Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 67"

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=== Beim Anblick heimatlicher Gaben denkt Daiyu sehnsuechtig an ihre Heimat; Als sie von einem Geheimnis hoert, verhoert Xifeng den Diener ===
 
=== Beim Anblick heimatlicher Gaben denkt Daiyu sehnsuechtig an ihre Heimat; Als sie von einem Geheimnis hoert, verhoert Xifeng den Diener ===
  
längst entschieden hatte und nur wartete, bis Djia Liän weit genug fort war! Die verschiedensten Handwerker mußten kommen, und dann ließ sie drei Räume im östlichen Seitenflügel genauso herrichten und ausstatten wie ihre eigenen Zimmer.
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'''Dai-yü erblickt Lokalprodukte und gedenkt ihres Heimatortes,Hsi-fëng erfährt ein Geheimnis und verhört einen Sklavenjungen.'''
Am vierzehnten teilte Hsi-fëng der Herzoginmutter und Dame Wang mit, sie wolle am nächsten Morgen in aller Frühe ins Nonnenkloster fahren, um dort Weihrauch zu opfern. Von ihrem Gefolge nahm sie nur Ping-örl, Fëng-örl und die Frauen von Dschou Juee und Lai Wang mit, und erst als sie in die Wagen stiegen, eröffnete sie ihnen den wahren Zweck der Aktion. Das männliche Gesinde mußte noch auf ihren Befehl weiße Trauerkleider und ‑kopfbedeckungen anlegen, und dann ging es los.
 
Hsing-örl führte den Zug schnurstracks zum Hause der zweiten Schwester You und pochte dort ans Tor. Als Bau Örls Frau öffnete, sagte Hsing-örl lächelnd zu ihr: „Geh und melde der zweiten jungen Herrin, die ältere junge Herrin sei da!“
 
Bau Örls Frau flog bei diesen Worten gleich die Seele zum Scheitel hinaus, und sie stürzte nach drinnen, um der zweiten Schwester You Meldung zu machen. Auch die zweite Schwester You erschrak, aber nachdem Hsi-fëng einmal da war, mußte sie sie wohl oder übel dem Ritual entsprechend empfangen. Also ordnete sie rasch ihre Kleider und ging ihr entgegen. Als sie ans Tor kam, war Hsi-fëng eben aus dem Wagen gestiegen und trat nun ein. Auf dem Kopf trug sie schlichten Silberschmuck, gekleidet war sie in ein bläulich-weißes Atlasgewand, einen Umhang aus dunkelblauem Atlas und einen Rock aus feiner weißer Seide. Ihre Brauen waren geschwungene Weidenblätter, deren Spitzen weit in die Höhe ragten, ihre Augen schmale Phönixaugen, aus deren Winkeln der Geist sprühte. Sie war schön wie eine Pfirsichblüte im Frühling, frisch wie eine Chrysantheme im Herbst.
 
Von Dschou Juees und Lai Wangs Frau gestützt, trat Hsi-fëng in den Hof. Lächelnd ging ihr die zweite Schwester You zur Begrüßung entgegen und sagte: „Ihr laßt Euch herab, mich zu besuchen, ältere Schwester, ich aber habe verabsäumt, Euch weit entgegenzugehen. Ich bitte, mir dieses Vergehen der Unachtsamkeit zu verzeihen.“ Damit machte sie einen tiefen Knicks.
 
Ohne Verzug erwiderte Hsi-fëng den Gruß mit lächelnder Miene, dann traten sie Hand in Hand gleichzeitig ins Haus.
 
Nachdem Hsi-fëng Platz genommen hatte, ließ sich die zweite Schwester You von den Sklavenmädchen ein Polster bringen, kniete nieder und sagte: „Ich, Eure Sklavin, bin noch jung an Jahren. Alles, was ich getan habe, seitdem ich hier bin, geschah auf Anraten meiner Mutter und meiner Schwester. Nachdem ich heute das Glück habe, Euch zu begegnen, möchte ich, wenn ich Euch nicht zu gering bin, in allen Dingen um Eure Anweisung und Belehrung bitten. Ich will Euch auch gern mein Innerstes offenbaren, nur um Euch zu dienen, ältere Schwester.“ Mit diesen Worten beugte sie tief den Nacken vor ihr.
 
Sofort erhob sich Hsi-fëng von ihrem Sitz, erwiderte den Gruß in der gleichen Weise und sagte: „Alles liegt nur an mir. Ich habe dem jungen Herrn immer geraten, er solle besonnen sein und nicht auswärts bei ‚Blumen und Weiden‘0 schlafen, damit er seinen Eltern keinen Kummer bereitet. Diese Bitte entsprang meinem Herzen, das töricht ist wie jedes Frauenherz. Er aber muß mich mißverstanden haben, Denn daß er es mir verschweigt, wenn er im Freudenhaus nächtigt, mag wohl angehen, er aber hat auch so eine wichtige zeremonielle Handlung wie seine Heirat mit Euch vor mir geheimgehalten. Dabei hatte ich ihm selbst schon lange geraten, diesen Schritt zu tun, um uns einen männlichen Nachkommen zu sichern.
 
Wider Erwarten scheint er mich aber für eifersüchtig zu halten und hat diese große Angelegenheit heimlich vollzogen, ohne mich etwas davon wissen zu lassen, so daß ich niemand anders meinen Kummer klagen konnte als dem Himmel und der Erde. Erfahren habe ich schon vor zehn Tagen davon, doch weil ich Angst hatte, der junge Herr könnte zürnen, habe ich nichts gesagt. Heute nun ist er fern auf Reisen, deshalb bin ich gekommen, um Euch meinen Respekt zu bezeugen. Zugleich möchte ich Euch bitten, Mitleid mit meinem Herzen zu haben und Euch zu entschließen, zu uns zu ziehen. Nur wenn wir zusammen leben wie Schwestern und den jungen Herrn einmütig ermahnen, er solle die Dinge dieser Welt ernst nehmen und seine Gesundheit schonen, entspricht das den Riten.
 
Wenn Ihr außerhalb lebt, ich aber in der Familie, dann wird mein Herz keine Ruhe finden, obwohl ich zu dumm und zu gering bin, um zu Eurer Gesellschaft zu taugen. Überdies würde es auch keinen guten Eindruck machen, wenn Außenstehende davon erführen. Um meinetwillen würde ich nicht grollen, wenn man über uns herzieht, der Ruf des jungen Herrn ist es, was zählt. Deshalb liegt meine Ehre in diesem Leben und in dieser Existenz ganz in Euren Händen, meine Schwester.
 
Das Gesinde und anderer Pöbel wird bestimmt der Ansicht sein, meine übliche Haushaltsführung sei zu streng, und wird hinter meinem Rücken manches verschweigen und anderes hinzudichten – das ist nur normal. Aber wie kann ein Mensch von Euresgleichen das für die Wahrheit nehmen? Hätte man mich vielleicht bis zum heutigen Tage geduldet, wenn ich wirklich solche Unzulänglichkeiten besäße? Schließlich sind doch über mir drei Stufen von Schwiegermüttern da und neben mir unzählige Kusinen und Schwägerinnen, noch dazu sind die Djias seit Generationen eine namhafte Sippe.
 
Eine andere würde es vielleicht als ein Ärgernis ansehen, daß der junge Herr Euch geheiratet hat, ich aber betrachte es als ein Glück. Dazu ist es nur gekommen, weil Himmel und Erde, Götter und Buddhas es nicht ertragen konnten, daß ich von gemeinen Menschen verleumdet werde. Heute bin ich gekommen, um Euch, meine Schwester, aufzufordern, mit mir zusammen zu leben und zu wohnen, damit wir gleiche Anteile empfangen und nach denselben Maßstäben behandelt werden, gemeinsam unsern Schwiegereltern dienen und gemeinsam unsern Gatten ermahnen. Freud und Leid wollen wir teilen, wollen einander lieben und miteinander harmonieren wie zwei leibliche Schwestern.
 
Nicht nur jene verächtlichen Leute werden dann bereuen, daß sie mich bisher verkannt haben, auch unser junger Herr wird vielleicht eine heimliche Reue empfinden, wenn er nach Hause kommt und uns als unser Gatte so sieht. So könnt Ihr, meine Schwester, zu meiner größten Wohltäterin werden, die meinen Namen wieder makellos reinwäscht. Wenn Ihr mir aber nicht folgen wollt, bin ich auch gern bereit, Euch hier Gesellschaft zu leisten. Mit Freuden will ich Euch als jüngere Schwester dienen und Euch täglich beim Frisieren und Waschen aufwarten. Nur um das eine bitte ich Euch, daß Ihr zu meinen Gunsten ein gutes Wort bei unserm jungen Herrn einlegt, damit er mir soviel Platz gönnt, wie ich brauche, um eine Matte auszubreiten und meinen Körper darauf zu betten. Dafür würde ich selbst mit dem Leben zahlen.“
 
Bei den letzten Worten hatte sie begonnen zu schluchzen, und unwillkürlich liefen auch der zweiten Schwester You die Tränen herab. Noch einmal vollzogen sie voreinander den zeremoniellen Gruß, dann nahmen sie der Rangfolge gemäß wieder Platz. Da trat Ping-örl rasch heran und wollte ebenfalls niederknien.
 
Aus ihrer schönen Ausstattung, ihrem gesitteten Betragen und ihrem lieblichen Gesicht hatte die zweite Schwester You schon geschlußfolgert, daß dies bestimmt Ping-örl sein müsse, darum half sie ihr jetzt geschwind mit eigener Hand wieder auf die Beine und sagte: „Nicht doch, meine jüngere Schwester! Du und ich, wir sind gleichen Ranges:“
 
Auch Hsi-fëng war rasch aufgestanden und sagte nun lächelnd: „Ihr zerstört ihr Glück und bringt sie zu Tode, wenn Ihr sie so behandelt, meine Schwester. Empfangt nur ihren Gruß, sie ist unsere Magd. Fortan dürft Ihr Euch nicht so zieren.“ Dann ließ sie sich von Dschou Juees Frau vier Stücken schönster Seide und vier Garnituren Kopfschmuck aus Gold und Perlen, bestehend aus Haarpfeilen und Ohrgehängen, aus ihrer Beuteltasche reichen, um sie der zweiten Schwester You als Geschenk anläßlich ihrer ersten Begegnung zu verehren, und diese kniete schnell nieder, um die Gaben zu empfangen.
 
Während sie zu zweit Tee tranken, schilderten sie einander ihre Lebensgeschichte, und Hsi-fëng floß über von Selbstvorwürfen. „Ich kann niemand etwas verargen“, erklärte sie, „und bitte nur darum, daß Ihr mich lieb habt, meine Schwester.“
 
Als die zweite Schwester You sie so sah, hielt sie sie für den besten Menschen von der Welt, und da es auch der übliche Brauch ist, daß niedrige Menschen ihre Herren verleumden, wenn sie unzufrieden sind, zögerte sie nicht, ihr wirklich ihr Innerstes zu offenbaren, und glaubte schließlich, sie habe eine aufrichtige Freundin in ihr gefunden.
 
Auch die Frauen von Dschou Juee und Lai Wang sparten nebenbei nicht mit Lob über Hsi-fëngs gutes Regiment und versicherten, ihr einziger Fehler sei ihre Gutmütigkeit, die ihr oft Nachteile einbringe, was manche Leute verärgert habe. Außerdem sagten sie: „Es sind schon Zimmer für Euch hergerichtet. Ihr werdet staunen, junge gnädige Frau, wenn Ihr dort einzieht!“
 
Nun war die zweite Schwester You still bei sich schon lange der Meinung gewesen, es sei das beste für sie, zu den Djias zu ziehen, und nach dem heutigen Erlebnis sah sie erst recht keinen Grund mehr zu zögern, darum sagte sie: „Eigentlich müßte ich mit Euch gehen, meine Schwester, aber was soll ich hier mit dem Haus machen?“
 
„Das ist doch kein Problem!“ erwiderte Hsi-fëng. „Die Truhen und Körbe mit Eurer Kleidung und Eurem Schmuck können die Jungen zu uns hinüberschaffen. Den gröberen Hausrat aber, für den Ihr bei uns keinen Bedarf habt, laßt Ihr hier von jemand bewachen. Dafür könnt Ihr einsetzen, wen immer Ihr für geeignet haltet.“
 
„Nachdem ich Euch heute kennengelernt habe und jetzt mit Euch gehe, meine Schwester, will ich alles Eurer Entscheidung überlassen“, erklärte die zweite Schwester You. „Denn ich bin noch nicht lange hier, habe nie einen Haushalt geführt und kenne mich in den Dingen der Welt nicht aus. Wie könnte ich also etwas entscheiden?! Nur ein paar Truhen und Körbe müßten mit, da ich selbst keinen Besitz habe und auch das dem jungen Herrn gehört.“
 
Daraufhin erhielt Dschou Juees Frau von Hsi-fëng den Auftrag, sich alles genau zu merken und gut darauf achtzugeben, wenn es hinübergeschafft wurde. Als sich die zweite Schwester You auf Hsi-fëngs Drängen hin umgezogen hatte, stiegen sie beide Hand in Hand in den Wagen, setzten sich nebeneinander, und dann sagte Hsi-fëng leise zu ihr: „In unserer Familie herrschen strenge Regeln. Die alte gnädige Frau hat von dieser Angelegenheit nicht die mindeste Ahnung. Wenn sie erfährt, daß der junge Herr dich während der Trauerzeit geheiratet hat, läßt sie ihn ohne weiteres totschlagen. Deshalb wirst du dich der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau heute noch nicht vorstellen. Wir haben einen riesengroßen Garten, in dem meine Kusinen wohnen und in den nicht leicht ein Fremder gelangt. Dort mußt du ein paar Tage wohnen, bis ich einen Weg gefunden habe, um die Sache klarzulegen, dann erst können wir dich präsentieren.“
 
„Ich füge mich Eurer Entscheidung, Schwester“, willigte die zweite Schwester You ein.
 
Die begleitenden Sklavenjungen waren vorab instruiert worden, und so fuhren die Wagen jetzt nicht durchs Haupttor, sondern durch den Hintereingang. Als sie ausgestiegen waren, schickte Hsi-fëng das Gefolge fort, dann führte sie die zweite Schwester You durch das hintere Tor in den Garten des Großen Anblicks zu Li Wan und machte die beiden miteinander bekannt.
 
Zu dieser Zeit wußten im Garten des Großen Anblicks schon neun von zehn Leuten über Djia Liäns heimliche Ehe Bescheid, und als die zweite Schwester You jetzt von Hsi-fëng in den Garten gebracht wurde, erschienen sie zahlreich, um sie sich anzusehen. Alle wurden sie von der zweiten Schwester You empfangen, und jede zollte ihrer Schönheit und ihrer Freundlichkeit Lob. Jede einzelne aber wurde von Hsi-fëng gewarnt: „Draußen darf von ihr nichts bekannt werden! Wenn die alte gnädige Frau oder die gnädige Frau von ihr erfahren, bringe ich dich um!“
 
Da alle Sklavenfrauen und -mädchen im Garten vor Hsi-fëng Angst hatten und sehr gut wußten, daß sich Djia Liän durch diese Tat während der Staatstrauer und der Familientrauer zugleich eines schwerwiegenden Vergehens schuldig gemacht hatte, ließen sie die Finger davon.
 
Dann richtete Hsi-fëng leise die Bitte an Li Wan: „Nimm sie ein Weilchen hier bei dir auf. Sobald ich drüben von ihr berichtet habe, zieht sie natürlich hinüber.“
 
Da Li Wan wußte, daß Hsi-fëng schon Räume hatte herrichten lassen, und da es nur korrekt war, die Sache nicht während der Trauerzeit zu offenbaren, mußte sie die zweite Schwester You wohl oder übel vorläufig bei sich aufnehmen.
 
Hsi-fëngs nächster Schritt bestand darin, der zweiten Schwester You alle ihre Sklavenmädchen wegzunehmen und ihr statt dessen eines ihrer eigenen Mädchen zur Bedienung zu schicken. Außerdem gab sie heimlich allen Sklavenfrauen im Garten den Befehl: „Paßt mir gut auf sie auf! Wenn sie wegläuft, rechne ich mit euch ab!“ Weitere Maßnahmen traf sie in aller Stille. Jeder im Hause aber staunte still bei sich: ‚Schau an, wie gütig sie auf einmal ist!‘
 
Als die zweite Schwester You dieses Unterkommen erhalten hatte und feststellte, daß alle Mädchen im Garten gut zu ihr waren, glaubte sie ruhigen Herzens und frohen Sinnes, nun sei ihr Platz im Leben gefunden. Aber drei Tage später begann das Sklavenmädchen Schan-djiä auf einmal, widersetzlich zu werden.
 
Die zweite Schwester You hatte zu ihr gesagt: „Mein Haaröl ist alle, geh zur älteren jungen Herrin und laß dir welches geben!“ Schan-djiä aber erwiderte: „Ihr wißt es wohl nicht zu schätzen, wie gut Ihr es habt, junge Herrin, oder Ihr habt keine Augen im Kopf. Die junge gnädige Frau muß sich Tag für Tag hier um die alte gnädige Frau und dort um die gnädige Frau kümmern. Sämtliche Schwägerinnen und Kusinen sowie ein Gesinde, das nach Hunderten zählt, alle warten sie jeden Morgen auf ihre Anordnungen. Jeden Tag hat sie mindestens zehn bis zwanzig große und noch einmal dreißig bis fünfzig kleinere Angelegenheiten zu entscheiden.
 
Nach außen hin hat sie den Geschenkverkehr mit wer weiß wie vielen Persönlichkeiten zu unterhalten, von der kaiserlichen Nebenfrau bis zu den Familien von Prinzen, Herzögen, Fürsten und Grafen, und zu Hause muß sie sich um die Betreuung von Verwandten und Freunden kümmern. Tausende Liang Silber und Zehntausende Bronzemünzen gehen täglich durch ihre Hände, ihre Gedanken und ihre Reden. Und da wollt Ihr sie wegen so einer Nichtigkeit behelligen?
 
