Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 107"
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== 散馀资贾母明大义 / 复世职政老沐天恩 == | == 散馀资贾母明大义 / 复世职政老沐天恩 == | ||
| − | zu werden, und das Verfolgen eines solchen Abschieds ist meist noch trauriger als der eigentliche Abschied selbst. Das Jung-guo-Anwesen, einst ein so strahlender Ort der Vornehmheit, war nun von Jammern und Klagen erfüllt. | + | '''Aus weiser Großzügigkeit verteilt die Herzoginmutter ihren persönlichen BesitzDank kaiserlicher Gunst empfängt Djia Dschëng den erblichen Rang und Titel seines Bruders.''' |
| − | Djia Dschëng war gewöhnlich ein großer Verfechter von Formalitäten, und so fuhr er trotz allem fort, Djia Schë den ernsten Respekt entgegen zu bringen, der einem älteren Bruder gebührte. Die zwei Brüder reichten sich daheim die Hände, und Djia Dschëng ritt dann vor hinter die Stadtmauer und wartete dort, um | + | |
| + | Djia Dschëng kam am Palast an und begrüßte die verschiedenen Prinzen und Militär-Geheimräte, die versammelt waren, um ihn zu treffen. | ||
| + | „Seine Majestät hat uns angewiesen, Sie heute hierherzurufen“, sagte der Prinz von Bei-jing. „Ich befolge des Kaisers Befehl, um Sie zu befragen.“ | ||
| + | Djia Dschëng kniete umgehend nieder und die Befragung wurde fortgesetzt: „War Ihnen bewußt, daß ihr älterer Bruder sich mit einem Beamten der Provinz zu seinem Vorteil verschworen hatte? Daß er seinen Einfluß mißbraucht und schutzlose Bürger schikaniert hat? Daß er seinem Sohn das Glücksspiel und ein nachlässiges Leben erlaubt hat und daß dieser Sohn mutwillig die Verlobte einer unschuldigen Person in sein Bett führte und sie zu Tode brachte, als sie sein Verlangen nicht stillen wollte?“ | ||
| + | Djia Dschën antwortete, so gut er konnte: „Seitdem ich Dank seiner Majestät Bildungskomissar wurde, war ich zunächst verpflichtet, Entlastungsmaßnahmen zu überwachen und dann, bei meiner Rückkehr nach Hause gegen Ende des letzten Winters, wurde ich von meinen Vorgesetzten abgeordnet, Sanierungsarbeiten zu überwachen und wurde anschließend als Getreide-Intendant in die Provinz Djianghsi berufen. Von dieser letzten Stellung kehrte ich unter Anklage in die Hauptstadt zurück und habe gerade meine frühere Position in der Arbeitsbehörde wieder angetreten. Ich habe mich wirklich bemüht, diese amtlichen Pflichten gründlich zu erfüllen. Doch ich fürchte, daß ich dabei völlig vernachlässigt habe, meinen eigenen Haushalt in Ordnung zu halten. Für diesen unentschuldbaren Fehler auf meiner Seite, für mein offensichtliches Versagen, meinen Söhnen und Neffen die richtigen Verhaltensgrundsätze beizubringen, für meine üble Undankbarkeit gegenüber dem Thron, kann ich nur darum bitten, daß seine Majestät mich mit der angemessenen Strenge bestrafen.“ | ||
| + | Der Prinz von Bei-jing begab sich fort, um dies mit dem Kaiser zu besprechen und kehrte nach einem kurzen Moment mit dem Kaiserlichen Edikt zurück, welches er der versammelten Gesellschaft vortrug: „Wir haben eine Anklage vom Zensorat erhalten, die besagt, daß Djia Schë sich mit einem Beamten der Provinz verschworen hat und seinen eigenen Einfluß ausnutzte, um schutzlose Bürger zu schikanieren. Der Provinzbeamte, den der Zensor nannte, war der Präfekt von Ping-an. Djia Schë, so besagt es die Anklage, sprach sich mit dem Präfekten ab, um Einfluß auf die Untersuchung zu nehmen. Bei näherer Untersuchung bestätigte Djia Schë jedoch, daß der Präfekt tatsächlich mit ihm durch Heirat verwandt war und daß ihre Beziehung eine rein persönliche war. Der Zensor war weiterhin nicht in der Lage, diesen Teil der Anklage zu belegen. Ein anderer Teil wurde allerdings bestätigt, nämlich daß Djia Schë seinen persönlichen Einfluß benutzte, um ‚Schï den Toren’ zu nötigen, sich von einem antiquarischen Fächer zu trennen. Hierbei handelt es sich aber lediglich um Bagatellen und muß daher von den ernsten Fällen des Mißbrauchs getrennt werden. Der darauf folgende Selbstmord von Schï Dai-Dsï kann ebenso nur als Resultat seiner eigenen Exzentrizität gedeutet werden, und es ist unwahrscheinlich, daß er ‚in den Tod getrieben‘ wurde. Wir sehen uns also bereit, Djia Schë Nachsicht zu zeigen und ihn zum Strafdienst an einem Militärposten an der Grenze zu versetzen, wo er sich durch pflichttreuen Dienst freikaufen kann. | ||
| + | Mit Bezug auf die erste Klage, die gegen Djia Dschën hervorgebracht wurde, daß er gewaltsam die Verlobte eines unschuldigen Bürgers in sein Bett genommen und sie zu Tode gebracht habe, als sie seinen Willen nicht erfüllen wollte: Nach Begutachtung des eigentlichen Berichtes im Zensorat fanden wir heraus, daß die besagte Dame, eine gewisse zweite Schwester You, mit einem gewissen Dschang Hua verlobt wurde, als beide noch im Mutterleib waren. Die Hochzeit wurde nie gefeiert, tatsächlich wünschte er selbst, daß sie auf Grund seiner eigenen Armut annuliert würde. Die Mutter der zweiten Schwester You war auch damit einverstanden, daß ihre Tochter als Konkubine genommen würde, von Djia Dschëns jüngerem Bruder [Djia Liän]. Also war dies offensichtlich keine ‚gewaltsame Besitznahme’. Dann der Fall der dritten Schwester You: hier lautet die Anklage, daß sie nach ihrem Selbstmord geheim beerdigt und ihr Tod von den Behörden vertuscht wurde. Bei weiteren Untersuchungen wurde herausgefunden, daß diese dritte Schwester You die jüngere Schwester von Djia Dschëns Frau war und daß ihre eigentliche Absicht war, eine Hochzeit für sie zu arrangieren. Die weit verbreiteten und bösen Gerüchte, die um ihre Person kursierten, ihre eigenen Gefühle der Scham und der Reue, sowie das Bestehen ihres Verlobten darauf, ihm die Brautgeschenke zurückzugeben, waren die eigentliche Ursache ihres Selbstmordes, keine schlechte Behandlung oder Nötigung auf Seiten Djia Dschëns. Als Träger der erblichen Position jedoch, verdient Djia Dschën, für die Unkenntnisse über das Gesetz schwer bestraft zu werden, und für seinen Fehler, die Beerdigung einer verschiedenen Person nicht berichtet zu haben. In Anbetracht der Tatsache, daß er der Nachkomme eines Adeligen und somit eine auserwählte Person ist, können wir nicht die schwere Strafe verhängen, die das Gesetz vorsieht, sondern bewahren unsere Diskretion, womit wir ihn verurteilen, seines erblichen Titels enthoben und an die Küste geschickt zu werden, wo er seine Schuld durch gehorsame Pflichterfüllung abarbeiten kann. Djia Jung, der zu jung ist, um in die Angelegenheiten verwickelt zu sein, wird freigesprochen. Djia Dschëng hat über viele Jahre Posten in der Provinz besetzt, in welchen er gewissenhaft und weise diente und er wird von den Konsequenzen seines Versagens, seinen Haushalt richtig zu führen, entbunden.“ | ||
| + | Djia Dschëng reagierte mit Tränen der Dankbarkeit auf das Edikt und verbeugte sich hastig, zuerst in Richtung des Kaiserlichen Throns, dann in Richtung des Prinzen, welchen er bat, dem Kaiser seine demütigste Ergebenheit zu übermitteln. | ||
| + | „Danke dem Himmel“, sagte der Prinz, „es besteht kein Bedarf für weiteres.“ – | ||
| + | „Meine Dankbarkeit gegenüber Seiner Majestät, mich so großzügig der Schuld entbunden und meinen Teil des Familieneigentums bewahrt zu haben, kennt keine Grenzen“, sagte Djia Dschëng, „ich habe ein wirklich schlechtes Gewissen. Bitte erlaubt mir, dem Kaiser all meine geerbten Güter und angesammeltes Eigentum zu überlassen.“ – | ||
| + | „Seine Majestät ist gegenüber seinen Untertanen in der Tat human und einfühlsam. Er ist weise und anspruchsvoll in seinen Urteilen und täuscht sich nie, weder bei der Belohnung von Rechtschaffenheit noch bei der Bestrafung des Lasters. Dadurch, daß Sie Ihr Eigentum wiedererlangt haben, wurde Ihnen eine ausgezeichnete Ehre zu Teil. Auf Ihrer Seite ist nun keine weitere Geste erforderlich.“ | ||
| + | Die anderen Edelleute stimmten überein. | ||
| + | So verbeugte sich Djia Dschëng wieder, zuerst in Richtung des Kaisers und dann zu dem Prinzen und verließ den Palast. Er eilte dann nach Hause, um der Herzoginmutter die Neuigkeiten zu überbringen, da er wußte, mit welchem Bangen seine Rückkehr erwartet wurde. Der gesamte Haushalt [der Familie Djia], Männer und Frauen, wartete ängstlich am Eingang des Jung-guo-Anwesens, um das Ergebnis seiner Besprechung zu vernehmen und seufzten tief vor Erleichterung, als sie ihn sicher nach Hause kommen sahen. Niemand wagte es, ihn zu fragen, als Djia Dschëng an ihnen vorbei direkt in die Gemächer der Herzoginmutter eilte. Er berichtete ihr die Einzelheiten des letzten Erlasses. Die Herzoginmutter war zwar erleichtert darüber, daß einige Anklagepunkte wegfielen, war aber verständlicherweise bestürzt darüber zu erfahren, daß zwei Titel der Familie verloren und daß Djia Schë und Djia Dschën beide zu Strafdiensten verurteilt worden waren. Die Damen Hsing und You brachen einfach zusammen, als sie die Neuigkeiten vernahmen. | ||
| + | „Mach’ dir keine Sorgen, gnädige Frau [Mutter]“, flehte Djia Dschëng, „obwohl der ältere Bruder [Schë] an der Grenze dienen muß, dient er immer noch dem Reich und wird nicht schlecht behandelt. Wenn er sich lobenswert beträgt, wird er vollständig wieder eingesetzt. Und [Djia] Dschën-örl ist immer noch ein junger Mann und ein wenig harte Arbeit wird ihm gewiß nicht schaden. Eine solche Lehre hätten wir ihm früher oder später ohnehin erteilen müssen. Wir können nicht ewig die Lorbeeren unserer Ahnen ernten.“ | ||
| + | Er fügte noch mehr Worte dieser Art hinzu, welche die Herzoginmutter trösteten. Dennoch hatte sie Djia Schë nie besonders gemocht, und Djia Dschën war nicht ihr eigener Enkel. Doch die Damen Hsing und You waren untröstlich. | ||
| + | ‚Wir haben den Familienbesitz verloren!‘, dachte die Dame Hsing bei sich. ‚Wenn mein Mann in seinem Alter noch ins Exil geschickt wird, an wen kann ich mich dann wenden? Liän ist zwar mein Sohn, doch er hörte stets auf seinen zweiten Onkel [Dschëng] und fühlte sich immer mehr zu ihm hingezogen. Nun, da wir alle mit dem zweiten Onkel [Dschëng] verwandt sind, muss sich das Paar [Liän und Hsi-fëng] noch mehr dieser Seite der Familie zuwenden. Ich werde völlig verlassen sein. Für meine letzten Tage erwartet mich nichts als Einsamkeit und Kummer, das ist nichts Gutes.‘ | ||
| + | Frau You schon immer allein für das Ning-guo-Anwesen verantwortlich. Sie war die einzige in der Familie, die sich den Respekt der Angestellten erworben hatte. Sie und Djia Dschën hatten darüber hinaus eine schöne Hochzeit gehabt. Nun wurde er unehrenhaft fortgeschickt, ihr gesamter Besitz wurde beschlagnahmt, und sie würden gezwungen sein, im Jung-guo Zweig um Unterstützung zu bitten. Die Herzoginmutter liebte sie zwar sehr, doch immer noch mußte sie im fremden Haushalt leben, und sie müßte Djie Yüän und Pei-fëng erziehen, nicht zu vergessen das Ehepaar Jung-örl und seine Frau, die keine Menschen waren, um einen eigenen Haushalt zu führen. | ||
