Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 21"
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Zärtlicher Tadel ermahnt Schatzjade<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Jade-Schatz".</ref> — Die reizende Friedchen<ref>Chin. 平儿 Píng'ér, Phönixglanz' Kammerzofe.</ref> rettet Kaufmann Jadeschale mit sanften Worten | Zärtlicher Tadel ermahnt Schatzjade<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Jade-Schatz".</ref> — Die reizende Friedchen<ref>Chin. 平儿 Píng'ér, Phönixglanz' Kammerzofe.</ref> rettet Kaufmann Jadeschale mit sanften Worten | ||
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An jenem Abend, als bereits die Lampen angezündet waren, kamen Frau Wang, Li Schleierfrau, Phönixglanz<ref>Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, „Strahlender Phönix".</ref>, Willkommensfrühling, Spürfrühling und Bewahrfrühling zu Herzoginmutter<ref>Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, Matriarchin der Kaufmann-Familie.</ref>, plauderten eine Weile und gingen dann alle zu Bett. Wolke vom Xiang-Fluss übernachtete wieder in Kajaljades Zimmer. | An jenem Abend, als bereits die Lampen angezündet waren, kamen Frau Wang, Li Schleierfrau, Phönixglanz<ref>Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, „Strahlender Phönix".</ref>, Willkommensfrühling, Spürfrühling und Bewahrfrühling zu Herzoginmutter<ref>Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, Matriarchin der Kaufmann-Familie.</ref>, plauderten eine Weile und gingen dann alle zu Bett. Wolke vom Xiang-Fluss übernachtete wieder in Kajaljades Zimmer. | ||
| − | Schatzjade begleitete die beiden in ihr Zimmer; es war bereits weit nach der zweiten Nachtwache [Anm.: etwa 21-23 Uhr], und Dufthauch<ref>Chin. 袭人 Xírén, „die Überraschende".</ref> hatte ihn schon mehrmals zum Schlafengehen gerufen, ehe er endlich in sein eigenes Zimmer zurückkehrte. Am nächsten Morgen, kaum dass es hell wurde, warf er sich das Obergewand über und schlüpfte in die Schuhe, um in Kajaljades Zimmer zu eilen. Purpurkuckuck [紫鹃] und Cuilu waren nirgends zu sehen, nur die beiden Schwestern lagen noch unter der Bettdecke. Kajaljade war fest und dicht in eine aprikosenrote Seidendecke gehüllt und schlief friedlich mit geschlossenen Augen. Wolke vom Xiang-Fluss dagegen hatte ihr schwarzes Haar über das Kissen gebreitet, die Decke reichte ihr nur bis zur Brust, und ein schneeweißer Arm ragte hervor, an dem zwei goldene Armreifen blinkten. Schatzjade seufzte bei ihrem Anblick: „Selbst im Schlaf ist sie nicht brav! Wenn der Wind weht, klagt sie wieder über Schulterschmerzen." Während er so sprach, deckte er sie behutsam zu. Kajaljade war längst wach, spürte, dass jemand da war, und vermutete sogleich, es müsse Schatzjade sein. Als sie sich umdrehte und nachsah, bestätigte sich ihre Vermutung. „So früh schon hergelaufen — was willst du?", fragte sie. Schatzjade lachte: „Es ist noch ganz früh! Steh auf und schau selbst." Kajaljade sagte: „Geh erst hinaus, damit wir aufstehen können." Schatzjade hörte dies und drehte sich um, ging nach draußen. | + | Schatzjade begleitete die beiden in ihr Zimmer; es war bereits weit nach der zweiten Nachtwache [Anm.: etwa 21-23 Uhr], und Dufthauch<ref>Chin. 袭人 Xírén, „die Überraschende".</ref> hatte ihn schon mehrmals zum Schlafengehen gerufen, ehe er endlich in sein eigenes Zimmer zurückkehrte. Am nächsten Morgen, kaum dass es hell wurde, warf er sich das Obergewand über und schlüpfte in die Schuhe, um in Kajaljades Zimmer zu eilen. Purpurkuckuck<ref>Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurner Kuckuck". Kajaljades treue Kammerzofe.</ref> [紫鹃] und Cuilu waren nirgends zu sehen, nur die beiden Schwestern lagen noch unter der Bettdecke. Kajaljade war fest und dicht in eine aprikosenrote Seidendecke gehüllt und schlief friedlich mit geschlossenen Augen. Wolke vom Xiang-Fluss dagegen hatte ihr schwarzes Haar über das Kissen gebreitet, die Decke reichte ihr nur bis zur Brust, und ein schneeweißer Arm ragte hervor, an dem zwei goldene Armreifen blinkten. Schatzjade seufzte bei ihrem Anblick: „Selbst im Schlaf ist sie nicht brav! Wenn der Wind weht, klagt sie wieder über Schulterschmerzen." Während er so sprach, deckte er sie behutsam zu. Kajaljade war längst wach, spürte, dass jemand da war, und vermutete sogleich, es müsse Schatzjade sein. Als sie sich umdrehte und nachsah, bestätigte sich ihre Vermutung. „So früh schon hergelaufen — was willst du?", fragte sie. Schatzjade lachte: „Es ist noch ganz früh! Steh auf und schau selbst." Kajaljade sagte: „Geh erst hinaus, damit wir aufstehen können." Schatzjade hörte dies und drehte sich um, ging nach draußen. |