Ich kann Euch nur raten, etwas bescheidener zu sein. Eure Ehe ist nicht einmal  auf  ordentliche  Weise  und mit anständigen Vermittlern geschlossen
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889b.
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Als sich die dritte Schwester You das Leben genommen hatte, waren die alte Frau You, die zweite Schwester You sowie Djia Dschën und Djia Liän, wie sich von selbst versteht, unbeschreiblich traurig. Rasch ordneten sie an, man solle die Tote einsargen, aus der Stadt schaffen und begraben. Und jetzt, da die dritte Schwester You tot war, wurde Liu Hsiang-liän von einer törichten Liebe zu ihr erfaßt. Doch ein paar ernüchternde Sätze aus dem Mund eines Dauistenpriesters zerstörten den Wahn. Liu Hsiang-liän schnitt sich sein Haar ab wie ein Mönch und verschwand mit dem verrückten Dauisten ins Ungewisse. Doch davon soll einstweilen nicht mehr die Rede sein.
wor­den, und trotzdem ist die junge gnädige Frau so nett zu Euch, weil sie so ein gütiger Mensch ist, wie es ihn seit Urzeiten selten gegeben hat. Wenn sie auch nur etwas weniger Tugend besäße, würde sie auf Eure Forderungen hin zu schreien und zu toben beginnen und Euch auf Gedeih und Verderb aus dem Hause jagen, ohne daß Ihr es wagen dürftet, Einwendungen dagegen zu machen.
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Nachdem Tante Hsüä erfahren hatte, Liu Hsiang-liän habe mit der dritten Schwester You ein Verlöbnis geschlossen, war sie innerlich hocherfreut und plante eben voller Begeisterung, ihm ein Haus zu kaufen und einzurichten und einen Glückstag auswählen zu lassen, an dem er die Braut heimführen konnte, um ihm so für die Großherzigkeit zu danken, daß er Hsüä Pan das Leben gerettet hatte. Plötzlich aber lärmten die Sklavenjungen des Hauses: „Die dritte Schwester You hat sich umgebracht!“
Diese Worte bewirkten, daß die zweite Schwester You den Kopf hängen ließ und sich sagte, wenn man ihr so käme, müsse sie wohl oder übel ein wenig zurückstecken. Nach und nach aber begann Schan-djiä, auch das Essen unregelmäßig zu bringen. Mal brachte sie ihr nur zur Morgenmahlzeit eine Portion, mal nur am Abend, und was sie brachte, waren nichts als Reste. Als die zweite Schwester You ihr ein paarmal etwas deswegen gesagt hatte, begann sie sogar zu toben. Und wieder hatte die zweite Schwester You Angst, man könnte sie auslachen, weil sie ihren Platz nicht kannte, und fügte sich.
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Das hörten auch die kleinen Sklavenmädchen und berichteten es Tante Hsüä. Ohne den Grund für die Tat zu kennen, seufzte Tante Hsüä darüber aus tiefstem Herzensgrund. Während sie sich noch in Mutmaßungen erging, kam Bau-tschai aus dem Garten herüber. „Hast du davon gehört, mein Kind?“ fragte Tante Hsüä. „Die jüngste Schwester der Frau deines Vetters Dschën, die mit Liu Hsiang-liän, dem Schwurbruder unseres Pan, verlobt war, hat sich aus irgendeinem Grund die Kehle durchgeschnitten. Und auch Liu Hsiang-liän ist irgendwohin verschwunden. Das ist wirklich eine seltsame Sache, die kein Mensch ahnen konnte.
Wenn sie alle fünf bis acht Tage einmal mit Hsi-fëng zusammentraf, zeigte diese ihr stets ein fröhliches, freundliches Gesicht, nannte sie in einem fort „meine Schwester“ und forderte sie auf: „Wenn es das Gesinde an etwas fehlen läßt und dir nicht gehorcht, dann sag es mir, und ich lasse sie schlagen!“ Außerdem schalt sie die Sklavenmädchen und -frauen: „Euch kenne ich nur zu gut, die Sanften betrügt ihr, und die Unsanften fürchtet ihr. Sobald ich euch den Rücken kehre, kennt ihr keinen Respekt mehr. Aber wenn ihr der jüngeren Herrin auch nur den kleinsten Grund zur Klage gebt, bezahlt ihr dafür mit dem Leben!“
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Bau-tschai hörte sich das an, ohne große Aufmerksamkeit darauf zu wenden, und erwiderte: „Nicht umsonst heißt es im Volksmund ‚Wind und Wolken sind unergründlich, Glück und Unglück wechseln fast stündlich.‘ Auch das war ihnen aus ihrer vorigen Existenz vom Schicksal bestimmt. Neulich spracht Ihr davon, daß Ihr für ihn sorgen wolltet, weil er Bruder Pan das Leben gerettet hat. Jetzt aber ist sie tot, und er ist verschwunden. Meiner Meinung nach solltet Ihr der Sache ihren Lauf lassen, ohne Euch um die beiden zu grämen.
Als die zweite Schwester You sah, wie gut es Hsi-fëng mit ihr meinte, sagte sie sich: „Warum soll ich viel Aufhebens darum machen, wenn ich doch sie habe! Ist es nicht der übliche Zustand, daß das Gesinde sich nicht zu benehmen weiß? Wenn ich mich beschwere und sie deswegen leiden müssen, gebe ich den Leuten nur Anlaß, mich engherzig zu nennen.“ Und so schwieg sie von den Unbotmäßigkeiten.
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Bruder Pan aber ist seit fast zwanzig Tagen aus dem Süden zurück, und die Waren, die er dort eingekauft hat, müssen wohl jetzt schon sämtlich versandt worden sein. Die Gehilfen, die er mitgenommen hatte, mußten sich monatelang abmühen. Darum solltet Ihr mit Bruder Pan darüber reden, daß er sie zum Dank dafür einlädt, damit sie nicht denken, wir wüßten nicht, was sich gehört.
Inzwischen hatte Hsi-fëng durch Lai Wang genaue Erkundigungen einholen lassen, und nun wußte sie über die Angelegenheiten der zweiten Schwester You bestens Bescheid. Sie hatte in der Tat schon einen Verlobten gehabt, der jetzt erst neunzehn Jahre alt war und sich nur herumtrieb, um zu huren und Glücksspiele zu spielen, anstatt einem ordentlichen Gewerbe nachzugehen. Den Familienbesitz hatte er durchgebracht, deswegen hatte ihm sein Vater die Tür gewiesen, und seitdem hatte er in einer Spielhölle Zuflucht gefunden. Als der Vater aus den Händen der alten Frau You zehn Liang Silber erhielt, machte er die Verlobung rückgängig, aber davon wußte der Sohn noch nichts. Der Name des Sohnes lautete wirklich Dschang Hua.
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Während Mutter und Tochter so miteinander sprachen, kam Hsüä Pan mit Tränen in den Augen von draußen herein. Kaum daß er im Zimmer war, schlug er vor seiner Mutter die Hände zusammen und fragte: „Wißt Ihr schon, was mit Bruder Liu und der dritten Schwester You geschehen ist, Mutter?“
Nachdem Hsi-fëng all dies hatte auskundschaften lassen, händigte sie Lai Wang ein Päckchen mit zwanzig Liang Silber aus und befahl ihm heimlich, er solle sich an Dschang Hua heranmachen und ihn freihalten, um ihn dann zu veranlassen, eine Anklageschrift aufzusetzen und bei den Behörden einzureichen, in der Djia Liän beschuldigt wurde, in einer Zeit von Staats- und Familientrauer entgegen dem kaiserlichen Befehl und ohne das Wissen seiner Eltern, gestützt auf Reichtum und Macht die Auflösung einer Verlobung erzwungen und eine zweite Gattin genommen zu haben.
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„Gerade habe ich es gehört“, antwortete Tante Hsüä. „Und ich sprach eben mit deiner Schwester über den Fall.“
Aber Dschang Hua war sich der Gefährlichkeit eines solchen Unterfangens wohl bewußt und wollte nichts überstürzen. Als Hsi-fëng durch Lai Wang hiervon unterrichtet wurde, schimpfte sie: „Der Kerl ist ja wie ein kranker Hund, der sich nicht über die Mauer helfen lassen will! Erklär ihm, daß es nichts ausmachen würde, wenn er uns dreist des Hochverrats beschuldigen würde. Die Hauptsache ist, daß mit seiner Hilfe Unruhe entsteht und unser Ansehen gefährdet wird. Wenn die Sache zu große Kreise zieht, werde ich schon für Ruhe sorgen.
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„Habt Ihr auch davon gehört, daß Liu Hsiang-liän mit einem Dauisten fortgegangen sein soll, um Mönch zu werden?“ vergewisserte sich Hsüä Pan.
Lai Wang nahm den Befehl entgegen und setzte Dschang Hua alles genau auseinander. Dann befahl ihm Hsi-fëng: „Dich soll er ebenfalls beschuldigen, dann wirst du mit ihm konfrontiert und handelst soundso... Ich weiß schon, wie wir es machen müssen!“
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„Das macht die Sache um so eigenartiger“, sagte Tante Hsüä, „wie kann ein gescheiter junger Mann wie der junge Liu auf einmal so dumm sein und mit einem Dauisten auf und davon gehen?! Ich finde, du solltest nach ihm suchen, denn ihr wart doch miteinander befreundet, und er besaß weder Eltern noch Geschwister und hat ganz allein hier gelebt. Bestimmt ist er in einem der Tempel oder Klöster hier in der Nähe.“
Lai Wang fügte sich ihrer Entscheidung und gab Dschang Hua den Auftrag, auch seinen Namen in die Anklageschrift einzufügen. „Beschuldige mich einfach, ich sei der Mittelsmann gewesen, der den jungen Herrn zu allem angestiftet hat“, sagte er.
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„Als ob ich mir das nicht auch gesagt hätte!“ erwiderte Hsüä Pan. „Kaum daß ich die Nachricht hörte, habe ich mich mit den Knaben zusammen auf die Suche gemacht, aber nirgends war eine Spur von ihm zu entdecken. Ich habe auch die Leute gefragt, aber alle sagen, sie hätten ihn nicht gesehen.
Nachdem Dschang Hua wußte, was er zu tun hatte, und alles mit Lai Wang abgesprochen war, schrieb er die Anklageschrift, ging am nächsten Tag zum Zensorat und erhob Klage.
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„Wenn du nach ihm gesucht hast, so ist deine Freundespflicht damit erfüllt, auch wenn du ihn nicht gefunden hast“, entschied Tante Hsüä. „Wer weiß, ob es ihm nicht zum Guten ausschlägt, daß er ein Mönch geworden ist! Du aber mußt dich jetzt um den Handel kümmern, und zum andern muß bald geregelt werden, was für deine eigene Hochzeit zu tun ist. Wir haben keine Leute im Haus, auch sagt das Sprichwort ‚Ein Gimpel braucht länger Zeit.‘ Wir müssen vermeiden, daß wir auf einmal unvorbereitet dastehen, daß dieses und jenes fehlt und daß uns die Leute dann auslachen.
Als der Zensor in der Amtshalle Platz genommen hatte und die Anklageschrift las, in der Beschuldigungen gegen Djia Liän erhoben wurden, die aber auch einen Haussklaven namens Lai Wang erwähnte, hatte er keine andere Wahl, als seine Leute zum Anwesen der Djias zu schicken, damit sie Lai Wang zum Verhör vorführten. Die Amtsdiener wagten jedoch nicht, bis ins Anwesen vorzudringen, und wollten nur befehlen, man solle Lai Wang eine Nachricht hineinbringen. Das war aber gar nicht nötig, denn in Erwartung der Amtsdiener hatte Lai Wang schon längst auf der Straße gestanden. Als er sie endlich kommen sah, ging er ihnen noch entgegen und begrüßte sie lächelnd: „Es tut mir leid, daß ihr euch herbemühen mußtet, meine Brüder! Bestimmt geht es um meine Verbrechen. Also, was hilft‘s? Legt mir schon die Kette um den Hals!“
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Außerdem hat auch deine Schwester gerade gesagt, du bist nun schon mehr als einen halben Monat wieder zu Hause, so daß die Waren versandt sein müßten und es daher an der Zeit wäre, für die Gehilfen, die mit dir waren, eine Weintafel herzurichten, um ihnen für ihre Mühen zu danken. Schließlich haben sie dich ein paar tausend Li weit begleitet, haben sich mehr als vier Monate lang abgeplagt und deinetwegen genug Ängste und Beschwernisse auf sich genommen.
Das aber wagten die Amtsdiener denn doch nicht und forderten ihn nur auf: „Komm brav mit und mach kein Aufsehen!“
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„Ihr habt ganz recht, Mutter, und meine Schwester denkt wirklich an alles“, erwiderte Hsüä Pan darauf. „Ich dachte auch schon daran, aber da ich tagelang zu tun hatte,die Waren überallhin zu verschicken, wußte ich kaum mehr, wo mir der Kopf stand. In den letzten Tagen war ich wegen Bruder Liu in Anspruch genommen, auch wenn das ein Schlag ins Wasser war und ich mich umsonst bemühte. Darüber habe ich meine eigentlichen Aufgaben versäumt. Wenn nicht anders, legen wir uns auf morgen oder übermorgen fest und verschicken die Einladungen!“
Als sie dann in der Amtshalle waren, kniete Lai Wang nieder, und der Zensor befahl, ihm die Anklageschrift zu reichen. Lai Wang sah sie sich zum Schein auch an, dann schlug er mit der Stirn auf den Boden, und anschließend erklärte er: „Ich weiß von der Sache, mein Herr hat das wirklich getan. Dieser Dschang Hua aber war schon lange mit mir verfeindet, darum hat er mich absichtlich mit hineingezogen. Es war aber jemand anders beteiligt. Ich bitte Euer Gnaden, den Kläger noch einmal zu befragen.“
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„Das mußt du schon selbst entscheiden“, erklärte Tante Hsüä.
Sofort berührte auch Dschang Hua mit der Stirn den Boden und sagte: „Es war zwar wirklich noch jemand beteiligt, aber ich habe nicht gewagt, ihn zu beschuldigen, deshalb habe ich nur den Knecht angezeigt.“
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Hsüä Pan schien noch etwas sagen zu wollen, da kam einer der Sklavenjungen von draußen herein und meldete: „Euer Hauptgeschäftsführer, Herr Dschang, hat zwei Truhen herbringen lassen und läßt sagen, das seien Sachen, die Ihr privat gekauft habt und die nicht in den Warenlisten stehen. Er habe sie Euch schon eher bringen lassen wollen, aber sie seien unter den vielen Kisten begraben gewesen, so daß er nicht herangekommen sei. Gestern erst seien die letzten Waren versandt worden, darum habe er die Sachen nicht früher als heute bringen lassen können.“ Während er dies sagte, trugen zwei andere Sklavenjungen zwei große Truhen herein, die mit Palmfasergewebe bezogen und zusätzlich mit Brettern verschalt waren.
Mit gespielter Entrüstung forderte Lai Wang ihn auf: „Sprich endlich, du dummer Tropf! Wir sind in einer kaiserlichen Amtshalle. Auch wenn es ein Herr ist, mußt du seinen Namen nennen.“
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Kaum daß Hsüä Pan die Truhen erblickte, rief er aus: „O weh! Wie konnte ich nur so dumm sein! Diese Sachen habe ich extra für Euch, Mutter, und für dich, Schwester, gekauft, aber anstatt sie euch bringen zu lassen, habe ich sie vergessen, und die Gehilfen mußten sie schicken!“
Daraufhin sagte Dschang Hua aus, es handle sich um Djia Jung, und so war der Zensor gezwungen, auch ihn vorladen zu lassen.
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„Du sagst es!“ bemerkte Bau-tschai. „Nur weil du sie ‚extra‘ mitgebracht hast, mußten sie fast zwanzig Tage herumstehen. Wenn du sie ‚nicht-extra‘ mitgebracht hättest, wären sie wahrscheinlich bis zum Jahresende stehengeblieben und dann erst gebracht worden. Mir scheint, du bist aber auch in allem zu liederlich.“
Hsi-fëng hatte sich heimlich durch Tjing-örl auf dem Laufenden halten lassen, und als der Name Djia Jung endlich gefallen war, ließ sie sofort Wang Hsin zu sich rufen, weihte ihn in die Sache ein und befahl ihm, den Zensor zu bitten, er solle zum Schein Strenge üben, damit die Schuldigen einen tüchtigen Schreck bekämen. Um dieser Bitte Nachdruck zu verleihen, sollte Wang Hsin dem Zensor dreihundert Liang Silber übergeben.
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„Es muß wohl daran liegen, daß mir unterwegs vor Schreck die Seele aus dem Leib gefahren ist und noch nicht wieder zurückgefunden hat“, entschuldigte sich Hsüä Pan lächelnd.
Noch am selben Abend begab sich Wang Hsin in die Privaträume des Zensors und leitete hier die Sache in die Wege. Der Zensor verstand, worauf es ankam, und nahm die Bestechung entgegen. Am nächsten Tag verkündete er in der Amtshalle, Dschang Hua sei ein Taugenichts, der den Djias seit langem einen Betrag Silber schulde und deshalb eine falsche Anklage gegen Unschuldige erhoben habe. Da der Zensor ein alter Freund von Wang Dsï-tëng war, hatte Wang Hsins Besuch ausgereicht, um ihn zu veranlassen, den Fall so schnell wie möglich abzuschließen, zumal es sich um niemand anders als die Djias handelte. Also meldete er die Sache nicht weiter, schlug alles nieder und ließ nur Djia Jung zum Verhör vorladen.
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Alle lachten ein Weilchen darüber, dann erhielt eines der kleinen Sklavenmädchen den Auftrag: „Geh hinaus und laß durch die Knaben bestellen, ich hätte die Sachen bekommen, die Leute könnten jetzt gehen!“
Djia Jung war eben damit beschäftigt, im Auftrage von Djia Dschën etwas zu erledigen, als plötzlich jemand die Nachricht brachte. Sie seien von jemand verklagt worden, hieß es, die Sache sei die und die, und er solle rasch entscheiden, was zu tun sei. Verwirrt eilte Djia Jung zu Djia Dschën, um ihm Bericht zu erstatten.
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„Was sind das für Sachen, daß sie so verpackt und verschnürt sind?“ wollten Tante Hsüä und Bau-tschai nun wissen.
„Darauf war ich gefaßt“, sagte Djia Dschën, „und doch ist es erstaunlich, was dieser Kerl sich erlaubt.“ Worauf er sofort zweihundert Liang Silber einpacken ließ, mit denen jemand zum Zensor gehen sollte, um ihn zu bestechen. Außerdem befahl er, es solle jemand vom Gesinde zum Verhör gehen.
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Also ließ Hsüä Pan zwei von den Sklavenjungen hereinkommen, und als sie die Stricke aufgeschnürt, die Verschalungen entfernt und das Schloß aufgesperrt hatten, sah man, daß in der ersten Kiste Atlas, Brokat und andere Seidenstoffe, überseeische Waren und weitere Dinge lagen, wie man sie ständig im Haushalt braucht.
Während er diese Maßregeln traf, wurde ihm plötzlich gemeldet: „Die zweite junge gnädige Frau ist da.
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Dann sagte Hsüä Pan lächelnd: „Die zweite Truhe ist für dich, Schwester.“ Und er öffnete diese Truhe selbst.
Bei diesen Worten bekam es Djia Dschën mit der Angst zu tun und wollte sich eiligst mit Djia Jung zusammen verstecken. Aber schon trat Hsi-fëng ins Haus und sagte: „Ein feiner älterer Vetter bist du! Und feine Sachen treibst du da mit einem Jüngeren zusammen!“
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Hier erblickten Mutter und Tochter Schreibpinsel, Tusche, Papier, Tuschereibsteine, verschiedenartiges Zierpapier, Riechbeutelchen, Perlenschnüre aus Duftholz, Fächer, Fächeranhänger, Blütenpuder, Rouge und so weiter, außerdem Trinkspiele und automatische Puppen, die Hsüä Pan vom Tigerhügel<ref>Berühmte Sehenswürdigkeit nahe der Stadt Su-dschou, Provinz Djiang-su.</ref> mitgebracht hatte, kobolzschießende Knabenfigürchen, die eine Quecksilberfüllung hatten, ‚Sandlampen‘, die außen mit Figuren verziert waren, deren papierne Köpfe und Gliedmaßen zu zucken begannen, wenn man die ‚Lampe‘ bewegte und dadurch den Sand, der darin war, in Bewegung brachte, mit blauer Seide bezogene Schachteln voller Tonfigürchen, die ganze Theatertruppen bildeten, und schließlich eine Tonstatuette, die Hsüä Pan am Tigerhügel von sich hatte anfertigen lassen und die ihm auch aufs Haar glich.
Rasch trat Djia Jung ihr entgegen und entbot seinen Gruß, sie aber zog ihn mit in den Innenraum. Hier sagte Djia Dschën noch mit lächelnder Miene: „Sorg schön für deine Tante! Laß ein Huhn schlachten und Essen machen!“ Dann befahl er, sofort sein Pferd zu satteln, und brachte sich irgendwohin in Sicherheit.
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Dieser Statuette galt Bau-tschais ganze Aufmerksamkeit, kaum daß sie sie erblickt hatte, während alles andere sie gleichgültig ließ. Sie nahm sie in die Hand und betrachtete sie aufmerksam, danach betrachtete sie ihren Bruder und konnte sich schließlich das Lachen nicht verbeißen.
Hsi-fëng aber ging mit Djia Jung in den Hauptraum hinüber, wo ihnen Frau You entgegenkam, die beim Anblick von Hsi-fëngs drohender Miene fragte: „Was hat dich so in Rage gebracht?“
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Dann erteilte sie Ying-örl den Auftrag, zusammen mit einigen alten Sklavenfrauen alles hinüber in den Garten zu bringen, einschließlich der Truhe. Sie selbst kehrte erst dorthin zurück, nachdem sie noch ein Weilchen mit Mutter und Bruder geplaudert hatte. Inzwischen nahm Tante Hsüä Stück für Stück aus der Truhe, die sie bekommen hatte, teilte alles sorgfältig ein Portionen ein und ließ diese von Tung-hsi zur Herzoginmutter, zu Dame Wang und zu den anderen tragen. Doch davon braucht hier nicht erzählt zu werden.
Da spuckte Hsi-fëng ihr voll ins Gesicht und schimpfte: „Mußtest du die Tochter der Yous bei den Djias einschmuggeln, weil keiner sie haben wollte? Taugen die Männer nur bei den Djias etwas, oder sind alle andern Männer auf der Welt ausgestorben? Und wenn es schon sein mußte, warum dann nicht wenigstens mit den drei Vermittlern und den sechs Zeugen und so, daß alle davon wissen, damit die Sache ihre Form hat? Hat dir der Schleim das Herz verstopft, hat dir das Fett die Sinne verkleistert, daß du sie obendrein während der Staatstrauer und der Familientrauer hier anschleppen mußtest?