| + | ‚Es war wirklich zweiter Onkel Liäns Schuld, daß meine zweite und dritte Schwester so übel enden mußten‘, dachte sie, ‚und trotzdem haben sie [Liän und Hsi-fëng] unversehrt überlebt, während wir in diese verzweifelte Lage gebracht wurden, wie könnte man da noch weiterleben?‘ | ||
| + | Die Herzoginmutter war sehr betroffen von Frau You untröstlichem Schluchzen und wandte sich an Djia Dschëng, um ihn zu fragen: „Jetzt, da ihr Urteil gesprochen ist, haben dein älterer Bruder [Schë] und Dschën-örl die Erlaubnis, nach Hause zu kommen? Jung wurde frei gesprochen, deshalb nehme ich an, daß er freigelassen wird.“ – | ||
| + | „Gemäß der Bestimmungen darf der ältere Bruder nicht heimkehren“, antwortete Djia Dschëng. Doch ich habe mich bereits danach erkundigt, ob unser älterer Herr [Schë] und Neffe [Dschën] als persönliche Gunst Vorbereitungen für ihre Abreise treffen dürften, und die Strafbehörde hat gnädigerweise ihre Zustimmung gegeben. Ich nehme an, daß Jung-örl mit seinem Vater und Großvater zusammen herauskommt. Jetzt mach’ dir bitte keine Sorgen mehr, gnädige Frau [Mutter]. Ich werde alles für sie tun, was ich kann.“ – | ||
| + | „Ich werde langsam alt und greisenhaft“, sagte die Herzoginmutter unter Tränen. „Vor Jahren habe ich mich zuletzt nach den Familienfinanzen erkundigt. Ich weiß, daß alles im östlichen [Ning-guo-] Anwesen beschlagnahmt wurde, und das schließt auch das Haus selbst mit ein. Auf unserer Seite wurden deinem älteren Bruder [Schë] und Liän-örl auch alle Sachen genommen. Nun, sag’ es mir besser jetzt: Wieviel Geld haben wir übrig? Und was sind unsere Anwesen in den östlichen Provinzen wert? Wenn die beiden gehen müssen, werden wir ihnen ein paar Tausend Silbertael mit auf den Weg geben.“ | ||
| + | Djia Dschëng saß in der Falle. | ||
| + | ‚Wenn ich die Wahrheit sage‘, dachte er bei sich, ‚wird es ein großer Schock für sie. Doch wenn ich es geheim halte, weiß der Himmel allein, wie wir unseren derzeitigen Bedarf decken können, geschweige denn in der Zukunft.‘ | ||
| + | „Hättest du besser nicht gefragt, gnädige Frau [Mutter]“, begann er, „ich hätte dich niemals damit belästigt. Doch seit die gnädige Frau gefragt hat und Liän-örl da ist, bin ich verpflichtet zu sagen, daß ich gestern die Familienkonten überprüft und die Wahrheit entdeckt habe. Sie lautet wie folgt: Unsere Kassen sind seit langer Zeit völlig leer. Abgesehen davon, daß alles ausgegeben ist, haben wir sogar draußen erhebliche Schulden. Irgendwie muß ich ohne Verzögerung an Geld gelangen, um die Beamten zu besänftigen, die in den Fall des älteren Bruders [Schë] verwickelt waren. Ohne ein solches Eingreifen, fürchte ich, werden sie beide leiden, trotz der großzügigen Anordnungen Seiner Majestät. Ich bin immer noch nicht sicher, wie man an das Geld kommen könnte. Auf die östlichen Anwesen kann man sich nicht verlassen. Die Pachteinnahmen für das kommende Jahr reichen nicht, um die Löcher zu stopfen. Unser einziger Rückhalt wird sein, Kleidung und Schmuck, die wir glücklicherweise noch besitzen, zu verkaufen und den Ertrag davon dem älterem Bruder [Schë] und Dschën-örl mit auf den Weg zu geben. Wie wir selber dann zurecht kommen werden, ist wieder ein ganz anderes Problem.“ | ||
| + | Die Herzoginmutter brach noch einmal in ein Flut von Tränen aus: „Ist es wirklich so hoffnungslos? Sind wir so tief gefallen? Ich habe so etwas niemals erlebt. Ich kann mich an meine eigene Familie in längst vergangenen Tagen erinnern. Sie waren zehnmal größer als wir, dennoch konnten sie jahrelang über ihre Verhältnisse leben. Und sogar am Ende befiel sie kein solches Unglück. Es kam eher allmählich. Erst nach ein oder zwei Jahren waren sie am Ende. Doch wie du es beschreibst, werden wir die ein oder zwei Jahre nicht mehr überstehen!“ | ||
| + | „Wenn wir doch nur die zwei geerbten Güter hätten, auf die wir zurückgreifen könnten“, sagte Djia Dschëng, „dann könnten wir einen Kredit aufnehmen. Doch wie die Dinge im Moment stehen, wird uns niemand Geld leihen.“ | ||
| + | Auch seine Wangen waren nun tränenüberströmt. „Es hat keinen Sinn, unsere Verwandten um Hilfe zu bitten“, fuhr er fort, „diejenigen, die uns helfen würden, haben selber kein Geld und diejenigen, die welches haben, wollen uns nicht helfen. Ich habe die Konten gestern nicht auf jede Einzelheit überprüft, doch ich habe das Register der Haushaltsbesetzung überflogen. Wir können uns kaum selber am Leben halten, wie erst dann eine solche Menge an Dienern?“ | ||
| + | Diese letzten Einzelheiten in Djia Dschëngs Bericht über die finanzielle Misere versetzten die Herzoginmutter in noch tiefere Schwermut. Zur selben Zeit kamen Djia Schë, Djia Dschën und Djia Jung an und begrüßten die Herzoginmutter. Die Herzoginmutter sah die drei, nahm Djia Schë an der Hand, Djia Dschën an der anderen und brach in Schluchzen aus. Die zwei Männer neigten ihren Kopf vor Scham und fielen, als sie die Herzoginmutter weinen sahen, auf ihre Knie und weinten: „Wir haben die Familie entehrt! Wir haben die Titel unserer Vorväter verloren! Wir haben dir Kummer bereitet! Wir sind noch nicht einmal wert, nach unserem Tod beerdigt zu werden!“ | ||
| + | Ein Chor des Jammerns erfüllte nach diesen Worten den Raum. | ||
| + | „Nun kommt schon“, drängte Djia Dschëng, „wir dürfen keine Zeit damit verlieren, eine Möglichkeit zu überlegen, um ihnen Geld anzubieten. Sie können höchstens ein bis zwei Tage bei uns bleiben.“ | ||
| + | Die Herzoginmutter gab ihr Bestes, um ihren Kummer zurückzuhalten. „Geht, ihr beide“, sagte sie, ihre Tränen zurückhaltend, „und sprecht mit euren Frauen!“ Sie wandte sich an Djia Dschëng: „Es darf keinen Aufschub geben, und ich sehe, es bringt nichts, sich etwas zu leihen. Wir haben so wenig Zeit. Ich muß selbst etwas tun. Oje, das ist alles so schrecklich verwirrend! Die Dinge können einfach nicht so weitergehen!“ | ||
| + | Sie rief Yüan-yang zu sich und schickte sie mit Anweisungen fort. Djia Schë und die anderen verließen währenddessen den Raum und sprachen draußen tränenreich mit Djia Dschëng, drückten dabei ihr Bedauern für ihren damaligen Eigensinn aus und sahen kummervoll dem Exil entgegen, das ihnen bevorstand. Sie gingen hinüber und wehklagten bei ihren Frauen. Djia Schë wurde langsam alt, und die Aussicht auf Trennung für ihn und seine Gattin, die Dame Hsing, war weniger erschütternd als für Djia Dschën und Frau You. | ||
| + | Djia Liän und Djia Jung hielten die Hände ihres Vaters und weinten an seiner Seite. Grenzdienst war eine weniger schlimme Strafe als militärische Verbannung, doch es war immer noch eine lange und schwere Geduldsprobe. Sie konnten nur versuchen, sich dem mit Magenschmerzen so gut wie möglich zu fügen. | ||
| + | Die Herzoginmutter trug der Dame Hsing, der Dame Wang, Yüan-yang und einem Schwarm von Mägden auf, jede einzelne ihrer Truhen und Kisten der drei Herrinnen zu durchsuchen und allen persönlichen Besitz, den sie seit ihrer Eheschließung über die Jahre angesammelt hatten, zu holen. Dann rief sie Djia Schë, Djia Dschëng, Vetter Dschën und alle anderen Männer zu sich, um bei ihrer Verteilung zugegen zu sein. Sie begann damit, Djia Schë dreitausend Silbertael zu geben. | ||
| + | „Du wirst zweitausend mit dir nehmen“, sagte sie, „für die Reise und weitere Ausgaben, und eintausend überläßt du deiner Frau. Diese dreitausend sind für dich, Dschën-örl. Du nimmst eintausend mit dir und überläßt deiner Frau zweitausend. So sind sie, auch wenn sie hier bei uns leben, immer noch unabhängig und in der Lage, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Ich selbst kümmere mich um die Hochzeit des vierten Mädchens [Hsi-tschun]. Und nun Hsi-fëng. Es tut mir leid für sie, sie hat sich so lange so viel Mühe gegeben und endet nun mittellos. Sie soll auch dreitausend Tael bekommen, und es soll alles für ihren Gebrauch sein und wird Liän-örl nichts davon geben. Ich weiß, daß sie jetzt zu krank und nicht in der Lage ist, es selbst in Empfang zu nehmen, deshalb wird Ping-örl es ihr bringen.“ | ||
| + | „Hier sind einige Umhänge, die deinem Vorfahren [meinem Mann] gehörten und einige Kleider und Schmuck, die ich trug, als ich noch jung war – Ich brauche sie nicht mehr. Die Männerkleider können unter dem alten Herrn [Schë], Dschën-örl, Liän-örl und Jung-örl aufgeteilt werden. Ihre Frauen teilen sich die Damenkleider. Diese fünfhundert Silbertael sind für Liän-örl, um die Überführung des Lin-Mädchens [Dai-yü] in den Süden zu bezahlen.“ | ||
| + | Als die Verteilung vollendet war, wandte sie sich an Djia Dschëng: „Die Schulden, die du erwähntest, müssen umgehend beglichen werden. | ||
| + | Nimm dazu bitte dieses Gold! Die vorgefallenen Untaten zwingen mich zu solch drastischen Mitteln, doch glaube nicht, daß ich vergessen habe, daß du mein Sohn bist. Du wirst deinen Anteil zur rechten Zeit erhalten. Bau-yü ist verheiratet und kann behalten, was hier übrig ist – Gold und Silber im Wert von einigen tausend Tael. Und Zhus Frau [Li Wan]: sie war mir immer eine so pflichtbewußte Schwiegerenkelin, und Lan-örl ist ein so süßes Kind. Hier ist auch etwas für sie. So, nun bin ich am Ende.“ | ||
| + | Djia Dschëng war zu Tränen gerührt, als er sah, wie genau sie alles ausgearbeitet hatte. | ||
| + | „Wir haben versagt, gnädige Frau [Mutter]!“, schluchzte er, fiel dann auf die Knie, „wir haben unsere Sohnespflichten dir gegenüber in deinem Alter verfehlt. Und trotzdem bist du noch so großzügig! Wir schämen uns so, daß wir am liebsten im Boden versinken würden!“ | ||
| + | „Ach, Unsinn!“, rief die Herzoginmutter, „wäre diese Krise nicht gekommen, hätte ich es für mich selbst behalten! Doch laßt uns ernst sein: unser Hausstand ist zu umfangreich. Du bist der letzte hier mit einer amtlichen Stellung, zweiter gnädiger Herr [Dschëng], deshalb brauchen wir nicht mehr als ein paar Diener. Sagt den Verwaltern, sie sollen den Hausstand zusammenrufen und alles Nötige klären. Jede Einrichtung muß mit so wenig Dienern wie möglich auskommen. Wäre unser Haushalt konfisziert worden, was wäre dann gewesen? Dasselbe gilt für die Gemächer der Damen. Für einige Mägde müssen wir Ehemänner finden und die anderen abfinden und ihnen die Freiheit zurückgeben. Und obwohl uns der Besitz geblieben ist, denke ich immer noch, es wäre das Beste, den Garten abzugeben. Liän-örl sollte der Auftrag gegeben werden, die ländlichen Güter zu bewerten. Manche können verkauft werden, manche werden aufrecht erhalten, wie es eben passend scheint. Weiterhin wird es in Zukunft keinen Prunk mehr geben, keine falsche Fassade. Wir müssen realistisch sein. Und eine weitere Sache sollte ich erwähnen. Wir haben immer noch etwas Geld, das der Familie Dschën in Djiangnan gehört. Es wird bei der zweiten Herrin [deiner Frau] sicher sein. Es sollte jemand geschickt werden, der es ihnen direkt bringt. Wenn uns noch etwas anderes zustoßen sollte, würden wir sie nur noch in weiteren Ärger verwickeln, wir müssen ja nicht vom Regen in die Traufe kommen.“ | ||
