Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 63"

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=== Zum Geburtstag im Yihong-Hof eroeffnen die Blumenschoenheiten ein naechtliches Festmahl; Beim Tod durch die Goldpille besorgt die einsame Schoenheit allein die Bestattung ===
 
=== Zum Geburtstag im Yihong-Hof eroeffnen die Blumenschoenheiten ein naechtliches Festmahl; Beim Tod durch die Goldpille besorgt die einsame Schoenheit allein die Bestattung ===
  
eute kam nach dem Essen Fräulein Tan-tschun zu ihr, um sie zu einem gemeinsamen Besuch bei der zweiten jungen Herrin aufzufordern. Sie ist aber nicht mitgegangen. Dann muß ihr etwas eingefallen sein, und sie hat eine Weile stumm vor sich hin gebrütet. Schließlich griff sie zum Pinsel und schrieb einiges nieder, womöglich Gedichte.
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'''Zu Bau-yüs Geburtstag feiern alle Blumen ein nächtliches Fest,bei Djia Djings Tod regelt eine einsame Schöne das Trauerzeremoniell.'''
Als sie mir befahl, die Früchte zu holen, hörte ich noch, wie sie zu Dsï-djüan sagte, sie solle den kleinen Zithertisch abräumen, der drinnen im Zimmer steht, und in die Mitte des Außenraums stellen. Und dann sollte sie den Weihrauchkessel mit dem Drachenmuster daraufstellen, damit er bereit sei, wenn ich mit den Früchten wiederkäme.
 
Aber wenn sie Besuch erwartete, würde sie doch keinen Weihrauchkessel aufstellen lassen. Räuchwerwerk brennt sie allenfalls dort ab, wo sie zu sitzen und zu schlafen pflegt, sonst stellt sie sich nur frische Blumen und Früchte wie etwa Zierquitten hin. Und ihre Kleider räuchert sie auch nicht gern. Will sie etwa deshalb räuchern lassen, weil die alten Weiber den Raum verpestet haben? Ich weiß es wirklich nicht.“
 
Nach diesen Worten ging sie rasch fort, Bau-yü aber ließ unwillkürlich den Kopf sinken und überlegte: „Nach dem, was Hsüä-yän erzählt hat, muß es einen Grund dafür geben. Aber wenn sie nur mit einem der Mädchen zusammensitzen möchte, braucht sie nicht solche Vorbereitungen zu treffen. Ist heute vielleicht der Todestag ihres Vaters oder ihrer Mutter? Aber ich kann mich entsinnen, daß jedes Jahr zu diesen Tagen auf Befehl der alten gnädigen Frau besondere Speisen zubereitet wurden, die man ihr brachte, damit sie ein privates Opfer bringen konnte. Außerdem sind diese Tage auch schon vorüber.
 
Also muß es wohl damit zusammenhängen, daß der siebente Monat die Zeit der frischen Melonen ist und alle Familien an den Gräbern ihrer Angehörigen das Herbstopfer bringen. Wer weiß, vielleicht hat das Dai-yü dazu angeregt, in ihren Räumen ein Opfer zu bringen, eingedenk des Satzes im Buch der Riten: ,Im Frühling und im Herbst bringt man die Speisen der Jahreszeit dar.‘ Aber wenn ich sie jetzt besuche und sehe, wie sie sich grämt, muß ich sie auch mit aller Kraft trösten, und dann ist zu befürchten, daß sich der Kummer in ihrem Herzen staut. Besuche ich sie nicht, wird wiederum niemand da sein, ihr überhaupt Trost zu spenden.
 
Das eine wie das andere könnte zu einer Krankheit führen. Darum ist es das beste, ich gehe zunächst zu Kusine Hsi-fëng, bleibe ein Weilchen bei ihr und komme dann wieder. Wenn ich sehe, daß Dai-yü sich noch grämt, denke ich mir etwas aus, um sie aufzuheitern. So kann ich erreichen, daß ihr Kummer nicht allzulange anhält und sich allmählich legt, zugleich kann ich auch verhindern, daß sie durch aufgestauten Kummer krank wird.“
 
Als Bau-yü diesen Gedanken zu Ende geführt hatte, ging er geradewegs zum Gartentor hinaus und zu Hsi-fëngs Wohnräumen hinüber. Eben kam eine große Anzahl verantwortlicher Sklavenfrauen zum Tor heraus, die hier Bericht erstattet hatten, und Hsi-fëng stand an den Türrahmen gelehnt und sprach mit Ping-örl. Kaum hatte sie Bau-yü erblickt, sagte sie lächelnd: „Du bist also zurückgekommen! Eben habe ich Lin Dschï-hsiaus Frau befohlen, daß sie den Knaben in deinem Gefolge sagen läßt, wenn nichts für dich zu tun sei, solltest du die Gelegenheit wahrnehmen und nach Hause kommen, um dich ein wenig auszuruhen. Zumal dort so ein gemischtes Publikum ist, daß du all die Gerüche kaum aushalten kannst. Aber nun bist du ja schon von selbst gekommen.“
 
„Danke für deine Fürsorge!“ erwiderte Bau-yü ebenfalls lächelnd. „Drüben war nichts zu tun, außerdem bist du schon ein paar Tage nicht mehr dort gewesen, so daß ich nicht wußte, ob es dir wieder besser geht oder nicht, darum bin ich hergekommen, um nach dir zu sehen.“
 
„Im großen und ganzen ist es immer noch dasselbe mit mir“, gab Hsi-fëng Auskunft. „Drei Tage geht es mir gut und dann wieder zwei Tage schlecht. Die alte gnädige Frau und die gnädige Frau sind nicht zu Hause, aber diese Frauen, nein – keine von ihnen gibt sich mit ihrem Los zufrieden. Jeden Tag müssen sie sich schlagen oder zanken, und auch ein paar Fälle von Glücksspiel und Diebstahl sind vorgekommen.
 
Tan-tschun hilft mir zwar bei der Verwaltung, aber sie ist nun mal ein unverheiratetes Mädchen. Es gibt Dinge, die sie erfahren darf, aber auch solche, die man vor ihr nicht erwähnen kann. Also muß ich mich wohl oder übel zum Durchhalten zwingen, wenn auch mein Herz dabei nie zur Ruhe kommt. Von Genesung ganz zu schweigen, reicht es mir schon, wenn die Krankheit nicht schlimmer wird.“
 
„Das sagst du so einfach dahin, trotzdem solltest du mehr auf deine Gesundheit achten und dir weniger Sorgen machen“, riet ihr Bau-yü. Nachdem er dann noch ein Weilchen mit ihr geplaudert hatte, verabschiedete er sich wieder und kehrte in den Garten zurück.
 
Beim Eintritt in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß sah er, daß gerade die letzten Weihrauchschwaden aus dem Räucherkessel stiegen, während vom Opferwein nur noch ein Rest übrig war. Dsï-djüan beaufsichtigte die Sklavenmädchen, die dabei waren, den Tisch wieder hineinzutragen und die Ausstattungsstücke an ihren Platz zu stellen. Daraus schloß er, das Opfer müsse beendet sein, und trat in den Innenraum, wo er Dai-yü mit abgewandtem Gesicht auf dem Bett fand. Es war ihr anzusehen, daß sie litt und diesem Leid nicht gewachsen war.
 
Rasch meldete Dsï-djüan: „Der junge Herr ist gekommen.“
 
Langsam richtete Dai-yü sich auf und lud Bau-yü lächelnd ein, Platz zu nehmen.
 
„Es geht dir wohl besser in den letzten Tagen?“ fragte Bau-yü. „Jedenfalls machst du einen ruhigeren Eindruck als sonst. Aber worüber hast du dich wieder gegrämt?“
 
„Was redest du da?“ verwahrte sich Dai-yü, „es geht mir gut, wann sollte ich mich gegrämt haben?“
 
„Man sieht es jetzt noch, daß du geweint hast, und trotzdem versuchst du, mich anzuführen“, sagte Bau-yü. „Mir scheint nur, so oft wie du krank bist, solltest du alles etwas leichter nehmen und dir nicht zu viele unnötige Sorgen machen. Wenn du dir damit die Gesundheit ruinierst, werde ich eines Tages...“
 
Kaum waren ihm die letzten Worte entschlüpft, da merkte er, daß er zuviel gesagt hatte, und hielt rasch inne. Denn er war wohl mit Dai-yü zusammen aufgewachsen, und sie harmonierten in ihren Gedanken und Gefühlen und wünschten sich, miteinander zu leben und zu sterben, aber das war ein stummes Übereinstimmen ihrer Herzen, das sie noch nie in Worte gekleidet hatten, zumal Dai-yü so mißtrauisch war, daß sie sich immer wieder durch ein unüberlegtes Wort von Bau-yü gekränkt fühlte. Heute war er extra gekommen, um sie zu trösten, und nun hatte er sich doch wieder verplappert und konnte nicht weitersprechen. Sofort wurde er unsicher und befürchtete überdies, Dai-yü würde ihm böse sein. Als er dann bedachte, daß er nur die besten Vorsätze gehabt hatte, wurde aus seinen Betrachtungen Kummer, und schon liefen ihm die Tränen herab.
 
Dai-yü war im ersten Augenblick wirklich auf Bau-yü böse gewesen, weil er seine Worte nicht zu wägen wußte, aber als sie ihn jetzt in diesem Zustand sah, war sie gerührt. Und da ihr die Tränen ohnehin locker saßen, stimmte sie wortlos in sein Weinen ein. Als Dsï-djüan jetzt den Tee brachte, nahm sie an, die beiden hätten sich wieder einmal gestritten, und so sagte sie: „Kaum geht es dem Fräulein ein wenig besser, da kommt Ihr, um sie zu ärgern. Was soll man denn davon halten?“
 
Bau-yü wischte sich die Tränen ab und versicherte lächelnd: „Wer würde es wagen, sie zu ärgern?!“ Dann stand er auf und ging im Zimmer hin und her, um seine Verlegenheit zu verbergen. Dabei entdeckte er, daß unter dem Tuschereibstein kaum sichtbar eine Ecke von einem Blatt Papier hervorsah, und konnte sich nicht enthalten, die Hand danach auszustrecken, um es herauszuziehen. Dai-yü wollte aufstehen, um ihm das Blatt wegzunehmen, aber da hatte er es sich schon in den Busen geschoben und bat lächelnd: „Laß es mich ansehen, Kusinchen!“
 
„Sooft du hier bist, wühlst du bedenkenlos alles durch“, hielt ihm Dai-yü vor.
 
In diesem Augenblick trat Bau-tschai zur Tür herein und fragte lächelnd: „Was gibt es denn hier zu sehen?“
 
Da Bau-yü noch nicht gelesen hatte, was auf dem Papier stand, und nicht wußte, wie Dai-yü sich verhalten würde, wollte er nicht wieder voreilig sein und schaute nur lächelnd nach Dai-yü.
 
Dai-yü bot Bau-tschai einen Platz an und erklärte ihr lächelnd: „Mir war aufgefallen, daß in den alten Geschichtswerken von vielen schönen und begabten Frauen berichtet wird, deren Schicksal man entweder froh bewundern oder aber traurig beklagen kann. Als ich heute nach dem Essen nichts zu tun hatte, suchte ich mir einige dieser Frauen aus, um rasch ein paar Gedichte über sie zu improvisieren, die meine Gefühle ausdrücken sollten. Zufällig kam dann Tan-tschun, um mich zu Kusine Hsi-fëng mitzunehmen, aber ich fühlte mich so träge und bin nicht mitgegangen.
 
Als ich fünf Gedichte geschrieben hatte, war ich so schläfrig, daß ich mich hinlegen mußte, und dann ist Vetter Bau-yü gekommen und hat das Blatt entdeckt. Eigentlich ist natürlich nichts weiter dabei, wenn er die Gedichte liest, mir gefällt es bloß nicht, daß er immer wieder unsere Gedichte abschreibt und vor den Leuten herumzeigt.“
 
„Wann hätte ich so etwas je getan?“ verteidigte sich Bau-yü. „Das mit dem Fächer neulich lag einfach daran, daß ich die Gedichte über die weißen Begonien so gern habe. Deshalb schrieb ich sie mir mit kleinen Schriftzeichen in Normalschrift auf meinen Fächer, nur um sie immer bequem zur Hand zu haben.
 
Meinst du, ich wüßte nicht, daß man Gedichte und Schreibübungen aus den Mädchengemächern nicht leichtfertig in der Öffentlichkeit verbreiten darf? Seitdem du mit mir darüber gesprochen hast, habe ich den Fächer nie mehr mitgenommen, wenn ich den Garten verließ.“
 
„Kusine Lin hat recht mit ihren Überlegungen“, sagte Bau-tschai. „Wenn du die Gedichte auf einen Fächer schreibst und nimmst ihn aus Versehen mit hinaus in die Bibliothek, werden die Hausgäste mit Sicherheit fragen, wer der Verfasser ist, sobald sie die Verse gelesen haben. Wenn sie so an die Öffentlichkeit kämen, wäre das gar nicht schön.
 
Von alters her heißt es ‚Tugendhaft ist eine Frau, die kein spezielles Talent besitzt.‘ Sittsamkeit und Zurückhaltung sind für uns das Allerwichtigste, an zweiter Stelle aber folgen Handarbeiten. Gedichteschreiben und dergleichen ist nicht mehr als ein Vergnügen, das wir in den inneren Gemächern betreiben. Ob man das kann oder nicht, ist gleichgültig. Ein Mädchen aus unseren Kreisen legt keinen Wert auf den Ruf, talentiert zu sein.“ Dann wandte sie sich an Dai-yü und sagte lächelnd: „Mir kannst du ja die Gedichte unbesorgt zeigen. Hauptsache ist, Vetter Bau-yü trägt sie nicht fort.“
 
„Nach dem, was du gesagt hast, mußt du sie auch nicht unbedingt sehen“, antwortete Dai-yü lächelnd. Dann wies sie auf Bau-yü und sagte: „Er hat sie längst an sich gerissen.“
 
Erst nach diesen Worten holte Bau-yü das Blatt wieder hervor, rückte dicht neben Bau-tschai und las mit ihr gemeinsam, was dort geschrieben stand:
 
„Hsi-schï0
 
Die Schönste der Zeit mußte schmählich vergehen,
 
unerfüllt blieb ihr Sehnen am Hofe von Wu.
 
Verlacht nicht ihre häßliche Nachahmerin,
 
weißhaarig noch wusch sie ihre Seide im Bach.
 