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Als Bau-tschai wieder in ihren Räumen war, ließ sie all die Mitbringsel Revue passieren. Alles, was sie nicht selber gebrauchen wollte, stellte sie portionsweise zusammen: für die eine Schreibpinsel, Tusche, Papier und Tuschereibstein, für eine andere Riechbeutelchen, Fächer und Duftholzanhänger, für eine weitere Rouge, Puder und Haaröl und für manche auch nur etwas von den Spielsachen. Einzig Dai-yü wurde anders bedacht als die übrigen und bekam auch eine doppelte Portion. Nachdem Bau-tschai mit der Einteilung fertig war, ließ sie alles durch Ying-örl und eine alte Sklavin, die ihr folgen mußte, nach den einzelnen Wohnstätten tragen.
Jetzt hat uns jemand angezeigt, ich aber stehe schutz- und hilflos da, und man wird von Amts wegen feststellen, daß ich bösartig und eifersüchtig bin. Mein Name ist genannt, und mich wird man abschieben. Was habe ich euch denn getan, daß ihr mir so grausam mitspielen müßt? Oder haben vielleicht die alte gnädige Frau und die gnädige Frau dich angestiftet, mir diese Falle zu stellen, weil sie mich aus dem Haus haben wollen? Komm, wir wollen zusammen vor den Beamten treten und dort alles klären! Und wenn wir zurückkommen, bitten wir die ganze Sippe, sich zu versammeln, und legen die Sache vor aller Augen klar. Und dann bekomme ich meinen Scheidungsbrief und verlasse das Haus.
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Jedes der Mädchen nahm seine Geschenke entgegen, belohnte die Botinnen mit einem Trinkgeld und kündigte an, sich beim nächsten Wiedersehen persönlich zu bedanken. Nur Dai-yü wurde durch den Anblick der Mitbringsel aus ihrer Heimat schmerzlich berührt. Sie mußte daran denken, daß ihre Eltern beide tot waren, daß sie keine Geschwister hatte und daß sie nur als Gast bei Verwandten lebte. „Für mich wird nie jemand etwas mitbringen, das aus meiner Heimat stammt!“ sagte sie sich, und unversehens wurde sie wieder einmal vom Kummer überwältigt.
Das hatte sie unter einem Strom von Tränen vorgebracht, und nun versuchte sie, Frau You mit sich zu ziehen, wobei sie immer wieder verlangte, mit ihr vor den Zensor zu gehen. In heller Aufregung kniete Djia Jung nieder, schlug mit der Stirn auf den Boden und bat in einem fort: „Beruhigt Euch, Tante!“
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Dsï-djüan kannte sich zutiefst in allen Gefühlsregungen von Dai-yü aus, wagte es aber nicht, ihr das zu verraten, und redete ihr nur zu: „Ihr leidet an vielerlei Krankheiten, Fräulein, und müßt früh und spät Medikamente einnehmen, auch wenn es in den letzten Tagen so aussah, als ob es Euch schon ein bißchen besser ginge. Selbst wenn Euer Lebensmut ein wenig gewachsen ist, seid Ihr doch noch nicht wieder ganz gesund. Jetzt hat Euch Fräulein Bau-tschai diese Geschenke bringen lassen, ein Beweis dafür, wie hoch sie Euch schätzt. Eigentlich müßtet Ihr Euch beim Anblick dieser Sachen freuen, statt dessen seid Ihr betrübt. Habt Ihr Euch etwa geärgert, weil Fräulein Bau-tschai Euch beschenkt hat? Es wäre ihr sicher peinlich, wenn sie das erführe.
Aber schon beschimpfte Hsi-fëng auch ihn: „Du gewissenloser Bengel! Der Donner soll dir den Schädel spalten, und fünf Teufel sollen deinen Leichnam zerreißen! Du weißt nichts vom Ernst des Lebens, aber du mußt andere dazu anstiften, solche schamlosen und gesetzlosen Dinge zu treiben, mit denen die Familie ins Verderben gestürzt wird. Die Seele deiner verstorbenen Mutter wird dir das nicht nachsehen, deine Ahnen werden es dir nicht nachsehen, und du wagst es noch, auf mich einzureden!“ Mit diesen Worten holte sie schluchzend mit der Hand aus und schlug zu.
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Zum andern sind die alte gnädige Frau und die gnädige Frau mit allen Mitteln bemüht, gute Ärzte zu finden, die Euch untersuchen und behandeln, damit Ihr wieder gesund werdet. Aber fügt Ihr Eurem Körper nicht selber Schaden zu, wenn Ihr jetzt weint und heult, kaum daß es Euch ein bißchen besser geht? Würde es nicht der alten gnädigen Frau neuen Kummer bereiten, wenn sie Euch so sähe? Zumal Eure Krankheit daher rührt, daß Ihr Euch immer traurige Gedanken macht und Eure Lebenskraft dadurch geschädigt habt. Ihr dürft Euren kostbaren Körper nicht selber geringschätzen, Fräulein!“
Wieder stieß Djia Jung hörbar mit der Stirn auf den Boden und bat: „Beruhigt Euch, Tante, und schont Eure Hände! Ich werde mich selber schlagen. So beruhigt Euch doch!Und tatsächlich holte er mit beiden Händen weit aus, um sich eine Portion Ohrfeigen zu verabreichen. Dabei rief er, sich selbst anklagend, aus: „Wirst du dich noch einmal blindlings um Dinge kümmern, die dich nichts angehen? Wirst du in Zukunft noch einmal auf deinen Onkel hören statt auf deine Tante?“ Das anwesende Gesinde redete begütigend auf ihn ein, aber zugleich war ihnen zum Lachen zumute, ohne daß sie zu lachen gewagt hätten.
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Während sie so auf Dai-yü einredete, hörte sie, wie eines der kleineren Sklavenmädchen vom Hof her meldete: „Der junge Herr ist gekommen.“
Jetzt warf sich Hsi-fëng Frau You an die Brust, heulte zum Steinerweichen und jammerte laut: „Ich bin euch ja nicht böse, weil ihr ihm eine Frau gesucht habt. Aber warum mußtet ihr ihn anstiften, es gegen den kaiserlichen Befehl, hinter dem Rücken der Verwandtschaft und mir zur Schande zu tun? Gehen wir vor den Beamten, ehe die Büttel und Amtsdiener uns holen! Und dann treten wir vor die alte gnädige Frau, die gnädige Frau und die ganze Sippe, damit alle zusammen darüber entscheiden!
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„Tretet ein, junger Herr!“ sagte Dsï-djüan sofort.
Wenn ich wirklich so bösartig bin und meinem Mann nicht gestatte, eine andere Frau zu nehmen oder eine Nebenfrau zu kaufen, braucht man mir nur den Scheidungsbrief zu geben, und ich verlasse auf der Stelle das Haus. Deine Schwester habe ich ins Haus geholt, und weil ich Angst hatte, die alte gnädige Frau und die gnädige Frau würden zornig werden, habe ich ihnen nichts davon gesagt. Üppig verpflegt und von schönen Sklavinnen umschmeichelt, wohnt sie im Garten. Schon war ich dabei, Zimmer für sie herrichten zu lassen, wo sie es genauso gut haben sollte wie ich selbst, wenn erst die alte gnädige Frau Bescheid wüßte. Ich wollte sie zu uns holen, und dann, sagte ich ihr, geben wir uns mit dem zufrieden, was wir sind und was wir haben, ohne daß ich noch an Vergangenes rühre.  
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Schon trat Bau-yü ins Zimmer, und als Dai-yü ihn aufforderte, Platz zu nehmen, sah er, daß ihr ganzes Gesicht mit Tränenspuren bedeckt war. Darum fragte er: „Wer hat dich wieder einmal geärgert, Kusinchen?“
Wie konnte ich denn ahnen, daß sie auch noch verlobt gewesen ist! Ich wußte doch nicht, was ihr angestellt habt, und hatte von nichts eine Ahnung. Jetzt hat uns jemand angezeigt, und gestern habe ich mir in meiner Aufregung – schließlich bringe ich ja die Djias in Verruf, wenn ich vor den Beamten muß – nicht anders zu helfen gewußt, als heimlich fünfhundert Liang Silber zu nehmen, die der gnädigen Frau gehörten, um ihn damit zu bestechen. Heute hat man sogar meine Leute dort eingesperrt.
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„Wer ärgert sich denn?“ erwiderte Dai-yü und zwang sich zu einem Lächeln.
Diese Erzählung hatte Hsi-fëng schluchzend und fluchend vorgebracht, und als sie fertig war, beweinte sie laut ihre Eltern und Ahnen und machte sogar Anstalten, sich den Kopf einzurennen, um sich das Leben zu nehmen. Zum Schluß war Frau You so weich geworden wie ein Klumpen Teig, ihre ganze Kleidung war mit Tränen und Rotz befleckt, und anstatt sich zu verteidigen, beschimpfte sie Djia Jung: „Du Unglücksbrut! Fein hast du das mit deinem Vater zusammen gedeichselt! Hatte ich nicht gesagt, die Sache sei faul?!“
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Dsï-djüan, die neben ihr stand, wies mit dem Kinn nach dem Tisch hinter dem Bett. Bau-yü verstand, wie das gemeint war, warf einen Blick hinüber, und als er der vielen Dinge gewahr wurde, die dort aufgehäuft lagen, war ihm klar, daß es sich um die Geschenke von Bau-tschai handeln mußte. „Willst du einen Gemischtwarenladen aufmachen mit all diesen Sachen?“ scherzte er.
Als Hsi-fëng diese Worte hörte, heulte sie von neuem auf, packte Frau Yous Kopf mit beiden Händen, zog ihr Gesicht dicht vor das ihre und fragte: „Ja, warst du denn nicht bei Sinnen? Konntest du nicht den Mund auftun? Hatten sie dich vielleicht geknebelt? Warum hast du mir nichts davon gesagt? Hätte dann nicht alles glimpflich abgehen können? Was mußt du jetzt ihnen noch grollen, nachdem es schon so weit gekommen ist, daß die Behörden eingegriffen haben?  
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Aber Dai-yü antwortete ihm nicht. Statt dessen sagte Dsï-djüan mit lächelnder Miene: „Weil Ihr eben diese Sachen erwähnt – kaum daß Fräulein Bau-tschai sie bringen ließ, hat sich unser Fräulein betrübt. Ich war gerade dabei, ihr gut zuzureden, und Ihr kommt eben recht, um mir dabei zu helfen.“
Von alters her heißt es ‚Wenn die Frau tüchtig ist, trifft wenig Unheil den Mann; nicht auf seine, sondern auf ihre Stärke kommt es an.‘ Wenn du nur in Ordnung wärst, hätten sie so etwas nie getan! Du bist untüchtig, du kannst nicht reden, du bist ein Versager, der nur blindlings und ängstlich darauf bedacht ist, für tüchtig gehalten zu werden. Und darum haben sie keinen Respekt vor dir und hören auch nicht auf dich.“ Und wieder spuckte sie ein paarmal aus.
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Bau-yü wußte genau, warum Dai-yü sich grämte, aber er wagte nicht, davon anzufangen, und so sagte er lächelnd: „Wahrscheinlich hat euer Fräulein keinen anderen Grund, sich zu ärgern und zu betrüben, als den, daß Fräulein Bau-tschai ihr zuwenig geschickt hat. – Mach dir keine Sorgen, Kusinchen! Nächstes Jahr werde ich jemand in den Süden schicken und dir zwei reichliche Schiffsladungen mitbringen lassen, damit du nicht zu weinen brauchst.
„Es ist aber wahr“, sagte Frau You, ebenfalls unter Tränen. „Wenn du mir nicht glaubst, kannst du mein Gefolge fragen, ob ich den beiden nicht davon abgeraten habe und ob sie nicht hätten hören müssen. Was konnte ich denn machen? Ich mußte sie gewähren lassen. Daß du mir jetzt böse bist, kann ich dir nicht verdenken.
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Als Dai-yü das hörte, war sie sich darüber im klaren, daß Bau-yü sie aufheitern wollte, und da sie ihm keine Abfuhr erteilen wollte, aber auch sein Gerede nicht ertragen konnte, sagte sie: „Ich mag mich nicht auskennen in der Welt, aber so wenig denn doch nicht, daß es mich ärgern und betrüben würde, wenn ich nicht genug geschenkt bekomme. Außerdem bin ich kein Kleinkind, und du hältst mich wohl für gar zu engherzig. Ich habe meine Gründe, aber was weißt denn du davon!“ Und schon begannen ihr wieder die Tränen zu fließen.
Inzwischen war der Raum dicht gedrängt voller Nebenfrauen, Sklavenmädchen und Sklavenfrauen, die auf der Erde knieten und lächelnd baten: „Ihr seid doch von himmlischer Klugheit, zweite junge gnädige Frau! Obwohl unsere junge Herrin im Unrecht ist, habt Ihr sie nun genug gedemütigt. Habt Ihr Euch vor uns Sklaven nicht immer gut verstanden mit ihr? Also laßt ihr bitte auch jetzt noch ein wenig Ehre!“
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Rasch trat Bau-yü nun an das Bett, setzte sich neben Dai-yü und nahm die Sachen Stück für Stück in die Hand, um sie hin und her zu wenden und genau zu betrachten. Dabei fragte er absichtlich: „Was ist das hier?... Wie nennt man das?... Woraus ist das gemacht, daß es so niedlich aussieht?... Und was ist das? Wozu dient das?“ Dann wieder schlug er vor: „Das könntest du dir so hinstellen, daß du es immer vor Augen hast. Und das hier könntest du schön als Antiquität auf das schmale Tischchen stellen.
Mit diesen Worten reichten sie ihr Tee, und wenn Hsi-fëng auch die Teeschale auf den Boden schmetterte, hörte sie doch auf zu heulen und steckte sich das Haar wieder hoch. Dann aber fuhr sie Djia Jung unter Tränen an: „Geh und bitte deinen Vater her! Ich möchte ihn von Angesicht zu Angesicht fragen, was für ein Ritual das ist, wenn von der Trauerzeit für seinen Vater eben erst fünfmal sieben Tage vorbei sind, und der Neffe des Toten heiratet. Ich möchte mir Klarheit darüber verschaffen, damit auch ich später meine Neffen dementsprechend erziehen kann.“
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So redete er in einem fort Belanglosigkeiten, bis es Dai-yü nicht mehr aushielt und sagte: „Spar dir dein Geschwätz! Gehen wir zu Kusine Bau-tschai hinüber!“
Djia Jung schlug in einem fort mit der Stirn auf den Boden und versicherte: „Meine Eltern haben nichts mit der Sache zu tun. Nur ich muß wohl Dreck gefressen haben, daß ich meinen Onkel dazu anstiften konnte. Mein Vater hat gar nichts davon gewußt. Heute will er eben das Begräbnis des verewigten gnädigen Herrn regeln, und wenn Ihr ihm jetzt einen Skandal macht, kostet es mich das Leben. Darum bitte ich Euch, mich zu bestrafen, und bin bereit, jede Strafe hinzunehmen. Nur diesen Prozeß bitte ich Euch abzuwenden, Tante, denn so schwerwiegenden Dingen bin ich nicht gewachsen.  
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Nichts hatte Bau-yü sehnlicher gewünscht, als daß Dai-yü das Haus verlassen, ihre Laune abreagieren und ihren Kummer zerstreuen würde, darum sagte er: „Ja, wir müssen uns für die Geschenke bedanken gehen, die Kusine Bau-tschai uns geschickt hat!
Ein Mensch wie Ihr kennt sicher den Ausdruck ‚Wenn der Arm gebrochen ist, wird er im Ärmel versteckt.‘ Ich bin hoffnungslos dumm gewesen, dumm wie ein Kätzchen oder ein junger Hund, daß ich so ungehorsam sein konnte. Ihr, die Ihr mich lehrt, habt einen anderen Horizont als ich, darum kann ich Euch nur bitten, so gut zu sein, diesen Prozeß zu unterdrücken. Ich bin Euch ein sehr ungehorsamer Neffe, und für das Unheil, das ich angerichtet habe, verdiene ich Kränkung. Dennoch solltet Ihr Mitleid mit mir haben.“ Und wieder schlug er unaufhörlich mit dem Kopf auf den Boden.
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„Das ist unter den Kusinen eines Hauses nicht nötig“, widersprach Dai-yü. „Aber bestimmt hat Vetter Pan ihr viel von den alten Sehenswürdigkeiten im Süden erzählt, das will ich mir anhören, und es wird sein, als ob ich selbst eine Reise nach Hause machte.“ Bei diesen Worten röteten sich ihre Augenränder schon wieder, also stand Bau-yü wirklich auf, und nun blieb Dai-yü nichts weiter übrig, sie mußte mit ihm hinausgehen und Bau-tschai einen Besuch abstatten.
Als Hsi-fëng Mutter und Sohn so kläglich vor sich sah, konnte sie sich nicht gut weiter so aufspielen wie bisher. Statt dessen machte sie sich die Schwächen der Gegenseite zunutze, verbeugte sich Verzeihung heischend vor Frau You und sagte: „Ich bin jung und unwissend. Als ich erfuhr, es hat uns jemand angezeigt, war ich vor Schreck wie von Sinnen und habe dich eben zutiefst beleidigt, Schwägerin. Aber wie Jung gerade gesagt hat, ‚Wenn der Arm gebrochen ist, wird er im Ärmel versteckt.‘ Versetz dich also in meine Lage und sprich bitte mit meinem Vetter, damit er zuerst diesem Prozeß ein Ende macht.
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Indessen hatte Hsüä Pan, wie seine Mutter es verlangt hatte, rasch Einladungen geschrieben und befohlen, eine Weintafel herzurichten. Als am nächsten Tag die vier Gehilfen, die er eingeladen hatte, alle beisammen waren, drehte sich das Gespräch, wie nicht anders zu erwarten, zunächst um Kauf und Verkauf, Rechnungsführung und Warenversand. Bald aber bat Hsüä Pan seine Gäste, sie sollten an der Tafel Platz nehmen, und goß ihnen der Rangfolge nach Wein ein. Auch Tante Hsüä schickte jemanden hinaus, um ihre Dankesworte zu übermitteln. Als alle tranken und plauderten, bemerkte einer der Gehilfen: „Hier fehlen zwei gute Freunde.“
„Sei unbesorgt!“ sagte Frau You. Und Djia Jung versprach: „Der Onkel wird nicht in Mitleidenschaft gezogen. Eben sagtet Ihr, Ihr habt fünfhundert Liang Silber eingesetzt, also müssen wir unsererseits fünfhundert Liang zusammenbringen und sie Euch als Wiedergutmachung übersenden, damit nicht Ihr für die entstandene Fehlsumme aufkommen müßt, sonst würden wir erst recht den Tod verdienen. Und noch etwas: vor der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau solltet Ihr die Angelegenheit der Sicherheit und der Einfachheit halber nicht erwähnen.“
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Alle fragten wie aus einem Munde, wen er meinte, und darauf erwiderte er: „Wen anders als den jungen Herrn Djia Liän aus dem Anwesen der Djias und den Schwurbruder unseres gnädigen Herrn, den jungen Herrn Liu!“
Darauf erwiderte Hsi-fëng mit reserviertem Lächeln: „Erst seid ihr mir in den Rücken gefallen, und jetzt wollt ihr mich beschwatzen, auf eure Sicherheit Rücksicht zu nehmen. Ich mag zwar dumm sein, aber so dumm bin ich doch wieder nicht. Ich bin mit deinem Schwager verheiratet, und es mag schon sein, daß du befürchtest, er könnte ohne männlichen Nachkommen bleiben, aber habe ich nicht noch größere Angst davor als du? Deine jüngere Schwester gilt mir wie eine eigene Schwester, und als ich von der Sache erfuhr, konnte ich vor lauter Freude nicht schlafen und habe sofort Leute geholt, um Zimmer für sie herrichten zu lassen, damit ich sie zu uns nehmen kann, um gemeinsam mit ihr zu leben.
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Nun erinnerten auch sie sich und fragten Hsüä Pan: „Warum habt Ihr die beiden jungen Herren nicht ebenfalls eingeladen?
Aber die Sklaven mit ihrem niedrigen Verstand haben zu mir gesagt: ‚Ihr seid zu gutherzig, junge gnädige Frau! Wenn es nach uns ginge, würden wir erst der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau von der Sache Meldung machen und abwarten, was sie dazu meinen. Dann ist immer noch Zeit, um die Zimmer herzurichten und die Neue ins Haus zu nehmen.‘ Erst als ich sie schlug und beschimpfte, hörten sie auf, so zu reden. Konnte ich ahnen, daß es doch nicht so kommt, wie ich gedacht hatte, und daß ich statt dessen so einen Reinfall erlebe, daß aus heiterem Himmel dieser Dschang Hua auftaucht und eine Anklageschrift einreicht? Als ich davon erfuhr, ist mir so ein Schreck in die Glieder gefahren, daß ich zwei Nächte lang kein Auge zugetan habe. Trotzdem wagte ich nicht, etwas davon verlauten zu lassen, und habe mich nur erkundigt, wer dieser Dschang Hua überhaupt ist, daß er sich so erdreistet. Nach zwei Tagen Nachforschung stellt sich heraus, er ist ein Taugenichts und Bettler.
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Hsüä Pan zog die Brauen zusammen und antwortete seufzend: „Der junge Herr Djia ist noch einmal nach Ping-an unterwegs und erst vor zwei Tagen aufgebrochen. An den jungen Herrn Liu aber darf ich gar nicht denken. Denn mit ihm ist es wirklich die merkwürdigste Sache von der Welt. Er ist überhaupt kein junger Herr mehr, vielmehr lebt er jetzt irgendwo als ein Jünger des Dau.“
In meinem jugendlichen Unverstand sagte ich mir lachend: ‚Was kann uns seine Klage schon anhaben?‘ Aber die Jungen haben mich aufgeklärt: ,Die jüngere Herrin war ursprünglich mit ihm verlobt. Jetzt lebt er in größter Bedrängnis, und wenn er verhungern oder erfrieren muß, ist sein Leben ohnehin zu Ende. Also hat er sich in diese Sache verbissen, und selbst wenn er deswegen sterben muß, ist das ein sinnvollerer Tod, als wenn er verhungert oder erfriert. Da braucht man sich über seine Anzeige nicht zu wundern.  
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„Wie das?“ fragten alle verwundert, und Hsüä Pan erzählte ihnen von Anfang bis Ende, was sich mit Liu Hsiang-liän zugetragen hatte.
Unser Herr ist da etwas vorschnell gewesen. Die Staatstrauer macht das erste Vergehen, die Familientrauer das zweite, die heimliche Hochzeit hinter dem Rücken der Eltern das dritte und die Doppelehe das vierte. Wie das Sprichwort sagt ,Wer es in Kauf nimmt, sich bei lebendigem Leibe zerstückeln zu lassen, der kann sich erlauben, den Kaiser vom Pferd zu zerren.‘ Wen die Armut um den Verstand gebracht hat, der ist zu allem fähig. Außerdem ist ja das Recht auf seiner Seite. Hätte er vielleicht, anstatt uns anzuzeigen, warten sollen, bis man ihn bittet?‘
