Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 64"

From China Studies Wiki
Jump to navigation Jump to search
(German-only page for Hongloumeng chapter 64)
 
Line 12: Line 12:
 
=== Die stille, schoene Frau dichtet traurige Verse ueber fuenf Schoenheiten; Der Wuestling hinterlaesst aus Liebe den Neundrachenschmuck ===
 
=== Die stille, schoene Frau dichtet traurige Verse ueber fuenf Schoenheiten; Der Wuestling hinterlaesst aus Liebe den Neundrachenschmuck ===
  
de und wie Djia Liän die Hochzeit gestalten wolle. „Auch Euch würde er bei sich aufnehmen und im Alter für Euch sorgen, und für die zweite Tante würde er mit der Zeit ebenfalls einen Mann suchen“, fügte er zum Schluß noch hinzu.
+
'''Ein zurückhaltendes Mädchen schreibt bekümmert Verse über fünf Schönheiten,ein ausschweifender Mann opfert begeistert seinen Anhänger mit neun Drachen.'''
 +
 
 +
Als Djia Jung sah, daß alles vorbereitet war, ritt er schnellstens ins Kloster zurück, um Djia Dschën davon Meldung zu machen, und noch in derselben Nacht wurden für alles die Verantwortlichen eingeteilt, wurde auch die Trauerfahne und was sonst an Insignien notwendig war zurechtgemacht. Die erste morgendliche Doppelstunde am vierten wurde ausgewählt, um den Sarg mit dem Toten in die Stadt überzuführen, und Boten wurden ausgeschickt, um alle Verwandten und Freunde davon zu unterrichten.
 +
Als der Tag gekommen war, waren die Trauerriten besonders prächtig, und die Gäste sammelten sich zahlreich wie Wolken. Die Schaulustigen, die den Weg vom Kloster Eiserne Schwelle bis zum Ning-guo-Anwesen säumten, zählten nach Zehntausenden. Die einen waren ganz Mitgefühl, die anderen ganz Bewunderung, und nur das Heer der Halbgebildeten sagte: „Die Begräbniszeremonien sollten eher schlicht als prunkvoll sein.“<ref>Vgl. die ‚Gespräche‘ des Konfuzius, III, 4.</ref> So hörte man den ganzen Weg über die vielfältigsten Kommentare.
 +
Erst am Nachmittag langte der Trauerzug an. Der Sarg wurde in der Haupthalle aufgestellt, dann wurden Opfergaben dargebracht, und als die Totenklage beendet war, gingen die Verwandten und Freunde nach und nach fort. Zurück blieben nur die Sippenangehörigen, die sich um weitere Gäste kümmern und andere Aufgaben versehen sollten. Von der angeheirateten Verwandtschaft war als einziger der Bruder von Dame Hsing noch nicht wieder gegangen.
 +
Djia Dschën und Djia Jung, gebunden durch die Trauerregeln, durften den Sarg weder tagsüber noch bei Nacht nicht verlassen, so hart sie das auch ankam. Doch wenn die Trauergäste gegangen waren, nutzten sie rasch die Gelegenheit, um sich mit Frau Yous Stiefschwestern abzugeben.
 +
Auch Bau-yü begab sich Tag für Tag in Trauerkleidern ins Ning-guo-Anwesen hinüber und kehrte erst abends wieder in den Garten zurück, wenn alle Gäste fort waren. Hsi-fëng, die noch nicht wieder genesen war, konnte nicht ständig anwesend sein, aber wenn die Rituale vollzogen wurden oder wenn Verwandte und Freunde erschienen, um Opfer zu bringen, schleppte auch sie sich hinüber und half Frau You, mit allem fertig zu werden.
 +
Eines Tages, als das Opfer gebracht und die Frühmahlzeit eingenommen war, legte sich Djia Dschën neben dem Sarg in seinen Kleidern schlafen, denn die Tage waren noch lang, und durch die Anstrengungen der letzten Zeit war er müde. Da keine Gäste kamen, begab sich Bau-yü in den Garten hinüber, um nach Dai-yü zu sehen. Vorher aber ging er in den Hof der Freude am Roten. Als er hier durch das Tor trat, fand er den Hof still und menschenleer, nur im Schatten des Wandelgangs hatten ein paar alte Sklavenfrauen und kleinere Sklavenmädchen Kühlung gesucht. Einige lagen da und schliefen, andere dösten im Sitzen vor sich hin. Bau-yü tat jedoch nichts, um sie zu stören.
 +
Die einzige, die Bau-yü bemerkte, war Sï-örl, die rasch herantrat, um den Türvorhang für ihn aufzuschlagen. Aber als sie den Vorhang eben hochgehoben hatte, kam plötzlich Fang-guan lachend aus der Tür gestürzt und wäre beinahe mit Bau-yü zusammengeprallt. Kaum hatte sie ihn erkannt, blieb sie lächelnd stehen und fragte: „Wie kommst du auf einmal hierher?“ Dann bat sie: „Halt mir Tjing-wën vom Halse, sie will mich hauen!“
 +
Noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, prasselte drinnen etwas auf den Boden, dann kam Tjing-wën gelaufen und schimpfte: „Wohin läufst du, kleines Spitzbein? Hast du verloren, mußt du dich auch schlagen lassen. Jetzt möchte ich sehen, wer dir beisteht, wo Bau-yü nicht zu Hause ist!“
 +
Lachend hielt Bau-yü sie auf und sagte: „Sie ist noch klein! Was sie dir getan hat, weiß ich nicht, aber vergib ihr um meinetwillen!“
 +
Tjing-wën, die Bau-yü noch nicht zurück erwartet hatte, fühlte sich durch sein plötzliches Erscheinen unwillkürlich zum Lachen gereizt. „Fang-guan muß ein verwandelter Fuchsdämon<ref>In China glaubte man seit alters her, Tiere könnten sich in Menschen verwandeln, vor allem in verführerische Frauen. Das galt besonders für Füchse.</ref> sein!“ rief sie aus. „So schnell kann nicht einmal ein Talisman wirken, der Schutzgötter und Himmelsgeneräle zu beschwören vermag.“ Dann sagte sie zu Fang-guan: „Meinst du, ich hätte Angst, wenn du dir göttlichen Beistand verschaffst?“ Und schon riß sie sich los und griff nach Fang-guan, um sie zu packen, Fang-guan aber versteckte sich rasch hinter Bau-yüs Rücken.
 +
Nun griff Bau-yü mit der einen Hand nach Tjing-wën, mit der anderen nach Fang-guan und führte sie so ins Haus. Dort stellte er fest, daß Schë-yüä, Tjiu-wën, Bi-hën und Dsï-hsiau auf dem westlichen Ofenbett saßen und mit Kürbiskernen Faustraten um Schläge auf die Hand gespielt hatten. Fang-guan hatte gegen Tjing-wën verloren, wollte sich aber nicht von ihr schlagen lassen und war deshalb hinausgelaufen. Um sie zu verfolgen, war Tjing-wën aufgesprungen und hatte dabei alle Kerne, die sie im Schoß hielt, auf den Boden geworfen.
 +
Fröhlich sagte Bau-yü: „Endlos, wie der Tag ist, habe ich schon befürchtet, ihr könntet Langeweile haben, wenn ich nicht zu Hause bin, würdet euch nach dem Essen vielleicht schlafen legen und euch so eine Krankheit holen. Gut, daß ihr etwas gefunden habt, um euch amüsieren und die Zeit zu vertreiben!“ Dann vermißte er Hsi-jën und fragte: „Wo ist eure Schwester Hsi-jën?“
 +
„Hsi-jën? Die wird immer mehr zur verknöcherten Denkerin“, erklärte Tjing-wën. „Sie sitzt mutterseelenallein im inneren Zimmer mit dem Gesicht zur Wand. Wir sind die ganze Zeit nicht hineingegangen und wissen nicht, was sie treibt. Es ist kein Laut von ihr zu hören. Schleich dich nur rasch hinein! Vielleicht ist schon die große Erleuchtung über sie gekommen.“
 +
Bau-yü lachte und ging wirklich hinein. Dort saß Hsi-jën auf dem Bett nahe am Fenster und hielt eine graue Netzhülle in den Händen, an der sie knüpfte. Als sie Bau-yü hereinkommen sah, stand sie rasch auf und sagte lächelnd: „Was lügt diese Tjing-wën da über mich zusammen? Ich habe es eilig, das Netz hier fertig zu knüpfen, deshalb hatte ich keine Zeit für ihre Albernheiten und habe gesagt: ,Spielt ihr nur! Ich will die Gelegenheit nutzen, daß der junge Herr nicht zu Hause ist, und mich solange drinnen still hinsetzen, um mich auszuruhen.‘ Sie aber redet diesen Unsinn zusammen und behauptet, ich säße mit dem Gesicht zur Wand und meditierte. Nachher werde ich ihr dafür den Mund zerreißen.“
 +
Lächelnd setzte sich Bau-yü dicht neben Hsi-jën, sah sich ihre Knüpferei an und sagte: „An so einem langen Tag solltest du dich wirklich ausruhen oder dich mit den andern zusammen vergnügen. Sonst hättest du auch meine Kusine Lin besuchen können. Warum mußt du bei dieser Hitze noch etwas knüpfen? Wozu brauchst du das?“
 +
„Ich habe gesehen, daß deine Fächerhülle noch dieselbe ist, die du damals bekamst, als drüben im andern Anwesen die Frau von Herrn Jung gestorben war“, erklärte ihm Hsi-jën. „Da man eine dunkle Fächerhülle nur braucht, wenn in der Familie oder bei Freunden in der Sommerszeit ein Trauerfall eintritt, was nicht öfter als ein- oder zweimal im Jahr vorkommt, lohnt es sich normalerweise nicht, so etwas anzufertigen.
 +
Jetzt mußt du wegen des Todesfalls drüben im andern Anwesen jeden Tag hinüber und dabei die Fächerhülle tragen, darum mache ich dir schnell eine neue, als Ersatz für die alte. Du selbst hast zwar keinen Sinn für solche Sachen, aber wenn die alte gnädige Frau zurückkommt und dich so sieht, wird sie sagen, wir seien faul und kümmerten uns nicht einmal darum, was du anziehst und am Körper trägst.“
 +
„Es ist lieb von dir, daß du daran gedacht hast“, versicherte Bau-yü, „aber du darfst dich nicht damit überanstrengen. Mit einem Hitzschlag ist nicht zu spaßen.“
 +
Inzwischen brachte Fang-guan eine Schale mit Tee, der im Wasserbad gekühlt worden war. Wegen Bau-yüs zarter Konstitution wagte man nämlich selbst in den Sommermonaten nicht, Eis zu verwenden, und kühlte die Teekanne, indem man sie in eine Schüssel mit frischem Brunnenwasser stellte, das immer wieder erneuert wurde.
 +
Bau-yü trank die Schale zur Hälfte aus, ohne sie Fang-guan abzunehmen, dann sagte er zu Hsi-jën: „Bevor ich herkam, habe ich Ming-yän befohlen, er solle mir sofort Bescheid geben, wenn drüben bei Vetter Dschën wichtige Gäste erscheinen. Wenn nichts Wesentliches ist, gehe ich nicht wieder hinüber.“ Mit diesen Worten ging er hinaus. An der Außentür drehte er sich noch einmal um und sagte zu Bi-hën und den anderen: „Wenn etwas Dringendes sein sollte, findet ihr mich bei Kusine Lin.“ Und er machte sich auf den Weg zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, um Dai-yü zu besuchen.
 +
Eben ging Bau-yü über die Duftgetränkte Brücke, als er Hsüä-yän erblickte, die in Begleitung zweier alter Sklavinnen daherkam, die Wassernüsse, Lotoswurzeln, Melonen und andere Früchte trugen. Sofort erkundigte er sich: „Was will dein Fräulein damit? Sie hat sich doch aus solchen kalten Sachen nie viel gemacht. Will sie vielleicht eins von den anderen Fräulein oder eine der jungen Herrinnen einladen?“
 +
„Ich werde dir erzählen, was ich weiß“, kündigte Hsüä-yän lächelnd an, „aber du darfst dem Fräulein nichts davon sagen.“
 +
Bau-yü versprach es ihr, indem er nickte, worauf Hsüä-yän den beiden Alten befahl: „Geht ihr schon voraus und übergebt die Früchte Schwester Dsï-djüan! Wenn sie nach mir fragt, sagt ihr, ich müsse noch etwas erledigen und käme gleich.“
 +
Erst als die beiden jawohl gesagt hatten und gegangen waren, begann Hsüä-yän: „Unser Fräulein fühlt sich erst seit ein paar Tagen etwas wohler. Heute kam nach dem Essen Fräulein Tan-tschun zu ihr, um sie zu einem gemeinsamen Besuch bei der zweiten jungen Herrin aufzufordern. Sie ist aber nicht mitgegangen. Dann muß ihr etwas eingefallen sein, und sie hat eine Weile stumm vor sich hin gebrütet. Schließlich griff sie zum Pinsel und schrieb einiges nieder, womöglich Gedichte.
 +
Als sie mir befahl, die Früchte zu holen, hörte ich noch, wie sie zu Dsï-djüan sagte, sie solle den kleinen Zithertisch abräumen, der drinnen im Zimmer steht, und in die Mitte des Außenraums stellen. Und dann sollte sie den Weihrauchkessel mit dem Drachenmuster daraufstellen, damit er bereit sei, wenn ich mit den Früchten wiederkäme.
 +
Aber wenn sie Besuch erwartete, würde sie doch keinen Weihrauchkessel aufstellen lassen. Räuchwerwerk brennt sie allenfalls dort ab, wo sie zu sitzen und zu schlafen pflegt, sonst stellt sie sich nur frische Blumen und Früchte wie etwa Zierquitten hin. Und ihre Kleider räuchert sie auch nicht gern. Will sie etwa deshalb räuchern lassen, weil die alten Weiber den Raum verpestet haben? Ich weiß es wirklich nicht.“
 +
Nach diesen Worten ging sie rasch fort, Bau-yü aber ließ unwillkürlich den Kopf sinken und überlegte: „Nach dem, was Hsüä-yän erzählt hat, muß es einen Grund dafür geben. Aber wenn sie nur mit einem der Mädchen zusammensitzen möchte, braucht sie nicht solche Vorbereitungen zu treffen. Ist heute vielleicht der Todestag ihres Vaters oder ihrer Mutter? Aber ich kann mich entsinnen, daß jedes Jahr zu diesen Tagen auf Befehl der alten gnädigen Frau besondere Speisen zubereitet wurden, die man ihr brachte, damit sie ein privates Opfer bringen konnte. Außerdem sind diese Tage auch schon vorüber.
 +
Also muß es wohl damit zusammenhängen, daß der siebente Monat die Zeit der frischen Melonen ist und alle Familien an den Gräbern ihrer Angehörigen das Herbstopfer bringen. Wer weiß, vielleicht hat das Dai-yü dazu angeregt, in ihren Räumen ein Opfer zu bringen, eingedenk des Satzes im Buch der Riten: ,Im Frühling und im Herbst bringt man die Speisen der Jahreszeit dar.‘ Aber wenn ich sie jetzt besuche und sehe, wie sie sich grämt, muß ich sie auch mit aller Kraft trösten, und dann ist zu befürchten, daß sich der Kummer in ihrem Herzen staut. Besuche ich sie nicht, wird wiederum niemand da sein, ihr überhaupt Trost zu spenden.
 +
Das eine wie das andere könnte zu einer Krankheit führen. Darum ist es das beste, ich gehe zunächst zu Kusine Hsi-fëng, bleibe ein Weilchen bei ihr und komme dann wieder. Wenn ich sehe, daß Dai-yü sich noch grämt, denke ich mir etwas aus, um sie aufzuheitern. So kann ich erreichen, daß ihr Kummer nicht allzulange anhält und sich allmählich legt, zugleich kann ich auch verhindern, daß sie durch aufgestauten Kummer krank wird.“
 +
Als Bau-yü diesen Gedanken zu Ende geführt hatte, ging er geradewegs zum Gartentor hinaus und zu Hsi-fëngs Wohnräumen hinüber. Eben kam eine große Anzahl verantwortlicher Sklavenfrauen zum Tor heraus, die hier Bericht erstattet hatten, und Hsi-fëng stand an den Türrahmen gelehnt und sprach mit Ping-örl. Kaum hatte sie Bau-yü erblickt, sagte sie lächelnd: „Du bist also zurückgekommen! Eben habe ich Lin Dschï-hsiaus Frau befohlen, daß sie den Knaben in deinem Gefolge sagen läßt, wenn nichts für dich zu tun sei, solltest du die Gelegenheit wahrnehmen und nach Hause kommen, um dich ein wenig auszuruhen. Zumal dort so ein gemischtes Publikum ist, daß du all die Gerüche kaum aushalten kannst. Aber nun bist du ja schon von selbst gekommen.“
 +
„Danke für deine Fürsorge!“ erwiderte Bau-yü ebenfalls lächelnd. „Drüben war nichts zu tun, außerdem bist du schon ein paar Tage nicht mehr dort gewesen, so daß ich nicht wußte, ob es dir wieder besser geht oder nicht, darum bin ich hergekommen, um nach dir zu sehen.“
 +
„Im großen und ganzen ist es immer noch dasselbe mit mir“, gab Hsi-fëng Auskunft. „Drei Tage geht es mir gut und dann wieder zwei Tage schlecht. Die alte gnädige Frau und die gnädige Frau sind nicht zu Hause, aber diese Frauen, nein – keine von ihnen gibt sich mit ihrem Los zufrieden. Jeden Tag müssen sie sich schlagen oder zanken, und auch ein paar Fälle von Glücksspiel und Diebstahl sind vorgekommen.
 +
Tan-tschun hilft mir zwar bei der Verwaltung, aber sie ist nun mal ein unverheiratetes Mädchen. Es gibt Dinge, die sie erfahren darf, aber auch solche, die man vor ihr nicht erwähnen kann. Also muß ich mich wohl oder übel zum Durchhalten zwingen, wenn auch mein Herz dabei nie zur Ruhe kommt. Von Genesung ganz zu schweigen, reicht es mir schon, wenn die Krankheit nicht schlimmer wird.“
 +
„Das sagst du so einfach dahin, trotzdem solltest du mehr auf deine Gesundheit achten und dir weniger Sorgen machen“, riet ihr Bau-yü. Nachdem er dann noch ein Weilchen mit ihr geplaudert hatte, verabschiedete er sich wieder und kehrte in den Garten zurück.
 +
Beim Eintritt in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß sah er, daß gerade die letzten Weihrauchschwaden aus dem Räucherkessel stiegen, während vom Opferwein nur noch ein Rest übrig war. Dsï-djüan beaufsichtigte die Sklavenmädchen, die dabei waren, den Tisch wieder hineinzutragen und die Ausstattungsstücke an ihren Platz zu stellen. Daraus schloß er, das Opfer müsse beendet sein, und trat in den Innenraum, wo er Dai-yü mit abgewandtem Gesicht auf dem Bett fand. Es war ihr anzusehen, daß sie litt und diesem Leid nicht gewachsen war.
 +
Rasch meldete Dsï-djüan: „Der junge Herr ist gekommen.“
 +
Langsam richtete Dai-yü sich auf und lud Bau-yü lächelnd ein, Platz zu nehmen.
 +
„Es geht dir wohl besser in den letzten Tagen?“ fragte Bau-yü. „Jedenfalls machst du einen ruhigeren Eindruck als sonst. Aber worüber hast du dich wieder gegrämt?“
 +
„Was redest du da?“ verwahrte sich Dai-yü, „es geht mir gut, wann sollte ich mich gegrämt haben?“
 +
„Man sieht es jetzt noch, daß du geweint hast, und trotzdem versuchst du, mich anzuführen“, sagte Bau-yü. „Mir scheint nur, so oft wie du krank bist, solltest du alles etwas leichter nehmen und dir nicht zu viele unnötige Sorgen machen. Wenn du dir damit die Gesundheit ruinierst, werde ich eines Tages...“
 +
Kaum waren ihm die letzten Worte entschlüpft, da merkte er, daß er zuviel gesagt hatte, und hielt rasch inne. Denn er war wohl mit Dai-yü zusammen aufgewachsen, und sie harmonierten in ihren Gedanken und Gefühlen und wünschten sich, miteinander zu leben und zu sterben, aber das war ein stummes Übereinstimmen ihrer Herzen, das sie noch nie in Worte gekleidet hatten, zumal Dai-yü so mißtrauisch war, daß sie sich immer wieder durch ein unüberlegtes Wort von Bau-yü gekränkt fühlte. Heute war er extra gekommen, um sie zu trösten, und nun hatte er sich doch wieder verplappert und konnte nicht weitersprechen. Sofort wurde er unsicher und befürchtete überdies, Dai-yü würde ihm böse sein. Als er dann bedachte, daß er nur die besten Vorsätze gehabt hatte, wurde aus seinen Betrachtungen Kummer, und schon liefen ihm die Tränen herab.
 +
Dai-yü war im ersten Augenblick wirklich auf Bau-yü böse gewesen, weil er seine Worte nicht zu wägen wußte, aber als sie ihn jetzt in diesem Zustand sah, war sie gerührt. Und da ihr die Tränen ohnehin locker saßen, stimmte sie wortlos in sein Weinen ein. Als Dsï-djüan jetzt den Tee brachte, nahm sie an, die beiden hätten sich wieder einmal gestritten, und so sagte sie: „Kaum geht es dem Fräulein ein wenig besser, da kommt Ihr, um sie zu ärgern. Was soll man denn davon halten?“
 +
Bau-yü wischte sich die Tränen ab und versicherte lächelnd: „Wer würde es wagen, sie zu ärgern?!“ Dann stand er auf und ging im Zimmer hin und her, um seine Verlegenheit zu verbergen. Dabei entdeckte er, daß unter dem Tuschereibstein kaum sichtbar eine Ecke von einem Blatt Papier hervorsah, und konnte sich nicht enthalten, die Hand danach auszustrecken, um es herauszuziehen. Dai-yü wollte aufstehen, um ihm das Blatt wegzunehmen, aber da hatte er es sich schon in den Busen geschoben und bat lächelnd: „Laß es mich ansehen, Kusinchen!“
 +
„Sooft du hier bist, wühlst du bedenkenlos alles durch“, hielt ihm Dai-yü vor.
 +
In diesem Augenblick trat Bau-tschai zur Tür herein und fragte lächelnd: „Was gibt es denn hier zu sehen?“
 +
Da Bau-yü noch nicht gelesen hatte, was auf dem Papier stand, und nicht wußte, wie Dai-yü sich verhalten würde, wollte er nicht wieder voreilig sein und schaute nur lächelnd nach Dai-yü.
 +
Dai-yü bot Bau-tschai einen Platz an und erklärte ihr lächelnd: „Mir war aufgefallen, daß in den alten Geschichtswerken von vielen schönen und begabten Frauen berichtet wird, deren Schicksal man entweder froh bewundern oder aber traurig beklagen kann. Als ich heute nach dem Essen nichts zu tun hatte, suchte ich mir einige dieser Frauen aus, um rasch ein paar Gedichte über sie zu improvisieren, die meine Gefühle ausdrücken sollten. Zufällig kam dann Tan-tschun, um mich zu Kusine Hsi-fëng mitzunehmen, aber ich fühlte mich so träge und bin nicht mitgegangen.
 +
Als ich fünf Gedichte geschrieben hatte, war ich so schläfrig, daß ich mich hinlegen mußte, und dann ist Vetter Bau-yü gekommen und hat das Blatt entdeckt. Eigentlich ist natürlich nichts weiter dabei, wenn er die Gedichte liest, mir gefällt es bloß nicht, daß er immer wieder unsere Gedichte abschreibt und vor den Leuten herumzeigt.“
 +
„Wann hätte ich so etwas je getan?“ verteidigte sich Bau-yü. „Das mit dem Fächer neulich lag einfach daran, daß ich die Gedichte über die weißen Begonien so gern habe. Deshalb schrieb ich sie mir mit kleinen Schriftzeichen in Normalschrift auf meinen Fächer, nur um sie immer bequem zur Hand zu haben.
 +
Meinst du, ich wüßte nicht, daß man Gedichte und Schreibübungen aus den Mädchengemächern nicht leichtfertig in der Öffentlichkeit verbreiten darf? Seitdem du mit mir darüber gesprochen hast, habe ich den Fächer nie mehr mitgenommen, wenn ich den Garten verließ.“
 +
„Kusine Lin hat recht mit ihren Überlegungen“, sagte Bau-tschai. „Wenn du die Gedichte auf einen Fächer schreibst und nimmst ihn aus Versehen mit hinaus in die Bibliothek, werden die Hausgäste mit Sicherheit fragen, wer der Verfasser ist, sobald sie die Verse gelesen haben. Wenn sie so an die Öffentlichkeit kämen, wäre das gar nicht schön.
 +
Von alters her heißt es ‚Tugendhaft ist eine Frau, die kein spezielles Talent besitzt.‘ Sittsamkeit und Zurückhaltung sind für uns das Allerwichtigste, an zweiter Stelle aber folgen Handarbeiten. Gedichteschreiben und dergleichen ist nicht mehr als ein Vergnügen, das wir in den inneren Gemächern betreiben. Ob man das kann oder nicht, ist gleichgültig. Ein Mädchen aus unseren Kreisen legt keinen Wert auf den Ruf, talentiert zu sein.“ Dann wandte sie sich an Dai-yü und sagte lächelnd: „Mir kannst du ja die Gedichte unbesorgt zeigen. Hauptsache ist, Vetter Bau-yü trägt sie nicht fort.“
 +
„Nach dem, was du gesagt hast, mußt du sie auch nicht unbedingt sehen“, antwortete Dai-yü lächelnd. Dann wies sie auf Bau-yü und sagte: „Er hat sie längst an sich gerissen.“
 +
Erst nach diesen Worten holte Bau-yü das Blatt wieder hervor, rückte dicht neben Bau-tschai und las mit ihr gemeinsam, was dort geschrieben stand:
 +
„Hsi-schï<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 6 (Hsi-dsï), S. 90 (...die seidene Decke...) und S. 199 (Bach Juo-yä); auch ihre häßliche Nachahmerin ist oben bereits erwähnt (S. 526).</ref>
 +
Die Schönste der Zeit mußte schmählich vergehen,
 +
unerfüllt blieb ihr Sehnen am Hofe von Wu.
 +
Verlacht nicht ihre häßliche Nachahmerin,
 +
weißhaarig noch wusch sie ihre Seide im Bach.
 +
Nebenfrau Yü<ref>Lieblingsnebenfrau des Hsiang Yü (vgl. o., Anm. zu S. 672), die bei ihm war, als sein Heer von den überlegenen Truppen unter Liu Bang eingeschlossen wurde. Bevor Hsiang Yü einen Durchbruchsversuch wagte, nahm sie sich das Leben.</ref>
 +
Nächtliches Pferdegewieher zerreißt das Herz,
 +
als die Abschiedsklage einander sie singen.
 +
Die Verräter erwartet ein gräßlicher Tod,
 +
wieviel ruhmvoller starb sie von eigener Hand!
 +
Haremsdame Ming<ref>Anderer Name der Wang Tjiang (Wang Dschau-djün), vgl. o., Anm. zu S. 92. Einer fiktiven Überlieferung nach hat der Han-Kaiser Yüan-di Bilder von all seinen Palastmädchen malen lassen und danach diejenigen ausgesucht, die er zu sich rufen ließ. Während alle anderen Palastmädchen die Maler bestochen hätten und deshalb schöner dargestellt worden seien, als sie in Wirklichkeit waren, soll Wang Tjiang das abgelehnt haben, weshalb sie häßlich dargestellt, nie zum Kaiser gerufen und schließlich dem Herrscher der Hunnen als Frau geschickt worden sein soll. Erst bei dieser Gelegenheit habe der Kaiser entdeckt, wie schön sie war, und habe den Maler Mau Yän-schou hinrichten lassen.</ref>
 +
Die Schönste der Schönen gab der Han-Kaiser fort,
 +
Schönheit ist, wie es heißt, stets mit Unglück gepaart.
 +
Wenn auch dem Herrscher seine Frauen nichts galten,
 +
warum hat ein Maler zu entscheiden das Recht?
 +
Lü-dschu<ref>Lü-dschu (‚Grünperle‘) war eine Konkubine des Schï Tschung (vgl. o., Anm. zu S. 316 (der Wein von Djin-gu). Als Schï Tschung sich weigerte, sie einem Rivalen abzutreten, ließ dieser ihn auf Grund eines gefälschten kaiserlichen Befehls festnehmen, Lü-dschu aber beging Selbstmord.</ref>Eine Perle, behandelt wie wertloser Stein –
 +
wußte ein Schï Tschung ihre Schönheit zu schätzen?
 +
Und doch war ihm gnäd‘ger das Schicksal gesinnt,
 +
ein Freund hat ihn sterbend ins Jenseits begleitet.
 +
Hung-fu<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 41 (Hung-fu).</ref>
 +
An kühnen Worten wie an männlicher Tat
 +
hat die Schöne Li Djings wahren Wert bald erkannt.
 +
Yang Su war ein lebender Leichnam dagegen,
 +
wie hätt‘ er auf ewig sie festhalten können?“
 +
Als Bau-yü gelesen hatte, fand er kein Ende mit seinem Lob und sagte: „Du hast gerade fünf Gedichte geschrieben, warum sollten sie zusammen nicht ‚Verse über fünf Schönheiten‘ heißen?“ Und ohne sich auf Erörterungen einzulassen, griff er zum Schreibpinsel und setzte diesen Titel daneben.
 +
„Beim Dichten kommt es, egal worüber man schreibt, immer darauf an, daß man es versteht, sich von überkommenen Aussagen zu lösen“, erläuterte Bau-tschai inzwischen. „Wenn man lediglich in anderer Leute Fußtapfen tritt, kommt stets nur etwas Zweitrangiges heraus, was nicht als gute Dichtung gelten kann, egal wie geschliffen die Verse sind.
 +
So hatten zum Beispiel über Wang Tjiang schon viele Dichter in der unterschiedlichsten Weise geschrieben. Die einen beklagten Wang Tjiangs Geschick, die anderen beschimpften Mau Yän-schou, und wieder andere machten dem Han-Kaiser Vorwürfe, weil er nicht tüchtige Minister, sondern schöne Frauen malen ließ. Dann aber hat Wang An-schï<ref>1021 – 1086, prominenter Reformpolitiker, Dichter und Essayist.</ref> geschrieben:
 +
‚Nie offenbart des Menschen Herz ein Bild,
 +
zu Unrecht starb der Maler Mau Yän-schou.‘
 +
Und bei Ou-yang Hsiu heißt es:
 +
‚Konnt‘ er wohl fern die Barbaren zügeln,
 +
wenn das unter seinen Augen geschah?‘<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 285. Die beiden hier zitierten Zeilen entstammen demselben Gedicht wie die auf S. 1140 angeführte Zeile.</ref>
 +
In jedem der beiden Gedichte kommt eine eigene Anschauung der Sache zum Ausdruck, die es von denen der Vorläufer unterscheidet. Auch von den fünf Gedichten, die Kusine Lin verfaßt hat, kann man sagen, daß sie einen eigenen Sinn hineingelegt und den alten Themen ein neues Gesicht abgewonnen hat...“
 +
Eben wollte sie noch weiter fortfahren, da wurde gemeldet: „Der junge Herr Liän ist zurück. Gerade hat man von draußen Bescheid gesagt, er sei schon einige Zeit drüben im anderen Anwesen. Also muß er wohl bald kommen.“
 +
