Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 108"
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== 强欢笑蘅芜庆生辰 / 死缠绵潇湘闻鬼哭 == | == 强欢笑蘅芜庆生辰 / 死缠绵潇湘闻鬼哭 == | ||
| − | + | '''Eine Geburtstagsfeier zu Ehren von Bau-tschai erfordert aufgesetzte FröhlichkeitWehklagen aus der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß sorgen für einen neuen Ausbruch von Kummer.''' | |
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| + | Wir haben bereits berichtet, wie der Kaiser Djia Dschëngs Bitte abwies, das Jung-guo-Anwesen und den Garten des Großen Anblicks dem Thron zu überlassen. Da aber auch niemand aus der Familie Djia noch im Garten lebte, waren seine Tore seitdem verschlossen. Frau You und Hsi-tschun, deren derzeitige Unterkunft im Jung-guo-Anwesen an die Gartenmauer grenzte, empfanden diesen Ort als schauerlich und verlassen, und auch das war einer der Gründe, warum Bau Yung mit der Gartenpflege beauftragt worden war. | ||
| + | Djia Dschëng nahm sich ernstlich vor, sich um die Haushaltsangelegenheiten zu kümmern, und in Übereinstimmung mit den Anweisungen der Herzoginmutter ordnete er eine umfassende Einschränkung des Personals und weitere Einsparungen an, und doch reichten diese Maßnahmen nicht. Gott sei Dank konnte sich Hsi-fëng dank der Liebe der Herzoginmutter weiter um den Haushalt kümmern. Obwohl Frau Wang und die anderen nicht mehr viel für sie übrig hatten, beschloß Djia Dschëng, sie trotzdem mit der Abwicklung der internen Angelegenheiten zu beauftragen. Sie übernahm diese Verantwortung gern, doch entdeckte sie bald, daß durch die Plünderung der Goldjacken alles nicht mehr so lief wie vorher. Alles mußte genau berechnet werden. Die Damen und ihre Mägde, von der höchsten zur niedrigsten, waren ein unbeschwertes Leben gewohnt. Wie sie unter den neuen schlechteren Umständen feststellten, daß sie sich ihren alten Luxus nicht mehr leisten konnten, waren sie nur am Jammern. Hsi-fëng konnte sich ihrer Pflicht nicht entziehen und versuchte trotz ihrer Krankheit die Herzoginmutter, so gut sie konnte zu erfreuen. | ||
| + | Djia Schë und Vetter Dschën kamen gerade an ihrem vorgesehenen Exilort an. Dank des Geldes, das ihnen mitgegeben worden war, ging es ihnen zunächst soweit gut, und sie schrieben nach Haus, daß sie wohlauf waren und daß die Familie sich ihretwegen keine Sorgen machen müsse. Die Herzoginmutter war sehr erleichtert und die Neuigkeiten trösteten ihre Frauen ein wenig. | ||
| + | Einige Tage später kam Schï Hsiang-yün, die nun verheiratet war und zu Hause ihren Besuch des Neunten Tages abstattete. Die Herzoginmutter sagte, was für einen günstigen Bericht sie über ihren Ehemann vernommen habe, während Hsiang-yün bestätigte, daß das Eheleben sie glücklich mache. Sie bat die Herzoginmutter, sich keine Sorgen zu machen. Bei der Erwähnung von Dai-yüs Tod brachen beide in Tränen aus, und der Kummer der Herzoginmutter wurde mit den Gedanken an Ying-tschun und ihre Strapazen noch vergrößert. Hsiang-yün blieb eine Zeit bei ihr, gab ihr Bestes, um sie aufzuheitern, dann schaute sie bei den anderen vorbei und kehrte zuletzt zu den Gemächern der Herzoginmutter zurück. Die Unterredung an diesem Abend richtete sich auf die Familie Hsüä, und Hsiang-yün erfuhr von der Herzoginmutter, wie aufgrund von Pans Eskapaden die Hsüäs nun vor dem vollständigen Ruin standen. Pans Todesurteil wurde zunächst aufgehoben, das war wahr, und er war immer noch lebend im Kerker. Doch es gab keinen Bericht darüber, ob das Urteil bis zum nächsten Jahr geändert und somit sein Leben gerettet werden könne. | ||
| + | „Und du hast auch noch nichts von Pans Frau gehört“, fuhr die Herzoginmutter fort. „Sie hat ein böses Ende gefunden, und es gab beinahe einen schrecklichen Skandal. Doch Buddha hat in seiner allsichtigen Weisheit ihre eigene Magd dazu gebracht, uns die ganze Geschichte zu erzählen. Frau Hsia mußte trotz all ihrer Possen der Wahrheit ins Angesicht blicken und bat zuletzt darum, die Untersuchung einzustellen. Das Ganze konnte gerade so in der Familie gehalten werden. Es ist ja wirklich so, daß die ganze Familie Hsüä unter diesem Schicksal litt. Tante Schë lebt nun mit dem jungen Kë zusammen. Er ist ein wundervoller Bursche und hat ein enormes Pflichtbewußtsein. Er denkt, er müsse seine Hochzeit aufschieben, bis Pan aus dem Gefängnis entlassen und der Mordfall aufgeklärt sei. Natürlich macht dies die Sachen schwer, besonders für die arme Schwester Hsing [Hsiu-yän], die bei ihrer Tante Hsing bleiben muß. Auch nicht viel besser ist es für Bau-tjin, die nicht ihren jungen Herrn Mei heiraten kann, bis die Trauerzeit für ihren Schwiegervater vorbei ist. Ach du meine Güte! Es kommt das eine zum anderen, unsere Verwandten scheinen in einer ähnlichen Lage wie wir zu sein. Laß mich sehen, was es sonst noch Neues gibt. In der Familie Wang, von dem älteren Bruder deiner Tante Wang, ist dein Großonkel Dsï-teng verschieden. Hsi-fëngs älterer Bruder Jen hat sich selbst entehrt. Und ihrem zweiten Onkel Dsï-sheng, deinem anderen Großonkel Wang, ergeht es auch nicht gut. Er konnte die Schulden seines älteren Bruders nicht bezahlen und hat uns deshalb um Hilfe gebeten. Wir wissen nichts Neues von den Dschëns, seitdem sie ebenso ausgeraubt wurden wie wir und man ihr Eigentum beschlagnahmte.“ | ||
| + | „Gab es irgend etwas Neues von Tan-tschun, seit sie gegangen ist?“, fragte Hsiang-yün. | ||
| + | „Nach ihrer Hochzeit ist dein Onkel Dschëng von seinem Posten zurückgekehrt, und er erzählte mir, daß Tan-tschun an der Küste sehr glücklich sei. Aber nur haben wir immer noch nichts direkt von ihr gehört, und ich mache mir große Sorgen. Wir hatten hier vor Ort mit so vielen Problemen zu kämpfen, deshalb hatte ich einfach keine Zeit, etwas für sie zu tun. Und dann ist da noch Hsi-tschun. Ich habe immer noch keinen Ehemann für sie gefunden. Wer könnte ihn im Zusammenhang mit einer Fertigkeit erwähnen? Oh, unser Zuhause hat sich sehr verändert, seit du das letzte Mal hier warst,– leider zum Schlechten. Deine arme Kusine Bau-tschai hat keinen Tag Frieden gehabt, seit sie in unsere Familie eingeheiratet hat. Und Bau-yü verhält sich immer noch so unbeholfen wie zuvor. Ach du liebe Güte! Wir sitzen wirklich in der Klemme!“ | ||
| + | „Ich bin hier aufgewachsen“, sagte Hsiang-yün, „Deshalb kenne ich jeden einzelnen Charakter sehr gut. Aber dieses Mal haben sich alle verändert. Zuerst meinte ich, sie seien mir gegenüber etwas distanziert, weil ich so lange fort war. Doch dann dachte ich darüber nach und sah, daß dies nicht sein konnte. Sie wollten mit mir so heiter wie immer sein, doch nachdem wir miteinander zu reden begonnen hatten, wurden sie alle traurig. Deshalb bin ich nicht lange geblieben und kam zurück zu dir, Großmutter.“ | ||
| + | „Für mich als alte Frau macht das nichts mehr“, sagte die Herzoginmutter. „Doch die jungen Leute scheinen daran zu zerbrechen. Ich habe heute ein wenig versucht, sie aufzuheitern, doch dann fehlte mir die Kraft dazu.“ | ||
| + | „Ich habe eine Idee“, sagte Hsiang-yün. „Ist übermorgen nicht Bau-tschais Geburtstag? Warum bleibe ich dann nicht noch, um ihr Glück zu wünschen, dann sind wir einen Tag lang froh zusammen. Was sagst du dazu, Großmutter?“ | ||
| + | „Meine Güte! Ich werde schon schusselig!“, rief die Herzoginmutter. „Wenn du das nicht erwähnt hättest, hätte ich es ganz vergessen. Natürlich, du hast recht! Morgen werde ich den Köchen etwas Geld geben, und wir feiern ein Fest. Bevor Bau-tschai Bau-yü heiratete, haben wir ihren Geburtstag einige Male gefeiert. Doch nicht, seit sie ein Teil der Familie ist. Bau-yü, das arme Kind, der ein Ausbund von Unfug und Spaß war, wurde so schwer von unseren Sorgen getroffen, daß er kaum zwei Worte zusammenbekommt. Ich kann mich immer noch auf die Frau von Dschu-örl [Wan] verlassen. Sie wird sich niemals ändern, weder in guten noch in schlechten Zeiten. Sie und der kleine Lan verbringen ihre Tage ruhig zusammen. Sie ist ein Wunder!“ | ||
| + | „Den anderen geht es nicht schlecht, nur Schwägerin Hsi-fëng hat sich verändert“, sagte Hsiang-yün. „Sie sieht zunächst einmal so anders aus und spricht nicht mehr so vergnügt wie damals. Morgen muß ich sehen, ob ich sie alle irgendwie aufmuntern kann. Doch ich fürchte, daß sie es mir, auch wenn sie es nicht aussprechen, innerlich übelnehmen, daß ich so glücklich bin.“ | ||
| + | Sie hielt inne und errötete plötzlich. Die Herzoginmutter verstand, was sie meinte. „Es gibt keinen Grund, dir deshalb Sorgen zu machen. Du und deine Vetter seid zusammen als Kinder aufgewachsen. Ihr habt miteinander gespielt, geplaudert und zusammen gelacht. Mach Dir nicht zuviele Gedanken um sie! Wir alle müssen lernen, die Höhen und Tiefen des Lebens zu akzeptieren. Wir sollten alle lernen, das Glück zu nutzen, solange es dauert und Armut geduldig zu überstehen. Deine Kusine Bau-tschai hatte immer eine klare Sicht vom Leben. In vergangenen Tagen, als ihre Familie noch wohlgestellt war, war sie niemals eingebildet; und seitdem harte Zeiten angebrochen sind, ist sie davon kaum erschüttert. Nun, da sie ein Teil unserer Familie ist, ist sie ruhig und zufrieden wie immer, wenn Bau-yü nett zu ihr ist, und ich habe sie nie grummeln gesehen, wenn er sie manchmal zu einem Lied oder kleinen Tanz verleitet. Dieses Mädchen scheint mit einer herrlichen Gabe ausgestattet zu sein. Deine Kusine Dai-yü war so anders – sie kritisierte andere oft, war schnell gekränkt und zweifelte an allem. Es überraschte kaum, daß sie so jung starb, armes Kind. Und was Hsi-fëng angeht, sie hat etwas vom Leben gesehen, sie sollte es besser wissen, als sich von kleinen Unpäßlichkeiten erschlagen zu lassen. Schwachheit liegt in ihrem Charakter ... Ja, ich sollte eine bestimmte Geldsumme für Bau-tschais Geburtstag an die Seite legen, und wir werden ein frohes Fest feiern und werden ihr damit auch eine Freude bereiten.“ | ||
