Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 32"

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= Kapitel 32 =
 
= Kapitel 32 =
== 诉肺腑心迷活宝玉 ==
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== Herzensgeständnisse verwirren den lebhaften Schatzjade ==
=== 含耻辱情烈死金钏 ===
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== Schande und Schmach treiben die leidenschaftliche Goldreif in den Tod ==
  
'''Aufrichtig in Herzensdingen, bringt Bau-yü Verwirrung in sein Leben;überwältigt von Scham, geht Djin-tschuan standhaft in den Tod. '''
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Als Schatzjade<ref>宝玉</ref> also das Einhorn erblickte, war er überaus erfreut. Lächelnd streckte er die Hand danach aus und sagte: „Ein Glück, dass du es gefunden hast! Wo hast du es denn aufgelesen?"
  
Als Bau-yü also sein Einhorn erblickte, war er sehr froh. Lächelnd streckte er die Hand danach aus und sagte: „Ein Glück, daß du es gefunden hast! Wo lag es denn?“
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Wolkenschwinge<ref>史湘云</ref> lachte und erwiderte: „Ein Glück, dass es nur so eine Kleinigkeit war! Stell dir vor, morgen verlierst du auch noch dein Amtssiegel — wirst du das etwa genauso leichtnehmen?"
„Ein Glück, daß es so eine Kleinigkeit war“, entgegnete Hsiang-yün. „Willst du es etwa auch so leicht nehmen, wenn du in Zukunft einmal dein Amtssiegel verlierst?
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„Ein Amtssiegel zu verlieren ist nicht so schlimm“, antwortete Bau-yü. „Aber wenn ich das hier verloren hätte, wäre es mein Tod gewesen!
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Schatzjade lachte: „Ein Amtssiegel zu verlieren, wäre halb so schlimm. Aber hätte ich das hier verloren, müsste ich glatt sterben!"
Inzwischen hatte Hsi-jën den Tee gebracht und trank jetzt zusammen mit Hsiang-yün. „Ihr werdet also heiraten, Fräulein, habe ich neulich gehört“, sagte sie dabei lächelnd.
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Hsiang-yün wurde rot und trank nur stumm ihren Tee.
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Inzwischen hatte Dufthauch<ref>袭人</ref> Tee eingeschenkt und reichte ihn Wolkenschwinge zum Trinken. Lächelnd sagte sie dabei: „Großes Fräulein, ich habe gehört, neulich gab es bei Euch frohe Nachricht!" <ref>Gemeint ist die Verlobung Wolkenschwinges.</ref>
„So schüchtern seid Ihr auf einmal?fragte Hsi-jën. „Erinnert Ihr Euch noch, worüber wir an den Abenden sprachen, als wir vor zehn Jahren drüben im Westgehöft auf dem abgeteilten Ofenbett schliefen? Damals wart Ihr nicht so schüchtern, warum seid Ihr es jetzt?
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„Kommst du mir so?“ erwiderte Hsiang-yün. „Wie gut haben wir uns damals verstanden! Aber dann ist bei uns die gnädige Frau gestorben, und ich mußte eine Zeitlang zu Hause bleiben. Inzwischen hat man dich hier zu meinem Vetter gegeben, und seit ich wieder herkomme, bist du zu mir nicht mehr so wie früher.
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Wolkenschwinge errötete und trank schweigend ihren Tee, ohne zu antworten.
Lächelnd gab Hsi-jën zurück: „Kommt Ihr mir so? Früher hieß es Schwester hinten, Schwester vorn, und Ihr habt mir zugesetzt, damit ich Euch kämme und wasche und dies und auch das für Euch tue und mache, und jetzt, nachdem Ihr groß seid, kehrt Ihr das gnädige Fräulein heraus. Wie könnte ich es da wagen, vertraulich gegen Euch zu sein?“
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„Buddha Amitabha, mir geschieht Unrecht!rief Hsiang-yün aus, „auf der Stelle will ich sterben, wenn ich das tue. Sieh doch selbst! An so einem heißen Tag bin ich gekommen, und mein erster Weg führt zu dir. Wenn du es nicht glaubst, kannst du Tsuee-lü fragen. Auch zu Hause erwähne ich stets und ständig immer wieder deinen Namen.“
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„Jetzt auf einmal so schüchtern?" fragte Dufthauch. „Erinnert Ihr Euch noch, was wir vor zehn Jahren miteinander geredet haben, als wir drüben im Westgehöft auf dem warmen Ofenbett schliefen? Damals wart Ihr nicht schüchtern warum seid Ihr es jetzt?"
Kaum hatte sie das gesagt, redeten ihr Hsi-jën und Bau-yü rasch zu: „Es war doch nur Spaß! Wie kann man das ernst nehmen? Immer noch derselbe Hitzkopf!
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„Anstatt mich einen Hitzkopf zu nennen, solltest du lieber sagen, daß man an deinen Worten ersticken kann!“ beschwerte sich Hsiang-yün. Damit knotete sie das Taschentuch auf und gab Hsi-jën einen von den Ringen.
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Wolkenschwinge lachte: „Du hast gut reden! Damals haben wir uns so gut verstanden! Aber dann ist unsere gnädige Frau gestorben, und ich musste eine Weile zu Hause bleiben. Und als ich wiederkam, hatte man dich inzwischen dem Zweiten Herrn zugeteilt, und du warst zu mir nicht mehr so wie früher."
Hsi-jëns Dank fand kein Ende, und lächelnd sagte sie: „Ich habe schon einen der Ringe bekommen, die Ihr Euren Kusinen schicktet, aber heute bringt Ihr mir selber einen. Daran sieht man, daß Ihr mich nicht vergessen habt. Dieser Ring beweist es, denn wenn er auch nicht viel wert ist, zeigt er doch, daß es Euch ernst ist.
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„Wer hat dir denn den Ring gegeben?wollte Hsiang-yün wissen.
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Dufthauch erwiderte lächelnd: „Ihr habt gut reden! Früher hieß es ‚liebe Schwester' hier und ‚liebe Schwester' dort, und Ihr habt mich dazu gebracht, Euch zu kämmen und zu waschen und dies und jenes für Euch zu tun. Jetzt seid Ihr groß und gebt das gnädige Fräulein. Da wage ich es natürlich nicht mehr, Euch zu nahe zu treten!"
„Fräulein Bau-tschai“, gab Hsi-jën Auskunft.  
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„Ich dachte, Kusine Dai-yü sei es gewesen, dabei war es Kusine Bau-tschai“, sagte Hsiang-yün lächelnd. „Tag für Tag denke ich zu Hause daran, daß es unter den Kusinen keine bessere gibt als Bau-tschai. Schade, daß wir nicht Kinder einer Mutter sind! Ich wollte, ich hätte eine leibliche ältere Schwester wie sie, dann würde es mir nichts ausmachen, daß meine Eltern tot sind!“ Während sie das sagte, hatten sich ihre Augenränder gerötet.
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„Amitabha Buddha, welch ein Unrecht!" rief Wolkenschwinge. „Wenn ich so wäre, möchte ich auf der Stelle sterben! Schau doch nur — bei dieser Affenhitze bin ich hergekommen und musste unbedingt zuerst bei dir vorbeischauen. Wenn du mir nicht glaubst, frag Smaragdgrün<ref>翠缕</ref> — zu Hause erwähne ich ständig und bei jeder Gelegenheit deinen Namen!"
„Schluß! Schluß! Hör auf damit!“ mischte Bau-yü sich ein.
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„Wieso denn?fragte Hsiang-yün. „Aber ich weiß schon, was dich quält. Du hast Angst, daß dein Kusinchen Dai-yü es hören könnte und böse wird, weil ich Kusine Bau-tschai gelobt habe. Stimmt‘s?
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Kaum hatte sie das gesagt, beschwichtigten Dufthauch und Schatzjade sie beide zugleich: „Es war doch nur ein Scherz, und du nimmst es gleich ernst! Immer noch derselbe Hitzkopf!"
Hsi-jën lachte hell auf und sagte: „Ihr redet ja noch unverblümter als früher, Fräulein, seitdem Ihr erwachsen seid!
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„Und ich hatte wirklich recht, als ich sagte, mit Euch könne man nicht reden“, erklärte Bau-yü lächelnd.
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„Anstatt zuzugeben, dass deine Worte einem den Atem verschlagen, sagst du lieber, ich sei hitzig!" erwiderte Wolkenschwinge. Dabei knotete sie ihr Taschentuch auf und reichte Dufthauch einen Ring.
„Und mir wird schlecht, wenn ich das höre, lieber Vetter“, hielt ihm Hsiang-yün vor. „Gerade mit uns kannst du reden, aber wenn du mit Kusine Dai-yü zusammenkommst, passiert wer weiß was!
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„Genug jetzt!“ bat Hsi-jën. „Ich habe ein Anliegen an Euch.
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Dufthauch dankte überschwänglich und sagte lächelnd: „Die Ringe, die Ihr neulich Euren Kusinen geschickt habt — einen davon habe ich auch bekommen. Und heute bringt Ihr mir persönlich noch einen. Man sieht daran, dass Ihr mich nicht vergessen habt. Allein daran zeigt sich Euer wahres Herz, denn der Ring mag zwar nicht viel wert sein, aber Eure Aufrichtigkeit ist unbezahlbar."
„Worum geht es?“ erkundigte sich Hsiang-yün.
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„Ich habe ein Paar Schuhe angefangen“, sagte Hsi-jën. „Die Oberteile sind schon durchbrochen und abgefüttert. Aber jetzt fühle ich mich seit ein paar Tagen nicht wohl und konnte nicht daran weiterarbeiten. Habt Ihr Zeit, mir das abzunehmen?
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„Wer hat dir den gegeben?" wollte Wolkenschwinge wissen.
„Merkwürdig!“ wunderte sich Hsiang-yün mit lächelnder Miene, „ganz abgesehen von all den geschickten Mädchen, habt ihr doch auch Näherinnen und Schneider im Haus. Warum also willst du, daß ich es mache? Wer würde sich nicht genieren, dir das abzuschlagen, wenn du ihn bittest, daran weiterzuarbeiten?“
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„Ihr seid wieder einmal schwer von Begriff“, warf Hsi-jën ihr lächelnd vor. „Wißt Ihr denn nicht, daß die Nadelarbeiten für uns hier nicht von Näherinnen gemacht werden?
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„Fräulein Schatzspange<ref>宝钗</ref>", antwortete Dufthauch.
Nun wußte Hsiang-yün, daß die Schuhe für Bau-yü bestimmt waren, und so sagte sie lächelnd: „Wenn das so ist, nehme ich dir die Arbeit ab. Aber nur unter einer Bedingung. Ich nähe die Schuhe nur, wenn sie für dich sind. Für jemand anders kann ich es nicht tun.
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„Wie denn das?“ fragte Hsi-jën. „Wer bin ich denn, daß ich Euch zumuten sollte, für mich Schuhe zu nähen? Ich will ehrlich sein und Euch sagen, daß sie nicht für mich sind. Aber egal, für wen sie sind, ich werde Euch ja dafür danken, und das muß genug sein.
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Wolkenschwinge lachte: „Ich dachte, er wäre von Schwester Kajaljade<ref>黛玉</ref>, aber er ist von Schwester Schatzspange! Tag für Tag denke ich zu Hause daran, dass es unter all den Schwestern keine Bessere gibt als Schwester Schatzspange. Schade nur, dass wir nicht dieselbe Mutter haben! Hätte ich eine leibliche ältere Schwester wie sie, dann könnte ich selbst den Verlust meiner Eltern verschmerzen." Bei diesen Worten röteten sich schon ihre Augenränder.
„Wenn es danach geht, habe ich auch für dich schon genug angefertigt“, erwiderte Hsiang-yün. „Sicher weißt du den Grund, warum ich jetzt diese Schuhe nicht nähe.
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„Aber nein!“ beteuerte Hsi-jën.
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„Genug! Genug! Lass das Thema!" warf Schatzjade ein.
„Neulich hörte ich, die Fächerhülle, die ich gearbeitet hatte, sei mit der von jemand anders verglichen und dann vor Wut zerschnitten worden“, sagte Hsiang-yün mit verächtlichem Lächeln. „Ich weiß es längst, und doch versuchst du, mich hinters Licht zu führen. Wenn ich jetzt in deinem Auftrag die Schuhe nähe, komme ich mir ja wie eure Sklavin vor!“
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„Ich wußte gar nicht, daß diese Fächerhülle von dir war“, schaltete sich Bau-yü rasch mit einem Lächeln ein.
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„Warum denn?" fragte Wolkenschwinge. „Ich kenne ja dein Leiden — du hast Angst, deine Schwester Kajaljade könnte es hören und mir übelnehmen, dass ich Schwester Schatzspange lobe. Hab ich recht?"
Und Hsi-jën bestätigte lächelnd: „Er wußte nicht, daß Ihr sie angefertigt habt. Ich hatte ihm eingeredet, draußen sei in jüngster Zeit ein geschicktes Mädchen aufgetaucht, von dem es heiße, sie könne wunderschöne Muster sticken, und ich hätte ihr befohlen, zur Probe eine Fächerhülle zu bringen, um zu sehen, was sie kann. Er hat das geglaubt und die Fächerhülle überall herumgezeigt. Aus irgendeinem Grund geriet Fräulein Lin dann in Wut und hat sie mit der Schere mittendurch geschnitten. Als er nach Hause kam, hat er mir noch aufgetragen, rasch eine neue machen zu lassen, und da erst habe ich ihm gesagt, daß sie von Euch war. Da hat er es wer weiß wie bedauert!
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„Das wird ja immer merkwürdiger!sagte Hsiang-yün. „Warum mußte denn Fräulein Lin sich aufregen? Und wenn sie so schnell mit der Schere zur Hand ist, kannst du ihr doch sagen, sie soll die Schuhe nähen!
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Dufthauch lachte leise auf und sagte: „Fräulein Wolkenschwinge, seit Ihr erwachsen seid, redet Ihr noch offenherziger als früher!"
„Sie macht es nicht!erwiderte Hsi-jën. „Schon jetzt hat die alte gnädige Frau Angst, sie könnte sich überanstrengen. Und auch der Arzt sagt, sie müsse sich schön pflegen. Wer wollte ihr da zumuten, etwas zu nähen! Letztens hat sie in einem ganzen Jahr ein einziges Riechbeutelchen fertigbekommen, und jetzt hat sie das halbe Jahr lang noch nicht Nadel und Faden in der Hand gehabt.
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Bei diesen Worten kam jemand mit der Meldung: „Der Herr aus der Hsing-lung-Straße ist gekommen, und der gnädige Herr läßt den jungen Herrn rufen, um ihn zu empfangen.
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Schatzjade meinte lächelnd: „Ich habe ja gleich gesagt, mit euch ist schwer reden — und wirklich!"
