Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 32"
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= Kapitel 32 = | = Kapitel 32 = | ||
| − | == | + | == Herzensgeständnisse verwirren den lebhaften Schatzjade == |
| − | == | + | == Schande und Schmach treiben die leidenschaftliche Goldreif in den Tod == |
| − | + | Als Schatzjade<ref>宝玉</ref> also das Einhorn erblickte, war er überaus erfreut. Lächelnd streckte er die Hand danach aus und sagte: „Ein Glück, dass du es gefunden hast! Wo hast du es denn aufgelesen?" | |
| − | + | Wolkenschwinge<ref>史湘云</ref> lachte und erwiderte: „Ein Glück, dass es nur so eine Kleinigkeit war! Stell dir vor, morgen verlierst du auch noch dein Amtssiegel — wirst du das etwa genauso leichtnehmen?" | |
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| − | „Ein Amtssiegel zu verlieren | + | Schatzjade lachte: „Ein Amtssiegel zu verlieren, wäre halb so schlimm. Aber hätte ich das hier verloren, müsste ich glatt sterben!" |
| − | Inzwischen hatte | + | |
| − | + | Inzwischen hatte Dufthauch<ref>袭人</ref> Tee eingeschenkt und reichte ihn Wolkenschwinge zum Trinken. Lächelnd sagte sie dabei: „Großes Fräulein, ich habe gehört, neulich gab es bei Euch frohe Nachricht!" <ref>Gemeint ist die Verlobung Wolkenschwinges.</ref> | |
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| − | + | Wolkenschwinge errötete und trank schweigend ihren Tee, ohne zu antworten. | |
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| − | + | „Jetzt auf einmal so schüchtern?" fragte Dufthauch. „Erinnert Ihr Euch noch, was wir vor zehn Jahren miteinander geredet haben, als wir drüben im Westgehöft auf dem warmen Ofenbett schliefen? Damals wart Ihr nicht schüchtern — warum seid Ihr es jetzt?" | |
| − | Kaum hatte sie das gesagt, | + | |
| − | „Anstatt | + | Wolkenschwinge lachte: „Du hast gut reden! Damals haben wir uns so gut verstanden! Aber dann ist unsere gnädige Frau gestorben, und ich musste eine Weile zu Hause bleiben. Und als ich wiederkam, hatte man dich inzwischen dem Zweiten Herrn zugeteilt, und du warst zu mir nicht mehr so wie früher." |
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| − | „Wer hat dir | + | Dufthauch erwiderte lächelnd: „Ihr habt gut reden! Früher hieß es ‚liebe Schwester' hier und ‚liebe Schwester' dort, und Ihr habt mich dazu gebracht, Euch zu kämmen und zu waschen und dies und jenes für Euch zu tun. Jetzt seid Ihr groß und gebt das gnädige Fräulein. Da wage ich es natürlich nicht mehr, Euch zu nahe zu treten!" |
| − | „Fräulein | + | |
| − | „Ich dachte, | + | „Amitabha Buddha, welch ein Unrecht!" rief Wolkenschwinge. „Wenn ich so wäre, möchte ich auf der Stelle sterben! Schau doch nur — bei dieser Affenhitze bin ich hergekommen und musste unbedingt zuerst bei dir vorbeischauen. Wenn du mir nicht glaubst, frag Smaragdgrün<ref>翠缕</ref> — zu Hause erwähne ich ständig und bei jeder Gelegenheit deinen Namen!" |
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| − | + | Kaum hatte sie das gesagt, beschwichtigten Dufthauch und Schatzjade sie beide zugleich: „Es war doch nur ein Scherz, und du nimmst es gleich ernst! Immer noch derselbe Hitzkopf!" | |
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| − | + | „Anstatt zuzugeben, dass deine Worte einem den Atem verschlagen, sagst du lieber, ich sei hitzig!" erwiderte Wolkenschwinge. Dabei knotete sie ihr Taschentuch auf und reichte Dufthauch einen Ring. | |
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| − | + | Dufthauch dankte überschwänglich und sagte lächelnd: „Die Ringe, die Ihr neulich Euren Kusinen geschickt habt — einen davon habe ich auch bekommen. Und heute bringt Ihr mir persönlich noch einen. Man sieht daran, dass Ihr mich nicht vergessen habt. Allein daran zeigt sich Euer wahres Herz, denn der Ring mag zwar nicht viel wert sein, aber Eure Aufrichtigkeit ist unbezahlbar." | |
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| − | „Ich habe ein Paar Schuhe | + | „Wer hat dir den gegeben?" wollte Wolkenschwinge wissen. |
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| − | „Ihr seid wieder einmal | + | „Fräulein Schatzspange<ref>宝钗</ref>", antwortete Dufthauch. |
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| − | „Wie denn das? | + | Wolkenschwinge lachte: „Ich dachte, er wäre von Schwester Kajaljade<ref>黛玉</ref>, aber er ist von Schwester Schatzspange! Tag für Tag denke ich zu Hause daran, dass es unter all den Schwestern keine Bessere gibt als Schwester Schatzspange. Schade nur, dass wir nicht dieselbe Mutter haben! Hätte ich eine leibliche ältere Schwester wie sie, dann könnte ich selbst den Verlust meiner Eltern verschmerzen." Bei diesen Worten röteten sich schon ihre Augenränder. |
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| − | + | „Genug! Genug! Lass das Thema!" warf Schatzjade ein. | |
| − | „Neulich | + | |
| − | + | „Warum denn?" fragte Wolkenschwinge. „Ich kenne ja dein Leiden — du hast Angst, deine Schwester Kajaljade könnte es hören und mir übelnehmen, dass ich Schwester Schatzspange lobe. Hab ich recht?" | |
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| − | „Das wird ja immer | + | Dufthauch lachte leise auf und sagte: „Fräulein Wolkenschwinge, seit Ihr erwachsen seid, redet Ihr noch offenherziger als früher!" |
| − | „Sie macht | + | |
| − | + | Schatzjade meinte lächelnd: „Ich habe ja gleich gesagt, mit euch ist schwer reden — und wirklich!" | |
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| − | + | „Das muss ich mir nicht anhören, lieber Vetter!" konterte Wolkenschwinge. „Große Reden schwingst du nur uns gegenüber. Aber wenn du dein Kusinchen Kajaljade siehst, bist du plötzlich ganz anders!" | |
| − | „Ach wo, nicht | + | |
| − | + | „Hört jetzt auf mit dem Geplänkel", bat Dufthauch. „Es gibt nämlich etwas, worum ich dich bitten wollte." | |
| − | + | ||
| − | + | „Was denn?" fragte Wolkenschwinge. | |
| − | „Das Fräulein | + | |
| − | + | „Ich habe ein Paar Schuhe angefangen," erklärte Dufthauch, „die Innensohlen sind schon durchbrochen und gefüttert. Aber mir geht es seit ein paar Tagen nicht gut, und ich konnte nicht daran weiterarbeiten. Hättest du Zeit, sie für mich fertigzumachen?" | |
| − | Ein Glück | + | |
| − | „Fräulein | + | Wolkenschwinge lachte: „Das ist ja merkwürdig! Ganz abgesehen von all den geschickten Mädchen bei euch, gibt es doch auch eigens Näherinnen und Schneiderinnen — warum soll ausgerechnet ich das machen? Wen du darum bittest, der traut sich doch nicht nein zu sagen." |
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| − | + | Dufthauch lächelte: „Ihr seid wieder einmal vergesslich! Wisst Ihr denn nicht, dass die Näharbeiten in unseren Räumen nicht von den Näherinnen gemacht werden?" | |
| − | Da | + | |
| − | + | Als Wolkenschwinge das hörte, wusste sie, dass die Schuhe für Schatzjade bestimmt waren, und sagte lächelnd: „Wenn das so ist, nehme ich dir die Arbeit gerne ab. Aber nur unter einer Bedingung: Wenn sie für dich sind, mache ich sie; für jemand anderen kann ich es nicht." | |
| − | + | ||
| − | + | Dufthauch lachte: „Wie denn das? Was bin ich denn, dass ich es wagen könnte, Euch zum Schuhnähen zu bitten? Ehrlich gesagt, sie sind gar nicht für mich. Aber kümmert Euch nicht darum, für wen sie sind — Hauptsache, ich bin Euch dankbar." | |
| − | + | ||
| − | Sofort wich | + | „Genau genommen habe ich schon unzählige Dinge für dich angefertigt", erwiderte Wolkenschwinge. „Warum ich jetzt plötzlich nicht mehr will — den Grund kennst du bestimmt." |
| − | + | ||
| − | + | „Den kenne ich wirklich nicht", sagte Dufthauch. | |
| − | Diese Worte versetzten | + | |
| − | Erst | + | Wolkenschwinge lächelte verächtlich: „Neulich habe ich gehört, dass die Fächerhülle, die ich gemacht hatte, mit der von jemand anderem verglichen und dann vor Wut mit der Schere zerschnitten wurde. Ich weiß das schon längst, und du willst es mir immer noch verheimlichen! Und jetzt soll ich wieder nähen — bin ich etwa eure Sklavin?" |
| − | + | ||
| − | Als | + | Schatzjade schaltete sich rasch lächelnd ein: „Von der Sache neulich — ich wusste wirklich nicht, dass du die Fächerhülle gemacht hattest!" |
| − | + | ||
| − | „Ich verstehe wirklich nicht, was du | + | Auch Dufthauch lachte und erklärte: „Er wusste tatsächlich nicht, dass sie von Euch war. Ich hatte ihm weisgemacht, draußen gäbe es neuerdings ein Mädchen, das wunderschön sticken könne. Ich hätte sie gebeten, probeweise eine Fächerhülle zu machen, um zu sehen, wie gut sie sei. Er hat es geglaubt und die Hülle überall herumgezeigt. Irgendwie hat das dann Fräulein Kajaljade verärgert, und sie hat die Hülle mittendurch geschnitten. Als er nach Hause kam und mich drängte, schnell eine neue anfertigen zu lassen, habe ich ihm erst verraten, dass sie von Euch stammte. Wie hat er das bedauert!" |
| − | + | ||
| − | Als | + | „Das wird ja immer seltsamer!" sagte Wolkenschwinge. „Warum musste Fräulein Kajaljade sich auch darüber aufregen? Wenn sie so geschickt mit der Schere umgeht, lass sie doch die Schuhe machen!" |
| − | Auch | + | |