| + | Djia Dschëng, der sich seiner kläglichen Unfähigkeit in solchen Angelegenheiten bewußt war, murmelte reuevoll: „Ja, Mutter“ zu all diesen deutlichen, praktischen Anweisungen, dachte aber bei sich: „Was für ein Organisationstalent sie hat! Und was für wertlose Stümper wir im Gegensatz dazu sind!“ | ||
| + | Djia Dschëng konnte sehen, daß die Herzoginmutter müde war, und bat sie, sich hinzulegen und auszuruhen. | ||
| + | „Das wenige, was ihr seht, ist alles, was mir geblieben ist“, sagte sie. „Wenn ich sterbe, könnt ihr damit meine Beerdigung bezahlen und den Rest meinen Mägden geben.“ | ||
| + | Als Djia Dschëng und die anderen das hörten, waren sie noch bedrückter und fielen auf die Knie. | ||
| + | „Bitte gönne dir etwas Ruhe, gnädige Frau [Mutter]. Es wird die Zeit kommen, daß wir deinen Segen empfangen und wieder die Gunst Seiner Majestät erwerben, dann werden wir alles tun, um unsere vergangenen Fehler zu begleichen, das Glück der Familie wiederherzustellen und dich bis in dein hundertstes Jahr zu unterstützen.“ | ||
| + | „Wenn ihr das nur irgendwie wieder gut machen könntet“, sagte die Herzoginmutter, „dann kann ich unseren Ahnen nach meinem Tod mit Stolz gegenübertreten. Denkt nicht, daß ich nur ein angenehmes Leben führen kann und Armut fürchte! So ist es nicht. In den letzten Jahren erschient ihr so wohlhabend, und ich war froh, nicht zu stören, bei Laune zu bleiben und meinen eigenen Tätigkeiten nachgehen zu können. Ich hätte mir uns nicht einen Moment in einer so einer heiklen Situation vorstellen können. Ich hatte nicht erwartet, daß Ihr an unsere Ahnen heranreicht, doch ich dachte, wir könnten zumindest den Standard halten. Ich hatte nie gedacht, daß die beiden Verbrecher werden.“ | ||
| + | Während die Herzoginmutter ihren Monolog hielt, platzte Fëng-örl ins Zimmer und wendete sich aufgeregt an die Dame Wang: „Oh, Herrin! Unsere Herrin [Frau Liän] hörte heute Morgen die Neuigkeiten vom Hof und weinte so heftig, daß sie keine Luft mehr bekommt. Ping-örl schickt mich, es Sie wissen zu lassen.“ | ||
| + | „Wie geht es Frau Liän?“, fragte die Herzoginmutter, bevor sie zu Ende gesprochen hatte. „Heute überhaupt nicht gut“, antwortete die Dame Wang für Fëng-örl. | ||
| + | „Alle“, rief die gnädige Frau und erhob sich schwerfällig. „sind der Fluch meines Lebens! Sie wollen mich nur ins Grab bringen!“ | ||
| + | Sie bat eine ihrer Mägde, ihr zu helfen und kündigte an, daß sie Hsi-fëng selbst einen Besuch abstatten werde. Djia Dschëng wollte sie zurückhalten und bemühte sich, sie zu beruhigen: | ||
| + | „Das ist viel zuviel Streß für dich, gnädige Frau [Mutter]. Du hast dich schon damit verausgabt, eine Lösung für unsere Probleme zu finden. Du mußt dir selbst wirklich etwas Ruhe gönnen. Ich bin sicher, meine Frau wird nach der Frau deines Enkels sehen. Es gibt keinen Grund, die gnädige Frau [Mutter] weiteren Kümmernissen auszusetzen. Wenn der gnädigen Frau [Mutter] irgendetwas Ernstes passiert, wie könnte ich mir das jemals verzeihen?“ | ||
| + | „Ihr könnt nun alle gehen“, ordnete die Herzoginmutter an. „Kommt etwas später wieder! Es gibt da noch einige Dinge, die ich Euch sagen möchte.“ | ||
| + | Djia Dschëng, dessen Versuch, sie als ihr Sohn zu trösten, fehlgeschlagen war, wagte nicht, noch ein Wort zu sagen. Er ging hinaus, um die Vorbereitungen für die Abreise der Verbannten zu überwachen und wies Djia Liän an, Diener auszusuchen, die sie begleiten sollten. | ||
| + | Yüan-yang versammelte eine Gruppe von Dienstmädchen, um Hsi-fëngs Anteil an den Geschenken der Herzoginmutter zu tragen und letztere in Hsi-fëngs Gemächer zu begleiten. Hsi-fëng war sehr schwach und kaum bei Bewußtsein, während Ping-örls Augen vom Weinen rot und geschwollen waren. Als sie hörte, daß die Herzoginmutter und die Dame Wang in Begleitung von Bau-yü und Bau-tschai auf dem Weg zu ihr waren, eilte sie ängstlich hinaus, um sie zu grüßen. | ||
| + | „Wie geht es ihr jetzt?“, fragte die Herzoginmutter, als sie Ping-örl sah. | ||
| + | Ping-örl befürchtete, die Herzoginmutter zu erschrecken. „Ein wenig besser. Da Sie gekommen sind, gnädige Frau, kommen Sie bitte herein, um sie zu sehen.“ | ||
| + | Sie führte die Gesellschaft herein, eilte an Hsi-fëngs Bett und zog vorsichtig die Bettvorhänge zur Seite. Hsi-fëng öffnete ihre Augen. Als sie sah, daß die Herzoginmutter das Zimmer betreten hatte, schämte sie sich. Zuvor war sie zu dem Schluß gekommen, daß sich die ganze Familie gegen sie gewandt hatte, daß sich niemand mehr um sie sorgte, daß es allen gleichgültig war, ob sie lebte oder tot sei. Und jetzt kam die Herzoginmutter persönlich vorbei, um sie zu besuchen. Ihr Herz war erleichtert und die angestaute Luft schien entweichen zu können, sie strengte sich sogar an, sich aufzusetzen; doch die Herzoginmutter trug Ping-örl auf, sie wieder hinzulegen. | ||
| + | „Beweg dich nicht“, sagte sie zu Hsi-fëng, „fühlst du dich jetzt ein bißchen besser?“ | ||
| + | Hsi-fëng hielt ihre Tränen zurück und sagte. „Seit ich als junge Braut hierher gekommen war, haben du, die gnädige Frau und die Tante [Wang] mich geliebt. Wie grausam war ich vom Schicksal verfolgt, ich habe darin versagt, der gnädigen Frau gegenüber meine Pflichten zu erfüllen, dennoch behandelt ihr mich gut und habt mich den Haushalt organisieren lassen. Doch ich habe den Haushalt ins Chaos gestürzt. Ich habe vor Dir und der Tante das Gesicht verloren. Ich verdiene es wirklich nicht, daß die gnädige Frau und die Tante mich heute besucht. Ich fürchte, der Himmel wird mich dafür bestrafen, indem er mir die letzten zwei der drei Tage nimmt, die mir noch zum Leben übrig bleiben.“ | ||
| + | Sie schluchzte heftig. | ||
| + | „Diesen ganzen Unsinn haben andere angefangen,“ tröstete sie die Herzoginmutter. „Es hat nichts mit dir zu tun. Ich weiß, daß etwas von deinem Besitz beschlagnahmt wurde, doch sorge dich nicht: Ich habe dir einige Geschenke mitgebracht, sieh selbst!“ | ||
| + | Sie wies eines der Dienstmädchen an, die Geschenke vor ihr auszubreiten. Besitztümer hatten Hsi-fëng immer viel bedeutet und der plötzliche Verlust all ihrer weltlichen Güter hatte ihr einen schweren Schlag versetzt. Sie hatte sich selbst mit dem Gedanken gequält, daß jeder in der Familie ihr die Schuld für das gab, was vorgefallen war. Als sie zwischen Leben und Tod schwebte, kam sogar die Herzoginmutter und die Dame Wang vorbei und beruhigten sie. Sie dachte, dass Djia Liän ja auch nichts passiert war. Hsi-fëng fühlte sich etwas erleichtert und verneigte sich von ihren Kissen aus vor der Herzoginmutter: „Bitte mach’ dir um mich keine Sorgen, Großmutter! Wenn ich weiterhin den Segen genießen kann und meine Gesundheit sich erholt, werde ich voller Freude eure Dienstmagd für schwere Arbeiten sein, mein Herz und meine Seele hingeben, um der gnädigen Frau und der Tante zu dienen.“ | ||
| + | Diese demütige Dankbarkeit ging der Herzoginmutter ans Herz, sie brach zusammen und weinte. Bau-yü folgte umgehend darauf. So eine Familienkrise hatte er noch nie erlebt. Sein Leben hatte bis dahin aus friedlichen und angenehmen Beschäftigungen bestanden, und er war stets von allem wirklichen Leid ferngehalten worden. Doch jetzt sah er, wohin er auch blickte, nur Kummer und Leid. Erst jetzt wurde ihm seine eigene Beschränktheit vor Augen geführt; und wenn er jemand anderes weinen sah, tat er es ihm automatisch gleich. | ||
| + | Als sie sah, in welch kümmerlichem Zustand ihre Besucher waren, nahm sich Hsi-fëng zusammen, um ein paar heitere Worte zu sagen und bat dann die gnädige Frau und die Tante, in ihre Gemächer zurückzukehren; sie versprach, nach ihrer Genesung umgehend vorbeizuschauen. Dabei erhob sie ihren Kopf schwach vom Kissen. „Paß gut auf sie auf!“, trug die Herzoginmutter Ping-örl auf. „Und wenn es euch an irgend etwas mangelt, laßt es mich wissen.“ | ||
| + | Sie nahm die Dame Wang mit zurück in ihre eigenen Gemächer. Auf ihrem Weg konnte sie aus jedem Winkel Gejammer hören. Das war mehr, als sie ertragen konnte. Sie schickte die Dame Wang fort und wies Bau-yü an, sich vom älteren Herrn [Schë] und seinem großen Bruder [Dschën] zu verabschieden und danach sofort zurückzukommen. | ||
| + | Völlig allein ließ sie sich nun auf ihr Bett fallen und weinte. Yüan-yang versuchte auf alle erdenklichen Arten, sie zu trösten, und schließlich schlief die Herzoginmutter ein. | ||
| + | Verständlicherweise sahen Djia Schë und die anderen ihre bevorstehends Verbannung mit wenig Begeisterung. Die zu ihrer Begleitung ausgewählten Männer waren ebenfalls unwillig zu gehen und beklagten sich bitter über ihr Los. Im Leben verlassen zu werden ist in Wahrheit noch schmerzhafter, als durch den Tod getrennt zu werden, und das Verfolgen eines solchen Abschieds ist meist noch trauriger als der eigentliche Abschied selbst. Das Jung-guo-Anwesen, einst ein so strahlender Ort der Vornehmheit, war nun von Jammern und Klagen erfüllt. | ||
| + | Djia Dschëng war gewöhnlich ein großer Verfechter von Formalitäten, und so fuhr er trotz allem fort, Djia Schë den ernsten Respekt entgegen zu bringen, der einem älteren Bruder gebührte. Die zwei Brüder reichten sich daheim die Hände, und Djia Dschëng ritt dann vor hinter die Stadtmauer und wartete dort, um ihn mit Wein zu verabschieden. Er ermahnte Djia Schë, sich an die Erwartungen zu erinnern, die der Staat ihm wegen seiner Vorfahren entgegenbrachte und sich dessen würdig zu erweisen. Djia Schë und die anderen wischten sich die Tränen aus den Augen und begaben sich auf den Weg zu ihren verschiedenen Reisezielen. | ||
Djia Dschëng kehrte mit Bau-yü zurück nach Hause. Als sie sich dem Torweg des Jung-guo-Anwesens näherten, sahen sie draußen eine Menge versammelt und hörten einen großen Lärm an Stimmen: „Ein kaiserliches Edikt wurde heute überbracht! Der erbliche Rang und Titel des Herzogs von Jung-guo werden an Djia Dschëng übergeben!“ | Djia Dschëng kehrte mit Bau-yü zurück nach Hause. Als sie sich dem Torweg des Jung-guo-Anwesens näherten, sahen sie draußen eine Menge versammelt und hörten einen großen Lärm an Stimmen: „Ein kaiserliches Edikt wurde heute überbracht! Der erbliche Rang und Titel des Herzogs von Jung-guo werden an Djia Dschëng übergeben!“ | ||