Sofort erhob sich Bau-yü und ging zum Haupttor, um seinen Vetter dort zu erwarten, aber da war Djia Liän schon vor dem Tor vom Pferd gestiegen und trat eben herein. Also kniete Bau-yü vor ihm nieder und fragte nach dem Befinden der Herzoginmutter und von Dame Wang, ehe er sich auch nach Djia Liäns eigenem Wohlergehen erkundigte. Dann fanden sie, Hand in Hand weitergehend, in der mittleren Halle Li Wan, Hsi-fëng, Bau-tschai, Dai-yü, Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun, die dort bereits auf Djia Liän gewartet hatten.
 +
Nachdem sie einander begrüßt hatten, sagte Djia Liän: „Die alte gnädige Frau trifft morgen in aller Frühe hier ein. Sie war während der ganzen Reise wohlauf. Heute hat sie mich vorausgeschickt, damit ich hier nach dem Rechten sehe, und morgen früh in der fünften Nachtwache soll ich sie vor dem Stadttor erwarten.“
 +
Anschließend stellten ihm die anderen noch ein paar Fragen über die Reise, aber weil er einen weiten Weg hinter sich hatte, verabschiedeten sie sich bald und ließen ihn in seine Räume gehen, damit er sich ausruhen konnte. Über die Ereignisse der Nacht ist nichts zu berichten.
 +
Am nächsten Tag um die Essenszeit trafen die Herzoginmutter und Dame Wang wirklich ein. Nachdem sie von allen begrüßt worden waren, nahmen sie nur kurz Platz, um eine Schale Tee zu trinken, dann ließen sie sich ins Ning-guo-Anwesen führen, wo ihnen ein markerschütterndes Geheul entgegenscholl. Denn kaum hatten Djia Schë und Djia Liän die Herzoginmutter nach Hause gebracht, waren sie hinübergeeilt und traten ihr jetzt an der Spitze der weinenden Sippenangehörigen entgegen.
 +
Die Arme gestützt auf Djia Schë und Djia Liän, die rechts und links von ihr gingen, trat die Herzoginmutter vor den Sarg, wo Djia Dschën und Djia Jung sie kniend erwarteten, um sich dann klagend an ihre Brust zu werfen. Als älterer Mensch war die Herzoginmutter bei dieser Szene natürlich zutiefst gerührt, und so schloß sie die beiden in die Arme und weinte ebenfalls bitterlich. Erst als Djia Schë und Djia Liän ihr beharrlich zuredeten, konnte sie sich etwas beruhigen. Dann wandte sie sich Frau You und deren Schwiegertochter zu, die rechts vom Sarg standen, und als sie einander zur Begrüßung bei den Händen hielten, war ein neuer Tränenausbruch nicht zu vermeiden. Nachdem sich die Herzoginmutter wieder gefaßt hatte, traten die übrigen Familienmitglieder heran, um ihr einer nach dem anderen den Gruß zu entbieten.
 +
Da die Herzoginmutter eben erst von der Reise zurückgekommen war und sich noch nicht hatte ausruhen können, hätte es ihr schaden müssen, wenn sie hier sitzen bliebe, deshalb redete ihr Djia Dschën immer wieder zu, sich in ihre Räume zu begeben und sich auszuruhen. Als sich auch Dame Wang und die anderen dieser Bitte anschlossen, mußte die Herzoginmutter nachgeben und ging.
 +
Tatsächlich zeigte sich dann, daß sie auf Grund ihres Alters den Anstrengungen der Reise und dem Kummer um den Toten nicht gewachsen war, und als es Nacht wurde, hatte sie ein benommenes Gefühl im Kopf und Schmerzen in der Brust, ihre Nase war verstopft, und ihre Stimme klang belegt. Sofort wurde ein Arzt geholt, um ihr die Pulse zu fühlen und Medizin zu verschreiben, und bis spät in die Nacht waren alle in heller Aufregung. Glücklicherweise löste sich die innere Hitze rasch wieder auf, ohne auf die Lebensbahnen überzugreifen. In der dritten Nachtwache hatte die Herzoginmutter einen leichten Schweißausbruch, ihr Puls beruhigte sich, und die Körpertemperatur sank. Jetzt erst atmeten alle wieder auf. Am nächsten Tag nahm die Herzoginmutter erneut Medizin ein und pflegte weiter der Ruhe.
 +
Wenige Tage später war es soweit, daß der Sarg mit Djia Djings Leichnam ins Kloster zurückgebracht wurde. Da die Herzoginmutter noch nicht wieder völlig genesen war, behielt sie Bau-yü zu ihrer Betreuung bei sich. Auch Hsi-fëng beteiligte sich nicht am Trauerzug, weil sie sich noch nicht wieder ganz wohl fühlte. Djia Schë, Djia Liän, Dame Hsing und Dame Wang dagegen gaben dem Sarg mit zahlreichem Gefolge das Geleit bis ins Kloster Eiserne Schwelle und kehrten erst am Abend nach Hause zurück. Im Kloster mußten Djia Dschën, Frau You und Djia Jung noch weitere einhundert Tage am Sarg Wache halten, bevor er in den Heimatort der Familie übergeführt werden konnte. So lange war ihr Haushalt der Obhut der alten Frau You mit ihren Töchtern anvertraut.
 +
Nun hatte Djia Liän schon lange von den beiden Schwestern You erzählen gehört und hatte stets bedauert, daß sich keine Gelegenheit ergeben wollte, sie kennenzulernen. Während jetzt Djia Djings Leichnam im Hause aufgebahrt stand, war er im täglichen Umgang mit den beiden vertraut geworden, und wie nicht anders zu erwarten, lechzte er nun nach ihnen. Zumal er wußte, daß Vater und Sohn Djia Dschën und Djia Jung im Verdacht standen, sich wie die wilden Hirsche ein und dasselbe Weibchen zu teilen, nahm er jede Gelegenheit wahr, um den beiden Schwestern den Hof zu machen und ihnen mit Augen und Brauen seine Gefühle zu offenbaren.
 +
Und während die dritte Schwester You ihn mit Gleichmut behandelte, legte die zweite Schwester größtes Interesse an den Tag. Nur weil stets zu viele Beobachter anwesend waren, hatten sie noch nicht zur Tat schreiten können. Außerdem hegte Djia Liän die Befürchtung, Djia Dschën könnte eifersüchtig sein, und auch das hatte ihn vor leichtfertigen Handlungen zurückgehalten. So hatten sich die beiden mit einer stillschweigenden Übereinkunft begnügen müssen.
 +
Nachdem jetzt der Sarg ins Kloster übergeführt worden war, befanden sich nur noch wenige Menschen in Djia Dschëns Wohnräumen. Denn bis auf einige Sklavenmädchen und
 +
-frauen, die hiergeblieben waren, um die gröberen Arbeiten für die alte Frau You und ihre beiden Töchter zu verrichten, waren alle Sklavinnen und Nebenfrauen mit im Kloster. Die Diener und Sklavenfrauen im äußeren Breich gingen bei Nacht ihre Runden, am Tage hüteten sie die Tore, und ohne besonderen Grund kamen sie nicht ins Haus.
 +
Diese Umstände gedachte Djia Liän auszunutzen, um endlich zum Zuge zu kommen. Unter dem Vorwand, Djia Dschën Gesellschaft zu leisten, pflegte er mit im Kloster zu übernachten, am Tage aber ritt er häufig ins Ning-guo-Anwesen, wobei er vorgab, häusliche Angelegenheiten für Djia Dschën zu besorgen, während er in Wirklichkeit darauf aus war, die zweite Schwester You zu verführen.
 +
Eines Tages kam Yü Lu, einer der jüngeren Verwalter, mit der Meldung zu Djia Dschën: „Die Kosten für Behelfsbauten, Trauerstoffe und Sargträgeruniformen betragen zusammen eintausendeinhundertundzehn Liang Silber, davon sind erst fünfhundert Liang bezahlt, die restlichen sechshundertundzehn sind wir noch schuldig. Gestern haben uns zwei von den Händlern mahnen lassen, darum möchte ich Euch um Weisungen bitten.“
 +
„Also laß dir das Silber von den Kassenverwaltern geben, und damit ist doch die Sache erledigt“, sagte Djia Dschën. „Warum mußt du mir das melden kommen?“
 +
„Gestern war ich schon deswegen in der Kasse, aber seitdem sich der alte gnädige Herr auf die ewige Reise begeben hat, ist sehr viel Silber verbraucht worden, und von dem, was noch da ist, müssen das hunderttägige Totenritual und die Kosten, die hier im Kloster entstehen, bezahlt werden“, gab Yü Lu Auskunft. „Deshalb konnte ich nichts bekommen, und so bin ich nun hier, um Euch davon Meldung zu machen, Herr. Entweder Ihr verauslagt das Geld einstweilen aus Eurer Privatkasse, oder es wird irgendwo geborgt. Darüber bitte ich um Weisung, damit ich entsprechend handeln kann.“
 +
„Du glaubst wohl, es sei noch wie früher, als das Silber ungenutzt bei uns herumlag?“ fragte Djia Dschën lächelnd. „Also borge die Summe irgendwo und bezahle die Rechnungen!“
 +
Ebenfalls lächelnd, erwiderte Yü Lu: „Ein- oder zweihundert könnte ich allenfalls borgen, aber wie soll ich so schnell zu fünf- oder sechshundert Liang Silber kommen?“
 +
Djia Dschën dachte nach, dann befahl er Djia Jung: „Geh und frag deine Mutter, ob die fünfhundert Liang Silber, die wir nach der Sargüberführung von den Dschëns im Süden für Opfergaben bekommen haben, schon an die Kasse übergeben worden sind. Wenn nicht, laß sie dir geben und händige sie ihm aus!“
 +
„Jawohl!“ sagte Djia Jung, ging hinüber und übermittelte Frau You die Bestellung. Als er wiederkam, berichtete er: „Zweihundert Liang von dem Silber sind schon verbraucht, mit den restlichen dreihundert ist ein Bote in die Stadt geschickt worden, um sie der Großmutter in Verwahrung zu geben.“
 +
„Dann reitest du mit Yü Lu in die Stadt, bittest Großmutter um das Silber und gibst es ihm!“ entschied Djia Dschën. „Außerdem schaust du nach, ob zu Hause alles in Ordnung ist, und fragst die beiden Tanten, wie es ihnen geht. Die fehlende Summe wird Yü Lu erst einmal borgen!“
 +
Djia Jung und Yü Lu sagten jawohl und wollten eben gehen, als Djia Liän zur Tür hereinkam. Sofort trat Yü Lu vor ihn hin, um seinen Gruß zu entbieten, und Djia Liän erkundigte sich, was es gebe.
 +
Als Djia Dschën ihm die Sache in allen Einzelheiten erzählt hatte, dachte sich Djia Liän: „Das wäre eine Möglichkeit, um ins Ning-guo-Anwesen zur zweiten Schwester You zu kommen!“ Also sagte er: „Was ist das schon für eine schwerwiegende Angelegenheit?! Warum soll er bei Fremden borgen? Neulich erst erhielt ich eine Summe Silber, die ich noch nicht wieder ausgegeben habe. Darum ist es das beste, wenn ich den Fehlbetrag auslege, das vereinfacht die Sache!“
 +
„Ausgezeichnet!“ freute sich Djia Dschën, „also gib deine Anweisung, dann kann Jung sich auch dieses Silber geben lassen!“
 +
„Das Silber muß ich selber holen“, erklärte Djia Liän rasch. „Außerdem war ich schon einige Tage nicht zu Hause und möchte der alten gnädigen Frau, dem gnädigen Herrn und den gnädigen Frauen meinen Gruß entbieten. Auch drüben bei dir wollte ich nachsehen, ob irgend etwas vorgefallen ist, und gleichzeitig der alten Dame meinen Respekt erweisen.“
 +
„Darf ich dich denn so sehr in Anspruch nehmen?“ sagte Djia Dschën lächelnd. „Ich mache mir wirklich schon Vorwürfe deswegen.“
 +
„Aber woher denn?“ beruhigte ihn Djia Liän. „Schließlich sind wir Vettern!“
 +
„Also reite mit deinem Onkel!“ wandte sich Djia Dschën nun an Djia Jung. „Und geh auch hinüber ins andere Anwesen, um der alten gnädigen Frau, dem gnädigen Herrn und den gnädigen Frauen deinen Gruß zu entbieten. Sag ihnen, wir ließen sie grüßen, und erkundige dich, ob die alte gnädige Frau wieder gesund ist oder noch Medizin einnehmen muß!“
 +
Djia Jung versprach, alles Punkt für Punkt zu erledigen, dann folgte er Djia Liän hinaus. In Begleitung einiger Sklavenjungen bestiegen sie ihre Pferde und ritten gemeinsam zur Stadt. Während des müßigen Gesprächs, das sich dabei zwischen Onkel und Neffen entspann, ließ Djia Liän es sich angelegen sein, die Sprache auf die zweite Schwester You zu bringen, und lobte in den höchsten Tönen, wie schön und wie gütig sie sei, wie elegant ihr Benehmen und wie angenehm ihre Redeweise, kurzum, es gebe nichts an ihr, was einem nicht Verehrung und Liebe abnötigte. „Alle Leute loben nur meine Frau, aber ich finde, dieser Tante von dir kann sie nicht das Wasser reichen“, begeisterte er sich.
 +
Djia Jung konnte sich denken, worauf er hinauswollte, und so sagte er lächelnd: „Wenn Ihr sie so sehr mögt, Onkel, dann will ich Euer Vermittler sein, und Ihr macht sie zu Eurer Nebenfrau. Wie wäre das?“
 +
Ebenfalls lächelnd, fragte Djia Liän zurück: „Ist das ein Scherz von dir, oder meinst du es ernst?“
 +
„Es ist mein Ernst!“ bekräftigte Djia Jung.
 +
„Die Sache wäre natürlich sehr schön“, nahm Djia Liän wieder das Wort. „Ich fürchte nur, meine Frau wird nicht einverstanden sein, und deine Großmutter wird es wohl auch nicht wollen. Außerdem habe ich gehört, deine Tante sei bereits verlobt.“
 +
„Das macht nichts!“ versicherte Djia Jung lächelnd. „Die beiden Tanten sind keine Töchter meines Großvaters, sondern wurden von meiner Großmutter mit in die Ehe gebracht. Wie ich hörte, hat meine Großmutter die Tante schon vor ihrer Geburt mit dem Sohn eines gewissen Dschang verlobt, der kaiserlicher Gutsverwalter war. Später sind die Dschangs durch einen Rechtsstreit in Armut geraten, meine Großmutter aber hat sich wieder verheiratet. Seit mehr als zehn Jahren hat sie keinen Kontakt mehr zu den Dschangs. Sie hat schon oft geklagt, sie wolle die Verlobung rückgängig machen, und auch mein Vater möchte die Tante gern anderweitig verloben, wenn er erst einmal einen guten Partner für sie gefunden hat. Man muß nur die Dschangs suchen lassen, um ihnen zehn, zwölf Liang Silber in die Hand zu drücken, damit sie eine Verzichtserklärung schreiben.
 +
Was sollten sie angesichts des Silbers schon für Einwände haben, arm, wie sie sind! Außerdem wissen sie genau, daß es für eine Familie wie die unsere nichts bedeuten würde, wenn sie Einwände machten. Wenn jemand wie Ihr meine Tante zur Nebenfrau nehmen will, garantiere ich, daß meine Großmutter und mein Vater einverstanden sind. Schwierig wird es nur mit Eurer Frau.“
 +
Als Djia Liän das hörte, blühten in seinem Herzen tausend Blumen auf, und anstatt etwas zu sagen, lächelte er nur töricht vor sich hin.
 +
Nach einigem Nachdenken fing Djia Jung mit lächelnder Miene erneut an: „Wenn Ihr den Mut dazu habt und Euch an meinen Plan haltet, gibt es nichts, was die Sache verhindern könnte. Es kostet nur einfach ein bißchen mehr.“
 +
„Was ist das für ein Plan?“ fragte Djia Liän begierig. „Sag ihn mir schnell! Ich will mich an alles halten.“
 +
„Ihr dürft zu Hause kein Sterbenswörtchen von der Sache sagen“, instruierte ihn Djia Jung. „Und wenn ich meinem Vater davon berichtet habe und er alles mit meiner Großmutter abgesprochen hat, kauft Ihr irgendwo in der Nähe unseres Anwesens ein Haus und die nötige Einrichtung dafür und steckt zwei Dienerfamilien als Aufwartung hinein. Dann laßt Ihr einen Glückstag aussuchen, und ohne daß Menschen oder Geister auch nur das mindeste davon merken, zieht Ihr mit meiner Tante dort ein. Dem Gesinde wird eingeschärft, daß kein Wort darüber durchsickern darf, und da Eure Frau in der Tiefe des Anwesens wohnt, wird sie nichts davon erfahren. Ihr aber wohnt an zwei Stellen zugleich.
 +
Wenn die Sache dann vielleicht nach einem Jahr oder einem halben bekannt wird, bringt sie Euch nicht mehr als eine Portion Schelte von Eurem Vater ein, und Ihr könnt einfach sagen, da Eure Frau Euch keinen Sohn geboren habe, hättet Ihr um der männlichen Nachkommenschaft willen die Sache heimlich in die Wege geleitet. Wenn Eure Frau sieht, daß Ihr vollendete Tatsachen geschaffen habt, wird sie sich damit abfinden müssen. Und wenn Ihr dann noch die alte gnädige Frau schön bittet, ist alles wieder im Lot.“
 +
Von alters her heißt es „Begierde trübt den Verstand.“ So zählte jetzt auch für Djia Liän nur das Verlangen nach den Reizen der zweiten Schwester You, und Djia Jungs Gerede schien ihm ein unfehlbarer Plan zu sein. Daß die Familie in Trauer war, daß man nicht hinter dem Rücken der Hauptfrau eine Nebenfrau nehmen kann, daß er einen strengen Vater und eine eifersüchtige Gattin hatte – alle diese Hinderungsgründe ließ er außer acht.
 +
Er ahnte auch nicht, daß Djia Jung keineswegs in guter Absicht handelte. Dieser hatte ja selbst ein Auge auf seine beiden Stieftanten geworfen. Da er jedoch unter Djia Dschëns Aufsicht nicht auf seine Kosten kam, sagte er sich, daß es dann, wenn Djia Liän eine der beiden heiratete und außerhalb mit ihr wohnte, auch nicht an Gelegenheiten mangeln könnte, in Djia Liäns Abwesenheit dort herumzuspuken.
 +
Auf diesen Gedanken konnte Djia Liän freilich nicht kommen, und so bedankte er sich bei Djia Jung und versprach ihm: „Wenn du die Sache wirklich zuwege bringst, mein lieber Neffe, dann kaufe ich auch zwei bildhübsche Sklavenmädchen und schenke sie dir zur Belohnung.“
 +
Bei diesen Worten waren sie am Tor des Ning-guo-Anwesens angekommen, und Djia Jung sagte: „Geht Ihr hinein, Onkel, und laßt Euch von meiner Großmutter das Silber geben, das Yü Lu bekommen soll! Ich will zuerst drüben die alte gnädige Frau begrüßen.“
 +
Lächelnd nickte Djia Liän und bat: „Sag vor der alten gnädigen Frau nichts davon, daß ich mit dir zusammen gekommen bin!“
 +
„Ich verstehe!“ sagte Djia Jung, dann flüsterte er Djia Liän ins Ohr: „Falls Ihr meine Tante heute seht, dürft Ihr nichts überstürzen. Wenn jetzt Aufsehen erregt wird, ist es nachher schwer wiedergutzumachen.“
 +
„Red keinen Stuß und beeil dich lieber! Ich warte hier auf dich“, sagte Djia Liän lachend, und Djia Jung ritt zum Jung-guo-Anwesen weiter, um dort der Herzoginmutter seinen Gruß zu entbieten.
 +
Währenddessen betrat Djia Liän das Ning-guo-Anwesen, wo ihn sofort einer der für das Gesinde zuständigen Aufseher mit seinen Untergebenen begrüßte und dann in die Halle geleitete. Um der Pflicht zu genügen, stellte Djia Liän einige Fragen, dann schickte er die Leute fort und ging allein in den inneren Wohnbezirk weiter. Für ihn als Vetter und engen Vertrauten von Djia Dschën galten hier keine Tabus, und so brauchte er nicht zu warten, bis man ihn angemeldet hatte. Als er vor der Haupthalle der Wohngebäude stand, schlugen die alten Sklavinnen, die im Säulengang Dienst taten, sofort den Türvorhang für ihn auf und ließen ihn eintreten.
 +
Drinnen erblickte Djia Liän die zweite Schwester You, die in Gesellschaft zweier Sklavenmädchen auf dem Ofenbett an der Südseite saß und mit einer Nadelarbeit beschäftigt war. Weder die alte Frau You noch die dritte Schwester You waren zu sehen.
 +
Als Djia Liän rasch nähertrat und die zweite Schwester You begrüßte, lud sie ihn lächelnd ein, Platz zu nehmen, und rückte selbst an die hölzerne Trennwand auf der Ostseite. Djia Liän aber bestand darauf, ihr den Ehrenplatz in der Mitte zu überlassen. Nachdem sie ein paar Begrüßungsfloskeln gewechselt hatten, erkundigte sich Djia Liän: „Wo sind denn Eure Mutter und Eure Schwester? Warum sind sie nicht zu sehen?“
 +
„Sie sind nach hinten gegangen, um etwas zu erledigen, und werden gleich wieder da sein“, gab die zweite Schwester You lächelnd Auskunft.
 +
Da die beiden Sklavenmädchen hinausgegangen waren, um Tee einzugießen, sah Djia Liän der zweiten Schwester You lächelnd in die Augen. Sie aber ging nicht darauf ein und senkte lächelnd den Blick. Also wagte Djia Liän es nicht, sich mit Handgreiflichkeiten zu übereilen. Da er aber sah, daß die zweite Schwester You an ihrem Taschentuch nestelte, an das sie ein kleines Täschchen gebunden hatte, griff er mit betonter Auffälligkeit nach seinem Gürtel und sagte dann: „Habe ich doch mein Beteltäschchen vergessen! Würdet Ihr mir wohl eine Betelnuß schenken?“
 +
„Betelnüsse habe ich wohl, aber verschenken tue ich sie nie“, erwiderte die zweite Schwester You.
 +
Lächelnd wollte sich Djia Liän ihr nähern, um ihr das Täschchen wegzunehmen, aber weil das einen schlechten Eindruck machen mußte, falls jemand dazukam, warf die zweite Schwester You ihr Taschentuch mit dem Täschchen daran rasch zu ihm hinüber, wobei sie ebenfalls lächelte.
 +
Djia Liän fing das Täschchen auf, schüttete alle Betelnüsse aus, suchte sich eine angekaute darunter heraus und schob sie in den Mund. Dann sammelte er den Rest wieder ein und wollte aufstehen, um der zweiten Schwester You das Täschchen in die Hand zu geben. Aber da kamen eben die Sklavenmädchen wieder herein und brachten den Tee. Also nahm Djia Liän sein Schälchen entgegen und trank.
 +
Zugleich löste er heimlich einen aus der Han-Zeit stammenden mit neun Drachen verzierten Jadeanhänger von seinem Gürtel, band ihn an das Taschentuch und warf das Ganze zur zweiten Schwester You hinüber, als die Sklavenmädchen eben einmal nicht hinsahen. Aber die zweite Schwester You hob das Taschentuch nicht auf, tat ganz so, als ob sie nichts bemerkt hätte, und trank ihren Tee. Da klapperte der Vorhang an der Hintertür, und herein traten die alte Frau You mit ihrer Tochter und zwei kleineren Sklavenmädchen. Rasch bedeutete Djia Liän der zweiten Schwester You mit den Augen, sie solle das Taschentuch an sich nehmen, aber sie reagierte nicht darauf.
 +
Djia Liän wußte nicht, was er davon halten sollte, und geriet in beträchtliche Verwirrung, aber er hatte keine andere Wahl, als der alten Frau You und der dritten Schwester You entgegenzugehen, um sie zu begrüßen. Als er sich wieder umwandte und nach der zweiten Schwester You sah, lächelte sie, als ob überhaupt nichts gewesen wäre, und bei näherem Hinsehen stellte er fest, daß das Taschentuch verschwunden war. Nun erst fühlte er sich beruhigt.
 +
Dann setzten sich alle hin, um zu plaudern, und Djia Liän berichtete: „Wie die Schwägerin sagte, hat sie Euch neulich ein Paket mit Silber zur Aufbewahrung geschickt, das soll ich mir jetzt auf Geheiß von Vetter Dschën geben lassen, weil Schulden zu bezahlen sind. Außerdem sollte ich nachsehen, ob hier alles in Ordnung ist.“
 +
Sofort befahl die alte Frau You ihrer älteren Tochter, sie solle den Schlüssel nehmen und das Silber holen gehen. Djia Liän aber fuhr fort: „Zugleich wollte ich Euch meinen Gruß entbieten und sehen, wie es Euren Töchtern geht. Ihr selbst scheint mir nicht schlecht auszusehen, aber Eure Töchter haben hier bei uns viel zu leiden.“
 +
„Was sagt Ihr da!“ widersprach ihm die alte Frau You. „Schließlich sind wir engste Verwandte, und wir würden zu Hause nicht anders leben als hier. Um die Wahrheit zu sagen, ist unsere Familie hart dran, seitdem mein Mann nicht mehr lebt, und wir sind ganz auf die Hilfe meines Schwiegersohns angewiesen. Jetzt, wo seine Familie von einem so schwerwiegenden Ereignis betroffen ist, können wir ihm wenigstens dadurch von Nutzen sein, daß wir das Haus für ihn hüten. Von welchem Leiden kann also die Rede sein?“
 +
Bei diesen Worten kam die zweite Schwester You mit dem Silber zurück und übergab es ihrer Mutter, die es an Djia Liän weiterreichte. Dann ließ Djia Liän durch eines der Sklavenmädchen eine alte Sklavin rufen und befahl ihr: „Gib das Yü Lu und sag ihm, er solle damit zu mir hinübergehen und auf mich warten!“
 +
Als die alte Sklavin jawohl gesagt hatte und hinausgegangen war, ertönte Djia Jungs Stimme im Hof, und im nächsten Augenblick trat er ins Haus und begrüßte seine Stiefgroßmutter und seine beiden Stieftanten. Dann wandte er sich lächelnd an Djia Liän und sagte: „Gerade hat drüben der alte gnädige Herr nach Euch gefragt, Onkel. Er sagte, er habe einen Auftrag für Euch, und wollte schon jemand ins Kloster schicken, um Euch zu holen. Ich habe ihm gesagt, Ihr würdet gleich da sein, und da hat er mir noch aufgetragen, Euch zur Eile zu mahnen, wenn ich Euch treffe.“
 +
Schon machte Djia Liän Anstalten aufzustehen, da hörte er, wie Djia Jung zur alten Frau You sagte: „Der Mann, von dem ich Euch neulich erzählte, daß mein Vater ihn für die Tante ausgesucht hat, sieht nach Gesicht und Gestalt beinahe so aus wie mein Onkel hier. Wie gefällt Euch der, alte Ahne?“ Damit machte er eine verstohlene Handbewegung in Djia Liäns Richtung und wies dann mit dem Kinn nach der zweiten Schwester You.
 +
Dieser war es peinlich, etwas zu sagen, ihre Schwester jedoch schimpfte lächelnd: „Du verdorbener kleiner Affe, du! Weißt du nichts Besseres zu schwatzen? Warte, ich werde dir deinen Mund zerreißen!“ Mit diesen Worten ging sie wirklich auf ihn los, aber da war Djia Jung schon lachend hinausgelaufen.
 +
Nun verabschiedete sich auch Djia Liän und ging zuerst noch einmal in die Halle, wo er das Gesinde ermahnte, keine Glücksspiele zu spielen und keinen Wein zu trinken. Dann bat er Djia Jung noch unter vier Augen, er solle sich beeilen, ins Kloster zurückzukommen, und möglichst schnell mit seinem Vater sprechen. Anschließend ritt er mit Yü Lu zum anderen Anwesen hinüber, gab ihm dort das restliche Silber und schickte ihn weg. Nachdem er zuvor noch seinen Vater aufgesucht hatte, ging er endlich der Herzoginmutter seine Aufwartung machen. Aber davon soll hier nicht die Rede sein.
 +
Als sich Djia Jung davon überzeugt hatte, daß Yü Lu mit Djia Liän fortritt, um das Silber zu holen, so daß für ihn nichts zu tun blieb, kehrte er noch einmal in die inneren Gemächer zurück, um sich dort noch ein Weilchen mit seinen beiden Stieftanten zu necken, ehe er sich wieder auf den Weg machte. Als er am Abend ins Kloster kam und seinen Vater aufsuchte, berichtete er: „Yü Lu hat das Silber bekommen. Die alte gnädige Frau ist wieder gesund und braucht keine Medizin mehr zu nehmen.“ Anschließend nahm er sofort die Gelegenheit wahr, um seinem Vater zu erzählen, daß Djia Liän unterwegs den Wunsch geäußert habe, die zweite Schwester You zu seiner Nebenfrau zu machen, und daß er den Plan habe, außerhalb mit ihr zu wohnen, damit Hsi-fëng nichts davon erführe.
 +
„Es geht ihm nur darum, das Ärgernis zu beheben, daß er noch keinen Sohn hat“, versicherte er. „Außerdem hat er die Tante schon gesehen, und sowieso ist es besser, jemand zu heiraten, mit dem man verschwägert ist, als jemand Fremdes, von dem man nichts weiß. Deshalb hat mich der Onkel immer wieder gebeten, mit Euch zu sprechen.“ Daß alles sein eigener Einfall gewesen war, verschwieg er geflissentlich.
 +
Djia Dschën dachte nach, dann sagte er lächelnd: „Warum eigentlich nicht! Nur weiß ich nicht, ob deine Tante damit einverstanden sein wird. Also sprich morgen zuerst mit deiner Großmutter darüber und bitte sie, die Tante zu fragen, ehe wir eine Entscheidung treffen.“ Anschließend gab er Djia Jung noch einige Instruktionen, dann ging er hinüber und teilte Frau You die Neuigkeit mit.
 +
Frau You war sich darüber im klaren, daß die Sache sich nicht gehöre, und riet Djia Dschën nach Kräften ab. Sein Entschluß stand jedoch bereits fest, und da es Frau You gewohnt war, sich zu fügen, und da sie und die zweite Schwester You nicht Kinder einer Mutter waren, so daß sie sich auch nicht allzusehr um sie kümmern konnte, mußte sie den Dingen ihren Lauf lassen.
 +
Am nächsten Morgen ritt Djia Jung tatsächlich in aller Frühe erneut in die Stadt, suchte seine Stiefgroßmutter auf und eröffnete ihr, was sein Vater ihm aufgetragen hatte. Außerdem fügte er noch von sich aus mancherlei hinzu.
 +
So erzählte er, Djia Liän sei ein herzensguter Mensch, Hsi-fëng aber sei unheilbar krank, und wenn die Tante vorläufig außerhalb wohnen würde, könnte Djia Liän sie nach einem Jahr oder einem halben, wenn Hsi-fëng erst tot sei, ins Haus nehmen und zur Hauptfrau machen. Er schilderte auch in den rosigsten Farben, wie sein Vater die Verlobung ausrichten werde und wie Djia Liän die Hochzeit gestalten wolle. „Auch Euch würde er bei sich aufnehmen und im Alter für Euch sorgen, und für die zweite Tante würde er mit der Zeit ebenfalls einen Mann suchen“, fügte er zum Schluß noch hinzu.
 