| − | So standen sie | + | „Sie macht so etwas nicht!" erwiderte Dufthauch. „Dabei hat die Herzoginmutter schon jetzt Angst, sie könnte sich überanstrengen. Auch der Arzt sagt, sie müsse sich schonen und pflegen. Wer wollte ihr da Handarbeiten zumuten? Letztes Jahr hat sie das ganze Jahr über gerade mal ein einziges Duftsäckchen fertiggebracht, und dieses Jahr ist schon ein halbes Jahr vergangen, und man hat sie noch nicht einmal Nadel und Faden in die Hand nehmen sehen." |
| − | + | ||
| − | Als | + | Während sie noch sprachen, kam jemand mit der Meldung: „Der Herr aus der Xinglong-Straße ist da, und der gnädige Herr lässt den Zweiten Herrn bitten, hinauszugehen und den Gast zu empfangen." |
| − | + | ||
| − | Als | + | Schatzjade verstand sofort, dass Jia Yucun<ref>贾雨村</ref> gekommen war, und war darüber höchst ungehalten. Dufthauch eilte sogleich, seine Kleidung zu holen. Während Schatzjade in seine Stiefel stieg, schimpfte er: „Es reicht doch, wenn der gnädige Herr ihm Gesellschaft leistet! Warum muss er mich jedes Mal sehen wollen?" |
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| − | Als | + | Wolkenschwinge schwenkte lächelnd ihren Fächer und sagte: „Natürlich weil du dich auf den Empfang von Gästen verstehst — deshalb lässt der gnädige Herr dich rufen." |
| − | Während | + | |
| − | Als | + | „Ach wo, das kommt nicht vom gnädigen Herrn", erwiderte Schatzjade. „Er selbst ist es, der jedes Mal darauf besteht, mich zu sehen." |
| − | „Wohin | + | |
| − | „Der | + | Wolkenschwinge lachte: „‚Ist der Wirt von Adel, kommt der Gast gern wieder.' Du musst irgendwelche Vorzüge haben, die ihn anziehen, sonst würde er nicht ständig nach dir verlangen." |
| − | + | ||
| − | + | „Lass das! Lass das!" wehrte Schatzjade ab. „Ich wage nicht, mich als vornehm zu bezeichnen — ich bin der Gewöhnlichste unter den Gewöhnlichen und habe nicht das geringste Verlangen nach Umgang mit solchen Leuten." | |
| − | + | ||
| − | + | Wolkenschwinge lachte: „Du hast dich immer noch nicht geändert! Jetzt bist du schon groß — selbst wenn du keine Lust hast, für die Beamtenprüfungen zu lernen und den Juren- oder Jinshi-Grad zu erwerben, solltest du doch häufiger mit Leuten verkehren, die im Staatsdienst stehen, und dich mit ihnen über Fragen der Laufbahn und Verwaltung unterhalten <ref>仕途经济, wörtl. ‚Karriere und Wirtschaft' — die konfuzianische Ideal-Beschäftigung eines Gelehrten</ref>. So könntest du dich auf das Leben in der Welt vorbereiten und dir Freunde machen. Stattdessen treibst du dich jahraus, jahrein nur in unserer Mädchenrunde herum!" | |
| − | „Was macht denn | + | |
| − | „Wir haben | + | Als Schatzjade das hörte, sagte er: „Das Fräulein möge sich bitte in die Gemächer der Kusinen begeben. Meine bescheidene Hütte hier könnte ihr wirtschaftswissenschaftliches Wissen besudeln." |
| − | + | ||
| − | Warum hätte sie sonst bei ihren letzten Besuchen, als wir uns | + | Dufthauch schaltete sich ein: „Fräulein Wolkenschwinge, hört lieber auf mit solchen Reden! Letztens hat auch Fräulein Schatzspange einmal dasselbe gesagt. Er hat sich nicht im Geringsten darum geschert, ob er sie damit vor den Kopf stößt, sondern hat sich nur geräuspert und ist aufgestanden und davonmarschiert. Fräulein Schatzspange hatte nicht einmal ausgesprochen, und als sie sah, dass er ging, ist sie vor Scham ganz rot geworden — sagen konnte sie nichts, und schweigen auch nicht. |
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| − | Nach dem, was Ihr mir | + | Ein Glück, dass es Fräulein Schatzspange war! Wäre es Fräulein Kajaljade gewesen, wer weiß, was die für einen Aufstand gemacht und wie sie geweint hätte! Wenn ich daran denke — Fräulein Schatzspange verdient wirklich allen Respekt! Sie hat sich einen Moment geschämt und ist dann gegangen. Ich machte mir Vorwürfe und dachte, nun sei sie böse. Aber hinterher war sie wieder genauso freundlich wie immer. Was für eine Nachsicht, was für ein großes Herz! Er aber hat sie deswegen noch kühler behandelt als zuvor. Und wenn du Fräulein Kajaljade so brüskiert und so über sie hinweggesehen hättest — weißt du, wie oft du dich hättest entschuldigen müssen?" Das Letzte richtete sie direkt an Schatzjade. |
| − | + | ||
| − | „Unser eigensinniger junger Herr will aber | + | „Fräulein Kajaljade hat nie solchen Unsinn geredet!" erklärte Schatzjade. „Hätte sie je solchen Unsinn geredet, hätte ich mich schon längst von ihr abgewandt." |
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| − | + | Dufthauch und Wolkenschwinge nickten lächelnd und sagten: „Da hast du recht, es ist tatsächlich Unsinn." | |
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| − | + | Nun muss man wissen, dass Kajaljade erfahren hatte, dass Wolkenschwinge hier weilte und Schatzjade sogleich zu ihr geeilt war — gewiss, um ihr von dem Einhorn zu erzählen. Deshalb ging ihr allerlei durch den Sinn: In den inoffiziellen Geschichten und Abenteuerromanen, die Schatzjade in letzter Zeit aufgetrieben hatte, fanden die begabten Jünglinge und schönen Mädchen zumeist durch irgendeinen niedlichen Gegenstand zueinander — sei es ein gesticktes Mandarinenentenpaar, sei es ein Phönix, ein jadener Ring oder ein goldener Anhänger, ein Tüchlein aus Wassermannseide oder ein bestickter Gürtel. Stets war es ein kleines Ding, das am Anfang stand, und am Ende hatte es über das ganze Leben entschieden. | |
| − | Sie hatte den Satz | + | |
| − | + | Da Schatzjade nun plötzlich ebenfalls ein Einhorn besaß, fürchtete sie, dies könnte zum Anlass werden, dass zwischen ihm und Wolkenschwinge jene Art von romantischer Liebesgeschichte entstand. Darum schlich sie sich leise heran, um die Lage zu erkunden und die wahren Absichten der beiden zu ergründen. | |
| − | + | ||
| − | „Das ist | + | Kaum war sie angekommen, hörte sie, wie Wolkenschwinge über Karriere und Verwaltung sprach und wie Schatzjade daraufhin sagte: „Fräulein Kajaljade hat nie solchen Unsinn geredet. Hätte sie das, hätte ich mich schon längst von ihr abgewandt." |
| − | + | ||
| − | + | Als Kajaljade diese Worte vernahm, durchfuhren sie unwillkürlich Freude und Erschrecken, Trauer und Wehmut zugleich. | |
| − | Als | + | |
| − | „Woher kommst du? | + | Die Freude kam daher, dass sie sich nicht geirrt hatte: Sie hatte ihn stets für einen Seelenverwandten gehalten, und er war tatsächlich ein Seelenverwandter. |
| − | „Aus dem | + | |
| − | „Hast du deinen Vetter | + | Das Erschrecken kam daher, dass er vor aller Ohren sein Herz für sie öffnete und sie lobte — so vertraut, so innig, ohne jede Scheu vor Verdächtigungen. |
| − | + | ||
| − | + | Die Wehmut kam daher, dass sie dachte: Wenn du mein Seelenverwandter bist, bin natürlich auch ich die deine. Und wenn wir einander so gut kennen — wozu dann die Prophezeiung von Gold und Jade? <ref>Die Prophezeiung besagt, dass Schatzjades goldenes Amulett und Schatzspanges jadener Haarschmuck sie füreinander bestimmen.</ref> Und wenn es schon eine solche Prophezeiung geben muss, so sollte sie doch für uns beide gelten — wozu dann noch eine Schatzspange? | |
| − | „Warum hat sie das nur getan? | + | |
| − | „Vorgestern hat sie mir | + | Die Trauer kam daher, dass ihre Eltern früh gestorben waren und niemand da war, der die tief in ihrem Herzen eingegrabenen Worte für sie zur Geltung bringen konnte. Zudem hatte sie in letzter Zeit bemerkt, wie ihr Geist immer verwirrter wurde und ihre Krankheit sich zusehends verschlimmerte. Der Arzt hatte gesagt, ihre Lebenskraft sei geschwächt und ihr Blut erschöpft — es drohe Auszehrung. Selbst wenn sie und Schatzjade Seelenverwandte waren — sie fürchtete, nicht mehr lange leben zu können. Mochte er ihr Seelenverwandter sein — was half es gegen ihr bitteres Schicksal! |
| − | „Ihr seid ein gütiger Mensch, Tante, darum denkt Ihr | + | |
| − | Sie war hier immer streng gehalten worden, | + | Bei diesem Gedanken rollten ihr unwillkürlich die Tränen über die Wangen. Sie mochte nicht mehr eintreten und sich sehen lassen — es schien ihr sinnlos. So wischte sie sich mit der einen Hand die Tränen ab und kehrte mit der anderen um, um davonzugehen. |
| − | + | ||
| − | + | Unterdessen war Schatzjade eilig in seine Kleider geschlüpft und nach draußen getreten. Da erblickte er vor sich Kajaljade, die langsam dahinschritt und sich offenbar Tränen abzuwischen schien. Rasch holte er sie ein und fragte lächelnd: „Wohin gehst du, Kusinchen? Warum weinst du schon wieder? Wer hat dich gekränkt?" | |
| − | „Eben habe ich ihrer Mutter schon fünfzig Liang | + | |
| − | + | Kajaljade wandte den Kopf und sah, dass es Schatzjade war. Mit einem erzwungenen Lächeln sagte sie: „Mir fehlt nichts, ich habe doch gar nicht geweint." | |
| − | + | ||
| − | + | Schatzjade lachte: „Sieh nur — die Tränen auf deinen Wimpern sind noch nicht getrocknet, und du willst mir etwas vorschwindeln!" Während er das sagte, konnte er nicht anders und hob die Hand, um ihr die Tränen abzuwischen. | |
| − | „Keine Sorge, Tante! | + | |
| − | + | Sofort wich Kajaljade ein paar Schritte zurück und rief: „Willst du sterben? Was fällt dir ein, so zudringlich zu werden!" | |
