Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 62"
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=== Die uebermuetige Xiangyun schlaeft ihren Rausch auf einem Pfingstrosenkissen aus; Die traeumerische Xiangling versteht die Bedeutung des Granatapfelrocks === | === Die uebermuetige Xiangyun schlaeft ihren Rausch auf einem Pfingstrosenkissen aus; Die traeumerische Xiangling versteht die Bedeutung des Granatapfelrocks === | ||
| − | + | '''Die närrische Hsiang-yün schläft betrunken auf einem Päonienblütenkissen ein,die törichte Hsiang-ling zieht gerührt ihren Granatapfelrock aus. ''' | |
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| − | + | Ping-örl ging also hinaus und verkündete Lin Dschï-hsiaus Frau: „In einer blühenden Familie muß es möglich sein, daß eine große Angelegenheit zu einer kleinen und eine kleine zu nichts wird. Ohne jeden Anlaß Alarm zu schlagen und alles auf den Kopf zu stellen ist keine Art und Weise. Führe Mutter und Tochter zurück und laß sie ihren Dienst ausüben wie bisher! Und schick auch Tjin Hsiäns Frau wieder auf ihren alten Posten zurück! In Zukunft soll von der Sache nicht mehr die Rede sein. Halte nur täglich überall die Augen offen, darauf kommt es an!“ | |
| − | + | Damit machte sie kehrt, um zu gehen. Mutter und Tochter Liu aber traten rasch näher und schlugen mit der Stirn auf den Boden. Dann brachte Lin Dschï-hsiaus Frau sie in den Garten zurück und erstattete Li Wan und Tan-tschun Bericht. „Gut, wir wissen Bescheid. Um wieviel besser ist es doch, daß nichts vorlag!“ sagten sie beide. | |
| − | + | Sï-tji und ihre Parteigänger hatten sich umsonst gefreut, und Tjin Hsiäns Frau, die lange genug auf so eine Gelegenheit gewartet hatte, triumphierte nur einen Vormittag. Hals über Kopf übernahm sie in der Küche Gerätschaften, Reis und Feuerungsmaterial und stellte dabei vielerlei Fehlmengen fest. „Es sind zwei Dan nichtklebender Reis zu wenig, gewöhnlicher Reis ist für einen Monat zuviel empfangen worden, und Holzkohle fehlt auch“, sagte sie. Zugleich bereitete sie Geschenke für Lin Dschï-hsiaus Frau vor. Einen Korb Holzkohle, fünfhundert Djin Brennholz und eine Last nichtklebenden Reis ließ sie heimlich draußen bereitstellen und dann durch Sohn und Neffen zum Hause der Lins schaffen. Auch für die Leute von der Haushaltskasse machte sie Geschenke zurecht. Dann ließ sie einige Speisen anrichten, lud ihre Mitarbeiterinnen zu Tisch und sagte: „Nur durch eure Hilfe bin ich hierher gekommen. Von nun an wollen wir eine einzige große Familie sein! Wenn ich etwas übersehe, müßt ihr desto umsichtiger sein.“ | |
| − | + | Mitten in all diese Aufregungen platzte jemand mit dem Bescheid: „Nach der Frühmahlzeit mußt du fort! Schwägerin Liu ist unschuldig und führt die Küche weiter.“ | |
| − | + | Als Tjin Hsiäns Frau das hörte, war ihr zumute, als ob ihr die Seele aus dem Leib fahren wollte. Völlig niedergeschlagen mußte sie ihre Segel streichen. Sie packte also ihr Bündel und zog wieder aus. Was sie den Leuten geschenkt hatte, war nun nutzlos vertan, und für den Verlust mußte sie aus der eigenen Tasche aufkommen. | |
| − | + | Sï-tji war vor Ärger wie vor den Kopf geschlagen, aber da sie nicht wußte, wie sie der Sache abhelfen sollte, mußte sie alles auf sich beruhen lassen. | |
| − | + | Nebenfrau Dschau, die sich insgeheim so viele Dinge von Tsai-yün hatte geben lassen, was durch Yü-tschuans Gezänk ruchbar geworden war, hatte nun Angst, bei einer Untersuchung würde alles ans Tageslicht kommen, deshalb schwitzte sie täglich Blut und Wasser und erkundigte sich immer wieder nach Neuigkeiten, bis plötzlich Tsai-yün hereinkam und sagte: „Bau-yü hat alles auf sich genommen, es ist nichts mehr zu befürchten.“ | |
| − | + | Nebenfrau Dschau fiel darüber ein Stein vom Herzen, Djia Huan dagegen wurde mißtrauisch, holte alles hervor, was Tsai-yün ihm heimlich gebracht hatte, und warf es ihr an den Kopf. Dabei stieß er hervor: „Ich bin nicht scharf auf den Kram, du falsches Ding! Warum sollte Bau-yü dich in Schutz nehmen, wenn du dich nicht mit ihm gut gestellt hättest? Wenn du mir die Sachen auch geben mußtest, durftest du doch keinen Menschen davon wissen lassen. Nachdem du ihm jetzt davon gesagt hast, habe ich keine Lust mehr, das zu behalten.“ | |
| − | + | Aufgeregt schwor ihm Tsai-yün, sie habe es nicht verraten, und bemühte sich unter Tränen, die Sache auf hunderterlei Weise zu erklären. Djia Huan aber blieb starrsinnig und glaubte ihr nicht. „Wie du auch immer zu mir gestanden hast, ich sollte es Schwägerin Hsi-fëng melden!“ drohte er. „Ich sage ihr, du hast die Sachen gestohlen und hast sie mir geben wollen, aber ich habe sie nicht gewollt. Das überleg dir einmal!“ Und mit einer wegwerfenden Handbewegung lief er hinaus. | |
| − | + | „Ach, du Unglücksbrut, du Strafe meiner Sünden!“ schimpfte Nebenfrau Dschau aufgeregt hinter ihm her. Tsai-yün aber weinte sich vor Wut die Augen aus, egal wie Nebenfrau Dschau auch beruhigend auf sie einredete. | |
| − | + | „Ich habe es wohl bemerkt, wie er dich verletzt hat, mein gutes Kind“, sagte Nebenfrau Dschau. „Laß mich die Sachen an mich nehmen! In ein paar Tagen wird er ganz von selbst wieder zu sich kommen.“ Mit diesen Worten wollte sie die Gegenstände einsammeln, aber wütend raffte Tsai-yün alles zusammen, und als niemand sie sehen konnte, lief sie damit in den Garten und warf es dort in den Bach. Teils versanken die Sachen, teils trieben sie mit dem Wasser fort, Tsai-yün aber weinte vor Zorn des Nachts heimlich unter der Decke. | |
| − | + | Mittlerweilen kam Bau-yüs Geburtstag. Am selben Tag hatte auch Bau-tjin Geburtstag. Weil aber Dame Wang nicht zu Hause war, ging es nicht so lebhaft zu wie in früheren Jahren. Nur der dauistische Abt Dschang schickte viererlei Geschenke und ein neues Namensamulett, die buddhistischen Mönche und Nonnen aus den verschiedensten Klöstern schickten Opfergebäck, Bilder des Gottes der Langlebigkeit, Papiergaben und Segenssprüche zum Verbrennen, Bilder der Sternengötter, die Bau-yüs Geburtsjahr und das laufende Jahr regierten, sowie Amulette für das neue Lebensjahr. Auch die Geschichtenerzählerinnen, die regelmäßig ins Haus kamen, erschienen zur Gratulation. Wang Dsï-tëng schenkte eine komplette Garnitur Kleidungsstücke, ein Paar Stiefel und Strümpfe, einhundert ‚Pfirsiche der Langlebigkeit‘<ref>Auf Grund ähnlicher Aussprache in alter Zeit gilt der Pfirsich in China als Symbol der Langlebigkeit.</ref> aus Gebäck und einhundert Bündel ‚Silberfadennudeln‘<ref>Lange Nudeln gelten in China ebenfalls als Symbol eines langen Lebens und sind daher ein traditionelles Geburtstagsessen.</ref> aus der kaiserlichen Küche. Die Geschenke von Tante Hsüä waren um eine Stufe geringer. | |
| − | + | Von den übrigen Familienmitgliedern schenkten Frau You ein Paar Stiefel und Strümpfe, Hsi-fëng aber ein besticktes Täschchen aus dem Kaiserpalast mit einem goldenen Figürchen des Gottes der Langlebigkeit darin sowie ein persisches Spielzeug. In alle Tempel wurden Leute geschickt, um dort Geld an die Mönche zu verteilen. Auch Bau-tjin bekam Geschenke, die aber hier nicht aufgezählt werden können. Von den Schwestern und Kusinen schenkte jede nach eigenem Belieben, die eine einen Fächer, die andere eine Kalligraphie, ein Bild oder ein Gedicht, nur eben um ein Geschenk zu machen. | |
| − | + | An seinem Geburtstag stand Bau-yü früh auf, und nachdem er sich frisiert und gewaschen hatte, ging er in korrekter Kleidung samt Gürtel und Kopfbedeckung in den Hof vor der vorderen Haupthalle hinüber, wo Li Guee und drei, vier andere Sklaven schon Weihrauch und Kerzen aufgebaut hatten, die dem Himmel und der Erde geopfert werden sollten. Nachdem Bau-yü den Weihrauch in Brand gesetzt, die Riten vollzogen, den Tee geopfert und die Papierfiguren verbrannt hatte, begab er sich ins Ning-guo-Anwesen hinüber, wo er im Familientempel und in der Ahnenhalle die Riten vollzog. Dann stieg er auf die Mondterrasse und kniete hier in Richtung der Orte nieder, wo er die Herzoginmutter, Djia Dschëng und Dame Wang wußte. | |
| − | + | Nachdem er auch noch Frau You in ihren Haupträumen aufgesucht hatte, um vor ihr niederzuknien und dann ein Weilchen bei ihr zu sitzen, kehrte er ins Jung-guo-Anwesen zurück, wo er zuerst Tante Hsüä aufsuchte, die ihm ein um das andere Mal in den Arm fiel, als er vor ihr niederknien wollte. Auch Hsüä Kë machte er seine Aufwartung, der ihn gleichfalls ein Weilchen Platz nehmen ließ. | |
| − | + | Anschließend kam Bau-yü in den Garten zurück, wo er mit Tjing-wën, Schë-yüä und einem kleineren Sklavenmädchen, das eine Filzmatte trug, zuerst Li Wan und dann auch alle anderen aufsuchte, die älter waren als er. Dann begab er sich durchs Innentor hinaus zu den Wohnungen seiner Ammen Li, Dschau, Dschang und Wang, wo er jeweils einige Zeit verweilte. | |
| − | + | Als er wieder im Garten war, wollte das Gesinde seinen Kniefall vor ihm vollführen, Bau-yü aber ließ es nicht zu. Er ging in seine Räume zurück, und hier traten Hsi-jën und die anderen vor ihn hin, um ihm mündlich zu gratulieren, und das war alles. Denn Dame Wang hatte befohlen, die jungen Leute sollten keine kniefälligen Glückwünsche empfangen, weil das ihrem Glück und ihrer Langlebigkeit Abbruch tun könnte. Darum machten Bau-yüs Sklavenmädchen keinen Stirnaufschlag vor ihm. | |
| − | + | Nachdem Bau-yü ein Weilchen geruht hatte, erschienen Djia Huan, Djia Lan und die anderen, und rasch mußte Hsi-jën sie festhalten, damit sie nicht niederknieten. Nachdem sie für kurze Zeit Platz genommen hatten, gingen sie wieder fort. | |
| − | + | „Ich bin müde vom Laufen“, sagte Bau-yü lächelnd und streckte sich auf dem Bett aus. Aber kaum daß er eine halbe Schale Tee getrunken hatte, war von draußen Stimmengewirr zu hören, und ein ganzer Schwarm Sklavenmädchen kam lachend herein. Es waren Tsuee-mo, Hsiau-luo, Tsuee-lü, Ju-hua, Hsiu-yäns Sklavenmädchen Dschuan-örl, die Amme mit Tjiau-djiä auf dem Arm sowie Tsai-luan und Hsiu-luan. Jede hielt eine rote Filzmatte in den Händen, und während sie lachend nähertraten, sagten sie: „Die Gratulanten rennen dir das Haus ein. Schnell, laß die Geburtstagsnudeln auftragen!“ | |
| − | + | In diesem Augenblick kamen jedoch auch Tan-tschun, Hsiang-yün, Bau-tjin, Hsiu-yän und Hsi-tschun, und rasch ging ihnen Bau-yü mit den Worten entgegen: „Ihr hättet euch nicht bemühen müssen! – Schnell, brüht einen guten Tee auf!“ | |
| − | + | Als die Mädchen in den Innenraum getreten waren, gab es natürlich erst ein höfliches Getue, ehe sie alle Platz genommen hatten. Hsi-jën und die anderen trugen den Tee auf, aber kaum daß die Gäste den ersten Schluck getrunken hatten, trat auch die festlich geschmückte Ping-örl ins Haus. Sofort ging ihr Bau-yü entgegen und sagte lächelnd: „Als ich eben bei Kusine Hsi-fëng am Tor war und mich anmelden ließ, konnte sie mich nicht empfangen, darum habe ich noch einmal jemand hineingeschickt und dich bitten lassen.“ | |
| − | + | „Ich war eben dabei, deiner Kusine das Haar zu richten“, erwiderte Ping-örl lächelnd. „Darum konnte ich nicht zu dir herauskommen. Dann hörte ich, du habest mich bitten lassen, aber das ist zuviel der Ehre. So bin ich jetzt hergekommen, um meinen Stirnaufschlag vor dir zu machen.“ | |
| − | + | „Das ist für mich zuviel Ehre!“ gab Bau-yü lächelnd zurück. | |
| − | + | Inzwischen hatte Hsi-jën schon im Außenraum einen Sitz für Ping-örl zurechtgemacht und bat sie, darauf Platz zu nehmen. Ping-örl aber machte einen Knicks vor Bau-yü, den dieser mit einer Verbeugung erwiderte. Dann kniete Ping-örl nieder, und sofort fiel auch Bau-yü auf die Knie. Hsi-jën half Ping-örl wieder auf die Beine, und noch einmal knickste diese vor Bau-yü. Wieder antwortete Bau-yü mit einer Verbeugung. Lächelnd drängte ihn Hsi-jën: „Verbeug dich noch einmal!“ | |
| − | + | „Warum?“ fragte Bau-yü. „Ich bin doch schon fertig.“ | |
| − | + | „Das war, weil sie dir zum Geburtstag gratuliert hat“, erläuterte Hsi-jën, „aber sie hat heute ebenfalls Geburtstag, darum mußt auch du ihr gratulieren.“ | |
| − | + | Sofort verbeugte sich Bau-yü fröhlich ein weiteres Mal und sagte: „So ist also heute auch dein Ehrentag, Schwester!“ | |
| − | + | Als Ping-örl seine Verbeugung mit einem Knicks erwiderte, griff Hsiang-yün nach den Händen von Bau-tjin und Hsiu-yän und sagte: „Von Rechts wegen müßtet ihr vier euch heute den ganzen Tag voreinander verbeugen!“ | |
| − | + | „Hat denn Schwester Hsiu-yän auch heute Geburtstag?“ fragte Tan-tschun rasch. „Wie konnte ich das vergessen!“ Und sie befahl einem Sklavenmädchen: „Bestell der zweiten jungen Herrin, sie solle rasch ein Geschenk wie das für Fräulein Bau-tjin in die Räume von Fräulein Ying-tschun bringen lassen!“ | |
| − | + | Nun mußte Hsiu-yän, nachdem Hsiang-yün ihren Geburtstag ungeniert ausgeplaudert hatte, notgedrungen auch durch die einzelnen Wohnstätten gehen und überall einen Höflichkeitsbesuch machen. | |
| − | + | „Ist es nicht interessant?“ fragte Tan-tschun lächelnd. „Auf jeden der zwölf Monate des Jahres kommen ein paar Geburtstage. Und weil wir so viele Leute sind, ergibt es sich, daß manches Mal zwei oder drei Geburtstage auf einen Tag fallen. Nicht einmal der Neujahrstag geht ohne Geburtstag vorüber, den hat sich Schwester Yüan-tschun gesichert. Kein Wunder, daß sie so großes Glück genießt, wenn sie eher als alle anderen an der Reihe ist! Zugleich war das auch der Geburtstag unseres Urahns. Nach dem Laternenfest sind die gnädige Frau Tante und Kusine Bau-tschai dran. Das nenne ich einen Zufall, daß Mutter und Tochter zusammen Geburtstag haben. Am ersten Tag des dritten Monats hat die gnädige Frau Geburtstag und am neunten Vetter Liän. Im zweiten Monat aber hat niemand Geburtstag...“ | |
| − | + | „Am zwölften zweiten hat Fräulein Lin Geburtstag“, wurde sie von Hsi-jën unterbrochen. „Wie könnt Ihr also sagen, es habe niemand Geburtstag, sie gehört bloß nicht zum Hause.“ | |
| − | + | „Was ist nur mit meinem Gedächtnis!“ klagte Tan-tschun lächelnd. | |
| − | + | Bau-yü aber wies lachend auf Hsi-jën und sagte: „Sie hat am selben Tag Geburtstag wie Kusine Dai-yü, deshalb hat sie es sich gemerkt.“ | |
| − | + | „Da habt ihr am selben Tag Geburtstag, aber du hast nie vor uns niedergekniet“, beanstandete Tan-tschun lächelnd. „Und auch Ping-örls Geburtstag haben wir bis heute nicht gewußt.“ | |
| − | + | „Was sind wir schon für Berühmtheiten!“ wehrte Ping-örl lächelnd ab. „Wir haben nicht das Glück, daß man uns gratulieren müßte, und auch nicht den Rang, daß wir Geschenke empfangen dürften. Warum also sollten wir viel Aufhebens um den Tag machen, statt ihn in aller Stille vorübergehen zu lassen? Heute nun mußte sie es ausplaudern, da werde ich meine Grüße entbieten kommen, wenn die Fräulein wieder in ihren Räumen sind.“ | |
| − | + | „Ich wollte dich nicht beunruhigen“, sagte Tan-tschun lächelnd. „Aber heute wird dein Geburtstag gefeiert, anders gebe ich mich nicht zufrieden!“ | |
| − | + | „So ist es recht!“ bestätigten Bau-yü und Hsiang-yün wie aus einem Munde. | |
| − | + | Daraufhin trug Tan-tschun einem Sklavenmädchen auf: „Geh und sag ihrer Herrin, wir alle hätten beschlossen, daß Ping-örl heute nicht wieder fort darf. Wir legen zusammen und richten den Geburtstag für sie aus.“ | |
| − | + | Lachend ging das Mädchen hinaus, und als sie nach geraumer Zeit wieder zurückkam, berichtete sie: „Die zweite junge Herrin hat gesagt, sie danke den Fräulein vielmals für die Ehre, die sie ihr damit erweisen, und sie wisse zwar nicht, womit die Fräulein Ping-örl zu bewirten gedächten, aber wenn man nur sie dabei nicht vergesse, wolle sie Ping-örl auch nicht weiter belästigen.“ | |
| − | + | Alle lachten darüber, dann erläuterte Tan-tschun: „Zufällig wird heute in der Gartenküche nicht gekocht, die Geburtstagsnudeln und die Zuspeisen werden drüben in der Hauptküche zubereitet. Wenn wir das Geld zusammengelegt haben, können wir Frau Liu holen, damit sie die Sache in die Hand nimmt und hier für uns kocht. Das trifft sich gut.“ | |
| − | + | „Völlig richtig!“ stimmten die anderen zu. | |
| − | + | Also schickte Tan-tschun nach Li Wan, Bau-tschai und Dai-yü, und gleichzeitig ließ sie Frau Liu holen, um ihr aufzutragen, sie solle in der Gartenküche rasch alles für ein paar Weintafeln herrichten. | |
| − | + | Frau Liu verstand nicht, was das bedeuten sollte, und sagte: „Aber in der Hauptküche ist doch schon alles vorbereitet.“ | |
| − | + | Lächelnd erklärte ihr Tan-tschun: „Du mußt wissen, daß heute auch Fräulein Ping-örl Geburtstag hat. Was drüben zubereitet wird, geht auf Kosten des Hauses, hierfür aber haben wir zusammengelegt, um Fräulein Ping-örl zu bewirten. Wähle also ein paar schmackhafte neue Gerichte aus und bereite sie für uns zu! Und wenn du die Rechnung dafür aufgestellt hast, kommst du zu mir und holst dir das Geld.“ | |
| − | + | Lächelnd sagte Frau Liu: „Da hat also auch Fräulein Ping-örl heute Geburtstag. Das habe ich nicht gewußt.“ Und schon fiel sie vor Ping-örl auf die Knie und berührte mit der Stirn den Boden. Sofort half ihr Ping-örl wieder auf die Beine, und Frau Liu eilte fort, um für die Bewirtung zu sorgen. | |
| − | + | Inzwischen lud Tan-tschun auch Bau-yü ein, mit ihnen gemeinsam in der Halle Geburtstagsnudeln zu essen, und nachdem Li Wan und Bau-tschai eingetroffen waren, schickte sie jemand nach Tante Hsüä und Dai-yü. Da das Wetter mild war und Dai-yüs Zustand sich allmählich besserte, kam auch sie. Nun war der Raum mit festlich gekleideten Menschen dicht gefüllt. | |
| − | + | Überraschend wurden jetzt im Auftrage von Hsüä Kë ein Tuch, ein Fächer, Weihrauch und Seide als Geschenke für Bau-yü gebracht, und so ging Bau-yü erneut zu ihm hinüber, um mit ihm zusammen Nudeln zu essen. Beide Familien hatten Geburtstagswein bereitgestellt, um ihn einander zuzuschicken. Zu Mittag leerte Bau-yü mit Hsüä Kë zusammen einige Becher, dann wurde Bau-tjin von Bau-tschai hereingeführt, um Hsüä Kë ihren zeremoniellen Gruß zu entbieten und ihm zuzutrinken. | |