| + | „Das klingt nach einer guten Idee, Großmutter“, antwortete Hsiang-yün, „ich werde schon mal die Mädchen einladen, und wir können alle zusammen ein bißchen plaudern.“ – | ||
| + | „Ja, tu das“, sagte die Herzoginmutter. In ihrer Begeisterung rief sie Yüan-yang zu sich und sagte: „Nimm hundert Tael Silber und sag’ den Kontoführern, daß wir Essen und Trinken für eine Zwei-Tages-Feier brauchen, die morgen beginnt!“ | ||
| + | Yüan-yang gab einem alten Dienstmädchen das Geld, um den Auftrag auszuführen. Der folgende Abend und die Nacht blieben ohne weitere Ereignisse. | ||
| + | Am darauf folgenden Tag wurde ein Diener wegen der Feier zu Ying-tschun geschickt. Tante Hsüä und Bau-tjin wurden eingeladen und gebeten, Hsiang-ling mitzubringen. Frau Li wurde ebenfalls eingeladen und später am Tag kamen Li Wën und Li Tji an. | ||
| + | Die Vorbereitungen wurden vor Bau-tschai geheim gehalten. Eine der Mägde der Herzoginmutter kam einfach vorbei, um ihr zu sagen, daß ihre Mutter nach ihr riefe und bestellte sie hinüber in die Gemächer der Herzoginmutter. Bau-tschai war froh, von der Ankunft ihrer Mutter zu hören und ging gekleidet, wie sie war, um sie zu begrüßen. Sie fand dort ihre Kusine Bau-tjin, Hsiang-ling und Frau Li mit den Schwestern Li und nahm an, daß sie sich alle versammelt hatten, um die Nachrichten vom Ende der Familienkrise zu hören. Sie begrüßte Frau Li, dann die Herzoginmutter, wechselte dann ein paar Worte mit ihrer Mutter und begrüßte dann die Schwestern Li. | ||
| + | „Wenn die Damen sich bitte setzen würden“, sagte Hsiang-yün von der Seite, „dann können wir meiner Kusine gratulieren und ihr ein langes und glückliches Leben zu diesem besonderen Anlaß wünschen.“ | ||
| + | Bau-tschai blickte einen Moment verwirrt. Dann dachte sie bei sich, ‚Natürlich! Morgen habe ich Geburtstag!‘ Sie protestierte: „Es ist sehr gut, daß ihr Großmutter besuchen gekommen seid. Doch ihr hättet euch meinetwegen nicht so eine Mühe machen müssen.“ | ||
| + | Bau-yü hörte das, als er hereinkam, um Tante Hsüä und Frau Li zu begrüßen. Er wollte eigentlich selbst etwas für Bau-tschais Geburtstag geplant haben, doch hatte er der Herzoginmutter wegen der Ärgernisse der letzten Wochen nichts davon gesagt. Er war sehr froh, daß Hsiang-yün die Initiative ergriffen hatte. „Ja, morgen hat sie Geburtstag“, sagte er, „ich wollte dich gerade daran erinnern, Großmutter.“ – | ||
| + | „Schande über dich!“, rief Hsiang-yün mit einem scherzhaften Lachen, „als ob Großmutter daran erinnert werden müßte! Wer, glaubst du, hat die ganzen Leute eingeladen wenn nicht Großmutter?“ | ||
| + | Bau-tschai zweifelte insgeheim daran. Doch dann hörte sie die Herzoginmutter zu ihrer Mutter sagen: „Arme Bau-tschai, es ist ungefähr ein Jahr her, daß sie Bau-yü geheiratet hat und, da das eine zum anderen kam, haben wir nie ihren Geburtstag gefeiert. Heute wollte ich es richtig angehen, deshalb habe ich dich und und alle Frauen eingeladen, sodaß wir uns bei dieser Gelegenheit alle gut unterhalten können.“ – | ||
| + | „Sie fangen gerade erst an, ruhigere Zeiten zu haben, gnädige Frau“, sagte Tante Hsüä, „es ist meine Tochter, die sich am ehesten bemühen sollte, ihre Pflichten zu erfüllen und Ihnen ihre Liebe und Respekt zu zeigen. Sie sollten wirklich nicht so einen Aufwand für Bau-tschai machen.“ – | ||
| + | „Bau-yü ist Großmutters Lieblingsenkel“, sagte Hsiang-yün, „deswegen hat sie natürlich auch eine kleine Schwäche für Bau-tschai! Trotzdem verdient Bau-tschai es, daß meine Großmutter für sie ein Geburtstagsessen organisiert!“ | ||
| + | Wie es der Anstand erforderte, schwieg Bau-tschai mit gesenktem Kopf. | ||
| + | Bau-yü wunderte sich derweil selbst über Hsiang-yüns Offenheit: ‚Ich hatte mir immer vorgestellt, daß Hsiang-yün sich nach ihrer Hochzeit ändern würde; deshalb war ich gestern eher zurückhaltend zu ihr. Als Folge davon wird sie sich selbst auch etwas zurückgehalten haben. Doch wenn man sie jetzt reden hört, scheint sie dieselbe wie immer zu sein. Warum hat die Ehe mein Leben nur so bescheiden gemacht und schamhafter und sprachloser als je zuvor?’ | ||
| + | Während diese Gedanken seinen Geist durchströmten, kam eine jüngere Magd herein, um die Ankunft von Ying-tschun anzukündigen. Kurz darauf kamen Li Wan und Hsi-fëng an, und sie begrüßten sich alle. Ying-tschun kam auf die Abreise ihres Vaters zu sprechen: „Ich wollte ihn vor seiner Abreise noch gesehen haben, doch mein Ehemann hat es mir nicht gestattet. Er sagte, er wolle nicht, daß das Unglück seine Familie befällt. Er wollte auf nichts hören, was ich sagte, und ich konnte nichts tun. Zwei oder drei Tage lang habe ich geweint.“ | ||
| + | „Warum ließ er dich denn heute kommen?“, fragte Hsi-fëng. | ||
| + | „Dieses Mal sagte er, daß seit Djia Dschëng den Titel wiedererlangt habe, es kein Problem mehr gebe, den Kontakt aufrecht zu erhalten.“ Sie brach in Tränen aus. | ||
| + | „Ich habe mich selber elendig gefühlt“, schimpfte die Herzoginmutter, „und ich habe dich nur gebeten, mit uns den Geburtstag meiner Schwiegerenkelin zu feiern und etwas Spaß zu haben. Ich dachte, wir könnten viel miteinander lachen – und dann erwähnst du deine betrüblichen Angelegenheiten und machst mich wieder ganz traurig.“ | ||
| + | Ying-tschun und der Rest wurden still. | ||
| + | Hsi-fëng gab ihr Bestes, ein frohes Gesicht zu machen und die Herzoginmutter wieder aufzuheitern; doch irgendwie schien ihr das Talent abhanden gekommen zu sein, andere Leute zum Lachen zu bringen und ihre Mühen waren vergebens. Die Herzoginmutter selbst wollte Bau-tschai den Tag nicht verderben und stachelte Hsi-fëng ganz bewußt an. Hsi-fëng wußte, was die Herzoginmutter wollte und versuchte ihr Bestes: „Es geht Ihnen heute viel besser, nicht wahr, gnädige Frau? Hier sind wir alle nach so langer Zeit wieder versammelt. Es ist wirklich eine Wiedervereinigung!“ | ||
| + | Nach diesen Worten blickte sie sich um, bemerkte die offensichtliche Abwesenheit der Damen Hsing und You und schwieg. Das Wort „Wiedervereinigung“ hatte die Erinnerung der Herzoginmutter geweckt und sie schickte umgehend nach den fehlenden Damen. Die Damen Hsing und You sowie Hsi-tschun wußten, daß sie dem Ruf der Herzoginmutter folgen mußten, obwohl feiern das letzte war, wonach ihnen zumute war. Der veiwelkte Haushalt ging ihnen immer nach, aber die Herzoginmutter freute sich sehr darüber, Bau-tschais Geburtstag zu feiern, was war Beweis genug, wo ihre Zuneigung lag. Sie kamen in das Zimmer und boten ein farbloses Bild des Elends. Die Herzoginmutter erkundigte sich nach Hsiu-yän und die Dame Hsing erfand eine Krankheit, die ihre Nichte davon abhielt, zu der Feier zu erscheinen. Die Herzoginmutter selbst wußte nur zu gut, daß Hsiu-yäns Abwesenheit von ihrer Anwesenheit bei der Feier von Tante Hsüä [der Tante ihres zukünftigen Ehemannes] herrührte und fragte nicht nach. | ||
| + | Dann wurden Wein und Konfekt serviert. | ||
| + | „Es gibt keinen Grund, nach einem der Männer zu schicken“, sagte die Herzoginmutter, „heute ist Frauentag.“ | ||
| + | Obwohl Bau-yü ein verheirateter Mann war, hatte er als Großmutters Liebling die Erlaubnis zu bleiben. Aber er wurde nicht an einen Tisch mit Hsiang-yün und Bau-tjin gesetzt, sondern auf einen Stuhl neben der Herzoginmutter. Bau-yü ließ Bau-tschai hochleben, ging herum und stieß einzeln mit allen repräsentativ für sie an. | ||
| + | „Setzt euch beide,“ verlangte die Herzoginmutter, „und laßt uns alle etwas trinken. Später am Abend kannst du jedem gegenüber deine Pflicht erfüllen. Doch wenn du dich jetzt zu förmlich benimmst und eine Zeremonie aus dem Ganzen machst, ist meine Laune ganz tief unten, und die Feier macht keinen Spaß.“ | ||
| + | Sie gehorchte und setzte sich. Die Herzoginmutter wandte sich zu den anderen: „Um Himmels willen, laßt uns doch entspannen. Wir brauchen nur eine oder zwei Mägde, die uns aufwarten. Yüan-yang, nimm Tsai-yün, Ying-örl, Hsi-jën und Ping-örl mit zurück und trinkt etwas Wein zusammen!“ – | ||
| + | „Aber wir haben immer noch nicht Frau Bau-tschai gratuliert“, sagten Yüan-yang und die andere. „Wie können wir etwas trinken, ohne das vorher getan zu haben?“ – | ||
| + | „Ab mich euch!“ sagte die Herzoginmutter. „Wir lassen euch rufen, wenn wir euch brauchen.“ | ||
| + | Yüan-yang und die anderen Mägde gehorchten. | ||
| + | Die Herzoginmutter forderte ihre Gäste nun zum Trinken auf. Doch bald bemerkte sie, dass niemand in der gewöhnlichen Stimmung war. | ||
| + | „Was ist mit euch allen los?“, fragte sie ärgerlich. „Seid doch alle mal etwas fröhlicher!“ – | ||
| + | „Wir essen und trinken“, antwortete Hsiang-yün. „Was erwartest du denn noch von uns?“ | ||
| + | „Als sie alle noch Kinder waren“, sagte Hsi-fëng, „war es einfacher für sie, sorglos und heiter zu sein. Da sie nun erwachsen sind, lassen sie sich nicht mehr so gehen. Deswegen erscheinen sie so ruhig.“ | ||
| + | Bau-yü sagte der Herzoginmutter im Vertrauen: „Am besten sagen wir gar nichts, Großmutter. Wenn wir so offen sind wie du, könnte sich noch jemand verletzt fühlen. Warum schlägst du stattdessen nicht ein Trinkspiel vor?“ | ||
