Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 107"

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(DE4 (Woesler 4. Aufl.): Kapitel 107 mit Navigation und Fussnoten)
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= Kapitel 107 =
 
= Kapitel 107 =
== 散馀资贾母明大义 / 复世职政老沐天恩 ==
 
  
'''Aus weiser Großzügigkeit verteilt die Herzoginmutter ihren persönlichen BesitzDank kaiserlicher Gunst empfängt Djia Dschëng den erblichen Rang und Titel seines Bruders.'''
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== Aus weiser Großzügigkeit verteilt die Herzoginmutter ihren persönlichen Besitz ==
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=== Dank kaiserlicher Gunst empfängt Kaufmann Aufrecht den erblichen Titel seines Bruders ===
  
Djia Dschëng kam am Palast an und begrüßte die verschiedenen Prinzen und Militär-Geheimräte, die versammelt waren, um ihn zu treffen.
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Wie bereits erzählt, ging Kaufmann Aufrecht in den Palast hinein, wo er die verschiedenen Würdenträger des Geheimen Staatsrates und die Fürsten vorfand. Der Fürst von Beijing sagte: "Wir haben Euch heute auf kaiserlichen Befehl rufen lassen, um Euch zu befragen." Kaufmann Aufrecht kniete sogleich nieder. Die Würdenträger fragten: "War Euch bekannt, dass Euer älterer Bruder mit auswärtigen Beamten konspirierte, seine Macht missbrauchte und Schwächere schikanierte, dass er seinen Sohn zum Glücksspiel anstiftete und gewaltsam die Ehefrau eines ehrbaren Bürgers als Nebenfrau nahm und sie in den Tod trieb, als sie sich weigerte?"
„Seine Majestät hat uns angewiesen, Sie heute hierherzurufen“, sagte der Prinz von Bei-jing. „Ich befolge des Kaisers Befehl, um Sie zu befragen.“
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Djia Dschëng kniete umgehend nieder und die Befragung wurde fortgesetzt: „War Ihnen bewußt, daß ihr älterer Bruder sich mit einem Beamten der Provinz zu seinem Vorteil verschworen hatte? Daß er seinen Einfluß mißbraucht und schutzlose Bürger schikaniert hat? Daß er seinem Sohn das Glücksspiel und ein nachlässiges Leben erlaubt hat und daß dieser Sohn mutwillig die Verlobte einer unschuldigen Person in sein Bett führte und sie zu Tode brachte, als sie sein Verlangen nicht stillen wollte?
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Kaufmann Aufrecht antwortete: "Der Angeklagte wurde durch die Gnade Seiner Majestät zum Bildungskommissar ernannt. Nach Ablauf der Amtszeit inspizierte er Hilfsmaßnahmen, kehrte gegen Ende des vergangenen Winters nach Hause zurück und wurde dann von seinen Vorgesetzten mit Bauarbeiten beauftragt. Danach wurde er als Getreide-Intendant nach Jiangxi berufen, von dort unter Anklage in die Hauptstadt zurückbeordert und versieht seither wieder seinen Dienst im Ministerium für Öffentliche Arbeiten. Tag und Nacht wagte er nicht, nachlässig zu sein. Um die Familienangelegenheiten hat er sich in keiner Weise gekümmert und ist in der Tat völlig ahnungslos gewesen. Dass er es versäumt hat, die Söhne und Neffen zu erziehen, ist sein Vergehen gegen die kaiserliche Gnade. Er bittet nur darum, dass Seine Majestät ihn streng bestrafe."
Djia Dschën antwortete, so gut er konnte: „Seitdem ich Dank seiner Majestät Bildungskomissar wurde, war ich zunächst verpflichtet, Entlastungsmaßnahmen zu überwachen und dann, bei meiner Rückkehr nach Hause gegen Ende des letzten Winters, wurde ich von meinen Vorgesetzten abgeordnet, Sanierungsarbeiten zu überwachen und wurde anschließend als Getreide-Intendant in die Provinz Djianghsi berufen. Von dieser letzten Stellung kehrte ich unter Anklage in die Hauptstadt zurück und habe gerade meine frühere Position in der Arbeitsbehörde wieder angetreten. Ich habe mich wirklich bemüht, diese amtlichen Pflichten gründlich zu erfüllen. Doch ich fürchte, daß ich dabei völlig vernachlässigt habe, meinen eigenen Haushalt in Ordnung zu halten. Für diesen unentschuldbaren Fehler auf meiner Seite, für mein offensichtliches Versagen, meinen Söhnen und Neffen die richtigen Verhaltensgrundsätze beizubringen, für meine üble Undankbarkeit gegenüber dem Thron, kann ich nur darum bitten, daß seine Majestät mich mit der angemessenen Strenge bestrafen.
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Der Prinz von Bei-jing begab sich fort, um dies mit dem Kaiser zu besprechen und kehrte nach einem kurzen Moment mit dem Kaiserlichen Edikt zurück, welches er der versammelten Gesellschaft vortrug: „Wir haben eine Anklage vom Zensorat erhalten, die besagt, daß Djia Schë sich mit einem Beamten der Provinz verschworen hat und seinen eigenen Einfluß ausnutzte, um schutzlose Bürger zu schikanieren. Der Provinzbeamte, den der Zensor nannte, war der Präfekt von Ping-an. Djia Schë, so besagt es die Anklage, sprach sich mit dem Präfekten ab, um Einfluß auf die Untersuchung zu nehmen. Bei näherer Untersuchung bestätigte Djia Schë jedoch, daß der Präfekt tatsächlich mit ihm durch Heirat verwandt war und daß ihre Beziehung eine rein persönliche war. Der Zensor war weiterhin nicht in der Lage, diesen Teil der Anklage zu belegen. Ein anderer Teil wurde allerdings bestätigt, nämlich daß Djia Schë seinen persönlichen Einfluß benutzte, um ‚Schï den Toren’ zu nötigen, sich von einem antiquarischen Fächer zu trennen. Hierbei handelt es sich aber lediglich um Bagatellen und muß daher von den ernsten Fällen des Mißbrauchs getrennt werden. Der darauf folgende Selbstmord von Schï Dai-Dsï kann ebenso nur als Resultat seiner eigenen Exzentrizität gedeutet werden, und es ist unwahrscheinlich, daß er ‚in den Tod getrieben‘ wurde. Wir sehen uns also bereit, Djia Schë Nachsicht zu zeigen und ihn zum Strafdienst an einem Militärposten an der Grenze zu versetzen, wo er sich durch pflichttreuen Dienst freikaufen kann.
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Der Fürst von Beijing trug dies dem Thron vor. Nach kurzer Zeit wurde der kaiserliche Erlass übermittelt. Der Fürst von Beijing verlas ihn: "Seine Majestät hat erwogen: Bezüglich der Anklage des Zensors, Kaufmann Begnadigung habe mit auswärtigen Beamten konspiriert und seine Macht missbraucht, um Schwächere zu schikanieren: Der Zensor nannte den Präfekten von Pingan als Komplizen. Bei strenger Vernehmung gab Kaufmann Begnadigung zu Protokoll, der Präfekt von Pingan sei ein angeheirateter Verwandter, mit dem man lediglich persönlichen Umgang gepflegt habe, ohne sich in Amtsgeschäfte einzumischen. Auch der Zensor konnte diesen Punkt nicht beweisen. Lediglich die Anklage, er habe unter Ausnutzung seiner Stellung einen gewissen Shi Daizi zur Herausgabe antiker Fächer genötigt, wurde bestätigt. Doch handelt es sich um Spielzeug und Sammelstücke, was nicht mit der gewaltsamen Aneignung von Gut ehrlicher Bürger zu vergleichen ist. Dass Shi Daizi sich daraufhin das Leben nahm, liegt an dessen eigener Verrücktheit und ist nicht gleichzusetzen mit einem Freitod durch Nötigung. Daher wird Kaufmann Begnadigung gnädig zu Strafdienst an einem Grenzposten verurteilt, wo er seine Schuld durch treuen Dienst tilgen kann.
Mit Bezug auf die erste Klage, die gegen Djia Dschën hervorgebracht wurde, daß er gewaltsam die Verlobte eines unschuldigen Bürgers in sein Bett genommen und sie zu Tode gebracht habe, als sie seinen Willen nicht erfüllen wollte: Nach Begutachtung des eigentlichen Berichtes im Zensorat fanden wir heraus, daß die besagte Dame, eine gewisse zweite Schwester You, mit einem gewissen Dschang Hua verlobt wurde, als beide noch im Mutterleib waren. Die Hochzeit wurde nie gefeiert, tatsächlich wünschte er selbst, daß sie auf Grund seiner eigenen Armut annuliert würde. Die Mutter der zweiten Schwester You war auch damit einverstanden, daß ihre Tochter als Konkubine genommen würde, von Djia Dschëns jüngerem Bruder [Djia Liän]. Also war dies offensichtlich keine ‚gewaltsame Besitznahme’. Dann der Fall der dritten Schwester You: hier lautet die Anklage, daß sie nach ihrem Selbstmord geheim beerdigt und ihr Tod von den Behörden vertuscht wurde. Bei weiteren Untersuchungen wurde herausgefunden, daß diese dritte Schwester You die jüngere Schwester von Djia Dschëns Frau war und daß ihre eigentliche Absicht war, eine Hochzeit für sie zu arrangieren. Die weit verbreiteten und bösen Gerüchte, die um ihre Person kursierten, ihre eigenen Gefühle der Scham und der Reue, sowie das Bestehen ihres Verlobten darauf, ihm die Brautgeschenke zurückzugeben, waren die eigentliche Ursache ihres Selbstmordes, keine schlechte Behandlung oder Nötigung auf Seiten Djia Dschëns. Als Träger der erblichen Position jedoch, verdient Djia Dschën, für die Unkenntnisse über das Gesetz schwer bestraft zu werden, und für seinen Fehler, die Beerdigung einer verschiedenen Person nicht berichtet zu haben. In Anbetracht der Tatsache, daß er der Nachkomme eines Adeligen und somit eine auserwählte Person ist, können wir nicht die schwere Strafe verhängen, die das Gesetz vorsieht, sondern bewahren unsere Diskretion, womit wir ihn verurteilen, seines erblichen Titels enthoben und an die Küste geschickt zu werden, wo er seine Schuld durch gehorsame Pflichterfüllung abarbeiten kann. Djia Jung, der zu jung ist, um in die Angelegenheiten verwickelt zu sein, wird freigesprochen. Djia Dschëng hat über viele Jahre Posten in der Provinz besetzt, in welchen er gewissenhaft und weise diente und er wird von den Konsequenzen seines Versagens, seinen Haushalt richtig zu führen, entbunden.
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Djia Dschëng reagierte mit Tränen der Dankbarkeit auf das Edikt und verbeugte sich hastig, zuerst in Richtung des Kaiserlichen Throns, dann in Richtung des Prinzen, welchen er bat, dem Kaiser seine demütigste Ergebenheit zu übermitteln.
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Was die Anklage gegen Kaufmann Juwel betrifft, er habe gewaltsam die Ehefrau eines ehrlichen Bürgers als Nebenfrau genommen und sie durch Zwang in den Tod getrieben: Nach Prüfung der Originalakten beim Zensorat stellte sich heraus, dass die besagte Frau You Erjie tatsächlich von einem gewissen Zhang Hua durch ein Verlöbnis im Mutterleib zur Frau bestimmt worden war. Da dieser in Armut lebte, wünschte er selbst die Auflösung der Verlobung. Die Mutter von You Erjie war einverstanden, ihre Tochter als Nebenfrau zu geben, und zwar nicht an Kaufmann Juwel selbst, sondern an dessen jüngeren Vetter. Von 'gewaltsamer Aneignung' kann also keine Rede sein.
„Danke dem Himmel“, sagte der Prinz, „es besteht kein Bedarf für weiteres.“ –
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„Meine Dankbarkeit gegenüber Seiner Majestät, mich so großzügig der Schuld entbunden und meinen Teil des Familieneigentums bewahrt zu haben, kennt keine Grenzen“, sagte Djia Dschëng, „ich habe ein wirklich schlechtes Gewissen. Bitte erlaubt mir, dem Kaiser all meine geerbten Güter und angesammeltes Eigentum zu überlassen.“ –
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Zum Fall der You Sanjie, die sich selbst erdolchte und heimlich beerdigt wurde, ohne dass der Tod den Behörden gemeldet wurde: Bei näherer Untersuchung ergab sich, dass You Sanjie die jüngere Schwester von Kaufmann Juwels Ehefrau war. Es lag ursprünglich in seiner Absicht, eine passende Heirat für sie zu vermitteln. Doch die Forderung nach Rückgabe der Brautgeschenke durch den Verlobten und die verbreiteten Gerüchte über ihr unehrbares Verhalten führten bei ihr zu solcher Scham und Empörung, dass sie sich das Leben nahm. Eine Nötigung durch Kaufmann Juwel lag nicht vor. Gleichwohl hat Kaufmann Juwel als Träger eines erblichen Amtes die Gesetze missachtet und einen Todesfall verheimlicht, wofür er schwer bestraft werden müsste. In Anbetracht dessen, dass er Nachkomme verdienter Vorfahren ist, wird von der vollen Strafe abgesehen. Er wird gnädig seines erblichen Titels enthoben und an die Küste entsandt, um dort durch pflichtgetreuen Dienst seine Schuld zu tilgen. Kaufmann Rong ist zu jung, um in die Sache verwickelt zu sein, und wird freigesprochen. Kaufmann Aufrecht hat über viele Jahre in auswärtigen Ämtern pflichtbewusst und gewissenhaft gedient und wird von der Verantwortung für die mangelhafte Haushaltsführung entbunden."
„Seine Majestät ist gegenüber seinen Untertanen in der Tat human und einfühlsam. Er ist weise und anspruchsvoll in seinen Urteilen und täuscht sich nie, weder bei der Belohnung von Rechtschaffenheit noch bei der Bestrafung des Lasters. Dadurch, daß Sie Ihr Eigentum wiedererlangt haben, wurde Ihnen eine ausgezeichnete Ehre zu Teil. Auf Ihrer Seite ist nun keine weitere Geste erforderlich.
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Die anderen Edelleute  stimmten überein.
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Als Kaufmann Aufrecht das hörte, war er zu Tränen der Dankbarkeit gerührt und verneigte sich hastig vor dem Thron. Dann bat er den Fürsten, seine demütigste Ergebenheit zu übermitteln. Der Fürst von Beijing sagte: "Dankt dem Himmel für die Gnade. Was gäbe es noch vorzubringen?"
So verbeugte sich Djia Dschëng wieder, zuerst in Richtung des Kaisers und dann zu dem Prinzen und verließ den Palast. Er eilte dann nach Hause, um der Herzoginmutter die Neuigkeiten zu überbringen, da er wußte, mit welchem Bangen seine Rückkehr erwartet wurde. Der gesamte Haushalt [der Familie Djia], Männer und Frauen, wartete ängstlich am Eingang des Jung-guo-Anwesens, um das Ergebnis seiner Besprechung zu vernehmen und seufzten tief vor Erleichterung, als sie ihn sicher nach Hause kommen sahen. Niemand wagte es, ihn zu fragen, als Djia Dschëng an ihnen vorbei direkt in die Gemächer der Herzoginmutter eilte. Er berichtete ihr die Einzelheiten des letzten Erlasses. Die Herzoginmutter war zwar erleichtert darüber, daß einige Anklagepunkte wegfielen, war aber verständlicherweise bestürzt darüber zu erfahren, daß zwei Titel der Familie verloren und daß Djia Schë und Djia Dschën beide zu Strafdiensten verurteilt worden waren. Die Damen Hsing und You brachen einfach zusammen, als sie die Neuigkeiten vernahmen.
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„Mach’ dir keine Sorgen, gnädige Frau [Mutter]“, flehte Djia Dschëng, „obwohl der ältere Bruder [Schë] an der Grenze dienen muß, dient er immer noch dem Reich und wird nicht schlecht behandelt. Wenn er sich lobenswert beträgt, wird er vollständig wieder eingesetzt. Und [Djia] Dschën-örl ist immer noch ein junger Mann und ein wenig harte Arbeit wird ihm gewiß nicht schaden. Eine solche Lehre hätten wir ihm früher oder später ohnehin erteilen müssen. Wir können nicht ewig die Lorbeeren unserer Ahnen ernten.
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Kaufmann Aufrecht sagte: "Der Angeklagte ist überwältigt von der Gnade Seiner Majestät, die ihm nicht nur keine schwere Strafe auferlegt, sondern auch noch das Familienvermögen zurückgegeben hat. In tiefster Beschämung möchte er den gesamten von seinen Ahnen ererbten Besitz und alle angesammelten Güter dem Thron überlassen."
Er fügte noch mehr Worte dieser Art hinzu, welche die Herzoginmutter trösteten. Dennoch hatte sie Djia Schë nie besonders gemocht, und Djia Dschën war nicht ihr eigener Enkel. Doch die Damen Hsing und You waren untröstlich.
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‚Wir haben den Familienbesitz verloren!‘, dachte die Dame Hsing bei sich. ‚Wenn mein Mann in seinem Alter noch ins Exil geschickt wird, an wen kann ich mich dann wenden? Liän ist zwar mein Sohn, doch er hörte stets auf seinen zweiten Onkel [Dschëng] und fühlte sich immer mehr zu ihm hingezogen. Nun, da wir alle mit dem zweiten Onkel [Dschëng] verwandt sind, muss sich das Paar [Liän und Hsi-fëng] noch mehr dieser Seite der Familie zuwenden. Ich werde völlig verlassen sein. Für meine letzten Tage erwartet mich nichts als Einsamkeit und Kummer, das ist nichts Gutes.‘
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Der Fürst von Beijing sagte: "Seine Majestät ist human und mitfühlend gegenüber seinen Untertanen, weise und gerecht in seinen Urteilen, unfehlbar bei Belohnung und Bestrafung. Nachdem Euch das Vermögen durch eine so große Gnade zurückgegeben wurde, bedarf es keiner weiteren Geste Eurerseits." Die anderen Würdenträger bestätigten dies.