Wie hätte die alte Frau You solchen Verlockungen widerstehen können, zumal sie ganz auf Djia Dschëns Unterstützung angewiesen war und Djia Dschën die Sache in die Hand genommen hatte und die Verlobung arrangieren wollte, so daß sie selbst nicht einmal für die Aussteuer zu sorgen brauchte. Außerdem war Djia Liän ein junger Mann aus guter Familie und zehnmal besser als Dschang Hua. Also ging die alte Frau You sofort hinüber, um mit ihrer Tochter zu sprechen.
 
Wie hätte die alte Frau You solchen Verlockungen widerstehen können, zumal sie ganz auf Djia Dschëns Unterstützung angewiesen war und Djia Dschën die Sache in die Hand genommen hatte und die Verlobung arrangieren wollte, so daß sie selbst nicht einmal für die Aussteuer zu sorgen brauchte. Außerdem war Djia Liän ein junger Mann aus guter Familie und zehnmal besser als Dschang Hua. Also ging die alte Frau You sofort hinüber, um mit ihrer Tochter zu sprechen.
 
Die zweite Schwester You hatte einen Charakter wie Wasser, und es hatte auch schon etwas Unziemliches zwischen ihr und Djia Dschën gegeben. Daß sie seinerzeit mit Dschang Hua verlobt worden war, wodurch sie für immer auf einen richtigen Platz im Leben verzichten mußte, hatte sie stets bedauert. Was sollte sie also einzuwenden haben, wenn jetzt Djia Liän in sie verliebt war und kein anderer als Djia Dschën sie verloben und verheiraten wollte? Also nickte sie und erklärte sich einverstanden.  
 
Die zweite Schwester You hatte einen Charakter wie Wasser, und es hatte auch schon etwas Unziemliches zwischen ihr und Djia Dschën gegeben. Daß sie seinerzeit mit Dschang Hua verlobt worden war, wodurch sie für immer auf einen richtigen Platz im Leben verzichten mußte, hatte sie stets bedauert. Was sollte sie also einzuwenden haben, wenn jetzt Djia Liän in sie verliebt war und kein anderer als Djia Dschën sie verloben und verheiraten wollte? Also nickte sie und erklärte sich einverstanden.  
Line 23: Line 183:
 
Als Djia Liän sah, daß alle Vorbereitungen getroffen waren, suchte er den dritten Tag des neunten Monats als Glückstag aus, um die zweite Schwester You als Nebenfrau heimzuführen.
 
Als Djia Liän sah, daß alle Vorbereitungen getroffen waren, suchte er den dritten Tag des neunten Monats als Glückstag aus, um die zweite Schwester You als Nebenfrau heimzuführen.
 