| − | + | Anschließend wandte sich Bau-tschai an Hsüä Kë mit der Empfehlung: „Schick nicht extra etwas von unserm Wein hinüber, auf diese Formalität können wir verzichten! Bitte du nur die Angestellten zu Gast, wir aber gehen mit Vetter Bau-yü in den Garten, wo wir noch jemand anders zu bewirten haben, so daß wir dir nicht länger Gesellschaft leisten können.“ | |
| − | + | „Geht nur, geht!“ stimmte Hsüä Kë bereitwillig zu. „Dann können die Angestellten gleich kommen.“ | |
| − | + | Rasch entschuldigte sich auch Bau-yü selbst bei Hsüä Kë, dann folgte er den Mädchen hinaus. Als sie das Seitentor passiert hatten, befahl Bau-tschai der alten Türhüterin, sie solle abschließen und ihr den Schlüssel geben. | |
| − | + | „Warum muß dieses Tor geschlossen werden?“ fragte Bau-yü sofort. „Hier geht doch niemand weiter hindurch. Zumal ihr jetzt mit der Tante im Garten seid. Wenn ihr jemand zu euch nach Hause schickt, um etwas zu holen, ist es doch so sehr umständlich.“ | |
| + | „Man kann nicht vorsichtig genug sein“, erwiderte Bau-tschai lächelnd. „Ist nicht bei euch in den letzten Tagen genug vorgefallen? Es war aber niemand von unsern Leuten davon betroffen, da sieht man, wie wirksam es ist, wenn man das Tor verschlossen hält. Wenn es offensteht, ist nicht zu verhindern, daß es von allen möglichen Leuten benutzt wird, die sich den Weg abkürzen wollen. Wem willst du das verwehren? Darum ist es das beste, es bleibt verschlossen. So sind zwar auch Mutter und ich etwas eingeschränkt, aber es kann niemand hindurch. Und wenn etwas passieren sollte, haben unsere Leute nichts damit zu tun.“ | ||
| + | „So weißt du also auch, daß bei uns in den letzten Tagen Sachen verschwunden sind?“ erkundigte sich Bau-yü lächelnd. | ||
| + | „Du weißt ja nur von dem Rosennektar und dem Porlingsschnee, und auch das nur der Personen wegen, die in den Fall verwickelt waren, andernfalls hättest du davon gar nichts erfahren“, gab Bau-tschai lächelnd zurück. „Was du nicht weißt, ist, daß auch noch ein paar größere Sachen verschwunden sind. Wenn sich das nicht herumspricht, haben alle noch einmal Glück gehabt. Aber wenn es bekannt wird, sind soundso viele Leute im Garten davon betroffen. | ||
| + | Du kümmerst dich ja um nichts, darum sage ich es dir. Ping-örl ist ein verständiger Mensch, und so habe ich es neulich auch ihr gesagt. Ich wollte, daß sie es weiß, weil ja ihre Herrin das Haus nicht verlassen kann. Wenn nichts davon herauskommt, wird jeder mit Freuden die Hände davon lassen, aber wenn es bekannt wird, ist Ping-örl darauf vorbereitet und weiß, was sie zu tun hat. Dann braucht niemand unschuldig zu leiden. Hör, was ich dir sage, und sei in Zukunft aufmerksamer und vorsichtiger, dann ist alles in Ordnung. Was ich dir hier gesagt habe, darfst du niemand weitererzählen.“ | ||
| + | Bei diesen Worten waren sie am Duftgetränkten Pavillon angelangt, wo sie Hsi-jën, Hsiang-ling, Dai-schu, Su-yün, Tjing-wën, Schë-yüä, Fang-guan, Juee-guan und Ou-guan vorfanden, die sich dort am Anblick der Fische erfreuten. | ||
| + | Als die Sklavenmädchen die drei kommen sahen, riefen sie ihnen zu: „Im Päoniengehege ist es angerichtet, nur schnell zu Tisch!“ Also gingen die drei mit ihnen in die kleine Halle des Gartens der Roten Düfte im Päoniengehege, wohin man auch Frau You schon gebeten hatte, so daß jetzt bis auf Ping-örl alle beisammen waren. | ||
| + | Ping-örl hatte nämlich den Garten verlassen, weil nach den Frauen von Lai Da und Lin Dschï-hsiau, die ihr Geschenke gebracht hatten, in einem fort Verwalterfrauen und Sklavinnen höheren, mittleren und niederen Ranges mit Glückwünschen und Geschenken für sie kamen, so daß sie vollauf damit zu tun hatte, sich zu bedanken und Geldgeschenke zu verteilen. Außerdem gab sie über jedes einzelne Geschenk, das sie erhielt, Bericht an Hsi-fëng. Aber nur die wenigsten Gaben behielt Ping-örl für sich, zum Teil nahm sie sie nicht an, zum Teil verschenkte sie sie sofort weiter. | ||
| + | Nachdem sie damit eine Zeitlang zu tun gehabt hatte, mußte sie Hsi-fëng bedienen, während diese ihren Anteil an den Geburtstagsnudeln aß. Dann erst zog sich Ping-örl um und ging wieder in den Garten hinüber. Mehrere Sklavenmädchen, die sie dort empfingen, baten sie in den Garten der Roten Düfte, wo in reichgeschmückten Räumen ein üppiges Mahl aufgetragen war. | ||
| + | „Jetzt sind alle Geburtstagskinder beisammen!“ hieß es, und alle verlangten, daß sich die vier auf die Ehrenplätze setzten, doch dazu waren sie nicht bereit. | ||
| + | Da sagte Tante Hsüä: „Ich mit meinen müden alten Knochen passe nicht in eure Gesellschaft, wo ich mir so viel Zwang antun muß. Darum ist es das beste, ich gehe in die Gästehalle hinüber und lege mich dort gemütlich hin. Essen mag ich sowieso nichts, und ich trinke auch nicht gern Wein. Darum ist es wirklich das Einfachste, ich überlasse ihnen meinen Platz.“ | ||
| + | Frau You und die anderen weigerten sich beharrlich, sie gehen zu lassen, aber Bau-tschai sagte: „Laßt es nur gut sein! Wenn Mutter sich in der Halle ausstrecken kann, wird sie sich wohler fühlen. Von den Speisen, die sie gern ißt, schicken wir etwas hinüber, dann braucht sie sich keinen Zwang anzutun. Außerdem ist niemand weiter drüben, und so kann Mutter dort zugleich ein wachsames Auge haben.“ | ||
| + | „Wenn es so ist, wollen wir besser gehorchen, anstatt auf den Regeln der Etikette zu bestehen“, stimmten Tan-tschun und die anderen jetzt lächelnd zu. Dann geleitete die ganze Gesellschaft Tante Hsüä in die ‚Palaverhalle‘ hinüber, wo sie sich davon überzeugten, daß die Sklavenmädchen eine seidenbezogene Matratze ausbreiteten und Rückenpolster sowie Kissen bereitlegten. „Klopft der Frau Tante schön die Beine und macht keine Ausflüchte, wenn sie Tee oder Wasser verlangt!“ befahlen sie. „Wenn wir wieder drüben sind, schicken wir Speisen her, und was die Frau Tante nicht ißt, soll für euch sein. Lauft aber nicht hier weg!“ Erst als die kleinen Sklavenmädchen versprochen hatten, auf alles zu achten, gingen Tan-tschun und die anderen wieder hinüber. | ||
| + | Jetzt endlich nahmen Bau-tjin und Hsiu-yän auf den Ehrensitzen Platz, daneben setzten sich Ping-örl mit dem Gesicht nach Westen und Bau-yü mit dem Gesicht nach Osten, Tan-tschun aber setzte sich Schulter an Schulter mit Yüan-yang auf die andere Seite. An den westlichen Tisch setzten sich Bau-tschai, Dai-yü, Hsiang-yün, Ying-tschun und Hsi-tschun, die Hsiang-ling und Yü-tschuan an die Querseiten nahmen. Am dritten Tisch saßen Frau You und Li Wan, denen Hsi-jën und Tsai-yün Gesellschaft leisten mußten. Um einen vierten Tisch saßen schließlich Dsï-djüan, Ying-örl, Tjing-wën, Hsiau-luo und Sï-tji. | ||
| + | Nun wollte Tan-tschun beginnen, den Geburtstagskindern zuzuprosten, aber Bau-tjin wie auch die anderen drei sagten: „Wenn wir damit erst anfangen, kommen wir den ganzen Tag nicht zum Sitzen.“ So ließ Tan-tschun es dann sein. | ||
| + | Daraufhin wollten die beiden Geschichtenerzählerinnen mit einer Ballade gratulieren, doch alle protestierten: „Niemand will hier eure bäurischen Geschichten hören. Geht hinüber in die Gästehalle und vertreibt der gnädigen Frau Tante damit die Langeweile!“ Zugleich wählten sie von den verschiedensten Gerichten einiges aus und befahlen, man solle es zu Tante Hsüä hinübetragen. | ||
| + | „Nur vornehm herumzusitzen macht keinen Spaß“, ließ sich Bau-yü vernehmen. „Wir müssen ein Trinkspiel spielen!“ | ||
| + | Da die einen dieses, die anderen jenes Trinkspiel für besser hielten, empfahl Dai-yü: „Wir sollten Pinsel und Tuschereibstein nehmen, alle Trinkspiele auf Zettel schreiben und Lose daraus machen. Was dann gezogen wird, werden wir spielen!“ | ||
| + | „Ausgezeichnet!“ Alle lobten den Vorschlag, und sofort wurden Schreibpinsel, Tuschereibstein und Zierpapier geholt. Hsiang-ling, die gerade erst gelernt hatte, Gedichte zu machen, und sich jeden Tag im Schreiben übte, vermochte sich beim Anblick von Pinsel und Tuschereibstein nicht zu bezähmen. Sie sprang von ihrem Platz auf und sagte: „Ich werde schreiben!“ | ||
| + | Bei längerem Nachdenken fielen ihnen an die zehn verschiedene Trinkspiele ein, die Hsiang-ling eins nach dem anderen auf ein Stück Papier schrieb, das zu einem Los zusammengerollt wurde. Alle Lose kamen in eine Vase, dann wurde Ping-örl von Tan-tschun aufgefordert, ein Los zu ziehen, und nachdem sie die Lose gemischt hatte, zog sie eines mit ihren Eßstäbchen heraus, machte es auf und fand darauf die Bezeichnung „Verborgenes erraten“<ref>Der Ratende muß ein klassisches Zitat oder eine bekannte Gedichtzeile finden, worin das genannte Wort mit dem zu erratenden Bezugswort vorkommt und dann ein anderes Wort nennen, das an anderer Stelle mit dem Bezugswort zusammen erscheint.</ref>. | ||
| + | Lächelnd erklärte Bau-tschai: „Du hast die Urform aller Trinkspiele herausgefischt. Das Spiel ‚Verborgenes erraten‘ gibt es seit ältester Zeit, nur ist das eigentliche Verfahren in Vergessenheit geraten, und wie man es heutzutage spielt, ist eine spätere Erfindung. Dieses Spiel ist schwieriger als alle andern, und die Hälfte von uns wird es nicht können. Darum ist es das beste, dieses Los für ungültig zu erklären und ein anderes Spiel zu ziehen, an dem Edle und Profane gleichermaßen Freude finden.“ | ||
| + | „Wie können wir es ungültig machen, wenn es einmal gezogen ist?“ fragte Tan-tschun. „Wir ziehen noch eins, und wenn das etwas für Edle und Profane ist, wird es von den andern gespielt, während wir ‚Verborgenes erraten‘ spielen!“ Damit beauftragte sie diesmal Hsi-jën, ein Los zu ziehen, und das erwies sich als „Fingerknobeln“<ref>Hierbei strecken zwei Spieler gleichzeitig eine beliebige Zahl von Fingern einer Hand aus und nennen zugleich eine Zahl, die die vermutete Summe der von beiden Spielern ausgestreckten Finger darstellt. Wer zuerst die richtige Zahl getroffen hat, ist Sieger der Runde.</ref>. | ||
| + | „Das ist einfach und lustig zugleich und entspricht meinem Temperament“, kommentierte Hsiang-yün lächelnd. „Ich werde nicht ‚Verborgenes erraten‘ spielen, ich spiele nur Fingerknobeln.“ | ||
| + | „Sie muß natürlich unsere Spielrunde in Unordnung bringen!“ stellte Tan-tschun fest. „Laß sie zur Strafe einen Becher trinken, Kusine Bau-tschai!“ | ||
| + | Ohne sich auf Auseinandersetzungen einzulassen, sorgte Bau-tschai dafür, daß Hsiang-yün ihren Becher leerte. | ||
| + | „Ich trinke ebenfalls einen Becher, denn ich leite das Spiel“, nahm Tan-tschun wieder das Wort. „Es ist nichts weiter zu verkünden, ihr müßt nur meinen Anweisungen folgen.“ Dann befahl sie, einen Würfel und eine Schale zu holen, und Bau-tjin mußte anfangen zu würfeln. Wenn zwei Personen dieselbe Augenzahl warfen, sollten sie zusammen „Verborgenes erraten“ spielen. | ||
| + | Bau-tjin würfelte eine Drei, Hsiu-yän, Bau-yü und die nächsten in der Reihe aber warfen andere Zahlen, und erst Hsiang-ling hatte ebenfalls eine Drei. | ||
| + | „Es muß aber etwas hier im Raum sein“, sagte Bau-tjin lächelnd. „Wenn wir etwas von draußen nehmen, ist keine Ordnung hineinzubekommen.“ | ||
| + | „Natürlich“, bestätigte Tan-tschun. „Und wer es beim dritten Versuch nicht heraus hat, muß zur Strafe einen Becher trinken. Du sagst etwas, und sie muß raten.“ | ||
| + | Nach kurzem Nachdenken nannte Bau-tjin das Wort lau – ‚alt‘. Hsiang-ling war mit dem Spiel nicht vertraut, und es fiel ihr nichts dazu ein. Nirgends im Raum konnte sie etwas entdecken, was mit dem Wort ‚alt‘ zusammen eine feststehende Redewendung ergeben hätte. | ||
| + | Auch Hsiang-yün hatte sich rasch umgesehen, als die Aufgabe gestellt worden war, und ihr Blick war auf die Schriftzeichen Hung-hsiang pu – „Garten der Roten Düfte“ – auf dem Paneel über der Tür gefallen. Da wußte sie, daß Bau-tjin den Satz meinte „Ich komme keinem alten Gärtner gleich.“<ref>Ein Ausspruch des Konfuzius; vgl. seine ‚Gespräche‘, XIII, 4.</ref> Denn das pu konnte ja genausogut „Gärtner“ wie „Garten“ bedeuten. Als nun Hsiang-ling die Lösung nicht fand und die anderen die Trommel schlugen und zur Eile mahnten, zupfte sie Hsiang-ling heimlich am Ärmel und flüsterte ihr zu, sie solle als Lösungswort yau – „Heilkräuter“ – sagen<ref>Yau kommt mit pu zusammen als ‚Heilkräutergarten‘ in einer Gedichtzeile von Lu You vor (über diesen vgl. o., Anm. zu S. 839) – ‚Die Strohhütte ist nördlich des Wassernußufers, die Flechtzauntür westlich des Heilkräutergartens.‘</ref>. Doch dabei wurde sie von Dai-yü ertappt, die nun ausrief: „Sie muß bestraft werden, sie sagt vor!“ | ||
| + | So war Hsiang-yün vor allen bloßgestellt und mußte sofort ihren zweiten Strafbecher trinken. Zornig griff sie nach ihren Eßstäbchen und schlug Dai-yü damit auf die Hand. Dann mußte auch Hsiang-ling ihren Strafbecher trinken. | ||
| + | Als nächstes warfen Bau-tschai und Tan-tschun dieselbe Augenzahl, und Tan-tschun gab das Wort jën – ‚Mensch‘ – vor. | ||
| + | „Mensch ist zu unbestimmt“, beklagte Bau-tschai sich lächelnd. | ||
| + | „Dann gebe ich dir noch ein zweites Wort vor“, gestand ihr Tan-tschun zu, „mit zwei Vorgaben ist es nicht mehr zu unbestimmt.“ Und sie nannte als zweites das Wort tschuang – „Fenster“. | ||
| + | Bau-tschai dachte nach, und da ein Hühnergericht auf dem Tisch stand, erriet sie, daß Tan-tschun auf die beiden klassischen Ausdrücke „Hahnenfenster“ und „Hahnemann“<ref>Basierend auf einer alten Erzählung, in der von einem konfuzianischen Gelehrten berichtet wird, der in einem Käfig am Fenster einen Hahn als Wecker hält, der dann wie ein Mensch zu reden beginnt, so daß der Gelehrte philosophische Gespräche mit ihm führen kann, steht der Begriff ‚Hahnenfenster‘ metaphorisch für eine Studierstube. ‚Hahnemann‘ (dji-jën) ist ein alter Beamtentitel, dessen Träger als Wecker vom Dienst vor großen Opferzeremonien fungierte.</ref> anspielte, und so antwortete sie mit dem Wort schï – „Nische“, worauf Tan-tschun ebenfalls richtig erriet, daß sie an die Zeile dachte „Die Hühner ruhen in der Nische.“<ref>Die Zeile stammt aus einem Gedicht im ‚Buch der Lieder‘ (Schï-djing).</ref> Da lachten sie einander zu, und jede trank einen Schluck. | ||
| + | Inzwischen war Hsiang-yün, die sich wieder einmal nicht gedulden konnte, schon mit Bau-yü ins Fingerknobeln vertieft und rief wild mal „Drei!“ und mal „Fünf!“ in den Raum. Genauso machten es Frau You und Yüan-yang, die einander von Tisch zu Tisch ihr „Sieben!“ und „Acht!“ zuriefen. Als nun auch Ping-örl und Hsi-jën mit Fingerknobeln begannen, klirrten die Armreifen an ihren Handgelenken ding-ding und dang-dang. | ||
| + | Bald darauf hatte Hsiang-yün über Bau-yü gesiegt, Hsi-jën über Ping-örl und Frau You über Yüan-yang. Als den drei Verlierern ihre Aufgabe gestellt werden sollte, sagte Hsiang-yün: „Bevor sie trinken, müssen sie einen Satz aus einem alten Prosastück, eine Zeile aus einem alten Gedicht, den Namen von Dominosteinen, den Titel eines Tonmusters für Gedichte sowie einen Kalenderspruch so zusammenfügen, daß sie einen Sinn ergeben. Nach dem Trinken aber müssen sie den Namen einer Speise mit dem menschlichen Leben in Beziehung setzen.“ | ||
| + | Alle lachten darüber und meinten: „Ihre Aufgaben sind umständlicher als die aller andern, aber sie sind doch sinnreich.“ Und sie drängten Bau-yü zur Eile. | ||
| + | „Wer hat so etwas je gespielt?“ sagte Bau-yü lächelnd. „Ihr müßt mir Zeit lassen, damit ich überlegen kann.“ | ||
| + | „Wenn du zusätzlich einen Becher trinkst, antworte ich an deiner Statt“, schlug Dai-yü ihm vor. | ||
| + | Da leerte Bau-yü wirklich seinen Becher und hörte mit den anderen zu, wie Dai-yü sprach: | ||
| + | „Das Abendrot fliegt mit der einsamen Ente fort, | ||
| + | im Wind überm Fluß tönt der Wildgänse Schrei, | ||
| + | eine Wildgans ist‘s mit gebrochenem Bein. | ||
| + | Neunmal am Tage denk ich besorgt, | ||
| + | die Wildgänse kommen zu Gast.“ | ||
| + | Alle lachten darüber und sagten: „Es steckt doch noch einiger Sinn in dieser Aneinanderreihung!“ | ||
| + | Dann griff Dai-yü nach einem Haselnußkern und sagte: | ||
| + | „Dschën-dsï, die Haselnuß, ist nicht dschën, der Wäscheklopfstein, | ||
| + | woher also tönt der Waschklöppel Schlag?“ | ||
| + | Damit hatte sie die Aufgabe erfüllt. Yüan-yang und Ping-örl zitierten nur Redensarten, in denen das Wort „Langlebigkeit“ vorkam und die hier nicht unnötig genannt werden müssen. | ||
| + | Als dann mit neuen Partnern weitergeknobelt wurde, traf Hsiang-yün auf Bau-tjin. Beim weiteren Spiel warf Li Wan dieselbe Augenzahl wie Hsiu-yän und gab ihr das Wort piau – „Schöpfkelle‘ – vor. Hsiu-yän erwiderte ihr lü – „grün“, und da es sich richtig auf das gesuchte Wort bezog<ref>Das gesuchte Bezugswort ist dsun – Weinbecher –, mit piau zusammen kommt es in einer Gedichtzeile von Su Dschë (1039 – 1112) vor – ‚Schöpfkelle und Weinbecher hängen leer an der Wand.‘ Den Ausdruck lü dsun – grüner Becher – gibt es bei verschiedenen Dichtern, u. a. bei Wang Bo (650 – 676) – ‚Nicht vor der Trunkenheit hat der Einsiedler in den Bergen Angst, seine einzige Furcht ist es, der grüne Becher könnte leer sein.‘</ref>, tranken sie beide einen Schluck. | ||
| + | Beim Fingerknobeln verlor Hsiang-yün gegen Bau-tjin, und als sie um ihre Aufgabe bat, zitierte Bau-tjin lächelnd: „Steigt bitte in den tönernen Vorratsbehälter, mein Herr!“<ref>Der Ausspruch, der in China als historisch belegt gilt, bezieht sich darauf, daß ein schon durchschauter, aber noch nicht entlarvter Verbrecher aufgefordert wird, eine angemessene Strafe für eine Tat zu bestimmen, wie er sie selbst begangen hat, womit er sich unbewußt sein eigenes Urteil spricht. In China besteht die Strafe darin, in ein großes tönernes Vorratsgefäß zu steigen, um das dann ein starkes Feuer gelegt wird. Im deutschen Volksmärchen (Grimm Nr. 13, 89, 111, 135) ist es ein mit Nägeln gespicktes Faß, in dem der Verbrecher getötet wird, bzw. die Strafe der Vierteilung.</ref> | ||