Bau-yü, der verstand, daß Djia Yü-tsun der Besucher war, ärgerte sich nicht schlecht, Hsi-jën aber ging sofort nach seinen Kleidern. Während Bau-yü dann in die Stiefel stieg, grollte er: „Es reicht doch, wenn der gnädige Herr ihm Gesellschaft leistet! Wozu muß er jedesmal mich sehen wollen?
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Lächelnd schwenkte Hsiang-yün ihren Fächer und sagte: „Natürlich weil du dich gut darauf verstehst, Besucher zu empfangen. Nur deshalb läßt der gnädige Herr dich rufen.
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„Das muss ich mir nicht anhören, lieber Vetter!" konterte Wolkenschwinge. „Große Reden schwingst du nur uns gegenüber. Aber wenn du dein Kusinchen Kajaljade siehst, bist du plötzlich ganz anders!"
„Ach wo, nicht der gnädige Herr, er selbst besteht immer darauf, daß ich geholt werde, wenn er da ist“, erwiderte Bau-yü.
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„Ein edler Wirt wird von Gästen bemüht“, sagte Hsiang-yün betont vornehm. „Du hast natürlich einige Vorzüge an dir, die ihn aufmerken lassen, und nur darum verlangt er, mit dir zusammenzutreffen.
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„Hört jetzt auf mit dem Geplänkel", bat Dufthauch. „Es gibt nämlich etwas, worum ich dich bitten wollte."
„Schluß! Hör auf!“ forderte Bau-yü. „Ich wage nicht, mich edel zu nennen. Ich bin der Gemeinste der Gemeinen und wünsche durchaus keinen Umgang mit diesen Leuten.
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Lächelnd sagte Hsiang-yün: „Hast du dich immer noch nicht geändert? Du bist schon groß, und selbst wenn du nicht die Schriften studieren und die Prüfungen für den Djü-jën- und den Djin-schï-Grad ablegen willst,<ref>Der Titel eines Djü-jën (wörtlich: ‚empfohlener Mann‘) konnte durch erfolgreiche Teilnahme an den staatlichen Prüfungen auf Provinzebene erworben werden. Er berechtigte zur Teilnahme an der hauptstädtischen Prüfung, die zur höchsten Stufe der Prüfungen, der Palastprüfung, führte. Bei dieser erwarben die erfolgreichen Teilnehmer den Titel eines Djin-schï (hierzu vgl. o., Anm. zu S. 25).</ref> mußt du dich doch häufig mit Beamten und Staatsdienern treffen und dich mit ihnen über Fragen der Laufbahn und der Verwaltung unterhalten, damit du dich später einmal in den Dingen dieser Welt auskennst und ein paar Freunde hast. Du kannst dich doch nicht immer nur mit unsereins abgeben!
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„Was denn?" fragte Wolkenschwinge.
„Das Fräulein sollte besser zu den Kusinen gehen!“ sagte Bau-yü. „Jemand, der sich in Dingen der Staatsverwaltung auskennt, wird sich bei mir nur beschmutzen!“
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„Hört bloß rasch auf damit, Fräulein!“ bat auch Hsi-jën. „Letztens hat auch Fräulein Bau-tschai damit angefangen, und ohne sich darum zu kümmern, ob er sie dadurch kränkt oder nicht, hat er sich nur geräuspert und ist Hals über Kopf weggelaufen. Dabei hatte Fräulein Bau-tschai nicht einmal zu Ende gesprochen. Als sie sah, daß er weglief, ist sie ganz rot geworden vor Scham, aber einfach aufhören konnte sie nicht und einfach weiterreden auch nicht.
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„Ich habe ein Paar Schuhe angefangen," erklärte Dufthauch, „die Innensohlen sind schon durchbrochen und gefüttert. Aber mir geht es seit ein paar Tagen nicht gut, und ich konnte nicht daran weiterarbeiten. Hättest du Zeit, sie für mich fertigzumachen?"
Ein Glück nur, daß es Fräulein Bau-tschai gewesen ist. Wenn das dem Fräulein Lin passiert wäre, hätte sie wer weiß wie getobt und geweint. Das muß man sagen, Fräulein Bau-tschai nötigt einem Achtung ab! Sie war für einen Moment gekränkt und ist dann fortgegangen. Ich konnte nicht darüber hinwegkommen und dachte, sie werde nun böse sein. In Wirklichkeit aber war sie anschließend wieder ganz wie sonst auch. Sie ist wahrlich nachsichtig und großzügig. Er aber hat sie wie eine Fremde deswegen behandelt. – Was meinst du, wie oft du hättest um Verzeihung bitten müssen, wenn du Fräulein Lin so gekränkt und so über sie hinweggesehen hättest?“ wandte sie sich zum Schluß an Bau-yü.
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„Fräulein Lin hat nie von solchem Unfug geredet, sonst würde ich sie schon längst nicht mehr kennen!“ gab Bau-yü zurück.
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Wolkenschwinge lachte: „Das ist ja merkwürdig! Ganz abgesehen von all den geschickten Mädchen bei euch, gibt es doch auch eigens Näherinnen und Schneiderinnen — warum soll ausgerechnet ich das machen? Wen du darum bittest, der traut sich doch nicht nein zu sagen."
„So“, sagten Hsi-jën und Hsiang-yün und nickten lächelnd. „Unfug ist das also?“
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Dai-yü wußte, daß Hsiang-yün hier war, und auch, daß Bau-yü rasch wieder herübergekommen war. Bestimmt, um ihr zu erzählen, was es mit dem Einhorn auf sich hatte! Und sie überlegte: In den inoffiziellen Lebensbeschreibungen, die sich Bau-yü in der letzten Zeit verschafft hatte, fanden die begabten Jünglinge und die schönen Mädchen meist über irgendwelche niedlichen Gegenstände zueinander, entweder durch ein gesticktes Mandarinenten- oder Phönixpärchen, einen jadenen Ring oder einen goldenen Anhänger, ein Tuch aus Wassermannseide<ref>Der chinesischen Mythologie nach leben ‚außerhalb des Südmeers‘ Wassermänner (wörtlich ‚Haifischmenschen‘), die einen kostbaren Seidenstoff weben und Perlen statt Tränen weinen.</ref> oder einen verzierten Gürtel. Immer begann es mit so einer Kleinigkeit und endete mit einer Entscheidung fürs ganze Leben.
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Dufthauch lächelte: „Ihr seid wieder einmal vergesslich! Wisst Ihr denn nicht, dass die Näharbeiten in unseren Räumen nicht von den Näherinnen gemacht werden?"
Da Bau-yü jetzt plötzlich ebenfalls ein Einhorn besaß, fürchtete Dai-yü, dies könnte zum Anlaß einer Liebesbeziehung zwischen ihm und Hsiang-yün werden. Darum kam sie heimlich herüber, um von vornherein herauszufinden, wie es um die beiden bestellt war. Kaum angekommen, hörte sie, wie Hsiang-yün über die Dinge der Staatsverwaltung sprach und Bau-yü erwiderte: „Fräulein Lin hat nie von solchem Unfug geredet, sonst würde ich sie schon längst nicht mehr kennen!“
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Über diese Worte war Dai-yü unwillkürlich erfreut und erschrocken, betrübt und bekümmert zur gleichen Zeit. Erfreut, weil sie sich nicht geirrt hatte, als sie annahm, daß Bau-yü sie wirklich verstand. Erschrocken, weil er sie in seinem Eigensinn vor anderen rühmte, anstatt ihre Zuneigung und Vertrautheit vor Verdächtigungen zu schützen. Bekümmert, weil sie, wenn er ihr verständnisvoller Freund war, natürlich auch ihm eine verständnisvolle Freundin hätte sein können, wenn es nicht diese Sache mit dem Gold und dem Jade gegeben hätte, es sei denn, sie selbst würde das goldene Amulett besitzen, und nicht Bau-tschai. Betrübt, weil ihre Eltern früh gestorben waren und sich so niemand des festen Vorsatzes annehmen konnte, den sie im Herzen trug, aber auch weil sie in letzter Zeit immer wieder verwirrt wahrgenommen hatte, daß ihr Leiden zur Krankheit geworden war, hatte doch der Arzt sogar gesagt: „Die Lebenskraft ist geschwächt und das Blut geschädigt, was möglicherweise zu Auszehrung führen kann“, weshalb sie fürchtete, daß sie, auch wenn Bau-yü und sie sich bestens verstünden, nicht mehr lange zu leben hatte, und was bedeutete es schon, einen verständnisvollen Freund zu haben, wenn sie jung sterben mußte!
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Als Wolkenschwinge das hörte, wusste sie, dass die Schuhe für Schatzjade bestimmt waren, und sagte lächelnd: „Wenn das so ist, nehme ich dir die Arbeit gerne ab. Aber nur unter einer Bedingung: Wenn sie für dich sind, mache ich sie; für jemand anderen kann ich es nicht."
Als sie das zu Ende gedacht hatte, begannen ihr unwillkürlich die Tränen zu fließen, und sie hatte keine Lust mehr, ins Haus zu treten. Deshalb wischte sie sich die Tränen weg, machte kehrt und ging fort. Bau-yü aber, der sich rasch umgezogen hatte und jetzt hinaustrat, erblickte vor sich auf einmal Dai-yü, die langsam dahinschritt und sich Tränen abzuwischen schien. Darum ging er schneller, bis er sie eingeholt hatte, und fragte dann lächelnd: „Wohin gehst du, Kusinchen? Und warum weinst du schon wieder? Wer hat dich diesmal gekränkt?
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Als Dai-yü den Kopf wandte und sah, daß es Bau-yü war, zwang sie sich zu einem Lächeln und sagte: „Was denn? Ich weine ja gar nicht.
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Dufthauch lachte: „Wie denn das? Was bin ich denn, dass ich es wagen könnte, Euch zum Schuhnähen zu bitten? Ehrlich gesagt, sie sind gar nicht für mich. Aber kümmert Euch nicht darum, für wen sie sind — Hauptsache, ich bin Euch dankbar."
„Deine Augen sind noch naß von Tränen, und doch lügst du mich an“, erwiderte Bau-yü. Und er konnte nicht anders, er mußte die Hand heben und ihr die Tränen abwischen.
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Sofort wich Dai-yü ein paar Schritte zurück und fragte: „Bist du lebensmüde? Was fällt dir ein, mir gegenüber handgreiflich zu werden?“
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„Genau genommen habe ich schon unzählige Dinge für dich angefertigt", erwiderte Wolkenschwinge. „Warum ich jetzt plötzlich nicht mehr will — den Grund kennst du bestimmt."
„Über meinen Worten habe ich mich vergessen, und da hat sich meine Hand wie von selbst gerührt, ohne daß ich an Leben und Sterben gedacht hätte“, erwiderte Bau-yü lächelnd.
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„Was macht es schon, wenn du stirbst“, sagte Dai-yü. „Nur, was wird dann aus dem ‚Gold‘ und dem Einhorn, das du zurücklassen mußt?
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„Den kenne ich wirklich nicht", sagte Dufthauch.
Diese Worte versetzten Bau-yü in Aufregung. Er trat auf Dai-yü zu und fragte: „Fängst du wieder damit an? Willst du mich verwünschen, oder bist du mir böse?
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Erst als er diese Frage stellte, fiel Dai-yü das Gespräch von neulich wieder ein, und sie bereute, etwas Unüberlegtes gesagt zu haben. Rasch lächelte sie wieder und sagte: „Reg dich nicht auf! Ich habe etwas Falsches gesagt, aber ist das ein Grund, daß dir die Schläfenadern schwellen und dein Kopf vor Aufregung ganz verschwitzt ist?Während sie das sagte, trat sie unwillkürlich näher und streckte die Hand aus, um ihm den Schweiß vom Gesicht zu wischen.
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Wolkenschwinge lächelte verächtlich: „Neulich habe ich gehört, dass die Fächerhülle, die ich gemacht hatte, mit der von jemand anderem verglichen und dann vor Wut mit der Schere zerschnitten wurde. Ich weiß das schon längst, und du willst es mir immer noch verheimlichen! Und jetzt soll ich wieder nähen — bin ich etwa eure Sklavin?"
Bau-yü starrte sie lange an, ehe er endlich die beiden Worte hervorbrachte: „Sei unbesorgt!“
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Als Dai-yü das hörte, war sie einige Zeit perplex, dann sagte sie: „Worüber sollte ich besorgt sein? Ich verstehe nicht, was du meinst. Das mußt du mir erklären, weswegen ich da besorgt oder unbesorgt sein sollte!“
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Schatzjade schaltete sich rasch lächelnd ein: „Von der Sache neulich — ich wusste wirklich nicht, dass du die Fächerhülle gemacht hattest!"
Seufzend fragte Bau-yü: „Verstehst du das wirklich nicht? Waren etwa all meine Gedanken, die ich immer für dich gehabt habe, umsonst? Wenn du sagen willst, du verstehst sie nicht einmal, dann ist es kein Wunder, daß du dich jeden Tag über mich ärgerst.
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„Ich verstehe wirklich nicht, was du von besorgt oder unbesorgt gesagt hast“, beharrte Dai-yü.
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Auch Dufthauch lachte und erklärte: „Er wusste tatsächlich nicht, dass sie von Euch war. Ich hatte ihm weisgemacht, draußen gäbe es neuerdings ein Mädchen, das wunderschön sticken könne. Ich hätte sie gebeten, probeweise eine Fächerhülle zu machen, um zu sehen, wie gut sie sei. Er hat es geglaubt und die Hülle überall herumgezeigt. Irgendwie hat das dann Fräulein Kajaljade verärgert, und sie hat die Hülle mittendurch geschnitten. Als er nach Hause kam und mich drängte, schnell eine neue anfertigen zu lassen, habe ich ihm erst verraten, dass sie von Euch stammte. Wie hat er das bedauert!"
Bau-yü nickte und bat seufzend: „Führ mich nicht an, liebstes Kusinchen! Wenn du das wirklich nicht verstehst, waren nicht nur alle meine Gedanken umsonst, dann waren auch deine Gedanken verschwendet, die du stets für mich hattest. Du bist nur deshalb so krank geworden, weil du immer in Sorge bist, und wenn du nur ein bißchen weniger besorgt sein könntest, würde deine Krankheit nicht von Tag zu Tag schlimmer werden.
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Als Dai-yü diese Worte hörte, war sie wie vom Blitz getroffen, wie vom Donner gerührt. Sie überdachte sie sorgsam und fand, daß sie es nicht treffender hätte sagen können, wenn sie ihr Herz und ihre Lungen ausgeschüttet hätte. Jetzt drängte es sie, tausend und zehntausend Worte zu sagen, aber sie bekam keine halbe Silbe hervor und sah Bau-yü nur stumm an.
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„Das wird ja immer seltsamer!" sagte Wolkenschwinge. „Warum musste Fräulein Kajaljade sich auch darüber aufregen? Wenn sie so geschickt mit der Schere umgeht, lass sie doch die Schuhe machen!"