Im nächsten Kapitel wird mehr davon erzählt.  
 
Im nächsten Kapitel wird mehr davon erzählt.  
65. Djia Liän nimmt heimlich die zweite Schwester You zur Frau,
 
die dritte Schwester You möchte Liu Hsiang-liän zum Mann haben.
 
 
Als alles, was Djia Liän mit Djia Dschën und Djia Jung abgesprochen hatte, ins Werk gesetzt war, wurden am zweiten Tag des neuen Monats zunächst die alte Frau You und die dritte Schwester You in die neue Wohnung geschickt. Die alte Frau You mußte zwar erkennen, daß Djia Jung ihnen weit mehr versprochen hatte, aber weil immerhin alles sehr ordentlich war, gaben sich Mutter und Tochter zufrieden. Bau Örl und seine Frau waren gleich vom ersten Zusammentreffen an sehr liebenswürdig und nannten Mutter You nicht anders als ‚alte Dame‘ oder gar ‚alte gnädige Frau‘, während sie die dritte Schwester You mit ‚dritte Tante‘ oder ‚Frau Tante‘ anredeten.
 
Am nächsten Morgen in der fünften Nachtwache wurde die zweite Schwester You in einer schlichten Sänfte gebracht. Weihrauch, Kerzen und Opfergaben standen bereit, das Brautbett war schon gemacht, Wein und Speisen waren zugerichtet, so daß alles seine Ordnung hatte, und bald erschien auch in einer kleinen Sänfte Djia Liän, schmucklos gekleidet. Gemeinsam vollzogen sie ihren Stirnaufschlag vor Himmel und Erde und verbrannten die papiernen Opfergaben. Die alte Frau You sah, daß ihre Tochter von Kopf bis Fuß frisch eingekleidet und neu geschmückt war, wie sie es zu Hause nie gekannt hatte, und führte sie deshalb höchst zufrieden ins Brautgemach. Wie Djia Liän und die zweite Schwester You in dieser Nacht einem Phönixpärchen gleich auf hunderterlei Weise die Freuden der Liebe genossen, braucht nicht erzählt zu werden.
 
Je mehr Djia Liän von der zweiten Schwester You sah und je länger er sie sah, desto besser gefiel sie ihm, und er vermochte ihr gar nicht genug zu schmeicheln. Bau Örl und dem übrigen Gesinde befahl er, sie durchaus nicht anders zu nennen als ‚junge Herrin‘, auch er selbst redete sie so an, und den Namen Hsi-fëng schien er mit einem Pinselstrich aus seinen Gedanken getilgt zu haben.
 
Wenn er gelegentlich einmal nach Hause kam, sagte er nur, er habe im Ning-guo-Anwesen zu tun und könne sich nicht losmachen. Hsi-fëng und die anderen wußten, wie eng sein Verhältnis zu Djia Dschën war, und da sie sich denken konnten, daß es viel zu bereden gab, schöpften sie keinen Verdacht. Das zahlreiche Gesinde dagegen kümmerte sich nicht um solche Dinge, und die wenigen Neugierigen, die stets hinter jedem Klatsch her waren, bemühten sich, Djia Liän gefällig zu sein, um sich dadurch kleine Vorteile zu verschaffen. Wer von ihnen hätte also etwas verraten sollen? Djia Liäns Dankbarkeit gegenüber Djia Dschën kannte keine Grenze.
 
Jeden Monat zahlte Djia Liän fünf Liang Silber für den täglichen Unterhalt der Yous. Wenn er nicht kam, aßen Mutter und Töchter zu dritt, kam er dagegen, aß das Paar nur zu zweit, während Mutter und Tochter sich in ihre Räume zurückzogen und dort aßen. Djia Liän brachte auch all seine Ersparnisse mit, die er im Laufe der Jahre gemacht hatte, und übergab sie der zweiten Schwester You zur Aufbewahrung.
 
Zwischen Decken und Kissen machte er die zweite Schwester You ausführlich mit dem Charakter und dem Verhalten von Hsi-fëng vertraut und versprach ihr, sie ins Haus zu nehmen, sobald Hsi-fëng tot sei. Dagegen hatte die zweite Schwester You natürlich nichts einzuwenden. So begann sich das Leben des kleinen Haushalts von nicht viel mehr als zehn Personen einzuspielen und gestaltete sich höchst angenehm.
 
Ehe man sich‘s versah, waren zwei Monate vergangen. Im Kloster Eiserne Schwelle waren die Totenmessen zu Ende gelesen, und am Abend kehrte Djia Dschën nach Hause zurück. Da er die Stiefschwestern seiner Frau lange nicht gesehen hatte, wollte er sie gern besuchen. Zuerst aber befahl er einem Sklavenjungen, er solle erkunden gehen, ob Djia Liän dort sei oder nicht. Als der Knabe mit der Meldung zurückkam, er sei nicht dort, war Djia Dschën hocherfreut und schickte sein ganzes Gefolge bis auf zwei vertraute Sklavenjungen fort, die ihm das Pferd führen mußten.
 
Als sie das Haus erreichten, war es eben Zeit, die Lampen anzuzünden. Leise traten sie in den Hof, und die beiden Knaben führten das Pferd in den Stall, um dann in die Gesinderäume zu gehen und zu warten. Djia Dschën trat ins Haus, wo gerade erst die Lampen angezündet worden waren, und begrüßte als erstes die alte Frau You und ihre jüngere Tochter, dann kam auch die zweite Schwester You zu ihnen heraus, und Djia Dschën redete sie wie früher mit ‚Schwägerin‘ an.
 
Als sie Tee tranken und plauderten, fragte Djia Dschën lächelnd: „Wie bist du mit dem Mann zufrieden, den ich dir verschafft habe? Wenn du ihn nicht genommen hättest, würdest du seinesgleichen auch mit der Laterne nicht finden. Demnächst wird dich noch eure ältere Schwester mit Geschenken besuchen kommen.“
 
Inzwischen hatten die zweite Schwester You befohlen, Wein und Zuspeisen zurechtzumachen und die Türen zu schließen, da sie als Verwandte unter sich waren und so keine Tabus bestanden.
 
Als Bau Örl hereintrat, um seinen Gruß zu entbieten, redete Djia Dschën ihn an: „Ich habe dich hierher geschickt, weil du ein guter Kerl bist. In Zukunft wird es noch größere Dinge für dich zu tun geben. Nur darfst du nicht außer Hause Wein trinken gehen und irgendwelche Dinge anstellen. Selbstverständlich wird es auch Belohnungen für dich geben. Und da der junge Herr Liän viel zu tun hat und die Leute in seinem Anwesen recht gemischt sind, kannst du unbesorgt zu mir kommen, falls es hier an irgend etwas fehlt. Schließlich bin ich sein Vetter und kein Fremder.“
 
„Ich habe verstanden“, erwiderte Bau Örl. „Wenn ich nicht alles tue, was in meiner Kraft steht, will ich auf meinen Kopf gern verzichten.“
 
„Das ist es, was du verstehen solltest“, sagte Djia Dschën und nickte dazu.
 
Dann tranken sie zu viert Wein, und da die zweite Schwester You die Situation durchschaute, forderte sie ihre Mutter auf: „Begleitet mich bitte nach drüben, Mutter! Ich bin so furchtsam.“
 
Auch die alte Frau You hatte begriffen und ging tatsächlich mit hinaus, so daß bei Djia Dschën und der dritten Schwester You nur die kleinen Sklavenmädchen zurückblieben. Als aber Djia Dschën so eng an die dritte Schwester You heranrückte, daß er sie mit Schulter und Wange berührte, und sich hunderterlei Freiheiten herausnahm, konnten es die Sklavenmädchen nicht länger mit ansehen und zogen sich ebenfalls zurück, damit sich die beiden keinen Zwang anzutun brauchten und miteinander treiben konnten, was immer sie wollten.
 
Djia Dschëns Sklavenjungen saßen in der Küche und tranken mit Bau Örl zusammen Wein, während Bau Örls Frau am Herd stand und kochte, als plötzlich die beiden Sklavenmädchen lachend hereinkamen und ebenfalls Wein verlangten.
 
„Anstatt drüben aufzuwarten, schleicht ihr hierher, und wenn man euch ruft, und ihr seid nicht da, gibt es Ärger“, hielt Bau Örl ihnen vor.
 
„Du dummer versoffener Hahnrei, laß dich mit gelber Brühe vollaufen, und wenn du genug hast, dann klemm deinen Schwanz zwischen die Beine und mach deinen Kadaver lang!“ schimpfte seine Frau. „Es hat doch einen Dreck mit dir zu tun, ob sie rufen oder nicht. Und in jedem Falle bin ja ich da. Auch wenn es ein Gewitter gibt, wirst du doch nicht naß.“
 
Nun verdankte Bau Örl seinen Aufstieg einzig und allein seiner Frau, und für die jüngste Beförderung galt das erst recht. Obwohl er nichts anderes tat als Geld einstecken und Wein trinken, machte ihm doch weder Djia Liän noch jemand anders einen Vorwurf. Darum gehorchte er seiner Frau aufs Wort, gerade als wäre sie seine Mutter gewesen, und so ging er wirklich schlafen, nachdem er genug getrunken hatte.
 
 
Aus: Jinyuyuan 1889a.
 
Seine Frau leistete inzwischen den Sklavenmädchen und den Sklavenjungen Gesellschaft und war bemüht, sich bei ihnen lieb Kind zu machen, weil sie hoffte, sie würden dafür bei Djia Dschën ein gutes Wort für sie einlegen. Da hörten sie, als sie gerade im besten Zuge waren, plötzlich ein Klopfen am Tor, und als Bau Örls Frau rasch hinausging und öffnete, sah sie Djia Liän vom Pferd steigen.
 
„War irgend etwas?“ fragte er.
 
„Euer Herr Vetter ist hier, er sitzt im westlichen Seitengebäude“, gab Bau Örls Frau leise Auskunft.
 
Daraufhin ging Djia Liän in seinen Schlafraum, wo er die zweite Schwester You und ihre Mutter vorfand, die bei seinem Eintritt verlegene Gesichter machten. Er tat aber so, als ob er nichts merkte, und befahl: „Bring uns schnell Wein! Wir wollen ein paar Becher trinken, damit wir besser schlafen können. Ich bin schrecklich müde heute.“
 
Rasch trat die zweite Schwester You auf ihn zu und nahm ihm lächelnd das Obergewand ab, dann reichte sie ihm Tee und stellte ihm tausend Fragen. Djia Liän hatte so viel Freude an ihr, daß ihn das Herz unerträglich zu jucken begann.
 
Bald darauf brachte Bau Örls Frau den Wein, und die beiden tranken einander zu. Die alte Frau You mochte nichts trinken und ging in ihr Zimmer, während eines der beiden Sklavenmädchen erschien, um dem Paar aufzuwarten.
 
Als Djia Liäns vertrauter Sklavenjunge Lung-örl das Pferd in den Stall führte und dort schon ein anderes vorfand, das er bei näherer Betrachtung als Djia Dschëns erkannte, konnte er sich denken, was hier vorging, und begab sich in die Küche, wo er richtig auf Hsi-örl und Schou-örl stieß, die schon beim Wein saßen und sich bei seinem Anblick ebenfalls ihr Teil denken konnten.
 
„Du kommst gerade richtig!“ begrüßten sie ihn lächelnd. „Wir haben nämlich mit dem Pferd unseres Herrn nicht Schritt halten können, und um nicht gegen das nächtliche Ausgehverbot zu verstoßen, haben wir hier um ein Nachtquartier gebeten.“
 
Ebenfalls lächelnd, erwiderte Lung-örl: „Schlaft nur hier, es ist Platz genug auf den Ofenbetten! Mich hat mein Herr hergeschickt, um das Monatsgeld zu bringen. Ich habe es der jungen Herrin ausgehändigt und übernachte ebenfalls hier.“
 
„Wir haben schon eine Menge getrunken“, sagte Hsi-örl, „komm, trink auch einen Becher!“
 
Aber kaum hatte Lung-örl sich gesetzt und seinen Becher gehoben, hörten sie plötzlich Lärm aus dem Pferdestall. Dort wollten die beiden Pferde einander nicht an der Krippe dulden und hatten begonnen, sich mit den Hufen zu treten. Rasch setzten Lung-örl und die anderen beiden Knaben ihre Becher nieder und stürzten hinaus. Als sie die Pferde mit viel Mühe wieder zur Ruhe gebracht hatten, banden sie sie an anderer Stelle fest, dann kehrten sie in die Küche zurück.
 
„Ihr drei schlaft hier!“ sagte Bau Örls Frau zu ihnen. „Der Tee ist auch fertig, da gehe ich jetzt.“ Mit diesen Worten ging sie hinaus und machte die Tür hinter sich zu.
 
Hsi-örl, der schon einige Becher getrunken hatte, konnte kaum noch aus den Augen sehen, und als Lung-örl und Schou-örl die Tür abgeschlossen hatten und sich dann wieder nach ihm umsahen, lag er stocksteif auf dem Ofenbett. Also stießen sie ihn an und baten: „Komm hoch und leg dich ordentlich schlafen! Wenn du nur an dich denkst, sind wir beide schlecht dran.“
 
Aber Hsi-örl erwiderte ihnen: „Heute wollen wir uns ehrlich und gerecht eine tüchtige Portion Sesambrötchen backen! Und wer den Musterknaben spielen will, dem vögele ich seine Mutter gründlich durch!“
 
Lung-örl und Schou-örl merkten, daß er betrunken war, also verzichteten sie auf überflüssige Worte, bliesen das Licht aus und legten sich schlafen, so gut es ging.
 
Auch die zweite Schwester You hatte den Lärm im Pferdestall gehört und war darüber unruhig geworden. Mit ein paar Worten lenkte sie Djia Liän ab. Djia Liän war schon nach wenigen Bechern in Frühlingsstimmung gekommen, also befahl er, den Wein und die Zuspeisen abzutragen, dann verschloß er die Tür und begann sich auszuziehen. Die zweite Schwester You trug nur eine halblange dunkelrote Jacke, und die schwarzen Wolken ihres Haares hingen lose herab. Mit ihren weingeröteten Wangen sah sie noch lieblicher aus als bei Tage. Djia Liän nahm sie in die Arme und sagte lächelnd: „Alle sagen, meine Hexe sei hübsch, ich aber finde, sie ist nicht würdig, dir die Schuhe zu reichen.“
 
„Ich bin zwar schön, aber ich habe keinen Charakter“, gab die zweite Schwester You zurück. „Mir scheint, die Häßlichen haben es besser.“
 
„Das verstehe ich nicht. Wie meinst du das?“ fragte Djia Liän sofort.
 
„Ihr haltet mich alle für ein Dummchen, das von nichts eine Ahnung hat“, klagte die zweite Schwester You unter Tränen. „Wir sind jetzt seit zwei Monaten Mann und Frau, das ist keine lange Zeit, aber es reicht, um zu wissen, daß du nicht dumm bist. Ich werde dir im Leben als Mensch und im Tod als Geist gehören. Als deine Frau werde ich mich mein Leben lang auf dich stützen, wie könnte ich dir also auch nur ein Wort verschweigen?! Ich habe eine Stütze gefunden, aber was wird aus meiner jüngeren Schwester? Das, was jetzt ist, ist nichts für ewig. Es muß dauerhaft für sie gesorgt werden.“
 
„Sei unbesorgt!“ sagte Djia Liän und lächelte, „ich bin nicht von der eifersüchtigen Sorte. Was gewesen ist, weiß ich, darüber brauchst du nicht zu erschrecken. Es muß dir natürlich peinlich sein, daß mein Vetter der Mann deiner Schwester wird, aber ich werde die Ausnahme machen!“
 
Mit diesen Worten verließ er den Raum und ging in den westlichen Hof, wo er durchs Fenster sah, daß die Lampen hell brannten und die beiden vergnügt beim Wein saßen. Er schob die Tür auf, trat ins Zimmer und sagte lächelnd: „Ich wollte den Herrn Vetter begrüßen, wenn er schon einmal hier ist.“
 
Djia Dschën brachte vor Scham kein Wort hervor und hatte keine andere Wahl, als aufzustehen und Djia Liän einen Platz anzubieten.
 
„Was ist dir denn?“ fragte Djia Liän lächelnd. „Haben wir uns nicht immer bestens vertragen? Dafür, was du für mich getan hast, würde ich mich für dich in Stücke hauen lassen, so unendlich dankbar bin ich dir. Wie könnte ich Ruhe finden, wenn du an mir zweifelst? Also benimm dich wieder wie früher, sonst komme ich nie wieder hierher, auch wenn ich dann ohne Sohn sterben muß.“
 
Bei den letzten Worten kniete er nieder, und verwirrt half ihm Djia Dschën wieder auf. Dabei sagte er nur: „Ich werde alles tun, was du befiehlst, Vetter.“
 
Sofort rief Djia Liän: „Bringt uns noch Wein, ich will ein paar Becher mit meinem Vetter trinken!“ Dann griff er nach der Hand der dritten Schwester You und forderte sie auf: „Komm her, du sollst auch einen Becher mit dem Vetter deines Mannes trinken!“
 
„Also, du bist ja einer!“ sagte Djia Dschën lächelnd. „Ich werde diesen Becher leeren!“ Und schon stürzte er den Wein in einem Zug hinunter.
 
Derweilen stieg die dritte Schwester You aufs Ofenbett, wies mit der Hand auf Djia Liän und sagte lächelnd: „Spar dir deine schönen Worte und laß mich ungeschoren! Meinst du, ich wäre blind? Wenn du Schattentheater spielen willst, mußt du aufpassen, daß du nicht ein Loch in den Bildschirm reißt. Du mußt dir nichts vormachen und darfst dir nicht einbilden, wir wüßten nicht, wie es in eurem Hause zugeht. Wenn ihr beide glaubt, bloß weil ihr ein bißchen schnödes Geld ausgegeben habt, könntet ihr uns beide als Huren betrachten und herkommen, um euch mit uns zu amüsieren, habt ihr euch verrechnet.
 
Ich weiß, daß mit deiner Frau kein Auskommen ist und daß du deshalb meine Schwester als Nebenfrau hierher gebracht hast. Aber einen gestohlenen Gong darf man nicht schlagen. Diese Frau Hsi-fëng würde ich gern einmal treffen, nur um zu sehen, wie viele Köpfe und wie viele Hände sie eigentlich hat.
 
Solange ihr nur schön friedlich bleibt, soll alles gut sein, aber wenn ihr euch nur das mindeste leistet, was wir nicht hinnehmen können, bin ich imstande, euch die Gedärme herauszureißen. Und anschließend fechte ich es mit diesem Weibsstück aus, auch wenn es das Leben kostet, sonst will ich nicht länger die dritte Schwester You sein! – Wein trinken wollt ihr? Also los, trinken wir!“
 
Mit diesen Worten griff sie nach der Kanne, goß sich einen Becher Wein ein und trank ihn zur Hälfte aus. Dann schlang sie den Arm um Djia Liäns Nacken, flößte ihm den restlichen Wein ein und sagte: „Mit deinem Vetter habe ich schon getrunken, jetzt wollen wir es uns miteinander gemütlich machen!“
 
Djia Liän wurde vor lauter Schreck wieder nüchtern, und auch Djia Dschën hatte nicht erwartet, daß sich die dritte Schwester You so schamlos benehmen könnte. Beide Vettern waren aus den Freudenhäusern einiges gewöhnt, jetzt aber hatten ihnen die Worte eines jungen Mädchens die Sprache verschlagen.
 
Die dritte Schwester You ließ jedoch nicht locker und rief nach ihrer Schwester. „Wenn wir uns schon vergnügen wollen, müssen wir es zu viert tun!“ verlangte sie. „Sagt nicht das Sprichwort ‚Bequemer als zu Hause hat man es nirgends‘? Sie sind Vettern, und wir sind Schwestern, da sind wir uns doch nicht fremd. Also komm nur!“
 
Der zweiten Schwester You war die Sache höchst unangenehm, und Djia Dschën glaubte, eine Gelegenheit gefunden zu haben, um sich wegzustehlen, aber die dritte Schwester You ließ ihn nicht fort. Jetzt begann Djia Dschën zu bereuen, daß er überhaupt gekommen war, denn das hätte er nie erwartet, daß er und Djia Liän nicht auch mit der dritten Schwester You leichtes Spiel haben sollten.
 
Die dritte Schwester You trug jetzt ihr Haar in einem losen Knoten, ihre dunkelrote Jacke stand halb offen, so daß ihr lauchgelbes Brusttuch und ein Streifen schneeweißes Fleisch zu sehen waren. Ihre Beine in grünen Hosen und roten Strümpfen sowie ihre ‚Goldlotos‘-Füßchen0 hielt sie keinen Augenblick züchtig still, mal klopfte sie damit auf den Boden, mal öffnete und schloß sie sie. Ihre Ohrgehänge schwangen wie Schaukeln hin und her, ihre weidenblattförmigen Brauen wirkten im Lampenlicht wie dunkler Nebel, und ihr sandelduftender Mund schien wie mit Zinnober betupft. Ihre Augen, die sonst klar wie Herbstwasser strahlten, waren nach dem Weingenuß umflort und verführerisch.
 
Mit all dem stellte die dritte Schwester You nicht nur ihre ältere Schwester in den Schatten, nach dem Urteil von Djia Dschën und Djia Liän verfügte keine einzige von den Frauen vornehmen und geringen Standes, die sie bisher gesehen hatten, über solche Zartheit und solchen Charme. Beide Vettern fühlten sich wie betäubt, und als sie unwillkürlich die Hände nach der dritten Schwester You ausstrecken wollten, hatte die Wollüstigkeit des Anblicks sie selbst dazu unfähig gemacht.
 
Mühelos konnte sich die dritte Schwester You davon überzeugen, daß die beiden nichts anderes mehr kannten und nichts anderes mehr sahen als sie. Sie waren nicht einmal mehr imstande, einen vernünftigen Satz zu äußern, und alles, woran sie noch dachten, waren Wein und Lust. Sie selbst dagegen sprach laut und ungeniert, tat sich keinerlei Zwang an und hielt die beiden kräftig zum Narren. Nicht sie hatten die Männer zur Prostituierten gemacht, sie hatten sich vielmehr vor ihr prostituiert.
 
