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(DE4 (Woesler 4. Aufl.): Kapitel 22 mit Navigation und Fussnoten)
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Hören auf Operngesang — Schatzspange<ref>Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, „Schatz-Haarspange".</ref> versteht die Kunst des Chan — Das Anfertigen von Rätseln — Kaufmann Aufrecht trauert über die verhängnisvollen Verse
 
Hören auf Operngesang — Schatzspange<ref>Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, „Schatz-Haarspange".</ref> versteht die Kunst des Chan — Das Anfertigen von Rätseln — Kaufmann Aufrecht trauert über die verhängnisvollen Verse
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''Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本).''
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Revision as of 12:35, 15 April 2026

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Kapitel 22

Hören auf Operngesang — Schatzspange[1] versteht die Kunst des Chan — Das Anfertigen von Rätseln — Kaufmann Aufrecht trauert über die verhängnisvollen Verse

Es wird erzählt, dass Kaufmann Jadeschale Phönixglanz[2] sagen hörte, sie wolle etwas besprechen, und stehen blieb, um zu fragen, worum es gehe. Phönixglanz sagte: „Am Einundzwanzigsten ist der Geburtstag von Schwester Xue. Wie willst du es halten?" Kaufmann Jadeschale sagte: „Woher soll ich das wissen! Du hast schon so viele große Geburtstage organisiert, und jetzt hast du auf einmal keine Idee?" Phönixglanz sagte: „Bei großen Geburtstagen gibt es feste Regeln, nach denen man sich richtet. Aber ihr Geburtstag ist weder groß noch klein, deshalb bespreche ich es mit dir." Kaufmann Jadeschale dachte einen Moment nach und sagte: „Du bist heute wirklich zerstreut. Es gibt doch einen Präzedenzfall — Schwester Lin ist das Vorbild. Wie wir es bisher für Schwester Lin gehandhabt haben, so machen wir es jetzt auch für Schwester Xue." Phönixglanz hörte das und lächelte kühl: „Glaubst du, das wüsste ich nicht? Genauso hatte ich es mir auch gedacht. Aber gestern hörte ich, wie die alte Herrin nach aller Alter und Geburtstagen fragte. Als sie erfuhr, dass die ältere Schwester Xue dieses Jahr fünfzehn wird, sagte sie, obwohl es kein runder Geburtstag sei, sei es doch das Jahr der Haarnadel-Zeremonie [Anm.: 将笄之年, das Alter, in dem ein Mädchen als erwachsen galt]. Die alte Herrin wolle selbst den Geburtstag ausrichten. Wenn sie es wirklich tut, wird es natürlich aufwendiger als bei Schwester Lin in den vergangenen Jahren." Kaufmann Jadeschale sagte: „Nun, dann eben etwas mehr als bei Schwester Lin." Phönixglanz sagte: „Genau das dachte ich auch, deshalb wollte ich deine Meinung hören. Wenn ich eigenmächtig etwas hinzufüge und du mir vorwirfst, dich nicht informiert zu haben..." Kaufmann Jadeschale lachte: „Genug, genug! Diese leere Gunst nehme ich nicht an. Wenn du mich nur nicht überwachst, bin ich schon zufrieden — wozu sollte ich dir Vorwürfe machen!" Damit ging er davon.

Nun sei berichtet, dass Wolke vom Xiang-Fluss[3] zwei Tage geblieben war und abreisen wollte. Herzoginmutter[4] sagte: „Warte, bis der Geburtstag deiner Schwester Schatzspange vorbei ist und du die Opernaufführung gesehen hast, dann reise erst ab." Wolke vom Xiang-Fluss musste bleiben. Sie schickte jemanden nach Hause zurück, um zwei ihrer alten Näharbeiten holen zu lassen — als Geschenk zu Schatzspanges Geburtstag.

Herzoginmutter hatte Schatzspange als ein ruhiges und ausgeglichenes Mädchen ins Herz geschlossen und wollte ihren ersten Geburtstag im Hause feiern. Sie steuerte aus eigener Tasche zwanzig Liang Silber bei und rief Phönixglanz herbei, damit sie Wein und Opern arrangiere. Phönixglanz scherzte lachend: „Wenn die Urgroßmutter den Kindern einen Geburtstag ausrichtet, wer würde da einwenden, dass sie auch die Getränke und das Theater bezahlen muss? Wenn Ihr feiern und Freude haben wollt, müsst Ihr natürlich selbst ein paar Liang ausgeben. Und dann kramt Ihr mühsam diese schimmligen zwanzig Liang hervor und gebt die Gastgeberin — und erwartet von mir, den Rest draufzulegen! Wenn Ihr wirklich nichts hättet, wäre es ja etwas anderes. Aber Gold und Silber, rund und flach, drückt den Boden Eurer Truhen ein — Ihr knausert nur mit uns! Schaut Euch um: Sind wir nicht alle Eure Kinder und Enkel? Soll etwa nur Bruder Schatzjade[5] Euch eines Tages auf den Berg Wutai tragen [Anm.: ein buddhistischer Ausdruck für die Versorgung im Alter]? All Euer Privatvermögen behaltet Ihr für ihn. Auch wenn wir es nicht verdienen, müsst Ihr uns deshalb noch nicht darben lassen. Reicht das für den Wein? Reicht das für das Theater?" Da lachte das ganze Haus. Herzoginmutter lachte ebenfalls: „Hört euch dieses Mundwerk an! Ich halte mich ja auch für schlagfertig — aber gegen diesen Affen komme ich nicht an. Deine Schwiegermutter wagt es nicht, mir zu widersprechen, und du keifst mit mir!" Phönixglanz lachte: „Meine Schwiegermutter liebt Schatzjade ebenso, und ich habe nirgends, wo ich mich beklagen könnte, und dann heißt es, ich hätte ein loses Mundwerk." Damit brachte sie Herzoginmutter zum Lachen, die höchst erfreut war.