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Nun waren sie erst recht entsetzt und verwundert, und einer von ihnen sagte: „Da ist es kein Wunder, daß auch wir neulich im Geschäft mit halbem Ohr gehört haben, wie die Leute aufgeregt erzählten, ein Dauistenpriester habe mit ganz knappen Worten jemand auf den Pfad der Erkenntnis gebracht. Außerdem hieß es, ein Windstoß habe die beiden fortgetragen. Unklar blieb nur, wer es gewesen ist. Wir waren ja damit beschäftigt, die Waren zu verschicken, und hatten natürlich keine Zeit, uns näher zu erkundigen. Bis heute waren wir noch halbwegs im Zweifel, ob die Geschichte wahr sei. Wer hätte gedacht, daß es sich um den jungen Herrn Liu handelte! Hätten wir das gleich gewußt, dann hätten wir ihm alle gut zureden müssen, um ihn, koste es was es wolle, von diesem Schritt abzuhalten...
Glaubt mir, auch wenn ich ein Han Hsin oder ein Dschang Liang0 wäre, als ich das gehört hatte, war ich vor Schreck mit meiner Weisheit am Ende. Außerdem ist dein Schwager nicht zu Hause, und ich hatte niemand, mit dem ich mich beraten konnte. Der einzige Ausweg bestand darin, diesem Dschang Hua Geld zu schicken, aber je mehr er bekam, desto unverschämter wurde er und desto mehr hat er aus mir herausgepreßt. Aber wieviel kann man schon herauspressen aus einem Pickel auf einem Mäuseschwanz! Deshalb war ich so verwirrt und so wütend und konnte nicht anders, als zu dir zu kommen...“
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„Vielleicht steckt aber auch ganz etwas anderes dahinter“, warf einer der Gehilfen ein. Und als die anderen fragten, was er damit meinte, erklärte er: „Wendig, wie er ist, muß sich der junge Herr Liu dem Dauistenpriester ja nicht wirklich angeschlossen haben. Er verstand sich doch ein wenig auf die Kunst, mit den Waffen umzugehen, und besaß auch Kraft. Wer weiß, ob er nicht die Hexereien dieses Dauisten durchschaute und nur zum Schein mitgegangen ist, um in Wirklichkeit mit ihm abzurechnen!“
„Kein Grund zur Sorge!“ warfen Frau You und Djia Jung nun ein, und Djia Jung erklärte: „Dieser Dschang Hua ist vor Armut einfach von Sinnen, nur deshalb hat er sein Leben riskiert und diese Anzeige erstattet. Wir wollen es so machen, daß wir ihm ein bißchen Silber versprechen, wenn er nur gesteht, daß seine Anschuldigungen falsch waren. Dann sorgen wir dafür, daß der Prozeß gegen ihn niedergeschlagen wird, und wenn er entlassen wird, bekommt er noch einmal ein wenig Silber, und damit ist der Fall erledigt.
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„Wenn dem wirklich so wäre, könnte man die Sache auf sich beruhen lassen“, sagte Hsüä Pan. „Warum sollte sich nicht jemand finden, der einmal mit diesen Kerlen abrechnet, die mit ihren teuflischen Lehren die Leute verdummen?“
„Mein lieber Junge“, sagte Hsi-fëng lächelnd, „es ist wirklich kein Wunder, daß du diese Sache angestellt hast, denn du bist einfach dumm. Wenn wir es so machen würden, wie du es gesagt hast, dann würde er sicher zustimmen, und wenn er freigelassen wird und obendrein noch Silber bekommt, wäre der Fall vorerst natürlich erledigt.
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„Habt Ihr eigentlich nicht nach ihm suchen lassen, als Ihr von der Sache erfahren habt?“ wollten die Gehilfen nun wissen.
Aber solche Leute sind nun einmal Schurken, und wenn das Silber, das wir ihm geben, erst einmal alle wäre, würde er eine Möglichkeit suchen, um mehr von uns zu erpressen. Wenn er dann die Geschichte noch einmal aufrührt, brauchten wir nicht gerade Angst zu haben, aber ein Grund zur Sorge wäre es schon. Es ist ja nicht auszuschließen, daß er sagt: ‚Wenn nichts daran faul war, warum haben sie mir dann das Silber gegeben?‘ Ein Spiel ohne Ende würde das werden.“
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„Überall habe ich gesucht, innerhalb und außerhalb der Stadt“, beteuerte Hsüä Pan. „Auch wenn ihr vielleicht darüber lachen werdet, aber als ich ihn nicht finden konnte, habe ich sogar geweint.“ Nach diesen Worten seufzte und ächzte er und war überhaupt apathisch und unlustig, ganz anders als in früheren Tagen. Bei diesem Anblick konnten seine Handlungsgehilfen nicht gut lange bei ihm verweilen. So tranken sie nur noch ohne viel Umstände ein paar Becher Wein, aßen von den Speisen, und dann gingen sie wieder fort.
Nun war Djia Jung ein verständiger Mensch, und so erwiderte er, als er diese Worte vernommen hatte, mit lächelnder Miene: „Ich habe noch einen Vorschlag. ‚Wer die Sache verbockt hat, der muß sie auch ins reine bringen.‘ Also muß ich es doch selbst übernehmen. Ich werde zu diesem Dschang Hua gehen und ihn fragen, was er will, unbedingt seine Braut wiederhaben oder die Sache mit Geld bereinigen und eine andere heiraten. Wenn er unbedingt seine Braut wiederhaben will, muß ich meine Tante überreden, hier fortzugehen und ihn doch noch zu heiraten. Wenn er aber Geld will, müssen wir es ihm geben.
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Als Bau-yü mit Dai-yü zu Bau-tschai kam, sagte er nach der Begrüßung: „Mit großer Anstrengung hat dir dein Bruder diese Sachen mitgebracht, und anstatt sie zu behalten, schenkst du sie uns.
„Das sagst du so“, entgegnete Hsi-fëng daraufhin rasch, „aber ich lasse deine Tante auf keinen Fall von hier fort und werde sie auf keinen Fall drängen. Mein lieber Neffe, wenn du mich gern hast, kannst du nichts anderes tun, als ihm recht viel Geld zu geben.
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Lächelnd entgegnete Bau-tschai: „Es war ja nichts Besonderes, nur Lokalprodukte aus der Ferne. Wenn ihr ein wenig Spaß daran habt, ist alles in Ordnung.
Djia Jung wußte genau, daß Hsi-fëngs Worte nur Heuchelei waren, daß sie sehnlichst hoffte, die andere loszuwerden, und daß sie nur die Gütige spielte. Dennoch versprach er zu tun, was sie verlangte.
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„In der Kindheit hat man solche Sachen gar nicht beachtet“, sagte Dai-yü. „Aber wenn man sie jetzt sieht, erscheinen sie einem wirklich als etwas Besonderes.
Hsi-fëng äußerte ihre Freude darüber, dann sagte sie: „Was wir draußen zu tun haben, ist leicht erledigt, aber wie verfahren wir auf lange Sicht hier im Hause? Das beste ist, du kommst mit nach drüben, und wir klären die alte gnädige Frau und die gnädige Frau auf!“
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„Weißt du“, erwiderte Bau-tschai lächelnd, „das ist nichts anderes als das Sprichwort besagt ‚Die Entfernung vom Heimatort macht die Dinge wertvoll.‘ Aber was stellen sie schon großartig dar!“
Erschrocken faßte Frau You nach Hsi-fëngs Hand und bat sie, sich etwas auszudenken, womit sie sich durchschwindeln konnten.
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Als Bau-yü diese Worte hörte, die Dai-yü an ihren Kummer von eben erinnern mußten, lenkte er rasch ab: „Wenn dein Bruder vielleicht nächstes Jahr wieder nach dem Süden reist, muß er uns noch mehr davon mitbringen.“
„Wenn du nicht das Zeug dazu hast, warum mußt du dann solche Sachen anstellen?fragte Hsi-fëng mit höhnischem Lächeln. „Jetzt aber kommst du mir so, das gefällt mir nicht. Eigentlich sollte ich mir nichts ausdenken, aber ich bin ein gutmütiger, weicher Mensch, und selbst wenn man mich zum Besten hält, bewahre ich mir mein törichtes Herz. Also muß ich wohl auch dazu ja sagen.
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Dai-yü schoß einen Blick zu ihm hinüber, dann sagte sie: „Wenn du etwas haben willst, dann sag es nur, aber zieh nicht andere mit hinein! – Hör dir das an, Kusine, er kommt sich nicht bei dir bedanken, er will eine Bestellung für nächstes Jahr aufgeben!
Haltet ihr euch im Hintergrund, und ich führe deine Schwester zur alten gnädigen Frau und zur gnädigen Frau, damit sie ihren Stirnaufschlag vor ihnen macht, und dabei sage ich, sie sei deine Schwester und ich hätte größte Zuneigung zu ihr gefaßt. Wegen meiner Probleme mit dem Kinderkriegen hätte ich bereits die Absicht gehabt, zwei Mädchen als Beischläferinnen zu kaufen, aber weil ich jetzt solchen Gefallen an deiner Schwester gefunden hätte und weil das die Gelegenheit zu einer Doppelverschwägerung geben würde, sei ich gewillt, sie als Nebenfrau ins Haus zu nehmen.
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Bau-tschai und Bau-yü lachten darüber, dann plauderten sie zu dritt weiter und kamen dabei auf Dai-yüs Krankheit zu sprechen. Nachdem Bau-tschai schon ein Weilchen auf Dai-yü eingeredet hatte, sagte sie schließlich: „Wenn du dich lustlos fühlst, mußt du dich mit Gewalt zusammenreißen und draußen spazierengehen, um die miese Stimmung zu vertreiben. Das ist auf jeden Fall besser, als traurig im Zimmer zu hocken. Habe ich mich vor ein paar Tagen nicht selbst auch träge und fiebrig gefühlt, und hatte ich nicht nur noch den Wunsch, mich hinzulegen? Aber weil ich bei diesem trügerischen Wetter fürchtete, krank zu werden, suchte ich mir Beschäftigung, um darüber hinwegzukommen. Erst in den letzten Tagen fühle ich mich wieder besser.
Und weil ihre Eltern und Geschwister vor kurzem alle weggestorben seien und sie es schwer habe, sich in diesen harten Zeiten ohne Familie und ohne Einkommen über Wasser zu halten, könne man sie wirklich nicht gut warten lassen, bis die Trauerzeit um sei. Meine Absicht sei es, sie ins Haus zu nehmen und erst einmal im Seitenflügel wohnen zu lassen, der schon für sie hergerichtet sei, die wirkliche Hochzeit aber erst nach Abschluß der Trauerperiode vollziehen zu lassen.
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„Du hast natürlich recht“, pflichtete Dai-yü ihr bei. „Ich denke genauso.“
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Ehe sie sich trennten, saßen sie noch ein Weilchen beisammen, und dann begleitete Bau-yü erst Dai-yü bis ans Tor der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, bevor er wieder seine eigenen Räume aufsuchte.
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Als Nebenfrau Dschau sah, daß auch Djia Huan einige Geschenke von Bau-tschai erhielt, war sie hocherfreut und dachte sich: „Man kann wahrhaftig niemand einen Vorwurf machen, wenn er von dieser Bau-tschai sagt, sie wisse sich zu benehmen und sei großzügig. Wie es jetzt aussieht, ist das wirklich wahr. Wieviel kann denn ihr Bruder von diesen Sachen mitgebracht haben, und trotzdem schickt sie jemand damit von Tür zu Tür, übergeht niemand dabei und zeigt auch nicht, wer ihr mehr wert ist und wer weniger. Sogar an uns Unglücksmenschen hat sie noch gedacht. Dai-yü dagegen hätte an ihrer Stelle nicht einmal einen Blick für uns übrig gehabt, von Geschenken ganz zu schweigen.
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Bei diesen Überlegungen drehte und wendete sie die Geschenke, um sie genauer in Augenschein zu nehmen, und plötzlich fiel ihr ein, daß ja Bau-tschai eine Blutsverwandte von Dame Wang war. Warum sollte sie also die Gelegenheit nicht nutzen, um sich bei Dame Wang einzuschmeicheln! Mit den Geschenken in der Hand ging sie verstohlen zu Dame Wang hinüber, nahm dort an der Seite Aufstellung, setzte ein Lächeln auf und sagte: „Das hier hat Huan eben von Fräulein Bau-tschai bekommen. Ist es nicht bewundernswert, daß ein junges Mädchen so aufmerksam ist?
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Das ist wirklich die rechte Art für ein Fräulein aus großem Hause – aufgeschlossen und großzügig. Wie sollte man sie da nicht verehren?! Kein Wunder, daß die alte gnädige Frau und auch Ihr, gnädige Frau, sie nur immer mit Lob und Liebe bedenkt! Darum wage ich es auch nicht, die Geschenke ganz für uns allein zu behalten, und komme extra damit her, um sie Euch zu zeigen, damit auch Ihr Eure Freude daran habt, gnädige Frau.
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Dame Wang begriff natürlich sofort, warum Nebenfrau Dschau gekommen war, und hörte, daß es Unsinn war, was sie vorbrachte. Andererseits war es ihr nicht gut möglich, sie einfach unbeachtet zu lassen, darum sagte sie: „Nimm nur und laß Huan damit spielen!“
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Nebenfrau Dschau war in Hochstimmung gekommen, nun aber hatte sie sich wider Erwarten eine Abfuhr geholt. Innerlich erfüllt von Wut, was sie nicht zu zeigen wagte, zog sie betreten wieder ab. Als sie in ihre Räume kam, warf sie die Sachen beiseite und murmelte: „Was ist das schon groß!“ Dann setzte sie sich nieder und brütete eine Weile ärgerlich vor sich hin.
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Als Ying-örl und die alte Sklavenfrau alle Geschenke ausgetragen hatten und zurückkamen, machten sie Bau-tschai davon Meldung und berichteten ihr, was jeder zum Dank gesagt hatte und wieviel Trinkgeld sie bekommen hatten. Dann ging die alte Sklavenfrau hinaus, Ying-örl aber trat einen Schritt näher und sagte leise zu Bau-tschai: „Als ich eben bei der zweiten jungen gnädigen Frau war, hat sie ein ganz böses Gesicht gemacht. Nachdem ich ihr die Geschenke übergeben hatte und wieder draußen war, befragte ich heimlich Hsiau-hung, und sie hat mir erzählt, die zweite junge gnädige Frau sei eben aus den Räumen der alten gnädigen Frau zurückgekommen, aber gar nicht so fröhlich und ausgelassen wie sonst, habe Ping-örl zu sich gerufen und geheimnisvoll mit ihr geflüstert. Das sieht doch so aus, als ob etwas Schwerwiegendes vorgefallen wäre. Habt Ihr nicht gehört, ob es drüben bei der alten gnädigen Frau etwas gegeben hat?“
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Auch Bau-tschai war verwundert und konnte sich nicht vorstellen, worüber Hsi-fëng böse sein sollte. Darum sagte sie: „Ein jeder hat seine eigenen Sorgen. Wie könnten wir uns um alles kümmern?! Geh mir jetzt Tee holen!“
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Also ging Ying-örl hinaus und goß Tee ein, aber davon soll hier nicht erzählt werden.
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Als Bau-yü dann Dai-yü nach Hause begleitet hatte, dachte er über ihre Einsamkeit und Bitternis nach, und unwillkürlich überkam auch ihn der Schmerz. Er hätte gern mit Hsi-jën darüber gesprochen, aber als er in seine Räume trat, waren nur Schë-yüä und Tjiu-wën da. Also erkundigte er sich: „Wo ist eure Schwester Hsi-jën?“
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„Wo könnte sie anders sein als in einem der Gehöfte hier?gab Schë-yüä zurück. „Sie geht dir schon nicht verloren. Kaum daß sie einmal nicht da ist, mußt du gleich nach ihr suchen.
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„Ich habe nicht Angst, daß sie mir verloren gehen könnte, sondern ich war eben bei Fräulein Lin und habe gesehen, daß sie wieder einmal sehr traurig ist“, sagte Bau-yü lächelnd. „Als ich nach dem Grund fragte, stellte sich heraus, daß der Anblick der Geschenke von Fräulein Hsüä, weil sie aus ihrer Heimatgegend kommen, alte Wunden bei ihr aufgerissen hat. Das wollte ich Hsi-jën sagen, damit sie zu Fräulein Lin hinübergeht, wenn sie etwas Muße hat, und sie tröstet.“
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Bei diesen Worten kam Tjing-wën herein und sagte: „Da bist du ja! Wen willst du wieder einmal trösten lassen?“
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Da erzählte Bau-yü auch ihr, was er eben gesagt hatte, und Tjing-wën berichtete: „Schwester Hsi-jën ist gerade erst fortgegangen. Ich habe gehört, wie sie gesagt hat, sie wolle zur zweiten jungen gnädigen Frau hinüber. Wer weiß, vielleicht schaut sie auch bei Fräulein Lin mit hinein.
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Nun sagte Bau-yü nichts mehr, und Tjiu-wën goß ihm Tee ein. Nachdem er sich den Mund damit gespült hatte, reichte er die Schale einem der kleineren Sklavenmädchen und streckte sich betrübt, wie er war, auf seinem Bett aus.
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Hsi-jën hatte sich, als Bau-yü ausgegangen war, zunächst eine Zeitlang mit einer Handarbeit beschäftigt. Dann war ihr plötzlich eingefallen, daß ja Hsi-fëng sich nicht wohl fühlte, daß sie schon tagelang nicht bei ihr gewesen war und daß sie doch gehört hatte, Djia Liän sei nicht zu Hause. Eine günstige Gelegenheit für einen großen Plausch! Also sagte sie zu Tjing-wën: „Bleibt schön im Haus und lauft nicht alle weg, damit Bau-yü nicht etwa niemand vorfindet, wenn er zurückkommt!“
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„O weh, du bist wirklich die einzige, die sich hier Gedanken um ihn macht, während alle andern nur Müßiggänger und unnütze Fresser sind“, gab Tjing-wën zurück.
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Hsi-jën lachte nur darüber und ging hinaus, ohne etwas erwidert zu haben. Als sie an die Duftgetränkte Brücke kam, standen dort – denn es war die Zeit zwischen Sommerende und Herbstanfang – die Lotosblumen eben an der Schwelle zwischen Unversehrtheit und Verfall, und ihr Rot und Grün war schon in Auflösung begriffen. Im Weitergehen erfreute sich Hsi-jën an dem Anblick, der sich ihr am Deich entlang bot, doch als sie unversehens den Kopf hob, erblickte sie unter dem Weinspalier am anderen Ufer eine Gestalt, die einen Flederwisch in der Hand hielt und damit herumfuchtelte. Als sie näher kam, erkannte sie Mutter Dschu.
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Kaum war die Alte auf Hsi-jën aufmerksam geworden, kam sie ihr mit lächelnder Miene entgegen und fragte: „Wie kommt es denn, daß Ihr heute Zeit habt, spazierenzugehen, Fräulein?“
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„Woher denn!sagte Hsi-jën abwehrend, „ich bin auf dem Wege zur zweiten jungen gnädigen Frau, um nach ihr zu sehen. Aber was treibst du hier?“
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„Ich scheuche die Wespen fort“, entgegnete die Alte. „In diesem Jahr hat es während der Hundstage wenig Regen gegeben, und so sind die Obstbäume voller Ungeziefer. So zerfressen ist das Obst, daß vieles schon abgefallen  ist. Und  am  allerschlimmsten  sind  die  Wespen. Ihr  habt das wahrscheinlich noch nicht gewußt, Fräulein, aber wenn sie von einer Traube auch nur zwei, drei Beeren anfressen und der Saft tropft daraus auf die guten Beeren, dann verfault die ganze Traube. Da, seht nur, während wir miteinander sprachen, hielt ich den Wedel still, und schon sitzen jede Menge Wespen auf den Beeren.“
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„Wie viele kannst du schon wegscheuchen, selbst wenn du ununterbrochen wedelst“, wandte Hsi-jën ein. „Du mußt den Einkäufern sagen, sie sollen viele, viele Beutel aus Baumwollgaze machen lassen, von denen dann einer über jede Traube gezogen wird. So bekommen sie Luft und sind trotzdem geschützt.“
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„Ihr habt recht, Fräulein“, sagte die Alte lächelnd. „Ich mache das hier in diesem Jahr zum erstenmal, darum habe ich diesen Kniff noch nicht gekannt.“ Dann fuhr sie fort: „Es ist zwar viel Obst verdorben in diesem Jahr, aber wohlschmeckend ist es. Wenn Ihr mir nicht glauben wollt, werde ich Euch etwas pflücken, damit Ihr kosten könnt.“
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„Wie ginge das an?!“ hielt Hsi-jën ihr mit ernsthafter Miene vor. „Ganz abgesehen davon, daß es noch nicht reif und deshalb nicht zu genießen ist, selbst wenn es reif wäre, könnten wir doch nicht davon essen, noch ehe den Oberen davon dargebracht ist. Du bist doch hier im Dienst alt geworden, hast du da etwa nicht einmal diese Regel begriffen?“
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„Ihr seid ganz im Recht, Fräulein“, sagte die Alte rasch und lächelte dazu. „Nur weil ich mich so freute, Euch zu sehen, wagte ich, Euch von dem Obst anzubieten, und habe dadurch die Regel verletzt. Ich werde wirklich schon dumm vor Alter.“
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„Schon gut“, beschwichtigte Hsi-jën sie nun. „Wenn nur ihr alten Ammen den Jüngeren kein schlechtes Beispiel gebt, ist schon alles in Ordnung.“
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Nach diesen Worten ging Hsi-jën geradewegs zum Gartentor hinaus und begab sich zu den Wohnräumen von Hsi-fëng. Kaum war sie hier in den Hof getreten, hörte sie Hsi-fëngs Stimme: „Hat man da noch Worte?! Während ich hier krank im Bett schmore, wird er mehr und mehr zum Banditen!“
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Hsi-jën begriff, daß etwas vorgefallen sein mußte und daß sie deshalb weder gut vor noch zurück konnte, darum trat sie etwas lauter auf und fragte durchs Fenster: „Bist du zu Hause, Schwester Ping-örl?“
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Rasch antwortete Ping-örl von drinnen jawohl und ging Hsi-jën entgegen.