Als die dritte Schwester You genug getrunken hatte und ihre Stimmung verflogen war, erlaubte sie den beiden nicht, länger zu bleiben, und warf sie kurzerhand hinaus. Dann verschloß sie die Tür und legte sich schlafen.
 
Von nun an brauchten nur die Sklavenmädchen oder die alten Sklavenfrauen etwas nicht recht zu machen, schon schimpfte die dritte Schwester You in den höchsten Tönen über Djia Liän, Djia Dschën und Djia Jung und sagte, die drei hätten eine arme Witwe und ihre verwaisten Töchter schändlich betrogen. Djia Dschën seinerseits wagte von nun an nicht mehr, ohne weiteres in die Gasse der Kleinen Blütenzweige zu kommen. Nur manchmal, wenn die dritte Schwester You in der Stimmung dazu war und ihn durch einen Sklavenjungen einladen ließ, traute er sich noch hierher und fügte sich dann stets ihren Wünschen.
 
Die dritte Schwester You aber hatte von Natur aus die unerträgliche Neigung, sich zusätzlich zu ihrer Schönheit und ihrem Charme extravagant herauszustaffieren und mit zahllosen unzüchtigen Gesten und wollüstigen Posen, die ihr keine andere nachmachen konnte, die Männer dahin zu bringen, daß ihnen das Wasser im Munde zusammenlief und die Sinne ihnen schwanden, daß sie sich ihr nähern wollten und nicht durften, sie fliehen wollten und nicht konnten. Sie völlig verwirrt und kopflos zu machen, darin bestand ihr Vergnügen.
 
Ihre Mutter und ihre Schwester bemühten sich nach Kräften, ihr dieses Benehmen auszureden, aber darauf erwiderte sie: „Du bist dumm, Schwester! Wir sind Mädchen wie Gold und Jade, wenn wir uns für nichts und wieder nichts von diesen Strolchen besudeln ließen, müßten wir ja als ganz und gar unfähig gelten. Zumal sie dieses bösartige Frauenzimmer im Hause haben, und wir nur so lange in Sicherheit sind, wie sie nichts von uns weiß.
 
Sobald sie von uns erfährt, gibt es für sie keinen Grund, sich tatenlos mit diesem Zustand abzufinden, und es wird mit Sicherheit einen gewaltigen Skandal geben. Wer dabei überlebt und wer daran zugrunde geht, ist noch gar nicht abzusehen. Wenn ich nicht jetzt die Gelegenheit nutze, um mich über sie lustig zu machen und sie zu demütigen, um mich an ihnen schadlos zu halten, bleibt nachher von mir nur ein schlechter Ruf zurück, und zur Reue ist es dann zu spät.“
 
Dieser Rede entnahmen ihre Mutter und ihre Schwester, daß sie nicht gewillt war, auf sie zu hören, und damit mußten sie sich notgedrungen abfinden.
 
In bezug auf Kleidung und Speisen wurde die dritte Schwester You von Tag zu Tag wählerischer. Gab man ihr Silber, dann wollte sie Gold, bekam sie Perlen, verlangte sie Edelsteine. Setzte man ihr fettes Gänsefleisch vor, dann ließ sie statt dessen feiste Enten schlachten, wenn sie nicht gar in Zorn geriet und die Speisen mitsamt dem Tisch umwarf. Gefielen ihr die Kleider nicht, die man ihr zuteilte, dannn zerschlitzte sie sie mit der Schere, mochten sie auch aus Seide oder Brokat sein und nagelneu. Und jeden Streifen, den sie abriß, begleitete sie mit einem Fluch. So hatte Djia Dschën keinen einzigen glücklichen Tag mit ihr und gab nur große Mengen Sündengeld für sie aus.
 
Wenn Djia Liän kam, hielt er sich nur in den Räumen der zweiten Schwester You auf. Er bereute ein wenig, was er getan hatte, aber andererseits war nun einmal die zweite Schwester You eine sehr gefühlvolle Frau, die ihn für den Rest ihrer Tage als Herrn und Meister betrachtete und die auch stets wußte, wo ihn der Schuh drückte. Ihre Nachgiebigkeit und Friedfertigkeit waren zehnmal größer als die von Hsi-fëng, über alles und jedes beriet sie sich mit ihm und erlaubte sich nicht, auf Grund ihrer eigenen Fähigkeiten selbstherrlich zu entscheiden.
 
Auch in Schönheit, Redeweise und Betragen übertraf sie Hsi-fëng noch zu fünf Zehnteln. Aber wenn sie sich auch gebessert hatte, haftete ihr doch, da sie einmal gestrauchelt war, der Makel der Unzüchtigkeit an, durch den alle ihre Vorzüge null und nichtig wurden. Djia Liän aber sagte dazu: „Welcher Mensch ist schon frei von Fehlern? Die Hauptsache ist, er stellt sie ab, sobald er sie einmal erkannt hat.“ Deshalb rührte er nicht an ihre vergangene Unkeuschheit und hielt sich nur an ihre jetzige Güte. So klebten sie aneinander wie Leim und Lack und waren so vertraut miteinander wie Fisch und Wasser. Sie waren ein Herz und eine Seele, schworen sich, miteinander zu leben und zu sterben, und für Hsi-fëng und Ping-örl war in Djia Liäns Gedanken kein Platz mehr.
 
Noch immer redete die zweite Schwester You zwischen Decken und Kissen auf Djia Liän ein: „Berate dich mit deinem Vetter Dschën und such mit ihm zusammen einen eurer Bekannten aus, um ihn mit meiner Schwester zu verloben! Sie hier im Hause zu behalten ist auf die Dauer nicht das Richtige. Was willst du machen, wenn schließlich ein Skandal daraus wird?“
 
„Ich habe meinen Vetter neulich schon deswegen angesprochen, aber er will einfach nicht von ihr lassen“, berichtete Djia Liän. „Ich habe gesagt: ‚Sie ist ein schönes, fettes Stück Hammelfleisch, nur leider so heiß, daß man sich den Mund daran verbrennt, eine liebliche Rose, aber mit solchen Stacheln, daß man sich die Hände daran zersticht. Wir kriegen sie bestimmt nicht herum, darum ist die einzige Möglichkeit die, jemand zu suchen, um sie zu verloben.‘ Darauf druckste er nur herum und ließ das Thema fallen. Was also soll ich deiner Meinung nach tun?“
 
„Sei unbesorgt!“ sagte die zweite Schwester You. „Morgen reden wir meiner Schwester noch einmal zu, und wenn sie einverstanden ist, soll sie so weitermachen wie bisher. Wenn ihm das zuviel wird, kann er nicht anders, als sie zu verloben.“
 
„Völlig richtig!“ stimmte Djia Liän zu.
 
Am nächsten Tag ließ die zweite Schwester You eine besondere Weintafel herrichten, und Djia Liän ging nicht aus dem Hause. Um die Mittagszeit bat sie dann ihre Schwester herüber und nötigte sie mit der Mutter zusammen auf die Ehrenplätze. Da konnte sich die dritte Schwester You denken, worum es ging, und ohne daß ihre Schwester den Mund aufzumachen brauchte, sagte sie nach der dritten Runde Wein unter Tränen: „Wenn du mich heute eingeladen hast, Schwester, willst du bestimmt über ein wichtiges Zeremoniell mit mir sprechen. Aber ich bin keine Närrin, und so brauchen wir die häßlichen Dinge, die es gegeben hat, nicht wieder und wieder aufzuwärmen. Ich weiß das alles, und es hat keinen Sinn, noch darüber zu reden.
 
Nachdem du deinen Platz im Leben gefunden hast und auch Mutter dadurch eine Bleibe hat, muß ich auch für mich eine Lösung finden, damit alles seine Ordnung hat. Aber diese wichtigste Entscheidung im Leben gilt bis ans Grab, und darum ist sie kein Kinderspiel. Ich habe es mir überlegt und will mich in mein Los fügen, aber ich gehe nur mit jemand, der nach meinem Herzen und meinem Sinn ist. Wenn ihr jemand aussucht, und er wäre reich wie Schï Tschung0, talentiert wie Tsau Dschï0 und schön wie Pan Yüä0, wäre mein Leben dennoch vergeudet, wenn er mein Herz nicht gewinnt.“
 
„Das ist kein Problem“, sagte Djia Liän lächelnd, „wen du uns nennst, der soll es sein. Alle Geschenke geben wir, auch deine Mutter braucht sich keine Sorgen zu machen.“
 
Weinend erklärte die dritte Schwester You: „Meine Schwester weiß, wen ich meine, ich brauche keinen Namen zu nennen.“
 
Lächelnd fragte Djia Liän nun die zweite Schwester You, wer es sei, aber diese kam nicht darauf, wen ihre Schwester meinte. Während sie sich gemeinsam den Kopf zerbrachen, glaubte Djia Liän plötzlich, er müsse des Rätsels Lösung gefunden haben, darum klatschte er lächelnd in die Hände und sagte: „Ich weiß es! An ihm ist nichts auszusetzen, du hast wirklich einen guten Blick.“
 
Nun war es an der zweiten Schwester You zu fragen: „Wer ist es?“
 
„Wen soll sie wohl anders wollen? Bestimmt ist es Bau-yü!“ sagte Djia Liän lächelnd.
 
Schon glaubten die zweite Schwester You und auch ihre Mutter, Djia Liän müsse recht haben, da spuckte die dritte Schwester You aus und fragte: „Wenn wir zehn Schwestern wären, müßten wir wohl zehn Vettern von euch heiraten, ja? Gibt es vielleicht außer in eurer Familie keine guten Männer mehr auf der Welt?“
 
Verwundert fragten sich die anderen, wen es sonst noch geben könnte, da sagte die dritte Schwester You: „Ihr dürft nicht nur in der unmittelbaren Umgebung suchen! Denk einmal daran, was vor fünf Jahren war, Schwester, dann hast du es!“
 
Kaum hatte sie das gesagt, kam plötzlich Djia Liäns vertrauter Sklavenjunge Hsing-örl herein und meldete: „Der alte gnädige Herr verlangt dringend nach Euch. Ich habe gesagt, Ihr wärt drüben im Haus Eures Onkels, und bin dann hierher geeilt, um Euch zu holen.“
 
„Hat gestern niemand nach mir gefragt?“ erkundigte Djia Liän sich rasch.
 
„Ich habe der jungen Herrin gesagt, Ihr wärt im Familientempel, um mit Herrn Dschën noch etwas wegen des hunderttägigen Totenrituals zu besprechen und könntet wohl nicht nach Hause kommen“, berichtete Hsing-örl.
 
Nun befahl Djia Liän, sein Pferd zu holen, und ritt in Lung-örls Begleitung davon, während Hsing-örl zurückbleiben mußte, um aufzuwarten, falls jemand käme. Die zweite Schwester You reichte ihm zwei Teller mit Speisen, ließ einen großen Becher bringen, den sie für ihn mit Wein füllte, und befahl ihm dann, er solle sich vor das Ofenbett hocken und essen und trinken. Dabei begann sie, ihn gründlich auszufragen. Wie alt seine junge Herrin sei, ob sie wirklich so tückisch sei, wie alt die alte gnädige Frau und die gnädige Frau seien, wie viele junge Fräulein im Haus seien – dies und alle möglichen anderen Familienangelegenheiten wollte sie wissen.
 
Hsing-örl hockte lächelnd vor dem Ofenbett und aß, zugleich gab er der alten Frau You und ihren Töchtern einen ausführlichen Bericht über die Verhältnisse im Jung-guo-Anwesen. Dabei sagte er: „Ich tue Dienst am zweiten Tor, dort arbeiten wir schichtweise in zwei Gruppen zu je vier Mann, zusammen sind wir also acht. Einige von uns sind Vertraute der jungen Herrin, die andern Vertraute des jungen Herrn. Die Vertrauten der jungen Herrin wagen wir nicht herauszufordern, sie aber fordern uns heraus. Die junge Herrin selbst hat ein böses Herz und eine spitze Zunge. Unser junger Herr ist sicher nicht schlecht, aber er gilt nicht viel in ihren Augen.
 
Dann ist da noch seine Beischläferin Ping-örl. Das ist ein guter Mensch. Obwohl sie auf der Seite der jungen Herrin steht, tut sie doch hinter ihrem Rücken viel Gutes. Die junge Herrin vergibt uns nicht, wenn wir einen Fehler gemacht haben, aber sie brauchen wir nur zu bitten, dann ist die Sache erledigt. Die junge Herrin ist in der ganzen Familie bei hoch und niedrig verhaßt, alles andere ist nur Verstellung, weil jeder Angst vor ihr hat. Eine Ausnahme bilden lediglich die alte gnädige Frau und die gnädige Frau. Und das liegt nur daran, daß niemand von den Leuten, die sie zu Gesicht bekommen, an die junge Herrin heranreicht, und weil diese ihnen ständig nach dem Munde redet. Darum wird alles getan, was sie sagt, und niemand wagt, sie zu hindern. Am liebsten möchte sie alle Ausgaben einsparen und das Silber zu einem Berg anhäufen, nur damit die alte gnädige Frau und die gnädige Frau sagen, sie verstehe zu wirtschaften.
 
Wer wüßte nicht, wie sie das Gesinde quält, nur um sich bei den Familienoberen lieb Kind zu machen. Wenn sich etwas Gutes ereignet, wartet sie nicht, bis andere es melden, sondern schiebt sich selbst damit in den Vordergrund. Wenn sich aber etwas Schlechtes ereignet, oder sie selbst hat einen Fehler gemacht, dann zieht sie den Kopf ein und wälzt alles auf andere ab. Ja, sie stellt sich noch daneben und schürt das Feuer. Selbst ihre Schwiegermutter, die erste gnädige Frau, hat nur Verachtung für sie und sagt: ‚Sie ist ein Spatz, der hoch hinaus will, eine Krähe, so schwarz wie die anderen auch. Um die eigene Familie kümmert sie sich nicht, für andere aber läuft sie sich die Hacken ab.‘ Wenn nicht die alte gnädige Frau schützend vor ihr stände, hätte sie sie längst zu sich hinübergenommen.“
 
„Wer weiß, wie du eines Tages von mir sprechen wirst, wenn du hinter ihrem Rücken so über sie herziehst!“ sagte die zweite Schwester You lächelnd. „Schließlich stehe ich eine ganze Stufe tiefer als sie, da wirst du wohl über mich noch mehr zu erzählen wissen.“
 
Sofort fiel Hsing-örl auf die Knie und versicherte: „Müßte ich nicht Angst haben, daß mich der Donner erschlägt, wenn es so wäre, wie Ihr sagt, Herrin? Es wäre für uns alle ein Glück gewesen, wenn der junge Herr gleich beim ersten Mal jemand wie Euch gefunden hätte. Dann hätten wir etwas weniger Schläge und Schelte bekommen und brauchten nicht so in Zittern und Zagen zu leben. Wer von uns Dienern des jungen Herrn lobt Euch nicht heimlich und offen für Eure heilige Tugend und Euer Mitgefühl gegen die Dienerschaft?! Wir haben schon darüber gesprochen, daß wir den jungen Herrn bitten wollen, hierher kommen zu dürfen, um Euch zu dienen.“
 
„Steh endlich auf, du Affenbrut!“ sagte die zweite Schwester You lächelnd. „Kaum daß man einen Scherz macht, bekommst du so einen Schreck! Was wolltet ihr hier? Ich frage mich vielmehr, ob nicht ich zu eurer jungen Herrin gehen sollte.“
 
„Das dürft Ihr auf gar keinen Fall!“ riet ihr Hsing-örl und winkte dabei sogar mit der Hand ab. „Das beste ist, wenn Ihr sie Euer Leben lang nicht zu Gesicht bekommt. Laßt Euch das gesagt sein, Herrin. Wenn sie auch honigsüße Reden führt, ist doch ihr Herz gallebitter. Sie ist falsch und verlogen, während sie Euch mit den Augen anlächelt, zieht sie Euch mit dem Fuß die Beine weg. Sie lodert förmlich vor Liebenswürdigkeit, doch heimlich hält sie schon den Dolch in der Hand. Sie ist einfach zu allem fähig. Wahrscheinlich kann nicht einmal die dritte Tante mit ihrer flinken Zunge gegen sie an, wie sollte ihr da ein gütiger, gesitteter Mensch gewachsen sein, wie Ihr es seid?!“
 
„Aber was kann sie mir anhaben, wenn ich ihr mit Respekt begegne?“ fragte die zweite Schwester You.
 
„Ihr müßt nicht denken, daß ich vielleicht flunkere, weil ich den Wein getrunken habe“, sagte Hsing-örl. „Selbst wenn Ihr höflich und zuvorkommend seid, wird sie Euch dennoch nie in Frieden lassen, sobald sie festgestellt hat, daß Ihr schöner und beliebter seid als sie. Wenn andere eine Essigflasche sind, so ist sie ein Essigkrug, ja ein ganzer Essigkübel. Wenn der junge Herr eine von den Mägden zu aufmerksam ansieht, bekommt sie es fertig und läßt sie vor seinen Augen windelweich prügeln.
 
Obwohl doch Fräulein Ping-örl seine Beischläferin ist, macht sie es ihr zehnmal zum Vorwurf, wenn sie in ein oder zwei Jahren auch nur einmal mit dem jungen Herrn zusammen ist. Sie hat ihr deswegen so zugesetzt, daß Fräulein Ping-örl in Wut geriet und geheult und getobt hat. ‚Ich bin schließlich nicht auf eigenen Wunsch geworden, was ich bin‘, hat sie gesagt. ‚Ihr habt mir immer wieder zugeredet, und als ich nicht nachgeben wollte, habt Ihr gesagt, das sei Auflehnung. Und jetzt kommt Ihr mir so.‘ Da hat die Herrin sie zufriedengelassen und hat sich sogar bei ihr entschuldigt.“
 
„Jetzt lügst du aber!“ wandte die zweite Schwester You lächelnd ein. „Was sollte so eine Hexe von einer Beischläferin fürchten?“
 
„Dazu sagt der Volksmund ‚Alles auf der Welt läßt sich vernünftig erklären‘“, entgegnete Hsing-örl. „Diese Ping-örl ist von klein auf ihre Magd, und von den vieren, die sie bei ihrer Hochzeit mitgebracht hat, ist sie die einzige Vertraute, die ihr geblieben ist, die andern sind verheiratet worden beziehungsweise gestorben. Zur Beischläferin des jungen Herrn hat sie sie gemacht, um zum einen zu zeigen, wie gütig sie ist, und zum andern, um das Herz des jungen Herrn zu fesseln, damit er nicht fremd geht.
 
Außerdem gab es noch einen Grund: Nach den Regeln des Hauses bekommt jeder der jungen Herren, wenn er erwachsen, aber noch nicht verheiratet ist, zwei ‚Aufwärterinnen‘. Die hatte auch unser junger Herr, aber als die junge Herrin ins Haus gekommen war, dauerte es nicht einmal ein halbes Jahr, da hatte sie die beiden unter irgendwelchen Vorwänden weggeschickt. Dagegen konnte zwar niemand gut etwas sagen, aber ihr selbst war es peinlich, und so hat sie Fräulein Ping-örl gezwungen, die Beischläferin des jungen Herrn zu werden.
 
Dieses Fräulein Ping-örl ist ein rechtschaffener Mensch. Sie hat sich die Sache nie zu Herzen genommen und denkt auch nicht daran, die beiden gegeneinander aufzubringen. Statt dessen dient sie ihrer Herrin treu und aufrichtig, und nur deswegen wird sie von ihr geduldet.“
 
„So ist das also!“ sagte die zweite Schwester You. „Aber ich habe gehört, es gibt bei euch noch eine verwitwete junge Herrin und ein paar junge Fräulein. Wie finden die sich denn damit ab, wenn die junge Herrin so gräßlich ist?“
 
Lächelnd klatschte Hsing-örl in die Hände und sagte: „Ihr kennt unsere junge Witwe nicht, Herrin. Ihr Spitzname ist Großer Bodhisattwa, denn sie ist der gütigste Mensch, den man sich denken kann. Außerdem gibt es in den Hausregeln auch dafür Festlegungen. Verwitwete junge Herrinnen haben sich nicht um das Hauswesen zu kümmern, sondern still und zurückgezogen ihre Witwenschaft zu pflegen. Weil viele junge Fräulein im Hause sind, hat man ihr diese anvertraut, damit sie ihnen Lesen und Schreiben, Nadelarbeiten und Sittlichkeit beibringt. Das ist ihre einzige Aufgabe, um andere Dinge kümmert sie sich nicht.
 
Nur weil die zweite junge Herrin schon so lange krank ist und viele Dinge zu erledigen waren, hat sie eine Zeitlang ausgeholfen. Aber große Entscheidungen hat sie dabei auch nicht getroffen, statt dessen hat sie sich an die herkömmlichen Regeln gehalten, nicht so wie die zweite junge Herrin, die stets viel Gewese macht, um ihre Tüchtigkeit zur Schau zu stellen.
 
Von unserm ältesten Fräulein ist nicht viel zu sagen. Wenn sie nicht ihre Vorzüge besäße, hätte sie auch nicht so großes Glück erfahren. Das zweite Fräulein heißt mit Spitznamen die Holzpuppe, denn sie würde nicht einmal au! sagen, wenn man sie pikte. Das dritte Fräulein wird die Rose genannt...“
 
Sofort fragten beide Schwestern You, was das zu bedeuten habe, und Hsing-örl erklärte: „Eine Rose ist schön und duftig, und jedermann mag sie, aber sie hat auch Stacheln, an denen man sich die Finger zersticht. Auch sie ist wunderbar begabt, aber leider hat nicht die gnädige Frau sie geboren, sie ist ein Phönix aus einem Krähennest. Unser viertes Fräulein ist noch klein.
 