Am Abend, als alle bei der alten Herrin versammelt waren und nach der Abenddämmerung miteinander plauderten, fragte Herzoginmutter Schatzspange, welche Opern sie gerne höre und welche Speisen sie bevorzuge. Schatzspange wusste genau, dass die alte Dame als betagte Person lebhafte Theaterstücke und weiche, süße Speisen liebte, und nannte durchweg die Vorlieben der Herzoginmutter. Diese freute sich umso mehr. Am nächsten Tag wurden zunächst Kleider, Spielzeug und Geschenke geschickt; Frau Wang, Phönixglanz, Kajaljade[6] und alle anderen gaben je nach Vermögen Gaben, die hier nicht einzeln aufgeführt werden müssen.

Am Einundzwanzigsten wurde im Innenhof der alten Herrin eine kleine, schlichte Bühne errichtet und eine Gruppe junger Schauspieler engagiert, die sowohl Kunqu- als auch Yiyang-Stücke beherrschten [Anm.: die beiden wichtigsten Opernstile der Ming- und Qing-Zeit]. In den oberen Gemächern der Herzoginmutter wurden einige Tische für ein Familienbankett aufgestellt; es gab keine auswärtigen Gäste, nur Tante Schnee [薛姨妈], Wolke vom Xiang-Fluss und Schatzspange waren als Gäste geladen, alle anderen gehörten zur Familie. Am Morgen dieses Tages suchte Schatzjade Kajaljade, die er nicht fand, und ging in ihr Zimmer. Dort lag sie auf dem Kang. Schatzjade sagte lachend: „Komm, iss etwas! Die Vorstellung beginnt gleich. Welches Stück möchtest du sehen? Dann kann ich es bestellen." Kajaljade erwiderte spöttisch: „Wenn du das so sagst, dann engagiere doch eigens eine Truppe und lass sie nur für mich spielen, was ich will. Warum sollte ich mich an anderer Leute Vergnügen anhängen und mich fragen lassen?" Schatzjade lachte: „Was ist daran schwierig? Morgen tun wir genau das — dann werden sie sich an unser Vergnügen hängen!" Während er sprach, zog er sie auf die Beine, und Hand in Hand gingen sie hinaus.

Nach dem Essen, als die Stücke ausgewählt werden sollten, bestand Herzoginmutter darauf, dass Schatzspange zuerst wähle. Schatzspange wehrte sich höflich, konnte aber nicht umhin, eine Szene aus der „Reise nach dem Westen" zu wählen. Die Herzoginmutter freute sich. Dann durfte Phönixglanz wählen, die ebenfalls wusste, dass die Herzoginmutter Lustiges liebte, und wählte „Liu Er verpfändet sein Gewand" [Anm.: ein komisches Stück]. Herzoginmutter freute sich noch mehr. Dann war Kajaljade an der Reihe, die Tante Schnee und Frau Wang den Vortritt lassen wollte. Herzoginmutter sagte: „Heute habe ich euch eingeladen, damit wir uns amüsieren. Kümmert euch nicht um sie — habe ich etwa das Theater und den Wein für sie arrangiert? Sie sitzen hier, hören umsonst zu und essen umsonst — das ist schon Gunst genug. Sollen wir sie auch noch wählen lassen!" Alle lachten. Kajaljade wählte dann ein Stück. Danach wählten auch Schatzjade, Wolke vom Xiang-Fluss, Willkommensfrühling, Spürfrühling, Bewahrfrühling und Li Schleierfrau [李纨], und die Aufführung begann.

Als beim Weinbankett Herzoginmutter Schatzspange erneut aufforderte zu wählen, wählte Schatzspange „Lu Zhishen tobt betrunken auf dem Wutaishan" [Anm.: Szene aus dem Roman „Am Wasserufer", Shuihu zhuan]. Schatzjade sagte: „Immer wählt sie solche Stücke." Schatzspange sagte: „Du hast all die Jahre Opern gehört, ohne das Gute daran zu erkennen. Die Inszenierung ist großartig, und der Text ist noch besser." Schatzjade sagte: „Ich habe noch nie solchen Lärm gemocht." Schatzspange lachte: „Wenn du dies für Lärm hältst, verstehst du wirklich nichts von Theater. Komm her, ich erkläre es dir. Es ist eine Suite aus der nördlichen Melodie ‚Dian Jiangchun', klanglich ausgezeichnet, und in den Liedtexten gibt es ein ‚Jisheng Cao' [Anm.: Melodie „Mistelgras"], das hinreißend gedichtet ist. Was weißt du schon davon?" Als Schatzjade hörte, wie sie es pries, rückte er näher und bat: „Liebe Schwester, lies es mir vor!" Schatzspange rezitierte:

„Heimlich trockne ich die Heldenträne, Verlasse des Gelehrten Heim. Dank der Barmherzigkeit — die Tonsur Empfangen am Lotusthron. Kein Schicksal — und im Augenblick Zerreißt das Band. Nackt kam ich, nackt geh ich — nichts bindet mich. Wo find ich Regenhut und Bastmantel für den Wandergang? Mag sein — in Strohsandaln, mit zerbroch'ner Schale Folg' ich dem Zufall, wohin er mich trägt!"

Schatzjade hörte zu, klatschte vor Entzücken auf die Knie, zog Kreise in die Luft und lobte ohne Ende. Er pries Schatzspange, dass es kein Buch gebe, das sie nicht kenne. Kajaljade sagte: „Schau dir lieber ruhig die Oper an! Das ‚Bergtor' wurde noch gar nicht gesungen, und du spielst schon den ‚Verrückten'!" [Anm.: Wortspiel mit Operntiteln — 山門 „Bergtor" und 妝瘋 „Den Wahnsinnigen spielen"] Auch Wolke vom Xiang-Fluss musste lachen. So schauten alle die Vorstellung an.

Am Abend, als die Aufführung zu Ende war, hatte Herzoginmutter den jungen Dan-Darsteller und einen kleinen Clown besonders ins Herz geschlossen und ließ sie hereinbringen. Bei näherem Hinsehen waren sie noch rührender. Sie fragte nach ihrem Alter: Der kleine Dan war erst elf, der kleine Clown erst neun Jahre alt. Alle seufzten. Herzoginmutter ließ ihnen extra Fleisch und Obst geben und außerdem zwei Schnüre Geld schenken. Phönixglanz lachte: „Dieses Kind sieht geschminkt genau aus wie eine bestimmte Person — nur merkt ihr es alle nicht." Schatzspange wusste in ihrem Herzen Bescheid, lächelte nur und wollte nichts sagen. Auch Schatzjade hatte es erraten und wagte nichts zu sagen. Wolke vom Xiang-Fluss aber platzte lachend heraus: „Er sieht doch aus wie Schwester Lin!" Als Schatzjade das hörte, warf er Wolke vom Xiang-Fluss hastig einen Blick zu und machte ihr ein Zeichen mit den Augen. Die anderen aber hatten es alle gehört und musterten die Schauspielerin aufmerksam — und lachten zustimmend: „Tatsächlich, ganz recht!" Bald darauf ging man auseinander.

Am Abend, als Wolke vom Xiang-Fluss sich umzog, befahl sie Cuilu, den Kleiderkoffer zu öffnen und alles einzupacken. Cuilu fragte: „Warum so eilig? Wir können doch am Abreisetag packen." Wolke vom Xiang-Fluss sagte: „Morgen früh reise ich ab. Was soll ich hier noch? Mir ständig die Nasen und Augen anderer Leute ansehen — was soll das!" Schatzjade hörte das und eilte herbei: „Liebe Schwester, du tust mir unrecht! Schwester Lin ist empfindlich. Alle anderen wussten es, wollten es aber nicht aussprechen, um sie nicht zu verärgern. Du hast es einfach herausgesagt, ohne aufzupassen — natürlich ist sie böse auf dich. Ich habe dir nur ein Zeichen gemacht, weil ich befürchtete, du könntest sie kränken. Wenn du mir jetzt zürnst, verkennst du nicht nur mein gutes Herz, sondern tust mir auch unrecht. Wäre es jemand anderes gewesen und hätte zehn Leute beleidigt — was ginge das mich an?" Wolke vom Xiang-Fluss riss sich los: „Spar dir deine schönen Worte! Ich bin ja nicht so gut wie deine Schwester Lin. Andere dürfen über sie reden und sie necken, nur ich nicht — wenn ich es tue, ist es ein Fehler. Natürlich bin ich es nicht wert, über sie zu reden. Sie ist eine Herrin, eine junge Dame — und ich bin eine Sklavin, ein Dienstmädchen. Wenn ich ihr zu nahe trete, wäre das unter meiner Würde!" Schatzjade sagte verzweifelt: „Ich habe es doch für dich getan, und am Ende bin ich der Schuldige! Wenn ich heuchlerisch wäre, möge ich augenblicklich zu Asche zerfallen und von allen mit Füßen getreten werden!" Wolke vom Xiang-Fluss sagte: „Mitten im Neujahrsmonat — hör auf mit diesem unsinnigen Geschwätz! Diese überflüssigen bösen Schwüre und wirren Reden sag denen, die so empfindlich sind und so gerne beleidigt tun, die dich zu beherrschen wissen — nicht mir! Pfui!" Damit ging sie direkt in Herzoginmutters Innenzimmer und legte sich wütend hin.