Frau You schon immer allein für das Ning-guo-Anwesen verantwortlich. Sie war die einzige in der Familie, die sich den Respekt der Angestellten erworben hatte. Sie und Djia Dschën hatten darüber hinaus eine schöne Hochzeit gehabt. Nun wurde er unehrenhaft fortgeschickt, ihr gesamter Besitz wurde beschlagnahmt, und sie würden gezwungen sein, im Jung-guo Zweig um Unterstützung zu bitten. Die Herzoginmutter liebte sie zwar sehr, doch immer noch mußte sie im fremden Haushalt leben, und sie müßte Djie Yüän und Pei-fëng erziehen, nicht zu vergessen das Ehepaar Jung-örl und seine Frau, die keine Menschen waren, um einen eigenen Haushalt zu führen.
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‚Es war wirklich zweiter Onkel Liäns Schuld, daß meine zweite und dritte Schwester so übel enden mußten‘, dachte sie, ‚und trotzdem haben sie [Liän und Hsi-fëng] unversehrt überlebt, während wir in diese verzweifelte Lage gebracht wurden, wie könnte man da noch weiterleben?
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So dankte Kaufmann Aufrecht abermals der kaiserlichen Gnade und dem Fürsten und verließ den Palast. Da er wusste, wie besorgt die Herzoginmutter wartete, eilte er nach Hause. Alle Hausbewohner, Männer wie Frauen, standen draußen und warteten bange auf Nachrichten. Als sie Kaufmann Aufrecht wohlbehalten zurückkehren sahen, atmeten alle etwas auf, doch wagte niemand zu fragen. Kaufmann Aufrecht eilte direkt zu den Gemächern der Herzoginmutter und berichtete ihr die Einzelheiten des kaiserlichen Erlasses.
Die Herzoginmutter war sehr betroffen von Frau You untröstlichem Schluchzen und wandte sich an Djia Dschëng, um ihn zu fragen: „Jetzt, da ihr Urteil gesprochen ist, haben dein älterer Bruder [Schë] und Dschën-örl die Erlaubnis, nach Hause zu kommen? Jung wurde frei gesprochen, deshalb nehme ich an, daß er freigelassen wird.“ –
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„Gemäß der Bestimmungen darf der ältere Bruder nicht heimkehren“, antwortete Djia Dschëng. Doch ich habe mich bereits danach erkundigt, ob unser älterer Herr [Schë] und Neffe [Dschën] als persönliche Gunst Vorbereitungen für ihre Abreise treffen dürften, und die Strafbehörde hat gnädigerweise ihre Zustimmung gegeben. Ich nehme an, daß Jung-örl mit seinem Vater und Großvater zusammen herauskommt. Jetzt mach’ dir bitte keine Sorgen mehr, gnädige Frau [Mutter]. Ich werde alles für sie tun, was ich kann.“ –
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Die Herzoginmutter war zwar erleichtert, doch dass zwei erbliche Titel eingezogen worden waren und Kaufmann Begnadigung an einen Grenzposten und Kaufmann Juwel an die Küste entsandt werden sollten, betrübte sie zutiefst. Die Dame Xing und Frau You brachen sofort in lautes Weinen aus.
„Ich werde langsam alt und greisenhaft“, sagte die Herzoginmutter unter Tränen. „Vor Jahren habe ich mich zuletzt nach den Familienfinanzen erkundigt. Ich weiß, daß alles im östlichen [Ning-guo-] Anwesen beschlagnahmt wurde, und das schließt auch das Haus selbst mit ein. Auf unserer Seite wurden deinem älteren Bruder [Schë] und Liän-örl auch alle Sachen genommen. Nun, sag’ es mir besser jetzt: Wieviel Geld haben wir übrig? Und was sind unsere Anwesen in den östlichen Provinzen wert? Wenn die beiden gehen müssen, werden wir ihnen ein paar Tausend Silbertael mit auf den Weg geben.
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Djia Dschëng saß in der Falle.
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Kaufmann Aufrecht sagte: "Die gnädige Mutter möge sich beruhigen. Auch wenn der ältere Bruder an einem Grenzposten dienen muss, dient er doch dem Staat und wird nicht leiden müssen. Wenn er sich bewährt, kann er seinen Titel zurückerhalten. Und Juwel ist noch jung und sollte durchaus seinen Dienst leisten. Hätten wir es nicht so weit kommen lassen, hätten wir den Segen unserer Ahnen ohnehin nicht ewig genießen können." Er fügte noch weitere tröstende Worte hinzu.
‚Wenn ich die Wahrheit sage‘, dachte er bei sich, ‚wird es ein großer Schock für sie. Doch wenn ich es geheim halte, weiß der Himmel allein, wie wir unseren derzeitigen Bedarf decken können, geschweige denn in der Zukunft.‘
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„Hättest du besser nicht gefragt, gnädige Frau [Mutter]“, begann er, „ich hätte dich niemals damit belästigt. Doch seit die gnädige Frau gefragt hat und Liän-örl da ist, bin ich verpflichtet zu sagen, daß ich gestern die Familienkonten überprüft und die Wahrheit entdeckt habe. Sie lautet wie folgt: Unsere Kassen sind seit langer Zeit völlig leer. Abgesehen davon, daß alles ausgegeben ist, haben wir sogar draußen erhebliche Schulden. Irgendwie muß ich ohne Verzögerung an Geld gelangen, um die Beamten zu besänftigen, die in den Fall des älteren Bruders [Schë] verwickelt waren. Ohne ein solches Eingreifen, fürchte ich, werden sie beide leiden, trotz der großzügigen Anordnungen Seiner Majestät. Ich bin immer noch nicht sicher, wie man an das Geld kommen könnte. Auf die östlichen Anwesen kann man sich nicht verlassen. Die Pachteinnahmen für das kommende Jahr reichen nicht, um die Löcher zu stopfen. Unser einziger Rückhalt wird sein, Kleidung und Schmuck, die wir glücklicherweise noch besitzen, zu verkaufen und den Ertrag davon dem älterem Bruder [Schë] und Dschën-örl mit auf den Weg zu geben. Wie wir selber dann zurecht kommen werden, ist wieder ein ganz anderes Problem.
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Die Herzoginmutter hatte Kaufmann Begnadigung ohnehin nie besonders gemocht, und Kaufmann Juwel vom Ningguo-Anwesen war eine Stufe entfernt. Nur die Dame Xing und Frau You weinten ohne Unterlass.
Die Herzoginmutter brach noch einmal in ein Flut von Tränen aus: „Ist es wirklich so hoffnungslos? Sind wir so tief gefallen? Ich habe so etwas niemals erlebt. Ich kann mich an meine eigene Familie in längst vergangenen Tagen erinnern. Sie waren zehnmal größer als wir, dennoch konnten sie jahrelang über ihre Verhältnisse leben. Und sogar am Ende befiel sie kein solches Unglück. Es kam eher allmählich. Erst nach ein oder zwei Jahren waren sie am Ende. Doch wie du es beschreibst, werden wir die ein oder zwei Jahre nicht mehr überstehen!“
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„Wenn wir doch nur die zwei geerbten Güter hätten, auf die wir zurückgreifen könnten“, sagte Djia Dschëng, „dann könnten wir einen Kredit aufnehmen. Doch wie die Dinge im Moment stehen, wird uns niemand Geld leihen.
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Die Dame Xing dachte bei sich: "Das gesamte Vermögen ist weg, und mein Mann muss in seinem Alter in die Ferne ziehen. Zwar habe ich Kette als Sohn, aber der hat sich schon immer mehr zu seinem Onkel Aufrecht hingezogen. Jetzt, wo wir alle von Aufrecht abhängen, werden er und seine Frau sich natürlich noch mehr jener Seite zuwenden. Da bleibe ich ganz allein -- einsam und verlassen. Was soll nur aus mir werden?"
Auch seine Wangen waren nun tränenüberströmt. „Es hat keinen Sinn, unsere Verwandten um Hilfe zu bitten“, fuhr er fort, „diejenigen, die uns helfen würden, haben selber kein Geld und diejenigen, die welches haben, wollen uns nicht helfen. Ich habe die Konten gestern nicht auf jede Einzelheit überprüft, doch ich habe das Register der Haushaltsbesetzung überflogen. Wir können uns kaum selber am Leben halten, wie erst dann eine solche Menge an Dienern?“
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Diese letzten Einzelheiten in Djia Dschëngs Bericht über die finanzielle Misere versetzten die Herzoginmutter in noch tiefere Schwermut. Zur selben Zeit kamen Djia Schë, Djia Dschën und Djia Jung an und begrüßten die Herzoginmutter. Die Herzoginmutter sah die drei, nahm Djia Schë an der Hand, Djia Dschën an der anderen und brach in Schluchzen aus. Die zwei Männer neigten ihren Kopf vor Scham und fielen, als sie die Herzoginmutter weinen sahen, auf ihre Knie und weinten: „Wir haben die Familie entehrt! Wir haben die Titel unserer Vorväter verloren! Wir haben dir Kummer bereitet! Wir sind noch nicht einmal wert, nach unserem Tod beerdigt zu werden!
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Frau You ihrerseits hatte im Ningguo-Anwesen stets allein den Haushalt geführt und war nach Kaufmann Juwel die angesehenste Person gewesen. Zudem waren sie und Kaufmann Juwel ein harmonisches Ehepaar gewesen. Nun wurde er in Schande fortgeschickt, das gesamte Vermögen war beschlagnahmt, und sie mussten im Rongguo-Anwesen um Aufnahme bitten. Auch wenn die Herzoginmutter sie liebevoll behandelte, lebte sie doch unter fremdem Dach. Dazu musste sie Peifeng und Xieluan versorgen, und das junge Paar Kaufmann Rong und seine Frau konnten kaum einen eigenen Haushalt gründen. Sie dachte weiter: "Die Zweite und die Dritte Schwester -- ihr Unglück war letztlich Kaufmann Kettes Schuld. Und trotzdem kommen er und seine Frau ungeschoren davon und bleiben als Ehepaar beisammen, während uns nur ein elendes Dasein bleibt. Wie soll man da weiterleben?" Bei diesem Gedanken brach sie in bitteres Weinen aus.
Ein Chor des Jammerns erfüllte nach diesen Worten den Raum.
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„Nun kommt schon“, drängte Djia Dschëng, „wir dürfen keine Zeit damit verlieren, eine Möglichkeit zu überlegen, um ihnen Geld anzubieten. Sie können höchstens ein bis zwei Tage bei uns bleiben.
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Die Herzoginmutter konnte es nicht mit ansehen und fragte Kaufmann Aufrecht: "Der Fall deines Bruders und Juwels ist nun entschieden. Dürfen sie nach Hause kommen? Rong hat nichts verbrochen, der müsste doch freigelassen werden."
Die Herzoginmutter gab ihr Bestes, um ihren Kummer zurückzuhalten. „Geht, ihr beide“, sagte sie, ihre Tränen zurückhaltend, „und sprecht mit euren Frauen!“ Sie wandte sich an Djia Dschëng: „Es darf keinen Aufschub geben, und ich sehe, es bringt nichts, sich etwas zu leihen. Wir haben so wenig Zeit. Ich muß selbst etwas tun. Oje, das ist alles so schrecklich verwirrend! Die Dinge können einfach nicht so weitergehen!“
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Sie rief Yüan-yang zu sich und schickte sie mit Anweisungen fort. Djia Schë und die anderen verließen währenddessen den Raum und sprachen draußen tränenreich mit Djia Dschëng, drückten dabei ihr Bedauern für ihren damaligen Eigensinn aus und sahen kummervoll dem Exil entgegen, das ihnen bevorstand. Sie gingen hinüber und wehklagten bei ihren Frauen. Djia Schë wurde langsam alt, und die Aussicht auf Trennung für ihn und seine Gattin, die Dame Hsing, war weniger erschütternd als für Djia Dschën und Frau You.
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Kaufmann Aufrecht antwortete: "Nach den Vorschriften dürfte der ältere Bruder eigentlich nicht nach Hause kommen. Doch ich habe bereits um eine persönliche Gunst gebeten, damit er zusammen mit dem Neffen heimkehren kann, um die Reisevorbereitungen zu treffen. Das Gericht hat gnädig zugestimmt. Rong dürfte zusammen mit seinem Großvater und seinem Vater herauskommen. Bitte mache dir keine Sorgen, gnädige Mutter. Ich werde alles regeln."
Djia Liän und Djia Jung hielten die Hände ihres Vaters und weinten an seiner Seite. Grenzdienst war eine weniger schlimme Strafe als militärische Verbannung, doch es war immer noch eine lange und schwere Geduldsprobe. Sie konnten nur versuchen, sich dem mit Magenschmerzen so gut wie möglich zu fügen.
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Die Herzoginmutter trug der Dame Hsing, der Dame Wang, Yüan-yang und einem Schwarm von Mägden auf, jede einzelne ihrer Truhen und Kisten der drei Herrinnen zu durchsuchen und allen persönlichen Besitz, den sie seit ihrer Eheschließung über die Jahre angesammelt hatten, zu holen. Dann rief sie Djia Schë, Djia Dschëng, Vetter Dschën und alle anderen Männer zu sich, um bei ihrer Verteilung zugegen zu sein. Sie begann damit, Djia Schë dreitausend Silbertael zu geben.
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Die Herzoginmutter sagte ferner: "Ich bin in den letzten Jahren zu alt und gebrechlich geworden und habe mich überhaupt nicht mehr um die Familienfinanzen gekümmert. Nun ist im Ningguo-Anwesen alles beschlagnahmt, das Haus einbezogen. Auf unserer Seite wurde bei deinem Bruder und bei Kette auch alles genommen. Sag mir besser jetzt: Wie viel haben wir noch in der Schatzkammer und wie viel sind die Ländereien in der östlichen Provinz noch wert? Wenn die beiden aufbrechen müssen, sollten wir ihnen doch einige tausend Silbertael mitgeben."
„Du wirst zweitausend mit dir nehmen“, sagte sie, „für die Reise und weitere Ausgaben, und eintausend überläßt du deiner Frau. Diese dreitausend sind für dich, Dschën-örl. Du nimmst eintausend mit dir und überläßt deiner Frau zweitausend. So sind sie, auch wenn sie hier bei uns leben, immer noch unabhängig und in der Lage, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Ich selbst kümmere mich um die Hochzeit des vierten Mädchens [Hsi-tschun]. Und nun Hsi-fëng. Es tut mir leid für sie, sie hat sich so lange so viel Mühe gegeben und endet nun mittellos. Sie soll auch dreitausend Tael bekommen, und es soll alles für ihren Gebrauch sein und wird Liän-örl nichts davon geben. Ich weiß, daß sie jetzt zu krank und nicht in der Lage ist, es selbst in Empfang zu nehmen, deshalb wird Ping-örl es ihr bringen.“
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„Hier sind einige Umhänge, die deinem Vorfahren [meinem Mann] gehörten und einige Kleider und Schmuck, die ich trug, als ich noch jung war – Ich brauche sie nicht mehr. Die Männerkleider können unter dem alten Herrn [Schë], Dschën-örl, Liän-örl und Jung-örl aufgeteilt werden. Ihre Frauen teilen sich die Damenkleider. Diese fünfhundert Silbertael sind für Liän-örl, um die Überführung des Lin-Mädchens [Dai-yü] in den Süden zu bezahlen.
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Kaufmann Aufrecht steckte in der Klemme. Als die Herzoginmutter so fragte, dachte er: "Wenn ich ihr die Wahrheit sage, wird sie einen Schock bekommen. Wenn ich es aber verschweige, wie sollen wir dann unsere derzeitigen Probleme lösen, von der Zukunft ganz zu schweigen?" Nach kurzem Überlegen antwortete er: "Hätte die gnädige Mutter nicht gefragt, hätte ich es nicht gewagt zu sagen. Da die gnädige Mutter aber nun fragt und Kette auch hier ist: Gestern habe ich die Konten geprüft. Die alte Schatzkammer ist seit langem völlig leer. Nicht nur ist alles aufgebraucht, wir haben auch noch erhebliche Schulden draußen. Für die Angelegenheit des älteren Bruders müssen wir dringend Geld aufbringen, um die Beamten zu besänftigen. Denn trotz der großzügigen Gnade Seiner Majestät könnte es Vater und Sohn schlecht ergehen, wenn wir nicht eingreifen. Nur weiß ich nicht, woher das Geld kommen soll. Auf die Ländereien in der östlichen Provinz können wir uns nicht verlassen -- die Pachteinnahmen des kommenden Jahres sind schon für Schulden aus dem laufenden Jahr verplant und können nicht so schnell flüssig gemacht werden. Uns bleibt nur, die Kleidung und den Schmuck, die uns glücklicherweise gelassen wurden, zu verkaufen und den Erlös dem älteren Bruder und Juwel als Reisegeld mitzugeben. Wie wir danach selbst über die Runden kommen, ist wieder ein anderes Problem."
Als die Verteilung vollendet war, wandte sie sich an Djia Dschëng: „Die  Schulden,   die  du  erwähntest,  müssen umgehend  beglichen werden.  
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Nimm dazu bitte dieses Gold! Die vorgefallenen Untaten zwingen mich zu solch drastischen Mitteln, doch glaube nicht, daß ich vergessen habe, daß du mein Sohn bist. Du wirst deinen Anteil zur rechten Zeit erhalten. Bau-yü ist verheiratet und kann behalten, was hier übrig ist – Gold und Silber im Wert von einigen tausend Tael. Und Zhus Frau [Li Wan]: sie war mir immer eine so pflichtbewußte Schwiegerenkelin, und Lan-örl ist ein so süßes Kind. Hier ist auch etwas für sie. So, nun bin ich am Ende.