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„Ist die zweite junge gnädige Frau auch zu Hause? Geht es ihr wieder besser?“ erkundigte sich Hsi-jën, und schon stand sie im Zimmer.
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Hier gab sich Hsi-fëng den Anschein, als habe sie auf dem Bett geruht, und als Hsi-jën eintrat, erhob sie sich lächelnd und sagte: „Etwas besser geht es mir schon. Entschuldige, daß ich dir Sorgen bereitet habe! Aber warum bist du in all den Tagen nie herübergekommen, um ein Weilchen mit uns zusammenzusitzen?“
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„Ihr befindet Euch unwohl, junge gnädige Frau, und so müßten wir eigentlich tagtäglich kommen, um Euch Wohlergehen zu wünschen“, erklärte Hsi-jën. „Aber ich hatte mir gedacht, da Ihr nicht auf dem Posten seid, wolltet Ihr Euch bestimmt ungestört der Ruhe hingeben, und wenn wir kämen, würde unser Geschwätz Euch lästig werden.“
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„Von lästig kann nicht die Rede sein“, gab Hsi-fëng lächelnd zurück, „aber von all den Mädchen in Bau-yüs Räumen bist du die einzige, auf die Verlaß ist, und so kannst du wirklich nicht fort. Doch Ping-örl hat mir oft berichtet, wie du dich insgeheim um mich gesorgt und dich oft nach mir erkundigt hast. Damit hast du getan, was du konntest.“ Dann befahl sie Ping-örl, einen Hocker zu bringen und an ihr Bett zu stellen, damit Hsi-jën sich setzen konnte.
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Als Fëng-örl dann den Tee hereinbrachte, verneigte sich Hsi-jën im Sitzen und forderte sie auf: „Nimm doch Platz, Schwester!“
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Während sie dann miteinander plauderten, hörte Hsi-jën, wie im Vorraum ein kleineres Sklavenmädchen leise zu Ping-örl sagte: „Lai Wang ist da, er wartet am Innentor.“ Und Ping-örl erwiderte genauso leise: „Gut, ich weiß Bescheid. Schick ihn noch einmal weg, und wenn er dann wieder da ist, soll er hereinkommen, ohne am Tor stehenzubleiben.“
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Daraus schloß Hsi-jën, daß sie hier im Wege war, und nach einigen weiteren Sätzen stand sie auf, um zu gehen.
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„Wenn du wieder einmal Zeit hast, komm her, setz dich zu uns und plaudere mit uns, das macht mir Freude“, forderte Hsi-fëng sie auf. Dann befahl sie Ping-örl: „Begleite deine Schwester hinaus!“
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Ping-örl sagte: „Jawohl!“ und trat mit Hsi-jën hinaus. Dort standen zwei, drei kleinere Sklavenmädchen in korrekter Haltung wartend bereit und wagten kaum zu atmen. Hsi-jën konnte sich keinen Reim darauf machen und ging ihres Weges.
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Kaum hatte sie Hsi-jën draußen verabschiedet, ging Ping-örl wieder hinein und meldete Hsi-fëng: „Eben ist Lai Wang gekommen, aber weil Hsi-jën hier war, habe ich ihm sagen lassen, er solle draußen warten. Soll ich ihn jetzt gleich holen lassen, oder wollt Ihr warten, bis er wiederkommt? Ich bitte um Eure Weisung, junge Herrin.“
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„Laß ihn holen!“ sagte Hsi-fëng, und sofort befahl Ping-örl den kleinen Sklavenmädchen, hinauszugehen und Lai Wang zu bestellen, er solle jetzt kommen.
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Dann erkundigte sich Hsi-fëng bei Ping-örl: „Wie hast du es erfahren?“
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„Eine kleine Magd hat es mir erzählt, dieselbe wie voriges Mal“, gab Ping-örl Auskunft. „Sie sagte, daß sie am Innentor gehört hätte, wie zwei von den Jungens hinter dem Tor miteinander sprachen und der eine sagte: ‚Die neue Frau des zweiten jungen Herrn ist schöner als die alte, und ein besseres Gemüt hat sie auch.‘ Dann habe Lai Wang oder wer die beiden angeschrien und gesagt: ‚Was heißt neue Frau, alte Frau?! Wollt ihr wohl endlich still sein! Wenn die drinnen davon erfahren, wird man euch die Zunge abschneiden!‘“
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Während Ping-örl das erzählte, kam eines der kleineren Sklavenmädchen herein, um zu melden: „Lai Wang wartet draußen.“
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Mit kühlem Lächeln befahl Hsi-fëng: „Er soll hereinkommen!“
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Das Sklavenmädchen ging hinaus und sagte dort: „Die junge gnädige Frau läßt rufen.“ Sofort sagte Lai Wang jawohl und trat ins Haus. Nachdem er seinen Gruß entboten hatte, nahm er mit dienstfertig herabhängenden Armen an der Tür des Vorraums Aufstellung.
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„Komm her, ich will dich etwas fragen!“ sagte Hsi-fëng, und jetzt erst trat Lai Wang in den Innenraum und blieb wieder an der Tür stehen.
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„Weißt du etwas davon, daß sich der junge Herr draußen jemand angeschafft hat?“ fragte Hsi-fëng.
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Noch einmal beugte Lai Wang das Knie und sagte: „Ich Sklave stehe tagtäglich in Erwartung von Aufträgen am Innentor, wie könnte ich davon wissen, was der junge Herr außerhalb tut?“
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„Natürlich weißt du von nichts“, sagte Hsi-fëng mit höhnischem Lächeln, „wenn du etwas wüßtest, wie könntest du dann versuchen, ihn zu decken?!“
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Aus diesen Worten schloß Lai Wang, daß er sich schon verraten hatte, und da er fürchtete, nichts mehr vertuschen zu können, kniete er nieder und berichtete: „Ich Sklave weiß wahrhaftig nichts. Neulich habe ich Hsing-örl und Hsi-örl nur die Meinung gesagt, als sie diesen Unsinn schwatzten, aber die näheren Umstände kenne ich nicht, und ich möchte Euch keinen falschen Bericht geben, junge gnädige Frau. Fragt bitte Hsing-örl, er ist lange Zeit mit dem jungen Herrn zusammen draußen gewesen.“
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Als Hsi-fëng das gehört hatte, spuckte sie aus, so stark sie konnte, und schimpfte: „Ihr verkommenes, gewissenloses Pack! Ihr steckt doch alle unter einer Decke und glaubt, ich merke nichts. Hol mir Hsing-örl, diesen Hurensohn! Aber geh nicht fort! Wenn ich mit ihm fertig bin, rede ich mit dir weiter. Ha! Ein sauberes Gesindel habe ich da in meinen Diensten herangezogen!“
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Lai Wang hatte keine andere Wahl, als immer wieder jawohl zu sagen. Dann schlug er mit der Stirn auf den Boden, rappelte sich auf und ging hinaus, um Hsing-örl zu holen.
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Hsing-örl saß gerade mit anderen Sklavenjungen zusammen in der Buchhaltung beim Spiel, als er hörte, die zweite junge Herrin lasse ihn rufen. Im ersten Augenblick fuhr er vor Schreck zusammen, aber da er nicht ahnen konnte, was bereits im Gange war, folgte er Lai Wang rasch nach drinnen.
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Als Lai Wang zuerst allein hineinging und meldete, Hsing-örl sei da, brüllte Hsi-fëng mit furchtbarer Stimme: „Hol ihn herein!“
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Kaum daß Hsing-örl diese Stimme vernahm, wußte er weder aus noch ein, aber wohl oder übel mußte er seinen Mut zusammennehmen und eintreten. Als Hsi-fëng ihn erblickte, sagte sie sofort: „Ein feiner Schlingel bist du! Und feine Dinge treibst du mit deinem Herrn! Los, raus mit der Sprache!“
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Bei diesen Worten und beim Anblick von Hsi-fëngs Miene und den Sklavenmädchen, die zu beiden Seiten bereitstanden, begannen Hsing-örl die Glieder zu schlottern, und schon kniete er nieder und schlug in einem fort mit der Stirn auf den Boden.
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„Wie ich hörte, hast du ja mit der Sache nichts zu tun“, fuhr Hsi-fëng jetzt fort, „aber dein Fehler war es, daß du mir nicht schon längst davon berichtet hast. Wenn du mir jetzt die Wahrheit sagst, will ich dir noch verzeihen, aber wenn du auch nur ein einziges Wort lügen willst, dann überzeug dich besser als Erstes, wie viele Köpfe du auf den Schultern hast!“
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Zitternd schlug Hsing-örl noch einmal mit der Stirn vor ihr auf den Boden, ehe er fragte: „Was für Dinge meint Ihr, junge gnädige Frau, die ich Sklave mit dem jungen Herrn zusammen verbrochen haben soll?“
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Jetzt begann es in Hsi-fëng zu kochen, und sie schrie: „Aufs Maul schlagen!“
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Schon trat Lai Wang näher und wollte zuschlagen, da schimpfte Hsi-fëng: „Du dummer Hurensohn! Er selbst soll sich schlagen, was braucht es dich! Für deine Ohrfeigen ist nachher noch Zeit, wenn ihr alle ihn schlagt.“
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Tatsächlich holte Hsing-örl links und rechts aus und gab sich mehr als zehn Ohrfeigen.
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„Genug!“ rief Hsi-fëng und fragte: „Daß der junge Herr woanders eine neue Frau genommen hat, weißt du also nicht, nein?“
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Als Hsing-örl hörte, worum es ging, verlor er vollends den Kopf. Hastig riß er seine Mütze herunter, schlug mit der Stirn auf den Backsteinboden, daß es dröhnte, und versprach: „Wenn Ihr mir nur das Leben schenkt, junge gnädige Frau, werde ich Sklave mich nicht erdreisten, auch nur ein einziges Wort zu lügen.“
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„Also sprich, aber schnell!“ forderte Hsi-fëng ihn auf.
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Hsing-örl richtete sich in kniender Haltung kerzengerade auf, und dann berichtete er: „Ich Sklave hatte zuvor keine Ahnung von der Sache. Eines Tages aber, als der Leichnam des alten gnädigen Herrn aus dem anderen Anwesen schon in den Familientempel übergeführt worden war, kam Yü Lu dorthin, um sich vom gnädigen Herrn Dschën Silber geben zu lassen. Da ist unser junger Herr mit Herrn Jung zusammen in das andere Anwesen geritten, und unterwegs haben sie von den beiden Schwestern der Frau des gnädigen Herrn Dschën gesprochen. Als unser junger Herr die beiden gelobt hat, hat Herr Jung ihm zum Scherz angeboten, er wolle ihm die gnädige Frau Tante zur Frau geben...“
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Als Hsi-fëng bis hierher zugehört hatte, spuckte sie wütend aus und schnauzte ihn an: „Du schamloser Hurenbock! Was für eine gnädige Frau Tante ist sie für dich?!“
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Rasch schlug Hsing-örl erneut mit der Stirn auf den Boden und versicherte: „Ich Sklave habe den Tod verdient.“ Dann blickte er wieder auf, wagte aber nicht fortzufahren.
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„War das schon alles? Warum sprichst du nicht weiter?“ fragte Hsi-fëng.
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Jetzt erst machte Hsing-örl wieder den Mund auf und sagte: „Nur wenn Ihr mir Sklaven verzeiht, werde ich wagen weiterzusprechen, junge gnädige Frau.“
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„Einen Dreck werde ich tun!“ schimpfte Hsi-fëng, nachdem sie ein weiteres Mal ausgespuckt hatte. „Was heißt hier verzeihen? Erzähl nur hübsch weiter, es fehlt noch eine ganze Menge!“
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Also fuhr Hsing-örl fort: „Als der junge Herr das hörte, hat er sich gefreut. Später ist dann, ich weiß nicht wie, Ernst aus der Sache geworden.“
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„Natürlich, wie könntest du das auch wissen!“ höhnte Hsi-fëng mit einem leichten ironischen Lächeln. „Alles, was du weißt, bringt dir nur Ärger ein. Also los, erzähl mir, was dann daraus geworden ist!“
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„Dann hat Herr Jung für den jungen Herrn ein Haus gesucht“, fuhr Hsing-örl fort.
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„Wo ist dieses Haus?“ wollte Hsi-fëng sofort wissen.
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„Hinter unserm Anwesen“, verriet Hsing-örl.
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„Ach!“ sagte Hsi-fëng. Dann wandte sie sich um, blickte Ping-örl an und sagte: „Was waren wir dumm! Hör dir das an!“
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Ping-örl wagte kein Wort darauf zu erwidern, und Hsing-örl fuhr in seinem Bericht fort: „Die Familie Dschang hat vom gnädigen Herrn Dschën Silber bekommen, wieviel weiß ich nicht, und hat nichts dazu gesagt.“
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„Wieso kommt nun wieder eine Familie Dschang ins Spiel?“ erkundigte sich Hsi-fëng.
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„Ihr müßt wissen, junge gnädige Frau, daß die gnädige junge Frau Tante...“ Hier unterbrach sich Hsing-örl und gab sich eine Ohrfeige. Als Hsi-fëng deswegen auflachte, verzogen auch die Sklavenmädchen, die auf beiden Seiten standen, den Mund zu einem Lächeln.
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Hsing-örl aber dachte nach und korrigierte sich dann: „Also die Schwester der Frau des gnädigen Herrn Dschën...“
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„Was war?“ fragte Hsi-fëng. „So rede doch endlich!“
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„Die Schwester der Frau des gnädigen Herrn Dschën war eigentlich von klein auf mit einem gewissen Dschang verlobt“, erzählte Hsing-örl weiter. „Dschang Hua heißt er wohl. Aber der ist jetzt so arm, daß er auf Almosen angewiesen ist und sein Essen zusammenbetteln muß. Der gnädige Herr Dschën hat ihm Silber gegeben, und da hat er auf seine Verlobte verzichtet.“
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Hier nickte Hsi-fëng, wandte sich zu ihren Sklavenmädchen und fragte: „Habt ihr das alles gehört? Aber zuerst hat dieser kleine Hurenbengel behauptet, er wisse von nichts.“
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Und wieder fuhr Hsing-örl fort: „Dann erst hat der junge Herr befohlen, das Haus neu zu tapezieren, und hat seine Frau dorthin geholt.“
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„Woher hat er sie geholt?“ wollte Hsi-fëng wissen.
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„Aus dem Haus ihrer Mutter“, antwortete Hsing-örl.
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„Schön“, sagte Hsi-fëng, um dann weiter zu fragen: „Hat niemand der Braut das Geleit gegeben?“
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„Einzig Herr Jung“, sagte Hsing-örl, „sonst nur ein paar Mägde und alte Weiber, weiter niemand.“
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„Die junge gnädige Frau von drüben war nicht dabei?“ vergewisserte sich Hsi-fëng.
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„Nein“, sagte Hsing-örl, „sie ist erst ein paar Tage später gekommen und hat Geschenke gebracht.“
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Hsi-fëng lächelte flüchtig, dann sah sie sich nach Ping-örl um und sagte: „Ist es ein Wunder, daß unser junger Herr die junge gnädige Frau von drüben in der letzten Zeit nur in einem fort gepriesen hat?“ Dann wandte sie sich wieder Hsing-örl zu, um ihn weiter auszufragen: „Wer bedient dort? Natürlich du!“
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Rasch schlug Hsing-örl mit der Stirn auf den Boden, sagte aber kein Wort. Also fragte Hsi-fëng: „Demnach war d a s seine Beschäftigung, wenn er in der letzten Zeit immer gesagt hat, er habe drüben im anderen Anwesen zu tun?“
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„Teils hatte er wirklich drüben zu tun, teils war er in seinem neuen Haus“, gestand Hsing-örl.
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„Und wer wohnt mit ihm zusammen?“ wollte Hsi-fëng nun wissen.
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„Ihre Mutter und zuerst auch noch ihre jüngere Schwester, aber die hat sich jetzt die Gurgel durchgeschnitten“, sagte Hsing-örl.
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„Warum das nun wieder?“ fragte Hsi-fëng, und daraufhin erzählte Hsing-örl ihr die Sache mit Liu Hsiang-liän.
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„Der Mann ist vom Glück begünstigt, möchte ich sagen, denn es ist ihm erspart geblieben, ein stadtbekannter Hahnrei zu werden“, kommentierte Hsi-fëng, um sich dann zu erkundigen: „Weiter war nichts?“
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„Weiter weiß ich Sklave nichts“, beteuerte Hsing-örl. „Und jedes Wort, das ich Sklave eben gesagt habe, ist wahr. Wenn Ihr herausfindet, daß auch nur ein Wort gelogen war, könnt Ihr mich totschlagen, ohne daß ich deswegen grollen werde, junge gnädige Frau.“
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Hsi-fëng saß ein Weilchen mit gesenktem Kopf da, dann wies sie mit der Hand auf Hsing-örl und sagte: „Ich sollte dich wirklich totschlagen, du Affenbastard! Hast du geglaubt, du könntest mir etwas verheimlichen? Wolltest es verheimlichen, um dich bei deinem törichten Herrn und deiner neuen jungen Herrin einzuschmeicheln, ja? Wenn ich nicht gesehen hätte, daß du eben vor lauter Angst nicht zu lügen wagtest, würde ich dir die Beine brechen lassen. – Steh auf!“ herrschte sie ihn schließlich an, und Hsing-örl schlug ein weiteres Mal mit der Stirn auf den Boden, bevor er wieder aufstand und sich bis an die Tür des Vorraums zurückzog, wo er abwartend stehenblieb, weil er nicht einfach zu gehen wagte.
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„Komm her, ich habe dir noch etwas zu sagen!“ befahl ihm Hsi-fëng, und rasch nahm Hsing-örl mit herabhängenden Armen vor ihr Aufstellung, um ergeben zuzuhören.
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„Warum so eilig?“ fragte Hsi-fëng. „Deine neue junge Herrin wartet wohl mit einer Belohnung auf dich?“
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Hsing-örl wagte nicht einmal aufzublicken, und Hsi-fëng fuhr fort: „Ab sofort gehst du mir nicht mehr dorthin! Wann immer ich dich rufen lasse, kommst du zu mir! Und versuch es nur, auch nur einen Augenblick zu zögern. – Raus jetzt!“
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Hastig sagte Hsing-örl mehrmals hintereinander jawohl, dann zog er sich vor die Tür zurück. Aber noch einmal rief Hsi-fëng: „Hsing-örl!“
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Sofort antwortete er und kam wieder herein.
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„Jetzt willst du wohl schnell zu deinem Herrn eilen, um ihm alles zu erzählen, ja?“ fragte Hsi-fëng.
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„Ich Sklave werde es nicht wagen“, versicherte Hsing-örl.
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„Wenn du draußen auch nur ein Wort davon erwähnst, dann nimm dein Fell in acht!“ warnte ihn Hsi-fëng, und rasch sagte Hsing-örl jawohl dazu, ehe er wieder hinausging.
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„Lai Wang?“ rief Hsi-fëng nun.
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Und sofort meldete sich Lai Wang und kam herein. Schweigend ließ Hsi-fëng ihren Blick so lange auf ihm ruhen, wie man braucht, um zwei, drei Sätze zu sprechen, dann erst sagte sie: „Brav, mein guter Lai Wang! Jetzt kannst du gehen, aber wenn irgendjemand draußen auch nur ein Wort über die Sache spricht, wirst du mir dafür geradestehen.“
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„Jawohl“, sagte Lai Wang und ging.
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Inzwischen verlangte Hsi-fëng nach Tee, und die kleineren Sklavenmädchen verstanden, wie das gemeint war, und gingen sämtlich hinaus. Dann erst sagte Hsi-fëng sarkastisch zu Ping-örl: „Hast du das gehört? War das nicht gut?“ Aber Ping-örl wagte nichts zu erwidern und lächelte nur schweigend zu ihr hinüber.
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Je länger Hsi-fëng über den Fall nachdachte, desto mehr geriet sie in Zorn. An ihre Kissen gelehnt, brütete sie stumm vor sich hin. Auf einmal aber runzelte sie die Brauen – jetzt hatte sie einen Plan bereit. „Ping-örl!“ rief sie, und Ping-örl sagte rasch jawohl und trat näher.
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„Paß auf, wie wir es machen müssen!“ sagte Hsi-fëng. „Wir dürfen nicht warten, bis der junge Herr wieder zurück ist.“
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Wer wissen will, was Hsi-fëng unternahm, muß das nächste Kapitel lesen.
  
