Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 77"

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(DE4 (Woesler 4. Aufl.): Kapitel 77 mit Navigation und Fussnoten)
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= Kapitel 77 =
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Siebenundsiebzigstes Kapitel
== 俏丫鬟抱屈夭風流 / 美優伶斬情歸水月 ==
 
=== Die huebsche Dienerin stirbt vor der Zeit unter ungerechtfertigtem Vorwurf; Die schoene Schauspielerin schneidet alle Gefuehle ab und kehrt zum Wasser und Mond zurueck ===
 
  
'''Zu Unrecht gedemütigt, stirbt ein schönes Sklavenmädchen in der Blüte seiner Jahre;alle Bindungen lösend, tritt eine liebliche Schauspielerin als Nonne ins Kloster ein.'''
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Die huebsche Dienerin stirbt zu Unrecht vor der Zeit; die schoene Schauspielerin schneidet alle Gefuehle ab und kehrt zu Wasser und Mond zurueck
  
Als das Mittelherbstfest vorüber war, stellte Dame Wang fest, daß Hsi-fëngs Krankheit bereits im Abklingen war. Zwar war sie noch nicht völlig genesen, aber sie konnte doch schon wieder aufstehen und ausgehen. Dennoch kam nach wie vor jeden Tag der Arzt, um ihr die Pulse zu fühlen, und sie mußte weiterhin Medikamente einnehmen. Zur Anfertigung der Arzneikugeln, die der Arzt ihr verschrieb, wurden zwei Liang besten Ginsengs gebraucht, aber als Dame Wang befahl, ihn zu holen, fanden sich nach langem Suchen in einem Kästchen nur ein paar Wurzeln, die nicht stärker waren als Haarpfeile. Damit war Dame Wang nicht zufrieden, und so befahl sie weiterzusuchen. Aber alles, was sich noch fand, war ein Paket mit Fasern und Krümeln.
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Es wird erzaehlt, dass Dame Wang nach dem Mittelherbstfest feststellte, dass Phoenixglanz' Krankheit sich bereits gebessert hatte. Zwar war sie noch nicht voellig genesen, doch konnte sie schon wieder aufstehen und ausgehen. Dennoch liess Dame Wang weiterhin jeden Tag den Arzt kommen, um ihr den Puls zu fuehlen und Medizin zu verabreichen. Der Arzt verschrieb nun ein Rezept fuer Pillen zur Regulierung der Menstruation und Naehrung der Lebenskraft. Dafuer wurden zwei Liang besten Ginsengs benoetigt. Als Dame Wang ihn holen liess, fand man nach langem Suchen in einem kleinen Kaestchen nur ein paar Wurzeln, nicht dicker als Haarnadeln. Dame Wang war damit nicht zufrieden und befahl, weiter zu suchen. Doch alles, was noch gefunden wurde, war ein grosses Paeckchen mit Fasern und Kruemeln.
Aufgeregt sagte Dame Wang: „Wenn man keinen braucht, ist welcher da, und ausgerechnet wenn man welchen braucht, ist keiner zu finden. Immer wieder habe ich euch befohlen, ihr solltet aufräumen und allen Ginseng an eine Stelle tun. Aber ihr könnt ja nicht hören und laßt alles liegen, wo es euch eben aus der Hand fällt. Ihr wißt einfach nicht, was der Ginseng wert ist. Wieviel Silber das kostet, ihn erst kaufen zu müssen, wenn man ihn braucht, und dann taugt er nicht einmal was!“
 
„Wir werden wohl bis auf diesen keinen mehr haben“, erwiderte ihr Tsai-yün. „Als letztens die gnädige Frau von drüben welchen brauchte, habt Ihr alles weggegeben.“
 
„Das kann nicht sein“, beharrte Dame Wang. „Such noch einmal sorgfältig nach!“
 
Wohl oder übel mußte Tsai-yün also noch einmal suchen, und diesmal kam sie mit mehreren Päckchen Arzneipflanzen wieder und sagte: „Wir wissen nicht, was das ist. Seht es Euch bitte selber an, gnädige Frau! Etwas anderes ist nicht da.“
 
Als Dame Wang die Päckchen aufmachte, konnte sie sich ebensowenig besinnen, was für Kräuter das waren, aber es war keine einzige Ginsengwurzel darunter. Also schickte sie jemand zu Hsi-fëng, um zu fragen, ob sie welche habe, aber Hsi-fëng antwortete: „Ich habe nur ein bißchen Ginsengpaste und ein paar Fasern und Enden. Die paar Wurzeln, die ich noch da habe, sind nicht von der besten Sorte, und ich brauche sie, um die täglichen Heiltränke davon zu kochen.“
 
Notgedrungen mußte sich Dame Wang nun an Dame Hsing wenden, aber diese ließ ihr erwidern: „Ich hatte nur deshalb bei euch darum gebeten, weil ich selbst keinen mehr besaß. Jetzt ist er längst alle.“
 
Also blieb Dame Wang nichts anderes übrig, als sich persönlich an die Herzoginmutter zu wenden. Diese gab Yüan-yang den Befehl, sie solle bringen, was von noch übrig war, und das erwies sich als ein großes Paket von Wurzeln, alle so stark wie ein Finger. Davon ließ die Herzoginmutter zwei Liang abwiegen und Dame Wang geben. Als Dame Wang zurückkam, übergab sie den Ginseng Dschou Juees Frau und befahl ihr, die Sklavenjungen sollten ihn zu dem Arzt in die Wohnung tragen und zugleich auch jene Päckchen mitnehmen, deren Inhalt sie nicht festzustellen vermochte, damit er alles bestimmte und die Namen auf den Päckchen vermerkte.
 
Nach einiger Zeit kam Dschou Juees Frau dann wieder und berichtete: „Diese Päckchen hier sind wieder ordentlich verpackt, und auf jedem ist die Bezeichnung vermerkt. Der Ginseng war wirklich von der besten Sorte, und heute bekommt man so etwas auch für dreißig Liang Silber pro Liang nicht zu kaufen, aber er ist schon zu alt. Mit Ginseng ist es nicht so wie mit anderen Sachen. Wie gut er auch sein mag, nach hundert Jahren wird er von selbst zu Staub. Dieser hier ist zwar noch nicht zu Staub geworden, aber es ist nur noch Moder, der seine Kraft verloren hat. Der Arzt läßt Euch bitten, ihn zurückzunehmen und ihm frischen dafür zu schicken, egal ob es dicke oder dünne Wurzeln sind.“
 
Schweigend senkte Dame Wang den Kopf und sagte erst nach langer Pause: „Da bleibt uns nichts weiter übrig, als zwei Liang kaufen zu gehen.“ Und da ihr der Sinn nicht danach stand, sich die anderen Arzneipflanzen anzusehen, befahl sie: „Räumt das alles weg!“
 
Dann wandte sie sich wieder an Dschou Juees Frau und beauftragte sie: „Geh und sag den Leuten draußen, sie sollen guten Ginseng ausfindig machen und zwei Liang davon kaufen! Wenn die alte gnädige Frau einmal danach fragen sollte, sagt ihr, wir hätten ihren Ginseng genommen, und macht keine Worte darum!“
 
Dschou Juees Frau wollte schon losgehen, da sagte Bau-tschai, die ebenfalls anwesend war, mit lächelnder Miene: „Wartet, Tante! Der Ginseng, den man heutzutage draußen zu kaufen bekommt, taugt nichts. Wenn wirklich einmal eine gute Wurzel auftaucht, dann schneiden sie sie unbedingt in zwei oder drei Stücken und fügen wertlose Enden oder ausgekochte Stücken dazwischen und verkaufen das als gute Wurzeln, ohne daß man sehen kann, ob er etwas taugt.
 
Wir haben in unserm Laden oft mit Ginsenghändlern zu tun, darum will ich mit meiner Mutter sprechen, damit sie meinen Bruder beauftragt, einen unserer Gehilfen hinzuschicken. Er soll mit ihnen reden und sie beauftragen, zwei Liang guten, echten Ginseng für uns zu kaufen. Besser, ein paar Liang Silber mehr ausgeben, aber dafür habt Ihr dann auch wirklich etwas Ordentliches!“
 
„Du bist wahrlich verständig!“ lobte Dame Wang und lächelte dabei. „Es ist also das beste, ich bemühe dich deswegen.“
 
Daraufhin ging Bau-tschai fort, und als sie nach geraumer Zeit wiederkam, sagte sie: „Es ist schon jemand geschickt worden, und bis zum Abend wird er Bescheid bringen. Wenn die Arznei morgen in aller Frühe zubereitet wird, ist es noch nicht zu spät.“
 
Dame Wang freute sich natürlich, dann sagte sie: „Wahrhaftig, ‚die Haarölhändlerin macht sich das Haar mit Wasser naß.‘ Wieviel guten Ginseng hatten wir ursprünglich im Haus, und wieviel haben wir davon andern gegeben! Aber jetzt, wo wir selber welchen brauchen, müssen wir andere um Hilfe bitten.“ Und sie stieß einen langen Seufzer aus.
 
Lächelnd entgegenete Bau-tschai: „Ginseng kostet zwar einiges Geld, aber es ist nun einmal nichts anderes als ein Heilmittel. Darum ist es ganz richtig, ihn wegzugeben und andern damit zu helfen. Schließlich gehören wir doch nicht zu den Leuten, die nichts gesehen haben von der Welt und die solche Dinge eifersüchtig versteckt halten, wenn sie sie bekommen.“
 
„Du hast ganz recht“, bestätigte Dame Wang und nickte dazu.
 
Als Bau-tschai sich verabschiedet hatte und niemand weiter im Zimmer war, rief Dame Wang nach Dschou Juees Frau und fragte sie, ob neulich bei der Durchsuchung des Gartens etwas herausgekommen sei. Dschou Juees Frau, die sich bereits mit Hsi-fëng und den anderen abgesprochen hatte, verheimlichte ihr nicht die geringste Kleinigkeit und gab einen klaren Bericht.
 
Nachdem Dame Wang alles gehört hatte, war sie erschrocken und zornig zugleich, außerdem war sie jedoch auch betreten, denn schließlich war Sï-tji aus Ying-tschuns Gesinde und gehörte damit zum anderen Wohngehöft. So sah sie keine andere Möglichkeit, als jemand zu Dame Hsing zu schicken, um ihr die Sache zu melden.
 
Aber Dschou Juees Frau wandte ein: „Schon neulich hat die gnädige Frau von drüben der Frau von Wang Schan-bau vorgeworfen, sie sei übereifrig gewesen, und hat ihr ein paar Ohrfeigen gegeben. Seitdem ist sie unter dem Vorwand von Krankheit zu Hause geblieben und wagt es nicht, sich zu zeigen. Zumal Sï-tji ihre Enkelin ist, und sie sich mit dieser Sache ins eigene Fleisch geschnitten hat. Darum tut sie jetzt notgedrungen so, als ob sie nichts davon wüßte, so daß mit der Zeit Gras darüber wächst. Wenn wir jetzt hinübergehen und die Sache melden, wird sie wohl wieder mißtrauisch werden, und es würde so aussehen, als ob nun wir übereifrig wären.
 
Darum wäre es das beste, wenn man Sï-tji direkt zur gnädigen Frau hinüberbringt und sie ihr zusammen mit den Beweisstücken vorführt. Dann bekommt sie eine Tracht Prügel und wird mit jemand verheiratet, und es wird eine neue Magd bestimmt. Wäre das nicht viel unkomplizierter?
 
Wenn wir es einfach nur melden gehen, wird die gnädige Frau von drüben tausend Einwände machen und wird sagen: ‚Wenn das so ist, hätte Eure gnädige Frau die Sache regeln müssen. Was wollt ihr also noch von mir?‘ Würde damit nicht alles nur verzögert werden? Und wenn sich das Mädchen eine Gelegenheit zunutze macht, um sich umzubringen, wäre das auch nicht gut. Sie wird nun schon ein paar Tage bewacht, und jeder Mensch wird einmal nachlässig. Wenn es wirklich dazu käme, würde ein weiterer Skandal daraus entstehen.“
 
Dame Wang dachte eine Zeitlang darüber nach, dann sagte sie: „Das ist richtig. Bringen wir also die Sache schnell zum Abschluß und nehmen uns dann die Verführerinnen im eigenen Haushalt vor!“
 
Als Dschou Juees Frau das hörte, holte sie die anderen Sklavenfrauen zusammen und ging mit ihnen zu Ying-tschun, um ihr zu berichten: „Die gnädigen Frauen haben gesagt, Sï-tji sei jetzt groß, und da ihre Mutter immer wieder darum bat, hat die gnädige Frau jetzt gestattet, daß ihre Mutter sie verheiratet. Sie soll jetzt gehen, und dann wird eine andere gute Magd ausgewählt, um Euch zu bedienen, Fräulein.“ Und damit befahl sie Sï-tji, sie solle ihre Sachen packen und ihnen folgen.
 
Ying-tschun waren bei diesen Worten die Tränen in die Augen getreten, und sie schien sich nicht von Sï-tji trennen zu wollen. Aber da sie gehört hatte, was die anderen Sklavenmädchen in den vergangenen Nächten leise über den wahren Grund gesagt hatten, konnte sie trotz der Gefühle, die sich im Laufe der Jahre entwickelt hatten und die ihr die Trennung schwer machten, nichts unternehmen, weil es um die Sittlichkeit ging.
 
Sï-tji hatte Ying-tschun so sehr gebeten und wirklich gehofft, sie würde ihre Begnadigung erwirken, aber Ying-tschun war nicht redegewandt und ließ sich leicht beeinflussen, anstatt ihre eigene Meinung zu vertreten.
 
Als Sï-tji sah, was geschah, und erkennen mußte, daß man ihr nicht verzieh, sagte sie unter Tränen: „Wie hartherzig Ihr seid, Fräulein! In den letzten Tagen habt Ihr mich an der Nase herumgeführt, jetzt aber wißt Ihr wohl keinen einzigen Satz mehr zu sagen?“
 
„Erwartest du vielleicht noch, daß das Fräulein dich behält?“ fragte Dschou Juees Frau. „Selbst wenn sie dich behielte, könntest du doch hier im Garten niemand mehr in die Augen sehen. Also tu, was wir dir im Guten sagen, pack schnell deine Sachen und komm ohne große Umstände mit! Das ist für alle Seiten ehrenvoller.“
 
Weinend setzte Ying-tschun hinzu: „Ich weiß, daß du irgend etwas Schlimmes getan haben mußt. Wenn ich mich jetzt zu sehr für dich einsetze, damit du bleiben darfst, ist es doch auch mit mir aus. Schau dir Ju-hua an! Sie war auch jahrelang hier. Wieso ist sie denn gegangen, kaum daß man es ihr gesagt hat? Und es geht ja natürlich auch nicht nur um euch beide. Ich glaube, alle im Garten, die groß geworden sind, werden gehen müssen. Und da wir uns eines Tages doch trennen müssen, scheint es mir besser, du gehst freiwillig.“
 
„Ihr seid ein verständiger Mensch, Fräulein“, lobte Dschou Juees Frau. „Und du sei ganz ruhig, bald werden noch andere fortgeschickt.“
 
Nun hatte Sï-tji keine andere Wahl mehr. Unter Tränen machte sie vor Ying-tschun ihren Stirnaufschlag, und als sie sich von ihren Mitschwestern verabschiedet hatte, flüsterte sie Ying-tschun noch zu: „Erkundigt Euch bitte, ob ich bestraft werden soll, und legt ein gutes Wort für mich ein, um unseren Beziehungen als Herrin und Dienerin gerecht zu werden!“
 
„Sei unbesorgt!“ antwortete Ying-tschun, ebenfalls mit Tränen in den Augen.
 
Nun führte Dschou Juees Frau Sï-tji zum Hoftor hinaus, dann befahl sie, zwei von den Sklavenfrauen sollten Sï-tjis Sachen tragen. Aber kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, kam ihnen Hsiu-djü hinterhergeeilt, die sich mit einer Hand die Tränen abwischte, während sie mit der anderen Sï-tji einen seidenen Beutel reichte. Dabei sagte sie: „Das schickt dir das Fräulein. Nachdem ihr so lange als Herrin und Dienerin zusammengewesen seid und euch nun trennen müßt, soll dies ein Andenken für dich sein.“
 
Sï-tji nahm den Beutel entgegen, und unwillkürlich flossen ihre Tränen noch reichlicher, während sie jetzt mit Hsiu-djü zusammen weinte. Aber ungeduldig mahnte Dschou Juees Frau zur Eile, und die beiden mußten sich trennen.
 
„Drückt doch bitte ein Auge zu, Tante, und macht ein Weilchen halt, damit ich mich von den Schwestern verabschieden kann, mit denen ich befreundet war und mit denen ich mich all die Jahre hindurch so gut verstanden habe!“ bat Sï-tji weinend.
 
Aber Dschou Juees Frau und die übrigen Sklavenfrauen hatten andere Sorgen und wollten sich deshalb nicht die Zeit dafür nehmen. Außerdem war es ihnen zutiefst verhaßt, wie sich Sï-tji und die anderen Sklavenmädchen stets aufgespielt hatten. Darum ließen sie sich jetzt auf nichts ein, und Dschou Juees Frau sagte mit kühlem Lächeln: „Ich rate dir, geh und trödel nicht herum! Wir haben schließlich auch noch ernsthafte Dinge zu besorgen. Stammt hier vielleicht jemand mit dir aus einem Mutterleib? Wozu willst du dich also von ihnen verabschieden? Sie würden dich nicht einmal ansehen, wenn du lachen würdest. Du willst nur herumbummeln, um Zeit zu gewinnen. Glaubst du etwa, damit würde sich die Sache erledigen? Hör, was ich dir sage, und geh jetzt schnell!“
 
Das sagte sie, ohne auch nur stehenzubleiben, und führte Sï-tji zum hinteren Seitentor hinaus. So blieb Sï-tji nichts weiter übrig, als ihr zu folgen, zumal sie es auch nicht wagte, noch etwas einzuwenden.
 
Durch Zufall kam eben Bau-yü durch das Tor herein, und als er sah, daß Sï-tji hinausgeführt wurde und daß man ihr ihre Sachen hinterhertrug, erriet er, daß sie wegging, um nicht mehr wiederzukommen. Bau-yü hatte gehört, was sich neulich in der Nacht ereignet hatte, und er hatte auch bemerkt, daß sich Tjing-wëns Zustand seit jener Nacht verschlimmerte, ohne daß sie ihm auf seine Nachfragen eine Erklärung gab. Dann hatte er festgestellt, daß Ju-hua verschwunden war, und jetzt sah er, daß auch Sï-tji fortging, und unwillkürlich wurde ihm zumute, als ob ihm die Seele aus dem Leib fahren wollte. Rasch stellte er sich den Frauen in den Weg und fragte: „Wohin bringt ihr sie?“
 
Dschou Juees Frau und die anderen Sklavinnen wußten sehr gut, wie sich Bau-yü stets benahm, und befürchteten, er würde durch sein Geschwätz die Sache verderben, darum erwiderten sie ihm lächelnd: „Mit dir hat das nichts zu tun. Geh an deine Bücher!“
 
„Liebe Schwestern, so wartet doch!“ bat Bau-yü lächelnd. „Ich habe euch etwas zu sagen.“
 
„Die gnädige Frau hat uns verboten, auch nur einen Augenblick zu zögern“, beharrte Dschou Juees Frau. „Was also gäbe es da noch zu sagen?! Wir haben nur auszuführen, was die gnädige Frau uns befiehlt, und um andere Dinge können wir uns nicht groß bekümmern.“
 
Sï-tji, die sich an Bau-yü klammerte, kaum daß sie ihn erblickt hatte, bat ihn jetzt: „Sie können da nichts machen. Geh doch du zur gnädigen Frau und bitte für mich!“
 
Unwillkürlich wurde auch Bau-yü von Kummer ergriffen, und mit Tränen in den Augen sagte er: „Ich weiß nicht, was du Schlimmes angestellt hast. Tjing-wën ist auch krank, und du gehst jetzt fort. Was soll werden, wenn ihr alle geht?“ Ungeduldig fuhr Dschou Juees Frau inzwischen Sï-tji an: „Du bist jetzt kein Beinahe-Fräulein mehr, und wenn du nicht hören willst, kann ich dich auch schlagen. Bilde dir nur nicht ein, du könntest dich noch genauso aufführen wie früher, als dein Fräulein die Hand über dich gehalten hat. Sieh zu, daß du endlich weiterkommst, anstatt hier noch lange zu schwatzen. Was ist das überhaupt für ein Benehmen, sich so an den jungen Herrn zu klammern?“ Und ohne sich auf weitere Erörterungen einzulassen, zogen die Sklavenfrauen Sï-tji mit sich fort.
 
Bau-yü hatte Angst, die Frauen könnten ihn anschwärzen gehen, darum starrte er ihnen nur böse nach, und erst als sie schon weit fort waren, streckte er die Hand nach ihnen aus und sagte empört: „Merkwürdig, merkwürdig! Wie kommt es nur, daß die Frauen, kaum daß sie verheiratet sind und mit Männergeruch in Berührung kommen, so gemein werden, daß man eher sie umbringen möchte als die Männer?“
 
Als die alten Sklavenfrauen, die das Gartentor zu hüten hatten, diese Worte vernahmen, mußten sie unwillkürlich lachen und fragten ihn: „Demnach sind wohl alle Mädchen gut, und alle Frauen sind schlecht?“
 
„Genau so ist es“, bestätigte Bau-yü und nickte dazu.
 
Lächelnd baten die Sklavenfrauen: „Dann erklärt uns doch bitte noch einen Satz, den wir in unserer Dummheit nicht verstehen...“
 
Aber noch ehe sie weitersprechen konnten, kamen einige andere alte Sklavenfrauen und warnten sie dringend: „Seid vorsichtig! Ruft alle zusammen und bleibt auf euren Posten! Die gnädige Frau kommt persönlich in den Garten, um das Personal zu inspizieren. Wahrscheinlich wird sie auch hierher kommen. Außerdem hat sie befohlen, daß der Vetter der Magd Tjing-wën aus dem Hof der Freude am Roten und die Frau des Vetters sofort geholt werden und hier warten, um Tjing-wën mitzunehmen.“
 
Dann setzten sie lächelnd hinzu: „Buddha Amitabha! Endlich hat der Himmel die Augen geöffnet und schafft uns diese bösartige Hexe vom Hals. Jetzt werden wir alle ein bißchen friedlicher leben!“
 
Kaum hatte Bau-yü gehört, Dame Wang sei im Garten, um das Personal zu inspizieren, befürchtete er sogleich, jetzt werde auch Tjing-wën nicht mehr zu halten sein, und wie im Flug stürzte er davon. Deshalb hatte er die letzte Äußerung der Zufriedenheit schon nicht mehr wahrgenommen.
 