Kajaljade stand auf und weckte Wolke vom Xiang-Fluss, und beide zogen sich an. Schatzjade kam wieder herein und setzte sich neben den Frisiertisch. Da kamen Purpurkuckuck und Xueyan herein, um beim Waschen und Frisieren zu helfen. Wolke vom Xiang-Fluss hatte sich das Gesicht gewaschen, und Cuilu wollte gerade das restliche Wasser ausschütten, als Schatzjade sagte: „Halt, ich wasche mich gleich auch damit, das spart den Umweg." Er ging hinüber und wusch sich, beugte sich über die Schüssel. Purpurkuckuck reichte ihm die Seife, doch Schatzjade sagte: „In der Schüssel ist noch genug, ich brauche keine Seife mehr." Er wusch sich noch zweimal und verlangte ein Handtuch. Cuilu sagte: „Immer noch diese schlechte Angewohnheit! Wann wirst du dich endlich ändern?" Schatzjade kümmerte sich nicht darum, putzte sich eilig die Zähne mit grünem Salz, spülte den Mund und war fertig. Da Wolke vom Xiang-Fluss ihr Haar bereits frisiert hatte, ging er zu ihr und sagte lachend: „Liebe Schwester, frisiere mir doch das Haar." Wolke vom Xiang-Fluss erwiderte: „Das geht nun wirklich nicht." Schatzjade lachte: „Liebe Schwester, warum hast du es denn früher für mich getan?" Wolke vom Xiang-Fluss sagte: „Das habe ich inzwischen vergessen, wie soll ich denn frisieren?" Schatzjade sagte: „Ich gehe ja nicht aus und brauche weder Kappe noch Stirnband, ein paar lose Zöpfe genügen vollkommen." Er flehte sie mit tausend „liebe Schwester" an. Wolke vom Xiang-Fluss musste nachgeben und nahm seinen Kopf in beide Hände, um ihn sorgfältig zu kämmen und zu frisieren. Da er zu Hause keine Kappe trug und das Haar nicht zu einem Knoten band, flocht sie nur die kurzen Haare rings um den Kopf zu kleinen Zöpfchen, fasste sie oben zusammen und flocht einen großen Zopf, den sie mit einem roten Band zusammenhielt. Vom Scheitel bis zum Zopfende waren vier Perlen aufgereiht, unten hing ein goldenes Anhängerchen. Während sie flocht, sagte Wolke vom Xiang-Fluss: „Da sind nur noch drei Perlen, diese eine ist anders. Ich erinnere mich, dass sie alle gleich waren — wie kommt es, dass eine fehlt?" Schatzjade sagte: „Eine ist verlorengegangen." Wolke vom Xiang-Fluss sagte: „Bestimmt ist sie dir draußen heruntergefallen, und jemand hat sie aufgelesen — ein Glückspilz!" Kajaljade, die sich gerade die Hände wusch, bemerkte spöttisch: „Wer weiß, ob sie wirklich verloren ging oder ob sie nicht jemandem gegeben wurde, um sie irgendwo einfassen zu lassen!" Schatzjade antwortete nicht und griff, da auf beiden Seiten des Frisiertisches allerhand Schmuckstücke lagen, gedankenlos nach einem Stück, um es zu betrachten, und nahm dann unwillkürlich einen Schminktopf in die Hand, als wolle er sich davon auf die Lippen tupfen, traute sich aber nicht, weil Wolke vom Xiang-Fluss es sehen könnte. Während er noch zögerte, hatte Wolke vom Xiang-Fluss ihn tatsächlich von hinten bemerkt; mit einer Hand hielt sie den Zopf, mit der anderen klatschte sie ihm auf die Hand, sodass der Schminktopf zu Boden fiel. „Diese schlechte Angewohnheit!", sagte sie. „Wann wirst du dich endlich bessern!" | Kajaljade stand auf und weckte Wolke vom Xiang-Fluss, und beide zogen sich an. Schatzjade kam wieder herein und setzte sich neben den Frisiertisch. Da kamen Purpurkuckuck und Xueyan herein, um beim Waschen und Frisieren zu helfen. Wolke vom Xiang-Fluss hatte sich das Gesicht gewaschen, und Cuilu wollte gerade das restliche Wasser ausschütten, als Schatzjade sagte: „Halt, ich wasche mich gleich auch damit, das spart den Umweg." Er ging hinüber und wusch sich, beugte sich über die Schüssel. Purpurkuckuck reichte ihm die Seife, doch Schatzjade sagte: „In der Schüssel ist noch genug, ich brauche keine Seife mehr." Er wusch sich noch zweimal und verlangte ein Handtuch. Cuilu sagte: „Immer noch diese schlechte Angewohnheit! Wann wirst du dich endlich ändern?" Schatzjade kümmerte sich nicht darum, putzte sich eilig die Zähne mit grünem Salz, spülte den Mund und war fertig. Da Wolke vom Xiang-Fluss ihr Haar bereits frisiert hatte, ging er zu ihr und sagte lachend: „Liebe Schwester, frisiere mir doch das Haar." Wolke vom Xiang-Fluss erwiderte: „Das geht nun wirklich nicht." Schatzjade lachte: „Liebe Schwester, warum hast du es denn früher für mich getan?" Wolke vom Xiang-Fluss sagte: „Das habe ich inzwischen vergessen, wie soll ich denn frisieren?" Schatzjade sagte: „Ich gehe ja nicht aus und brauche weder Kappe noch Stirnband, ein paar lose Zöpfe genügen vollkommen." Er flehte sie mit tausend „liebe Schwester" an. Wolke vom Xiang-Fluss musste nachgeben und nahm seinen Kopf in beide Hände, um ihn sorgfältig zu kämmen und zu frisieren. Da er zu Hause keine Kappe trug und das Haar nicht zu einem Knoten band, flocht sie nur die kurzen Haare rings um den Kopf zu kleinen Zöpfchen, fasste sie oben zusammen und flocht einen großen Zopf, den sie mit einem roten Band zusammenhielt. Vom Scheitel bis zum Zopfende waren vier Perlen aufgereiht, unten hing ein goldenes Anhängerchen. Während sie flocht, sagte Wolke vom Xiang-Fluss: „Da sind nur noch drei Perlen, diese eine ist anders. Ich erinnere mich, dass sie alle gleich waren — wie kommt es, dass eine fehlt?" Schatzjade sagte: „Eine ist verlorengegangen." Wolke vom Xiang-Fluss sagte: „Bestimmt ist sie dir draußen heruntergefallen, und jemand hat sie aufgelesen — ein Glückspilz!" Kajaljade, die sich gerade die Hände wusch, bemerkte spöttisch: „Wer weiß, ob sie wirklich verloren ging oder ob sie nicht jemandem gegeben wurde, um sie irgendwo einfassen zu lassen!" Schatzjade antwortete nicht und griff, da auf beiden Seiten des Frisiertisches allerhand Schmuckstücke lagen, gedankenlos nach einem Stück, um es zu betrachten, und nahm dann unwillkürlich einen Schminktopf in die Hand, als wolle er sich davon auf die Lippen tupfen, traute sich aber nicht, weil Wolke vom Xiang-Fluss es sehen könnte. Während er noch zögerte, hatte Wolke vom Xiang-Fluss ihn tatsächlich von hinten bemerkt; mit einer Hand hielt sie den Zopf, mit der anderen klatschte sie ihm auf die Hand, sodass der Schminktopf zu Boden fiel. „Diese schlechte Angewohnheit!", sagte sie. „Wann wirst du dich endlich bessern!" | ||