| + | Die Herzoginmutter hatte zum Lauschen ihren Kopf zur Seite geneigt. „Wenn es ein Spiel sein soll“, antwortete sie mit einem Lachen, „müssen wir Yüan-yang zurückrufen!“ | ||
| + | Als Bau-yü es hörte, mußte er kein zweites Mal gebeten werden, sondern ging direkt aus den Gemächern, um Yüan-yang zu finden. | ||
| + | „Großmutter möchte ein Spiel spielen und braucht deine Hilfe.“ – | ||
| + | „Herr Bau-yü, können wir uns nicht ausruhen und gemütlich unseren Wein trinken? Mußt du ein Mittel finden, um uns zu stören?“ – | ||
| + | „Es hat nichts mit mir zu tun. Ehrlich. Es ist Großmutter. Sie trug mir auf, dich zu holen.“ | ||
| + | Yüan-yang hatte keine Wahl. „Ihr bleibt alle hier und trinkt euren Wein. Ich bin gleich wieder da.“ | ||
| + | Sie begab sich in die Gemächer der Herzoginmutter. | ||
| + | „Da bist du ja!“, rief die Herzoginmutter, als sie erschien. „Wir spielen ein Trinkspiel!“ – | ||
| + | „Herr Bau-yü sagte, ich sollte kommen, gnädige Frau“, sagte Yüan-yang, „Nun bin ich hier. Was für ein Spiel wolltet Ihr denn genau spielen?“ – | ||
| + | „Nun, für den Anfang keines aus diesen schlauen Büchern. Die sind zu langweilig. Und auch keines von diesen gewalttätigen. Irgendetwas Neues und Unterhaltsames.“ | ||
| + | Yüan-yang überlegte einen Moment: „Da Frau Hsüä eine unserer Besucherinnen ist und ich sehe, daß sie eine ältere Dame ist, will ich sie nicht überfordern. Warum holen wir nicht ganz einfach die Würfelschale und werfen um Liedtitel? Der Verlierer muß ein Schälchen Wein trinken.“ – | ||
| + | „Das klingt gut“, sagte die Herzoginmutter. Sie bat eine der Mägde, die Würfel zu besorgen. | ||
| + | „Werft vier Würfel“, sagte Yüan-yang. „Wenn die Kombination keinen besonderen Namen hat, muß der Werfer ein Schälchen Wein trinken. Wenn der Wurf einen Namen ergibt, hängt die Anzahl der Schalen, die die anderen trinken müssen, von der Kombination ab.“ | ||
| + | „Das klingt leicht genug“, antworteten sie, „wir folgen deiner Führung.“ | ||
| + | Yüan-yang warf zwei Würfel, um zu schauen, wer anfangen sollte. Sie bestanden darauf, daß von Yüan-yang aus gezählt werden solle. Dann kamen sie bei Tante Hsüä an, die warf, und vier „Einsen“ erwischte. | ||
| + | „Das ergibt bekannte historische Persönlichkeiten“, sagte Yüan-yang. „ ‚Die vier alten Einsiedler vom Berg Shang‘. Alle älteren Gäste müssen einen Becher trinken.“ | ||
| + | Die Herzoginmutter, Frau Li, die Damen Hsing und Wang willigten ein. Gerade, als die Herzoginmutter ihren Becher an die Lippen hob, sagte Yüan-yang: | ||
| + | „Da dies Frau Hsüäs Wurf war, muß sie sich einen Vers einfallen lassen, um zu bestehen; und die Person neben ihr muß einen Vers der ‚Klassischen Dichter‘ hinzufügen. Wenn sie es nicht schafft, bedeutet es einen Becher Strafe.“ – | ||
| + | „Das ist ein Komplott!“, rief Tante Hsüä. „Da habe ich doch keine Chance!“ – | ||
| + | „Komm schon,“ ermutigte sie die Herzoginmutter. „Versuch’ es. Sonst verdirbst du uns den Spaß. Ich bin als Nächste dran und wenn ich auch hereinfalle, dann trinke ich einen mit.“ | ||
| + | Tante Hsüä versuchte es: „Nehmen wir dies: ‚Graubart zeigt sich in den Blumen‘.“ Die Herzoginmutter nickte und zitierte die Fortsetzung: „Und sie schwelgen im sorglosen Schein der Jugend...“ | ||
| + | Der Würfelbecher wurde an Li Wën weitergereicht, die zwei „Vieren“ und zwei „Zweien“ warf. | ||
| + | „Auch das ergibt ein bekanntes Gedicht“, sagte Yüan-yang. „Zwei Reisende begegnen zwei überirdischen Damen in den Tiäntai-Bergen.“ | ||
| + | Li Wën schlug das Gedicht „Zwei Freunde gingen in den Pfirsichblütenquell“ vor, und Li Wan, die neben ihr saß, zitierte den Vers: „Auf der Suche nach dem Pfirsichblütenquell, um der Tyrannei des Tjin zu entkommen...“ | ||
| + | Jeder trank etwas, und die Würfel wurden der Herzoginmutter übergeben, die zwei „Zweien“ und zwei „Dreien“ warf. | ||
| + | „Ich fürchte, ich muß zur Strafe etwas trinken.“ – | ||
| + | „Nein“, sagte Yüan-yang. „Auch hier gibt es einen Vers. ‚Eine Flußschwalbe regt ihre Küken zum Fliegen an‘. Jeder muß einen Becher trinken.“ – | ||
| + | „Küken sind Küken, wenn sie Nestflüchter sind, ist es doch gut so, oder?“, sagte Hsi-fëng. Alle schauten sie an und Hsi-fëng verstummte. „Nun, was soll ich zu dem Vers sagen“, sagte die Herzoginmutter. „Wie wäre es mit ‚Der Großvater führt seinen Enkel‘?“ | ||
| + | Dann war Li Qi an der Reihe, sie zitierte den Vers: „Gemütlich die Kinder beim Sammeln von Weidenkätzchen beobachten.“ Alle applaudierten zu ihrer Wahl. | ||
| + | Bau-yü wollte ungeduldig auch etwas sagen, war aber noch nicht ander Reihe. Während er gerade überlegte, wurden ihm die Würfel zugeworfen. Er warf eine „Zwei“, zwei „Dreien“ und eine „Eins“. – | ||
| + | „Was ist das?“, fragte er. | ||
| + | Yüan-yang lachte. „Das ist das Zeichen für ‚Gestank‘. Ein kleiner Schluck als Strafe und dann darfst Du noch einmal würfeln.“ | ||
| + | Bau-yü tat, was ihm aufgetragen wurde. Dieses Mal warf er zwei „Dreien“ und zwei „Vieren“. | ||
| + | „Das ist besser“, sagte Yüan-yang. „Das ist wie ‚Dschang Tschang zieht seiner Frau die Augenbrauen nach‘.“ | ||
| + | Bau-yü wußte, daß sie sich über ihn lustig machte und Bau-tschai wurde auf der Stelle rot. Hsi-fëng schien nichts Außergewöhnliches bemerkt zu haben und sagte ihm: „Bruder, du solltest sich beeilen und sich schnell einen Vers aussuchen. Dann sehen wir, wer als Nächster dran ist.“ | ||
| + | „Dann sehen wir, wer als Nächster dran ist.“ | ||
| + | Bau-yü war zu verwirrt: „Bestraf mich ruhig. Ich habe ohnehin niemanden, der nach mir käme.“ | ||
| + | Der Becher ging wieder an den Anfang der Runde zu Li Wan. Sie warf, und Yüan-yang benannte den Vers als Kombination „Die Zwölf Goldenen Haarspangen“. Bau-yü eilte an Li Wans Seite und betrachtete die Würfel: der rote und grüne Kern waren symmetrisch angeordnet. | ||
| + | „Das sieht sehr schön aus“, rief er. | ||
| + | Plötzlich erinnerte er sich an seinen Traum und die Liste der Zwölf Haarspangen von Jinling. Er ging benebelt an seinen Platz zurück. | ||
| + | ‚In meinem Traum waren es zwölf,‘ überlegte er. ‚Doch von meinen schönen Kusinen wurden die meisten bereits in alle vier Himmelsrichtungen zerstreut. Warum wurden so wenige verschont?‘ | ||
| + | Er blickte sich um. Hsiang-yün und Bau-tschai waren an diesem Tag zugegen, das stimmte. Doch die Abwesenheit von Dai-yü schlug ihn wie eine überwältigende Kraft und er wußte, daß er in Tränen ausbrechen würde. Da er die anderen seinen Kummer nicht sehen lassen wollte, gab er vor, daß ihm heiß wäre und er vorhabe, sich umzuziehen. Er gab Bescheid und verließ die Runde. | ||
| + | Hsiang-yün bemerkte sein Gehen und glaubte, er sei von der Tatsache verärgert, daß er keinen guten Wurf gehabt hatte und von den anderen geschlagen worden war. Sie selbst war langsam gelangweilt und irritiert von dem Spiel. | ||
| + | „Mir fällt keines ein“, sagte Li Wan. „Einer aus der Runde fehlt ohnehin. Ich trinke einfach meinen Strafbecher, und dann ist es gut.“ – | ||
| + | „Dieser Wurf macht doch nicht so viel Spaß“, sagte die Herzoginmutter. „Warum machen wir nicht etwas anderes? Yüan-yang soll einen Wurf machen.“ | ||
| + | Eine jüngere Magd stellte den Becher vor Yüan-yang hin, die tat, wie die Herzoginmutter geheißen hatte, und würfelte. Sie hatte zwei „Zweien“ und eine „Fünf“. Wie der letzte Würfel sich noch im Becher drehte, rief Yüan-yang aus: „Oh nein, bitte keine weitere ‚Fünf‘ !“ | ||
| + | Schließlich kam er zum Ruhen; da war sie, eindeutig eine „Fünf“. | ||
| + | „Oh nein!“, rief Yüan-yang, „ich habe verloren.“ | ||
| + | „Gibt es dafür keinen Vers?“, fragte die Herzoginmutter. | ||
| + | „Doch den gibt es“, sagte Yüan-yang. „Doch mir fällt das passende Lied dazu nicht ein.“ | ||
| + | „Nun, sag’ uns den Vers, und ich überlege etwas.“ – | ||
| + | „Der Vers lautet ‚Wellen fegen über die schwebende Wasserlinse‘.“ – „Das ist nicht schwer“, sagte die Herzoginmutter. „Hier ist ein Lied für dich: ‚Herbstfisch in einer Höhle mit Hsiang-ling‘.“ Hsiang-yün, die neben Yüan-yang saß, schlug das Lied vor: „Die weiße Wasserlinse jammert, wie der Herbst den südlichen Fluß erreicht.“ – | ||
| + | „Sehr passend!“, riefen alle. | ||
| + | „Das Spiel ist zu Ende“, sagte die Herzoginmutter, „jeder trinkt noch zwei Becher Wein, dann beginnen wir mit dem Essen.“ | ||
| + | Sie blickte sich um und bemerkte, daß Bau-yü immer noch fort war. „Wo ist Bau-yü hingegangen? Warum ist er noch nicht zurück?“ – | ||
| + | „Er wollte sich umziehen“, informierte sie Yüan-yang. | ||
| + | „Wer ist mit ihm gegangen?“ | ||
| + | Ying-örl trat vor: „Als ich sah, daß Herr Bau-yü hinaus ging, trug ich Hsi-jën auf, mit ihm zu gehen.“ | ||
| + | Das beruhigte die Damen. Sie warteten noch etwas länger auf seine Rückkehr und dann, als er immer noch nicht in Sicht war, schickte die Dame Wang eine ihrer jüngeren Mägde, um ihn zu suchen. Die Magd ging in seine neuen Gemächer, doch die einzige Person dort war Wu-örl, die Kerzen anzündete. | ||
| + | „Wo ist Herr Bau-yü hingegangen?“, fragte die Magd sie. | ||
| + | „Er trinkt Wein bei der Herzoginmutter“, antwortete Wu-örl. | ||
| + | „Hier ist er nicht. Ich komme gerade von dort. Die Herzoginmutter hat mich geschickt, um ihn zu holen. Sie vermutete, er sei hier.“ – „Nun, in diesem Fall weiß ich nicht, wo er ist. Suche besser woanders nach ihm.“ | ||
| + | Die Mägde mußten umkehren und begegneten auf ihrem Weg Tjiu-wën. „Hast du gesehen, wo Herr Bau-yü hingegangen ist?“ | ||