Auch Bau-yü hatte tausenderlei auf dem Herzen, was er gern sagen wollte, aber er wußte nicht, womit er anfangen sollte, und so schaute er seinerseits Dai-yü nur stumm an.
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So standen sie sich lange Zeit entgeistert gegenüber, dann seufzte Dai-yü: „Ach!“ Und ohne daß sie es wollte, liefen ihr Tränen aus den Augen. Sie drehte sich um und wollte fortgehen, aber Bau-yü trat rasch näher und sagte: „Bleib einen Moment stehen, liebste Kusine, und laß mich einen einzigen Satz sagen, ehe du gehst!“
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„Sie macht so etwas nicht!" erwiderte Dufthauch. „Dabei hat die Herzoginmutter schon jetzt Angst, sie könnte sich überanstrengen. Auch der Arzt sagt, sie müsse sich schonen und pflegen. Wer wollte ihr da Handarbeiten zumuten? Letztes Jahr hat sie das ganze Jahr über gerade mal ein einziges Duftsäckchen fertiggebracht, und dieses Jahr ist schon ein halbes Jahr vergangen, und man hat sie noch nicht einmal Nadel und Faden in die Hand nehmen sehen."
Dai-yü wischte sich die Tränen ab, schob Bau-yüs Hand weg und sagte: „Was kannst du mir schon sagen! Was du mir sagen willst, weiß ich schon lange!Während sie das sagte, hatte sie nicht einmal den Kopf nach ihm umgewandt, und nun ging sie wirklich fort. Bau-yü aber stand da wie dumm.  
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Als Bau-yü eben aus seinen Räumen fortgegangen war, hatte er in der Eile seinen Fächer nicht mitgenommen, und Hsi-jën, die befürchtete, ihm könnte heiß werden, trug ihm den Fächer schnell hinterher. Da sah sie, als sie aufblickte, Bau-yü mit Dai-yü zusammenstehen, dann ging Dai-yü fort, Bau-yü aber verharrte unbeweglich. Also trat Hsi-jën rasch zu ihm heran und sagte: „Du bist ohne Fächer losgegangen. Ein Glück, daß ich es bemerkt habe und ihn dir noch schnell bringen konnte!“
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Während sie noch sprachen, kam jemand mit der Meldung: „Der Herr aus der Xinglong-Straße ist da, und der gnädige Herr lässt den Zweiten Herrn bitten, hinauszugehen und den Gast zu empfangen."
Bau-yü war so geistesabwesend, daß er gar nicht wahrnahm, wer ihn angesprochen hatte. Er griff nach ihren Händen und sagte: „Liebstes Kusinchen, ich habe mich nie getraut, auszusprechen, was ich auf dem Herzen habe, aber heute will ich so mutig sein und es tun. Und wenn ich dafür sterben muß, bin ich gerne dazu bereit. Auch ich bin deinetwegen ganz krank, wage es aber niemand zu sagen und muß es vor allen verborgen halten. Erst wenn deine Krankheit geheilt wird, werde auch ich gesund. Selbst im Schlaf und im Traum kann ich dich nicht vergessen.“
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Als Hsi-jën das hörte, geriet sie vor Schreck ganz außer sich und schrie auf: „Himmlischer Bodhisattwa! Es bringt mich um!Dann stieß sie Bau-yü an und sagte: „Was redest du da? Du mußt wohl besessen sin! Willst du nicht endlich gehen?“
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Schatzjade verstand sofort, dass Jia Yucun<ref>贾雨村</ref> gekommen war, und war darüber höchst ungehalten. Dufthauch eilte sogleich, seine Kleidung zu holen. Während Schatzjade in seine Stiefel stieg, schimpfte er: „Es reicht doch, wenn der gnädige Herr ihm Gesellschaft leistet! Warum muss er mich jedes Mal sehen wollen?"
Jetzt erst kam Bau-yü zu sich und erkannte, daß es Hsi-jën war, die ihm seinen Fächer hinterhergebracht hatte. Vor Scham lief er blaurot an, riß den Fächer an sich und stürzte davon.
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Als Hsi-jën ihn fortlaufen sah, sagte sie sich, seine Worte müßten für Dai-yü bestimmt gewesen sein. Wie es aussah, waren also für die Zukunft Unannehmlichkeiten kaum zu vermeiden, und das konnte einen erschrecken und ängstigen. Ganz benommen von diesem Gedanken, flossen Hsi-jën unwillkürlich die Tränen. Und insgeheim begann sie darüber nachzudenken, was sie tun könnte, um das Unglück zu verhindern.
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Wolkenschwinge schwenkte lächelnd ihren Fächer und sagte: „Natürlich weil du dich auf den Empfang von Gästen verstehst deshalb lässt der gnädige Herr dich rufen."
Während Hsi-jën noch unschlüssig überlegte, kam plötzlich Bau-tschai des Weges und fragte lächelnd: „Warum stehst du hier so gedankenverloren in der sengenden Sonne?
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Als Hsi-jën die Frage hörte, erwiderte sie rasch mit einem Lächeln: „Da drüben zanken sich zwei Spatzen, und das war so spannend, daß ich mich von dem Anblick nicht losreißen konnte.
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„Ach wo, das kommt nicht vom gnädigen Herrn", erwiderte Schatzjade. „Er selbst ist es, der jedes Mal darauf besteht, mich zu sehen."
„Wohin wollte mein Vetter Bau-yü eben so rasch und in vollem Staat?“ erkundigte sich Bau-tschai. „Ich habe gesehen, wie er vorbeikam, und wollte ihn anrufen, aber seine Reden sind neuerdings noch unsinniger geworden, darum habe ich ihn gehen lassen, ohne ihn zu rufen.
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„Der alte Herr hat ihn hinüberbefohlen“, gab Hsi-jën Auskunft.
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Wolkenschwinge lachte: „‚Ist der Wirt von Adel, kommt der Gast gern wieder.' Du musst irgendwelche Vorzüge haben, die ihn anziehen, sonst würde er nicht ständig nach dir verlangen."
„O weh!sagte Bau-tschai sofort. „Warum läßt er ihn an so einem heißen Tag rufen? Es wird ihm doch nicht etwas eingefallen sein, worüber er böse geworden ist, so daß er Bau-yü jetzt holen läßt, um ihm eine Belehrung zu erteilen!“
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„Nicht doch!“ erwiderte Hsi-jën lächelnd. „Es ist wohl ein Gast da, den er empfangen soll.
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„Lass das! Lass das!" wehrte Schatzjade ab. „Ich wage nicht, mich als vornehm zu bezeichnen — ich bin der Gewöhnlichste unter den Gewöhnlichen und habe nicht das geringste Verlangen nach Umgang mit solchen Leuten."
„Dieser Gast hat offenbar keinen Verstand“, sagte Bau-tschai lächelnd. „Was muß er in dieser Hochsommerhitze herumlaufen, anstatt zu Hause Kühlung zu suchen!
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„Ihr sagt es!“ erwiderte Hsi-jën lächelnd.
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Wolkenschwinge lachte: „Du hast dich immer noch nicht geändert! Jetzt bist du schon groß selbst wenn du keine Lust hast, für die Beamtenprüfungen zu lernen und den Juren- oder Jinshi-Grad zu erwerben, solltest du doch häufiger mit Leuten verkehren, die im Staatsdienst stehen, und dich mit ihnen über Fragen der Laufbahn und Verwaltung unterhalten <ref>仕途经济, wörtl. ‚Karriere und Wirtschaft' — die konfuzianische Ideal-Beschäftigung eines Gelehrten</ref>. So könntest du dich auf das Leben in der Welt vorbereiten und dir Freunde machen. Stattdessen treibst du dich jahraus, jahrein nur in unserer Mädchenrunde herum!"
„Was macht denn Fräulein Hsiang-yün bei euch?“ wollte Bau-tschai nun wissen.
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„Wir haben nur ein Weilchen geplaudert“, sagte Hsi-jën. „Ich wollte sie nämlich bitten, in der nächsten Zeit das Paar Schuhe fertigzumachen, das ich neulich geklebt habe.
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Als Schatzjade das hörte, sagte er: „Das Fräulein möge sich bitte in die Gemächer der Kusinen begeben. Meine bescheidene Hütte hier könnte ihr wirtschaftswissenschaftliches Wissen besudeln."
Bau-tschai blickte sich nach allen Seiten um, und als sie sah, daß niemand kam, sagte sie lächelnd: „Wie kann sich nur so ein verständiger Mensch, wie du es bist, plötzlich nicht mehr in jemandes Lage hineinversetzen! Ich habe in der letzten Zeit die Miene und die Stimmung von Fräulein Hsiang-yün beobachtet und habe auch einiges gehört, was einem der Wind so zuträgt. Fräulein Hsiang-yün ist zu Hause in keiner Hinsicht ihr eigener Herr. Weil ihnen dort die Kosten für Näherinnen und Schneider zu hoch sind, machen sie, soweit es angeht, größtenteils alles selbst.  
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Warum hätte sie sonst bei ihren letzten Besuchen, als wir uns unterhielten und sie sah, daß wir allein waren, zu mir gesagt, sie müsse sich zu Hause immer so anstrengen? Und als ich sie dann ein wenig nach ihrem häuslichen Alltag fragte, bekam sie rote Augenränder und hat irgend etwas gestammelt. Wenn man ihre Lage bedenkt, muß sie natürlich von klein auf darunter gelitten haben, daß sie Vater und Mutter verloren hat. Wenn ich sie ansehe, wird mir unwillkürlich schwer ums Herz.
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Dufthauch schaltete sich ein: „Fräulein Wolkenschwinge, hört lieber auf mit solchen Reden! Letztens hat auch Fräulein Schatzspange einmal dasselbe gesagt. Er hat sich nicht im Geringsten darum geschert, ob er sie damit vor den Kopf stößt, sondern hat sich nur geräuspert und ist aufgestanden und davonmarschiert. Fräulein Schatzspange hatte nicht einmal ausgesprochen, und als sie sah, dass er ging, ist sie vor Scham ganz rot geworden — sagen konnte sie nichts, und schweigen auch nicht.
Nach diesen Worten schlug Hsi-jën die Hände zusammen und sagte: „Richtig, richtig! Da ist es auch kein Wunder, daß sie im vorigen Monat so lange gebraucht hat, die zehn Schmetterlingszierknoten zu knüpfen, um die ich sie gebeten hatte. Als sie dann jemand damit hergeschickt hat, ließ sie mir noch bestellen: ‚Die Knoten sind grob geworden, es wäre besser gewesen, sie bei jemand anders in Auftrag zu geben, der sich besser darauf versteht. Wenn es saubere Knoten werden sollen, müßt ihr warten, bis ich das nächste Mal zu Besuch bei Euch wohne, dann knüpfe ich sie ordentlich!‘
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Nach dem, was Ihr mir eben erzählt habt, kann ich mir denken, daß es ihr peinlich ist, solche Bitten von uns abzuschlagen, und dann sitzt sie wahrscheinlich zu Hause bis spät in die Nacht daran. Ich bin aber auch zu dumm! Hätte ich nur eher gewußt, wie es mit ihr steht, dann hätte ich sie nicht darum gebeten!
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Ein Glück, dass es Fräulein Schatzspange war! Wäre es Fräulein Kajaljade gewesen, wer weiß, was die für einen Aufstand gemacht und wie sie geweint hätte! Wenn ich daran denke — Fräulein Schatzspange verdient wirklich allen Respekt! Sie hat sich einen Moment geschämt und ist dann gegangen. Ich machte mir Vorwürfe und dachte, nun sei sie böse. Aber hinterher war sie wieder genauso freundlich wie immer. Was für eine Nachsicht, was für ein großes Herz! Er aber hat sie deswegen noch kühler behandelt als zuvor. Und wenn du Fräulein Kajaljade so brüskiert und so über sie hinweggesehen hättest — weißt du, wie oft du dich hättest entschuldigen müssen?" Das Letzte richtete sie direkt an Schatzjade.
„Voriges Mal hat sie mir erzählt, daß sie zu Hause immer bis tief in die Nacht beschäftigt ist“, ergänzte Bau-tschai. „Und sobald sie einmal eine Kleinigkeit für jemand anders macht, sind die jüngeren und älteren gnädigen Frauen dort unzufrieden.
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„Unser eigensinniger junger Herr will aber wie zum Trotz alle großen und kleinen Handarbeiten nicht von unseren Näherinnen gemacht haben, ich jedoch schaffe das nicht“, klagte Hsi-jën.
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„Fräulein Kajaljade hat nie solchen Unsinn geredet!" erklärte Schatzjade. „Hätte sie je solchen Unsinn geredet, hätte ich mich schon längst von ihr abgewandt."
„Kümmer dich nicht darum!“ riet ihr Bau-tschai lächelnd. „Gib nur die Sachen in Arbeit und sag ihm, du hättest sie gemacht, dann ist alles in Ordnung!“
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„So kann ich ihn nicht hinters Licht führen“, erwiderte Hsi-jën, „gerade er hat einen Blick dafür. Es bleibt mir wohl kein anderer Ausweg, als mich damit abzuplagen, so langsam oder so schnell, wie es eben geht.
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Dufthauch und Wolkenschwinge nickten lächelnd und sagten: „Da hast du recht, es ist tatsächlich Unsinn."
„Nicht so hastig!sagte Bau-tschai lächelnd. „Wie wäre es, wenn ich dir einiges davon abnähme?
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„Ist das Euer Ernst?“ fragte Hsi-jën und lächelte ebenfalls. „Das ist wirklich ein Glück für mich! Heute abend will ich die Sachen selbst zu Euch hinübertragen!“
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Nun muss man wissen, dass Kajaljade erfahren hatte, dass Wolkenschwinge hier weilte und Schatzjade sogleich zu ihr geeilt war — gewiss, um ihr von dem Einhorn zu erzählen. Deshalb ging ihr allerlei durch den Sinn: In den inoffiziellen Geschichten und Abenteuerromanen, die Schatzjade in letzter Zeit aufgetrieben hatte, fanden die begabten Jünglinge und schönen Mädchen zumeist durch irgendeinen niedlichen Gegenstand zueinander — sei es ein gesticktes Mandarinenentenpaar, sei es ein Phönix, ein jadener Ring oder ein goldener Anhänger, ein Tüchlein aus Wassermannseide oder ein bestickter Gürtel. Stets war es ein kleines Ding, das am Anfang stand, und am Ende hatte es über das ganze Leben entschieden.
Sie hatte den Satz kaum beendet, als plötzlich eine alte Sklavenfrau zu ihnen trat und sagte: „Was sagt Ihr dazu? Das Mädchen Djin-tschuan hat sich mir nichts, dir nichts im Brunnen ertränkt!
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Entsetzt fuhr Hsi-jën zurück. „Welche Djin-tschuan?“ fragte sie hastig.