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Die Herzoginmutter brach erneut in Tränen aus: "Wie? Ist es wirklich so weit mit uns gekommen? So etwas habe ich nie erlebt. Wenn ich an meine eigene Familie in früheren Zeiten denke -- die waren noch zehnmal wohlhabender als wir. Auch sie haben einige Jahre lang eine leere Fassade aufrechterhalten. Aber selbst ohne ein solches Unglück brach schließlich alles zusammen, und in ein, zwei Jahren war es vorbei. Aber nach dem, was du sagst, werden wir nicht einmal ein bis zwei Jahre durchhalten?"
Djia Dschëng war zu Tränen gerührt, als er sah, wie genau sie alles ausgearbeitet hatte.
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„Wir haben versagt, gnädige Frau [Mutter]!“, schluchzte er, fiel dann auf die Knie, „wir haben unsere Sohnespflichten dir gegenüber in deinem Alter verfehlt. Und trotzdem bist du noch so großzügig! Wir schämen uns so, daß wir am liebsten im Boden versinken würden!
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Kaufmann Aufrecht sagte: "Hätten wir noch die beiden erblichen Besoldungen, könnte man anderswo Mittel auftreiben. Aber jetzt, wo wir nichts mehr als Sicherheit bieten können, wird uns niemand Geld leihen." Auch ihm liefen die Tränen über die Wangen. "Was die Verwandten betrifft: Die, bei denen wir in der Schuld stehen, sind selbst arm geworden. Und die, die uns nie etwas schuldeten, wollen uns nicht helfen. Gestern habe ich die Konten nicht im Detail geprüft, aber ich habe die Personalliste durchgesehen. Von oben kommt keinerlei Einkommen, und unten können wir die vielen Diener auch nicht mehr ernähren."
„Ach, Unsinn!“, rief die Herzoginmutter, „wäre diese Krise nicht gekommen, hätte ich es für mich selbst behalten! Doch laßt uns ernst sein: unser Hausstand ist zu umfangreich. Du bist der letzte hier mit einer amtlichen Stellung, zweiter gnädiger Herr [Dschëng], deshalb brauchen wir nicht mehr als ein paar Diener. Sagt den Verwaltern, sie sollen den Hausstand zusammenrufen und alles Nötige klären. Jede Einrichtung muß mit so wenig Dienern wie möglich auskommen. Wäre unser Haushalt konfisziert worden, was wäre dann gewesen? Dasselbe gilt für die Gemächer der Damen. Für einige Mägde müssen wir Ehemänner finden und die anderen abfinden und ihnen die Freiheit zurückgeben. Und obwohl uns der Besitz geblieben ist, denke ich immer noch, es wäre das Beste, den Garten abzugeben. Liän-örl sollte der Auftrag gegeben werden, die ländlichen Güter zu bewerten. Manche können verkauft werden, manche werden aufrecht erhalten, wie es eben passend scheint. Weiterhin wird es in Zukunft keinen Prunk mehr geben, keine falsche Fassade. Wir müssen realistisch sein. Und eine weitere Sache sollte ich erwähnen. Wir haben immer noch etwas Geld, das der Familie Dschën in Djiangnan gehört. Es wird bei der zweiten Herrin [deiner Frau] sicher sein. Es sollte jemand geschickt werden, der es ihnen direkt bringt. Wenn uns noch etwas anderes zustoßen sollte, würden wir sie nur noch in weiteren Ärger verwickeln, wir müssen ja nicht vom Regen in die Traufe kommen.
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Djia Dschëng, der sich seiner kläglichen Unfähigkeit in solchen Angelegenheiten bewußt war, murmelte reuevoll: „Ja, Mutter“ zu all diesen deutlichen, praktischen Anweisungen, dachte aber bei sich: „Was für ein Organisationstalent sie hat! Und was für wertlose Stümper wir im Gegensatz dazu sind!
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Die Herzoginmutter grämte sich immer mehr. Da kamen Kaufmann Begnadigung, Kaufmann Juwel und Kaufmann Rong herein und begrüßten sie. Die Herzoginmutter sah die drei: Mit der einen Hand ergriff sie Kaufmann Begnadigung, mit der anderen Kaufmann Juwel, und brach in lautes Schluchzen aus. Die beiden schämten sich zutiefst, und als sie die Herzoginmutter weinen sahen, fielen sie auf die Knie und riefen weinend: "Wir unwürdigen Söhne und Enkel haben die Verdienste unserer Ahnen verspielt und die gnädige Mutter in Kummer gestürzt. Wir verdienen es nicht einmal, nach dem Tod begraben zu werden!"
Djia Dschëng konnte sehen, daß die Herzoginmutter müde war, und bat sie, sich hinzulegen und auszuruhen.
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„Das wenige, was ihr seht, ist alles, was mir geblieben ist“, sagte sie. „Wenn ich sterbe, könnt ihr damit meine Beerdigung bezahlen und den Rest meinen Mägden geben.“
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Daraufhin brach der ganze Raum in Wehklagen aus. Kaufmann Aufrecht mahnte: "Wir sollten zunächst die Reisevorbereitungen der beiden besprechen. Sie können höchstens ein bis zwei Tage zu Hause bleiben, sonst werden die Behörden ungeduldig."
Als Djia Dschëng und die anderen das hörten, waren sie noch bedrückter und fielen auf die Knie.
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„Bitte gönne dir etwas Ruhe, gnädige Frau [Mutter]. Es wird die Zeit kommen, daß wir deinen Segen empfangen und wieder die Gunst Seiner Majestät erwerben, dann werden wir alles tun, um unsere vergangenen Fehler zu begleichen, das Glück der Familie wiederherzustellen und dich bis in dein hundertstes Jahr zu unterstützen.
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Die Herzoginmutter hielt ihre Tränen mühsam zurück und sagte: "Geht, ihr beiden, und sprecht mit euren Ehefrauen." Dann wies sie Kaufmann Aufrecht an: "Diese Sache duldet keinen Aufschub. Ich sehe, dass Anleihen von außen nichts nützen werden. Wenn wir die Frist verstreichen lassen, was dann? Ich muss wohl selbst etwas unternehmen. Bei dem Durcheinander im Haus kann es auch nicht so weitergehen." Dabei rief sie Mandarinenente herbei und gab ihr Anweisungen.
„Wenn ihr das nur irgendwie wieder gut machen könntet“, sagte die Herzoginmutter, „dann kann ich unseren Ahnen nach meinem Tod mit Stolz gegenübertreten. Denkt nicht, daß ich nur ein angenehmes Leben führen kann und Armut fürchte! So ist es nicht. In den letzten Jahren erschient ihr so wohlhabend, und ich war froh, nicht zu stören, bei Laune zu bleiben und meinen eigenen Tätigkeiten nachgehen zu können. Ich hätte mir uns nicht einen Moment in einer so einer heiklen Situation vorstellen können. Ich hatte nicht erwartet, daß Ihr an unsere Ahnen heranreicht, doch ich dachte, wir könnten zumindest den Standard halten. Ich hatte nie gedacht, daß die beiden Verbrecher werden.
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Während die Herzoginmutter ihren Monolog hielt, platzte Fëng-örl ins Zimmer und wendete sich aufgeregt an die Dame Wang: „Oh, Herrin! Unsere Herrin [Frau Liän] hörte heute Morgen die Neuigkeiten vom Hof und weinte so heftig, daß sie keine Luft mehr bekommt. Ping-örl schickt mich, es Sie wissen zu lassen.“
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Kaufmann Begnadigung und die anderen gingen hinaus und sprachen noch einmal weinend mit Kaufmann Aufrecht. Sie drückten ihr Bedauern über ihren früheren Eigensinn aus, klagten über die bevorstehende Trennung und gingen dann zu ihren Frauen, um dort zu trauern. Kaufmann Begnadigung war schon älter und konnte sich leichter damit abfinden. Kaufmann Juwel und Frau You dagegen -- wie sollten sie die Trennung ertragen! Kaufmann Kette und Kaufmann Rong hielten ihren Vater an den Händen und weinten. Obwohl die Strafe milder war als Verbannung oder Zwangsarbeit, war es doch ein Abschied, bei dem man nicht wusste, ob man einander jemals wiedersehen würde. Es war, wie es war, und sie mussten sich mit zusammengebissenem Herzen fügen.
„Wie geht es Frau Liän?“, fragte die Herzoginmutter, bevor sie zu Ende gesprochen hatte. „Heute überhaupt nicht gut“, antwortete die Dame Wang für Fëng-örl.
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„Alle“, rief die gnädige Frau und erhob sich schwerfällig. „sind der Fluch meines Lebens! Sie wollen mich nur ins Grab bringen!
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Dann ließ die Herzoginmutter die Damen Xing und Wang zusammen mit Mandarinenente und den Mägden alle Truhen und Kisten öffnen. Alles, was sie seit ihrer Eheschließung im Laufe der Jahre angesammelt hatte, wurde hervorgeholt. Sie rief Kaufmann Begnadigung, Kaufmann Aufrecht, Kaufmann Juwel und alle anderen herbei und verteilte alles einzeln.
Sie bat eine ihrer Mägde, ihr zu helfen und kündigte an, daß sie Hsi-fëng selbst einen Besuch abstatten werde. Djia Dschëng wollte sie zurückhalten und bemühte sich, sie zu beruhigen:
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„Das ist viel zuviel Streß für dich, gnädige Frau [Mutter]. Du hast dich schon damit verausgabt, eine Lösung für unsere Probleme zu finden. Du mußt dir selbst wirklich etwas Ruhe gönnen. Ich bin sicher, meine Frau wird nach der Frau deines Enkels sehen. Es gibt keinen Grund, die gnädige Frau [Mutter] weiteren Kümmernissen auszusetzen. Wenn der gnädigen Frau [Mutter] irgendetwas Ernstes passiert, wie könnte ich mir das jemals verzeihen?
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Kaufmann Begnadigung erhielt dreitausend Silbertael. Sie sagte: "Von dem hier vorhandenen Silber nimmst du zweitausend als Reisegeld mit und lässt eintausend für die ältere gnädige Frau zum täglichen Gebrauch zurück. Diese dreitausend sind für Juwel: Du darfst nur eintausend mitnehmen und lässt deiner Frau zweitausend. Sie sollen weiterhin ihre eigenen Angelegenheiten regeln, auch wenn sie hier bei uns wohnen. Die Mahlzeiten möge jeder für sich bestreiten. Um Xichuns künftige Heirat kümmere ich mich selbst. Die arme Phönixglanz hat sich ihr ganzes Leben lang abgemüht, und nun hat sie nichts mehr. Auch ihr gebe ich dreitausend Tael, und sie soll sie selbst verwahren. Kette darf nichts davon anrühren. Da sie gerade todkrank ist, soll Friedchen kommen und es in Empfang nehmen. Hier sind Gewänder, die dein Großvater hinterlassen hat, und Kleider und Schmuck, die ich als junge Frau getragen habe -- ich brauche sie nicht mehr. Die Männerkleider sollen der ältere Herr Begnadigung, Juwel, Kette und Rong unter sich aufteilen; die Frauenkleider sollen die ältere gnädige Frau, Juwels Frau und Phönixglanz unter sich teilen. Diese fünfhundert Silbertael sind für Kette, um nächstes Jahr den Sarg der jungen Dai-yü in den Süden überführen zu lassen."
„Ihr könnt nun alle gehen“, ordnete die Herzoginmutter an. „Kommt etwas später wieder! Es gibt da noch einige Dinge, die ich Euch sagen möchte.
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Djia Dschëng, dessen Versuch, sie als ihr Sohn zu trösten, fehlgeschlagen war, wagte nicht, noch ein Wort zu sagen. Er ging hinaus, um die Vorbereitungen für die Abreise der Verbannten zu überwachen und wies Djia Liän an, Diener auszusuchen, die sie begleiten sollten.
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Als die Verteilung abgeschlossen war, rief sie Kaufmann Aufrecht zu sich: "Du sagtest, es gäbe noch Außenstände. Die müssen unbedingt beglichen werden. Nimm dafür dieses Gold und lass es eintauschen. Dass es so weit gekommen ist, haben sie verschuldet, nicht ich. Aber du bist ebenfalls mein Sohn, und ich begünstige niemanden. Schatzjade ist nun verheiratet. Was mir an Gold und Silber noch bleibt, ist noch einige tausend Tael wert -- das alles gehört ihm. Zhus Witwe war mir immer eine pflichtbewusste Schwiegertochter, und der kleine Lan ist brav. Auch ihnen gebe ich etwas ab. Damit ist meine Angelegenheit erledigt."
Yüan-yang versammelte eine Gruppe von Dienstmädchen, um Hsi-fëngs Anteil an den Geschenken der Herzoginmutter zu tragen und letztere in Hsi-fëngs Gemächer zu begleiten. Hsi-fëng war sehr schwach und kaum bei Bewußtsein, während Ping-örls Augen vom Weinen rot und geschwollen waren. Als sie hörte, daß die Herzoginmutter und die Dame Wang in Begleitung von Bau-yü und Bau-tschai auf dem Weg zu ihr waren, eilte sie ängstlich hinaus, um sie zu grüßen.
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„Wie geht es ihr jetzt?, fragte die Herzoginmutter, als sie Ping-örl sah.
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Als Kaufmann Aufrecht und die anderen sahen, wie klar und umsichtig die Herzoginmutter alles geregelt hatte, knieten sie alle weinend nieder und sagten: "Die gnädige Mutter in ihrem hohen Alter -- wir Söhne und Enkel haben nicht das Geringste zu ihrer Pflege beigetragen und empfangen nun solche Großzügigkeit von unserer Ahnherrin. Wir schämen uns so, dass wir am liebsten im Boden versinken würden!"
Ping-örl befürchtete, die Herzoginmutter zu erschrecken. „Ein wenig besser. Da Sie gekommen sind, gnädige Frau, kommen Sie bitte herein, um sie zu sehen.“
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Sie führte die Gesellschaft herein, eilte an Hsi-fëngs Bett und zog vorsichtig die Bettvorhänge zur Seite. Hsi-fëng öffnete ihre Augen. Als sie sah, daß die Herzoginmutter das Zimmer betreten hatte, schämte sie sich. Zuvor war sie zu dem Schluß gekommen, daß sich die ganze Familie gegen sie gewandt hatte, daß sich niemand mehr um sie sorgte, daß es allen gleichgültig war, ob sie lebte oder tot sei. Und jetzt kam die Herzoginmutter persönlich vorbei, um sie zu besuchen. Ihr Herz war erleichtert und die angestaute Luft schien entweichen zu können, sie strengte sich sogar an, sich aufzusetzen; doch die Herzoginmutter trug Ping-örl auf, sie wieder hinzulegen.
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Die Herzoginmutter sagte: "Redet keinen Unsinn! Wäre dieses Durcheinander nicht gekommen, hätte ich alles für mich behalten. Aber nun zum Ernst der Lage: Wir haben zu viele Diener. Du bist der Einzige mit einem Amt, Aufrecht. Ein paar Diener genügen. Lass die Verwalter alle zusammenrufen und alles ordentlich regeln. Jeder Haushalt soll mit so wenig Dienern wie möglich auskommen. Stellt euch vor, alles wäre konfisziert worden -- was dann? Auch in den Frauengemächern muss aufgeräumt werden: Manche Mägde sollen verheiratet werden, andere freigelassen. Auch wenn uns das Anwesen geblieben ist, solltest du den Garten an den Staat übergeben. Kette soll die ländlichen Güter prüfen: Was verkauft werden muss, wird verkauft, was behalten werden kann, wird behalten. Aber Schluss mit dem leeren Gepränge und der falschen Fassade! Und noch etwas muss ich erwähnen: Die Familie Zhen in Jiangnan hat noch etwas Silber bei uns stehen. Die Frau des Zweiten Herrn verwahrt es. Schickt jemanden und bringt es ihnen zurück. Sollte uns noch etwas zustoßen, ziehen wir sie nur noch tiefer in den Schlamassel -- wir müssen nicht vom Regen in die Traufe kommen."
„Beweg dich nicht“, sagte sie zu Hsi-fëng, „fühlst du dich jetzt ein bißchen besser?
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Hsi-fëng hielt ihre Tränen zurück und sagte. „Seit ich als junge Braut hierher gekommen war, haben du, die gnädige Frau und die Tante [Wang] mich geliebt. Wie grausam war ich vom Schicksal verfolgt, ich habe darin versagt, der gnädigen Frau gegenüber meine Pflichten zu erfüllen, dennoch behandelt ihr mich gut und habt mich den Haushalt organisieren lassen. Doch ich habe den Haushalt ins Chaos gestürzt. Ich habe vor Dir und der Tante das Gesicht verloren. Ich verdiene es wirklich nicht, daß die gnädige Frau und die Tante mich heute besucht. Ich fürchte, der Himmel wird mich dafür bestrafen, indem er mir die letzten zwei der drei Tage nimmt, die mir noch zum Leben übrig bleiben.
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Kaufmann Aufrecht, der sich seiner Unfähigkeit in Haushaltsdingen durchaus bewusst war, murmelte zu jeder Anweisung demütig "Ja, gnädige Mutter" und dachte bei sich: "Die gnädige Mutter ist wirklich eine geborene Verwalterin! Und was für ein Versager bin ich im Vergleich!"
Sie schluchzte heftig.
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„Diesen ganzen Unsinn haben andere angefangen,“ tröstete sie die Herzoginmutter. „Es hat nichts mit dir zu tun. Ich weiß, daß etwas von deinem Besitz beschlagnahmt wurde, doch sorge dich nicht: Ich habe dir einige Geschenke mitgebracht, sieh selbst!
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Er sah, dass die Herzoginmutter erschöpft war, und bat sie, sich auszuruhen.