| + | „Ich suche ihn auch“, sagte Tjiu-wën, „die gnädige Herrin und die anderen warten auf ihn, damit sie zu Abend essen können. Wo kann er nur hingegangen sein? Ihr geht besser zurück und berichtet es der gnädigen Herrin. Sagt nicht, wir konnten ihn nicht finden, sondern daß er den Alkohol nicht gut vertragen habe und keinen Hunger habe. Sagt, er käme hinüber, wenn er sich ein bißchen hingelegt habe. Sagt der gnädigen Herrin und den anderen Damen, daß sie ohne ihn anfangen sollten.“ | ||
| + | Die jüngere Magd überbrachte Tjiu-wëns Nachricht Dschën-dschu, die sie dann an die Herzoginmutter weitergab. | ||
| + | „Er ißt gewöhnlich auch nicht viel“, kommentierte die Herzoginmutter. „Er kann ruhig das Abendessen ausfallen lassen und sich ausruhen. Sagt ihm, er brauch nicht zurückzukommen. Seine Frau ist hier, das reicht.“ | ||
| + | „Hast du das gehört?“, sagte Dschën-dschu zu der jüngeren Magd. | ||
| + | „Ja, Fräulein Dschën-dschu!“, sagte die Magd und wagte nicht zu erwähnen, wie es sich wirklich verhielt. Sie ging hinaus und lief etwas herum, kehrte dann zurück und gab vor, Bau-yü die Nachricht überbracht zu haben. Niemand nahm dies besonders zur Kenntnis. Sie aßen zu Abend und unterhielten sich. | ||
| + | Unser Erzähler verläßt sie nun und widmet sich Bau-yü. Von plötzlichem Kummer überwältigt, hatte er die Feier verlassen und lief ziellos draußen umher. Hsi-jën eilte ihm nach und fragte, was los sei. | ||
| + | „Nichts Ernstes“, antwortete er, „ich fühle mich nur auf einmal ganz übel. Warum bummeln wir nicht gemütlich zu den Gemächern, wo Vetter Dschëns Frau lebt und überlassen die anderen ihrem Gelage?“ – | ||
| + | „Aber Frau Dschën ist auf der Feier“, sagte Hsi-jën, „wen willst du in ihren Gemächern denn besuchen?“ | ||
| + | „Niemanden“, antwortete Bau-yü, „ich wollte nur kurz dort vorbeischauen, um zu sehen, in welchen Gemächern sie nun lebt.“ | ||
| + | Hsi-jën konnte ihn nur begleiten, und sie unterhielten sich auf ihrem Weg. Bald erreichten sie Frau Yous Gemächer und bemerkten, daß das kleine Seitentor daneben, das in den Garten führte, halb offen war. Bau-yü ging gar nicht in Frau Yous Gemächer; statt dessen ging er wegen des Tores zu den zwei alten Dienstmädchen, die auf der Schwelle saßen und sich unterhielten. Er fragte sie: „Wird das Seitentor offen gehalten?“ – | ||
| + | „Gewöhnlich nicht“, antwortete eine von ihnen, „doch heute wurde uns gesagt, daß die Herzoginmutter eventuell etwas Obst aus dem Garten haben wollte, für diesen Fall bleibt es geöffnet.“ | ||
| + | Bau-yü ging langsam zum Tor und sah, daß es tatsächlich halb offen stand, und er ging hindurch. Hsi-jën wollte ihn zurückhalten und sagte: „Geh nicht dort hinein! Der Garten ist verwahrlost. Es gehen selten Menschen hinein. Sonst würdest du Geistern begegnen.“ Bau-yü war noch ein wenig beschwippst, wollte es wagen und antwortete: „Vor so etwas habe ich keine Angst!“ | ||
Hsi-jën versuchte mit aller Kraft, ihn zurückzuhalten, doch es war zwecklos. Die Dienstmädchen kamen dazu: „Heute ist der Garten ruhig und friedlich. Seit die Priester hier waren und die bösen Geister vertrieben haben, sind wir oft dort gewesen, um Blumen und Früchte zu sammeln. Wenn Herr Bau-yü nachsehen möchte, gehen wir alle mit. Wenn so viele dabei sind, muß man gewöhnlich keine Angst haben.“ | Hsi-jën versuchte mit aller Kraft, ihn zurückzuhalten, doch es war zwecklos. Die Dienstmädchen kamen dazu: „Heute ist der Garten ruhig und friedlich. Seit die Priester hier waren und die bösen Geister vertrieben haben, sind wir oft dort gewesen, um Blumen und Früchte zu sammeln. Wenn Herr Bau-yü nachsehen möchte, gehen wir alle mit. Wenn so viele dabei sind, muß man gewöhnlich keine Angst haben.“ | ||
Bau-yü war begeistert; und Hsi-jën mußte ihre Bemühungen aufgeben, ihn aufhalten zu wollen und folgte ihnen ebenfalls. | Bau-yü war begeistert; und Hsi-jën mußte ihre Bemühungen aufgeben, ihn aufhalten zu wollen und folgte ihnen ebenfalls. | ||
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„Ich könnte schwören, daß ich jemanden weinen gehört habe! Da muß jemand sein!“ – | „Ich könnte schwören, daß ich jemanden weinen gehört habe! Da muß jemand sein!“ – | ||
„Das bildest du dir ein“, sagte Hsi-jën, „es ist nur, weil du hier damals Fräulein Dai-yü oft weinen gehört hast.“ | „Das bildest du dir ein“, sagte Hsi-jën, „es ist nur, weil du hier damals Fräulein Dai-yü oft weinen gehört hast.“ | ||
| − | Bau-yü war überzeugt und wollte noch weiter gehen und aus der Nähe zuhören. Die Amme eilte vor: „Es ist nun wirklich sehr spät, Herr. Es ist Zeit, zurückzugehen. Wir trauen uns nicht, noch weiterzugehen, hier ist der Weg etwas versteckt. Wir haben vor allem sagen gehört, daß seit Fräulein Dai-yü gestorben ist, öfter Geräusche des Weinens gehört wurden. Niemand möchte sich diesem Ort nähern.“ | + | Bau-yü war (von Hsi-jën) nicht überzeugt und wollte noch weiter gehen und aus der Nähe zuhören. Die Amme eilte vor: „Es ist nun wirklich sehr spät, Herr. Es ist Zeit, zurückzugehen. Wir trauen uns nicht, noch weiterzugehen, hier ist der Weg etwas versteckt. Wir haben vor allem sagen gehört, daß seit Fräulein Dai-yü gestorben ist, öfter Geräusche des Weinens gehört wurden. Niemand möchte sich diesem Ort nähern.“ |
Bau-yü und Hsi-jën hielten beide inne, als sie es hörten. | Bau-yü und Hsi-jën hielten beide inne, als sie es hörten. | ||
„Da! Ich habe es doch gesagt!“, rief Bau-yü, Tränen liefen ihm aus den Augen, „oh, Kusine Dai-yü! Kusine Dai-yü!“ seufzte er. „Wie konnte ich dich nur so verletzen, während es dir noch so gut ging? Bitte mach’ mir keine Vorwürfe! Sei meinetwegen nicht verbittert! Meine Eltern haben diese Wahl getroffen. Ich wollte dich nicht verletzen!“ | „Da! Ich habe es doch gesagt!“, rief Bau-yü, Tränen liefen ihm aus den Augen, „oh, Kusine Dai-yü! Kusine Dai-yü!“ seufzte er. „Wie konnte ich dich nur so verletzen, während es dir noch so gut ging? Bitte mach’ mir keine Vorwürfe! Sei meinetwegen nicht verbittert! Meine Eltern haben diese Wahl getroffen. Ich wollte dich nicht verletzen!“ | ||
Mit jedem Wort wurde er immer betrübter, und zuletzt überkam ihn eine große Welle des Kummers. Hsi-jën wußte nicht, was sie tun könnte, als sie Tjiu-wën mit einer Menge an Dienstmädchen zu sich eilen sah. | Mit jedem Wort wurde er immer betrübter, und zuletzt überkam ihn eine große Welle des Kummers. Hsi-jën wußte nicht, was sie tun könnte, als sie Tjiu-wën mit einer Menge an Dienstmädchen zu sich eilen sah. | ||
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„Habt ihr den Verstand verloren!“, rief Tjiu-wën, „Herrn Bau-yü ausgerechnet hierher zu bringen! Die Herzoginmutter und die Dame Wang sind sehr besorgt und lassen überall nach ihm suchen. Vorhin, als ich die Seitentür halb offen sah, hörte ich, daß Bau-yü mit dir hierhergegangen ist. Die Damen waren so aufgeregt, daß sie mich beschimpften und mich mit den anderen Mägden hierher schickten, um ihn zu holen. Jetzt kommt schon, wir sollten uns beeilen!“ | „Habt ihr den Verstand verloren!“, rief Tjiu-wën, „Herrn Bau-yü ausgerechnet hierher zu bringen! Die Herzoginmutter und die Dame Wang sind sehr besorgt und lassen überall nach ihm suchen. Vorhin, als ich die Seitentür halb offen sah, hörte ich, daß Bau-yü mit dir hierhergegangen ist. Die Damen waren so aufgeregt, daß sie mich beschimpften und mich mit den anderen Mägden hierher schickten, um ihn zu holen. Jetzt kommt schon, wir sollten uns beeilen!“ | ||
Bau-yü seufzte noch kläglicher, doch Hsi-jën kümmert sich nicht darum, zwei Dienstmägde zerrten ihn zurück. Sie versuchten einerseits, seine Tränen abzuwischen, andererseits erklärten sie ihm, wie sehr sich seine Großmutter um ihn sorgte. So gab er letztlich nach und ging mit ihnen. | Bau-yü seufzte noch kläglicher, doch Hsi-jën kümmert sich nicht darum, zwei Dienstmägde zerrten ihn zurück. Sie versuchten einerseits, seine Tränen abzuwischen, andererseits erklärten sie ihm, wie sehr sich seine Großmutter um ihn sorgte. So gab er letztlich nach und ging mit ihnen. | ||
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Nur Bau-yü ging in sein Zimmer und seufzte. Bau-tschai wußte den Grund seines Kummers und stellte sich taub. Sie war trotzdem sehr besorgt, daß, wenn es so weiter ging, er wieder ernsthaft depressiv würde und seine alte Krankheit wiederkehren würde. Sie ging in das innere Zimmer und rief sie nach Hsi-jën und befragte sie detailliert über Bau-yüs Ausflug in den Garten. | Nur Bau-yü ging in sein Zimmer und seufzte. Bau-tschai wußte den Grund seines Kummers und stellte sich taub. Sie war trotzdem sehr besorgt, daß, wenn es so weiter ging, er wieder ernsthaft depressiv würde und seine alte Krankheit wiederkehren würde. Sie ging in das innere Zimmer und rief sie nach Hsi-jën und befragte sie detailliert über Bau-yüs Ausflug in den Garten. | ||
Um Hsi-jëns Antwort zu erfahren, muß man das nächste Kapitel lesen. | Um Hsi-jëns Antwort zu erfahren, muß man das nächste Kapitel lesen. | ||
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Revision as of 13:46, 12 April 2026
Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 71 · 81 · 91 · 101 · 102 · 103 · 104 · 105 · 106 · 107 · 108 · 109 · 110 · 111 · ← Inhalt
Kapitel 108
强欢笑蘅芜庆生辰 / 死缠绵潇湘闻鬼哭
Eine Geburtstagsfeier zu Ehren von Bau-tschai erfordert aufgesetzte FröhlichkeitWehklagen aus der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß sorgen für einen neuen Ausbruch von Kummer.