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== Anmerkungen ==
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<references/>

Revision as of 13:46, 12 April 2026

Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 62 · 63 · 64 · 65 · 66 · 67 · 68 · 69 · 70 · 71 · 81 · 91 · 101 · 111 · ← Inhalt

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Kapitel 67

見土儀顏卿思故里 / 聞秘事鳳姐訊家童

Beim Anblick heimatlicher Gaben denkt Daiyu sehnsuechtig an ihre Heimat; Als sie von einem Geheimnis hoert, verhoert Xifeng den Diener

Dai-yü erblickt Lokalprodukte und gedenkt ihres Heimatortes,Hsi-fëng erfährt ein Geheimnis und verhört einen Sklavenjungen.

Als sich die dritte Schwester You das Leben genommen hatte, waren die alte Frau You, die zweite Schwester You sowie Djia Dschën und Djia Liän, wie sich von selbst versteht, unbeschreiblich traurig. Rasch ordneten sie an, man solle die Tote einsargen, aus der Stadt schaffen und begraben. Und jetzt, da die dritte Schwester You tot war, wurde Liu Hsiang-liän von einer törichten Liebe zu ihr erfaßt. Doch ein paar ernüchternde Sätze aus dem Mund eines Dauistenpriesters zerstörten den Wahn. Liu Hsiang-liän schnitt sich sein Haar ab wie ein Mönch und verschwand mit dem verrückten Dauisten ins Ungewisse. Doch davon soll einstweilen nicht mehr die Rede sein. Nachdem Tante Hsüä erfahren hatte, Liu Hsiang-liän habe mit der dritten Schwester You ein Verlöbnis geschlossen, war sie innerlich hocherfreut und plante eben voller Begeisterung, ihm ein Haus zu kaufen und einzurichten und einen Glückstag auswählen zu lassen, an dem er die Braut heimführen konnte, um ihm so für die Großherzigkeit zu danken, daß er Hsüä Pan das Leben gerettet hatte. Plötzlich aber lärmten die Sklavenjungen des Hauses: „Die dritte Schwester You hat sich umgebracht!“ Das hörten auch die kleinen Sklavenmädchen und berichteten es Tante Hsüä. Ohne den Grund für die Tat zu kennen, seufzte Tante Hsüä darüber aus tiefstem Herzensgrund. Während sie sich noch in Mutmaßungen erging, kam Bau-tschai aus dem Garten herüber. „Hast du davon gehört, mein Kind?“ fragte Tante Hsüä. „Die jüngste Schwester der Frau deines Vetters Dschën, die mit Liu Hsiang-liän, dem Schwurbruder unseres Pan, verlobt war, hat sich aus irgendeinem Grund die Kehle durchgeschnitten. Und auch Liu Hsiang-liän ist irgendwohin verschwunden. Das ist wirklich eine seltsame Sache, die kein Mensch ahnen konnte.“ Bau-tschai hörte sich das an, ohne große Aufmerksamkeit darauf zu wenden, und erwiderte: „Nicht umsonst heißt es im Volksmund ‚Wind und Wolken sind unergründlich, Glück und Unglück wechseln fast stündlich.‘ Auch das war ihnen aus ihrer vorigen Existenz vom Schicksal bestimmt. Neulich spracht Ihr davon, daß Ihr für ihn sorgen wolltet, weil er Bruder Pan das Leben gerettet hat. Jetzt aber ist sie tot, und er ist verschwunden. Meiner Meinung nach solltet Ihr der Sache ihren Lauf lassen, ohne Euch um die beiden zu grämen.

Bruder Pan aber ist seit fast zwanzig Tagen aus dem Süden zurück, und die Waren, die er dort eingekauft hat, müssen wohl jetzt schon sämtlich versandt worden sein. Die Gehilfen, die er mitgenommen hatte, mußten sich monatelang abmühen. Darum solltet Ihr mit Bruder Pan darüber reden, daß er sie zum Dank dafür einlädt, damit sie nicht denken, wir wüßten nicht, was sich gehört.“