Die Männer in der Menge verlangten das ihnen gesetzlich zustehende Trinkgeld für das Überbringen dieser guten Nachricht, doch die Pförtner wehrten sich regelrecht: „Der Titel gehörte der Familie bereits und wurde von unseren Herren geerbt. Das ist kein Geld wert!“ | Die Männer in der Menge verlangten das ihnen gesetzlich zustehende Trinkgeld für das Überbringen dieser guten Nachricht, doch die Pförtner wehrten sich regelrecht: „Der Titel gehörte der Familie bereits und wurde von unseren Herren geerbt. Das ist kein Geld wert!“ | ||
| − | „Kommt schon!“ war die empörte Antwort. „Denkt an den Ruhm! Ein solcher Titel ist der ehrenhafteste, den es gibt – und euer Herr Schë kann niemals hoffen, ihn zurück zu bekommen, nicht nachdem, was er getan hat. Jetzt hat seine Majestät in seiner Weisheit und Mildtätigkeit, die größer ist als der Himmel breit, diesen Titel an Herrn Dschëng übertragen; für eure Familie ist das ein Wunder, das einem nur einmal in tausend Jahren widerfährt, und auf jeden Fall ein Trinkgeld wert!“ | + | „Kommt schon!“ war die empörte Antwort. „Denkt an den Ruhm! Ein solcher Titel ist der ehrenhafteste, den es gibt – und euer älterer Herr [Schë] kann niemals hoffen, ihn zurück zu bekommen, nicht nachdem, was er getan hat. Jetzt hat seine Majestät in seiner Weisheit und Mildtätigkeit, die größer ist als der Himmel breit, diesen Titel an Herrn Dschëng übertragen; für eure Familie ist das ein Wunder, das einem nur einmal in tausend Jahren widerfährt, und auf jeden Fall ein Trinkgeld wert!“ |
| − | Djia Dschëng betrat das Haus und empfing von den Pförtnern einen vollständigen Bericht. Seine Begeisterung wurde jedoch dadurch verringert, daß sein Glück nur durch die Schande seines Bruders möglich war. Er war überwältigt und konnte seine Tränen nicht zurückhalten. Dann beeilte er sich, um der Herzoginmutter die Neuigkeiten zu überbringen. Sie nahm ihn | + | Djia Dschëng betrat das Haus und empfing von den Pförtnern einen vollständigen Bericht. Seine Begeisterung wurde jedoch dadurch verringert, daß sein Glück nur durch die Schande seines Bruders möglich war. Er war überwältigt und konnte seine Tränen nicht zurückhalten. Dann beeilte er sich, um der Herzoginmutter die Neuigkeiten zu überbringen. Sie nahm ihn begeistert an der Hand und ermahnte ihn, sich des neuen Titels würdig zu erweisen. Die Dame Wang kam gerade, um die Herzoginmutter zu trösten, und war auch überglücklich, Djia Dschëngs Neuigkeiten zu hören. Sie sah, dass Djia Dscheng wieder hereinkam, die Herzoginmutter ihn zu sich zog und ihn ermahnte sowie seine Gunstbezeigungen erwiderte. Nur die Damen Hsing und You empfanden ihr Unglück noch stärker, ein Gefühl, das sie kaum zurückhalten konnten. |
Die Freunde und Verwandten der Familie, die sich in harten Zeiten stets fern hielten, hatten vernommen, daß Djia Dschëng nun der Titel seines Bruders verliehen wurde und – folgerten daraus, daß die Djias immer noch von Seiner Majestät begünstigt wurden. Sie kamen im Jung-guo-Anwesen zusammen, um ihre Glückwünsche zu überbringen. Doch Djia Dschëng war zwischen verschiedenen Gefühlen hin- und hergerissen. Er war von Natur aus ein Mann von höchster Rechtschaffenheit, so daß er weit über die Gratulationen zu seinem Glück hinaus zutiefst bekümmert war und überlegte, wie er nur seine Dankbarkeit unter Beweis stellen könnte. Am folgenden Tag ging er in den Palast, um seine formale Danksagung zu überbringen und dieses Mal ging er so weit, die mahnende Bitte zu überbringen, daß sein verschontes Anwesen, zusammen mit dem Garten des Großen Anblicks, als Geschenk für den Kaiser akzeptiert werden sollten. Als Antwort auf diese Bitte wurde ein Erlaß übermittelt, das dies als überflüssig abwies. Djia Dschëng, dessen Gewissen nun etwas beschwichtigt war, kehrte nach Hause zurück und widmete sich pflichtbewußt seinen amtlichen Aufgaben. | Die Freunde und Verwandten der Familie, die sich in harten Zeiten stets fern hielten, hatten vernommen, daß Djia Dschëng nun der Titel seines Bruders verliehen wurde und – folgerten daraus, daß die Djias immer noch von Seiner Majestät begünstigt wurden. Sie kamen im Jung-guo-Anwesen zusammen, um ihre Glückwünsche zu überbringen. Doch Djia Dschëng war zwischen verschiedenen Gefühlen hin- und hergerissen. Er war von Natur aus ein Mann von höchster Rechtschaffenheit, so daß er weit über die Gratulationen zu seinem Glück hinaus zutiefst bekümmert war und überlegte, wie er nur seine Dankbarkeit unter Beweis stellen könnte. Am folgenden Tag ging er in den Palast, um seine formale Danksagung zu überbringen und dieses Mal ging er so weit, die mahnende Bitte zu überbringen, daß sein verschontes Anwesen, zusammen mit dem Garten des Großen Anblicks, als Geschenk für den Kaiser akzeptiert werden sollten. Als Antwort auf diese Bitte wurde ein Erlaß übermittelt, das dies als überflüssig abwies. Djia Dschëng, dessen Gewissen nun etwas beschwichtigt war, kehrte nach Hause zurück und widmete sich pflichtbewußt seinen amtlichen Aufgaben. | ||
| − | Um die Familienfinanzen stand es immer noch prekär. Das Einkommen sank weitaus schneller als die Ausgaben. Unterhaltung, Pflege von Beziehungen mit den richtigen Leuten und Gunst zu erwerben waren nicht Djia Dschëngs größtes Anliegen. Die Diener wußten, wie ungemein aufrichtig | + | Um die Familienfinanzen stand es immer noch prekär. Das Einkommen sank weitaus schneller als die Ausgaben. Unterhaltung, Pflege von Beziehungen mit den richtigen Leuten und Gunst zu erwerben waren nicht Djia Dschëngs größtes Anliegen. Die Diener wußten, wie ungemein aufrichtig Djia Dschëng war, während Hsi-fëng immer noch krank war und ihre Erfahrungen nicht einbringen konnte, um den Haushalt zu stabilisieren. Die Schulden, die Djia Liän begleichen mußte, stiegen täglich, und es schien beinahe unvermeidlich, daß er weiteres Eigentum und Land verkaufen müßte. Die Diener sahen es kommen. Einige von ihnen waren selbst wohlhabend und waren betrübt, daß Djia Liän sie um Geld bat. Einige verwahrten sich davor und gaben vor, arm zu sein, andere wollten verschwinden und sich nach einer anderen Arbeit umsehen. |
Eine Ausnahme war Bau Yung. Obwohl er ein Neuling war und nur eine kurze Zeit vor der Krise angekommen war, bestätigte er, ein aufrichtiger und fleißiger Diener zu sein und war über die Art erschrocken, wie die anderen Diener ihren Nutzen aus der Lage ihres Herren zogen. Seine Stellung im Hausstand war zu unsicher, als daß er es wagen könnte, seine Gefühle auszusprechen. Er konnte nur noch sein Abendbrot essen und entrüstet ins Bett gehen. Den anderen gefiel es nicht, daß er nicht mit ihnen ging und sie beschwerten sich über ihn bei Djia Dschëng, bezeichneten ihn als unfähig, als einen Trinker und Unruhestifter. | Eine Ausnahme war Bau Yung. Obwohl er ein Neuling war und nur eine kurze Zeit vor der Krise angekommen war, bestätigte er, ein aufrichtiger und fleißiger Diener zu sein und war über die Art erschrocken, wie die anderen Diener ihren Nutzen aus der Lage ihres Herren zogen. Seine Stellung im Hausstand war zu unsicher, als daß er es wagen könnte, seine Gefühle auszusprechen. Er konnte nur noch sein Abendbrot essen und entrüstet ins Bett gehen. Den anderen gefiel es nicht, daß er nicht mit ihnen ging und sie beschwerten sich über ihn bei Djia Dschëng, bezeichneten ihn als unfähig, als einen Trinker und Unruhestifter. | ||
„Laßt ihn“, war Djia Dschëngs Antwort, „er wurde von den Dschëns zu mir geschickt, und wir dürfen nicht zu streng mit ihm sein. Wir sind zwar arm, doch ein zusätzliches Mündlein können wir schon stopfen.“ | „Laßt ihn“, war Djia Dschëngs Antwort, „er wurde von den Dschëns zu mir geschickt, und wir dürfen nicht zu streng mit ihm sein. Wir sind zwar arm, doch ein zusätzliches Mündlein können wir schon stopfen.“ | ||
| − | Als seine Reaktionen ihren Erwartungen widersprach, gingen die Diener mit ihren Beschwerden zu Djia Liän. Doch Djia Liän sah sich nicht in der Position, seine Autorität zu beweisen und am Ende ließen sie Bau Yung in Ruhe. | + | Als seine Reaktionen ihren Erwartungen widersprach, gingen die Diener mit ihren Beschwerden zu Djia Liän. Doch Djia Liän sah sich nicht in der Position, seine Autorität zu beweisen und am Ende ließen sie ihn [Bau Yung] in Ruhe. |
Eines Tages war Bau Yung sehr wütend. Nachdem er einige Becher Wein getrunken hatte, um sich selbst zu trösten, bummelte er ein wenig auf der Straße vor dem Jung-guo-Anwesen, wo er folgendes Gespräch mithörte: „Seht ihr das große Haus dort?“, sagte ein Mann und zeigte dabei auf das Jung-guo-Anwesen. „Ich frage mich, wie sie nach der Plünderung über die Runden kommen...“ – | Eines Tages war Bau Yung sehr wütend. Nachdem er einige Becher Wein getrunken hatte, um sich selbst zu trösten, bummelte er ein wenig auf der Straße vor dem Jung-guo-Anwesen, wo er folgendes Gespräch mithörte: „Seht ihr das große Haus dort?“, sagte ein Mann und zeigte dabei auf das Jung-guo-Anwesen. „Ich frage mich, wie sie nach der Plünderung über die Runden kommen...“ – | ||
„Ach, denen wird es gut gehen!“, antwortete ein anderer Mann, „ich habe gehört, daß eine ihrer Töchter eine Konkubine Seiner Majestät war. Jetzt ist sie tot, doch eine solche Verbindung löst sich so schell nicht auf. Und sie haben andauernd mit irgendwelchen Prinzen, Adligen, Hochedlen und Fürsten zu tun. Die werden niemals ohne Freunde sein. Nimm den derzeitigen Major, der einst Kriegsminister war, der kommt aus derselben Familie. Wenn solche Leute sich um einen kümmern, wird alles erfolgreich verlaufen.“ – | „Ach, denen wird es gut gehen!“, antwortete ein anderer Mann, „ich habe gehört, daß eine ihrer Töchter eine Konkubine Seiner Majestät war. Jetzt ist sie tot, doch eine solche Verbindung löst sich so schell nicht auf. Und sie haben andauernd mit irgendwelchen Prinzen, Adligen, Hochedlen und Fürsten zu tun. Die werden niemals ohne Freunde sein. Nimm den derzeitigen Major, der einst Kriegsminister war, der kommt aus derselben Familie. Wenn solche Leute sich um einen kümmern, wird alles erfolgreich verlaufen.“ – | ||
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Wilde und ungezügelte Gedanken der Rache erfüllten Bau Yungs treu gesinntes Herz. Plötzlich waren die Rufe von amtlichen Laufboten zu hören, und von dort, wo er stand, konnte Bau Yung einen der Zuschauer zu einem anderen flüstern hören: „Ach, da kommt er ja, der Major Djia, über den wir gerade gesprochen hatten!“ | Wilde und ungezügelte Gedanken der Rache erfüllten Bau Yungs treu gesinntes Herz. Plötzlich waren die Rufe von amtlichen Laufboten zu hören, und von dort, wo er stand, konnte Bau Yung einen der Zuschauer zu einem anderen flüstern hören: „Ach, da kommt er ja, der Major Djia, über den wir gerade gesprochen hatten!“ | ||