Wir haben bereits berichtet, wie der Kaiser Djia Dschëngs Bitte abwies, das Jung-guo-Anwesen und den Garten des Großen Anblicks dem Thron zu überlassen. Da aber auch niemand aus der Familie Djia noch im Garten lebte, waren seine Tore seitdem verschlossen. Frau You und Hsi-tschun, deren derzeitige Unterkunft im Jung-guo-Anwesen an die Gartenmauer grenzte, empfanden diesen Ort als schauerlich und verlassen, und auch das war einer der Gründe, warum Bau Yung mit der Gartenpflege beauftragt worden war. Djia Dschëng nahm sich ernstlich vor, sich um die Haushaltsangelegenheiten zu kümmern, und in Übereinstimmung mit den Anweisungen der Herzoginmutter ordnete er eine umfassende Einschränkung des Personals und weitere Einsparungen an, und doch reichten diese Maßnahmen nicht. Gott sei Dank konnte sich Hsi-fëng dank der Liebe der Herzoginmutter weiter um den Haushalt kümmern. Obwohl Frau Wang und die anderen nicht mehr viel für sie übrig hatten, beschloß Djia Dschëng, sie trotzdem mit der Abwicklung der internen Angelegenheiten zu beauftragen. Sie übernahm diese Verantwortung gern, doch entdeckte sie bald, daß durch die Plünderung der Goldjacken alles nicht mehr so lief wie vorher. Alles mußte genau berechnet werden. Die Damen und ihre Mägde, von der höchsten zur niedrigsten, waren ein unbeschwertes Leben gewohnt. Wie sie unter den neuen schlechteren Umständen feststellten, daß sie sich ihren alten Luxus nicht mehr leisten konnten, waren sie nur am Jammern. Hsi-fëng konnte sich ihrer Pflicht nicht entziehen und versuchte trotz ihrer Krankheit die Herzoginmutter, so gut sie konnte zu erfreuen. Djia Schë und Vetter Dschën kamen gerade an ihrem vorgesehenen Exilort an. Dank des Geldes, das ihnen mitgegeben worden war, ging es ihnen zunächst soweit gut, und sie schrieben nach Haus, daß sie wohlauf waren und daß die Familie sich ihretwegen keine Sorgen machen müsse. Die Herzoginmutter war sehr erleichtert und die Neuigkeiten trösteten ihre Frauen ein wenig. Einige Tage später kam Schï Hsiang-yün, die nun verheiratet war und zu Hause ihren Besuch des Neunten Tages abstattete. Die Herzoginmutter sagte, was für einen günstigen Bericht sie über ihren Ehemann vernommen habe, während Hsiang-yün bestätigte, daß das Eheleben sie glücklich mache. Sie bat die Herzoginmutter, sich keine Sorgen zu machen. Bei der Erwähnung von Dai-yüs Tod brachen beide in Tränen aus, und der Kummer der Herzoginmutter wurde mit den Gedanken an Ying-tschun und ihre Strapazen noch vergrößert. Hsiang-yün blieb eine Zeit bei ihr, gab ihr Bestes, um sie aufzuheitern, dann schaute sie bei den anderen vorbei und kehrte zuletzt zu den Gemächern der Herzoginmutter zurück. Die Unterredung an diesem Abend richtete sich auf die Familie Hsüä, und Hsiang-yün erfuhr von der Herzoginmutter, wie aufgrund von Pans Eskapaden die Hsüäs nun vor dem vollständigen Ruin standen. Pans Todesurteil wurde zunächst aufgehoben, das war wahr, und er war immer noch lebend im Kerker. Doch es gab keinen Bericht darüber, ob das Urteil bis zum nächsten Jahr geändert und somit sein Leben gerettet werden könne. „Und du hast auch noch nichts von Pans Frau gehört“, fuhr die Herzoginmutter fort. „Sie hat ein böses Ende gefunden, und es gab beinahe einen schrecklichen Skandal. Doch Buddha hat in seiner allsichtigen Weisheit ihre eigene Magd dazu gebracht, uns die ganze Geschichte zu erzählen. Frau Hsia mußte trotz all ihrer Possen der Wahrheit ins Angesicht blicken und bat zuletzt darum, die Untersuchung einzustellen. Das Ganze konnte gerade so in der Familie gehalten werden. Es ist ja wirklich so, daß die ganze Familie Hsüä unter diesem Schicksal litt. Tante Schë lebt nun mit dem jungen Kë zusammen. Er ist ein wundervoller Bursche und hat ein enormes Pflichtbewußtsein. Er denkt, er müsse seine Hochzeit aufschieben, bis Pan aus dem Gefängnis entlassen und der Mordfall aufgeklärt sei. Natürlich macht dies die Sachen schwer, besonders für die arme Schwester Hsing [Hsiu-yän], die bei ihrer Tante Hsing bleiben muß. Auch nicht viel besser ist es für Bau-tjin, die nicht ihren jungen Herrn Mei heiraten kann, bis die Trauerzeit für ihren Schwiegervater vorbei ist. Ach du meine Güte! Es kommt das eine zum anderen, unsere Verwandten scheinen in einer ähnlichen Lage wie wir zu sein. Laß mich sehen, was es sonst noch Neues gibt. In der Familie Wang, von dem älteren Bruder deiner Tante Wang, ist dein Großonkel Dsï-teng verschieden. Hsi-fëngs älterer Bruder Jen hat sich selbst entehrt. Und ihrem zweiten Onkel Dsï-sheng, deinem anderen Großonkel Wang, ergeht es auch nicht gut. Er konnte die Schulden seines älteren Bruders nicht bezahlen und hat uns deshalb um Hilfe gebeten. Wir wissen nichts Neues von den Dschëns, seitdem sie ebenso ausgeraubt wurden wie wir und man ihr Eigentum beschlagnahmte.“ „Gab es irgend etwas Neues von Tan-tschun, seit sie gegangen ist?“, fragte Hsiang-yün. „Nach ihrer Hochzeit ist dein Onkel Dschëng von seinem Posten zurückgekehrt, und er erzählte mir, daß Tan-tschun an der Küste sehr glücklich sei. Aber nur haben wir immer noch nichts direkt von ihr gehört, und ich mache mir große Sorgen. Wir hatten hier vor Ort mit so vielen Problemen zu kämpfen, deshalb hatte ich einfach keine Zeit, etwas für sie zu tun. Und dann ist da noch Hsi-tschun. Ich habe immer noch keinen Ehemann für sie gefunden. Wer könnte ihn im Zusammenhang mit einer Fertigkeit erwähnen? Oh, unser Zuhause hat sich sehr verändert, seit du das letzte Mal hier warst,– leider zum Schlechten. Deine arme Kusine Bau-tschai hat keinen Tag Frieden gehabt, seit sie in unsere Familie eingeheiratet hat. Und Bau-yü verhält sich immer noch so unbeholfen wie zuvor. Ach du liebe Güte! Wir sitzen wirklich in der Klemme!“ „Ich bin hier aufgewachsen“, sagte Hsiang-yün, „Deshalb kenne ich jeden einzelnen Charakter sehr gut. Aber dieses Mal haben sich alle verändert. Zuerst meinte ich, sie seien mir gegenüber etwas distanziert, weil ich so lange fort war. Doch dann dachte ich darüber nach und sah, daß dies nicht sein konnte. Sie wollten mit mir so heiter wie immer sein, doch nachdem wir miteinander zu reden begonnen hatten, wurden sie alle traurig. Deshalb bin ich nicht lange geblieben und kam zurück zu dir, Großmutter.“ „Für mich als alte Frau macht das nichts mehr“, sagte die Herzoginmutter. „Doch die jungen Leute scheinen daran zu zerbrechen. Ich habe heute ein wenig versucht, sie aufzuheitern, doch dann fehlte mir die Kraft dazu.“ „Ich habe eine Idee“, sagte Hsiang-yün. „Ist übermorgen nicht Bau-tschais Geburtstag? Warum bleibe ich dann nicht noch, um ihr Glück zu wünschen, dann sind wir einen Tag lang froh zusammen. Was sagst du dazu, Großmutter?“ „Meine Güte! Ich werde schon schusselig!“, rief die Herzoginmutter. „Wenn du das nicht erwähnt hättest, hätte ich es ganz vergessen. Natürlich, du hast recht! Morgen werde ich den Köchen etwas Geld geben, und wir feiern ein Fest. Bevor Bau-tschai Bau-yü heiratete, haben wir ihren Geburtstag einige Male gefeiert. Doch nicht, seit sie ein Teil der Familie ist. Bau-yü, das arme Kind, der ein Ausbund von Unfug und Spaß war, wurde so schwer von unseren Sorgen getroffen, daß er kaum zwei Worte zusammenbekommt. Ich kann mich immer noch auf die Frau von Dschu-örl [Wan] verlassen. Sie wird sich niemals ändern, weder in guten noch in schlechten Zeiten. Sie und der kleine Lan verbringen ihre Tage ruhig zusammen. Sie ist ein Wunder!“ „Den anderen geht es nicht schlecht, nur Schwägerin Hsi-fëng hat sich verändert“, sagte Hsiang-yün. „Sie sieht zunächst einmal so anders aus und spricht nicht mehr so vergnügt wie damals. Morgen muß ich sehen, ob ich sie alle irgendwie aufmuntern kann. Doch ich fürchte, daß sie es mir, auch wenn sie es nicht aussprechen, innerlich übelnehmen, daß ich so glücklich bin.“ Sie hielt inne und errötete plötzlich. Die Herzoginmutter verstand, was sie meinte. „Es gibt keinen Grund, dir deshalb Sorgen zu machen. Du und deine Vetter seid zusammen als Kinder aufgewachsen. Ihr habt miteinander gespielt, geplaudert und zusammen gelacht. Mach Dir nicht zuviele Gedanken um sie! Wir alle müssen lernen, die Höhen und Tiefen des Lebens zu akzeptieren. Wir sollten alle lernen, das Glück zu nutzen, solange es dauert und Armut geduldig zu überstehen. Deine Kusine Bau-tschai hatte immer eine klare Sicht vom Leben. In vergangenen Tagen, als ihre Familie noch wohlgestellt war, war sie niemals eingebildet; und seitdem harte Zeiten angebrochen sind, ist sie davon kaum erschüttert. Nun, da sie ein Teil unserer Familie ist, ist sie ruhig und zufrieden wie immer, wenn Bau-yü nett zu ihr ist, und ich habe sie nie grummeln gesehen, wenn er sie manchmal zu einem Lied oder kleinen Tanz verleitet. Dieses Mädchen scheint mit einer herrlichen Gabe ausgestattet zu sein. Deine Kusine Dai-yü war so anders – sie kritisierte andere oft, war schnell gekränkt und zweifelte an allem. Es überraschte kaum, daß sie so jung starb, armes Kind. Und was Hsi-fëng angeht, sie hat etwas vom Leben gesehen, sie sollte es besser wissen, als sich von kleinen Unpäßlichkeiten erschlagen zu lassen. Schwachheit liegt in ihrem Charakter ... Ja, ich sollte eine bestimmte Geldsumme für Bau-tschais Geburtstag an die Seite legen, und wir werden ein frohes Fest feiern und werden ihr damit auch eine Freude bereiten.