Sie wies eines der Dienstmädchen an, die Geschenke vor ihr auszubreiten. Besitztümer hatten Hsi-fëng immer viel bedeutet und der plötzliche Verlust all ihrer weltlichen Güter hatte ihr einen schweren Schlag versetzt. Sie hatte sich selbst mit dem Gedanken gequält, daß jeder in der Familie ihr die Schuld für das gab, was vorgefallen war. Als sie zwischen Leben und Tod schwebte, kam sogar die Herzoginmutter und die Dame Wang vorbei und beruhigten sie. Sie dachte, dass Djia Liän ja auch nichts passiert war. Hsi-fëng fühlte sich etwas erleichtert und verneigte sich von ihren Kissen aus vor der Herzoginmutter: „Bitte mach’ dir um mich keine Sorgen, Großmutter! Wenn ich weiterhin den Segen genießen kann und meine Gesundheit sich erholt, werde ich voller Freude eure Dienstmagd für schwere Arbeiten sein, mein Herz und meine Seele hingeben, um der gnädigen Frau und der Tante zu dienen.
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Diese demütige Dankbarkeit ging der Herzoginmutter ans Herz, sie brach zusammen und weinte. Bau-yü folgte umgehend darauf. So eine Familienkrise hatte er noch nie erlebt. Sein Leben hatte bis dahin aus friedlichen und angenehmen Beschäftigungen bestanden, und er war stets von allem wirklichen Leid ferngehalten worden. Doch jetzt sah er, wohin er auch blickte, nur Kummer und Leid. Erst jetzt wurde ihm seine eigene Beschränktheit vor Augen geführt; und wenn er jemand anderes weinen sah, tat er es ihm automatisch gleich.
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Die Herzoginmutter sagte noch: "Das Wenige, was mir noch bleibt, soll nach meinem Tod für mein Begräbnis verwendet werden. Was dann noch übrig ist, geht an meine Dienerinnen."
Als sie sah, in welch kümmerlichem Zustand ihre Besucher waren, nahm sich Hsi-fëng zusammen, um ein paar heitere Worte zu sagen und bat dann die gnädige Frau und die Tante, in ihre Gemächer zurückzukehren; sie versprach, nach ihrer Genesung umgehend vorbeizuschauen. Dabei erhob sie ihren Kopf schwach vom Kissen. „Paß gut auf sie auf!, trug die Herzoginmutter Ping-örl auf. „Und wenn es euch an irgend etwas mangelt, laßt es mich wissen.“
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Sie nahm die Dame Wang mit zurück in ihre eigenen Gemächer. Auf ihrem Weg konnte sie aus jedem Winkel Gejammer hören. Das war mehr, als sie ertragen konnte. Sie schickte die Dame Wang fort und wies Bau-yü an, sich vom älteren Herrn [Schë] und seinem großen Bruder [Dschën] zu verabschieden und danach sofort zurückzukommen.
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Als Kaufmann Aufrecht und die anderen das hörten, wurden sie noch trauriger und knieten erneut nieder: "Möge die gnädige Mutter sich beruhigen! Wenn wir Söhne mit der Gunst der gnädigen Mutter in einiger Zeit die Gnade Seiner Majestät wiedererlangen, werden wir uns mit aller Kraft dem Aufbau der Familie widmen, unsere früheren Fehler gutmachen und die gnädige Mutter bis ins hundertste Lebensjahr umsorgen."
Völlig allein ließ sie sich nun auf ihr Bett fallen und weinte. Yüan-yang versuchte auf alle erdenklichen Arten, sie zu trösten, und schließlich schlief die Herzoginmutter ein.
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Verständlicherweise sahen Djia Schë und die anderen ihre bevorstehends Verbannung mit wenig Begeisterung. Die zu ihrer Begleitung ausgewählten Männer waren ebenfalls unwillig zu gehen und beklagten sich bitter über ihr Los. Im Leben verlassen zu werden ist in Wahrheit noch schmerzhafter, als durch den Tod getrennt zu werden, und das Verfolgen eines solchen Abschieds ist meist noch trauriger als der eigentliche Abschied selbst. Das Jung-guo-Anwesen, einst ein so strahlender Ort der Vornehmheit, war nun von Jammern und Klagen erfüllt.
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Die Herzoginmutter sagte: "Wenn das nur gelänge, könnte ich nach dem Tod unseren Ahnen mit Stolz entgegentreten. Denkt ja nicht, ich wäre jemand, der nur Reichtum genießen und keine Armut ertragen kann! So ist es nicht. In den letzten Jahren habt ihr so prunkvoll gelebt, und ich habe mich gefreut, mich nicht einzumischen, habe geplaudert und gelacht und mich gepflegt. Dass das Familienglück so tief fallen würde, hätte ich nie gedacht. Dass hinter der schönen Fassade Leere herrschte, habe ich schon früh erkannt. Nur ist es so: 'Der Wohnort verändert das Wesen, die Pflege verändert den Körper' -- man kann eben nicht so schnell von seinem hohen Ross herunter. Jetzt ist die richtige Zeit, sich zu bescheiden und den Familiennamen zu bewahren, damit man nicht zum Gespött der Leute wird. Aber was die beiden, Vater und Sohn, für Dinge getrieben haben -- das wisst ihr noch gar nicht!"
Djia Dschëng war gewöhnlich ein großer Verfechter von Formalitäten, und so fuhr er trotz allem fort, Djia Schë den ernsten Respekt entgegen zu bringen, der einem älteren Bruder gebührte. Die zwei Brüder reichten sich daheim die Hände, und Djia Dschëng ritt dann vor hinter die Stadtmauer und wartete dort, um ihn mit Wein zu verabschieden. Er ermahnte Djia Schë, sich an die Erwartungen zu erinnern, die der Staat ihm wegen seiner Vorfahren entgegenbrachte und sich dessen würdig zu erweisen. Djia Schë und die anderen wischten sich die Tränen aus den Augen und begaben sich auf den Weg zu ihren verschiedenen Reisezielen.
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Djia Dschëng kehrte mit Bau-yü zurück nach Hause. Als sie sich dem Torweg des Jung-guo-Anwesens näherten, sahen sie draußen eine Menge versammelt und hörten einen großen Lärm an Stimmen: „Ein kaiserliches Edikt wurde heute überbracht! Der erbliche Rang und Titel des Herzogs von Jung-guo werden an Djia Dschëng übergeben!
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Während die Herzoginmutter noch in ihrer langen Rede war, kam Feng'er aufgeregt hereingelaufen und wandte sich an Frau Wang: "Heute Morgen hat unsere gnädige Herrin die Nachrichten von draußen gehört und heftig geweint. Jetzt bekommt sie kaum noch Luft. Friedchen hat mich geschickt, um es der gnädigen Frau zu melden."
Die Männer in der Menge verlangten das ihnen gesetzlich zustehende Trinkgeld für das Überbringen dieser guten Nachricht, doch die Pförtner wehrten sich regelrecht: „Der Titel gehörte der Familie bereits und wurde von unseren Herren geerbt. Das ist kein Geld wert!
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„Kommt schon!“ war die empörte Antwort. „Denkt an den Ruhm! Ein solcher Titel ist der ehrenhafteste, den es gibt – und euer älterer Herr [Schë] kann niemals hoffen, ihn zurück zu bekommen, nicht nachdem, was er getan hat. Jetzt hat seine Majestät in seiner Weisheit und Mildtätigkeit, die größer ist als der Himmel breit, diesen Titel an Herrn Dschëng übertragen; für eure Familie ist das ein Wunder, das einem nur einmal in tausend Jahren widerfährt, und auf jeden Fall ein Trinkgeld wert!“
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Feng'er hatte noch nicht ausgesprochen, als die Herzoginmutter es schon gehört hatte und fragte: "Wie geht es ihr denn jetzt?" Frau Wang antwortete für Feng'er: "Es geht ihr wohl gar nicht gut."
Djia Dschëng betrat das Haus und empfing von den Pförtnern einen vollständigen Bericht. Seine Begeisterung wurde jedoch dadurch verringert, daß sein Glück nur durch die Schande seines Bruders möglich war. Er war überwältigt und konnte seine Tränen nicht zurückhalten. Dann beeilte er sich, um der Herzoginmutter die Neuigkeiten zu überbringen. Sie nahm ihn begeistert an der Hand und ermahnte ihn, sich des neuen Titels würdig zu erweisen. Die Dame Wang kam gerade, um die Herzoginmutter zu trösten, und war auch überglücklich, Djia Dschëngs Neuigkeiten zu hören. Sie sah, dass Djia Dscheng wieder hereinkam, die Herzoginmutter ihn zu sich zog und ihn ermahnte sowie seine Gunstbezeigungen erwiderte. Nur die Damen Hsing und You empfanden ihr Unglück noch stärker, ein Gefühl, das sie kaum zurückhalten konnten.
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Die Freunde und Verwandten der Familie, die sich in harten Zeiten stets fern hielten, hatten vernommen, daß Djia Dschëng nun der Titel seines Bruders verliehen wurde und – folgerten daraus, daß die Djias immer noch von Seiner Majestät begünstigt wurden. Sie kamen im Jung-guo-Anwesen zusammen, um ihre Glückwünsche zu überbringen. Doch Djia Dschëng war zwischen verschiedenen Gefühlen hin- und hergerissen. Er war von Natur aus ein Mann von höchster Rechtschaffenheit, so daß er weit über die Gratulationen zu seinem Glück hinaus zutiefst bekümmert war und überlegte, wie er nur seine Dankbarkeit unter Beweis stellen könnte. Am folgenden Tag ging er in den Palast, um seine formale Danksagung zu überbringen und dieses Mal ging er so weit, die mahnende Bitte zu überbringen, daß sein verschontes Anwesen, zusammen mit dem Garten des Großen Anblicks, als Geschenk für den Kaiser akzeptiert werden sollten. Als Antwort auf diese Bitte wurde ein Erlaß übermittelt, das dies als überflüssig abwies. Djia Dschëng, dessen Gewissen nun etwas beschwichtigt war, kehrte nach Hause zurück und widmete sich pflichtbewußt seinen amtlichen Aufgaben.
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Die Herzoginmutter erhob sich: "Ach! Diese Plagegeister wollen mich noch ins Grab bringen!" Sie ließ sich stützen und wollte selbst nach Phönixglanz sehen.
Um die Familienfinanzen stand es immer noch prekär. Das Einkommen sank weitaus schneller als die Ausgaben. Unterhaltung, Pflege von Beziehungen mit den richtigen Leuten und Gunst zu erwerben waren nicht Djia Dschëngs größtes Anliegen. Die Diener wußten, wie ungemein aufrichtig Djia Dschëng war, während Hsi-fëng immer noch krank war und ihre Erfahrungen nicht einbringen konnte, um den Haushalt zu stabilisieren. Die Schulden, die Djia Liän begleichen mußte, stiegen täglich, und es schien beinahe unvermeidlich, daß er weiteres Eigentum und Land verkaufen müßte. Die Diener sahen es kommen. Einige von ihnen waren selbst wohlhabend und waren betrübt, daß Djia Liän sie um Geld bat. Einige verwahrten sich davor und gaben vor, arm zu sein, andere wollten verschwinden und sich nach einer anderen Arbeit umsehen.
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Eine Ausnahme war Bau Yung. Obwohl er ein Neuling war und nur eine kurze Zeit vor der Krise angekommen war, bestätigte er, ein aufrichtiger und fleißiger Diener zu sein und war über die Art erschrocken, wie die anderen Diener ihren Nutzen aus der Lage ihres Herren zogen. Seine Stellung im Hausstand war zu unsicher, als daß er es wagen könnte, seine Gefühle auszusprechen. Er konnte nur noch sein Abendbrot essen und entrüstet ins Bett gehen. Den anderen gefiel es nicht, daß er nicht mit ihnen ging und sie beschwerten sich über ihn bei Djia Dschëng, bezeichneten ihn als unfähig, als einen Trinker und Unruhestifter.
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Kaufmann Aufrecht hielt sie eilig zurück und sagte: "Die gnädige Mutter hat sich lange gegrämt und so viele Anordnungen getroffen. Jetzt sollte sie sich dringend ausruhen. Wenn die Schwiegertochter etwas hat, kann meine Frau nach ihr sehen. Warum muss die gnädige Mutter persönlich hingehen? Wenn sich die gnädige Mutter noch mehr aufregt und ihr selber etwas zustößt, wie sollen wir Söhne das verantworten?"
„Laßt ihn“, war Djia Dschëngs Antwort, „er wurde von den Dschëns zu mir geschickt, und wir dürfen nicht zu streng mit ihm sein. Wir sind zwar arm, doch ein zusätzliches Mündlein können wir schon stopfen.
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Als seine Reaktionen ihren Erwartungen widersprach, gingen die Diener mit ihren Beschwerden zu Djia Liän. Doch Djia Liän sah sich nicht in der Position, seine Autorität zu beweisen und am Ende ließen sie ihn [Bau Yung] in Ruhe.
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Die Herzoginmutter sagte: "Geht alle hinaus. Kommt später noch einmal, ich habe noch etwas zu sagen."
Eines Tages war Bau Yung sehr wütend. Nachdem er einige Becher Wein getrunken hatte, um sich selbst zu trösten, bummelte er ein wenig auf der Straße vor dem Jung-guo-Anwesen, wo er folgendes Gespräch mithörte: „Seht ihr das große Haus dort?“, sagte ein Mann und zeigte dabei auf das Jung-guo-Anwesen. „Ich frage mich, wie sie nach der Plünderung über die Runden kommen...“ –
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„Ach, denen wird es gut gehen!, antwortete ein anderer Mann, „ich habe gehört, daß eine ihrer Töchter eine Konkubine Seiner Majestät war. Jetzt ist sie tot, doch eine solche Verbindung löst sich so schell nicht auf. Und sie haben andauernd mit irgendwelchen Prinzen, Adligen, Hochedlen und Fürsten zu tun. Die werden niemals ohne Freunde sein. Nimm den derzeitigen Major, der einst Kriegsminister war, der kommt aus derselben Familie. Wenn solche Leute sich um einen kümmern, wird alles erfolgreich verlaufen.“ –
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Kaufmann Aufrecht wagte nicht zu widersprechen und ging hinaus, um die Reisevorbereitungen für seinen Bruder und seinen Neffen zu überwachen. Er wies Kaufmann Kette an, Begleiter für die Reise auszuwählen.
„Hm!“, antwortete der erste, „du magst hier vor Ort leben, doch ich sehe, daß du nicht auf dem Laufenden bist. Ich weiß zwar nichts von ihren Freunden, doch der Major Djia, den du erwähnt hast, ist nur gewöhnlich eingesetzt, und ich sage dir, warum ich dir das erzähle. Ich habe ihn im Jung-guo-Anwesen unzählige Male gesehen; also weiß ich, daß er in der Vergangenheit viel mit ihnen zu tun hatte. Als der Zensor diese Anschuldigungen gegen die Mitglieder der Familie Djia vorbrachte, trug der Kaiser ihm auf, dem ganzen nachzugehen und Tatsachen über den Fall herauszufinden. Und was glaubst du, was er getan hat? Weil er beiden Zweigen der Familie noch jede Menge schuldete und weil er fürchtete, er könnte verdächtigt werden, etwas für seine Familie zu verdecken, ging er in das andere Extrem. Er sagte die schlimmsten Dinge über sie. Das führte überhaupt zu der Plünderung beider Haushalte. Es ist erschreckend, wie die Leute ihre Freunde heutzutage behandeln, nicht wahr?
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Diese beiläufige Konversation bekam jemand zu hören, der nur zu gut wußte, was damit gemeint war.
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Hierauf ließ die Herzoginmutter durch Mandarinenente die Geschenke für Phönixglanz hinüberbringen. Phönixglanz war gerade ohnmächtig geworden. Friedchen hatte sich die Augen rot und die Wangen geschwollen geweint. Als sie hörte, dass die Herzoginmutter mit Frau Wang und den anderen im Anmarsch war, eilte sie hastig hinaus, um sie zu empfangen.
‚Das so ein Schuft auf dieser Erde überhaupt leben und atmen darf!‘, dachte Bau Yung insgeheim bei sich. ‚Ich frage mich, in welcher Beziehung er zum Herrn steht? Wenn ich ihn zu sehen bekomme, werde ich ihm die Eingeweide herausprügeln! Egal was das für Konsequenzen haben mag!‘
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Wilde und ungezügelte Gedanken der Rache erfüllten Bau Yungs treu gesinntes Herz. Plötzlich waren die Rufe von amtlichen Laufboten zu hören, und von dort, wo er stand, konnte Bau Yung einen der Zuschauer zu einem anderen flüstern hören: „Ach, da kommt er ja, der Major Djia, über den wir gerade gesprochen hatten!
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Die Herzoginmutter fragte: "Wie geht es ihr jetzt?" Friedchen, die die Herzoginmutter nicht erschrecken wollte, sagte: "Es geht ihr etwas besser." Sie führte die Gesellschaft hinein, eilte zum Bett vor und hob behutsam den Bettvorhang. Phönixglanz öffnete die Augen und sah die Herzoginmutter eintreten. Tiefe Scham ergriff sie. Zuvor hatte sie geglaubt, die ganze Familie zürne ihr und niemand kümmere sich mehr um sie, ob sie lebe oder sterbe. Dass nun die Herzoginmutter persönlich an ihr Bett kam, ließ ihr Herz sich weiten, und der Druck in ihrer Brust löste sich ein wenig. Sie wollte sich sogar aufrichten, doch die Herzoginmutter ließ Friedchen sie zurückhalten.
Bau Yung war von wirklicher Verachtung erfüllt und der Wein verlieh ihm den notwendigen Mut: „Unhold!“ brüllte er unbedacht. „Gemeiner Schurke! Hast du die Freundlichkeit vergessen, mit der die Herrn Djia dich behandelt haben?