Bau Yung war von wirklicher Verachtung erfüllt und der Wein verlieh ihm den notwendigen Mut: „Unhold!“ brüllte er unbedacht. „Gemeiner Schurke! Hast du die Freundlichkeit vergessen, mit der die Herrn Djia dich behandelt haben?“ | Bau Yung war von wirklicher Verachtung erfüllt und der Wein verlieh ihm den notwendigen Mut: „Unhold!“ brüllte er unbedacht. „Gemeiner Schurke! Hast du die Freundlichkeit vergessen, mit der die Herrn Djia dich behandelt haben?“ | ||
| − | In seiner Sänfte konnte | + | In seiner Sänfte konnte Yü-tsun den Namen Djia hören und lehnte sich vor, um zu sehen, was da los war. Nur ein weiterer lauter Trunkenbold auf der Straße, nicht der Rede wert. Seine Sänfte bewegte sich weiter und Bau Yung stolperte nach Hause, war dabei sehr zufrieden mit sich und viel zu betrunken, um diskret zu sein. Er machte ein paar Erkundigungen und seine Dienerkollegen bestätigten, daß dieser Major in der Tat seine ganze Karriere der Gunst der Djias zu verdanken hatte. |
„Was für ein undankbarer Unhold, so habe ich es ihm gesagt!“ prustete Bau Yung. „Nach allem, was sie für ihn getan haben, fällt er ihnen so in den Rücken! Ich hab’ ihm meine Meinung gesagt, und er hat sich nicht getraut, mir zu widersprechen.“ | „Was für ein undankbarer Unhold, so habe ich es ihm gesagt!“ prustete Bau Yung. „Nach allem, was sie für ihn getan haben, fällt er ihnen so in den Rücken! Ich hab’ ihm meine Meinung gesagt, und er hat sich nicht getraut, mir zu widersprechen.“ | ||
| − | Bis jetzt waren die | + | Bis jetzt waren die Diener des Jung-guo-Anwesens, die Bau Yung allesamt nicht leiden konnten, nicht in der Lage gewesen, den Hausherrn [Djia Dschëng] zu überzeugen, ihn loszuwerden. Auf genau diesen Vorwand hatten sie gewartet, und sie nutzten die Gelegenheit, um dem Herrn zu berichten, er sei betrunken und desorientiert und würde auf der Straße Unruhe stiften. Djia Dschëng war sehr ängstlich, die Autoritäten schon wieder zu provozieren, und war sehr zornig, als er von Bau Yungs tölpelhaftem Verhalten hörte. Er rief Bau Yung zu sich und hielt ihm eine ordentliche Standpauke. Er dachte immer noch, daß er ihn durch seine Verbindung mit den Dschëns nicht zu hart bestrafen sollte und versetzte ihn zur Strafe in den Garten als Wächter, mit der strengen Anweisung, nicht wieder draußen herumzulaufen. |
Bau Yung war ein aufrichtiger Mann. Wenn er einmal für jemanden gearbeitet hatte, der sein Herr war, diente und beschützte er ihn mit aller Treue. Er war sehr bestürzt, daß Djia Dschëng Geschichten gehört hatte, die ihn dazu brachten, ihn derart auszuschelten. Doch er sagte nicht ein Wort des Protestes. Er packte bloß seine Sachen und ging in den Garten, um seine Pflichten zu erfüllen. | Bau Yung war ein aufrichtiger Mann. Wenn er einmal für jemanden gearbeitet hatte, der sein Herr war, diente und beschützte er ihn mit aller Treue. Er war sehr bestürzt, daß Djia Dschëng Geschichten gehört hatte, die ihn dazu brachten, ihn derart auszuschelten. Doch er sagte nicht ein Wort des Protestes. Er packte bloß seine Sachen und ging in den Garten, um seine Pflichten zu erfüllen. | ||
Um zu erfahren, was dann geschah, lese man das nächste Kapitel. | Um zu erfahren, was dann geschah, lese man das nächste Kapitel. | ||
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Revision as of 13:46, 12 April 2026
Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 71 · 81 · 91 · 101 · 102 · 103 · 104 · 105 · 106 · 107 · 108 · 109 · 110 · 111 · ← Inhalt
Kapitel 107
散馀资贾母明大义 / 复世职政老沐天恩
Aus weiser Großzügigkeit verteilt die Herzoginmutter ihren persönlichen BesitzDank kaiserlicher Gunst empfängt Djia Dschëng den erblichen Rang und Titel seines Bruders.
Djia Dschëng kam am Palast an und begrüßte die verschiedenen Prinzen und Militär-Geheimräte, die versammelt waren, um ihn zu treffen. „Seine Majestät hat uns angewiesen, Sie heute hierherzurufen“, sagte der Prinz von Bei-jing. „Ich befolge des Kaisers Befehl, um Sie zu befragen.“ Djia Dschëng kniete umgehend nieder und die Befragung wurde fortgesetzt: „War Ihnen bewußt, daß ihr älterer Bruder sich mit einem Beamten der Provinz zu seinem Vorteil verschworen hatte? Daß er seinen Einfluß mißbraucht und schutzlose Bürger schikaniert hat? Daß er seinem Sohn das Glücksspiel und ein nachlässiges Leben erlaubt hat und daß dieser Sohn mutwillig die Verlobte einer unschuldigen Person in sein Bett führte und sie zu Tode brachte, als sie sein Verlangen nicht stillen wollte?“ Djia Dschën antwortete, so gut er konnte: „Seitdem ich Dank seiner Majestät Bildungskomissar wurde, war ich zunächst verpflichtet, Entlastungsmaßnahmen zu überwachen und dann, bei meiner Rückkehr nach Hause gegen Ende des letzten Winters, wurde ich von meinen Vorgesetzten abgeordnet, Sanierungsarbeiten zu überwachen und wurde anschließend als Getreide-Intendant in die Provinz Djianghsi berufen. Von dieser letzten Stellung kehrte ich unter Anklage in die Hauptstadt zurück und habe gerade meine frühere Position in der Arbeitsbehörde wieder angetreten. Ich habe mich wirklich bemüht, diese amtlichen Pflichten gründlich zu erfüllen. Doch ich fürchte, daß ich dabei völlig vernachlässigt habe, meinen eigenen Haushalt in Ordnung zu halten. Für diesen unentschuldbaren Fehler auf meiner Seite, für mein offensichtliches Versagen, meinen Söhnen und Neffen die richtigen Verhaltensgrundsätze beizubringen, für meine üble Undankbarkeit gegenüber dem Thron, kann ich nur darum bitten, daß seine Majestät mich mit der angemessenen Strenge bestrafen.“ Der Prinz von Bei-jing begab sich fort, um dies mit dem Kaiser zu besprechen und kehrte nach einem kurzen Moment mit dem Kaiserlichen Edikt zurück, welches er der versammelten Gesellschaft vortrug: „Wir haben eine Anklage vom Zensorat erhalten, die besagt, daß Djia Schë sich mit einem Beamten der Provinz verschworen hat und seinen eigenen Einfluß ausnutzte, um schutzlose Bürger zu schikanieren. Der Provinzbeamte, den der Zensor nannte, war der Präfekt von Ping-an. Djia Schë, so besagt es die Anklage, sprach sich mit dem Präfekten ab, um Einfluß auf die Untersuchung zu nehmen. Bei näherer Untersuchung bestätigte Djia Schë jedoch, daß der Präfekt tatsächlich mit ihm durch Heirat verwandt war und daß ihre Beziehung eine rein persönliche war. Der Zensor war weiterhin nicht in der Lage, diesen Teil der Anklage zu belegen. Ein anderer Teil wurde allerdings bestätigt, nämlich daß Djia Schë seinen persönlichen Einfluß benutzte, um ‚Schï den Toren’ zu nötigen, sich von einem antiquarischen Fächer zu trennen. Hierbei handelt es sich aber lediglich um Bagatellen und muß daher von den ernsten Fällen des Mißbrauchs getrennt werden. Der darauf folgende Selbstmord von Schï Dai-Dsï kann ebenso nur als Resultat seiner eigenen Exzentrizität gedeutet werden, und es ist unwahrscheinlich, daß er ‚in den Tod getrieben‘ wurde. Wir sehen uns also bereit, Djia Schë Nachsicht zu zeigen und ihn zum Strafdienst an einem Militärposten an der Grenze zu versetzen, wo er sich durch pflichttreuen Dienst freikaufen kann. Mit Bezug auf die erste Klage, die gegen Djia Dschën hervorgebracht wurde, daß er gewaltsam die Verlobte eines unschuldigen Bürgers in sein Bett genommen und sie zu Tode gebracht habe, als sie seinen Willen nicht erfüllen wollte: Nach Begutachtung des eigentlichen Berichtes im Zensorat fanden wir heraus, daß die besagte Dame, eine gewisse zweite Schwester You, mit einem gewissen Dschang Hua verlobt wurde, als beide noch im Mutterleib waren. Die Hochzeit wurde nie gefeiert, tatsächlich wünschte er selbst, daß sie auf Grund seiner eigenen Armut annuliert würde. Die Mutter der zweiten Schwester You war auch damit einverstanden, daß ihre Tochter als Konkubine genommen würde, von Djia Dschëns jüngerem Bruder [Djia Liän]. Also war dies offensichtlich keine ‚gewaltsame Besitznahme’. Dann der Fall der dritten Schwester You: hier lautet die Anklage, daß sie nach ihrem Selbstmord geheim beerdigt und ihr Tod von den Behörden vertuscht wurde. Bei weiteren Untersuchungen wurde herausgefunden, daß diese dritte Schwester You die jüngere Schwester von Djia Dschëns Frau war und daß ihre eigentliche Absicht war, eine Hochzeit für sie zu arrangieren. Die weit verbreiteten und bösen Gerüchte, die um ihre Person kursierten, ihre eigenen Gefühle der Scham und der Reue, sowie das Bestehen ihres Verlobten darauf, ihm die Brautgeschenke zurückzugeben, waren die eigentliche Ursache ihres Selbstmordes, keine schlechte Behandlung oder Nötigung auf Seiten Djia Dschëns. Als Träger der erblichen Position jedoch, verdient Djia Dschën, für die Unkenntnisse über das Gesetz schwer bestraft zu werden, und für seinen Fehler, die Beerdigung einer verschiedenen Person nicht berichtet zu haben. In Anbetracht der Tatsache, daß er der Nachkomme eines Adeligen und somit eine auserwählte Person ist, können wir nicht die schwere Strafe verhängen, die das Gesetz vorsieht, sondern bewahren unsere Diskretion, womit wir ihn verurteilen, seines erblichen Titels enthoben und an die Küste geschickt zu werden, wo er seine Schuld durch gehorsame Pflichterfüllung abarbeiten kann. Djia Jung, der zu jung ist, um in die Angelegenheiten verwickelt zu sein, wird freigesprochen. Djia Dschëng hat über viele Jahre Posten in der Provinz besetzt, in welchen er gewissenhaft und weise diente und er wird von den Konsequenzen seines Versagens, seinen Haushalt richtig zu führen, entbunden.“ Djia Dschëng reagierte mit Tränen der Dankbarkeit auf das Edikt und verbeugte sich hastig, zuerst in Richtung des Kaiserlichen Throns, dann in Richtung des Prinzen, welchen er bat, dem Kaiser seine demütigste Ergebenheit zu übermitteln. „Danke dem Himmel“, sagte der Prinz, „es besteht kein Bedarf für weiteres.“ – „Meine Dankbarkeit gegenüber Seiner Majestät, mich so großzügig der Schuld entbunden und meinen Teil des Familieneigentums bewahrt zu haben, kennt keine Grenzen“, sagte Djia Dschëng, „ich habe ein wirklich schlechtes Gewissen. Bitte erlaubt mir, dem Kaiser all meine geerbten Güter und angesammeltes Eigentum zu überlassen.“ – „Seine Majestät ist gegenüber seinen Untertanen in der Tat human und einfühlsam. Er ist weise und anspruchsvoll in seinen Urteilen und täuscht sich nie, weder bei der Belohnung von Rechtschaffenheit noch bei der Bestrafung des Lasters. Dadurch, daß Sie Ihr Eigentum wiedererlangt haben, wurde Ihnen eine ausgezeichnete Ehre zu Teil. Auf Ihrer Seite ist nun keine weitere Geste erforderlich.