“ „Das klingt nach einer guten Idee, Großmutter“, antwortete Hsiang-yün, „ich werde schon mal die Mädchen einladen, und wir können alle zusammen ein bißchen plaudern.“ – „Ja, tu das“, sagte die Herzoginmutter. In ihrer Begeisterung rief sie Yüan-yang zu sich und sagte: „Nimm hundert Tael Silber und sag’ den Kontoführern, daß wir Essen und Trinken für eine Zwei-Tages-Feier brauchen, die morgen beginnt!“ Yüan-yang gab einem alten Dienstmädchen das Geld, um den Auftrag auszuführen. Der folgende Abend und die Nacht blieben ohne weitere Ereignisse. Am darauf folgenden Tag wurde ein Diener wegen der Feier zu Ying-tschun geschickt. Tante Hsüä und Bau-tjin wurden eingeladen und gebeten, Hsiang-ling mitzubringen. Frau Li wurde ebenfalls eingeladen und später am Tag kamen Li Wën und Li Tji an. Die Vorbereitungen wurden vor Bau-tschai geheim gehalten. Eine der Mägde der Herzoginmutter kam einfach vorbei, um ihr zu sagen, daß ihre Mutter nach ihr riefe und bestellte sie hinüber in die Gemächer der Herzoginmutter. Bau-tschai war froh, von der Ankunft ihrer Mutter zu hören und ging gekleidet, wie sie war, um sie zu begrüßen. Sie fand dort ihre Kusine Bau-tjin, Hsiang-ling und Frau Li mit den Schwestern Li und nahm an, daß sie sich alle versammelt hatten, um die Nachrichten vom Ende der Familienkrise zu hören. Sie begrüßte Frau Li, dann die Herzoginmutter, wechselte dann ein paar Worte mit ihrer Mutter und begrüßte dann die Schwestern Li. „Wenn die Damen sich bitte setzen würden“, sagte Hsiang-yün von der Seite, „dann können wir meiner Kusine gratulieren und ihr ein langes und glückliches Leben zu diesem besonderen Anlaß wünschen.“ Bau-tschai blickte einen Moment verwirrt. Dann dachte sie bei sich, ‚Natürlich! Morgen habe ich Geburtstag!‘ Sie protestierte: „Es ist sehr gut, daß ihr Großmutter besuchen gekommen seid. Doch ihr hättet euch meinetwegen nicht so eine Mühe machen müssen.“ Bau-yü hörte das, als er hereinkam, um Tante Hsüä und Frau Li zu begrüßen. Er wollte eigentlich selbst etwas für Bau-tschais Geburtstag geplant haben, doch hatte er der Herzoginmutter wegen der Ärgernisse der letzten Wochen nichts davon gesagt. Er war sehr froh, daß Hsiang-yün die Initiative ergriffen hatte. „Ja, morgen hat sie Geburtstag“, sagte er, „ich wollte dich gerade daran erinnern, Großmutter.“ – „Schande über dich!“, rief Hsiang-yün mit einem scherzhaften Lachen, „als ob Großmutter daran erinnert werden müßte! Wer, glaubst du, hat die ganzen Leute eingeladen wenn nicht Großmutter?“ Bau-tschai zweifelte insgeheim daran. Doch dann hörte sie die Herzoginmutter zu ihrer Mutter sagen: „Arme Bau-tschai, es ist ungefähr ein Jahr her, daß sie Bau-yü geheiratet hat und, da das eine zum anderen kam, haben wir nie ihren Geburtstag gefeiert. Heute wollte ich es richtig angehen, deshalb habe ich dich und und alle Frauen eingeladen, sodaß wir uns bei dieser Gelegenheit alle gut unterhalten können.“ – „Sie fangen gerade erst an, ruhigere Zeiten zu haben, gnädige Frau“, sagte Tante Hsüä, „es ist meine Tochter, die sich am ehesten bemühen sollte, ihre Pflichten zu erfüllen und Ihnen ihre Liebe und Respekt zu zeigen. Sie sollten wirklich nicht so einen Aufwand für Bau-tschai machen.“ – „Bau-yü ist Großmutters Lieblingsenkel“, sagte Hsiang-yün, „deswegen hat sie natürlich auch eine kleine Schwäche für Bau-tschai! Trotzdem verdient Bau-tschai es, daß meine Großmutter für sie ein Geburtstagsessen organisiert!“ Wie es der Anstand erforderte, schwieg Bau-tschai mit gesenktem Kopf. Bau-yü wunderte sich derweil selbst über Hsiang-yüns Offenheit: ‚Ich hatte mir immer vorgestellt, daß Hsiang-yün sich nach ihrer Hochzeit ändern würde; deshalb war ich gestern eher zurückhaltend zu ihr. Als Folge davon wird sie sich selbst auch etwas zurückgehalten haben. Doch wenn man sie jetzt reden hört, scheint sie dieselbe wie immer zu sein. Warum hat die Ehe mein Leben nur so bescheiden gemacht und schamhafter und sprachloser als je zuvor?’ Während diese Gedanken seinen Geist durchströmten, kam eine jüngere Magd herein, um die Ankunft von Ying-tschun anzukündigen. Kurz darauf kamen Li Wan und Hsi-fëng an, und sie begrüßten sich alle. Ying-tschun kam auf die Abreise ihres Vaters zu sprechen: „Ich wollte ihn vor seiner Abreise noch gesehen haben, doch mein Ehemann hat es mir nicht gestattet. Er sagte, er wolle nicht, daß das Unglück seine Familie befällt. Er wollte auf nichts hören, was ich sagte, und ich konnte nichts tun. Zwei oder drei Tage lang habe ich geweint.“ „Warum ließ er dich denn heute kommen?“, fragte Hsi-fëng. „Dieses Mal sagte er, daß seit Djia Dschëng den Titel wiedererlangt habe, es kein Problem mehr gebe, den Kontakt aufrecht zu erhalten.“ Sie brach in Tränen aus. „Ich habe mich selber elendig gefühlt“, schimpfte die Herzoginmutter, „und ich habe dich nur gebeten, mit uns den Geburtstag meiner Schwiegerenkelin zu feiern und etwas Spaß zu haben. Ich dachte, wir könnten viel miteinander lachen – und dann erwähnst du deine betrüblichen Angelegenheiten und machst mich wieder ganz traurig.“ Ying-tschun und der Rest wurden still. Hsi-fëng gab ihr Bestes, ein frohes Gesicht zu machen und die Herzoginmutter wieder aufzuheitern; doch irgendwie schien ihr das Talent abhanden gekommen zu sein, andere Leute zum Lachen zu bringen und ihre Mühen waren vergebens. Die Herzoginmutter selbst wollte Bau-tschai den Tag nicht verderben und stachelte Hsi-fëng ganz bewußt an. Hsi-fëng wußte, was die Herzoginmutter wollte und versuchte ihr Bestes: „Es geht Ihnen heute viel besser, nicht wahr, gnädige Frau? Hier sind wir alle nach so langer Zeit wieder versammelt. Es ist wirklich eine Wiedervereinigung!“ Nach diesen Worten blickte sie sich um, bemerkte die offensichtliche Abwesenheit der Damen Hsing und You und schwieg. Das Wort „Wiedervereinigung“ hatte die Erinnerung der Herzoginmutter geweckt und sie schickte umgehend nach den fehlenden Damen. Die Damen Hsing und You sowie Hsi-tschun wußten, daß sie dem Ruf der Herzoginmutter folgen mußten, obwohl feiern das letzte war, wonach ihnen zumute war. Der veiwelkte Haushalt ging ihnen immer nach, aber die Herzoginmutter freute sich sehr darüber, Bau-tschais Geburtstag zu feiern, was war Beweis genug, wo ihre Zuneigung lag. Sie kamen in das Zimmer und boten ein farbloses Bild des Elends. Die Herzoginmutter erkundigte sich nach Hsiu-yän und die Dame Hsing erfand eine Krankheit, die ihre Nichte davon abhielt, zu der Feier zu erscheinen. Die Herzoginmutter selbst wußte nur zu gut, daß Hsiu-yäns Abwesenheit von ihrer Anwesenheit bei der Feier von Tante Hsüä [der Tante ihres zukünftigen Ehemannes] herrührte und fragte nicht nach. Dann wurden Wein und Konfekt serviert. „Es gibt keinen Grund, nach einem der Männer zu schicken“, sagte die Herzoginmutter, „heute ist Frauentag.“ Obwohl Bau-yü ein verheirateter Mann war, hatte er als Großmutters Liebling die Erlaubnis zu bleiben. Aber er wurde nicht an einen Tisch mit Hsiang-yün und Bau-tjin gesetzt, sondern auf einen Stuhl neben der Herzoginmutter. Bau-yü ließ Bau-tschai hochleben, ging herum und stieß einzeln mit allen repräsentativ für sie an. „Setzt euch beide,“ verlangte die Herzoginmutter, „und laßt uns alle etwas trinken. Später am Abend kannst du jedem gegenüber deine Pflicht erfüllen. Doch wenn du dich jetzt zu förmlich benimmst und eine Zeremonie aus dem Ganzen machst, ist meine Laune ganz tief unten, und die Feier macht keinen Spaß.“ Sie gehorchte und setzte sich. Die Herzoginmutter wandte sich zu den anderen: „Um Himmels willen, laßt uns doch entspannen. Wir brauchen nur eine oder zwei Mägde, die uns aufwarten. Yüan-yang, nimm Tsai-yün, Ying-örl, Hsi-jën und Ping-örl mit zurück und trinkt etwas Wein zusammen!“ – „Aber wir haben immer noch nicht Frau Bau-tschai gratuliert“, sagten Yüan-yang und die andere. „Wie können wir etwas trinken, ohne das vorher getan zu haben?“ – „Ab mich euch!“ sagte die Herzoginmutter. „Wir lassen euch rufen, wenn wir euch brauchen.“ Yüan-yang und die anderen Mägde gehorchten. Die Herzoginmutter forderte ihre Gäste nun zum Trinken auf. Doch bald bemerkte sie, dass niemand in der gewöhnlichen Stimmung war. „Was ist mit euch allen los?“, fragte sie ärgerlich. „Seid doch alle mal etwas fröhlicher!“ – „Wir essen und trinken“, antwortete Hsiang-yün. „Was erwartest du denn noch von uns?“ „Als sie alle noch Kinder waren“, sagte Hsi-fëng, „war es einfacher für sie, sorglos und heiter zu sein. Da sie nun erwachsen sind, lassen sie sich nicht mehr so gehen. Deswegen erscheinen sie so ruhig.“ Bau-yü sagte der Herzoginmutter im Vertrauen: „Am besten sagen wir gar nichts, Großmutter. Wenn wir so offen sind wie du, könnte sich noch jemand verletzt fühlen. Warum schlägst du stattdessen nicht ein Trinkspiel vor?“ Die Herzoginmutter hatte zum Lauschen ihren Kopf zur Seite geneigt. „Wenn es ein Spiel sein soll“, antwortete sie mit einem Lachen, „müssen wir Yüan-yang zurückrufen!“ Als Bau-yü es hörte, mußte er kein zweites Mal gebeten werden, sondern ging direkt aus den Gemächern, um Yüan-yang zu finden. „Großmutter möchte ein Spiel spielen und braucht deine Hilfe.“ – „Herr Bau-yü, können wir uns nicht ausruhen und gemütlich unseren Wein trinken? Mußt du ein Mittel finden, um uns zu stören?“ – „Es hat nichts mit mir zu tun. Ehrlich. Es ist Großmutter. Sie trug mir auf, dich zu holen.“ Yüan-yang hatte keine Wahl. „Ihr bleibt alle hier und trinkt euren Wein. Ich bin gleich wieder da.