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Da Schatzjade nun plötzlich ebenfalls ein Einhorn besaß, fürchtete sie, dies könnte zum Anlass werden, dass zwischen ihm und Wolkenschwinge jene Art von romantischer Liebesgeschichte entstand. Darum schlich sie sich leise heran, um die Lage zu erkunden und die wahren Absichten der beiden zu ergründen.
„Haben wir vielleicht zwei Din-tschuans im Hause?“ fragte die Alte zurück. „Die aus den Räumen der gnädigen Frau natürlich! Vorgestern ist sie, ich weiß nicht warum, hinausgeworfen worden und hat zu Hause nur geweint und geweint, aber es hat sich keiner um sie gekümmert. Dann war sie auf einmal verschwunden. Und eben haben nun die Wasserträger, als sie aus dem Brunnen in der Südostecke Wasser schöpfen wollten, eine Leiche darin entdeckt. Sie holten sofort Hilfe, und als sie sie herauszogen, hat man sie erkannt. Zu Hause haben sie noch versucht, sie zu retten, aber es half nichts mehr.
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„Das ist seltsam!sagte Bau-tschai.
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Kaum war sie angekommen, hörte sie, wie Wolkenschwinge über Karriere und Verwaltung sprach und wie Schatzjade daraufhin sagte: „Fräulein Kajaljade hat nie solchen Unsinn geredet. Hätte sie das, hätte ich mich schon längst von ihr abgewandt."
Hsi-jën nickte dazu und pries die Tote klagend. Sie dachte an ihre herzliche Freundschaft mit ihr, und unwillkürlich begann sie zu weinen.
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Nachdem sie sich den Bericht der alten Sklavin angehört hatte, begab sich Bau-tschai eilig zu Dame Wang, um sie zu trösten. Hsi-jën aber ging wieder zurück, und es soll jetzt nicht weiter von ihr die Rede sein.
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Als Kajaljade diese Worte vernahm, durchfuhren sie unwillkürlich Freude und Erschrecken, Trauer und Wehmut zugleich.
Als Bau-tschai bei Dame Wang eintrat, war es dort totenstill. Dame Wang saß allein im inneren Zimmer und weinte. Darum wollte Bau-tschai nicht gern über den Vorfall sprechen und setzte sich einfach zu ihr.
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„Woher kommst du?“ erkundigte sich Dame Wang.
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Die Freude kam daher, dass sie sich nicht geirrt hatte: Sie hatte ihn stets für einen Seelenverwandten gehalten, und er war tatsächlich ein Seelenverwandter.
„Aus dem Garten“, gab Bau-tschai Auskunft.
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„Hast du deinen Vetter Bau-yü dort gesehen?fragte Dame Wang weiter.
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Das Erschrecken kam daher, dass er vor aller Ohren sein Herz für sie öffnete und sie lobte — so vertraut, so innig, ohne jede Scheu vor Verdächtigungen.
„Ja, eben erst habe ich ihn gesehen“, antwortete Bau-tschai. „Er war vollständig angekleidet und hat den Garten verlassen. Wohin er gegangen ist, weiß ich nicht.
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Dame Wang nickte und fuhr dann unter Tränen fort: „Weißt du, was sich Merkwürdiges ereignet hat? Djin-tschuan hat sich plötzlich im Brunnen ertränkt.“
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Die Wehmut kam daher, dass sie dachte: Wenn du mein Seelenverwandter bist, bin natürlich auch ich die deine. Und wenn wir einander so gut kennen — wozu dann die Prophezeiung von Gold und Jade? <ref>Die Prophezeiung besagt, dass Schatzjades goldenes Amulett und Schatzspanges jadener Haarschmuck sie füreinander bestimmen.</ref> Und wenn es schon eine solche Prophezeiung geben muss, so sollte sie doch für uns beide gelten — wozu dann noch eine Schatzspange?
„Warum hat sie das nur getan?“ sagte Bau-tschai. „Das ist seltsam.“
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„Vorgestern hat sie mir etwas entzwei gemacht“, erzählte Dame Wang. „Da bin ich wütend geworden, habe ihr ein paar Schläge gegeben und sie dann hinausgeworfen. Ich wollte nur ein paar Tage mit ihr böse sein und sie dann wieder holen lassen. Wie konnte ich ahnen, daß sie sich so darüber ärgern würde, daß sie sich in den Brunnen stürzt! Und bin nicht ich daran schuld?
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Die Trauer kam daher, dass ihre Eltern früh gestorben waren und niemand da war, der die tief in ihrem Herzen eingegrabenen Worte für sie zur Geltung bringen konnte. Zudem hatte sie in letzter Zeit bemerkt, wie ihr Geist immer verwirrter wurde und ihre Krankheit sich zusehends verschlimmerte. Der Arzt hatte gesagt, ihre Lebenskraft sei geschwächt und ihr Blut erschöpft — es drohe Auszehrung. Selbst wenn sie und Schatzjade Seelenverwandte waren — sie fürchtete, nicht mehr lange leben zu können. Mochte er ihr Seelenverwandter sein — was half es gegen ihr bitteres Schicksal!
„Ihr seid ein gütiger Mensch, Tante, darum denkt Ihr so“, sagte Bau-tschai seufzend. „Aber mir scheint, sie hat sich gar nicht im Zorn in den Brunnen gestürzt. Wahrscheinlicher ist, daß sie am Brunnen spielen wollte, ehe sie zu sich nach Hause mußte, und dabei ist sie ausgerutscht und hineingefallen.
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Sie war hier immer streng gehalten worden, da wollte sie natürlich jetzt, als sie fort mußte, einmal überall spielen und spazierengehen. Welchen Grund hätte sie denn für so einen großen Zorn gehabt! Und wenn sie es doch im Zorn getan hat, war sie nichts weiter als ein Dummkopf, der kein Mitleid verdient.
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Bei diesem Gedanken rollten ihr unwillkürlich die Tränen über die Wangen. Sie mochte nicht mehr eintreten und sich sehen lassen — es schien ihr sinnlos. So wischte sie sich mit der einen Hand die Tränen ab und kehrte mit der anderen um, um davonzugehen.
„Das stimmt schon“, sagte Dame Wang, „und dennoch findet mein Herz keine Ruhe.
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Seufzend erwiderte Bau-tschai: „Ihr dürft Euch aber auch nicht so in diesen Gedanken verbeißen,  daß Ihr nicht davon loskommt, TanteGebt nur ein paar Liang mehr Silber für ihr Begräbnis, und damit ist die Pflicht der Herrin gegen eine Dienerin erfüllt.
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Unterdessen war Schatzjade eilig in seine Kleider geschlüpft und nach draußen getreten. Da erblickte er vor sich Kajaljade, die langsam dahinschritt und sich offenbar Tränen abzuwischen schien. Rasch holte er sie ein und fragte lächelnd: „Wohin gehst du, Kusinchen? Warum weinst du schon wieder? Wer hat dich gekränkt?"
„Eben habe ich ihrer Mutter schon fünfzig Liang gespendet“, sagte Dame Wang. „Eigentlich wollte ich ihr auch noch zwei Garnituren neuer Sachen von deinen Kusinen geben, damit Djin-tschuan eingekleidet werden kann. Wie konnte ich ahnen, daß Hsi-fëng mir melden würde, wir hätten zufällig keine neuen Kleider vorrätig, nur zweimal für deine Kusine Lin zum Geburtstag. Aber mir scheint, sie ist immer so bedenklich, und außerdem wird sie seit ihrer Kindheit stets von Leiden und Krankheiten geplagt, darum wird sie es sicher für tabu halten, mit den Kleidern, die für ihren Geburtstag bestimmt sind, eine Tote einzukleiden.
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So werde ich den Schneider rufen lassen, damit er in aller Eile zwei Garnituren für sie näht. Wenn es für ein anderes Mädchen gewesen wäre, hätte ich es einfach mit ein paar Liang Silber bewenden lassen, Djin-tschuan aber war für mich fast wie eine Tochter.Bei diesen Worten liefen ihr wieder die Tränen herab.
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Kajaljade wandte den Kopf und sah, dass es Schatzjade war. Mit einem erzwungenen Lächeln sagte sie: „Mir fehlt nichts, ich habe doch gar nicht geweint."
Sofort fragte Bau-tschai: „Wozu wollt Ihr einen Schneider bemühen, Hals über Kopf etwas anzufertigen? Ich habe mir neulich zwei komplette Garnituren machen lassen, die werde ich herbringen, damit sie sie bekommt. Ist das nicht einfacher? Zumal sie, als sie noch lebte, meine alten Kleider aufgetragen hat, so daß auch die Maße stimmen.
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„Schön und gut“, erwiderte Dame Wang, „aber gilt dir das etwa nicht als tabu?
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Schatzjade lachte: „Sieh nur — die Tränen auf deinen Wimpern sind noch nicht getrocknet, und du willst mir etwas vorschwindeln!" Während er das sagte, konnte er nicht anders und hob die Hand, um ihr die Tränen abzuwischen.
„Keine Sorge, Tante!“ sagte Bau-tschai lächelnd. „Um so etwas habe ich mir noch nie Gedanken gemacht.Mit diesen Worten stand sie auf, um zu gehen.  
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Rasch rief Dame Wang zwei Mädchen und befahl ihnen: „Geht mit Fräulein Bau-tschai!
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Sofort wich Kajaljade ein paar Schritte zurück und rief: „Willst du sterben? Was fällt dir ein, so zudringlich zu werden!"
Als Bau-tschai bald darauf mit den Kleidern wiederkam, sah sie Bau-yü neben Dame Wang sitzen und weinen. Dame Wang war eben dabei, ihn zu schelten, weil aber Bau-tschai dazukam, hielt sie inne und sprach nicht weiter. Bei diesem Anblick konnte sich Bau-tschai die Sache nach Worten und Mienen zu acht Zehnteln zusammenreimen. Sie übergab dann die Kleider Stück für Stück, und Dame Wang ließ Djin-tschuans Mutter rufen, die sie sich abholen sollte.
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Im nächsten Kapitel wird man das Weitere erfahren.
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Schatzjade lachte: „Im Reden habe ich mich vergessen und ohne nachzudenken die Hand gehoben — da schert man sich nicht um Leben und Tod."
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Kajaljade erwiderte: „Wenn du stirbst, ist das nicht weiter schade. Nur — was wird dann aus dem ‚Gold' und dem Einhorn, die du zurücklassen musst?"
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Diese Worte versetzten Schatzjade erneut in Aufregung. Er trat einen Schritt näher und fragte: „Fängst du schon wieder damit an? Willst du mich verfluchen oder mir Vorwürfe machen?"
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Erst da fiel Kajaljade das Gespräch von neulich wieder ein, und sie bereute, wieder etwas Unüberlegtes gesagt zu haben. Rasch lächelte sie und sagte: „Reg dich nicht auf! Ich habe mich wirklich versprochen. Was gibt es da, dass dir die Adern an den Schläfen schwellen und dein Gesicht vor Aufregung schweißüberströmt ist?" Während sie das sagte, konnte sie nicht anders, trat näher und streckte die Hand aus, um ihm den Schweiß von der Stirn zu wischen.
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Schatzjade blickte sie lange an, dann brachte er endlich die drei Worte hervor: „Sei ganz unbesorgt."
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Als Kajaljade das hörte, war sie eine Weile wie erstarrt, dann sagte sie: „Was soll das heißen — unbesorgt? Ich verstehe nicht, was du meinst. Erkläre mir doch, worüber ich besorgt oder unbesorgt sein sollte."
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Schatzjade seufzte und fragte: „Verstehst du das wirklich nicht? War denn alles, was ich die ganze Zeit für dich empfunden habe, vergeblich? Wenn du nicht einmal meine Gefühle spürst, ist es kein Wunder, dass du dich Tag für Tag über mich ärgerst."
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„Ich verstehe wirklich nicht, was du mit ‚besorgt' oder ‚unbesorgt' meinst", beharrte Kajaljade.
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Schatzjade nickte und sagte seufzend: „Täusch mich nicht, liebste Kusine. Wenn du das wirklich nicht verstehst, dann waren nicht nur all meine Gedanken an dich umsonst, sondern auch all deine Gedanken an mich wären vergebens gewesen. Du bist nur deshalb so krank geworden, weil du dir stets Sorgen machst. Wenn du nur ein wenig gelassener wärst, würde deine Krankheit nicht von Tag zu Tag schlimmer."
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Als Kajaljade diese Worte hörte, war es, als träfe sie ein Donnerschlag, als führe ein Blitz in sie. Sie durchdachte sie genau und fand, dass sie noch aufrichtiger klangen, als hätte man sie ihr aus dem tiefsten Innern herausgeholt. Zehntausend Worte drängten sich in ihrem Herzen, zehntausend Sätze wollte sie sagen — doch nicht eine halbe Silbe kam über ihre Lippen. So starrte sie ihn nur stumm an.
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Auch Schatzjade hatte zehntausend Worte im Herzen, wusste aber nicht, mit welchem er beginnen sollte, und so starrte auch er nur stumm Kajaljade an.
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So standen sie einander lange Zeit gegenüber. Dann stieß Kajaljade nur einen leisen Seufzer aus, und ohne dass sie es wollte, rollten ihr die Tränen über die Wangen. Sie wandte sich um und wollte gehen.
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Schatzjade eilte ihr nach und hielt sie am Ärmel fest: „Liebste Kusine, bleib doch einen Augenblick! Lass mich nur noch einen einzigen Satz sagen, dann darfst du gehen."
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Kajaljade wischte sich mit der einen Hand die Tränen ab und schob mit der anderen seine Hand weg: „Was gibt es da noch zu sagen? Was du mir sagen willst, weiß ich längst!" Während sie das sagte, ging sie, ohne sich auch nur einmal umzublicken, davon.
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Schatzjade blieb stehen und versank in Gedanken.
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Als er vorhin eilig hinausgegangen war, hatte er vergessen, seinen Fächer mitzunehmen. Dufthauch, die fürchtete, ihm könnte heiß werden, ergriff den Fächer und eilte ihm nach. Als sie aufsah, erblickte sie Kajaljade bei ihm stehen. Im nächsten Moment ging Kajaljade davon, doch Schatzjade stand immer noch reglos da. Also trat Dufthauch zu ihm und sagte: „Du bist ohne Fächer losgegangen. Ein Glück, dass ich es bemerkt und ihn dir nachgebracht habe."