“ Die anderen Edelleute stimmten überein. So verbeugte sich Djia Dschëng wieder, zuerst in Richtung des Kaisers und dann zu dem Prinzen und verließ den Palast. Er eilte dann nach Hause, um der Herzoginmutter die Neuigkeiten zu überbringen, da er wußte, mit welchem Bangen seine Rückkehr erwartet wurde. Der gesamte Haushalt [der Familie Djia], Männer und Frauen, wartete ängstlich am Eingang des Jung-guo-Anwesens, um das Ergebnis seiner Besprechung zu vernehmen und seufzten tief vor Erleichterung, als sie ihn sicher nach Hause kommen sahen. Niemand wagte es, ihn zu fragen, als Djia Dschëng an ihnen vorbei direkt in die Gemächer der Herzoginmutter eilte. Er berichtete ihr die Einzelheiten des letzten Erlasses. Die Herzoginmutter war zwar erleichtert darüber, daß einige Anklagepunkte wegfielen, war aber verständlicherweise bestürzt darüber zu erfahren, daß zwei Titel der Familie verloren und daß Djia Schë und Djia Dschën beide zu Strafdiensten verurteilt worden waren. Die Damen Hsing und You brachen einfach zusammen, als sie die Neuigkeiten vernahmen. „Mach’ dir keine Sorgen, gnädige Frau [Mutter]“, flehte Djia Dschëng, „obwohl der ältere Bruder [Schë] an der Grenze dienen muß, dient er immer noch dem Reich und wird nicht schlecht behandelt. Wenn er sich lobenswert beträgt, wird er vollständig wieder eingesetzt. Und [Djia] Dschën-örl ist immer noch ein junger Mann und ein wenig harte Arbeit wird ihm gewiß nicht schaden. Eine solche Lehre hätten wir ihm früher oder später ohnehin erteilen müssen. Wir können nicht ewig die Lorbeeren unserer Ahnen ernten.“ Er fügte noch mehr Worte dieser Art hinzu, welche die Herzoginmutter trösteten. Dennoch hatte sie Djia Schë nie besonders gemocht, und Djia Dschën war nicht ihr eigener Enkel. Doch die Damen Hsing und You waren untröstlich. ‚Wir haben den Familienbesitz verloren!‘, dachte die Dame Hsing bei sich. ‚Wenn mein Mann in seinem Alter noch ins Exil geschickt wird, an wen kann ich mich dann wenden? Liän ist zwar mein Sohn, doch er hörte stets auf seinen zweiten Onkel [Dschëng] und fühlte sich immer mehr zu ihm hingezogen. Nun, da wir alle mit dem zweiten Onkel [Dschëng] verwandt sind, muss sich das Paar [Liän und Hsi-fëng] noch mehr dieser Seite der Familie zuwenden. Ich werde völlig verlassen sein. Für meine letzten Tage erwartet mich nichts als Einsamkeit und Kummer, das ist nichts Gutes.‘ Frau You schon immer allein für das Ning-guo-Anwesen verantwortlich. Sie war die einzige in der Familie, die sich den Respekt der Angestellten erworben hatte. Sie und Djia Dschën hatten darüber hinaus eine schöne Hochzeit gehabt. Nun wurde er unehrenhaft fortgeschickt, ihr gesamter Besitz wurde beschlagnahmt, und sie würden gezwungen sein, im Jung-guo Zweig um Unterstützung zu bitten. Die Herzoginmutter liebte sie zwar sehr, doch immer noch mußte sie im fremden Haushalt leben, und sie müßte Djie Yüän und Pei-fëng erziehen, nicht zu vergessen das Ehepaar Jung-örl und seine Frau, die keine Menschen waren, um einen eigenen Haushalt zu führen. ‚Es war wirklich zweiter Onkel Liäns Schuld, daß meine zweite und dritte Schwester so übel enden mußten‘, dachte sie, ‚und trotzdem haben sie [Liän und Hsi-fëng] unversehrt überlebt, während wir in diese verzweifelte Lage gebracht wurden, wie könnte man da noch weiterleben?‘ Die Herzoginmutter war sehr betroffen von Frau You untröstlichem Schluchzen und wandte sich an Djia Dschëng, um ihn zu fragen: „Jetzt, da ihr Urteil gesprochen ist, haben dein älterer Bruder [Schë] und Dschën-örl die Erlaubnis, nach Hause zu kommen? Jung wurde frei gesprochen, deshalb nehme ich an, daß er freigelassen wird.“ – „Gemäß der Bestimmungen darf der ältere Bruder nicht heimkehren“, antwortete Djia Dschëng. Doch ich habe mich bereits danach erkundigt, ob unser älterer Herr [Schë] und Neffe [Dschën] als persönliche Gunst Vorbereitungen für ihre Abreise treffen dürften, und die Strafbehörde hat gnädigerweise ihre Zustimmung gegeben. Ich nehme an, daß Jung-örl mit seinem Vater und Großvater zusammen herauskommt. Jetzt mach’ dir bitte keine Sorgen mehr, gnädige Frau [Mutter]. Ich werde alles für sie tun, was ich kann.“ – „Ich werde langsam alt und greisenhaft“, sagte die Herzoginmutter unter Tränen. „Vor Jahren habe ich mich zuletzt nach den Familienfinanzen erkundigt. Ich weiß, daß alles im östlichen [Ning-guo-] Anwesen beschlagnahmt wurde, und das schließt auch das Haus selbst mit ein. Auf unserer Seite wurden deinem älteren Bruder [Schë] und Liän-örl auch alle Sachen genommen. Nun, sag’ es mir besser jetzt: Wieviel Geld haben wir übrig? Und was sind unsere Anwesen in den östlichen Provinzen wert? Wenn die beiden gehen müssen, werden wir ihnen ein paar Tausend Silbertael mit auf den Weg geben.“ Djia Dschëng saß in der Falle. ‚Wenn ich die Wahrheit sage‘, dachte er bei sich, ‚wird es ein großer Schock für sie. Doch wenn ich es geheim halte, weiß der Himmel allein, wie wir unseren derzeitigen Bedarf decken können, geschweige denn in der Zukunft.‘ „Hättest du besser nicht gefragt, gnädige Frau [Mutter]“, begann er, „ich hätte dich niemals damit belästigt. Doch seit die gnädige Frau gefragt hat und Liän-örl da ist, bin ich verpflichtet zu sagen, daß ich gestern die Familienkonten überprüft und die Wahrheit entdeckt habe. Sie lautet wie folgt: Unsere Kassen sind seit langer Zeit völlig leer. Abgesehen davon, daß alles ausgegeben ist, haben wir sogar draußen erhebliche Schulden. Irgendwie muß ich ohne Verzögerung an Geld gelangen, um die Beamten zu besänftigen, die in den Fall des älteren Bruders [Schë] verwickelt waren. Ohne ein solches Eingreifen, fürchte ich, werden sie beide leiden, trotz der großzügigen Anordnungen Seiner Majestät. Ich bin immer noch nicht sicher, wie man an das Geld kommen könnte. Auf die östlichen Anwesen kann man sich nicht verlassen. Die Pachteinnahmen für das kommende Jahr reichen nicht, um die Löcher zu stopfen. Unser einziger Rückhalt wird sein, Kleidung und Schmuck, die wir glücklicherweise noch besitzen, zu verkaufen und den Ertrag davon dem älterem Bruder [Schë] und Dschën-örl mit auf den Weg zu geben. Wie wir selber dann zurecht kommen werden, ist wieder ein ganz anderes Problem.“ Die Herzoginmutter brach noch einmal in ein Flut von Tränen aus: „Ist es wirklich so hoffnungslos? Sind wir so tief gefallen? Ich habe so etwas niemals erlebt. Ich kann mich an meine eigene Familie in längst vergangenen Tagen erinnern. Sie waren zehnmal größer als wir, dennoch konnten sie jahrelang über ihre Verhältnisse leben. Und sogar am Ende befiel sie kein solches Unglück. Es kam eher allmählich. Erst nach ein oder zwei Jahren waren sie am Ende. Doch wie du es beschreibst, werden wir die ein oder zwei Jahre nicht mehr überstehen!“ „Wenn wir doch nur die zwei geerbten Güter hätten, auf die wir zurückgreifen könnten“, sagte Djia Dschëng, „dann könnten wir einen Kredit aufnehmen. Doch wie die Dinge im Moment stehen, wird uns niemand Geld leihen.“ Auch seine Wangen waren nun tränenüberströmt. „Es hat keinen Sinn, unsere Verwandten um Hilfe zu bitten“, fuhr er fort, „diejenigen, die uns helfen würden, haben selber kein Geld und diejenigen, die welches haben, wollen uns nicht helfen. Ich habe die Konten gestern nicht auf jede Einzelheit überprüft, doch ich habe das Register der Haushaltsbesetzung überflogen. Wir können uns kaum selber am Leben halten, wie erst dann eine solche Menge an Dienern?“ Diese letzten Einzelheiten in Djia Dschëngs Bericht über die finanzielle Misere versetzten die Herzoginmutter in noch tiefere Schwermut. Zur selben Zeit kamen Djia Schë, Djia Dschën und Djia Jung an und begrüßten die Herzoginmutter. Die Herzoginmutter sah die drei, nahm Djia Schë an der Hand, Djia Dschën an der anderen und brach in Schluchzen aus. Die zwei Männer neigten ihren Kopf vor Scham und fielen, als sie die Herzoginmutter weinen sahen, auf ihre Knie und weinten: „Wir haben die Familie entehrt! Wir haben die Titel unserer Vorväter verloren! Wir haben dir Kummer bereitet! Wir sind noch nicht einmal wert, nach unserem Tod beerdigt zu werden!“ Ein Chor des Jammerns erfüllte nach diesen Worten den Raum. „Nun kommt schon“, drängte Djia Dschëng, „wir dürfen keine Zeit damit verlieren, eine Möglichkeit zu überlegen, um ihnen Geld anzubieten. Sie können höchstens ein bis zwei Tage bei uns bleiben.“ Die Herzoginmutter gab ihr Bestes, um ihren Kummer zurückzuhalten. „Geht, ihr beide“, sagte sie, ihre Tränen zurückhaltend, „und sprecht mit euren Frauen!“ Sie wandte sich an Djia Dschëng: „Es darf keinen Aufschub geben, und ich sehe, es bringt nichts, sich etwas zu leihen. Wir haben so wenig Zeit. Ich muß selbst etwas tun. Oje, das ist alles so schrecklich verwirrend! Die Dinge können einfach nicht so weitergehen!“ Sie rief Yüan-yang zu sich und schickte sie mit Anweisungen fort. Djia Schë und die anderen verließen währenddessen den Raum und sprachen draußen tränenreich mit Djia Dschëng, drückten dabei ihr Bedauern für ihren damaligen Eigensinn aus und sahen kummervoll dem Exil entgegen, das ihnen bevorstand. Sie gingen hinüber und wehklagten bei ihren Frauen. Djia Schë wurde langsam alt, und die Aussicht auf Trennung für ihn und seine Gattin, die Dame Hsing, war weniger erschütternd als für Djia Dschën und Frau You. Djia Liän und Djia Jung hielten die Hände ihres Vaters und weinten an seiner Seite. Grenzdienst war eine weniger schlimme Strafe als militärische Verbannung, doch es war immer noch eine lange und schwere Geduldsprobe. Sie konnten nur versuchen, sich dem mit Magenschmerzen so gut wie möglich zu fügen. Die Herzoginmutter trug der Dame Hsing, der Dame Wang, Yüan-yang und einem Schwarm von Mägden auf, jede einzelne ihrer Truhen und Kisten der drei Herrinnen zu durchsuchen und allen persönlichen Besitz, den sie seit ihrer Eheschließung über die Jahre angesammelt hatten, zu holen. Dann rief sie Djia Schë, Djia Dschëng, Vetter Dschën und alle anderen Männer zu sich, um bei ihrer Verteilung zugegen zu sein. Sie begann damit, Djia Schë dreitausend Silbertael zu geben. „Du wirst zweitausend mit dir nehmen“, sagte sie, „für die Reise und weitere Ausgaben, und eintausend überläßt du deiner Frau. Diese dreitausend sind für dich, Dschën-örl. Du nimmst eintausend mit dir und überläßt deiner Frau zweitausend. So sind sie, auch wenn sie hier bei uns leben, immer noch unabhängig und in der Lage, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Ich selbst kümmere mich um die Hochzeit des vierten Mädchens [Hsi-tschun]. Und nun Hsi-fëng. Es tut mir leid für sie, sie hat sich so lange so viel Mühe gegeben und endet nun mittellos. Sie soll auch dreitausend Tael bekommen, und es soll alles für ihren Gebrauch sein und wird Liän-örl nichts davon geben. Ich weiß, daß sie jetzt zu krank und nicht in der Lage ist, es selbst in Empfang zu nehmen, deshalb wird Ping-örl es ihr bringen.“ „Hier sind einige Umhänge, die deinem Vorfahren [meinem Mann] gehörten und einige Kleider und Schmuck, die ich trug, als ich noch jung war – Ich brauche sie nicht mehr. Die Männerkleider können unter dem alten Herrn [Schë], Dschën-örl, Liän-örl und Jung-örl aufgeteilt werden. Ihre Frauen teilen sich die Damenkleider. Diese fünfhundert Silbertael sind für Liän-örl, um die Überführung des Lin-Mädchens [Dai-yü] in den Süden zu bezahlen.