Als Bau-yü in den Hof der Freude am Roten trat, fand er dort einen ganzen Trupp Leute vor. Dame Wang saß mit zorniger Miene im Zimmer und schenkte ihm keine Beachtung, als sie ihn sah.
 
Tjing-wën hatte schon vier, fünf Tage lang nicht einmal Wasser und Reis zu sich genommen. Sie war krank und schwach. Als sie jetzt vom Ofenbett gezerrt wurde, war ihr Haar zerzaust, und ihr Gesicht war schmutzig, zwei Frauen mußten sie stützen. Auf Befehl von Dame Wang durfte sie nur behalten, was sie auf dem Leib trug. All ihre guten Kleider sollten dableiben, damit bessere Mädchen sie tragen könnten.
 
Dann gab Dame Wang den Befehl, alle Sklavenmädchen des Gehöfts zusammenzurufen, um sich eine nach der andern anzusehen. Nachdem Dame Wang neulich wütend geworden war und Wang Schan-baus Frau die Gelegenheit genutzt hatte, um Tjing-wën zu Fall zu bringen, hatten sich noch andere gefunden, die sich mit den Mädchen im Garten nicht verstanden und deshalb ebenfalls die Gunst der Stunde nutzten, um ein paar Worte anzubringen.
 
Dame Wang hatte sich alles gut gemerkt, und nur weil sie durch die Feiertage beschäftigt gewesen war, hatte sie sich einige Tage geduldet. Jetzt aber war sie extra gekommen, um alle Mädchen persönlich in Augenschein zu nehmen. Dabei war die Sache mit Tjing-wën nur das eine, denn man hatte sie darauf aufmerksam gemacht, daß Bau-yü schon groß sei und um die Geheimnisse der Erwachsenen wisse, doch statt sich zu vervollkommnen, werde er durch die Mägde in seinen Räumen verdorben. Dies war schlimmer als die Anwesenheit von Tjing-wën, und deshalb sah sich Dame Wang jedes einzelne Sklavenmädchen von Hsi-jën bis hinunter zu den allergeringsten, die für grobe Arbeiten eingesetzt waren, mit eigenen Augen an. Anschließend fragte sie: „Wer hat an einem Tag mit Bau-yü Geburtstag?“
 
Das betreffende Mädchen wagte nicht, sich zu melden, aber eine alte Amme zeigte mit dem Finger auf sie und sagte: „Hier, diese Huee-hsiang, die auch Sï-örl genannt wird, hat am selben Tag Geburtstag wie er.“
 
Dame Wang sah sich das Mädchen aufmerksam an, und wenn es auch nicht halb so gut aussah wie Tjing-wën, war es doch in einem bestimmten Maße frisch und lieblich. Ihrem Benehmen war anzumerken, daß sie klug war, und auch ihre Aufmachung unterschied sich von der der übrigen.
 
Mit kühlem Lächeln sagte Dame Wang: „Noch so ein schamloses Ding! Sie hat insgeheim behauptet, wenn zwei am selben Tag Geburtstag hätten, würden sie Mann und Frau. – Das hast du doch gesagt? Du hast wohl geglaubt, weil ich weit weg wohne, wüßte ich von nichts? Aber wie du siehst, bin ich körperlich zwar nicht oft hier, mein Herz und meine Ohren aber sind es sehr wohl. Glaubt ihr, ich würde meinen einzigen Sohn in aller Seelenruhe von euch verführen und verderben lassen?“
 
Als Sï-örl hörte, wie Dame Wang die Worte wiederholte, die sie ehedem heimlich zu Bau-yü gesagt hatte, wurde sie unwillkürlich rot, ließ den Kopf hängen und begann zu weinen. Dame Wang befahl sofort, man solle ihre Angehörigen kommen lassen, um sie abzuholen und mit jemandem zu verheiraten. Dann fragte sie: „Wer ist Yä-lü Hsiung-nu?“
 
Die alten Ammen zeigten auf Fang-guan, und Dame Wang erklärte: „Ein Schauspielermädchen ist natürlich ein Fuchsdämon<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 1160.</ref>! Als ihr letztens freigelassen werden solltet, wolltet ihr nicht fort. Aber dann hättet ihr euch bescheiden in euer Los fügen müssen. Du aber spukst hier herum und stiftest Bau-yü zu allem möglichen Unfug an.“
 
„Wie würde ich das wagen!“ verteidigte sich Fang-guan lächelnd.
 
„Du widersprichst mir noch?“ fragte Dame Wang und lächelte dabei ebenfalls. „Dann frage ich dich, wer hat im vorvorigen Jahr, während wir an den Kaisergräbern waren, Bau-yü dazu angestiftet, diese Wu-örl von den Lius zu sich zu nehmen? Glücklicherweise war es dem Mädchen vom Schicksal beschieden, jung zu sterben. Wenn sie hier hereingekommen wäre und du dich mit ihr zusammengetan hättest, dann hättet ihr den ganzen Garten auf den Kopf gestellt. Von anderen ganz zu schweigen, du hast ja selbst deine eigene Pflegemutter an die Wand gedrückt.“
 
Dann befahl sie: „Ruft ihre Pflegemutter, damit sie sie abholt! Sie darf ihr selbst einen Bräutigam von außerhalb suchen. Und gebt ihr all ihre Sachen mit!“
 
Als nächstes ordnete sie an, von den Schauspielermädchen, die man damals den einzelnen Mädchen zugeteilt hatte, dürfe keine einzige im Garten bleiben. Sie sollten alle von ihrer jeweiligen Pflegemutter abgeholt und nach deren Ermessen verheiratet werden.
 
Kaum war dieser Befehl übermittelt, als sich die Pflegemütter der Schauspielermädchen sogleich außerordentlich dankbar und zufrieden zeigten. Alle gemeinsam erschienen sie vor Dame Wang, um sich kniefällig zu bedanken und die Mädchen fortzuführen.
 
Dann durchsuchte Dame Wang alle Sachen in Bau-yüs Räumen, und alles, was ihr befremdlich vorkam, ließ sie einstecken oder zusammenrollen und in ihre eigenen Räume tragen. „Jetzt herrscht Sauberkeit“, sagte sie anschließend, „und wir erspraren uns das Gerede von Außenstehenden.“
 
Hsi-jën und Schë-yüä wurden ermahnt: „Nehmt euch in acht! Wenn auch nur das Geringste passiert, kenne ich kein Erbarmen mehr! Ich habe schon nachschlagen lassen<ref>Im alten China war im offiziellen Kalender und in verschiedenen schriftlichen Ratgebern verzeichnet, welche Tage wofür Glück oder Unglück verhießen. Vgl. o., 1. Kapitel (S. 19), wo es um einen Glückstag für den Antritt einer Reise geht.</ref>, dieses Jahr ist für einen Umzug nicht geeignet, darum soll er einstweilen noch hierbleiben, aber nächstes Jahr zieht ihr wieder mit ihm aus, damit ich Ruhe finde.“
 
Nach diesen Worten führte Dame Wang ihr ganzes Gefolge hinaus, ohne auch nur Tee getrunken zu haben, und setzte ihre Inspektion an anderer Stelle fort. Aber wir wollen nicht vorgreifen.
 
Bau-yü hatte ursprünglich angenommen, Dame Wang sei nur zu einer einfachen Kontrolle gekommen und es läge nichts weiter vor. Nun aber war sie förmlich mit Donner und Blitz erschienen. Alle ihre Vorwürfe hatten Dinge betroffen, die wirklich gesagt worden waren, und kein Wort davon war unwahr. Darum ließ sich wahrscheinlich an ihren Entschlüssen nichts mehr ändern.
 
Bau-yü wäre vor lauter Wut zwar am liebsten gestorben, aber solange Dame Wang voller Zorn war, wagte er kein überflüssiges Wort zu sagen und keinen überflüssigen Schritt zu tun. Statt dessen begleitete er sie bis zum Duftgetränkten Pavillon. Hier befahl ihm Dame Wang: „Geh zurück und lies brav in deinen Büchern! Paß auf, wenn du morgen gefragt wirst! Dein Vater hat sich vorhin schon einmal geärgert.“
 
Erst nach dieser Aufforderung machte Bau-yü kehrt. Den ganzen Weg überlegte er: „Wer kann da so geschwätzig gewesen sein? Zumal doch niemand etwas davon weiß, was bei mir vorgeht. Warum konnte sie das alles so genau sagen?“ Mit diesem Gedanken trat er ins Haus und erblickte Hsi-jën, die ihren Tränen freien Lauf ließ.
 
Wie sollte sich Bau-yü jetzt nicht betrüben, da ihm der wichtigste Mensch genommen wurde! Also warf er sich aufs Bett und heulte ebenfalls.
 
Hsi-jën wußte, daß ihm nichts so nahe ging wie die Trennung von Tjing-wën, darum stieß sie ihn an und redete ihm zu: „Weinen hat keinen Zweck. Steh auf und laß dir sagen, Tjing-wën ging es schon besser. Jetzt kann sie sich noch zu Hause ein paar Tage in Ruhe erholen. Wenn du wirklich nicht von ihr lassen kannst, dann warte, bis der Zorn der gnädigen Frau verraucht ist, und bitte dann bei der alten gnädigen Frau. Dann kann es nicht schwer sein, daß sie mit der Zeit wieder zurückkommen darf. Es ist nur ein Zufall, daß die gnädige Frau auf die Verleumdungen der Leute gehört und im Zorn so entschieden hat.“
 
„Ich weiß nicht, was für ein himmelschreiendes Verbrechen Tjing-wën begangen haben soll“, sagte Bau-yü schluchzend.
 
„Die gnädige Frau verübelt ihr nur, daß sie so gut ausieht und dadurch unvermeidlich ein wenig leichtfertig ist“, erläuterte Hsi-jën. „Sie weiß nur zu gut, daß kein Friede herrschen kann, wo so eine Schönheit lebt, und deshalb verabscheut sie sie. Solche plumpen, groben Dinger wie wir aber sind ihr recht.“
 
„Das mag sein“, sagte Bau-yü, „aber woher weiß sie selbst unsere heimlichen Scherzworte? Die kann kein Fremder verraten haben. Das ist merkwürdig.“
 
„Du selbst kennst doch keine Tabus“, entgegnete Hsi-jën. „Wenn du dich einmal freust, ist es dir ganz egal, ob jemand dabei ist oder nicht. Wenn ich dir Zeichen machte und dich zu warnen versuchte, wußten die Leute schon alles, ehe du auch nur etwas gemerkt hast.“
 
„Aber wie kommt es, daß die gnädige Frau, wenn sie über die Fehler von allen Bescheid weiß, weder dich noch Schë-yüä oder Tjiu-wën angesprochen hat?“ fragte Bau-yü verwundert.
 
Betroffen senkte Hsi-jën den Kopf, als sie das hörte, und wußte lange nichts zu erwidern, bis sie endlich mit lächelnder Miene sagte: „Ja, eben! Wenn man bedenkt, daß auch wir in unseren unbedachten Scherzen gegen die guten Sitten verstoßen, warum hat sie uns dann vergessen? Wahrscheinlich hat sie noch andere Sorgen, und erst wenn sie damit fertig ist, wird sie sich uns vornehmen. Wer weiß?“
 
„Du bist das gerühmte Muster an Güte und Tüchtigkeit, und die beiden hast du geformt und erzogen. Was sollte es bei euch für Verstöße zu bestrafen geben?“ sagte Bau-yü lächelnd. „Fang-guan ist noch klein und ein bißchen zu keck, so hat sie sich unvermeidlich aufs hohe Roß gesetzt und Leute unter Druck gesetzt, deren Haß sie sich dadurch zuzog. Bei Sï-örl trage ich die Schuld. Als ich mich einmal mit dir gezankt hatte, befahl ich sie hinterher zu mir, um sie einige feinere Arbeiten verrichten zu lassen, und so hat sie sich eine höhere Stellung angemaßt. Nur dadurch ist es zu diesem Ende gekommen.
 
Aber Tjing-wën ist genau wie du in jungen Jahren aus den Räumen der alten gnädigen Frau hierher gekommen. Und wenn sie auch besser gewachsen ist als andere, so ist doch das kein besonderer Hinderungsgrund. Und mag sie ihrem Charakter nach auch offenherzig sein und eine scharfe Zunge haben, so hat sie doch euch nichts getan. Ich denke mir, sie ist wirklich zu gut gewachsen, und das hat ihre Sache verdorben.“ Bei diesen Worten brach er wieder in Tränen aus.
 
Hsi-jën bedachte sorgfältig, was er gesagt hatte, und es schien ihr, als ob er an ihr zweifelte. Darum konnte sie ihm nicht gut länger zureden und sagte statt dessen seufzend: „Der Himmel allein weiß es. Du wirst jetzt doch nicht herausfinden, wer daran schuld ist, und sinnlos herumzuheulen hat keinen Zweck. Das beste wird sein, du beruhigst dich und wartest ab, bis die alte gnädige Frau einmal in guter Stimmung ist. Dann erklärst du ihr alles und verlangst Tjing-wën zurück.“
 
„Du mußt mich nicht mit haltlosen Bemerkungen zu trösten versuchen“, entgegnete Bau-yü, „wie soll ich abwarten, bis die gnädige Frau sich beruhigt hat, und dann auf eine günstige Gelegenheit lauern, um Tjing-wën zurückzuverlangen? Wartet ihre Krankheit vielleicht? Seitdem sie als Kind hierher kam, ist sie verwöhnt worden und hat keinen einzigen Tag lang Kränkungen hinnehmen müssen. Selbst ich, der ich ihren Charakter kenne, habe sie oft genug verletzt.
 
Daß sie jetzt weggeschickt wurde, ist dasselbe, als würde ein Orchideentopf, der eben die ersten zarten Blätter bekommt, in den Schweinekoben gestellt. Zumal sie schwer krank ist und obendrein noch voller Verdruß. Sie hat auch keine leiblichen Eltern mehr, sondern nur einen ständig betrunkenen Vetter. Wie lange wird sie es dort aushalten können, so wenig, wie sie an so etwas gewöhnt ist? Wer weiß, ob ich sie überhaupt noch einmal wiedersehe!“
 
Lachend erwiderte Hsi-jën darauf: „Also wirklich, du bist wie der Bezirksvorsteher, der die ganze Stadt in Brand stecken kann<ref>Der Ausdruck ist bildlich zu verstehen. Der Überlieferung nach verbot ein Bezirksvorsteher namens Tiän Dëng aus Gründen des Namenstabus (vgl. o., Anm. zu S. 43, sowie u. im Text des 79. Kapitels die Handhabung des Namenstabus durch Hsia Djin-guee) den Gebrauch des Wortes ‚Lampe‘, ‚Laterne‘ (dëng), weil es ein Homophon seines Rufnamens war, und gestattete als Ersatz nur das Wort ‚Feuer‘. Als dann zum Laternenfest (vgl. o., Anm. zu S. 13) die Häuser mit Laternen geschmückt werden sollten, ließ er anschlagen, in der Stadt sei drei Tage lang ‚Feuer zu entfachen‘, was auch verstanden werden kann als ‚die Stadt ist drei Tage lang in Brand zu stecken.‘</ref>, während die Bevölkerung nicht einmal eine Lampe anzünden darf. Wenn wir einmal aus Versehen einen störenden Satz sagen, dann heißt es, das sei unheilbringendes Gerede. Jetzt aber dichtest du ihr ohne weiteres etwas an, als ob es so sein müßte. Auch wenn sie zarter sein mag als andere, wird es doch so schlimm nicht kommen.“
 
„Ich dichte ihr nicht einfach etwas an, schon im Frühjahr hat es ein Vorzeichen gegeben“, verteidigte sich Bau-yü.
 
Sofort wollte Hsi-jën wissen, was das gewesen sei, und Bau-yü erklärte ihr: „Der blühende Zierapfelbaum unten an der Treppe ist ohne jeden Grund zur Hälfte verdorrt, und da wußte ich, daß etwas passieren wird. Nun hat es sich an ihr bewahrheitet.“
 
Wieder lachte Hsi-jën, ehe sie ihm endlich vorhielt: „Eigentlich wollte ich es ja nicht sagen, aber nun kann ich es nicht mehr für mich behalten. Du benimmst dich wirklich wie ein altes Weib. Wie kann ein studierter Mann so etwas sagen! Kümmern sich Pflanzen und Bäume vielleicht um die Menschen? Wenn du nicht weibisch bist, bist du wirklich zum Trottel geworden.“
 
„Was wißt ihr schon davon!“ sagte Bau-yü und seufzte. „Nicht nur Pflanzen und Bäume, alle Dinge auf der Welt haben Gefühl und Verstand wie die Menschen. Und wenn sie einen verständnisvollen Freund gefunden haben, sind sie außerordentlich feinfühlig. Wenn ich dir große Beispiele nennen soll, so sind da der Wacholderbaum vor dem Konfuziustempel<ref>Der Wacholderbaum innerhalb des ‚Tors des Großen Vollendeten‘ (Da-tschëng mën) im Konfuziustempel in Tjü-fu, Provinz Schan-dung, der der Überlieferung nach von Konfuzius selbst gepflanzt wurde, ist angeblich im Laufe der Geschichte mehrmals verdorrt, um später wieder auszuschlagen. Der heutige, mehr als 10 Meter hohe Baum, soll aus einem frischen Trieb gewachsen sein, der sich 1732 entwickelte.</ref>, die Schafgarbe an Konfuzius‘ Grab<ref>Schafgarbenstengel dienten im alten China zu Orakelzwecken. Als besonders wirksam hierfür galten die Pflanzen, die am Grab von Konfuzius bei Tjü-fu wuchsen.</ref>, der Lebensbaum vor dem Tempel für Dschu-gë Liang<ref>Dschu-gë Liang (181 – 234) war der Ratgeber von Liu Bee, einem der Thronprätendenten in der Zeit der Drei Reiche. Er gilt als Muster eines scharfsinnigen Strategen. Sein Gedächtnistempel steht in Tschëng-du, der Hauptstadt der Provinz Sï-tschuan.</ref> und die Kiefern an Yüä Fees Grab<ref>Yüä Fee (1103 – 1141) war ein General des Sung-Kaisers Gau-dsung und trat für entschiedenen Widerstand gegen die von Norden eindringenden DschurDschën ein. Von Landesverrätern mit Tjin Huee (vgl. o., Anm. zu S. 39: Tjin Huee) an der Spitze verleumdet, wurde er inhaftiert und hingerichtet. Von den Kiefern an seinem Grab in Hang-dschou, Prov. Dschë-djiang, heißt es, alle ihre Äste hätten nach Süden gezeigt, weil die Sung-Dynastie nur noch über Südchina herrschte.</ref>.
 
All das sind berühmte Gewächse, die dem aufrechten Geist dieser Männer folgen und in Jahrtausenden nicht vergehen. Wenn die Welt in Unordnung ist, dann verkümmern sie, und wenn die Welt in Ordnung ist, dann gedeihen sie wieder. Im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende sind sie mehrmals verdorrt und wieder zum Leben erwacht. Sind das etwa keine Vorzeichen?
 
Wenn ich dir kleine Beispiele anführen soll, so sind da die Päonien vor dem Adlerholzpavillon der Yang Tai-dschën<ref>Davon, daß der Tang-Kaiser Ming-huang (vgl. o., Anm. zu S. 40: Tang-Kaiser Ming-huang) mit seiner Lieblingsnebenfrau Yang zusammen am Adlerholzpavillon die Päonien bewunderte, ist in der ‚Inoffiziellen Lebensbeschreibung der Yang Tai-dschën‘ (Yang Tai-dschën wai-dschuan), Buch 1, von Yüä Schï (930 – 1007) die Rede. Oben (im 23. Kap.) wird erwähnt, Bau-yü habe das Buch gelesen.</ref> und der Baum des Gedenkens an ihrem Aufrechten Turm<ref>In Buch 2 von Yüä Schïs ‚Inoffizieller Lebensbeschreibung...‘ wird erzählt, in einem Palast in Lin-tung, in dem Kaiser Ming-huang den Winter zu verbringen pflegte, habe es ein Gebäude mit Namen Aufrechter Turm (Duan-dschëng lou) gegeben, in dem die Nebenfrau Yang sich frisierte und wusch. Weiter heißt es dort, nachdem der Kaiser Ma-wee verlassen hatte (vgl. o., Anm. zu S. 888: ‚Erinnerungen an Ma-wee‘), habe er neben einem Kloster einen Glanzmispelbaum (Photinia serrulata) gesehen, dessen Anblick im Freude bereitete und dem er den Namen Aufrechter Baum (Duan-dschëng schu) verliehen habe, ‚wohl weil es etwas gab, dessen er gedachte.‘ Diese Episode kommt schon in den ‚Vermischten Aufzeichnungen über Ming-huang‘ (Ming-huang dsa-lu) des Dschëng Tschu-huee vor, der in der ersten Hälfte des 9. Jh. lebte. In einem Gedicht seines Zeitgenossen Wën Ting-yün (vgl. o., Anm. zu S. 41: Wën Fee-tjing) wird dieser ‚Aufrechte Baum‘ auch ‚Baum des Gedenkens‘ genannt.</ref> zu nennen sowie das Gras auf dem Grabhügel der Wang Dschau-djün<ref>Über Wang Dschau-djün vgl. o., Anm. zu S. 92 (Wang Tjiang) und zu S. 1167 (Haremsdame Ming), über den Grabhügel o., Anm. zu S. 887 (‚Erinnerungen an den Düsteren Hügel‘). Der Name Düsterer Hügel kann auch als Grüner Hügel verstanden werden, und eine Sage behauptet, allein auf diesem Grabhügel wachse grünes Gras, während es sonst in der Gegend nur weißes (graues?) Gras gebe.</ref>. Sind das nicht ebenfalls feinfühlige Gewächse? Genauso wollte auch der Zierapfelbaum anzeigen, daß seine Herrin sterben wird, und darum ist zuerst er zur Hälfte gestorben.“
 
Als Hsi-jën diese närrische Rede hörte, war ihr zum Lachen wie auch zum Seufzen zumute, und lächelnd sagte sie: „Du bringst mich wirklich immer mehr in Zorn mit deinem Gerede. Wer ist denn Tjing-wën, daß du dir solche Gedanken machst und sie mit so großen Menschen vergleichst? Und außerdem, wie gut sie auch sein mag, kann sie mir doch den Rang nicht streitig machen. Wenn also von dem Zierapfelbaum die Rede ist, deutet er wohl zuerst auf mich, ehe sie an die Reihe kommt. Wahrscheinlich werde also ich sterben müssen!“
 
Als Bau-yü das hörte, hielt er ihr rasch den Mund zu und redete auf sie ein: „Warum mußt du so etwas sagen? Noch ist das Schicksal der einen nicht klar, da fängst du auf diese Weise an. Schluß jetzt, wir reden nicht mehr davon! Sonst könnte es geschehen, daß zu den dreien, die ich schon verloren habe, noch eine vierte hinzukommt.“
 
Hsi-jën hörte dies mit heimlicher Freude und sagte sich: „Wie hättest du die Sache auch anders zum Abschluß bringen wollen?“
 
„In Zukunft wollen wir nicht mehr davon reden und einfach so tun, als ob die drei tot wären, und das ist alles“, schlug Bau-yü vor. „Schließlich hat es ja auch schon Tote gegeben, ohne daß es mir viel ausgemacht hätte. Das ist genau dasselbe. Jetzt aber wollen wir von der Gegenwart sprechen! Denn ihre Sachen sind noch hier, und man darf zwar Höherstehende betrügen, aber nicht die Tieferstehenden. Darum mußt du heimlich jemand hinschicken, der ihr die Sachen bringt. Und wenn wir vielleicht noch erspartes Geld haben, solltest du ihr davon ein paar Münzschnüre<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 299.</ref> schicken, damit sie sich auskurieren kann. Schließlich habt ihr eine Zeitlang wie Schwestern gelebt.“
 
„Du hältst uns wirklich für gar zu kleinlich und herzlos“, sagte Hsi-jën daraufhin lächelnd. „Als ob es erst deiner Aufforderung bedurft hätte! Vorhin schon habe ich alle ihre Kleider und was sie sonst noch besaß, zusammenpacken und beiseite legen lassen. Es gibt nur bei Tage zu viele neugierige Augen, so daß Unannehmlichkeiten daraus entstehen könnten, darum wollen wir bis zum Abend warten und dann heimlich Mutter Sung zu ihr schicken. Ich habe auch ein paar Münzschnüre gespart, die soll sie ebenfalls haben.“
 
Bau-yüs Dank nahm kein Ende, bis Hsi-jën endlich lächelnd bemerkte: „Schließlich bin ich doch seit langem ein gerühmtes Muster an Tüchtigkeit, muß ich mir da nicht wenigstens diesen Ruhm erwerben?“
 
Als Bau-yü diese Worte hörte, die er selbst eben gesagt hatte, lächelte er rasch und redete ein Weilchen begütigend auf Hsi-jën ein. Am Abend wurde Mutter Sung dann wirklich heimlich losgeschickt.
 