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Schatzjade aber war so in Gedanken versunken, dass er gar nicht wahrnahm, wer zu ihm sprach. Er ergriff ihre Hand und sagte: „Liebste Kusine! Was ich auf dem Herzen habe, habe ich mich nie zu sagen getraut, aber heute will ich es wagen. Und sollte ich dafür sterben, bin ich bereit! Deinetwegen bin ich ganz krank geworden, doch ich wage es niemandem zu sagen und muss es vor allen verbergen. Erst wenn deine Krankheit geheilt ist, wird auch die meine besser werden. Im Schlaf und im Traum — nie kann ich dich vergessen!"
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Als Dufthauch diese Worte hörte, verlor sie beinahe die Besinnung und rief: „Allmächtiger Bodhisattva! Das bringt mich ins Grab!" Dann stieß sie ihn an und rief: „Was redest du da? Du musst von Sinnen sein! Geh jetzt endlich!"
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Da erwachte Schatzjade wie aus einem Traum und erkannte, dass es Dufthauch war, die ihm den Fächer gebracht hatte. Vor Scham lief er bis in die Haarwurzeln rot an, riss ihr den Fächer aus der Hand und rannte davon.
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Als Dufthauch ihn fortlaufen sah, war ihr klar, dass seine Worte Kajaljade gegolten hatten. Wenn es so stand, waren in Zukunft Verfehlungen kaum zu vermeiden — ein beängstigender, ein erschreckender Gedanke. Ganz benommen standen ihr die Tränen in den Augen, und insgeheim begann sie darüber nachzusinnen, wie sich dieses drohende Unheil abwenden ließe.
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Während Dufthauch noch grübelnd dastand, kam plötzlich Schatzspange des Weges und fragte lächelnd: „Was stehst du hier in der sengenden Sonne und bist so in Gedanken versunken?"
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Als Dufthauch die Frage hörte, erwiderte sie rasch mit einem Lächeln: „Dort drüben haben sich zwei Spatzen gezankt — das war so lustig, dass ich ganz gefesselt war."
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„Wohin ist mein Vetter Schatzjade eben so eilig gelaufen, ganz festlich angekleidet?" fragte Schatzspange. „Ich habe ihn gerade vorbeigehen sehen und wollte ihn schon anrufen, aber seine Reden sind in letzter Zeit noch wirrer geworden, also habe ich ihn gehen lassen."
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„Der gnädige Herr hat ihn rufen lassen", erklärte Dufthauch.
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„Ach du meine Güte!" sagte Schatzspange sogleich besorgt. „Bei dieser glühenden Hitze — wozu lässt er ihn rufen? Er wird ihm doch nicht etwas vorhalten wollen, das ihm eingefallen ist, und ihn zur Rede stellen?"
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„Nein, nein", erwiderte Dufthauch lächelnd. „Es ist wohl ein Gast da, den er empfangen soll."
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Schatzspange lachte: „Was für ein Gast! Bei dieser Sommerhitze kann man doch zu Hause bleiben und sich abkühlen, anstatt herumzulaufen!"
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Dufthauch lachte: „Das sagt Ihr!"
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Dann fragte Schatzspange: „Was macht denn Wolkenschwinge bei euch?"
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Dufthauch lächelte: „Wir haben ein Weilchen geplaudert. Übrigens — die Schuhe, die ich neulich geklebt habe, wollte ich ihr geben, damit sie sie morgen fertigstellt."
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Als Schatzspange das hörte, blickte sie sich nach beiden Seiten um. Da niemand in der Nähe war, sagte sie lächelnd: „So ein verständiger Mensch wie du — und dann auf einmal kein Gespür für die Lage eines anderen! Ich habe in letzter Zeit Wolkenschwinges Miene und Stimmung beobachtet und auch einiges gehört, was einem der Wind so zuträgt. Das arme Kind — zu Hause hat sie rein gar nichts zu bestimmen! Ihre Familie scheut die Kosten für Näherinnen und Schneider, und so müssen die Frauen im Haushalt so ziemlich alles selbst machen. Warum hätte sie mir sonst bei ihren letzten Besuchen, als wir unter uns waren, gesagt, sie müsse sich zu Hause so abrackern? Und als ich sie ein wenig nach ihrem Alltagsleben fragte, bekam sie rote Augenränder und hat nur noch gestammelt. Wenn man ihre Lage bedenkt sie hat eben von klein auf unter dem Verlust ihrer Eltern gelitten. Wenn ich sie so ansehe, wird mir unwillkürlich das Herz schwer."
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Dufthauch schlug die Hände zusammen und rief: „Natürlich, natürlich! Da ist es auch kein Wunder! Letzten Monat habe ich sie gebeten, mir zehn Schmetterlings-Zierknoten zu knüpfen. Es hat ewig gedauert, bis sie jemanden damit hergeschickt hat, und sie ließ mir noch ausrichten: ‚Die Knoten sind etwas grob geraten, nehmt sie lieber für weniger Feines. Wenn ihr hübschere wollt, wartet, bis ich das nächste Mal bei euch zu Besuch bin, dann mache ich sie ordentlich.' Nach dem, was Ihr mir gerade erzählt habt, war es ihr bestimmt peinlich, meine Bitte abzulehnen, und dann hat sie zu Hause bis tief in die Nacht daran gesessen. Wie dumm von mir! Hätte ich das gewusst, hätte ich sie gar nicht erst darum gebeten!"
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„Beim letzten Mal hat sie mir erzählt," ergänzte Schatzspange, „dass sie zu Hause bis in die tiefe Nacht arbeiten muss. Und wenn sie einmal eine Kleinigkeit für jemand Außenstehendes anfertigt, sind die gnädigen Frauen dort alles andere als erfreut."
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„Unser eigensinniger junger Herr will aber partout keine der größeren oder kleineren Handarbeiten von unseren hauseigenen Näherinnen machen lassen — und ich allein schaffe das nicht", klagte Dufthauch.
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Schatzspange lächelte: „Kümmere dich nicht um ihn! Lass die Sachen ruhig von anderen machen und sag ihm einfach, du hättest sie selbst gemacht."
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Dufthauch seufzte lächelnd: „Das lässt sich bei ihm nicht machen — gerade er erkennt sofort, wer etwas gearbeitet hat. Da bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mich so gut es geht selbst damit abzumühen."
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„Nur keine Hast!" sagte Schatzspange lächelnd. „Wie wäre es, wenn ich dir einiges davon abnähme?"
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Dufthauch strahlte: „Wenn Ihr das wirklich meint, wäre das ein wahrer Segen für mich! Heute Abend bringe ich die Sachen persönlich zu Euch hinüber."
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Sie hatte den Satz noch nicht beendet, als plötzlich eine alte Dienerin herbeigelaufen kam und keuchend sagte: „Was sagt ihr dazu! Fräulein Goldreif<ref>金钏</ref> hat sich mir nichts, dir nichts im Brunnen ertränkt!"
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Dufthauch erschrak zutiefst und fragte hastig: „Welche Goldreif?"
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„Wie viele Goldreifs gibt es denn?" erwiderte die Alte. „Natürlich die aus den Gemächern der gnädigen Frau! Vorgestern ist sie, warum auch immer, hinausgeworfen worden und hat zu Hause nur geweint und geweint, aber keiner hat sich um sie gekümmert. Dann war sie plötzlich verschwunden. Eben hat einer der Wasserträger, als er am Brunnen in der Südostecke Wasser schöpfen wollte, eine Leiche entdeckt. Er rief sofort um Hilfe, und als sie die Leiche herausgezogen hatten, erkannte man sie. Die Familie versucht noch, sie wiederzubeleben, aber es ist wohl vergeblich."
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„Das ist ja furchtbar!" sagte Schatzspange.
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Dufthauch nickte betrübt und seufzend. Sie dachte an ihre herzliche Freundschaft mit Goldreif, und unwillkürlich flossen ihr die Tränen.
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Schatzspange aber eilte sogleich zu Frau Wang<ref>王夫人</ref>, um sie zu trösten. Dufthauch kehrte in ihre Gemächer zurück, und es soll jetzt nicht weiter von ihr die Rede sein.
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Als Schatzspange bei Frau Wang eintrat, herrschte dort Totenstille. Frau Wang saß allein im inneren Zimmer und weinte. Schatzspange mochte den Vorfall nicht anschneiden und setzte sich einfach neben sie.
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„Woher kommst du?" fragte Frau Wang.
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„Aus dem Garten", antwortete Schatzspange.
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„Hast du deinen Vetter Schatzjade im Garten gesehen?" fragte Frau Wang weiter.
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„Eben noch habe ich ihn gesehen," antwortete Schatzspange. „Er war fertig angekleidet und hat den Garten verlassen. Wohin er ging, weiß ich nicht."
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Frau Wang nickte und sagte unter Tränen: „Weißt du, was Schreckliches geschehen ist? Goldreif hat sich plötzlich im Brunnen ertränkt!"
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„Warum hat sie das nur getan?" fragte Schatzspange bestürzt. „Das ist ja entsetzlich!"
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Frau Wang erzählte: „Vorgestern hat sie mir einen Gegenstand beschädigt. Da wurde ich wütend, habe ihr ein paar Ohrfeigen gegeben und sie hinausgeschickt. <ref>Die wahre Ursache war, dass Frau Wang Goldreif bei einem zweideutigen Gespräch mit Schatzjade ertappte — vgl. Kap. 30.</ref> Ich wollte nur ein paar Tage mit ihr böse sein und sie dann wieder zurückholen lassen. Wer hätte gedacht, dass sie so empfindlich ist und sich in den Brunnen stürzt! Bin nicht ich daran schuld?"
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Schatzspange seufzte: „Ihr seid ein gütiger Mensch, Tante, darum denkt Ihr so. Aber meiner Meinung nach hat sie sich gar nicht aus Trotz in den Brunnen gestürzt. Wahrscheinlich ist sie, als sie draußen war und am Brunnenrand spielte, ausgerutscht und hineingefallen. Sie war hier drinnen immer streng gehalten worden, und kaum war sie draußen, wollte sie natürlich überall herumstreifen und spielen. Welchen Grund hätte sie für solch maßlosen Zorn gehabt? Und selbst wenn sie es im Zorn getan haben sollte, war sie nichts weiter als ein Dummkopf, dem kein Mitleid gebührt."
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Frau Wang nickte seufzend: „Das stimmt schon, und dennoch finde ich in meinem Herzen keine Ruhe."
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Schatzspange erwiderte seufzend: „Aber Ihr dürft Euch auch nicht so damit quälen, Tante. Gebt einfach ein paar Liang Silber mehr für ein anständiges Begräbnis, und damit ist die Pflicht einer Herrin gegenüber ihrer Dienerin erfüllt."
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Frau Wang sagte: „Eben habe ich ihrer Mutter schon fünfzig Liang geschenkt. Eigentlich wollte ich auch noch zwei Garnituren neue Kleider von einem meiner Mädchen nehmen, um Goldreif für die Aufbahrung einzukleiden. Aber Phönixglanz<ref>凤姐, 王熙凤</ref> hat mir gesagt, es gäbe zufällig keine neuen Kleider vorrätig — nur die zwei Garnituren, die für den Geburtstag deiner Kusine Kajaljade bestimmt seien. Nun kenne ich aber dieses Kind — sie ist immer so abergläubisch, und außerdem hat sie seit jeher alle möglichen Leiden und Gebrechen. Da hat man ihr versprochen, die Kleider für ihren Geburtstag zu machen — und jetzt soll man sie einer Toten mitgeben? Das wird sie bestimmt für ein böses Omen halten.
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Deshalb habe ich angeordnet, den Schneider schnell zwei Garnituren anfertigen zu lassen. Bei einem anderen Mädchen hätte ich es bei ein paar Liang Silber bewenden lassen, aber Goldreif — obwohl sie nur ein Dienstmädchen war, war sie für mich beinahe wie eine eigene Tochter." Bei diesen Worten rannen ihr erneut die Tränen über die Wangen.
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Schatzspange sagte rasch: „Wozu Tante den Schneider bemühen und in aller Eile etwas anfertigen lassen? Ich habe neulich erst zwei komplette Garnituren nähen lassen. Die bringe ich her — wäre das nicht einfacher? Zumal sie, als sie noch lebte, auch meine getragenen Kleider aufgetragen hat und unsere Maße ungefähr übereinstimmen."
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Frau Wang zögerte: „Das ist zwar lieb von dir, aber empfindest du das nicht als ein schlechtes Zeichen?"
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Schatzspange lächelte: „Keine Sorge, Tante! Um solche Dinge habe ich mir noch nie Gedanken gemacht." Mit diesen Worten stand sie auf und ging.
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Frau Wang rief sogleich zwei Dienerinnen und befahl ihnen: „Begleitet Fräulein Schatzspange!"
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Als Schatzspange kurze Zeit später mit den Kleidern zurückkam, sah sie Schatzjade neben Frau Wang sitzen und weinen. Frau Wang war gerade dabei gewesen, ihn zu schelten, doch als Schatzspange eintrat, hielt sie inne und sprach nicht weiter. Bei diesem Anblick konnte sich Schatzspange nach Worten und Mienen die Sache zu acht Zehnteln zusammenreimen. Sie übergab die Kleider Stück für Stück, und Frau Wang ließ Goldreifs Mutter rufen, damit diese sie abholte.
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Was weiter geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.
  