“ Sie begab sich in die Gemächer der Herzoginmutter. „Da bist du ja!“, rief die Herzoginmutter, als sie erschien. „Wir spielen ein Trinkspiel!“ – „Herr Bau-yü sagte, ich sollte kommen, gnädige Frau“, sagte Yüan-yang, „Nun bin ich hier. Was für ein Spiel wolltet Ihr denn genau spielen?“ – „Nun, für den Anfang keines aus diesen schlauen Büchern. Die sind zu langweilig. Und auch keines von diesen gewalttätigen. Irgendetwas Neues und Unterhaltsames.“ Yüan-yang überlegte einen Moment: „Da Frau Hsüä eine unserer Besucherinnen ist und ich sehe, daß sie eine ältere Dame ist, will ich sie nicht überfordern. Warum holen wir nicht ganz einfach die Würfelschale und werfen um Liedtitel? Der Verlierer muß ein Schälchen Wein trinken.“ – „Das klingt gut“, sagte die Herzoginmutter. Sie bat eine der Mägde, die Würfel zu besorgen. „Werft vier Würfel“, sagte Yüan-yang. „Wenn die Kombination keinen besonderen Namen hat, muß der Werfer ein Schälchen Wein trinken. Wenn der Wurf einen Namen ergibt, hängt die Anzahl der Schalen, die die anderen trinken müssen, von der Kombination ab.“ „Das klingt leicht genug“, antworteten sie, „wir folgen deiner Führung.“ Yüan-yang warf zwei Würfel, um zu schauen, wer anfangen sollte. Sie bestanden darauf, daß von Yüan-yang aus gezählt werden solle. Dann kamen sie bei Tante Hsüä an, die warf, und vier „Einsen“ erwischte. „Das ergibt bekannte historische Persönlichkeiten“, sagte Yüan-yang. „ ‚Die vier alten Einsiedler vom Berg Shang‘. Alle älteren Gäste müssen einen Becher trinken.“ Die Herzoginmutter, Frau Li, die Damen Hsing und Wang willigten ein. Gerade, als die Herzoginmutter ihren Becher an die Lippen hob, sagte Yüan-yang: „Da dies Frau Hsüäs Wurf war, muß sie sich einen Vers einfallen lassen, um zu bestehen; und die Person neben ihr muß einen Vers der ‚Klassischen Dichter‘ hinzufügen. Wenn sie es nicht schafft, bedeutet es einen Becher Strafe.“ – „Das ist ein Komplott!“, rief Tante Hsüä. „Da habe ich doch keine Chance!“ – „Komm schon,“ ermutigte sie die Herzoginmutter. „Versuch’ es. Sonst verdirbst du uns den Spaß. Ich bin als Nächste dran und wenn ich auch hereinfalle, dann trinke ich einen mit.“ Tante Hsüä versuchte es: „Nehmen wir dies: ‚Graubart zeigt sich in den Blumen‘.“ Die Herzoginmutter nickte und zitierte die Fortsetzung: „Und sie schwelgen im sorglosen Schein der Jugend...“ Der Würfelbecher wurde an Li Wën weitergereicht, die zwei „Vieren“ und zwei „Zweien“ warf. „Auch das ergibt ein bekanntes Gedicht“, sagte Yüan-yang. „Zwei Reisende begegnen zwei überirdischen Damen in den Tiäntai-Bergen.“ Li Wën schlug das Gedicht „Zwei Freunde gingen in den Pfirsichblütenquell“ vor, und Li Wan, die neben ihr saß, zitierte den Vers: „Auf der Suche nach dem Pfirsichblütenquell, um der Tyrannei des Tjin zu entkommen...“ Jeder trank etwas, und die Würfel wurden der Herzoginmutter übergeben, die zwei „Zweien“ und zwei „Dreien“ warf. „Ich fürchte, ich muß zur Strafe etwas trinken.“ – „Nein“, sagte Yüan-yang. „Auch hier gibt es einen Vers. ‚Eine Flußschwalbe regt ihre Küken zum Fliegen an‘. Jeder muß einen Becher trinken.“ – „Küken sind Küken, wenn sie Nestflüchter sind, ist es doch gut so, oder?“, sagte Hsi-fëng. Alle schauten sie an und Hsi-fëng verstummte. „Nun, was soll ich zu dem Vers sagen“, sagte die Herzoginmutter. „Wie wäre es mit ‚Der Großvater führt seinen Enkel‘?“ Dann war Li Qi an der Reihe, sie zitierte den Vers: „Gemütlich die Kinder beim Sammeln von Weidenkätzchen beobachten.“ Alle applaudierten zu ihrer Wahl. Bau-yü wollte ungeduldig auch etwas sagen, war aber noch nicht ander Reihe. Während er gerade überlegte, wurden ihm die Würfel zugeworfen. Er warf eine „Zwei“, zwei „Dreien“ und eine „Eins“. – „Was ist das?“, fragte er. Yüan-yang lachte. „Das ist das Zeichen für ‚Gestank‘. Ein kleiner Schluck als Strafe und dann darfst Du noch einmal würfeln.“ Bau-yü tat, was ihm aufgetragen wurde. Dieses Mal warf er zwei „Dreien“ und zwei „Vieren“. „Das ist besser“, sagte Yüan-yang. „Das ist wie ‚Dschang Tschang zieht seiner Frau die Augenbrauen nach‘.“ Bau-yü wußte, daß sie sich über ihn lustig machte und Bau-tschai wurde auf der Stelle rot. Hsi-fëng schien nichts Außergewöhnliches bemerkt zu haben und sagte ihm: „Bruder, du solltest sich beeilen und sich schnell einen Vers aussuchen. Dann sehen wir, wer als Nächster dran ist.“ „Dann sehen wir, wer als Nächster dran ist.“ Bau-yü war zu verwirrt: „Bestraf mich ruhig. Ich habe ohnehin niemanden, der nach mir käme.“ Der Becher ging wieder an den Anfang der Runde zu Li Wan. Sie warf, und Yüan-yang benannte den Vers als Kombination „Die Zwölf Goldenen Haarspangen“. Bau-yü eilte an Li Wans Seite und betrachtete die Würfel: der rote und grüne Kern waren symmetrisch angeordnet. „Das sieht sehr schön aus“, rief er. Plötzlich erinnerte er sich an seinen Traum und die Liste der Zwölf Haarspangen von Jinling. Er ging benebelt an seinen Platz zurück. ‚In meinem Traum waren es zwölf,‘ überlegte er. ‚Doch von meinen schönen Kusinen wurden die meisten bereits in alle vier Himmelsrichtungen zerstreut. Warum wurden so wenige verschont?‘ Er blickte sich um. Hsiang-yün und Bau-tschai waren an diesem Tag zugegen, das stimmte. Doch die Abwesenheit von Dai-yü schlug ihn wie eine überwältigende Kraft und er wußte, daß er in Tränen ausbrechen würde. Da er die anderen seinen Kummer nicht sehen lassen wollte, gab er vor, daß ihm heiß wäre und er vorhabe, sich umzuziehen. Er gab Bescheid und verließ die Runde. Hsiang-yün bemerkte sein Gehen und glaubte, er sei von der Tatsache verärgert, daß er keinen guten Wurf gehabt hatte und von den anderen geschlagen worden war. Sie selbst war langsam gelangweilt und irritiert von dem Spiel. „Mir fällt keines ein“, sagte Li Wan. „Einer aus der Runde fehlt ohnehin. Ich trinke einfach meinen Strafbecher, und dann ist es gut.“ – „Dieser Wurf macht doch nicht so viel Spaß“, sagte die Herzoginmutter. „Warum machen wir nicht etwas anderes? Yüan-yang soll einen Wurf machen.“ Eine jüngere Magd stellte den Becher vor Yüan-yang hin, die tat, wie die Herzoginmutter geheißen hatte, und würfelte. Sie hatte zwei „Zweien“ und eine „Fünf“. Wie der letzte Würfel sich noch im Becher drehte, rief Yüan-yang aus: „Oh nein, bitte keine weitere ‚Fünf‘ !“ Schließlich kam er zum Ruhen; da war sie, eindeutig eine „Fünf“. „Oh nein!“, rief Yüan-yang, „ich habe verloren.“ „Gibt es dafür keinen Vers?“, fragte die Herzoginmutter. „Doch den gibt es“, sagte Yüan-yang. „Doch mir fällt das passende Lied dazu nicht ein.“ „Nun, sag’ uns den Vers, und ich überlege etwas.“ – „Der Vers lautet ‚Wellen fegen über die schwebende Wasserlinse‘.“ – „Das ist nicht schwer“, sagte die Herzoginmutter. „Hier ist ein Lied für dich: ‚Herbstfisch in einer Höhle mit Hsiang-ling‘.“ Hsiang-yün, die neben Yüan-yang saß, schlug das Lied vor: „Die weiße Wasserlinse jammert, wie der Herbst den südlichen Fluß erreicht.“ – „Sehr passend!“, riefen alle. „Das Spiel ist zu Ende“, sagte die Herzoginmutter, „jeder trinkt noch zwei Becher Wein, dann beginnen wir mit dem Essen.“ Sie blickte sich um und bemerkte, daß Bau-yü immer noch fort war. „Wo ist Bau-yü hingegangen? Warum ist er noch nicht zurück?“ – „Er wollte sich umziehen“, informierte sie Yüan-yang. „Wer ist mit ihm gegangen?“ Ying-örl trat vor: „Als ich sah, daß Herr Bau-yü hinaus ging, trug ich Hsi-jën auf, mit ihm zu gehen.“ Das beruhigte die Damen. Sie warteten noch etwas länger auf seine Rückkehr und dann, als er immer noch nicht in Sicht war, schickte die Dame Wang eine ihrer jüngeren Mägde, um ihn zu suchen. Die Magd ging in seine neuen Gemächer, doch die einzige Person dort war Wu-örl, die Kerzen anzündete. „Wo ist Herr Bau-yü hingegangen?“, fragte die Magd sie. „Er trinkt Wein bei der Herzoginmutter“, antwortete Wu-örl. „Hier ist er nicht. Ich komme gerade von dort. Die Herzoginmutter hat mich geschickt, um ihn zu holen. Sie vermutete, er sei hier.“ – „Nun, in diesem Fall weiß ich nicht, wo er ist. Suche besser woanders nach ihm.“ Die Mägde mußten umkehren und begegneten auf ihrem Weg Tjiu-wën. „Hast du gesehen, wo Herr Bau-yü hingegangen ist?“ „Ich suche ihn auch“, sagte Tjiu-wën, „die gnädige Herrin und die anderen warten auf ihn, damit sie zu Abend essen können. Wo kann er nur hingegangen sein? Ihr geht besser zurück und berichtet es der gnädigen Herrin. Sagt nicht, wir konnten ihn nicht finden, sondern daß er den Alkohol nicht gut vertragen habe und keinen Hunger habe. Sagt, er käme hinüber, wenn er sich ein bißchen hingelegt habe. Sagt der gnädigen Herrin und den anderen Damen, daß sie ohne ihn anfangen sollten.“ Die jüngere Magd überbrachte Tjiu-wëns Nachricht Dschën-dschu, die sie dann an die Herzoginmutter weitergab. „Er ißt gewöhnlich auch nicht viel“, kommentierte die Herzoginmutter. „Er kann ruhig das Abendessen ausfallen lassen und sich ausruhen. Sagt ihm, er brauch nicht zurückzukommen. Seine Frau ist hier, das reicht.“ „Hast du das gehört?“, sagte Dschën-dschu zu der jüngeren Magd. „Ja, Fräulein Dschën-dschu!