  
[[Category:Books]]
+
== Anmerkungen ==
[[Category:Hongloumeng]]
+
<references/>

Revision as of 13:46, 12 April 2026

Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 62 · 63 · 64 · 65 · 66 · 67 · 68 · 69 · 70 · 71 · 81 · 91 · 101 · 111 · ← Inhalt

Version: ZH · DE · ZH-DE

Kapitel 64

幽淑女悲題五美吟 / 浪蕩子情遺九龍珮

Die stille, schoene Frau dichtet traurige Verse ueber fuenf Schoenheiten; Der Wuestling hinterlaesst aus Liebe den Neundrachenschmuck

Ein zurückhaltendes Mädchen schreibt bekümmert Verse über fünf Schönheiten,ein ausschweifender Mann opfert begeistert seinen Anhänger mit neun Drachen.

Als Djia Jung sah, daß alles vorbereitet war, ritt er schnellstens ins Kloster zurück, um Djia Dschën davon Meldung zu machen, und noch in derselben Nacht wurden für alles die Verantwortlichen eingeteilt, wurde auch die Trauerfahne und was sonst an Insignien notwendig war zurechtgemacht. Die erste morgendliche Doppelstunde am vierten wurde ausgewählt, um den Sarg mit dem Toten in die Stadt überzuführen, und Boten wurden ausgeschickt, um alle Verwandten und Freunde davon zu unterrichten. Als der Tag gekommen war, waren die Trauerriten besonders prächtig, und die Gäste sammelten sich zahlreich wie Wolken. Die Schaulustigen, die den Weg vom Kloster Eiserne Schwelle bis zum Ning-guo-Anwesen säumten, zählten nach Zehntausenden. Die einen waren ganz Mitgefühl, die anderen ganz Bewunderung, und nur das Heer der Halbgebildeten sagte: „Die Begräbniszeremonien sollten eher schlicht als prunkvoll sein.“[1] So hörte man den ganzen Weg über die vielfältigsten Kommentare. Erst am Nachmittag langte der Trauerzug an. Der Sarg wurde in der Haupthalle aufgestellt, dann wurden Opfergaben dargebracht, und als die Totenklage beendet war, gingen die Verwandten und Freunde nach und nach fort. Zurück blieben nur die Sippenangehörigen, die sich um weitere Gäste kümmern und andere Aufgaben versehen sollten. Von der angeheirateten Verwandtschaft war als einziger der Bruder von Dame Hsing noch nicht wieder gegangen. Djia Dschën und Djia Jung, gebunden durch die Trauerregeln, durften den Sarg weder tagsüber noch bei Nacht nicht verlassen, so hart sie das auch ankam. Doch wenn die Trauergäste gegangen waren, nutzten sie rasch die Gelegenheit, um sich mit Frau Yous Stiefschwestern abzugeben. Auch Bau-yü begab sich Tag für Tag in Trauerkleidern ins Ning-guo-Anwesen hinüber und kehrte erst abends wieder in den Garten zurück, wenn alle Gäste fort waren. Hsi-fëng, die noch nicht wieder genesen war, konnte nicht ständig anwesend sein, aber wenn die Rituale vollzogen wurden oder wenn Verwandte und Freunde erschienen, um Opfer zu bringen, schleppte auch sie sich hinüber und half Frau You, mit allem fertig zu werden. Eines Tages, als das Opfer gebracht und die Frühmahlzeit eingenommen war, legte sich Djia Dschën neben dem Sarg in seinen Kleidern schlafen, denn die Tage waren noch lang, und durch die Anstrengungen der letzten Zeit war er müde. Da keine Gäste kamen, begab sich Bau-yü in den Garten hinüber, um nach Dai-yü zu sehen. Vorher aber ging er in den Hof der Freude am Roten. Als er hier durch das Tor trat, fand er den Hof still und menschenleer, nur im Schatten des Wandelgangs hatten ein paar alte Sklavenfrauen und kleinere Sklavenmädchen Kühlung gesucht. Einige lagen da und schliefen, andere dösten im Sitzen vor sich hin. Bau-yü tat jedoch nichts, um sie zu stören. Die einzige, die Bau-yü bemerkte, war Sï-örl, die rasch herantrat, um den Türvorhang für ihn aufzuschlagen. Aber als sie den Vorhang eben hochgehoben hatte, kam plötzlich Fang-guan lachend aus der Tür gestürzt und wäre beinahe mit Bau-yü zusammengeprallt. Kaum hatte sie ihn erkannt, blieb sie lächelnd stehen und fragte: „Wie kommst du auf einmal hierher?“ Dann bat sie: „Halt mir Tjing-wën vom Halse, sie will mich hauen!“ Noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, prasselte drinnen etwas auf den Boden, dann kam Tjing-wën gelaufen und schimpfte: „Wohin läufst du, kleines Spitzbein? Hast du verloren, mußt du dich auch schlagen lassen. Jetzt möchte ich sehen, wer dir beisteht, wo Bau-yü nicht zu Hause ist!“ Lachend hielt Bau-yü sie auf und sagte: „Sie ist noch klein! Was sie dir getan hat, weiß ich nicht, aber vergib ihr um meinetwillen!“ Tjing-wën, die Bau-yü noch nicht zurück erwartet hatte, fühlte sich durch sein plötzliches Erscheinen unwillkürlich zum Lachen gereizt. „Fang-guan muß ein verwandelter Fuchsdämon[2] sein!“ rief sie aus. „So schnell kann nicht einmal ein Talisman wirken, der Schutzgötter und Himmelsgeneräle zu beschwören vermag.“ Dann sagte sie zu Fang-guan: „Meinst du, ich hätte Angst, wenn du dir göttlichen Beistand verschaffst?“ Und schon riß sie sich los und griff nach Fang-guan, um sie zu packen, Fang-guan aber versteckte sich rasch hinter Bau-yüs Rücken. Nun griff Bau-yü mit der einen Hand nach Tjing-wën, mit der anderen nach Fang-guan und führte sie so ins Haus. Dort stellte er fest, daß Schë-yüä, Tjiu-wën, Bi-hën und Dsï-hsiau auf dem westlichen Ofenbett saßen und mit Kürbiskernen Faustraten um Schläge auf die Hand gespielt hatten. Fang-guan hatte gegen Tjing-wën verloren, wollte sich aber nicht von ihr schlagen lassen und war deshalb hinausgelaufen. Um sie zu verfolgen, war Tjing-wën aufgesprungen und hatte dabei alle Kerne, die sie im Schoß hielt, auf den Boden geworfen.

Fröhlich sagte Bau-yü: „Endlos, wie der Tag ist, habe ich schon befürchtet, ihr könntet Langeweile haben, wenn ich nicht zu Hause bin, würdet euch nach dem Essen vielleicht schlafen legen und euch so eine Krankheit holen. Gut, daß ihr etwas gefunden habt, um euch amüsieren und die Zeit zu vertreiben!“ Dann vermißte er Hsi-jën und fragte: „Wo ist eure Schwester Hsi-jën?“

„Hsi-jën? Die wird immer mehr zur verknöcherten Denkerin“, erklärte Tjing-wën. „Sie sitzt mutterseelenallein im inneren Zimmer mit dem Gesicht zur Wand. Wir sind die ganze Zeit nicht hineingegangen und wissen nicht, was sie treibt. Es ist kein Laut von ihr zu hören. Schleich dich nur rasch hinein! Vielleicht ist schon die große Erleuchtung über sie gekommen.“ Bau-yü lachte und ging wirklich hinein. Dort saß Hsi-jën auf dem Bett nahe am Fenster und hielt eine graue Netzhülle in den Händen, an der sie knüpfte. Als sie Bau-yü hereinkommen sah, stand sie rasch auf und sagte lächelnd: „Was lügt diese Tjing-wën da über mich zusammen? Ich habe es eilig, das Netz hier fertig zu knüpfen, deshalb hatte ich keine Zeit für ihre Albernheiten und habe gesagt: ,Spielt ihr nur! Ich will die Gelegenheit nutzen, daß der junge Herr nicht zu Hause ist, und mich solange drinnen still hinsetzen, um mich auszuruhen.‘ Sie aber redet diesen Unsinn zusammen und behauptet, ich säße mit dem Gesicht zur Wand und meditierte. Nachher werde ich ihr dafür den Mund zerreißen.“ Lächelnd setzte sich Bau-yü dicht neben Hsi-jën, sah sich ihre Knüpferei an und sagte: „An so einem langen Tag solltest du dich wirklich ausruhen oder dich mit den andern zusammen vergnügen. Sonst hättest du auch meine Kusine Lin besuchen können. Warum mußt du bei dieser Hitze noch etwas knüpfen? Wozu brauchst du das?“ „Ich habe gesehen, daß deine Fächerhülle noch dieselbe ist, die du damals bekamst, als drüben im andern Anwesen die Frau von Herrn Jung gestorben war“, erklärte ihm Hsi-jën. „Da man eine dunkle Fächerhülle nur braucht, wenn in der Familie oder bei Freunden in der Sommerszeit ein Trauerfall eintritt, was nicht öfter als ein- oder zweimal im Jahr vorkommt, lohnt es sich normalerweise nicht, so etwas anzufertigen. Jetzt mußt du wegen des Todesfalls drüben im andern Anwesen jeden Tag hinüber und dabei die Fächerhülle tragen, darum mache ich dir schnell eine neue, als Ersatz für die alte. Du selbst hast zwar keinen Sinn für solche Sachen, aber wenn die alte gnädige Frau zurückkommt und dich so sieht, wird sie sagen, wir seien faul und kümmerten uns nicht einmal darum, was du anziehst und am Körper trägst.“ „Es ist lieb von dir, daß du daran gedacht hast“, versicherte Bau-yü, „aber du darfst dich nicht damit überanstrengen. Mit einem Hitzschlag ist nicht zu spaßen.“ Inzwischen brachte Fang-guan eine Schale mit Tee, der im Wasserbad gekühlt worden war. Wegen Bau-yüs zarter Konstitution wagte man nämlich selbst in den Sommermonaten nicht, Eis zu verwenden, und kühlte die Teekanne, indem man sie in eine Schüssel mit frischem Brunnenwasser stellte, das immer wieder erneuert wurde. Bau-yü trank die Schale zur Hälfte aus, ohne sie Fang-guan abzunehmen, dann sagte er zu Hsi-jën: „Bevor ich herkam, habe ich Ming-yän befohlen, er solle mir sofort Bescheid geben, wenn drüben bei Vetter Dschën wichtige Gäste erscheinen. Wenn nichts Wesentliches ist, gehe ich nicht wieder hinüber.“ Mit diesen Worten ging er hinaus. An der Außentür drehte er sich noch einmal um und sagte zu Bi-hën und den anderen: „Wenn etwas Dringendes sein sollte, findet ihr mich bei Kusine Lin.“ Und er machte sich auf den Weg zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, um Dai-yü zu besuchen. Eben ging Bau-yü über die Duftgetränkte Brücke, als er Hsüä-yän erblickte, die in Begleitung zweier alter Sklavinnen daherkam, die Wassernüsse, Lotoswurzeln, Melonen und andere Früchte trugen. Sofort erkundigte er sich: „Was will dein Fräulein damit? Sie hat sich doch aus solchen kalten Sachen nie viel gemacht. Will sie vielleicht eins von den anderen Fräulein oder eine der jungen Herrinnen einladen?“ „Ich werde dir erzählen, was ich weiß“, kündigte Hsüä-yän lächelnd an, „aber du darfst dem Fräulein nichts davon sagen.“ Bau-yü versprach es ihr, indem er nickte, worauf Hsüä-yän den beiden Alten befahl: „Geht ihr schon voraus und übergebt die Früchte Schwester Dsï-djüan! Wenn sie nach mir fragt, sagt ihr, ich müsse noch etwas erledigen und käme gleich.“ Erst als die beiden jawohl gesagt hatten und gegangen waren, begann Hsüä-yän: „Unser Fräulein fühlt sich erst seit ein paar Tagen etwas wohler. Heute kam nach dem Essen Fräulein Tan-tschun zu ihr, um sie zu einem gemeinsamen Besuch bei der zweiten jungen Herrin aufzufordern. Sie ist aber nicht mitgegangen. Dann muß ihr etwas eingefallen sein, und sie hat eine Weile stumm vor sich hin gebrütet. Schließlich griff sie zum Pinsel und schrieb einiges nieder, womöglich Gedichte. Als sie mir befahl, die Früchte zu holen, hörte ich noch, wie sie zu Dsï-djüan sagte, sie solle den kleinen Zithertisch abräumen, der drinnen im Zimmer steht, und in die Mitte des Außenraums stellen. Und dann sollte sie den Weihrauchkessel mit dem Drachenmuster daraufstellen, damit er bereit sei, wenn ich mit den Früchten wiederkäme. Aber wenn sie Besuch erwartete, würde sie doch keinen Weihrauchkessel aufstellen lassen. Räuchwerwerk brennt sie allenfalls dort ab, wo sie zu sitzen und zu schlafen pflegt, sonst stellt sie sich nur frische Blumen und Früchte wie etwa Zierquitten hin. Und ihre Kleider räuchert sie auch nicht gern. Will sie etwa deshalb räuchern lassen, weil die alten Weiber den Raum verpestet haben? Ich weiß es wirklich nicht.“ Nach diesen Worten ging sie rasch fort, Bau-yü aber ließ unwillkürlich den Kopf sinken und überlegte: „Nach dem, was Hsüä-yän erzählt hat, muß es einen Grund dafür geben. Aber wenn sie nur mit einem der Mädchen zusammensitzen möchte, braucht sie nicht solche Vorbereitungen zu treffen. Ist heute vielleicht der Todestag ihres Vaters oder ihrer Mutter? Aber ich kann mich entsinnen, daß jedes Jahr zu diesen Tagen auf Befehl der alten gnädigen Frau besondere Speisen zubereitet wurden, die man ihr brachte, damit sie ein privates Opfer bringen konnte. Außerdem sind diese Tage auch schon vorüber. Also muß es wohl damit zusammenhängen, daß der siebente Monat die Zeit der frischen Melonen ist und alle Familien an den Gräbern ihrer Angehörigen das Herbstopfer bringen. Wer weiß, vielleicht hat das Dai-yü dazu angeregt, in ihren Räumen ein Opfer zu bringen, eingedenk des Satzes im Buch der Riten: ,Im Frühling und im Herbst bringt man die Speisen der Jahreszeit dar.‘ Aber wenn ich sie jetzt besuche und sehe, wie sie sich grämt, muß ich sie auch mit aller Kraft trösten, und dann ist zu befürchten, daß sich der Kummer in ihrem Herzen staut. Besuche ich sie nicht, wird wiederum niemand da sein, ihr überhaupt Trost zu spenden. Das eine wie das andere könnte zu einer Krankheit führen. Darum ist es das beste, ich gehe zunächst zu Kusine Hsi-fëng, bleibe ein Weilchen bei ihr und komme dann wieder. Wenn ich sehe, daß Dai-yü sich noch grämt, denke ich mir etwas aus, um sie aufzuheitern. So kann ich erreichen, daß ihr Kummer nicht allzulange anhält und sich allmählich legt, zugleich kann ich auch verhindern, daß sie durch aufgestauten Kummer krank wird.“ Als Bau-yü diesen Gedanken zu Ende geführt hatte, ging er geradewegs zum Gartentor hinaus und zu Hsi-fëngs Wohnräumen hinüber. Eben kam eine große Anzahl verantwortlicher Sklavenfrauen zum Tor heraus, die hier Bericht erstattet hatten, und Hsi-fëng stand an den Türrahmen gelehnt und sprach mit Ping-örl. Kaum hatte sie Bau-yü erblickt, sagte sie lächelnd: „Du bist also zurückgekommen! Eben habe ich Lin Dschï-hsiaus Frau befohlen, daß sie den Knaben in deinem Gefolge sagen läßt, wenn nichts für dich zu tun sei, solltest du die Gelegenheit wahrnehmen und nach Hause kommen, um dich ein wenig auszuruhen. Zumal dort so ein gemischtes Publikum ist, daß du all die Gerüche kaum aushalten kannst. Aber nun bist du ja schon von selbst gekommen.“ „Danke für deine Fürsorge!“ erwiderte Bau-yü ebenfalls lächelnd. „Drüben war nichts zu tun, außerdem bist du schon ein paar Tage nicht mehr dort gewesen, so daß ich nicht wußte, ob es dir wieder besser geht oder nicht, darum bin ich hergekommen, um nach dir zu sehen.“ „Im großen und ganzen ist es immer noch dasselbe mit mir“, gab Hsi-fëng Auskunft. „Drei Tage geht es mir gut und dann wieder zwei Tage schlecht. Die alte gnädige Frau und die gnädige Frau sind nicht zu Hause, aber diese Frauen, nein – keine von ihnen gibt sich mit ihrem Los zufrieden. Jeden Tag müssen sie sich schlagen oder zanken, und auch ein paar Fälle von Glücksspiel und Diebstahl sind vorgekommen. Tan-tschun hilft mir zwar bei der Verwaltung, aber sie ist nun mal ein unverheiratetes Mädchen. Es gibt Dinge, die sie erfahren darf, aber auch solche, die man vor ihr nicht erwähnen kann. Also muß ich mich wohl oder übel zum Durchhalten zwingen, wenn auch mein Herz dabei nie zur Ruhe kommt. Von Genesung ganz zu schweigen, reicht es mir schon, wenn die Krankheit nicht schlimmer wird.“ „Das sagst du so einfach dahin, trotzdem solltest du mehr auf deine Gesundheit achten und dir weniger Sorgen machen“, riet ihr Bau-yü. Nachdem er dann noch ein Weilchen mit ihr geplaudert hatte, verabschiedete er sich wieder und kehrte in den Garten zurück. Beim Eintritt in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß sah er, daß gerade die letzten Weihrauchschwaden aus dem Räucherkessel stiegen, während vom Opferwein nur noch ein Rest übrig war. Dsï-djüan beaufsichtigte die Sklavenmädchen, die dabei waren, den Tisch wieder hineinzutragen und die Ausstattungsstücke an ihren Platz zu stellen. Daraus schloß er, das Opfer müsse beendet sein, und trat in den Innenraum, wo er Dai-yü mit abgewandtem Gesicht auf dem Bett fand. Es war ihr anzusehen, daß sie litt und diesem Leid nicht gewachsen war. Rasch meldete Dsï-djüan: „Der junge Herr ist gekommen.“ Langsam richtete Dai-yü sich auf und lud Bau-yü lächelnd ein, Platz zu nehmen. „Es geht dir wohl besser in den letzten Tagen?“ fragte Bau-yü. „Jedenfalls machst du einen ruhigeren Eindruck als sonst. Aber worüber hast du dich wieder gegrämt?“ „Was redest du da?“ verwahrte sich Dai-yü, „es geht mir gut, wann sollte ich mich gegrämt haben?“ „Man sieht es jetzt noch, daß du geweint hast, und trotzdem versuchst du, mich anzuführen“, sagte Bau-yü. „Mir scheint nur, so oft wie du krank bist, solltest du alles etwas leichter nehmen und dir nicht zu viele unnötige Sorgen machen. Wenn du dir damit die Gesundheit ruinierst, werde ich eines Tages...“ Kaum waren ihm die letzten Worte entschlüpft, da merkte er, daß er zuviel gesagt hatte, und hielt rasch inne. Denn er war wohl mit Dai-yü zusammen aufgewachsen, und sie harmonierten in ihren Gedanken und Gefühlen und wünschten sich, miteinander zu leben und zu sterben, aber das war ein stummes Übereinstimmen ihrer Herzen, das sie noch nie in Worte gekleidet hatten, zumal Dai-yü so mißtrauisch war, daß sie sich immer wieder durch ein unüberlegtes Wort von Bau-yü gekränkt fühlte. Heute war er extra gekommen, um sie zu trösten, und nun hatte er sich doch wieder verplappert und konnte nicht weitersprechen. Sofort wurde er unsicher und befürchtete überdies, Dai-yü würde ihm böse sein. Als er dann bedachte, daß er nur die besten Vorsätze gehabt hatte, wurde aus seinen Betrachtungen Kummer, und schon liefen ihm die Tränen herab. Dai-yü war im ersten Augenblick wirklich auf Bau-yü böse gewesen, weil er seine Worte nicht zu wägen wußte, aber als sie ihn jetzt in diesem Zustand sah, war sie gerührt. Und da ihr die Tränen ohnehin locker saßen, stimmte sie wortlos in sein Weinen ein. Als Dsï-djüan jetzt den Tee brachte, nahm sie an, die beiden hätten sich wieder einmal gestritten, und so sagte sie: „Kaum geht es dem Fräulein ein wenig besser, da kommt Ihr, um sie zu ärgern. Was soll man denn davon halten?“ Bau-yü wischte sich die Tränen ab und versicherte lächelnd: „Wer würde es wagen, sie zu ärgern?!“ Dann stand er auf und ging im Zimmer hin und her, um seine Verlegenheit zu verbergen. Dabei entdeckte er, daß unter dem Tuschereibstein kaum sichtbar eine Ecke von einem Blatt Papier hervorsah, und konnte sich nicht enthalten, die Hand danach auszustrecken, um es herauszuziehen. Dai-yü wollte aufstehen, um ihm das Blatt wegzunehmen, aber da hatte er es sich schon in den Busen geschoben und bat lächelnd: „Laß es mich ansehen, Kusinchen!“ „Sooft du hier bist, wühlst du bedenkenlos alles durch“, hielt ihm Dai-yü vor. In diesem Augenblick trat Bau-tschai zur Tür herein und fragte lächelnd: „Was gibt es denn hier zu sehen?“ Da Bau-yü noch nicht gelesen hatte, was auf dem Papier stand, und nicht wußte, wie Dai-yü sich verhalten würde, wollte er nicht wieder voreilig sein und schaute nur lächelnd nach Dai-yü. Dai-yü bot Bau-tschai einen Platz an und erklärte ihr lächelnd: „Mir war aufgefallen, daß in den alten Geschichtswerken von vielen schönen und begabten Frauen berichtet wird, deren Schicksal man entweder froh bewundern oder aber traurig beklagen kann. Als ich heute nach dem Essen nichts zu tun hatte, suchte ich mir einige dieser Frauen aus, um rasch ein paar Gedichte über sie zu improvisieren, die meine Gefühle ausdrücken sollten. Zufällig kam dann Tan-tschun, um mich zu Kusine Hsi-fëng mitzunehmen, aber ich fühlte mich so träge und bin nicht mitgegangen. Als ich fünf Gedichte geschrieben hatte, war ich so schläfrig, daß ich mich hinlegen mußte, und dann ist Vetter Bau-yü gekommen und hat das Blatt entdeckt. Eigentlich ist natürlich nichts weiter dabei, wenn er die Gedichte liest, mir gefällt es bloß nicht, daß er immer wieder unsere Gedichte abschreibt und vor den Leuten herumzeigt.“ „Wann hätte ich so etwas je getan?“ verteidigte sich Bau-yü. „Das mit dem Fächer neulich lag einfach daran, daß ich die Gedichte über die weißen Begonien so gern habe. Deshalb schrieb ich sie mir mit kleinen Schriftzeichen in Normalschrift auf meinen Fächer, nur um sie immer bequem zur Hand zu haben. Meinst du, ich wüßte nicht, daß man Gedichte und Schreibübungen aus den Mädchengemächern nicht leichtfertig in der Öffentlichkeit verbreiten darf? Seitdem du mit mir darüber gesprochen hast, habe ich den Fächer nie mehr mitgenommen, wenn ich den Garten verließ.“ „Kusine Lin hat recht mit ihren Überlegungen“, sagte Bau-tschai. „Wenn du die Gedichte auf einen Fächer schreibst und nimmst ihn aus Versehen mit hinaus in die Bibliothek, werden die Hausgäste mit Sicherheit fragen, wer der Verfasser ist, sobald sie die Verse gelesen haben. Wenn sie so an die Öffentlichkeit kämen, wäre das gar nicht schön. Von alters her heißt es ‚Tugendhaft ist eine Frau, die kein spezielles Talent besitzt.‘ Sittsamkeit und Zurückhaltung sind für uns das Allerwichtigste, an zweiter Stelle aber folgen Handarbeiten. Gedichteschreiben und dergleichen ist nicht mehr als ein Vergnügen, das wir in den inneren Gemächern betreiben. Ob man das kann oder nicht, ist gleichgültig. Ein Mädchen aus unseren Kreisen legt keinen Wert auf den Ruf, talentiert zu sein.“ Dann wandte sie sich an Dai-yü und sagte lächelnd: „Mir kannst du ja die Gedichte unbesorgt zeigen. Hauptsache ist, Vetter Bau-yü trägt sie nicht fort.“ „Nach dem, was du gesagt hast, mußt du sie auch nicht unbedingt sehen“, antwortete Dai-yü lächelnd. Dann wies sie auf Bau-yü und sagte: „Er hat sie längst an sich gerissen.“ Erst nach diesen Worten holte Bau-yü das Blatt wieder hervor, rückte dicht neben Bau-tschai und las mit ihr gemeinsam, was dort geschrieben stand: „Hsi-schï[3] Die Schönste der Zeit mußte schmählich vergehen, unerfüllt blieb ihr Sehnen am Hofe von Wu. Verlacht nicht ihre häßliche Nachahmerin, weißhaarig noch wusch sie ihre Seide im Bach.