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| + | ''Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本).'' | ||
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Revision as of 12:35, 15 April 2026
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Kapitel 21
Zärtlicher Tadel ermahnt Schatzjade[1] — Die reizende Friedchen[2] rettet Kaufmann Jadeschale mit sanften Worten
Es wird erzählt, dass Wolke vom Xiang-Fluss[3] herausgerannt kam, aus Furcht, Kajaljade[4] könnte sie einholen. Schatzjade rief ihr von hinten hastig nach: „Pass auf, dass du nicht stolperst! Sie kann dich doch gar nicht mehr einholen!" Kajaljade war bis zur Tür gelaufen, doch Schatzjade versperrte ihr den Weg, die Arme gegen den Türrahmen gespreizt, und riet ihr lachend: „Lass sie diesmal davonkommen." Kajaljade rang mit seinen Händen und sagte: „Wenn ich Yun'er diesmal verschone, will ich nicht mehr leben!" Wolke vom Xiang-Fluss sah, dass Schatzjade die Tür blockierte und Kajaljade wohl nicht herauskommen konnte, blieb stehen und rief lachend: „Liebe Schwester, verschone mich diesmal!" Da kam gerade Schatzspange[5] hinter Wolke vom Xiang-Fluss und sagte ebenfalls lachend: „Ich rate euch beiden, um Bruder Schatzjades willen doch die Sache auf sich beruhen zu lassen." Kajaljade erwiderte: „Da mache ich nicht mit. Ihr steckt unter einer Decke und wollt mich zum Narren halten!" Schatzjade beschwichtigte: „Wer würde es wagen, sich über dich lustig zu machen! Wenn du ihn nicht aufgezogen hättest, hätte er sich doch nie getraut, so etwas über dich zu sagen." Gerade als die vier noch stritten und keine Lösung fanden, kam jemand, um sie zum Essen zu rufen, und so gingen sie alle nach vorne.
An jenem Abend, als bereits die Lampen angezündet waren, kamen Frau Wang, Li Schleierfrau, Phönixglanz[6], Willkommensfrühling, Spürfrühling und Bewahrfrühling zu Herzoginmutter[7], plauderten eine Weile und gingen dann alle zu Bett. Wolke vom Xiang-Fluss übernachtete wieder in Kajaljades Zimmer.
Schatzjade begleitete die beiden in ihr Zimmer; es war bereits weit nach der zweiten Nachtwache [Anm.: etwa 21-23 Uhr], und Dufthauch[8] hatte ihn schon mehrmals zum Schlafengehen gerufen, ehe er endlich in sein eigenes Zimmer zurückkehrte. Am nächsten Morgen, kaum dass es hell wurde, warf er sich das Obergewand über und schlüpfte in die Schuhe, um in Kajaljades Zimmer zu eilen. Purpurkuckuck[9] [紫鹃] und Cuilu waren nirgends zu sehen, nur die beiden Schwestern lagen noch unter der Bettdecke. Kajaljade war fest und dicht in eine aprikosenrote Seidendecke gehüllt und schlief friedlich mit geschlossenen Augen. Wolke vom Xiang-Fluss dagegen hatte ihr schwarzes Haar über das Kissen gebreitet, die Decke reichte ihr nur bis zur Brust, und ein schneeweißer Arm ragte hervor, an dem zwei goldene Armreifen blinkten. Schatzjade seufzte bei ihrem Anblick: „Selbst im Schlaf ist sie nicht brav! Wenn der Wind weht, klagt sie wieder über Schulterschmerzen." Während er so sprach, deckte er sie behutsam zu. Kajaljade war längst wach, spürte, dass jemand da war, und vermutete sogleich, es müsse Schatzjade sein. Als sie sich umdrehte und nachsah, bestätigte sich ihre Vermutung. „So früh schon hergelaufen — was willst du?", fragte sie. Schatzjade lachte: „Es ist noch ganz früh! Steh auf und schau selbst." Kajaljade sagte: „Geh erst hinaus, damit wir aufstehen können." Schatzjade hörte dies und drehte sich um, ging nach draußen.
Kajaljade stand auf und weckte Wolke vom Xiang-Fluss, und beide zogen sich an. Schatzjade kam wieder herein und setzte sich neben den Frisiertisch. Da kamen Purpurkuckuck und Xueyan herein, um beim Waschen und Frisieren zu helfen. Wolke vom Xiang-Fluss hatte sich das Gesicht gewaschen, und Cuilu wollte gerade das restliche Wasser ausschütten, als Schatzjade sagte: „Halt, ich wasche mich gleich auch damit, das spart den Umweg." Er ging hinüber und wusch sich, beugte sich über die Schüssel. Purpurkuckuck reichte ihm die Seife, doch Schatzjade sagte: „In der Schüssel ist noch genug, ich brauche keine Seife mehr." Er wusch sich noch zweimal und verlangte ein Handtuch. Cuilu sagte: „Immer noch diese schlechte Angewohnheit! Wann wirst du dich endlich ändern?" Schatzjade kümmerte sich nicht darum, putzte sich eilig die Zähne mit grünem Salz, spülte den Mund und war fertig. Da Wolke vom Xiang-Fluss ihr Haar bereits frisiert hatte, ging er zu ihr und sagte lachend: „Liebe Schwester, frisiere mir doch das Haar." Wolke vom Xiang-Fluss erwiderte: „Das geht nun wirklich nicht." Schatzjade lachte: „Liebe Schwester, warum hast du es denn früher für mich getan?" Wolke vom Xiang-Fluss sagte: „Das habe ich inzwischen vergessen, wie