  
Nebenfrau Yü0
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Bau-yü kehrte also in seine Räume zurück, um sich die Hände zu waschen. Anschließend sagte er zu Hsi-jën: „Wenn wir heute Abend Wein trinken, wollen wir alle vergnügt sein, ohne uns Zwang anzutun! Und sag rechtzeitig Bescheid, was wir essen wollen, damit alles vorbereitet wird!“
Nächtliches Pferdegewieher zerreißt das Herz,
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„Sei unbesorgt!“ erwiderte Hsi-jën lächelnd. „Tjing-wën, Schë-yüä, Tjiu-wën und ich haben je fünf Tjiän Silber gespendet, das macht zusammen drei Liang und zwei Tjiän. Dieses Silber ist längst Schwägerin Liu ausgehändigt worden, damit sie vierzig Teller mit Zuspeisen für uns vorbereitet. Außerdem habe ich mit Ping-örl gesprochen, und wir haben einen großen Tonbehälter voll Schau-hsing-Wein<ref>Reiswein aus der Stadt Schau-hsing in der Provinz Dschë-djiang, gilt noch heute als beste Sorte.</ref> hergeschafft und hier versteckt. So richten wir dir zu acht den Geburtstag aus.“
als die Abschiedsklage einander sie singen.
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Froh über das Gehörte, sagte Bau-yü: „Woher sollen die Mädchen das Geld nehmen? Du hättest nicht von ihnen verlangen dürfen, daß sie etwas geben!“
Die Verräter erwartet ein gräßlicher Tod,
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„Haben wir vielleicht Geld und sie nicht?“ mischte Tjing-wën sich ein. „Das Herz ist es, das zählt. Also laß dir den Freundschaftsbeweis gefallen, selbst wenn das Geld gestohlen ist!“
wieviel ruhmvoller starb sie von eigener Hand!
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„Da hast du recht!“ pflichtete Bau-yü ihr bei.
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„Wenn sie dich nicht zweimal am Tag mit frechen Worten zum Narren hält, fehlt dir etwas“, bemerkte Hsi-jën lächelnd.
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„Du gehörst wohl auch zu denen, die stets das Feuer schüren müssen, wenn sie nur selbst in Sicherheit sind?“ erkundigte sich Tjing-wën.
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Alle lachten darüber, dann verlangte Bau-yü: „Macht das Hoftor zu!“
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„Nicht umsonst nennt man dich den emsigen Nichtstuer“, rügte Hsi-jën lächelnd. „Wenn wir jetzt schon das Tor zumachen, wecken wir nur Verdacht. Wir müssen noch ein bißchen warten!“
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Bau-yü nickte zustimmend und sagte: „Ich muß noch einmal hinaus. Sï-örl geht Wasser schöpfen, und Tschun-yän wird mich begleiten!“ Damit verließ er das Gehöft, und als sie allein waren, erkundigte er sich, wie es mit Wu-örl stehe.
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„Schwägerin Liu habe ich vorhin Bescheid gesagt, und sie hat sich selbstverständlich sehr gefreut“, berichtete Tschun-yän. „Aber Wu-örl hat sich über die Schmach, die man ihr neulich die Nacht über antat, so aufgeregt, daß sie vor Ärger wieder krank geworden ist, kaum daß sie nach Hause kam. So kann sie natürlich nicht zu uns kommen, und wir müssen uns gedulden, bis sie gesund ist.“
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Bau-yü seufzte bedauernd, dann fragte er: „Weiß Hsi-jën davon?“
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„Ich habe ihr nichts gesagt“, antwortete Tschun-yän. „Ob Fang-guan etwas erwähnt hat, weiß ich nicht.“
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„Ich habe mit ihr noch nicht über Wu-örl gesprochen“, fuhr Bau-yü fort. „Aber egal, ich sage es ihr, und damit basta!“ Mit diesen Worten ging er wieder hinein und wusch sich drinnen demonstrativ die Hände.
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Inzwischen war es Zeit geworden, die Lampen anzuzünden. Da hörten sie plötzlich, wie ein ganzer Trupp Leute durchs Hoftor kam, also spähten sie durch die Fenster und erkannten Lin Dschï-hsiaus Frau mit mehreren verantwortlichen Sklavenfrauen, von denen die vorderste eine große Laterne trug.
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„Sie kommen die Nachtwachen kontrollieren“, sagte Tjing-wën leise und lächelte dabei. „Wenn sie wieder weg sind, können wir zumachen.“
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Nun sahen sie, wie alle Nachtwächterinnen ihres Gehöfts hinaustraten, und als Lin Dschï-hsiaus Frau sich überzeugt hatte, daß keine fehlte, mahnte sie: „Spielt keine Glücksspiele, trinkt keinen Wein, und daß ihr mir nicht einfach in den hellen Tag hinein schlaft! Kommt mir so etwas zu Ohren, dann kenne ich kein Erbarmen!“
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„Wer würde wohl wagen, so dreist zu sein!“ erwiderten die Nachtwächterinnen lächelnd.
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„Hat der junge Herr sich schlafen gelegt?“ fragte Lin Dschï-hsiaus Frau dann. Aber alle sagten, sie wüßten das nicht.
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Rasch gab Hsi-jën Bau-yü einen Stoß, so daß er in seine Schuhe schlüpfte und hinaustrat, um Lin Dschï-hsiaus Frau lächelnd zu antworten: „Ich schlafe noch nicht. Kommt nur herein und ruht Euch einen Augenblick aus!“ Und er befahl Hsi-jën, sie solle Tee eingießen.
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Sofort trat Lin Dschï-hsiaus Frau ins Haus und sagte lächelnd: „Ihr schlaft noch nicht? Die Tage sind jetzt lang und die Nächte kurz, da müßt Ihr früh schlafen gehen, damit Ihr auch früh aufstehen könnt. Wenn Ihr spät aufsteht, werden die Leute Euch auslachen und sagen, das ist kein junger Herr, der die Bücher studiert, sondern ein Lastträger.“
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„Ihr habt ganz recht“, stimmte Bau-yü ihr eilfertig zu und lächelte dabei ebenfalls. „Sonst bin ich auch jeden Tag früh schlafen gegangen und habe es gar nicht gemerkt, wenn Ihr kamt. Aber heute, nach dem Nudelessen, fürchtete ich, eine Verstopfung zu bekommen, darum bin ich etwas länger aufgeblieben.“
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„Da müßt ihr Pu-örl-Tee<ref>Grüner Tee aus der Gegend von Pu-örl, Provinz Yün-nan.</ref> aufbrühen!“ wandte sich Lin Dschï-hsiaus Frau lächelnd an Hsi-jën und die übrigen Sklavenmädchen.
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„Wir haben schon eine Kanne Tee aus Wu-tung-Blättern<ref>Über den Wu-tung-Baum vgl. o., Anm. zu S. 629.</ref> gebrüht, und der junge Herr hat zwei Schälchen davon getrunken“, berichteten Hsi-jën und Tjing-wën sofort. „Probiert auch Ihr davon, Tante! Es ist noch welcher da.“ Und schon goß Tjing-wën eine Schale voll ein.
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„In der letzten Zeit ist mir aufgefallen, daß der junge Herr seine Ausdrucksweise verändert hat und auch die größeren von euch einfach beim Namen nennt“, nahm Lin Dschï-hsiaus Frau wieder lächelnd das Wort. „Obwohl ihr in seinen Räumen dient, gehört ihr doch zum Gefolge der alten gnädigen Frau, darum müßte er schon respektvoller sein. Wenn er sich nur gelegentlich einmal im Ausdruck vergreift, mag das noch angehen, aber wenn er euch ständig so anredet, werden seine Vettern und Neffen es ihm nachmachen und damit den Spott der Leute herausfordern, die sagen werden, in dieser Familie habe man keinen Respekt vor den Älteren.“
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Wieder pflichtete Bau-yü ihr bei: „Ihr habt ganz recht, aber es geschieht wirklich nur gelegentlich.“
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Auch Hsi-jën und Tjing-wën versicherten lächelnd: „Deswegen dürft Ihr dem jungen Herrn keinen Vorwurf machen. Er redet uns bis heute noch brav als ältere Schwestern an, nur im Scherz gebraucht er manchmal unsere Namen. Aber wenn jemand dabei ist, redet er uns nicht anders an als bisher.“
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„So ist es recht, so benimmt sich jemand, der die Schriften studiert und mit den Riten vertraut ist“, lobte Lin Dschï-hsiaus Frau lächelnd. „Je zuvorkommender man ist, desto mehr wird man geachtet. Nicht nur Leute, die eigentlich in die Räume der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau gehören und deren Familien schon seit drei oder fünf Generationen hier dienen, darf man nicht leichtfertig kränken, für jedes Kätzchen oder Hündchen von dort gilt dasselbe. Das ist das rechte Benehmen für einen Sohn aus gutem Hause, der Erziehung genossen hat.“ Damit trank sie ihren Tee, dann verabschiedete sie sich: „Ich wünsche angenehme Ruhe! Wir gehen.“
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Bau-yü forderte sie zwar noch zum Bleiben auf, aber schon ging sie an der Spitze ihres Gefolges hinaus, um auch noch die anderen Plätze zu kontrollieren.
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Rasch ließ jetzt Tjing-wën das Tor schließen, dann kam sie wieder herein und sagte lächelnd: „Die Frau muß irgendwo einen Schluck getrunken haben, daß sie uns hier die Ohren vollsabbelt und uns dabei noch Vorwürfe macht.“
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„Aber sie meint es doch nur gut“, versuchte Schë-yüä lächelnd zu beschwichtigen. „Sie muß uns schon immer wieder ermahnen, damit wir nicht völlig außer Rand und Band geraten.“ Mit diesen Worten ging sie hinaus, um sich um den Wein und die Zukost zu kümmern.
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„Wir wollen uns nicht an den hohen Tisch setzen!“ schlug Hsi-jën vor. „Wir stellen den niedrigen runden Palisandertisch auf das Ofenbett und setzen uns alle herum! So haben wir es bequem und sind nicht eingeengt.“
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Der Tisch wurde geholt, und dann begannen Schë-yüä und Sï-örl, die Zukost hereinzutragen. Mit zwei großen Servierbrettern mußten sie vier oder fünf Mal hin- und hergehen, ehe alles herbeigeschafft war. Im Vorraum kauerten zwei alte Sklavenfrauen am Kohlebecken und wärmten den Wein.
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„Bei dem heißen Wetter sollten wir alle die Überkleider ablegen“, sagte Bau-yü.
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„Zieh dich nur aus, wenn dir danach ist“, sagten die Mädchen. „Wir dagegen müssen erst noch den Vorschriften der Etikette Genüge tun.“
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„Eure Etikette wird bis in die fünfte Nachtwache dauern, wenn ihr erst einmal damit anfangt“, sagte Bau-yü. „Was ich am meisten fürchte, sind diese profanen Förmlichkeiten. In Anwesenheit von Fremden kommt man freilich nicht drum herum, aber wenn ihr jetzt auch mich noch damit ärgern wollt, ist das nicht schön.“
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„Ganz wie du willst!“ sagten alle, und anstatt sich hinzusetzen, gingen sie ihren Schmuck und einen Teil ihrer Kleider ablegen. Bald darauf trugen sie statt des normalen Kopfputzes nur einfache Haarknoten und waren nur mit langen Röcken und halblangen Jacken bekleidet. Bau-yü hatte nur noch eine kurze dunkelrote Baumwolljacke und eine einfach gefütterte Hose aus schwarzbedruckter grüner Seide an, deren Beine er nicht zugeschnürt hatte. Er stützte sich auf ein neues jadefarbenes Baumwollkissen, das mit Blütenblättern von Rosen und Päonien gefüllt war, und spielte mit Fang-guan Fingerknobeln.
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Auch Fang-guan hatte über die Hitze gestöhnt und trug jetzt nur noch eine dünn gefütterte kurze Jacke, die aus quadratischen Seidenstücken in dreierlei Farben – Jade, schwärzlich und braunrot – zusammengesetzt war, eine weidengrüne Leibbinde und eine dünn gefütterte rosa Hose mit Streublumenmuster, deren Beine sie ebenfalls nicht verschnürt hatte.
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Ihr Haar war zu einem Kranz dünner Zöpfchen geflochten, die auf dem Scheitel zu einem einzigen starken Zopf zusammenliefen, der so dick war wie ein Gänseei und am Hinterkopf herunterbaumelte. Im rechten Ohrläppchen trug sie nur einen Jadestöpsel, der nicht größer war als ein Reiskorn, am linken Ohr dagegen ein Gehänge mit einem goldgefaßten roten Stein, so groß wie eine Gingkonuß. Dadurch schien ihr Gesicht noch reiner als der Vollmond, und ihre Augen wirkten klarer als Herbstwasser.
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Lachend bemerkten die anderen: „Wie Zwillingsbrüder sehen die beiden aus.“
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„Wartet noch mit dem Fingerknobeln!“ bat Hsi-jën, die inzwischen Wein eingegossen hatte. „Wenn wir schon auf die Etikette verzichten, muß dafür jeder einen Schluck aus dem Becher trinken, den ich ihm reiche.“ Damit hob sie ihren Becher an die Lippen und nahm einen Schluck. Dann ließ sie der Rangfolge nach einen nach dem anderen trinken, und danach erst setzten sie sich rund um den Tisch auf das Ofenbett. Nur Tschun-yän und Sï-örl, die dort keinen Platz fanden, stellten sich Stühle dicht an das Ofenbett. Die vierzig Teller mit der Zukost zum Wein waren einheitlich aus imitiertem weißen Ding-dschou-Porzellan<ref>Dieses Porzellan wurde während der Tjing-Zeit in Djing-dë-dschën, Provinz Djiang-hsi, nach dem Muster des Sung-zeitlichen Porzellans aus Ding-dschou gefertigt (vgl. o., Anm. zu S. 701).</ref> und nicht größer als kleine Teeteller. Sie enthielten alles erdenkliche Naschwerk aus sämtlichen Gegenden des Landes sowie aus dem Ausland, frisch und getrocknet, Produkte des Festlands ebenso wie solche aus dem Wasser.
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„Wir müssen ein Trinkspiel spielen!“ verlangte Bau-yü.
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„Es muß aber etwas Gesittetes sein“, mahnte Hsi-jën. „Wenn wir dabei schreien und lärmen, wird man uns hören. Außerdem können wir nicht schreiben und lesen, darum darf es nichts Literarisches sein.“
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„Dann wollen wir würfeln!“ schlug Schë-yüä vor.
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„Das ist zu langweilig“, widersprach Bau-yü, „wir wollen lieber Blumenlotto spielen!“
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„Au ja“, unterstützte ihn Tjing-wën, „das wollte ich schon immer einmal spielen.“
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„Das Spiel ist zwar gut, aber wenn wir nur so ein paar Leute sind, macht es keinen Spaß“, gab Hsi-jën zu bedenken.
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„Ich finde, wir sollten in aller Stille noch Fräulein Bau-tschai und Fräulein Lin einladen. Wenn sie bis zur zweiten Nachtwache mit uns spielen, kommen sie noch immer früh genug ins Bett“, schlug Tschun-yän lächelnd vor.
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„Da müssen wir ja noch einmal unser Hoftor aufmachen, und dort müssen wir am Tor rufen“, wandte Hsi-jën ein. „Was ist, wenn wir auf die Wächterinnen stoßen?“
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„Wovor hast du Angst?“ fragte Bau-yü. „Auch meine Schwester Tan-tschun trinkt gern Wein, wir sollten sie ebenfalls holen, genauso Fräulein Bau-tjin.“
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„Fräulein Bau-tjin nicht“, protestierten die anderen, „sie wohnt bei der älteren jungen Herrin, da gibt es ein großes Hin und Her.“
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„Was macht das schon! Beeilt euch und holt sie her!“sagte Bau-yü.
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Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, gingen Tschun-yän und Sï-örl hinaus und ließen sich das Tor öffnen. Dann trennten sich ihre Wege.
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„Wenn diese beiden die Einladung überbringen, werden Fräulein Bau-tschai und Fräulein Lin wohl nicht kommen“, orakelten Tjing-wën, Schë-yüä und Hsi-jën. „Da müssen wir schon gehen und sie auf Gedeih und Verderb herschleppen!“ Und rasch befahlen Hsi-jën und Tjing-wën einer alten Sklavin, eine Laterne anzuzünden, dann machten auch sie sich auf den Weg.
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Tatsächlich sagte Bau-tschai, es sei schon zu spät, während Dai-yü sich auf ihre schwache Gesundheit berief. Aber die beiden ließen nicht locker und baten immer wieder: „So gönnt uns doch ein wenig Ehre! Setzt Euch ein Weilchen zu uns, und dann geht Ihr wieder!“
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Tan-tschun dagegen freute sich, als ihr die Einladung überbracht wurde, doch sie sagte sich, es wäre nicht schön, wenn man Li Wan nicht einladen würde und sie es vielleicht zu erfahren bekäme. Deshalb befahl sie Tsuee-mo, sie solle mit Tschun-yän zu ihr gehen, und vereint baten die beiden dann Li Wan und Bau-tjin ein um das andere Mal, die Gesellschaft komplett zu machen.
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Schließlich trafen alle nacheinander im Hof der Freude am Roten ein. Selbst Hsiang-ling wurde von Hsi-jën herbeigeschafft. Jetzt mußte noch ein zweiter Tisch aufs Ofenbett gestellt werden, ehe jeder einen Platz fand.
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„Kusine Lin friert leicht, sie soll sich lieber hier an die hölzerne Trennwand setzen!“ empfahl Bau-yü und schob ein Rückenpolster für sie zurecht. Hsi-jën und die anderen Sklavenmädchen stellten sich Stühle dicht an das Ofenbett.
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Dai-yü lehnte sich weit vom Tisch entfernt an ihr Polster, lächelte Bau-tschai, Li Wan und Tan-tschun zu und sagte: „Ihr haltet den Leuten stets vor, daß sie sich nachts heimlich treffen, um Wein zu trinken und Glücksspiele zu spielen. Jetzt aber treiben wir genau dasselbe. Da könnt ihr in Zukunft niemand mehr einen Vorwurf machen.“
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Lächelnd erwiderte Li Wan: „Was sollte uns daran hindern? Wenn man nicht jede Nacht so zusammenkommt, sondern immer nur zu Geburts- und Feiertagen, dann ist auch nichts zu befürchten.“
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Inzwischen brachte Tjing-wën schon den mit Schnitzereien verzierten Bambuszylinder, der die elfenbeinernen Spielsteine für das Blumenlotto enthielt. Nachdem sie den Behälter geschüttelt hatte, stellte sie ihn mitten auf das Ofenbett. Dann holte sie noch Würfel, tat sie in ein Kästchen und schüttelte sie. Als sie das Kästchen wieder aufmachte, zeigten sich fünf Augen. Sie zählte ab, und die Fünfte in der Tischrunde war Bau-tschai, die nun lächelnd sagte: „Ich ziehe als Erste, ich bin gespannt, was es ist!“ Damit schüttelte sie den Bambuszylinder, griff hinein und holte einen Spielstein heraus.
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Alle schauten ihn sich an und sahen, daß eine Päonienblüte darauf gemalt war. Darunter stand „Durch üppige Schönheit die Erste unter den Blumen.“ Und in kleineren Schriftzeichen war eine Zeile aus einem Tang-Gedicht eingekerbt:
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„Gefühllos zwar, und doch rührt sie den Menschen.“<ref>Eine Zeile aus einem Gedicht von Luo Yin (833 – 909).</ref>
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Die Anweisung lautete: „Jeder leert seinen Becher. Da dies die Königin der Blumen ist, kann sie nach Belieben jemanden bestimmen, der ein Lied oder ein Gedicht vortragen muß, um die Stimmung zu heben.“
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Als das verlesen war, hieß es: „Wie sich das trifft! Eine Päonienblüte paßt am besten zu dir.“ Und damit tranken sie ihr zu. Nachdem auch Bau-tschai getrunken hatte, ordnete sie lächelnd an: „Fang-guan soll uns ein Lied singen!“
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„Gut, aber zuvor muß jeder noch einen Becher trinken, damit er besser zuhören kann“, verlangte Fang-guan. Als alle getrunken hatten, begann sie:
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„Welch schöner Platz, den Geburtstag zu feiern...“
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„Halt!“ riefen alle dazwischen. „Du mußt ihm nicht noch einmal gratulieren, sing uns das schönste Lied, das du kennst!“
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So blieb Fang-guan keine andere Wahl, und mit feiner Stimme sang sie:
 +
„Mit einem Besen aus Phönixfedern<ref>Ein Lied der Unsterblichen Hë aus dem Bühnenstück ‚Die Geschichte aus Han-dan‘ (Han-dan dji); vgl. o., Anm. zu S. 320 (‚Die Begegnung mit dem Unsterblichen‘).</ref>
 +
feg ich Blüten vor der Heiligen Tor.
 +
Schau nur, Jadestaub wirbelt im Winde.
 +
Doch selbst die Abendwolken, die hohen,
 +
steigen zu unserer Schwelle nicht auf.
 +
Sei auf der Hut vor dem Gelben Drachen,
 +
kehr auch nicht ein bei dem gastfreien Wirt,
 +
denk nur stets an die himmlischen Fluren!
 +
Ach, Dung-bin!
 +
Nicht für ewig am Tor möchte ich stehen,
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mich zu vertreten, bring jemand herbei!“
 +
Während Bau-yü auf den Gesang hörte und Fang-guan ansah, hielt er den Spielstein in der Hand und wiederholte still für sich die Zeile „Gefühllos zwar, und doch rührt sie den Menschen.“ Dann aber nahm ihm Hsiang-yün den Stein weg und warf ihn Bau-tschai zu, die mit den Würfeln sechzehn Augen erzielte und beim Abzählen auf Tan-tschun kam.
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„Was werde ich wohl bekommen?“ sagte Tan-tschun lächelnd, griff in den Bambuszylinder und nahm einen Spielstein heraus. Aber kaum hatte sie ihn angesehen, warf sie ihn errötend auf den Boden und sagte lächelnd: „Das taugt nichts! Wozu spielen wir überhaupt dieses Spiel? Das könnnen die Männer draußen spielen, es steht lauter Unsinn darauf.“
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Niemand verstand, was sie meinte, bis Hsi-jën den Spielstein rasch aufhob und alle sahen, daß ein Zweig Aprikosenblüten darauf abgebildet war, unter dem in roten Schriftzeichen geschrieben stand „Götterblüten vom himmlischen Jadeteich.“<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 92.</ref> Die Gedichtzeile war:
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„Die feurige Sonne schwebt über rosigen Blüten.“<ref>Eine Zeile aus einem Gedicht von Gau Tschan, der zu Ende der Tang-Zeit lebte.</ref>
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Die Anweisung aber besagte: „Wer diesen Stein zieht, bekommt einen vornehmen Mann. Alle trinken ihr zu, um sie zu beglückwünschen, dann trinken alle zusammen einen weiteren Becher.“
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„Das war alles?“ fragten die anderen lachend. „Aber es ist doch ein Spiel für Mädchen, und wenn auch zwei, drei Steine wie dieser dabei sind, ist doch nichts Anstößiges daran. Es gibt also keinen Hinderungsgrund. Eine kaiserliche Nebenfrau haben wir schon in der Familie, wirst du vielleicht die nächste sein? Herzlichen Glückwunsch! Herzlichen Glückwunsch!“
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Alle tranken ihr zu, Tan-tschun aber wollte nicht mithalten, und so mußten ihr Hsiang-yün, Hsiang-ling und Li Wan den Wein mit Gewalt einflößen. Tan-tschun verlangte nach wie vor, das Spiel aufzugeben und ein anderes zu spielen, aber damit waren die übrigen durchaus nicht einverstanden. Deshalb griff Hsiang-yün nach Tan-tschuns Hand und zwang sie, die Würfel zu schütteln. Das Ergebnis waren neunzehn Augen, und das bedeutete, daß diesmal Li Wan an der Reihe war.
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Li Wan schüttelte also den Bambuszylinder und holte einen Spielstein heraus. Sie warf einen Blick darauf, dann sagte sie strahlend: „Ausgezeichnet! Schaut euch das nur an, das Ding ist gar nicht so verkehrt!“
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Alle sahen sich den Spielstein an und fanden darauf den blühenden Ast eines alten Pflaumbaums und das Motto „Kalte Pracht am frostigen Morgen.“ Die Gedichtzeile hieß:
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„Strohhütte und Bambuszaun sind all ihr Begehren.“<ref>Eine Zeile aus einem Gedicht von Wang Tji (11. Jh.). Im Original ist von der Japanischen Aprikose (mee; vgl. o., Anm. zu S. 87) die Rede, hier wurde frei mit ‚Pflaumbaum‘ übersetzt, um wirksamer von der einfachen Aprikose (hsing, Prunus armeniaca) zu unterscheiden.</ref>
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Die Anweisung verlangte: „Allein einen Becher trinken, die nächste muß würfeln.“
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„Das ist gut so“, sagte Li Wan lächelnd. „Würfelt ihr nur, was ihr wollt, während ich in Ruhe meinen Wein trinke!“ Mit diesen Worten griff sie nach ihrem Becher, während sie das Kästchen mit den Würfeln an Dai-yü weiterreichte. Dai-yü warf achtzehn Augen, was ergab, daß Hsiang-yün an die Reihe kam.
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Hsiang-yün schlug ihren Ärmel zurück, faßte in den Bambuszylinder und griff einen Spielstein heraus. Alle sahen ihn sich an und erblickten darauf einen blühenden Zierapfelzweig mit der Inschrift „Tief versunken in duftigen Schlaf.“ Die Gedichtzeile lautete:
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„Spät ist die Nacht, die Blüten schlafen wohl schon.“<ref>Eine Zeile aus einem Gedicht von Su Schï (Su Dung-po; vgl. o., Anm. zu S. 668).</ref>
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„Statt ‚spät ist die Nacht‘ sollte es besser heißen ‚kalt ist der Stein‘“, sagte Dai-yü lächelnd. Alle begriffen, daß sie darauf anspielte, wie Hsiang-yün am Tage betrunken eingeschlafen war, und lachten.
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Hsiang-yün aber lachte ebenfalls, wies auf das mechanische Bootsmodell und sagte zu Dai-yü: „Du steig in das Boot und fahr nach Hause, anstatt Unsinn zu schwatzen!“
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Auch darüber lachten die anderen nicht weniger. Dann lasen sie die Anweisung auf dem Spielstein: „Da es heißt, sie sei tief versunken in duftigen Schlaf, kann diejenige, die diesen Stein gezogen hat, nicht gut trinken. Statt dessen trinken die Nachbarn zur Rechten und Linken.“
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„Buddha Amitabha, das ist ein guter Stein!“ sagte Hsiang-yün und klatschte vor Freude in die Hände. Ihre Nachbarn waren niemand anders als Dai-yü und Bau-yü. Man füllte ihnen die Becher, und sie mußten trinken. Bau-yü leerte seinen Becher jedoch nur zur Hälfte, dann reichte er ihn in einem unbeobachteten Augenblick Fang-guan, die ihn in einem Zug austrank. Dai-yü dagegen entleerte ihren Wein, während sie angeregt plauderte, in eine Mundspülschale.
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Als Hsiang-yün nun würfelte, warf sie neun Augen, und dadurch mußte als Nächste Schë-yüä einen Spielstein ziehen. Als sie ihn in der Hand hielt und alle darauf schauten, sahen sie einen blühenden Rosenzweig und die Inschrift „Schönheit in höchster Vollendung.“ Die Gedichtzeile lautete:
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„Die Rosenblüte bringt der Frühlingsblumen Ende.“<ref>Ebenfalls eine Zeile aus einem Gedicht von Wang Tji.</ref>
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Die Anweisung verlangte: „Jeder Anwesende trinkt drei Becher, um den Frühling zu verabschieden.“
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„Wie ist das zu verstehen?“ fragte Schë-yüä. Aber mit schmerzlich verzogenen Brauen verbarg Bau-yü den Spielstein und sagte nur: „Also trinken wir!“
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Jeder trank drei Schlucke, um die geforderten drei Becher anzudeuten, dann würfelte Schë-yüä neunzehn Augen, und ausgezählt wurde Hsiang-ling.
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Hsiang-ling zog das Bild einer Doppelblüte an einem Stengel und das Motto „Gemeinsamer Frühling, glückliches Omen.“ Die Gedichtzeile dazu hieß:
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„Gemeinsamem Zweig sind die Blüten entsprossen.“<ref>Eine Zeile aus einem Gedicht von Dschu Schu-dschën, einer Dichterin des 12. Jahrhunderts.</ref>
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Die Anweisung besagte: „Von allen beglückwünscht, muß diejenige, die den Stein gezogen hat, drei Becher trinken, alle anderen trinken zur Gesellschaft einen Becher mit.“
 +
Dann würfelte Hsiang-ling sechs Augen, und Dai-yü war an der Reihe. „Wird noch ein guter Stein für mich darunter sein?“ fragte sie sich im stillen, und mit diesem Gedanken faßte sie in den Bambuszylinder, griff einen Spielstein heraus und entdeckte darauf eine Hibiskusblüte mit dem Motto „Stummer Gram in Wind und Tau.“ Die zugehörige Gedichtzeile war:
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„Groll nicht dem Ostwind, beklag nur dich selbst.“<ref>Eine Zeile aus einem Gedicht von Ou-yang Hsiu (vgl. o., Anm. zu S. 285).</ref>
 +
Die Anweisung schrieb vor: „Den eigenen Becher leeren, die Päonienblüte trinkt zur Gesellschaft mit.“
 +
„Das paßt bestens!“ sagten alle mit lächelnder Miene. „Wer sonst entspräche der Hibiskusblüte?!“ Auch Dai-yü selbst lächelte froh und trank ihren Wein. Dann würfelte sie, und durch die zwanzig Augen, die sie warf, kam die Reihe diesmal an Hsi-jën.
 +
Hsi-jën zog einen Spielstein, und er zeigte einen blühenden Pfirsichzweig, dazu das Motto „Wu-ling – eine andere Welt.“<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 1140.</ref> Als Gedichtzeile stand da:
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„Pfirsichblüten bringen eines neuen Jahres Lenz.“<ref>Eine Zeile aus einem Gedicht von Hsiä Fang-dë (1226 – 1289).</ref>
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Die Anweisung bestimmte: „Die Aprikosenblüte trinkt einen Becher zur Gesellschaft mit, desgleichen, wer von den Anwesenden im selben Jahr geboren ist, wer am selben Tag geboren ist und wer denselben Familiennamen trägt.“
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„Jetzt wird es lebhaft und interessant“, sagten die anderen lächelnd. Dann stellten sie fest, daß Hsiang-ling, Tjing-wën und Bau-tschai im selben Jahr wie Hsi-jën geboren waren und Dai-yü am selben Tag, nur jemand mit demselben Familiennamen fanden sie nicht, bis Fang-guan erklärte: „Mein Familienname ist Hua, ich muß mittrinken.“
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Als frischer Wein eingegossen war, wandte sich Dai-yü an Tan-tschun und forderte sie lächelnd auf: „Trink, Aprikosenblüte, wie es die Anweisung verlangt, du Braut eines vornehmen Mannes, damit auch wir trinken können!“
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„Sei nicht so frech!“ wehrte Tan-tschun sich lächelnd. „Gib ihr eins auf den Mund, Schwägerin!“
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„Sie bekommt schon keinen vornehmen Mann, und da soll ich sie noch schlagen? Das bringe ich nicht fertig“, sträubte Li Wan sich lächelnd und rief damit eine neue Lachsalve hervor.
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Eben wollte nun Hsi-jën würfeln, da hörten sie, daß am Tor jemand rief. Als die alten Sklavinnen rasch hinausgingen, um nachzufragen, erwies sich, daß Tante Hsüä eine Botin geschickt hatte, um Dai-yü abzuholen.
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„Wie spät ist es denn?“ fragten nun alle, und jemand gab Auskunft: „Die zweite Nachtwache ist vorüber, die Uhr hat elf geschlagen.“ Bau-yü wollte es nicht glauben und ließ sich seine Taschenuhr reichen, aber als er darauf schaute, wiesen die Zeiger schon auf zehn Minuten nach elf.
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„Ich kann auch nicht mehr“, erklärte Dai-yü und stand auf. „Wenn ich zu Hause bin, muß ich noch meine Medizin einnehmen.“
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Während die meisten anderen nun ebenfalls sagten, es sei Zeit auseinanderzugehen, verlangten Hsi-jën und Bau-yü, sie sollten noch bleiben. Aber Li Wan und Bau-tschai erklärten: „Es ist schon gar zu spät, schon jetzt haben wir die üblichen Regeln durchbrochen.“
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„Dann muß jede noch einen Becher zum Abschied trinken!“ forderte Hsi-jën. Und schon goß Tjing-wën noch einmal ein. Alle tranken, dann befahlen sie, die Laternen anzuzünden, und Hsi-jën begleitete die Gäste bis über das Wasser am Duftgetränkten Pavillon.
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Als sie zurückkam, ließ sie das Hoftor wieder verschließen, dann nahmen sie noch einmal das Trinkspiel auf. Zugleich füllte Hsi-jën einige große Becher mit Wein und stellte ein paar Teller mit Naschwerk zusammen, damit auch die alten Sklavenfrauen ihren Anteil bekamen.
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Schon zu drei Zehnteln betrunken, machten sie sich sodann ans Faustraten<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 400.</ref> und ließen jeden Verlierer ein Liedchen singen. Da die alten Frauen aber nicht nur tranken, was man ihnen gegeben hatte, sondern sich auch heimlich selbst versorgten, war der große tönerne Weinbehälter in der vierten Nachtwache leer. Alle waren zwar darüber verwundert, aber sie räumten auf, wuschen sich die Hände, spülten sich den Mund und gingen schlafen.
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Fang-guan hatte so viel getrunken, daß ihre Wangen glühten wie rot geschminkt, auch der Ausdruck ihrer Augen hatte an Liebreiz beträchtlich gewonnen. Unfähig, sich noch länger aufrecht zu halten, lehnte sie sich im Einschlafen an Hsi-jën und klagte nur noch: „Schwester, mein Herz klopft so wild!“
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„Warum mußtest du auch so viel trinken, bis nichts mehr hineinging!“ sagte Hsi-jën und lächelte.
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Auch für Tschun-yän und Sï-örl war es zuviel gewesen war, so daß sie an Ort und Stelle vom Schlaf übermannt worden waren. Tjing-wën versuchte, sie wachzurufen, aber Bau-yü redete ihr zu: „Laß sie doch! Wir schlafen ein bißchen, so gut es eben geht!“ Damit legte er seinen Kopf auf das Kissen mit den Blütenblättern und streckte sich aus, und schon war auch er eingeschlafen.
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Hsi-jën hatte Angst, Fang-guan werde sich übergeben müssen, wenn man sie weckte, darum stand sie vorsichtig auf, bettete Fang-guan neben Bau-yü und ließ sie schlafen. Sie selbst ließ sich gegenüber auf die Ruhebank sinken. Dann schliefen alle in süßer Betäubung, ohne zu merken, was weiter geschah.
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Als Hsi-jën am nächsten Morgen die Augen aufschlug, sah sie, daß es schon heller Tag war. „Ist das aber spät!“ rief sie aus. Als sie nach dem Ofenbett blickte, lag Fang-guan mit dem Kopf dicht am Bettrand und schlief offenbar noch. Rasch stand Hsi-jën auf und rief sie an.
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Bau-yü, der ebenfalls wach wurde, drehte sich auf die andere Seite und fragte lächelnd: „So spät ist es schon?“ Dann stieß er Fang-guan an, damit sie aufstand.
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Fang-guan setzte sich im Bett auf und rieb sich verwundert die Augen. „Schämst du dich nicht?“ fragte Hsi-jën lächelnd. „So betrunken warst du, daß du dich einfach schlafen gelegt hast, ohne zu wissen, wo du bist.“
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Jetzt erst sah Fang-guan sich um und entdeckte, daß sie mit Bau-yü auf demselben Bett geschlafen hatte. Lachend sprang sie auf den Boden und fragte: „Warum habe ich davon nichts gewußt?“
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„Ich habe es auch nicht gewußt, sonst hätte ich dir das Gesicht mit schwarzer Tusche bemalt“, sagte Bau-yü lächelnd.
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Bei diesen Worten kamen die anderen Sklavenmädchen herein, um Bau-yü beim Waschen und Frisieren aufzuwarten. „Gestern bin ich euch zur Last gefallen, heute lade ich euch meinerseits ein“, sagte Bau-yü fröhlich.
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„Laß gut sein!“ wehrte Hsi-jën lächelnd ab, „wir können uns heute nicht noch einmal so aufführen, sonst gibt es Gerede.“
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„Wovor hast du Angst?“ fragte Bau-yü. „Was sind schon zwei Mal? Aber wir müssen ganz schön trinken können, daß wir diesen Behälter leer gemacht haben. Schade nur, daß der Wein alle war, als es eben am schönsten war!“
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„So war es genau richtig“, widersprach Hsi-jën lächelnd. „Wäre uns nicht auf dem Höhepunkt der Wein ausgegangen, wäre der Nachgeschmack heute ein anderer. Aber gestern waren alle so schön in Stimmung, selbst Tjing-wën hatte ihre Scheu überwunden. Ich kann mich erinnern, daß sie gesungen hat.“
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„Und daß du selbst gesungen hast, hast du wohl vergessen, Schwester?“ fragte Sï-örl lächelnd. „Jeder am Tisch hat gesungen.“
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Errötend schlugen alle die Hände vors Gesicht und lachten ohne Ende, bis plötzlich Ping-örl in den Raum trat und gutgelaunt sagte: „Ich bin extra gekommen, um allen, die gestern dabei waren, für heute eine Gegeneinladung auszusprechen. Es darf keiner fehlen.“
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Rasch bot man ihr einen Platz an und goß ihr Tee ein.
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„Schade, daß sie gestern nacht nicht mit von der Partie gewesen ist“, bedauerte Tjing-wën.
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„Was habt ihr denn getrieben?“ erkundigte Ping-örl sich sofort.
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„Das können wir dir nicht erzählen“, nahm Hsi-jën das Wort, „aber es ist hoch hergegangen. Selbst die Feste, die die alte gnädige Frau und die gnädige Frau für uns alle gegeben haben, waren nichts gegen gestern nacht. Den ganzen Weinbehälter haben wir leer gemacht. Alle haben wir so getrunken, daß wir keine Hemmungen mehr hatten, und ehe man sich‘s versah, haben wir alle gesungen. Erst in der vierten Nachtwache haben wir uns endlich hingelegt, wie es gerade kam, und ein bißchen geschlafen.“