“ Als die Verteilung vollendet war, wandte sie sich an Djia Dschëng: „Die Schulden, die du erwähntest, müssen umgehend beglichen werden. Nimm dazu bitte dieses Gold! Die vorgefallenen Untaten zwingen mich zu solch drastischen Mitteln, doch glaube nicht, daß ich vergessen habe, daß du mein Sohn bist. Du wirst deinen Anteil zur rechten Zeit erhalten. Bau-yü ist verheiratet und kann behalten, was hier übrig ist – Gold und Silber im Wert von einigen tausend Tael. Und Zhus Frau [Li Wan]: sie war mir immer eine so pflichtbewußte Schwiegerenkelin, und Lan-örl ist ein so süßes Kind. Hier ist auch etwas für sie. So, nun bin ich am Ende.“ Djia Dschëng war zu Tränen gerührt, als er sah, wie genau sie alles ausgearbeitet hatte. „Wir haben versagt, gnädige Frau [Mutter]!“, schluchzte er, fiel dann auf die Knie, „wir haben unsere Sohnespflichten dir gegenüber in deinem Alter verfehlt. Und trotzdem bist du noch so großzügig! Wir schämen uns so, daß wir am liebsten im Boden versinken würden!“ „Ach, Unsinn!“, rief die Herzoginmutter, „wäre diese Krise nicht gekommen, hätte ich es für mich selbst behalten! Doch laßt uns ernst sein: unser Hausstand ist zu umfangreich. Du bist der letzte hier mit einer amtlichen Stellung, zweiter gnädiger Herr [Dschëng], deshalb brauchen wir nicht mehr als ein paar Diener. Sagt den Verwaltern, sie sollen den Hausstand zusammenrufen und alles Nötige klären. Jede Einrichtung muß mit so wenig Dienern wie möglich auskommen. Wäre unser Haushalt konfisziert worden, was wäre dann gewesen? Dasselbe gilt für die Gemächer der Damen. Für einige Mägde müssen wir Ehemänner finden und die anderen abfinden und ihnen die Freiheit zurückgeben. Und obwohl uns der Besitz geblieben ist, denke ich immer noch, es wäre das Beste, den Garten abzugeben. Liän-örl sollte der Auftrag gegeben werden, die ländlichen Güter zu bewerten. Manche können verkauft werden, manche werden aufrecht erhalten, wie es eben passend scheint. Weiterhin wird es in Zukunft keinen Prunk mehr geben, keine falsche Fassade. Wir müssen realistisch sein. Und eine weitere Sache sollte ich erwähnen. Wir haben immer noch etwas Geld, das der Familie Dschën in Djiangnan gehört. Es wird bei der zweiten Herrin [deiner Frau] sicher sein. Es sollte jemand geschickt werden, der es ihnen direkt bringt. Wenn uns noch etwas anderes zustoßen sollte, würden wir sie nur noch in weiteren Ärger verwickeln, wir müssen ja nicht vom Regen in die Traufe kommen.“ Djia Dschëng, der sich seiner kläglichen Unfähigkeit in solchen Angelegenheiten bewußt war, murmelte reuevoll: „Ja, Mutter“ zu all diesen deutlichen, praktischen Anweisungen, dachte aber bei sich: „Was für ein Organisationstalent sie hat! Und was für wertlose Stümper wir im Gegensatz dazu sind!“ Djia Dschëng konnte sehen, daß die Herzoginmutter müde war, und bat sie, sich hinzulegen und auszuruhen. „Das wenige, was ihr seht, ist alles, was mir geblieben ist“, sagte sie. „Wenn ich sterbe, könnt ihr damit meine Beerdigung bezahlen und den Rest meinen Mägden geben.“ Als Djia Dschëng und die anderen das hörten, waren sie noch bedrückter und fielen auf die Knie. „Bitte gönne dir etwas Ruhe, gnädige Frau [Mutter]. Es wird die Zeit kommen, daß wir deinen Segen empfangen und wieder die Gunst Seiner Majestät erwerben, dann werden wir alles tun, um unsere vergangenen Fehler zu begleichen, das Glück der Familie wiederherzustellen und dich bis in dein hundertstes Jahr zu unterstützen.“ „Wenn ihr das nur irgendwie wieder gut machen könntet“, sagte die Herzoginmutter, „dann kann ich unseren Ahnen nach meinem Tod mit Stolz gegenübertreten. Denkt nicht, daß ich nur ein angenehmes Leben führen kann und Armut fürchte! So ist es nicht. In den letzten Jahren erschient ihr so wohlhabend, und ich war froh, nicht zu stören, bei Laune zu bleiben und meinen eigenen Tätigkeiten nachgehen zu können. Ich hätte mir uns nicht einen Moment in einer so einer heiklen Situation vorstellen können. Ich hatte nicht erwartet, daß Ihr an unsere Ahnen heranreicht, doch ich dachte, wir könnten zumindest den Standard halten. Ich hatte nie gedacht, daß die beiden Verbrecher werden.“ Während die Herzoginmutter ihren Monolog hielt, platzte Fëng-örl ins Zimmer und wendete sich aufgeregt an die Dame Wang: „Oh, Herrin! Unsere Herrin [Frau Liän] hörte heute Morgen die Neuigkeiten vom Hof und weinte so heftig, daß sie keine Luft mehr bekommt. Ping-örl schickt mich, es Sie wissen zu lassen.“ „Wie geht es Frau Liän?“, fragte die Herzoginmutter, bevor sie zu Ende gesprochen hatte. „Heute überhaupt nicht gut“, antwortete die Dame Wang für Fëng-örl. „Alle“, rief die gnädige Frau und erhob sich schwerfällig. „sind der Fluch meines Lebens! Sie wollen mich nur ins Grab bringen!“ Sie bat eine ihrer Mägde, ihr zu helfen und kündigte an, daß sie Hsi-fëng selbst einen Besuch abstatten werde. Djia Dschëng wollte sie zurückhalten und bemühte sich, sie zu beruhigen: „Das ist viel zuviel Streß für dich, gnädige Frau [Mutter]. Du hast dich schon damit verausgabt, eine Lösung für unsere Probleme zu finden. Du mußt dir selbst wirklich etwas Ruhe gönnen. Ich bin sicher, meine Frau wird nach der Frau deines Enkels sehen. Es gibt keinen Grund, die gnädige Frau [Mutter] weiteren Kümmernissen auszusetzen. Wenn der gnädigen Frau [Mutter] irgendetwas Ernstes passiert, wie könnte ich mir das jemals verzeihen?“ „Ihr könnt nun alle gehen“, ordnete die Herzoginmutter an. „Kommt etwas später wieder! Es gibt da noch einige Dinge, die ich Euch sagen möchte.“ Djia Dschëng, dessen Versuch, sie als ihr Sohn zu trösten, fehlgeschlagen war, wagte nicht, noch ein Wort zu sagen. Er ging hinaus, um die Vorbereitungen für die Abreise der Verbannten zu überwachen und wies Djia Liän an, Diener auszusuchen, die sie begleiten sollten. Yüan-yang versammelte eine Gruppe von Dienstmädchen, um Hsi-fëngs Anteil an den Geschenken der Herzoginmutter zu tragen und letztere in Hsi-fëngs Gemächer zu begleiten. Hsi-fëng war sehr schwach und kaum bei Bewußtsein, während Ping-örls Augen vom Weinen rot und geschwollen waren. Als sie hörte, daß die Herzoginmutter und die Dame Wang in Begleitung von Bau-yü und Bau-tschai auf dem Weg zu ihr waren, eilte sie ängstlich hinaus, um sie zu grüßen. „Wie geht es ihr jetzt?“, fragte die Herzoginmutter, als sie Ping-örl sah. Ping-örl befürchtete, die Herzoginmutter zu erschrecken. „Ein wenig besser. Da Sie gekommen sind, gnädige Frau, kommen Sie bitte herein, um sie zu sehen.“ Sie führte die Gesellschaft herein, eilte an Hsi-fëngs Bett und zog vorsichtig die Bettvorhänge zur Seite. Hsi-fëng öffnete ihre Augen. Als sie sah, daß die Herzoginmutter das Zimmer betreten hatte, schämte sie sich. Zuvor war sie zu dem Schluß gekommen, daß sich die ganze Familie gegen sie gewandt hatte, daß sich niemand mehr um sie sorgte, daß es allen gleichgültig war, ob sie lebte oder tot sei. Und jetzt kam die Herzoginmutter persönlich vorbei, um sie zu besuchen. Ihr Herz war erleichtert und die angestaute Luft schien entweichen zu können, sie strengte sich sogar an, sich aufzusetzen; doch die Herzoginmutter trug Ping-örl auf, sie wieder hinzulegen. „Beweg dich nicht“, sagte sie zu Hsi-fëng, „fühlst du dich jetzt ein bißchen besser?“ Hsi-fëng hielt ihre Tränen zurück und sagte. „Seit ich als junge Braut hierher gekommen war, haben du, die gnädige Frau und die Tante [Wang] mich geliebt. Wie grausam war ich vom Schicksal verfolgt, ich habe darin versagt, der gnädigen Frau gegenüber meine Pflichten zu erfüllen, dennoch behandelt ihr mich gut und habt mich den Haushalt organisieren lassen. Doch ich habe den Haushalt ins Chaos gestürzt. Ich habe vor Dir und der Tante das Gesicht verloren. Ich verdiene es wirklich nicht, daß die gnädige Frau und die Tante mich heute besucht. Ich fürchte, der Himmel wird mich dafür bestrafen, indem er mir die letzten zwei der drei Tage nimmt, die mir noch zum Leben übrig bleiben.“ Sie schluchzte heftig. „Diesen ganzen Unsinn haben andere angefangen,“ tröstete sie die Herzoginmutter. „Es hat nichts mit dir zu tun. Ich weiß, daß etwas von deinem Besitz beschlagnahmt wurde, doch sorge dich nicht: Ich habe dir einige Geschenke mitgebracht, sieh selbst!“ Sie wies eines der Dienstmädchen an, die Geschenke vor ihr auszubreiten. Besitztümer hatten Hsi-fëng immer viel bedeutet und der plötzliche Verlust all ihrer weltlichen Güter hatte ihr einen schweren Schlag versetzt. Sie hatte sich selbst mit dem Gedanken gequält, daß jeder in der Familie ihr die Schuld für das gab, was vorgefallen war. Als sie zwischen Leben und Tod schwebte, kam sogar die Herzoginmutter und die Dame Wang vorbei und beruhigten sie. Sie dachte, dass Djia Liän ja auch nichts passiert war. Hsi-fëng fühlte sich etwas erleichtert und verneigte sich von ihren Kissen aus vor der Herzoginmutter: „Bitte mach’ dir um mich keine Sorgen, Großmutter! Wenn ich weiterhin den Segen genießen kann und meine Gesundheit sich erholt, werde ich voller Freude eure Dienstmagd für schwere Arbeiten sein, mein Herz und meine Seele hingeben, um der gnädigen Frau und der Tante zu dienen.“ Diese demütige Dankbarkeit ging der Herzoginmutter ans Herz, sie brach zusammen und weinte. Bau-yü folgte umgehend darauf. So eine Familienkrise hatte er noch nie erlebt. Sein Leben hatte bis dahin aus friedlichen und angenehmen Beschäftigungen bestanden, und er war stets von allem wirklichen Leid ferngehalten worden. Doch jetzt sah er, wohin er auch blickte, nur Kummer und Leid. Erst jetzt wurde ihm seine eigene Beschränktheit vor Augen geführt; und wenn er jemand anderes weinen sah, tat er es ihm automatisch gleich. Als sie sah, in welch kümmerlichem Zustand ihre Besucher waren, nahm sich Hsi-fëng zusammen, um ein paar heitere Worte zu sagen und bat dann die gnädige Frau und die Tante, in ihre Gemächer zurückzukehren; sie versprach, nach ihrer Genesung umgehend vorbeizuschauen. Dabei erhob sie ihren Kopf schwach vom Kissen. „Paß gut auf sie auf!“, trug die Herzoginmutter Ping-örl auf. „Und wenn es euch an irgend etwas mangelt, laßt es mich wissen.