| − | Als | + | |
| − | + | Schatzjade lachte: „Im Reden habe ich mich vergessen und ohne nachzudenken die Hand gehoben — da schert man sich nicht um Leben und Tod." | |
| + | |||
| + | Kajaljade erwiderte: „Wenn du stirbst, ist das nicht weiter schade. Nur — was wird dann aus dem ‚Gold' und dem Einhorn, die du zurücklassen musst?" | ||
| + | |||
| + | Diese Worte versetzten Schatzjade erneut in Aufregung. Er trat einen Schritt näher und fragte: „Fängst du schon wieder damit an? Willst du mich verfluchen oder mir Vorwürfe machen?" | ||
| + | |||
| + | Erst da fiel Kajaljade das Gespräch von neulich wieder ein, und sie bereute, wieder etwas Unüberlegtes gesagt zu haben. Rasch lächelte sie und sagte: „Reg dich nicht auf! Ich habe mich wirklich versprochen. Was gibt es da, dass dir die Adern an den Schläfen schwellen und dein Gesicht vor Aufregung schweißüberströmt ist?" Während sie das sagte, konnte sie nicht anders, trat näher und streckte die Hand aus, um ihm den Schweiß von der Stirn zu wischen. | ||
| + | |||
| + | Schatzjade blickte sie lange an, dann brachte er endlich die drei Worte hervor: „Sei ganz unbesorgt." | ||
| + | |||
| + | Als Kajaljade das hörte, war sie eine Weile wie erstarrt, dann sagte sie: „Was soll das heißen — unbesorgt? Ich verstehe nicht, was du meinst. Erkläre mir doch, worüber ich besorgt oder unbesorgt sein sollte." | ||
| + | |||
| + | Schatzjade seufzte und fragte: „Verstehst du das wirklich nicht? War denn alles, was ich die ganze Zeit für dich empfunden habe, vergeblich? Wenn du nicht einmal meine Gefühle spürst, ist es kein Wunder, dass du dich Tag für Tag über mich ärgerst." | ||
| + | |||
| + | „Ich verstehe wirklich nicht, was du mit ‚besorgt' oder ‚unbesorgt' meinst", beharrte Kajaljade. | ||
| + | |||
| + | Schatzjade nickte und sagte seufzend: „Täusch mich nicht, liebste Kusine. Wenn du das wirklich nicht verstehst, dann waren nicht nur all meine Gedanken an dich umsonst, sondern auch all deine Gedanken an mich wären vergebens gewesen. Du bist nur deshalb so krank geworden, weil du dir stets Sorgen machst. Wenn du nur ein wenig gelassener wärst, würde deine Krankheit nicht von Tag zu Tag schlimmer." | ||
| + | |||
| + | Als Kajaljade diese Worte hörte, war es, als träfe sie ein Donnerschlag, als führe ein Blitz in sie. Sie durchdachte sie genau und fand, dass sie noch aufrichtiger klangen, als hätte man sie ihr aus dem tiefsten Innern herausgeholt. Zehntausend Worte drängten sich in ihrem Herzen, zehntausend Sätze wollte sie sagen — doch nicht eine halbe Silbe kam über ihre Lippen. So starrte sie ihn nur stumm an. | ||
| + | |||
| + | Auch Schatzjade hatte zehntausend Worte im Herzen, wusste aber nicht, mit welchem er beginnen sollte, und so starrte auch er nur stumm Kajaljade an. | ||
| + | |||
| + | So standen sie einander lange Zeit gegenüber. Dann stieß Kajaljade nur einen leisen Seufzer aus, und ohne dass sie es wollte, rollten ihr die Tränen über die Wangen. Sie wandte sich um und wollte gehen. | ||
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| + | Schatzjade eilte ihr nach und hielt sie am Ärmel fest: „Liebste Kusine, bleib doch einen Augenblick! Lass mich nur noch einen einzigen Satz sagen, dann darfst du gehen." | ||
| + | |||
| + | Kajaljade wischte sich mit der einen Hand die Tränen ab und schob mit der anderen seine Hand weg: „Was gibt es da noch zu sagen? Was du mir sagen willst, weiß ich längst!" Während sie das sagte, ging sie, ohne sich auch nur einmal umzublicken, davon. | ||
| + | |||
| + | Schatzjade blieb stehen und versank in Gedanken. | ||
| + | |||
| + | Als er vorhin eilig hinausgegangen war, hatte er vergessen, seinen Fächer mitzunehmen. Dufthauch, die fürchtete, ihm könnte heiß werden, ergriff den Fächer und eilte ihm nach. Als sie aufsah, erblickte sie Kajaljade bei ihm stehen. Im nächsten Moment ging Kajaljade davon, doch Schatzjade stand immer noch reglos da. Also trat Dufthauch zu ihm und sagte: „Du bist ohne Fächer losgegangen. Ein Glück, dass ich es bemerkt und ihn dir nachgebracht habe." | ||
| + | |||
| + | Schatzjade aber war so in Gedanken versunken, dass er gar nicht wahrnahm, wer zu ihm sprach. Er ergriff ihre Hand und sagte: „Liebste Kusine! Was ich auf dem Herzen habe, habe ich mich nie zu sagen getraut, aber heute will ich es wagen. Und sollte ich dafür sterben, bin ich bereit! Deinetwegen bin ich ganz krank geworden, doch ich wage es niemandem zu sagen und muss es vor allen verbergen. Erst wenn deine Krankheit geheilt ist, wird auch die meine besser werden. Im Schlaf und im Traum — nie kann ich dich vergessen!" | ||
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| + | Als Dufthauch diese Worte hörte, verlor sie beinahe die Besinnung und rief: „Allmächtiger Bodhisattva! Das bringt mich ins Grab!" Dann stieß sie ihn an und rief: „Was redest du da? Du musst von Sinnen sein! Geh jetzt endlich!" | ||
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| + | Da erwachte Schatzjade wie aus einem Traum und erkannte, dass es Dufthauch war, die ihm den Fächer gebracht hatte. Vor Scham lief er bis in die Haarwurzeln rot an, riss ihr den Fächer aus der Hand und rannte davon. | ||
| + | |||
| + | Als Dufthauch ihn fortlaufen sah, war ihr klar, dass seine Worte Kajaljade gegolten hatten. Wenn es so stand, waren in Zukunft Verfehlungen kaum zu vermeiden — ein beängstigender, ein erschreckender Gedanke. Ganz benommen standen ihr die Tränen in den Augen, und insgeheim begann sie darüber nachzusinnen, wie sich dieses drohende Unheil abwenden ließe. | ||
| + | |||
| + | Während Dufthauch noch grübelnd dastand, kam plötzlich Schatzspange des Weges und fragte lächelnd: „Was stehst du hier in der sengenden Sonne und bist so in Gedanken versunken?" | ||
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| + | Als Dufthauch die Frage hörte, erwiderte sie rasch mit einem Lächeln: „Dort drüben haben sich zwei Spatzen gezankt — das war so lustig, dass ich ganz gefesselt war." | ||
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| + | „Wohin ist mein Vetter Schatzjade eben so eilig gelaufen, ganz festlich angekleidet?" fragte Schatzspange. „Ich habe ihn gerade vorbeigehen sehen und wollte ihn schon anrufen, aber seine Reden sind in letzter Zeit noch wirrer geworden, also habe ich ihn gehen lassen." | ||
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| + | „Der gnädige Herr hat ihn rufen lassen", erklärte Dufthauch. | ||
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| + | „Ach du meine Güte!" sagte Schatzspange sogleich besorgt. „Bei dieser glühenden Hitze — wozu lässt er ihn rufen? Er wird ihm doch nicht etwas vorhalten wollen, das ihm eingefallen ist, und ihn zur Rede stellen?" | ||
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| + | „Nein, nein", erwiderte Dufthauch lächelnd. „Es ist wohl ein Gast da, den er empfangen soll." | ||
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| + | Schatzspange lachte: „Was für ein Gast! Bei dieser Sommerhitze kann man doch zu Hause bleiben und sich abkühlen, anstatt herumzulaufen!" | ||
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| + | Dufthauch lachte: „Das sagt Ihr!" | ||
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| + | Dann fragte Schatzspange: „Was macht denn Wolkenschwinge bei euch?" | ||
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| + | Dufthauch lächelte: „Wir haben ein Weilchen geplaudert. Übrigens — die Schuhe, die ich neulich geklebt habe, wollte ich ihr geben, damit sie sie morgen fertigstellt." | ||
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| + | Als Schatzspange das hörte, blickte sie sich nach beiden Seiten um. Da niemand in der Nähe war, sagte sie lächelnd: „So ein verständiger Mensch wie du — und dann auf einmal kein Gespür für die Lage eines anderen! Ich habe in letzter Zeit Wolkenschwinges Miene und Stimmung beobachtet und auch einiges gehört, was einem der Wind so zuträgt. Das arme Kind — zu Hause hat sie rein gar nichts zu bestimmen! Ihre Familie scheut die Kosten für Näherinnen und Schneider, und so müssen die Frauen im Haushalt so ziemlich alles selbst machen. Warum hätte sie mir sonst bei ihren letzten Besuchen, als wir unter uns waren, gesagt, sie müsse sich zu Hause so abrackern? Und als ich sie ein wenig nach ihrem Alltagsleben fragte, bekam sie rote Augenränder und hat nur noch gestammelt. Wenn man ihre Lage bedenkt — sie hat eben von klein auf unter dem Verlust ihrer Eltern gelitten. Wenn ich sie so ansehe, wird mir unwillkürlich das Herz schwer." | ||
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| + | Dufthauch schlug die Hände zusammen und rief: „Natürlich, natürlich! Da ist es auch kein Wunder! Letzten Monat habe ich sie gebeten, mir zehn Schmetterlings-Zierknoten zu knüpfen. Es hat ewig gedauert, bis sie jemanden damit hergeschickt hat, und sie ließ mir noch ausrichten: ‚Die Knoten sind etwas grob geraten, nehmt sie lieber für weniger Feines. Wenn ihr hübschere wollt, wartet, bis ich das nächste Mal bei euch zu Besuch bin, dann mache ich sie ordentlich.' Nach dem, was Ihr mir gerade erzählt habt, war es ihr bestimmt peinlich, meine Bitte abzulehnen, und dann hat sie zu Hause bis tief in die Nacht daran gesessen. Wie dumm von mir! Hätte ich das gewusst, hätte ich sie gar nicht erst darum gebeten!" | ||