Schatzjade stand beschämt da und ging dann, Kajaljade zu suchen. Kaum war er an ihrer Türschwelle, schob Kajaljade ihn hinaus und schloss die Tür. Schatzjade verstand auch das nicht und rief leise vor dem Fenster: „Liebe Schwester!" Kajaljade beachtete ihn nicht. Schatzjade senkte betrübt den Kopf und prüfte sein Gewissen. Dufthauch[7] hatte längst alles durchschaut, wusste aber, dass jetzt nicht der Moment war, ihn zu trösten. Schatzjade stand nur starr da.

Kajaljade dachte, er sei in sein Zimmer zurückgekehrt, und öffnete die Tür — doch da stand er noch immer. Kajaljade konnte die Tür nun nicht wieder schließen und legte sich aufs Bett. Schatzjade folgte ihr hinein und fragte: „Für alles gibt es einen Grund. Sag mir, was los ist, dann fühlt sich niemand zu Unrecht beschuldigt. Du bist grundlos böse — worum geht es eigentlich?" Kajaljade lächelte kühl: „Eine schöne Frage! Ich weiß es selber nicht. Ich bin doch nur dazu da, euch allen als Spaß zu dienen — mich mit einer Schauspielerin zu vergleichen und auszulachen." Schatzjade sagte: „Ich habe dich doch nicht verglichen! Ich habe nicht gelacht — warum bist du böse auf mich?" Kajaljade sagte: „Du brauchst mich nicht zu vergleichen! Du brauchst nicht zu lachen! Dass du nicht vergleichst und nicht lachst, ist schlimmer als die, die es tun!" Schatzjade wusste darauf nichts zu erwidern.

Kajaljade fuhr fort: „Diesen Punkt kann ich vielleicht noch verzeihen. Aber warum hast du Yun'er Zeichen mit den Augen gemacht? Was hast du dir dabei gedacht? Meinst du etwa, wenn sie mit mir spielt, erniedrige sie sich? Sie ist eine Tochter aus fürstlichem Hause, und ich bin ein armes Mädchen — wenn sie mit mir spielte und ich etwas erwiderte, würde sie sich selbst herabsetzen, nicht wahr? Das ist dein guter Wille! Nur leider will die andere dein gutes Herz gar nicht annehmen und ist genauso beleidigt. Und dann machst du mich zum Vorwand und nennst mich empfindlich und nachtragend. Du fürchtest, er könnte mich kränken, und ich ihn — was geht mich das an? Was geht dich das an?"

Als Schatzjade dies hörte, erkannte er, dass sie auch sein Privatgespräch mit Wolke vom Xiang-Fluss gehört hatte. Er überlegte: Er hatte doch nur versucht, zwischen beiden zu vermitteln, um keinen Streit aufkommen zu lassen — und stattdessen erntete er von beiden Seiten Vorwürfe. Da fielen ihm die Worte aus dem Zhuangzi ein, die er neulich gelesen hatte: „Der Geschickte müht sich ab, der Weise sorgt sich; wer nichts kann, begehrt nichts, isst sich satt und streift frei umher, wie ein Boot, das an nichts gebunden ist." Und: „Der Waldbaum schlägt sich selbst; die Quelle beraubt sich selbst." [Anm.: Zhuangzi, Kapitel 4 und 20] Je mehr er darüber nachdachte, desto sinnloser erschien ihm alles. Wenn er nicht einmal diese zwei Menschen zufriedenstellen konnte — was konnte er dann in Zukunft noch erwarten? So drehte er sich um und ging in sein Zimmer. Kajaljade sah ihn gehen, wusste, dass er beschlossen hatte, es als sinnlos aufzugeben, und fühlte sich nun ihrerseits noch ärgerlicher: „Jetzt geht er — und soll sein ganzes Leben nicht mehr kommen und kein Wort mehr reden!"

Schatzjade beachtete sie nicht, ging in sein Zimmer und warf sich aufs Bett, starrte nur an die Decke. Dufthauch kannte den Grund, wagte aber nichts zu sagen, und versuchte, ihn abzulenken: „Heute haben wir wieder Oper gesehen — das wird bestimmt noch ein paar Tage Theatervergnügen nach sich ziehen. Schwester Bao wird sicher zum Dank einladen." Schatzjade lachte kalt: „Ob sie einlädt oder nicht — was geht das irgendjemanden an?" Dufthauch sah, dass dies nicht seine gewohnte Art zu sprechen war, und versuchte es lachend: „Was soll denn das? Mitten im frohen Neujahrsmonat, wenn alle fröhlich sind — warum siehst du so aus?" Schatzjade lachte kalt: „Ob die Mütter und Schwestern fröhlich sind oder nicht, geht mich nichts an." Dufthauch lachte: „Wenn sie freundlich sind, sei auch du freundlich — wäre das nicht für alle angenehm?" Schatzjade sagte: „Was heißt ‚für alle'? Sie haben ihr ‚für alle' — ich bin ‚nackt gekommen und gehe nackt, nichts bindet mich'." Bei diesen Worten kamen ihm unwillkürlich die Tränen. Dufthauch sah das und wagte nicht weiterzureden. Schatzjade grübelte über die Bedeutung dieses Satzes und brach in heftiges Weinen aus. Dann setzte er sich auf, ging zum Schreibtisch und schrieb mit dem Pinsel einen Vers:

Du beweist es mir, ich beweise es dir — Herz beweist es, Sinn beweist es. Wo nichts mehr zu beweisen ist, Erst dort kann man von Beweis sprechen.