soll ich denn frisieren?" Schatzjade sagte: „Ich gehe ja nicht aus und brauche weder Kappe noch Stirnband, ein paar lose Zöpfe genügen vollkommen." Er flehte sie mit tausend „liebe Schwester" an. Wolke vom Xiang-Fluss musste nachgeben und nahm seinen Kopf in beide Hände, um ihn sorgfältig zu kämmen und zu frisieren. Da er zu Hause keine Kappe trug und das Haar nicht zu einem Knoten band, flocht sie nur die kurzen Haare rings um den Kopf zu kleinen Zöpfchen, fasste sie oben zusammen und flocht einen großen Zopf, den sie mit einem roten Band zusammenhielt. Vom Scheitel bis zum Zopfende waren vier Perlen aufgereiht, unten hing ein goldenes Anhängerchen. Während sie flocht, sagte Wolke vom Xiang-Fluss: „Da sind nur noch drei Perlen, diese eine ist anders. Ich erinnere mich, dass sie alle gleich waren — wie kommt es, dass eine fehlt?" Schatzjade sagte: „Eine ist verlorengegangen." Wolke vom Xiang-Fluss sagte: „Bestimmt ist sie dir draußen heruntergefallen, und jemand hat sie aufgelesen — ein Glückspilz!" Kajaljade, die sich gerade die Hände wusch, bemerkte spöttisch: „Wer weiß, ob sie wirklich verloren ging oder ob sie nicht jemandem gegeben wurde, um sie irgendwo einfassen zu lassen!" Schatzjade antwortete nicht und griff, da auf beiden Seiten des Frisiertisches allerhand Schmuckstücke lagen, gedankenlos nach einem Stück, um es zu betrachten, und nahm dann unwillkürlich einen Schminktopf in die Hand, als wolle er sich davon auf die Lippen tupfen, traute sich aber nicht, weil Wolke vom Xiang-Fluss es sehen könnte. Während er noch zögerte, hatte Wolke vom Xiang-Fluss ihn tatsächlich von hinten bemerkt; mit einer Hand hielt sie den Zopf, mit der anderen klatschte sie ihm auf die Hand, sodass der Schminktopf zu Boden fiel. „Diese schlechte Angewohnheit!", sagte sie. „Wann wirst du dich endlich bessern!"
Sie hatte noch nicht ausgeredet, da kam Dufthauch herein. Als sie sah, dass die Morgentoilette bereits erledigt war, ging sie zurück, um sich selbst zu waschen und zu frisieren. Plötzlich kam Schatzspange herein und fragte: „Wo ist Bruder Schatzjade?" Dufthauch lächelte und sagte: „Bruder Schatzjade hat kaum je Zeit, zu Hause zu bleiben!" Schatzspange verstand sofort. Dann hörte sie Dufthauch seufzen: „Unter Geschwistern kann man sich gut verstehen, aber es sollte doch ein gewisses Maß an Anstand gewahrt bleiben, statt Tag und Nacht herumzutollen! Egal, wie man ihn ermahnt — alles prallt an ihm ab wie Wind am Ohr." Schatzspange dachte bei sich: „Da habe ich diese Dienerin wohl unterschätzt. Wenn man ihr so zuhört, hat sie durchaus Verstand." Sie setzte sich auf den Kang und erkundigte sich in ungezwungenem Plaudern nach Dufthauchs Alter, Heimat und dergleichen, beobachtete sie dabei aufmerksam und fand ihr Wesen und ihren Charakter zutiefst achtens- und liebenswert.
Bald darauf kam Schatzjade zurück, und Schatzspange ging hinaus. Schatzjade fragte Dufthauch: „Warum habt ihr beiden euch so angeregt unterhalten, und kaum komme ich herein, läuft sie davon?" Beim ersten Fragen gab sie keine Antwort; als er ein zweites Mal fragte, erwiderte Dufthauch: „Fragst du mich? Woher soll ich eure Gründe kennen?" Schatzjade hörte diese Worte und sah ihrem Gesichtsausdruck an, dass etwas anders war als sonst. Er lachte: „Warum bist du denn wirklich böse?" Dufthauch lachte kühl: „Wie könnte ich es wagen, böse zu sein! Nur komm von nun an nicht mehr in dieses Zimmer. Du hast ja genug andere, die dich bedienen, ruf mich nicht mehr her. Ich werde wieder zur alten Herrin gehen und ihr aufwarten." Während sie das sagte, legte sie sich auf den Kang und schloss die Augen. Schatzjade sah das und war zutiefst bestürzt. Er eilte zu ihr, um sie zu besänftigen, doch Dufthauch hielt die Augen geschlossen und beachtete ihn nicht. Schatzjade war ratlos und fragte Moschusmond [麝月], die gerade hereinkam: „Was ist mit deiner Schwester los?" Moschusmond sagte: „Woher soll ich das wissen? Frag dich selber, dann wirst du es verstehen." Schatzjade war verdutzt, saß eine Weile da und fühlte sich ganz elend. Schließlich seufzte er und sagte: „Wenn du mich nicht beachten willst — gut, dann gehe ich schlafen." Er stieg vom Kang und legte sich auf sein Bett. Dufthauch hörte, dass er lange nichts tat und leise zu schnarchen begann, und da sie annahm, dass er eingeschlafen war, stand sie auf, holte einen Umhang und wollte ihn gerade zudecken, als Schatzjade ihn mit einem Ruck abwarf und ebenfalls die Augen schloss und so tat, als schliefe er. Dufthauch wusste, was er meinte, nickte und sagte kühl lächelnd: „Du brauchst nicht böse zu sein. Von nun an werde ich einfach stumm sein und dich kein einziges Wort mehr tadeln — ist dir das recht?" Schatzjade konnte nicht anders und setzte sich auf: „Was habe ich denn nun wieder getan? Du hast mich ermahnt — gut. Aber eben war nichts von einer Ermahnung zu hören. Kaum bin ich hereingekommen, hast du mich nicht beachtet und dich beleidigt schlafen gelegt. Ich wusste nicht einmal, warum. Und jetzt sagst du, ich sei böse. Aber wann habe ich denn deine Ermahnung gehört?" Dufthauch sagte: „In deinem Herzen weißt du es ganz genau, und du wartest noch, dass ich es ausspreche!"