| + | |||
| + | „Beim letzten Mal hat sie mir erzählt," ergänzte Schatzspange, „dass sie zu Hause bis in die tiefe Nacht arbeiten muss. Und wenn sie einmal eine Kleinigkeit für jemand Außenstehendes anfertigt, sind die gnädigen Frauen dort alles andere als erfreut." | ||
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| + | „Unser eigensinniger junger Herr will aber partout keine der größeren oder kleineren Handarbeiten von unseren hauseigenen Näherinnen machen lassen — und ich allein schaffe das nicht", klagte Dufthauch. | ||
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| + | Schatzspange lächelte: „Kümmere dich nicht um ihn! Lass die Sachen ruhig von anderen machen und sag ihm einfach, du hättest sie selbst gemacht." | ||
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| + | Dufthauch seufzte lächelnd: „Das lässt sich bei ihm nicht machen — gerade er erkennt sofort, wer etwas gearbeitet hat. Da bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mich so gut es geht selbst damit abzumühen." | ||
| + | |||
| + | „Nur keine Hast!" sagte Schatzspange lächelnd. „Wie wäre es, wenn ich dir einiges davon abnähme?" | ||
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| + | Dufthauch strahlte: „Wenn Ihr das wirklich meint, wäre das ein wahrer Segen für mich! Heute Abend bringe ich die Sachen persönlich zu Euch hinüber." | ||
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| + | Sie hatte den Satz noch nicht beendet, als plötzlich eine alte Dienerin herbeigelaufen kam und keuchend sagte: „Was sagt ihr dazu! Fräulein Goldreif<ref>金钏</ref> hat sich mir nichts, dir nichts im Brunnen ertränkt!" | ||
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| + | Dufthauch erschrak zutiefst und fragte hastig: „Welche Goldreif?" | ||
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| + | „Wie viele Goldreifs gibt es denn?" erwiderte die Alte. „Natürlich die aus den Gemächern der gnädigen Frau! Vorgestern ist sie, warum auch immer, hinausgeworfen worden und hat zu Hause nur geweint und geweint, aber keiner hat sich um sie gekümmert. Dann war sie plötzlich verschwunden. Eben hat einer der Wasserträger, als er am Brunnen in der Südostecke Wasser schöpfen wollte, eine Leiche entdeckt. Er rief sofort um Hilfe, und als sie die Leiche herausgezogen hatten, erkannte man sie. Die Familie versucht noch, sie wiederzubeleben, aber es ist wohl vergeblich." | ||
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| + | „Das ist ja furchtbar!" sagte Schatzspange. | ||
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| + | Dufthauch nickte betrübt und seufzend. Sie dachte an ihre herzliche Freundschaft mit Goldreif, und unwillkürlich flossen ihr die Tränen. | ||
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| + | Schatzspange aber eilte sogleich zu Frau Wang<ref>王夫人</ref>, um sie zu trösten. Dufthauch kehrte in ihre Gemächer zurück, und es soll jetzt nicht weiter von ihr die Rede sein. | ||
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| + | Als Schatzspange bei Frau Wang eintrat, herrschte dort Totenstille. Frau Wang saß allein im inneren Zimmer und weinte. Schatzspange mochte den Vorfall nicht anschneiden und setzte sich einfach neben sie. | ||
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| + | „Woher kommst du?" fragte Frau Wang. | ||
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| + | „Aus dem Garten", antwortete Schatzspange. | ||
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| + | „Hast du deinen Vetter Schatzjade im Garten gesehen?" fragte Frau Wang weiter. | ||
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| + | „Eben noch habe ich ihn gesehen," antwortete Schatzspange. „Er war fertig angekleidet und hat den Garten verlassen. Wohin er ging, weiß ich nicht." | ||
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| + | Frau Wang nickte und sagte unter Tränen: „Weißt du, was Schreckliches geschehen ist? Goldreif hat sich plötzlich im Brunnen ertränkt!" | ||
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| + | „Warum hat sie das nur getan?" fragte Schatzspange bestürzt. „Das ist ja entsetzlich!" | ||
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| + | Frau Wang erzählte: „Vorgestern hat sie mir einen Gegenstand beschädigt. Da wurde ich wütend, habe ihr ein paar Ohrfeigen gegeben und sie hinausgeschickt. <ref>Die wahre Ursache war, dass Frau Wang Goldreif bei einem zweideutigen Gespräch mit Schatzjade ertappte — vgl. Kap. 30.</ref> Ich wollte nur ein paar Tage mit ihr böse sein und sie dann wieder zurückholen lassen. Wer hätte gedacht, dass sie so empfindlich ist und sich in den Brunnen stürzt! Bin nicht ich daran schuld?" | ||
| + | |||
| + | Schatzspange seufzte: „Ihr seid ein gütiger Mensch, Tante, darum denkt Ihr so. Aber meiner Meinung nach hat sie sich gar nicht aus Trotz in den Brunnen gestürzt. Wahrscheinlich ist sie, als sie draußen war und am Brunnenrand spielte, ausgerutscht und hineingefallen. Sie war hier drinnen immer streng gehalten worden, und kaum war sie draußen, wollte sie natürlich überall herumstreifen und spielen. Welchen Grund hätte sie für solch maßlosen Zorn gehabt? Und selbst wenn sie es im Zorn getan haben sollte, war sie nichts weiter als ein Dummkopf, dem kein Mitleid gebührt." | ||
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| + | Frau Wang nickte seufzend: „Das stimmt schon, und dennoch finde ich in meinem Herzen keine Ruhe." | ||
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| + | Schatzspange erwiderte seufzend: „Aber Ihr dürft Euch auch nicht so damit quälen, Tante. Gebt einfach ein paar Liang Silber mehr für ein anständiges Begräbnis, und damit ist die Pflicht einer Herrin gegenüber ihrer Dienerin erfüllt." | ||
| + | |||
| + | Frau Wang sagte: „Eben habe ich ihrer Mutter schon fünfzig Liang geschenkt. Eigentlich wollte ich auch noch zwei Garnituren neue Kleider von einem meiner Mädchen nehmen, um Goldreif für die Aufbahrung einzukleiden. Aber Phönixglanz<ref>凤姐, 王熙凤</ref> hat mir gesagt, es gäbe zufällig keine neuen Kleider vorrätig — nur die zwei Garnituren, die für den Geburtstag deiner Kusine Kajaljade bestimmt seien. Nun kenne ich aber dieses Kind — sie ist immer so abergläubisch, und außerdem hat sie seit jeher alle möglichen Leiden und Gebrechen. Da hat man ihr versprochen, die Kleider für ihren Geburtstag zu machen — und jetzt soll man sie einer Toten mitgeben? Das wird sie bestimmt für ein böses Omen halten. | ||
| + | |||
| + | Deshalb habe ich angeordnet, den Schneider schnell zwei Garnituren anfertigen zu lassen. Bei einem anderen Mädchen hätte ich es bei ein paar Liang Silber bewenden lassen, aber Goldreif — obwohl sie nur ein Dienstmädchen war, war sie für mich beinahe wie eine eigene Tochter." Bei diesen Worten rannen ihr erneut die Tränen über die Wangen. | ||
| + | |||
| + | Schatzspange sagte rasch: „Wozu Tante den Schneider bemühen und in aller Eile etwas anfertigen lassen? Ich habe neulich erst zwei komplette Garnituren nähen lassen. Die bringe ich her — wäre das nicht einfacher? Zumal sie, als sie noch lebte, auch meine getragenen Kleider aufgetragen hat und unsere Maße ungefähr übereinstimmen." | ||
| + | |||
| + | Frau Wang zögerte: „Das ist zwar lieb von dir, aber empfindest du das nicht als ein schlechtes Zeichen?" | ||
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| + | Schatzspange lächelte: „Keine Sorge, Tante! Um solche Dinge habe ich mir noch nie Gedanken gemacht." Mit diesen Worten stand sie auf und ging. | ||
| + | |||
| + | Frau Wang rief sogleich zwei Dienerinnen und befahl ihnen: „Begleitet Fräulein Schatzspange!" | ||
| + | |||
| + | Als Schatzspange kurze Zeit später mit den Kleidern zurückkam, sah sie Schatzjade neben Frau Wang sitzen und weinen. Frau Wang war gerade dabei gewesen, ihn zu schelten, doch als Schatzspange eintrat, hielt sie inne und sprach nicht weiter. Bei diesem Anblick konnte sich Schatzspange nach Worten und Mienen die Sache zu acht Zehnteln zusammenreimen. Sie übergab die Kleider Stück für Stück, und Frau Wang ließ Goldreifs Mutter rufen, damit diese sie abholte. | ||
| + | |||
| + | Was weiter geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt. | ||
== Anmerkungen == | == Anmerkungen == | ||
| − | <references/> | + | <references /> |
Revision as of 12:29, 15 April 2026
Kapitel: [1-10] · [11-20] · [21-30] · 31 · 32 · 33 · 34 · 35 · 36 · 37 · 38 · 39 · 40 · [41-50] · [51-60] · [61-70] · [71-80] · [81-90] · [91-100] · [101-110] · [111-120] · ← Inhalt
Kapitel 32
Herzensgeständnisse verwirren den lebhaften Schatzjade
Schande und Schmach treiben die leidenschaftliche Goldreif in den Tod
Als Schatzjade[1] also das Einhorn erblickte, war er überaus erfreut. Lächelnd streckte er die Hand danach aus und sagte: „Ein Glück, dass du es gefunden hast! Wo hast du es denn aufgelesen?"