Wo nichts mehr zu sagen ist vom Beweisen, Das ist der Standort.

Nachdem er geschrieben hatte, fühlte er sich zwar erleuchtet, fürchtete aber, andere würden es nicht verstehen, und verfasste daher noch ein Lied zur Melodie „Jisheng Cao" [Mistelgras], das er unter den Vers schrieb. Er las es noch einmal durch, fühlte sich frei von allen Fesseln, innerlich zufrieden, und ging zu Bett.

Kajaljade aber, die gesehen hatte, wie entschlossen Schatzjade gegangen war, kam unter dem Vorwand, Dufthauch zu suchen, um nach ihm zu sehen. Dufthauch sagte lächelnd: „Er schläft schon." Kajaljade hörte das und wollte gehen. Dufthauch lächelte: „Fräulein, einen Moment bitte — hier ist ein kleines Blatt Papier. Schauen Sie doch, was darauf steht." Sie brachte leise den Vers und das Lied und reichte es Kajaljade. Kajaljade las es, erkannte, dass Schatzjade es in einem Anfall von Ärger geschrieben hatte, fand es zugleich komisch und bedauernswert, und sagte zu Dufthauch: „Das ist nur Spielerei, nichts weiter." Dann nahm sie es mit in ihr Zimmer und zeigte es Wolke vom Xiang-Fluss. Am nächsten Tag zeigte sie es auch Schatzspange. Schatzspange las das Lied:

Ohne Ich warst du einst nicht Du, Von ihm — den anderen — versteh! Frei wandelnd, ohne Hindernis, komm und geh. Was nützt die Trauer, was die Freu'? Was soll das Reden: fern und nah, und wem getreu? Warum bisher die Hast, die blinde Müh? Jetzt blick zurück — und sieh: Wie schal war alles, wie vergeblich — nie und nie!

Schatzspange las es zu Ende, dann den Vers, und lachte: „Dieser Mensch hat die Erleuchtung erlangt! Es ist alles meine Schuld — ich habe gestern mit diesem einen Lied alles angefangen. Diese daoistischen und buddhistischen Bücher sind am gefährlichsten, sie verändern den Charakter. Wenn er morgen ernsthaft so redet und solche Gedanken hegt — dann bin ich die Schuldige!" Sie zerriss es sofort in Fetzen, reichte es den Dienerinnen und sagte: „Verbrennt es schnell!" Kajaljade lachte: „Du hättest es nicht zerreißen sollen. Lasst mich ihn fragen — kommt mit, ich garantiere, er gibt diesen Unsinn auf."

Die drei gingen tatsächlich zu Schatzjades Zimmer. Kaum eingetreten, sagte Kajaljade lachend: „Schatzjade, ich frage dich: Das Kostbarste ist ‚Bao' [Schatz], das Härteste ist ‚Yu' [Jade]. Was ist an dir kostbar? Was ist an dir hart?" Schatzjade konnte nicht antworten. Alle drei klatschten lachend: „So stumpfsinnig, und dann will er Chan-Meditation betreiben!" Kajaljade fuhr fort: „Am Ende deines Verses schreibst du: ‚Wo nichts mehr zu sagen ist vom Beweisen, das ist der Standort.' Das klingt gut. Aber meiner Meinung nach ist es noch nicht vollkommen. Ich füge zwei Zeilen hinzu." Sie sagte:

„Wo kein Standort ist, das erst ist rein."

Schatzspange sagte: „Genau — das ist die wahre Erleuchtung. Einst suchte Huineng, der Sechste Patriarch der Südschule [Anm.: 南宗六祖惠能, 638-713, Begründer der Südlichen Schule des Chan-Buddhismus], einen Meister und gelangte nach Shaozhou. Er hörte, dass der Fünfte Patriarch Hongren in Huangmei weilte, und verdingte sich dort als Küchenmönch. Als der Fünfte Patriarch einen Dharma-Erben suchte und alle Schüler aufforderte, einen Vers zu verfassen, sagte der Obermönch Shenxiu: ‚Der Leib ist der Bodhi-Baum, der Geist ein heller Spiegel. Poliere ihn beständig, lass keinen Staub sich setzen.' Huineng, der gerade in der Küche Reis stampfte, hörte den Vers und sagte: ‚Schön ist es, doch vollendet noch nicht.' Und er sprach seinen eigenen Vers: ‚Der Bodhi ist kein Baum, der Spiegel kein Gestell. Von Anbeginn gibt es kein Ding — wo sollte Staub sich setzen?' Der Fünfte Patriarch übergab ihm daraufhin die Robe und die Schale. Dein heutiger Vers hat denselben Sinn. Nur eben war der scharfe Diskurs noch nicht zu Ende — willst du ihn einfach so aufgeben?" Kajaljade lachte: „Als er vorhin nicht antworten konnte, hat er verloren. Jetzt nachträglich noch zu antworten, wäre nichts Besonderes. Aber von nun an darfst du nie wieder über Chan sprechen! Was wir beide können und wissen, weißt und kannst du noch nicht einmal — und willst über Chan meditieren!" Schatzjade, der sich für erleuchtet gehalten hatte, war durch Kajaljades eine Frage, auf die er nicht antworten konnte, und Schatzspanges Verweis auf die buddhistischen Aufzeichnungen, von denen er nie gewusst hatte, dass sie so bewandert waren, zutiefst beschämt. Er dachte bei sich: „Sie alle sind mir voraus in der Erkenntnis, und selbst sie sind nicht erleuchtet — wozu quäle ich mich also selbst?" So lachte er: „Wer meditiert denn über Chan? Das waren nur Spielworte." Damit war alles wieder wie zuvor.