Mitten in diesem Streit schickte Herzoginmutter jemanden, um ihn zum Essen zu rufen, und so ging er nach vorne. Er aß lustlos eine halbe Schale und kehrte in sein Zimmer zurück. Dufthauch lag auf dem äußeren Kang und schlief, Moschusmond saß daneben und spielte mit Dominosteinen. Schatzjade wusste, dass Moschusmond und Dufthauch sehr vertraut miteinander waren, und beachtete deshalb auch Moschusmond nicht, sondern hob den Vorhang und ging ins Innenzimmer. Moschusmond musste ihm wohl oder übel folgen. Schatzjade schob sie hinaus und sagte: „Ich wage es nicht, euch zu stören." Moschusmond lachte und ging hinaus und rief zwei kleine Dienerinnen herein. Schatzjade nahm ein Buch und las eine Weile darin. Als er nach Tee verlangte und den Kopf hob, sah er nur die beiden kleinen Dienerinnen unten stehen. Die ältere von beiden war recht hübsch. Schatzjade fragte: „Wie heißt du?" Die Dienerin sagte: „Huixiang." [Anm.: „Duftende Orchidee"] Schatzjade fragte: „Wer hat dir den Namen gegeben?" Huixiang sagte: „Ursprünglich hieß ich Yunxiang [„Duftraute"], aber die große Schwester Hua hat ihn in Huixiang geändert." Schatzjade sagte: „Eigentlich solltest du ‚Huiqi' [‚Pechvogel'] heißen, was soll das, Huixiang!" Er fragte weiter: „Wie viele Geschwister seid ihr?" Huixiang sagte: „Vier." Schatzjade fragte: „Die wievielte bist du?" Huixiang sagte: „Die Vierte." Schatzjade sagte: „Ab morgen heißt du einfach ‚Si'er' [‚die Vierte'], wozu braucht es ‚Huixiang' oder ‚Lanqi'? Keine von euch ist es wert, sich mit diesen schönen Blumennamen zu schmücken — das besudelt nur die guten Namen." Während er sprach, ließ er sich Tee bringen und trank. Dufthauch und Moschusmond hörten im Vorzimmer zu und kicherten.
An diesem Tag ging Schatzjade kaum aus seinem Zimmer, trieb sich auch nicht mit seinen Schwestern und Dienerinnen herum, sondern saß lustlos da, vertrieb sich die Zeit mit Lesen oder Schreibübungen und bediente sich nicht der Dienerschaft, sondern rief nur Si'er. Nun war Si'er eine überaus kluge und geschickte kleine Dienerin. Als sie sah, dass Schatzjade sie bevorzugte, tat sie alles, um seine Zuneigung zu gewinnen. Am Abend nach dem Essen hatte Schatzjade einige Becher Wein getrunken, seine Augen waren glasig und die Ohren heiß. An gewöhnlichen Tagen hätte er mit Dufthauch und den anderen gelacht und gescherzt, doch heute war es einsam und still — er saß allein vor der Lampe und fühlte sich trostlos. Hätte er sie zu sich geholt, hätten sie sich triumphierend gefühlt und ihn künftig noch weniger beachtet; hätte er die Autorität des Herrn herausgekehrt, wäre das allzu herzlos gewesen. Er beschloss also, sie einfach als gestorben zu betrachten — man musste ja auch ohne sie zurechtkommen. In dem Augenblick, da er sie für tot hielt, fühlte er sich von allen Banden befreit und geradezu heiter. Er befahl Si'er, den Lampendocht zu schneiden und Tee zu kochen, und begann, den Zhuangzi zu lesen, genauer den Abschnitt „Gekappte Koffer" aus dem Außenkapitel [Anm.: Kapitel 10 des Zhuangzi, 莊子外篇《胠篋》]. Der Text lautete:
„Darum: Beseitigt man die Heiligen und verwirft die Weisheit, so hören die großen Räuber auf. Zerbricht man Jade und zerstört Perlen, so erheben sich keine kleinen Diebe. Verbrennt man die Beglaubigungsmarken und zerbricht die Siegel, so wird das Volk schlicht und einfach. Zertrümmert man die Scheffel und zerbricht die Waagen, so hört das Volk auf zu streiten. Vernichtet man alle heiligen Gesetze der Welt, so lässt sich erst mit dem Volk beraten. Verdreht man die sechs Tonarten und zerschmilzt Flöten und Saitenspiele, verstopft man die Ohren des blinden Kuang [Anm.: legendärer Musikmeister], dann erst bewahren die Menschen ihr natürliches Gehör. Tilgt man Schriftzeichen, zerstreut die fünf Farben, verklebt die Augen des scharfsichtigen Li Zhu, dann erst bewahren die Menschen ihr natürliches Sehen. Zerstört man Richtschnur und Winkelmaß, bricht man die Finger des geschickten Handwerkers Chui, dann erst bewahren die Menschen ihre natürliche Geschicklichkeit."
Als er dies las, wurde er von Begeisterung ergriffen, und im Rausch des Weines konnte er nicht umhin, den Pinsel zu nehmen und fortzufahren:
„Verbrennt man Blumen und verstreut Moschus, dann erst bewahren die Frauengemächer ihre Ermahnung. Zerstört man Schatzspanges unsterbliche Schönheit, löscht man Kajaljades genialen Geist, vernichtet man Gefühl und Leidenschaft, dann erst werden Schönheit und Hässlichkeit in den Frauengemächern einander gleich. Bewahren sie ihre Ermahnung, gibt es keine Dissonanz mehr; zerstört man ihre unsterbliche Schönheit, gibt es kein Sehnen mehr; löscht man ihren genialen Geist, gibt es kein talentiertes Sinnen mehr. Denn Haarnadel und Jade, Blume und Moschus — sie alle sind Netze und Fallen, die dazu dienen, die Menschen der Welt zu betören und zu verstricken."
Als er dies geschrieben hatte, legte er den Pinsel nieder und ging zu Bett. Kaum berührte sein Kopf das Kissen, fiel er auch schon in Schlaf und wusste die ganze Nacht nicht, wo er war, bis er bei Tagesanbruch erwachte. Als er sich umdrehte, sah er Dufthauch, die angekleidet auf der Decke lag. Da Schatzjade die gestrigen Dinge bereits vergessen hatte, weckte er sie und sagte: „Steh auf und leg dich ordentlich hin, sonst erkältest du dich."