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Lächelnd beschwerte sich Ping-örl: „Erst laßt ihr euch einfach den Wein von mir geben und ladet mich nicht einmal ein, und dann erzählt ihr mir noch, wie schön es war, um mich zu ärgern!“
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„Heute gibt er uns ein Fest, bestimmt wirst du auch eingeladen. Wart es nur ab!“ tröstete Tjing-wën.
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„Wer ist ‚er‘? Zu wem sagst du ‚er‘?“ fragte Ping-örl lächelnd.
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Ebenfalls lächelnd, gab Tjing-wën ihr einen Klaps und sagte: „Mußt du so scharfe Ohren haben und alles so genau verstehen?“
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„Ich habe noch etwas zu tun und muß jetzt gehen, deshalb kann ich mich vorerst nicht weiter mit dir befassen“, sagte Ping-örl. „Nachher schicke ich jemand, um euch zu holen. Und wenn auch nur eine fehlt, komme ich selbst und schlage euch die Tür ein.“
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Bau-yü machte noch Anstalten, Ping-örl zurückzuhalten, aber schon war sie gegangen. Also frisierte und wusch er sich und trank dann Tee. Dabei fiel sein Blick auf ein Blatt Papier, das unter seinem Tuschereibstein klemmte. „Es ist nicht schön von euch, alle möglichen Zettel hier abzulegen“, tadelte er.
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„Was ist?“ fragten Hsi-jën und Tjing-wën sogleich. „Hat wieder einmal jemand etwas falsch gemacht?“
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„Was klemmt da unter dem Tuschereibstein?“ fragte Bau-yü. „Bestimmt hat wieder eine von euch vergessen, ihr Stickmuster wegzulegen.“
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Als Tjing-wën den Tuschereibstein eilig hochnahm und das Papier aufhob, erwies es sich als ein beschriebener Bogen. Sie reichte ihn Bau-yü, und er las: „Miau-yü, der Mensch außerhalb der Schwelle, verneigt sich ergeben, um aus der Ferne einen Geburtstagsgruß zu entbieten.“
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Kaum hatte Bau-yü zu Ende gelesen, sprang er hastig auf und fragte: „Wer hat das entgegengenommen, ohne mir einen Ton zu sagen?“
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Hsi-jën und Tjing-wën, die aus seinem Benehmen schlossen, daß es der Brief einer gewichtigen Persönlichkeit sein müsse, fragten ihrerseits: „Wer hat gestern einen Brief angenommen?“
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Sofort kam Sï-örl hereingestürzt und berichtete lächelnd: „Miau-yü hat den Brief nicht selber gebracht, sondern ein Muttchen damit hergeschickt. Ich habe ihn dort hingelegt und ihn dann über dem Weintrinken vergessen.“
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„Und wir dachten wunder von wem der Brief sei, daß du dich so darüber aufregst“, sagten die anderen. „Das ist er doch nicht wert.“
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Nichtsdestotrotz befahl Bau-yü: „Holt mir schnell Papier!“
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Als das Papier gebracht war, rieb er Tusche an, wußte aber nicht, womit er den Ausdruck „Mensch außerhalb der Schwelle“ in seinem Antwortschreiben passend erwidern sollte. Den Schreibpinsel in der Hand, brütete er lange vor sich hin, ohne daß ihm etwas eingefallen wäre. Dann sagte er sich: „Wenn ich Bau-tschai frage, wird sie mir vorhalten, ich sei wunderlich, darum ist es besser, ich frage Dai-yü!“
 +
Mit diesem Gedanken schob er den Brief in den Ärmel und machte sich auf den Weg zu Dai-yü. Eben war er am Duftgetränkten Pavillon vorüber, da kam ihm schwankenden Schrittes<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 157.</ref> Hsiu-yän entgegen. „Wohin gehst du?“ erkundigte er sich.
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„Ich bin auf dem Weg zu Miau-yü, um mich mit ihr zu unterhalten“, erwiderte Hsiu-yän.
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Verwundert sagte Bau-yü: „Miau-yü ist eine Eigenbrötlerin, die sich nicht dem Zeitgeschmack fügt. Von zehntausend Menschen findet kein einziger Gnade in ihren Augen. Wenn du ihre Wertschätzung genießt, mußt du etwas anderes sein als wir profanen Leute.“
 +
„Sie braucht mich nicht unbedingt wirklich zu schätzen“, sagte Hsiu-yän lächelnd. „Wir waren einfach zehn Jahre lang unmittelbare Nachbarn, als sie im Kloster des sich Kräuselnden Weihrauchs ihre Meditationsübungen trieb. Unsere Familie war nämlich arm und wohnte zehn Jahre lang in einem Haus zur Miete, das dem Kloster gehörte. Wenn ich nichts zu tun hatte, ging ich zu Miau-yü ins Kloster und leistete ihr Gesellschaft. Die Schriftzeichen, die ich beherrsche, hat sie mir beigebracht.
 +
Wir sind also nicht nur Freunde aus schlechten Zeiten, sie ist auch halb und halb meine Lehrerin. Als wir bei unsern Verwandten Zuflucht suchten, erfuhr ich, sie habe sich hierher gewandt, weil sie sich nicht dem Zeitgeschmack beugen wollte, was ihr von mächtigen Leuten verübelt wurde. Jetzt hat uns das Schicksal wieder zusammengeführt, und unsere Gefühle füreinander sind unverändert. Im Gegenteil, sie ist noch freundlicher zu mir als damals.“
 +
Bau-yü war es bei diesen Worten, als ob ein Blitz aus heiterem Himmel ihn getroffen hätte, und er sagte: „Kein Wunder, daß du in deinem Betragen und deiner Ausdrucksweise so frei bist wie ein wilder Kranich oder eine ziehende Wolke. Das also ist der Grund! Aber ich war gerade unterwegs, um jemand in einer Sache um Rat zu fragen, die Miau-yü betrifft. Daß ich jetzt dich getroffen habe, muß wirklich eine Fügung des Himmels sein, und so will ich mich an dich wenden.“ Mit diesen Worten gab er Hsiu-yän den Glückwunschbrief zu lesen.
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„Sie kann aus ihrer Haut einfach nicht heraus!“ kommentierte Hsiu-yän mit einem Lächeln. „Diese Unbekümmertheit und Extravaganz sind ihr angeboren. Wo hätte man je gesehen, daß sich jemand in einem Glückwunsch mit seinem Pseudonym bezeichnet. So etwas nennt der Volksmund ‚Nicht Mönch und nicht Laie, weder Mann noch Frau.‘ Was soll das darstellen?“
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„Du siehst das nicht richtig“, sagte Bau-yü rasch, „sie steht außerhalb solcher Kategorien. Sie ist ein Mensch, der für gewöhnliche Menschen unbegreiflich ist. Diesen Brief hat sie mir nur geschrieben, weil sie meint, daß ich nicht völlig unwissend sei. Ich weiß jedoch nicht, wie ich den Ausdruck erwidern soll, den sie gebraucht hat. Eben wollte ich Kusine Dai-yü danach fragen, da bin ich dir begegnet.“
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Als Hsiu-yän dies gehört hatte, musterte sie Bau-yü aufmerksam von Kopf bis Fuß, dann sagte sie lächelnd: „Kein Wunder, wenn das Sprichwort sagt ‚Jemand von Angesicht zu kennen ist wichtiger, als um seinen Ruf zu wissen.‘ Kein Wunder auch, daß Miau-yü dir diesen Brief geschickt hat. Und kein Wunder schließlich, daß sie dir im vergangenen Jahr die blühenden Aprikosenzweige schenkte. Wenn sie schon so zu dir ist, muß ich dir erst recht erklären, was sie hier meint.
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Sie sagt oft, es gebe bei den Dichtern der Han- und der Djin-Zeit, der Zeit der Fünf Dynastien sowie der Tang- und der Sung-Zeit keine guten Verse mit Ausnahme von nur zwei Zeilen, nämlich:
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‚Und hättest du eiserne Schwellen,<ref>Zwei Zeilen aus einem Gedicht von Fan Tschëng-da, über diesen vgl. o., Anm. zu S. 289.</ref>
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ein Erdhügel ist schließlich dein Los.‘
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Deshalb nennt sie sich den ‚Menschen außerhalb der Schwelle‘. Unter den Prosaschriftstellern schätzt sie Dschuang-dsï<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 365 (‚Buch vom Südlichen Blütenland‘).</ref> und nennt sich deshalb manchmal auch den ‚Sonderling‘. Hätte sie sich in ihrem Brief als ‚der Sonderling‘ bezeichnet, dann hättest du ihr als ‚der Weltling‘ antworten können. Denn mit ‚Sonderling‘ will sie sagen, daß sie einsam außerhalb der Menge steht, da würde sie sich freuen, wenn du bescheiden von dir sagst, daß du im Getümmel der Welt stehst.
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Wenn sie sich jetzt den ‚Menschen außerhalb der Schwelle‘ genannt hat, will sie damit zum Ausdruck bringen, daß sie sich außerhalb dieser ‚eisernen Schwellen‘ bewegt, also nenn du dich nur den ‚Menschen innerhalb der Schwelle‘, dann triffst du ihren Sinn.“
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„Ach so!“ rief Bau-yü aus, dem es wie Schuppen von den Augen gefallen war. Dann fuhr er lächelnd fort: „Kein Wunder, daß unser Familientempel ‚Kloster Eiserne Schwelle‘ heißt. Das also ist die Erklärung dafür. Jetzt aber will ich gehen und meine Antwort schreiben!“
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Also ging Hsiu-yän weiter zum Kloster Gefangenes Grün, während Bau-yü in seine Räume zurückkehrte und dort auf einen Briefbogen die Zeichen schrieb: ‚Bau-yü, der Mensch innerhalb der Schwelle, verneigt sich ergebenst zum Dank.‘ Diesen Brief trug er eigenhändig zum Kloster Gefangenes Grün und schob ihn dort bescheiden durch den Spalt zwischen den Torflügeln.
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Als er von dort zurückkam, hatte sich Fang-guan eben frisiert und trug das Haar zu einem Knoten aufgesteckt, den sie mit Blumen und Federschmuck verziert hatte. Sofort befahl Bau-yü ihr, die Frisur zu ändern, und ließ ihr die kürzeren Haare rund um den Kopf abrasieren, so daß die bläulich schimmernde Kopfhaut zu sehen war. Das restliche Haar wurde durch einen deutlichen Mittelscheitel geteilt. „Im Winter“, kündigte er ihr an, „bekommst du eine große Zobelfellmütze, einen ‚Schlafenden Hasen‘, auf den Kopf und an die Füße Kampfstiefelchen mit Tigerkopfkappen und bunten Wolkenmustern. Oder aber du läßt die Hosenbeine lose und trägst weiße Strümpfe und dazu bortierte Schuhe mit dicken Sohlen.“
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Dann sagte er: „Der Name Fang-guan gefällt mir nicht, du mußt einen männlichen Namen bekommen, das ist originell!“ Und er änderte ihren Namen in Hsiung-nu – „tapferer Sklave“.
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Fang-guan war damit sehr zufrieden. „Dann mußt du mich aber auch mitnehmen, wenn du ausreitest“, verlangte sie. „Und wenn jemand fragt, wer ich bin, sagst du, ich sei einer deiner Knaben, wie Ming-yän.“
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„Aber man sieht dir doch an, was du bist“, wandte Bau-yü lächelnd ein.
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„Also du bist aber auch wirklich einfallslos“, sagte Fang-guan und lächelte ebenfalls. „Es leben doch genug Angehörige von Reiterstämmen mit ihren Familien hier bei uns. Du sagst einfach, ich sei einer von ihnen. Zumal alle sagen, ich sähe hübsch aus, wenn ich mir Zöpfe flechte. Ist das nicht eine gute Idee?“
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„Das ist sogar ausgezeichnet!“ lobte Bau-yü hocherfreut. „Ich habe auch schon oft gesehen, daß Beamte ausländische Kriegsgefangene in ihrem Gefolge haben. Sie sind geschätzt, weil sie Wind und Frost nicht fürchten und gute Reiter sind. Aber dann mußt du auch einen enstprechenden Namen haben. Ich werde dich Yä-lü Hsiung-nu<ref>Yä-lü war der Familienname der Khitan-Herrscher, die als Liau-Dynastie über China regierten. Auch unter der Yüan-Dynastie dienten noch zahlreiche Khitan dieses Namens den Mongolenherrschern als Beamte.</ref> nennen. Hsiung-nu klingt überhaupt genauso wie der Stammesname der Hsiung-nu, der Hunnen. Auch die Tjüan-jung-Barbaren trugen solche Namen.
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Diese beiden Stämme waren schon zu Zeiten von Yau und Schun<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 38.</ref> eine Bedrohung für China, besonders unter der Djin- und der Tang-Dynastie hat unser Land schwer unter ihnen gelitten. Wir dagegen sind so glücklich, in der Zeit des heute regierenden Kaisers zu leben, der ein direkter Nachfahre des Großen Schun ist. Seine Tüchtigkeit, Tugend, Menschlichkeit und Sohnesliebe erstrahlen bis zum Himmel, und seine Herrschaft ist unvergänglich wie Himmel und Erde, Sonne und Mond.
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Deshalb braucht man heute nicht mit Schild und Lanze gegen die Bösewichter zu ziehen, die sich unter so vielen Dynastien aufrührerisch und zügellos gebärdet haben, sie kommen vielmehr auf Geheiß des Himmels mit erhobenen Händen und gesenktem Kopf aus der Ferne herbei, um sich zu unterwerfen. Es ist nur zu richtig, sie zu demütigen, um den Ruhm unseres Herrschers zu mehren.“
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„Da solltest du dich im Bogenschießen und Reiten üben und ein wenig die Kriegskunst studieren, um dann mutig auszuziehen und ein paar Aufrührer zu fangen“, hielt ihm Fang-guan lächelnd entgegen. „Könntest du damit nicht deine Untertanentreue und deine Einsatzbereitschaft unter Beweis stellen? Warum mußt du dich statt dessen unserer bedienen und dabei großartig den Mund aufreißen, obwohl es nur Spiel und Belustigung für dich ist, wenn du auch sagst, du wolltest damit die Verdienste und die Tugenden des Herrschers preisen?“
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„Du verstehst das eben nicht“, belehrte Bau-yü sie lächelnd. „Heute sind die Anwohner der Vier Meere gehorsam, und in allen acht Richtungen herrscht Frieden, für Jahrhunderte und Jahrtausende können die Waffen schweigen. Deshalb müssen wir den Herrscher preisen, auch wenn es nur bei Scherz und Spiel ist, um so zu zeigen, daß wir es zu würdigen wissen, wenn wir den Frieden billig genießen dürfen.“
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Fang-guan fand es vernünftig, was er gesagt hatte, und da sie es beide für richtig und angemessen hielten, nannte Bau-yü sie nun Yä-lü Hsiung-nu. Dabei gab es in den beiden Anwesen der Djias wirklich Leute, die seinerzeit von Bau-yüs Vorfahren in Gefangenschaft genommen und ihnen deshalb als Sklaven geschenkt worden waren. Aber sie wurden nur als Pferdeknechte gebraucht, weiter waren sie zu nichts nütze.
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Als Hsiang-yün, die selbst eine starke Vorliebe für törichte Spiele hatte und sich gern militärisch herausstaffierte, indem sie einen Phönixgürtel anlegte und umgeschlagene Manschetten trug, jetzt sah, wie Fang-guan von Bau-yü als Junge gekleidet wurde, zog sie ihre Kuee-guan ebenfalls wie einen Sklavenjungen an. Da Kuee-guan ihr Haar ohnehin kurz getragen hatte, weil sie so während ihrer Schauspielerzeit leichter Maske machen konnte, und überdies sehr behende war, fiel die Verwandlung nicht schwer.
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Selbst Li Wan und Tan-tschun fanden Gefallen an der Sache und veranlaßten Bau-tjin, daß sie aus ihrer Dou-guan ebenfalls einen Knaben machte. Mit zwei Haarknoten auf dem Kopf, in einer kurzen Jacke und mit roten Schuhen fehlte ihr nur die Schminke im Gesicht, um wie ein Dienerknabe auf der Bühne auszusehen, der seinem Herrn die Zither nachträgt.
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Kuee-guans Namen änderte Hsiang-yün in Da-ying – „großer Held“ –, und da ihr Familienname Wee lautete, gab sie sich mit keiner anderen Anrede als Wee Da-ying – „Nur ein großer Held“ – für sie zufrieden, wobei sie an die Zeile dachte:
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„Nur ein großer Held vermag der eignen Farbe treu zu bleiben.“
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Muß man denn zu Schminke und Puder greifen, um als Mann zu gelten? wollte sie damit sagen.
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Dou-guan trug ihren Namen, weil sie nach Wuchs und Jahren noch sehr klein und dabei quicklebendig war. Im Garten wurde sie A-dou oder Miau-dou-dsï – „die niedliche Erbse“ – gerufen. Da Bau-tjin fand, solche Namen wie Tjin-tung – „Zitherknabe“ – und Schu-tung – „Bücherknabe“ – seien zu geläufig, Dou – „Erbse“ – dagegen sei etwas Originelles, änderte sie den Namen in Dou-tung – „Erbsenknabe“.
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Nach dem Essen gab Ping-örl ihr Dankgelage, und da es ihr im Garten der Roten Düfte zu heiß war, hatte sie in der Halle im Ulmenschatten die Tische decken lassen. Zur allgemeinen Freude brachte Frau You die beiden Nebenfrauen Pee-fëng und Hsiä-yüan mit, um sie am Vergnügen teilhaben zu lassen. Beide waren sie jung und lieblich-unbekümmert und kamen nur selten ins Jung-guo-Anwesen herüber.
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Als sie heute in den Garten kamen und hier mit Hsiang-yün, Hsiang-ling, Fang-guan, Juee-guan und all den anderen zusammentrafen, konnte man wirklich sagen „Gleich und gleich gesellt sich gern.“ Da war des Lachens und Schwatzens kein Ende, und anstatt sich um Frau You zu kümmern, überließen sie dies den Sklavenmädchen, während sie selbst sich mit den anderen die Zeit vertrieben.
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Als sie dabei auch in den Hof der Freude am Roten kamen, hörten sie, wie Bau-yü nach Yä-lü Hsiung-nu rief. Darüber brachen Pee-fëng, Hsiä-yüan und Hsiang-ling in Lachen aus, fragten, was das für eine Sprache sei, und versuchten anschließend, den Namen nachzusprechen. Aber mal verhedderten sie sich dabei, mal vergaßen sie eine Silbe davon, und das trieben sie so lange, bis sie schließlich Yä-lü-dsï – „Wildesel“ – daraus gemacht hatten, worüber sich jedermann, der es hörte, vor Lachen ausschütten wollte.
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Als Bau-yü sah, wie alle ihren Scherz damit trieben, befürchtete er, Fang-guan würde sich dadurch erniedrigt fühlen, deshalb sagte er rasch: „Wie ich gehört habe, gibt es westlich des Ozeans,  in Frankreich,  ein Glas mit gol-
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goldenen Sternchen darin.  Dieses Goldsternglas  wird in der einheimischen Barbarensprache Venturina<ref>Aventurin(glas) ist bereits oben (im 52. Kap.) als Material für eine europäische Schnupftabaksdose erwähnt. Dort ist im Original der chinesische Name ‚Goldsternglas‘ gebraucht. Aventurin hieß in den europäischen Sprachen auch Venturin, bemerkenswert ist bei Tsau Hsüä-tjin die Endung -a für einen weiblichen Vornamen.</ref> genannt. Was meinst du, wollen wir daraus einen Vergleich ableiten und dich in Venturina umbenennen?“
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„Einverstanden!“ sagte Fang-guan, der dies noch besser gefiel, und damit war ihr Name erneut geändert. Die anderen aber, denen das Wort zu zungenbrecherisch war, übersetzten es sich ins Chinesische und nannten sie Bo-li – „Glas“.
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Doch genug jetzt der müßigen Worte, besser sollte davon erzählt werden, wie man sich in der Halle im Ulmenschatten bei dem, was sich ein Weingelage nennt, vergnügte. Eine Geschichtenerzählerin mußte die Trommel schlagen, und die zwanzig Tischgäste ließen dabei eine Päonienblüte von Hand zu Hand gehen, die Ping-örl gepflückt hatte. Das war ihr Trinkspiel.
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Als sie sich damit einige Zeit unterhalten hatten, wurde gemeldet: „Es sind zwei Frauen aus dem Hause der Dschëns mit Geschenken da.“
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Während Tan-tschun mit Li Wan und Frau You in die „Palaverhalle“ ging, um die Botinnen zu empfangen, verließ der Rest der Gesellschaft die Tafel, um sich ein wenig die Beine zu vertreten. Pee-fëng und Hsiä-yüan wollten auf der Schaukel schwingen, und Bau-yü erbot sich: „Stellt euch beide darauf, ich schiebe euch an!“
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„Nicht doch!“ lehnte Pee-fëng erschrocken ab, „willst du uns Ärger bereiten? Sag lieber deinem Wildesel, sie soll uns anschieben!“
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„Laß doch bitte diesen Scherz, liebe Schwester!“ bat Bau-yü sofort. „Wenn die andern das hören, werden sie es euch nachmachen und ihren Schimpf mit ihr treiben.“
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Hsiä-yüan aber warnte: „Wie willst du schaukeln, wenn du so lachst? Wenn du herunterfällst, zerbrichst du, und das Eigelb läuft aus!“
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Nun ging Pee-fëng auf sie los, um sie zu schlagen, und der Spaß und das Lachen wollten nicht enden. Plötzlich aber stürzten Hals über Kopf ein paar Leute aus dem Ning-guo-Anwesen herbei und meldeten: „Der alte gnädige Herr ist in den Himmel eingegangen.“
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Alle fuhren erschrocken zusammen und fragten bestürzt: „Wie kann er plötzlich tot sein, wo er doch eben noch gesund war?“
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„Der alte gnädige Herr hat Tag für Tag Elixiere gebraut, seine Bemühungen werden sicher Erfolg gehabt haben, so daß er ist unter die Unsterblichen entrückt ist“, antworteten die Leute vom Gesinde.
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Als Frau You die Nachricht erfuhr, geriet sie unwillkürlich in Verwirrung, waren doch weder Djia Dschën und ihr Sohn noch Djia Liän zu Hause, so daß vorübergehend kein einziger Mann da war, auf den sie sich hätte stützen können. Deshalb konnte sie nichts anderes tun, als rasch ihren Schmuck abzulegen und sofort jemanden ins Kloster der Dunklen Wahrheit zu schicken, um dort alle Mönche einzusperren, bis ihr Mann wieder da war, um sie zu verhören. Dann bestieg sie eilig einen Wagen und begab sich mit Lai Schëngs Frau und anderen alten Verwalterinnen vor die Stadt.
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Zugleich ließ sie Ärzte kommen, um feststellen zu lassen, woran Djia Djing gestorben war. Aber wie sollten sie eine Pulsdiagnose stellen, wenn der Patient schon tot war?! Sie wußten jedoch, daß die Atemübungen, die er getrieben hatte, Unfug waren, und daß er in seinem Irrglauben so weit gegangen war, die Sterne anzubeten, Nachtwachen zu halten und Zinnoberpräparate einzunehmen, was seinen Körper und seinen Geist überanstrengen und endlich zum Tode führen mußte. Obwohl er tot war, fühlte sich seine Bauchdecke hart wie Eisen an, sein Gesicht aber, und besonders die Lippen, waren von rotvioletter Färbung, gekräuselt und gesprungen. Also verkündeten sie den Verwalterfrauen: „Er ist gestorben, weil er sich mit seinen dauistischen Wunderdrogen die Eingeweide verbrannt hat.“
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Hastig berichteten auch die Dauisten: „Der gnädige Herr hat sich mit einem Elixier umgebracht, das er nach einem Geheimrezept neu zusammengestellt hatte. Wir warnten ihn davor, es einzunehmen, solange er nicht durch Taten und Tugend zur Genüge darauf vorbereitet sei, wider Erwarten hat er jedoch heute nacht heimlich davon genommen, während er seine Nachtwache hielt, und ist unter die Unsterblichen aufgestiegen. Wahrscheinlich hat er auf Grund seiner aufrichtigen Ergebenheit den rechten Weg erlangt und ist so dem Meer des Kummers entronnen, hat seine irdische Hülle abgestreift und kann jetzt selbst über sich gebieten.“
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Frau You ging nicht darauf ein und befahl, man solle die Mönche so lange hinter Schloß und Riegel halten, bis Djia Dschën sie wieder freilassen würde. Dann schickte sie Eilboten mit der Nachricht auf den Weg.
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Da es im Kloster der Dunklen Wahrheit zu eng war, um den Toten aufzubahren, und der Leichnam genausowenig in die Stadt gebracht werden konnte, ließ sie ihn eiligst einkleiden und dann in einer Sänfte in das Kloster Eiserne Schwelle tragen, um ihn dort aufzubahren. An den Fingern zählte sie ab, daß es bis zur Rückkehr von Djia Dschën mindestens einen halben Monat
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dauern würde, und da das Wetter schon sengend heiß war, so daß man unmöglich so lange warten konnte, traf sie von sich aus die Entscheidung, durch einen Astrologen einen Tag auswählen zu lassen, um den Toten einzusargen.
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Der Sarg war schon seit Jahren vorbereitet gewesen und hatte im Kloster Eiserne Schwelle bereitgestanden, was sich als sehr praktisch erwies. Drei Tage später sollte die Trauerzeit beginnen. Gleichzeitig ließ sie, während noch auf Djia Dschën gewartet wurde, durch buddhistische und dauistische Mönche die Totenmessen lesen.
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Im Jung-guo-Anwesen konnte Hsi-fëng ihre Räume nicht verlassen, Li Wan mußte sich um die Mädchen kümmern, und Bau-yü hatte von praktischen Dingen keine Ahnung. So mußten alle Angelegenheiten der äußeren Haushaltsführung vorübergehend zweitrangigen Verwaltern übertragen werden. Auch Djia Biän, Djia Guang, Djia Hung, Djia Ying, Djia Tschang und Djia Ling bekamen jeder seine Aufgaben. Da Frau You nicht nach Hause zurückkehren konnte, ließ sie ihre Stiefmutter holen und bat sie, einstweilen im Ning-guo-Anwesen dem Haushalt vorzustehen. Die Stiefmutter aber gab sich erst zufrieden, als sie auch ihre beiden unverheirateten Töchter mitbringen durfte.
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Als Djia Dschën die Trauerbotschaft empfangen hatte, bat er sofort um Urlaub, denn er sowohl wie Djia Jung hatten jeder sein Amt. Nun wußten die Beamten des Zeremonialministeriums zwar, welch große Bedeutung der regierende Kaiser den Prinzipien der Kindes- und der Bruderliebe beimaß, aber sie wagten nicht, eine eigenmächtige Entscheidung zu treffen, und baten deshalb in einem Thronbericht um Befehle.
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Der Himmelssohn in seiner unübertroffenen Menschlichkeit und Sohnesliebe, der die Nachkommen verdienter Beamter stets mit größter Wertschätzung bedachte, erkundigte sich nach der Lektüre des Thronberichts sogleich, welchen Posten Djia Djing bekleidet habe. Das Zeremonialministerium antwortete, Djia Djing habe die Staatsprüfungen als Djin-schï bestanden, der Titel seiner Vorfahren aber sei bereits seinem Sohn Djia Dschën übertragen worden. Auf Grund seines fortgeschrittenen Alters und seiner zahlreichen Gebrechen habe sich Djia Djing außerhalb der Hauptstadt im Kloster der Dunklen Wahrheit der Ruhe hingegeben, wo er jetzt einer Krankheit erlegen sei. Sein Sohn Dschën und sein Enkel Jung befänden sich im Trauerzug anläßlich des Staatsbegräbnisses und bäten jetzt um Urlaub, um an Djia Djings Sarg eilen zu können.
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Gleich nachdem er dies erfahren hatte, ließ der Himmelssohn ein außerordentliches Gnadendekret ergehen, in dem es hieß: „Obschon Djia Djing kein Amt bekleidete und somit vor dem Staat keinerlei Verdienste hat, wird er in Ansehung der Meriten seines Großvaters postum mit der fünften Rangklasse ausgezeichnet. Sein Sohn und sein Enkel sollen seinen Sarg durch das untere Nordtor in die Hauptstadt geleiten, um den Toten in ihrem Privatanwesen aufzubahren. Nach Abschluß des Trauerzeremoniells sollen sie den Sarg in den Heimatort der Familie überführen. Das Amt für Opfergaben, Speisen und Bankette soll das Opfer für höhere Staatsbeamte gewähren. Jedem am Hof, vom Prinzen und Herzog an abwärts, ist es gestattet zu kondolieren. Dies ist Unser kaiserlicher Wille.“
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Dieses Dekret rief nicht nur bei den Djias größte Dankbarkeit hervor, auch die Hofbeamten zollten dem Herrscher nicht enden wollendes höchstes Lob.
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Djia Dschën und sein Sohn kehrten dann in größter Eile in die Hauptstadt zurück. Dabei trafen sie auf halbem Wege mit Djia Biän und Djia Guang zusammen, die ihnen in Begleitung einiger Knechte pfeilschnell entgegengeritten kamen. Als sie Djia Dschëns ansichtig wurden, ließen sie sich vom Pferd gleiten und entboten ihren Gruß. Sofort fragte Djia Dschën, was sie hier machten.
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„Die Schwägerin hatte Angst, die alte gnädige Frau würde ohne Begleitung sein, wenn Ihr zurückkommt, darum hat sie uns beide geschickt, um der alten gnädigen Frau das Geleit zu geben“, berichtete Djia Biän.
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Djia Dschën lobte diese Entscheidung, dann fragte er, welche Schritte zu Hause unternommen worden seien. Also schilderte Djia Biän, wie Frau You die dauistischen Mönche eingesperrt hatte, wie sie den Leichnam in den Familientempel überführen ließ und wie sie, weil nun niemand mehr im Hause war, ihre Stiefmutter mit deren Töchtern in den Haupträumen einquartierte.
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Als Djia Jung, der ebenfalls aus dem Sattel gestiegen war, hörte, seine beiden Stieftanten seien im Hause, warf er Djia Dschën einen lächelnden Blick zu. Djia Dschën aber sagte nur mehrmals: „Es ist gut so!“ Dann gab er seinem Pferd die Peitsche und ritt weiter.
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Ohne in Gasthäusern einzukehren, zogen sie, ständig die Pferde wechselnd, Tag und Nacht wie im Flug weiter. Nachdem sie endlich vor den Toren der Hauptstadt waren, eilten sie als Erstes zum Kloster Eiserne Schwelle, wo sie nicht früher als in der vierten Nachtwache ankamen. Als die Wächter sie hörten, weckten sie rasch alle anderen. Inzwischen war Djia Dschën vom Pferd gestiegen und hatte mit Djia Jung zusammen laut zu jammern begonnen. Auf den Knien rutschten sie vom Tempeltor bis vor den Sarg, wo sie mit der Stirn den Boden berührten und blutige Tränen weinten. So gebärdeten sie sich, bis es hell wurde und ihre Kehlen heiser waren.
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Nachdem sie von Frau You und den anderen begrüßt worden waren, zogen Vater und Sohn die Trauergewänder an, die das Ritual vorschreibt, und warfen sich noch einmal vor dem Sarg auf die Erde. Da aber noch vieles zu regeln war, konnte Djia Dschën nicht einfach Augen und Ohren dagegen verschließen und mußte notgedrungen seinen Kummer etwas zurückdrängen, um allen seine Anweisungen zu erteilen. Zuerst verkündete er den Verwandten und Freunden den Inhalt des kaiserlichen Dekrets, dann schickte er Djia Jung nach Hause, um ihn dort die Vorbereitungen für die Aufbahrung des Toten treffen zu lassen.
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Danach bedurfte es keines weiteren Wortes, damit Djia Jung sich aufs Pferd schwang und flugs nach Hause ritt. Hier befahl er zunächst, man solle Tische und Stühle aus der vorderen Halle räumen, die Holzblenden entfernen und Trauervorhänge aufhängen, vor dem Tor einen offenen Stand für die Trommler sowie einen Ehrenbogen errichten und so weiter, dann eilte er in die inneren Gemächer, um seine Stiefgroßmutter und die beiden Stieftanten zu begrüßen.
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Nun war die alte Frau You schon ziemlich bei Jahren und schlief deshalb gern und oft. So auch jetzt, als ihre beiden Töchter mit den Sklavenmädchen bei einer Handarbeit saßen.
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Als die beiden Schwestern You ihren Stiefneffen hereinkommen sahen, sprachen sie ihm artig ihr Bedauern über den Kummer aus, den er hatte. Djia Jung aber wandte sich lachend an die zweite Schwester You und sagte: „Da bist du ja, Tante! Mein Vater hat schon Sehnsucht nach dir.“ 
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Errötend schimpfte die zweite Schwester You: „Wenn ich dich Bengel nicht alle paar Tage einmal schelte, scheinst du dich nicht wohl zu fühlen. Der Anstand geht dir immer mehr verloren. Dabei bist du ein junger Herr aus guter Familie, liest Tag für Tag Bücher und studierst das Ritual. Aber ein Lümmel aus einfacher Familie benimmt sich besser als du.“ Mit diesen Worten griff sie nach einem Bügeleisen, hielt Djia Jungs Kopf fest und machte Anstalten, ihn zu schlagen.
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Schützend legte Djia Jung die Arme um den Kopf, ließ sich an die Brust der zweiten Schwester You fallen und bat um Gnade. Nun trat die dritte Schwester You näher, um ihm den Mund zu zerreißen, und sagte dabei: „Warte nur! Wenn deine Mutter wieder zu Hause ist, werden wir ihr alles erzählen!“
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Rasch kniete Djia Jung mit lächelnder Miene auf dem Ofenbett nieder und bat erneut um Vergebung. Als die beiden Schwestern darüber lachten, versuchte Djia Jung, der zweiten Schwester You etwas von den Kardamomsamen wegzunehmen, die sie in der Hand hielt, doch sie spuckte ihm einen Mundvoll ausgekauter Kerne mitten ins Gesicht. Er aber, nicht faul, leckte alles mit der Zunge ab und aß es auf.
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Nun war es selbst den Sklavenmädchen zuviel, und lächelnd hielt eine von ihnen ihm vor:  „Ihr  seid in tiefer Trauer,  dort  schläft  Eure Großmutter, und die beiden sind schließlich und endlich, auch wenn sie jung sind, Eure Tanten. Schämt Ihr Euch denn gar nicht bei dem Gedanken an Eure Mutter? Wenn der gnädige Herr wieder zu Hause ist, werden wir ihm alles erzählen, und dann geht es Euch schlecht!“
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Rasch ließ Djia Jung von den Schwestern You ab, umhalste das Sklavenmädchen, küßte es auf den Mund und sagte: „Du hast ja so recht, mein Herz, meine Leber! Komm, wir wollen den beiden den Mund wäßrig machen!“
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Sofort stieß ihn das Sklavenmädchen zurück und schimpfte wütend: „Kurzlebiger Teufel Ihr! Habt Ihr nicht Eure Frau und Eure eigenen Mägde, daß Ihr mit uns Euren Unfug treiben müßt? Wer Bescheid weiß, wird sagen, es ist nur Spaß, aber unter denen, die nicht Bescheid wissen, gibt es Leute genug, die ein schmutziges Herz und faulige Lungen haben und die ihre Nase in alles hineinstecken müssen, um dann müßig die Zunge zu wetzen. Durch deren Geschwätz ist drüben im andern Anwesen schon jedermann der Meinung, bei uns herrschten lose Sitten.“
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„Soll nur jeder hübsch vor der eigenen Tür kehren, dann hat er genug zu tun!“ erwiderte Djia Jung lächelnd. „Und hat man nicht sogar die Han- und die Tang-Dynastie „die dreckige Tang und die stinkende Han“ genannt? Warum soll man ausgerechnet uns ungehudelt lassen? Welche Familie hat denn nicht ihre Affären? Wollt ihr mich drängen, davon zu erzählen? So streng auch der alte gnädige Herr drüben ist, an seine jungen Nebenfrauen hat sich Onkel Liän trotzdem herangemacht, und so standhaft Onkel Liäns Frau auch ist, wollte Onkel Juee trotzdem mit ihr ins Bett. Mir kann man nichts vormachen.“
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Während er so seinem Mundwerk freien Lauf ließ und allen erdenklichen Unsinn von sich gab, sah er, daß die alte Frau You aus dem Schlaf erwachte. Also entbot er ihr seinen Gruß und fragte nach ihrem Befinden. Dann sagte er: „Es ist lieb von Euch, alte Ahne, daß Ihr Euch diese Mühe macht, und es ist lieb von den beiden Tanten, daß sie diese Last auf sich nehmen! Mein Vater und ich, wir sind Euch zu unendlichem Dank verpflichtet. Wenn die Sache erst vorüber ist, werden wir mit der ganzen Familie zu Euch ins Haus kommen und unsern Stirnaufschlag vor Euch machen.“
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Die alte Frau You nickte und sagte: „Was redest du da, mein Junge? Unter Verwandten muß das schon sein!“ Dann fragte sie: „Wie geht es deinem Vater? Wann habt ihr die Nachricht erhalten, und wann seid ihr zurückgekommen?“
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„Wir sind eben erst angekommen“, behauptete Djia Jung lächelnd. „Vater hat mich als Erstes hergeschickt, um nach Euch zu sehen und Euch zu bitten, unbedingt so lange hierzubleiben, bis alles erledigt ist.“ Dabei warf er der zweiten Schwester You einen heimlichen Blick zu.
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Lächelnd murmelte die zweite Schwester You durch die Zähne: „Du glattzüngiger kleiner Affe! Meinst du, wir bleiben hier, um deinen Vater zu bemuttern?“
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„Keine Bange!“ sagte Djia Jung im Scherz, „mein Vater macht sich Tag für Tag Gedanken um die beiden Tanten, weil er zwei hübsche, junge, reiche und wohlerzogene Männer für sie finden möchte. All die Jahre hat er vergeblich gesucht, und jetzt auf dem Rückweg hat er einen gefunden.“
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„Aus welcher Familie stammt er?“ erkundigte sich die alte Frau You sofort, die ihm ohne weiteres glaubte.
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Die beiden Schwestern aber legten ihre Handarbeiten beiseite, gingen lächelnd auf Djia Jung los, um ihn zu schlagen, und sagten dabei: „Glaubt nicht diesem Lügner, Mutter! Der Donner soll ihn erschlagen!“
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Auch die Sklavenmädchen bekräftigten: „Der Himmel hat Augen! Nehmt Euch vor dem Donner in acht!“
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Im selben Augenblick kamen Leute, um zu melden: „Es ist alles fertig, junger Herr! Kommt heraus und seht es Euch an, damit Ihr dem gnädigen Herrn darüber berichten könnt.“
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Lachend folgte ihnen Djia Jung nach draußen.
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Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.
  