Plötzlich kam ein Bote mit der Nachricht: „Die Kaiserliche Gemahlin [Anm.: Urfrühling] hat jemanden mit einem Rätsel geschickt, und ihr alle sollt raten. Wer es löst, soll selbst auch eines verfassen und einsenden." Die vier hörten das und gingen eilig in Herzoginmutters obere Gemächer. Dort stand ein kleiner Eunuch mit einer viereckigen weißen Seidenlaterne, die eigens für Rätsel angefertigt war; darauf befand sich bereits ein Rätsel, und alle drängten sich darum und rieten wild durcheinander. Der kleine Eunuch verkündete: „Die jungen Damen sollen ihre Lösungen nicht laut sagen, sondern jede heimlich auf ein Papier schreiben. Alle zusammen werden sie versiegelt in den Palast geschickt, und die Kaiserliche Gemahlin wird selbst prüfen, ob sie richtig sind." Schatzspange und die anderen lasen das Rätsel: ein Sieben-Silben-Vierzeiler, nichts besonders Neues. Man lobte höflich die Schwierigkeit und tat, als müsse man lange nachdenken, obwohl alle es sofort erraten hatten. Schatzjade, Kajaljade, Wolke vom Xiang-Fluss und Spürfrühling lösten es ebenfalls, und jede schrieb insgeheim ihre Lösung auf. Auch Kaufmann Unheil, Jia Lan und andere wurden herbeigerufen und rieten. Dann verfasste jeder ein eigenes Rätsel in sauberer Schrift und hängte es an die Laterne.

Der Eunuch kehrte zurück. Am Abend überbrachte er die Antwort: „Die Rätsel der Kaiserlichen Gemahlin wurden alle gelöst — nur die Zweite junge Dame und der Dritte Herr haben falsch geraten. Auch die Rätsel der jungen Damen wurden geraten." Die Prämien für die erfolgreichen Löser wurden verteilt: jeder ein Palast-Gedichtrohr und einen Teebesen. Nur Willkommensfrühling und Kaufmann Unheil gingen leer aus. Willkommensfrühling nahm es als Spaß und störte sich nicht daran, aber Kaufmann Unheil war beschämt. Zudem hatte der Eunuch gesagt: „Der Dritte Herr hat etwas Unverständliches geschrieben. Die Kaiserliche Gemahlin hat es gar nicht erst geraten und ließ es zurückbringen, damit der Dritte Herr erklärt, was es sein soll." Alle wollten sehen, was er geschrieben hatte:

Der große Bruder hat Ecken, aber nur acht davon; Der zweite Bruder hat Hörner, aber nur ein Paar. Der große Bruder sitzt immer nur auf dem Bett; Der zweite Bruder hockt gern auf dem Dachfirst.

Alle brachen in Gelächter aus. Kaufmann Unheil musste dem Eunuchen erklären: „Das eine ist ein Kopfkissen, das andere ein Dachzierfigur." Der Eunuch merkte es sich und ging mit seinem Tee.

Herzoginmutter sah, wie sehr Urfrühling sich amüsierte, und wurde selbst noch fröhlicher. Sie ließ eilends einen kleinen, kunstvoll geschnitzten Stellschirm anfertigen, der in der Mitte des Raumes aufgestellt wurde, und forderte die Schwestern auf, jede ein Rätsel zu schreiben und an den Schirm zu heften. Dann ließ sie Tee, Früchte und allerlei Spielzeug als Preise bereitstellen. Auch Kaufmann Aufrecht kam nach der Abendaudienz und wollte der Herzoginmutter Freude bereiten. Er ließ Wein und Früchte servieren, bunte Laternen aufhängen und lud die Herzoginmutter zum Laternenvergnügen ein. Oben saß Herzoginmutter mit Kaufmann Aufrecht und Schatzjade; darunter Frau Wang, Schatzspange, Kajaljade und Wolke vom Xiang-Fluss; dann Willkommensfrühling, Spürfrühling und Bewahrfrühling. Der Boden war voller Dienerinnen und Mägde. Li Schleierfrau und Phönixglanz saßen im Nebenraum. Kaufmann Aufrecht bemerkte, dass Jia Lan fehlte, und fragte danach. Eine Dienerin fragte Li Schleierfrau, die lächelnd antwortete: „Er sagt, sein Großvater hätte ihn nicht ausdrücklich gerufen, deshalb wollte er nicht kommen." Alle lachten: „Von Natur aus stur wie ein Ochse." Kaufmann Aufrecht schickte sogleich Kaufmann Unheil und zwei Dienerinnen, um Jia Lan zu holen. Herzoginmutter setzte ihn neben sich und gab ihm Obst. Alle plauderten und amüsierten sich.