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In seiner Sänfte konnte Yü-tsun den Namen Djia hören und lehnte sich vor, um zu sehen, was da los war. Nur ein weiterer lauter Trunkenbold auf der Straße, nicht der Rede wert. Seine Sänfte bewegte sich weiter und Bau Yung stolperte nach Hause, war dabei sehr zufrieden mit sich und viel zu betrunken, um diskret zu sein. Er machte ein paar Erkundigungen und seine Dienerkollegen bestätigten, daß dieser Major in der Tat seine ganze Karriere der Gunst der Djias zu verdanken hatte.
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"Beweg dich nicht", sagte sie zu Phönixglanz. "Geht es dir etwas besser?"
„Was für ein undankbarer Unhold, so habe ich es ihm gesagt!“ prustete Bau Yung. „Nach allem, was sie für ihn getan haben, fällt er ihnen so in den Rücken! Ich hab’ ihm meine Meinung gesagt, und er hat sich nicht getraut, mir zu widersprechen.“
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Bis jetzt waren die Diener des Jung-guo-Anwesens, die Bau Yung allesamt nicht leiden konnten, nicht in der Lage gewesen, den Hausherrn [Djia Dschëng] zu überzeugen, ihn loszuwerden. Auf genau diesen Vorwand hatten sie gewartet, und sie nutzten die Gelegenheit, um dem Herrn zu berichten, er sei betrunken und desorientiert und würde auf der Straße Unruhe stiften. Djia Dschëng war sehr ängstlich, die Autoritäten schon wieder zu provozieren, und war sehr zornig, als er von Bau Yungs tölpelhaftem Verhalten hörte. Er rief Bau Yung zu sich und hielt ihm eine ordentliche Standpauke. Er dachte immer noch, daß er ihn durch seine Verbindung mit den Dschëns nicht zu hart bestrafen sollte und versetzte ihn zur Strafe in den Garten als Wächter, mit der strengen Anweisung, nicht wieder draußen herumzulaufen.
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Phönixglanz antwortete mit Tränen in den Augen: "Seit ich als junge Braut in dieses Haus kam, haben die gnädige Mutter und die gnädige Tante Wang mich so liebevoll behandelt! Doch das Schicksal hat mich verfolgt, Geister und Dämonen haben mich um den Verstand gebracht, und ich habe es nicht geschafft, der gnädigen Mutter und der gnädigen Tante auch nur einen Funken Dankbarkeit zu erweisen. Trotzdem habt ihr mich wie einen Menschen behandelt und mich den Haushalt führen lassen. Doch ich habe alles drunter und drüber gebracht. Wie kann ich der gnädigen Mutter und der gnädigen Tante noch ins Gesicht sehen? Dass die gnädige Mutter heute persönlich kommt, ist mehr, als ich verdiene. Ich fürchte, wenn mir noch drei Tage zum Leben bestimmt waren, sind jetzt zwei davon abgezogen."
Bau Yung war ein aufrichtiger Mann. Wenn er einmal für jemanden gearbeitet hatte, der sein Herr war, diente und beschützte er ihn mit aller Treue. Er war sehr bestürzt, daß Djia Dschëng Geschichten gehört hatte, die ihn dazu brachten, ihn derart auszuschelten. Doch er sagte nicht ein Wort des Protestes. Er packte bloß seine Sachen und ging in den Garten, um seine Pflichten zu erfüllen.
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Um zu erfahren, was dann geschah, lese man das nächste Kapitel.
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Sie schluchzte erbärmlich. Die Herzoginmutter tröstete sie: "Den ganzen Ärger haben andere angezettelt, was hat das mit dir zu tun? Dass man deine Sachen genommen hat -- das ist doch nicht so schlimm! Ich habe dir allerhand Gutes mitgebracht, schau einmal!" Sie ließ die Geschenke vor ihr ausbreiten.
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Phönixglanz war von Natur aus habgierig, und der plötzliche Verlust all ihres Besitzes hatte ihr einen schweren Schlag versetzt. Zudem fürchtete sie die Vorwürfe der anderen und war dem Tode nahe. Dass nun die Herzoginmutter sie immer noch liebte und auch Frau Wang ihr keinen Vorwurf machte, sondern sie tröstete, und dass auch Kaufmann Kette nichts geschehen war -- all das erleichterte sie sehr.
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Sie verneigte sich vom Kissen aus vor der Herzoginmutter und sagte: "Die gnädige Mutter möge sich beruhigen. Wenn ich durch den Segen der gnädigen Mutter genese, will ich freiwillig als einfache Dienstmagd arbeiten und mit ganzem Herzen und ganzer Seele der gnädigen Mutter und der gnädigen Tante dienen."
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Diese demütige Dankbarkeit ging der Herzoginmutter ans Herz, und sie brach in Tränen aus.
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Schatzjade, der noch nie eine solche Krise erlebt hatte und immer nur Frieden und Freude gekannt hatte, sah nun, wohin er blickte, nur Kummer und Leid. Wenn er jemanden weinen sah, weinte er automatisch mit.
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Phönixglanz sah, wie niedergeschlagen alle waren, und raffte sich auf, ein paar tröstende Worte für die Herzoginmutter zu finden. Sie bat: "Die gnädige Mutter und die gnädige Tante mögen nach Hause gehen. Wenn es mir etwas besser geht, komme ich persönlich, um meinen Kotau zu machen." Dabei hob sie schwach den Kopf vom Kissen.
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Die Herzoginmutter wies Friedchen an: "Pflege sie gut! Wenn es euch an etwas fehlt, kommt zu mir." Dann machte sie sich mit Frau Wang auf den Rückweg in ihre eigenen Gemächer. Unterwegs hörte sie aus zwei, drei Ecken Weinlaute. Das war mehr, als sie ertragen konnte. Sie schickte Frau Wang fort und wies Schatzjade an: "Geh und verabschiede dich von deinem Onkel und deinem Vetter, dann komm sofort zurück."
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Allein ließ sie sich auf ihr Ruhebett fallen und weinte. Mandarinenente versuchte mit allen erdenklichen Worten, sie zu trösten, und schließlich schlief die Herzoginmutter ein.
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Der Abschied von Kaufmann Begnadigung und Kaufmann Juwel war voller Schmerz. Die zu ihrer Begleitung bestimmten Diener wollten allesamt nicht gehen und beklagten laut ihr Schicksal. Im Leben verlassen zu werden ist wahrlich noch schmerzhafter als durch den Tod getrennt zu werden, und die Zuschauer litten noch mehr als die Betroffenen selbst. Das einst so glanzvolle Rongguo-Anwesen war nun von Menschengeheul und Geisterweinen erfüllt.
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Kaufmann Aufrecht, stets ein Mann der Formen und der Pflichterfüllung, erwies seinem älteren Bruder den gebührenden Respekt. Sie reichten sich zu Hause die Hände, und dann ritt Kaufmann Aufrecht voraus vor die Stadtmauer, wo er rituell den Abschiedswein darreichte. Er ermahnte Kaufmann Begnadigung, an die Erwartungen zu denken, die der Staat an die Nachkommen verdienter Vorfahren stelle, und sich diesen durch treuen Dienst würdig zu erweisen. Kaufmann Begnadigung und Kaufmann Juwel wischten sich die Tränen ab und machten sich in verschiedene Richtungen auf den Weg.
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Kaufmann Aufrecht kehrte mit Schatzjade nach Hause zurück. Noch bevor sie das Tor erreichten, sahen sie draußen eine Menschenmenge, die laut durcheinanderrief: "Heute ist ein kaiserlicher Erlass ergangen: Das erbliche Amt des Herzogs von Rongguo wird Kaufmann Aufrecht übertragen!"
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Die Leute verlangten ein Trinkgeld für die gute Nachricht, doch die Pförtner stritten mit ihnen: "Es ist ein Titel, der schon immer in unserer Familie war, und jetzt hat unser Herr ihn geerbt. Was gibt es da zu feiern?"
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Die Leute riefen: "Die Ehre eines erblichen Amtes ist höher als alles andere! Euer älterer Herr hat den Titel verspielt, und den wiederzubekommen war unmöglich. Jetzt hat Seine Majestät in seiner Gnade, die größer ist als der Himmel, den Titel dem Herrn Aufrecht verliehen. So etwas kommt nur einmal in tausend Jahren vor -- wie soll das kein Trinkgeld wert sein?"
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Gerade als sie sich stritten, kam Kaufmann Aufrecht nach Hause. Die Pförtner berichteten ihm. Obwohl es eine freudige Nachricht war, verdankte er sein Glück letztlich der Schande seines Bruders, und so waren seine Gefühle eher von Dankbarkeit und Tränen geprägt als von Freude. Er eilte nach drinnen und berichtete der Herzoginmutter. Sie freute sich natürlich und ermahnte ihn, sich der Gnade durch treuen Dienst würdig zu erweisen.
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Frau Wang kam gerade, um die Herzoginmutter zu trösten, und als sie von der Wiederherstellung des Titels erfuhr, war auch sie erfreut. Nur die Dame Xing und Frau You waren innerlich bitter, doch sie konnten es nicht zeigen.
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Die opportunistischen Verwandten und Freunde, die sich in schlechten Zeiten ferngehalten hatten, erfuhren nun, dass Kaufmann Aufrecht den Titel erhalten hatte, und schlossen daraus, dass die Familie immer noch die Gunst Seiner Majestät genieße. Sie kamen in Scharen, um ihre Glückwünsche darzubringen.
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Doch Kaufmann Aufrecht war von Natur ein durch und durch aufrichtiger Mann. Dass er den Titel seines Bruders erhalten hatte, bereitete ihm eher Unbehagen als Freude, und er dachte vor allem daran, wie er seine Dankbarkeit gegenüber dem Thron unter Beweis stellen könnte. Am nächsten Tag ging er in den Palast, um formell zu danken, und ging so weit, in einem Antrag um Rückgabe des verschonten Anwesens und des Gartens der Großen Betrachtung an den Staat zu bitten. Ein kaiserlicher Erlass lehnte dies als unnötig ab. Kaufmann Aufrecht kehrte beruhigt nach Hause zurück und widmete sich fortan pflichtbewusst seinem Amt.
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Doch die Familienfinanzen waren in desolatem Zustand: Die Ausgaben überstiegen die Einnahmen bei weitem. Kaufmann Aufrecht war nicht der Mann für gesellschaftliche Beziehungspflege. Die Diener sahen seine Redlichkeit; Phönixglanz war krank und konnte den Haushalt nicht führen; Kaufmann Kettes Schulden wuchsen von Tag zu Tag, und es schien unvermeidlich, weiteres Eigentum und Land zu veräußern. Die wohlhabenderen unter den Dienern fürchteten, Kaufmann Kette könnte sie um Geld bitten, taten arm, mieden den Dienst und suchten sich anderweitige Beschäftigung.
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Nur einer war eine Ausnahme: Bao Yong. Obwohl er erst kurz vor der Krise als Neuling eingetreten war, erwies er sich als aufrichtig und pflichtbewusst. Es empörte ihn, wie die anderen Diener ihren Herrn hintergingen. Da er aber ein Neuankömmling war, konnte er kein Wort mitreden. So aß er seinen Reis und legte sich verdrossen schlafen. Die anderen mochten ihn nicht, weil er nicht mitmachte, und beschwerten sich bei Kaufmann Aufrecht: Er sei den ganzen Tag betrunken, stifte Unruhe und drücke sich vor der Arbeit.
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Kaufmann Aufrecht sagte: "Lasst ihn. Er wurde von der Familie Zhen empfohlen, da können wir nicht so streng sein. Wir sind zwar arm, aber ein Esser mehr oder weniger fällt nicht ins Gewicht." Er ließ Bao Yong nicht fortjagen. Die Diener gingen mit ihren Klagen auch zu Kaufmann Kette, doch der wagte selbst nicht mehr autoritär aufzutreten und ließ die Sache auf sich beruhen.
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Eines Tages hielt Bao Yong es nicht mehr aus. Er trank einige Becher Wein und bummelte auf der Straße vor dem Rongguo-Anwesen, wo er zwei Männer miteinander reden hörte.
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Der eine sagte: "Sieh dir dieses große Haus an! Neulich wurde es durchsucht. Ich frage mich, wie es ihnen jetzt geht."
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Der andere antwortete: "Die werden schon zurechtkommen! Ich habe gehört, eine ihrer Töchter war kaiserliche Nebengemahlin. Auch wenn sie tot ist, solche Verbindungen lösen sich nicht so schnell auf. Außerdem sieht man ständig Fürsten und Adlige bei ihnen ein- und ausgehen. Die werden schon jemanden finden, der ihnen hilft. Der jetzige Präfekt, der frühere Kriegsminister -- die sind alle aus derselben Sippe. Mit solchen Leuten wird alles gut gehen!"
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Der erste erwiderte: "Du wohnst hier und hast doch keine Ahnung! Von den anderen Freunden weiß ich nichts, aber dieser hohe Beamte Jia, den du erwähnst -- der ist der Schlimmste! Ich habe ihn oft in den beiden Kaufmann-Anwesen ein- und ausgehen sehen, also stand er früher gut mit ihnen. Als dann der Zensor die Anklage einreichte, befahl Seine Majestät dem Präfekten, die Tatsachen zu untersuchen. Und was hat der getan? Weil er den beiden Häusern einiges schuldig war und fürchtete, man könnte ihm vorwerfen, seine Verwandten zu decken, hat er umso schärfer gegen sie ausgesagt. Erst dadurch kam es zur Beschlagnahmung beider Häuser. Ist das nicht entsetzlich, wie die Leute heutzutage ihre Freunde behandeln?"
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Die beiden plauderten arglos dahin, ohne zu ahnen, dass jemand neben ihnen alles mithörte. Bao Yong dachte empört: "Dass so ein Schuft frei herumläuft! Ich wüsste gern, in welcher Beziehung er zu unserem Herrn steht. Wenn ich den zu fassen bekomme, prügle ich ihn tot, und die Folgen trage ich!"
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Bao Yong war gerade in seinem Weinrausch dabei, wilde Rachepläne zu schmieden, als er von der anderen Seite die Rufe von Vorlaufboten hörte. Er blieb stehen und beobachtete aus der Ferne. Die beiden Männer flüsterten einander zu: "Da kommt er ja -- der hohe Beamte Jia, von dem wir gerade sprachen!"
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Bao Yong hörte das, und der Wein gab ihm den nötigen Mut. Er brüllte laut: "Gewissenloser Kerl! Wie kannst du die Güte unserer Familie Kaufmann vergessen?" Jia Yucun hörte in seiner Sänfte das Wort "Kaufmann" und blickte aufmerksam hinaus. Er sah nur einen Betrunkenen und kümmerte sich nicht weiter darum. Die Sänfte zog weiter.
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Bao Yong stolperte betrunken und zufrieden mit sich nach Hause, erkundigte sich bei seinen Kameraden und erfuhr, dass jener hohe Beamte seinen gesamten Aufstieg tatsächlich der Gunst der Familie Kaufmann verdankte. "So ein undankbarer Schuft! Ich habe ihm meine Meinung gesagt, und er hat nicht gewagt, mir zu widersprechen!"
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Die anderen Diener, die Bao Yong allesamt nicht leiden konnten, hatten bisher Kaufmann Aufrecht nicht überzeugen können, ihn loszuwerden. Nun hatten sie den perfekten Vorwand. Sie nutzten die Gelegenheit, während Kaufmann Aufrecht frei war, und berichteten ihm, Bao Yong habe betrunken auf der Straße Unruhe gestiftet.
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Kaufmann Aufrecht, der große Angst hatte, erneut Schwierigkeiten mit den Behörden zu bekommen, war sehr erzürnt, als er davon hörte. Er ließ Bao Yong rufen und schalt ihn gehörig aus. Da er ihn wegen der Empfehlung durch die Familie Zhen nicht zu hart bestrafen konnte, versetzte er ihn zur Strafe als Wächter in den Garten und verbot ihm, sich draußen herumzutreiben.
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Bao Yong war ein aufrichtiger, geradliniger Mensch. Hatte er einmal einen Herrn angenommen, diente er ihm mit ganzem Herzen. Dass Kaufmann Aufrecht den Verleumdungen der anderen geglaubt und ihn ausgescholten hatte, betrübte ihn zutiefst. Doch er sagte kein Wort des Protests. Er packte nur seine Sachen und ging in den Garten, um dort seine Aufgaben als Wächter und Gärtner zu versehen.
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Was danach geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.
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== Anmerkungen ==
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<div style="text-align: center; font-size: 0.9em; color: #666; margin-top: 20px;">
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''Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).''
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Revision as of 12:36, 15 April 2026