Haremsdame Ming0
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== Anmerkungen ==
Die Schönste der Schönen gab der Han-Kaiser fort,
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<references/>
 
 
Schönheit ist, wie es heißt, stets mit Unglück gepaart.
 
Wenn auch dem Herrscher seine Frauen nichts galten,
 
warum hat ein Maler zu entscheiden das Recht?
 
 
 
Lü-dschu0Eine Perle, behandelt wie wertloser Stein –
 
wußte ein Schï Tschung ihre Schönheit zu schätzen?
 
Und doch war ihm gnäd‘ger das Schicksal gesinnt,
 
ein Freund hat ihn sterbend ins Jenseits begleitet.
 
 
 
Hung-fu0
 
An kühnen Worten wie an männlicher Tat
 
hat die Schöne Li Djings wahren Wert bald erkannt.
 
Yang Su war ein lebender Leichnam dagegen,
 
wie hätt‘ er auf ewig sie festhalten können?“
 
Als Bau-yü gelesen hatte, fand er kein Ende mit seinem Lob und sagte: „Du hast gerade fünf Gedichte geschrieben, warum sollten sie zusammen nicht ‚Verse über fünf Schönheiten‘ heißen?“ Und ohne sich auf Erörterungen einzulassen, griff er zum Schreibpinsel und setzte diesen Titel daneben.
 
„Beim Dichten kommt es, egal worüber man schreibt, immer darauf an, daß man es versteht, sich von überkommenen Aussagen zu lösen“, erläuterte Bau-tschai inzwischen. „Wenn man lediglich in anderer Leute Fußtapfen tritt, kommt stets nur etwas Zweitrangiges heraus, was nicht als gute Dichtung gelten kann, egal wie geschliffen die Verse sind.
 
So hatten zum Beispiel über Wang Tjiang schon viele Dichter in der unterschiedlichsten Weise geschrieben. Die einen beklagten Wang Tjiangs Geschick, die anderen beschimpften Mau Yän-schou, und wieder andere machten dem Han-Kaiser Vorwürfe, weil er nicht tüchtige Minister, sondern schöne Frauen malen ließ. Dann aber hat Wang An-schï0 geschrieben:
 
‚Nie offenbart des Menschen Herz ein Bild,
 
zu Unrecht starb der Maler Mau Yän-schou.‘
 
Und bei Ou-yang Hsiu heißt es:
 
‚Konnt‘ er wohl fern die Barbaren zügeln,
 
wenn das unter seinen Augen geschah?‘0
 
In jedem der beiden Gedichte kommt eine eigene Anschauung der Sache zum Ausdruck, die es von denen der Vorläufer unterscheidet. Auch von den fünf Gedichten, die Kusine Lin verfaßt hat, kann man sagen, daß sie einen eigenen Sinn hineingelegt und den alten Themen ein neues Gesicht abgewonnen hat...“
 
Eben wollte sie noch weiter fortfahren, da wurde gemeldet: „Der junge Herr Liän ist zurück. Gerade hat man von draußen Bescheid gesagt, er sei schon einige Zeit drüben im anderen Anwesen. Also muß er wohl bald kommen.“
 
Sofort erhob sich Bau-yü und ging zum Haupttor, um seinen Vetter dort zu erwarten, aber da war Djia Liän schon vor dem Tor vom Pferd gestiegen und trat eben herein. Also kniete Bau-yü vor ihm nieder und fragte nach dem Befinden der Herzoginmutter und von Dame Wang, ehe er sich auch nach Djia Liäns eigenem Wohlergehen erkundigte. Dann fanden sie, Hand in Hand weitergehend, in der mittleren Halle Li Wan, Hsi-fëng, Bau-tschai, Dai-yü, Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun, die dort bereits auf Djia Liän gewartet hatten.
 
Nachdem sie einander begrüßt hatten, sagte Djia Liän: „Die alte gnädige Frau trifft morgen in aller Frühe hier ein. Sie war während der ganzen Reise wohlauf. Heute hat sie mich vorausgeschickt, damit ich hier nach dem Rechten sehe, und morgen früh in der fünften Nachtwache soll ich sie vor dem Stadttor erwarten.“
 
Anschließend stellten ihm die anderen noch ein paar Fragen über die Reise, aber weil er einen weiten Weg hinter sich hatte, verabschiedeten sie sich bald und ließen ihn in seine Räume gehen, damit er sich ausruhen konnte. Über die Ereignisse der Nacht ist nichts zu berichten.
 
Am nächsten Tag um die Essenszeit trafen die Herzoginmutter und Dame Wang wirklich ein. Nachdem sie von allen begrüßt worden waren, nahmen sie nur kurz Platz, um eine Schale Tee zu trinken, dann ließen sie sich ins Ning-guo-Anwesen führen, wo ihnen ein markerschütterndes Geheul entgegenscholl. Denn kaum hatten Djia Schë und Djia Liän die Herzoginmutter nach Hause gebracht, waren sie hinübergeeilt und traten ihr jetzt an der Spitze der weinenden Sippenangehörigen entgegen.
 
Die Arme gestützt auf Djia Schë und Djia Liän, die rechts und links von ihr gingen, trat die Herzoginmutter vor den Sarg, wo Djia Dschën und Djia Jung sie kniend erwarteten, um sich dann klagend an ihre Brust zu werfen. Als älterer Mensch war die Herzoginmutter bei dieser Szene natürlich zutiefst gerührt, und so schloß sie die beiden in die Arme und weinte ebenfalls bitterlich. Erst als Djia Schë und Djia Liän ihr beharrlich zuredeten, konnte sie sich etwas beruhigen. Dann wandte sie sich Frau You und deren Schwiegertochter zu, die rechts vom Sarg standen, und als sie einander zur Begrüßung bei den Händen hielten, war ein neuer Tränenausbruch nicht zu vermeiden. Nachdem sich die Herzoginmutter wieder gefaßt hatte, traten die übrigen Familienmitglieder heran, um ihr einer nach dem anderen den Gruß zu entbieten.
 
Da die Herzoginmutter eben erst von der Reise zurückgekommen war und sich noch nicht hatte ausruhen können, hätte es ihr schaden müssen, wenn sie hier sitzen bliebe, deshalb redete ihr Djia Dschën immer wieder zu, sich in ihre Räume zu begeben und sich auszuruhen. Als sich auch Dame Wang und die anderen dieser Bitte anschlossen, mußte die Herzoginmutter nachgeben und ging.
 
Tatsächlich zeigte sich dann, daß sie auf Grund ihres Alters den Anstrengungen der Reise und dem Kummer um den Toten nicht gewachsen war, und als es Nacht wurde, hatte sie ein benommenes Gefühl im Kopf und Schmerzen in der Brust, ihre Nase war verstopft, und ihre Stimme klang belegt. Sofort wurde ein Arzt geholt, um ihr die Pulse zu fühlen und Medizin zu verschreiben, und bis spät in die Nacht waren alle in heller Aufregung. Glücklicherweise löste sich die innere Hitze rasch wieder auf, ohne auf die Lebensbahnen überzugreifen. In der dritten Nachtwache hatte die Herzoginmutter einen leichten Schweißausbruch, ihr Puls beruhigte sich, und die Körpertemperatur sank. Jetzt erst atmeten alle wieder auf. Am nächsten Tag nahm die Herzoginmutter erneut Medizin ein und pflegte weiter der Ruhe.
 
Wenige Tage später war es soweit, daß der Sarg mit Djia Djings Leichnam ins Kloster zurückgebracht wurde. Da die Herzoginmutter noch nicht wieder völlig genesen war, behielt sie Bau-yü zu ihrer Betreuung bei sich. Auch Hsi-fëng beteiligte sich nicht am Trauerzug, weil sie sich noch nicht wieder ganz wohl fühlte. Djia Schë, Djia Liän, Dame Hsing und Dame Wang dagegen gaben dem Sarg mit zahlreichem Gefolge das Geleit bis ins Kloster Eiserne Schwelle und kehrten erst am Abend nach Hause zurück. Im Kloster mußten Djia Dschën, Frau You und Djia Jung noch weitere einhundert Tage am Sarg Wache halten, bevor er in den Heimatort der Familie übergeführt werden konnte. So lange war ihr Haushalt der Obhut der alten Frau You mit ihren Töchtern anvertraut.
 
Nun hatte Djia Liän schon lange von den beiden Schwestern You erzählen gehört und hatte stets bedauert, daß sich keine Gelegenheit ergeben wollte, sie kennenzulernen. Während jetzt Djia Djings Leichnam im Hause aufgebahrt stand, war er im täglichen Umgang mit den beiden vertraut geworden, und wie nicht anders zu erwarten, lechzte er nun nach ihnen. Zumal er wußte, daß Vater und Sohn Djia Dschën und Djia Jung im Verdacht standen, sich wie die wilden Hirsche ein und dasselbe Weibchen zu teilen, nahm er jede Gelegenheit wahr, um den beiden Schwestern den Hof zu machen und ihnen mit Augen und Brauen seine Gefühle zu offenbaren.
 
Und während die dritte Schwester You ihn mit Gleichmut behandelte, legte die zweite Schwester größtes Interesse an den Tag. Nur weil stets zu viele Beobachter anwesend waren, hatten sie noch nicht zur Tat schreiten können. Außerdem hegte Djia Liän die Befürchtung, Djia Dschën könnte eifersüchtig sein, und auch das hatte ihn vor leichtfertigen Handlungen zurückgehalten. So hatten sich die beiden mit einer stillschweigenden Übereinkunft begnügen müssen.
 
Nachdem jetzt der Sarg ins Kloster übergeführt worden war, befanden sich nur noch wenige Menschen in Djia Dschëns Wohnräumen. Denn bis auf einige Sklavenmädchen und
 
-frauen, die hiergeblieben waren, um die gröberen Arbeiten für die alte Frau You und ihre beiden Töchter zu verrichten, waren alle Sklavinnen und Nebenfrauen mit im Kloster. Die Diener und Sklavenfrauen im äußeren Breich gingen bei Nacht ihre Runden, am Tage hüteten sie die Tore, und ohne besonderen Grund kamen sie nicht ins Haus.
 
Diese Umstände gedachte Djia Liän auszunutzen, um endlich zum Zuge zu kommen. Unter dem Vorwand, Djia Dschën Gesellschaft zu leisten, pflegte er mit im Kloster zu übernachten, am Tage aber ritt er häufig ins Ning-guo-Anwesen, wobei er vorgab, häusliche Angelegenheiten für Djia Dschën zu besorgen, während er in Wirklichkeit darauf aus war, die zweite Schwester You zu verführen.
 
