goldkassie hinzukam, gingen sie hastig auseinander – da regte sich sofort die Eifersucht in ihr. Doch sie wagte es nicht, sich an Xue Ke darüber zu beklagen, aus Angst, ihn zu verärgern; so richtete sie ihren ganzen verborgenen Groll gegen Duftlinse. Aber auch dort scheute sie sich vor einem offenen Ausbruch, weil sie befürchtete, einen Streit mit Duftlinse würde Xue Ke gegen sie aufbringen. So hielt sie ihren Hass mühsam zurück.
Eines Tages kam Schatzwanze [宝蟾] kichernd zu Goldkassie und sagte: „Herrin, haben Sie den zweiten Herrn [Xue Ke] gesehen?" Goldkassie antwortete: „Nein." Schatzwanze lachte: „Ich sagte ja, dem zweiten Herrn und seiner angeblichen Tugendhaftigkeit kann man nicht trauen. Neulich, als wir ihm Wein schickten, sagte er, er könne nicht trinken. Eben aber habe ich ihn bei der gnädigen Frau [Tante Schnee] hereingehen sehen – mit puterrotem Gesicht und nach Alkohol riechend. Wenn die Herrin mir nicht glaubt, warten Sie einfach vor unserem Hoftor auf ihn. Er wird von dort vorbeikommen – die Herrin kann ihn anhalten und fragen. Mal sehen, was er dann sagt." Goldkassie war verärgert und erwiderte: „Er wird jetzt bestimmt noch nicht herauskommen! Wenn er ohnehin kein Interesse hat, wozu soll ich ihn dann fragen?" Schatzwanze sagte: „Da ist die Herrin wieder einmal zu umständlich. Wenn er sich freundlich zeigt, können wir weitersehen; wenn nicht, denken wir uns etwas anderes aus." Goldkassie fand, das klang vernünftig, und befahl: „Pass auf, ob er herauskommt." Schatzwanze ging hinaus, um Ausschau zu halten.
Goldkassie öffnete ihren Schminkkasten, warf noch einen Blick in den Spiegel und trug etwas Lippenstift auf. Dann nahm sie ein geblümtes Seidentuch und wollte schon hinausgehen, doch es war, als hätte sie etwas vergessen – sie wusste gar nicht, was sie mit sich anfangen sollte. Da hörte sie Schatzwanze draußen sagen: „Zweiter Herr, Sie sind heute ja guter Laune! Wo haben Sie denn Wein getrunken?" Goldkassie verstand sofort, dass dies das Zeichen war, und hob rasch den Vorhang, um hinauszutreten. Sie sah, wie Xue Ke zu Schatzwanze sagte: „Heute ist der Festtag des Geschäftsführers Zhang [张大爷]. Die haben mich so genötigt, dass ich einen halben Becher getrunken habe – mein Gesicht brennt immer noch." Bevor er den Satz beendet hatte, fiel Goldkassie ihm ins Wort: „Natürlich – der Wein fremder Leute schmeckt wohl besser als der eigene." Xue Ke wurde durch diese spitze Bemerkung noch röter im Gesicht, trat rasch einen Schritt näher und sagte mit verlegenem Lächeln: „Schwägerin, wie kommt Ihr auf so etwas?" Als Schatzwanze sah, dass die beiden im Gespräch waren, verschwand sie ins Innere.
Goldkassie hatte ursprünglich vorgehabt, Xue Ke zum Schein ein paar Vorwürfe zu machen. Doch als sie seine leicht geröteten Wangen und seine schläfrig glänzenden Augen sah, die etwas Schüchternes und Rührendes hatten, war ihr ganzer hochfahrender Trotz mit einem Mal wie ins ferne Land Java [爪洼国] entschwunden. Sie lächelte und sagte: „So, du trinkst also nur, wenn man dich regelrecht zwingt?" Xue Ke antwortete: „Ich kann wirklich nicht trinken." Goldkassie sagte: „Umso besser. Dann ist es nicht wie bei deinem Vetter [Xue Pan], der sich durch Trinken solchen Ärger einhandelt. Wenn du später einmal heiratest, muss deine Frau wenigstens nicht wie ich als lebende Witwe in Einsamkeit schmachten!" Bei diesen Worten schielten ihre Augen bereits begehrlich zu ihm hinüber, und ihre Wangen überzog ein Rot. Xue Ke merkte, dass das Gespräch eine zunehmend anstößige Wendung nahm, und machte Anstalten zu gehen. Goldkassie durchschaute seine Absicht und ließ es nicht zu – sie war bereits zu ihm gesprungen und hatte ihn fest gepackt. Xue Ke rief erschrocken: „Schwägerin, wahrt den Anstand!" Dabei zitterte er am ganzen Leib. Goldkassie jedoch warf alle Scham über Bord und sagte: „Komm einfach herein, ich muss dir etwas Wichtiges sagen."