Nachdem Bau-yü durch entsprechende Aufträge alle beschäftigt wußte, hatte er die Möglichkeit, allein durch das rückwärtige Seitentor hinauszugehen und dort eine von den alten Sklavenfrauen zu bitten, sie möge ihn zu Tjing-wën führen. Zuerst wollte sich die Alte auf keinen Fall darauf einlassen und sagte, sie habe Angst, daß es jemand erfahren könnte. „Wenn es der gnädigen Frau gemeldet wird, habe ich nichts mehr zum Leben“, erklärte sie.
 
So mußte Bau-yü erst flehentlich bitten und einiges Geld versprechen, ehe die Alte ihn endlich hinführte.
 
Tjing-wën war seinerzeit von den Lais für Geld gekauft worden. Damals war sie erst zehn Jahre alt und ließ ihr Haar noch nicht wachsen. Weil sie oft von Mutter Lai mit ins Haus gebracht wurde und ebenso hübsch wie aufgeweckt war, fand die Herzoginmutter großes Gefallen an ihr. Daraufhin machte Mutter Lai sie der Herzoginmutter zum Geschenk, und so war sie schließlich in Bau-yüs Räume gekommen.
 
Als Tjing-wën ins Haus kam, erinnerte sie sich weder an ihre Heimat noch an ihre Eltern und wußte nur, daß sie einen Vetter hatte, der zwar ein guter Koch war, aber stellungslos herumlungerte. So bat Tjing-wën die Lais, sie sollten auch ihren Vetter kaufen, damit er eine Stellung bekam. Gerührt davon, daß Tjing-wën ihre alten verwandtschaftlichen Beziehungen nicht vergaß, obwohl sie inzwischen bei der Herzoginmutter diente, außerordentlich aufgeweckt war und eine spitze Zunge sowie ein temperamentvolles Wesen besaß, kauften die Lais auch Tjing-wëns Vetter und sorgten dafür, daß er ein Mädchen aus dem Hause zur Frau bekam.
 
Aber kaum daß der Vetter durch die Heirat in gesicherten Verhältnissen lebte, vergaß er auch schon, wie er jahrelang als Herumtreiber hatte leben müssen, und begann, hemmungslos zu trinken, ohne sich um seine Frau zu kümmern. Diese jedoch war eine gefühlvolle Schönheit, und als sie sah, daß ihr Mann sie nicht beachtete, empfand sie unvermeidlich den Kummer des Jadebaums zwischen gemeinem Schilf und die Qualen einer vernachlässigten jungen Frau. Doch dann stellte sie fest, daß ihr Mann sehr großzügig war und nicht im mindesten eifersüchtig, und nun ließ sie ihren Trieben und Gefühlen freien Lauf. Im ganzen Anwesen war sie auf der Suche nach Helden und Talenten, und schließlich hatte die Hälfte aller Männer, Herren so gut wie Sklaven, bei ihr die Prüfung abgelegt.
 
Wenn die Frage gestellt wird, wie die beiden hießen – es waren jener Trottel Duo und seine Frau Dëng, mit der Djia Liän, wie in einem früheren Kapitel erzählt wurde<ref>Siehe oben, 21. Kapitel.</ref>, zu tun gehabt hatte. Sie waren die einzigen Verwandten, die Tjing-wën noch besaß, und so hielt sie sich nach ihrem Hinauswurf im Hause der beiden auf.
 
Der Trottel Duo war ausgegangen, und Frau Dëng besuchte nach dem Essen eine Nachbarin, so daß Tjing-wën allein im äußeren Zimmer lag. Nachdem Bau-yü der alten Sklavin befohlen hatte, im Hof Wache zu halten, hob er den Strohvorhang auf und trat ins Haus. Auf den ersten Blick entdeckte er Tjing-wën, die auf dem Ofenbett aus gestampfter Erde schlief, das nur mit einer Schilfmatte bedeckt war. Zum Glück hatte sie noch ihr Bettzeug aus den alten Tagen.
 
Hilflos trat Bau-yü näher, streckte weinend die Hand nach ihr aus und berührte sie sacht, wobei er leise ihren Namen rief.
 
Tjing-wën, die sich verkühlt hatte und von ihrem Vetter und seiner Frau beschimpft worden war, hatte sich eine weitere Krankheit zugezogen und den ganzen Tag gehustet, ehe sie endlich eingenickt war. Als sie hörte, wie jemand sie rief, schlug sie mit Mühe ihre Sternenaugen auf, und als sie Bau-yü erkannte, war sie erschrocken und erfreut, betrübt und schmerzlich berührt zugleich.Mit aller Kraft umklammerte sie seine Hand, und erst nach langem Weinen und Schluchzen brachte sie den halben Satz hervor: „Ich glaubte schon, ich würde dich nicht mehr wiedersehen, ...“ Dann mußte sie unaufhörlich husten.
 
Auch Bau-yü konnte nichts anderes tun als schluchzen. Schließlich sagte Tjing-wën: „Buddha Amitabha! Gut, daß du gekommen bist! Gib mir eine halbe Schale von dem Tee! Ich habe solchen Durst und rief schon die ganze Zeit, ohne daß jemand kam.“
 
Rasch wischte sich Bau-yü die Tränen ab und fragte: „Wo ist der Tee?“
 
„Dort auf dem Ofensims“, erwiderte Tjing-wën.
 
Als Bau-yü sich umsah, erblickte er einen schwarzen irdenen Tiegel, der mit einer Teekanne keinerlei Ähnlichkeit hatte. Vom Tisch nahm er eine Schale, die so groß und so plump war, daß sie nicht wie eine Teeschale aussah, und noch bevor er sie in der Hand hielt, stieg ihm daraus ein ranziger Geruch in die Nase. Also spülte er sie erst ein paarmal mit Wasser aus, ehe er nach dem Tiegel griff und eine halbe Schale daraus eingoß. Das Getränk sah rötlich aus und gar nicht wie Tee.
 
„Gib schnell her und laß mich einen Schluck trinken!“ drängte ihn Tjing-wën, die sich auf ihr Kissen stützte. „Das ist schon Tee. Du kannst ihn natürlich nicht mit unserem vergleichen.“
 
Als Bau-yü das hörte, kostete er zunächst selbst einen Schluck, aber es schmeckte durchaus nicht aromatisch und frisch, sondern nur bitter und herb mit einer winzigen Andeutung von Teegeschmack. Jetzt erst reichte er Tjing-wën die Schale, und als ob es süßer Tau wäre, den sie bekommen hatte, stürzte sie die Flüssigkeit in einem Zug hinunter. Still bei sich dachte Bau-yü: „Mit dem guten Tee, den es bei uns gibt, war sie oftmals unzufrieden, und heute trinkt sie das hier. Da sieht man, daß die Alten recht hatten, wenn sie sagten ,Der Satte ist der Speisen überdrüssig, der Hungrige ißt sich an Abfällen satt.‘ Ebenso heißt es ja ,Wer satt ist vom Reis, sehnt sich nach nüchterner Reissuppe.‘ “
 
Unter Tränen fragte er sie: „Wolltest du mir etwas sagen? Dann tu es jetzt, solange wir allein sind!“
 
„Was soll ich schon sagen?“ erklärte Tjing-wën schluchzend. „Für mich zählen jetzt jeder Tag und jede Stunde. Ich weiß gut genug, daß ich spätestens in drei oder fünf Tagen heimgehen werde. Aber eines bereitet mir noch im Tode Verdruß. Ich bin zwar ein wenig hübscher als andere, aber ich hatte durchaus keine heimlichen Absichten auf dich und habe in keiner Weise versucht, dich zu verführen. Warum also hat man sich darauf versteift, ich sei eine Füchsin? Damit kann ich mich nicht abfinden.
 
Jetzt stehe ich unter diesem falschen Verdacht, doch obwohl ich meinem Ende entgegensehe, habe ich nichts zu bereuen. Hätte ich früher gewußt, wie alles kommt, dann hätte ich mich anders verhalten. So aber habe ich in meinem törichten Sinn geglaubt, wir würden zusammenbleiben. Nun ist dieses grundlose Gerücht aufgekommen, und ich muß Unrecht leiden, ohne mich irgendwo beklagen zu können.“ Nach diesen Worten brach sie erneut in Tränen aus.
 
Bau-yü griff nach ihrem Handgelenk und fühlte, daß es dürr wie trockenes Reisig geworden war. Dennoch trug sie noch vier silberne Ringe am Arm, und so sagte er weinend: „Leg sie doch ab, bis du wieder gesund bist!“ Und er streifte ihr die Armringe ab und schob sie unter das Kopfkissen. Dann sagte er: „Schade um deine Fingernägel! Mit wieviel Mühe hast du sie zwei Tsun lang wachsen lassen, und nun wirst du sie verderben, ehe du wieder gesund bist.“
 
Tjing-wën wischte sich die Tränen ab, griff nach einer Schere und schnitt die beiden langen Fingernägel an ihrer linken Hand, die den Röhrenblättern von Lauch glichen, bis zur Wurzel ab. Dann zog sie sich unter der Bettdecke ihre alte rote Seidenjacke aus, die sie auf der bloßen Haut trug, und reichte sie Bau-yü zusammen mit den Fingernägeln, wobei sie sagte: „Heb das auf! Wenn du es später ansiehst, wird es sein, als ob du mich selber siehst. Und zieh schnell deine Unterjacke aus und laß sie mich anziehen. Wenn ich dann einsam im Sarg liege, wird es mir vorkommen, als ob ich noch immer im Hof der Freude am Roten wäre. Eigentlich dürfte das nicht sein, aber da ich nun einmal zu Unrecht verdächtigt werde, bleibt mir gar nichts anderes übrig.“
 
Rasch zog Bau-yü sich um und steckte die Fingernägel zu sich.
 
Weinend forderte Tjing-wën ihn auf: „Wenn du zurück bist und die anderen das sehen, sollst du nicht lügen, sondern wahrheitsgemäß sagen, daß es von mir ist. Gerade weil man mich zu Unrecht verdächtigt hat. Und mehr ist es ja nicht.“
 
Kaum hatte sie das gesagt, als die Frau ihres Vetters lachend durch den aufgehobenen Vorhang hereinkam und sagte: „Bestens! Ich habe alles gehört, was ihr gesagt habt!“ Dann wandte sie sich an Bau-yü und fragte: „Was willst du als Herr hier in den Räumen des Gesindes? Du hast wohl bemerkt, daß ich jung und hübsch bin, und willst mich verführen?“
 
Erschrocken bat Bau-yü mit lächelnder Miene: „Nicht so laut, gute Schwester! Sie hat mir so lange gedient, darum bin ich heimlich gekommen, um nach ihr zu sehen.“
 
Nun zog Frau Dëng ihn mit sich in den Innenraum und sagte dabei lächelnd: „Wenn du willst, daß ich leise bin, ist das nicht schwer. Du brauchst mir nur einen Gefallen zu tun.“ Mit diesen Worten setzte sie sich auf den Rand des Ofenbetts und preßte Bau-yü fest an ihre Brust.
 
So etwas hatte Bau-yü noch nie erlebt. Sein Herz begann stürmisch zu hämmern, und vor Erregung lief er rot an. Beschämt und erschrocken bat er: „Nicht doch, gute Schwester!“
 
„Pah!“ sagte Frau Dëng und kniff ihre Weinäuglein zusammen, „ich habe immer nur gehört, du seist ein geübter Kämpe an den Stätten der Liebe, warum genierst du dich da plötzlich?“
 
„Laß mich los!“ forderte Bau-yü sie auf, immer noch rot im Gesicht. „Wir können ja über alles reden. Aber was soll die Alte dort draußen denken, wenn sie uns hört?“
 
„Ich bin schon lange hier“, verriet Frau Dëng lächelnd. „Die Alte habe ich weggeschickt, damit sie am Gartentor wartet. Ich war schon lange neugierig auf dich, und jetzt bist du hier. Nachdem ich so viel von dir gehört habe, kann ich dich endlich einmal sehen, und nun bist du ganz umsonst so hübsch gewachsen, bist wie ein Feuerwerkskörper ohne Füllung, der alles nur vortäuscht. Du genierst dich ja mehr als ich.
 
Da sieht man, daß man nicht glauben darf, was die Leute reden. Als man das Mädchen hinauswarf, glaubte ich fest, ihr hättet ein heimliches Verhältnis gehabt. Aber als ich vorhin kam, habe ich eine Weile am Fenster gelauscht, und im Haus wart nur ihr. Wenn ihr etwas miteinander gehabt hättet, würdet ihr natürlich darüber gesprochen haben, aber ihr habt euch nicht einmal gegenseitig in Verwirrung gebracht. Da sieht man, wie viele Fälle von unrechter Kränkung es gibt auf der Welt! Jetzt bereue ich, euch für nichts und wieder nichts verdächtigt zu haben. Und deshalb kannst du ganz ruhig sein. Komm nur wieder, ich werde dich nicht mehr belästigen.“
 
Jetzt erst war Bau-yü wieder beruhigt. Er stand auf und brachte seine Kleider in Ordnung, dann bat er: „Sorg nur ein paar Tage gut für sie, Schwester! Ich werde jetzt gehen.“ Mit diesen Worten trat er in den Außenraum hinaus und sagte Tjing-wën Bescheid. Beide wollten sie nicht voneinander lassen, und dennoch mußten sie sich trennen. Da Tjing-wën wußte, wie schwer Bau-yü dies fiel, zog sie sich schließlich die Bettdecke über den Kopf und beachtete ihn nicht mehr, bis er endlich ging.
 
Ursprünglich hatte Bau-yü vorgehabt, auch noch Fang-guan und Sï-örl zu besuchen, aber nun wurde es dunkel, und er war schon so lange fort, daß er Angst hatte, man könnte ihn suchen, und dann würde neues Unheil daraus entstehen. Darum war es besser, wenn er jetzt in den Garten zurückkehrte und für den nächsten Tag neue Pläne machte. Als er an das rückwärtige Seitentor kam, trugen die Sklavenjungen gerade das Bettzeug aus, und drinnen kontrollierten die alten Ammen, ob alle da waren. Wäre er auch nur einen Moment später gekommen, wäre das Tor schon geschlossen gewesen. So kam er in den Garten zurück, und glücklicherweise hatte niemand etwas bemerkt.
 
Wieder in seinen Räumen, sagte Bau-yü nur zu Hsi-jën, er sei bei Tante Hsüä gewesen, und damit war die Sache abgetan. Als bald darauf sein Bett gemacht wurde, fragte Hsi-jën notgedrungen, wie sie heute nacht schlafen wollten, aber Bau-yü erwiderte nur: „Das ist mir einerlei.“
 
In den letzten ein, zwei Jahren, seitdem Dame Wang ihr Beachtung schenkte, hatte Hsi-jën großen Wert auf ihre Würde gelegt. Wenn sie mit Bau-yü allein war, auch des Nachts, hielt sie sich fern von ihm und war zurückhaltender als in ihren Kinderjahren. Wenn sie auch keine großen Pflichten hatte, war es doch mühsam genug, alle Nadelarbeiten zu machen und für Bau-yü wie für die kleineren Sklavenmädchen das Geld und die Kleider zu verwalten. Ihr altes Leiden des Blutspuckens war zwar geheilt, aber wenn sie sich anstrengte oder erkältete, war immer noch Blut im Auswurf, und deshalb hatte sie in der letzten Zeit auch nicht in einem Zimmer mit Bau-yü geschlafen.
 
Bau-yü, der nachts häufig wach wurde, war dann immer sehr ängstlich und rief nach jemandem. Da Tjing-wën einen leichten Schlaf hatte und sich auch sehr leise bewegte, war ihr die Aufgabe zugefallen, nachts für ihn Tee einzugießen und andere Aufträge zu erfüllen, und deshalb hatte nur sie vor seinem Bett geschlafen. Jetzt, wo Tjing-wën fort war, mußte Hsi-jën wohl oder übel fragen, denn sie bedachte, daß dieser Nachtdienst noch wichtiger war als der Dienst am Tage.
 
Als Bau-yü antwortete, ihm sei es einerlei, blieb Hsi-jën nichts weiter übrig, als sich an die Regel der früheren Jahre zu halten, und so holte sie ihr Bettzeug und richtete sich damit vor Bau-yüs Lager ein. Bau-yü brütete den ganzen Abend stumm vor sich hin, und als er endlich auf Hsi-jëns Mahnung hin schlafen gegangen war und auch sie sich niedergelegt hatte, hörte sie, wie er auf seinem Kissen seufzte und stöhnte und sich von einer Seite auf die andere wälzte. Erst als die dritte Nachtwache schon vorbei war, wurde er allmählich ruhiger, und schließlich schnarchte er leise. Nun erst war Hsi-jën beruhigt und döste selber ein. Es dauerte aber nicht länger als man braucht, um eine halbe Schale Tee zu trinken, da rief Bau-yü: „Tjing-wën!“
 
Sofort schlug Hsi-jën die Augen auf, meldete sich und fragte, was er wolle. Als Bau-yü nach Tee verlangte, stand Hsi-jën rasch auf, spülte sich in der Schüssel die Hände und goß aus der Warmhaltekanne eine halbe Schale voll Tee ein, die sie ihm reichte.
 
Lächelnd sagte Bau-yü: „Ich bin so daran gewöhnt, nach ihr zu rufen, daß ich vergessen habe, daß du es bist.“
 
Ebenfalls lächelnd, erwiderte Hsi-jën: „Als sie noch neu hier war, hast du im Schlaf auch immer nach mir gerufen. Erst nach einem halben Jahr hattest du dich umgewöhnt. Ich konnte es mir denken, daß der Name Tjing-wën bleiben würde, auch wenn Tjing-wën nicht mehr da ist.“
 
Damit legten sich beide wieder schlafen, und erneut wälzte sich Bau-yü eine ganze Nachtwache lang hin und her und schlief erst in der fünften Wache endlich ein. Da sah er, wie Tjing-wën von draußen hereinkam. Sie war anzusehen wie immer, und als sie im Zimmer stand, sagte sie lächelnd zu Bau-yü: „Lebt alle wohl, ich komme nicht mehr wieder!“ Mit diesen Worten machte sie kehrt und ging hinaus. Als Bau-yü sie anrief, machte er wieder Hsi-jën wach. Zuerst dachte sie noch, er habe auch diesmal aus Gewohnheit Tjing-wëns Namen gerufen, aber dann sah sie, daß Bau-yü weinte, und hörte ihn sagen: „Tjing-wën ist gestorben.“
 
„Was sagst du da?“ hielt sie ihm vor. „Du weißt, daß das Unsinn ist. Was, wenn dich jemand hört?“
 
Bau-yü wollte natürlich nicht auf sie hören und hoffte sehnlichst, daß es bald hell würde, damit er jemanden losschicken konnte, um sich Gewißheit zu verschaffen.
 
Doch als es dann Tag geworden war, kam auch schon eines der kleineren Sklavenmädchen aus den Räumen von Dame Wang und verlangte, daß man ihr auf der Stelle das vordere Seitentor öffnete, damit sie im Auftrag von Dame Wang das Folgende bestellen konnte: „Bau-yü muß sofort geweckt werden, damit er sich schnell wäscht und anzieht und dann drüben erscheint. Jemand hat den gnädigen Herrn eingeladen, den schönen Herbst zu genießen und die Duftblüten zu bewundern, und weil ihm das Gedicht gefiel, das Bau-yü neulich verfaßt hat, will er ihn mitnehmen.
 
So lautet der Auftrag der gnädigen Frau, und kein Wort darf daran fehlen. Also lauft schnell hin und sagt Bescheid, daß er sofort kommen soll. Der gnädige Herr wartet in den Haupträumen und will noch mit ihm zusammen eingerührtes Mehl essen. Der junge Herr Huan ist schon da. Beeilt euch, beeilt euch! Und schickt noch jemand zu dem kleinen Herrn Lan, um auch ihm dasselbe zu bestellen!“
 
Jeder Satz, den sie sagte, wurde drinnen von den alten Sklavenfrauen bestätigt. Dabei knöpften sie sich die Kleider zu und öffneten zugleich das Tor. Zwei oder drei von ihnen machten sich in beiden Richtungen auf den Weg und zogen sich im Gehen fertig an.
 