| + | Alle lachten darüber und lobten: „Gut hast du diesen Ausspruch gebraucht!“ | ||
| + | Hsiang-yün aber sprach: | ||
| + | „Mit Stürmen und Tosen | ||
| + | himmelwärts steigen die Wasser empor, | ||
| + | einsames Boot an eisernen Ketten. | ||
| + | Auf dem Fluß weht der Wind, | ||
| + | der Tag ist nicht günstig zur Reise.“ | ||
| + | Lachend kommentierten die anderen: „Man könnte sich krank lachen über diesen Unsinn. Kein Wunder, daß sie diese Aufgabe gestellt hat, sie wollte uns nur zum Lachen bringen.“ Gespannt warteten sie, was Hsiang-yün zum Abschluß vorbringen würde, aber als Hsiang-yün ihren Wein getrunken hatte, suchte sie sich ein Stück Entenfleisch aus und schob es in den Mund. Da sie sah, daß auch noch ein halber Entenkopf auf dem Teller lag, holte sie ihn hervor und begann, das Hirn herauszupulen. | ||
| + | „Denk nicht nur ans Essen und rede endlich!“ mahnten die anderen. | ||
| + | Da hob Hsiang-yün den Entenkopf mit den Eßstäbchen in die Höhe und sagte: | ||
| + | „Ya-tou, der Entenkopf, ist nicht ya-tou, die Magd, | ||
| + | was also braucht es darauf Duftblütenöl?“ | ||
| + | Alle lachten noch ausgelassener als zuvor, aber Tjing-wën, Hsiau-luo, Ying-örl und einige andere Sklavenmädchen veranlaßte das nur, aufzustehen und Hsiang-yün vorzuwerfen: „Ihr versteht es wirklich zu scherzen, Fräulein, aber auf unsere Kosten! Dafür müßt Ihr einen Strafbecher trinken. Und wenn Ihr meint, wir sollten uns Duftblütenöl ins Haar reiben, müßt Ihr jeder von uns eine Flasche schenken!“ | ||
| + | „Sie würde euch das Öl schon schenken, aber sie hat Angst, man könnte sie des Diebstahls bezichtigen“, bemerkte Dai-yü mit einem Lächeln. | ||
| + | Die meisten der anderen kümmerten sich nicht darum, Bau-yü aber verstand, worauf sie anspielte, und blickte zu Boden. Tsai-yün, die es am unmittelbarsten betraf, wurde unwillkürlich rot, Bau-tschai aber warf Dai-yü rasch einen heimlichen Blick zu, und nun bereute sie ihre Worte, denn in dem Wunsch, Bau-yü hochzunehmen, hatte sie nicht bedacht, daß Tsai-yün sich getroffen fühlen mußte. Aber die Reue kam zu spät. Um abzulenken, begann sie rasch eine neue Runde Fingerknobeln. | ||
| + | Wenig später würfelten ausgerechnet Bau-yü und Bau-tschai dieselbe Augenzahl, und Bau-tschai gab ihm den Begriff bau – „wertvoll“ – vor. Nach kurzem Nachdenken verstand Bau-yü, daß sie sich einen Scherz daraus machte, auf seinen beseelten Jadestein anzuspielen, den er um den Hals trug. Darum sagte er: „Du willst dir einen edlen Scherz mit mir erlauben, aber ich habe es erraten. Sei mir nun nicht böse, wenn ich auch deinen Namen gebrauchen muß, denn die Ergänzung ist tschai – ‚Haarpfeil‘.“ | ||
| + | „Wie willst du das erklären?“ fragten die anderen. | ||
| + | „Als sie bau sagte, war die Ergänzung natürlich yü – ‚Jade‘“, sagte Bau-yü. „Darum habe ich als Erwiderung tschai gesagt, denn in einem alten Gedicht heißt es ‚Zerbrochen ist der Jadehaarpfeil, erkaltet die rote Kerze.‘<ref>Eine Zeile aus einem Gedicht des Sung-zeitlichen Dichters Dschëng Huee.</ref> Ist das nicht richtig geraten?“ | ||
| + | „Ihr habt beide auf unsern Alltag angespielt, das durftet ihr nicht“, wandte Hsiang-yün ein. „Zur Strafe müßt ihr beide trinken.“ | ||
| + | „Aber diese Begriffe gibt es nicht nur in unserm Alltag, es gibt dafür auch klassische Belegstellen“, widersprach Hsiang-ling. | ||
| + | „Aber nicht für bau-yü“, beharrte Hsiang-yün. „Das gibt es vielleicht in Neujahrssprüchen, aber nicht in Gedichtsammlungen oder Geschichtsaufzeichnungen, und darum zählt es nicht.“ | ||
| + | „Neulich habe ich in einem fünfsilbigen Regelgedicht von Tsën Schën<ref>716[?] – 770[?], Beamter und Dichter.</ref> die Zeile gelesen ‚Viel kostbaren Jade – bau-yü – findet man hier.‘ Diese Stelle hast du wohl vergessen?“ erwiderte Hsiang-ling. „Später habe ich noch in einem siebensilbigen Vierzeiler bei Li I-schan<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 700 (Li Schang-yins Gedichte).</ref> den Satz gefunden ‚Der wertvolle Haarpfeil – bau-tschai – verstaubt täglich mehr.‘ Da habe ich noch gelacht und mir gesagt, man findet die Namen der beiden schon in Gedichten aus der Tang-Zeit.“ | ||
| + | „Damit hast du sie in die Enge getrieben“, sagten die anderen und lachten. „Zur Strafe muß sie rasch einen Becher trinken!“ | ||
| + | Hsiang-yün wußte nichts dagegen zu sagen, und so mußte sie notgedrungen trinken. | ||
| + | Anschließend würfelten die einen wieder miteinander, während die anderen im Fingerknobeln fortfuhren. Da die Herzoginmutter und Dame Wang nicht zu Hause waren und so jede Aufsicht fehlte, vergnügten sich die jungen Leute nach Herzenslust. Sie riefen ihre Zahlen wild durcheinander und bewegten sich so ungestüm, daß die bunten Gewänder flatterten und der Schmuck daran blitzte. Es war wirklich ein mehr als lebhaftes Bild. | ||
| + | Nachdem sie noch ein Weilchen gespielt hatten, standen sie von den Tischen auf, und plötzlich vermißten sie Hsiang-yün. Zuerst nahmen sie an, sie werde nur einmal kurz hinausgegangen und bald wieder da sein, aber so lange sie auch warteten, zeigte sich doch keine Spur von ihr. Nun ließen sie überall nach ihr suchen, aber nirgends wurde sie entdeckt. | ||
| + | Inzwischen erschien Lin Dschï-hsiaus Frau zusammen mit einigen alten Sklavinnen, weil sie glaubte, es könnte vielleicht Aufträge für sie geben, und weil sie zum anderen fürchtete, die Sklavenmädchen würden sich – so jung, wie sie waren – in Abwesenheit von Dame Wang durch Tan-tschun und die anderen Fräulein nicht im Zaum halten lassen, würden hemmungslos trinken und dann jeden Anstand verlieren. Deshalb kamen sie jetzt mit der Frage, ob es Weisungen für sie gebe oder nicht. | ||
| + | Tan-tschun konnte sich bei ihrem Anblick sofort denken, was sie hergeführt hatte, darum sagte sie rasch mit einem Lächeln: „Seid ihr wieder einmal in Sorge und kommt uns kontrollieren? Wir haben nicht zuviel Wein getrunken, wir sind nur miteinander vergnügt, und das bißchen Wein war lediglich der Auftakt dazu. Ihr könnt also ganz unbesorgt sein.“ | ||
| + | Auch Li Wan und Frau You sagten lächelnd: „Geht euch nur ausruhen, wir lassen schon nicht zu, daß zuviel getrunken wird.“ | ||
| + | „Wir wissen ja, daß die Fräulein nicht gern trinken, selbst wenn die alte gnädige Frau sie dazu auffordert, also werden sie erst recht nicht trinken, wenn die gnädige Frau nicht zu Hause ist, und machen sich nur einen Spaß“, pflichtete Lin Dschï-hsiaus Frau ihr bei. „Wir dachten nur, es gebe vielleicht etwas zu erledigen, und wollten uns deswegen erkundigen. Außerdem sind die Tage lang, und nachdem sich die Fräulein so viel vergnügt haben, müssen sie jetzt eine Kleinigkeit essen. Für gewöhnlich essen sie ja kaum etwas zwischen den Mahlzeiten, aber wenn sie nach den ein, zwei Bechern Wein, die sie heute getrunken haben, nicht einen Happen essen, könnte ihnen das schaden.“ | ||
| + | „Ihr habt ganz recht, eben wollten wir etwas essen“, sagte Tan-tschun lächelnd. Dann wandte sie den Kopf und befahl: „Bringt den Imbiß!“ | ||
| + | „Jawohl!“ sagten die Sklavenmädchen, die zu beiden Seiten standen, und gingen rasch Gebäck holen. | ||
| + | „Geht nur und ruht euch aus!“ wandte sich Tan-tschun wieder an Lin Dschï-hsiaus Frau und ihr Gefolge. „Oder geht hinüber, um euch mit der gnädigen Frau Tante zu unterhalten. Gleich werden wir euch Wein bringen lassen.“ | ||
| + | „Das wagen wir nicht anzunehmen!“ zierten sich Lin Dschï-hsiaus Frau und die alten Sklavinnen lächelnd. Erst nachdem sie noch stehend eine Weile gewartet hatten, gingen sie wieder fort. | ||
| + | Nun befühlte Ping-örl ihre Wangen und meinte lächelnd: „Mein Gesicht ist ganz heiß. Es war mir direkt peinlich, sie anzusehen. Ich finde, wir sollten Schluß machen, damit sie nicht noch ein zweites Mal kommen. Das würde Ärger geben.“ | ||
| + | „Nur keine Bange!“ erwiderte Tan-tschun lächelnd. „Solange wir nicht ernsthaft zu trinken anfangen, macht es nichts.“ | ||
| + | Kaum hatte sie das gesagt, kam eines der kleineren Sklavenmädchen kichernd in den Raum und sagte: „Die Fräulein müssen sich schnell Fräulein Hsiang-yün ansehen! Sie ist betrunken, und um sich abzukühlen, hat sie sich auf eine Steinbank hinter dem Berg gelegt und ist dort eingeschlafen.“ | ||
| + | Alle lachten darüber und sagten: „Kommt, aber seid leise!“ | ||
| + | Sie fanden Hsiang-yün tatsächlich auf einer steinernen Ruhebank an einem abgelegenen Ort hinter den künstlichen Felsen, wo sie in süßem Schlummer lag. Von allen Seiten hatte es Blütenblätter von den Päonien geschneit, und so waren Gesicht und Kleider völlig damit bedeckt. Auch der Fächer, der ihrer Hand entfallen war und auf der Erde lag, war schon zur Hälfte darunter begraben. Bienen und Schmetterlinge umschwärmten die Schläferin, und unter ihrem Kopf lag anstelle eines Kissens ein Bündelchen Päonienblüten, die sie in ein Tuch aus Wassermannseide<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 557.</ref> geknüpft hatte. | ||
| + | Für die Betrachter war dieser Anblick lieblich und lächerlich zugleich. Sie traten näher heran, stießen Hsiang-yün an und halfen ihr auf. Da hörten sie, wie Hsiang-yün – immer noch im Schlaf – eine neue Lösung für das Trinkspiel murmelte: | ||
| + | „Duftig der Quell und kalt der Wein, | ||
| + | Bernsteinglanz füllt die jadenen Becher, | ||
| + | steht der Mond über der Aprikosenblüte. | ||
| + | Die trunkenen Zecher führt man nach Haus, | ||
| + | der Tag ist günstig, um Freunde zu treffen.“ | ||
| + | Lachend rüttelten sie sie noch einmal und sagten dabei: „Du mußt zu dir kommen und etwas essen! Hier auf der feuchten Bank wirst du dir eine Krankheit holen!“ | ||
| + | Hsiang-yün schlug langsam die Augen auf und erblickte die zahlreiche Gesellschaft. Dann senkte sie den Kopf, blickte an sich herab, und erst jetzt merkte sie, daß sie sich betrunken hatte. Eigentlich hatte sie nur Ruhe und Abkühlung gesucht, aber da ihr zarter Leib dem vielen Wein nicht gewachsen war, den sie zur Strafe hatte trinken müssen, war sie, ohne es zu merken, auf der Bank eingeschlafen. | ||
| + | Jetzt fühlte sie sich natürlich beschämt, darum stand sie hastig auf und schleppte sich hinter den anderen her zum Garten der Roten Düfte zurück, wo sie sich wusch und zwei Schalen starken Tee trank. Außerdem ließ Tan-tschun rasch einen Ernüchterungsstein holen, den Hsiang-yün in den Mund nehmen mußte. Aber erst als sie auch noch etwas saure Suppe gegessen hatte, fühlte sie sich wieder besser. | ||
| + | Nun wählten sie einige Sorten Naschwerk und Speisen aus und ließen sie zu Hsi-fëng hinübertragen, die ihnen ihrerseits ein paar andere Gerichte schickte. | ||
| + | Nach dem Imbiß, den Bau-tschai und einige der anderen eingenommen hatten, blieben die einen sitzen, während die anderen aufstanden. Manch eine schaute sich draußen die Blumen an oder sah, aufs Geländer gestützt, den Fischen zu – jede vergnügte sich auf ihre Weise. Tan-tschun spielte mit Bau-tjin Wee-tji-Schach<ref>‚Einkreise‘-Schach, das unter seinem japanischen Namen Go auch in Europa bekannte Brettspiel.</ref>, und Bau-tschai sah ihnen gemeinsam mit Hsiu-yän dabei zu. Dai-yü stand mit Bau-yü zusammen unter einem blühenden Strauch, und sie unterhielten sich halblaut wer weiß worüber. Da kam wieder Lin Dschï-hsiaus Frau mit einem Trupp von Begleiterinnen herein und führte eine Sklavenfrau mit sich, die einen ganz zerknirschten Eindruck machte und sich nicht traute, das Haus zu betreten. Statt dessen kniete sie am Fuße der Treppe nieder und schlug mit der Stirn auf den Boden, daß es dröhnte. | ||
| + | Tan-tschun, die sich auf dem Schachbrett ernstlich bedroht fühlte, grübelte über die gefährliche Stelle nach, und obwohl sie sich zwei ‚Augen‘ schaffen konnte, wollte es ihr nicht gelingen, den entscheidenden Zug zu tun. Wie gebannt schaute sie auf das Spielbrett und befingerte dabei mit einer Hand die Spielsteine in der Dose. | ||
| + | Lin Dschï-hsiaus Frau stand schon eine geraume Weile da, als Tan-tschun endlich den Kopf wandte, um Tee zu verlangen, und sie erblickte. Befragt, was es gebe, wies Lin Dschï-hsiaus Frau mit der Hand auf die Sklavin und sagte: „Das ist die Mutter von Tsai-örl, die in den Räumen von Fräulein Hsi-tschun dient. Sie selbst ist jetzt im Garten beschäftigt. Die Frau hat ein außerordentlich böses Mundwerk, eben habe ich sie bei so etwas ertappt und zur Rede gestellt. Was sie gesagt hat, wage ich vor Euch nicht zu wiederholen. Das einzig Richtige ist, sie hinauszuwerfen.“ | ||
| + | „Warum meldest du es nicht der älteren jungen Herrin?“ fragte Tan-tschun. | ||
| + | „Die ältere junge Herrin ist eben in die kleine Halle zur gnädigen Frau Tante gegangen, und als ich ihr dort in den Weg lief, habe ich ihr schon davon berichtet“, sagte Lin Dschï-hsiaus Frau. „Sie hat mir befohlen, es Euch zu melden.“ | ||
| + | „Und warum meldest du es nicht der zweiten jungen Herrin?“ fragte Tan-tschun weiter. | ||
| + | „Das ist nicht nötig!“ warf Ping-örl ein. „Wenn ich zu Hause bin, sage ich ihr Bescheid.“ | ||
| + | „Also gut, dann wirf sie hinaus, und wenn die gnädige Frau zurück ist, wird es ihr gemeldet, damit sie eine endgültige Festlegung trifft“, entschied Tan-tschun und wandte sich wieder dem Schachspiel zu, während Lin Dschï-hsiaus Frau die Sklavin hinausführte, von der hier nicht weiter die Rede sein soll. | ||
| + | Unter ihrem Blütenstrauch hatten Dai-yü und Bau-yü die Szene aus der Ferne verfolgt und konnten sich ungefähr denken, worum es ging. „Tan-tschun ist ein tüchtiges Mädchen“, sagte Dai-yü, „obwohl man sie beauftragt hat, bei der Haushaltsführung auszuhelfen, tut sie nichts, was sie nicht tun müßte. Eine andere an ihrer Stelle hätte sich schon längst Autorität angemaßt.“ | ||
| + | „Du weißt nichts davon, aber während du krank warst, hat sie eine ganze Menge Neuerungen eingeführt“, erwiderte Bau-yü, „hier im Garten ist jetzt alles einzelnen Leuten zur Bewirtschaftung zugeteilt, kein Hälmchen Gras darf man zuviel abreißen. Einiges hat sie auch abgeschafft und extra an mir und Kusine Hsi-fëng ihre Exempel statuiert, um es so auch allen andern zu verbieten. Alles, was sie tut, ist wohldurchdacht, das ist nicht einfach nur Tüchtigkeit.“ | ||
| + | „Das ist gut so!“ lobte Dai-yü, „denn wir leben hier viel zu aufwendig. Ich habe zwar nichts mit der Haushaltsführung zu tun, aber in müßigen Stunden stelle ich auch immer meine Überlegungen an und weiß, daß viel ausgegeben und wenig eingenommen wird. Wenn jetzt nicht gespart wird, ist zwangsläufig eines Tages nichts mehr da.“ | ||
| + | „Und wenn schon!“ versuchte Bau-yü sie lächelnd zu beschwichtigen, „für uns beide wird es noch reichen.“ | ||
| + | Als Dai-yü das hörte, wandte sie sich ab und ging zur Halle hinüber, um dort mit Bau-tschai zu plaudern. Auch Bau-yü wollte fortgehen, aber da erschien eben Hsi-jën und brachte auf einem kleinen Teebrett, einer ausländischen Lackarbeit mit einem Muster aus verschlungenen Kreisen, zwei Schälchen frischen Tee. „Wo ist sie hingegangen?“ fragte sie. „Mir war aufgefallen, daß ihr beide lange keinen Tee getrunken habt, darum habe ich extra zwei Schalen für euch eingegossen, und nun ist sie fort.“ | ||
| + | „Da ist sie doch!“ sagte Bau-yü, „bring ihr den Tee nur hin!“ Mit diesen Worten ergriff er die eine Schale, während Hsi-jën die andere weitertrug. | ||
| + | Da Dai-yü mit Bau-tschai zusammenstand, Hsi-jën aber nur noch eine Schale Tee anzubieten hatte, schlug sie vor: „Wer den größeren Durst hat, trinkt zuerst. Ich gehe noch etwas eingießen.“ | ||
| + | Lächelnd erwiderte Bau-tschai: „Ich habe keinen Durst, ich brauche nur einen Schluck, um mir den Mund zu spülen.“ Damit griff sie nach der Teeschale, nahm einen Schluck und gab dann die halbvolle Schale Dai-yü in die Hand. | ||
| + | „Ich gehe noch etwas eingießen!“ schlug Hsi-jën erneut vor. | ||
| + | Aber lächelnd erklärte ihr Dai-yü: „Du weißt doch, daß mir der Arzt meiner Krankheit wegen verboten hat, zuviel Tee zu trinken. Die halbe Schale reicht mir vollkommen. Es war lieb, daß du an uns gedacht hast!“ Mit diesen Worten trank sie die Teeschale leer und stellte sie wieder zurück. | ||
| + | Nun ging Hsi-jën die Teeschale holen, aus der Bau-yü getrunken hatte, und dieser erkundigte sich: „Wo steckt denn Fang-guan? Ich habe sie die ganze Zeit nicht gesehen.“ | ||
| + | Hsi-jën blickte sich nach allen Seiten um, dann sagte sie: „Vorhin hat sie dort mit ein paar andern das Pflanzenspiel gespielt, aber jetzt ist sie nicht mehr zu sehen.“ | ||
| + | Als Bau-yü das hörte, ging er rasch in seine Räume zurück und fand dort Fang-guan mit dem Gesicht zur Wand auf dem Bett liegen. Er stieß sie an und sagte: „Schlaf jetzt nicht! Wir wollen uns draußen vergnügen und nachher schön essen!“ | ||
| + | „Während ihr Wein getrunken habt, hat sich niemand um mich gekümmert, und ich konnte mich die ganze Zeit langweilen. Was sollte ich anders machen, als mich schlafen legen?“ schmollte Fang-guan. | ||
| + | Bau-yü zog sie in die Höhe, damit sie aufstand, und versprach ihr lächelnd: „Wir trinken heute Abend noch einmal hier bei uns! Sobald alle zurück sind, sage ich Schwester Hsi-jën, sie solle dich mit am Tisch sitzen lassen. Was sagst du dazu?“ | ||
| + | „Wenn Ou-guan und Juee-guan nicht mit dabei sind, macht es keinen Spaß“, hielt ihm Fang-guan entgegen. „Außerdem bin ich es nicht gewöhnt, diese Nudeln zu essen. Auch heute früh habe ich nichts Richtiges gegessen, darum bin ich jetzt hungrig und habe eben schon Schwägerin Liu sagen lassen, sie solle mir eine Schale Suppe machen und zusammen mit einer halben Schale Reis herüberschicken. Das werde ich hier essen, und damit hat sich die Sache. | ||
| + | Und wenn wir am Abend Wein trinken, mußt du dafür sorgen, daß mich niemand bevormundet. Ich möchte mich einmal so richtig vollaufen lassen. Als ich noch bei meinen Eltern lebte, konnte ich zwei, drei Djin vom besten Huee-Quellen-Wein<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 270.</ref> vertragen, aber als ich dann mit dieser blöden Singerei anfing, hieß es, ich würde mir die Stimme verderben, darum habe ich all die Jahre Wein nicht einmal gerochen. Heute will ich die Fastenzeit beenden!“ | ||