Wolkenschwinge[2] lachte und erwiderte: „Ein Glück, dass es nur so eine Kleinigkeit war! Stell dir vor, morgen verlierst du auch noch dein Amtssiegel — wirst du das etwa genauso leichtnehmen?"
Schatzjade lachte: „Ein Amtssiegel zu verlieren, wäre halb so schlimm. Aber hätte ich das hier verloren, müsste ich glatt sterben!"
Inzwischen hatte Dufthauch[3] Tee eingeschenkt und reichte ihn Wolkenschwinge zum Trinken. Lächelnd sagte sie dabei: „Großes Fräulein, ich habe gehört, neulich gab es bei Euch frohe Nachricht!" [4]
Wolkenschwinge errötete und trank schweigend ihren Tee, ohne zu antworten.
„Jetzt auf einmal so schüchtern?" fragte Dufthauch. „Erinnert Ihr Euch noch, was wir vor zehn Jahren miteinander geredet haben, als wir drüben im Westgehöft auf dem warmen Ofenbett schliefen? Damals wart Ihr nicht schüchtern — warum seid Ihr es jetzt?"
Wolkenschwinge lachte: „Du hast gut reden! Damals haben wir uns so gut verstanden! Aber dann ist unsere gnädige Frau gestorben, und ich musste eine Weile zu Hause bleiben. Und als ich wiederkam, hatte man dich inzwischen dem Zweiten Herrn zugeteilt, und du warst zu mir nicht mehr so wie früher."
Dufthauch erwiderte lächelnd: „Ihr habt gut reden! Früher hieß es ‚liebe Schwester' hier und ‚liebe Schwester' dort, und Ihr habt mich dazu gebracht, Euch zu kämmen und zu waschen und dies und jenes für Euch zu tun. Jetzt seid Ihr groß und gebt das gnädige Fräulein. Da wage ich es natürlich nicht mehr, Euch zu nahe zu treten!"
„Amitabha Buddha, welch ein Unrecht!" rief Wolkenschwinge. „Wenn ich so wäre, möchte ich auf der Stelle sterben! Schau doch nur — bei dieser Affenhitze bin ich hergekommen und musste unbedingt zuerst bei dir vorbeischauen. Wenn du mir nicht glaubst, frag Smaragdgrün[5] — zu Hause erwähne ich ständig und bei jeder Gelegenheit deinen Namen!"
Kaum hatte sie das gesagt, beschwichtigten Dufthauch und Schatzjade sie beide zugleich: „Es war doch nur ein Scherz, und du nimmst es gleich ernst! Immer noch derselbe Hitzkopf!"
„Anstatt zuzugeben, dass deine Worte einem den Atem verschlagen, sagst du lieber, ich sei hitzig!" erwiderte Wolkenschwinge. Dabei knotete sie ihr Taschentuch auf und reichte Dufthauch einen Ring.
Dufthauch dankte überschwänglich und sagte lächelnd: „Die Ringe, die Ihr neulich Euren Kusinen geschickt habt — einen davon habe ich auch bekommen. Und heute bringt Ihr mir persönlich noch einen. Man sieht daran, dass Ihr mich nicht vergessen habt. Allein daran zeigt sich Euer wahres Herz, denn der Ring mag zwar nicht viel wert sein, aber Eure Aufrichtigkeit ist unbezahlbar."
„Wer hat dir den gegeben?" wollte Wolkenschwinge wissen.
„Fräulein Schatzspange[6]", antwortete Dufthauch.
Wolkenschwinge lachte: „Ich dachte, er wäre von Schwester Kajaljade[7], aber er ist von Schwester Schatzspange! Tag für Tag denke ich zu Hause daran, dass es unter all den Schwestern keine Bessere gibt als Schwester Schatzspange. Schade nur, dass wir nicht dieselbe Mutter haben! Hätte ich eine leibliche ältere Schwester wie sie, dann könnte ich selbst den Verlust meiner Eltern verschmerzen." Bei diesen Worten röteten sich schon ihre Augenränder.
„Genug! Genug! Lass das Thema!" warf Schatzjade ein.
„Warum denn?" fragte Wolkenschwinge. „Ich kenne ja dein Leiden — du hast Angst, deine Schwester Kajaljade könnte es hören und mir übelnehmen, dass ich Schwester Schatzspange lobe. Hab ich recht?"
Dufthauch lachte leise auf und sagte: „Fräulein Wolkenschwinge, seit Ihr erwachsen seid, redet Ihr noch offenherziger als früher!"
Schatzjade meinte lächelnd: „Ich habe ja gleich gesagt, mit euch ist schwer reden — und wirklich!"
„Das muss ich mir nicht anhören, lieber Vetter!" konterte Wolkenschwinge. „Große Reden schwingst du nur uns gegenüber. Aber wenn du dein Kusinchen Kajaljade siehst, bist du plötzlich ganz anders!"
„Hört jetzt auf mit dem Geplänkel", bat Dufthauch. „Es gibt nämlich etwas, worum ich dich bitten wollte."
„Was denn?" fragte Wolkenschwinge.
„Ich habe ein Paar Schuhe angefangen," erklärte Dufthauch, „die Innensohlen sind schon durchbrochen und gefüttert. Aber mir geht es seit ein paar Tagen nicht gut, und ich konnte nicht daran weiterarbeiten. Hättest du Zeit, sie für mich fertigzumachen?"
Wolkenschwinge lachte: „Das ist ja merkwürdig! Ganz abgesehen von all den geschickten Mädchen bei euch, gibt es doch auch eigens Näherinnen und Schneiderinnen — warum soll ausgerechnet ich das machen? Wen du darum bittest, der traut sich doch nicht nein zu sagen."
Dufthauch lächelte: „Ihr seid wieder einmal vergesslich! Wisst Ihr denn nicht, dass die Näharbeiten in unseren Räumen nicht von den Näherinnen gemacht werden?"
Als Wolkenschwinge das hörte, wusste sie, dass die Schuhe für Schatzjade bestimmt waren, und sagte lächelnd: „Wenn das so ist, nehme ich dir die Arbeit gerne ab. Aber nur unter einer Bedingung: Wenn sie für dich sind, mache ich sie; für jemand anderen kann ich es nicht."
Dufthauch lachte: „Wie denn das? Was bin ich denn, dass ich es wagen könnte, Euch zum Schuhnähen zu bitten? Ehrlich gesagt, sie sind gar nicht für mich. Aber kümmert Euch nicht darum, für wen sie sind — Hauptsache, ich bin Euch dankbar."
„Genau genommen habe ich schon unzählige Dinge für dich angefertigt", erwiderte Wolkenschwinge. „Warum ich jetzt plötzlich nicht mehr will — den Grund kennst du bestimmt."
„Den kenne ich wirklich nicht", sagte Dufthauch.