Während Mutter und Tochter so miteinander sprachen, kam Hsüä Pan mit Tränen in den Augen von draußen herein. Kaum daß er im Zimmer war, schlug er vor seiner Mutter die Hände zusammen und fragte: „Wißt Ihr schon, was mit Bruder Liu und der dritten Schwester You geschehen ist, Mutter?“ „Gerade habe ich es gehört“, antwortete Tante Hsüä. „Und ich sprach eben mit deiner Schwester über den Fall.“ „Habt Ihr auch davon gehört, daß Liu Hsiang-liän mit einem Dauisten fortgegangen sein soll, um Mönch zu werden?“ vergewisserte sich Hsüä Pan. „Das macht die Sache um so eigenartiger“, sagte Tante Hsüä, „wie kann ein gescheiter junger Mann wie der junge Liu auf einmal so dumm sein und mit einem Dauisten auf und davon gehen?! Ich finde, du solltest nach ihm suchen, denn ihr wart doch miteinander befreundet, und er besaß weder Eltern noch Geschwister und hat ganz allein hier gelebt. Bestimmt ist er in einem der Tempel oder Klöster hier in der Nähe.“ „Als ob ich mir das nicht auch gesagt hätte!“ erwiderte Hsüä Pan. „Kaum daß ich die Nachricht hörte, habe ich mich mit den Knaben zusammen auf die Suche gemacht, aber nirgends war eine Spur von ihm zu entdecken. Ich habe auch die Leute gefragt, aber alle sagen, sie hätten ihn nicht gesehen.“ „Wenn du nach ihm gesucht hast, so ist deine Freundespflicht damit erfüllt, auch wenn du ihn nicht gefunden hast“, entschied Tante Hsüä. „Wer weiß, ob es ihm nicht zum Guten ausschlägt, daß er ein Mönch geworden ist! Du aber mußt dich jetzt um den Handel kümmern, und zum andern muß bald geregelt werden, was für deine eigene Hochzeit zu tun ist. Wir haben keine Leute im Haus, auch sagt das Sprichwort ‚Ein Gimpel braucht länger Zeit.‘ Wir müssen vermeiden, daß wir auf einmal unvorbereitet dastehen, daß dieses und jenes fehlt und daß uns die Leute dann auslachen. Außerdem hat auch deine Schwester gerade gesagt, du bist nun schon mehr als einen halben Monat wieder zu Hause, so daß die Waren versandt sein müßten und es daher an der Zeit wäre, für die Gehilfen, die mit dir waren, eine Weintafel herzurichten, um ihnen für ihre Mühen zu danken. Schließlich haben sie dich ein paar tausend Li weit begleitet, haben sich mehr als vier Monate lang abgeplagt und deinetwegen genug Ängste und Beschwernisse auf sich genommen.“ „Ihr habt ganz recht, Mutter, und meine Schwester denkt wirklich an alles“, erwiderte Hsüä Pan darauf. „Ich dachte auch schon daran, aber da ich tagelang zu tun hatte,die Waren überallhin zu verschicken, wußte ich kaum mehr, wo mir der Kopf stand. In den letzten Tagen war ich wegen Bruder Liu in Anspruch genommen, auch wenn das ein Schlag ins Wasser war und ich mich umsonst bemühte. Darüber habe ich meine eigentlichen Aufgaben versäumt. Wenn nicht anders, legen wir uns auf morgen oder übermorgen fest und verschicken die Einladungen!“ „Das mußt du schon selbst entscheiden“, erklärte Tante Hsüä. Hsüä Pan schien noch etwas sagen zu wollen, da kam einer der Sklavenjungen von draußen herein und meldete: „Euer Hauptgeschäftsführer, Herr Dschang, hat zwei Truhen herbringen lassen und läßt sagen, das seien Sachen, die Ihr privat gekauft habt und die nicht in den Warenlisten stehen. Er habe sie Euch schon eher bringen lassen wollen, aber sie seien unter den vielen Kisten begraben gewesen, so daß er nicht herangekommen sei. Gestern erst seien die letzten Waren versandt worden, darum habe er die Sachen nicht früher als heute bringen lassen können.“ Während er dies sagte, trugen zwei andere Sklavenjungen zwei große Truhen herein, die mit Palmfasergewebe bezogen und zusätzlich mit Brettern verschalt waren. Kaum daß Hsüä Pan die Truhen erblickte, rief er aus: „O weh! Wie konnte ich nur so dumm sein! Diese Sachen habe ich extra für Euch, Mutter, und für dich, Schwester, gekauft, aber anstatt sie euch bringen zu lassen, habe ich sie vergessen, und die Gehilfen mußten sie schicken!“ „Du sagst es!“ bemerkte Bau-tschai. „Nur weil du sie ‚extra‘ mitgebracht hast, mußten sie fast zwanzig Tage herumstehen. Wenn du sie ‚nicht-extra‘ mitgebracht hättest, wären sie wahrscheinlich bis zum Jahresende stehengeblieben und dann erst gebracht worden. Mir scheint, du bist aber auch in allem zu liederlich.“ „Es muß wohl daran liegen, daß mir unterwegs vor Schreck die Seele aus dem Leib gefahren ist und noch nicht wieder zurückgefunden hat“, entschuldigte sich Hsüä Pan lächelnd. Alle lachten ein Weilchen darüber, dann erhielt eines der kleinen Sklavenmädchen den Auftrag: „Geh hinaus und laß durch die Knaben bestellen, ich hätte die Sachen bekommen, die Leute könnten jetzt gehen!“ „Was sind das für Sachen, daß sie so verpackt und verschnürt sind?“ wollten Tante Hsüä und Bau-tschai nun wissen. Also ließ Hsüä Pan zwei von den Sklavenjungen hereinkommen, und als sie die Stricke aufgeschnürt, die Verschalungen entfernt und das Schloß aufgesperrt hatten, sah man, daß in der ersten Kiste Atlas, Brokat und andere Seidenstoffe, überseeische Waren und weitere Dinge lagen, wie man sie ständig im Haushalt braucht. Dann sagte Hsüä Pan lächelnd: „Die zweite Truhe ist für dich, Schwester.“ Und er öffnete diese Truhe selbst. Hier erblickten Mutter und Tochter Schreibpinsel, Tusche, Papier, Tuschereibsteine, verschiedenartiges Zierpapier, Riechbeutelchen, Perlenschnüre aus Duftholz, Fächer, Fächeranhänger, Blütenpuder, Rouge und so weiter, außerdem Trinkspiele und automatische Puppen, die Hsüä Pan vom Tigerhügel[1] mitgebracht hatte, kobolzschießende Knabenfigürchen, die eine Quecksilberfüllung hatten, ‚Sandlampen‘, die außen mit Figuren verziert waren, deren papierne Köpfe und Gliedmaßen zu zucken begannen, wenn man die ‚Lampe‘ bewegte und dadurch den Sand, der darin war, in Bewegung brachte, mit blauer Seide bezogene Schachteln voller Tonfigürchen, die ganze Theatertruppen bildeten, und schließlich eine Tonstatuette, die Hsüä Pan am Tigerhügel von sich hatte anfertigen lassen und die ihm auch aufs Haar glich. Dieser Statuette galt Bau-tschais ganze Aufmerksamkeit, kaum daß sie sie erblickt hatte, während alles andere sie gleichgültig ließ. Sie nahm sie in die Hand und betrachtete sie aufmerksam, danach betrachtete sie ihren Bruder und konnte sich schließlich das Lachen nicht verbeißen. Dann erteilte sie Ying-örl den Auftrag, zusammen mit einigen alten Sklavenfrauen alles hinüber in den Garten zu bringen, einschließlich der Truhe. Sie selbst kehrte erst dorthin zurück, nachdem sie noch ein Weilchen mit Mutter und Bruder geplaudert hatte. Inzwischen nahm Tante Hsüä Stück für Stück aus der Truhe, die sie bekommen hatte, teilte alles sorgfältig ein Portionen ein und ließ diese von Tung-hsi zur Herzoginmutter, zu Dame Wang und zu den anderen tragen. Doch davon braucht hier nicht erzählt zu werden. Als Bau-tschai wieder in ihren Räumen war, ließ sie all die Mitbringsel Revue passieren. Alles, was sie nicht selber gebrauchen wollte, stellte sie portionsweise zusammen: für die eine Schreibpinsel, Tusche, Papier und Tuschereibstein, für eine andere Riechbeutelchen, Fächer und Duftholzanhänger, für eine weitere Rouge, Puder und Haaröl und für manche auch nur etwas von den Spielsachen. Einzig Dai-yü wurde anders bedacht als die übrigen und bekam auch eine doppelte Portion. Nachdem Bau-tschai mit der Einteilung fertig war, ließ sie alles durch Ying-örl und eine alte Sklavin, die ihr folgen mußte, nach den einzelnen Wohnstätten tragen. Jedes der Mädchen nahm seine Geschenke entgegen, belohnte die Botinnen mit einem Trinkgeld und kündigte an, sich beim nächsten Wiedersehen persönlich zu bedanken. Nur Dai-yü wurde durch den Anblick der Mitbringsel aus ihrer Heimat schmerzlich berührt. Sie mußte daran denken, daß ihre Eltern beide tot waren, daß sie keine Geschwister hatte und daß sie nur als Gast bei Verwandten lebte. „Für mich wird nie jemand etwas mitbringen, das aus meiner Heimat stammt!“ sagte sie sich, und unversehens wurde sie wieder einmal vom Kummer überwältigt. Dsï-djüan kannte sich zutiefst in allen Gefühlsregungen von Dai-yü aus, wagte es aber nicht, ihr das zu verraten, und redete ihr nur zu: „Ihr leidet an vielerlei Krankheiten, Fräulein, und müßt früh und spät Medikamente einnehmen, auch wenn es in den letzten Tagen so aussah, als ob es Euch schon ein bißchen besser ginge. Selbst wenn Euer Lebensmut ein wenig gewachsen ist, seid Ihr doch noch nicht wieder ganz gesund. Jetzt hat Euch Fräulein Bau-tschai diese Geschenke bringen lassen, ein Beweis dafür, wie hoch sie Euch schätzt. Eigentlich müßtet Ihr Euch beim Anblick dieser Sachen freuen, statt dessen seid Ihr betrübt. Habt Ihr Euch etwa geärgert, weil Fräulein Bau-tschai Euch beschenkt hat? Es wäre ihr sicher peinlich, wenn sie das erführe. Zum andern sind die alte gnädige Frau und die gnädige Frau mit allen Mitteln bemüht, gute Ärzte zu finden, die Euch untersuchen und behandeln, damit Ihr wieder gesund werdet. Aber fügt Ihr Eurem Körper nicht selber Schaden zu, wenn Ihr jetzt weint und heult, kaum daß es Euch ein bißchen besser geht? Würde es nicht der alten gnädigen Frau neuen Kummer bereiten, wenn sie Euch so sähe? Zumal Eure Krankheit daher rührt, daß Ihr Euch immer traurige Gedanken macht und Eure Lebenskraft dadurch geschädigt habt. Ihr dürft Euren kostbaren Körper nicht selber geringschätzen, Fräulein!“ Während sie so auf Dai-yü einredete, hörte sie, wie eines der kleineren Sklavenmädchen vom Hof her meldete: „Der junge Herr ist gekommen.“ „Tretet ein, junger Herr!“ sagte Dsï-djüan sofort. Schon trat Bau-yü ins Zimmer, und als Dai-yü ihn aufforderte, Platz zu nehmen, sah er, daß ihr ganzes Gesicht mit Tränenspuren bedeckt war. Darum fragte er: „Wer hat dich wieder einmal geärgert, Kusinchen?“ „Wer ärgert sich denn?“ erwiderte Dai-yü und zwang sich zu einem Lächeln. Dsï-djüan, die neben ihr stand, wies mit dem Kinn nach dem Tisch hinter dem Bett. Bau-yü verstand, wie das gemeint war, warf einen Blick hinüber, und als er der vielen Dinge gewahr wurde, die dort aufgehäuft lagen, war ihm klar, daß es sich um die Geschenke von Bau-tschai handeln mußte. „Willst du einen Gemischtwarenladen aufmachen mit all diesen Sachen?“ scherzte er. Aber Dai-yü antwortete ihm nicht. Statt dessen sagte Dsï-djüan mit lächelnder Miene: „Weil Ihr eben diese Sachen erwähnt – kaum daß Fräulein Bau-tschai sie bringen ließ, hat sich unser Fräulein betrübt. Ich war gerade dabei, ihr gut zuzureden, und Ihr kommt eben recht, um mir dabei zu helfen.“ Bau-yü wußte genau, warum Dai-yü sich grämte, aber er wagte nicht, davon anzufangen, und so sagte er lächelnd: „Wahrscheinlich hat euer Fräulein keinen anderen Grund, sich zu ärgern und zu betrüben, als den, daß Fräulein Bau-tschai ihr zuwenig geschickt hat. – Mach dir keine Sorgen, Kusinchen! Nächstes Jahr werde ich jemand in den Süden schicken und dir zwei reichliche Schiffsladungen mitbringen lassen, damit du nicht zu weinen brauchst.“ Als Dai-yü das hörte, war sie sich darüber im klaren, daß Bau-yü sie aufheitern wollte, und da sie ihm keine Abfuhr erteilen wollte, aber auch sein Gerede nicht ertragen konnte, sagte sie: „Ich mag mich nicht auskennen in der Welt, aber so wenig denn doch nicht, daß es mich ärgern und betrüben würde, wenn ich nicht genug geschenkt bekomme. Außerdem bin ich kein Kleinkind, und du hältst mich wohl für gar zu engherzig. Ich habe meine Gründe, aber was weißt denn du davon!“ Und schon begannen ihr wieder die Tränen zu fließen. Rasch trat Bau-yü nun an das Bett, setzte sich neben Dai-yü und nahm die Sachen Stück für Stück in die Hand, um sie hin und her zu wenden und genau zu betrachten. Dabei fragte er absichtlich: „Was ist das hier?... Wie nennt man das?... Woraus ist das gemacht, daß es so niedlich aussieht?... Und was ist das? Wozu dient das?“ Dann wieder schlug er vor: „Das könntest du dir so hinstellen, daß du es immer vor Augen hast. Und das hier könntest du schön als Antiquität auf das schmale Tischchen stellen.“ So redete er in einem fort Belanglosigkeiten, bis es Dai-yü nicht mehr aushielt und sagte: „Spar dir dein Geschwätz! Gehen wir zu Kusine Bau-tschai hinüber!“ Nichts hatte Bau-yü sehnlicher gewünscht, als daß Dai-yü das Haus verlassen, ihre Laune abreagieren und ihren Kummer zerstreuen würde, darum sagte er: „Ja, wir müssen uns für die Geschenke bedanken gehen, die Kusine Bau-tschai uns geschickt hat!“ „Das ist unter den Kusinen eines Hauses nicht nötig“, widersprach Dai-yü. „Aber bestimmt hat Vetter Pan ihr viel von den alten Sehenswürdigkeiten im Süden erzählt, das will ich mir anhören, und es wird sein, als ob ich selbst eine Reise nach Hause machte.“ Bei diesen Worten röteten sich ihre Augenränder schon wieder, also stand Bau-yü wirklich auf, und nun blieb Dai-yü nichts weiter übrig, sie mußte mit ihm hinausgehen und Bau-tschai einen Besuch abstatten. Indessen hatte Hsüä Pan, wie seine Mutter es verlangt hatte, rasch Einladungen geschrieben und befohlen, eine Weintafel herzurichten. Als am nächsten Tag die vier Gehilfen, die er eingeladen hatte, alle beisammen waren, drehte sich das Gespräch, wie nicht anders zu erwarten, zunächst um Kauf und Verkauf, Rechnungsführung und Warenversand. Bald aber bat Hsüä Pan seine Gäste, sie sollten an der Tafel Platz nehmen, und goß ihnen der Rangfolge nach Wein ein. Auch Tante Hsüä schickte jemanden hinaus, um ihre Dankesworte zu übermitteln. Als alle tranken und plauderten, bemerkte einer der Gehilfen: „Hier fehlen zwei gute Freunde.“ Alle fragten wie aus einem Munde, wen er meinte, und darauf erwiderte er: „Wen anders als den jungen Herrn Djia Liän aus dem Anwesen der Djias und den Schwurbruder unseres gnädigen Herrn, den jungen Herrn Liu!“ Nun erinnerten auch sie sich und fragten Hsüä Pan: „Warum habt Ihr die beiden jungen Herren nicht ebenfalls eingeladen?“ Hsüä Pan zog die Brauen zusammen und antwortete seufzend: „Der junge Herr Djia ist noch einmal nach Ping-an unterwegs und erst vor zwei Tagen aufgebrochen. An den jungen Herrn Liu aber darf ich gar nicht denken. Denn mit ihm ist es wirklich die merkwürdigste Sache von der Welt. Er ist überhaupt kein junger Herr mehr, vielmehr lebt er jetzt irgendwo als ein Jünger des Dau.“ „Wie das?“ fragten alle verwundert, und Hsüä Pan erzählte ihnen von Anfang bis Ende, was sich mit Liu Hsiang-liän zugetragen hatte. Nun waren sie erst recht entsetzt und verwundert, und einer von ihnen sagte: „Da ist es kein Wunder, daß auch wir neulich im Geschäft mit halbem Ohr gehört haben, wie die Leute aufgeregt erzählten, ein Dauistenpriester habe mit ganz knappen Worten jemand auf den Pfad der Erkenntnis gebracht. Außerdem hieß es, ein Windstoß habe die beiden fortgetragen. Unklar blieb nur, wer es gewesen ist. Wir waren ja damit beschäftigt, die Waren zu verschicken, und hatten natürlich keine Zeit, uns näher zu erkundigen. Bis heute waren wir noch halbwegs im Zweifel, ob die Geschichte wahr sei. Wer hätte gedacht, daß es sich um den jungen Herrn Liu handelte! Hätten wir das gleich gewußt, dann hätten wir ihm alle gut zureden müssen, um ihn, koste es was es wolle, von diesem Schritt abzuhalten...“ „Vielleicht steckt aber auch ganz etwas anderes dahinter“, warf einer der Gehilfen ein. Und als die anderen fragten, was er damit meinte, erklärte er: „Wendig, wie er ist, muß sich der junge Herr Liu dem Dauistenpriester ja nicht wirklich angeschlossen haben. Er verstand sich doch ein wenig auf die Kunst, mit den Waffen umzugehen, und besaß auch Kraft. Wer weiß, ob er nicht die Hexereien dieses Dauisten durchschaute und nur zum Schein mitgegangen ist, um in Wirklichkeit mit ihm abzurechnen!“ „Wenn dem wirklich so wäre, könnte man die Sache auf sich beruhen lassen“, sagte Hsüä Pan. „Warum sollte sich nicht jemand finden, der einmal mit diesen Kerlen abrechnet, die mit ihren teuflischen Lehren die Leute verdummen?“ „Habt Ihr eigentlich nicht nach ihm suchen lassen, als Ihr von der Sache erfahren habt?“ wollten die Gehilfen nun wissen. „Überall habe ich gesucht, innerhalb und außerhalb der Stadt“, beteuerte Hsüä Pan. „Auch wenn ihr vielleicht darüber lachen werdet, aber als ich ihn nicht finden konnte, habe ich sogar geweint.“ Nach diesen Worten seufzte und ächzte er und war überhaupt apathisch und unlustig, ganz anders als in früheren Tagen. Bei diesem Anblick konnten seine Handlungsgehilfen nicht gut lange bei ihm verweilen. So tranken sie nur noch ohne viel Umstände ein paar Becher Wein, aßen von den Speisen, und dann gingen sie wieder fort. Als Bau-yü mit Dai-yü zu Bau-tschai kam, sagte er nach der Begrüßung: „Mit großer Anstrengung hat dir dein Bruder diese Sachen mitgebracht, und anstatt sie zu behalten, schenkst du sie uns.“ Lächelnd entgegnete Bau-tschai: „Es war ja nichts Besonderes, nur Lokalprodukte aus der Ferne. Wenn ihr ein wenig Spaß daran habt, ist alles in Ordnung.“ „In der Kindheit hat man solche Sachen gar nicht beachtet“, sagte Dai-yü. „Aber wenn man sie jetzt sieht, erscheinen sie einem wirklich als etwas Besonderes.“ „Weißt du“, erwiderte Bau-tschai lächelnd, „das ist nichts anderes als das Sprichwort besagt ‚Die Entfernung vom Heimatort macht die Dinge wertvoll.‘ Aber was stellen sie schon großartig dar!“ Als Bau-yü diese Worte hörte, die Dai-yü an ihren Kummer von eben erinnern mußten, lenkte er rasch ab: „Wenn dein Bruder vielleicht nächstes Jahr wieder nach dem Süden reist, muß er uns noch mehr davon mitbringen.“ Dai-yü schoß einen Blick zu ihm hinüber, dann sagte sie: „Wenn du etwas haben willst, dann sag es nur, aber zieh nicht andere mit hinein! – Hör dir das an, Kusine, er kommt sich nicht bei dir bedanken, er will eine Bestellung für nächstes Jahr aufgeben!“ Bau-tschai und Bau-yü lachten darüber, dann plauderten sie zu dritt weiter und kamen dabei auf Dai-yüs Krankheit zu sprechen. Nachdem Bau-tschai schon ein Weilchen auf Dai-yü eingeredet hatte, sagte sie schließlich: „Wenn du dich lustlos fühlst, mußt du dich mit Gewalt zusammenreißen und draußen spazierengehen, um die miese Stimmung zu vertreiben. Das ist auf jeden Fall besser, als traurig im Zimmer zu hocken. Habe ich mich vor ein paar Tagen nicht selbst auch träge und fiebrig gefühlt, und hatte ich nicht nur noch den Wunsch, mich hinzulegen? Aber weil ich bei diesem trügerischen Wetter fürchtete, krank zu werden, suchte ich mir Beschäftigung, um darüber hinwegzukommen. Erst in den letzten Tagen fühle ich mich wieder besser.“ „Du hast natürlich recht“, pflichtete Dai-yü ihr bei. „Ich denke genauso.“ Ehe sie sich trennten, saßen sie noch ein Weilchen beisammen, und dann begleitete Bau-yü erst Dai-yü bis ans Tor der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, bevor er wieder seine eigenen Räume aufsuchte. Als Nebenfrau Dschau sah, daß auch Djia Huan einige Geschenke von Bau-tschai erhielt, war sie hocherfreut und dachte sich: „Man kann wahrhaftig niemand einen Vorwurf machen, wenn er von dieser Bau-tschai sagt, sie wisse sich zu benehmen und sei großzügig. Wie es jetzt aussieht, ist das wirklich wahr. Wieviel kann denn ihr Bruder von diesen Sachen mitgebracht haben, und trotzdem schickt sie jemand damit von Tür zu Tür, übergeht niemand dabei und zeigt auch nicht, wer ihr mehr wert ist und wer weniger. Sogar an uns Unglücksmenschen hat sie noch gedacht. Dai-yü dagegen hätte an ihrer Stelle nicht einmal einen Blick für uns übrig gehabt, von Geschenken ganz zu schweigen.“ Bei diesen Überlegungen drehte und wendete sie die Geschenke, um sie genauer in Augenschein zu nehmen, und plötzlich fiel ihr ein, daß ja Bau-tschai eine Blutsverwandte von Dame Wang war. Warum sollte sie also die Gelegenheit nicht nutzen, um sich bei Dame Wang einzuschmeicheln! Mit den Geschenken in der Hand ging sie verstohlen zu Dame Wang hinüber, nahm dort an der Seite Aufstellung, setzte ein Lächeln auf und sagte: „Das hier hat Huan eben von Fräulein Bau-tschai bekommen. Ist es nicht bewundernswert, daß ein junges Mädchen so aufmerksam ist? Das ist wirklich die rechte Art für ein Fräulein aus großem Hause – aufgeschlossen und großzügig. Wie sollte man sie da nicht verehren?! Kein Wunder, daß die alte gnädige Frau und auch Ihr, gnädige Frau, sie nur immer mit Lob und Liebe bedenkt! Darum wage ich es auch nicht, die Geschenke ganz für uns allein zu behalten, und komme extra damit her, um sie Euch zu zeigen, damit auch Ihr Eure Freude daran habt, gnädige Frau.“ Dame Wang begriff natürlich sofort, warum Nebenfrau Dschau gekommen war, und hörte, daß es Unsinn war, was sie vorbrachte. Andererseits war es ihr nicht gut möglich, sie einfach unbeachtet zu lassen, darum sagte sie: „Nimm nur und laß Huan damit spielen!“ Nebenfrau Dschau war in Hochstimmung gekommen, nun aber hatte sie sich wider Erwarten eine Abfuhr geholt. Innerlich erfüllt von Wut, was sie nicht zu zeigen wagte, zog sie betreten wieder ab. Als sie in ihre Räume kam, warf sie die Sachen beiseite und murmelte: „Was ist das schon groß!“ Dann setzte sie sich nieder und brütete eine Weile ärgerlich vor sich hin. Als Ying-örl und die alte Sklavenfrau alle Geschenke ausgetragen hatten und zurückkamen, machten sie Bau-tschai davon Meldung und berichteten ihr, was jeder zum Dank gesagt hatte und wieviel Trinkgeld sie bekommen hatten. Dann ging die alte Sklavenfrau hinaus, Ying-örl aber trat einen Schritt näher und sagte leise zu Bau-tschai: „Als ich eben bei der zweiten jungen gnädigen Frau war, hat sie ein ganz böses Gesicht gemacht. Nachdem ich ihr die Geschenke übergeben hatte und wieder draußen war, befragte ich heimlich Hsiau-hung, und sie hat mir erzählt, die zweite junge gnädige Frau sei eben aus den Räumen der alten gnädigen Frau zurückgekommen, aber gar nicht so fröhlich und ausgelassen wie sonst, habe Ping-örl zu sich gerufen und geheimnisvoll mit ihr geflüstert. Das sieht doch so aus, als ob etwas Schwerwiegendes vorgefallen wäre. Habt Ihr nicht gehört, ob es drüben bei der alten gnädigen Frau etwas gegeben hat?“ Auch Bau-tschai war verwundert und konnte sich nicht vorstellen, worüber Hsi-fëng böse sein sollte. Darum sagte sie: „Ein jeder hat seine eigenen Sorgen. Wie könnten wir uns um alles kümmern?! Geh mir jetzt Tee holen!