Gerade in diesem kritischen Augenblick rief eine Stimme hinter ihr: „Herrin, Duftlinse kommt!" Goldkassie erschrak heftig. Sie drehte sich um und sah Schatzwanze, die den Vorhang gelüftet hatte, um die beiden zu beobachten. Als sie den Kopf hob, bemerkte sie Duftlinse, die von der anderen Seite herankam, und warnte sofort Goldkassie. Das war ein gewaltiger Schreck für Goldkassie – ihre Hand lockerte sich unwillkürlich, und Xue Ke nutzte die Gelegenheit und rannte davon. Duftlinse ihrerseits war einfach ihres Weges gegangen und hatte nichts bemerkt, bis sie Schatzwanzes Ruf hörte. Erst dann blickte sie auf und sah, wie Goldkassie Xue Ke festhielt und ihn mit Gewalt ins Haus zu zerren versuchte. Duftlinse erschrak so sehr, dass ihr Herz zu rasen begann; sie wandte sich sofort um und ging eilig zurück. Goldkassie aber stand da, halb vor Schreck, halb vor Zorn erstarrt, und starrte Xue Ke nach, der davonlief. Nach langem Verharren stieß sie einen wütenden Laut aus und kehrte enttäuscht in ihre Gemächer zurück. Von diesem Tag an hasste sie Duftlinse bis ins Mark. Duftlinse war eigentlich auf dem Weg zu Schatzperle [宝琴] gewesen; als sie am Durchgangstor das Geschehen erblickte, war sie erschrocken zurückgelaufen.
An jenem Tag befand sich Schatzspange in den Gemächern der Herzoginmutter und hörte, wie Dame Wang der alten Herzoginmutter von der geplanten Verlobung Tanchuns [探春] berichtete. Die Herzoginmutter sagte: „Wenn der junge Mann auch aus unserer Heimatprovinz [金陵] stammt, ist das sehr schön. Nur habe ich gehört, dass er schon einmal bei uns zu Besuch war – warum hat dein Herr [Kaufmann Aufrecht] ihn damals nie erwähnt?" Dame Wang erwiderte: „Selbst wir wussten nichts davon." Die Herzoginmutter sagte: „An sich ist es gut, nur liegt es gar zu weit weg. Solange der Herr noch dort im Amt ist, geht es ja. Aber wenn er einmal versetzt wird, steht unser Kind dann nicht ganz allein da?" Dame Wang antwortete: „Beide Familien sind Beamtenfamilien – da kann man nie wissen. Vielleicht wird der andere noch in die Hauptstadt versetzt; wenn nicht, so heißt es doch: ‚Das fallende Laub kehrt zur Wurzel zurück.' [叶落归根] Außerdem – wo der Herr dort Beamter ist und sein Vorgesetzter das selbst vorgeschlagen hat – wie könnte man da ablehnen? Ich denke, der Herr hat sich bereits entschieden und hat nur deshalb jemanden geschickt, um die Zustimmung der alten Herzoginmutter einzuholen." Die Herzoginmutter sagte: „Wenn ihr beide einverstanden seid, ist es gut. Nur macht es mich traurig: Wenn das dritte Fräulein einmal fort ist, kann es zwei oder drei Jahre dauern, bis sie zurückkehrt. Wenn es noch länger dauert, fürchte ich, werde ich nicht mehr leben, um sie wiederzusehen." Dabei kamen ihr die Tränen.