Wolkenschwinge lächelte verächtlich: „Neulich habe ich gehört, dass die Fächerhülle, die ich gemacht hatte, mit der von jemand anderem verglichen und dann vor Wut mit der Schere zerschnitten wurde. Ich weiß das schon längst, und du willst es mir immer noch verheimlichen! Und jetzt soll ich wieder nähen — bin ich etwa eure Sklavin?"
Schatzjade schaltete sich rasch lächelnd ein: „Von der Sache neulich — ich wusste wirklich nicht, dass du die Fächerhülle gemacht hattest!"
Auch Dufthauch lachte und erklärte: „Er wusste tatsächlich nicht, dass sie von Euch war. Ich hatte ihm weisgemacht, draußen gäbe es neuerdings ein Mädchen, das wunderschön sticken könne. Ich hätte sie gebeten, probeweise eine Fächerhülle zu machen, um zu sehen, wie gut sie sei. Er hat es geglaubt und die Hülle überall herumgezeigt. Irgendwie hat das dann Fräulein Kajaljade verärgert, und sie hat die Hülle mittendurch geschnitten. Als er nach Hause kam und mich drängte, schnell eine neue anfertigen zu lassen, habe ich ihm erst verraten, dass sie von Euch stammte. Wie hat er das bedauert!"
„Das wird ja immer seltsamer!" sagte Wolkenschwinge. „Warum musste Fräulein Kajaljade sich auch darüber aufregen? Wenn sie so geschickt mit der Schere umgeht, lass sie doch die Schuhe machen!"
„Sie macht so etwas nicht!" erwiderte Dufthauch. „Dabei hat die Herzoginmutter schon jetzt Angst, sie könnte sich überanstrengen. Auch der Arzt sagt, sie müsse sich schonen und pflegen. Wer wollte ihr da Handarbeiten zumuten? Letztes Jahr hat sie das ganze Jahr über gerade mal ein einziges Duftsäckchen fertiggebracht, und dieses Jahr ist schon ein halbes Jahr vergangen, und man hat sie noch nicht einmal Nadel und Faden in die Hand nehmen sehen."
Während sie noch sprachen, kam jemand mit der Meldung: „Der Herr aus der Xinglong-Straße ist da, und der gnädige Herr lässt den Zweiten Herrn bitten, hinauszugehen und den Gast zu empfangen."
Schatzjade verstand sofort, dass Jia Yucun[8] gekommen war, und war darüber höchst ungehalten. Dufthauch eilte sogleich, seine Kleidung zu holen. Während Schatzjade in seine Stiefel stieg, schimpfte er: „Es reicht doch, wenn der gnädige Herr ihm Gesellschaft leistet! Warum muss er mich jedes Mal sehen wollen?"
Wolkenschwinge schwenkte lächelnd ihren Fächer und sagte: „Natürlich weil du dich auf den Empfang von Gästen verstehst — deshalb lässt der gnädige Herr dich rufen."
„Ach wo, das kommt nicht vom gnädigen Herrn", erwiderte Schatzjade. „Er selbst ist es, der jedes Mal darauf besteht, mich zu sehen."
Wolkenschwinge lachte: „‚Ist der Wirt von Adel, kommt der Gast gern wieder.' Du musst irgendwelche Vorzüge haben, die ihn anziehen, sonst würde er nicht ständig nach dir verlangen."
„Lass das! Lass das!" wehrte Schatzjade ab. „Ich wage nicht, mich als vornehm zu bezeichnen — ich bin der Gewöhnlichste unter den Gewöhnlichen und habe nicht das geringste Verlangen nach Umgang mit solchen Leuten."
Wolkenschwinge lachte: „Du hast dich immer noch nicht geändert! Jetzt bist du schon groß — selbst wenn du keine Lust hast, für die Beamtenprüfungen zu lernen und den Juren- oder Jinshi-Grad zu erwerben, solltest du doch häufiger mit Leuten verkehren, die im Staatsdienst stehen, und dich mit ihnen über Fragen der Laufbahn und Verwaltung unterhalten [9]. So könntest du dich auf das Leben in der Welt vorbereiten und dir Freunde machen. Stattdessen treibst du dich jahraus, jahrein nur in unserer Mädchenrunde herum!"
Als Schatzjade das hörte, sagte er: „Das Fräulein möge sich bitte in die Gemächer der Kusinen begeben. Meine bescheidene Hütte hier könnte ihr wirtschaftswissenschaftliches Wissen besudeln."
Dufthauch schaltete sich ein: „Fräulein Wolkenschwinge, hört lieber auf mit solchen Reden! Letztens hat auch Fräulein Schatzspange einmal dasselbe gesagt. Er hat sich nicht im Geringsten darum geschert, ob er sie damit vor den Kopf stößt, sondern hat sich nur geräuspert und ist aufgestanden und davonmarschiert. Fräulein Schatzspange hatte nicht einmal ausgesprochen, und als sie sah, dass er ging, ist sie vor Scham ganz rot geworden — sagen konnte sie nichts, und schweigen auch nicht.
Ein Glück, dass es Fräulein Schatzspange war! Wäre es Fräulein Kajaljade gewesen, wer weiß, was die für einen Aufstand gemacht und wie sie geweint hätte! Wenn ich daran denke — Fräulein Schatzspange verdient wirklich allen Respekt! Sie hat sich einen Moment geschämt und ist dann gegangen. Ich machte mir Vorwürfe und dachte, nun sei sie böse. Aber hinterher war sie wieder genauso freundlich wie immer. Was für eine Nachsicht, was für ein großes Herz! Er aber hat sie deswegen noch kühler behandelt als zuvor. Und wenn du Fräulein Kajaljade so brüskiert und so über sie hinweggesehen hättest — weißt du, wie oft du dich hättest entschuldigen müssen?" Das Letzte richtete sie direkt an Schatzjade.
„Fräulein Kajaljade hat nie solchen Unsinn geredet!" erklärte Schatzjade. „Hätte sie je solchen Unsinn geredet, hätte ich mich schon längst von ihr abgewandt."
Dufthauch und Wolkenschwinge nickten lächelnd und sagten: „Da hast du recht, es ist tatsächlich Unsinn."
Nun muss man wissen, dass Kajaljade erfahren hatte, dass Wolkenschwinge hier weilte und Schatzjade sogleich zu ihr geeilt war — gewiss, um ihr von dem Einhorn zu erzählen. Deshalb ging ihr allerlei durch den Sinn: In den inoffiziellen Geschichten und Abenteuerromanen, die Schatzjade in letzter Zeit aufgetrieben hatte, fanden die begabten Jünglinge und schönen Mädchen zumeist durch irgendeinen niedlichen Gegenstand zueinander — sei es ein gesticktes Mandarinenentenpaar, sei es ein Phönix, ein jadener Ring oder ein goldener Anhänger, ein Tüchlein aus Wassermannseide oder ein bestickter Gürtel. Stets war es ein kleines Ding, das am Anfang stand, und am Ende hatte es über das ganze Leben entschieden.
Da Schatzjade nun plötzlich ebenfalls ein Einhorn besaß, fürchtete sie, dies könnte zum Anlass werden, dass zwischen ihm und Wolkenschwinge jene Art von romantischer Liebesgeschichte entstand. Darum schlich sie sich leise heran, um die Lage zu erkunden und die wahren Absichten der beiden zu ergründen.
Kaum war sie angekommen, hörte sie, wie Wolkenschwinge über Karriere und Verwaltung sprach und wie Schatzjade daraufhin sagte: „Fräulein Kajaljade hat nie solchen Unsinn geredet. Hätte sie das, hätte ich mich schon längst von ihr abgewandt."
Als Kajaljade diese Worte vernahm, durchfuhren sie unwillkürlich Freude und Erschrecken, Trauer und Wehmut zugleich.
Die Freude kam daher, dass sie sich nicht geirrt hatte: Sie hatte ihn stets für einen Seelenverwandten gehalten, und er war tatsächlich ein Seelenverwandter.
Das Erschrecken kam daher, dass er vor aller Ohren sein Herz für sie öffnete und sie lobte — so vertraut, so innig, ohne jede Scheu vor Verdächtigungen.
Die Wehmut kam daher, dass sie dachte: Wenn du mein Seelenverwandter bist, bin natürlich auch ich die deine. Und wenn wir einander so gut kennen — wozu dann die Prophezeiung von Gold und Jade? [10] Und wenn es schon eine solche Prophezeiung geben muss, so sollte sie doch für uns beide gelten — wozu dann noch eine Schatzspange?
Die Trauer kam daher, dass ihre Eltern früh gestorben waren und niemand da war, der die tief in ihrem Herzen eingegrabenen Worte für sie zur Geltung bringen konnte. Zudem hatte sie in letzter Zeit bemerkt, wie ihr Geist immer verwirrter wurde und ihre Krankheit sich zusehends verschlimmerte. Der Arzt hatte gesagt, ihre Lebenskraft sei geschwächt und ihr Blut erschöpft — es drohe Auszehrung. Selbst wenn sie und Schatzjade Seelenverwandte waren — sie fürchtete, nicht mehr lange leben zu können. Mochte er ihr Seelenverwandter sein — was half es gegen ihr bitteres Schicksal!
Bei diesem Gedanken rollten ihr unwillkürlich die Tränen über die Wangen. Sie mochte nicht mehr eintreten und sich sehen lassen — es schien ihr sinnlos. So wischte sie sich mit der einen Hand die Tränen ab und kehrte mit der anderen um, um davonzugehen.