In Wahrheit hatte Dufthauch gesehen, dass er Tag und Nacht mit seinen Schwestern herumtollte, und wusste, dass direkte Ermahnungen nichts nützten. Deshalb hatte sie beschlossen, ihn mit sanfter List zu warnen, in der Erwartung, dass er spätestens nach einem halben Tag wieder einlenken würde. Doch zu ihrer Überraschung war Schatzjade einen ganzen Tag und eine Nacht lang nicht umgekehrt, und sie selbst verlor die Initiative und schlief die ganze Nacht schlecht. Als Schatzjade sie nun so behandelte, wusste sie, dass sein Herz sich gewendet hatte, und ignorierte ihn erst recht. Schatzjade sah, dass sie nicht reagierte, streckte die Hand aus und öffnete ihre Knöpfe. Gerade hatte er den ersten geöffnet, als Dufthauch seine Hand wegschob und den Knopf wieder schloss. Schatzjade war ratlos und ergriff lachend ihre Hand: „Was hast du denn nun eigentlich?" Er fragte mehrmals, bis Dufthauch die Augen öffnete und sagte: „Was soll ich haben? Du bist wach, geh drüben in dein Zimmer und wasch dich. Wenn du zu spät kommst, schaffst du es nicht mehr rechtzeitig." Schatzjade fragte: „Wohin soll ich gehen?" Dufthauch lachte kühl: „Was fragst du mich? Geh, wohin du willst. Von nun an gehen wir getrennte Wege, damit es kein Gezänk wie zwischen Hahn und Gans mehr gibt und andere über uns lachen. Wenn du dort drüben genug hast, kommst du hierher — und hier gibt es ja auch eine ‚Si'er' oder ‚Wu'er', die dich bedient. Unser Pack ist ja das, was ‚ehrbare Namen beschmutzt'." Schatzjade lachte: „Das hast du dir also von gestern gemerkt!" Dufthauch sagte: „Hundert Jahre werde ich mir das merken! Nicht so wie du — alles, was ich dir am Abend sage, hast du am Morgen vergessen." Als Schatzjade ihren schmollend-zärtlichen Ausdruck sah, konnte er sich nicht beherrschen, nahm eine Jade-Haarnadel vom Kopfkissen und zerbrach sie in zwei Stücke: „Wenn ich dir je wieder nicht zuhöre, soll es mir ergehen wie dieser Nadel!" Dufthauch hob eilig die Stücke auf und sagte: „Am frühen Morgen — wozu das alles? Ob du zuhörst oder nicht, ist es das wert, sich so aufzuregen?" Schatzjade sagte: „Du weißt nicht, wie verzweifelt ich mich fühle!" Dufthauch lachte: „Ah, du weißt also auch, was Verzweiflung ist! Kannst du dir dann vorstellen, wie mir zumute ist? Steh schnell auf und wasch dir das Gesicht." So standen beide auf und machten ihre Morgentoilette.
Nachdem Schatzjade in die oberen Gemächer gegangen war, kam Kajaljade herüber und fand Schatzjade nicht in seinem Zimmer. Sie blätterte in den Büchern auf dem Schreibtisch und stieß zufällig auf den Zhuangzi von gestern. Als sie die Fortsetzung las, war sie zugleich verärgert und belustigt und konnte nicht umhin, ebenfalls den Pinsel zu nehmen und ein Gedicht hinzuzufügen:
Wer ist der Mensch, der grundlos so den Pinsel führt? Der Nanhua-Meister Zhuangzi wird von ihm traktiert. Nicht tadelt er die eig'ne Blindheit, seinen Wahn — Nein, hässlich schilt er and're, die nichts dafür kann.
Nachdem sie geschrieben hatte, ging auch sie in die oberen Gemächer, um Herzoginmutter zu besuchen, und dann zu Frau Wang.
Da erfuhr sie, dass Phönixglanzs Tochter Da-jie erkrankt war, und alles in Aufruhr geriet, um einen Arzt rufen zu lassen. Der Arzt sagte: „Ich beglückwünsche die gnädige Frau! Das Fräulein hat Fieber, weil es die Pocken bekommen hat [Anm.: 见喜, euphemistisch für Pocken], keine andere Krankheit." Frau Wang und Phönixglanz hörten das und schickten eilig jemanden zu fragen: „Wird es gut ausgehen oder nicht?" Der Arzt antwortete: „Obwohl die Krankheit gefährlich ist, verläuft sie günstig und ist nicht besorgniserregend. Sorgt für Seidenraupen und Schweineschwänze [Anm.: damals als Medizin gegen Pocken verwendet]." Phönixglanz hörte dies und geriet sofort in geschäftiges Treiben: Einerseits ließ sie die Zimmer reinigen und die Pocken-Göttin [Anm.: 痘疹娘娘, daoistische Schutzgöttin gegen Pocken] aufstellen, andererseits ordnete sie an, dass die gesamte Dienerschaft auf Gebratenes und Scharfes verzichten müsse. Sie befahl Friedchen, Bettzeug und Kleidung für Kaufmann Jadeschale in ein separates Zimmer zu bringen, und ließ aus großem roten Stoff Kleider für die Amme, die Dienerinnen und alle nahestehenden Personen schneidern. Draußen ließ sie ein Reinigungszimmer herrichten und lud zwei Ärzte ein, die abwechselnd den Puls fühlten, Diagnosen stellten und Medizin verschrieben — zwölf Tage lang durften sie nicht nach Hause. Kaufmann Jadeschale musste in das äußere Arbeitszimmer umziehen und fasten; Phönixglanz und Friedchen waren zusammen mit Frau Wang täglich mit der Verehrung der Göttin beschäftigt.