Als Hsi-jën hörte, daß ans Hoftor geklopft wurde, konnte sie sich denken, daß es um etwas Wichtiges ging, und während sie rasch jemand hinausschickte, um Nachfrage zu halten, stand sie auch schon auf. Nachdem sie dann die Botschaft vernommen hatte, schickte sie schnell jemand nach Waschwasser und trieb zugleich Bau-yü an, er solle aufstehen und sich waschen. Sie selbst aber ging seine Kleider holen. Da sie bedachte, daß er mit Djia Dschëng zusammen ausgehen würde, wollte sie ihn nichts allzu Auffälliges oder Neues anziehen lassen und brachte ihm deshalb nur unscheinbare Kleider.
 
Bau-yü blieb nun keine andere Wahl, als schleunigst hinüberzugehen, und tatsächlich fand er Djia Dschëng dort beim Imbiß und in bester Stimmung. Rasch entbot Bau-yü seinen Morgengruß, dann begrüßten Djia Huan und Djia Lan auch Bau-yü.
 
Djia Dschëng befahl Bau-yü, Platz zu nehmen und von dem Brei zu essen, dann sagte er, zu Djia Huan und Djia Lan gewandt: „Beim Studium der Bücher steht Bau-yü hinter euch zurück, doch in der Fähigkeit, Parallelsätze zu bilden und Gedichte zu erwidern, reicht ihr nicht an ihn heran. Bei unserm heutigen Besuch wird man euch bestimmt drängen, Verse zu machen, dabei soll Bau-yü euch helfen.“
 
Dame Wang, die so ein Urteil über ihn noch nie gehört hatte, war jetzt wirklich außerordentlich froh.
 
Als Djia Dschëng bald darauf mit den Knaben fort war und Dame Wang sich eben zur Herzoginmutter begeben wollte, erschienen die Pflegemütter von Fang-guan und zwei anderen Schauspielermädchen und meldeten ihr: „Seitdem Fang-guan neulich die Gnade erfahren hat, von Euch freigelassen zu werden, ist sie geradezu verrückt. Sie trinkt keinen Tee, sie ißt keinen Reis, und sie hat Ou-guan und Juee-guan dazu angestiftet, daß sie alle drei auf Gedeih und Verderb darauf bestehen wollen, sich die Haare abzuschneiden und Nonnen zu werden.
 
Wir glaubten, das sei nur kindliches Gerede, weil sie die Verhältnisse draußen nicht gewöhnt sind – das gibt es ja –, und dachten, nach ein paar Tagen würde alles wieder gut sein. Doch wider Erwarten toben sie nur immer mehr, und auch durch Schläge und Schelte sind sie nicht zur Räson zu bringen. Wir wissen uns wirklich keinen Rat mehr, und deshalb sind wir gekommen, um Euch zu bitten, daß Ihr sie entweder ihrem Wunsch gemäß Nonnen werden laßt oder ihnen eine Belehrung verabfolgt und sie dann jemand anders als Ziehtochter gebt, denn für uns ist dieses Glück nicht bestimmt.“
 
„Unsinn!“ sagte Dame Wang. „Vielleicht richten wir uns noch nach ihnen! Ins Kloster kann man nicht leichtfertig gehen. Jede von ihnen bekommt eine Tracht Prügel, und dann wollen wir sehen, ob sie immer noch verrückt spielen!“
 
Da man zum fünfzehnten Tag des achten Monats gerade in allen Klöstern Opfergaben dargebracht hatte, waren der üblichen Regel nach aus den verschiedenen Klöstern Nonnen gekommen, um Opfergebäck zu bringen, und Dame Wang hatte die Nonnen Dschï-tung aus dem Wassermondkloster und Yüan-hsin aus dem Ksitigarbha-Kloster für ein paar Tage dabehalten.
 
Als die Nonnen jetzt diese Neuigkeiten hörten, brannten sie gleich darauf, die Mädchen in die Hand zu bekommen, um sie für sich arbeiten zu lassen, und so sagten sie zu Dame Wang: „Euer Anwesen ist das von gütigen Menschen, und daß Ihr, gnädige Frau, so fromm seid, vergelten Euch die kleinen Mädchen nun in dieser Weise. Es heißt zwar, man könne nicht leichtfertig ins Kloster gehen, aber man muß auch wissen, daß nach Buddhas Gesetz alle gleichviel gelten.
 
Unser Buddha ist entschlossen, sämtliche Lebewesen zu erlösen, auch wenn es Hühner und Hunde sind, doch leider kommen die Verirrten nicht zur Erkenntnis. Wer wirklich die Wurzel des Guten in sich trägt und zur Erkenntnis erwachen kann, der vermag dem Kreislauf der Wiedergeburten zu entrinnen. Deshalb finden sich in den Sutras nicht wenige Fälle, daß Tiger und Wölfe, Schlangen und Würmer den rechten Weg gefunden haben.
 
Diese Mädchen hier haben keinen Vater und keine Mutter mehr und sind von ihrer Heimat weit entfernt. Nachdem sie in Reichtum und Vornehmheit gelebt haben, bedenken sie jetzt, wie hart ihr Geschick von klein auf gewesen ist, so daß sie sich einem leichtfertigen Gewerbe ergaben, und wissen auch, wie ihr zukünftiges Leben aussehen würde. Wenn sie sich deshalb abwenden vom Meer der Kümmernisse, das Haus verlassen und sich für eine zukünftige Existenz kultivieren, so ist das ein hohes Anliegen, und Ihr, gnädige Frau, solltet dieser guten Absicht keine Schranken setzen.“
 
Dame Wang war stets auf gute Taten bedacht, und als sie nach dem Bericht der Pflegemütter den Mädchen nicht ihren Willen lassen wollte, geschah das, weil sie sich sagte, Fang-guan und die anderen seien schließlich Kinder und hätten diese Absicht nur geäußert, weil es einmal nicht nach ihrem Kopf gehen sollte, es sei aber zu befürchten, daß sie die klösterliche Reinheit auf die Dauer nicht ertragen und sich dann Sünden zuschulden kommen lassen würden.
 
Die Worte der beiden Mädchenräuberinnen klangen jedoch sehr einleuchtend, und außerdem hatte Dame Wang in den letzten Tagen vielerlei häusliche Sorgen. Darüberhinaus hatte Dame Hsing ihre Leute geschickt, um zu bestellen, sie wollten am nächsten Tag Ying-tschun für einige Zeit nach Hause holen, damit ihre künftigen Schwiegereltern sie kennenlernten, und eine Heiratsvermittlerin  war  erschienen,  um eine Verlobung  für Tan-tschun
 
vorzuschlagen. Angesichts dieser Probleme hatte Dame Wang natürlich für derartige Kleinigkeiten keinen Sinn. Darum entgegnete sie den Nonnen mit lächelnder Miene: „Wenn ihr so meint, wie wäre es dann, wenn ihr sie als eure Novizinnen mitnähmt?“
 
Kaum hatten die beiden Nonnen das gehört, riefen sie den Namen Buddhas an und sagten: „Bestens, bestens! Dadurch leistet Ihr im Verborgenen keine geringe Wohltat.“ Und schon bedankten sie sich kniefällig bei ihr.
 
„So geht sie fragen, ob es wirklich ihr Ernst ist!“ wies Dame Wang die drei Pflegemütter an. „Dann sollen sie herkommen, um in meiner Gegenwart ihren Äbtissinnen den Respekt zu erweisen.“
 
Die drei Frauen gingen fort und kamen tatsächlich mit den drei Mädchen zurück. Dame Wang fragte sie immer wieder, aber die drei hatten ihren Entschluß gefaßt und vollzogen vor den beiden Nonnen ihren Stirnaufschlag. Auch vor Dame Wang fielen sie nieder, um sich zu verabschieden, und als Dame Wang sah, daß sie fest entschlossen waren und sich nicht umstimmen ließen, empfand sie Schmerz und Mitleid für sie und ließ rasch durch ihre Leute ein paar Sachen holen, die sie den Mädchen schenkte. Auch die beiden Nonnen bekamen Geschenke.
 
So ging Fang-guan mit der Nonne Dschï-tung aus dem Wassermondkloster, Juee-guan und Ou-guan dagegen hielten sich an die Nonne Yüan-hsin aus dem Ksitigarbha-Kloster.
 
Im nächsten Kapitel wird weitererzählt.
 