Dame Wang sagte: „Wenn die Töchter erwachsen sind, müssen sie früher oder später verheiratet werden. Selbst wenn der Ehemann aus dem Ort wäre – es sei denn, er wäre kein Beamter –, wer könnte garantieren, dass sie immer beieinander blieben? Wichtig ist nur, dass die Kinder ihr Glück finden. Nehmen wir Fräulein Yingchun [迎春] als Beispiel – die hat ja ganz in der Nähe geheiratet, und dennoch hört man ständig, dass sie von ihrem Mann geschlagen wird und nicht einmal genug zu essen bekommt. Was wir ihr schicken, bekommt sie nicht einmal zu sehen. In letzter Zeit heißt es, es werde sogar noch schlimmer, und er lässt sie auch nicht nach Hause kommen. Wenn die beiden sich streiten, behauptet er, wir hätten sein Geld benutzt. Das arme Kind hat keinen einzigen Tag des Glücks! Vor kurzem habe ich an sie gedacht und Dienerinnen geschickt, nach ihr zu sehen. Yingchun versteckte sich in einer Kammer und wollte nicht herauskommen. Die Frauen bestanden darauf hineinzugehen, und fanden sie in dieser bitteren Kälte in ein paar abgetragenen alten Kleidern. Unter Tränen sagte sie: ‚Berichtet zu Hause nicht, wie elend es mir geht – es ist mein Schicksal, das mir das eingebracht hat. Schickt mir auch keine Kleider oder Sachen mehr; nicht nur bekomme ich nichts davon, sondern ich beziehe dafür obendrein noch Prügel, weil er behauptet, ich hätte mich beschwert.' Mutter, bedenke: Das ist es, was es heißt, in der Nähe zu sein und das Elend mit eigenen Augen sehen zu müssen – ist das nicht noch schwerer zu ertragen? Die Schwiegermutter kümmert sich nicht, und der Schwiegervater weigert sich einzugreifen. Heute ist Fräulein Yingchun schlechter dran als unsere niedrigste Magd. Was Tanchun betrifft – sie ist zwar nicht meine leibliche Tochter, aber da der Herr den jungen Mann offenbar selbst gesehen hat, wird er sie gewiss nur an jemanden Tüchtigen vergeben. Ich bitte die alte Herzoginmutter um ihre Weisung: Wählen wir einen günstigen Tag, stellen ein angemessenes Geleit zusammen und schicken sie zum Amtssitz des Herrn. Was dort zu tun ist, wird der Herr schon nicht nachlässig betreiben." Die Herzoginmutter sagte: „Da der Vater die Entscheidung getroffen hat, richte du alles Nötige her. Wähle einen günstigen Reisetag und schicke sie los – damit ist die Sache erledigt." Dame Wang antwortete: „Ja, Mutter."
Schatzspange hörte alles deutlich mit an und wagte keinen Laut, doch in ihrem Herzen klagte sie: „Von unseren Fräuleins gilt Tanchun als die Klügste und Fähigste, und nun soll sie auch noch in die Ferne verheiratet werden. Es werden von Tag zu Tag weniger hier." Als sie sah, dass Dame Wang sich erhob und sich verabschiedete, begleitete sie sie hinaus und kehrte dann geradewegs in ihre eigenen Gemächer zurück. Schatzjade sagte sie nichts davon. Als sie Dufthauch [袭人] allein beim Nähen fand, erzählte sie ihr, was sie gehört hatte. Auch Dufthauch war sehr betrübt darüber.
Die Nebenfrau Zhao [赵姨娘] hingegen freute sich, als sie von Tanchuns Verlobung erfuhr, und dachte bei sich: „Dieses Mädchen hat mich zu Hause immer verachtet. War ich denn je eine Mutter für sie? Schlimmer als eine ihrer Mägde hat sie mich behandelt! Obendrein hat sie sich immer bei den anderen eingeschmeichelt und auf deren Seite geschlagen. Solange sie mir im Weg steht, kommt selbst Huan'er [贾环] nie zum Zug. Jetzt, wo der Vater sie zu sich holt, bin ich sie endlich los. Dass sie mich respektvoll behandelt – darauf kann ich sowieso nicht hoffen. Ich wünsche ihr nur, dass es ihr genauso ergeht wie Fräulein Yingchun. Dann hätte ich wenigstens diese Genugtuung."
So denkend eilte sie zu Tanchuns Gemächern und gratulierte ihr: „Fräulein, Sie sind bestimmt zu Höherem berufen! Bei Ihrem Verlobten wird natürlich alles besser sein als hier – ich denke, Sie freuen sich darüber. Ich habe Sie so viele Jahre großgezogen und nie auch nur den geringsten Vorteil von Ihnen gehabt. Selbst wenn ich zu sieben Zehnteln schlecht war, so gab es doch drei Zehntel Gutes an mir. Vergessen Sie mich nicht, wenn Sie fort sind." Tanchun fand diese Worte völlig abwegig und hielt schweigend den Kopf über ihre Nadelarbeit gesenkt, ohne ein einziges Wort zu erwidern. Nebenfrau Zhao sah sich missachtet, ärgerte sich und ging davon.