Gewöhnlich war Schatzjade derjenige, der groß und breit redete; heute aber, mit Kaufmann Aufrecht zugegen, blieb er stumm und sagte nur „ja, ja". Auch Wolke vom Xiang-Fluss, die sonst gerne diskutierte, hielt in Kaufmann Aufrechts Anwesenheit den Mund. Kajaljade war von Natur aus wortkarg. Schatzspange sprach nie vorschnell. So war dieses Familienvergnügen eher steif und gehemmt. Herzoginmutter wusste, dass dies allein an Kaufmann Aufrechts Anwesenheit lag, und nach drei Runden Wein scheuchte sie ihn davon, sich auszuruhen. Kaufmann Aufrecht wusste ebenfalls, dass die Herzoginmutter seine Gegenwart als hinderlich empfand und die Jungen sich ohne ihn besser amüsieren könnten. Er lächelte unterwürfig: „Ich habe gehört, dass hier heute eine große Frühlingslaternen-Rätselveranstaltung stattfindet, und habe deshalb Preise und Wein mitgebracht. Wie kann die Großmutter ihren Enkeln so viel Liebe schenken und dem Sohn nicht ein Körnchen davon gönnen?" Herzoginmutter lachte: „Wenn du hier bist, trauen sie sich nicht, zu reden und zu lachen — mich langweilt es. Wenn du Rätsel raten willst, sage ich dir eines — wenn du es nicht löst, gibt es eine Strafe." Kaufmann Aufrecht lachte eilig: „Natürlich muss man bestraft werden. Und wenn ich es löse, gibt es auch eine Belohnung." Herzoginmutter sagte: „Selbstverständlich." Dann sprach sie:

„Ein Affe, leicht am Leib, steht auf dem Zweig. — Es ist eine Frucht."

Kaufmann Aufrecht wusste sofort, dass es der Litschi [Anm.: 荔枝, homophon mit 立枝 „auf dem Zweig stehen"] war, tat aber absichtlich, als rate er falsch, wurde vielfach bestraft und gab schließlich die richtige Antwort, worauf er ebenfalls ein Geschenk von der Herzoginmutter erhielt. Dann sprach er seinerseits eines für die Herzoginmutter:

„Von Gestalt aufrecht, von Leib ganz hart. Kann zwar nicht sprechen — doch hat er Worte, antwortet er stets. — Ein Gebrauchsgegenstand."

Dies flüsterte er leise Schatzjade zu. Schatzjade verstand und flüsterte es der Herzoginmutter zu. Die dachte nach und sagte: „Es ist ein Tuschstein." Kaufmann Aufrecht lachte: „Natürlich hat die Großmutter recht — gleich beim ersten Mal erraten!" Dann befahl er: „Bringt schnell die Gratulationsgeschenke!" Die Dienerinnen antworteten im Chor und brachten große und kleine Tabletts herbei. Herzoginmutter besah sie eins nach dem anderen — alles waren neue, hübsche Dinge zum Laternenfest — und war hocherfreut. Sie befahl: „Schenkt eurem Herrn Wein ein." Schatzjade hielt die Kanne, Willkommensfrühling reichte den Becher. Herzoginmutter sagte: „Sieh dir die Rätsel auf dem Schirm an — die haben die Schwestern verfasst. Rate sie mir."

Kaufmann Aufrecht stand auf, ging zum Schirm und las das erste:

Er schlägt die Dämonen in Schrecken und Beben, Sein Leib wie gebündeltes Tuch, sein Ton wie der Donner. Ein Krachen — die Menschen erstarren vor Grauen, Doch blicken sie hin, ist er Asche schon lang.

Kaufmann Aufrecht sagte: „Das ist ein Feuerwerkskörper, nicht wahr?" Schatzjade bestätigte: „Ja." Kaufmann Aufrecht las weiter:

Des Himmels Lauf und Menschenwerk — das Prinzip hat kein End'. Wer Glück hat ohne Müh, dem wird nichts gesandt. Warum der Wirrwarr allezeit? Nur weil die Zahl von Yin und Yang nicht stimmt.

Kaufmann Aufrecht sagte: „Ein Rechenbrett." Willkommensfrühling lachte: „Ja." Er las weiter:

Die Kinder blicken auf zum Himmel klar, Am schönsten ist's geschmückt zum Qingming-Fest. Reißt nur ein Faden, schwindet alle Kraft — Klag nicht den Ostwind an um den Abschied an.

Kaufmann Aufrecht sagte: „Das ist ein Drachen." Spürfrühling lachte: „Ja." Er las weiter:

In einem früheren Leben — kein Antlitz, keine Form; Nicht Lieder der Libelle hört' er, nur Buddhas Wort. Meint nicht, dies Leben sei ein dunkles Meer — Im Wesen selbst erstrahlt das große Licht.