Eines Tages kam Yü Lu, einer der jüngeren Verwalter, mit der Meldung zu Djia Dschën: „Die Kosten für Behelfsbauten, Trauerstoffe und Sargträgeruniformen betragen zusammen eintausendeinhundertundzehn Liang Silber, davon sind erst fünfhundert Liang bezahlt, die restlichen sechshundertundzehn sind wir noch schuldig. Gestern haben uns zwei von den Händlern mahnen lassen, darum möchte ich Euch um Weisungen bitten.“
 
„Also laß dir das Silber von den Kassenverwaltern geben, und damit ist doch die Sache erledigt“, sagte Djia Dschën. „Warum mußt du mir das melden kommen?“
 
„Gestern war ich schon deswegen in der Kasse, aber seitdem sich der alte gnädige Herr auf die ewige Reise begeben hat, ist sehr viel Silber verbraucht worden, und von dem, was noch da ist, müssen das hunderttägige Totenritual und die Kosten, die hier im Kloster entstehen, bezahlt werden“, gab Yü Lu Auskunft. „Deshalb konnte ich nichts bekommen, und so bin ich nun hier, um Euch davon Meldung zu machen, Herr. Entweder Ihr verauslagt das Geld einstweilen aus Eurer Privatkasse, oder es wird irgendwo geborgt. Darüber bitte ich um Weisung, damit ich entsprechend handeln kann.“
 
„Du glaubst wohl, es sei noch wie früher, als das Silber ungenutzt bei uns herumlag?“ fragte Djia Dschën lächelnd. „Also borge die Summe irgendwo und bezahle die Rechnungen!“
 
Ebenfalls lächelnd, erwiderte Yü Lu: „Ein- oder zweihundert könnte ich allenfalls borgen, aber wie soll ich so schnell zu fünf- oder sechshundert Liang Silber kommen?“
 
Djia Dschën dachte nach, dann befahl er Djia Jung: „Geh und frag deine Mutter, ob die fünfhundert Liang Silber, die wir nach der Sargüberführung von den Dschëns im Süden für Opfergaben bekommen haben, schon an die Kasse übergeben worden sind. Wenn nicht, laß sie dir geben und händige sie ihm aus!“
 
„Jawohl!“ sagte Djia Jung, ging hinüber und übermittelte Frau You die Bestellung. Als er wiederkam, berichtete er: „Zweihundert Liang von dem Silber sind schon verbraucht, mit den restlichen dreihundert ist ein Bote in die Stadt geschickt worden, um sie der Großmutter in Verwahrung zu geben.“
 
„Dann reitest du mit Yü Lu in die Stadt, bittest Großmutter um das Silber und gibst es ihm!“ entschied Djia Dschën. „Außerdem schaust du nach, ob zu Hause alles in Ordnung ist, und fragst die beiden Tanten, wie es ihnen geht. Die fehlende Summe wird Yü Lu erst einmal borgen!“
 
Djia Jung und Yü Lu sagten jawohl und wollten eben gehen, als Djia Liän zur Tür hereinkam. Sofort trat Yü Lu vor ihn hin, um seinen Gruß zu entbieten, und Djia Liän erkundigte sich, was es gebe.
 
Als Djia Dschën ihm die Sache in allen Einzelheiten erzählt hatte, dachte sich Djia Liän: „Das wäre eine Möglichkeit, um ins Ning-guo-Anwesen zur zweiten Schwester You zu kommen!“ Also sagte er: „Was ist das schon für eine schwerwiegende Angelegenheit?! Warum soll er bei Fremden borgen? Neulich erst erhielt ich eine Summe Silber, die ich noch nicht wieder ausgegeben habe. Darum ist es das beste, wenn ich den Fehlbetrag auslege, das vereinfacht die Sache!“
 
„Ausgezeichnet!“ freute sich Djia Dschën, „also gib deine Anweisung, dann kann Jung sich auch dieses Silber geben lassen!“
 
„Das Silber muß ich selber holen“, erklärte Djia Liän rasch. „Außerdem war ich schon einige Tage nicht zu Hause und möchte der alten gnädigen Frau, dem gnädigen Herrn und den gnädigen Frauen meinen Gruß entbieten. Auch drüben bei dir wollte ich nachsehen, ob irgend etwas vorgefallen ist, und gleichzeitig der alten Dame meinen Respekt erweisen.“
 
„Darf ich dich denn so sehr in Anspruch nehmen?“ sagte Djia Dschën lächelnd. „Ich mache mir wirklich schon Vorwürfe deswegen.“
 
„Aber woher denn?“ beruhigte ihn Djia Liän. „Schließlich sind wir Vettern!“
 
„Also reite mit deinem Onkel!“ wandte sich Djia Dschën nun an Djia Jung. „Und geh auch hinüber ins andere Anwesen, um der alten gnädigen Frau, dem gnädigen Herrn und den gnädigen Frauen deinen Gruß zu entbieten. Sag ihnen, wir ließen sie grüßen, und erkundige dich, ob die alte gnädige Frau wieder gesund ist oder noch Medizin einnehmen muß!“
 
Djia Jung versprach, alles Punkt für Punkt zu erledigen, dann folgte er Djia Liän hinaus. In Begleitung einiger Sklavenjungen bestiegen sie ihre Pferde und ritten gemeinsam zur Stadt. Während des müßigen Gesprächs, das sich dabei zwischen Onkel und Neffen entspann, ließ Djia Liän es sich angelegen sein, die Sprache auf die zweite Schwester You zu bringen, und lobte in den höchsten Tönen, wie schön und wie gütig sie sei, wie elegant ihr Benehmen und wie angenehm ihre Redeweise, kurzum, es gebe nichts an ihr, was einem nicht Verehrung und Liebe abnötigte. „Alle Leute loben nur meine Frau, aber ich finde, dieser Tante von dir kann sie nicht das Wasser reichen“, begeisterte er sich.
 
Djia Jung konnte sich denken, worauf er hinauswollte, und so sagte er lächelnd: „Wenn Ihr sie so sehr mögt, Onkel, dann will ich Euer Vermittler sein, und Ihr macht sie zu Eurer Nebenfrau. Wie wäre das?“
 
Ebenfalls lächelnd, fragte Djia Liän zurück: „Ist das ein Scherz von dir, oder meinst du es ernst?“
 
„Es ist mein Ernst!“ bekräftigte Djia Jung.
 
„Die Sache wäre natürlich sehr schön“, nahm Djia Liän wieder das Wort. „Ich fürchte nur, meine Frau wird nicht einverstanden sein, und deine Großmutter wird es wohl auch nicht wollen. Außerdem habe ich gehört, deine Tante sei bereits verlobt.“
 
„Das macht nichts!“ versicherte Djia Jung lächelnd. „Die beiden Tanten sind keine Töchter meines Großvaters, sondern wurden von meiner Großmutter mit in die Ehe gebracht. Wie ich hörte, hat meine Großmutter die Tante schon vor ihrer Geburt mit dem Sohn eines gewissen Dschang verlobt, der kaiserlicher Gutsverwalter war. Später sind die Dschangs durch einen Rechtsstreit in Armut geraten, meine Großmutter aber hat sich wieder verheiratet. Seit mehr als zehn Jahren hat sie keinen Kontakt mehr zu den Dschangs. Sie hat schon oft geklagt, sie wolle die Verlobung rückgängig machen, und auch mein Vater möchte die Tante gern anderweitig verloben, wenn er erst einmal einen guten Partner für sie gefunden hat. Man muß nur die Dschangs suchen lassen, um ihnen zehn, zwölf Liang Silber in die Hand zu drücken, damit sie eine Verzichtserklärung schreiben.
 
Was sollten sie angesichts des Silbers schon für Einwände haben, arm, wie sie sind! Außerdem wissen sie genau, daß es für eine Familie wie die unsere nichts bedeuten würde, wenn sie Einwände machten. Wenn jemand wie Ihr meine Tante zur Nebenfrau nehmen will, garantiere ich, daß meine Großmutter und mein Vater einverstanden sind. Schwierig wird es nur mit Eurer Frau.“
 
Als Djia Liän das hörte, blühten in seinem Herzen tausend Blumen auf, und anstatt etwas zu sagen, lächelte er nur töricht vor sich hin.
 
Nach einigem Nachdenken fing Djia Jung mit lächelnder Miene erneut an: „Wenn Ihr den Mut dazu habt und Euch an meinen Plan haltet, gibt es nichts, was die Sache verhindern könnte. Es kostet nur einfach ein bißchen mehr.“
 
„Was ist das für ein Plan?“ fragte Djia Liän begierig. „Sag ihn mir schnell! Ich will mich an alles halten.“
 
„Ihr dürft zu Hause kein Sterbenswörtchen von der Sache sagen“, instruierte ihn Djia Jung. „Und wenn ich meinem Vater davon berichtet habe und er alles mit meiner Großmutter abgesprochen hat, kauft Ihr irgendwo in der Nähe unseres Anwesens ein Haus und die nötige Einrichtung dafür und steckt zwei Dienerfamilien als Aufwartung hinein. Dann laßt Ihr einen Glückstag aussuchen, und ohne daß Menschen oder Geister auch nur das mindeste davon merken, zieht Ihr mit meiner Tante dort ein. Dem Gesinde wird eingeschärft, daß kein Wort darüber durchsickern darf, und da Eure Frau in der Tiefe des Anwesens wohnt, wird sie nichts davon erfahren. Ihr aber wohnt an zwei Stellen zugleich.
 
Wenn die Sache dann vielleicht nach einem Jahr oder einem halben bekannt wird, bringt sie Euch nicht mehr als eine Portion Schelte von Eurem Vater ein, und Ihr könnt einfach sagen, da Eure Frau Euch keinen Sohn geboren habe, hättet Ihr um der männlichen Nachkommenschaft willen die Sache heimlich in die Wege geleitet. Wenn Eure Frau sieht, daß Ihr vollendete Tatsachen geschaffen habt, wird sie sich damit abfinden müssen. Und wenn Ihr dann noch die alte gnädige Frau schön bittet, ist alles wieder im Lot.“
 
Von alters her heißt es „Begierde trübt den Verstand.“ So zählte jetzt auch für Djia Liän nur das Verlangen nach den Reizen der zweiten Schwester You, und Djia Jungs Gerede schien ihm ein unfehlbarer Plan zu sein. Daß die Familie in Trauer war, daß man nicht hinter dem Rücken der Hauptfrau eine Nebenfrau nehmen kann, daß er einen strengen Vater und eine eifersüchtige Gattin hatte – alle diese Hinderungsgründe ließ er außer acht.
 
Er ahnte auch nicht, daß Djia Jung keineswegs in guter Absicht handelte. Dieser hatte ja selbst ein Auge auf seine beiden Stieftanten geworfen. Da er jedoch unter Djia Dschëns Aufsicht nicht auf seine Kosten kam, sagte er sich, daß es dann, wenn Djia Liän eine der beiden heiratete und außerhalb mit ihr wohnte, auch nicht an Gelegenheiten mangeln könnte, in Djia Liäns Abwesenheit dort herumzuspuken.
 
Auf diesen Gedanken konnte Djia Liän freilich nicht kommen, und so bedankte er sich bei Djia Jung und versprach ihm: „Wenn du die Sache wirklich zuwege bringst, mein lieber Neffe, dann kaufe ich auch zwei bildhübsche Sklavenmädchen und schenke sie dir zur Belohnung.“
 
Bei diesen Worten waren sie am Tor des Ning-guo-Anwesens angekommen, und Djia Jung sagte: „Geht Ihr hinein, Onkel, und laßt Euch von meiner Großmutter das Silber geben, das Yü Lu bekommen soll! Ich will zuerst drüben die alte gnädige Frau begrüßen.“
 
Lächelnd nickte Djia Liän und bat: „Sag vor der alten gnädigen Frau nichts davon, daß ich mit dir zusammen gekommen bin!“
 
„Ich verstehe!“ sagte Djia Jung, dann flüsterte er Djia Liän ins Ohr: „Falls Ihr meine Tante heute seht, dürft Ihr nichts überstürzen. Wenn jetzt Aufsehen erregt wird, ist es nachher schwer wiedergutzumachen.“
 
„Red keinen Stuß und beeil dich lieber! Ich warte hier auf dich“, sagte Djia Liän lachend, und Djia Jung ritt zum Jung-guo-Anwesen weiter, um dort der Herzoginmutter seinen Gruß zu entbieten.
 
Währenddessen betrat Djia Liän das Ning-guo-Anwesen, wo ihn sofort einer der für das Gesinde zuständigen Aufseher mit seinen Untergebenen begrüßte und dann in die Halle geleitete. Um der Pflicht zu genügen, stellte Djia Liän einige Fragen, dann schickte er die Leute fort und ging allein in den inneren Wohnbezirk weiter. Für ihn als Vetter und engen Vertrauten von Djia Dschën galten hier keine Tabus, und so brauchte er nicht zu warten, bis man ihn angemeldet hatte. Als er vor der Haupthalle der Wohngebäude stand, schlugen die alten Sklavinnen, die im Säulengang Dienst taten, sofort den Türvorhang für ihn auf und ließen ihn eintreten.
 
Drinnen erblickte Djia Liän die zweite Schwester You, die in Gesellschaft zweier Sklavenmädchen auf dem Ofenbett an der Südseite saß und mit einer Nadelarbeit beschäftigt war. Weder die alte Frau You noch die dritte Schwester You waren zu sehen.
 
Als Djia Liän rasch nähertrat und die zweite Schwester You begrüßte, lud sie ihn lächelnd ein, Platz zu nehmen, und rückte selbst an die hölzerne Trennwand auf der Ostseite. Djia Liän aber bestand darauf, ihr den Ehrenplatz in der Mitte zu überlassen. Nachdem sie ein paar Begrüßungsfloskeln gewechselt hatten, erkundigte sich Djia Liän: „Wo sind denn Eure Mutter und Eure Schwester? Warum sind sie nicht zu sehen?“
 
„Sie sind nach hinten gegangen, um etwas zu erledigen, und werden gleich wieder da sein“, gab die zweite Schwester You lächelnd Auskunft.
 
Da die beiden Sklavenmädchen hinausgegangen waren, um Tee einzugießen, sah Djia Liän der zweiten Schwester You lächelnd in die Augen. Sie aber ging nicht darauf ein und senkte lächelnd den Blick. Also wagte Djia Liän es nicht, sich mit Handgreiflichkeiten zu übereilen. Da er aber sah, daß die zweite Schwester You an ihrem Taschentuch nestelte, an das sie ein kleines Täschchen gebunden hatte, griff er mit betonter Auffälligkeit nach seinem Gürtel und sagte dann: „Habe ich doch mein Beteltäschchen vergessen! Würdet Ihr mir wohl eine Betelnuß schenken?“
 
„Betelnüsse habe ich wohl, aber verschenken tue ich sie nie“, erwiderte die zweite Schwester You.
 
Lächelnd wollte sich Djia Liän ihr nähern, um ihr das Täschchen wegzunehmen, aber weil das einen schlechten Eindruck machen mußte, falls jemand dazukam, warf die zweite Schwester You ihr Taschentuch mit dem Täschchen daran rasch zu ihm hinüber, wobei sie ebenfalls lächelte.
 
Djia Liän fing das Täschchen auf, schüttete alle Betelnüsse aus, suchte sich eine angekaute darunter heraus und schob sie in den Mund. Dann sammelte er den Rest wieder ein und wollte aufstehen, um der zweiten Schwester You das Täschchen in die Hand zu geben. Aber da kamen eben die Sklavenmädchen wieder herein und brachten den Tee. Also nahm Djia Liän sein Schälchen entgegen und trank.
 
Zugleich löste er heimlich einen aus der Han-Zeit stammenden mit neun Drachen verzierten Jadeanhänger von seinem Gürtel, band ihn an das Taschentuch und warf das Ganze zur zweiten Schwester You hinüber, als die Sklavenmädchen eben einmal nicht hinsahen. Aber die zweite Schwester You hob das Taschentuch nicht auf, tat ganz so, als ob sie nichts bemerkt hätte, und trank ihren Tee. Da klapperte der Vorhang an der Hintertür, und herein traten die alte Frau You mit ihrer Tochter und zwei kleineren Sklavenmädchen. Rasch bedeutete Djia Liän der zweiten Schwester You mit den Augen, sie solle das Taschentuch an sich nehmen, aber sie reagierte nicht darauf.
 
Djia Liän wußte nicht, was er davon halten sollte, und geriet in beträchtliche Verwirrung, aber er hatte keine andere Wahl, als der alten Frau You und der dritten Schwester You entgegenzugehen, um sie zu begrüßen. Als er sich wieder umwandte und nach der zweiten Schwester You sah, lächelte sie, als ob überhaupt nichts gewesen wäre, und bei näherem Hinsehen stellte er fest, daß das Taschentuch verschwunden war. Nun erst fühlte er sich beruhigt.
 
Dann setzten sich alle hin, um zu plaudern, und Djia Liän berichtete: „Wie die Schwägerin sagte, hat sie Euch neulich ein Paket mit Silber zur Aufbewahrung geschickt, das soll ich mir jetzt auf Geheiß von Vetter Dschën geben lassen, weil Schulden zu bezahlen sind. Außerdem sollte ich nachsehen, ob hier alles in Ordnung ist.“
 
Sofort befahl die alte Frau You ihrer älteren Tochter, sie solle den Schlüssel nehmen und das Silber holen gehen. Djia Liän aber fuhr fort: „Zugleich wollte ich Euch meinen Gruß entbieten und sehen, wie es Euren Töchtern geht. Ihr selbst scheint mir nicht schlecht auszusehen, aber Eure Töchter haben hier bei uns viel zu leiden.“
 
„Was sagt Ihr da!“ widersprach ihm die alte Frau You. „Schließlich sind wir engste Verwandte, und wir würden zu Hause nicht anders leben als hier. Um die Wahrheit zu sagen, ist unsere Familie hart dran, seitdem mein Mann nicht mehr lebt, und wir sind ganz auf die Hilfe meines Schwiegersohns angewiesen. Jetzt, wo seine Familie von einem so schwerwiegenden Ereignis betroffen ist, können wir ihm wenigstens dadurch von Nutzen sein, daß wir das Haus für ihn hüten. Von welchem Leiden kann also die Rede sein?“
 
Bei diesen Worten kam die zweite Schwester You mit dem Silber zurück und übergab es ihrer Mutter, die es an Djia Liän weiterreichte. Dann ließ Djia Liän durch eines der Sklavenmädchen eine alte Sklavin rufen und befahl ihr: „Gib das Yü Lu und sag ihm, er solle damit zu mir hinübergehen und auf mich warten!“
 
Als die alte Sklavin jawohl gesagt hatte und hinausgegangen war, ertönte Djia Jungs Stimme im Hof, und im nächsten Augenblick trat er ins Haus und begrüßte seine Stiefgroßmutter und seine beiden Stieftanten. Dann wandte er sich lächelnd an Djia Liän und sagte: „Gerade hat drüben der alte gnädige Herr nach Euch gefragt, Onkel. Er sagte, er habe einen Auftrag für Euch, und wollte schon jemand ins Kloster schicken, um Euch zu holen. Ich habe ihm gesagt, Ihr würdet gleich da sein, und da hat er mir noch aufgetragen, Euch zur Eile zu mahnen, wenn ich Euch treffe.“
 
Schon machte Djia Liän Anstalten aufzustehen, da hörte er, wie Djia Jung zur alten Frau You sagte: „Der Mann, von dem ich Euch neulich erzählte, daß mein Vater ihn für die Tante ausgesucht hat, sieht nach Gesicht und Gestalt beinahe so aus wie mein Onkel hier. Wie gefällt Euch der, alte Ahne?“ Damit machte er eine verstohlene Handbewegung in Djia Liäns Richtung und wies dann mit dem Kinn nach der zweiten Schwester You.
 
Dieser war es peinlich, etwas zu sagen, ihre Schwester jedoch schimpfte lächelnd: „Du verdorbener kleiner Affe, du! Weißt du nichts Besseres zu schwatzen? Warte, ich werde dir deinen Mund zerreißen!“ Mit diesen Worten ging sie wirklich auf ihn los, aber da war Djia Jung schon lachend hinausgelaufen.
 
Nun verabschiedete sich auch Djia Liän und ging zuerst noch einmal in die Halle, wo er das Gesinde ermahnte, keine Glücksspiele zu spielen und keinen Wein zu trinken. Dann bat er Djia Jung noch unter vier Augen, er solle sich beeilen, ins Kloster zurückzukommen, und möglichst schnell mit seinem Vater sprechen. Anschließend ritt er mit Yü Lu zum anderen Anwesen hinüber, gab ihm dort das restliche Silber und schickte ihn weg. Nachdem er zuvor noch seinen Vater aufgesucht hatte, ging er endlich der Herzoginmutter seine Aufwartung machen. Aber davon soll hier nicht die Rede sein.
 
Als sich Djia Jung davon überzeugt hatte, daß Yü Lu mit Djia Liän fortritt, um das Silber zu holen, so daß für ihn nichts zu tun blieb, kehrte er noch einmal in die inneren Gemächer zurück, um sich dort noch ein Weilchen mit seinen beiden Stieftanten zu necken, ehe er sich wieder auf den Weg machte. Als er am Abend ins Kloster kam und seinen Vater aufsuchte, berichtete er: „Yü Lu hat das Silber bekommen. Die alte gnädige Frau ist wieder gesund und braucht keine Medizin mehr zu nehmen.“ Anschließend nahm er sofort die Gelegenheit wahr, um seinem Vater zu erzählen, daß Djia Liän unterwegs den Wunsch geäußert habe, die zweite Schwester You zu seiner Nebenfrau zu machen, und daß er den Plan habe, außerhalb mit ihr zu wohnen, damit Hsi-fëng nichts davon erführe.
 
„Es geht ihm nur darum, das Ärgernis zu beheben, daß er noch keinen Sohn hat“, versicherte er. „Außerdem hat er die Tante schon gesehen, und sowieso ist es besser, jemand zu heiraten, mit dem man verschwägert ist, als jemand Fremdes, von dem man nichts weiß. Deshalb hat mich der Onkel immer wieder gebeten, mit Euch zu sprechen.“ Daß alles sein eigener Einfall gewesen war, verschwieg er geflissentlich.
 
Djia Dschën dachte nach, dann sagte er lächelnd: „Warum eigentlich nicht! Nur weiß ich nicht, ob deine Tante damit einverstanden sein wird. Also sprich morgen zuerst mit deiner Großmutter darüber und bitte sie, die Tante zu fragen, ehe wir eine Entscheidung treffen.“ Anschließend gab er Djia Jung noch einige Instruktionen, dann ging er hinüber und teilte Frau You die Neuigkeit mit.
 
Frau You war sich darüber im klaren, daß die Sache sich nicht gehöre, und riet Djia Dschën nach Kräften ab. Sein Entschluß stand jedoch bereits fest, und da es Frau You gewohnt war, sich zu fügen, und da sie und die zweite Schwester You nicht Kinder einer Mutter waren, so daß sie sich auch nicht allzusehr um sie kümmern konnte, mußte sie den Dingen ihren Lauf lassen.
 
Am nächsten Morgen ritt Djia Jung tatsächlich in aller Frühe erneut in die Stadt, suchte seine Stiefgroßmutter auf und eröffnete ihr, was sein Vater ihm aufgetragen hatte. Außerdem fügte er noch von sich aus mancherlei hinzu.
 
So erzählte er, Djia Liän sei ein herzensguter Mensch, Hsi-fëng aber sei unheilbar krank, und wenn die Tante vorläufig außerhalb wohnen würde, könnte Djia Liän sie nach einem Jahr oder einem halben, wenn Hsi-fëng erst tot sei, ins Haus nehmen und zur Hauptfrau machen. Er schilderte auch in den rosigsten Farben, wie sein Vater die Verlobung ausrichten werde und wie Djia Liän die Hochzeit gestalten wolle. „Auch Euch würde er bei sich aufnehmen und im Alter für Euch sorgen, und für die zweite Tante würde er mit der Zeit ebenfalls einen Mann suchen“, fügte er zum Schluß noch hinzu.
 
Wie hätte die alte Frau You solchen Verlockungen widerstehen können, zumal sie ganz auf Djia Dschëns Unterstützung angewiesen war und Djia Dschën die Sache in die Hand genommen hatte und die Verlobung arrangieren wollte, so daß sie selbst nicht einmal für die Aussteuer zu sorgen brauchte. Außerdem war Djia Liän ein junger Mann aus guter Familie und zehnmal besser als Dschang Hua. Also ging die alte Frau You sofort hinüber, um mit ihrer Tochter zu sprechen.
 
Die zweite Schwester You hatte einen Charakter wie Wasser, und es hatte auch schon etwas Unziemliches zwischen ihr und Djia Dschën gegeben. Daß sie seinerzeit mit Dschang Hua verlobt worden war, wodurch sie für immer auf einen richtigen Platz im Leben verzichten mußte, hatte sie stets bedauert.
 
 
 
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Revision as of 13:46, 12 April 2026

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Kapitel 63

壽怡紅群芳開夜宴 / 死金丹獨艷理親喪

Zum Geburtstag im Yihong-Hof eroeffnen die Blumenschoenheiten ein naechtliches Festmahl; Beim Tod durch die Goldpille besorgt die einsame Schoenheit allein die Bestattung

Zu Bau-yüs Geburtstag feiern alle Blumen ein nächtliches Fest,bei Djia Djings Tod regelt eine einsame Schöne das Trauerzeremoniell.