Tanchun ihrerseits war gleichermaßen zornig, belustigt und verletzt über das Verhalten ihrer Mutter und vergoss still ein paar Tränen. Nachdem sie eine Weile dagesessen hatte, ging sie bedrückt hinüber zu Schatzjade.
Schatzjade fragte sie: „Dritte Schwester, als Kusine Dai [Kajaljade, 林黛玉] starb – ich habe gehört, du warst dabei. Man hat mir erzählt, dass in der Ferne Musik zu hören war, als sie starb. Vielleicht hatte sie ja eine besondere Herkunft, wer weiß." Tanchun lächelte: „Das denkst du dir wohl so. Allerdings war es in jener Nacht tatsächlich merkwürdig – die Musik klang nicht wie gewöhnliche Klänge. Vielleicht hast du recht." Als Schatzjade das hörte, war er umso überzeugter. Er erinnerte sich, dass ihm jemand während seiner geistigen Verwirrung vor einiger Zeit erschienen war und gesagt hatte, Kajaljade sei nicht wie gewöhnliche Menschen geboren und nicht wie gewöhnliche Geister gestorben – gewiss eine Himmelsfee, die auf Erden geweilt hatte. Dann dachte er an jene Theateraufführung vor Jahren, in der die Mondgöttin Chang'e [嫦娥] dargestellt worden war – so schwebend, so bezaubernd, was für eine überirdische Anmut!
Nach einer Weile ging Tanchun wieder. Schatzjade wollte unbedingt Purpurkuckuck[5] [紫鹃] in seiner Nähe haben und bat sogleich die Herzoginmutter, sie herüberschicken zu lassen. Purpurkuckuck war im Herzen nicht gewillt, doch da die Herzoginmutter und Dame Wang sie abgestellt hatten, konnte sie sich nicht widersetzen. Bei Schatzjade war sie jedoch ständig am Seufzen und Stöhnen. Hinter dem Rücken der anderen nahm Schatzjade sie beiseite und fragte demütig nach Kajaljade. Doch Purpurkuckuck gab ihm nie eine freundliche Antwort. Schatzspange tadelte sie deswegen nicht, sondern lobte sie im Gegenteil insgeheim für ihre Treue.
Was Schneegans [雪雁] betraf – obwohl sie in der Hochzeitsnacht durchaus ihren Beitrag geleistet hatte, hielt Schatzjade sie für etwas einfältig. Er bat die Herzoginmutter und Dame Wang, sie mit einem Pagen zu verheiraten, damit sie ihr eigenes Leben führen konnte. Die Amme Wang [王奶妈] wurde weiter versorgt, damit sie zu gegebener Zeit Kajaljades Sarg in den Süden begleiten konnte. Papagei [鹦哥] und die anderen kleinen Mägde blieben weiterhin bei der Herzoginmutter im Dienst.
Schatzjade sehnte sich nach Kajaljade. Von diesem Gedanken ging er zum nächsten über und dachte daran, dass die Menschen, die Kajaljade umgeben hatten, nun wie Wolken zerstreut waren. Das machte ihn noch bedrückter. Als er keinen Ausweg mehr aus seiner Trübsal fand, kam ihm plötzlich der Gedanke, dass Kajaljades Tod so klar und gefasst gewesen war – sie musste gewiss eine Unsterbliche sein, die in ihre himmlische Heimat zurückgekehrt war. Dieser Gedanke stimmte ihn unerwartet fröhlich.
Doch plötzlich hörte er, wie Dufthauch und Schatzspange nebenan über Tanchuns bevorstehende Hochzeitsreise sprachen. „Ach!" rief Schatzjade und sank weinend auf das Ofenbett. Schatzspange und Dufthauch eilten erschrocken herbei und richteten ihn auf: „Was ist denn los?" Aber Schatzjade war schon so verweint, dass er kein Wort herausbrachte. Nachdem er sich eine Weile gefasst hatte, sagte er: „Das ist nicht mehr auszuhalten! Meine Schwestern gehen eine nach der anderen fort: Kusine Dai ist als Unsterbliche in den Himmel zurückgekehrt; die älteste Schwester [Yuanchun, 元春] ist gestorben – das mag noch angehen, denn wir sahen uns ohnehin nicht täglich; die zweite Schwester [Yingchun] ist an so einen unmöglichen Wüstling geraten; die dritte Schwester soll nun in die Ferne verheiratet werden, und wir werden uns nie mehr sehen; Schwester Shi [史湘云] – wer weiß, wohin es sie verschlägt; Schwester Xue [Schatzperle, 薛宝琴] ist bereits verlobt. Keine einzige meiner Schwestern und Kusinen bleibt zu Hause – wozu lässt man mich dann allein hier?"