Unterdessen war Schatzjade eilig in seine Kleider geschlüpft und nach draußen getreten. Da erblickte er vor sich Kajaljade, die langsam dahinschritt und sich offenbar Tränen abzuwischen schien. Rasch holte er sie ein und fragte lächelnd: „Wohin gehst du, Kusinchen? Warum weinst du schon wieder? Wer hat dich gekränkt?"
Kajaljade wandte den Kopf und sah, dass es Schatzjade war. Mit einem erzwungenen Lächeln sagte sie: „Mir fehlt nichts, ich habe doch gar nicht geweint."
Schatzjade lachte: „Sieh nur — die Tränen auf deinen Wimpern sind noch nicht getrocknet, und du willst mir etwas vorschwindeln!" Während er das sagte, konnte er nicht anders und hob die Hand, um ihr die Tränen abzuwischen.
Sofort wich Kajaljade ein paar Schritte zurück und rief: „Willst du sterben? Was fällt dir ein, so zudringlich zu werden!"
Schatzjade lachte: „Im Reden habe ich mich vergessen und ohne nachzudenken die Hand gehoben — da schert man sich nicht um Leben und Tod."
Kajaljade erwiderte: „Wenn du stirbst, ist das nicht weiter schade. Nur — was wird dann aus dem ‚Gold' und dem Einhorn, die du zurücklassen musst?"
Diese Worte versetzten Schatzjade erneut in Aufregung. Er trat einen Schritt näher und fragte: „Fängst du schon wieder damit an? Willst du mich verfluchen oder mir Vorwürfe machen?"
Erst da fiel Kajaljade das Gespräch von neulich wieder ein, und sie bereute, wieder etwas Unüberlegtes gesagt zu haben. Rasch lächelte sie und sagte: „Reg dich nicht auf! Ich habe mich wirklich versprochen. Was gibt es da, dass dir die Adern an den Schläfen schwellen und dein Gesicht vor Aufregung schweißüberströmt ist?" Während sie das sagte, konnte sie nicht anders, trat näher und streckte die Hand aus, um ihm den Schweiß von der Stirn zu wischen.
Schatzjade blickte sie lange an, dann brachte er endlich die drei Worte hervor: „Sei ganz unbesorgt."
Als Kajaljade das hörte, war sie eine Weile wie erstarrt, dann sagte sie: „Was soll das heißen — unbesorgt? Ich verstehe nicht, was du meinst. Erkläre mir doch, worüber ich besorgt oder unbesorgt sein sollte."
Schatzjade seufzte und fragte: „Verstehst du das wirklich nicht? War denn alles, was ich die ganze Zeit für dich empfunden habe, vergeblich? Wenn du nicht einmal meine Gefühle spürst, ist es kein Wunder, dass du dich Tag für Tag über mich ärgerst."
„Ich verstehe wirklich nicht, was du mit ‚besorgt' oder ‚unbesorgt' meinst", beharrte Kajaljade.
Schatzjade nickte und sagte seufzend: „Täusch mich nicht, liebste Kusine. Wenn du das wirklich nicht verstehst, dann waren nicht nur all meine Gedanken an dich umsonst, sondern auch all deine Gedanken an mich wären vergebens gewesen. Du bist nur deshalb so krank geworden, weil du dir stets Sorgen machst. Wenn du nur ein wenig gelassener wärst, würde deine Krankheit nicht von Tag zu Tag schlimmer."
Als Kajaljade diese Worte hörte, war es, als träfe sie ein Donnerschlag, als führe ein Blitz in sie. Sie durchdachte sie genau und fand, dass sie noch aufrichtiger klangen, als hätte man sie ihr aus dem tiefsten Innern herausgeholt. Zehntausend Worte drängten sich in ihrem Herzen, zehntausend Sätze wollte sie sagen — doch nicht eine halbe Silbe kam über ihre Lippen. So starrte sie ihn nur stumm an.
Auch Schatzjade hatte zehntausend Worte im Herzen, wusste aber nicht, mit welchem er beginnen sollte, und so starrte auch er nur stumm Kajaljade an.
So standen sie einander lange Zeit gegenüber. Dann stieß Kajaljade nur einen leisen Seufzer aus, und ohne dass sie es wollte, rollten ihr die Tränen über die Wangen. Sie wandte sich um und wollte gehen.
Schatzjade eilte ihr nach und hielt sie am Ärmel fest: „Liebste Kusine, bleib doch einen Augenblick! Lass mich nur noch einen einzigen Satz sagen, dann darfst du gehen."
Kajaljade wischte sich mit der einen Hand die Tränen ab und schob mit der anderen seine Hand weg: „Was gibt es da noch zu sagen? Was du mir sagen willst, weiß ich längst!" Während sie das sagte, ging sie, ohne sich auch nur einmal umzublicken, davon.
Schatzjade blieb stehen und versank in Gedanken.
Als er vorhin eilig hinausgegangen war, hatte er vergessen, seinen Fächer mitzunehmen. Dufthauch, die fürchtete, ihm könnte heiß werden, ergriff den Fächer und eilte ihm nach. Als sie aufsah, erblickte sie Kajaljade bei ihm stehen. Im nächsten Moment ging Kajaljade davon, doch Schatzjade stand immer noch reglos da. Also trat Dufthauch zu ihm und sagte: „Du bist ohne Fächer losgegangen. Ein Glück, dass ich es bemerkt und ihn dir nachgebracht habe."
Schatzjade aber war so in Gedanken versunken, dass er gar nicht wahrnahm, wer zu ihm sprach. Er ergriff ihre Hand und sagte: „Liebste Kusine! Was ich auf dem Herzen habe, habe ich mich nie zu sagen getraut, aber heute will ich es wagen. Und sollte ich dafür sterben, bin ich bereit! Deinetwegen bin ich ganz krank geworden, doch ich wage es niemandem zu sagen und muss es vor allen verbergen. Erst wenn deine Krankheit geheilt ist, wird auch die meine besser werden. Im Schlaf und im Traum — nie kann ich dich vergessen!"
Als Dufthauch diese Worte hörte, verlor sie beinahe die Besinnung und rief: „Allmächtiger Bodhisattva! Das bringt mich ins Grab!" Dann stieß sie ihn an und rief: „Was redest du da? Du musst von Sinnen sein! Geh jetzt endlich!"
Da erwachte Schatzjade wie aus einem Traum und erkannte, dass es Dufthauch war, die ihm den Fächer gebracht hatte. Vor Scham lief er bis in die Haarwurzeln rot an, riss ihr den Fächer aus der Hand und rannte davon.
Als Dufthauch ihn fortlaufen sah, war ihr klar, dass seine Worte Kajaljade gegolten hatten. Wenn es so stand, waren in Zukunft Verfehlungen kaum zu vermeiden — ein beängstigender, ein erschreckender Gedanke. Ganz benommen standen ihr die Tränen in den Augen, und insgeheim begann sie darüber nachzusinnen, wie sich dieses drohende Unheil abwenden ließe.
Während Dufthauch noch grübelnd dastand, kam plötzlich Schatzspange des Weges und fragte lächelnd: „Was stehst du hier in der sengenden Sonne und bist so in Gedanken versunken?"
Als Dufthauch die Frage hörte, erwiderte sie rasch mit einem Lächeln: „Dort drüben haben sich zwei Spatzen gezankt — das war so lustig, dass ich ganz gefesselt war."
„Wohin ist mein Vetter Schatzjade eben so eilig gelaufen, ganz festlich angekleidet?" fragte Schatzspange. „Ich habe ihn gerade vorbeigehen sehen und wollte ihn schon anrufen, aber seine Reden sind in letzter Zeit noch wirrer geworden, also habe ich ihn gehen lassen."
„Der gnädige Herr hat ihn rufen lassen", erklärte Dufthauch.
„Ach du meine Güte!" sagte Schatzspange sogleich besorgt. „Bei dieser glühenden Hitze — wozu lässt er ihn rufen? Er wird ihm doch nicht etwas vorhalten wollen, das ihm eingefallen ist, und ihn zur Rede stellen?"
„Nein, nein", erwiderte Dufthauch lächelnd. „Es ist wohl ein Gast da, den er empfangen soll."
Schatzspange lachte: „Was für ein Gast! Bei dieser Sommerhitze kann man doch zu Hause bleiben und sich abkühlen, anstatt herumzulaufen!"
Dufthauch lachte: „Das sagt Ihr!"
Dann fragte Schatzspange: „Was macht denn Wolkenschwinge bei euch?"
Dufthauch lächelte: „Wir haben ein Weilchen geplaudert. Übrigens — die Schuhe, die ich neulich geklebt habe, wollte ich ihr geben, damit sie sie morgen fertigstellt."
Als Schatzspange das hörte, blickte sie sich nach beiden Seiten um. Da niemand in der Nähe war, sagte sie lächelnd: „So ein verständiger Mensch wie du — und dann auf einmal kein Gespür für die Lage eines anderen! Ich habe in letzter Zeit Wolkenschwinges Miene und Stimmung beobachtet und auch einiges gehört, was einem der Wind so zuträgt. Das arme Kind — zu Hause hat sie rein gar nichts zu bestimmen! Ihre Familie scheut die Kosten für Näherinnen und Schneider, und so müssen die Frauen im Haushalt so ziemlich alles selbst machen. Warum hätte sie mir sonst bei ihren letzten Besuchen, als wir unter uns waren, gesagt, sie müsse sich zu Hause so abrackern? Und als ich sie ein wenig nach ihrem Alltagsleben fragte, bekam sie rote Augenränder und hat nur noch gestammelt. Wenn man ihre Lage bedenkt — sie hat eben von klein auf unter dem Verlust ihrer Eltern gelitten. Wenn ich sie so ansehe, wird mir unwillkürlich das Herz schwer."