Bau-yü kehrte also in seine Räume zurück, um sich die Hände zu waschen. Anschließend sagte er zu Hsi-jën: „Wenn wir heute Abend Wein trinken, wollen wir alle vergnügt sein, ohne uns Zwang anzutun! Und sag rechtzeitig Bescheid, was wir essen wollen, damit alles vorbereitet wird!“ „Sei unbesorgt!“ erwiderte Hsi-jën lächelnd. „Tjing-wën, Schë-yüä, Tjiu-wën und ich haben je fünf Tjiän Silber gespendet, das macht zusammen drei Liang und zwei Tjiän. Dieses Silber ist längst Schwägerin Liu ausgehändigt worden, damit sie vierzig Teller mit Zuspeisen für uns vorbereitet. Außerdem habe ich mit Ping-örl gesprochen, und wir haben einen großen Tonbehälter voll Schau-hsing-Wein[1] hergeschafft und hier versteckt. So richten wir dir zu acht den Geburtstag aus.“ Froh über das Gehörte, sagte Bau-yü: „Woher sollen die Mädchen das Geld nehmen? Du hättest nicht von ihnen verlangen dürfen, daß sie etwas geben!“ „Haben wir vielleicht Geld und sie nicht?“ mischte Tjing-wën sich ein. „Das Herz ist es, das zählt. Also laß dir den Freundschaftsbeweis gefallen, selbst wenn das Geld gestohlen ist!“ „Da hast du recht!“ pflichtete Bau-yü ihr bei. „Wenn sie dich nicht zweimal am Tag mit frechen Worten zum Narren hält, fehlt dir etwas“, bemerkte Hsi-jën lächelnd. „Du gehörst wohl auch zu denen, die stets das Feuer schüren müssen, wenn sie nur selbst in Sicherheit sind?“ erkundigte sich Tjing-wën. Alle lachten darüber, dann verlangte Bau-yü: „Macht das Hoftor zu!“ „Nicht umsonst nennt man dich den emsigen Nichtstuer“, rügte Hsi-jën lächelnd. „Wenn wir jetzt schon das Tor zumachen, wecken wir nur Verdacht. Wir müssen noch ein bißchen warten!“ Bau-yü nickte zustimmend und sagte: „Ich muß noch einmal hinaus. Sï-örl geht Wasser schöpfen, und Tschun-yän wird mich begleiten!“ Damit verließ er das Gehöft, und als sie allein waren, erkundigte er sich, wie es mit Wu-örl stehe. „Schwägerin Liu habe ich vorhin Bescheid gesagt, und sie hat sich selbstverständlich sehr gefreut“, berichtete Tschun-yän. „Aber Wu-örl hat sich über die Schmach, die man ihr neulich die Nacht über antat, so aufgeregt, daß sie vor Ärger wieder krank geworden ist, kaum daß sie nach Hause kam. So kann sie natürlich nicht zu uns kommen, und wir müssen uns gedulden, bis sie gesund ist.“ Bau-yü seufzte bedauernd, dann fragte er: „Weiß Hsi-jën davon?“ „Ich habe ihr nichts gesagt“, antwortete Tschun-yän. „Ob Fang-guan etwas erwähnt hat, weiß ich nicht.“ „Ich habe mit ihr noch nicht über Wu-örl gesprochen“, fuhr Bau-yü fort. „Aber egal, ich sage es ihr, und damit basta!“ Mit diesen Worten ging er wieder hinein und wusch sich drinnen demonstrativ die Hände. Inzwischen war es Zeit geworden, die Lampen anzuzünden. Da hörten sie plötzlich, wie ein ganzer Trupp Leute durchs Hoftor kam, also spähten sie durch die Fenster und erkannten Lin Dschï-hsiaus Frau mit mehreren verantwortlichen Sklavenfrauen, von denen die vorderste eine große Laterne trug. „Sie kommen die Nachtwachen kontrollieren“, sagte Tjing-wën leise und lächelte dabei. „Wenn sie wieder weg sind, können wir zumachen.“ Nun sahen sie, wie alle Nachtwächterinnen ihres Gehöfts hinaustraten, und als Lin Dschï-hsiaus Frau sich überzeugt hatte, daß keine fehlte, mahnte sie: „Spielt keine Glücksspiele, trinkt keinen Wein, und daß ihr mir nicht einfach in den hellen Tag hinein schlaft! Kommt mir so etwas zu Ohren, dann kenne ich kein Erbarmen!“ „Wer würde wohl wagen, so dreist zu sein!“ erwiderten die Nachtwächterinnen lächelnd. „Hat der junge Herr sich schlafen gelegt?“ fragte Lin Dschï-hsiaus Frau dann. Aber alle sagten, sie wüßten das nicht. Rasch gab Hsi-jën Bau-yü einen Stoß, so daß er in seine Schuhe schlüpfte und hinaustrat, um Lin Dschï-hsiaus Frau lächelnd zu antworten: „Ich schlafe noch nicht. Kommt nur herein und ruht Euch einen Augenblick aus!“ Und er befahl Hsi-jën, sie solle Tee eingießen. Sofort trat Lin Dschï-hsiaus Frau ins Haus und sagte lächelnd: „Ihr schlaft noch nicht? Die Tage sind jetzt lang und die Nächte kurz, da müßt Ihr früh schlafen gehen, damit Ihr auch früh aufstehen könnt. Wenn Ihr spät aufsteht, werden die Leute Euch auslachen und sagen, das ist kein junger Herr, der die Bücher studiert, sondern ein Lastträger.“ „Ihr habt ganz recht“, stimmte Bau-yü ihr eilfertig zu und lächelte dabei ebenfalls. „Sonst bin ich auch jeden Tag früh schlafen gegangen und habe es gar nicht gemerkt, wenn Ihr kamt. Aber heute, nach dem Nudelessen, fürchtete ich, eine Verstopfung zu bekommen, darum bin ich etwas länger aufgeblieben.“ „Da müßt ihr Pu-örl-Tee[2] aufbrühen!“ wandte sich Lin Dschï-hsiaus Frau lächelnd an Hsi-jën und die übrigen Sklavenmädchen. „Wir haben schon eine Kanne Tee aus Wu-tung-Blättern[3] gebrüht, und der junge Herr hat zwei Schälchen davon getrunken“, berichteten Hsi-jën und Tjing-wën sofort. „Probiert auch Ihr davon, Tante! Es ist noch welcher da.“ Und schon goß Tjing-wën eine Schale voll ein. „In der letzten Zeit ist mir aufgefallen, daß der junge Herr seine Ausdrucksweise verändert hat und auch die größeren von euch einfach beim Namen nennt“, nahm Lin Dschï-hsiaus Frau wieder lächelnd das Wort. „Obwohl ihr in seinen Räumen dient, gehört ihr doch zum Gefolge der alten gnädigen Frau, darum müßte er schon respektvoller sein. Wenn er sich nur gelegentlich einmal im Ausdruck vergreift, mag das noch angehen, aber wenn er euch ständig so anredet, werden seine Vettern und Neffen es ihm nachmachen und damit den Spott der Leute herausfordern, die sagen werden, in dieser Familie habe man keinen Respekt vor den Älteren.“ Wieder pflichtete Bau-yü ihr bei: „Ihr habt ganz recht, aber es geschieht wirklich nur gelegentlich.“ Auch Hsi-jën und Tjing-wën versicherten lächelnd: „Deswegen dürft Ihr dem jungen Herrn keinen Vorwurf machen. Er redet uns bis heute noch brav als ältere Schwestern an, nur im Scherz gebraucht er manchmal unsere Namen. Aber wenn jemand dabei ist, redet er uns nicht anders an als bisher.“ „So ist es recht, so benimmt sich jemand, der die Schriften studiert und mit den Riten vertraut ist“, lobte Lin Dschï-hsiaus Frau lächelnd. „Je zuvorkommender man ist, desto mehr wird man geachtet. Nicht nur Leute, die eigentlich in die Räume der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau gehören und deren Familien schon seit drei oder fünf Generationen hier dienen, darf man nicht leichtfertig kränken, für jedes Kätzchen oder Hündchen von dort gilt dasselbe. Das ist das rechte Benehmen für einen Sohn aus gutem Hause, der Erziehung genossen hat.“ Damit trank sie ihren Tee, dann verabschiedete sie sich: „Ich wünsche angenehme Ruhe! Wir gehen.“ Bau-yü forderte sie zwar noch zum Bleiben auf, aber schon ging sie an der Spitze ihres Gefolges hinaus, um auch noch die anderen Plätze zu kontrollieren. Rasch ließ jetzt Tjing-wën das Tor schließen, dann kam sie wieder herein und sagte lächelnd: „Die Frau muß irgendwo einen Schluck getrunken haben, daß sie uns hier die Ohren vollsabbelt und uns dabei noch Vorwürfe macht.“ „Aber sie meint es doch nur gut“, versuchte Schë-yüä lächelnd zu beschwichtigen. „Sie muß uns schon immer wieder ermahnen, damit wir nicht völlig außer Rand und Band geraten.“ Mit diesen Worten ging sie hinaus, um sich um den Wein und die Zukost zu kümmern. „Wir wollen uns nicht an den hohen Tisch setzen!“ schlug Hsi-jën vor. „Wir stellen den niedrigen runden Palisandertisch auf das Ofenbett und setzen uns alle herum! So haben wir es bequem und sind nicht eingeengt.“ Der Tisch wurde geholt, und dann begannen Schë-yüä und Sï-örl, die Zukost hereinzutragen. Mit zwei großen Servierbrettern mußten sie vier oder fünf Mal hin- und hergehen, ehe alles herbeigeschafft war. Im Vorraum kauerten zwei alte Sklavenfrauen am Kohlebecken und wärmten den Wein. „Bei dem heißen Wetter sollten wir alle die Überkleider ablegen“, sagte Bau-yü. „Zieh dich nur aus, wenn dir danach ist“, sagten die Mädchen. „Wir dagegen müssen erst noch den Vorschriften der Etikette Genüge tun.“ „Eure Etikette wird bis in die fünfte Nachtwache dauern, wenn ihr erst einmal damit anfangt“, sagte Bau-yü. „Was ich am meisten fürchte, sind diese profanen Förmlichkeiten. In Anwesenheit von Fremden kommt man freilich nicht drum herum, aber wenn ihr jetzt auch mich noch damit ärgern wollt, ist das nicht schön.“ „Ganz wie du willst!“ sagten alle, und anstatt sich hinzusetzen, gingen sie ihren Schmuck und einen Teil ihrer Kleider ablegen. Bald darauf trugen sie statt des normalen Kopfputzes nur einfache Haarknoten und waren nur mit langen Röcken und halblangen Jacken bekleidet. Bau-yü hatte nur noch eine kurze dunkelrote Baumwolljacke und eine einfach gefütterte Hose aus schwarzbedruckter grüner Seide an, deren Beine er nicht zugeschnürt hatte. Er stützte sich auf ein neues jadefarbenes Baumwollkissen, das mit Blütenblättern von Rosen und Päonien gefüllt war, und spielte mit Fang-guan Fingerknobeln. Auch Fang-guan hatte über die Hitze gestöhnt und trug jetzt nur noch eine dünn gefütterte kurze Jacke, die aus quadratischen Seidenstücken in dreierlei Farben – Jade, schwärzlich und braunrot – zusammengesetzt war, eine weidengrüne Leibbinde und eine dünn gefütterte rosa Hose mit Streublumenmuster, deren Beine sie ebenfalls nicht verschnürt hatte. Ihr Haar war zu einem Kranz dünner Zöpfchen geflochten, die auf dem Scheitel zu einem einzigen starken Zopf zusammenliefen, der so dick war wie ein Gänseei und am Hinterkopf herunterbaumelte. Im rechten Ohrläppchen trug sie nur einen Jadestöpsel, der nicht größer war als ein Reiskorn, am linken Ohr dagegen ein Gehänge mit einem goldgefaßten roten Stein, so groß wie eine Gingkonuß. Dadurch schien ihr Gesicht noch reiner als der Vollmond, und ihre Augen wirkten klarer als Herbstwasser. Lachend bemerkten die anderen: „Wie Zwillingsbrüder sehen die beiden aus.“ „Wartet noch mit dem Fingerknobeln!“ bat Hsi-jën, die inzwischen Wein eingegossen hatte. „Wenn wir schon auf die Etikette verzichten, muß dafür jeder einen Schluck aus dem Becher trinken, den ich ihm reiche.“ Damit hob sie ihren Becher an die Lippen und nahm einen Schluck. Dann ließ sie der Rangfolge nach einen nach dem anderen trinken, und danach erst setzten sie sich rund um den Tisch auf das Ofenbett. Nur Tschun-yän und Sï-örl, die dort keinen Platz fanden, stellten sich Stühle dicht an das Ofenbett. Die vierzig Teller mit der Zukost zum Wein waren einheitlich aus imitiertem weißen Ding-dschou-Porzellan[4] und nicht größer als kleine Teeteller. Sie enthielten alles erdenkliche Naschwerk aus sämtlichen Gegenden des Landes sowie aus dem Ausland, frisch und getrocknet, Produkte des Festlands ebenso wie solche aus dem Wasser. „Wir müssen ein Trinkspiel spielen!“ verlangte Bau-yü. „Es muß aber etwas Gesittetes sein“, mahnte Hsi-jën. „Wenn wir dabei schreien und lärmen, wird man uns hören. Außerdem können wir nicht schreiben und lesen, darum darf es nichts Literarisches sein.“ „Dann wollen wir würfeln!“ schlug Schë-yüä vor. „Das ist zu langweilig“, widersprach Bau-yü, „wir wollen lieber Blumenlotto spielen!“ „Au ja“, unterstützte ihn Tjing-wën, „das wollte ich schon immer einmal spielen.“ „Das Spiel ist zwar gut, aber wenn wir nur so ein paar Leute sind, macht es keinen Spaß“, gab Hsi-jën zu bedenken. „Ich finde, wir sollten in aller Stille noch Fräulein Bau-tschai und Fräulein Lin einladen. Wenn sie bis zur zweiten Nachtwache mit uns spielen, kommen sie noch immer früh genug ins Bett“, schlug Tschun-yän lächelnd vor. „Da müssen wir ja noch einmal unser Hoftor aufmachen, und dort müssen wir am Tor rufen“, wandte Hsi-jën ein. „Was ist, wenn wir auf die Wächterinnen stoßen?“ „Wovor hast du Angst?“ fragte Bau-yü. „Auch meine Schwester Tan-tschun trinkt gern Wein, wir sollten sie ebenfalls holen, genauso Fräulein Bau-tjin.“ „Fräulein Bau-tjin nicht“, protestierten die anderen, „sie wohnt bei der älteren jungen Herrin, da gibt es ein großes Hin und Her.“ „Was macht das schon! Beeilt euch und holt sie her!“sagte Bau-yü. Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, gingen Tschun-yän und Sï-örl hinaus und ließen sich das Tor öffnen. Dann trennten sich ihre Wege. „Wenn diese beiden die Einladung überbringen, werden Fräulein Bau-tschai und Fräulein Lin wohl nicht kommen“, orakelten Tjing-wën, Schë-yüä und Hsi-jën. „Da müssen wir schon gehen und sie auf Gedeih und Verderb herschleppen!“ Und rasch befahlen Hsi-jën und Tjing-wën einer alten Sklavin, eine Laterne anzuzünden, dann machten auch sie sich auf den Weg. Tatsächlich sagte Bau-tschai, es sei schon zu spät, während Dai-yü sich auf ihre schwache Gesundheit berief. Aber die beiden ließen nicht locker und baten immer wieder: „So gönnt uns doch ein wenig Ehre! Setzt Euch ein Weilchen zu uns, und dann geht Ihr wieder!“ Tan-tschun dagegen freute sich, als ihr die Einladung überbracht wurde, doch sie sagte sich, es wäre nicht schön, wenn man Li Wan nicht einladen würde und sie es vielleicht zu erfahren bekäme. Deshalb befahl sie Tsuee-mo, sie solle mit Tschun-yän zu ihr gehen, und vereint baten die beiden dann Li Wan und Bau-tjin ein um das andere Mal, die Gesellschaft komplett zu machen. Schließlich trafen alle nacheinander im Hof der Freude am Roten ein. Selbst Hsiang-ling wurde von Hsi-jën herbeigeschafft. Jetzt mußte noch ein zweiter Tisch aufs Ofenbett gestellt werden, ehe jeder einen Platz fand. „Kusine Lin friert leicht, sie soll sich lieber hier an die hölzerne Trennwand setzen!“ empfahl Bau-yü und schob ein Rückenpolster für sie zurecht. Hsi-jën und die anderen Sklavenmädchen stellten sich Stühle dicht an das Ofenbett. Dai-yü lehnte sich weit vom Tisch entfernt an ihr Polster, lächelte Bau-tschai, Li Wan und Tan-tschun zu und sagte: „Ihr haltet den Leuten stets vor, daß sie sich nachts heimlich treffen, um Wein zu trinken und Glücksspiele zu spielen. Jetzt aber treiben wir genau dasselbe. Da könnt ihr in Zukunft niemand mehr einen Vorwurf machen.“ Lächelnd erwiderte Li Wan: „Was sollte uns daran hindern? Wenn man nicht jede Nacht so zusammenkommt, sondern immer nur zu Geburts- und Feiertagen, dann ist auch nichts zu befürchten.“ Inzwischen brachte Tjing-wën schon den mit Schnitzereien verzierten Bambuszylinder, der die elfenbeinernen Spielsteine für das Blumenlotto enthielt. Nachdem sie den Behälter geschüttelt hatte, stellte sie ihn mitten auf das Ofenbett. Dann holte sie noch Würfel, tat sie in ein Kästchen und schüttelte sie. Als sie das Kästchen wieder aufmachte, zeigten sich fünf Augen. Sie zählte ab, und die Fünfte in der Tischrunde war Bau-tschai, die nun lächelnd sagte: „Ich ziehe als Erste, ich bin gespannt, was es ist!“ Damit schüttelte sie den Bambuszylinder, griff hinein und holte einen Spielstein heraus. Alle schauten ihn sich an und sahen, daß eine Päonienblüte darauf gemalt war. Darunter stand „Durch üppige Schönheit die Erste unter den Blumen.“ Und in kleineren Schriftzeichen war eine Zeile aus einem Tang-Gedicht eingekerbt: „Gefühllos zwar, und doch rührt sie den Menschen.“[5] Die Anweisung lautete: „Jeder leert seinen Becher. Da dies die Königin der Blumen ist, kann sie nach Belieben jemanden bestimmen, der ein Lied oder ein Gedicht vortragen muß, um die Stimmung zu heben.“ Als das verlesen war, hieß es: „Wie sich das trifft! Eine Päonienblüte paßt am besten zu dir.“ Und damit tranken sie ihr zu. Nachdem auch Bau-tschai getrunken hatte, ordnete sie lächelnd an: „Fang-guan soll uns ein Lied singen!“ „Gut, aber zuvor muß jeder noch einen Becher trinken, damit er besser zuhören kann“, verlangte Fang-guan. Als alle getrunken hatten, begann sie: „Welch schöner Platz, den Geburtstag zu feiern...“ „Halt!“ riefen alle dazwischen. „Du mußt ihm nicht noch einmal gratulieren, sing uns das schönste Lied, das du kennst!“ So blieb Fang-guan keine andere Wahl, und mit feiner Stimme sang sie: „Mit einem Besen aus Phönixfedern[6]

feg ich Blüten vor der Heiligen Tor.
Schau nur, Jadestaub wirbelt im Winde.
Doch selbst die Abendwolken, die hohen,
steigen zu unserer Schwelle nicht auf.
Sei auf der Hut vor dem Gelben Drachen,
kehr auch nicht ein bei dem gastfreien Wirt,
denk nur stets an die himmlischen Fluren!
Ach, Dung-bin!
Nicht für ewig am Tor möchte ich stehen,
mich zu vertreten, bring jemand herbei!“