Kapitel: 1 · 2 · 3 · 4 · 5 · 6 · 7 · 8 · 9 · 10 · [11-20] · [21-30] · [31-40] · [41-50] · [51-60] · [61-70] · [71-80] · [81-90] · [91-100] · [101-110] · [111-120] · ← Inhalt

Version: ZH · DE (Woesler) · ZH-DE

Kapitel 107

Aus weiser Großzügigkeit verteilt die Herzoginmutter ihren persönlichen Besitz

Dank kaiserlicher Gunst empfängt Kaufmann Aufrecht den erblichen Titel seines Bruders

Wie bereits erzählt, ging Kaufmann Aufrecht in den Palast hinein, wo er die verschiedenen Würdenträger des Geheimen Staatsrates und die Fürsten vorfand. Der Fürst von Beijing sagte: "Wir haben Euch heute auf kaiserlichen Befehl rufen lassen, um Euch zu befragen." Kaufmann Aufrecht kniete sogleich nieder. Die Würdenträger fragten: "War Euch bekannt, dass Euer älterer Bruder mit auswärtigen Beamten konspirierte, seine Macht missbrauchte und Schwächere schikanierte, dass er seinen Sohn zum Glücksspiel anstiftete und gewaltsam die Ehefrau eines ehrbaren Bürgers als Nebenfrau nahm und sie in den Tod trieb, als sie sich weigerte?"

Kaufmann Aufrecht antwortete: "Der Angeklagte wurde durch die Gnade Seiner Majestät zum Bildungskommissar ernannt. Nach Ablauf der Amtszeit inspizierte er Hilfsmaßnahmen, kehrte gegen Ende des vergangenen Winters nach Hause zurück und wurde dann von seinen Vorgesetzten mit Bauarbeiten beauftragt. Danach wurde er als Getreide-Intendant nach Jiangxi berufen, von dort unter Anklage in die Hauptstadt zurückbeordert und versieht seither wieder seinen Dienst im Ministerium für Öffentliche Arbeiten. Tag und Nacht wagte er nicht, nachlässig zu sein. Um die Familienangelegenheiten hat er sich in keiner Weise gekümmert und ist in der Tat völlig ahnungslos gewesen. Dass er es versäumt hat, die Söhne und Neffen zu erziehen, ist sein Vergehen gegen die kaiserliche Gnade. Er bittet nur darum, dass Seine Majestät ihn streng bestrafe."

Der Fürst von Beijing trug dies dem Thron vor. Nach kurzer Zeit wurde der kaiserliche Erlass übermittelt. Der Fürst von Beijing verlas ihn: "Seine Majestät hat erwogen: Bezüglich der Anklage des Zensors, Kaufmann Begnadigung habe mit auswärtigen Beamten konspiriert und seine Macht missbraucht, um Schwächere zu schikanieren: Der Zensor nannte den Präfekten von Pingan als Komplizen. Bei strenger Vernehmung gab Kaufmann Begnadigung zu Protokoll, der Präfekt von Pingan sei ein angeheirateter Verwandter, mit dem man lediglich persönlichen Umgang gepflegt habe, ohne sich in Amtsgeschäfte einzumischen. Auch der Zensor konnte diesen Punkt nicht beweisen. Lediglich die Anklage, er habe unter Ausnutzung seiner Stellung einen gewissen Shi Daizi zur Herausgabe antiker Fächer genötigt, wurde bestätigt. Doch handelt es sich um Spielzeug und Sammelstücke, was nicht mit der gewaltsamen Aneignung von Gut ehrlicher Bürger zu vergleichen ist. Dass Shi Daizi sich daraufhin das Leben nahm, liegt an dessen eigener Verrücktheit und ist nicht gleichzusetzen mit einem Freitod durch Nötigung. Daher wird Kaufmann Begnadigung gnädig zu Strafdienst an einem Grenzposten verurteilt, wo er seine Schuld durch treuen Dienst tilgen kann.

Was die Anklage gegen Kaufmann Juwel betrifft, er habe gewaltsam die Ehefrau eines ehrlichen Bürgers als Nebenfrau genommen und sie durch Zwang in den Tod getrieben: Nach Prüfung der Originalakten beim Zensorat stellte sich heraus, dass die besagte Frau You Erjie tatsächlich von einem gewissen Zhang Hua durch ein Verlöbnis im Mutterleib zur Frau bestimmt worden war. Da dieser in Armut lebte, wünschte er selbst die Auflösung der Verlobung. Die Mutter von You Erjie war einverstanden, ihre Tochter als Nebenfrau zu geben, und zwar nicht an Kaufmann Juwel selbst, sondern an dessen jüngeren Vetter. Von 'gewaltsamer Aneignung' kann also keine Rede sein.

Zum Fall der You Sanjie, die sich selbst erdolchte und heimlich beerdigt wurde, ohne dass der Tod den Behörden gemeldet wurde: Bei näherer Untersuchung ergab sich, dass You Sanjie die jüngere Schwester von Kaufmann Juwels Ehefrau war. Es lag ursprünglich in seiner Absicht, eine passende Heirat für sie zu vermitteln. Doch die Forderung nach Rückgabe der Brautgeschenke durch den Verlobten und die verbreiteten Gerüchte über ihr unehrbares Verhalten führten bei ihr zu solcher Scham und Empörung, dass sie sich das Leben nahm. Eine Nötigung durch Kaufmann Juwel lag nicht vor. Gleichwohl hat Kaufmann Juwel als Träger eines erblichen Amtes die Gesetze missachtet und einen Todesfall verheimlicht, wofür er schwer bestraft werden müsste. In Anbetracht dessen, dass er Nachkomme verdienter Vorfahren ist, wird von der vollen Strafe abgesehen. Er wird gnädig seines erblichen Titels enthoben und an die Küste entsandt, um dort durch pflichtgetreuen Dienst seine Schuld zu tilgen. Kaufmann Rong ist zu jung, um in die Sache verwickelt zu sein, und wird freigesprochen. Kaufmann Aufrecht hat über viele Jahre in auswärtigen Ämtern pflichtbewusst und gewissenhaft gedient und wird von der Verantwortung für die mangelhafte Haushaltsführung entbunden."

Als Kaufmann Aufrecht das hörte, war er zu Tränen der Dankbarkeit gerührt und verneigte sich hastig vor dem Thron. Dann bat er den Fürsten, seine demütigste Ergebenheit zu übermitteln. Der Fürst von Beijing sagte: "Dankt dem Himmel für die Gnade. Was gäbe es noch vorzubringen?"

Kaufmann Aufrecht sagte: "Der Angeklagte ist überwältigt von der Gnade Seiner Majestät, die ihm nicht nur keine schwere Strafe auferlegt, sondern auch noch das Familienvermögen zurückgegeben hat. In tiefster Beschämung möchte er den gesamten von seinen Ahnen ererbten Besitz und alle angesammelten Güter dem Thron überlassen."

Der Fürst von Beijing sagte: "Seine Majestät ist human und mitfühlend gegenüber seinen Untertanen, weise und gerecht in seinen Urteilen, unfehlbar bei Belohnung und Bestrafung. Nachdem Euch das Vermögen durch eine so große Gnade zurückgegeben wurde, bedarf es keiner weiteren Geste Eurerseits." Die anderen Würdenträger bestätigten dies.

So dankte Kaufmann Aufrecht abermals der kaiserlichen Gnade und dem Fürsten und verließ den Palast. Da er wusste, wie besorgt die Herzoginmutter wartete, eilte er nach Hause. Alle Hausbewohner, Männer wie Frauen, standen draußen und warteten bange auf Nachrichten. Als sie Kaufmann Aufrecht wohlbehalten zurückkehren sahen, atmeten alle etwas auf, doch wagte niemand zu fragen. Kaufmann Aufrecht eilte direkt zu den Gemächern der Herzoginmutter und berichtete ihr die Einzelheiten des kaiserlichen Erlasses.

Die Herzoginmutter war zwar erleichtert, doch dass zwei erbliche Titel eingezogen worden waren und Kaufmann Begnadigung an einen Grenzposten und Kaufmann Juwel an die Küste entsandt werden sollten, betrübte sie zutiefst. Die Dame Xing und Frau You brachen sofort in lautes Weinen aus.

Kaufmann Aufrecht sagte: "Die gnädige Mutter möge sich beruhigen. Auch wenn der ältere Bruder an einem Grenzposten dienen muss, dient er doch dem Staat und wird nicht leiden müssen. Wenn er sich bewährt, kann er seinen Titel zurückerhalten. Und Juwel ist noch jung und sollte durchaus seinen Dienst leisten. Hätten wir es nicht so weit kommen lassen, hätten wir den Segen unserer Ahnen ohnehin nicht ewig genießen können." Er fügte noch weitere tröstende Worte hinzu.