| + | „Das ist kein Problem“, sagte Bau-yü. | ||
| + | Im selben Augenblick sah er, daß wirklich jemand im Auftrag von Frau Liu eine Speiseschachtel brachte. Als Tschun-yän sie entgegennahm und aufmachte, fanden sie darin eine Schale Suppe mit Krebsfleischbällchen und Hühnerhaut, eine Schale gedünstete Ente in Weintunke und einen Teller gepökeltes Gänsefleisch, außerdem einen Teller mit vier Cremeröllchen aus Zirbelnüssen und eine große Schale voll dampfendem grünen Reis. Tschun-yän stellte alles auf den Tisch, dann holte sie sich noch einige Beikost sowie Geschirr und Eßstäbchen und füllte ein Schälchen mit dem Reis. | ||
| + | „Wer mag schon diese fetten Sachen?!“ sagte Fang-guan und goß sich nur von der Suppe über den Reis. Als sie das Schälchen leergegessen hatte, suchte sie sich noch ein paar Häppchen gepökeltes Gänsefleisch aus, dann war ihre Mahlzeit beendet. | ||
| + | Bau-yü erschien dieses Essen dem Geruch nach appetitlicher als die Gerichte, die er sonst bekam, darum aß er ein Cremeröllchen und befahl Tschun-yän, auch für ihn ein Schälchen mit Reis zu füllen, das er dann gleichfalls mit Suppe übergoß und aß. Als er den Geschmack höchst lieblich und angenehm fand, mußten Tschun-yän und Fang-guan lachen. | ||
| + | Da die beiden nun nichts mehr mochten, wollte Tschun-yän die Reste zurückschicken, aber Bau-yü forderte sie auf: „Iß du es! Wenn es nicht reicht, läßt du dir noch etwas geben.“ | ||
| + | „Nicht nötig, das hier reicht mir. Vorhin hatte uns Schwester Schë-yüä zwei Teller mit Gebäck gebracht. Wenn ich jetzt noch das hier aufesse, brauche ich weiter nichts“, sagte Tschun-yän. Mit diesen Worten begann sie am Tisch stehend zu essen und ließ nur zwei Cremeröllchen übrig. „Die hebe ich für meine Mutter auf“, erklärte sie. „Wenn ich am Abend noch zwei Schalen Wein bekommen kann, habe ich alles, was ich brauche.“ | ||
| + | „Du magst also auch gern Wein?“ erkundigte sich Bau-yü. „Da wollen wir heute Abend nach Herzenslust trinken! Auch Hsi-jën und Tjing-wën können einiges vertragen, aber sie genieren sich natürlich, jeden Tag etwas zu trinken. Heute soll für uns alle die Fastenzeit zu Ende sein! Aber da fällt mir eben noch etwas ein, was ich dir sagen wollte. In Zukunft sollst du dich um Fang-guan kümmern und sie darauf aufmerksam machen, wenn sie vielleicht etwas falsch macht. Hsi-jën kann nicht auf alles achtgeben.“ | ||
| + | „Ich weiß schon Bescheid, du brauchst dir keine Sorgen darum zu machen“, beruhigte ihn Tschun-yän, „aber was wird jetzt mit Wu-örl?“ | ||
| + | „Bestell Frau Liu, sie solle Wu-örl morgen direkt hierher schicken, den Rest erledige ich, dann geht alles in Ordnung“, antwortete Bau-yü. | ||
| + | „Das ist ein Wort!“ erklärte Fang-guan strahlend, als sie dies hörte. | ||
| + | Nun rief Tschun-yän zwei kleinere Sklavenmädchen herein, damit sie beim Händewaschen bedienten und den Tee eingossen, während sie selbst das Geschirr abräumte und einer alten Sklavenfrau übergab. Dann wusch auch sie sich die Hände, und anschließend machte sie sich auf die Suche nach Frau Liu. Doch davon genug einstweilen. | ||
| + | Inzwischen ging Bau-yü hinaus, um in den Garten der Roten Düfte zu seinen Kusinen zurückzukehren. Fang-guan aber folgte ihm und trug für ihn Tuch und Fächer. Als sie eben am Hoftor waren, kamen ihnen Hsi-jën und Tjing-wën Hand in Hand entgegen, und Bau-yü erkundigte sich: „Was macht ihr hier?“ | ||
| + | „Das Essen ist aufgetragen, und alle warten auf dich“, sagte Hsi-jën. | ||
| + | Da berichtete ihr Bau-yü mit lächelnder Miene, daß er soeben bereits gegessen habe. | ||
| + | Ebenfalls lächelnd, erwiderte Hsi-jën: „Ich sage es ja, mit dem Essen bist du wie eine Katze. Kaum daß du etwas riechst, möchtest du davon kosten, und bei andern schmeckt es immer am besten. Aber trotzdem mußt du jetzt gehen und ihnen Gesellschaft leisten, so gut du kannst, um den Schein zu wahren.“ | ||
| + | Inzwischen preßte Tjing-wën die Fingerspitze gegen Fang-guans Stirn und schimpfte: „Du bist ja eine ganz raffinierte Füchsin! Wie hast du das fertiggebracht, dich wegzustehlen, um etwas zu essen? Und wie habt ihr euch verabreden können, ohne uns einen Ton zu sagen?“ | ||
| + | „Sie haben sich wohl nur durch Zufall getroffen und keine Verabredung gehabt“, versuchte Hsi-jën sie lächelnd zu beschwichtigen. | ||
| + | „Aber wir werden ja wohl nicht mehr gebraucht“, stichelte Tjing-wën weiter. „Morgen gehen wir alle fort, und Fang-guan kann ihn allein bedienen!“ | ||
| + | „Wir könnten wohl alle gehen, aber du darfst nicht fort!“ widersprach Hsi-jën. | ||
| + | „Ich bin sogar die erste, die gehen müßte“, versteifte sich Tjing-wën. „Ich bin plump und faul, habe keinen guten Charakter und bin zu nichts nütze.“ | ||
| + | „Und wer soll das stopfen, wenn er sich wieder ein Loch in seinen Pfauenfederumhang brennt, und du bist nicht mehr da?“ fragte Hsi-jën lächelnd. „Spiel mir jetzt bloß nicht die Beleidigte! Wenn ich dich bitte, rührst du keinen Finger. Dabei ist es ja meist nicht für mich, sondern für ihn, und trotzdem machst du es nicht. Aber als ich ein paar Tage nicht hier war, und du lagst todsterbenskrank im Bett, da hast du die ganze Nacht hindurch den Umhang für ihn geflickt, ohne auch nur daran zu denken, daß es dich das Leben kosten könnte. Wie ist denn das zu erklären? – Nun sag endlich etwas, anstatt mich nur anzulächeln und die Dumme zu spielen! Damit erreichst du nichts.“ | ||
| + | Während dieser Unterhaltung waren sie zu der Halle gelangt, wo sich auch Tante Hsüä wieder eingefunden hatte. Alle nahmen der Rangfolge nach Platz und aßen. Um nicht aus dem Rahmen zu fallen, nahm auch Bau-yü eine halbe Schale Reis zu sich, den er mit Tee übergossen hatte. Anschließend | ||
| + | tranken sie Tee und plauderten, dann vergnügte sich wieder ein jeder, wie er mochte. | ||
| + | Draußen im Garten vertrieben sich Hsiau-luo, Hsiang-ling, Fang-guan, Juee-guan, Ou-guan und Dou-guan die Zeit damit, die verschiedensten Gewächse zu pflücken und dann, auf einem Rasenhügel lagernd, das Pflanzenspiel zu spielen. | ||
| + | Eine sagte: „Ich habe eine Guan-yin-Weide<ref>Wörtliche Bedeutung eines der chinesischen Namen der Tamariske (Tamarix).</ref>.“ | ||
| + | Eine andere erwiderte: „Ich habe eine Arhat-Kiefer<ref>Wörtliche Bedeutung des chinesischen Namens der Steineibe (Podocarpus).</ref>.“ | ||
| + | Die nächste sagte: „Ich habe einen Edelmannsbambus.“ | ||
| + | Und eine andere parierte: „Ich habe eine Schönmädchenbanane<ref>Wörtliche Bedeutung des chinesischen Namens des Blumenrohrs (Canna).</ref>.“ | ||
| + | Eine sagte: „Ich habe Sternengrün.“ | ||
| + | Eine andere ergänzte: „Ich habe Mondesrot<ref>Eigentlich ‚Monat-für-Monat-Rot‘; wörtliche Bedeutung des chinesischen Namens der Zwergrose (Rosa chinensis ‚Semperflorens‘).</ref>.“ | ||
| + | Eine behauptete: „Ich habe eine Päonienblüte aus dem ‚Päonienpavillon‘<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 201.</ref>.“ | ||
| + | Eine andere entgegnete sogar: „Ich habe eine Pi-pa-Frucht aus der ‚Geschichte von der Laute‘.“<ref>Zwischen den Namen der Frucht pi-pa (Japanische Mispel, Eriobotrya japonica) und des Musikinstruments pi-pa (Chinesische Laute), dem das Bühnenstück des Ming-zeitlichen Autors Gau Dsë-tschëng seinen Titel verdankt, besteht eine nur zufällige Homophonie.</ref> | ||
| + | Schließlich sagte Dou-guan: „Ich habe eine Schwesternblume.“ | ||
| + | Niemand wußte etwas dagegenzuhalten, bis Hsiang-ling sagte: „Ich habe eine Mann-und-Frau-Orchidee.“ | ||
| + | „Von so einer Orchidee habe ich noch nie etwas gehört“, wandte Dou-guan ein. | ||
| + | „Orchideen mit nur einer Blüte an jedem Stengel heißen lan, und solche mit mehreren Blüten an einem Stengel heißen huee“, erklärte Hsiang-ling. „Sitzen zwei Blüten unterschiedlich hoch, sagt man dazu Brüder-Orchidee, wachsen sie Kopf an Kopf, nennt man das Mann-und-Frau-Orchidee. An meinem Stengel sind die Blüten direkt nebeneinander, was also stimmt nicht daran?“ | ||
| + | Diese Begründung wußte Dou-guan nicht zu entkräften, darum stand sie auf und sagte spöttisch: „Und wenn die beiden Blüten unterschiedlich groß sind, ist das eine Vater-und-Sohn-Orchidee, ja? Blicken sie aber in verschiedene Richtungen, so ist das eine Feindes-Orchidee, was? Dein Mann ist jetzt schon über ein halbes Jahr auf Reisen, darum denkst du dir vor lauter Verlangen nach den Dingen, die Mann und Frau miteinander treiben, jetzt aus, daß es auch bei Orchideen Mann und Frau geben soll. Daß du dich nicht schämst!“ | ||
| + | Hsiang-ling errötete und wollte aufstehen, um Dou-guan zur Strafe zu kneifen. Dabei schimpfte sie lächelnd: „Dich werde ich, du kleines Spitzbein mit deinem verfaulten Mundwerk! Das sind ja Fieberphantasien, was du da erzählst!“ | ||
| + | Als Dou-guan sah, daß Hsiang-ling sich schon erhob, um sie zu packen, wollte sie das natürlich nicht zulassen. Rasch drückte sie Hsiang-ling nieder, wandte den Kopf zu Juee-guan und den anderen und bat sie lachend. „Kommt und helft mir, ihr in ihr Lügenmaul zu kneifen!“ | ||
| + | Während sich die beiden im Gras wälzten, klatschten die anderen lachend in die Hände und warnten nur: „Paß auf, da ist eine Pfütze! Es wäre schade um ihren neuen Rock!“ | ||
| + | Dou-guan wandte den Kopf und erblickte tatsächlich eine Lache Regenwasser, aber schon war Hsiang-lings Rock zur Hälfte davon besudelt. Beschämt riß sich Dou-guan von Hsiang-ling los und lief davon. Die anderen wollten sich vor Lachen ausschütten, weil sie aber Angst hatten, Hsiang-ling würde ihren Zorn an ihnen auslassen, liefen sie lachend auseinander. | ||
| + | Hsiang-ling stand auf und blickte an sich herab. Als sie sah, wie die grüne Brühe an ihrem Rock herunterlief, schimpfte sie wie ein Rohrspatz. | ||
| + | Bau-yü, der gesehen hatte, daß die Mädchen das Pflanzenspiel spielten, hatte inzwischen ebenfalls einige Blumen gesammelt und kam jetzt näher, um mitzuspielen. Plötzlich sah er, wie alle davonliefen und nur Hsiang-ling übrigblieb, die sich mit gesenktem Kopf an ihrem Rock zu schaffen machte. „Warum sind sie weggelaufen?“ fragte er. | ||
| + | „Ich hatte eine Mann-und-Frau-Orchidee, und weil sie nicht wußten, daß es so etwas gibt, sagten sie, ich hätte mir das nur ausgedacht“, berichtete Hsiang-ling. „Darüber sind wir ins Zanken gekommen, und sie haben mir meinen neuen Rock verdorben.“ | ||
| + | „Du hast eine Mann-und-Frau-Orchidee, und ich habe ein Blütenpärchen von der Wassernuß“, sagte Bau-yü lächelnd und hielt ihr dabei wirklich einen Stengel mit zwei Blüten hin, während er mit der anderen Hand nach der Orchidee griff. | ||
| + | „Was interessieren mich noch Mann-und-Frau-Blumen oder Blütenpärchen?! Schau dir mal meinen Rock an!“ erwiderte Hsiang-ling mißmutig. | ||
| + | Jetzt erst schaute Bau-yü an ihr herab. „O weh!“ rief er aus, dann fragte er: „Wie bist du denn damit in den Schlamm geraten? Leider verträgt gerade diese granatapfelrote Seide keinen Schmutz.“ | ||
| + | „Den Stoff hatte Fräulein Bau-tjin mitgebracht, Fräulein Bau-tschai bekam einen Rock daraus und ich auch, ich habe ihn heute zum ersten Mal an“, erzählte Hsiang-ling. | ||
| + | „Eure Familie könnte es sich leisten, hundert solche Röcke am Tag zu verderben, aber wenn der Stoff von Fräulein Bau-tjin ist und außer dir nur meine Kusine Bau-tschai so einen Rock hat, der noch gut ist, während deiner schon verdorben ist, wird sich Fräulein Bau-tjin gekränkt fühlen“, sagte Bau-yü seufzend und stampfte dabei mit dem Fuß auf. „Außerdem ist meine Tante eine alte Nörglerin. Ich habe oft genug gehört, wie sie sagte, ihr hättet keine Ahnung vom Leben, würdet nur alles kaputt machen und keine Mäßigkeit kennen. Wenn sie jetzt das hier sieht, macht sie dir wieder endlose Vorwürfe.“ | ||
| + | Diese Worte waren Hsiang-ling aus dem Herzen gesprochen, und darüber wurde sie wieder froh. Lächelnd sagte sie: „Du hast vollkommen recht. Ich habe zwar noch ein paar neue Röcke, aber keinen wie diesen hier. Wenn ich noch so einen hätte und mich schnell umziehen könnte, wäre fürs erste alles gut, und später könnten wir weitersehen.“ | ||
| + | „Beweg dich nicht, bleib ganz ruhig stehen, sonst machst du dir auch noch Hosen, Beinlinge und Schuhkappen schmutzig“, befahl ihr Bau-yü. „Ich habe eine Idee. Vorigen Monat hat sich Hsi-jën einen Rock genäht, der ganz genauso aussieht wie dieser hier. Aber da sie Trauer hat, trägt sie ihn nicht. Wie wäre es, wenn du dir den geben ließest?“ | ||
| + | Lächelnd schüttelte Hsiang-ling den Kopf und sagte: „Das geht nicht. Wenn jemand davon erfährt, wird alles nur noch schlimmer.“ | ||
| + | „Wovor hast du Angst?“ fragte Bau-yü. „Niemand hindert dich ja, ihr dafür zu schenken, was sie mag, sobald ihre Trauerzeit um ist. Du bist doch sonst nicht so! Außerdem ist das nichts, was man vor den andern geheimhalten müßte, also sag es meiner Kusine Bau-tschai nur. Bloß meine Tante darf es nicht erfahren, damit sie nicht böse wird.“ | ||
| + | Hsiang-ling dachte darüber nach und fand, Bau-yü habe recht. Darum nickte sie und sagte lächelnd: „Also gut, machen wir es so! Ich will dich in deiner Hilfsbereitschaft nicht enttäuschen. Ich werde hier warten, aber du mußt unbedingt dafür sorgen, daß Hsi-jën mir den Rock selber herbringt.“ | ||
| + | Froh über ihre Zustimmung, versprach Bau-yü, sich daran zu halten, und begab sich eilends in seine Räume hinüber. Dabei dachte er sich: „Wie schade, daß so ein Mädchen keine Eltern mehr hat und nicht einmal den eige- | ||
| + | nen Familiennamen mehr weiß! Warum mußte sie entführt und ausgerechnet an diesen Tyrannen verkauft werden?“ Dann fiel ihm ein, wie er seinerzeit unverhofft Ping-örl hatte helfen können, aber noch viel unverhoffter, sagte er sich, sei jetzt die Gelegenheit gekommen, Hsiang-ling etwas Gutes zu tun. Unter diesen törichten Überlegungen war er zu Hause angekommen, wo er Hsi-jën beiseite nahm und ihr alles genau erzählte. | ||
| + | Hsiang-ling war auf Grund ihres Wesens ohnehin bei jedermann beliebt, Hsi-jën aber war schon immer freigebig gewesen, und da sie sich mit Hsiang-ling stets gut vertragen hatte, ging sie jetzt, kaum daß sie Bau-yüs Bericht vernommen hatte, an ihre Truhe, holte den Rock heraus, legte ihn zusammen und machte sich mit Bau-yü zusammen auf die Suche nach Hsiang-ling, die tatsächlich noch auf demselben Fleck stand und wartete. | ||
| + | „Ich wußte es doch“, sagte Hsi-jën lächelnd. „Unartig, wie du bist, mußte erst etwas passieren, ehe du Ruhe gibst.“ | ||
| + | Hsiang-ling errötete, sagte aber lächelnd: „Vielen Dank, Schwester! Wer konnte schon ahnen, daß diese Bösewichter so gemein sein können!“ Dann ließ sie sich den Rock geben, entfaltete ihn und stellte fest, daß er wirklich genauso aussah wie ihr eigener. Also befahl sie Bau-yü, er solle sich umdrehen, dann zog sie sich unter ihrem Obergewand den schmutzigen Rock aus und den sauberen an. | ||
| + | „Gib den schmutzigen mir!“ forderte Hsi-jën sie auf. „Ich nehme ihn mit und bringe ihn in Ordnung, dann schicke ich jemand damit zu dir. Wenn du ihn mitnimmst und es sieht dich jemand damit, wird man dir deswegen Fragen stellen.“ | ||
| + | „Nimm ihn mit und gib ihn irgendwem von den Mädchen“, sagte Hsiang-ling. „Wenn ich diesen hier habe, brauche ich den nicht mehr.“ | ||
| + | „Das ist großzügig gedacht“, sagte Hsi-jën. | ||
| + | Noch einmal bedankte sich Hsiang-ling und knickste dazu, dann ging Hsi-jën mit dem schmutzigen Rock fort. | ||
| + | Als Hsiang-ling sich jetzt nach Bau-yü umsah, hockte er auf der Erde. Mit einem Zweig hatte er eine Grube gegraben, die er mit einer Handvoll Blütenblätter auspolsterte. Dann legte er die Mann-und-Frau-Orchidee zusammen mit dem Wassernuß-Blütenpärchen darauf, deckte sie mit weiteren Blütenblättern zu und häufte Erde über das Loch. | ||
| + | „Was treibst du denn da?“ fragte Hsiang-ling lächelnd und zog ihn am Ärmel. „Kein Wunder, daß alle sagen, wenn du unbeobachtet bist, machst du den größten Unsinn, der einem die Haare zu Berge stehen läßt. Schau nur, wie schwarz und schmierig deine Hände von Schlamm und Moos geworden sind! Willst du dich nicht waschen gehen?“ | ||
| + | Lächelnd stand Bau-yü auf und ging fort, um sich die Hände zu waschen. Auch Hsiang-ling ging ihres Weges, aber als sie schon ein paar Schritte voneinander entfernt waren, drehte sie sich noch einmal um, kam zurück und rief Bau-yü an. Bau-yü, der nicht wußte, was sie ihm noch sagen wollte, wandte sich lächelnd um, streckte seine schmutzstarrenden Hände von sich und fragte: „Was ist?“ | ||
| + | Hsiang-ling stand nur da und lächelte stumm. Da kam ihr Sklavenmädchen Dschën-örl dazu und meldete: „Das zweite Fräulein möchte Euch sprechen.“ | ||
| + | Jetzt erst sagte Hsiang-ling bittend: „Die Sache mit dem Rock darfst du nicht deinem Vetter Pan erzählen.“ Dann wandte sie sich wieder um und ging fort. | ||
| + | „Bin ich vielleicht verrückt?“ rief Bau-yü ihr lächelnd hinterher. „Meinst du, ich werde dem Tiger meinen Kopf in den Rachen stecken?“ Und damit ging er fort, um sich die Hände zu waschen. | ||
Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen. | Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen. | ||
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Revision as of 13:46, 12 April 2026
Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 62 · 63 · 64 · 65 · 66 · 67 · 68 · 69 · 70 · 71 · 81 · 91 · 101 · 111 · ← Inhalt
Kapitel 62
憨湘雲醉眠芍藥茵 / 呆香菱情解石榴裙
Die uebermuetige Xiangyun schlaeft ihren Rausch auf einem Pfingstrosenkissen aus; Die traeumerische Xiangling versteht die Bedeutung des Granatapfelrocks
Die närrische Hsiang-yün schläft betrunken auf einem Päonienblütenkissen ein,die törichte Hsiang-ling zieht gerührt ihren Granatapfelrock aus.