 
== Anmerkungen ==
 
== Anmerkungen ==
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Revision as of 12:29, 15 April 2026

Kapitel: [1-10] · [11-20] · [21-30] · 31 · 32 · 33 · 34 · 35 · 36 · 37 · 38 · 39 · 40 · [41-50] · [51-60] · [61-70] · [71-80] · [81-90] · [91-100] · [101-110] · [111-120] · ← Inhalt

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Kapitel 32

Herzensgeständnisse verwirren den lebhaften Schatzjade

Schande und Schmach treiben die leidenschaftliche Goldreif in den Tod

Als Schatzjade[1] also das Einhorn erblickte, war er überaus erfreut. Lächelnd streckte er die Hand danach aus und sagte: „Ein Glück, dass du es gefunden hast! Wo hast du es denn aufgelesen?"

Wolkenschwinge[2] lachte und erwiderte: „Ein Glück, dass es nur so eine Kleinigkeit war! Stell dir vor, morgen verlierst du auch noch dein Amtssiegel — wirst du das etwa genauso leichtnehmen?"

Schatzjade lachte: „Ein Amtssiegel zu verlieren, wäre halb so schlimm. Aber hätte ich das hier verloren, müsste ich glatt sterben!"

Inzwischen hatte Dufthauch[3] Tee eingeschenkt und reichte ihn Wolkenschwinge zum Trinken. Lächelnd sagte sie dabei: „Großes Fräulein, ich habe gehört, neulich gab es bei Euch frohe Nachricht!" [4]

Wolkenschwinge errötete und trank schweigend ihren Tee, ohne zu antworten.

„Jetzt auf einmal so schüchtern?" fragte Dufthauch. „Erinnert Ihr Euch noch, was wir vor zehn Jahren miteinander geredet haben, als wir drüben im Westgehöft auf dem warmen Ofenbett schliefen? Damals wart Ihr nicht schüchtern — warum seid Ihr es jetzt?"

Wolkenschwinge lachte: „Du hast gut reden! Damals haben wir uns so gut verstanden! Aber dann ist unsere gnädige Frau gestorben, und ich musste eine Weile zu Hause bleiben. Und als ich wiederkam, hatte man dich inzwischen dem Zweiten Herrn zugeteilt, und du warst zu mir nicht mehr so wie früher."

Dufthauch erwiderte lächelnd: „Ihr habt gut reden! Früher hieß es ‚liebe Schwester' hier und ‚liebe Schwester' dort, und Ihr habt mich dazu gebracht, Euch zu kämmen und zu waschen und dies und jenes für Euch zu tun. Jetzt seid Ihr groß und gebt das gnädige Fräulein. Da wage ich es natürlich nicht mehr, Euch zu nahe zu treten!"

„Amitabha Buddha, welch ein Unrecht!" rief Wolkenschwinge. „Wenn ich so wäre, möchte ich auf der Stelle sterben! Schau doch nur — bei dieser Affenhitze bin ich hergekommen und musste unbedingt zuerst bei dir vorbeischauen. Wenn du mir nicht glaubst, frag Smaragdgrün[5] — zu Hause erwähne ich ständig und bei jeder Gelegenheit deinen Namen!"

Kaum hatte sie das gesagt, beschwichtigten Dufthauch und Schatzjade sie beide zugleich: „Es war doch nur ein Scherz, und du nimmst es gleich ernst! Immer noch derselbe Hitzkopf!"

„Anstatt zuzugeben, dass deine Worte einem den Atem verschlagen, sagst du lieber, ich sei hitzig!" erwiderte Wolkenschwinge. Dabei knotete sie ihr Taschentuch auf und reichte Dufthauch einen Ring.

Dufthauch dankte überschwänglich und sagte lächelnd: „Die Ringe, die Ihr neulich Euren Kusinen geschickt habt — einen davon habe ich auch bekommen. Und heute bringt Ihr mir persönlich noch einen. Man sieht daran, dass Ihr mich nicht vergessen habt. Allein daran zeigt sich Euer wahres Herz, denn der Ring mag zwar nicht viel wert sein, aber Eure Aufrichtigkeit ist unbezahlbar."

„Wer hat dir den gegeben?" wollte Wolkenschwinge wissen.

„Fräulein Schatzspange[6]", antwortete Dufthauch.

Wolkenschwinge lachte: „Ich dachte, er wäre von Schwester Kajaljade[7], aber er ist von Schwester Schatzspange! Tag für Tag denke ich zu Hause daran, dass es unter all den Schwestern keine Bessere gibt als Schwester Schatzspange. Schade nur, dass wir nicht dieselbe Mutter haben! Hätte ich eine leibliche ältere Schwester wie sie, dann könnte ich selbst den Verlust meiner Eltern verschmerzen." Bei diesen Worten röteten sich schon ihre Augenränder.

„Genug! Genug! Lass das Thema!" warf Schatzjade ein.

„Warum denn?" fragte Wolkenschwinge. „Ich kenne ja dein Leiden — du hast Angst, deine Schwester Kajaljade könnte es hören und mir übelnehmen, dass ich Schwester Schatzspange lobe. Hab ich recht?"

Dufthauch lachte leise auf und sagte: „Fräulein Wolkenschwinge, seit Ihr erwachsen seid, redet Ihr noch offenherziger als früher!"

Schatzjade meinte lächelnd: „Ich habe ja gleich gesagt, mit euch ist schwer reden — und wirklich!"

„Das muss ich mir nicht anhören, lieber Vetter!" konterte Wolkenschwinge. „Große Reden schwingst du nur uns gegenüber. Aber wenn du dein Kusinchen Kajaljade siehst, bist du plötzlich ganz anders!"

„Hört jetzt auf mit dem Geplänkel", bat Dufthauch. „Es gibt nämlich etwas, worum ich dich bitten wollte."

„Was denn?" fragte Wolkenschwinge.

„Ich habe ein Paar Schuhe angefangen," erklärte Dufthauch, „die Innensohlen sind schon durchbrochen und gefüttert. Aber mir geht es seit ein paar Tagen nicht gut, und ich konnte nicht daran weiterarbeiten. Hättest du Zeit, sie für mich fertigzumachen?"

Wolkenschwinge lachte: „Das ist ja merkwürdig! Ganz abgesehen von all den geschickten Mädchen bei euch, gibt es doch auch eigens Näherinnen und Schneiderinnen — warum soll ausgerechnet ich das machen? Wen du darum bittest, der traut sich doch nicht nein zu sagen."

Dufthauch lächelte: „Ihr seid wieder einmal vergesslich! Wisst Ihr denn nicht, dass die Näharbeiten in unseren Räumen nicht von den Näherinnen gemacht werden?"

Als Wolkenschwinge das hörte, wusste sie, dass die Schuhe für Schatzjade bestimmt waren, und sagte lächelnd: „Wenn das so ist, nehme ich dir die Arbeit gerne ab. Aber nur unter einer Bedingung: Wenn sie für dich sind, mache ich sie; für jemand anderen kann ich es nicht."

Dufthauch lachte: „Wie denn das? Was bin ich denn, dass ich es wagen könnte, Euch zum Schuhnähen zu bitten? Ehrlich gesagt, sie sind gar nicht für mich. Aber kümmert Euch nicht darum, für wen sie sind — Hauptsache, ich bin Euch dankbar."

„Genau genommen habe ich schon unzählige Dinge für dich angefertigt", erwiderte Wolkenschwinge. „Warum ich jetzt plötzlich nicht mehr will — den Grund kennst du bestimmt."

„Den kenne ich wirklich nicht", sagte Dufthauch.

Wolkenschwinge lächelte verächtlich: „Neulich habe ich gehört, dass die Fächerhülle, die ich gemacht hatte, mit der von jemand anderem verglichen und dann vor Wut mit der Schere zerschnitten wurde. Ich weiß das schon längst, und du willst es mir immer noch verheimlichen! Und jetzt soll ich wieder nähen — bin ich etwa eure Sklavin?"

Schatzjade schaltete sich rasch lächelnd ein: „Von der Sache neulich — ich wusste wirklich nicht, dass du die Fächerhülle gemacht hattest!"

Auch Dufthauch lachte und erklärte: „Er wusste tatsächlich nicht, dass sie von Euch war. Ich hatte ihm weisgemacht, draußen gäbe es neuerdings ein Mädchen, das wunderschön sticken könne. Ich hätte sie gebeten, probeweise eine Fächerhülle zu machen, um zu sehen, wie gut sie sei. Er hat es geglaubt und die Hülle überall herumgezeigt. Irgendwie hat das dann Fräulein Kajaljade verärgert, und sie hat die Hülle mittendurch geschnitten. Als er nach Hause kam und mich drängte, schnell eine neue anfertigen zu lassen, habe ich ihm erst verraten, dass sie von Euch stammte. Wie hat er das bedauert!"

„Das wird ja immer seltsamer!" sagte Wolkenschwinge. „Warum musste Fräulein Kajaljade sich auch darüber aufregen? Wenn sie so geschickt mit der Schere umgeht, lass sie doch die Schuhe machen!"