  
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Aergerlich sagte Dame Wang: "Wenn man keinen braucht, ist welcher da, aber sobald man welchen braucht, ist keiner mehr zu finden! Immer wieder habe ich euch gesagt, ihr sollt einmal nachsehen und alles an einer Stelle zusammenlegen. Aber ihr hoert ja nicht und lasst alles irgendwo liegen. Ihr wisst einfach nicht, wie wertvoll er ist. Wenn man ihn kaufen muss, kostet er ein Vermoegen, und dann taugt er nicht einmal!"
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Caiyun erwiderte: "Wahrscheinlich ist keiner mehr da, ausser diesem hier. Als letztes Mal die gnaedige Frau von drueben welchen brauchte, habt Ihr ihr alles gegeben."
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"Das kann nicht sein", beharrte Dame Wang. "Such noch einmal gruendlich!"
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Wohl oder uebel suchte Caiyun noch einmal und kam mit mehreren Paeckchen Arzneikraeuter zurueck. "Wir kennen diese nicht", sagte sie. "Seht bitte selbst nach, gnaedige Frau. Ausser diesen hier ist nichts mehr da."
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Als Dame Wang die Paeckchen oeffnete, konnte sie sich ebenfalls nicht mehr erinnern, was fuer Kraeuter das waren, doch eine einzige Ginsengwurzel war nicht darunter. Also schickte sie jemanden, um Phoenixglanz zu fragen, ob sie welchen habe. Phoenixglanz liess antworten: "Ich habe nur etwas Ginsengpaste und ein paar Fasern. Die wenigen Wurzeln, die ich noch besitze, sind nicht von bester Qualitaet, und ich brauche sie taeglich fuer meine eigenen Heiltraenke."
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Da blieb Dame Wang nichts anderes uebrig, als sich an Dame Xing zu wenden, doch diese liess ausrichten: "Da ich selbst keinen mehr hatte, habe ich ja gerade bei euch welchen geholt. Der ist laengst aufgebraucht."
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So musste Dame Wang persoenlich zur Herzoginmutter gehen, um sie zu bitten. Die Herzoginmutter befahl sogleich Mandarinenente, den Rest von frueher zu holen. Es war noch ein grosses Paeckchen da, alles Wurzeln so dick wie ein Finger. Davon liess sie zwei Liang abwiegen und Dame Wang geben.
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Dame Wang uebergab den Ginseng der Frau des Zhou Rui mit dem Auftrag, die Diener sollten ihn zum Arzt bringen. Ausserdem liess sie die unbekannten Paeckchen mitschicken, damit der Arzt sie bestimme und die Namen darauf vermerke.
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Nach einiger Zeit kam die Frau des Zhou Rui zurueck und berichtete: "Die Paeckchen sind alle ordentlich beschriftet. Der Ginseng ist zwar von allerbester Sorte, und heutzutage bekommt man so etwas nicht einmal fuer dreissig Liang Silber pro Liang. Aber er ist zu alt. Mit Ginseng ist es anders als mit anderen Dingen: Wie gut er auch sein mag, nach hundert Jahren zerfaellt er von selbst zu Staub. Dieser hier ist zwar noch nicht zu Staub geworden, aber er ist nur noch morsches, fauliges Holz und hat keinerlei Wirkung mehr. Bitte verwahrt ihn, gnaedige Frau, und besorgt stattdessen frischen, egal ob die Wurzeln dick oder duenn sind."
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Dame Wang senkte schweigend den Kopf. Erst nach langer Pause sagte sie: "Da ist nichts zu machen. Wir muessen eben zwei Liang kaufen gehen." Sie hatte keine Lust, sich die uebrigen Arzneien anzusehen, und befahl nur: "Raeumt alles weg!" Dann wandte sie sich an die Frau des Zhou Rui: "Geh und sag den Leuten draussen, sie sollen guten Ginseng besorgen und zwei Liang kaufen. Falls die alte gnaedige Frau einmal fragen sollte, sagt einfach, wir haetten ihren Ginseng verwendet, und macht keine grossen Worte darueber."
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Die Frau des Zhou Rui wollte sich gerade auf den Weg machen, als Schatzspange, die ebenfalls anwesend war, laechelnd sagte: "Wartet, Tante! Der Ginseng, den man heutzutage draussen zu kaufen bekommt, taugt nichts. Selbst wenn einmal eine ganze Wurzel dabei ist, schneiden sie sie in zwei oder drei Stuecke, setzen wertlose Enden und Fasern dazwischen und verkaufen das Ganze als gute Ware, ohne dass man die Qualitaet erkennen kann. Unser Laden hat staendig mit Ginsenghaendlern zu tun. Lasst mich mit meiner Mutter sprechen, damit mein Bruder einen Gehilfen zu den Ginsenghaendlern schickt und mit ihnen verhandelt. Er soll zwei Liang guten, unbearbeiteten Ginseng in Originalwurzeln beschaffen. Lieber geben wir ein paar Liang Silber mehr aus, dann haben wir dafuer auch wirklich etwas Ordentliches."
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Dame Wang laechelte: "Du bist wirklich verstaendig. Am besten gehst du persoenlich."
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Also ging Schatzspange und kam nach geraumer Zeit zurueck mit der Nachricht: "Es ist schon jemand hingeschickt worden. Bis zum Abend wird es Bescheid geben. Morgen frueh ist es noch nicht zu spaet, die Arznei zuzubereiten."
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Dame Wang freute sich und sagte: "Wahrhaftig, wie das Sprichwort sagt: 'Die Haendlersfrau kaemmt sich die Haare mit Wasser.' Frueher hatten wir so viel guten Ginseng im Haus und haben ihn freigebig an andere verschenkt. Jetzt, wo wir selbst welchen brauchen, muessen wir ueberall um Hilfe bitten." Sie stiess einen langen Seufzer aus.
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Schatzspange sagte laechelnd: "So wertvoll er auch ist, letztlich ist er doch nur Medizin und sollte den Menschen zugutekommen. Wir sind nicht wie jene Familien, die nichts von der Welt kennen und solche Dinge horten und verstecken, sobald sie welche haben."
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Dame Wang nickte: "Sehr richtig gesprochen."
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Nachdem Schatzspange gegangen war und sonst niemand im Zimmer war, rief Dame Wang die Frau des Zhou Rui herein und erkundigte sich nach dem Ergebnis der Durchsuchung des Gartens von neulich. Die Frau des Zhou Rui hatte bereits alles mit Phoenixglanz und den anderen besprochen und berichtete nun Dame Wang ausfuehrlich, ohne etwas auszulassen.
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Dame Wang war zugleich erschrocken und zoernig, doch zugleich wusste sie nicht recht, wie sie die Sache handhaben sollte. Siqin war naemlich Yingchuns Dienerin und gehoerte zur anderen Seite des Hauses; man musste also Dame Xing benachrichtigen. Die Frau des Zhou Rui wandte ein: "Neulich war die gnaedige Frau von drueben schon auf Wang Shanbaos Frau boese, weil sie sich in alles einmischte, und hat ihr ein paar Ohrfeigen gegeben. Jetzt stellt sie sich krank und will sich nicht mehr zeigen. Ausserdem ist es ihre eigene Enkelin -- sie hat sich selbst ins Gesicht geschlagen und tut jetzt am besten so, als haette sie es vergessen, bis Gras ueber die Sache gewachsen ist. Wenn wir jetzt hinuebergehen und Bericht erstatten, wird man dort gleich argwoehnen, wir wollten uns einmischen. Besser waere es, Siqin einfach hinueberzubringen mitsamt den Beweisstücken, sie vor der gnaedigen Frau von drueben durchpruegeln zu lassen und mit jemandem zu verheiraten, und dann bekommt das Fraeulein eben eine neue Dienerin -- waere das nicht einfacher? Wenn wir es ihr erst mitteilen, wird die gnaedige Frau von drueben nur wieder Ausreden finden und sagen: 'Wenn es so ist, haette eure gnaedige Frau es gleich selbst erledigen sollen -- wozu sagt ihr es mir?' Und dann verzoegert sich alles nur noch mehr. Wenn das Maedchen unterdessen die Gelegenheit nutzt und sich etwas antut, waere das schlimm. Jetzt beobachten wir sie schon zwei, drei Tage, aber jeder wird auch mal nachlässig, und wenn sie einen unbeobachteten Moment findet, koennte ein Unglueck geschehen."
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Dame Wang ueberlegte und sagte: "Da hast du recht. Erledige erst diesen Fall, dann nehmen wir uns unsere eigenen Plagegeister vor."
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Die Frau des Zhou Rui versammelte daraufhin einige Dienerinnen und ging zuerst zu Yingchun. Sie meldete ihr: "Die gnaedigen Frauen haben beschlossen, dass Siqin nun alt genug ist. Ihre Mutter hat in den letzten Tagen die gnaedige Frau gebeten, sie freizugeben und zu verheiraten. Ab heute soll sie gehen, und man wird Euch eine neue Dienerin zuteilen." Damit forderte sie Siqin auf, ihre Sachen zu packen.
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Als Yingchun dies hoerte, konnte sie die Traenen nicht zurueckhalten und schien voller Abschiedsschmerz. Sie hatte in der Nacht zuvor von den anderen Dienerinnen die wahren Gruende bereits gefluesternd erfahren. Obwohl es ihr nach all den Jahren schwerfiel, sich zu trennen, betraf die Sache die oeffentliche Moral, und da liess sich nichts machen. Siqin hatte Yingchun angefleht, fuer sie einzutreten, in der festen Hoffnung, das Fraeulein wuerde sie mit aller Kraft verteidigen. Doch Yingchun war von langsamer Rede, hatte ein weiches Herz und leicht beeinflussbare Ohren und war nicht imstande, sich durchzusetzen.
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Als Siqin sah, dass es keine Rettung gab, weinte sie und rief: "Fraeulein, wie koennt Ihr so hartherzig sein! Diese zwei Tage habt Ihr mich hingehalten, und jetzt habt Ihr kein einziges Wort fuer mich?"
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Die Frau des Zhou Rui und die anderen sagten: "Willst du etwa, dass das Fraeulein dich zurueckhaelt? Selbst wenn es das taete, koenntest du den Leuten im Garten nicht mehr unter die Augen treten. Hoer auf unseren guten Rat: Pack schnell zusammen und geh, ohne dass jemand etwas merkt. Das ist fuer alle Seiten das Beste."
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Yingchun sagte unter Traenen: "Ich weiss, was du angestellt hast. Wuerde ich trotzdem fuer dich eintreten und dich halten, waere auch ich verloren. Schau dir Ruhua an -- auch sie war jahrelang hier und musste gehen, und es wird nicht bei euch beiden bleiben. Frueher oder spaeter werden sich wohl alle hier trennen muessen. Meiner Meinung nach geht ihr am besten jede eures Weges."
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Die Frau des Zhou Rui sagte: "Da sieht man, dass das Fraeulein vernuenftig ist. Morgen werden noch weitere gehen muessen. Sei also beruhigt!"
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Siqin blieb nichts anderes uebrig, als unter Traenen vor Yingchun niederzuknien, sich von den Schwestern zu verabschieden und Yingchun leise ins Ohr zu fluestern: "Wenn du erfaehrst, dass ich bestraft werde, dann leg bitte ein gutes Wort fuer mich ein -- als Dank fuer unsere gemeinsame Zeit als Herrin und Dienerin!" Auch Yingchun antwortete unter Traenen: "Sei beruhigt."
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Daraufhin fuehrten die Frau des Zhou Rui und die anderen Siqin aus dem Hof. Sie liessen zwei Dienerinnen ihre Habseligkeiten tragen. Kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, kam Xiuju von hinten nachgelaufen, sich ebenfalls die Traenen wischend, und reichte Siqin ein Seidenpaeckchen: "Das schickt das Fraeulein. Herrin und Dienerin -- nun, da wir uns auf einmal trennen muessen, soll dies ein Andenken sein."
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Siqin nahm es entgegen und weinte nun erst recht. Sie und Xiuju umarmten sich noch einmal weinend. Die Frau des Zhou Rui draengte ungeduldig, und die beiden mussten sich trennen.
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Siqin flehte noch unter Traenen: "Liebe Tanten und Schwestern, habt doch ein Einsehen! Lasst mich wenigstens kurz anhalten und mich von meinen guten Freundinnen verabschieden -- wir waren doch all diese Jahre so vertraut miteinander."
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Die Frau des Zhou Rui und die anderen hatten alle selbst genug zu tun. Diese Aufgabe zu erledigen war ihnen ohnehin laestig genug, und ausserdem trugen sie den Dienerinnen deren fruehere Ueberheblichkeit nach. Woher sollten sie da die Geduld nehmen, auf Siqins Wuensche einzugehen? So sagte die Frau des Zhou Rui kuehl: "Ich rate dir, geh einfach! Hoer auf mit dem Gezeter! Wir haben Wichtigeres zu tun. Ihr seid ja nicht zusammen aufgewachsen -- wozu willst du dich von ihnen verabschieden? Die lachen sich doch nur ueber dich kaputt! Du versuchst nur, jede Minute hinauszuzoegern, als ob sich dadurch etwas aendern wuerde. Hoer auf meinen Rat und geh!" Waehrend sie so sprach, blieb sie keinen Augenblick stehen und fuehrte Siqin schnurstracks zum hinteren Seitentor hinaus. Siqin wagte nichts mehr zu sagen und folgte ihnen hinaus.
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Wie der Zufall es wollte, kam gerade Schatzjade von draussen herein. Als er sah, dass Siqin hinausgefuehrt wurde und ihr hinterher jemand ihre Habseligkeiten trug, wusste er sofort, dass sie fuer immer gehen musste. Er hatte von dem Vorfall in der Nacht gehoert, und zudem war Heitermusters Krankheit gerade an jenem Tag schlimmer geworden. Wenn er Heitermuster ausfragte, wollte sie ihm nicht sagen, woran es lag. Kuerzlich war dann Ruhua fortgeschickt worden, und nun musste auch Siqin gehen. Schatzjade fuehlte sich, als haette er seine Seele verloren, und rief hastig: "Wohin bringt ihr sie?"
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Die Frau des Zhou Rui und die anderen kannten Schatzjades Art nur zu gut und fuerchteten, sein Gerede koenne die Sache verderben. Laechelnd sagten sie: "Das geht dich nichts an. Geh und lies deine Buecher!"
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"Liebe Schwestern, wartet doch einen Augenblick!", bat Schatzjade laechelnd. "Ich habe euch etwas zu sagen."
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"Die gnaedige Frau hat befohlen, keinen Augenblick zu zoegern", beharrte die Frau des Zhou Rui. "Was gaebe es da noch zu sagen? Wir fuehren nur die Befehle der gnaedigen Frau aus, um andere Dinge koennen wir uns nicht kuemmern."
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Siqin hatte sich an Schatzjade geklammert, sobald sie ihn erblickte, und bat ihn weinend: "Die koennen nichts machen. Geh du zur gnaedigen Frau und bitte fuer mich!"
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Unwillkuerlich wurde auch Schatzjade von Kummer ergriffen. Mit Traenen in den Augen sagte er: "Ich weiss nicht, was du Schlimmes angestellt hast. Heitermuster ist krank, und jetzt gehst auch du fort. Wenn ihr alle geht -- was soll dann werden?"
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Die Frau des Zhou Rui fuhr Siqin ungeduldig an: "Du bist jetzt kein Beinahe-Fraeulein mehr, und wenn du nicht gehorchst, kann ich dich auch schlagen! Bilde dir nicht ein, du koenntest dich auffuehren wie frueher, als dein Fraeulein die Hand ueber dich hielt. Sieh zu, dass du endlich weiterkommst, statt hier herumzuschwatzen! Was soll das fuer ein Benehmen sein, sich so an den jungen Herrn zu klammern!" Ohne ein weiteres Wort zogen die Dienerinnen Siqin mit sich fort.
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Schatzjade fuerchtete, die Frauen koennten ihn anschwaerzen gehen, darum starrte er ihnen nur wuetend nach. Erst als sie weit genug fort waren, streckte er die Hand aus und rief empoert: "Seltsam, seltsam! Kaum dass diese Frauen einen Mann geheiratet und Maennergeruch angenommen haben, werden sie so niedertraechtig, dass man eher sie umbringen moechte als die Maenner!"
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Die alten Dienerinnen, die das Gartentor bewachten, mussten unwillkuerlich lachen und fragten: "Dann sind wohl alle Maedchen gut und alle verheirateten Frauen schlecht?"
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Schatzjade nickte: "Genau, genau!"
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Die Dienerinnen lachten: "Da haetten wir noch eine Frage, die wir in unserer Einfalt nicht verstehen ..."
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Doch ehe sie weitersprechen konnten, kamen einige andere alte Dienerinnen herbeigelaufen und riefen: "Vorsicht! Ruft alle zusammen und bleibt auf euren Posten! Die gnaedige Frau kommt persoenlich in den Garten, um das Personal zu inspizieren. Wahrscheinlich kommt sie auch hierher! Ausserdem hat sie befohlen, dass Heitermuster-Schwesterchens Vetter und seine Frau aus dem Hof der Roten Freude sofort hergeholt werden sollen, damit sie hier warten und ihre Schwester in Empfang nehmen!"
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Dann fuegte sie laechelnd hinzu: "Amitabha Buddha! Heute hat der Himmel endlich die Augen geoeffnet und befreit uns von diesem Unheilsgeist! Jetzt werden wir alle etwas mehr Ruhe haben!"
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Kaum hatte Schatzjade gehoert, dass Dame Wang persoenlich im Garten inspizierte, fuerchtete er sogleich, auch Heitermuster werde nicht zu halten sein, und stuerzte davon wie der Wind. Die letzten Worte der Zufriedenheit hatte er daher nicht mehr gehoert.
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Als Schatzjade den Hof der Roten Freude erreichte, fand er dort eine ganze Schar Leute vor. Dame Wang sass mit zorniger Miene im Zimmer und beachtete ihn nicht, als sie ihn sah.
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Heitermuster hatte schon vier, fuenf Tage lang weder Wasser noch Reis zu sich genommen. Schwach und mit kaum hoerbarem Atem war sie gerade vom Kangofen heruntergezerrt worden, mit zerzaustem Haar und schmutzigem Gesicht. Zwei Frauen mussten sie stuetzen und fuehrten sie fort. Dame Wang befahl, man solle ihr nur ihre Leibwaesche mitgeben; die guten Kleider sollten dableiben, damit bessere Dienerinnen sie tragen koennten.
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Dann liess Dame Wang alle Dienerinnen des Hofes zusammenrufen und musterte sie eine nach der anderen. Nachdem Dame Wang kuerzlich in Zorn geraten war, hatte Wang Shanbaos Frau die Gelegenheit ergriffen, Heitermuster anzuschwaerzen. Auch andere, die mit den Dienerinnen im Garten im Streit lagen, hatten die guenstige Stunde genutzt, um einiges hinzuzufuegen. Dame Wang hatte sich alles genau gemerkt, und nur weil waehrend der Feiertage viel zu tun gewesen war, hatte sie sich einige Tage geduldet. Heute war sie eigens gekommen, um saemtliche Dienerinnen persoenlich in Augenschein zu nehmen. Die Sache mit Heitermuster war dabei nur das eine; denn man hatte ihr zugetragen, Schatzjade sei schon gross und verstehe die Dinge zwischen Mann und Frau, werde aber von den Dienerinnen in seinem Zimmer auf Abwege gebracht, statt sich zu vervollkommnen. Dies wog noch schwerer als die Angelegenheit mit Heitermuster. Deshalb liess Dame Wang jede einzelne Dienerin, von Dufthauch bis hinunter zu den geringsten, die grobe Arbeiten verrichteten, an sich vorueber defilieren.
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Dann fragte sie: "Wer hat am selben Tag Geburtstag wie Schatzjade?"
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Das betreffende Maedchen wagte nicht, sich zu melden. Eine alte Amme zeigte auf sie und sagte: "Diese hier, Huixiang, die auch 'die Vierte' genannt wird, hat am selben Tag Geburtstag wie er."
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Dame Wang musterte das Maedchen genau. Obwohl es nicht halb so huebsch war wie Heitermuster, hatte es doch eine gewisse frische Anmut. Seinem Benehmen war Klugheit anzumerken, und auch seine Aufmachung unterschied sich von der der uebrigen.
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Mit kaltem Laecheln sagte Dame Wang: "Noch so ein schamloses Ding! Sie hat insgeheim behauptet, wenn zwei am selben Tag Geburtstag haetten, seien sie Mann und Frau. Das hast du gesagt, nicht wahr? Du hast wohl gedacht, weil ich weit weg wohne, wuesste ich von nichts? Aber mein Herz, meine Ohren und mein Verstand sind jederzeit hier. Glaubt ihr, ich lasse meinen einzigen Schatzjade seelenruhig von euch verfuehren und verderben?"
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Als die Vierte hoerte, wie Dame Wang die Worte wiederholte, die sie einst im Vertrauen zu Schatzjade gesagt hatte, wurde sie unwillkuerlich rot, liess den Kopf haengen und weinte still vor sich hin. Dame Wang befahl sofort, ihre Angehoerigen zu rufen, damit sie sie abholten und verheirateten.
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Dann fragte sie: "Wer ist Yelue Xiongnu?"
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Die alten Ammen zeigten auf Fangguan. Dame Wang erklaerte: "Ein Schauspielmaedchen ist natuerlich ein Fuchsdaemon! Als ihr letztens freigelassen werden solltet, wolltet ihr nicht gehen. Aber dann haettet ihr euch bescheiden in euer Los fuegen muessen. Stattdessen spukst du hier herum und stiftest Schatzjade zu allem moeglichen Unfug an!"
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Fangguan verteidigte sich laechelnd: "Ich wuerde es nie wagen, ihn zu etwas aufzustiften."
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"Du widersprichst mir noch?" sagte Dame Wang mit einem Laecheln, das kein Laecheln war. "Dann frage ich dich: Wer hat vorvergangenes Jahr, als wir an den Kaisergraebern waren, Schatzjade dazu angestiftet, dieses Maedchen Wuer von den Lius zu sich zu nehmen? Gluecklicherweise starb sie frueh -- waere sie hereingekommen und haette sich mit dir zusammengetan, haettet ihr den ganzen Garten auf den Kopf gestellt! Du hast sogar deine eigene Pflegemutter an die Wand gedrueckt!"
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Dann befahl sie: "Ruft ihre Pflegemutter, sie soll sie abholen! Sie kann ihr selbst einen Braeutigam von ausserhalb suchen. Gebt ihr all ihre Sachen mit!"
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Ferner ordnete sie an, dass saemtliche Schauspielmaedchen, die man seinerzeit den einzelnen Fraeulein zugeteilt hatte, keine einzige im Garten bleiben duerften. Sie sollten alle von ihren jeweiligen Pflegemuettern abgeholt und nach deren Gutduenken verheiratet werden.
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Kaum war diese Anordnung ergangen, zeigten sich die Pflegemuetter ueberaus dankbar und zufrieden. Gemeinsam erschienen sie vor Dame Wang, um sich kniefaellig zu bedanken und die Maedchen fortzufuehren.
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Dann durchsuchte Dame Wang alle Gegenstaende in Schatzjades Raeumen. Alles, was ihr befremdlich vorkam, liess sie einpacken oder zusammenrollen und in ihre eigenen Raeume bringen. "Jetzt ist es sauber hier", sagte sie, "und wir ersparen uns das Gerede Aussenstehender."
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Dufthauch und Moschusmond wurden ermahnt: "Nehmt euch in Acht! Wenn auch nur das Geringste geschieht, kenne ich kein Erbarmen! Ich habe nachschlagen lassen: Dieses Jahr ist fuer einen Umzug unguenstig. Also bleibt er einstweilen hier, aber naechstes Jahr zieht ihr alle mit ihm wieder aus, damit ich Ruhe finde."
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Nach diesen Worten fuehrte Dame Wang ihr ganzes Gefolge hinaus, ohne auch nur Tee getrunken zu haben, und setzte ihre Inspektion an anderer Stelle fort. Doch davon spaeter.
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Schatzjade hatte urspruenglich gedacht, Dame Wang werde nur eine einfache Kontrolle durchfuehren. Wer haette ahnen koennen, dass sie mit Donner und Blitz erscheinen wuerde? All ihre Vorwuerfe betrafen Dinge, die tatsaechlich gesagt worden waren, Wort fuer Wort zutreffend. Es war klar, dass nichts rueckgaengig zu machen war. Obwohl er am liebsten gestorben waere, wagte er im Angesicht von Dame Wangs Zorn kein ueberfluessiges Wort und keinen ueberfluessigen Schritt. Schweigend begleitete er Dame Wang bis zum Duftgetraenkten Pavillon. Dort befahl sie ihm: "Geh zurueck und lies deine Buecher! Pass auf, wenn du morgen geprueft wirst! Vorhin war dein Vater schon sehr veraergert."
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Erst jetzt machte Schatzjade kehrt. Auf dem ganzen Rueckweg ueberlegte er: "Wer hat so geschwatzt? Niemand weiss doch, was hier vorgeht. Wie konnte sie alles so genau wissen?" Mit diesen Gedanken betrat er seine Raeume und fand Dufthauch in Traenen.
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Nun war ihm der wichtigste Mensch genommen worden -- wie haette er nicht trauern sollen? Er warf sich aufs Bett und weinte ebenfalls.
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Dufthauch wusste, dass ihm die Trennung von Heitermuster am meisten zusetzte, und stiess ihn an, um ihn zu troesten: "Weinen hilft jetzt nichts. Steh auf und hoer zu: Heitermuster geht es schon besser. Jetzt kann sie sich zu Hause ein paar Tage in Ruhe erholen. Wenn du sie wirklich nicht loslassen kannst, warte, bis der Zorn der gnaedigen Frau verraucht ist, und bitte dann bei der alten gnaedigen Frau darum. Mit der Zeit kann sie vielleicht zurueckkommen. Es ist nur ein Zufall, dass die gnaedige Frau den Verleumdungen geglaubt und im Zorn so entschieden hat."
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"Ich moechte doch nur wissen, was fuer ein himmelschreiendes Verbrechen Heitermuster begangen haben soll!" schluchzte Schatzjade.
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"Die gnaedige Frau veruebelt ihr nur, dass sie so huebsch ist", erklaerte Dufthauch. "Wer so schoen ist, wirkt unvermeidlich ein wenig leichtfertig. Die gnaedige Frau weiss genau, dass bei einer solchen Schoenheit kein Friede herrschen kann, und deshalb verabscheut sie sie. Solche plumpen, groben Geschoepfe wie wir sind ihr lieber."
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"Das mag sein", erwiderte Schatzjade, "aber woher kennt die gnaedige Frau sogar unsere heimlichen Scherzworte? Kein Aussenstehender kann sie verraten haben. Das ist raetselhaft."
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"Du selbst kennst doch keine Tabus", entgegnete Dufthauch. "Wenn du dich einmal freust, ist es dir voellig egal, ob jemand dabei ist oder nicht. Wenn ich dir Zeichen gab und dich warnen wollte, wussten die Leute laengst Bescheid, noch ehe du ueberhaupt etwas bemerkt hattest."
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"Aber wie kommt es dann", fragte Schatzjade verwundert, "dass die gnaedige Frau ueber jedermanns Fehler Bescheid weiss, nur dich, Moschusmond und Qiuwen nicht erwaehnt hat?"
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Betroffen senkte Dufthauch den Kopf. Lange wusste sie nichts zu erwidern, bis sie endlich laechelnd sagte: "Ja, eben! Wenn man bedenkt, dass auch wir in unseren unvorsichtigen Scherzen gegen die guten Sitten verstossen haben -- warum hat sie uns dann vergessen? Wahrscheinlich hat sie noch andere Sorgen, und erst wenn sie damit fertig ist, wird sie sich uns vornehmen."
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"Du bist das geruemte Muster an Guete und Tuechigkeit", sagte Schatzjade laechelnd, "und die beiden hast du geformt und erzogen. Was sollte es bei euch fuer Verstoesse zu bestrafen geben? Fangguan ist noch klein und ein wenig zu keck, so hat sie sich aufs hohe Ross gesetzt und sich den Hass der Leute zugezogen. Bei der Vierten trage ich die Schuld. Als ich mich einmal mit dir gezankt hatte, rief ich sie hinterher zu mir, um feinere Arbeiten fuer mich zu erledigen, und so hat sie sich eine hoehere Stellung angemasst. Nur deshalb ist es zu diesem Ende gekommen.
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Aber Heitermuster ist genau wie du in jungen Jahren aus den Raeumen der alten gnaedigen Frau hereingekommen. Dass sie schoener gewachsen ist als andere, ist doch kein Verbrechen. Und mag sie auch einen offenherzigen Charakter und eine scharfe Zunge haben -- euch hat sie doch nichts zuleide getan. Ich denke, sie ist wirklich zu huebsch, und das hat ihr Verderben gebracht." Bei diesen Worten brach er erneut in Traenen aus.
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Dufthauch ueberlegte sorgfaeltig. Es schien ihr, als ob Schatzjade an ihr zweifelte, und so konnte sie ihm nicht gut laenger zureden. Stattdessen sagte sie seufzend: "Der Himmel allein weiss es. Jetzt wirst du doch nicht herausfinden, wer schuld ist, und sinnloses Weinen hat keinen Zweck. Am besten beruhigst du dich und wartest ab, bis die alte gnaedige Frau einmal guter Stimmung ist. Dann erklaerst du ihr alles und verlangst Heitermuster zurueck."
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"Du brauchst mich nicht mit leeren Worten zu troesten", entgegnete Schatzjade kuehl. "Wie soll ich abwarten, bis der Zorn der gnaedigen Frau verraucht ist, und dann auf eine guenstige Gelegenheit lauern? Wartet ihre Krankheit vielleicht? Von Kindheit an ist sie verwoehnt worden und hat keinen einzigen Tag Kraenkung erfahren muessen. Selbst ich, der ich ihren Charakter kenne, habe sie oft genug verletzt.
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Dass sie jetzt fortgeschickt wurde, ist, als wuerde man einen Orchideentopf, der gerade die ersten zarten Knospen treibt, in einen Schweinestall stellen. Zumal sie schwer krank ist und obendrein voller Verdruss. Sie hat keine leiblichen Eltern, nur einen staendig betrunkenen Vetter. Dort wird sie sich ueberhaupt nicht zurechtfinden. Wer weiss, ob ich sie ueberhaupt noch einmal sehen werde!" Er weinte nun noch bitterlicher.
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Dufthauch lachte: "Da hast du es wieder: 'Nur der Beamte darf die Stadt in Brand stecken, aber das Volk darf nicht einmal eine Laterne anzuenden!' Wenn wir aus Versehen einmal ein stoerendes Wort sagen, heisst es gleich, das sei unheilbringendes Gerede. Jetzt aber dichtest du ihr selbst die schlimmsten Dinge an, als waere alles ausgemacht! So zartbesaitet sie auch sein mag, so schlimm wird es doch nicht kommen."
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"Ich dichte ihr nichts an", erwiderte Schatzjade. "Schon im Fruehling gab es ein Vorzeichen."
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"Was fuer ein Vorzeichen?" fragte Dufthauch sofort.