Ping-örl ging also hinaus und verkündete Lin Dschï-hsiaus Frau: „In einer blühenden Familie muß es möglich sein, daß eine große Angelegenheit zu einer kleinen und eine kleine zu nichts wird. Ohne jeden Anlaß Alarm zu schlagen und alles auf den Kopf zu stellen ist keine Art und Weise. Führe Mutter und Tochter zurück und laß sie ihren Dienst ausüben wie bisher! Und schick auch Tjin Hsiäns Frau wieder auf ihren alten Posten zurück! In Zukunft soll von der Sache nicht mehr die Rede sein. Halte nur täglich überall die Augen offen, darauf kommt es an!“ Damit machte sie kehrt, um zu gehen. Mutter und Tochter Liu aber traten rasch näher und schlugen mit der Stirn auf den Boden. Dann brachte Lin Dschï-hsiaus Frau sie in den Garten zurück und erstattete Li Wan und Tan-tschun Bericht. „Gut, wir wissen Bescheid. Um wieviel besser ist es doch, daß nichts vorlag!“ sagten sie beide. Sï-tji und ihre Parteigänger hatten sich umsonst gefreut, und Tjin Hsiäns Frau, die lange genug auf so eine Gelegenheit gewartet hatte, triumphierte nur einen Vormittag. Hals über Kopf übernahm sie in der Küche Gerätschaften, Reis und Feuerungsmaterial und stellte dabei vielerlei Fehlmengen fest. „Es sind zwei Dan nichtklebender Reis zu wenig, gewöhnlicher Reis ist für einen Monat zuviel empfangen worden, und Holzkohle fehlt auch“, sagte sie. Zugleich bereitete sie Geschenke für Lin Dschï-hsiaus Frau vor. Einen Korb Holzkohle, fünfhundert Djin Brennholz und eine Last nichtklebenden Reis ließ sie heimlich draußen bereitstellen und dann durch Sohn und Neffen zum Hause der Lins schaffen. Auch für die Leute von der Haushaltskasse machte sie Geschenke zurecht. Dann ließ sie einige Speisen anrichten, lud ihre Mitarbeiterinnen zu Tisch und sagte: „Nur durch eure Hilfe bin ich hierher gekommen. Von nun an wollen wir eine einzige große Familie sein! Wenn ich etwas übersehe, müßt ihr desto umsichtiger sein.“ Mitten in all diese Aufregungen platzte jemand mit dem Bescheid: „Nach der Frühmahlzeit mußt du fort! Schwägerin Liu ist unschuldig und führt die Küche weiter.“ Als Tjin Hsiäns Frau das hörte, war ihr zumute, als ob ihr die Seele aus dem Leib fahren wollte. Völlig niedergeschlagen mußte sie ihre Segel streichen. Sie packte also ihr Bündel und zog wieder aus. Was sie den Leuten geschenkt hatte, war nun nutzlos vertan, und für den Verlust mußte sie aus der eigenen Tasche aufkommen. Sï-tji war vor Ärger wie vor den Kopf geschlagen, aber da sie nicht wußte, wie sie der Sache abhelfen sollte, mußte sie alles auf sich beruhen lassen. Nebenfrau Dschau, die sich insgeheim so viele Dinge von Tsai-yün hatte geben lassen, was durch Yü-tschuans Gezänk ruchbar geworden war, hatte nun Angst, bei einer Untersuchung würde alles ans Tageslicht kommen, deshalb schwitzte sie täglich Blut und Wasser und erkundigte sich immer wieder nach Neuigkeiten, bis plötzlich Tsai-yün hereinkam und sagte: „Bau-yü hat alles auf sich genommen, es ist nichts mehr zu befürchten.“ Nebenfrau Dschau fiel darüber ein Stein vom Herzen, Djia Huan dagegen wurde mißtrauisch, holte alles hervor, was Tsai-yün ihm heimlich gebracht hatte, und warf es ihr an den Kopf. Dabei stieß er hervor: „Ich bin nicht scharf auf den Kram, du falsches Ding! Warum sollte Bau-yü dich in Schutz nehmen, wenn du dich nicht mit ihm gut gestellt hättest? Wenn du mir die Sachen auch geben mußtest, durftest du doch keinen Menschen davon wissen lassen. Nachdem du ihm jetzt davon gesagt hast, habe ich keine Lust mehr, das zu behalten.“ Aufgeregt schwor ihm Tsai-yün, sie habe es nicht verraten, und bemühte sich unter Tränen, die Sache auf hunderterlei Weise zu erklären. Djia Huan aber blieb starrsinnig und glaubte ihr nicht. „Wie du auch immer zu mir gestanden hast, ich sollte es Schwägerin Hsi-fëng melden!“ drohte er. „Ich sage ihr, du hast die Sachen gestohlen und hast sie mir geben wollen, aber ich habe sie nicht gewollt. Das überleg dir einmal!“ Und mit einer wegwerfenden Handbewegung lief er hinaus. „Ach, du Unglücksbrut, du Strafe meiner Sünden!“ schimpfte Nebenfrau Dschau aufgeregt hinter ihm her. Tsai-yün aber weinte sich vor Wut die Augen aus, egal wie Nebenfrau Dschau auch beruhigend auf sie einredete. „Ich habe es wohl bemerkt, wie er dich verletzt hat, mein gutes Kind“, sagte Nebenfrau Dschau. „Laß mich die Sachen an mich nehmen! In ein paar Tagen wird er ganz von selbst wieder zu sich kommen.“ Mit diesen Worten wollte sie die Gegenstände einsammeln, aber wütend raffte Tsai-yün alles zusammen, und als niemand sie sehen konnte, lief sie damit in den Garten und warf es dort in den Bach. Teils versanken die Sachen, teils trieben sie mit dem Wasser fort, Tsai-yün aber weinte vor Zorn des Nachts heimlich unter der Decke. Mittlerweilen kam Bau-yüs Geburtstag. Am selben Tag hatte auch Bau-tjin Geburtstag. Weil aber Dame Wang nicht zu Hause war, ging es nicht so lebhaft zu wie in früheren Jahren. Nur der dauistische Abt Dschang schickte viererlei Geschenke und ein neues Namensamulett, die buddhistischen Mönche und Nonnen aus den verschiedensten Klöstern schickten Opfergebäck, Bilder des Gottes der Langlebigkeit, Papiergaben und Segenssprüche zum Verbrennen, Bilder der Sternengötter, die Bau-yüs Geburtsjahr und das laufende Jahr regierten, sowie Amulette für das neue Lebensjahr. Auch die Geschichtenerzählerinnen, die regelmäßig ins Haus kamen, erschienen zur Gratulation. Wang Dsï-tëng schenkte eine komplette Garnitur Kleidungsstücke, ein Paar Stiefel und Strümpfe, einhundert ‚Pfirsiche der Langlebigkeit‘[1] aus Gebäck und einhundert Bündel ‚Silberfadennudeln‘[2] aus der kaiserlichen Küche. Die Geschenke von Tante Hsüä waren um eine Stufe geringer. Von den übrigen Familienmitgliedern schenkten Frau You ein Paar Stiefel und Strümpfe, Hsi-fëng aber ein besticktes Täschchen aus dem Kaiserpalast mit einem goldenen Figürchen des Gottes der Langlebigkeit darin sowie ein persisches Spielzeug. In alle Tempel wurden Leute geschickt, um dort Geld an die Mönche zu verteilen. Auch Bau-tjin bekam Geschenke, die aber hier nicht aufgezählt werden können. Von den Schwestern und Kusinen schenkte jede nach eigenem Belieben, die eine einen Fächer, die andere eine Kalligraphie, ein Bild oder ein Gedicht, nur eben um ein Geschenk zu machen. An seinem Geburtstag stand Bau-yü früh auf, und nachdem er sich frisiert und gewaschen hatte, ging er in korrekter Kleidung samt Gürtel und Kopfbedeckung in den Hof vor der vorderen Haupthalle hinüber, wo Li Guee und drei, vier andere Sklaven schon Weihrauch und Kerzen aufgebaut hatten, die dem Himmel und der Erde geopfert werden sollten. Nachdem Bau-yü den Weihrauch in Brand gesetzt, die Riten vollzogen, den Tee geopfert und die Papierfiguren verbrannt hatte, begab er sich ins Ning-guo-Anwesen hinüber, wo er im Familientempel und in der Ahnenhalle die Riten vollzog. Dann stieg er auf die Mondterrasse und kniete hier in Richtung der Orte nieder, wo er die Herzoginmutter, Djia Dschëng und Dame Wang wußte. Nachdem er auch noch Frau You in ihren Haupträumen aufgesucht hatte, um vor ihr niederzuknien und dann ein Weilchen bei ihr zu sitzen, kehrte er ins Jung-guo-Anwesen zurück, wo er zuerst Tante Hsüä aufsuchte, die ihm ein um das andere Mal in den Arm fiel, als er vor ihr niederknien wollte. Auch Hsüä Kë machte er seine Aufwartung, der ihn gleichfalls ein Weilchen Platz nehmen ließ. Anschließend kam Bau-yü in den Garten zurück, wo er mit Tjing-wën, Schë-yüä und einem kleineren Sklavenmädchen, das eine Filzmatte trug, zuerst Li Wan und dann auch alle anderen aufsuchte, die älter waren als er. Dann begab er sich durchs Innentor hinaus zu den Wohnungen seiner Ammen Li, Dschau, Dschang und Wang, wo er jeweils einige Zeit verweilte. Als er wieder im Garten war, wollte das Gesinde seinen Kniefall vor ihm vollführen, Bau-yü aber ließ es nicht zu. Er ging in seine Räume zurück, und hier traten Hsi-jën und die anderen vor ihn hin, um ihm mündlich zu gratulieren, und das war alles. Denn Dame Wang hatte befohlen, die jungen Leute sollten keine kniefälligen Glückwünsche empfangen, weil das ihrem Glück und ihrer Langlebigkeit Abbruch tun könnte. Darum machten Bau-yüs Sklavenmädchen keinen Stirnaufschlag vor ihm. Nachdem Bau-yü ein Weilchen geruht hatte, erschienen Djia Huan, Djia Lan und die anderen, und rasch mußte Hsi-jën sie festhalten, damit sie nicht niederknieten. Nachdem sie für kurze Zeit Platz genommen hatten, gingen sie wieder fort. „Ich bin müde vom Laufen“, sagte Bau-yü lächelnd und streckte sich auf dem Bett aus. Aber kaum daß er eine halbe Schale Tee getrunken hatte, war von draußen Stimmengewirr zu hören, und ein ganzer Schwarm Sklavenmädchen kam lachend herein. Es waren Tsuee-mo, Hsiau-luo, Tsuee-lü, Ju-hua, Hsiu-yäns Sklavenmädchen Dschuan-örl, die Amme mit Tjiau-djiä auf dem Arm sowie Tsai-luan und Hsiu-luan. Jede hielt eine rote Filzmatte in den Händen, und während sie lachend nähertraten, sagten sie: „Die Gratulanten rennen dir das Haus ein. Schnell, laß die Geburtstagsnudeln auftragen!“ In diesem Augenblick kamen jedoch auch Tan-tschun, Hsiang-yün, Bau-tjin, Hsiu-yän und Hsi-tschun, und rasch ging ihnen Bau-yü mit den Worten entgegen: „Ihr hättet euch nicht bemühen müssen! – Schnell, brüht einen guten Tee auf!“ Als die Mädchen in den Innenraum getreten waren, gab es natürlich erst ein höfliches Getue, ehe sie alle Platz genommen hatten. Hsi-jën und die anderen trugen den Tee auf, aber kaum daß die Gäste den ersten Schluck getrunken hatten, trat auch die festlich geschmückte Ping-örl ins Haus. Sofort ging ihr Bau-yü entgegen und sagte lächelnd: „Als ich eben bei Kusine Hsi-fëng am Tor war und mich anmelden ließ, konnte sie mich nicht empfangen, darum habe ich noch einmal jemand hineingeschickt und dich bitten lassen.“ „Ich war eben dabei, deiner Kusine das Haar zu richten“, erwiderte Ping-örl lächelnd. „Darum konnte ich nicht zu dir herauskommen. Dann hörte ich, du habest mich bitten lassen, aber das ist zuviel der Ehre. So bin ich jetzt hergekommen, um meinen Stirnaufschlag vor dir zu machen.“ „Das ist für mich zuviel Ehre!“ gab Bau-yü lächelnd zurück. Inzwischen hatte Hsi-jën schon im Außenraum einen Sitz für Ping-örl zurechtgemacht und bat sie, darauf Platz zu nehmen. Ping-örl aber machte einen Knicks vor Bau-yü, den dieser mit einer Verbeugung erwiderte. Dann kniete Ping-örl nieder, und sofort fiel auch Bau-yü auf die Knie. Hsi-jën half Ping-örl wieder auf die Beine, und noch einmal knickste diese vor Bau-yü. Wieder antwortete Bau-yü mit einer Verbeugung. Lächelnd drängte ihn Hsi-jën: „Verbeug dich noch einmal!“ „Warum?“ fragte Bau-yü. „Ich bin doch schon fertig.“ „Das war, weil sie dir zum Geburtstag gratuliert hat“, erläuterte Hsi-jën, „aber sie hat heute ebenfalls Geburtstag, darum mußt auch du ihr gratulieren.“ Sofort verbeugte sich Bau-yü fröhlich ein weiteres Mal und sagte: „So ist also heute auch dein Ehrentag, Schwester!“ Als Ping-örl seine Verbeugung mit einem Knicks erwiderte, griff Hsiang-yün nach den Händen von Bau-tjin und Hsiu-yän und sagte: „Von Rechts wegen müßtet ihr vier euch heute den ganzen Tag voreinander verbeugen!“ „Hat denn Schwester Hsiu-yän auch heute Geburtstag?“ fragte Tan-tschun rasch. „Wie konnte ich das vergessen!“ Und sie befahl einem Sklavenmädchen: „Bestell der zweiten jungen Herrin, sie solle rasch ein Geschenk wie das für Fräulein Bau-tjin in die Räume von Fräulein Ying-tschun bringen lassen!“ Nun mußte Hsiu-yän, nachdem Hsiang-yün ihren Geburtstag ungeniert ausgeplaudert hatte, notgedrungen auch durch die einzelnen Wohnstätten gehen und überall einen Höflichkeitsbesuch machen. „Ist es nicht interessant?“ fragte Tan-tschun lächelnd. „Auf jeden der zwölf Monate des Jahres kommen ein paar Geburtstage. Und weil wir so viele Leute sind, ergibt es sich, daß manches Mal zwei oder drei Geburtstage auf einen Tag fallen. Nicht einmal der Neujahrstag geht ohne Geburtstag vorüber, den hat sich Schwester Yüan-tschun gesichert. Kein Wunder, daß sie so großes Glück genießt, wenn sie eher als alle anderen an der Reihe ist! Zugleich war das auch der Geburtstag unseres Urahns. Nach dem Laternenfest sind die gnädige Frau Tante und Kusine Bau-tschai dran. Das nenne ich einen Zufall, daß Mutter und Tochter zusammen Geburtstag haben. Am ersten Tag des dritten Monats hat die gnädige Frau Geburtstag und am neunten Vetter Liän. Im zweiten Monat aber hat niemand Geburtstag...“ „Am zwölften zweiten hat Fräulein Lin Geburtstag“, wurde sie von Hsi-jën unterbrochen. „Wie könnt Ihr also sagen, es habe niemand Geburtstag, sie gehört bloß nicht zum Hause.“ „Was ist nur mit meinem Gedächtnis!“ klagte Tan-tschun lächelnd. Bau-yü aber wies lachend auf Hsi-jën und sagte: „Sie hat am selben Tag Geburtstag wie Kusine Dai-yü, deshalb hat sie es sich gemerkt.“ „Da habt ihr am selben Tag Geburtstag, aber du hast nie vor uns niedergekniet“, beanstandete Tan-tschun lächelnd. „Und auch Ping-örls Geburtstag haben wir bis heute nicht gewußt.“ „Was sind wir schon für Berühmtheiten!“ wehrte Ping-örl lächelnd ab. „Wir haben nicht das Glück, daß man uns gratulieren müßte, und auch nicht den Rang, daß wir Geschenke empfangen dürften. Warum also sollten wir viel Aufhebens um den Tag machen, statt ihn in aller Stille vorübergehen zu lassen? Heute nun mußte sie es ausplaudern, da werde ich meine Grüße entbieten kommen, wenn die Fräulein wieder in ihren Räumen sind.“ „Ich wollte dich nicht beunruhigen“, sagte Tan-tschun lächelnd. „Aber heute wird dein Geburtstag gefeiert, anders gebe ich mich nicht zufrieden!“ „So ist es recht!“ bestätigten Bau-yü und Hsiang-yün wie aus einem Munde. Daraufhin trug Tan-tschun einem Sklavenmädchen auf: „Geh und sag ihrer Herrin, wir alle hätten beschlossen, daß Ping-örl heute nicht wieder fort darf. Wir legen zusammen und richten den Geburtstag für sie aus.“ Lachend ging das Mädchen hinaus, und als sie nach geraumer Zeit wieder zurückkam, berichtete sie: „Die zweite junge Herrin hat gesagt, sie danke den Fräulein vielmals für die Ehre, die sie ihr damit erweisen, und sie wisse zwar nicht, womit die Fräulein Ping-örl zu bewirten gedächten, aber wenn man nur sie dabei nicht vergesse, wolle sie Ping-örl auch nicht weiter belästigen.“ Alle lachten darüber, dann erläuterte Tan-tschun: „Zufällig wird heute in der Gartenküche nicht gekocht, die Geburtstagsnudeln und die Zuspeisen werden drüben in der Hauptküche zubereitet. Wenn wir das Geld zusammengelegt haben, können wir Frau Liu holen, damit sie die Sache in die Hand nimmt und hier für uns kocht. Das trifft sich gut.“ „Völlig richtig!“ stimmten die anderen zu. Also schickte Tan-tschun nach Li Wan, Bau-tschai und Dai-yü, und gleichzeitig ließ sie Frau Liu holen, um ihr aufzutragen, sie solle in der Gartenküche rasch alles für ein paar Weintafeln herrichten. Frau Liu verstand nicht, was das bedeuten sollte, und sagte: „Aber in der Hauptküche ist doch schon alles vorbereitet.“ Lächelnd erklärte ihr Tan-tschun: „Du mußt wissen, daß heute auch Fräulein Ping-örl Geburtstag hat. Was drüben zubereitet wird, geht auf Kosten des Hauses, hierfür aber haben wir zusammengelegt, um Fräulein Ping-örl zu bewirten. Wähle also ein paar schmackhafte neue Gerichte aus und bereite sie für uns zu! Und wenn du die Rechnung dafür aufgestellt hast, kommst du zu mir und holst dir das Geld.“ Lächelnd sagte Frau Liu: „Da hat also auch Fräulein Ping-örl heute Geburtstag. Das habe ich nicht gewußt.“ Und schon fiel sie vor Ping-örl auf die Knie und berührte mit der Stirn den Boden. Sofort half ihr Ping-örl wieder auf die Beine, und Frau Liu eilte fort, um für die Bewirtung zu sorgen. Inzwischen lud Tan-tschun auch Bau-yü ein, mit ihnen gemeinsam in der Halle Geburtstagsnudeln zu essen, und nachdem Li Wan und Bau-tschai eingetroffen waren, schickte sie jemand nach Tante Hsüä und Dai-yü. Da das Wetter mild war und Dai-yüs Zustand sich allmählich besserte, kam auch sie. Nun war der Raum mit festlich gekleideten Menschen dicht gefüllt. Überraschend wurden jetzt im Auftrage von Hsüä Kë ein Tuch, ein Fächer, Weihrauch und Seide als Geschenke für Bau-yü gebracht, und so ging Bau-yü erneut zu ihm hinüber, um mit ihm zusammen Nudeln zu essen. Beide Familien hatten Geburtstagswein bereitgestellt, um ihn einander zuzuschicken. Zu Mittag leerte Bau-yü mit Hsüä Kë zusammen einige Becher, dann wurde Bau-tjin von Bau-tschai hereingeführt, um Hsüä Kë ihren zeremoniellen Gruß zu entbieten und ihm zuzutrinken. Anschließend wandte sich Bau-tschai an Hsüä Kë mit der Empfehlung: „Schick nicht extra etwas von unserm Wein hinüber, auf diese Formalität können wir verzichten! Bitte du nur die Angestellten zu Gast, wir aber gehen mit Vetter Bau-yü in den Garten, wo wir noch jemand anders zu bewirten haben, so daß wir dir nicht länger Gesellschaft leisten können.“ „Geht nur, geht!“ stimmte Hsüä Kë bereitwillig zu. „Dann können die Angestellten gleich kommen.