Während Bau-yü auf den Gesang hörte und Fang-guan ansah, hielt er den Spielstein in der Hand und wiederholte still für sich die Zeile „Gefühllos zwar, und doch rührt sie den Menschen.“ Dann aber nahm ihm Hsiang-yün den Stein weg und warf ihn Bau-tschai zu, die mit den Würfeln sechzehn Augen erzielte und beim Abzählen auf Tan-tschun kam. „Was werde ich wohl bekommen?“ sagte Tan-tschun lächelnd, griff in den Bambuszylinder und nahm einen Spielstein heraus. Aber kaum hatte sie ihn angesehen, warf sie ihn errötend auf den Boden und sagte lächelnd: „Das taugt nichts! Wozu spielen wir überhaupt dieses Spiel? Das könnnen die Männer draußen spielen, es steht lauter Unsinn darauf.“ Niemand verstand, was sie meinte, bis Hsi-jën den Spielstein rasch aufhob und alle sahen, daß ein Zweig Aprikosenblüten darauf abgebildet war, unter dem in roten Schriftzeichen geschrieben stand „Götterblüten vom himmlischen Jadeteich.“[7] Die Gedichtzeile war: „Die feurige Sonne schwebt über rosigen Blüten.“[8] Die Anweisung aber besagte: „Wer diesen Stein zieht, bekommt einen vornehmen Mann. Alle trinken ihr zu, um sie zu beglückwünschen, dann trinken alle zusammen einen weiteren Becher.“ „Das war alles?“ fragten die anderen lachend. „Aber es ist doch ein Spiel für Mädchen, und wenn auch zwei, drei Steine wie dieser dabei sind, ist doch nichts Anstößiges daran. Es gibt also keinen Hinderungsgrund. Eine kaiserliche Nebenfrau haben wir schon in der Familie, wirst du vielleicht die nächste sein? Herzlichen Glückwunsch! Herzlichen Glückwunsch!“ Alle tranken ihr zu, Tan-tschun aber wollte nicht mithalten, und so mußten ihr Hsiang-yün, Hsiang-ling und Li Wan den Wein mit Gewalt einflößen. Tan-tschun verlangte nach wie vor, das Spiel aufzugeben und ein anderes zu spielen, aber damit waren die übrigen durchaus nicht einverstanden. Deshalb griff Hsiang-yün nach Tan-tschuns Hand und zwang sie, die Würfel zu schütteln. Das Ergebnis waren neunzehn Augen, und das bedeutete, daß diesmal Li Wan an der Reihe war. Li Wan schüttelte also den Bambuszylinder und holte einen Spielstein heraus. Sie warf einen Blick darauf, dann sagte sie strahlend: „Ausgezeichnet! Schaut euch das nur an, das Ding ist gar nicht so verkehrt!“ Alle sahen sich den Spielstein an und fanden darauf den blühenden Ast eines alten Pflaumbaums und das Motto „Kalte Pracht am frostigen Morgen.“ Die Gedichtzeile hieß: „Strohhütte und Bambuszaun sind all ihr Begehren.“[9] Die Anweisung verlangte: „Allein einen Becher trinken, die nächste muß würfeln.“ „Das ist gut so“, sagte Li Wan lächelnd. „Würfelt ihr nur, was ihr wollt, während ich in Ruhe meinen Wein trinke!“ Mit diesen Worten griff sie nach ihrem Becher, während sie das Kästchen mit den Würfeln an Dai-yü weiterreichte. Dai-yü warf achtzehn Augen, was ergab, daß Hsiang-yün an die Reihe kam. Hsiang-yün schlug ihren Ärmel zurück, faßte in den Bambuszylinder und griff einen Spielstein heraus. Alle sahen ihn sich an und erblickten darauf einen blühenden Zierapfelzweig mit der Inschrift „Tief versunken in duftigen Schlaf.“ Die Gedichtzeile lautete: „Spät ist die Nacht, die Blüten schlafen wohl schon.“[10] „Statt ‚spät ist die Nacht‘ sollte es besser heißen ‚kalt ist der Stein‘“, sagte Dai-yü lächelnd. Alle begriffen, daß sie darauf anspielte, wie Hsiang-yün am Tage betrunken eingeschlafen war, und lachten. Hsiang-yün aber lachte ebenfalls, wies auf das mechanische Bootsmodell und sagte zu Dai-yü: „Du steig in das Boot und fahr nach Hause, anstatt Unsinn zu schwatzen!“ Auch darüber lachten die anderen nicht weniger. Dann lasen sie die Anweisung auf dem Spielstein: „Da es heißt, sie sei tief versunken in duftigen Schlaf, kann diejenige, die diesen Stein gezogen hat, nicht gut trinken. Statt dessen trinken die Nachbarn zur Rechten und Linken.“ „Buddha Amitabha, das ist ein guter Stein!“ sagte Hsiang-yün und klatschte vor Freude in die Hände. Ihre Nachbarn waren niemand anders als Dai-yü und Bau-yü. Man füllte ihnen die Becher, und sie mußten trinken. Bau-yü leerte seinen Becher jedoch nur zur Hälfte, dann reichte er ihn in einem unbeobachteten Augenblick Fang-guan, die ihn in einem Zug austrank. Dai-yü dagegen entleerte ihren Wein, während sie angeregt plauderte, in eine Mundspülschale. Als Hsiang-yün nun würfelte, warf sie neun Augen, und dadurch mußte als Nächste Schë-yüä einen Spielstein ziehen. Als sie ihn in der Hand hielt und alle darauf schauten, sahen sie einen blühenden Rosenzweig und die Inschrift „Schönheit in höchster Vollendung.“ Die Gedichtzeile lautete: „Die Rosenblüte bringt der Frühlingsblumen Ende.“[11] Die Anweisung verlangte: „Jeder Anwesende trinkt drei Becher, um den Frühling zu verabschieden.“ „Wie ist das zu verstehen?“ fragte Schë-yüä. Aber mit schmerzlich verzogenen Brauen verbarg Bau-yü den Spielstein und sagte nur: „Also trinken wir!“ Jeder trank drei Schlucke, um die geforderten drei Becher anzudeuten, dann würfelte Schë-yüä neunzehn Augen, und ausgezählt wurde Hsiang-ling. Hsiang-ling zog das Bild einer Doppelblüte an einem Stengel und das Motto „Gemeinsamer Frühling, glückliches Omen.“ Die Gedichtzeile dazu hieß: „Gemeinsamem Zweig sind die Blüten entsprossen.“[12] Die Anweisung besagte: „Von allen beglückwünscht, muß diejenige, die den Stein gezogen hat, drei Becher trinken, alle anderen trinken zur Gesellschaft einen Becher mit.“ Dann würfelte Hsiang-ling sechs Augen, und Dai-yü war an der Reihe. „Wird noch ein guter Stein für mich darunter sein?“ fragte sie sich im stillen, und mit diesem Gedanken faßte sie in den Bambuszylinder, griff einen Spielstein heraus und entdeckte darauf eine Hibiskusblüte mit dem Motto „Stummer Gram in Wind und Tau.“ Die zugehörige Gedichtzeile war: „Groll nicht dem Ostwind, beklag nur dich selbst.“[13] Die Anweisung schrieb vor: „Den eigenen Becher leeren, die Päonienblüte trinkt zur Gesellschaft mit.“ „Das paßt bestens!“ sagten alle mit lächelnder Miene. „Wer sonst entspräche der Hibiskusblüte?!“ Auch Dai-yü selbst lächelte froh und trank ihren Wein. Dann würfelte sie, und durch die zwanzig Augen, die sie warf, kam die Reihe diesmal an Hsi-jën. Hsi-jën zog einen Spielstein, und er zeigte einen blühenden Pfirsichzweig, dazu das Motto „Wu-ling – eine andere Welt.“[14] Als Gedichtzeile stand da: „Pfirsichblüten bringen eines neuen Jahres Lenz.“[15] Die Anweisung bestimmte: „Die Aprikosenblüte trinkt einen Becher zur Gesellschaft mit, desgleichen, wer von den Anwesenden im selben Jahr geboren ist, wer am selben Tag geboren ist und wer denselben Familiennamen trägt.“ „Jetzt wird es lebhaft und interessant“, sagten die anderen lächelnd. Dann stellten sie fest, daß Hsiang-ling, Tjing-wën und Bau-tschai im selben Jahr wie Hsi-jën geboren waren und Dai-yü am selben Tag, nur jemand mit demselben Familiennamen fanden sie nicht, bis Fang-guan erklärte: „Mein Familienname ist Hua, ich muß mittrinken.“ Als frischer Wein eingegossen war, wandte sich Dai-yü an Tan-tschun und forderte sie lächelnd auf: „Trink, Aprikosenblüte, wie es die Anweisung verlangt, du Braut eines vornehmen Mannes, damit auch wir trinken können!“ „Sei nicht so frech!“ wehrte Tan-tschun sich lächelnd. „Gib ihr eins auf den Mund, Schwägerin!“ „Sie bekommt schon keinen vornehmen Mann, und da soll ich sie noch schlagen? Das bringe ich nicht fertig“, sträubte Li Wan sich lächelnd und rief damit eine neue Lachsalve hervor. Eben wollte nun Hsi-jën würfeln, da hörten sie, daß am Tor jemand rief. Als die alten Sklavinnen rasch hinausgingen, um nachzufragen, erwies sich, daß Tante Hsüä eine Botin geschickt hatte, um Dai-yü abzuholen. „Wie spät ist es denn?“ fragten nun alle, und jemand gab Auskunft: „Die zweite Nachtwache ist vorüber, die Uhr hat elf geschlagen.“ Bau-yü wollte es nicht glauben und ließ sich seine Taschenuhr reichen, aber als er darauf schaute, wiesen die Zeiger schon auf zehn Minuten nach elf. „Ich kann auch nicht mehr“, erklärte Dai-yü und stand auf. „Wenn ich zu Hause bin, muß ich noch meine Medizin einnehmen.“ Während die meisten anderen nun ebenfalls sagten, es sei Zeit auseinanderzugehen, verlangten Hsi-jën und Bau-yü, sie sollten noch bleiben. Aber Li Wan und Bau-tschai erklärten: „Es ist schon gar zu spät, schon jetzt haben wir die üblichen Regeln durchbrochen.“ „Dann muß jede noch einen Becher zum Abschied trinken!“ forderte Hsi-jën. Und schon goß Tjing-wën noch einmal ein. Alle tranken, dann befahlen sie, die Laternen anzuzünden, und Hsi-jën begleitete die Gäste bis über das Wasser am Duftgetränkten Pavillon. Als sie zurückkam, ließ sie das Hoftor wieder verschließen, dann nahmen sie noch einmal das Trinkspiel auf. Zugleich füllte Hsi-jën einige große Becher mit Wein und stellte ein paar Teller mit Naschwerk zusammen, damit auch die alten Sklavenfrauen ihren Anteil bekamen. Schon zu drei Zehnteln betrunken, machten sie sich sodann ans Faustraten[16] und ließen jeden Verlierer ein Liedchen singen. Da die alten Frauen aber nicht nur tranken, was man ihnen gegeben hatte, sondern sich auch heimlich selbst versorgten, war der große tönerne Weinbehälter in der vierten Nachtwache leer. Alle waren zwar darüber verwundert, aber sie räumten auf, wuschen sich die Hände, spülten sich den Mund und gingen schlafen. Fang-guan hatte so viel getrunken, daß ihre Wangen glühten wie rot geschminkt, auch der Ausdruck ihrer Augen hatte an Liebreiz beträchtlich gewonnen. Unfähig, sich noch länger aufrecht zu halten, lehnte sie sich im Einschlafen an Hsi-jën und klagte nur noch: „Schwester, mein Herz klopft so wild!“ „Warum mußtest du auch so viel trinken, bis nichts mehr hineinging!“ sagte Hsi-jën und lächelte. Auch für Tschun-yän und Sï-örl war es zuviel gewesen war, so daß sie an Ort und Stelle vom Schlaf übermannt worden waren. Tjing-wën versuchte, sie wachzurufen, aber Bau-yü redete ihr zu: „Laß sie doch! Wir schlafen ein bißchen, so gut es eben geht!“ Damit legte er seinen Kopf auf das Kissen mit den Blütenblättern und streckte sich aus, und schon war auch er eingeschlafen. Hsi-jën hatte Angst, Fang-guan werde sich übergeben müssen, wenn man sie weckte, darum stand sie vorsichtig auf, bettete Fang-guan neben Bau-yü und ließ sie schlafen. Sie selbst ließ sich gegenüber auf die Ruhebank sinken. Dann schliefen alle in süßer Betäubung, ohne zu merken, was weiter geschah. Als Hsi-jën am nächsten Morgen die Augen aufschlug, sah sie, daß es schon heller Tag war. „Ist das aber spät!“ rief sie aus. Als sie nach dem Ofenbett blickte, lag Fang-guan mit dem Kopf dicht am Bettrand und schlief offenbar noch. Rasch stand Hsi-jën auf und rief sie an. Bau-yü, der ebenfalls wach wurde, drehte sich auf die andere Seite und fragte lächelnd: „So spät ist es schon?“ Dann stieß er Fang-guan an, damit sie aufstand. Fang-guan setzte sich im Bett auf und rieb sich verwundert die Augen. „Schämst du dich nicht?“ fragte Hsi-jën lächelnd. „So betrunken warst du, daß du dich einfach schlafen gelegt hast, ohne zu wissen, wo du bist.“ Jetzt erst sah Fang-guan sich um und entdeckte, daß sie mit Bau-yü auf demselben Bett geschlafen hatte. Lachend sprang sie auf den Boden und fragte: „Warum habe ich davon nichts gewußt?“ „Ich habe es auch nicht gewußt, sonst hätte ich dir das Gesicht mit schwarzer Tusche bemalt“, sagte Bau-yü lächelnd. Bei diesen Worten kamen die anderen Sklavenmädchen herein, um Bau-yü beim Waschen und Frisieren aufzuwarten. „Gestern bin ich euch zur Last gefallen, heute lade ich euch meinerseits ein“, sagte Bau-yü fröhlich. „Laß gut sein!“ wehrte Hsi-jën lächelnd ab, „wir können uns heute nicht noch einmal so aufführen, sonst gibt es Gerede.“ „Wovor hast du Angst?“ fragte Bau-yü. „Was sind schon zwei Mal? Aber wir müssen ganz schön trinken können, daß wir diesen Behälter leer gemacht haben. Schade nur, daß der Wein alle war, als es eben am schönsten war!“ „So war es genau richtig“, widersprach Hsi-jën lächelnd. „Wäre uns nicht auf dem Höhepunkt der Wein ausgegangen, wäre der Nachgeschmack heute ein anderer. Aber gestern waren alle so schön in Stimmung, selbst Tjing-wën hatte ihre Scheu überwunden. Ich kann mich erinnern, daß sie gesungen hat.“ „Und daß du selbst gesungen hast, hast du wohl vergessen, Schwester?“ fragte Sï-örl lächelnd. „Jeder am Tisch hat gesungen.“ Errötend schlugen alle die Hände vors Gesicht und lachten ohne Ende, bis plötzlich Ping-örl in den Raum trat und gutgelaunt sagte: „Ich bin extra gekommen, um allen, die gestern dabei waren, für heute eine Gegeneinladung auszusprechen. Es darf keiner fehlen.“ Rasch bot man ihr einen Platz an und goß ihr Tee ein. „Schade, daß sie gestern nacht nicht mit von der Partie gewesen ist“, bedauerte Tjing-wën. „Was habt ihr denn getrieben?“ erkundigte Ping-örl sich sofort. „Das können wir dir nicht erzählen“, nahm Hsi-jën das Wort, „aber es ist hoch hergegangen. Selbst die Feste, die die alte gnädige Frau und die gnädige Frau für uns alle gegeben haben, waren nichts gegen gestern nacht. Den ganzen Weinbehälter haben wir leer gemacht. Alle haben wir so getrunken, daß wir keine Hemmungen mehr hatten, und ehe man sich‘s versah, haben wir alle gesungen. Erst in der vierten Nachtwache haben wir uns endlich hingelegt, wie es gerade kam, und ein bißchen geschlafen.“ Lächelnd beschwerte sich Ping-örl: „Erst laßt ihr euch einfach den Wein von mir geben und ladet mich nicht einmal ein, und dann erzählt ihr mir noch, wie schön es war, um mich zu ärgern!“ „Heute gibt er uns ein Fest, bestimmt wirst du auch eingeladen. Wart es nur ab!“ tröstete Tjing-wën. „Wer ist ‚er‘? Zu wem sagst du ‚er‘?“ fragte Ping-örl lächelnd. Ebenfalls lächelnd, gab Tjing-wën ihr einen Klaps und sagte: „Mußt du so scharfe Ohren haben und alles so genau verstehen?“ „Ich habe noch etwas zu tun und muß jetzt gehen, deshalb kann ich mich vorerst nicht weiter mit dir befassen“, sagte Ping-örl. „Nachher schicke ich jemand, um euch zu holen. Und wenn auch nur eine fehlt, komme ich selbst und schlage euch die Tür ein.“ Bau-yü machte noch Anstalten, Ping-örl zurückzuhalten, aber schon war sie gegangen. Also frisierte und wusch er sich und trank dann Tee. Dabei fiel sein Blick auf ein Blatt Papier, das unter seinem Tuschereibstein klemmte. „Es ist nicht schön von euch, alle möglichen Zettel hier abzulegen“, tadelte er. „Was ist?“ fragten Hsi-jën und Tjing-wën sogleich. „Hat wieder einmal jemand etwas falsch gemacht?“ „Was klemmt da unter dem Tuschereibstein?“ fragte Bau-yü. „Bestimmt hat wieder eine von euch vergessen, ihr Stickmuster wegzulegen.“ Als Tjing-wën den Tuschereibstein eilig hochnahm und das Papier aufhob, erwies es sich als ein beschriebener Bogen. Sie reichte ihn Bau-yü, und er las: „Miau-yü, der Mensch außerhalb der Schwelle, verneigt sich ergeben, um aus der Ferne einen Geburtstagsgruß zu entbieten.“ Kaum hatte Bau-yü zu Ende gelesen, sprang er hastig auf und fragte: „Wer hat das entgegengenommen, ohne mir einen Ton zu sagen?“ Hsi-jën und Tjing-wën, die aus seinem Benehmen schlossen, daß es der Brief einer gewichtigen Persönlichkeit sein müsse, fragten ihrerseits: „Wer hat gestern einen Brief angenommen?“ Sofort kam Sï-örl hereingestürzt und berichtete lächelnd: „Miau-yü hat den Brief nicht selber gebracht, sondern ein Muttchen damit hergeschickt. Ich habe ihn dort hingelegt und ihn dann über dem Weintrinken vergessen.“ „Und wir dachten wunder von wem der Brief sei, daß du dich so darüber aufregst“, sagten die anderen. „Das ist er doch nicht wert.“ Nichtsdestotrotz befahl Bau-yü: „Holt mir schnell Papier!“ Als das Papier gebracht war, rieb er Tusche an, wußte aber nicht, womit er den Ausdruck „Mensch außerhalb der Schwelle“ in seinem Antwortschreiben passend erwidern sollte. Den Schreibpinsel in der Hand, brütete er lange vor sich hin, ohne daß ihm etwas eingefallen wäre. Dann sagte er sich: „Wenn ich Bau-tschai frage, wird sie mir vorhalten, ich sei wunderlich, darum ist es besser, ich frage Dai-yü!“ Mit diesem Gedanken schob er den Brief in den Ärmel und machte sich auf den Weg zu Dai-yü. Eben war er am Duftgetränkten Pavillon vorüber, da kam ihm schwankenden Schrittes[17] Hsiu-yän entgegen. „Wohin gehst du?“ erkundigte er sich. „Ich bin auf dem Weg zu Miau-yü, um mich mit ihr zu unterhalten“, erwiderte Hsiu-yän. Verwundert sagte Bau-yü: „Miau-yü ist eine Eigenbrötlerin, die sich nicht dem Zeitgeschmack fügt. Von zehntausend Menschen findet kein einziger Gnade in ihren Augen. Wenn du ihre Wertschätzung genießt, mußt du etwas anderes sein als wir profanen Leute.“ „Sie braucht mich nicht unbedingt wirklich zu schätzen“, sagte Hsiu-yän lächelnd. „Wir waren einfach zehn Jahre lang unmittelbare Nachbarn, als sie im Kloster des sich Kräuselnden Weihrauchs ihre Meditationsübungen trieb. Unsere Familie war nämlich arm und wohnte zehn Jahre lang in einem Haus zur Miete, das dem Kloster gehörte. Wenn ich nichts zu tun hatte, ging ich zu Miau-yü ins Kloster und leistete ihr Gesellschaft. Die Schriftzeichen, die ich beherrsche, hat sie mir beigebracht. Wir sind also nicht nur Freunde aus schlechten Zeiten, sie ist auch halb und halb meine Lehrerin. Als wir bei unsern Verwandten Zuflucht suchten, erfuhr ich, sie habe sich hierher gewandt, weil sie sich nicht dem Zeitgeschmack beugen wollte, was ihr von mächtigen Leuten verübelt wurde. Jetzt hat uns das Schicksal wieder zusammengeführt, und unsere Gefühle füreinander sind unverändert. Im Gegenteil, sie ist noch freundlicher zu mir als damals.“ Bau-yü war es bei diesen Worten, als ob ein Blitz aus heiterem Himmel ihn getroffen hätte, und er sagte: „Kein Wunder, daß du in deinem Betragen und deiner Ausdrucksweise so frei bist wie ein wilder Kranich oder eine ziehende Wolke. Das also ist der Grund! Aber ich war gerade unterwegs, um jemand in einer Sache um Rat zu fragen, die Miau-yü betrifft. Daß ich jetzt dich getroffen habe, muß wirklich eine Fügung des Himmels sein, und so will ich mich an dich wenden.“ Mit diesen Worten gab er Hsiu-yän den Glückwunschbrief zu lesen. „Sie kann aus ihrer Haut einfach nicht heraus!“ kommentierte Hsiu-yän mit einem Lächeln. „Diese Unbekümmertheit und Extravaganz sind ihr angeboren. Wo hätte man je gesehen, daß sich jemand in einem Glückwunsch mit seinem Pseudonym bezeichnet. So etwas nennt der Volksmund ‚Nicht Mönch und nicht Laie, weder Mann noch Frau.‘ Was soll das darstellen?“ „Du siehst das nicht richtig“, sagte Bau-yü rasch, „sie steht außerhalb solcher Kategorien. Sie ist ein Mensch, der für gewöhnliche Menschen unbegreiflich ist. Diesen Brief hat sie mir nur geschrieben, weil sie meint, daß ich nicht völlig unwissend sei. Ich weiß jedoch nicht, wie ich den Ausdruck erwidern soll, den sie gebraucht hat. Eben wollte ich Kusine Dai-yü danach fragen, da bin ich dir begegnet.“ Als Hsiu-yän dies gehört hatte, musterte sie Bau-yü aufmerksam von Kopf bis Fuß, dann sagte sie lächelnd: „Kein Wunder, wenn das Sprichwort sagt ‚Jemand von Angesicht zu kennen ist wichtiger, als um seinen Ruf zu wissen.‘ Kein Wunder auch, daß Miau-yü dir diesen Brief geschickt hat. Und kein Wunder schließlich, daß sie dir im vergangenen Jahr die blühenden Aprikosenzweige schenkte. Wenn sie schon so zu dir ist, muß ich dir erst recht erklären, was sie hier meint. Sie sagt oft, es gebe bei den Dichtern der Han- und der Djin-Zeit, der Zeit der Fünf Dynastien sowie der Tang- und der Sung-Zeit keine guten Verse mit Ausnahme von nur zwei Zeilen, nämlich: ‚Und hättest du eiserne Schwellen,[18]