“, sagte die Magd und wagte nicht zu erwähnen, wie es sich wirklich verhielt. Sie ging hinaus und lief etwas herum, kehrte dann zurück und gab vor, Bau-yü die Nachricht überbracht zu haben. Niemand nahm dies besonders zur Kenntnis. Sie aßen zu Abend und unterhielten sich. Unser Erzähler verläßt sie nun und widmet sich Bau-yü. Von plötzlichem Kummer überwältigt, hatte er die Feier verlassen und lief ziellos draußen umher. Hsi-jën eilte ihm nach und fragte, was los sei. „Nichts Ernstes“, antwortete er, „ich fühle mich nur auf einmal ganz übel. Warum bummeln wir nicht gemütlich zu den Gemächern, wo Vetter Dschëns Frau lebt und überlassen die anderen ihrem Gelage?“ – „Aber Frau Dschën ist auf der Feier“, sagte Hsi-jën, „wen willst du in ihren Gemächern denn besuchen?“ „Niemanden“, antwortete Bau-yü, „ich wollte nur kurz dort vorbeischauen, um zu sehen, in welchen Gemächern sie nun lebt.“ Hsi-jën konnte ihn nur begleiten, und sie unterhielten sich auf ihrem Weg. Bald erreichten sie Frau Yous Gemächer und bemerkten, daß das kleine Seitentor daneben, das in den Garten führte, halb offen war. Bau-yü ging gar nicht in Frau Yous Gemächer; statt dessen ging er wegen des Tores zu den zwei alten Dienstmädchen, die auf der Schwelle saßen und sich unterhielten. Er fragte sie: „Wird das Seitentor offen gehalten?“ – „Gewöhnlich nicht“, antwortete eine von ihnen, „doch heute wurde uns gesagt, daß die Herzoginmutter eventuell etwas Obst aus dem Garten haben wollte, für diesen Fall bleibt es geöffnet.“ Bau-yü ging langsam zum Tor und sah, daß es tatsächlich halb offen stand, und er ging hindurch. Hsi-jën wollte ihn zurückhalten und sagte: „Geh nicht dort hinein! Der Garten ist verwahrlost. Es gehen selten Menschen hinein. Sonst würdest du Geistern begegnen.“ Bau-yü war noch ein wenig beschwippst, wollte es wagen und antwortete: „Vor so etwas habe ich keine Angst!“ Hsi-jën versuchte mit aller Kraft, ihn zurückzuhalten, doch es war zwecklos. Die Dienstmädchen kamen dazu: „Heute ist der Garten ruhig und friedlich. Seit die Priester hier waren und die bösen Geister vertrieben haben, sind wir oft dort gewesen, um Blumen und Früchte zu sammeln. Wenn Herr Bau-yü nachsehen möchte, gehen wir alle mit. Wenn so viele dabei sind, muß man gewöhnlich keine Angst haben.“ Bau-yü war begeistert; und Hsi-jën mußte ihre Bemühungen aufgeben, ihn aufhalten zu wollen und folgte ihnen ebenfalls. Als Bau-yü den Garten betrat, wurde er von einem Bild vollständiger Verlassenheit begrüßt, wohin er auch schaute. Die Blumen und Bäume schienen alle zu verdorren, waren ausgetrocknet, und die Farbe blätterte seit langem von den einzelnen Gebäuden. In der Ferne erblickte er einen Bambusbusch, der ziemlich lebendig aussah. Bau-yü ließ diese Ansicht auf sich wirken. „Seit ich krank wurde und den Garten verlassen habe“, sagte er, „habe ich bei Großmutter gelebt. Es muß Monate her sein, daß ich das letzte Mal hier war. Was für eine Wildnis sich in der Zeit hier ausgebreitet hat! Doch schaut dahinten, dieser einsame strahlend grüne Bambusstrauch – das ist sicher die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß?“ – „Du warst schon seit Monaten nicht mehr da“, sagte Hsi-jën, „du hast deinen Orientierungssinn verloren. Während wir sprachen, sind wir bereits am Hof der Freude am Roten vorbeigegangen. Und sieh“, sie drehte sich um und zeigte in eine Richtung, „dort ist die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, da drüben!“ Bau-yüs Augen folgten der Richtung, in die sie zeigte. „Wenn wir bereits daran vorbei sind, dann laß uns hingehen und nachsehen.“ – „Aber es ist schon spät“, sagte Hsi-jën, „die Herzoginmutter wird mit dem Abendessen auf Sie warten. Wir sollten besser zurück zur Feier gehen.“ Bau-yü sagte nichts. Er ging die Strecke weiter, die er in der Vergangenheit schon so oft meinte gegangen zu sein und ging weiter zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Obwohl Bau-yü fast ein Jahr nicht mehr im Garten war, so hatte er natürlich die Orientierung nicht verloren. In Wirklichkeit lag Bau-yü mit seiner Orientierung ganz richtig. Es war Hsi-jën, die, nachdem sie seine Reaktion auf die Sicht der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß bemerkt hatte, ihn absichtlich in eine Unterhaltung verwickelte, und als sie sah, daß er dennoch gegen ihre Bemühungen instinktiv in diese Richtung lief, wie sie befürchtete, direkt in die Arme der Geister, – versuchte sie, ihn zu überzeugen, daß sie bereits daran vorbeigelaufen wären. Bau-yüs Herz war jedoch fest entschlossen; sein Kompaß genau ausgerichtet, und er konnte nicht einfach davon abgebracht werden. Er ging vor und unwillig folgte Hsi-jën. Plötzlich blieb er stehen. Er schien etwas zu hören und zu sehen. „Was ist denn?“, fragte Hsi-jën. „Hörst du das?“, fragte er. „Wohnt jemand darin?“ – „Das glaube ich kaum“, antwortete sie. „Ich könnte schwören, daß ich jemanden weinen gehört habe! Da muß jemand sein!“ – „Das bildest du dir ein“, sagte Hsi-jën, „es ist nur, weil du hier damals Fräulein Dai-yü oft weinen gehört hast.“ Bau-yü war (von Hsi-jën) nicht überzeugt und wollte noch weiter gehen und aus der Nähe zuhören. Die Amme eilte vor: „Es ist nun wirklich sehr spät, Herr. Es ist Zeit, zurückzugehen. Wir trauen uns nicht, noch weiterzugehen, hier ist der Weg etwas versteckt. Wir haben vor allem sagen gehört, daß seit Fräulein Dai-yü gestorben ist, öfter Geräusche des Weinens gehört wurden. Niemand möchte sich diesem Ort nähern.“ Bau-yü und Hsi-jën hielten beide inne, als sie es hörten. „Da! Ich habe es doch gesagt!“, rief Bau-yü, Tränen liefen ihm aus den Augen, „oh, Kusine Dai-yü! Kusine Dai-yü!“ seufzte er. „Wie konnte ich dich nur so verletzen, während es dir noch so gut ging? Bitte mach’ mir keine Vorwürfe! Sei meinetwegen nicht verbittert! Meine Eltern haben diese Wahl getroffen. Ich wollte dich nicht verletzen!“ Mit jedem Wort wurde er immer betrübter, und zuletzt überkam ihn eine große Welle des Kummers. Hsi-jën wußte nicht, was sie tun könnte, als sie Tjiu-wën mit einer Menge an Dienstmädchen zu sich eilen sah. „Habt ihr den Verstand verloren!“, rief Tjiu-wën, „Herrn Bau-yü ausgerechnet hierher zu bringen! Die Herzoginmutter und die Dame Wang sind sehr besorgt und lassen überall nach ihm suchen. Vorhin, als ich die Seitentür halb offen sah, hörte ich, daß Bau-yü mit dir hierhergegangen ist. Die Damen waren so aufgeregt, daß sie mich beschimpften und mich mit den anderen Mägden hierher schickten, um ihn zu holen. Jetzt kommt schon, wir sollten uns beeilen!“ Bau-yü seufzte noch kläglicher, doch Hsi-jën kümmert sich nicht darum, zwei Dienstmägde zerrten ihn zurück. Sie versuchten einerseits, seine Tränen abzuwischen, andererseits erklärten sie ihm, wie sehr sich seine Großmutter um ihn sorgte. So gab er letztlich nach und ging mit ihnen. Hsi-jën konnte sich nur zu gut vorstellen, wie besorgt die Herzoginmutter war und nahm Bau-yü direkt mit in die Gemächer der Herzoginmutter. Niemand war von der Feier nach Hause gegangen. Alle warteten auf Bau-yüs Rückkehr. „Hsi-jën!“, rief die Herzoginmutter streng, „ich dachte, du seist ein einfühlsames Mädchen. Deshalb habe ich dir immer Bau-yü anvertraut. Wie konntest du ihn nur mit in den Garten nehmen? Er hat gerade angefangen, gesund zu werden und wenn er jetzt einem Geist begegnete, würde seine alte Krankheit wieder ausbrechen. Und wie sähen wir dann aus?“ Hsi-jën wagte nicht, ein Wort zu ihrer Verteidigung zu sagen und ließ ihren Kopf beschämt hängen. Bau-tschai war für ihren Teil zutiefst schockiert zu sehen, wie blaß Bau-yü auf einmal war. Bau-yü ließ nicht zu, daß Hsi-jën die Schuld tragen sollte und sprach zu ihrer Unterstützung: „Als wir hineingingen, war es hellichter Tag und man mußte sich vor nichts fürchten. Ich war so lange nicht mehr im Garten spazieren, und nachdem ich heute auf der Feier etwas Wein getrunken hatte, fühlte ich mich in der Stimmung dazu. Was für eine schlimme Erfahrung sollte ich denn dort machen?“ Bei dieser letzten Bemerkung erzitterte Hsi-fëng, die sich selbst im Garten sehr gefürchtet hatte und sagte: „Bau-yü, du solltest nicht so unbekümmert sein!“ – „Nicht unbekümmert“, entgegnete Hsiang-yün. „Hingebungsvoll. Er wollte wahrscheinlich die Hibiskusfee finden oder irgend einen anderen Geist.“ Bau-yü hörte das, wollte aber nichts dazu sagen. Die Dame Wang war zu betroffen, um zu sprechen. „Also gab es nichts Erschreckendes im Garten?“, fragte die Herzoginmutter. „Doch laßt uns darüber nicht mehr sprechen. Doch wenn du in Zukunft dort spazieren gehen möchtest, mußt du zumindest mehr Leute mitnehmen. Hättest du diese kleine Eskapade nicht gehabt, wären unsere Gäste alle schon gegangen. Nun geht alle und habt eine geruhsame Nacht! Kommt dann am frühen Morgen wieder! Für morgen werde ich alles vorbereiten, und wir werden einen weiteren Freudentag erleben. Und dieses Mal wird er uns nicht alles verderben!“ Sie verabschiedeten sich von der Herzoginmutter, und die Feier löste sich auf. Tante Hsüä verbrachte die Nacht bei der Dame Wang, Hsiang-yün bei der Herzoginmutter, während Ying-tschun bei Hsi-tschun blieb. Die anderen kehrten in ihre eigenen Gemächer zurück. Darüber werden wir nicht noch ausführlich berichten. Nur Bau-yü ging in sein Zimmer und seufzte. Bau-tschai wußte den Grund seines Kummers und stellte sich taub. Sie war trotzdem sehr besorgt, daß, wenn es so weiter ging, er wieder ernsthaft depressiv würde und seine alte Krankheit wiederkehren würde. Sie ging in das innere Zimmer und rief sie nach Hsi-jën und befragte sie detailliert über Bau-yüs Ausflug in den Garten. Um Hsi-jëns Antwort zu erfahren, muß man das nächste Kapitel lesen.