“ Rasch entschuldigte sich auch Bau-yü selbst bei Hsüä Kë, dann folgte er den Mädchen hinaus. Als sie das Seitentor passiert hatten, befahl Bau-tschai der alten Türhüterin, sie solle abschließen und ihr den Schlüssel geben. „Warum muß dieses Tor geschlossen werden?“ fragte Bau-yü sofort. „Hier geht doch niemand weiter hindurch. Zumal ihr jetzt mit der Tante im Garten seid. Wenn ihr jemand zu euch nach Hause schickt, um etwas zu holen, ist es doch so sehr umständlich.“ „Man kann nicht vorsichtig genug sein“, erwiderte Bau-tschai lächelnd. „Ist nicht bei euch in den letzten Tagen genug vorgefallen? Es war aber niemand von unsern Leuten davon betroffen, da sieht man, wie wirksam es ist, wenn man das Tor verschlossen hält. Wenn es offensteht, ist nicht zu verhindern, daß es von allen möglichen Leuten benutzt wird, die sich den Weg abkürzen wollen. Wem willst du das verwehren? Darum ist es das beste, es bleibt verschlossen. So sind zwar auch Mutter und ich etwas eingeschränkt, aber es kann niemand hindurch. Und wenn etwas passieren sollte, haben unsere Leute nichts damit zu tun.“ „So weißt du also auch, daß bei uns in den letzten Tagen Sachen verschwunden sind?“ erkundigte sich Bau-yü lächelnd. „Du weißt ja nur von dem Rosennektar und dem Porlingsschnee, und auch das nur der Personen wegen, die in den Fall verwickelt waren, andernfalls hättest du davon gar nichts erfahren“, gab Bau-tschai lächelnd zurück. „Was du nicht weißt, ist, daß auch noch ein paar größere Sachen verschwunden sind. Wenn sich das nicht herumspricht, haben alle noch einmal Glück gehabt. Aber wenn es bekannt wird, sind soundso viele Leute im Garten davon betroffen. Du kümmerst dich ja um nichts, darum sage ich es dir. Ping-örl ist ein verständiger Mensch, und so habe ich es neulich auch ihr gesagt. Ich wollte, daß sie es weiß, weil ja ihre Herrin das Haus nicht verlassen kann. Wenn nichts davon herauskommt, wird jeder mit Freuden die Hände davon lassen, aber wenn es bekannt wird, ist Ping-örl darauf vorbereitet und weiß, was sie zu tun hat. Dann braucht niemand unschuldig zu leiden. Hör, was ich dir sage, und sei in Zukunft aufmerksamer und vorsichtiger, dann ist alles in Ordnung. Was ich dir hier gesagt habe, darfst du niemand weitererzählen.“ Bei diesen Worten waren sie am Duftgetränkten Pavillon angelangt, wo sie Hsi-jën, Hsiang-ling, Dai-schu, Su-yün, Tjing-wën, Schë-yüä, Fang-guan, Juee-guan und Ou-guan vorfanden, die sich dort am Anblick der Fische erfreuten. Als die Sklavenmädchen die drei kommen sahen, riefen sie ihnen zu: „Im Päoniengehege ist es angerichtet, nur schnell zu Tisch!“ Also gingen die drei mit ihnen in die kleine Halle des Gartens der Roten Düfte im Päoniengehege, wohin man auch Frau You schon gebeten hatte, so daß jetzt bis auf Ping-örl alle beisammen waren. Ping-örl hatte nämlich den Garten verlassen, weil nach den Frauen von Lai Da und Lin Dschï-hsiau, die ihr Geschenke gebracht hatten, in einem fort Verwalterfrauen und Sklavinnen höheren, mittleren und niederen Ranges mit Glückwünschen und Geschenken für sie kamen, so daß sie vollauf damit zu tun hatte, sich zu bedanken und Geldgeschenke zu verteilen. Außerdem gab sie über jedes einzelne Geschenk, das sie erhielt, Bericht an Hsi-fëng. Aber nur die wenigsten Gaben behielt Ping-örl für sich, zum Teil nahm sie sie nicht an, zum Teil verschenkte sie sie sofort weiter. Nachdem sie damit eine Zeitlang zu tun gehabt hatte, mußte sie Hsi-fëng bedienen, während diese ihren Anteil an den Geburtstagsnudeln aß. Dann erst zog sich Ping-örl um und ging wieder in den Garten hinüber. Mehrere Sklavenmädchen, die sie dort empfingen, baten sie in den Garten der Roten Düfte, wo in reichgeschmückten Räumen ein üppiges Mahl aufgetragen war. „Jetzt sind alle Geburtstagskinder beisammen!“ hieß es, und alle verlangten, daß sich die vier auf die Ehrenplätze setzten, doch dazu waren sie nicht bereit. Da sagte Tante Hsüä: „Ich mit meinen müden alten Knochen passe nicht in eure Gesellschaft, wo ich mir so viel Zwang antun muß. Darum ist es das beste, ich gehe in die Gästehalle hinüber und lege mich dort gemütlich hin. Essen mag ich sowieso nichts, und ich trinke auch nicht gern Wein. Darum ist es wirklich das Einfachste, ich überlasse ihnen meinen Platz.“ Frau You und die anderen weigerten sich beharrlich, sie gehen zu lassen, aber Bau-tschai sagte: „Laßt es nur gut sein! Wenn Mutter sich in der Halle ausstrecken kann, wird sie sich wohler fühlen. Von den Speisen, die sie gern ißt, schicken wir etwas hinüber, dann braucht sie sich keinen Zwang anzutun. Außerdem ist niemand weiter drüben, und so kann Mutter dort zugleich ein wachsames Auge haben.“ „Wenn es so ist, wollen wir besser gehorchen, anstatt auf den Regeln der Etikette zu bestehen“, stimmten Tan-tschun und die anderen jetzt lächelnd zu. Dann geleitete die ganze Gesellschaft Tante Hsüä in die ‚Palaverhalle‘ hinüber, wo sie sich davon überzeugten, daß die Sklavenmädchen eine seidenbezogene Matratze ausbreiteten und Rückenpolster sowie Kissen bereitlegten. „Klopft der Frau Tante schön die Beine und macht keine Ausflüchte, wenn sie Tee oder Wasser verlangt!“ befahlen sie. „Wenn wir wieder drüben sind, schicken wir Speisen her, und was die Frau Tante nicht ißt, soll für euch sein. Lauft aber nicht hier weg!“ Erst als die kleinen Sklavenmädchen versprochen hatten, auf alles zu achten, gingen Tan-tschun und die anderen wieder hinüber. Jetzt endlich nahmen Bau-tjin und Hsiu-yän auf den Ehrensitzen Platz, daneben setzten sich Ping-örl mit dem Gesicht nach Westen und Bau-yü mit dem Gesicht nach Osten, Tan-tschun aber setzte sich Schulter an Schulter mit Yüan-yang auf die andere Seite. An den westlichen Tisch setzten sich Bau-tschai, Dai-yü, Hsiang-yün, Ying-tschun und Hsi-tschun, die Hsiang-ling und Yü-tschuan an die Querseiten nahmen. Am dritten Tisch saßen Frau You und Li Wan, denen Hsi-jën und Tsai-yün Gesellschaft leisten mußten. Um einen vierten Tisch saßen schließlich Dsï-djüan, Ying-örl, Tjing-wën, Hsiau-luo und Sï-tji. Nun wollte Tan-tschun beginnen, den Geburtstagskindern zuzuprosten, aber Bau-tjin wie auch die anderen drei sagten: „Wenn wir damit erst anfangen, kommen wir den ganzen Tag nicht zum Sitzen.“ So ließ Tan-tschun es dann sein. Daraufhin wollten die beiden Geschichtenerzählerinnen mit einer Ballade gratulieren, doch alle protestierten: „Niemand will hier eure bäurischen Geschichten hören. Geht hinüber in die Gästehalle und vertreibt der gnädigen Frau Tante damit die Langeweile!“ Zugleich wählten sie von den verschiedensten Gerichten einiges aus und befahlen, man solle es zu Tante Hsüä hinübetragen. „Nur vornehm herumzusitzen macht keinen Spaß“, ließ sich Bau-yü vernehmen. „Wir müssen ein Trinkspiel spielen!“ Da die einen dieses, die anderen jenes Trinkspiel für besser hielten, empfahl Dai-yü: „Wir sollten Pinsel und Tuschereibstein nehmen, alle Trinkspiele auf Zettel schreiben und Lose daraus machen. Was dann gezogen wird, werden wir spielen!“ „Ausgezeichnet!“ Alle lobten den Vorschlag, und sofort wurden Schreibpinsel, Tuschereibstein und Zierpapier geholt. Hsiang-ling, die gerade erst gelernt hatte, Gedichte zu machen, und sich jeden Tag im Schreiben übte, vermochte sich beim Anblick von Pinsel und Tuschereibstein nicht zu bezähmen. Sie sprang von ihrem Platz auf und sagte: „Ich werde schreiben!“ Bei längerem Nachdenken fielen ihnen an die zehn verschiedene Trinkspiele ein, die Hsiang-ling eins nach dem anderen auf ein Stück Papier schrieb, das zu einem Los zusammengerollt wurde. Alle Lose kamen in eine Vase, dann wurde Ping-örl von Tan-tschun aufgefordert, ein Los zu ziehen, und nachdem sie die Lose gemischt hatte, zog sie eines mit ihren Eßstäbchen heraus, machte es auf und fand darauf die Bezeichnung „Verborgenes erraten“[3]. Lächelnd erklärte Bau-tschai: „Du hast die Urform aller Trinkspiele herausgefischt. Das Spiel ‚Verborgenes erraten‘ gibt es seit ältester Zeit, nur ist das eigentliche Verfahren in Vergessenheit geraten, und wie man es heutzutage spielt, ist eine spätere Erfindung. Dieses Spiel ist schwieriger als alle andern, und die Hälfte von uns wird es nicht können. Darum ist es das beste, dieses Los für ungültig zu erklären und ein anderes Spiel zu ziehen, an dem Edle und Profane gleichermaßen Freude finden.“ „Wie können wir es ungültig machen, wenn es einmal gezogen ist?“ fragte Tan-tschun. „Wir ziehen noch eins, und wenn das etwas für Edle und Profane ist, wird es von den andern gespielt, während wir ‚Verborgenes erraten‘ spielen!“ Damit beauftragte sie diesmal Hsi-jën, ein Los zu ziehen, und das erwies sich als „Fingerknobeln“[4]. „Das ist einfach und lustig zugleich und entspricht meinem Temperament“, kommentierte Hsiang-yün lächelnd. „Ich werde nicht ‚Verborgenes erraten‘ spielen, ich spiele nur Fingerknobeln.“ „Sie muß natürlich unsere Spielrunde in Unordnung bringen!“ stellte Tan-tschun fest. „Laß sie zur Strafe einen Becher trinken, Kusine Bau-tschai!“ Ohne sich auf Auseinandersetzungen einzulassen, sorgte Bau-tschai dafür, daß Hsiang-yün ihren Becher leerte. „Ich trinke ebenfalls einen Becher, denn ich leite das Spiel“, nahm Tan-tschun wieder das Wort. „Es ist nichts weiter zu verkünden, ihr müßt nur meinen Anweisungen folgen.“ Dann befahl sie, einen Würfel und eine Schale zu holen, und Bau-tjin mußte anfangen zu würfeln. Wenn zwei Personen dieselbe Augenzahl warfen, sollten sie zusammen „Verborgenes erraten“ spielen. Bau-tjin würfelte eine Drei, Hsiu-yän, Bau-yü und die nächsten in der Reihe aber warfen andere Zahlen, und erst Hsiang-ling hatte ebenfalls eine Drei. „Es muß aber etwas hier im Raum sein“, sagte Bau-tjin lächelnd. „Wenn wir etwas von draußen nehmen, ist keine Ordnung hineinzubekommen.“ „Natürlich“, bestätigte Tan-tschun. „Und wer es beim dritten Versuch nicht heraus hat, muß zur Strafe einen Becher trinken. Du sagst etwas, und sie muß raten.“ Nach kurzem Nachdenken nannte Bau-tjin das Wort lau – ‚alt‘. Hsiang-ling war mit dem Spiel nicht vertraut, und es fiel ihr nichts dazu ein. Nirgends im Raum konnte sie etwas entdecken, was mit dem Wort ‚alt‘ zusammen eine feststehende Redewendung ergeben hätte. Auch Hsiang-yün hatte sich rasch umgesehen, als die Aufgabe gestellt worden war, und ihr Blick war auf die Schriftzeichen Hung-hsiang pu – „Garten der Roten Düfte“ – auf dem Paneel über der Tür gefallen. Da wußte sie, daß Bau-tjin den Satz meinte „Ich komme keinem alten Gärtner gleich.“[5] Denn das pu konnte ja genausogut „Gärtner“ wie „Garten“ bedeuten. Als nun Hsiang-ling die Lösung nicht fand und die anderen die Trommel schlugen und zur Eile mahnten, zupfte sie Hsiang-ling heimlich am Ärmel und flüsterte ihr zu, sie solle als Lösungswort yau – „Heilkräuter“ – sagen[6]. Doch dabei wurde sie von Dai-yü ertappt, die nun ausrief: „Sie muß bestraft werden, sie sagt vor!“ So war Hsiang-yün vor allen bloßgestellt und mußte sofort ihren zweiten Strafbecher trinken. Zornig griff sie nach ihren Eßstäbchen und schlug Dai-yü damit auf die Hand. Dann mußte auch Hsiang-ling ihren Strafbecher trinken. Als nächstes warfen Bau-tschai und Tan-tschun dieselbe Augenzahl, und Tan-tschun gab das Wort jën – ‚Mensch‘ – vor. „Mensch ist zu unbestimmt“, beklagte Bau-tschai sich lächelnd. „Dann gebe ich dir noch ein zweites Wort vor“, gestand ihr Tan-tschun zu, „mit zwei Vorgaben ist es nicht mehr zu unbestimmt.“ Und sie nannte als zweites das Wort tschuang – „Fenster“. Bau-tschai dachte nach, und da ein Hühnergericht auf dem Tisch stand, erriet sie, daß Tan-tschun auf die beiden klassischen Ausdrücke „Hahnenfenster“ und „Hahnemann“[7] anspielte, und so antwortete sie mit dem Wort schï – „Nische“, worauf Tan-tschun ebenfalls richtig erriet, daß sie an die Zeile dachte „Die Hühner ruhen in der Nische.“[8] Da lachten sie einander zu, und jede trank einen Schluck. Inzwischen war Hsiang-yün, die sich wieder einmal nicht gedulden konnte, schon mit Bau-yü ins Fingerknobeln vertieft und rief wild mal „Drei!“ und mal „Fünf!“ in den Raum. Genauso machten es Frau You und Yüan-yang, die einander von Tisch zu Tisch ihr „Sieben!“ und „Acht!“ zuriefen. Als nun auch Ping-örl und Hsi-jën mit Fingerknobeln begannen, klirrten die Armreifen an ihren Handgelenken ding-ding und dang-dang. Bald darauf hatte Hsiang-yün über Bau-yü gesiegt, Hsi-jën über Ping-örl und Frau You über Yüan-yang. Als den drei Verlierern ihre Aufgabe gestellt werden sollte, sagte Hsiang-yün: „Bevor sie trinken, müssen sie einen Satz aus einem alten Prosastück, eine Zeile aus einem alten Gedicht, den Namen von Dominosteinen, den Titel eines Tonmusters für Gedichte sowie einen Kalenderspruch so zusammenfügen, daß sie einen Sinn ergeben. Nach dem Trinken aber müssen sie den Namen einer Speise mit dem menschlichen Leben in Beziehung setzen.“ Alle lachten darüber und meinten: „Ihre Aufgaben sind umständlicher als die aller andern, aber sie sind doch sinnreich.“ Und sie drängten Bau-yü zur Eile. „Wer hat so etwas je gespielt?“ sagte Bau-yü lächelnd. „Ihr müßt mir Zeit lassen, damit ich überlegen kann.“ „Wenn du zusätzlich einen Becher trinkst, antworte ich an deiner Statt“, schlug Dai-yü ihm vor. Da leerte Bau-yü wirklich seinen Becher und hörte mit den anderen zu, wie Dai-yü sprach: „Das Abendrot fliegt mit der einsamen Ente fort,
im Wind überm Fluß tönt der Wildgänse Schrei, eine Wildgans ist‘s mit gebrochenem Bein. Neunmal am Tage denk ich besorgt, die Wildgänse kommen zu Gast.“
Alle lachten darüber und sagten: „Es steckt doch noch einiger Sinn in dieser Aneinanderreihung!“ Dann griff Dai-yü nach einem Haselnußkern und sagte: „Dschën-dsï, die Haselnuß, ist nicht dschën, der Wäscheklopfstein,
woher also tönt der Waschklöppel Schlag?“
Damit hatte sie die Aufgabe erfüllt. Yüan-yang und Ping-örl zitierten nur Redensarten, in denen das Wort „Langlebigkeit“ vorkam und die hier nicht unnötig genannt werden müssen. Als dann mit neuen Partnern weitergeknobelt wurde, traf Hsiang-yün auf Bau-tjin. Beim weiteren Spiel warf Li Wan dieselbe Augenzahl wie Hsiu-yän und gab ihr das Wort piau – „Schöpfkelle‘ – vor. Hsiu-yän erwiderte ihr lü – „grün“, und da es sich richtig auf das gesuchte Wort bezog[9], tranken sie beide einen Schluck. Beim Fingerknobeln verlor Hsiang-yün gegen Bau-tjin, und als sie um ihre Aufgabe bat, zitierte Bau-tjin lächelnd: „Steigt bitte in den tönernen Vorratsbehälter, mein Herr!“[10] Alle lachten darüber und lobten: „Gut hast du diesen Ausspruch gebraucht!“ Hsiang-yün aber sprach: „Mit Stürmen und Tosen
himmelwärts steigen die Wasser empor, einsames Boot an eisernen Ketten. Auf dem Fluß weht der Wind, der Tag ist nicht günstig zur Reise.“
Lachend kommentierten die anderen: „Man könnte sich krank lachen über diesen Unsinn. Kein Wunder, daß sie diese Aufgabe gestellt hat, sie wollte uns nur zum Lachen bringen.“ Gespannt warteten sie, was Hsiang-yün zum Abschluß vorbringen würde, aber als Hsiang-yün ihren Wein getrunken hatte, suchte sie sich ein Stück Entenfleisch aus und schob es in den Mund. Da sie sah, daß auch noch ein halber Entenkopf auf dem Teller lag, holte sie ihn hervor und begann, das Hirn herauszupulen. „Denk nicht nur ans Essen und rede endlich!“ mahnten die anderen. Da hob Hsiang-yün den Entenkopf mit den Eßstäbchen in die Höhe und sagte: „Ya-tou, der Entenkopf, ist nicht ya-tou, die Magd,
was also braucht es darauf Duftblütenöl?“