Was nun Kaufmann Jadeschale betrifft — kaum war er von Phönixglanz getrennt, suchte er nach Unterhaltung. Nach zwei Nächten allein konnte er es kaum mehr aushalten und wählte sich zunächst unter den hübscheren der Dienstjungen einen aus, um sich Erleichterung zu verschaffen. Nun gab es im Rong-Herrenhaus einen völlig unfähigen und verwahrlosten Koch namens Duo Guan, den alle wegen seiner Schwäche und Unfähigkeit nur „Duo Hunchwurm" [Anm.: wörtlich „Trunkener Wurm"] nannten. Seine Eltern hatten ihm als Kind draußen eine Frau genommen, die jetzt erst um die Zwanzig war, recht hübsch und von jedermann bewundert. Sie war von Natur aus leichtfertig und unterhielt die liebsten Liebeleien. Duo Hunchwurm kümmerte sich um nichts, solange er Wein, Fleisch und Geld hatte, und so hatten Männer aus beiden Häusern Rong und Ning Zugang zu ihr gefunden. Da diese Frau außergewöhnlich schön und maßlos leichtfertig war, nannten alle sie „Duo-Fräulein". Kaufmann Jadeschale, der nun draußen im Arbeitszimmer schmachtete, hatte diese Frau schon früher gesehen und war ihr verfallen, hatte sich aber nie getraut, seiner eifersüchtigen Frau und seines Lustknaben wegen. Auch das Duo-Fräulein hatte schon länger ein Auge auf Kaufmann Jadeschale geworfen, nur fehlte es an Gelegenheit. Als sie nun hörte, dass Kaufmann Jadeschale ins äußere Arbeitszimmer umgezogen war, kam sie ohne Anlass zwei-, dreimal vorbei, um ihn zu reizen. Kaufmann Jadeschale war wie eine ausgehungerte Ratte; er besprach sich mit seinen vertrauten Dienern, die ihm Deckung gaben und Vermittlung leisteten, und versprach ihnen reichlich Gold und Seide. Wie hätten die Diener das ablehnen können — zumal sie alle ohnehin mit dieser Frau befreundet waren! Eine Absprache, und die Sache war gemacht. In jener Nacht, zur zweiten Trommel, als alles still geworden war und Duo Hunchwurm betrunken auf dem Kang lag, schlich Kaufmann Jadeschale herbei. Beim ersten Anblick ihrer Gestalt verließen ihn Geist und Seele, und ohne Umschweife und Liebesgeflüster machte er sich sogleich ans Werk. Diese Frau aber besaß eine angeborene Besonderheit: Sobald ein Mann sie berührte, wurden alle Muskeln und Knochen ihres Körpers weich wie Watte, sodass der Mann sich fühlte, als läge er auf Seide, und dazu kamen lüsterne Posen und obszöne Worte, die selbst eine Kurtisane in den Schatten stellten — welcher Mann hätte da sein Leben geschont? Kaufmann Jadeschale wünschte sich, mit ihr zu verschmelzen. Die Frau stöhnte absichtlich unter ihm: „Euer Fräulein hat die Pocken, und Ihr verehrt die Göttin — Ihr solltet Euch auch einige Tage enthalten, statt Euch meinetwegen zu besudeln. Geht schnell von hier fort." Kaufmann Jadeschale stieß heftig zu und keuchte: „Du bist die Göttin! Was kümmert mich irgendeine Göttin!" Die Frau wurde immer hemmungsloser, und Kaufmann Jadeschale entblößte sich in seiner ganzen Hässlichkeit. Hinterher schworen sie sich gegenseitig ewige Treue, und von da an trafen sie sich regelmäßig.
Eines Tages waren die Pocken von Da-jie abgeklungen, und nach dem zwölften Tag verabschiedete man die Göttin. Die ganze Familie opferte dem Himmel und den Ahnen, löste Gelübde ein, verbrannte Weihrauch, feierte und verteilte Belohnungen. Kaufmann Jadeschale zog wieder in das Schlafgemach ein. Als er Phönixglanz wiedersah, war es, wie das Sprichwort sagt: „Eine erneute Hochzeit ist süßer als die erste" — und ihre Zärtlichkeit kannte keine Grenzen.
Am nächsten Morgen, nachdem Phönixglanz in die oberen Gemächer gegangen war, räumte Friedchen Kaufmann Jadeschales auswärtige Kleidung und Bettzeug zusammen. Dabei fiel unerwartet eine Haarsträhne aus dem Kissenbezug. Friedchen verstand sofort, verbarg die Strähne rasch im Ärmel und ging in ihr Zimmer, zog die Haare hervor und sagte lachend zu Kaufmann Jadeschale: „Was ist denn das?" Kaufmann Jadeschale erschrak, als er es sah, und stürzte vor, um es ihr zu entreißen. Friedchen lief davon, doch Kaufmann Jadeschale packte sie, drückte sie auf den Kang und versuchte, ihr die Haare aus der Hand zu winden, wobei er lachte: „Du kleine Kröte! Gib es sofort her, oder ich breche dir den Arm!" Friedchen lachte: „Du hast kein Gewissen! Ich bin so nett, es vor ihr zu verbergen und dich erst zu fragen, und du wirst auch noch grob! Wenn du weiter so tust, erzähle ich ihr alles, wenn sie zurückkommt — mal sehen, was du dann machst." Kaufmann Jadeschale hörte das und bat sogleich unterwürfig lächelnd: „Liebste, sei so gut und schenk es mir. Ich werde nie wieder grob sein."
Er hatte noch nicht ausgeredet, da war Phönixglanzs Stimme zu hören. Kaufmann Jadeschale ließ sofort los, Friedchen erhob sich gerade, und Phönixglanz war schon hereingekommen mit dem Befehl, Friedchen solle schnell die Schatulle öffnen und ein Schnittmuster für die gnädige Frau suchen. Friedchen machte sich eilig ans Suchen. Da erblickte Phönixglanz Kaufmann Jadeschale, und plötzlich fiel ihr etwas ein. Sie fragte Friedchen: „Hast du alles, was ich hinausgebracht hatte, wieder hereingeräumt?" Friedchen sagte: „Alles wieder drin." Phönixglanz fragte: „Fehlt etwas?" Friedchen sagte: „Ich hatte auch Angst, etwas könnte fehlen, und habe alles genau durchgesehen — es fehlt nichts." Phönixglanz sagte: „Fehlt nichts, ist gut — nur dass nicht etwas dazugekommen ist!" Friedchen lachte: „Wenn nichts verloren geht, ist es schon ein Glück — wer sollte etwas hinzufügen?" Phönixglanz lächelte kalt: „In diesem halben Monat kann man kaum für Sauberkeit bürgen. Vielleicht hat eine vertraute Freundin ihm etwas dagelassen: einen Ring, ein Schweißtuch, ein Duftsäckchen, oder gar Haare, Fingernägel — alles sind Dinge." Diese Worte ließen Kaufmann Jadeschales Gesicht gelb werden. Hinter Phönixglanzs Rücken machte er verzweifelte Zeichen, fuhr sich über die Kehle und zog Grimassen. Friedchen tat, als sähe sie nichts, und sagte lachend: „Seltsam, mein Herz denkt genauso wie das der gnädigen Frau! Ich hatte genau diese Befürchtung und habe gründlich gesucht — aber nicht die geringste Spur gefunden. Wenn die gnädige Frau mir nicht glaubt — die Sachen habe ich noch nicht weggeräumt. Die gnädige Frau kann selbst alles durchsuchen." Phönixglanz lachte: „Dummes Kind! Wenn er solche Dinge hätte, würde er es uns doch nicht so einfach finden lassen!" Damit nahm sie das Schnittmuster und ging wieder hinauf.