„Sie macht so etwas nicht!" erwiderte Dufthauch. „Dabei hat die Herzoginmutter schon jetzt Angst, sie könnte sich überanstrengen. Auch der Arzt sagt, sie müsse sich schonen und pflegen. Wer wollte ihr da Handarbeiten zumuten? Letztes Jahr hat sie das ganze Jahr über gerade mal ein einziges Duftsäckchen fertiggebracht, und dieses Jahr ist schon ein halbes Jahr vergangen, und man hat sie noch nicht einmal Nadel und Faden in die Hand nehmen sehen."

Während sie noch sprachen, kam jemand mit der Meldung: „Der Herr aus der Xinglong-Straße ist da, und der gnädige Herr lässt den Zweiten Herrn bitten, hinauszugehen und den Gast zu empfangen."

Schatzjade verstand sofort, dass Jia Yucun[8] gekommen war, und war darüber höchst ungehalten. Dufthauch eilte sogleich, seine Kleidung zu holen. Während Schatzjade in seine Stiefel stieg, schimpfte er: „Es reicht doch, wenn der gnädige Herr ihm Gesellschaft leistet! Warum muss er mich jedes Mal sehen wollen?"

Wolkenschwinge schwenkte lächelnd ihren Fächer und sagte: „Natürlich weil du dich auf den Empfang von Gästen verstehst — deshalb lässt der gnädige Herr dich rufen."

„Ach wo, das kommt nicht vom gnädigen Herrn", erwiderte Schatzjade. „Er selbst ist es, der jedes Mal darauf besteht, mich zu sehen."

Wolkenschwinge lachte: „‚Ist der Wirt von Adel, kommt der Gast gern wieder.' Du musst irgendwelche Vorzüge haben, die ihn anziehen, sonst würde er nicht ständig nach dir verlangen."

„Lass das! Lass das!" wehrte Schatzjade ab. „Ich wage nicht, mich als vornehm zu bezeichnen — ich bin der Gewöhnlichste unter den Gewöhnlichen und habe nicht das geringste Verlangen nach Umgang mit solchen Leuten."

Wolkenschwinge lachte: „Du hast dich immer noch nicht geändert! Jetzt bist du schon groß — selbst wenn du keine Lust hast, für die Beamtenprüfungen zu lernen und den Juren- oder Jinshi-Grad zu erwerben, solltest du doch häufiger mit Leuten verkehren, die im Staatsdienst stehen, und dich mit ihnen über Fragen der Laufbahn und Verwaltung unterhalten [9]. So könntest du dich auf das Leben in der Welt vorbereiten und dir Freunde machen. Stattdessen treibst du dich jahraus, jahrein nur in unserer Mädchenrunde herum!"

Als Schatzjade das hörte, sagte er: „Das Fräulein möge sich bitte in die Gemächer der Kusinen begeben. Meine bescheidene Hütte hier könnte ihr wirtschaftswissenschaftliches Wissen besudeln."

Dufthauch schaltete sich ein: „Fräulein Wolkenschwinge, hört lieber auf mit solchen Reden! Letztens hat auch Fräulein Schatzspange einmal dasselbe gesagt. Er hat sich nicht im Geringsten darum geschert, ob er sie damit vor den Kopf stößt, sondern hat sich nur geräuspert und ist aufgestanden und davonmarschiert. Fräulein Schatzspange hatte nicht einmal ausgesprochen, und als sie sah, dass er ging, ist sie vor Scham ganz rot geworden — sagen konnte sie nichts, und schweigen auch nicht.

Ein Glück, dass es Fräulein Schatzspange war! Wäre es Fräulein Kajaljade gewesen, wer weiß, was die für einen Aufstand gemacht und wie sie geweint hätte! Wenn ich daran denke — Fräulein Schatzspange verdient wirklich allen Respekt! Sie hat sich einen Moment geschämt und ist dann gegangen. Ich machte mir Vorwürfe und dachte, nun sei sie böse. Aber hinterher war sie wieder genauso freundlich wie immer. Was für eine Nachsicht, was für ein großes Herz! Er aber hat sie deswegen noch kühler behandelt als zuvor. Und wenn du Fräulein Kajaljade so brüskiert und so über sie hinweggesehen hättest — weißt du, wie oft du dich hättest entschuldigen müssen?" Das Letzte richtete sie direkt an Schatzjade.

„Fräulein Kajaljade hat nie solchen Unsinn geredet!" erklärte Schatzjade. „Hätte sie je solchen Unsinn geredet, hätte ich mich schon längst von ihr abgewandt."

Dufthauch und Wolkenschwinge nickten lächelnd und sagten: „Da hast du recht, es ist tatsächlich Unsinn."

Nun muss man wissen, dass Kajaljade erfahren hatte, dass Wolkenschwinge hier weilte und Schatzjade sogleich zu ihr geeilt war — gewiss, um ihr von dem Einhorn zu erzählen. Deshalb ging ihr allerlei durch den Sinn: In den inoffiziellen Geschichten und Abenteuerromanen, die Schatzjade in letzter Zeit aufgetrieben hatte, fanden die begabten Jünglinge und schönen Mädchen zumeist durch irgendeinen niedlichen Gegenstand zueinander — sei es ein gesticktes Mandarinenentenpaar, sei es ein Phönix, ein jadener Ring oder ein goldener Anhänger, ein Tüchlein aus Wassermannseide oder ein bestickter Gürtel. Stets war es ein kleines Ding, das am Anfang stand, und am Ende hatte es über das ganze Leben entschieden.

Da Schatzjade nun plötzlich ebenfalls ein Einhorn besaß, fürchtete sie, dies könnte zum Anlass werden, dass zwischen ihm und Wolkenschwinge jene Art von romantischer Liebesgeschichte entstand. Darum schlich sie sich leise heran, um die Lage zu erkunden und die wahren Absichten der beiden zu ergründen.

Kaum war sie angekommen, hörte sie, wie Wolkenschwinge über Karriere und Verwaltung sprach und wie Schatzjade daraufhin sagte: „Fräulein Kajaljade hat nie solchen Unsinn geredet. Hätte sie das, hätte ich mich schon längst von ihr abgewandt."

Als Kajaljade diese Worte vernahm, durchfuhren sie unwillkürlich Freude und Erschrecken, Trauer und Wehmut zugleich.

Die Freude kam daher, dass sie sich nicht geirrt hatte: Sie hatte ihn stets für einen Seelenverwandten gehalten, und er war tatsächlich ein Seelenverwandter.

Das Erschrecken kam daher, dass er vor aller Ohren sein Herz für sie öffnete und sie lobte — so vertraut, so innig, ohne jede Scheu vor Verdächtigungen.

Die Wehmut kam daher, dass sie dachte: Wenn du mein Seelenverwandter bist, bin natürlich auch ich die deine. Und wenn wir einander so gut kennen — wozu dann die Prophezeiung von Gold und Jade? [10] Und wenn es schon eine solche Prophezeiung geben muss, so sollte sie doch für uns beide gelten — wozu dann noch eine Schatzspange?

Die Trauer kam daher, dass ihre Eltern früh gestorben waren und niemand da war, der die tief in ihrem Herzen eingegrabenen Worte für sie zur Geltung bringen konnte. Zudem hatte sie in letzter Zeit bemerkt, wie ihr Geist immer verwirrter wurde und ihre Krankheit sich zusehends verschlimmerte. Der Arzt hatte gesagt, ihre Lebenskraft sei geschwächt und ihr Blut erschöpft — es drohe Auszehrung. Selbst wenn sie und Schatzjade Seelenverwandte waren — sie fürchtete, nicht mehr lange leben zu können. Mochte er ihr Seelenverwandter sein — was half es gegen ihr bitteres Schicksal!

Bei diesem Gedanken rollten ihr unwillkürlich die Tränen über die Wangen. Sie mochte nicht mehr eintreten und sich sehen lassen — es schien ihr sinnlos. So wischte sie sich mit der einen Hand die Tränen ab und kehrte mit der anderen um, um davonzugehen.

Unterdessen war Schatzjade eilig in seine Kleider geschlüpft und nach draußen getreten. Da erblickte er vor sich Kajaljade, die langsam dahinschritt und sich offenbar Tränen abzuwischen schien. Rasch holte er sie ein und fragte lächelnd: „Wohin gehst du, Kusinchen? Warum weinst du schon wieder? Wer hat dich gekränkt?"

Kajaljade wandte den Kopf und sah, dass es Schatzjade war. Mit einem erzwungenen Lächeln sagte sie: „Mir fehlt nichts, ich habe doch gar nicht geweint."

Schatzjade lachte: „Sieh nur — die Tränen auf deinen Wimpern sind noch nicht getrocknet, und du willst mir etwas vorschwindeln!" Während er das sagte, konnte er nicht anders und hob die Hand, um ihr die Tränen abzuwischen.

Sofort wich Kajaljade ein paar Schritte zurück und rief: „Willst du sterben? Was fällt dir ein, so zudringlich zu werden!"

Schatzjade lachte: „Im Reden habe ich mich vergessen und ohne nachzudenken die Hand gehoben — da schert man sich nicht um Leben und Tod."

Kajaljade erwiderte: „Wenn du stirbst, ist das nicht weiter schade. Nur — was wird dann aus dem ‚Gold' und dem Einhorn, die du zurücklassen musst?"

Diese Worte versetzten Schatzjade erneut in Aufregung. Er trat einen Schritt näher und fragte: „Fängst du schon wieder damit an? Willst du mich verfluchen oder mir Vorwürfe machen?"

Erst da fiel Kajaljade das Gespräch von neulich wieder ein, und sie bereute, wieder etwas Unüberlegtes gesagt zu haben. Rasch lächelte sie und sagte: „Reg dich nicht auf! Ich habe mich wirklich versprochen. Was gibt es da, dass dir die Adern an den Schläfen schwellen und dein Gesicht vor Aufregung schweißüberströmt ist?" Während sie das sagte, konnte sie nicht anders, trat näher und streckte die Hand aus, um ihm den Schweiß von der Stirn zu wischen.

Schatzjade blickte sie lange an, dann brachte er endlich die drei Worte hervor: „Sei ganz unbesorgt."

Als Kajaljade das hörte, war sie eine Weile wie erstarrt, dann sagte sie: „Was soll das heißen — unbesorgt? Ich verstehe nicht, was du meinst. Erkläre mir doch, worüber ich besorgt oder unbesorgt sein sollte."

Schatzjade seufzte und fragte: „Verstehst du das wirklich nicht? War denn alles, was ich die ganze Zeit für dich empfunden habe, vergeblich? Wenn du nicht einmal meine Gefühle spürst, ist es kein Wunder, dass du dich Tag für Tag über mich ärgerst."

„Ich verstehe wirklich nicht, was du mit ‚besorgt' oder ‚unbesorgt' meinst", beharrte Kajaljade.

Schatzjade nickte und sagte seufzend: „Täusch mich nicht, liebste Kusine. Wenn du das wirklich nicht verstehst, dann waren nicht nur all meine Gedanken an dich umsonst, sondern auch all deine Gedanken an mich wären vergebens gewesen. Du bist nur deshalb so krank geworden, weil du dir stets Sorgen machst. Wenn du nur ein wenig gelassener wärst, würde deine Krankheit nicht von Tag zu Tag schlimmer."

Als Kajaljade diese Worte hörte, war es, als träfe sie ein Donnerschlag, als führe ein Blitz in sie. Sie durchdachte sie genau und fand, dass sie noch aufrichtiger klangen, als hätte man sie ihr aus dem tiefsten Innern herausgeholt. Zehntausend Worte drängten sich in ihrem Herzen, zehntausend Sätze wollte sie sagen — doch nicht eine halbe Silbe kam über ihre Lippen. So starrte sie ihn nur stumm an.

Auch Schatzjade hatte zehntausend Worte im Herzen, wusste aber nicht, mit welchem er beginnen sollte, und so starrte auch er nur stumm Kajaljade an.

So standen sie einander lange Zeit gegenüber. Dann stieß Kajaljade nur einen leisen Seufzer aus, und ohne dass sie es wollte, rollten ihr die Tränen über die Wangen. Sie wandte sich um und wollte gehen.

Schatzjade eilte ihr nach und hielt sie am Ärmel fest: „Liebste Kusine, bleib doch einen Augenblick! Lass mich nur noch einen einzigen Satz sagen, dann darfst du gehen."

Kajaljade wischte sich mit der einen Hand die Tränen ab und schob mit der anderen seine Hand weg: „Was gibt es da noch zu sagen? Was du mir sagen willst, weiß ich längst!" Während sie das sagte, ging sie, ohne sich auch nur einmal umzublicken, davon.

Schatzjade blieb stehen und versank in Gedanken.

Als er vorhin eilig hinausgegangen war, hatte er vergessen, seinen Fächer mitzunehmen. Dufthauch, die fürchtete, ihm könnte heiß werden, ergriff den Fächer und eilte ihm nach. Als sie aufsah, erblickte sie Kajaljade bei ihm stehen. Im nächsten Moment ging Kajaljade davon, doch Schatzjade stand immer noch reglos da. Also trat Dufthauch zu ihm und sagte: „Du bist ohne Fächer losgegangen. Ein Glück, dass ich es bemerkt und ihn dir nachgebracht habe."