“ Also ging Ying-örl hinaus und goß Tee ein, aber davon soll hier nicht erzählt werden. Als Bau-yü dann Dai-yü nach Hause begleitet hatte, dachte er über ihre Einsamkeit und Bitternis nach, und unwillkürlich überkam auch ihn der Schmerz. Er hätte gern mit Hsi-jën darüber gesprochen, aber als er in seine Räume trat, waren nur Schë-yüä und Tjiu-wën da. Also erkundigte er sich: „Wo ist eure Schwester Hsi-jën?“ „Wo könnte sie anders sein als in einem der Gehöfte hier?“ gab Schë-yüä zurück. „Sie geht dir schon nicht verloren. Kaum daß sie einmal nicht da ist, mußt du gleich nach ihr suchen.“ „Ich habe nicht Angst, daß sie mir verloren gehen könnte, sondern ich war eben bei Fräulein Lin und habe gesehen, daß sie wieder einmal sehr traurig ist“, sagte Bau-yü lächelnd. „Als ich nach dem Grund fragte, stellte sich heraus, daß der Anblick der Geschenke von Fräulein Hsüä, weil sie aus ihrer Heimatgegend kommen, alte Wunden bei ihr aufgerissen hat. Das wollte ich Hsi-jën sagen, damit sie zu Fräulein Lin hinübergeht, wenn sie etwas Muße hat, und sie tröstet.“ Bei diesen Worten kam Tjing-wën herein und sagte: „Da bist du ja! Wen willst du wieder einmal trösten lassen?“ Da erzählte Bau-yü auch ihr, was er eben gesagt hatte, und Tjing-wën berichtete: „Schwester Hsi-jën ist gerade erst fortgegangen. Ich habe gehört, wie sie gesagt hat, sie wolle zur zweiten jungen gnädigen Frau hinüber. Wer weiß, vielleicht schaut sie auch bei Fräulein Lin mit hinein.“ Nun sagte Bau-yü nichts mehr, und Tjiu-wën goß ihm Tee ein. Nachdem er sich den Mund damit gespült hatte, reichte er die Schale einem der kleineren Sklavenmädchen und streckte sich betrübt, wie er war, auf seinem Bett aus. Hsi-jën hatte sich, als Bau-yü ausgegangen war, zunächst eine Zeitlang mit einer Handarbeit beschäftigt. Dann war ihr plötzlich eingefallen, daß ja Hsi-fëng sich nicht wohl fühlte, daß sie schon tagelang nicht bei ihr gewesen war und daß sie doch gehört hatte, Djia Liän sei nicht zu Hause. Eine günstige Gelegenheit für einen großen Plausch! Also sagte sie zu Tjing-wën: „Bleibt schön im Haus und lauft nicht alle weg, damit Bau-yü nicht etwa niemand vorfindet, wenn er zurückkommt!“ „O weh, du bist wirklich die einzige, die sich hier Gedanken um ihn macht, während alle andern nur Müßiggänger und unnütze Fresser sind“, gab Tjing-wën zurück. Hsi-jën lachte nur darüber und ging hinaus, ohne etwas erwidert zu haben. Als sie an die Duftgetränkte Brücke kam, standen dort – denn es war die Zeit zwischen Sommerende und Herbstanfang – die Lotosblumen eben an der Schwelle zwischen Unversehrtheit und Verfall, und ihr Rot und Grün war schon in Auflösung begriffen. Im Weitergehen erfreute sich Hsi-jën an dem Anblick, der sich ihr am Deich entlang bot, doch als sie unversehens den Kopf hob, erblickte sie unter dem Weinspalier am anderen Ufer eine Gestalt, die einen Flederwisch in der Hand hielt und damit herumfuchtelte. Als sie näher kam, erkannte sie Mutter Dschu. Kaum war die Alte auf Hsi-jën aufmerksam geworden, kam sie ihr mit lächelnder Miene entgegen und fragte: „Wie kommt es denn, daß Ihr heute Zeit habt, spazierenzugehen, Fräulein?“ „Woher denn!“ sagte Hsi-jën abwehrend, „ich bin auf dem Wege zur zweiten jungen gnädigen Frau, um nach ihr zu sehen. Aber was treibst du hier?“ „Ich scheuche die Wespen fort“, entgegnete die Alte. „In diesem Jahr hat es während der Hundstage wenig Regen gegeben, und so sind die Obstbäume voller Ungeziefer. So zerfressen ist das Obst, daß vieles schon abgefallen ist. Und am allerschlimmsten sind die Wespen. Ihr habt das wahrscheinlich noch nicht gewußt, Fräulein, aber wenn sie von einer Traube auch nur zwei, drei Beeren anfressen und der Saft tropft daraus auf die guten Beeren, dann verfault die ganze Traube. Da, seht nur, während wir miteinander sprachen, hielt ich den Wedel still, und schon sitzen jede Menge Wespen auf den Beeren.“ „Wie viele kannst du schon wegscheuchen, selbst wenn du ununterbrochen wedelst“, wandte Hsi-jën ein. „Du mußt den Einkäufern sagen, sie sollen viele, viele Beutel aus Baumwollgaze machen lassen, von denen dann einer über jede Traube gezogen wird. So bekommen sie Luft und sind trotzdem geschützt.“ „Ihr habt recht, Fräulein“, sagte die Alte lächelnd. „Ich mache das hier in diesem Jahr zum erstenmal, darum habe ich diesen Kniff noch nicht gekannt.“ Dann fuhr sie fort: „Es ist zwar viel Obst verdorben in diesem Jahr, aber wohlschmeckend ist es. Wenn Ihr mir nicht glauben wollt, werde ich Euch etwas pflücken, damit Ihr kosten könnt.“ „Wie ginge das an?!“ hielt Hsi-jën ihr mit ernsthafter Miene vor. „Ganz abgesehen davon, daß es noch nicht reif und deshalb nicht zu genießen ist, selbst wenn es reif wäre, könnten wir doch nicht davon essen, noch ehe den Oberen davon dargebracht ist. Du bist doch hier im Dienst alt geworden, hast du da etwa nicht einmal diese Regel begriffen?“ „Ihr seid ganz im Recht, Fräulein“, sagte die Alte rasch und lächelte dazu. „Nur weil ich mich so freute, Euch zu sehen, wagte ich, Euch von dem Obst anzubieten, und habe dadurch die Regel verletzt. Ich werde wirklich schon dumm vor Alter.“ „Schon gut“, beschwichtigte Hsi-jën sie nun. „Wenn nur ihr alten Ammen den Jüngeren kein schlechtes Beispiel gebt, ist schon alles in Ordnung.“ Nach diesen Worten ging Hsi-jën geradewegs zum Gartentor hinaus und begab sich zu den Wohnräumen von Hsi-fëng. Kaum war sie hier in den Hof getreten, hörte sie Hsi-fëngs Stimme: „Hat man da noch Worte?! Während ich hier krank im Bett schmore, wird er mehr und mehr zum Banditen!“ Hsi-jën begriff, daß etwas vorgefallen sein mußte und daß sie deshalb weder gut vor noch zurück konnte, darum trat sie etwas lauter auf und fragte durchs Fenster: „Bist du zu Hause, Schwester Ping-örl?“ Rasch antwortete Ping-örl von drinnen jawohl und ging Hsi-jën entgegen. „Ist die zweite junge gnädige Frau auch zu Hause? Geht es ihr wieder besser?“ erkundigte sich Hsi-jën, und schon stand sie im Zimmer. Hier gab sich Hsi-fëng den Anschein, als habe sie auf dem Bett geruht, und als Hsi-jën eintrat, erhob sie sich lächelnd und sagte: „Etwas besser geht es mir schon. Entschuldige, daß ich dir Sorgen bereitet habe! Aber warum bist du in all den Tagen nie herübergekommen, um ein Weilchen mit uns zusammenzusitzen?“ „Ihr befindet Euch unwohl, junge gnädige Frau, und so müßten wir eigentlich tagtäglich kommen, um Euch Wohlergehen zu wünschen“, erklärte Hsi-jën. „Aber ich hatte mir gedacht, da Ihr nicht auf dem Posten seid, wolltet Ihr Euch bestimmt ungestört der Ruhe hingeben, und wenn wir kämen, würde unser Geschwätz Euch lästig werden.“ „Von lästig kann nicht die Rede sein“, gab Hsi-fëng lächelnd zurück, „aber von all den Mädchen in Bau-yüs Räumen bist du die einzige, auf die Verlaß ist, und so kannst du wirklich nicht fort. Doch Ping-örl hat mir oft berichtet, wie du dich insgeheim um mich gesorgt und dich oft nach mir erkundigt hast. Damit hast du getan, was du konntest.“ Dann befahl sie Ping-örl, einen Hocker zu bringen und an ihr Bett zu stellen, damit Hsi-jën sich setzen konnte. Als Fëng-örl dann den Tee hereinbrachte, verneigte sich Hsi-jën im Sitzen und forderte sie auf: „Nimm doch Platz, Schwester!“ Während sie dann miteinander plauderten, hörte Hsi-jën, wie im Vorraum ein kleineres Sklavenmädchen leise zu Ping-örl sagte: „Lai Wang ist da, er wartet am Innentor.“ Und Ping-örl erwiderte genauso leise: „Gut, ich weiß Bescheid. Schick ihn noch einmal weg, und wenn er dann wieder da ist, soll er hereinkommen, ohne am Tor stehenzubleiben.“ Daraus schloß Hsi-jën, daß sie hier im Wege war, und nach einigen weiteren Sätzen stand sie auf, um zu gehen. „Wenn du wieder einmal Zeit hast, komm her, setz dich zu uns und plaudere mit uns, das macht mir Freude“, forderte Hsi-fëng sie auf. Dann befahl sie Ping-örl: „Begleite deine Schwester hinaus!“ Ping-örl sagte: „Jawohl!“ und trat mit Hsi-jën hinaus. Dort standen zwei, drei kleinere Sklavenmädchen in korrekter Haltung wartend bereit und wagten kaum zu atmen. Hsi-jën konnte sich keinen Reim darauf machen und ging ihres Weges. Kaum hatte sie Hsi-jën draußen verabschiedet, ging Ping-örl wieder hinein und meldete Hsi-fëng: „Eben ist Lai Wang gekommen, aber weil Hsi-jën hier war, habe ich ihm sagen lassen, er solle draußen warten. Soll ich ihn jetzt gleich holen lassen, oder wollt Ihr warten, bis er wiederkommt? Ich bitte um Eure Weisung, junge Herrin.“ „Laß ihn holen!“ sagte Hsi-fëng, und sofort befahl Ping-örl den kleinen Sklavenmädchen, hinauszugehen und Lai Wang zu bestellen, er solle jetzt kommen. Dann erkundigte sich Hsi-fëng bei Ping-örl: „Wie hast du es erfahren?“ „Eine kleine Magd hat es mir erzählt, dieselbe wie voriges Mal“, gab Ping-örl Auskunft. „Sie sagte, daß sie am Innentor gehört hätte, wie zwei von den Jungens hinter dem Tor miteinander sprachen und der eine sagte: ‚Die neue Frau des zweiten jungen Herrn ist schöner als die alte, und ein besseres Gemüt hat sie auch.‘ Dann habe Lai Wang oder wer die beiden angeschrien und gesagt: ‚Was heißt neue Frau, alte Frau?! Wollt ihr wohl endlich still sein! Wenn die drinnen davon erfahren, wird man euch die Zunge abschneiden!‘“ Während Ping-örl das erzählte, kam eines der kleineren Sklavenmädchen herein, um zu melden: „Lai Wang wartet draußen.“ Mit kühlem Lächeln befahl Hsi-fëng: „Er soll hereinkommen!“ Das Sklavenmädchen ging hinaus und sagte dort: „Die junge gnädige Frau läßt rufen.“ Sofort sagte Lai Wang jawohl und trat ins Haus. Nachdem er seinen Gruß entboten hatte, nahm er mit dienstfertig herabhängenden Armen an der Tür des Vorraums Aufstellung. „Komm her, ich will dich etwas fragen!“ sagte Hsi-fëng, und jetzt erst trat Lai Wang in den Innenraum und blieb wieder an der Tür stehen. „Weißt du etwas davon, daß sich der junge Herr draußen jemand angeschafft hat?“ fragte Hsi-fëng. Noch einmal beugte Lai Wang das Knie und sagte: „Ich Sklave stehe tagtäglich in Erwartung von Aufträgen am Innentor, wie könnte ich davon wissen, was der junge Herr außerhalb tut?“ „Natürlich weißt du von nichts“, sagte Hsi-fëng mit höhnischem Lächeln, „wenn du etwas wüßtest, wie könntest du dann versuchen, ihn zu decken?!“ Aus diesen Worten schloß Lai Wang, daß er sich schon verraten hatte, und da er fürchtete, nichts mehr vertuschen zu können, kniete er nieder und berichtete: „Ich Sklave weiß wahrhaftig nichts. Neulich habe ich Hsing-örl und Hsi-örl nur die Meinung gesagt, als sie diesen Unsinn schwatzten, aber die näheren Umstände kenne ich nicht, und ich möchte Euch keinen falschen Bericht geben, junge gnädige Frau. Fragt bitte Hsing-örl, er ist lange Zeit mit dem jungen Herrn zusammen draußen gewesen.“ Als Hsi-fëng das gehört hatte, spuckte sie aus, so stark sie konnte, und schimpfte: „Ihr verkommenes, gewissenloses Pack! Ihr steckt doch alle unter einer Decke und glaubt, ich merke nichts. Hol mir Hsing-örl, diesen Hurensohn! Aber geh nicht fort! Wenn ich mit ihm fertig bin, rede ich mit dir weiter. Ha! Ein sauberes Gesindel habe ich da in meinen Diensten herangezogen!“ Lai Wang hatte keine andere Wahl, als immer wieder jawohl zu sagen. Dann schlug er mit der Stirn auf den Boden, rappelte sich auf und ging hinaus, um Hsing-örl zu holen. Hsing-örl saß gerade mit anderen Sklavenjungen zusammen in der Buchhaltung beim Spiel, als er hörte, die zweite junge Herrin lasse ihn rufen. Im ersten Augenblick fuhr er vor Schreck zusammen, aber da er nicht ahnen konnte, was bereits im Gange war, folgte er Lai Wang rasch nach drinnen. Als Lai Wang zuerst allein hineinging und meldete, Hsing-örl sei da, brüllte Hsi-fëng mit furchtbarer Stimme: „Hol ihn herein!“ Kaum daß Hsing-örl diese Stimme vernahm, wußte er weder aus noch ein, aber wohl oder übel mußte er seinen Mut zusammennehmen und eintreten. Als Hsi-fëng ihn erblickte, sagte sie sofort: „Ein feiner Schlingel bist du! Und feine Dinge treibst du mit deinem Herrn! Los, raus mit der Sprache!“ Bei diesen Worten und beim Anblick von Hsi-fëngs Miene und den Sklavenmädchen, die zu beiden Seiten bereitstanden, begannen Hsing-örl die Glieder zu schlottern, und schon kniete er nieder und schlug in einem fort mit der Stirn auf den Boden. „Wie ich hörte, hast du ja mit der Sache nichts zu tun“, fuhr Hsi-fëng jetzt fort, „aber dein Fehler war es, daß du mir nicht schon längst davon berichtet hast. Wenn du mir jetzt die Wahrheit sagst, will ich dir noch verzeihen, aber wenn du auch nur ein einziges Wort lügen willst, dann überzeug dich besser als Erstes, wie viele Köpfe du auf den Schultern hast!“ Zitternd schlug Hsing-örl noch einmal mit der Stirn vor ihr auf den Boden, ehe er fragte: „Was für Dinge meint Ihr, junge gnädige Frau, die ich Sklave mit dem jungen Herrn zusammen verbrochen haben soll?“ Jetzt begann es in Hsi-fëng zu kochen, und sie schrie: „Aufs Maul schlagen!“ Schon trat Lai Wang näher und wollte zuschlagen, da schimpfte Hsi-fëng: „Du dummer Hurensohn! Er selbst soll sich schlagen, was braucht es dich! Für deine Ohrfeigen ist nachher noch Zeit, wenn ihr alle ihn schlagt.“ Tatsächlich holte Hsing-örl links und rechts aus und gab sich mehr als zehn Ohrfeigen. „Genug!“ rief Hsi-fëng und fragte: „Daß der junge Herr woanders eine neue Frau genommen hat, weißt du also nicht, nein?“ Als Hsing-örl hörte, worum es ging, verlor er vollends den Kopf. Hastig riß er seine Mütze herunter, schlug mit der Stirn auf den Backsteinboden, daß es dröhnte, und versprach: „Wenn Ihr mir nur das Leben schenkt, junge gnädige Frau, werde ich Sklave mich nicht erdreisten, auch nur ein einziges Wort zu lügen.“ „Also sprich, aber schnell!“ forderte Hsi-fëng ihn auf. Hsing-örl richtete sich in kniender Haltung kerzengerade auf, und dann berichtete er: „Ich Sklave hatte zuvor keine Ahnung von der Sache. Eines Tages aber, als der Leichnam des alten gnädigen Herrn aus dem anderen Anwesen schon in den Familientempel übergeführt worden war, kam Yü Lu dorthin, um sich vom gnädigen Herrn Dschën Silber geben zu lassen. Da ist unser junger Herr mit Herrn Jung zusammen in das andere Anwesen geritten, und unterwegs haben sie von den beiden Schwestern der Frau des gnädigen Herrn Dschën gesprochen. Als unser junger Herr die beiden gelobt hat, hat Herr Jung ihm zum Scherz angeboten, er wolle ihm die gnädige Frau Tante zur Frau geben...“ Als Hsi-fëng bis hierher zugehört hatte, spuckte sie wütend aus und schnauzte ihn an: „Du schamloser Hurenbock! Was für eine gnädige Frau Tante ist sie für dich?!“ Rasch schlug Hsing-örl erneut mit der Stirn auf den Boden und versicherte: „Ich Sklave habe den Tod verdient.“ Dann blickte er wieder auf, wagte aber nicht fortzufahren. „War das schon alles? Warum sprichst du nicht weiter?“ fragte Hsi-fëng. Jetzt erst machte Hsing-örl wieder den Mund auf und sagte: „Nur wenn Ihr mir Sklaven verzeiht, werde ich wagen weiterzusprechen, junge gnädige Frau.“ „Einen Dreck werde ich tun!“ schimpfte Hsi-fëng, nachdem sie ein weiteres Mal ausgespuckt hatte. „Was heißt hier verzeihen? Erzähl nur hübsch weiter, es fehlt noch eine ganze Menge!“ Also fuhr Hsing-örl fort: „Als der junge Herr das hörte, hat er sich gefreut. Später ist dann, ich weiß nicht wie, Ernst aus der Sache geworden.“ „Natürlich, wie könntest du das auch wissen!“ höhnte Hsi-fëng mit einem leichten ironischen Lächeln. „Alles, was du weißt, bringt dir nur Ärger ein. Also los, erzähl mir, was dann daraus geworden ist!“ „Dann hat Herr Jung für den jungen Herrn ein Haus gesucht“, fuhr Hsing-örl fort. „Wo ist dieses Haus?“ wollte Hsi-fëng sofort wissen. „Hinter unserm Anwesen“, verriet Hsing-örl. „Ach!“ sagte Hsi-fëng. Dann wandte sie sich um, blickte Ping-örl an und sagte: „Was waren wir dumm! Hör dir das an!“ Ping-örl wagte kein Wort darauf zu erwidern, und Hsing-örl fuhr in seinem Bericht fort: „Die Familie Dschang hat vom gnädigen Herrn Dschën Silber bekommen, wieviel weiß ich nicht, und hat nichts dazu gesagt.“ „Wieso kommt nun wieder eine Familie Dschang ins Spiel?“ erkundigte sich Hsi-fëng. „Ihr müßt wissen, junge gnädige Frau, daß die gnädige junge Frau Tante...“ Hier unterbrach sich Hsing-örl und gab sich eine Ohrfeige. Als Hsi-fëng deswegen auflachte, verzogen auch die Sklavenmädchen, die auf beiden Seiten standen, den Mund zu einem Lächeln. Hsing-örl aber dachte nach und korrigierte sich dann: „Also die Schwester der Frau des gnädigen Herrn Dschën...“ „Was war?“ fragte Hsi-fëng. „So rede doch endlich!“ „Die Schwester der Frau des gnädigen Herrn Dschën war eigentlich von klein auf mit einem gewissen Dschang verlobt“, erzählte Hsing-örl weiter. „Dschang Hua heißt er wohl. Aber der ist jetzt so arm, daß er auf Almosen angewiesen ist und sein Essen zusammenbetteln muß. Der gnädige Herr Dschën hat ihm Silber gegeben, und da hat er auf seine Verlobte verzichtet.“ Hier nickte Hsi-fëng, wandte sich zu ihren Sklavenmädchen und fragte: „Habt ihr das alles gehört? Aber zuerst hat dieser kleine Hurenbengel behauptet, er wisse von nichts.“ Und wieder fuhr Hsing-örl fort: „Dann erst hat der junge Herr befohlen, das Haus neu zu tapezieren, und hat seine Frau dorthin geholt.“ „Woher hat er sie geholt?“ wollte Hsi-fëng wissen. „Aus dem Haus ihrer Mutter“, antwortete Hsing-örl. „Schön“, sagte Hsi-fëng, um dann weiter zu fragen: „Hat niemand der Braut das Geleit gegeben?“ „Einzig Herr Jung“, sagte Hsing-örl, „sonst nur ein paar Mägde und alte Weiber, weiter niemand.“ „Die junge gnädige Frau von drüben war nicht dabei?“ vergewisserte sich Hsi-fëng. „Nein“, sagte Hsing-örl, „sie ist erst ein paar Tage später gekommen und hat Geschenke gebracht.“ Hsi-fëng lächelte flüchtig, dann sah sie sich nach Ping-örl um und sagte: „Ist es ein Wunder, daß unser junger Herr die junge gnädige Frau von drüben in der letzten Zeit nur in einem fort gepriesen hat?“ Dann wandte sie sich wieder Hsing-örl zu, um ihn weiter auszufragen: „Wer bedient dort? Natürlich du!“ Rasch schlug Hsing-örl mit der Stirn auf den Boden, sagte aber kein Wort. Also fragte Hsi-fëng: „Demnach war d a s seine Beschäftigung, wenn er in der letzten Zeit immer gesagt hat, er habe drüben im anderen Anwesen zu tun?“ „Teils hatte er wirklich drüben zu tun, teils war er in seinem neuen Haus“, gestand Hsing-örl. „Und wer wohnt mit ihm zusammen?“ wollte Hsi-fëng nun wissen. „Ihre Mutter und zuerst auch noch ihre jüngere Schwester, aber die hat sich jetzt die Gurgel durchgeschnitten“, sagte Hsing-örl. „Warum das nun wieder?“ fragte Hsi-fëng, und daraufhin erzählte Hsing-örl ihr die Sache mit Liu Hsiang-liän. „Der Mann ist vom Glück begünstigt, möchte ich sagen, denn es ist ihm erspart geblieben, ein stadtbekannter Hahnrei zu werden“, kommentierte Hsi-fëng, um sich dann zu erkundigen: „Weiter war nichts?“ „Weiter weiß ich Sklave nichts“, beteuerte Hsing-örl. „Und jedes Wort, das ich Sklave eben gesagt habe, ist wahr. Wenn Ihr herausfindet, daß auch nur ein Wort gelogen war, könnt Ihr mich totschlagen, ohne daß ich deswegen grollen werde, junge gnädige Frau.“ Hsi-fëng saß ein Weilchen mit gesenktem Kopf da, dann wies sie mit der Hand auf Hsing-örl und sagte: „Ich sollte dich wirklich totschlagen, du Affenbastard! Hast du geglaubt, du könntest mir etwas verheimlichen? Wolltest es verheimlichen, um dich bei deinem törichten Herrn und deiner neuen jungen Herrin einzuschmeicheln, ja? Wenn ich nicht gesehen hätte, daß du eben vor lauter Angst nicht zu lügen wagtest, würde ich dir die Beine brechen lassen. – Steh auf!“ herrschte sie ihn schließlich an, und Hsing-örl schlug ein weiteres Mal mit der Stirn auf den Boden, bevor er wieder aufstand und sich bis an die Tür des Vorraums zurückzog, wo er abwartend stehenblieb, weil er nicht einfach zu gehen wagte. „Komm her, ich habe dir noch etwas zu sagen!“ befahl ihm Hsi-fëng, und rasch nahm Hsing-örl mit herabhängenden Armen vor ihr Aufstellung, um ergeben zuzuhören. „Warum so eilig?“ fragte Hsi-fëng. „Deine neue junge Herrin wartet wohl mit einer Belohnung auf dich?“ Hsing-örl wagte nicht einmal aufzublicken, und Hsi-fëng fuhr fort: „Ab sofort gehst du mir nicht mehr dorthin! Wann immer ich dich rufen lasse, kommst du zu mir! Und versuch es nur, auch nur einen Augenblick zu zögern. – Raus jetzt!“ Hastig sagte Hsing-örl mehrmals hintereinander jawohl, dann zog er sich vor die Tür zurück. Aber noch einmal rief Hsi-fëng: „Hsing-örl!“ Sofort antwortete er und kam wieder herein. „Jetzt willst du wohl schnell zu deinem Herrn eilen, um ihm alles zu erzählen, ja?“ fragte Hsi-fëng. „Ich Sklave werde es nicht wagen“, versicherte Hsing-örl. „Wenn du draußen auch nur ein Wort davon erwähnst, dann nimm dein Fell in acht!“ warnte ihn Hsi-fëng, und rasch sagte Hsing-örl jawohl dazu, ehe er wieder hinausging. „Lai Wang?“ rief Hsi-fëng nun. Und sofort meldete sich Lai Wang und kam herein. Schweigend ließ Hsi-fëng ihren Blick so lange auf ihm ruhen, wie man braucht, um zwei, drei Sätze zu sprechen, dann erst sagte sie: „Brav, mein guter Lai Wang! Jetzt kannst du gehen, aber wenn irgendjemand draußen auch nur ein Wort über die Sache spricht, wirst du mir dafür geradestehen.“ „Jawohl“, sagte Lai Wang und ging. Inzwischen verlangte Hsi-fëng nach Tee, und die kleineren Sklavenmädchen verstanden, wie das gemeint war, und gingen sämtlich hinaus. Dann erst sagte Hsi-fëng sarkastisch zu Ping-örl: „Hast du das gehört? War das nicht gut?“ Aber Ping-örl wagte nichts zu erwidern und lächelte nur schweigend zu ihr hinüber. Je länger Hsi-fëng über den Fall nachdachte, desto mehr geriet sie in Zorn. An ihre Kissen gelehnt, brütete sie stumm vor sich hin. Auf einmal aber runzelte sie die Brauen – jetzt hatte sie einen Plan bereit. „Ping-örl!“ rief sie, und Ping-örl sagte rasch jawohl und trat näher. „Paß auf, wie wir es machen müssen!“ sagte Hsi-fëng. „Wir dürfen nicht warten, bis der junge Herr wieder zurück ist.“ Wer wissen will, was Hsi-fëng unternahm, muß das nächste Kapitel lesen.

Anmerkungen

  1. Berühmte Sehenswürdigkeit nahe der Stadt Su-dschou, Provinz Djiang-su.