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"Der schoene Zierapfelbaum vor unserer Treppe ist ohne jeden Grund zur Haelfte verdorrt", erklaerte Schatzjade. "Da wusste ich, dass etwas Ungewoehnliches geschehen wuerde. Und nun hat es sich an ihr bewahrheitet."
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Dufthauch lachte wieder: "Eigentlich wollte ich es nicht sagen, aber ich kann nicht anders. Du benimmst dich wirklich wie ein altes Weib! Wie kann ein Mann, der Buecher liest, so etwas sagen? Was haben Pflanzen und Baeume mit Menschen zu tun? Wenn du nicht weibisch bist, bist du zum Narren geworden."
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"Was wisst ihr schon davon!", seufzte Schatzjade. "Nicht nur Pflanzen und Baeume -- alle Dinge auf der Welt haben Gefuehl und Verstand wie die Menschen. Wenn sie einen verstaendnisvollen Freund gefunden haben, zeigen sie ausserordentliche Feinfuehligkeit.
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Wenn ich grosse Beispiele anfuehre: Da ist der Wacholderbaum vor dem Konfuziustempel und die Schafgarbe an Konfuzius' Grab, der Lebensbaum vor Zhuge Liangs Tempel und die Kiefern an Yue Feis Grab. Das alles sind beruehmte Gewaechse, die dem aufrechten Geist dieser Maenner folgen und in Jahrtausenden nicht vergehen. Wenn die Welt in Unordnung ist, verkuemmern sie, und wenn die Welt in Ordnung ist, gedeihen sie wieder. Im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende sind sie mehrmals verdorrt und wieder zum Leben erwacht. Sind das etwa keine Vorzeichen?
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Wenn ich kleine Beispiele anfuehre: Da sind die Paeonien vor Yang Guifeis Adlerholzpavillon und der Baum des Gedenkens an ihrem Turm der Aufrichtigkeit zu nennen, sowie das Gras auf dem Grabhuegel der Wang Zhaojun. Sind das nicht ebenfalls feinfuehlige Gewaechse? Genauso wie der Zierapfelbaum anzeigen wollte, dass seine Herrin sterben wird, und darum zuerst er zur Haelfte abgestorben ist."
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Als Dufthauch diese versonnene Rede hoerte, war ihr zugleich zum Lachen und zum Seufzen zumute. Laechelnd sagte sie: "Du bringst mich wirklich in Zorn mit deinem Gerede. Wer ist denn Heitermuster, dass du dir solche Gedanken machst und sie mit so grossen Persoenlichkeiten vergleichst? Und ausserdem: Wie gut sie auch sein mag, sie kann mir doch nicht den Rang streitig machen. Wenn dieser Zierapfelbaum etwas bedeutet, dann deutet er zuerst auf mich, ehe sie an die Reihe kommt. Wahrscheinlich werde also ich sterben!"
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Erschrocken hielt Schatzjade ihr den Mund zu: "Warum sagst du so etwas? Noch ist das Schicksal der einen nicht geklaert, und schon faengst du damit an! Schluss jetzt, kein Wort mehr davon! Sonst koennte es sein, dass zu den dreien, die ich verloren habe, noch eine vierte kommt."
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Dufthauch hoerte dies mit heimlicher Zufriedenheit und dachte: Wie haettest du die Sache sonst zum Abschluss bringen wollen?
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"Von nun an wollen wir nicht mehr davon sprechen", sagte Schatzjade. "Tun wir einfach so, als waeren die drei gestorben, und damit gut. Schliesslich hat es ja auch schon Tote gegeben, ohne dass es mir viel ausgemacht haette. Das ist genau dasselbe. Jetzt aber wollen wir von der Gegenwart reden! Ihre Sachen sind noch hier. Man darf zwar die Obrigkeit taeuschen, aber nicht die Untergebenen. Also schick heimlich jemanden, der ihr alles bringt. Und wenn wir noch erspartes Geld haben, schick ihr ein paar Schnuere Kupfermuenzen, damit sie sich auskurieren kann. Schliesslich habt ihr eine Zeitlang wie Schwestern zusammengelebt."
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"Du haeltst uns wirklich fuer allzu kleinlich und herzlos", erwiderte Dufthauch laechelnd. "Als ob ich deine Aufforderung gebraucht haette! Vorhin habe ich bereits alle ihre Kleider und Habseligkeiten zusammenpacken und beiseitelegen lassen. Bei Tage sind zu viele neugierige Augen da, was nur Aerger bringen koennte. Warten wir bis zum Abend, dann schicke ich Mutter Song heimlich zu ihr. Auch ein paar Schnuere Kupfermuenzen, die ich gespart habe, soll sie bekommen."
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Schatzjades Dank kannte keine Grenzen. Dufthauch bemerkte laechelnd: "Schliesslich bin ich doch seit langem ein geruemtes Muster an Tuechigkeit -- muss ich mir da nicht wenigstens diesen Ruf bewahren?"
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Als Schatzjade sich an seine eigenen Worte erinnert fuehlte, laechelte er rasch und redete ein Weilchen beguuetigend auf sie ein. Am Abend wurde Mutter Song dann wirklich heimlich losgeschickt.
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Nachdem Schatzjade alle mit Auftraegen beschaeftigt wusste, schlich er sich allein zum hinteren Seitentor hinaus und bat dort eine alte Dienerin, ihn zu Heitermuster zu bringen. Zuerst wollte die Alte sich auf keinen Fall darauf einlassen: "Wenn es jemand erfaehrt und der gnaedigen Frau gemeldet wird, habe ich nichts mehr zu essen!"
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Doch Schatzjade flehte und flehte und versprach ihr Geld, bis die Alte ihn schliesslich hinfuehrte.
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Heitermuster war seinerzeit von der Familie Lai fuer Geld gekauft worden. Damals war sie erst zehn Jahre alt und trug ihr Haar noch kurz. Weil sie oft mit Mutter Lai zusammen ins Haus kam und aeusserst huebsch und aufgeweckt war, fand die Herzoginmutter grossen Gefallen an ihr. Daraufhin schenkte Mutter Lai sie der Herzoginmutter zum Gebrauch, und so gelangte sie schliesslich in Schatzjades Gemaecher.
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Als Heitermuster ins Haus kam, erinnerte sie sich weder an ihre Heimat noch an ihre Eltern. Sie wusste nur, dass sie einen Vetter hatte, der zwar ein guter Koch war, aber stellungslos herumlungerte. So bat Heitermuster die Lais, auch ihren Vetter aufzunehmen und ihm eine Anstellung zu geben. Die Lais waren geruehrt davon, dass Heitermuster, obwohl sie inzwischen bei der Herzoginmutter diente und aeusserst aufgeweckt und redegewandt, allerdings auch spitzzuengig und temperamentvoll war, ihre alten verwandtschaftlichen Beziehungen nicht vergass. Also kauften sie auch Heitermusters Vetter und verheirateten ihn mit einer jungen Frau aus dem Haushalt.
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Doch kaum lebte der Vetter nach der Heirat in gesicherten Verhaeltnissen, vergass er auch schon seine Jahre als Herumtreiber und begann, hemmungslos zu trinken, ohne sich um seine Familie zu kuemmern. Seine Frau war jedoch eine gefuehlvolle Schoenheit. Als sie sah, dass ihr Mann sie nicht beachtete und weder Feingefuehl noch Leidenschaft besass, sondern nur sinnlos dem Wein froennte, empfand sie den Kummer des Jadeschilfs zwischen gemeinem Rohr und die Trauer einer vernachlaessigten jungen Frau. Als sie dann feststellte, dass ihr Mann aeusserst grosszuegig war und nicht die geringste Eifersucht kannte, liess sie ihren Trieben freien Lauf. Im ganzen Anwesen ging sie auf die Suche nach Helden und Talenten, und schliesslich hatte gut die Haelfte aller Maenner, ob Herren oder Diener, bei ihr die Pruefung abgelegt.
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Fragt man nach ihren Namen -- es waren jener Trunkenbold Duo und seine Frau Laternchen Deng, mit denen Jia Lian, wie in einem frueheren Kapitel erzaehlt, zu tun gehabt hatte. Sie waren die einzigen Verwandten, die Heitermuster noch besass, und so hielt sie sich nach ihrem Hinauswurf in deren Haus auf.
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Trunkenbold Duo war gerade ausgegangen, und Frau Deng war nach dem Essen zu einer Nachbarin gegangen. So lag Heitermuster allein im Vorderzimmer auf dem Ofenbett. Schatzjade hiess die alte Dienerin im Hof Wache stehen, hob selbst den Strohvorhang und trat ein. Auf den ersten Blick sah er Heitermuster auf dem Ofenbett aus gestampfter Erde liegen, das nur mit einer Schilfmatte bedeckt war. Zum Glueck hatte sie noch ihr Bettzeug aus alten Tagen.
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In seinem Herzen wusste er nicht, wohin mit sich. Er trat naeher, streckte weinend die Hand aus, beruehrte sie sacht und rief leise ihren Namen. Heitermuster hatte sich verkuehlt und war von ihrem Vetter und seiner Frau mit boesen Worten bedraengt worden, so dass zu ihrer Krankheit noch eine weitere kam. Den ganzen Tag hatte sie gehustet, ehe sie endlich in einen unruhigen Schlummer gefallen war. Als sie jemanden rufen hoerte, schlug sie muehsam ihre Sternenaugen auf, und als sie Schatzjade erkannte, war sie erschrocken und erfreut, betrueebt und schmerzlich beruehrt zugleich. Mit aller Kraft umklammerte sie seine Hand. Erst nach langem Schluchzen brachte sie hervor: "Ich dachte schon, ich wuerde dich nicht mehr sehen ..." Dann musste sie ohne Unterlass husten.
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Auch Schatzjade konnte nichts anderes tun als schluchzen. Heitermuster sagte: "Amitabha Buddha! Gut, dass du gekommen bist! Gib mir eine halbe Schale Tee! Ich habe solchen Durst und rufe schon die ganze Zeit, ohne dass jemand kommt."
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Hastig wischte sich Schatzjade die Traenen ab und fragte: "Wo ist der Tee?"
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"Dort auf dem Ofensims", erwiderte Heitermuster.
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Als Schatzjade sich umsah, erblickte er einen schwarzen irdenen Tiegel, der keinerlei Aehnlichkeit mit einer Teekanne hatte. Vom Tisch nahm er eine Schale, die so gross und grob war, dass sie nicht wie eine Teeschale aussah. Noch ehe er sie in der Hand hielt, stieg ihm ein ranziger, fettiger Geruch in die Nase. Also spuelte er sie erst einige Male mit Wasser aus und goss dann aus dem Tiegel eine halbe Schale ein. Die Fluessigkeit war roetlich-trueb und sah ganz und gar nicht nach Tee aus.
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"Gib schnell her, lass mich trinken!" draengte Heitermuster, die sich auf ihr Kissen stuetzte. "Das ist schon Tee. Du kannst ihn natuerlich nicht mit unserem vergleichen."
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Schatzjade kostete zunaechst selbst. Es war weder aromatisch noch frisch, nur bitter und herb, mit einer vagen Andeutung von Teegeschmack. Dann reichte er die Schale Heitermuster. Als haette sie suessen Tau bekommen, stuerzte sie die Fluessigkeit in einem Zug hinunter.
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Still dachte Schatzjade bei sich: Wie oft war sie mit unserem feinen Tee unzufrieden, und heute trinkt sie das hier! Wie wahr ist doch das alte Wort: 'Wer satt ist, verachtet Braten und Geroestetes; wer hungert, isst sich an Kleie und Spreu satt.' Und ebenso: 'Wer den Reis satt hat, sehnt sich nach duenner Reissuppe.'
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Unter Traenen fragte er: "Hast du mir etwas zu sagen? Dann tu es jetzt, solange niemand da ist."
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Schluchzend sagte Heitermuster: "Was gibt es schon zu sagen? Fuer mich zaehlt jetzt jede Stunde, jeder Tag. Ich weiss wohl, dass ich in hoechstens drei bis fuenf Tagen heimgehen werde. Aber eines bereitet mir noch im Tode Pein: Ich bin zwar ein wenig huebscher als andere, doch ich hatte keinerlei heimliche Absichten auf dich und habe dich in keiner Weise zu verfuehren versucht. Warum hat man sich so hartnaeckig darauf versteift, ich sei eine Fuechsin? Damit kann ich mich nicht abfinden!
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Jetzt stehe ich unter diesem falschen Verdacht, und obwohl ich dem Tod ins Auge sehe, habe ich nichts zu bereuen. Haette ich frueher gewusst, wie alles kommen wuerde, haette ich mich anders verhalten. So aber habe ich in meinem toerichten Sinn geglaubt, wir wuerden fuer immer zusammenbleiben. Nun ist aus dem Nichts dieses Geruecht entstanden, und ich leide Unrecht, ohne mich irgendwo beklagen zu koennen." Nach diesen Worten brach sie erneut in Traenen aus.
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Schatzjade griff nach ihrem Handgelenk und fuehlte, dass es duerr wie trockenes Reisig geworden war. Dennoch trug sie noch vier silberne Armreifen. Weinend sagte er: "Leg sie ab und heb sie auf, bis du wieder gesund bist." Er streifte ihr die Armreifen ab und schob sie unter das Kopfkissen. Dann sagte er: "Wie schade um deine Fingernaegel! Mit welcher Muehe hast du sie zwei Zoll lang wachsen lassen. Durch diese Krankheit werden sie wieder verderben."
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Heitermuster wischte sich die Traenen ab, griff nach einer Schere und schnitt die beiden langen Fingernaegel an ihrer linken Hand, die wie Roehrenblaetter vom Lauch aussahen, bis zur Wurzel ab. Dann zog sie sich unter der Bettdecke die alte rote Seidenjacke aus, die sie auf der blossen Haut trug, und reichte sie Schatzjade zusammen mit den Fingernaegeln.
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"Heb das auf", sagte sie. "Wenn du es spaeter ansiehst, wird es sein, als saehest du mich selbst. Und zieh schnell deine Unterjacke aus und lass sie mich anziehen. Wenn ich dann einsam im Sarg liege, wird es mir vorkommen, als waere ich noch immer im Hof der Roten Freude. Eigentlich gehoert sich das nicht, aber da man mich nun einmal zu Unrecht verdaechtigt hat, bleibt mir keine andere Wahl."
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Schatzjade zog sich rasch um und steckte die Fingernaegel zu sich. Weinend fuegte Heitermuster hinzu: "Wenn du zurueck bist und die anderen es sehen und fragen, brauchst du nicht zu luegen. Sag einfach, es sei von mir. Da man mich ohnehin zu Unrecht verdaechtigt hat, kann ich es nun auch darauf ankommen lassen. Mehr ist es ja nicht."
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Kaum hatte sie das gesagt, als die Frau ihres Vetters lachend durch den Vorhang hereingetreten kam: "Bestens! Alles, was ihr gesagt habt, habe ich gehoert!" Dann wandte sie sich an Schatzjade: "Was willst du als junger Herr hier in den Dienstbotenraeumen? Du hast wohl bemerkt, dass ich jung und huebsch bin, und willst mich verfuehren?"
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Erschrocken bat Schatzjade mit verbindlichem Laecheln: "Nicht so laut, gute Schwester! Sie hat mir so lange gedient, darum bin ich heimlich gekommen, um nach ihr zu sehen."
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Frau Deng zog ihn am Arm in den hinteren Raum und sagte laechelnd: "Wenn du willst, dass ich leise bin, ist das nicht schwer. Du brauchst mir nur einen Gefallen zu tun." Mit diesen Worten setzte sie sich auf den Rand des Ofenbetts und presste Schatzjade fest an ihre Brust.
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Dergleichen hatte Schatzjade noch nie erlebt. Sein Herz begann stuermisch zu haemmern, und vor Aufregung lief er puterrot an. Zugleich beschaemt und erschrocken, bat er: "Nicht doch, gute Schwester!"
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"Pah!" sagte Frau Deng und kniff ihre weinschweren Augen zusammen. "Ich hoere doch staendig, du seist ein geuebter Kaempfer auf dem Schlachtfeld der Liebe -- warum zierst du dich da ploetzlich?"
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"Schwester, lass mich los!", bat Schatzjade mit rotem Gesicht. "Wir koennen ueber alles reden. Aber was soll die alte Dienerin draussen denken, wenn sie uns hoert?"
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Frau Deng lachte: "Ich bin schon laengst hier. Die Alte habe ich zum Gartentor geschickt, damit sie dort wartet. Ich habe schon so lange auf dich gewartet, und heute habe ich dich endlich! Viel gehoert habe ich von dir, aber Hoerensagen ist nicht wie Sehen. Ganz umsonst bist du so huebsch -- du bist wie ein Boeller ohne Pulver, nur zum Angeben gut. Du genierst dich ja mehr als ich!
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Da sieht man, dass man den Leuten nicht glauben darf. Als unsere Schwester hinausgeworfen wurde, war ich fest ueberzeugt, ihr haettet ein heimliches Verhaeltnis. Aber als ich vorhin kam und am Fenster lauschte -- ihr wart nur zu zweit im Zimmer --, da haettet ihr, wenn wirklich etwas zwischen euch gewesen waere, bestimmt davon gesprochen. Doch ihr habt euch nicht im Geringsten naehergekommen! Da sieht man, wie viel Unrecht es auf der Welt gibt! Jetzt bereue ich, euch grundlos verdaechtigt zu haben. Also sei ganz beruhigt: Komm kuenftig nur, ich werde dich nicht belaestigen."
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Nun erst beruhigte sich Schatzjade. Er stand auf, brachte seine Kleider in Ordnung und bat: "Sorg nur ein paar Tage gut fuer sie, Schwester. Ich muss jetzt gehen." Dann trat er in den Vorderraum und verabschiedete sich von Heitermuster. Beide konnten sich nicht voneinander losreissen, und doch mussten sie sich trennen. Da Heitermuster wusste, wie schwer Schatzjade das fiel, zog sie sich schliesslich die Bettdecke ueber den Kopf und beachtete ihn nicht mehr, bis er endlich ging.
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Schatzjade hatte noch vorgehabt, Fangguan und die Vierte zu besuchen, doch inzwischen war es dunkel geworden. Er war schon zu lange fort, und wenn man ihn vermisste, konnte neues Unheil entstehen. Also war es besser, in den Garten zurueckzukehren und fuer den naechsten Tag neue Plaene zu machen. Als er zum hinteren Seitentor kam, trugen die Diener gerade das Bettzeug hinaus, und drinnen kontrollierten die alten Ammen, ob alle da waren. Waere er auch nur einen Augenblick spaeter gekommen, waere das Tor bereits verschlossen gewesen.
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Schatzjade kehrte in den Garten zurueck, und gluecklicherweise hatte niemand etwas bemerkt. In seinen Raeumen angelangt, sagte er Dufthauch nur, er sei bei Tante Xue gewesen, und damit war die Sache abgetan.
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Als bald darauf das Bett gerichtet wurde, musste Dufthauch notgedrungen fragen, wie sie heute Nacht schlafen wollten. Schatzjade antwortete nur: "Das ist mir einerlei."
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In den letzten ein, zwei Jahren, seit Dame Wang Dufthauch Beachtung schenkte, hatte diese grossen Wert auf Wuerde gelegt. Wenn sie mit Schatzjade allein war, auch nachts, wahrte sie Abstand und war zurueckhaltender als in ihren fruehen Jahren. Zwar hatte sie keine grossen Aufgaben, doch war es muehsam genug, alle Naeharbeiten zu erledigen und fuer Schatzjade wie fuer die kleinen Dienerinnen Geld, Kleider und allerlei Gegenstaende zu verwalten. Zudem hatte sie ihr altes Leiden des Blutspuckens zwar ueberwunden, doch bei Ueberanstrengung oder Erkaeltung zeigte sich stets wieder Blut im Auswurf. Deshalb hatte sie in letzter Zeit auch nicht in einem Zimmer mit Schatzjade geschlafen.
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Schatzjade jedoch wurde nachts haeufig wach und war dann immer sehr aengstlich und rief nach jemandem. Da Heitermuster einen leichten Schlaf hatte und sich lautlos bewegen konnte, war ihr die Aufgabe zugefallen, nachts fuer ihn Tee einzuschenken und andere Handreichungen zu tun. Deshalb hatte nur sie neben seinem Bett geschlafen. Nun, da sie fort war, musste Dufthauch wohl oder uebel fragen, denn dieser Nachtdienst war noch wichtiger als der Dienst am Tage.
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Da Schatzjade gesagt hatte, es sei ihm einerlei, blieb Dufthauch nichts uebrig, als es wie in frueheren Jahren zu halten. Sie holte ihr eigenes Bettzeug und richtete sich damit vor Schatzjades Lager ein.
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Schatzjade bruetete den ganzen Abend stumm vor sich hin. Erst als Dufthauch ihn mahnte, sich hinzulegen, und auch sie sich niedergelegt hatte, hoerte sie, wie er auf dem Kissen seufzte und stoehnte und sich von einer Seite auf die andere waelzte. Erst nach der dritten Nachtwache wurde er allmaehlich ruhiger, und schliesslich schnarchte er leise. Nun erst war Dufthauch beruhigt und doeste selbst ein.
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Doch es dauerte kaum so lange, wie man fuer eine halbe Schale Tee braucht, da rief Schatzjade: "Heitermuster!"
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Sofort riss Dufthauch die Augen auf, meldete sich und fragte, was er wolle. Schatzjade bat um Tee. Dufthauch stand rasch auf, spuelte sich in der Schuessel die Haende und goss aus der Warmhaltekanne eine halbe Schale ein, die sie ihm reichte.
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Laechelnd sagte Schatzjade: "Ich habe mich so daran gewoehnt, nach ihr zu rufen, dass ich ganz vergass, dass du es bist."
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Ebenfalls laechelnd erwiderte Dufthauch: "Als sie neu hierher kam, hast du im Schlaf auch immer nach mir gerufen. Erst nach einem halben Jahr hattest du dich umgewoehnt. Ich wusste, dass der Name Heitermuster bleiben wuerde, auch wenn Heitermuster nicht mehr da ist."
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Damit legten sich beide wieder hin. Erneut waelzte sich Schatzjade eine weitere Nachtwache lang von einer Seite auf die andere und schlief erst in der fuenften Wache ein. Da sah er, wie Heitermuster von draussen hereinkam, aussehend wie immer. Im Zimmer angekommen, sagte sie laechelnd zu Schatzjade: "Lebt alle wohl! Ich komme nicht wieder." Dann drehte sie sich um und ging hinaus.
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Als Schatzjade ihr nachrief, weckte er wieder Dufthauch. Zunaechst glaubte sie, er habe aus alter Gewohnheit Heitermusters Namen gerufen, doch dann sah sie, dass er weinte, und hoerte ihn sagen: "Heitermuster ist gestorben."
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"Was redest du da?" hielt sie ihm vor. "Das ist doch Unsinn! Was sollen die Leute denken, wenn sie dich hoeren?"
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Schatzjade wollte natuerlich nicht auf sie hoeren und wartete sehnsuechtig darauf, dass es hell wurde, um jemanden nach Nachrichten auszuschicken.
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Doch als es Tag wurde, stand schon eines der kleinen Dienstmaedchen aus Dame Wangs Raeumen vor dem vorderen Seitentor und verlangte, man solle sofort oeffnen, damit sie Dame Wangs Botschaft ueberbringen koenne: "Weckt Schatzjade sofort! Er soll sich schnell waschen und umziehen und herueeberkommen. Jemand hat den gnaedigen Herrn eingeladen, den schoenen Herbst zu geniessen und die Duftblueten zu bewundern. Weil der gnaedige Herr sich ueber das Gedicht gefreut hat, das Schatzjade neulich verfasste, will er ihn mitnehmen. Das sind die Worte der gnaedigen Frau, kein einziges darf fehlen! Lauft schnell und sagt ihm Bescheid, er soll sofort kommen! Der gnaedige Herr wartet in den Hauptraeumen und will noch mit ihm zusammen Mehlsuppe fruehstuecken. Der junge Herr Huan ist schon da. Beeilt euch! Und schickt noch jemanden zum kleinen Herrn Lan -- auch ihm soll dasselbe bestellt werden!"
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Drinnen bestaetigten die Dienerinnen jeden Satz, knoepften sich dabei die Kleider zu und oeffneten das Tor. Zwei, drei von ihnen machten sich sofort in verschiedene Richtungen auf den Weg, noch waehrend sie sich fertig anzogen.
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Als Dufthauch hoerte, dass ans Hoftor gepocht wurde, ahnte sie, dass etwas Wichtiges vorlag. Waehrend sie schnell jemanden nach draussen schickte, stand sie bereits selbst auf. Nachdem sie die Botschaft vernommen hatte, liess sie sofort Waschwasser bringen und trieb Schatzjade zum Aufstehen an. Selbst ging sie seine Kleider holen. Da er Kaufmann Aufrecht begleiten sollte, wollte sie ihm nichts allzu Auffaelliges oder Neues anziehen lassen und waehlte daher nur Kleider zweiter Wahl.
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Schatzjade blieb nun keine andere Wahl, als schleunigst hinueberzueilen. Tatsaechlich fand er Kaufmann Aufrecht beim Fruehstueck vor, in bester Stimmung. Hastig entbot Schatzjade seinen Morgengruss. Auch Jia Huan und Jia Lan begruessten ihn.
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Kaufmann Aufrecht befahl Schatzjade, Platz zu nehmen und von der Mehlsuppe zu essen. Dann wandte er sich an Jia Huan und Jia Lan: "Beim Buecherstudium steht Schatzjade hinter euch zurueck, doch in der Kunst, Parallelsaetze zu bilden und Gedichte zu erwidern, reicht ihr nicht an ihn heran. Bei unserem heutigen Besuch wird man euch gewiss draengen, Verse zu machen -- dabei soll euch Schatzjade helfen."
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Noch nie hatte Dame Wang solch ein Urteil aus dem Munde ihres Gatten gehoert. Dies war eine ganz und gar unerwartete Freude.
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Bald darauf, nachdem Vater und Soehne aufgebrochen waren und Dame Wang sich gerade zur Herzoginmutter begeben wollte, erschienen die Pflegemuetter von Fangguan und zwei anderen Schauspielmaedchen und berichteten: "Seitdem Fangguan neulich die Gnade erfahren hat, freigelassen zu werden, ist sie voellig von Sinnen! Sie trinkt keinen Tee, sie isst keinen Reis. Sie hat Ouguan und Ruiguan dazu angestiftet, dass alle drei auf Gedeih und Verderb darauf bestehen, sich die Haare abschneiden und Nonnen werden zu wollen. Wir dachten, das sei nur kindliches Gerede, weil sie die Verhaeltnisse draussen nicht gewoehnt sind -- nach ein paar Tagen wuerde alles wieder gut sein. Doch wider Erwarten toben sie immer schlimmer, und auch Schlaege und Schelte helfen nicht. Wir wissen wirklich keinen Rat mehr und bitten Euch, sie entweder ihrem Wunsch gemaess Nonnen werden zu lassen, oder ihnen eine Lektion zu erteilen und sie jemand anderem als Ziehtochter zu geben -- fuer uns ist dieses Glueck nicht bestimmt."
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"Unsinn!" sagte Dame Wang. "Vielleicht richten wir uns noch nach ihnen! Ins Kloster geht man nicht leichtfertig. Jede bekommt eine Tracht Pruegel, und dann werden wir sehen, ob sie immer noch verrueckt spielen!"
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Nun hatten sich gerade zum fuenfzehnten Tag des achten Monats Nonnen aus den verschiedenen Tempeln eingefunden, um Opfergebaeck zu bringen, wie es der Brauch verlangte. Dame Wang hatte die Nonne Zhitong aus dem Wassermondkloster und Yuanxin vom Dizang-Tempel fuer ein paar Tage als Gaeste behalten.
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Als die beiden Nonnen diese Neuigkeiten hoerten, brannten sie darauf, die Maedchen als Schuelerinnen mitzunehmen -- in Wahrheit, um sie als Arbeitskraefte zu benutzen. So sagten sie zu Dame Wang: "Euer Anwesen ist wahrlich ein Haus guter Menschen, und weil Ihr, gnaedige Frau, so fromm seid, sind auch die Maedchen in dieser Weise erleuchtet worden. Gewiss ist der Eintritt ins Kloster nicht leichtfertig zu nehmen, doch man muss auch wissen, dass nach Buddhas Gesetz alle gleichwertig sind. Unser Buddha hat gelobt, saemtliche Lebewesen zu erloesen, seien es auch nur Huehner und Hunde, doch leider kommen die Verirrten nicht zur Erkenntnis. Wer die Wurzel des Guten in sich traegt und erwachen kann, vermag dem Kreislauf der Wiedergeburten zu entrinnen. In den Sutras finden sich genuegend Faelle, in denen sogar Tiger, Woelfe, Schlangen und Wuermer den rechten Weg gefunden haben.
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Diese Maedchen haben weder Vater noch Mutter, und ihre Heimat ist weit. Sie haben Reichtum und Vornehmheit erlebt und wissen, wie bitter ihr Schicksal von klein auf war, als sie einem leichtfertigen Gewerbe nachgehen mussten. Wer weiss, was die Zukunft bringt? Deshalb haben sie beschlossen, das Meer des Leidens zu verlassen und im Kloster fuer ein besseres naechstes Leben zu beten -- das ist ein nobler Entschluss. Die gnaedige Frau sollte ihre guten Absichten nicht einschraenken."
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Dame Wang war von Natur aus fromm gesinnt. Wenn sie vorhin den Wunsch der Maedchen abgelehnt hatte, so nur, weil sie fuerchtete, die jungen Dinger koennten die Entsagung des Klosterlebens nicht ertragen und sich dadurch nur Schuld aufladen. Nun aber klangen die Worte der beiden Nonnen durchaus vernuenftig. Zudem hatte der Haushalt in letzter Zeit ohnehin viele Sorgen: Dame Xing hatte jemanden geschickt, um mitzuteilen, Yingchun solle nach Hause kommen, damit eine Familie sie sich ansehen koenne; und es waren auch schon offizielle Heiratsvermittlerinnen gekommen, um sich nach Tanchun zu erkundigen. Dame Wang war ohnehin gedanklich ueberlastet und hatte keine Nerven, sich mit solchen Nebensaechlichkeiten zu befassen. Als sie die Worte der Nonnen hoerte, laechelte sie und sagte: "Wenn es so ist, warum nehmt ihr sie nicht als eure Schuelerinnen mit?"
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Die beiden Nonnen sprachen ein Gebet: "Vortrefflich! Vortrefflich! Wenn es so geschieht, ist Euer Verdienst an verborgener Tugend wahrlich nicht gering." Dann verneigten sie sich dankend.
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Dame Wang sagte: "Gut, dann fragt sie selbst. Wenn sie es wirklich ernst meinen, sollen sie hier vor mir ihre Lehrmeisterinnen begruessen und dann mit ihnen gehen."
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Die drei Pflegemuetter gingen hinaus und brachten die drei Maedchen herein. Dame Wang fragte sie noch mehrmals, aber die drei waren fest entschlossen. So knieten sie vor den beiden Nonnen nieder und verabschiedeten sich dann von Dame Wang. Als Dame Wang sah, wie entschieden sie waren, wusste sie, dass Zwang keinen Sinn mehr hatte. Geruehrt liess sie einige Geschenke bringen und den Maedchen mitgeben, und auch den beiden Nonnen schickte sie Geschenke.
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Von da an folgte Fangguan der Nonne Zhitong ins Wassermondkloster, waehrend Ruiguan und Ouguan der Nonne Yuanxin ins Dizang-Kloster folgten. Alle drei verliessen das weltliche Leben.
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Was weiter geschah, wird im naechsten Kapitel erzaehlt.
 