Schatzjade aber war so in Gedanken versunken, dass er gar nicht wahrnahm, wer zu ihm sprach. Er ergriff ihre Hand und sagte: „Liebste Kusine! Was ich auf dem Herzen habe, habe ich mich nie zu sagen getraut, aber heute will ich es wagen. Und sollte ich dafür sterben, bin ich bereit! Deinetwegen bin ich ganz krank geworden, doch ich wage es niemandem zu sagen und muss es vor allen verbergen. Erst wenn deine Krankheit geheilt ist, wird auch die meine besser werden. Im Schlaf und im Traum — nie kann ich dich vergessen!"

Als Dufthauch diese Worte hörte, verlor sie beinahe die Besinnung und rief: „Allmächtiger Bodhisattva! Das bringt mich ins Grab!" Dann stieß sie ihn an und rief: „Was redest du da? Du musst von Sinnen sein! Geh jetzt endlich!"

Da erwachte Schatzjade wie aus einem Traum und erkannte, dass es Dufthauch war, die ihm den Fächer gebracht hatte. Vor Scham lief er bis in die Haarwurzeln rot an, riss ihr den Fächer aus der Hand und rannte davon.

Als Dufthauch ihn fortlaufen sah, war ihr klar, dass seine Worte Kajaljade gegolten hatten. Wenn es so stand, waren in Zukunft Verfehlungen kaum zu vermeiden — ein beängstigender, ein erschreckender Gedanke. Ganz benommen standen ihr die Tränen in den Augen, und insgeheim begann sie darüber nachzusinnen, wie sich dieses drohende Unheil abwenden ließe.

Während Dufthauch noch grübelnd dastand, kam plötzlich Schatzspange des Weges und fragte lächelnd: „Was stehst du hier in der sengenden Sonne und bist so in Gedanken versunken?"

Als Dufthauch die Frage hörte, erwiderte sie rasch mit einem Lächeln: „Dort drüben haben sich zwei Spatzen gezankt — das war so lustig, dass ich ganz gefesselt war."

„Wohin ist mein Vetter Schatzjade eben so eilig gelaufen, ganz festlich angekleidet?" fragte Schatzspange. „Ich habe ihn gerade vorbeigehen sehen und wollte ihn schon anrufen, aber seine Reden sind in letzter Zeit noch wirrer geworden, also habe ich ihn gehen lassen."

„Der gnädige Herr hat ihn rufen lassen", erklärte Dufthauch.

„Ach du meine Güte!" sagte Schatzspange sogleich besorgt. „Bei dieser glühenden Hitze — wozu lässt er ihn rufen? Er wird ihm doch nicht etwas vorhalten wollen, das ihm eingefallen ist, und ihn zur Rede stellen?"

„Nein, nein", erwiderte Dufthauch lächelnd. „Es ist wohl ein Gast da, den er empfangen soll."

Schatzspange lachte: „Was für ein Gast! Bei dieser Sommerhitze kann man doch zu Hause bleiben und sich abkühlen, anstatt herumzulaufen!"

Dufthauch lachte: „Das sagt Ihr!"

Dann fragte Schatzspange: „Was macht denn Wolkenschwinge bei euch?"

Dufthauch lächelte: „Wir haben ein Weilchen geplaudert. Übrigens — die Schuhe, die ich neulich geklebt habe, wollte ich ihr geben, damit sie sie morgen fertigstellt."

Als Schatzspange das hörte, blickte sie sich nach beiden Seiten um. Da niemand in der Nähe war, sagte sie lächelnd: „So ein verständiger Mensch wie du — und dann auf einmal kein Gespür für die Lage eines anderen! Ich habe in letzter Zeit Wolkenschwinges Miene und Stimmung beobachtet und auch einiges gehört, was einem der Wind so zuträgt. Das arme Kind — zu Hause hat sie rein gar nichts zu bestimmen! Ihre Familie scheut die Kosten für Näherinnen und Schneider, und so müssen die Frauen im Haushalt so ziemlich alles selbst machen. Warum hätte sie mir sonst bei ihren letzten Besuchen, als wir unter uns waren, gesagt, sie müsse sich zu Hause so abrackern? Und als ich sie ein wenig nach ihrem Alltagsleben fragte, bekam sie rote Augenränder und hat nur noch gestammelt. Wenn man ihre Lage bedenkt — sie hat eben von klein auf unter dem Verlust ihrer Eltern gelitten. Wenn ich sie so ansehe, wird mir unwillkürlich das Herz schwer."

Dufthauch schlug die Hände zusammen und rief: „Natürlich, natürlich! Da ist es auch kein Wunder! Letzten Monat habe ich sie gebeten, mir zehn Schmetterlings-Zierknoten zu knüpfen. Es hat ewig gedauert, bis sie jemanden damit hergeschickt hat, und sie ließ mir noch ausrichten: ‚Die Knoten sind etwas grob geraten, nehmt sie lieber für weniger Feines. Wenn ihr hübschere wollt, wartet, bis ich das nächste Mal bei euch zu Besuch bin, dann mache ich sie ordentlich.' Nach dem, was Ihr mir gerade erzählt habt, war es ihr bestimmt peinlich, meine Bitte abzulehnen, und dann hat sie zu Hause bis tief in die Nacht daran gesessen. Wie dumm von mir! Hätte ich das gewusst, hätte ich sie gar nicht erst darum gebeten!"

„Beim letzten Mal hat sie mir erzählt," ergänzte Schatzspange, „dass sie zu Hause bis in die tiefe Nacht arbeiten muss. Und wenn sie einmal eine Kleinigkeit für jemand Außenstehendes anfertigt, sind die gnädigen Frauen dort alles andere als erfreut."

„Unser eigensinniger junger Herr will aber partout keine der größeren oder kleineren Handarbeiten von unseren hauseigenen Näherinnen machen lassen — und ich allein schaffe das nicht", klagte Dufthauch.

Schatzspange lächelte: „Kümmere dich nicht um ihn! Lass die Sachen ruhig von anderen machen und sag ihm einfach, du hättest sie selbst gemacht."

Dufthauch seufzte lächelnd: „Das lässt sich bei ihm nicht machen — gerade er erkennt sofort, wer etwas gearbeitet hat. Da bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mich so gut es geht selbst damit abzumühen."

„Nur keine Hast!" sagte Schatzspange lächelnd. „Wie wäre es, wenn ich dir einiges davon abnähme?"

Dufthauch strahlte: „Wenn Ihr das wirklich meint, wäre das ein wahrer Segen für mich! Heute Abend bringe ich die Sachen persönlich zu Euch hinüber."

Sie hatte den Satz noch nicht beendet, als plötzlich eine alte Dienerin herbeigelaufen kam und keuchend sagte: „Was sagt ihr dazu! Fräulein Goldreif[11] hat sich mir nichts, dir nichts im Brunnen ertränkt!"

Dufthauch erschrak zutiefst und fragte hastig: „Welche Goldreif?"

„Wie viele Goldreifs gibt es denn?" erwiderte die Alte. „Natürlich die aus den Gemächern der gnädigen Frau! Vorgestern ist sie, warum auch immer, hinausgeworfen worden und hat zu Hause nur geweint und geweint, aber keiner hat sich um sie gekümmert. Dann war sie plötzlich verschwunden. Eben hat einer der Wasserträger, als er am Brunnen in der Südostecke Wasser schöpfen wollte, eine Leiche entdeckt. Er rief sofort um Hilfe, und als sie die Leiche herausgezogen hatten, erkannte man sie. Die Familie versucht noch, sie wiederzubeleben, aber es ist wohl vergeblich."

„Das ist ja furchtbar!" sagte Schatzspange.

Dufthauch nickte betrübt und seufzend. Sie dachte an ihre herzliche Freundschaft mit Goldreif, und unwillkürlich flossen ihr die Tränen.

Schatzspange aber eilte sogleich zu Frau Wang[12], um sie zu trösten. Dufthauch kehrte in ihre Gemächer zurück, und es soll jetzt nicht weiter von ihr die Rede sein.

Als Schatzspange bei Frau Wang eintrat, herrschte dort Totenstille. Frau Wang saß allein im inneren Zimmer und weinte. Schatzspange mochte den Vorfall nicht anschneiden und setzte sich einfach neben sie.

„Woher kommst du?" fragte Frau Wang.

„Aus dem Garten", antwortete Schatzspange.

„Hast du deinen Vetter Schatzjade im Garten gesehen?" fragte Frau Wang weiter.

„Eben noch habe ich ihn gesehen," antwortete Schatzspange. „Er war fertig angekleidet und hat den Garten verlassen. Wohin er ging, weiß ich nicht."

Frau Wang nickte und sagte unter Tränen: „Weißt du, was Schreckliches geschehen ist? Goldreif hat sich plötzlich im Brunnen ertränkt!"

„Warum hat sie das nur getan?" fragte Schatzspange bestürzt. „Das ist ja entsetzlich!"

Frau Wang erzählte: „Vorgestern hat sie mir einen Gegenstand beschädigt. Da wurde ich wütend, habe ihr ein paar Ohrfeigen gegeben und sie hinausgeschickt. [13] Ich wollte nur ein paar Tage mit ihr böse sein und sie dann wieder zurückholen lassen. Wer hätte gedacht, dass sie so empfindlich ist und sich in den Brunnen stürzt! Bin nicht ich daran schuld?"

Schatzspange seufzte: „Ihr seid ein gütiger Mensch, Tante, darum denkt Ihr so. Aber meiner Meinung nach hat sie sich gar nicht aus Trotz in den Brunnen gestürzt. Wahrscheinlich ist sie, als sie draußen war und am Brunnenrand spielte, ausgerutscht und hineingefallen. Sie war hier drinnen immer streng gehalten worden, und kaum war sie draußen, wollte sie natürlich überall herumstreifen und spielen. Welchen Grund hätte sie für solch maßlosen Zorn gehabt? Und selbst wenn sie es im Zorn getan haben sollte, war sie nichts weiter als ein Dummkopf, dem kein Mitleid gebührt."

Frau Wang nickte seufzend: „Das stimmt schon, und dennoch finde ich in meinem Herzen keine Ruhe."

Schatzspange erwiderte seufzend: „Aber Ihr dürft Euch auch nicht so damit quälen, Tante. Gebt einfach ein paar Liang Silber mehr für ein anständiges Begräbnis, und damit ist die Pflicht einer Herrin gegenüber ihrer Dienerin erfüllt."

Frau Wang sagte: „Eben habe ich ihrer Mutter schon fünfzig Liang geschenkt. Eigentlich wollte ich auch noch zwei Garnituren neue Kleider von einem meiner Mädchen nehmen, um Goldreif für die Aufbahrung einzukleiden. Aber Phönixglanz[14] hat mir gesagt, es gäbe zufällig keine neuen Kleider vorrätig — nur die zwei Garnituren, die für den Geburtstag deiner Kusine Kajaljade bestimmt seien. Nun kenne ich aber dieses Kind — sie ist immer so abergläubisch, und außerdem hat sie seit jeher alle möglichen Leiden und Gebrechen. Da hat man ihr versprochen, die Kleider für ihren Geburtstag zu machen — und jetzt soll man sie einer Toten mitgeben? Das wird sie bestimmt für ein böses Omen halten.

Deshalb habe ich angeordnet, den Schneider schnell zwei Garnituren anfertigen zu lassen. Bei einem anderen Mädchen hätte ich es bei ein paar Liang Silber bewenden lassen, aber Goldreif — obwohl sie nur ein Dienstmädchen war, war sie für mich beinahe wie eine eigene Tochter." Bei diesen Worten rannen ihr erneut die Tränen über die Wangen.

Schatzspange sagte rasch: „Wozu Tante den Schneider bemühen und in aller Eile etwas anfertigen lassen? Ich habe neulich erst zwei komplette Garnituren nähen lassen. Die bringe ich her — wäre das nicht einfacher? Zumal sie, als sie noch lebte, auch meine getragenen Kleider aufgetragen hat und unsere Maße ungefähr übereinstimmen."

Frau Wang zögerte: „Das ist zwar lieb von dir, aber empfindest du das nicht als ein schlechtes Zeichen?"

Schatzspange lächelte: „Keine Sorge, Tante! Um solche Dinge habe ich mir noch nie Gedanken gemacht." Mit diesen Worten stand sie auf und ging.

Frau Wang rief sogleich zwei Dienerinnen und befahl ihnen: „Begleitet Fräulein Schatzspange!"

Als Schatzspange kurze Zeit später mit den Kleidern zurückkam, sah sie Schatzjade neben Frau Wang sitzen und weinen. Frau Wang war gerade dabei gewesen, ihn zu schelten, doch als Schatzspange eintrat, hielt sie inne und sprach nicht weiter. Bei diesem Anblick konnte sich Schatzspange nach Worten und Mienen die Sache zu acht Zehnteln zusammenreimen. Sie übergab die Kleider Stück für Stück, und Frau Wang ließ Goldreifs Mutter rufen, damit diese sie abholte.

Was weiter geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.

Anmerkungen

  1. 宝玉
  2. 史湘云
  3. 袭人
  4. Gemeint ist die Verlobung Wolkenschwinges.
  5. 翠缕
  6. 宝钗
  7. 黛玉
  8. 贾雨村
  9. 仕途经济, wörtl. ‚Karriere und Wirtschaft' — die konfuzianische Ideal-Beschäftigung eines Gelehrten
  10. Die Prophezeiung besagt, dass Schatzjades goldenes Amulett und Schatzspanges jadener Haarschmuck sie füreinander bestimmen.
  11. 金钏
  12. 王夫人
  13. Die wahre Ursache war, dass Frau Wang Goldreif bei einem zweideutigen Gespräch mit Schatzjade ertappte — vgl. Kap. 30.
  14. 凤姐, 王熙凤