Nebenfrau Yü[4]

Nächtliches Pferdegewieher zerreißt das Herz, als die Abschiedsklage einander sie singen. Die Verräter erwartet ein gräßlicher Tod, wieviel ruhmvoller starb sie von eigener Hand!

Haremsdame Ming[5]

Die Schönste der Schönen gab der Han-Kaiser fort, Schönheit ist, wie es heißt, stets mit Unglück gepaart. Wenn auch dem Herrscher seine Frauen nichts galten, warum hat ein Maler zu entscheiden das Recht?

Lü-dschu[6]Eine Perle, behandelt wie wertloser Stein –

wußte ein Schï Tschung ihre Schönheit zu schätzen? Und doch war ihm gnäd‘ger das Schicksal gesinnt, ein Freund hat ihn sterbend ins Jenseits begleitet.

Hung-fu[7]

An kühnen Worten wie an männlicher Tat hat die Schöne Li Djings wahren Wert bald erkannt. Yang Su war ein lebender Leichnam dagegen, wie hätt‘ er auf ewig sie festhalten können?“ Als Bau-yü gelesen hatte, fand er kein Ende mit seinem Lob und sagte: „Du hast gerade fünf Gedichte geschrieben, warum sollten sie zusammen nicht ‚Verse über fünf Schönheiten‘ heißen?“ Und ohne sich auf Erörterungen einzulassen, griff er zum Schreibpinsel und setzte diesen Titel daneben. „Beim Dichten kommt es, egal worüber man schreibt, immer darauf an, daß man es versteht, sich von überkommenen Aussagen zu lösen“, erläuterte Bau-tschai inzwischen. „Wenn man lediglich in anderer Leute Fußtapfen tritt, kommt stets nur etwas Zweitrangiges heraus, was nicht als gute Dichtung gelten kann, egal wie geschliffen die Verse sind. So hatten zum Beispiel über Wang Tjiang schon viele Dichter in der unterschiedlichsten Weise geschrieben. Die einen beklagten Wang Tjiangs Geschick, die anderen beschimpften Mau Yän-schou, und wieder andere machten dem Han-Kaiser Vorwürfe, weil er nicht tüchtige Minister, sondern schöne Frauen malen ließ. Dann aber hat Wang An-schï[8] geschrieben: ‚Nie offenbart des Menschen Herz ein Bild,

zu Unrecht starb der Maler Mau Yän-schou.‘

Und bei Ou-yang Hsiu heißt es: ‚Konnt‘ er wohl fern die Barbaren zügeln,

wenn das unter seinen Augen geschah?‘[9]