Dufthauch versuchte sofort, ihn mit guten Worten zu beruhigen. Doch Schatzspange winkte ab und sagte: „Lass nur, du brauchst ihm nicht zuzureden. Ich werde ihn fragen." Dann wandte sie sich an Schatzjade: „Was willst du eigentlich? Sollen all diese Schwestern und Kusinen hier bleiben und dich begleiten, bis du alt und grau bist, ohne je an ihre eigene Zukunft zu denken? Von anderen will ich gar nicht reden – aber wenn es um deine eigene Schwester geht: Selbst wenn sie nicht in die Ferne verheiratet würde – wenn der Vater es so bestimmt hat, was könntest du denn tun? Meinst du, du bist der einzige Mensch auf der Welt, der seine Schwestern liebt? Wenn alle so denken würden wie du, dann könnte auch ich nicht mehr hier bei dir bleiben. Im Allgemeinen studiert man die Bücher, um Vernunft zu erlernen – wie kommt es, dass du mit zunehmendem Studium immer verwirrter wirst? Wenn du es so haben willst, können Dufthauch und ich jede auf ihre Seite gehen, und du lädst dir all deine Schwestern ein, damit sie sich um dich kümmern."
Schatzjade ergriff mit beiden Händen Schatzspange und Dufthauch und sagte: „Ich weiß ja, dass ihr recht habt. Aber warum müssen sie alle so früh fortgehen? Wenn sie erst gingen, nachdem ich zu Asche geworden bin, wäre es doch auch nicht zu spät." Dufthauch hielt ihm den Mund zu: „Schon wieder so ein unsinniges Gerede! Gerade erst geht es Ihnen etwas besser, die gnädige Frau isst gerade wieder ein wenig – wenn Sie jetzt wieder alles durcheinanderbringen, kümmere ich mich auch nicht mehr!" Schatzjade hörte, dass beide etwas Vernünftiges sagten, konnte aber in seinem Herzen einfach keinen Frieden finden, und sagte nur: „Ich verstehe ja alles, nur mein Herz will einfach keine Ruhe geben." Schatzspange beachtete ihn nicht weiter und gab Dufthauch heimlich zu verstehen, ihm schnell seine Beruhigungspillen zu geben und ihn allmählich wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Dufthauch wollte Tanchun Bescheid geben, sie solle vor der Abreise nicht mehr persönlich Abschied nehmen. Schatzspange sagte: „Das ist doch nicht nötig. Wenn er sich in ein paar Tagen beruhigt hat und wieder klar denkt, wäre es sogar gut, die beiden noch einmal ausgiebig miteinander reden zu lassen. Die dritte Schwester ist ein äußerst verständiger Mensch und nicht jemand, der anderen etwas vorspielt. Sie wird ihm sicher ein paar ernste Worte mit auf den Weg geben, und danach wird er nicht mehr so sein."
Gerade als sie so sprachen, schickte die Herzoginmutter Mandarinenente[6] [鸳鸯] herüber mit der Nachricht, sie habe gehört, dass Schatzjades alte Krankheit wieder aufgeflammt sei. Dufthauch solle ihn trösten und beruhigen und dürfe ihn nicht grübeln lassen. Dufthauch und die anderen versicherten es. Mandarinenente blieb ein Weilchen sitzen und ging dann wieder.
Die Herzoginmutter dachte auch an Tanchuns bevorstehende Abreise. Obwohl die Aussteuer nicht in vollem Umfang mitgegeben werden konnte, musste dennoch alles Notwendige vorbereitet werden. Sie ließ Phönixglanz[7] [王熙凤] rufen, berichtete ihr von Kaufmann Aufrechts Entschluss und beauftragte sie mit der Planung. Phönixglanz übernahm die Aufgabe.
Wie sie das bewerkstelligte, davon erzählt das nächste Kapitel.
Anmerkungen
- ↑ Kaufmann Aufrecht: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng. 政 zhèng bedeutet „aufrecht/Regierung".
- ↑ Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.
- ↑ Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.
- ↑ Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „die einen überfällt/umweht". Schatzjades erste Kammerzofe.
- ↑ Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurner Kuckuck". Kajaljades treue Kammerzofe.
- ↑ Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenten-Paar". Erste Zofe der Herzoginmutter.
- ↑ Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".
Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).