Alle lachten noch ausgelassener als zuvor, aber Tjing-wën, Hsiau-luo, Ying-örl und einige andere Sklavenmädchen veranlaßte das nur, aufzustehen und Hsiang-yün vorzuwerfen: „Ihr versteht es wirklich zu scherzen, Fräulein, aber auf unsere Kosten! Dafür müßt Ihr einen Strafbecher trinken. Und wenn Ihr meint, wir sollten uns Duftblütenöl ins Haar reiben, müßt Ihr jeder von uns eine Flasche schenken!“ „Sie würde euch das Öl schon schenken, aber sie hat Angst, man könnte sie des Diebstahls bezichtigen“, bemerkte Dai-yü mit einem Lächeln. Die meisten der anderen kümmerten sich nicht darum, Bau-yü aber verstand, worauf sie anspielte, und blickte zu Boden. Tsai-yün, die es am unmittelbarsten betraf, wurde unwillkürlich rot, Bau-tschai aber warf Dai-yü rasch einen heimlichen Blick zu, und nun bereute sie ihre Worte, denn in dem Wunsch, Bau-yü hochzunehmen, hatte sie nicht bedacht, daß Tsai-yün sich getroffen fühlen mußte. Aber die Reue kam zu spät. Um abzulenken, begann sie rasch eine neue Runde Fingerknobeln. Wenig später würfelten ausgerechnet Bau-yü und Bau-tschai dieselbe Augenzahl, und Bau-tschai gab ihm den Begriff bau – „wertvoll“ – vor. Nach kurzem Nachdenken verstand Bau-yü, daß sie sich einen Scherz daraus machte, auf seinen beseelten Jadestein anzuspielen, den er um den Hals trug. Darum sagte er: „Du willst dir einen edlen Scherz mit mir erlauben, aber ich habe es erraten. Sei mir nun nicht böse, wenn ich auch deinen Namen gebrauchen muß, denn die Ergänzung ist tschai – ‚Haarpfeil‘.“ „Wie willst du das erklären?“ fragten die anderen. „Als sie bau sagte, war die Ergänzung natürlich yü – ‚Jade‘“, sagte Bau-yü. „Darum habe ich als Erwiderung tschai gesagt, denn in einem alten Gedicht heißt es ‚Zerbrochen ist der Jadehaarpfeil, erkaltet die rote Kerze.‘[11] Ist das nicht richtig geraten?“ „Ihr habt beide auf unsern Alltag angespielt, das durftet ihr nicht“, wandte Hsiang-yün ein. „Zur Strafe müßt ihr beide trinken.“ „Aber diese Begriffe gibt es nicht nur in unserm Alltag, es gibt dafür auch klassische Belegstellen“, widersprach Hsiang-ling. „Aber nicht für bau-yü“, beharrte Hsiang-yün. „Das gibt es vielleicht in Neujahrssprüchen, aber nicht in Gedichtsammlungen oder Geschichtsaufzeichnungen, und darum zählt es nicht.“ „Neulich habe ich in einem fünfsilbigen Regelgedicht von Tsën Schën[12] die Zeile gelesen ‚Viel kostbaren Jade – bau-yü – findet man hier.‘ Diese Stelle hast du wohl vergessen?“ erwiderte Hsiang-ling. „Später habe ich noch in einem siebensilbigen Vierzeiler bei Li I-schan[13] den Satz gefunden ‚Der wertvolle Haarpfeil – bau-tschai – verstaubt täglich mehr.‘ Da habe ich noch gelacht und mir gesagt, man findet die Namen der beiden schon in Gedichten aus der Tang-Zeit.“ „Damit hast du sie in die Enge getrieben“, sagten die anderen und lachten. „Zur Strafe muß sie rasch einen Becher trinken!“ Hsiang-yün wußte nichts dagegen zu sagen, und so mußte sie notgedrungen trinken. Anschließend würfelten die einen wieder miteinander, während die anderen im Fingerknobeln fortfuhren. Da die Herzoginmutter und Dame Wang nicht zu Hause waren und so jede Aufsicht fehlte, vergnügten sich die jungen Leute nach Herzenslust. Sie riefen ihre Zahlen wild durcheinander und bewegten sich so ungestüm, daß die bunten Gewänder flatterten und der Schmuck daran blitzte. Es war wirklich ein mehr als lebhaftes Bild. Nachdem sie noch ein Weilchen gespielt hatten, standen sie von den Tischen auf, und plötzlich vermißten sie Hsiang-yün. Zuerst nahmen sie an, sie werde nur einmal kurz hinausgegangen und bald wieder da sein, aber so lange sie auch warteten, zeigte sich doch keine Spur von ihr. Nun ließen sie überall nach ihr suchen, aber nirgends wurde sie entdeckt. Inzwischen erschien Lin Dschï-hsiaus Frau zusammen mit einigen alten Sklavinnen, weil sie glaubte, es könnte vielleicht Aufträge für sie geben, und weil sie zum anderen fürchtete, die Sklavenmädchen würden sich – so jung, wie sie waren – in Abwesenheit von Dame Wang durch Tan-tschun und die anderen Fräulein nicht im Zaum halten lassen, würden hemmungslos trinken und dann jeden Anstand verlieren. Deshalb kamen sie jetzt mit der Frage, ob es Weisungen für sie gebe oder nicht. Tan-tschun konnte sich bei ihrem Anblick sofort denken, was sie hergeführt hatte, darum sagte sie rasch mit einem Lächeln: „Seid ihr wieder einmal in Sorge und kommt uns kontrollieren? Wir haben nicht zuviel Wein getrunken, wir sind nur miteinander vergnügt, und das bißchen Wein war lediglich der Auftakt dazu. Ihr könnt also ganz unbesorgt sein.“ Auch Li Wan und Frau You sagten lächelnd: „Geht euch nur ausruhen, wir lassen schon nicht zu, daß zuviel getrunken wird.“ „Wir wissen ja, daß die Fräulein nicht gern trinken, selbst wenn die alte gnädige Frau sie dazu auffordert, also werden sie erst recht nicht trinken, wenn die gnädige Frau nicht zu Hause ist, und machen sich nur einen Spaß“, pflichtete Lin Dschï-hsiaus Frau ihr bei. „Wir dachten nur, es gebe vielleicht etwas zu erledigen, und wollten uns deswegen erkundigen. Außerdem sind die Tage lang, und nachdem sich die Fräulein so viel vergnügt haben, müssen sie jetzt eine Kleinigkeit essen. Für gewöhnlich essen sie ja kaum etwas zwischen den Mahlzeiten, aber wenn sie nach den ein, zwei Bechern Wein, die sie heute getrunken haben, nicht einen Happen essen, könnte ihnen das schaden.“ „Ihr habt ganz recht, eben wollten wir etwas essen“, sagte Tan-tschun lächelnd. Dann wandte sie den Kopf und befahl: „Bringt den Imbiß!“ „Jawohl!“ sagten die Sklavenmädchen, die zu beiden Seiten standen, und gingen rasch Gebäck holen. „Geht nur und ruht euch aus!“ wandte sich Tan-tschun wieder an Lin Dschï-hsiaus Frau und ihr Gefolge. „Oder geht hinüber, um euch mit der gnädigen Frau Tante zu unterhalten. Gleich werden wir euch Wein bringen lassen.“ „Das wagen wir nicht anzunehmen!“ zierten sich Lin Dschï-hsiaus Frau und die alten Sklavinnen lächelnd. Erst nachdem sie noch stehend eine Weile gewartet hatten, gingen sie wieder fort. Nun befühlte Ping-örl ihre Wangen und meinte lächelnd: „Mein Gesicht ist ganz heiß. Es war mir direkt peinlich, sie anzusehen. Ich finde, wir sollten Schluß machen, damit sie nicht noch ein zweites Mal kommen. Das würde Ärger geben.“ „Nur keine Bange!“ erwiderte Tan-tschun lächelnd. „Solange wir nicht ernsthaft zu trinken anfangen, macht es nichts.“ Kaum hatte sie das gesagt, kam eines der kleineren Sklavenmädchen kichernd in den Raum und sagte: „Die Fräulein müssen sich schnell Fräulein Hsiang-yün ansehen! Sie ist betrunken, und um sich abzukühlen, hat sie sich auf eine Steinbank hinter dem Berg gelegt und ist dort eingeschlafen.“ Alle lachten darüber und sagten: „Kommt, aber seid leise!“ Sie fanden Hsiang-yün tatsächlich auf einer steinernen Ruhebank an einem abgelegenen Ort hinter den künstlichen Felsen, wo sie in süßem Schlummer lag. Von allen Seiten hatte es Blütenblätter von den Päonien geschneit, und so waren Gesicht und Kleider völlig damit bedeckt. Auch der Fächer, der ihrer Hand entfallen war und auf der Erde lag, war schon zur Hälfte darunter begraben. Bienen und Schmetterlinge umschwärmten die Schläferin, und unter ihrem Kopf lag anstelle eines Kissens ein Bündelchen Päonienblüten, die sie in ein Tuch aus Wassermannseide[14] geknüpft hatte. Für die Betrachter war dieser Anblick lieblich und lächerlich zugleich. Sie traten näher heran, stießen Hsiang-yün an und halfen ihr auf. Da hörten sie, wie Hsiang-yün – immer noch im Schlaf – eine neue Lösung für das Trinkspiel murmelte: „Duftig der Quell und kalt der Wein,
Bernsteinglanz füllt die jadenen Becher, steht der Mond über der Aprikosenblüte. Die trunkenen Zecher führt man nach Haus, der Tag ist günstig, um Freunde zu treffen.“
Lachend rüttelten sie sie noch einmal und sagten dabei: „Du mußt zu dir kommen und etwas essen! Hier auf der feuchten Bank wirst du dir eine Krankheit holen!“ Hsiang-yün schlug langsam die Augen auf und erblickte die zahlreiche Gesellschaft. Dann senkte sie den Kopf, blickte an sich herab, und erst jetzt merkte sie, daß sie sich betrunken hatte. Eigentlich hatte sie nur Ruhe und Abkühlung gesucht, aber da ihr zarter Leib dem vielen Wein nicht gewachsen war, den sie zur Strafe hatte trinken müssen, war sie, ohne es zu merken, auf der Bank eingeschlafen. Jetzt fühlte sie sich natürlich beschämt, darum stand sie hastig auf und schleppte sich hinter den anderen her zum Garten der Roten Düfte zurück, wo sie sich wusch und zwei Schalen starken Tee trank. Außerdem ließ Tan-tschun rasch einen Ernüchterungsstein holen, den Hsiang-yün in den Mund nehmen mußte. Aber erst als sie auch noch etwas saure Suppe gegessen hatte, fühlte sie sich wieder besser. Nun wählten sie einige Sorten Naschwerk und Speisen aus und ließen sie zu Hsi-fëng hinübertragen, die ihnen ihrerseits ein paar andere Gerichte schickte. Nach dem Imbiß, den Bau-tschai und einige der anderen eingenommen hatten, blieben die einen sitzen, während die anderen aufstanden. Manch eine schaute sich draußen die Blumen an oder sah, aufs Geländer gestützt, den Fischen zu – jede vergnügte sich auf ihre Weise. Tan-tschun spielte mit Bau-tjin Wee-tji-Schach[15], und Bau-tschai sah ihnen gemeinsam mit Hsiu-yän dabei zu. Dai-yü stand mit Bau-yü zusammen unter einem blühenden Strauch, und sie unterhielten sich halblaut wer weiß worüber. Da kam wieder Lin Dschï-hsiaus Frau mit einem Trupp von Begleiterinnen herein und führte eine Sklavenfrau mit sich, die einen ganz zerknirschten Eindruck machte und sich nicht traute, das Haus zu betreten. Statt dessen kniete sie am Fuße der Treppe nieder und schlug mit der Stirn auf den Boden, daß es dröhnte. Tan-tschun, die sich auf dem Schachbrett ernstlich bedroht fühlte, grübelte über die gefährliche Stelle nach, und obwohl sie sich zwei ‚Augen‘ schaffen konnte, wollte es ihr nicht gelingen, den entscheidenden Zug zu tun. Wie gebannt schaute sie auf das Spielbrett und befingerte dabei mit einer Hand die Spielsteine in der Dose. Lin Dschï-hsiaus Frau stand schon eine geraume Weile da, als Tan-tschun endlich den Kopf wandte, um Tee zu verlangen, und sie erblickte. Befragt, was es gebe, wies Lin Dschï-hsiaus Frau mit der Hand auf die Sklavin und sagte: „Das ist die Mutter von Tsai-örl, die in den Räumen von Fräulein Hsi-tschun dient. Sie selbst ist jetzt im Garten beschäftigt. Die Frau hat ein außerordentlich böses Mundwerk, eben habe ich sie bei so etwas ertappt und zur Rede gestellt. Was sie gesagt hat, wage ich vor Euch nicht zu wiederholen. Das einzig Richtige ist, sie hinauszuwerfen.“ „Warum meldest du es nicht der älteren jungen Herrin?“ fragte Tan-tschun. „Die ältere junge Herrin ist eben in die kleine Halle zur gnädigen Frau Tante gegangen, und als ich ihr dort in den Weg lief, habe ich ihr schon davon berichtet“, sagte Lin Dschï-hsiaus Frau. „Sie hat mir befohlen, es Euch zu melden.“ „Und warum meldest du es nicht der zweiten jungen Herrin?“ fragte Tan-tschun weiter. „Das ist nicht nötig!“ warf Ping-örl ein. „Wenn ich zu Hause bin, sage ich ihr Bescheid.“ „Also gut, dann wirf sie hinaus, und wenn die gnädige Frau zurück ist, wird es ihr gemeldet, damit sie eine endgültige Festlegung trifft“, entschied Tan-tschun und wandte sich wieder dem Schachspiel zu, während Lin Dschï-hsiaus Frau die Sklavin hinausführte, von der hier nicht weiter die Rede sein soll. Unter ihrem Blütenstrauch hatten Dai-yü und Bau-yü die Szene aus der Ferne verfolgt und konnten sich ungefähr denken, worum es ging. „Tan-tschun ist ein tüchtiges Mädchen“, sagte Dai-yü, „obwohl man sie beauftragt hat, bei der Haushaltsführung auszuhelfen, tut sie nichts, was sie nicht tun müßte. Eine andere an ihrer Stelle hätte sich schon längst Autorität angemaßt.“ „Du weißt nichts davon, aber während du krank warst, hat sie eine ganze Menge Neuerungen eingeführt“, erwiderte Bau-yü, „hier im Garten ist jetzt alles einzelnen Leuten zur Bewirtschaftung zugeteilt, kein Hälmchen Gras darf man zuviel abreißen. Einiges hat sie auch abgeschafft und extra an mir und Kusine Hsi-fëng ihre Exempel statuiert, um es so auch allen andern zu verbieten. Alles, was sie tut, ist wohldurchdacht, das ist nicht einfach nur Tüchtigkeit.“ „Das ist gut so!“ lobte Dai-yü, „denn wir leben hier viel zu aufwendig. Ich habe zwar nichts mit der Haushaltsführung zu tun, aber in müßigen Stunden stelle ich auch immer meine Überlegungen an und weiß, daß viel ausgegeben und wenig eingenommen wird. Wenn jetzt nicht gespart wird, ist zwangsläufig eines Tages nichts mehr da.“ „Und wenn schon!“ versuchte Bau-yü sie lächelnd zu beschwichtigen, „für uns beide wird es noch reichen.“ Als Dai-yü das hörte, wandte sie sich ab und ging zur Halle hinüber, um dort mit Bau-tschai zu plaudern. Auch Bau-yü wollte fortgehen, aber da erschien eben Hsi-jën und brachte auf einem kleinen Teebrett, einer ausländischen Lackarbeit mit einem Muster aus verschlungenen Kreisen, zwei Schälchen frischen Tee. „Wo ist sie hingegangen?“ fragte sie. „Mir war aufgefallen, daß ihr beide lange keinen Tee getrunken habt, darum habe ich extra zwei Schalen für euch eingegossen, und nun ist sie fort.“ „Da ist sie doch!“ sagte Bau-yü, „bring ihr den Tee nur hin!“ Mit diesen Worten ergriff er die eine Schale, während Hsi-jën die andere weitertrug. Da Dai-yü mit Bau-tschai zusammenstand, Hsi-jën aber nur noch eine Schale Tee anzubieten hatte, schlug sie vor: „Wer den größeren Durst hat, trinkt zuerst. Ich gehe noch etwas eingießen.“ Lächelnd erwiderte Bau-tschai: „Ich habe keinen Durst, ich brauche nur einen Schluck, um mir den Mund zu spülen.“ Damit griff sie nach der Teeschale, nahm einen Schluck und gab dann die halbvolle Schale Dai-yü in die Hand. „Ich gehe noch etwas eingießen!“ schlug Hsi-jën erneut vor. Aber lächelnd erklärte ihr Dai-yü: „Du weißt doch, daß mir der Arzt meiner Krankheit wegen verboten hat, zuviel Tee zu trinken. Die halbe Schale reicht mir vollkommen. Es war lieb, daß du an uns gedacht hast!“ Mit diesen Worten trank sie die Teeschale leer und stellte sie wieder zurück. Nun ging Hsi-jën die Teeschale holen, aus der Bau-yü getrunken hatte, und dieser erkundigte sich: „Wo steckt denn Fang-guan? Ich habe sie die ganze Zeit nicht gesehen.“ Hsi-jën blickte sich nach allen Seiten um, dann sagte sie: „Vorhin hat sie dort mit ein paar andern das Pflanzenspiel gespielt, aber jetzt ist sie nicht mehr zu sehen.“ Als Bau-yü das hörte, ging er rasch in seine Räume zurück und fand dort Fang-guan mit dem Gesicht zur Wand auf dem Bett liegen. Er stieß sie an und sagte: „Schlaf jetzt nicht! Wir wollen uns draußen vergnügen und nachher schön essen!“ „Während ihr Wein getrunken habt, hat sich niemand um mich gekümmert, und ich konnte mich die ganze Zeit langweilen. Was sollte ich anders machen, als mich schlafen legen?“ schmollte Fang-guan. Bau-yü zog sie in die Höhe, damit sie aufstand, und versprach ihr lächelnd: „Wir trinken heute Abend noch einmal hier bei uns! Sobald alle zurück sind, sage ich Schwester Hsi-jën, sie solle dich mit am Tisch sitzen lassen. Was sagst du dazu?“ „Wenn Ou-guan und Juee-guan nicht mit dabei sind, macht es keinen Spaß“, hielt ihm Fang-guan entgegen. „Außerdem bin ich es nicht gewöhnt, diese Nudeln zu essen. Auch heute früh habe ich nichts Richtiges gegessen, darum bin ich jetzt hungrig und habe eben schon Schwägerin Liu sagen lassen, sie solle mir eine Schale Suppe machen und zusammen mit einer halben Schale Reis herüberschicken. Das werde ich hier essen, und damit hat sich die Sache. Und wenn wir am Abend Wein trinken, mußt du dafür sorgen, daß mich niemand bevormundet. Ich möchte mich einmal so richtig vollaufen lassen. Als ich noch bei meinen Eltern lebte, konnte ich zwei, drei Djin vom besten Huee-Quellen-Wein[16] vertragen, aber als ich dann mit dieser blöden Singerei anfing, hieß es, ich würde mir die Stimme verderben, darum habe ich all die Jahre Wein nicht einmal gerochen. Heute will ich die Fastenzeit beenden!“ „Das ist kein Problem“, sagte Bau-yü. Im selben Augenblick sah er, daß wirklich jemand im Auftrag von Frau Liu eine Speiseschachtel brachte. Als Tschun-yän sie entgegennahm und aufmachte, fanden sie darin eine Schale Suppe mit Krebsfleischbällchen und Hühnerhaut, eine Schale gedünstete Ente in Weintunke und einen Teller gepökeltes Gänsefleisch, außerdem einen Teller mit vier Cremeröllchen aus Zirbelnüssen und eine große Schale voll dampfendem grünen Reis. Tschun-yän stellte alles auf den Tisch, dann holte sie sich noch einige Beikost sowie Geschirr und Eßstäbchen und füllte ein Schälchen mit dem Reis. „Wer mag schon diese fetten Sachen?!“ sagte Fang-guan und goß sich nur von der Suppe über den Reis. Als sie das Schälchen leergegessen hatte, suchte sie sich noch ein paar Häppchen gepökeltes Gänsefleisch aus, dann war ihre Mahlzeit beendet. Bau-yü erschien dieses Essen dem Geruch nach appetitlicher als die Gerichte, die er sonst bekam, darum aß er ein Cremeröllchen und befahl Tschun-yän, auch für ihn ein Schälchen mit Reis zu füllen, das er dann gleichfalls mit Suppe übergoß und aß. Als er den Geschmack höchst lieblich und angenehm fand, mußten Tschun-yän und Fang-guan lachen. Da die beiden nun nichts mehr mochten, wollte Tschun-yän die Reste zurückschicken, aber Bau-yü forderte sie auf: „Iß du es! Wenn es nicht reicht, läßt du dir noch etwas geben.“ „Nicht nötig, das hier reicht mir. Vorhin hatte uns Schwester Schë-yüä zwei Teller mit Gebäck gebracht. Wenn ich jetzt noch das hier aufesse, brauche ich weiter nichts“, sagte Tschun-yän. Mit diesen Worten begann sie am Tisch stehend zu essen und ließ nur zwei Cremeröllchen übrig. „Die hebe ich für meine Mutter auf“, erklärte sie. „Wenn ich am Abend noch zwei Schalen Wein bekommen kann, habe ich alles, was ich brauche.“ „Du magst also auch gern Wein?“ erkundigte sich Bau-yü. „Da wollen wir heute Abend nach Herzenslust trinken! Auch Hsi-jën und Tjing-wën können einiges vertragen, aber sie genieren sich natürlich, jeden Tag etwas zu trinken. Heute soll für uns alle die Fastenzeit zu Ende sein! Aber da fällt mir eben noch etwas ein, was ich dir sagen wollte. In Zukunft sollst du dich um Fang-guan kümmern und sie darauf aufmerksam machen, wenn sie vielleicht etwas falsch macht. Hsi-jën kann nicht auf alles achtgeben.