“ Sie nahm die Dame Wang mit zurück in ihre eigenen Gemächer. Auf ihrem Weg konnte sie aus jedem Winkel Gejammer hören. Das war mehr, als sie ertragen konnte. Sie schickte die Dame Wang fort und wies Bau-yü an, sich vom älteren Herrn [Schë] und seinem großen Bruder [Dschën] zu verabschieden und danach sofort zurückzukommen. Völlig allein ließ sie sich nun auf ihr Bett fallen und weinte. Yüan-yang versuchte auf alle erdenklichen Arten, sie zu trösten, und schließlich schlief die Herzoginmutter ein. Verständlicherweise sahen Djia Schë und die anderen ihre bevorstehends Verbannung mit wenig Begeisterung. Die zu ihrer Begleitung ausgewählten Männer waren ebenfalls unwillig zu gehen und beklagten sich bitter über ihr Los. Im Leben verlassen zu werden ist in Wahrheit noch schmerzhafter, als durch den Tod getrennt zu werden, und das Verfolgen eines solchen Abschieds ist meist noch trauriger als der eigentliche Abschied selbst. Das Jung-guo-Anwesen, einst ein so strahlender Ort der Vornehmheit, war nun von Jammern und Klagen erfüllt. Djia Dschëng war gewöhnlich ein großer Verfechter von Formalitäten, und so fuhr er trotz allem fort, Djia Schë den ernsten Respekt entgegen zu bringen, der einem älteren Bruder gebührte. Die zwei Brüder reichten sich daheim die Hände, und Djia Dschëng ritt dann vor hinter die Stadtmauer und wartete dort, um ihn mit Wein zu verabschieden. Er ermahnte Djia Schë, sich an die Erwartungen zu erinnern, die der Staat ihm wegen seiner Vorfahren entgegenbrachte und sich dessen würdig zu erweisen. Djia Schë und die anderen wischten sich die Tränen aus den Augen und begaben sich auf den Weg zu ihren verschiedenen Reisezielen. Djia Dschëng kehrte mit Bau-yü zurück nach Hause. Als sie sich dem Torweg des Jung-guo-Anwesens näherten, sahen sie draußen eine Menge versammelt und hörten einen großen Lärm an Stimmen: „Ein kaiserliches Edikt wurde heute überbracht! Der erbliche Rang und Titel des Herzogs von Jung-guo werden an Djia Dschëng übergeben!“ Die Männer in der Menge verlangten das ihnen gesetzlich zustehende Trinkgeld für das Überbringen dieser guten Nachricht, doch die Pförtner wehrten sich regelrecht: „Der Titel gehörte der Familie bereits und wurde von unseren Herren geerbt. Das ist kein Geld wert!“ „Kommt schon!“ war die empörte Antwort. „Denkt an den Ruhm! Ein solcher Titel ist der ehrenhafteste, den es gibt – und euer älterer Herr [Schë] kann niemals hoffen, ihn zurück zu bekommen, nicht nachdem, was er getan hat. Jetzt hat seine Majestät in seiner Weisheit und Mildtätigkeit, die größer ist als der Himmel breit, diesen Titel an Herrn Dschëng übertragen; für eure Familie ist das ein Wunder, das einem nur einmal in tausend Jahren widerfährt, und auf jeden Fall ein Trinkgeld wert!“ Djia Dschëng betrat das Haus und empfing von den Pförtnern einen vollständigen Bericht. Seine Begeisterung wurde jedoch dadurch verringert, daß sein Glück nur durch die Schande seines Bruders möglich war. Er war überwältigt und konnte seine Tränen nicht zurückhalten. Dann beeilte er sich, um der Herzoginmutter die Neuigkeiten zu überbringen. Sie nahm ihn begeistert an der Hand und ermahnte ihn, sich des neuen Titels würdig zu erweisen. Die Dame Wang kam gerade, um die Herzoginmutter zu trösten, und war auch überglücklich, Djia Dschëngs Neuigkeiten zu hören. Sie sah, dass Djia Dscheng wieder hereinkam, die Herzoginmutter ihn zu sich zog und ihn ermahnte sowie seine Gunstbezeigungen erwiderte. Nur die Damen Hsing und You empfanden ihr Unglück noch stärker, ein Gefühl, das sie kaum zurückhalten konnten. Die Freunde und Verwandten der Familie, die sich in harten Zeiten stets fern hielten, hatten vernommen, daß Djia Dschëng nun der Titel seines Bruders verliehen wurde und – folgerten daraus, daß die Djias immer noch von Seiner Majestät begünstigt wurden. Sie kamen im Jung-guo-Anwesen zusammen, um ihre Glückwünsche zu überbringen. Doch Djia Dschëng war zwischen verschiedenen Gefühlen hin- und hergerissen. Er war von Natur aus ein Mann von höchster Rechtschaffenheit, so daß er weit über die Gratulationen zu seinem Glück hinaus zutiefst bekümmert war und überlegte, wie er nur seine Dankbarkeit unter Beweis stellen könnte. Am folgenden Tag ging er in den Palast, um seine formale Danksagung zu überbringen und dieses Mal ging er so weit, die mahnende Bitte zu überbringen, daß sein verschontes Anwesen, zusammen mit dem Garten des Großen Anblicks, als Geschenk für den Kaiser akzeptiert werden sollten. Als Antwort auf diese Bitte wurde ein Erlaß übermittelt, das dies als überflüssig abwies. Djia Dschëng, dessen Gewissen nun etwas beschwichtigt war, kehrte nach Hause zurück und widmete sich pflichtbewußt seinen amtlichen Aufgaben. Um die Familienfinanzen stand es immer noch prekär. Das Einkommen sank weitaus schneller als die Ausgaben. Unterhaltung, Pflege von Beziehungen mit den richtigen Leuten und Gunst zu erwerben waren nicht Djia Dschëngs größtes Anliegen. Die Diener wußten, wie ungemein aufrichtig Djia Dschëng war, während Hsi-fëng immer noch krank war und ihre Erfahrungen nicht einbringen konnte, um den Haushalt zu stabilisieren. Die Schulden, die Djia Liän begleichen mußte, stiegen täglich, und es schien beinahe unvermeidlich, daß er weiteres Eigentum und Land verkaufen müßte. Die Diener sahen es kommen. Einige von ihnen waren selbst wohlhabend und waren betrübt, daß Djia Liän sie um Geld bat. Einige verwahrten sich davor und gaben vor, arm zu sein, andere wollten verschwinden und sich nach einer anderen Arbeit umsehen. Eine Ausnahme war Bau Yung. Obwohl er ein Neuling war und nur eine kurze Zeit vor der Krise angekommen war, bestätigte er, ein aufrichtiger und fleißiger Diener zu sein und war über die Art erschrocken, wie die anderen Diener ihren Nutzen aus der Lage ihres Herren zogen. Seine Stellung im Hausstand war zu unsicher, als daß er es wagen könnte, seine Gefühle auszusprechen. Er konnte nur noch sein Abendbrot essen und entrüstet ins Bett gehen. Den anderen gefiel es nicht, daß er nicht mit ihnen ging und sie beschwerten sich über ihn bei Djia Dschëng, bezeichneten ihn als unfähig, als einen Trinker und Unruhestifter. „Laßt ihn“, war Djia Dschëngs Antwort, „er wurde von den Dschëns zu mir geschickt, und wir dürfen nicht zu streng mit ihm sein. Wir sind zwar arm, doch ein zusätzliches Mündlein können wir schon stopfen.“ Als seine Reaktionen ihren Erwartungen widersprach, gingen die Diener mit ihren Beschwerden zu Djia Liän. Doch Djia Liän sah sich nicht in der Position, seine Autorität zu beweisen und am Ende ließen sie ihn [Bau Yung] in Ruhe. Eines Tages war Bau Yung sehr wütend. Nachdem er einige Becher Wein getrunken hatte, um sich selbst zu trösten, bummelte er ein wenig auf der Straße vor dem Jung-guo-Anwesen, wo er folgendes Gespräch mithörte: „Seht ihr das große Haus dort?“, sagte ein Mann und zeigte dabei auf das Jung-guo-Anwesen. „Ich frage mich, wie sie nach der Plünderung über die Runden kommen...“ – „Ach, denen wird es gut gehen!“, antwortete ein anderer Mann, „ich habe gehört, daß eine ihrer Töchter eine Konkubine Seiner Majestät war. Jetzt ist sie tot, doch eine solche Verbindung löst sich so schell nicht auf. Und sie haben andauernd mit irgendwelchen Prinzen, Adligen, Hochedlen und Fürsten zu tun. Die werden niemals ohne Freunde sein. Nimm den derzeitigen Major, der einst Kriegsminister war, der kommt aus derselben Familie. Wenn solche Leute sich um einen kümmern, wird alles erfolgreich verlaufen.“ – „Hm!“, antwortete der erste, „du magst hier vor Ort leben, doch ich sehe, daß du nicht auf dem Laufenden bist. Ich weiß zwar nichts von ihren Freunden, doch der Major Djia, den du erwähnt hast, ist nur gewöhnlich eingesetzt, und ich sage dir, warum ich dir das erzähle. Ich habe ihn im Jung-guo-Anwesen unzählige Male gesehen; also weiß ich, daß er in der Vergangenheit viel mit ihnen zu tun hatte. Als der Zensor diese Anschuldigungen gegen die Mitglieder der Familie Djia vorbrachte, trug der Kaiser ihm auf, dem ganzen nachzugehen und Tatsachen über den Fall herauszufinden. Und was glaubst du, was er getan hat? Weil er beiden Zweigen der Familie noch jede Menge schuldete und weil er fürchtete, er könnte verdächtigt werden, etwas für seine Familie zu verdecken, ging er in das andere Extrem. Er sagte die schlimmsten Dinge über sie. Das führte überhaupt zu der Plünderung beider Haushalte. Es ist erschreckend, wie die Leute ihre Freunde heutzutage behandeln, nicht wahr?“ Diese beiläufige Konversation bekam jemand zu hören, der nur zu gut wußte, was damit gemeint war. ‚Das so ein Schuft auf dieser Erde überhaupt leben und atmen darf!‘, dachte Bau Yung insgeheim bei sich. ‚Ich frage mich, in welcher Beziehung er zum Herrn steht? Wenn ich ihn zu sehen bekomme, werde ich ihm die Eingeweide herausprügeln! Egal was das für Konsequenzen haben mag!‘ Wilde und ungezügelte Gedanken der Rache erfüllten Bau Yungs treu gesinntes Herz. Plötzlich waren die Rufe von amtlichen Laufboten zu hören, und von dort, wo er stand, konnte Bau Yung einen der Zuschauer zu einem anderen flüstern hören: „Ach, da kommt er ja, der Major Djia, über den wir gerade gesprochen hatten!“ Bau Yung war von wirklicher Verachtung erfüllt und der Wein verlieh ihm den notwendigen Mut: „Unhold!“ brüllte er unbedacht. „Gemeiner Schurke! Hast du die Freundlichkeit vergessen, mit der die Herrn Djia dich behandelt haben?“ In seiner Sänfte konnte Yü-tsun den Namen Djia hören und lehnte sich vor, um zu sehen, was da los war. Nur ein weiterer lauter Trunkenbold auf der Straße, nicht der Rede wert. Seine Sänfte bewegte sich weiter und Bau Yung stolperte nach Hause, war dabei sehr zufrieden mit sich und viel zu betrunken, um diskret zu sein. Er machte ein paar Erkundigungen und seine Dienerkollegen bestätigten, daß dieser Major in der Tat seine ganze Karriere der Gunst der Djias zu verdanken hatte. „Was für ein undankbarer Unhold, so habe ich es ihm gesagt!“ prustete Bau Yung. „Nach allem, was sie für ihn getan haben, fällt er ihnen so in den Rücken! Ich hab’ ihm meine Meinung gesagt, und er hat sich nicht getraut, mir zu widersprechen.“ Bis jetzt waren die Diener des Jung-guo-Anwesens, die Bau Yung allesamt nicht leiden konnten, nicht in der Lage gewesen, den Hausherrn [Djia Dschëng] zu überzeugen, ihn loszuwerden. Auf genau diesen Vorwand hatten sie gewartet, und sie nutzten die Gelegenheit, um dem Herrn zu berichten, er sei betrunken und desorientiert und würde auf der Straße Unruhe stiften. Djia Dschëng war sehr ängstlich, die Autoritäten schon wieder zu provozieren, und war sehr zornig, als er von Bau Yungs tölpelhaftem Verhalten hörte. Er rief Bau Yung zu sich und hielt ihm eine ordentliche Standpauke. Er dachte immer noch, daß er ihn durch seine Verbindung mit den Dschëns nicht zu hart bestrafen sollte und versetzte ihn zur Strafe in den Garten als Wächter, mit der strengen Anweisung, nicht wieder draußen herumzulaufen. Bau Yung war ein aufrichtiger Mann. Wenn er einmal für jemanden gearbeitet hatte, der sein Herr war, diente und beschützte er ihn mit aller Treue. Er war sehr bestürzt, daß Djia Dschëng Geschichten gehört hatte, die ihn dazu brachten, ihn derart auszuschelten. Doch er sagte nicht ein Wort des Protestes. Er packte bloß seine Sachen und ging in den Garten, um seine Pflichten zu erfüllen. Um zu erfahren, was dann geschah, lese man das nächste Kapitel.