ein Erdhügel ist schließlich dein Los.‘

Deshalb nennt sie sich den ‚Menschen außerhalb der Schwelle‘. Unter den Prosaschriftstellern schätzt sie Dschuang-dsï[19] und nennt sich deshalb manchmal auch den ‚Sonderling‘. Hätte sie sich in ihrem Brief als ‚der Sonderling‘ bezeichnet, dann hättest du ihr als ‚der Weltling‘ antworten können. Denn mit ‚Sonderling‘ will sie sagen, daß sie einsam außerhalb der Menge steht, da würde sie sich freuen, wenn du bescheiden von dir sagst, daß du im Getümmel der Welt stehst. Wenn sie sich jetzt den ‚Menschen außerhalb der Schwelle‘ genannt hat, will sie damit zum Ausdruck bringen, daß sie sich außerhalb dieser ‚eisernen Schwellen‘ bewegt, also nenn du dich nur den ‚Menschen innerhalb der Schwelle‘, dann triffst du ihren Sinn.“ „Ach so!“ rief Bau-yü aus, dem es wie Schuppen von den Augen gefallen war. Dann fuhr er lächelnd fort: „Kein Wunder, daß unser Familientempel ‚Kloster Eiserne Schwelle‘ heißt. Das also ist die Erklärung dafür. Jetzt aber will ich gehen und meine Antwort schreiben!“ Also ging Hsiu-yän weiter zum Kloster Gefangenes Grün, während Bau-yü in seine Räume zurückkehrte und dort auf einen Briefbogen die Zeichen schrieb: ‚Bau-yü, der Mensch innerhalb der Schwelle, verneigt sich ergebenst zum Dank.‘ Diesen Brief trug er eigenhändig zum Kloster Gefangenes Grün und schob ihn dort bescheiden durch den Spalt zwischen den Torflügeln. Als er von dort zurückkam, hatte sich Fang-guan eben frisiert und trug das Haar zu einem Knoten aufgesteckt, den sie mit Blumen und Federschmuck verziert hatte. Sofort befahl Bau-yü ihr, die Frisur zu ändern, und ließ ihr die kürzeren Haare rund um den Kopf abrasieren, so daß die bläulich schimmernde Kopfhaut zu sehen war. Das restliche Haar wurde durch einen deutlichen Mittelscheitel geteilt. „Im Winter“, kündigte er ihr an, „bekommst du eine große Zobelfellmütze, einen ‚Schlafenden Hasen‘, auf den Kopf und an die Füße Kampfstiefelchen mit Tigerkopfkappen und bunten Wolkenmustern. Oder aber du läßt die Hosenbeine lose und trägst weiße Strümpfe und dazu bortierte Schuhe mit dicken Sohlen.“ Dann sagte er: „Der Name Fang-guan gefällt mir nicht, du mußt einen männlichen Namen bekommen, das ist originell!“ Und er änderte ihren Namen in Hsiung-nu – „tapferer Sklave“. Fang-guan war damit sehr zufrieden. „Dann mußt du mich aber auch mitnehmen, wenn du ausreitest“, verlangte sie. „Und wenn jemand fragt, wer ich bin, sagst du, ich sei einer deiner Knaben, wie Ming-yän.“ „Aber man sieht dir doch an, was du bist“, wandte Bau-yü lächelnd ein. „Also du bist aber auch wirklich einfallslos“, sagte Fang-guan und lächelte ebenfalls. „Es leben doch genug Angehörige von Reiterstämmen mit ihren Familien hier bei uns. Du sagst einfach, ich sei einer von ihnen. Zumal alle sagen, ich sähe hübsch aus, wenn ich mir Zöpfe flechte. Ist das nicht eine gute Idee?“ „Das ist sogar ausgezeichnet!“ lobte Bau-yü hocherfreut. „Ich habe auch schon oft gesehen, daß Beamte ausländische Kriegsgefangene in ihrem Gefolge haben. Sie sind geschätzt, weil sie Wind und Frost nicht fürchten und gute Reiter sind. Aber dann mußt du auch einen enstprechenden Namen haben. Ich werde dich Yä-lü Hsiung-nu[20] nennen. Hsiung-nu klingt überhaupt genauso wie der Stammesname der Hsiung-nu, der Hunnen. Auch die Tjüan-jung-Barbaren trugen solche Namen. Diese beiden Stämme waren schon zu Zeiten von Yau und Schun[21] eine Bedrohung für China, besonders unter der Djin- und der Tang-Dynastie hat unser Land schwer unter ihnen gelitten. Wir dagegen sind so glücklich, in der Zeit des heute regierenden Kaisers zu leben, der ein direkter Nachfahre des Großen Schun ist. Seine Tüchtigkeit, Tugend, Menschlichkeit und Sohnesliebe erstrahlen bis zum Himmel, und seine Herrschaft ist unvergänglich wie Himmel und Erde, Sonne und Mond. Deshalb braucht man heute nicht mit Schild und Lanze gegen die Bösewichter zu ziehen, die sich unter so vielen Dynastien aufrührerisch und zügellos gebärdet haben, sie kommen vielmehr auf Geheiß des Himmels mit erhobenen Händen und gesenktem Kopf aus der Ferne herbei, um sich zu unterwerfen. Es ist nur zu richtig, sie zu demütigen, um den Ruhm unseres Herrschers zu mehren.“ „Da solltest du dich im Bogenschießen und Reiten üben und ein wenig die Kriegskunst studieren, um dann mutig auszuziehen und ein paar Aufrührer zu fangen“, hielt ihm Fang-guan lächelnd entgegen. „Könntest du damit nicht deine Untertanentreue und deine Einsatzbereitschaft unter Beweis stellen? Warum mußt du dich statt dessen unserer bedienen und dabei großartig den Mund aufreißen, obwohl es nur Spiel und Belustigung für dich ist, wenn du auch sagst, du wolltest damit die Verdienste und die Tugenden des Herrschers preisen?“ „Du verstehst das eben nicht“, belehrte Bau-yü sie lächelnd. „Heute sind die Anwohner der Vier Meere gehorsam, und in allen acht Richtungen herrscht Frieden, für Jahrhunderte und Jahrtausende können die Waffen schweigen. Deshalb müssen wir den Herrscher preisen, auch wenn es nur bei Scherz und Spiel ist, um so zu zeigen, daß wir es zu würdigen wissen, wenn wir den Frieden billig genießen dürfen.“ Fang-guan fand es vernünftig, was er gesagt hatte, und da sie es beide für richtig und angemessen hielten, nannte Bau-yü sie nun Yä-lü Hsiung-nu. Dabei gab es in den beiden Anwesen der Djias wirklich Leute, die seinerzeit von Bau-yüs Vorfahren in Gefangenschaft genommen und ihnen deshalb als Sklaven geschenkt worden waren. Aber sie wurden nur als Pferdeknechte gebraucht, weiter waren sie zu nichts nütze. Als Hsiang-yün, die selbst eine starke Vorliebe für törichte Spiele hatte und sich gern militärisch herausstaffierte, indem sie einen Phönixgürtel anlegte und umgeschlagene Manschetten trug, jetzt sah, wie Fang-guan von Bau-yü als Junge gekleidet wurde, zog sie ihre Kuee-guan ebenfalls wie einen Sklavenjungen an. Da Kuee-guan ihr Haar ohnehin kurz getragen hatte, weil sie so während ihrer Schauspielerzeit leichter Maske machen konnte, und überdies sehr behende war, fiel die Verwandlung nicht schwer. Selbst Li Wan und Tan-tschun fanden Gefallen an der Sache und veranlaßten Bau-tjin, daß sie aus ihrer Dou-guan ebenfalls einen Knaben machte. Mit zwei Haarknoten auf dem Kopf, in einer kurzen Jacke und mit roten Schuhen fehlte ihr nur die Schminke im Gesicht, um wie ein Dienerknabe auf der Bühne auszusehen, der seinem Herrn die Zither nachträgt. Kuee-guans Namen änderte Hsiang-yün in Da-ying – „großer Held“ –, und da ihr Familienname Wee lautete, gab sie sich mit keiner anderen Anrede als Wee Da-ying – „Nur ein großer Held“ – für sie zufrieden, wobei sie an die Zeile dachte: „Nur ein großer Held vermag der eignen Farbe treu zu bleiben.“ Muß man denn zu Schminke und Puder greifen, um als Mann zu gelten? wollte sie damit sagen. Dou-guan trug ihren Namen, weil sie nach Wuchs und Jahren noch sehr klein und dabei quicklebendig war. Im Garten wurde sie A-dou oder Miau-dou-dsï – „die niedliche Erbse“ – gerufen. Da Bau-tjin fand, solche Namen wie Tjin-tung – „Zitherknabe“ – und Schu-tung – „Bücherknabe“ – seien zu geläufig, Dou – „Erbse“ – dagegen sei etwas Originelles, änderte sie den Namen in Dou-tung – „Erbsenknabe“. Nach dem Essen gab Ping-örl ihr Dankgelage, und da es ihr im Garten der Roten Düfte zu heiß war, hatte sie in der Halle im Ulmenschatten die Tische decken lassen. Zur allgemeinen Freude brachte Frau You die beiden Nebenfrauen Pee-fëng und Hsiä-yüan mit, um sie am Vergnügen teilhaben zu lassen. Beide waren sie jung und lieblich-unbekümmert und kamen nur selten ins Jung-guo-Anwesen herüber. Als sie heute in den Garten kamen und hier mit Hsiang-yün, Hsiang-ling, Fang-guan, Juee-guan und all den anderen zusammentrafen, konnte man wirklich sagen „Gleich und gleich gesellt sich gern.“ Da war des Lachens und Schwatzens kein Ende, und anstatt sich um Frau You zu kümmern, überließen sie dies den Sklavenmädchen, während sie selbst sich mit den anderen die Zeit vertrieben. Als sie dabei auch in den Hof der Freude am Roten kamen, hörten sie, wie Bau-yü nach Yä-lü Hsiung-nu rief. Darüber brachen Pee-fëng, Hsiä-yüan und Hsiang-ling in Lachen aus, fragten, was das für eine Sprache sei, und versuchten anschließend, den Namen nachzusprechen. Aber mal verhedderten sie sich dabei, mal vergaßen sie eine Silbe davon, und das trieben sie so lange, bis sie schließlich Yä-lü-dsï – „Wildesel“ – daraus gemacht hatten, worüber sich jedermann, der es hörte, vor Lachen ausschütten wollte. Als Bau-yü sah, wie alle ihren Scherz damit trieben, befürchtete er, Fang-guan würde sich dadurch erniedrigt fühlen, deshalb sagte er rasch: „Wie ich gehört habe, gibt es westlich des Ozeans, in Frankreich, ein Glas mit gol- goldenen Sternchen darin. Dieses Goldsternglas wird in der einheimischen Barbarensprache Venturina[22] genannt. Was meinst du, wollen wir daraus einen Vergleich ableiten und dich in Venturina umbenennen?“ „Einverstanden!“ sagte Fang-guan, der dies noch besser gefiel, und damit war ihr Name erneut geändert. Die anderen aber, denen das Wort zu zungenbrecherisch war, übersetzten es sich ins Chinesische und nannten sie Bo-li – „Glas“. Doch genug jetzt der müßigen Worte, besser sollte davon erzählt werden, wie man sich in der Halle im Ulmenschatten bei dem, was sich ein Weingelage nennt, vergnügte. Eine Geschichtenerzählerin mußte die Trommel schlagen, und die zwanzig Tischgäste ließen dabei eine Päonienblüte von Hand zu Hand gehen, die Ping-örl gepflückt hatte. Das war ihr Trinkspiel. Als sie sich damit einige Zeit unterhalten hatten, wurde gemeldet: „Es sind zwei Frauen aus dem Hause der Dschëns mit Geschenken da.“ Während Tan-tschun mit Li Wan und Frau You in die „Palaverhalle“ ging, um die Botinnen zu empfangen, verließ der Rest der Gesellschaft die Tafel, um sich ein wenig die Beine zu vertreten. Pee-fëng und Hsiä-yüan wollten auf der Schaukel schwingen, und Bau-yü erbot sich: „Stellt euch beide darauf, ich schiebe euch an!“ „Nicht doch!“ lehnte Pee-fëng erschrocken ab, „willst du uns Ärger bereiten? Sag lieber deinem Wildesel, sie soll uns anschieben!“ „Laß doch bitte diesen Scherz, liebe Schwester!“ bat Bau-yü sofort. „Wenn die andern das hören, werden sie es euch nachmachen und ihren Schimpf mit ihr treiben.“ Hsiä-yüan aber warnte: „Wie willst du schaukeln, wenn du so lachst? Wenn du herunterfällst, zerbrichst du, und das Eigelb läuft aus!“ Nun ging Pee-fëng auf sie los, um sie zu schlagen, und der Spaß und das Lachen wollten nicht enden. Plötzlich aber stürzten Hals über Kopf ein paar Leute aus dem Ning-guo-Anwesen herbei und meldeten: „Der alte gnädige Herr ist in den Himmel eingegangen.“ Alle fuhren erschrocken zusammen und fragten bestürzt: „Wie kann er plötzlich tot sein, wo er doch eben noch gesund war?“ „Der alte gnädige Herr hat Tag für Tag Elixiere gebraut, seine Bemühungen werden sicher Erfolg gehabt haben, so daß er ist unter die Unsterblichen entrückt ist“, antworteten die Leute vom Gesinde. Als Frau You die Nachricht erfuhr, geriet sie unwillkürlich in Verwirrung, waren doch weder Djia Dschën und ihr Sohn noch Djia Liän zu Hause, so daß vorübergehend kein einziger Mann da war, auf den sie sich hätte stützen können. Deshalb konnte sie nichts anderes tun, als rasch ihren Schmuck abzulegen und sofort jemanden ins Kloster der Dunklen Wahrheit zu schicken, um dort alle Mönche einzusperren, bis ihr Mann wieder da war, um sie zu verhören. Dann bestieg sie eilig einen Wagen und begab sich mit Lai Schëngs Frau und anderen alten Verwalterinnen vor die Stadt. Zugleich ließ sie Ärzte kommen, um feststellen zu lassen, woran Djia Djing gestorben war. Aber wie sollten sie eine Pulsdiagnose stellen, wenn der Patient schon tot war?! Sie wußten jedoch, daß die Atemübungen, die er getrieben hatte, Unfug waren, und daß er in seinem Irrglauben so weit gegangen war, die Sterne anzubeten, Nachtwachen zu halten und Zinnoberpräparate einzunehmen, was seinen Körper und seinen Geist überanstrengen und endlich zum Tode führen mußte. Obwohl er tot war, fühlte sich seine Bauchdecke hart wie Eisen an, sein Gesicht aber, und besonders die Lippen, waren von rotvioletter Färbung, gekräuselt und gesprungen. Also verkündeten sie den Verwalterfrauen: „Er ist gestorben, weil er sich mit seinen dauistischen Wunderdrogen die Eingeweide verbrannt hat.“ Hastig berichteten auch die Dauisten: „Der gnädige Herr hat sich mit einem Elixier umgebracht, das er nach einem Geheimrezept neu zusammengestellt hatte. Wir warnten ihn davor, es einzunehmen, solange er nicht durch Taten und Tugend zur Genüge darauf vorbereitet sei, wider Erwarten hat er jedoch heute nacht heimlich davon genommen, während er seine Nachtwache hielt, und ist unter die Unsterblichen aufgestiegen. Wahrscheinlich hat er auf Grund seiner aufrichtigen Ergebenheit den rechten Weg erlangt und ist so dem Meer des Kummers entronnen, hat seine irdische Hülle abgestreift und kann jetzt selbst über sich gebieten.“ Frau You ging nicht darauf ein und befahl, man solle die Mönche so lange hinter Schloß und Riegel halten, bis Djia Dschën sie wieder freilassen würde. Dann schickte sie Eilboten mit der Nachricht auf den Weg. Da es im Kloster der Dunklen Wahrheit zu eng war, um den Toten aufzubahren, und der Leichnam genausowenig in die Stadt gebracht werden konnte, ließ sie ihn eiligst einkleiden und dann in einer Sänfte in das Kloster Eiserne Schwelle tragen, um ihn dort aufzubahren. An den Fingern zählte sie ab, daß es bis zur Rückkehr von Djia Dschën mindestens einen halben Monat dauern würde, und da das Wetter schon sengend heiß war, so daß man unmöglich so lange warten konnte, traf sie von sich aus die Entscheidung, durch einen Astrologen einen Tag auswählen zu lassen, um den Toten einzusargen. Der Sarg war schon seit Jahren vorbereitet gewesen und hatte im Kloster Eiserne Schwelle bereitgestanden, was sich als sehr praktisch erwies. Drei Tage später sollte die Trauerzeit beginnen. Gleichzeitig ließ sie, während noch auf Djia Dschën gewartet wurde, durch buddhistische und dauistische Mönche die Totenmessen lesen. Im Jung-guo-Anwesen konnte Hsi-fëng ihre Räume nicht verlassen, Li Wan mußte sich um die Mädchen kümmern, und Bau-yü hatte von praktischen Dingen keine Ahnung. So mußten alle Angelegenheiten der äußeren Haushaltsführung vorübergehend zweitrangigen Verwaltern übertragen werden. Auch Djia Biän, Djia Guang, Djia Hung, Djia Ying, Djia Tschang und Djia Ling bekamen jeder seine Aufgaben. Da Frau You nicht nach Hause zurückkehren konnte, ließ sie ihre Stiefmutter holen und bat sie, einstweilen im Ning-guo-Anwesen dem Haushalt vorzustehen. Die Stiefmutter aber gab sich erst zufrieden, als sie auch ihre beiden unverheirateten Töchter mitbringen durfte. Als Djia Dschën die Trauerbotschaft empfangen hatte, bat er sofort um Urlaub, denn er sowohl wie Djia Jung hatten jeder sein Amt. Nun wußten die Beamten des Zeremonialministeriums zwar, welch große Bedeutung der regierende Kaiser den Prinzipien der Kindes- und der Bruderliebe beimaß, aber sie wagten nicht, eine eigenmächtige Entscheidung zu treffen, und baten deshalb in einem Thronbericht um Befehle. Der Himmelssohn in seiner unübertroffenen Menschlichkeit und Sohnesliebe, der die Nachkommen verdienter Beamter stets mit größter Wertschätzung bedachte, erkundigte sich nach der Lektüre des Thronberichts sogleich, welchen Posten Djia Djing bekleidet habe. Das Zeremonialministerium antwortete, Djia Djing habe die Staatsprüfungen als Djin-schï bestanden, der Titel seiner Vorfahren aber sei bereits seinem Sohn Djia Dschën übertragen worden. Auf Grund seines fortgeschrittenen Alters und seiner zahlreichen Gebrechen habe sich Djia Djing außerhalb der Hauptstadt im Kloster der Dunklen Wahrheit der Ruhe hingegeben, wo er jetzt einer Krankheit erlegen sei. Sein Sohn Dschën und sein Enkel Jung befänden sich im Trauerzug anläßlich des Staatsbegräbnisses und bäten jetzt um Urlaub, um an Djia Djings Sarg eilen zu können. Gleich nachdem er dies erfahren hatte, ließ der Himmelssohn ein außerordentliches Gnadendekret ergehen, in dem es hieß: „Obschon Djia Djing kein Amt bekleidete und somit vor dem Staat keinerlei Verdienste hat, wird er in Ansehung der Meriten seines Großvaters postum mit der fünften Rangklasse ausgezeichnet. Sein Sohn und sein Enkel sollen seinen Sarg durch das untere Nordtor in die Hauptstadt geleiten, um den Toten in ihrem Privatanwesen aufzubahren. Nach Abschluß des Trauerzeremoniells sollen sie den Sarg in den Heimatort der Familie überführen. Das Amt für Opfergaben, Speisen und Bankette soll das Opfer für höhere Staatsbeamte gewähren. Jedem am Hof, vom Prinzen und Herzog an abwärts, ist es gestattet zu kondolieren. Dies ist Unser kaiserlicher Wille.“ Dieses Dekret rief nicht nur bei den Djias größte Dankbarkeit hervor, auch die Hofbeamten zollten dem Herrscher nicht enden wollendes höchstes Lob. Djia Dschën und sein Sohn kehrten dann in größter Eile in die Hauptstadt zurück. Dabei trafen sie auf halbem Wege mit Djia Biän und Djia Guang zusammen, die ihnen in Begleitung einiger Knechte pfeilschnell entgegengeritten kamen. Als sie Djia Dschëns ansichtig wurden, ließen sie sich vom Pferd gleiten und entboten ihren Gruß. Sofort fragte Djia Dschën, was sie hier machten. „Die Schwägerin hatte Angst, die alte gnädige Frau würde ohne Begleitung sein, wenn Ihr zurückkommt, darum hat sie uns beide geschickt, um der alten gnädigen Frau das Geleit zu geben“, berichtete Djia Biän. Djia Dschën lobte diese Entscheidung, dann fragte er, welche Schritte zu Hause unternommen worden seien. Also schilderte Djia Biän, wie Frau You die dauistischen Mönche eingesperrt hatte, wie sie den Leichnam in den Familientempel überführen ließ und wie sie, weil nun niemand mehr im Hause war, ihre Stiefmutter mit deren Töchtern in den Haupträumen einquartierte. Als Djia Jung, der ebenfalls aus dem Sattel gestiegen war, hörte, seine beiden Stieftanten seien im Hause, warf er Djia Dschën einen lächelnden Blick zu. Djia Dschën aber sagte nur mehrmals: „Es ist gut so!“ Dann gab er seinem Pferd die Peitsche und ritt weiter. Ohne in Gasthäusern einzukehren, zogen sie, ständig die Pferde wechselnd, Tag und Nacht wie im Flug weiter. Nachdem sie endlich vor den Toren der Hauptstadt waren, eilten sie als Erstes zum Kloster Eiserne Schwelle, wo sie nicht früher als in der vierten Nachtwache ankamen. Als die Wächter sie hörten, weckten sie rasch alle anderen. Inzwischen war Djia Dschën vom Pferd gestiegen und hatte mit Djia Jung zusammen laut zu jammern begonnen. Auf den Knien rutschten sie vom Tempeltor bis vor den Sarg, wo sie mit der Stirn den Boden berührten und blutige Tränen weinten. So gebärdeten sie sich, bis es hell wurde und ihre Kehlen heiser waren. Nachdem sie von Frau You und den anderen begrüßt worden waren, zogen Vater und Sohn die Trauergewänder an, die das Ritual vorschreibt, und warfen sich noch einmal vor dem Sarg auf die Erde. Da aber noch vieles zu regeln war, konnte Djia Dschën nicht einfach Augen und Ohren dagegen verschließen und mußte notgedrungen seinen Kummer etwas zurückdrängen, um allen seine Anweisungen zu erteilen. Zuerst verkündete er den Verwandten und Freunden den Inhalt des kaiserlichen Dekrets, dann schickte er Djia Jung nach Hause, um ihn dort die Vorbereitungen für die Aufbahrung des Toten treffen zu lassen. Danach bedurfte es keines weiteren Wortes, damit Djia Jung sich aufs Pferd schwang und flugs nach Hause ritt. Hier befahl er zunächst, man solle Tische und Stühle aus der vorderen Halle räumen, die Holzblenden entfernen und Trauervorhänge aufhängen, vor dem Tor einen offenen Stand für die Trommler sowie einen Ehrenbogen errichten und so weiter, dann eilte er in die inneren Gemächer, um seine Stiefgroßmutter und die beiden Stieftanten zu begrüßen. Nun war die alte Frau You schon ziemlich bei Jahren und schlief deshalb gern und oft. So auch jetzt, als ihre beiden Töchter mit den Sklavenmädchen bei einer Handarbeit saßen. Als die beiden Schwestern You ihren Stiefneffen hereinkommen sahen, sprachen sie ihm artig ihr Bedauern über den Kummer aus, den er hatte. Djia Jung aber wandte sich lachend an die zweite Schwester You und sagte: „Da bist du ja, Tante! Mein Vater hat schon Sehnsucht nach dir.“ Errötend schimpfte die zweite Schwester You: „Wenn ich dich Bengel nicht alle paar Tage einmal schelte, scheinst du dich nicht wohl zu fühlen. Der Anstand geht dir immer mehr verloren. Dabei bist du ein junger Herr aus guter Familie, liest Tag für Tag Bücher und studierst das Ritual. Aber ein Lümmel aus einfacher Familie benimmt sich besser als du.“ Mit diesen Worten griff sie nach einem Bügeleisen, hielt Djia Jungs Kopf fest und machte Anstalten, ihn zu schlagen. Schützend legte Djia Jung die Arme um den Kopf, ließ sich an die Brust der zweiten Schwester You fallen und bat um Gnade. Nun trat die dritte Schwester You näher, um ihm den Mund zu zerreißen, und sagte dabei: „Warte nur! Wenn deine Mutter wieder zu Hause ist, werden wir ihr alles erzählen!“ Rasch kniete Djia Jung mit lächelnder Miene auf dem Ofenbett nieder und bat erneut um Vergebung. Als die beiden Schwestern darüber lachten, versuchte Djia Jung, der zweiten Schwester You etwas von den Kardamomsamen wegzunehmen, die sie in der Hand hielt, doch sie spuckte ihm einen Mundvoll ausgekauter Kerne mitten ins Gesicht. Er aber, nicht faul, leckte alles mit der Zunge ab und aß es auf. Nun war es selbst den Sklavenmädchen zuviel, und lächelnd hielt eine von ihnen ihm vor: „Ihr seid in tiefer Trauer, dort schläft Eure Großmutter, und die beiden sind schließlich und endlich, auch wenn sie jung sind, Eure Tanten. Schämt Ihr Euch denn gar nicht bei dem Gedanken an Eure Mutter? Wenn der gnädige Herr wieder zu Hause ist, werden wir ihm alles erzählen, und dann geht es Euch schlecht!“ Rasch ließ Djia Jung von den Schwestern You ab, umhalste das Sklavenmädchen, küßte es auf den Mund und sagte: „Du hast ja so recht, mein Herz, meine Leber! Komm, wir wollen den beiden den Mund wäßrig machen!“ Sofort stieß ihn das Sklavenmädchen zurück und schimpfte wütend: „Kurzlebiger Teufel Ihr! Habt Ihr nicht Eure Frau und Eure eigenen Mägde, daß Ihr mit uns Euren Unfug treiben müßt? Wer Bescheid weiß, wird sagen, es ist nur Spaß, aber unter denen, die nicht Bescheid wissen, gibt es Leute genug, die ein schmutziges Herz und faulige Lungen haben und die ihre Nase in alles hineinstecken müssen, um dann müßig die Zunge zu wetzen. Durch deren Geschwätz ist drüben im andern Anwesen schon jedermann der Meinung, bei uns herrschten lose Sitten.“ „Soll nur jeder hübsch vor der eigenen Tür kehren, dann hat er genug zu tun!“ erwiderte Djia Jung lächelnd. „Und hat man nicht sogar die Han- und die Tang-Dynastie „die dreckige Tang und die stinkende Han“ genannt? Warum soll man ausgerechnet uns ungehudelt lassen? Welche Familie hat denn nicht ihre Affären? Wollt ihr mich drängen, davon zu erzählen? So streng auch der alte gnädige Herr drüben ist, an seine jungen Nebenfrauen hat sich Onkel Liän trotzdem herangemacht, und so standhaft Onkel Liäns Frau auch ist, wollte Onkel Juee trotzdem mit ihr ins Bett. Mir kann man nichts vormachen.“ Während er so seinem Mundwerk freien Lauf ließ und allen erdenklichen Unsinn von sich gab, sah er, daß die alte Frau You aus dem Schlaf erwachte. Also entbot er ihr seinen Gruß und fragte nach ihrem Befinden. Dann sagte er: „Es ist lieb von Euch, alte Ahne, daß Ihr Euch diese Mühe macht, und es ist lieb von den beiden Tanten, daß sie diese Last auf sich nehmen! Mein Vater und ich, wir sind Euch zu unendlichem Dank verpflichtet. Wenn die Sache erst vorüber ist, werden wir mit der ganzen Familie zu Euch ins Haus kommen und unsern Stirnaufschlag vor Euch machen.“ Die alte Frau You nickte und sagte: „Was redest du da, mein Junge? Unter Verwandten muß das schon sein!“ Dann fragte sie: „Wie geht es deinem Vater? Wann habt ihr die Nachricht erhalten, und wann seid ihr zurückgekommen?“ „Wir sind eben erst angekommen“, behauptete Djia Jung lächelnd. „Vater hat mich als Erstes hergeschickt, um nach Euch zu sehen und Euch zu bitten, unbedingt so lange hierzubleiben, bis alles erledigt ist.“ Dabei warf er der zweiten Schwester You einen heimlichen Blick zu. Lächelnd murmelte die zweite Schwester You durch die Zähne: „Du glattzüngiger kleiner Affe! Meinst du, wir bleiben hier, um deinen Vater zu bemuttern?“ „Keine Bange!“ sagte Djia Jung im Scherz, „mein Vater macht sich Tag für Tag Gedanken um die beiden Tanten, weil er zwei hübsche, junge, reiche und wohlerzogene Männer für sie finden möchte. All die Jahre hat er vergeblich gesucht, und jetzt auf dem Rückweg hat er einen gefunden.“ „Aus welcher Familie stammt er?“ erkundigte sich die alte Frau You sofort, die ihm ohne weiteres glaubte. Die beiden Schwestern aber legten ihre Handarbeiten beiseite, gingen lächelnd auf Djia Jung los, um ihn zu schlagen, und sagten dabei: „Glaubt nicht diesem Lügner, Mutter! Der Donner soll ihn erschlagen!“ Auch die Sklavenmädchen bekräftigten: „Der Himmel hat Augen! Nehmt Euch vor dem Donner in acht!“ Im selben Augenblick kamen Leute, um zu melden: „Es ist alles fertig, junger Herr! Kommt heraus und seht es Euch an, damit Ihr dem gnädigen Herrn darüber berichten könnt.“ Lachend folgte ihnen Djia Jung nach draußen. Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.

Anmerkungen

  1. Reiswein aus der Stadt Schau-hsing in der Provinz Dschë-djiang, gilt noch heute als beste Sorte.
  2. Grüner Tee aus der Gegend von Pu-örl, Provinz Yün-nan.
  3. Über den Wu-tung-Baum vgl. o., Anm. zu S. 629.
  4. Dieses Porzellan wurde während der Tjing-Zeit in Djing-dë-dschën, Provinz Djiang-hsi, nach dem Muster des Sung-zeitlichen Porzellans aus Ding-dschou gefertigt (vgl. o., Anm. zu S. 701).
  5. Eine Zeile aus einem Gedicht von Luo Yin (833 – 909).
  6. Ein Lied der Unsterblichen Hë aus dem Bühnenstück ‚Die Geschichte aus Han-dan‘ (Han-dan dji); vgl. o., Anm. zu S. 320 (‚Die Begegnung mit dem Unsterblichen‘).
  7. Vgl. o., Anm. zu S. 92.
  8. Eine Zeile aus einem Gedicht von Gau Tschan, der zu Ende der Tang-Zeit lebte.
  9. Eine Zeile aus einem Gedicht von Wang Tji (11. Jh.). Im Original ist von der Japanischen Aprikose (mee; vgl. o., Anm. zu S. 87) die Rede, hier wurde frei mit ‚Pflaumbaum‘ übersetzt, um wirksamer von der einfachen Aprikose (hsing, Prunus armeniaca) zu unterscheiden.
  10. Eine Zeile aus einem Gedicht von Su Schï (Su Dung-po; vgl. o., Anm. zu S. 668).
  11. Ebenfalls eine Zeile aus einem Gedicht von Wang Tji.
  12. Eine Zeile aus einem Gedicht von Dschu Schu-dschën, einer Dichterin des 12. Jahrhunderts.
  13. Eine Zeile aus einem Gedicht von Ou-yang Hsiu (vgl. o., Anm. zu S. 285).
  14. Vgl. o., Anm. zu S. 1140.
  15. Eine Zeile aus einem Gedicht von Hsiä Fang-dë (1226 – 1289).
  16. Vgl. o., Anm. zu S. 400.
  17. Vgl. o., Anm. zu S. 157.
  18. Zwei Zeilen aus einem Gedicht von Fan Tschëng-da, über diesen vgl. o., Anm. zu S. 289.
  19. Vgl. o., Anm. zu S. 365 (‚Buch vom Südlichen Blütenland‘).
  20. Yä-lü war der Familienname der Khitan-Herrscher, die als Liau-Dynastie über China regierten. Auch unter der Yüan-Dynastie dienten noch zahlreiche Khitan dieses Namens den Mongolenherrschern als Beamte.
  21. Vgl. o., Anm. zu S. 38.
  22. Aventurin(glas) ist bereits oben (im 52. Kap.) als Material für eine europäische Schnupftabaksdose erwähnt. Dort ist im Original der chinesische Name ‚Goldsternglas‘ gebraucht. Aventurin hieß in den europäischen Sprachen auch Venturin, bemerkenswert ist bei Tsau Hsüä-tjin die Endung -a für einen weiblichen Vornamen.