In jedem der beiden Gedichte kommt eine eigene Anschauung der Sache zum Ausdruck, die es von denen der Vorläufer unterscheidet. Auch von den fünf Gedichten, die Kusine Lin verfaßt hat, kann man sagen, daß sie einen eigenen Sinn hineingelegt und den alten Themen ein neues Gesicht abgewonnen hat...“ Eben wollte sie noch weiter fortfahren, da wurde gemeldet: „Der junge Herr Liän ist zurück. Gerade hat man von draußen Bescheid gesagt, er sei schon einige Zeit drüben im anderen Anwesen. Also muß er wohl bald kommen.“ Sofort erhob sich Bau-yü und ging zum Haupttor, um seinen Vetter dort zu erwarten, aber da war Djia Liän schon vor dem Tor vom Pferd gestiegen und trat eben herein. Also kniete Bau-yü vor ihm nieder und fragte nach dem Befinden der Herzoginmutter und von Dame Wang, ehe er sich auch nach Djia Liäns eigenem Wohlergehen erkundigte. Dann fanden sie, Hand in Hand weitergehend, in der mittleren Halle Li Wan, Hsi-fëng, Bau-tschai, Dai-yü, Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun, die dort bereits auf Djia Liän gewartet hatten. Nachdem sie einander begrüßt hatten, sagte Djia Liän: „Die alte gnädige Frau trifft morgen in aller Frühe hier ein. Sie war während der ganzen Reise wohlauf. Heute hat sie mich vorausgeschickt, damit ich hier nach dem Rechten sehe, und morgen früh in der fünften Nachtwache soll ich sie vor dem Stadttor erwarten.“ Anschließend stellten ihm die anderen noch ein paar Fragen über die Reise, aber weil er einen weiten Weg hinter sich hatte, verabschiedeten sie sich bald und ließen ihn in seine Räume gehen, damit er sich ausruhen konnte. Über die Ereignisse der Nacht ist nichts zu berichten. Am nächsten Tag um die Essenszeit trafen die Herzoginmutter und Dame Wang wirklich ein. Nachdem sie von allen begrüßt worden waren, nahmen sie nur kurz Platz, um eine Schale Tee zu trinken, dann ließen sie sich ins Ning-guo-Anwesen führen, wo ihnen ein markerschütterndes Geheul entgegenscholl. Denn kaum hatten Djia Schë und Djia Liän die Herzoginmutter nach Hause gebracht, waren sie hinübergeeilt und traten ihr jetzt an der Spitze der weinenden Sippenangehörigen entgegen. Die Arme gestützt auf Djia Schë und Djia Liän, die rechts und links von ihr gingen, trat die Herzoginmutter vor den Sarg, wo Djia Dschën und Djia Jung sie kniend erwarteten, um sich dann klagend an ihre Brust zu werfen. Als älterer Mensch war die Herzoginmutter bei dieser Szene natürlich zutiefst gerührt, und so schloß sie die beiden in die Arme und weinte ebenfalls bitterlich. Erst als Djia Schë und Djia Liän ihr beharrlich zuredeten, konnte sie sich etwas beruhigen. Dann wandte sie sich Frau You und deren Schwiegertochter zu, die rechts vom Sarg standen, und als sie einander zur Begrüßung bei den Händen hielten, war ein neuer Tränenausbruch nicht zu vermeiden. Nachdem sich die Herzoginmutter wieder gefaßt hatte, traten die übrigen Familienmitglieder heran, um ihr einer nach dem anderen den Gruß zu entbieten. Da die Herzoginmutter eben erst von der Reise zurückgekommen war und sich noch nicht hatte ausruhen können, hätte es ihr schaden müssen, wenn sie hier sitzen bliebe, deshalb redete ihr Djia Dschën immer wieder zu, sich in ihre Räume zu begeben und sich auszuruhen. Als sich auch Dame Wang und die anderen dieser Bitte anschlossen, mußte die Herzoginmutter nachgeben und ging. Tatsächlich zeigte sich dann, daß sie auf Grund ihres Alters den Anstrengungen der Reise und dem Kummer um den Toten nicht gewachsen war, und als es Nacht wurde, hatte sie ein benommenes Gefühl im Kopf und Schmerzen in der Brust, ihre Nase war verstopft, und ihre Stimme klang belegt. Sofort wurde ein Arzt geholt, um ihr die Pulse zu fühlen und Medizin zu verschreiben, und bis spät in die Nacht waren alle in heller Aufregung. Glücklicherweise löste sich die innere Hitze rasch wieder auf, ohne auf die Lebensbahnen überzugreifen. In der dritten Nachtwache hatte die Herzoginmutter einen leichten Schweißausbruch, ihr Puls beruhigte sich, und die Körpertemperatur sank. Jetzt erst atmeten alle wieder auf. Am nächsten Tag nahm die Herzoginmutter erneut Medizin ein und pflegte weiter der Ruhe. Wenige Tage später war es soweit, daß der Sarg mit Djia Djings Leichnam ins Kloster zurückgebracht wurde. Da die Herzoginmutter noch nicht wieder völlig genesen war, behielt sie Bau-yü zu ihrer Betreuung bei sich. Auch Hsi-fëng beteiligte sich nicht am Trauerzug, weil sie sich noch nicht wieder ganz wohl fühlte. Djia Schë, Djia Liän, Dame Hsing und Dame Wang dagegen gaben dem Sarg mit zahlreichem Gefolge das Geleit bis ins Kloster Eiserne Schwelle und kehrten erst am Abend nach Hause zurück. Im Kloster mußten Djia Dschën, Frau You und Djia Jung noch weitere einhundert Tage am Sarg Wache halten, bevor er in den Heimatort der Familie übergeführt werden konnte. So lange war ihr Haushalt der Obhut der alten Frau You mit ihren Töchtern anvertraut. Nun hatte Djia Liän schon lange von den beiden Schwestern You erzählen gehört und hatte stets bedauert, daß sich keine Gelegenheit ergeben wollte, sie kennenzulernen. Während jetzt Djia Djings Leichnam im Hause aufgebahrt stand, war er im täglichen Umgang mit den beiden vertraut geworden, und wie nicht anders zu erwarten, lechzte er nun nach ihnen. Zumal er wußte, daß Vater und Sohn Djia Dschën und Djia Jung im Verdacht standen, sich wie die wilden Hirsche ein und dasselbe Weibchen zu teilen, nahm er jede Gelegenheit wahr, um den beiden Schwestern den Hof zu machen und ihnen mit Augen und Brauen seine Gefühle zu offenbaren. Und während die dritte Schwester You ihn mit Gleichmut behandelte, legte die zweite Schwester größtes Interesse an den Tag. Nur weil stets zu viele Beobachter anwesend waren, hatten sie noch nicht zur Tat schreiten können. Außerdem hegte Djia Liän die Befürchtung, Djia Dschën könnte eifersüchtig sein, und auch das hatte ihn vor leichtfertigen Handlungen zurückgehalten. So hatten sich die beiden mit einer stillschweigenden Übereinkunft begnügen müssen. Nachdem jetzt der Sarg ins Kloster übergeführt worden war, befanden sich nur noch wenige Menschen in Djia Dschëns Wohnräumen. Denn bis auf einige Sklavenmädchen und -frauen, die hiergeblieben waren, um die gröberen Arbeiten für die alte Frau You und ihre beiden Töchter zu verrichten, waren alle Sklavinnen und Nebenfrauen mit im Kloster. Die Diener und Sklavenfrauen im äußeren Breich gingen bei Nacht ihre Runden, am Tage hüteten sie die Tore, und ohne besonderen Grund kamen sie nicht ins Haus. Diese Umstände gedachte Djia Liän auszunutzen, um endlich zum Zuge zu kommen. Unter dem Vorwand, Djia Dschën Gesellschaft zu leisten, pflegte er mit im Kloster zu übernachten, am Tage aber ritt er häufig ins Ning-guo-Anwesen, wobei er vorgab, häusliche Angelegenheiten für Djia Dschën zu besorgen, während er in Wirklichkeit darauf aus war, die zweite Schwester You zu verführen. Eines Tages kam Yü Lu, einer der jüngeren Verwalter, mit der Meldung zu Djia Dschën: „Die Kosten für Behelfsbauten, Trauerstoffe und Sargträgeruniformen betragen zusammen eintausendeinhundertundzehn Liang Silber, davon sind erst fünfhundert Liang bezahlt, die restlichen sechshundertundzehn sind wir noch schuldig. Gestern haben uns zwei von den Händlern mahnen lassen, darum möchte ich Euch um Weisungen bitten.“ „Also laß dir das Silber von den Kassenverwaltern geben, und damit ist doch die Sache erledigt“, sagte Djia Dschën. „Warum mußt du mir das melden kommen?“ „Gestern war ich schon deswegen in der Kasse, aber seitdem sich der alte gnädige Herr auf die ewige Reise begeben hat, ist sehr viel Silber verbraucht worden, und von dem, was noch da ist, müssen das hunderttägige Totenritual und die Kosten, die hier im Kloster entstehen, bezahlt werden“, gab Yü Lu Auskunft. „Deshalb konnte ich nichts bekommen, und so bin ich nun hier, um Euch davon Meldung zu machen, Herr. Entweder Ihr verauslagt das Geld einstweilen aus Eurer Privatkasse, oder es wird irgendwo geborgt. Darüber bitte ich um Weisung, damit ich entsprechend handeln kann.“ „Du glaubst wohl, es sei noch wie früher, als das Silber ungenutzt bei uns herumlag?“ fragte Djia Dschën lächelnd. „Also borge die Summe irgendwo und bezahle die Rechnungen!“ Ebenfalls lächelnd, erwiderte Yü Lu: „Ein- oder zweihundert könnte ich allenfalls borgen, aber wie soll ich so schnell zu fünf- oder sechshundert Liang Silber kommen?“ Djia Dschën dachte nach, dann befahl er Djia Jung: „Geh und frag deine Mutter, ob die fünfhundert Liang Silber, die wir nach der Sargüberführung von den Dschëns im Süden für Opfergaben bekommen haben, schon an die Kasse übergeben worden sind. Wenn nicht, laß sie dir geben und händige sie ihm aus!“ „Jawohl!“ sagte Djia Jung, ging hinüber und übermittelte Frau You die Bestellung. Als er wiederkam, berichtete er: „Zweihundert Liang von dem Silber sind schon verbraucht, mit den restlichen dreihundert ist ein Bote in die Stadt geschickt worden, um sie der Großmutter in Verwahrung zu geben.“ „Dann reitest du mit Yü Lu in die Stadt, bittest Großmutter um das Silber und gibst es ihm!“ entschied Djia Dschën. „Außerdem schaust du nach, ob zu Hause alles in Ordnung ist, und fragst die beiden Tanten, wie es ihnen geht. Die fehlende Summe wird Yü Lu erst einmal borgen!“ Djia Jung und Yü Lu sagten jawohl und wollten eben gehen, als Djia Liän zur Tür hereinkam. Sofort trat Yü Lu vor ihn hin, um seinen Gruß zu entbieten, und Djia Liän erkundigte sich, was es gebe. Als Djia Dschën ihm die Sache in allen Einzelheiten erzählt hatte, dachte sich Djia Liän: „Das wäre eine Möglichkeit, um ins Ning-guo-Anwesen zur zweiten Schwester You zu kommen!“ Also sagte er: „Was ist das schon für eine schwerwiegende Angelegenheit?! Warum soll er bei Fremden borgen? Neulich erst erhielt ich eine Summe Silber, die ich noch nicht wieder ausgegeben habe. Darum ist es das beste, wenn ich den Fehlbetrag auslege, das vereinfacht die Sache!“ „Ausgezeichnet!“ freute sich Djia Dschën, „also gib deine Anweisung, dann kann Jung sich auch dieses Silber geben lassen!“ „Das Silber muß ich selber holen“, erklärte Djia Liän rasch. „Außerdem war ich schon einige Tage nicht zu Hause und möchte der alten gnädigen Frau, dem gnädigen Herrn und den gnädigen Frauen meinen Gruß entbieten. Auch drüben bei dir wollte ich nachsehen, ob irgend etwas vorgefallen ist, und gleichzeitig der alten Dame meinen Respekt erweisen.“ „Darf ich dich denn so sehr in Anspruch nehmen?“ sagte Djia Dschën lächelnd. „Ich mache mir wirklich schon Vorwürfe deswegen.“ „Aber woher denn?“ beruhigte ihn Djia Liän. „Schließlich sind wir Vettern!“ „Also reite mit deinem Onkel!“ wandte sich Djia Dschën nun an Djia Jung. „Und geh auch hinüber ins andere Anwesen, um der alten gnädigen Frau, dem gnädigen Herrn und den gnädigen Frauen deinen Gruß zu entbieten. Sag ihnen, wir ließen sie grüßen, und erkundige dich, ob die alte gnädige Frau wieder gesund ist oder noch Medizin einnehmen muß!“ Djia Jung versprach, alles Punkt für Punkt zu erledigen, dann folgte er Djia Liän hinaus. In Begleitung einiger Sklavenjungen bestiegen sie ihre Pferde und ritten gemeinsam zur Stadt. Während des müßigen Gesprächs, das sich dabei zwischen Onkel und Neffen entspann, ließ Djia Liän es sich angelegen sein, die Sprache auf die zweite Schwester You zu bringen, und lobte in den höchsten Tönen, wie schön und wie gütig sie sei, wie elegant ihr Benehmen und wie angenehm ihre Redeweise, kurzum, es gebe nichts an ihr, was einem nicht Verehrung und Liebe abnötigte. „Alle Leute loben nur meine Frau, aber ich finde, dieser Tante von dir kann sie nicht das Wasser reichen“, begeisterte er sich. Djia Jung konnte sich denken, worauf er hinauswollte, und so sagte er lächelnd: „Wenn Ihr sie so sehr mögt, Onkel, dann will ich Euer Vermittler sein, und Ihr macht sie zu Eurer Nebenfrau. Wie wäre das?“ Ebenfalls lächelnd, fragte Djia Liän zurück: „Ist das ein Scherz von dir, oder meinst du es ernst?“ „Es ist mein Ernst!“ bekräftigte Djia Jung. „Die Sache wäre natürlich sehr schön“, nahm Djia Liän wieder das Wort. „Ich fürchte nur, meine Frau wird nicht einverstanden sein, und deine Großmutter wird es wohl auch nicht wollen. Außerdem habe ich gehört, deine Tante sei bereits verlobt.“ „Das macht nichts!“ versicherte Djia Jung lächelnd. „Die beiden Tanten sind keine Töchter meines Großvaters, sondern wurden von meiner Großmutter mit in die Ehe gebracht. Wie ich hörte, hat meine Großmutter die Tante schon vor ihrer Geburt mit dem Sohn eines gewissen Dschang verlobt, der kaiserlicher Gutsverwalter war. Später sind die Dschangs durch einen Rechtsstreit in Armut geraten, meine Großmutter aber hat sich wieder verheiratet. Seit mehr als zehn Jahren hat sie keinen Kontakt mehr zu den Dschangs. Sie hat schon oft geklagt, sie wolle die Verlobung rückgängig machen, und auch mein Vater möchte die Tante gern anderweitig verloben, wenn er erst einmal einen guten Partner für sie gefunden hat. Man muß nur die Dschangs suchen lassen, um ihnen zehn, zwölf Liang Silber in die Hand zu drücken, damit sie eine Verzichtserklärung schreiben. Was sollten sie angesichts des Silbers schon für Einwände haben, arm, wie sie sind! Außerdem wissen sie genau, daß es für eine Familie wie die unsere nichts bedeuten würde, wenn sie Einwände machten. Wenn jemand wie Ihr meine Tante zur Nebenfrau nehmen will, garantiere ich, daß meine Großmutter und mein Vater einverstanden sind. Schwierig wird es nur mit Eurer Frau.“ Als Djia Liän das hörte, blühten in seinem Herzen tausend Blumen auf, und anstatt etwas zu sagen, lächelte er nur töricht vor sich hin. Nach einigem Nachdenken fing Djia Jung mit lächelnder Miene erneut an: „Wenn Ihr den Mut dazu habt und Euch an meinen Plan haltet, gibt es nichts, was die Sache verhindern könnte. Es kostet nur einfach ein bißchen mehr.“ „Was ist das für ein Plan?“ fragte Djia Liän begierig. „Sag ihn mir schnell! Ich will mich an alles halten.“ „Ihr dürft zu Hause kein Sterbenswörtchen von der Sache sagen“, instruierte ihn Djia Jung. „Und wenn ich meinem Vater davon berichtet habe und er alles mit meiner Großmutter abgesprochen hat, kauft Ihr irgendwo in der Nähe unseres Anwesens ein Haus und die nötige Einrichtung dafür und steckt zwei Dienerfamilien als Aufwartung hinein. Dann laßt Ihr einen Glückstag aussuchen, und ohne daß Menschen oder Geister auch nur das mindeste davon merken, zieht Ihr mit meiner Tante dort ein. Dem Gesinde wird eingeschärft, daß kein Wort darüber durchsickern darf, und da Eure Frau in der Tiefe des Anwesens wohnt, wird sie nichts davon erfahren. Ihr aber wohnt an zwei Stellen zugleich. Wenn die Sache dann vielleicht nach einem Jahr oder einem halben bekannt wird, bringt sie Euch nicht mehr als eine Portion Schelte von Eurem Vater ein, und Ihr könnt einfach sagen, da Eure Frau Euch keinen Sohn geboren habe, hättet Ihr um der männlichen Nachkommenschaft willen die Sache heimlich in die Wege geleitet. Wenn Eure Frau sieht, daß Ihr vollendete Tatsachen geschaffen habt, wird sie sich damit abfinden müssen. Und wenn Ihr dann noch die alte gnädige Frau schön bittet, ist alles wieder im Lot.“ Von alters her heißt es „Begierde trübt den Verstand.“ So zählte jetzt auch für Djia Liän nur das Verlangen nach den Reizen der zweiten Schwester You, und Djia Jungs Gerede schien ihm ein unfehlbarer Plan zu sein. Daß die Familie in Trauer war, daß man nicht hinter dem Rücken der Hauptfrau eine Nebenfrau nehmen kann, daß er einen strengen Vater und eine eifersüchtige Gattin hatte – alle diese Hinderungsgründe ließ er außer acht. Er ahnte auch nicht, daß Djia Jung keineswegs in guter Absicht handelte. Dieser hatte ja selbst ein Auge auf seine beiden Stieftanten geworfen. Da er jedoch unter Djia Dschëns Aufsicht nicht auf seine Kosten kam, sagte er sich, daß es dann, wenn Djia Liän eine der beiden heiratete und außerhalb mit ihr wohnte, auch nicht an Gelegenheiten mangeln könnte, in Djia Liäns Abwesenheit dort herumzuspuken. Auf diesen Gedanken konnte Djia Liän freilich nicht kommen, und so bedankte er sich bei Djia Jung und versprach ihm: „Wenn du die Sache wirklich zuwege bringst, mein lieber Neffe, dann kaufe ich auch zwei bildhübsche Sklavenmädchen und schenke sie dir zur Belohnung.“ Bei diesen Worten waren sie am Tor des Ning-guo-Anwesens angekommen, und Djia Jung sagte: „Geht Ihr hinein, Onkel, und laßt Euch von meiner Großmutter das Silber geben, das Yü Lu bekommen soll! Ich will zuerst drüben die alte gnädige Frau begrüßen.“ Lächelnd nickte Djia Liän und bat: „Sag vor der alten gnädigen Frau nichts davon, daß ich mit dir zusammen gekommen bin!“ „Ich verstehe!“ sagte Djia Jung, dann flüsterte er Djia Liän ins Ohr: „Falls Ihr meine Tante heute seht, dürft Ihr nichts überstürzen. Wenn jetzt Aufsehen erregt wird, ist es nachher schwer wiedergutzumachen.“ „Red keinen Stuß und beeil dich lieber! Ich warte hier auf dich“, sagte Djia Liän lachend, und Djia Jung ritt zum Jung-guo-Anwesen weiter, um dort der Herzoginmutter seinen Gruß zu entbieten. Währenddessen betrat Djia Liän das Ning-guo-Anwesen, wo ihn sofort einer der für das Gesinde zuständigen Aufseher mit seinen Untergebenen begrüßte und dann in die Halle geleitete. Um der Pflicht zu genügen, stellte Djia Liän einige Fragen, dann schickte er die Leute fort und ging allein in den inneren Wohnbezirk weiter. Für ihn als Vetter und engen Vertrauten von Djia Dschën galten hier keine Tabus, und so brauchte er nicht zu warten, bis man ihn angemeldet hatte. Als er vor der Haupthalle der Wohngebäude stand, schlugen die alten Sklavinnen, die im Säulengang Dienst taten, sofort den Türvorhang für ihn auf und ließen ihn eintreten. Drinnen erblickte Djia Liän die zweite Schwester You, die in Gesellschaft zweier Sklavenmädchen auf dem Ofenbett an der Südseite saß und mit einer Nadelarbeit beschäftigt war. Weder die alte Frau You noch die dritte Schwester You waren zu sehen. Als Djia Liän rasch nähertrat und die zweite Schwester You begrüßte, lud sie ihn lächelnd ein, Platz zu nehmen, und rückte selbst an die hölzerne Trennwand auf der Ostseite. Djia Liän aber bestand darauf, ihr den Ehrenplatz in der Mitte zu überlassen. Nachdem sie ein paar Begrüßungsfloskeln gewechselt hatten, erkundigte sich Djia Liän: „Wo sind denn Eure Mutter und Eure Schwester? Warum sind sie nicht zu sehen?“ „Sie sind nach hinten gegangen, um etwas zu erledigen, und werden gleich wieder da sein“, gab die zweite Schwester You lächelnd Auskunft. Da die beiden Sklavenmädchen hinausgegangen waren, um Tee einzugießen, sah Djia Liän der zweiten Schwester You lächelnd in die Augen. Sie aber ging nicht darauf ein und senkte lächelnd den Blick. Also wagte Djia Liän es nicht, sich mit Handgreiflichkeiten zu übereilen. Da er aber sah, daß die zweite Schwester You an ihrem Taschentuch nestelte, an das sie ein kleines Täschchen gebunden hatte, griff er mit betonter Auffälligkeit nach seinem Gürtel und sagte dann: „Habe ich doch mein Beteltäschchen vergessen! Würdet Ihr mir wohl eine Betelnuß schenken?“ „Betelnüsse habe ich wohl, aber verschenken tue ich sie nie“, erwiderte die zweite Schwester You. Lächelnd wollte sich Djia Liän ihr nähern, um ihr das Täschchen wegzunehmen, aber weil das einen schlechten Eindruck machen mußte, falls jemand dazukam, warf die zweite Schwester You ihr Taschentuch mit dem Täschchen daran rasch zu ihm hinüber, wobei sie ebenfalls lächelte. Djia Liän fing das Täschchen auf, schüttete alle Betelnüsse aus, suchte sich eine angekaute darunter heraus und schob sie in den Mund. Dann sammelte er den Rest wieder ein und wollte aufstehen, um der zweiten Schwester You das Täschchen in die Hand zu geben. Aber da kamen eben die Sklavenmädchen wieder herein und brachten den Tee. Also nahm Djia Liän sein Schälchen entgegen und trank. Zugleich löste er heimlich einen aus der Han-Zeit stammenden mit neun Drachen verzierten Jadeanhänger von seinem Gürtel, band ihn an das Taschentuch und warf das Ganze zur zweiten Schwester You hinüber, als die Sklavenmädchen eben einmal nicht hinsahen. Aber die zweite Schwester You hob das Taschentuch nicht auf, tat ganz so, als ob sie nichts bemerkt hätte, und trank ihren Tee. Da klapperte der Vorhang an der Hintertür, und herein traten die alte Frau You mit ihrer Tochter und zwei kleineren Sklavenmädchen. Rasch bedeutete Djia Liän der zweiten Schwester You mit den Augen, sie solle das Taschentuch an sich nehmen, aber sie reagierte nicht darauf. Djia Liän wußte nicht, was er davon halten sollte, und geriet in beträchtliche Verwirrung, aber er hatte keine andere Wahl, als der alten Frau You und der dritten Schwester You entgegenzugehen, um sie zu begrüßen. Als er sich wieder umwandte und nach der zweiten Schwester You sah, lächelte sie, als ob überhaupt nichts gewesen wäre, und bei näherem Hinsehen stellte er fest, daß das Taschentuch verschwunden war. Nun erst fühlte er sich beruhigt. Dann setzten sich alle hin, um zu plaudern, und Djia Liän berichtete: „Wie die Schwägerin sagte, hat sie Euch neulich ein Paket mit Silber zur Aufbewahrung geschickt, das soll ich mir jetzt auf Geheiß von Vetter Dschën geben lassen, weil Schulden zu bezahlen sind. Außerdem sollte ich nachsehen, ob hier alles in Ordnung ist.“ Sofort befahl die alte Frau You ihrer älteren Tochter, sie solle den Schlüssel nehmen und das Silber holen gehen. Djia Liän aber fuhr fort: „Zugleich wollte ich Euch meinen Gruß entbieten und sehen, wie es Euren Töchtern geht. Ihr selbst scheint mir nicht schlecht auszusehen, aber Eure Töchter haben hier bei uns viel zu leiden.“ „Was sagt Ihr da!“ widersprach ihm die alte Frau You. „Schließlich sind wir engste Verwandte, und wir würden zu Hause nicht anders leben als hier. Um die Wahrheit zu sagen, ist unsere Familie hart dran, seitdem mein Mann nicht mehr lebt, und wir sind ganz auf die Hilfe meines Schwiegersohns angewiesen. Jetzt, wo seine Familie von einem so schwerwiegenden Ereignis betroffen ist, können wir ihm wenigstens dadurch von Nutzen sein, daß wir das Haus für ihn hüten. Von welchem Leiden kann also die Rede sein?“ Bei diesen Worten kam die zweite Schwester You mit dem Silber zurück und übergab es ihrer Mutter, die es an Djia Liän weiterreichte. Dann ließ Djia Liän durch eines der Sklavenmädchen eine alte Sklavin rufen und befahl ihr: „Gib das Yü Lu und sag ihm, er solle damit zu mir hinübergehen und auf mich warten!“ Als die alte Sklavin jawohl gesagt hatte und hinausgegangen war, ertönte Djia Jungs Stimme im Hof, und im nächsten Augenblick trat er ins Haus und begrüßte seine Stiefgroßmutter und seine beiden Stieftanten. Dann wandte er sich lächelnd an Djia Liän und sagte: „Gerade hat drüben der alte gnädige Herr nach Euch gefragt, Onkel. Er sagte, er habe einen Auftrag für Euch, und wollte schon jemand ins Kloster schicken, um Euch zu holen. Ich habe ihm gesagt, Ihr würdet gleich da sein, und da hat er mir noch aufgetragen, Euch zur Eile zu mahnen, wenn ich Euch treffe.“ Schon machte Djia Liän Anstalten aufzustehen, da hörte er, wie Djia Jung zur alten Frau You sagte: „Der Mann, von dem ich Euch neulich erzählte, daß mein Vater ihn für die Tante ausgesucht hat, sieht nach Gesicht und Gestalt beinahe so aus wie mein Onkel hier. Wie gefällt Euch der, alte Ahne?“ Damit machte er eine verstohlene Handbewegung in Djia Liäns Richtung und wies dann mit dem Kinn nach der zweiten Schwester You. Dieser war es peinlich, etwas zu sagen, ihre Schwester jedoch schimpfte lächelnd: „Du verdorbener kleiner Affe, du! Weißt du nichts Besseres zu schwatzen? Warte, ich werde dir deinen Mund zerreißen!“ Mit diesen Worten ging sie wirklich auf ihn los, aber da war Djia Jung schon lachend hinausgelaufen. Nun verabschiedete sich auch Djia Liän und ging zuerst noch einmal in die Halle, wo er das Gesinde ermahnte, keine Glücksspiele zu spielen und keinen Wein zu trinken. Dann bat er Djia Jung noch unter vier Augen, er solle sich beeilen, ins Kloster zurückzukommen, und möglichst schnell mit seinem Vater sprechen. Anschließend ritt er mit Yü Lu zum anderen Anwesen hinüber, gab ihm dort das restliche Silber und schickte ihn weg. Nachdem er zuvor noch seinen Vater aufgesucht hatte, ging er endlich der Herzoginmutter seine Aufwartung machen. Aber davon soll hier nicht die Rede sein. Als sich Djia Jung davon überzeugt hatte, daß Yü Lu mit Djia Liän fortritt, um das Silber zu holen, so daß für ihn nichts zu tun blieb, kehrte er noch einmal in die inneren Gemächer zurück, um sich dort noch ein Weilchen mit seinen beiden Stieftanten zu necken, ehe er sich wieder auf den Weg machte. Als er am Abend ins Kloster kam und seinen Vater aufsuchte, berichtete er: „Yü Lu hat das Silber bekommen. Die alte gnädige Frau ist wieder gesund und braucht keine Medizin mehr zu nehmen.“ Anschließend nahm er sofort die Gelegenheit wahr, um seinem Vater zu erzählen, daß Djia Liän unterwegs den Wunsch geäußert habe, die zweite Schwester You zu seiner Nebenfrau zu machen, und daß er den Plan habe, außerhalb mit ihr zu wohnen, damit Hsi-fëng nichts davon erführe. „Es geht ihm nur darum, das Ärgernis zu beheben, daß er noch keinen Sohn hat“, versicherte er. „Außerdem hat er die Tante schon gesehen, und sowieso ist es besser, jemand zu heiraten, mit dem man verschwägert ist, als jemand Fremdes, von dem man nichts weiß. Deshalb hat mich der Onkel immer wieder gebeten, mit Euch zu sprechen.“ Daß alles sein eigener Einfall gewesen war, verschwieg er geflissentlich. Djia Dschën dachte nach, dann sagte er lächelnd: „Warum eigentlich nicht! Nur weiß ich nicht, ob deine Tante damit einverstanden sein wird. Also sprich morgen zuerst mit deiner Großmutter darüber und bitte sie, die Tante zu fragen, ehe wir eine Entscheidung treffen.“ Anschließend gab er Djia Jung noch einige Instruktionen, dann ging er hinüber und teilte Frau You die Neuigkeit mit. Frau You war sich darüber im klaren, daß die Sache sich nicht gehöre, und riet Djia Dschën nach Kräften ab. Sein Entschluß stand jedoch bereits fest, und da es Frau You gewohnt war, sich zu fügen, und da sie und die zweite Schwester You nicht Kinder einer Mutter waren, so daß sie sich auch nicht allzusehr um sie kümmern konnte, mußte sie den Dingen ihren Lauf lassen. Am nächsten Morgen ritt Djia Jung tatsächlich in aller Frühe erneut in die Stadt, suchte seine Stiefgroßmutter auf und eröffnete ihr, was sein Vater ihm aufgetragen hatte. Außerdem fügte er noch von sich aus mancherlei hinzu. So erzählte er, Djia Liän sei ein herzensguter Mensch, Hsi-fëng aber sei unheilbar krank, und wenn die Tante vorläufig außerhalb wohnen würde, könnte Djia Liän sie nach einem Jahr oder einem halben, wenn Hsi-fëng erst tot sei, ins Haus nehmen und zur Hauptfrau machen. Er schilderte auch in den rosigsten Farben, wie sein Vater die Verlobung ausrichten werde und wie Djia Liän die Hochzeit gestalten wolle. „Auch Euch würde er bei sich aufnehmen und im Alter für Euch sorgen, und für die zweite Tante würde er mit der Zeit ebenfalls einen Mann suchen“, fügte er zum Schluß noch hinzu. Wie hätte die alte Frau You solchen Verlockungen widerstehen können, zumal sie ganz auf Djia Dschëns Unterstützung angewiesen war und Djia Dschën die Sache in die Hand genommen hatte und die Verlobung arrangieren wollte, so daß sie selbst nicht einmal für die Aussteuer zu sorgen brauchte. Außerdem war Djia Liän ein junger Mann aus guter Familie und zehnmal besser als Dschang Hua. Also ging die alte Frau You sofort hinüber, um mit ihrer Tochter zu sprechen. Die zweite Schwester You hatte einen Charakter wie Wasser, und es hatte auch schon etwas Unziemliches zwischen ihr und Djia Dschën gegeben. Daß sie seinerzeit mit Dschang Hua verlobt worden war, wodurch sie für immer auf einen richtigen Platz im Leben verzichten mußte, hatte sie stets bedauert. Was sollte sie also einzuwenden haben, wenn jetzt Djia Liän in sie verliebt war und kein anderer als Djia Dschën sie verloben und verheiraten wollte? Also nickte sie und erklärte sich einverstanden. Die alte Frau You meldete es Djia Jung, Djia Jung meldete es seinem Vater, und dieser ließ schon am nächsten Tag Djia Liän zu sich ins Kloster bitten, um ihm persönlich mitzuteilen, die alte Dame habe ja gesagt. Djia Liäns Freude war übermächtig, und seine Dankesbeteuerungen an Vater und Sohn Djia Dschën und Djia Jung wollten kein Ende nehmen. Dann beratschlagten sie zu zweit und gaben Auftrag, ein Haus zu suchen, Schmuck anfertigen zu lassen und eine Aussteuer anzuschaffen, desgleichen Bett, Vorhänge und alles übrige für das Brautgemach. Schon innerhalb weniger Tage war alles bereit. In der Gasse der Kleinen Blütenzweige, zwei Li von der Straße am Ning-guo- und Jung-guo-Anwesen entfernt, war ein Gehöft von insgesamt zwanzig Säulenzwischenräumen Wohnfläche gekauft worden, ebenso zwei kleine Sklavenmädchen. Darüberhinaus stellte Djia Dschën von seinem eigenen Gesinde Bau Örl und dessen Frau zur Verfügung, um der zweiten Schwester You nach ihrem Umzug aufzuwarten. Die beiden dachten natürlich nicht daran, Einwände zu erheben, als sie hörten, welch einen schönen Posten sie bekommen sollten. Des weiteren ließ Djia Dschën durch einen Boten Dschang Hua und seinen Vater holen und zwang sie, der alten Frau You eine Eheverzichtserklärung zu schreiben. Dschang Huas Großvater war der Verwalter eines kaiserlichen Gutes gewesen. Nach seinem Tod hatte Dschang Huas Vater den Posten bekleidet, und weil er mit Frau Yous erstem Mann befreundet gewesen war, hatten sie Dschang Hua und die zweite Schwester You schon im Mutterleib miteinander verlobt. Später hatten die Dschangs durch einen Rechtsstreit ihr Vermögen verloren, besaßen kaum noch so viel, daß sie sich zu kleiden und zu ernähren vermochten, und konnten sich deshalb eine Schwiegertochter nicht leisten. Nachdem die alte Frau You die Familie ihres verstorbenen ersten Mannes verlassen hatte, um sich wieder zu verheiraten, hatte zwischen beiden Seiten mehr als zehn Jahre lang keinerlei Kontakt mehr bestanden. Als jetzt ein Bote der Djias erschien und die Dschangs holte, um eine Eheverzichtserklärung zu schreiben, waren sie zwar nicht damit einverstanden, aber aus Furcht vor Djia Dschëns Machtposition mußten sie sich beugen und setzten das geforderte Schriftstück auf. Anschließend gab ihnen die alte Frau You zwanzig Liang Silber, und damit galt das Verlöbnis als gelöst. Doch genug jetzt davon. Als Djia Liän sah, daß alle Vorbereitungen getroffen waren, suchte er den dritten Tag des neunten Monats als Glückstag aus, um die zweite Schwester You als Nebenfrau heimzuführen. Im nächsten Kapitel wird mehr davon erzählt.

Anmerkungen

  1. Vgl. die ‚Gespräche‘ des Konfuzius, III, 4.
  2. In China glaubte man seit alters her, Tiere könnten sich in Menschen verwandeln, vor allem in verführerische Frauen. Das galt besonders für Füchse.
  3. Vgl. o., Anm. zu S. 6 (Hsi-dsï), S. 90 (...die seidene Decke...) und S. 199 (Bach Juo-yä); auch ihre häßliche Nachahmerin ist oben bereits erwähnt (S. 526).
  4. Lieblingsnebenfrau des Hsiang Yü (vgl. o., Anm. zu S. 672), die bei ihm war, als sein Heer von den überlegenen Truppen unter Liu Bang eingeschlossen wurde. Bevor Hsiang Yü einen Durchbruchsversuch wagte, nahm sie sich das Leben.
  5. Anderer Name der Wang Tjiang (Wang Dschau-djün), vgl. o., Anm. zu S. 92. Einer fiktiven Überlieferung nach hat der Han-Kaiser Yüan-di Bilder von all seinen Palastmädchen malen lassen und danach diejenigen ausgesucht, die er zu sich rufen ließ. Während alle anderen Palastmädchen die Maler bestochen hätten und deshalb schöner dargestellt worden seien, als sie in Wirklichkeit waren, soll Wang Tjiang das abgelehnt haben, weshalb sie häßlich dargestellt, nie zum Kaiser gerufen und schließlich dem Herrscher der Hunnen als Frau geschickt worden sein soll. Erst bei dieser Gelegenheit habe der Kaiser entdeckt, wie schön sie war, und habe den Maler Mau Yän-schou hinrichten lassen.
  6. Lü-dschu (‚Grünperle‘) war eine Konkubine des Schï Tschung (vgl. o., Anm. zu S. 316 (der Wein von Djin-gu). Als Schï Tschung sich weigerte, sie einem Rivalen abzutreten, ließ dieser ihn auf Grund eines gefälschten kaiserlichen Befehls festnehmen, Lü-dschu aber beging Selbstmord.
  7. Vgl. o., Anm. zu S. 41 (Hung-fu).
  8. 1021 – 1086, prominenter Reformpolitiker, Dichter und Essayist.
  9. Vgl. o., Anm. zu S. 285. Die beiden hier zitierten Zeilen entstammen demselben Gedicht wie die auf S. 1140 angeführte Zeile.