Die Herzoginmutter hatte Kaufmann Begnadigung ohnehin nie besonders gemocht, und Kaufmann Juwel vom Ningguo-Anwesen war eine Stufe entfernt. Nur die Dame Xing und Frau You weinten ohne Unterlass.

Die Dame Xing dachte bei sich: "Das gesamte Vermögen ist weg, und mein Mann muss in seinem Alter in die Ferne ziehen. Zwar habe ich Kette als Sohn, aber der hat sich schon immer mehr zu seinem Onkel Aufrecht hingezogen. Jetzt, wo wir alle von Aufrecht abhängen, werden er und seine Frau sich natürlich noch mehr jener Seite zuwenden. Da bleibe ich ganz allein -- einsam und verlassen. Was soll nur aus mir werden?"

Frau You ihrerseits hatte im Ningguo-Anwesen stets allein den Haushalt geführt und war nach Kaufmann Juwel die angesehenste Person gewesen. Zudem waren sie und Kaufmann Juwel ein harmonisches Ehepaar gewesen. Nun wurde er in Schande fortgeschickt, das gesamte Vermögen war beschlagnahmt, und sie mussten im Rongguo-Anwesen um Aufnahme bitten. Auch wenn die Herzoginmutter sie liebevoll behandelte, lebte sie doch unter fremdem Dach. Dazu musste sie Peifeng und Xieluan versorgen, und das junge Paar Kaufmann Rong und seine Frau konnten kaum einen eigenen Haushalt gründen. Sie dachte weiter: "Die Zweite und die Dritte Schwester -- ihr Unglück war letztlich Kaufmann Kettes Schuld. Und trotzdem kommen er und seine Frau ungeschoren davon und bleiben als Ehepaar beisammen, während uns nur ein elendes Dasein bleibt. Wie soll man da weiterleben?" Bei diesem Gedanken brach sie in bitteres Weinen aus.

Die Herzoginmutter konnte es nicht mit ansehen und fragte Kaufmann Aufrecht: "Der Fall deines Bruders und Juwels ist nun entschieden. Dürfen sie nach Hause kommen? Rong hat nichts verbrochen, der müsste doch freigelassen werden."

Kaufmann Aufrecht antwortete: "Nach den Vorschriften dürfte der ältere Bruder eigentlich nicht nach Hause kommen. Doch ich habe bereits um eine persönliche Gunst gebeten, damit er zusammen mit dem Neffen heimkehren kann, um die Reisevorbereitungen zu treffen. Das Gericht hat gnädig zugestimmt. Rong dürfte zusammen mit seinem Großvater und seinem Vater herauskommen. Bitte mache dir keine Sorgen, gnädige Mutter. Ich werde alles regeln."

Die Herzoginmutter sagte ferner: "Ich bin in den letzten Jahren zu alt und gebrechlich geworden und habe mich überhaupt nicht mehr um die Familienfinanzen gekümmert. Nun ist im Ningguo-Anwesen alles beschlagnahmt, das Haus einbezogen. Auf unserer Seite wurde bei deinem Bruder und bei Kette auch alles genommen. Sag mir besser jetzt: Wie viel haben wir noch in der Schatzkammer und wie viel sind die Ländereien in der östlichen Provinz noch wert? Wenn die beiden aufbrechen müssen, sollten wir ihnen doch einige tausend Silbertael mitgeben."

Kaufmann Aufrecht steckte in der Klemme. Als die Herzoginmutter so fragte, dachte er: "Wenn ich ihr die Wahrheit sage, wird sie einen Schock bekommen. Wenn ich es aber verschweige, wie sollen wir dann unsere derzeitigen Probleme lösen, von der Zukunft ganz zu schweigen?" Nach kurzem Überlegen antwortete er: "Hätte die gnädige Mutter nicht gefragt, hätte ich es nicht gewagt zu sagen. Da die gnädige Mutter aber nun fragt und Kette auch hier ist: Gestern habe ich die Konten geprüft. Die alte Schatzkammer ist seit langem völlig leer. Nicht nur ist alles aufgebraucht, wir haben auch noch erhebliche Schulden draußen. Für die Angelegenheit des älteren Bruders müssen wir dringend Geld aufbringen, um die Beamten zu besänftigen. Denn trotz der großzügigen Gnade Seiner Majestät könnte es Vater und Sohn schlecht ergehen, wenn wir nicht eingreifen. Nur weiß ich nicht, woher das Geld kommen soll. Auf die Ländereien in der östlichen Provinz können wir uns nicht verlassen -- die Pachteinnahmen des kommenden Jahres sind schon für Schulden aus dem laufenden Jahr verplant und können nicht so schnell flüssig gemacht werden. Uns bleibt nur, die Kleidung und den Schmuck, die uns glücklicherweise gelassen wurden, zu verkaufen und den Erlös dem älteren Bruder und Juwel als Reisegeld mitzugeben. Wie wir danach selbst über die Runden kommen, ist wieder ein anderes Problem."

Die Herzoginmutter brach erneut in Tränen aus: "Wie? Ist es wirklich so weit mit uns gekommen? So etwas habe ich nie erlebt. Wenn ich an meine eigene Familie in früheren Zeiten denke -- die waren noch zehnmal wohlhabender als wir. Auch sie haben einige Jahre lang eine leere Fassade aufrechterhalten. Aber selbst ohne ein solches Unglück brach schließlich alles zusammen, und in ein, zwei Jahren war es vorbei. Aber nach dem, was du sagst, werden wir nicht einmal ein bis zwei Jahre durchhalten?"

Kaufmann Aufrecht sagte: "Hätten wir noch die beiden erblichen Besoldungen, könnte man anderswo Mittel auftreiben. Aber jetzt, wo wir nichts mehr als Sicherheit bieten können, wird uns niemand Geld leihen." Auch ihm liefen die Tränen über die Wangen. "Was die Verwandten betrifft: Die, bei denen wir in der Schuld stehen, sind selbst arm geworden. Und die, die uns nie etwas schuldeten, wollen uns nicht helfen. Gestern habe ich die Konten nicht im Detail geprüft, aber ich habe die Personalliste durchgesehen. Von oben kommt keinerlei Einkommen, und unten können wir die vielen Diener auch nicht mehr ernähren."

Die Herzoginmutter grämte sich immer mehr. Da kamen Kaufmann Begnadigung, Kaufmann Juwel und Kaufmann Rong herein und begrüßten sie. Die Herzoginmutter sah die drei: Mit der einen Hand ergriff sie Kaufmann Begnadigung, mit der anderen Kaufmann Juwel, und brach in lautes Schluchzen aus. Die beiden schämten sich zutiefst, und als sie die Herzoginmutter weinen sahen, fielen sie auf die Knie und riefen weinend: "Wir unwürdigen Söhne und Enkel haben die Verdienste unserer Ahnen verspielt und die gnädige Mutter in Kummer gestürzt. Wir verdienen es nicht einmal, nach dem Tod begraben zu werden!"

Daraufhin brach der ganze Raum in Wehklagen aus. Kaufmann Aufrecht mahnte: "Wir sollten zunächst die Reisevorbereitungen der beiden besprechen. Sie können höchstens ein bis zwei Tage zu Hause bleiben, sonst werden die Behörden ungeduldig."

Die Herzoginmutter hielt ihre Tränen mühsam zurück und sagte: "Geht, ihr beiden, und sprecht mit euren Ehefrauen." Dann wies sie Kaufmann Aufrecht an: "Diese Sache duldet keinen Aufschub. Ich sehe, dass Anleihen von außen nichts nützen werden. Wenn wir die Frist verstreichen lassen, was dann? Ich muss wohl selbst etwas unternehmen. Bei dem Durcheinander im Haus kann es auch nicht so weitergehen." Dabei rief sie Mandarinenente herbei und gab ihr Anweisungen.

Kaufmann Begnadigung und die anderen gingen hinaus und sprachen noch einmal weinend mit Kaufmann Aufrecht. Sie drückten ihr Bedauern über ihren früheren Eigensinn aus, klagten über die bevorstehende Trennung und gingen dann zu ihren Frauen, um dort zu trauern. Kaufmann Begnadigung war schon älter und konnte sich leichter damit abfinden. Kaufmann Juwel und Frau You dagegen -- wie sollten sie die Trennung ertragen! Kaufmann Kette und Kaufmann Rong hielten ihren Vater an den Händen und weinten. Obwohl die Strafe milder war als Verbannung oder Zwangsarbeit, war es doch ein Abschied, bei dem man nicht wusste, ob man einander jemals wiedersehen würde. Es war, wie es war, und sie mussten sich mit zusammengebissenem Herzen fügen.

Dann ließ die Herzoginmutter die Damen Xing und Wang zusammen mit Mandarinenente und den Mägden alle Truhen und Kisten öffnen. Alles, was sie seit ihrer Eheschließung im Laufe der Jahre angesammelt hatte, wurde hervorgeholt. Sie rief Kaufmann Begnadigung, Kaufmann Aufrecht, Kaufmann Juwel und alle anderen herbei und verteilte alles einzeln.

Kaufmann Begnadigung erhielt dreitausend Silbertael. Sie sagte: "Von dem hier vorhandenen Silber nimmst du zweitausend als Reisegeld mit und lässt eintausend für die ältere gnädige Frau zum täglichen Gebrauch zurück. Diese dreitausend sind für Juwel: Du darfst nur eintausend mitnehmen und lässt deiner Frau zweitausend. Sie sollen weiterhin ihre eigenen Angelegenheiten regeln, auch wenn sie hier bei uns wohnen. Die Mahlzeiten möge jeder für sich bestreiten. Um Xichuns künftige Heirat kümmere ich mich selbst. Die arme Phönixglanz hat sich ihr ganzes Leben lang abgemüht, und nun hat sie nichts mehr. Auch ihr gebe ich dreitausend Tael, und sie soll sie selbst verwahren. Kette darf nichts davon anrühren. Da sie gerade todkrank ist, soll Friedchen kommen und es in Empfang nehmen. Hier sind Gewänder, die dein Großvater hinterlassen hat, und Kleider und Schmuck, die ich als junge Frau getragen habe -- ich brauche sie nicht mehr. Die Männerkleider sollen der ältere Herr Begnadigung, Juwel, Kette und Rong unter sich aufteilen; die Frauenkleider sollen die ältere gnädige Frau, Juwels Frau und Phönixglanz unter sich teilen. Diese fünfhundert Silbertael sind für Kette, um nächstes Jahr den Sarg der jungen Dai-yü in den Süden überführen zu lassen."

Als die Verteilung abgeschlossen war, rief sie Kaufmann Aufrecht zu sich: "Du sagtest, es gäbe noch Außenstände. Die müssen unbedingt beglichen werden. Nimm dafür dieses Gold und lass es eintauschen. Dass es so weit gekommen ist, haben sie verschuldet, nicht ich. Aber du bist ebenfalls mein Sohn, und ich begünstige niemanden. Schatzjade ist nun verheiratet. Was mir an Gold und Silber noch bleibt, ist noch einige tausend Tael wert -- das alles gehört ihm. Zhus Witwe war mir immer eine pflichtbewusste Schwiegertochter, und der kleine Lan ist brav. Auch ihnen gebe ich etwas ab. Damit ist meine Angelegenheit erledigt."

Als Kaufmann Aufrecht und die anderen sahen, wie klar und umsichtig die Herzoginmutter alles geregelt hatte, knieten sie alle weinend nieder und sagten: "Die gnädige Mutter in ihrem hohen Alter -- wir Söhne und Enkel haben nicht das Geringste zu ihrer Pflege beigetragen und empfangen nun solche Großzügigkeit von unserer Ahnherrin. Wir schämen uns so, dass wir am liebsten im Boden versinken würden!"

Die Herzoginmutter sagte: "Redet keinen Unsinn! Wäre dieses Durcheinander nicht gekommen, hätte ich alles für mich behalten. Aber nun zum Ernst der Lage: Wir haben zu viele Diener. Du bist der Einzige mit einem Amt, Aufrecht. Ein paar Diener genügen. Lass die Verwalter alle zusammenrufen und alles ordentlich regeln. Jeder Haushalt soll mit so wenig Dienern wie möglich auskommen. Stellt euch vor, alles wäre konfisziert worden -- was dann? Auch in den Frauengemächern muss aufgeräumt werden: Manche Mägde sollen verheiratet werden, andere freigelassen. Auch wenn uns das Anwesen geblieben ist, solltest du den Garten an den Staat übergeben. Kette soll die ländlichen Güter prüfen: Was verkauft werden muss, wird verkauft, was behalten werden kann, wird behalten. Aber Schluss mit dem leeren Gepränge und der falschen Fassade! Und noch etwas muss ich erwähnen: Die Familie Zhen in Jiangnan hat noch etwas Silber bei uns stehen. Die Frau des Zweiten Herrn verwahrt es. Schickt jemanden und bringt es ihnen zurück. Sollte uns noch etwas zustoßen, ziehen wir sie nur noch tiefer in den Schlamassel -- wir müssen nicht vom Regen in die Traufe kommen."

Kaufmann Aufrecht, der sich seiner Unfähigkeit in Haushaltsdingen durchaus bewusst war, murmelte zu jeder Anweisung demütig "Ja, gnädige Mutter" und dachte bei sich: "Die gnädige Mutter ist wirklich eine geborene Verwalterin! Und was für ein Versager bin ich im Vergleich!"

Er sah, dass die Herzoginmutter erschöpft war, und bat sie, sich auszuruhen.

Die Herzoginmutter sagte noch: "Das Wenige, was mir noch bleibt, soll nach meinem Tod für mein Begräbnis verwendet werden. Was dann noch übrig ist, geht an meine Dienerinnen."

Als Kaufmann Aufrecht und die anderen das hörten, wurden sie noch trauriger und knieten erneut nieder: "Möge die gnädige Mutter sich beruhigen! Wenn wir Söhne mit der Gunst der gnädigen Mutter in einiger Zeit die Gnade Seiner Majestät wiedererlangen, werden wir uns mit aller Kraft dem Aufbau der Familie widmen, unsere früheren Fehler gutmachen und die gnädige Mutter bis ins hundertste Lebensjahr umsorgen."

Die Herzoginmutter sagte: "Wenn das nur gelänge, könnte ich nach dem Tod unseren Ahnen mit Stolz entgegentreten. Denkt ja nicht, ich wäre jemand, der nur Reichtum genießen und keine Armut ertragen kann! So ist es nicht. In den letzten Jahren habt ihr so prunkvoll gelebt, und ich habe mich gefreut, mich nicht einzumischen, habe geplaudert und gelacht und mich gepflegt. Dass das Familienglück so tief fallen würde, hätte ich nie gedacht. Dass hinter der schönen Fassade Leere herrschte, habe ich schon früh erkannt. Nur ist es so: 'Der Wohnort verändert das Wesen, die Pflege verändert den Körper' -- man kann eben nicht so schnell von seinem hohen Ross herunter. Jetzt ist die richtige Zeit, sich zu bescheiden und den Familiennamen zu bewahren, damit man nicht zum Gespött der Leute wird. Aber was die beiden, Vater und Sohn, für Dinge getrieben haben -- das wisst ihr noch gar nicht!"

Während die Herzoginmutter noch in ihrer langen Rede war, kam Feng'er aufgeregt hereingelaufen und wandte sich an Frau Wang: "Heute Morgen hat unsere gnädige Herrin die Nachrichten von draußen gehört und heftig geweint. Jetzt bekommt sie kaum noch Luft. Friedchen hat mich geschickt, um es der gnädigen Frau zu melden."

Feng'er hatte noch nicht ausgesprochen, als die Herzoginmutter es schon gehört hatte und fragte: "Wie geht es ihr denn jetzt?" Frau Wang antwortete für Feng'er: "Es geht ihr wohl gar nicht gut."

Die Herzoginmutter erhob sich: "Ach! Diese Plagegeister wollen mich noch ins Grab bringen!" Sie ließ sich stützen und wollte selbst nach Phönixglanz sehen.