== Anmerkungen ==
 
== Anmerkungen ==
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''Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本).''
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Revision as of 12:36, 15 April 2026

Kapitel: 1 · 2 · 3 · 4 · 5 · 6 · 7 · 8 · 9 · 10 · [11-20] · [21-30] · [31-40] · [41-50] · [51-60] · [61-70] · [71-80] · [81-90] · [91-100] · [101-110] · [111-120] · ← Inhalt

Version: ZH · DE (Woesler) · ZH-DE

Siebenundsiebzigstes Kapitel

Die huebsche Dienerin stirbt zu Unrecht vor der Zeit; die schoene Schauspielerin schneidet alle Gefuehle ab und kehrt zu Wasser und Mond zurueck

Es wird erzaehlt, dass Dame Wang nach dem Mittelherbstfest feststellte, dass Phoenixglanz' Krankheit sich bereits gebessert hatte. Zwar war sie noch nicht voellig genesen, doch konnte sie schon wieder aufstehen und ausgehen. Dennoch liess Dame Wang weiterhin jeden Tag den Arzt kommen, um ihr den Puls zu fuehlen und Medizin zu verabreichen. Der Arzt verschrieb nun ein Rezept fuer Pillen zur Regulierung der Menstruation und Naehrung der Lebenskraft. Dafuer wurden zwei Liang besten Ginsengs benoetigt. Als Dame Wang ihn holen liess, fand man nach langem Suchen in einem kleinen Kaestchen nur ein paar Wurzeln, nicht dicker als Haarnadeln. Dame Wang war damit nicht zufrieden und befahl, weiter zu suchen. Doch alles, was noch gefunden wurde, war ein grosses Paeckchen mit Fasern und Kruemeln.

Aergerlich sagte Dame Wang: "Wenn man keinen braucht, ist welcher da, aber sobald man welchen braucht, ist keiner mehr zu finden! Immer wieder habe ich euch gesagt, ihr sollt einmal nachsehen und alles an einer Stelle zusammenlegen. Aber ihr hoert ja nicht und lasst alles irgendwo liegen. Ihr wisst einfach nicht, wie wertvoll er ist. Wenn man ihn kaufen muss, kostet er ein Vermoegen, und dann taugt er nicht einmal!"

Caiyun erwiderte: "Wahrscheinlich ist keiner mehr da, ausser diesem hier. Als letztes Mal die gnaedige Frau von drueben welchen brauchte, habt Ihr ihr alles gegeben."

"Das kann nicht sein", beharrte Dame Wang. "Such noch einmal gruendlich!"

Wohl oder uebel suchte Caiyun noch einmal und kam mit mehreren Paeckchen Arzneikraeuter zurueck. "Wir kennen diese nicht", sagte sie. "Seht bitte selbst nach, gnaedige Frau. Ausser diesen hier ist nichts mehr da."

Als Dame Wang die Paeckchen oeffnete, konnte sie sich ebenfalls nicht mehr erinnern, was fuer Kraeuter das waren, doch eine einzige Ginsengwurzel war nicht darunter. Also schickte sie jemanden, um Phoenixglanz zu fragen, ob sie welchen habe. Phoenixglanz liess antworten: "Ich habe nur etwas Ginsengpaste und ein paar Fasern. Die wenigen Wurzeln, die ich noch besitze, sind nicht von bester Qualitaet, und ich brauche sie taeglich fuer meine eigenen Heiltraenke."

Da blieb Dame Wang nichts anderes uebrig, als sich an Dame Xing zu wenden, doch diese liess ausrichten: "Da ich selbst keinen mehr hatte, habe ich ja gerade bei euch welchen geholt. Der ist laengst aufgebraucht."

So musste Dame Wang persoenlich zur Herzoginmutter gehen, um sie zu bitten. Die Herzoginmutter befahl sogleich Mandarinenente, den Rest von frueher zu holen. Es war noch ein grosses Paeckchen da, alles Wurzeln so dick wie ein Finger. Davon liess sie zwei Liang abwiegen und Dame Wang geben.

Dame Wang uebergab den Ginseng der Frau des Zhou Rui mit dem Auftrag, die Diener sollten ihn zum Arzt bringen. Ausserdem liess sie die unbekannten Paeckchen mitschicken, damit der Arzt sie bestimme und die Namen darauf vermerke.

Nach einiger Zeit kam die Frau des Zhou Rui zurueck und berichtete: "Die Paeckchen sind alle ordentlich beschriftet. Der Ginseng ist zwar von allerbester Sorte, und heutzutage bekommt man so etwas nicht einmal fuer dreissig Liang Silber pro Liang. Aber er ist zu alt. Mit Ginseng ist es anders als mit anderen Dingen: Wie gut er auch sein mag, nach hundert Jahren zerfaellt er von selbst zu Staub. Dieser hier ist zwar noch nicht zu Staub geworden, aber er ist nur noch morsches, fauliges Holz und hat keinerlei Wirkung mehr. Bitte verwahrt ihn, gnaedige Frau, und besorgt stattdessen frischen, egal ob die Wurzeln dick oder duenn sind."

Dame Wang senkte schweigend den Kopf. Erst nach langer Pause sagte sie: "Da ist nichts zu machen. Wir muessen eben zwei Liang kaufen gehen." Sie hatte keine Lust, sich die uebrigen Arzneien anzusehen, und befahl nur: "Raeumt alles weg!" Dann wandte sie sich an die Frau des Zhou Rui: "Geh und sag den Leuten draussen, sie sollen guten Ginseng besorgen und zwei Liang kaufen. Falls die alte gnaedige Frau einmal fragen sollte, sagt einfach, wir haetten ihren Ginseng verwendet, und macht keine grossen Worte darueber."

Die Frau des Zhou Rui wollte sich gerade auf den Weg machen, als Schatzspange, die ebenfalls anwesend war, laechelnd sagte: "Wartet, Tante! Der Ginseng, den man heutzutage draussen zu kaufen bekommt, taugt nichts. Selbst wenn einmal eine ganze Wurzel dabei ist, schneiden sie sie in zwei oder drei Stuecke, setzen wertlose Enden und Fasern dazwischen und verkaufen das Ganze als gute Ware, ohne dass man die Qualitaet erkennen kann. Unser Laden hat staendig mit Ginsenghaendlern zu tun. Lasst mich mit meiner Mutter sprechen, damit mein Bruder einen Gehilfen zu den Ginsenghaendlern schickt und mit ihnen verhandelt. Er soll zwei Liang guten, unbearbeiteten Ginseng in Originalwurzeln beschaffen. Lieber geben wir ein paar Liang Silber mehr aus, dann haben wir dafuer auch wirklich etwas Ordentliches."

Dame Wang laechelte: "Du bist wirklich verstaendig. Am besten gehst du persoenlich."

Also ging Schatzspange und kam nach geraumer Zeit zurueck mit der Nachricht: "Es ist schon jemand hingeschickt worden. Bis zum Abend wird es Bescheid geben. Morgen frueh ist es noch nicht zu spaet, die Arznei zuzubereiten."

Dame Wang freute sich und sagte: "Wahrhaftig, wie das Sprichwort sagt: 'Die Haendlersfrau kaemmt sich die Haare mit Wasser.' Frueher hatten wir so viel guten Ginseng im Haus und haben ihn freigebig an andere verschenkt. Jetzt, wo wir selbst welchen brauchen, muessen wir ueberall um Hilfe bitten." Sie stiess einen langen Seufzer aus.

Schatzspange sagte laechelnd: "So wertvoll er auch ist, letztlich ist er doch nur Medizin und sollte den Menschen zugutekommen. Wir sind nicht wie jene Familien, die nichts von der Welt kennen und solche Dinge horten und verstecken, sobald sie welche haben."

Dame Wang nickte: "Sehr richtig gesprochen."

Nachdem Schatzspange gegangen war und sonst niemand im Zimmer war, rief Dame Wang die Frau des Zhou Rui herein und erkundigte sich nach dem Ergebnis der Durchsuchung des Gartens von neulich. Die Frau des Zhou Rui hatte bereits alles mit Phoenixglanz und den anderen besprochen und berichtete nun Dame Wang ausfuehrlich, ohne etwas auszulassen.

Dame Wang war zugleich erschrocken und zoernig, doch zugleich wusste sie nicht recht, wie sie die Sache handhaben sollte. Siqin war naemlich Yingchuns Dienerin und gehoerte zur anderen Seite des Hauses; man musste also Dame Xing benachrichtigen. Die Frau des Zhou Rui wandte ein: "Neulich war die gnaedige Frau von drueben schon auf Wang Shanbaos Frau boese, weil sie sich in alles einmischte, und hat ihr ein paar Ohrfeigen gegeben. Jetzt stellt sie sich krank und will sich nicht mehr zeigen. Ausserdem ist es ihre eigene Enkelin -- sie hat sich selbst ins Gesicht geschlagen und tut jetzt am besten so, als haette sie es vergessen, bis Gras ueber die Sache gewachsen ist. Wenn wir jetzt hinuebergehen und Bericht erstatten, wird man dort gleich argwoehnen, wir wollten uns einmischen. Besser waere es, Siqin einfach hinueberzubringen mitsamt den Beweisstücken, sie vor der gnaedigen Frau von drueben durchpruegeln zu lassen und mit jemandem zu verheiraten, und dann bekommt das Fraeulein eben eine neue Dienerin -- waere das nicht einfacher? Wenn wir es ihr erst mitteilen, wird die gnaedige Frau von drueben nur wieder Ausreden finden und sagen: 'Wenn es so ist, haette eure gnaedige Frau es gleich selbst erledigen sollen -- wozu sagt ihr es mir?' Und dann verzoegert sich alles nur noch mehr. Wenn das Maedchen unterdessen die Gelegenheit nutzt und sich etwas antut, waere das schlimm. Jetzt beobachten wir sie schon zwei, drei Tage, aber jeder wird auch mal nachlässig, und wenn sie einen unbeobachteten Moment findet, koennte ein Unglueck geschehen."

Dame Wang ueberlegte und sagte: "Da hast du recht. Erledige erst diesen Fall, dann nehmen wir uns unsere eigenen Plagegeister vor."

Die Frau des Zhou Rui versammelte daraufhin einige Dienerinnen und ging zuerst zu Yingchun. Sie meldete ihr: "Die gnaedigen Frauen haben beschlossen, dass Siqin nun alt genug ist. Ihre Mutter hat in den letzten Tagen die gnaedige Frau gebeten, sie freizugeben und zu verheiraten. Ab heute soll sie gehen, und man wird Euch eine neue Dienerin zuteilen." Damit forderte sie Siqin auf, ihre Sachen zu packen.

Als Yingchun dies hoerte, konnte sie die Traenen nicht zurueckhalten und schien voller Abschiedsschmerz. Sie hatte in der Nacht zuvor von den anderen Dienerinnen die wahren Gruende bereits gefluesternd erfahren. Obwohl es ihr nach all den Jahren schwerfiel, sich zu trennen, betraf die Sache die oeffentliche Moral, und da liess sich nichts machen. Siqin hatte Yingchun angefleht, fuer sie einzutreten, in der festen Hoffnung, das Fraeulein wuerde sie mit aller Kraft verteidigen. Doch Yingchun war von langsamer Rede, hatte ein weiches Herz und leicht beeinflussbare Ohren und war nicht imstande, sich durchzusetzen.

Als Siqin sah, dass es keine Rettung gab, weinte sie und rief: "Fraeulein, wie koennt Ihr so hartherzig sein! Diese zwei Tage habt Ihr mich hingehalten, und jetzt habt Ihr kein einziges Wort fuer mich?"

Die Frau des Zhou Rui und die anderen sagten: "Willst du etwa, dass das Fraeulein dich zurueckhaelt? Selbst wenn es das taete, koenntest du den Leuten im Garten nicht mehr unter die Augen treten. Hoer auf unseren guten Rat: Pack schnell zusammen und geh, ohne dass jemand etwas merkt. Das ist fuer alle Seiten das Beste."

Yingchun sagte unter Traenen: "Ich weiss, was du angestellt hast. Wuerde ich trotzdem fuer dich eintreten und dich halten, waere auch ich verloren. Schau dir Ruhua an -- auch sie war jahrelang hier und musste gehen, und es wird nicht bei euch beiden bleiben. Frueher oder spaeter werden sich wohl alle hier trennen muessen. Meiner Meinung nach geht ihr am besten jede eures Weges."

Die Frau des Zhou Rui sagte: "Da sieht man, dass das Fraeulein vernuenftig ist. Morgen werden noch weitere gehen muessen. Sei also beruhigt!"

Siqin blieb nichts anderes uebrig, als unter Traenen vor Yingchun niederzuknien, sich von den Schwestern zu verabschieden und Yingchun leise ins Ohr zu fluestern: "Wenn du erfaehrst, dass ich bestraft werde, dann leg bitte ein gutes Wort fuer mich ein -- als Dank fuer unsere gemeinsame Zeit als Herrin und Dienerin!" Auch Yingchun antwortete unter Traenen: "Sei beruhigt."

Daraufhin fuehrten die Frau des Zhou Rui und die anderen Siqin aus dem Hof. Sie liessen zwei Dienerinnen ihre Habseligkeiten tragen. Kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, kam Xiuju von hinten nachgelaufen, sich ebenfalls die Traenen wischend, und reichte Siqin ein Seidenpaeckchen: "Das schickt das Fraeulein. Herrin und Dienerin -- nun, da wir uns auf einmal trennen muessen, soll dies ein Andenken sein."

Siqin nahm es entgegen und weinte nun erst recht. Sie und Xiuju umarmten sich noch einmal weinend. Die Frau des Zhou Rui draengte ungeduldig, und die beiden mussten sich trennen.

Siqin flehte noch unter Traenen: "Liebe Tanten und Schwestern, habt doch ein Einsehen! Lasst mich wenigstens kurz anhalten und mich von meinen guten Freundinnen verabschieden -- wir waren doch all diese Jahre so vertraut miteinander."

Die Frau des Zhou Rui und die anderen hatten alle selbst genug zu tun. Diese Aufgabe zu erledigen war ihnen ohnehin laestig genug, und ausserdem trugen sie den Dienerinnen deren fruehere Ueberheblichkeit nach. Woher sollten sie da die Geduld nehmen, auf Siqins Wuensche einzugehen? So sagte die Frau des Zhou Rui kuehl: "Ich rate dir, geh einfach! Hoer auf mit dem Gezeter! Wir haben Wichtigeres zu tun. Ihr seid ja nicht zusammen aufgewachsen -- wozu willst du dich von ihnen verabschieden? Die lachen sich doch nur ueber dich kaputt! Du versuchst nur, jede Minute hinauszuzoegern, als ob sich dadurch etwas aendern wuerde. Hoer auf meinen Rat und geh!" Waehrend sie so sprach, blieb sie keinen Augenblick stehen und fuehrte Siqin schnurstracks zum hinteren Seitentor hinaus. Siqin wagte nichts mehr zu sagen und folgte ihnen hinaus.

Wie der Zufall es wollte, kam gerade Schatzjade von draussen herein. Als er sah, dass Siqin hinausgefuehrt wurde und ihr hinterher jemand ihre Habseligkeiten trug, wusste er sofort, dass sie fuer immer gehen musste. Er hatte von dem Vorfall in der Nacht gehoert, und zudem war Heitermusters Krankheit gerade an jenem Tag schlimmer geworden. Wenn er Heitermuster ausfragte, wollte sie ihm nicht sagen, woran es lag. Kuerzlich war dann Ruhua fortgeschickt worden, und nun musste auch Siqin gehen. Schatzjade fuehlte sich, als haette er seine Seele verloren, und rief hastig: "Wohin bringt ihr sie?"

Die Frau des Zhou Rui und die anderen kannten Schatzjades Art nur zu gut und fuerchteten, sein Gerede koenne die Sache verderben. Laechelnd sagten sie: "Das geht dich nichts an. Geh und lies deine Buecher!"

"Liebe Schwestern, wartet doch einen Augenblick!", bat Schatzjade laechelnd. "Ich habe euch etwas zu sagen."

"Die gnaedige Frau hat befohlen, keinen Augenblick zu zoegern", beharrte die Frau des Zhou Rui. "Was gaebe es da noch zu sagen? Wir fuehren nur die Befehle der gnaedigen Frau aus, um andere Dinge koennen wir uns nicht kuemmern."

Siqin hatte sich an Schatzjade geklammert, sobald sie ihn erblickte, und bat ihn weinend: "Die koennen nichts machen. Geh du zur gnaedigen Frau und bitte fuer mich!"

Unwillkuerlich wurde auch Schatzjade von Kummer ergriffen. Mit Traenen in den Augen sagte er: "Ich weiss nicht, was du Schlimmes angestellt hast. Heitermuster ist krank, und jetzt gehst auch du fort. Wenn ihr alle geht -- was soll dann werden?"

Die Frau des Zhou Rui fuhr Siqin ungeduldig an: "Du bist jetzt kein Beinahe-Fraeulein mehr, und wenn du nicht gehorchst, kann ich dich auch schlagen! Bilde dir nicht ein, du koenntest dich auffuehren wie frueher, als dein Fraeulein die Hand ueber dich hielt. Sieh zu, dass du endlich weiterkommst, statt hier herumzuschwatzen! Was soll das fuer ein Benehmen sein, sich so an den jungen Herrn zu klammern!" Ohne ein weiteres Wort zogen die Dienerinnen Siqin mit sich fort.

Schatzjade fuerchtete, die Frauen koennten ihn anschwaerzen gehen, darum starrte er ihnen nur wuetend nach. Erst als sie weit genug fort waren, streckte er die Hand aus und rief empoert: "Seltsam, seltsam! Kaum dass diese Frauen einen Mann geheiratet und Maennergeruch angenommen haben, werden sie so niedertraechtig, dass man eher sie umbringen moechte als die Maenner!"

Die alten Dienerinnen, die das Gartentor bewachten, mussten unwillkuerlich lachen und fragten: "Dann sind wohl alle Maedchen gut und alle verheirateten Frauen schlecht?"

Schatzjade nickte: "Genau, genau!"

Die Dienerinnen lachten: "Da haetten wir noch eine Frage, die wir in unserer Einfalt nicht verstehen ..."

Doch ehe sie weitersprechen konnten, kamen einige andere alte Dienerinnen herbeigelaufen und riefen: "Vorsicht! Ruft alle zusammen und bleibt auf euren Posten! Die gnaedige Frau kommt persoenlich in den Garten, um das Personal zu inspizieren. Wahrscheinlich kommt sie auch hierher! Ausserdem hat sie befohlen, dass Heitermuster-Schwesterchens Vetter und seine Frau aus dem Hof der Roten Freude sofort hergeholt werden sollen, damit sie hier warten und ihre Schwester in Empfang nehmen!"