Friedchen deutete auf ihre Nase und wackelte lachend mit dem Kopf: „Wie willst du mir das danken?" Kaufmann Jadeschale freute sich unbändig, stürzte auf sie zu, umarmte sie und nannte sie „mein Herzchen, mein Schatz, mein Ein und Alles". Friedchen hielt die Haarsträhne hoch und sagte lachend: „Dies ist mein lebenslanges Faustpfand. Wenn du brav bist, gut — wenn nicht, bringe ich die ganze Sache ans Licht!" Kaufmann Jadeschale lachte: „Bewahre es nur gut auf, und lass sie bloß nichts erfahren." Während er sprach und sie unachtsam war, riss er es ihr aus der Hand und lachte: „Wenn du es behältst, ist es eine ewige Gefahr. Lieber verbrenne ich es und bin es los." Damit steckte er es in seinen Stiefelschaft. Friedchen biss die Zähne zusammen: „Du Undankbarer! Kaum über die Brücke, reißt du sie ab. Morgen wirst du wohl kaum erwarten, dass ich wieder für dich lüge!" Kaufmann Jadeschale sah, wie reizvoll und kokett sie war, und umarmte sie, um seine Lust zu stillen, doch Friedchen riss sich los und lief davon. Kaufmann Jadeschale beugte sich vor Verlangen und schimpfte: „Du verdammtes kleines Luder! Zündest das Feuer an und läufst davon!" Friedchen rief vom Fenster draußen: „Ich tue, was mir gefällt — wer hat dich gebeten, Feuer zu fangen? Soll ich mich dir einmal hingeben und dafür von ihr geschnitten werden?" Kaufmann Jadeschale sagte: „Hab keine Angst vor ihr! Wenn mir die Galle schwillt, zertrümmere ich diesen Essigkrug, dann wird sie wissen, was sie an mir hat! Sie bewacht mich wie einen Dieb — sie darf mit Männern reden, aber ich darf kein Wort mit Frauen wechseln. Wenn ich einer Frau nur nahekomme, beargwöhnt sie mich sofort. Aber sie kennt keinen Unterschied zwischen jüngeren Schwagern und Neffen, groß oder klein, lacht und scherzt mit ihnen — und fürchtet nicht, dass ich eifersüchtig werde? Von nun an werde ich ihr auch verbieten, irgendjemanden zu sehen!" Friedchen sagte: „Wenn sie auf dich eifersüchtig ist, hat sie guten Grund. Wenn du auf sie eifersüchtig bist, ist es grundlos. Ihr Wandel ist tadellos; du aber — bei jedem Schritt hegst du üble Absichten. Nicht einmal mir kann ich vertrauen, von ihr ganz zu schweigen." Kaufmann Jadeschale sagte: „Ihr zwei steckt unter einer Decke! Immer ist es euer Wandel, der tadellos ist, und bei allem, was ich tue, hege ich üble Absichten. Früher oder später werdet ihr beide durch meine Hände sterben!"
Er hatte noch nicht ausgeredet, da kam Phönixglanz in den Hof. Als sie Friedchen am Fenster stehen sah, fragte sie: „Wenn ihr etwas zu reden habt, warum redet ihr dann nicht im Zimmer? Warum läuft eine von euch hinaus und ihr redet durchs Fenster? Was soll das bedeuten?" Kaufmann Jadeschale antwortete von drinnen: „Frag sie doch! Es ist, als säße im Zimmer ein Tiger, der sie frisst." Friedchen sagte: „Im Zimmer ist keine Menschenseele — was soll ich denn bei ihm?" Phönixglanz lachte: „Gerade weil niemand da ist, wäre es doch gut!" Friedchen hörte das und sagte: „Damit meint Ihr wohl mich?" Phönixglanz lachte: „Wen denn sonst?" Friedchen sagte: „Treibt mich nicht dazu, unangenehme Wahrheiten auszusprechen." Damit schlug sie, ohne den Vorhang für Phönixglanz hochzuhalten, den Vorhang selbst beiseite und ging auf die andere Seite. Phönixglanz hob selbst den Vorhang und trat ein: „Friedchen ist verrückt geworden! Das freche Stück will mich tatsächlich unterwerfen — pass nur auf deinen Buckel auf!" Kaufmann Jadeschale lag längst vor Lachen flach auf dem Kang und klatschte in die Hände: „Ich hätte nie gedacht, dass Friedchen so schlagfertig ist — von nun an beuge ich mich ihr!" Phönixglanz sagte: „Du hast sie so verwöhnt — ich halte mich an dich!" Kaufmann Jadeschale hörte das und sagte eilig: „Wenn ihr zwei euch zankt, nehmt mich nicht als Puffer. Ich verschwinde." Phönixglanz sagte: „Mal sehen, wohin du verschwindest!" Kaufmann Jadeschale sagte: „Bin gleich wieder da." Phönixglanz sagte: „Ich muss etwas mit dir besprechen." Was sie zu besprechen hatte, wird im nächsten Kapitel erzählt. So heißt es denn:
Edle Frauen neigen stets zur Klage, Und die schöne Gattin schmeckt der Eifersucht Essig alle Tage.
- ↑ Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Jade-Schatz".
- ↑ Chin. 平儿 Píng'ér, Phönixglanz' Kammerzofe.
- ↑ Chin. 史湘云 Shǐ Xiāngyún.
- ↑ Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, „Kajal-Jade".
- ↑ Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, „Schatz-Haarspange".
- ↑ Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, „Strahlender Phönix".
- ↑ Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, Matriarchin der Kaufmann-Familie.
- ↑ Chin. 袭人 Xírén, „die Überraschende".
- ↑ Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurner Kuckuck". Kajaljades treue Kammerzofe.
Anmerkungen
Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本).