Kaufmann Aufrecht hielt sie eilig zurück und sagte: "Die gnädige Mutter hat sich lange gegrämt und so viele Anordnungen getroffen. Jetzt sollte sie sich dringend ausruhen. Wenn die Schwiegertochter etwas hat, kann meine Frau nach ihr sehen. Warum muss die gnädige Mutter persönlich hingehen? Wenn sich die gnädige Mutter noch mehr aufregt und ihr selber etwas zustößt, wie sollen wir Söhne das verantworten?"

Die Herzoginmutter sagte: "Geht alle hinaus. Kommt später noch einmal, ich habe noch etwas zu sagen."

Kaufmann Aufrecht wagte nicht zu widersprechen und ging hinaus, um die Reisevorbereitungen für seinen Bruder und seinen Neffen zu überwachen. Er wies Kaufmann Kette an, Begleiter für die Reise auszuwählen.

Hierauf ließ die Herzoginmutter durch Mandarinenente die Geschenke für Phönixglanz hinüberbringen. Phönixglanz war gerade ohnmächtig geworden. Friedchen hatte sich die Augen rot und die Wangen geschwollen geweint. Als sie hörte, dass die Herzoginmutter mit Frau Wang und den anderen im Anmarsch war, eilte sie hastig hinaus, um sie zu empfangen.

Die Herzoginmutter fragte: "Wie geht es ihr jetzt?" Friedchen, die die Herzoginmutter nicht erschrecken wollte, sagte: "Es geht ihr etwas besser." Sie führte die Gesellschaft hinein, eilte zum Bett vor und hob behutsam den Bettvorhang. Phönixglanz öffnete die Augen und sah die Herzoginmutter eintreten. Tiefe Scham ergriff sie. Zuvor hatte sie geglaubt, die ganze Familie zürne ihr und niemand kümmere sich mehr um sie, ob sie lebe oder sterbe. Dass nun die Herzoginmutter persönlich an ihr Bett kam, ließ ihr Herz sich weiten, und der Druck in ihrer Brust löste sich ein wenig. Sie wollte sich sogar aufrichten, doch die Herzoginmutter ließ Friedchen sie zurückhalten.

"Beweg dich nicht", sagte sie zu Phönixglanz. "Geht es dir etwas besser?"

Phönixglanz antwortete mit Tränen in den Augen: "Seit ich als junge Braut in dieses Haus kam, haben die gnädige Mutter und die gnädige Tante Wang mich so liebevoll behandelt! Doch das Schicksal hat mich verfolgt, Geister und Dämonen haben mich um den Verstand gebracht, und ich habe es nicht geschafft, der gnädigen Mutter und der gnädigen Tante auch nur einen Funken Dankbarkeit zu erweisen. Trotzdem habt ihr mich wie einen Menschen behandelt und mich den Haushalt führen lassen. Doch ich habe alles drunter und drüber gebracht. Wie kann ich der gnädigen Mutter und der gnädigen Tante noch ins Gesicht sehen? Dass die gnädige Mutter heute persönlich kommt, ist mehr, als ich verdiene. Ich fürchte, wenn mir noch drei Tage zum Leben bestimmt waren, sind jetzt zwei davon abgezogen."

Sie schluchzte erbärmlich. Die Herzoginmutter tröstete sie: "Den ganzen Ärger haben andere angezettelt, was hat das mit dir zu tun? Dass man deine Sachen genommen hat -- das ist doch nicht so schlimm! Ich habe dir allerhand Gutes mitgebracht, schau einmal!" Sie ließ die Geschenke vor ihr ausbreiten.

Phönixglanz war von Natur aus habgierig, und der plötzliche Verlust all ihres Besitzes hatte ihr einen schweren Schlag versetzt. Zudem fürchtete sie die Vorwürfe der anderen und war dem Tode nahe. Dass nun die Herzoginmutter sie immer noch liebte und auch Frau Wang ihr keinen Vorwurf machte, sondern sie tröstete, und dass auch Kaufmann Kette nichts geschehen war -- all das erleichterte sie sehr.

Sie verneigte sich vom Kissen aus vor der Herzoginmutter und sagte: "Die gnädige Mutter möge sich beruhigen. Wenn ich durch den Segen der gnädigen Mutter genese, will ich freiwillig als einfache Dienstmagd arbeiten und mit ganzem Herzen und ganzer Seele der gnädigen Mutter und der gnädigen Tante dienen."

Diese demütige Dankbarkeit ging der Herzoginmutter ans Herz, und sie brach in Tränen aus.

Schatzjade, der noch nie eine solche Krise erlebt hatte und immer nur Frieden und Freude gekannt hatte, sah nun, wohin er blickte, nur Kummer und Leid. Wenn er jemanden weinen sah, weinte er automatisch mit.

Phönixglanz sah, wie niedergeschlagen alle waren, und raffte sich auf, ein paar tröstende Worte für die Herzoginmutter zu finden. Sie bat: "Die gnädige Mutter und die gnädige Tante mögen nach Hause gehen. Wenn es mir etwas besser geht, komme ich persönlich, um meinen Kotau zu machen." Dabei hob sie schwach den Kopf vom Kissen.

Die Herzoginmutter wies Friedchen an: "Pflege sie gut! Wenn es euch an etwas fehlt, kommt zu mir." Dann machte sie sich mit Frau Wang auf den Rückweg in ihre eigenen Gemächer. Unterwegs hörte sie aus zwei, drei Ecken Weinlaute. Das war mehr, als sie ertragen konnte. Sie schickte Frau Wang fort und wies Schatzjade an: "Geh und verabschiede dich von deinem Onkel und deinem Vetter, dann komm sofort zurück."

Allein ließ sie sich auf ihr Ruhebett fallen und weinte. Mandarinenente versuchte mit allen erdenklichen Worten, sie zu trösten, und schließlich schlief die Herzoginmutter ein.

Der Abschied von Kaufmann Begnadigung und Kaufmann Juwel war voller Schmerz. Die zu ihrer Begleitung bestimmten Diener wollten allesamt nicht gehen und beklagten laut ihr Schicksal. Im Leben verlassen zu werden ist wahrlich noch schmerzhafter als durch den Tod getrennt zu werden, und die Zuschauer litten noch mehr als die Betroffenen selbst. Das einst so glanzvolle Rongguo-Anwesen war nun von Menschengeheul und Geisterweinen erfüllt.

Kaufmann Aufrecht, stets ein Mann der Formen und der Pflichterfüllung, erwies seinem älteren Bruder den gebührenden Respekt. Sie reichten sich zu Hause die Hände, und dann ritt Kaufmann Aufrecht voraus vor die Stadtmauer, wo er rituell den Abschiedswein darreichte. Er ermahnte Kaufmann Begnadigung, an die Erwartungen zu denken, die der Staat an die Nachkommen verdienter Vorfahren stelle, und sich diesen durch treuen Dienst würdig zu erweisen. Kaufmann Begnadigung und Kaufmann Juwel wischten sich die Tränen ab und machten sich in verschiedene Richtungen auf den Weg.

Kaufmann Aufrecht kehrte mit Schatzjade nach Hause zurück. Noch bevor sie das Tor erreichten, sahen sie draußen eine Menschenmenge, die laut durcheinanderrief: "Heute ist ein kaiserlicher Erlass ergangen: Das erbliche Amt des Herzogs von Rongguo wird Kaufmann Aufrecht übertragen!"

Die Leute verlangten ein Trinkgeld für die gute Nachricht, doch die Pförtner stritten mit ihnen: "Es ist ein Titel, der schon immer in unserer Familie war, und jetzt hat unser Herr ihn geerbt. Was gibt es da zu feiern?"

Die Leute riefen: "Die Ehre eines erblichen Amtes ist höher als alles andere! Euer älterer Herr hat den Titel verspielt, und den wiederzubekommen war unmöglich. Jetzt hat Seine Majestät in seiner Gnade, die größer ist als der Himmel, den Titel dem Herrn Aufrecht verliehen. So etwas kommt nur einmal in tausend Jahren vor -- wie soll das kein Trinkgeld wert sein?"

Gerade als sie sich stritten, kam Kaufmann Aufrecht nach Hause. Die Pförtner berichteten ihm. Obwohl es eine freudige Nachricht war, verdankte er sein Glück letztlich der Schande seines Bruders, und so waren seine Gefühle eher von Dankbarkeit und Tränen geprägt als von Freude. Er eilte nach drinnen und berichtete der Herzoginmutter. Sie freute sich natürlich und ermahnte ihn, sich der Gnade durch treuen Dienst würdig zu erweisen.

Frau Wang kam gerade, um die Herzoginmutter zu trösten, und als sie von der Wiederherstellung des Titels erfuhr, war auch sie erfreut. Nur die Dame Xing und Frau You waren innerlich bitter, doch sie konnten es nicht zeigen.

Die opportunistischen Verwandten und Freunde, die sich in schlechten Zeiten ferngehalten hatten, erfuhren nun, dass Kaufmann Aufrecht den Titel erhalten hatte, und schlossen daraus, dass die Familie immer noch die Gunst Seiner Majestät genieße. Sie kamen in Scharen, um ihre Glückwünsche darzubringen.

Doch Kaufmann Aufrecht war von Natur ein durch und durch aufrichtiger Mann. Dass er den Titel seines Bruders erhalten hatte, bereitete ihm eher Unbehagen als Freude, und er dachte vor allem daran, wie er seine Dankbarkeit gegenüber dem Thron unter Beweis stellen könnte. Am nächsten Tag ging er in den Palast, um formell zu danken, und ging so weit, in einem Antrag um Rückgabe des verschonten Anwesens und des Gartens der Großen Betrachtung an den Staat zu bitten. Ein kaiserlicher Erlass lehnte dies als unnötig ab. Kaufmann Aufrecht kehrte beruhigt nach Hause zurück und widmete sich fortan pflichtbewusst seinem Amt.

Doch die Familienfinanzen waren in desolatem Zustand: Die Ausgaben überstiegen die Einnahmen bei weitem. Kaufmann Aufrecht war nicht der Mann für gesellschaftliche Beziehungspflege. Die Diener sahen seine Redlichkeit; Phönixglanz war krank und konnte den Haushalt nicht führen; Kaufmann Kettes Schulden wuchsen von Tag zu Tag, und es schien unvermeidlich, weiteres Eigentum und Land zu veräußern. Die wohlhabenderen unter den Dienern fürchteten, Kaufmann Kette könnte sie um Geld bitten, taten arm, mieden den Dienst und suchten sich anderweitige Beschäftigung.

Nur einer war eine Ausnahme: Bao Yong. Obwohl er erst kurz vor der Krise als Neuling eingetreten war, erwies er sich als aufrichtig und pflichtbewusst. Es empörte ihn, wie die anderen Diener ihren Herrn hintergingen. Da er aber ein Neuankömmling war, konnte er kein Wort mitreden. So aß er seinen Reis und legte sich verdrossen schlafen. Die anderen mochten ihn nicht, weil er nicht mitmachte, und beschwerten sich bei Kaufmann Aufrecht: Er sei den ganzen Tag betrunken, stifte Unruhe und drücke sich vor der Arbeit.

Kaufmann Aufrecht sagte: "Lasst ihn. Er wurde von der Familie Zhen empfohlen, da können wir nicht so streng sein. Wir sind zwar arm, aber ein Esser mehr oder weniger fällt nicht ins Gewicht." Er ließ Bao Yong nicht fortjagen. Die Diener gingen mit ihren Klagen auch zu Kaufmann Kette, doch der wagte selbst nicht mehr autoritär aufzutreten und ließ die Sache auf sich beruhen.

Eines Tages hielt Bao Yong es nicht mehr aus. Er trank einige Becher Wein und bummelte auf der Straße vor dem Rongguo-Anwesen, wo er zwei Männer miteinander reden hörte.

Der eine sagte: "Sieh dir dieses große Haus an! Neulich wurde es durchsucht. Ich frage mich, wie es ihnen jetzt geht."

Der andere antwortete: "Die werden schon zurechtkommen! Ich habe gehört, eine ihrer Töchter war kaiserliche Nebengemahlin. Auch wenn sie tot ist, solche Verbindungen lösen sich nicht so schnell auf. Außerdem sieht man ständig Fürsten und Adlige bei ihnen ein- und ausgehen. Die werden schon jemanden finden, der ihnen hilft. Der jetzige Präfekt, der frühere Kriegsminister -- die sind alle aus derselben Sippe. Mit solchen Leuten wird alles gut gehen!"

Der erste erwiderte: "Du wohnst hier und hast doch keine Ahnung! Von den anderen Freunden weiß ich nichts, aber dieser hohe Beamte Jia, den du erwähnst -- der ist der Schlimmste! Ich habe ihn oft in den beiden Kaufmann-Anwesen ein- und ausgehen sehen, also stand er früher gut mit ihnen. Als dann der Zensor die Anklage einreichte, befahl Seine Majestät dem Präfekten, die Tatsachen zu untersuchen. Und was hat der getan? Weil er den beiden Häusern einiges schuldig war und fürchtete, man könnte ihm vorwerfen, seine Verwandten zu decken, hat er umso schärfer gegen sie ausgesagt. Erst dadurch kam es zur Beschlagnahmung beider Häuser. Ist das nicht entsetzlich, wie die Leute heutzutage ihre Freunde behandeln?"

Die beiden plauderten arglos dahin, ohne zu ahnen, dass jemand neben ihnen alles mithörte. Bao Yong dachte empört: "Dass so ein Schuft frei herumläuft! Ich wüsste gern, in welcher Beziehung er zu unserem Herrn steht. Wenn ich den zu fassen bekomme, prügle ich ihn tot, und die Folgen trage ich!"

Bao Yong war gerade in seinem Weinrausch dabei, wilde Rachepläne zu schmieden, als er von der anderen Seite die Rufe von Vorlaufboten hörte. Er blieb stehen und beobachtete aus der Ferne. Die beiden Männer flüsterten einander zu: "Da kommt er ja -- der hohe Beamte Jia, von dem wir gerade sprachen!"

Bao Yong hörte das, und der Wein gab ihm den nötigen Mut. Er brüllte laut: "Gewissenloser Kerl! Wie kannst du die Güte unserer Familie Kaufmann vergessen?" Jia Yucun hörte in seiner Sänfte das Wort "Kaufmann" und blickte aufmerksam hinaus. Er sah nur einen Betrunkenen und kümmerte sich nicht weiter darum. Die Sänfte zog weiter.

Bao Yong stolperte betrunken und zufrieden mit sich nach Hause, erkundigte sich bei seinen Kameraden und erfuhr, dass jener hohe Beamte seinen gesamten Aufstieg tatsächlich der Gunst der Familie Kaufmann verdankte. "So ein undankbarer Schuft! Ich habe ihm meine Meinung gesagt, und er hat nicht gewagt, mir zu widersprechen!"

Die anderen Diener, die Bao Yong allesamt nicht leiden konnten, hatten bisher Kaufmann Aufrecht nicht überzeugen können, ihn loszuwerden. Nun hatten sie den perfekten Vorwand. Sie nutzten die Gelegenheit, während Kaufmann Aufrecht frei war, und berichteten ihm, Bao Yong habe betrunken auf der Straße Unruhe gestiftet.

Kaufmann Aufrecht, der große Angst hatte, erneut Schwierigkeiten mit den Behörden zu bekommen, war sehr erzürnt, als er davon hörte. Er ließ Bao Yong rufen und schalt ihn gehörig aus. Da er ihn wegen der Empfehlung durch die Familie Zhen nicht zu hart bestrafen konnte, versetzte er ihn zur Strafe als Wächter in den Garten und verbot ihm, sich draußen herumzutreiben.

Bao Yong war ein aufrichtiger, geradliniger Mensch. Hatte er einmal einen Herrn angenommen, diente er ihm mit ganzem Herzen. Dass Kaufmann Aufrecht den Verleumdungen der anderen geglaubt und ihn ausgescholten hatte, betrübte ihn zutiefst. Doch er sagte kein Wort des Protests. Er packte nur seine Sachen und ging in den Garten, um dort seine Aufgaben als Wächter und Gärtner zu versehen.

Was danach geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.

Anmerkungen



Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).