Kaufmann Aufrecht sagte: „Das ist eine Buddhistische Tempellampe." Bewahrfrühling lachte: „Ja, eine Tempellampe."

[Anm.: Der Gengchen-Text bricht hier ab. Eine Randbemerkung des Kopistennotiert: „Dieses Kapitel blieb unvollendet, als [Cao] Qin starb. Ach! Sommer des Jahres Dinghai (1767). Husou." Im Gengchen-Manuskript ist auch Schatzspanges Rätsel als Marginalie überliefert. Die folgenden Passagen sind aus anderen Manuskripten (Qi-Fassung u.a.) ergänzt und kollationiert.]

Kaufmann Aufrecht versank in Gedanken: „Das Rätsel der Kaiserlichen Gemahlin war ein Feuerwerkskörper — ein Ding, das mit einem Knall verpufft. Willkommensfrühlings Rechenbrett bedeutet Durcheinander wie wirres Hanf. Spürfrühlings Drachen ist ein Ding, das ziellos im Wind treibt. Bewahrfrühlings Tempellampe steht für reine Einsamkeit. Heute ist das Laternenfest, ein froher Anlass — warum verfassen sie alle solch unheilvolle Dinge als Spaß?" Er wurde immer bedrückter, durfte aber vor der Herzoginmutter nichts davon zeigen und musste sich zusammennehmen und weiterlesen. Dann sah er ein siebenzeiliges Gedicht in regelmäßiger Form — es war Schatzspanges Werk. Er las:

Nach der Audienz — wer trägt den Duft in beiden Ärmeln heim? Am Saitenspiel, im Bettgewand — stets ohne Gelegenheit. Zum Morgen braucht's den Hahnenruf des Dieners nicht, Fünf Nachtwachen — die Zofe muss kein Licht mehr nähren. Den Kopf versengt vom Morgen bis zum Abend her, Das Herz zerkocht von Tag zu Tag und Jahr zu Jahr. Die Zeit verrinnt — bedenk und schätz sie wohl! Wind, Regen, Wolken und Sonnenschein — lass alles, wie's auch sei.

[Anm.: Lösung: eine Räucherspiralenkerze/Nachtkerze]

Kaufmann Aufrecht las es zu Ende und dachte: „Dieses Ding ist zwar harmloser als die anderen. Aber dass ein so junges Mädchen solche Verse schreibt, verheißt nichts Gutes — keines von ihnen scheint für ein langes, glückliches Leben bestimmt." Bei diesem Gedanken wurde er noch trauriger; acht oder neun Zehntel seiner vorherigen Fröhlichkeit waren dahin, und er saß nur noch mit gesenktem Kopf in Gedanken versunken.

Herzoginmutter sah Kaufmann Aufrecht so niedergeschlagen und vermutete, er sei müde, und fürchtete zudem, dass seine Anwesenheit die Schwestern an ihrem Vergnügen hindere. Sie sagte zu ihm: „Du brauchst nicht mehr zu raten. Geh schlafen. Wir sitzen noch ein Weilchen, dann gehen wir auch." Kaufmann Aufrecht hörte das, antwortete eilig mit mehreren „Ja", nötigte die Herzoginmutter noch einmal zu einem Glas Wein und zog sich dann zurück. In seinem Zimmer grübelte er die ganze Nacht, konnte nicht schlafen und war voller Trauer und Wehmut.

Nachdem Kaufmann Aufrecht gegangen war, sagte Herzoginmutter: „Nun amüsiert euch nach Herzenslust!" Kaum hatte sie gesprochen, lief Schatzjade zum Rätselschirm, zeigte mit dem Finger und kritisierte mit vollem Mund — dieser Satz sei nicht gut, jenes Rätsel nicht richtig gelöst — wie ein freigelassener Affe. Schatzspange sagte: „Vorhin saßen wir noch gesittet beieinander und plauderten — wäre das nicht feiner gewesen?" Phönixglanz eilte aus dem Nebenraum heraus: „Dein Vater sollte dich Tag und Nacht nicht aus den Augen lassen! Vorhin habe ich vergessen, vor dem Herrn Vater dafür zu sorgen, dass auch du Rätsel dichten musst. Wenn es so gekommen wäre, würdest du jetzt schwitzen!" Schatzjade wurde nervös, zerrte an Phönixglanzs Ärmel und klebte an ihr wie Malzbonbon. Herzoginmutter plauderte noch eine Weile mit Li Schleierfrau und den Schwestern, wurde dann müde. Man lauschte der Uhr — es war schon die vierte Nachtwache. Sie ließ die Speisen abräumen und an alle verteilen und sagte: „Lasst uns schlafen gehen. Morgen ist auch noch Feiertag, wir müssen früh aufstehen. Morgen Abend spielen wir weiter." Und was dann geschah, erzählt das nächste Kapitel.

  1. Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, „Schatz-Haarspange".
  2. Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, „Strahlender Phönix".
  3. Chin. 史湘云 Shǐ Xiāngyún.
  4. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, Matriarchin der Kaufmann-Familie.
  5. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Jade-Schatz".
  6. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, „Kajal-Jade".
  7. Chin. 袭人 Xírén, „die Überraschende".

Anmerkungen



Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本).