Dufthauch schlug die Hände zusammen und rief: „Natürlich, natürlich! Da ist es auch kein Wunder! Letzten Monat habe ich sie gebeten, mir zehn Schmetterlings-Zierknoten zu knüpfen. Es hat ewig gedauert, bis sie jemanden damit hergeschickt hat, und sie ließ mir noch ausrichten: ‚Die Knoten sind etwas grob geraten, nehmt sie lieber für weniger Feines. Wenn ihr hübschere wollt, wartet, bis ich das nächste Mal bei euch zu Besuch bin, dann mache ich sie ordentlich.' Nach dem, was Ihr mir gerade erzählt habt, war es ihr bestimmt peinlich, meine Bitte abzulehnen, und dann hat sie zu Hause bis tief in die Nacht daran gesessen. Wie dumm von mir! Hätte ich das gewusst, hätte ich sie gar nicht erst darum gebeten!"
„Beim letzten Mal hat sie mir erzählt," ergänzte Schatzspange, „dass sie zu Hause bis in die tiefe Nacht arbeiten muss. Und wenn sie einmal eine Kleinigkeit für jemand Außenstehendes anfertigt, sind die gnädigen Frauen dort alles andere als erfreut."
„Unser eigensinniger junger Herr will aber partout keine der größeren oder kleineren Handarbeiten von unseren hauseigenen Näherinnen machen lassen — und ich allein schaffe das nicht", klagte Dufthauch.
Schatzspange lächelte: „Kümmere dich nicht um ihn! Lass die Sachen ruhig von anderen machen und sag ihm einfach, du hättest sie selbst gemacht."
Dufthauch seufzte lächelnd: „Das lässt sich bei ihm nicht machen — gerade er erkennt sofort, wer etwas gearbeitet hat. Da bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mich so gut es geht selbst damit abzumühen."
„Nur keine Hast!" sagte Schatzspange lächelnd. „Wie wäre es, wenn ich dir einiges davon abnähme?"
Dufthauch strahlte: „Wenn Ihr das wirklich meint, wäre das ein wahrer Segen für mich! Heute Abend bringe ich die Sachen persönlich zu Euch hinüber."
Sie hatte den Satz noch nicht beendet, als plötzlich eine alte Dienerin herbeigelaufen kam und keuchend sagte: „Was sagt ihr dazu! Fräulein Goldreif[11] hat sich mir nichts, dir nichts im Brunnen ertränkt!"
Dufthauch erschrak zutiefst und fragte hastig: „Welche Goldreif?"
„Wie viele Goldreifs gibt es denn?" erwiderte die Alte. „Natürlich die aus den Gemächern der gnädigen Frau! Vorgestern ist sie, warum auch immer, hinausgeworfen worden und hat zu Hause nur geweint und geweint, aber keiner hat sich um sie gekümmert. Dann war sie plötzlich verschwunden. Eben hat einer der Wasserträger, als er am Brunnen in der Südostecke Wasser schöpfen wollte, eine Leiche entdeckt. Er rief sofort um Hilfe, und als sie die Leiche herausgezogen hatten, erkannte man sie. Die Familie versucht noch, sie wiederzubeleben, aber es ist wohl vergeblich."
„Das ist ja furchtbar!" sagte Schatzspange.
Dufthauch nickte betrübt und seufzend. Sie dachte an ihre herzliche Freundschaft mit Goldreif, und unwillkürlich flossen ihr die Tränen.
Schatzspange aber eilte sogleich zu Frau Wang[12], um sie zu trösten. Dufthauch kehrte in ihre Gemächer zurück, und es soll jetzt nicht weiter von ihr die Rede sein.
Als Schatzspange bei Frau Wang eintrat, herrschte dort Totenstille. Frau Wang saß allein im inneren Zimmer und weinte. Schatzspange mochte den Vorfall nicht anschneiden und setzte sich einfach neben sie.
„Woher kommst du?" fragte Frau Wang.
„Aus dem Garten", antwortete Schatzspange.
„Hast du deinen Vetter Schatzjade im Garten gesehen?" fragte Frau Wang weiter.
„Eben noch habe ich ihn gesehen," antwortete Schatzspange. „Er war fertig angekleidet und hat den Garten verlassen. Wohin er ging, weiß ich nicht."
Frau Wang nickte und sagte unter Tränen: „Weißt du, was Schreckliches geschehen ist? Goldreif hat sich plötzlich im Brunnen ertränkt!"
„Warum hat sie das nur getan?" fragte Schatzspange bestürzt. „Das ist ja entsetzlich!"
Frau Wang erzählte: „Vorgestern hat sie mir einen Gegenstand beschädigt. Da wurde ich wütend, habe ihr ein paar Ohrfeigen gegeben und sie hinausgeschickt. [13] Ich wollte nur ein paar Tage mit ihr böse sein und sie dann wieder zurückholen lassen. Wer hätte gedacht, dass sie so empfindlich ist und sich in den Brunnen stürzt! Bin nicht ich daran schuld?"
Schatzspange seufzte: „Ihr seid ein gütiger Mensch, Tante, darum denkt Ihr so. Aber meiner Meinung nach hat sie sich gar nicht aus Trotz in den Brunnen gestürzt. Wahrscheinlich ist sie, als sie draußen war und am Brunnenrand spielte, ausgerutscht und hineingefallen. Sie war hier drinnen immer streng gehalten worden, und kaum war sie draußen, wollte sie natürlich überall herumstreifen und spielen. Welchen Grund hätte sie für solch maßlosen Zorn gehabt? Und selbst wenn sie es im Zorn getan haben sollte, war sie nichts weiter als ein Dummkopf, dem kein Mitleid gebührt."
Frau Wang nickte seufzend: „Das stimmt schon, und dennoch finde ich in meinem Herzen keine Ruhe."
Schatzspange erwiderte seufzend: „Aber Ihr dürft Euch auch nicht so damit quälen, Tante. Gebt einfach ein paar Liang Silber mehr für ein anständiges Begräbnis, und damit ist die Pflicht einer Herrin gegenüber ihrer Dienerin erfüllt."
Frau Wang sagte: „Eben habe ich ihrer Mutter schon fünfzig Liang geschenkt. Eigentlich wollte ich auch noch zwei Garnituren neue Kleider von einem meiner Mädchen nehmen, um Goldreif für die Aufbahrung einzukleiden. Aber Phönixglanz[14] hat mir gesagt, es gäbe zufällig keine neuen Kleider vorrätig — nur die zwei Garnituren, die für den Geburtstag deiner Kusine Kajaljade bestimmt seien. Nun kenne ich aber dieses Kind — sie ist immer so abergläubisch, und außerdem hat sie seit jeher alle möglichen Leiden und Gebrechen. Da hat man ihr versprochen, die Kleider für ihren Geburtstag zu machen — und jetzt soll man sie einer Toten mitgeben? Das wird sie bestimmt für ein böses Omen halten.
Deshalb habe ich angeordnet, den Schneider schnell zwei Garnituren anfertigen zu lassen. Bei einem anderen Mädchen hätte ich es bei ein paar Liang Silber bewenden lassen, aber Goldreif — obwohl sie nur ein Dienstmädchen war, war sie für mich beinahe wie eine eigene Tochter." Bei diesen Worten rannen ihr erneut die Tränen über die Wangen.
Schatzspange sagte rasch: „Wozu Tante den Schneider bemühen und in aller Eile etwas anfertigen lassen? Ich habe neulich erst zwei komplette Garnituren nähen lassen. Die bringe ich her — wäre das nicht einfacher? Zumal sie, als sie noch lebte, auch meine getragenen Kleider aufgetragen hat und unsere Maße ungefähr übereinstimmen."
Frau Wang zögerte: „Das ist zwar lieb von dir, aber empfindest du das nicht als ein schlechtes Zeichen?"
Schatzspange lächelte: „Keine Sorge, Tante! Um solche Dinge habe ich mir noch nie Gedanken gemacht." Mit diesen Worten stand sie auf und ging.
Frau Wang rief sogleich zwei Dienerinnen und befahl ihnen: „Begleitet Fräulein Schatzspange!"
Als Schatzspange kurze Zeit später mit den Kleidern zurückkam, sah sie Schatzjade neben Frau Wang sitzen und weinen. Frau Wang war gerade dabei gewesen, ihn zu schelten, doch als Schatzspange eintrat, hielt sie inne und sprach nicht weiter. Bei diesem Anblick konnte sich Schatzspange nach Worten und Mienen die Sache zu acht Zehnteln zusammenreimen. Sie übergab die Kleider Stück für Stück, und Frau Wang ließ Goldreifs Mutter rufen, damit diese sie abholte.
Was weiter geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.
Anmerkungen
- ↑ 宝玉
- ↑ 史湘云
- ↑ 袭人
- ↑ Gemeint ist die Verlobung Wolkenschwinges.
- ↑ 翠缕
- ↑ 宝钗
- ↑ 黛玉
- ↑ 贾雨村
- ↑ 仕途经济, wörtl. ‚Karriere und Wirtschaft' — die konfuzianische Ideal-Beschäftigung eines Gelehrten
- ↑ Die Prophezeiung besagt, dass Schatzjades goldenes Amulett und Schatzspanges jadener Haarschmuck sie füreinander bestimmen.
- ↑ 金钏
- ↑ 王夫人
- ↑ Die wahre Ursache war, dass Frau Wang Goldreif bei einem zweideutigen Gespräch mit Schatzjade ertappte — vgl. Kap. 30.
- ↑ 凤姐, 王熙凤