“ „Ich weiß schon Bescheid, du brauchst dir keine Sorgen darum zu machen“, beruhigte ihn Tschun-yän, „aber was wird jetzt mit Wu-örl?“ „Bestell Frau Liu, sie solle Wu-örl morgen direkt hierher schicken, den Rest erledige ich, dann geht alles in Ordnung“, antwortete Bau-yü. „Das ist ein Wort!“ erklärte Fang-guan strahlend, als sie dies hörte. Nun rief Tschun-yän zwei kleinere Sklavenmädchen herein, damit sie beim Händewaschen bedienten und den Tee eingossen, während sie selbst das Geschirr abräumte und einer alten Sklavenfrau übergab. Dann wusch auch sie sich die Hände, und anschließend machte sie sich auf die Suche nach Frau Liu. Doch davon genug einstweilen. Inzwischen ging Bau-yü hinaus, um in den Garten der Roten Düfte zu seinen Kusinen zurückzukehren. Fang-guan aber folgte ihm und trug für ihn Tuch und Fächer. Als sie eben am Hoftor waren, kamen ihnen Hsi-jën und Tjing-wën Hand in Hand entgegen, und Bau-yü erkundigte sich: „Was macht ihr hier?“ „Das Essen ist aufgetragen, und alle warten auf dich“, sagte Hsi-jën. Da berichtete ihr Bau-yü mit lächelnder Miene, daß er soeben bereits gegessen habe. Ebenfalls lächelnd, erwiderte Hsi-jën: „Ich sage es ja, mit dem Essen bist du wie eine Katze. Kaum daß du etwas riechst, möchtest du davon kosten, und bei andern schmeckt es immer am besten. Aber trotzdem mußt du jetzt gehen und ihnen Gesellschaft leisten, so gut du kannst, um den Schein zu wahren.“ Inzwischen preßte Tjing-wën die Fingerspitze gegen Fang-guans Stirn und schimpfte: „Du bist ja eine ganz raffinierte Füchsin! Wie hast du das fertiggebracht, dich wegzustehlen, um etwas zu essen? Und wie habt ihr euch verabreden können, ohne uns einen Ton zu sagen?“ „Sie haben sich wohl nur durch Zufall getroffen und keine Verabredung gehabt“, versuchte Hsi-jën sie lächelnd zu beschwichtigen. „Aber wir werden ja wohl nicht mehr gebraucht“, stichelte Tjing-wën weiter. „Morgen gehen wir alle fort, und Fang-guan kann ihn allein bedienen!“ „Wir könnten wohl alle gehen, aber du darfst nicht fort!“ widersprach Hsi-jën. „Ich bin sogar die erste, die gehen müßte“, versteifte sich Tjing-wën. „Ich bin plump und faul, habe keinen guten Charakter und bin zu nichts nütze.“ „Und wer soll das stopfen, wenn er sich wieder ein Loch in seinen Pfauenfederumhang brennt, und du bist nicht mehr da?“ fragte Hsi-jën lächelnd. „Spiel mir jetzt bloß nicht die Beleidigte! Wenn ich dich bitte, rührst du keinen Finger. Dabei ist es ja meist nicht für mich, sondern für ihn, und trotzdem machst du es nicht. Aber als ich ein paar Tage nicht hier war, und du lagst todsterbenskrank im Bett, da hast du die ganze Nacht hindurch den Umhang für ihn geflickt, ohne auch nur daran zu denken, daß es dich das Leben kosten könnte. Wie ist denn das zu erklären? – Nun sag endlich etwas, anstatt mich nur anzulächeln und die Dumme zu spielen! Damit erreichst du nichts.“ Während dieser Unterhaltung waren sie zu der Halle gelangt, wo sich auch Tante Hsüä wieder eingefunden hatte. Alle nahmen der Rangfolge nach Platz und aßen. Um nicht aus dem Rahmen zu fallen, nahm auch Bau-yü eine halbe Schale Reis zu sich, den er mit Tee übergossen hatte. Anschließend tranken sie Tee und plauderten, dann vergnügte sich wieder ein jeder, wie er mochte. Draußen im Garten vertrieben sich Hsiau-luo, Hsiang-ling, Fang-guan, Juee-guan, Ou-guan und Dou-guan die Zeit damit, die verschiedensten Gewächse zu pflücken und dann, auf einem Rasenhügel lagernd, das Pflanzenspiel zu spielen. Eine sagte: „Ich habe eine Guan-yin-Weide[17].“ Eine andere erwiderte: „Ich habe eine Arhat-Kiefer[18].“ Die nächste sagte: „Ich habe einen Edelmannsbambus.“ Und eine andere parierte: „Ich habe eine Schönmädchenbanane[19].“ Eine sagte: „Ich habe Sternengrün.“ Eine andere ergänzte: „Ich habe Mondesrot[20].“ Eine behauptete: „Ich habe eine Päonienblüte aus dem ‚Päonienpavillon‘[21].“ Eine andere entgegnete sogar: „Ich habe eine Pi-pa-Frucht aus der ‚Geschichte von der Laute‘.“[22] Schließlich sagte Dou-guan: „Ich habe eine Schwesternblume.“ Niemand wußte etwas dagegenzuhalten, bis Hsiang-ling sagte: „Ich habe eine Mann-und-Frau-Orchidee.“ „Von so einer Orchidee habe ich noch nie etwas gehört“, wandte Dou-guan ein. „Orchideen mit nur einer Blüte an jedem Stengel heißen lan, und solche mit mehreren Blüten an einem Stengel heißen huee“, erklärte Hsiang-ling. „Sitzen zwei Blüten unterschiedlich hoch, sagt man dazu Brüder-Orchidee, wachsen sie Kopf an Kopf, nennt man das Mann-und-Frau-Orchidee. An meinem Stengel sind die Blüten direkt nebeneinander, was also stimmt nicht daran?“ Diese Begründung wußte Dou-guan nicht zu entkräften, darum stand sie auf und sagte spöttisch: „Und wenn die beiden Blüten unterschiedlich groß sind, ist das eine Vater-und-Sohn-Orchidee, ja? Blicken sie aber in verschiedene Richtungen, so ist das eine Feindes-Orchidee, was? Dein Mann ist jetzt schon über ein halbes Jahr auf Reisen, darum denkst du dir vor lauter Verlangen nach den Dingen, die Mann und Frau miteinander treiben, jetzt aus, daß es auch bei Orchideen Mann und Frau geben soll. Daß du dich nicht schämst!“ Hsiang-ling errötete und wollte aufstehen, um Dou-guan zur Strafe zu kneifen. Dabei schimpfte sie lächelnd: „Dich werde ich, du kleines Spitzbein mit deinem verfaulten Mundwerk! Das sind ja Fieberphantasien, was du da erzählst!“ Als Dou-guan sah, daß Hsiang-ling sich schon erhob, um sie zu packen, wollte sie das natürlich nicht zulassen. Rasch drückte sie Hsiang-ling nieder, wandte den Kopf zu Juee-guan und den anderen und bat sie lachend. „Kommt und helft mir, ihr in ihr Lügenmaul zu kneifen!“ Während sich die beiden im Gras wälzten, klatschten die anderen lachend in die Hände und warnten nur: „Paß auf, da ist eine Pfütze! Es wäre schade um ihren neuen Rock!“ Dou-guan wandte den Kopf und erblickte tatsächlich eine Lache Regenwasser, aber schon war Hsiang-lings Rock zur Hälfte davon besudelt. Beschämt riß sich Dou-guan von Hsiang-ling los und lief davon. Die anderen wollten sich vor Lachen ausschütten, weil sie aber Angst hatten, Hsiang-ling würde ihren Zorn an ihnen auslassen, liefen sie lachend auseinander. Hsiang-ling stand auf und blickte an sich herab. Als sie sah, wie die grüne Brühe an ihrem Rock herunterlief, schimpfte sie wie ein Rohrspatz. Bau-yü, der gesehen hatte, daß die Mädchen das Pflanzenspiel spielten, hatte inzwischen ebenfalls einige Blumen gesammelt und kam jetzt näher, um mitzuspielen. Plötzlich sah er, wie alle davonliefen und nur Hsiang-ling übrigblieb, die sich mit gesenktem Kopf an ihrem Rock zu schaffen machte. „Warum sind sie weggelaufen?“ fragte er. „Ich hatte eine Mann-und-Frau-Orchidee, und weil sie nicht wußten, daß es so etwas gibt, sagten sie, ich hätte mir das nur ausgedacht“, berichtete Hsiang-ling. „Darüber sind wir ins Zanken gekommen, und sie haben mir meinen neuen Rock verdorben.“ „Du hast eine Mann-und-Frau-Orchidee, und ich habe ein Blütenpärchen von der Wassernuß“, sagte Bau-yü lächelnd und hielt ihr dabei wirklich einen Stengel mit zwei Blüten hin, während er mit der anderen Hand nach der Orchidee griff. „Was interessieren mich noch Mann-und-Frau-Blumen oder Blütenpärchen?! Schau dir mal meinen Rock an!“ erwiderte Hsiang-ling mißmutig. Jetzt erst schaute Bau-yü an ihr herab. „O weh!“ rief er aus, dann fragte er: „Wie bist du denn damit in den Schlamm geraten? Leider verträgt gerade diese granatapfelrote Seide keinen Schmutz.“ „Den Stoff hatte Fräulein Bau-tjin mitgebracht, Fräulein Bau-tschai bekam einen Rock daraus und ich auch, ich habe ihn heute zum ersten Mal an“, erzählte Hsiang-ling. „Eure Familie könnte es sich leisten, hundert solche Röcke am Tag zu verderben, aber wenn der Stoff von Fräulein Bau-tjin ist und außer dir nur meine Kusine Bau-tschai so einen Rock hat, der noch gut ist, während deiner schon verdorben ist, wird sich Fräulein Bau-tjin gekränkt fühlen“, sagte Bau-yü seufzend und stampfte dabei mit dem Fuß auf. „Außerdem ist meine Tante eine alte Nörglerin. Ich habe oft genug gehört, wie sie sagte, ihr hättet keine Ahnung vom Leben, würdet nur alles kaputt machen und keine Mäßigkeit kennen. Wenn sie jetzt das hier sieht, macht sie dir wieder endlose Vorwürfe.“ Diese Worte waren Hsiang-ling aus dem Herzen gesprochen, und darüber wurde sie wieder froh. Lächelnd sagte sie: „Du hast vollkommen recht. Ich habe zwar noch ein paar neue Röcke, aber keinen wie diesen hier. Wenn ich noch so einen hätte und mich schnell umziehen könnte, wäre fürs erste alles gut, und später könnten wir weitersehen.“ „Beweg dich nicht, bleib ganz ruhig stehen, sonst machst du dir auch noch Hosen, Beinlinge und Schuhkappen schmutzig“, befahl ihr Bau-yü. „Ich habe eine Idee. Vorigen Monat hat sich Hsi-jën einen Rock genäht, der ganz genauso aussieht wie dieser hier. Aber da sie Trauer hat, trägt sie ihn nicht. Wie wäre es, wenn du dir den geben ließest?“ Lächelnd schüttelte Hsiang-ling den Kopf und sagte: „Das geht nicht. Wenn jemand davon erfährt, wird alles nur noch schlimmer.“ „Wovor hast du Angst?“ fragte Bau-yü. „Niemand hindert dich ja, ihr dafür zu schenken, was sie mag, sobald ihre Trauerzeit um ist. Du bist doch sonst nicht so! Außerdem ist das nichts, was man vor den andern geheimhalten müßte, also sag es meiner Kusine Bau-tschai nur. Bloß meine Tante darf es nicht erfahren, damit sie nicht böse wird.“ Hsiang-ling dachte darüber nach und fand, Bau-yü habe recht. Darum nickte sie und sagte lächelnd: „Also gut, machen wir es so! Ich will dich in deiner Hilfsbereitschaft nicht enttäuschen. Ich werde hier warten, aber du mußt unbedingt dafür sorgen, daß Hsi-jën mir den Rock selber herbringt.“ Froh über ihre Zustimmung, versprach Bau-yü, sich daran zu halten, und begab sich eilends in seine Räume hinüber. Dabei dachte er sich: „Wie schade, daß so ein Mädchen keine Eltern mehr hat und nicht einmal den eige- nen Familiennamen mehr weiß! Warum mußte sie entführt und ausgerechnet an diesen Tyrannen verkauft werden?“ Dann fiel ihm ein, wie er seinerzeit unverhofft Ping-örl hatte helfen können, aber noch viel unverhoffter, sagte er sich, sei jetzt die Gelegenheit gekommen, Hsiang-ling etwas Gutes zu tun. Unter diesen törichten Überlegungen war er zu Hause angekommen, wo er Hsi-jën beiseite nahm und ihr alles genau erzählte. Hsiang-ling war auf Grund ihres Wesens ohnehin bei jedermann beliebt, Hsi-jën aber war schon immer freigebig gewesen, und da sie sich mit Hsiang-ling stets gut vertragen hatte, ging sie jetzt, kaum daß sie Bau-yüs Bericht vernommen hatte, an ihre Truhe, holte den Rock heraus, legte ihn zusammen und machte sich mit Bau-yü zusammen auf die Suche nach Hsiang-ling, die tatsächlich noch auf demselben Fleck stand und wartete. „Ich wußte es doch“, sagte Hsi-jën lächelnd. „Unartig, wie du bist, mußte erst etwas passieren, ehe du Ruhe gibst.“ Hsiang-ling errötete, sagte aber lächelnd: „Vielen Dank, Schwester! Wer konnte schon ahnen, daß diese Bösewichter so gemein sein können!“ Dann ließ sie sich den Rock geben, entfaltete ihn und stellte fest, daß er wirklich genauso aussah wie ihr eigener. Also befahl sie Bau-yü, er solle sich umdrehen, dann zog sie sich unter ihrem Obergewand den schmutzigen Rock aus und den sauberen an. „Gib den schmutzigen mir!“ forderte Hsi-jën sie auf. „Ich nehme ihn mit und bringe ihn in Ordnung, dann schicke ich jemand damit zu dir. Wenn du ihn mitnimmst und es sieht dich jemand damit, wird man dir deswegen Fragen stellen.“ „Nimm ihn mit und gib ihn irgendwem von den Mädchen“, sagte Hsiang-ling. „Wenn ich diesen hier habe, brauche ich den nicht mehr.“ „Das ist großzügig gedacht“, sagte Hsi-jën. Noch einmal bedankte sich Hsiang-ling und knickste dazu, dann ging Hsi-jën mit dem schmutzigen Rock fort. Als Hsiang-ling sich jetzt nach Bau-yü umsah, hockte er auf der Erde. Mit einem Zweig hatte er eine Grube gegraben, die er mit einer Handvoll Blütenblätter auspolsterte. Dann legte er die Mann-und-Frau-Orchidee zusammen mit dem Wassernuß-Blütenpärchen darauf, deckte sie mit weiteren Blütenblättern zu und häufte Erde über das Loch. „Was treibst du denn da?“ fragte Hsiang-ling lächelnd und zog ihn am Ärmel. „Kein Wunder, daß alle sagen, wenn du unbeobachtet bist, machst du den größten Unsinn, der einem die Haare zu Berge stehen läßt. Schau nur, wie schwarz und schmierig deine Hände von Schlamm und Moos geworden sind! Willst du dich nicht waschen gehen?“ Lächelnd stand Bau-yü auf und ging fort, um sich die Hände zu waschen. Auch Hsiang-ling ging ihres Weges, aber als sie schon ein paar Schritte voneinander entfernt waren, drehte sie sich noch einmal um, kam zurück und rief Bau-yü an. Bau-yü, der nicht wußte, was sie ihm noch sagen wollte, wandte sich lächelnd um, streckte seine schmutzstarrenden Hände von sich und fragte: „Was ist?“ Hsiang-ling stand nur da und lächelte stumm. Da kam ihr Sklavenmädchen Dschën-örl dazu und meldete: „Das zweite Fräulein möchte Euch sprechen.“ Jetzt erst sagte Hsiang-ling bittend: „Die Sache mit dem Rock darfst du nicht deinem Vetter Pan erzählen.“ Dann wandte sie sich wieder um und ging fort. „Bin ich vielleicht verrückt?“ rief Bau-yü ihr lächelnd hinterher. „Meinst du, ich werde dem Tiger meinen Kopf in den Rachen stecken?“ Und damit ging er fort, um sich die Hände zu waschen. Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.
Anmerkungen
- ↑ Auf Grund ähnlicher Aussprache in alter Zeit gilt der Pfirsich in China als Symbol der Langlebigkeit.
- ↑ Lange Nudeln gelten in China ebenfalls als Symbol eines langen Lebens und sind daher ein traditionelles Geburtstagsessen.
- ↑ Der Ratende muß ein klassisches Zitat oder eine bekannte Gedichtzeile finden, worin das genannte Wort mit dem zu erratenden Bezugswort vorkommt und dann ein anderes Wort nennen, das an anderer Stelle mit dem Bezugswort zusammen erscheint.
- ↑ Hierbei strecken zwei Spieler gleichzeitig eine beliebige Zahl von Fingern einer Hand aus und nennen zugleich eine Zahl, die die vermutete Summe der von beiden Spielern ausgestreckten Finger darstellt. Wer zuerst die richtige Zahl getroffen hat, ist Sieger der Runde.
- ↑ Ein Ausspruch des Konfuzius; vgl. seine ‚Gespräche‘, XIII, 4.
- ↑ Yau kommt mit pu zusammen als ‚Heilkräutergarten‘ in einer Gedichtzeile von Lu You vor (über diesen vgl. o., Anm. zu S. 839) – ‚Die Strohhütte ist nördlich des Wassernußufers, die Flechtzauntür westlich des Heilkräutergartens.‘
- ↑ Basierend auf einer alten Erzählung, in der von einem konfuzianischen Gelehrten berichtet wird, der in einem Käfig am Fenster einen Hahn als Wecker hält, der dann wie ein Mensch zu reden beginnt, so daß der Gelehrte philosophische Gespräche mit ihm führen kann, steht der Begriff ‚Hahnenfenster‘ metaphorisch für eine Studierstube. ‚Hahnemann‘ (dji-jën) ist ein alter Beamtentitel, dessen Träger als Wecker vom Dienst vor großen Opferzeremonien fungierte.
- ↑ Die Zeile stammt aus einem Gedicht im ‚Buch der Lieder‘ (Schï-djing).
- ↑ Das gesuchte Bezugswort ist dsun – Weinbecher –, mit piau zusammen kommt es in einer Gedichtzeile von Su Dschë (1039 – 1112) vor – ‚Schöpfkelle und Weinbecher hängen leer an der Wand.‘ Den Ausdruck lü dsun – grüner Becher – gibt es bei verschiedenen Dichtern, u. a. bei Wang Bo (650 – 676) – ‚Nicht vor der Trunkenheit hat der Einsiedler in den Bergen Angst, seine einzige Furcht ist es, der grüne Becher könnte leer sein.‘
- ↑ Der Ausspruch, der in China als historisch belegt gilt, bezieht sich darauf, daß ein schon durchschauter, aber noch nicht entlarvter Verbrecher aufgefordert wird, eine angemessene Strafe für eine Tat zu bestimmen, wie er sie selbst begangen hat, womit er sich unbewußt sein eigenes Urteil spricht. In China besteht die Strafe darin, in ein großes tönernes Vorratsgefäß zu steigen, um das dann ein starkes Feuer gelegt wird. Im deutschen Volksmärchen (Grimm Nr. 13, 89, 111, 135) ist es ein mit Nägeln gespicktes Faß, in dem der Verbrecher getötet wird, bzw. die Strafe der Vierteilung.
- ↑ Eine Zeile aus einem Gedicht des Sung-zeitlichen Dichters Dschëng Huee.
- ↑ 716[?] – 770[?], Beamter und Dichter.
- ↑ Vgl. o., Anm. zu S. 700 (Li Schang-yins Gedichte).
- ↑ Vgl. o., Anm. zu S. 557.
- ↑ ‚Einkreise‘-Schach, das unter seinem japanischen Namen Go auch in Europa bekannte Brettspiel.
- ↑ Vgl. o., Anm. zu S. 270.
- ↑ Wörtliche Bedeutung eines der chinesischen Namen der Tamariske (Tamarix).
- ↑ Wörtliche Bedeutung des chinesischen Namens der Steineibe (Podocarpus).
- ↑ Wörtliche Bedeutung des chinesischen Namens des Blumenrohrs (Canna).
- ↑ Eigentlich ‚Monat-für-Monat-Rot‘; wörtliche Bedeutung des chinesischen Namens der Zwergrose (Rosa chinensis ‚Semperflorens‘).
- ↑ Vgl. o., Anm. zu S. 201.
- ↑ Zwischen den Namen der Frucht pi-pa (Japanische Mispel, Eriobotrya japonica) und des Musikinstruments pi-pa (Chinesische Laute), dem das Bühnenstück des Ming-zeitlichen Autors Gau Dsë-tschëng seinen Titel verdankt, besteht eine nur zufällige Homophonie.