Dann fuegte sie laechelnd hinzu: "Amitabha Buddha! Heute hat der Himmel endlich die Augen geoeffnet und befreit uns von diesem Unheilsgeist! Jetzt werden wir alle etwas mehr Ruhe haben!"

Kaum hatte Schatzjade gehoert, dass Dame Wang persoenlich im Garten inspizierte, fuerchtete er sogleich, auch Heitermuster werde nicht zu halten sein, und stuerzte davon wie der Wind. Die letzten Worte der Zufriedenheit hatte er daher nicht mehr gehoert.

Als Schatzjade den Hof der Roten Freude erreichte, fand er dort eine ganze Schar Leute vor. Dame Wang sass mit zorniger Miene im Zimmer und beachtete ihn nicht, als sie ihn sah.

Heitermuster hatte schon vier, fuenf Tage lang weder Wasser noch Reis zu sich genommen. Schwach und mit kaum hoerbarem Atem war sie gerade vom Kangofen heruntergezerrt worden, mit zerzaustem Haar und schmutzigem Gesicht. Zwei Frauen mussten sie stuetzen und fuehrten sie fort. Dame Wang befahl, man solle ihr nur ihre Leibwaesche mitgeben; die guten Kleider sollten dableiben, damit bessere Dienerinnen sie tragen koennten.

Dann liess Dame Wang alle Dienerinnen des Hofes zusammenrufen und musterte sie eine nach der anderen. Nachdem Dame Wang kuerzlich in Zorn geraten war, hatte Wang Shanbaos Frau die Gelegenheit ergriffen, Heitermuster anzuschwaerzen. Auch andere, die mit den Dienerinnen im Garten im Streit lagen, hatten die guenstige Stunde genutzt, um einiges hinzuzufuegen. Dame Wang hatte sich alles genau gemerkt, und nur weil waehrend der Feiertage viel zu tun gewesen war, hatte sie sich einige Tage geduldet. Heute war sie eigens gekommen, um saemtliche Dienerinnen persoenlich in Augenschein zu nehmen. Die Sache mit Heitermuster war dabei nur das eine; denn man hatte ihr zugetragen, Schatzjade sei schon gross und verstehe die Dinge zwischen Mann und Frau, werde aber von den Dienerinnen in seinem Zimmer auf Abwege gebracht, statt sich zu vervollkommnen. Dies wog noch schwerer als die Angelegenheit mit Heitermuster. Deshalb liess Dame Wang jede einzelne Dienerin, von Dufthauch bis hinunter zu den geringsten, die grobe Arbeiten verrichteten, an sich vorueber defilieren.

Dann fragte sie: "Wer hat am selben Tag Geburtstag wie Schatzjade?"

Das betreffende Maedchen wagte nicht, sich zu melden. Eine alte Amme zeigte auf sie und sagte: "Diese hier, Huixiang, die auch 'die Vierte' genannt wird, hat am selben Tag Geburtstag wie er."

Dame Wang musterte das Maedchen genau. Obwohl es nicht halb so huebsch war wie Heitermuster, hatte es doch eine gewisse frische Anmut. Seinem Benehmen war Klugheit anzumerken, und auch seine Aufmachung unterschied sich von der der uebrigen.

Mit kaltem Laecheln sagte Dame Wang: "Noch so ein schamloses Ding! Sie hat insgeheim behauptet, wenn zwei am selben Tag Geburtstag haetten, seien sie Mann und Frau. Das hast du gesagt, nicht wahr? Du hast wohl gedacht, weil ich weit weg wohne, wuesste ich von nichts? Aber mein Herz, meine Ohren und mein Verstand sind jederzeit hier. Glaubt ihr, ich lasse meinen einzigen Schatzjade seelenruhig von euch verfuehren und verderben?"

Als die Vierte hoerte, wie Dame Wang die Worte wiederholte, die sie einst im Vertrauen zu Schatzjade gesagt hatte, wurde sie unwillkuerlich rot, liess den Kopf haengen und weinte still vor sich hin. Dame Wang befahl sofort, ihre Angehoerigen zu rufen, damit sie sie abholten und verheirateten.

Dann fragte sie: "Wer ist Yelue Xiongnu?"

Die alten Ammen zeigten auf Fangguan. Dame Wang erklaerte: "Ein Schauspielmaedchen ist natuerlich ein Fuchsdaemon! Als ihr letztens freigelassen werden solltet, wolltet ihr nicht gehen. Aber dann haettet ihr euch bescheiden in euer Los fuegen muessen. Stattdessen spukst du hier herum und stiftest Schatzjade zu allem moeglichen Unfug an!"

Fangguan verteidigte sich laechelnd: "Ich wuerde es nie wagen, ihn zu etwas aufzustiften."

"Du widersprichst mir noch?" sagte Dame Wang mit einem Laecheln, das kein Laecheln war. "Dann frage ich dich: Wer hat vorvergangenes Jahr, als wir an den Kaisergraebern waren, Schatzjade dazu angestiftet, dieses Maedchen Wuer von den Lius zu sich zu nehmen? Gluecklicherweise starb sie frueh -- waere sie hereingekommen und haette sich mit dir zusammengetan, haettet ihr den ganzen Garten auf den Kopf gestellt! Du hast sogar deine eigene Pflegemutter an die Wand gedrueckt!"

Dann befahl sie: "Ruft ihre Pflegemutter, sie soll sie abholen! Sie kann ihr selbst einen Braeutigam von ausserhalb suchen. Gebt ihr all ihre Sachen mit!"

Ferner ordnete sie an, dass saemtliche Schauspielmaedchen, die man seinerzeit den einzelnen Fraeulein zugeteilt hatte, keine einzige im Garten bleiben duerften. Sie sollten alle von ihren jeweiligen Pflegemuettern abgeholt und nach deren Gutduenken verheiratet werden.

Kaum war diese Anordnung ergangen, zeigten sich die Pflegemuetter ueberaus dankbar und zufrieden. Gemeinsam erschienen sie vor Dame Wang, um sich kniefaellig zu bedanken und die Maedchen fortzufuehren.

Dann durchsuchte Dame Wang alle Gegenstaende in Schatzjades Raeumen. Alles, was ihr befremdlich vorkam, liess sie einpacken oder zusammenrollen und in ihre eigenen Raeume bringen. "Jetzt ist es sauber hier", sagte sie, "und wir ersparen uns das Gerede Aussenstehender."

Dufthauch und Moschusmond wurden ermahnt: "Nehmt euch in Acht! Wenn auch nur das Geringste geschieht, kenne ich kein Erbarmen! Ich habe nachschlagen lassen: Dieses Jahr ist fuer einen Umzug unguenstig. Also bleibt er einstweilen hier, aber naechstes Jahr zieht ihr alle mit ihm wieder aus, damit ich Ruhe finde."

Nach diesen Worten fuehrte Dame Wang ihr ganzes Gefolge hinaus, ohne auch nur Tee getrunken zu haben, und setzte ihre Inspektion an anderer Stelle fort. Doch davon spaeter.

Schatzjade hatte urspruenglich gedacht, Dame Wang werde nur eine einfache Kontrolle durchfuehren. Wer haette ahnen koennen, dass sie mit Donner und Blitz erscheinen wuerde? All ihre Vorwuerfe betrafen Dinge, die tatsaechlich gesagt worden waren, Wort fuer Wort zutreffend. Es war klar, dass nichts rueckgaengig zu machen war. Obwohl er am liebsten gestorben waere, wagte er im Angesicht von Dame Wangs Zorn kein ueberfluessiges Wort und keinen ueberfluessigen Schritt. Schweigend begleitete er Dame Wang bis zum Duftgetraenkten Pavillon. Dort befahl sie ihm: "Geh zurueck und lies deine Buecher! Pass auf, wenn du morgen geprueft wirst! Vorhin war dein Vater schon sehr veraergert."

Erst jetzt machte Schatzjade kehrt. Auf dem ganzen Rueckweg ueberlegte er: "Wer hat so geschwatzt? Niemand weiss doch, was hier vorgeht. Wie konnte sie alles so genau wissen?" Mit diesen Gedanken betrat er seine Raeume und fand Dufthauch in Traenen.

Nun war ihm der wichtigste Mensch genommen worden -- wie haette er nicht trauern sollen? Er warf sich aufs Bett und weinte ebenfalls.

Dufthauch wusste, dass ihm die Trennung von Heitermuster am meisten zusetzte, und stiess ihn an, um ihn zu troesten: "Weinen hilft jetzt nichts. Steh auf und hoer zu: Heitermuster geht es schon besser. Jetzt kann sie sich zu Hause ein paar Tage in Ruhe erholen. Wenn du sie wirklich nicht loslassen kannst, warte, bis der Zorn der gnaedigen Frau verraucht ist, und bitte dann bei der alten gnaedigen Frau darum. Mit der Zeit kann sie vielleicht zurueckkommen. Es ist nur ein Zufall, dass die gnaedige Frau den Verleumdungen geglaubt und im Zorn so entschieden hat."

"Ich moechte doch nur wissen, was fuer ein himmelschreiendes Verbrechen Heitermuster begangen haben soll!" schluchzte Schatzjade.

"Die gnaedige Frau veruebelt ihr nur, dass sie so huebsch ist", erklaerte Dufthauch. "Wer so schoen ist, wirkt unvermeidlich ein wenig leichtfertig. Die gnaedige Frau weiss genau, dass bei einer solchen Schoenheit kein Friede herrschen kann, und deshalb verabscheut sie sie. Solche plumpen, groben Geschoepfe wie wir sind ihr lieber."

"Das mag sein", erwiderte Schatzjade, "aber woher kennt die gnaedige Frau sogar unsere heimlichen Scherzworte? Kein Aussenstehender kann sie verraten haben. Das ist raetselhaft."

"Du selbst kennst doch keine Tabus", entgegnete Dufthauch. "Wenn du dich einmal freust, ist es dir voellig egal, ob jemand dabei ist oder nicht. Wenn ich dir Zeichen gab und dich warnen wollte, wussten die Leute laengst Bescheid, noch ehe du ueberhaupt etwas bemerkt hattest."

"Aber wie kommt es dann", fragte Schatzjade verwundert, "dass die gnaedige Frau ueber jedermanns Fehler Bescheid weiss, nur dich, Moschusmond und Qiuwen nicht erwaehnt hat?"

Betroffen senkte Dufthauch den Kopf. Lange wusste sie nichts zu erwidern, bis sie endlich laechelnd sagte: "Ja, eben! Wenn man bedenkt, dass auch wir in unseren unvorsichtigen Scherzen gegen die guten Sitten verstossen haben -- warum hat sie uns dann vergessen? Wahrscheinlich hat sie noch andere Sorgen, und erst wenn sie damit fertig ist, wird sie sich uns vornehmen."

"Du bist das geruemte Muster an Guete und Tuechigkeit", sagte Schatzjade laechelnd, "und die beiden hast du geformt und erzogen. Was sollte es bei euch fuer Verstoesse zu bestrafen geben? Fangguan ist noch klein und ein wenig zu keck, so hat sie sich aufs hohe Ross gesetzt und sich den Hass der Leute zugezogen. Bei der Vierten trage ich die Schuld. Als ich mich einmal mit dir gezankt hatte, rief ich sie hinterher zu mir, um feinere Arbeiten fuer mich zu erledigen, und so hat sie sich eine hoehere Stellung angemasst. Nur deshalb ist es zu diesem Ende gekommen.

Aber Heitermuster ist genau wie du in jungen Jahren aus den Raeumen der alten gnaedigen Frau hereingekommen. Dass sie schoener gewachsen ist als andere, ist doch kein Verbrechen. Und mag sie auch einen offenherzigen Charakter und eine scharfe Zunge haben -- euch hat sie doch nichts zuleide getan. Ich denke, sie ist wirklich zu huebsch, und das hat ihr Verderben gebracht." Bei diesen Worten brach er erneut in Traenen aus.

Dufthauch ueberlegte sorgfaeltig. Es schien ihr, als ob Schatzjade an ihr zweifelte, und so konnte sie ihm nicht gut laenger zureden. Stattdessen sagte sie seufzend: "Der Himmel allein weiss es. Jetzt wirst du doch nicht herausfinden, wer schuld ist, und sinnloses Weinen hat keinen Zweck. Am besten beruhigst du dich und wartest ab, bis die alte gnaedige Frau einmal guter Stimmung ist. Dann erklaerst du ihr alles und verlangst Heitermuster zurueck."

"Du brauchst mich nicht mit leeren Worten zu troesten", entgegnete Schatzjade kuehl. "Wie soll ich abwarten, bis der Zorn der gnaedigen Frau verraucht ist, und dann auf eine guenstige Gelegenheit lauern? Wartet ihre Krankheit vielleicht? Von Kindheit an ist sie verwoehnt worden und hat keinen einzigen Tag Kraenkung erfahren muessen. Selbst ich, der ich ihren Charakter kenne, habe sie oft genug verletzt.

Dass sie jetzt fortgeschickt wurde, ist, als wuerde man einen Orchideentopf, der gerade die ersten zarten Knospen treibt, in einen Schweinestall stellen. Zumal sie schwer krank ist und obendrein voller Verdruss. Sie hat keine leiblichen Eltern, nur einen staendig betrunkenen Vetter. Dort wird sie sich ueberhaupt nicht zurechtfinden. Wer weiss, ob ich sie ueberhaupt noch einmal sehen werde!" Er weinte nun noch bitterlicher.

Dufthauch lachte: "Da hast du es wieder: 'Nur der Beamte darf die Stadt in Brand stecken, aber das Volk darf nicht einmal eine Laterne anzuenden!' Wenn wir aus Versehen einmal ein stoerendes Wort sagen, heisst es gleich, das sei unheilbringendes Gerede. Jetzt aber dichtest du ihr selbst die schlimmsten Dinge an, als waere alles ausgemacht! So zartbesaitet sie auch sein mag, so schlimm wird es doch nicht kommen."

"Ich dichte ihr nichts an", erwiderte Schatzjade. "Schon im Fruehling gab es ein Vorzeichen."

"Was fuer ein Vorzeichen?" fragte Dufthauch sofort.

"Der schoene Zierapfelbaum vor unserer Treppe ist ohne jeden Grund zur Haelfte verdorrt", erklaerte Schatzjade. "Da wusste ich, dass etwas Ungewoehnliches geschehen wuerde. Und nun hat es sich an ihr bewahrheitet."

Dufthauch lachte wieder: "Eigentlich wollte ich es nicht sagen, aber ich kann nicht anders. Du benimmst dich wirklich wie ein altes Weib! Wie kann ein Mann, der Buecher liest, so etwas sagen? Was haben Pflanzen und Baeume mit Menschen zu tun? Wenn du nicht weibisch bist, bist du zum Narren geworden."

"Was wisst ihr schon davon!", seufzte Schatzjade. "Nicht nur Pflanzen und Baeume -- alle Dinge auf der Welt haben Gefuehl und Verstand wie die Menschen. Wenn sie einen verstaendnisvollen Freund gefunden haben, zeigen sie ausserordentliche Feinfuehligkeit.

Wenn ich grosse Beispiele anfuehre: Da ist der Wacholderbaum vor dem Konfuziustempel und die Schafgarbe an Konfuzius' Grab, der Lebensbaum vor Zhuge Liangs Tempel und die Kiefern an Yue Feis Grab. Das alles sind beruehmte Gewaechse, die dem aufrechten Geist dieser Maenner folgen und in Jahrtausenden nicht vergehen. Wenn die Welt in Unordnung ist, verkuemmern sie, und wenn die Welt in Ordnung ist, gedeihen sie wieder. Im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende sind sie mehrmals verdorrt und wieder zum Leben erwacht. Sind das etwa keine Vorzeichen?

Wenn ich kleine Beispiele anfuehre: Da sind die Paeonien vor Yang Guifeis Adlerholzpavillon und der Baum des Gedenkens an ihrem Turm der Aufrichtigkeit zu nennen, sowie das Gras auf dem Grabhuegel der Wang Zhaojun. Sind das nicht ebenfalls feinfuehlige Gewaechse? Genauso wie der Zierapfelbaum anzeigen wollte, dass seine Herrin sterben wird, und darum zuerst er zur Haelfte abgestorben ist."

Als Dufthauch diese versonnene Rede hoerte, war ihr zugleich zum Lachen und zum Seufzen zumute. Laechelnd sagte sie: "Du bringst mich wirklich in Zorn mit deinem Gerede. Wer ist denn Heitermuster, dass du dir solche Gedanken machst und sie mit so grossen Persoenlichkeiten vergleichst? Und ausserdem: Wie gut sie auch sein mag, sie kann mir doch nicht den Rang streitig machen. Wenn dieser Zierapfelbaum etwas bedeutet, dann deutet er zuerst auf mich, ehe sie an die Reihe kommt. Wahrscheinlich werde also ich sterben!"

Erschrocken hielt Schatzjade ihr den Mund zu: "Warum sagst du so etwas? Noch ist das Schicksal der einen nicht geklaert, und schon faengst du damit an! Schluss jetzt, kein Wort mehr davon! Sonst koennte es sein, dass zu den dreien, die ich verloren habe, noch eine vierte kommt."

Dufthauch hoerte dies mit heimlicher Zufriedenheit und dachte: Wie haettest du die Sache sonst zum Abschluss bringen wollen?

"Von nun an wollen wir nicht mehr davon sprechen", sagte Schatzjade. "Tun wir einfach so, als waeren die drei gestorben, und damit gut. Schliesslich hat es ja auch schon Tote gegeben, ohne dass es mir viel ausgemacht haette. Das ist genau dasselbe. Jetzt aber wollen wir von der Gegenwart reden! Ihre Sachen sind noch hier. Man darf zwar die Obrigkeit taeuschen, aber nicht die Untergebenen. Also schick heimlich jemanden, der ihr alles bringt. Und wenn wir noch erspartes Geld haben, schick ihr ein paar Schnuere Kupfermuenzen, damit sie sich auskurieren kann. Schliesslich habt ihr eine Zeitlang wie Schwestern zusammengelebt."

"Du haeltst uns wirklich fuer allzu kleinlich und herzlos", erwiderte Dufthauch laechelnd. "Als ob ich deine Aufforderung gebraucht haette! Vorhin habe ich bereits alle ihre Kleider und Habseligkeiten zusammenpacken und beiseitelegen lassen. Bei Tage sind zu viele neugierige Augen da, was nur Aerger bringen koennte. Warten wir bis zum Abend, dann schicke ich Mutter Song heimlich zu ihr. Auch ein paar Schnuere Kupfermuenzen, die ich gespart habe, soll sie bekommen."

Schatzjades Dank kannte keine Grenzen. Dufthauch bemerkte laechelnd: "Schliesslich bin ich doch seit langem ein geruemtes Muster an Tuechigkeit -- muss ich mir da nicht wenigstens diesen Ruf bewahren?"

Als Schatzjade sich an seine eigenen Worte erinnert fuehlte, laechelte er rasch und redete ein Weilchen beguuetigend auf sie ein. Am Abend wurde Mutter Song dann wirklich heimlich losgeschickt.

Nachdem Schatzjade alle mit Auftraegen beschaeftigt wusste, schlich er sich allein zum hinteren Seitentor hinaus und bat dort eine alte Dienerin, ihn zu Heitermuster zu bringen. Zuerst wollte die Alte sich auf keinen Fall darauf einlassen: "Wenn es jemand erfaehrt und der gnaedigen Frau gemeldet wird, habe ich nichts mehr zu essen!"

Doch Schatzjade flehte und flehte und versprach ihr Geld, bis die Alte ihn schliesslich hinfuehrte.

Heitermuster war seinerzeit von der Familie Lai fuer Geld gekauft worden. Damals war sie erst zehn Jahre alt und trug ihr Haar noch kurz. Weil sie oft mit Mutter Lai zusammen ins Haus kam und aeusserst huebsch und aufgeweckt war, fand die Herzoginmutter grossen Gefallen an ihr. Daraufhin schenkte Mutter Lai sie der Herzoginmutter zum Gebrauch, und so gelangte sie schliesslich in Schatzjades Gemaecher.

Als Heitermuster ins Haus kam, erinnerte sie sich weder an ihre Heimat noch an ihre Eltern. Sie wusste nur, dass sie einen Vetter hatte, der zwar ein guter Koch war, aber stellungslos herumlungerte. So bat Heitermuster die Lais, auch ihren Vetter aufzunehmen und ihm eine Anstellung zu geben. Die Lais waren geruehrt davon, dass Heitermuster, obwohl sie inzwischen bei der Herzoginmutter diente und aeusserst aufgeweckt und redegewandt, allerdings auch spitzzuengig und temperamentvoll war, ihre alten verwandtschaftlichen Beziehungen nicht vergass. Also kauften sie auch Heitermusters Vetter und verheirateten ihn mit einer jungen Frau aus dem Haushalt.

Doch kaum lebte der Vetter nach der Heirat in gesicherten Verhaeltnissen, vergass er auch schon seine Jahre als Herumtreiber und begann, hemmungslos zu trinken, ohne sich um seine Familie zu kuemmern. Seine Frau war jedoch eine gefuehlvolle Schoenheit. Als sie sah, dass ihr Mann sie nicht beachtete und weder Feingefuehl noch Leidenschaft besass, sondern nur sinnlos dem Wein froennte, empfand sie den Kummer des Jadeschilfs zwischen gemeinem Rohr und die Trauer einer vernachlaessigten jungen Frau. Als sie dann feststellte, dass ihr Mann aeusserst grosszuegig war und nicht die geringste Eifersucht kannte, liess sie ihren Trieben freien Lauf. Im ganzen Anwesen ging sie auf die Suche nach Helden und Talenten, und schliesslich hatte gut die Haelfte aller Maenner, ob Herren oder Diener, bei ihr die Pruefung abgelegt.

Fragt man nach ihren Namen -- es waren jener Trunkenbold Duo und seine Frau Laternchen Deng, mit denen Jia Lian, wie in einem frueheren Kapitel erzaehlt, zu tun gehabt hatte. Sie waren die einzigen Verwandten, die Heitermuster noch besass, und so hielt sie sich nach ihrem Hinauswurf in deren Haus auf.

Trunkenbold Duo war gerade ausgegangen, und Frau Deng war nach dem Essen zu einer Nachbarin gegangen. So lag Heitermuster allein im Vorderzimmer auf dem Ofenbett. Schatzjade hiess die alte Dienerin im Hof Wache stehen, hob selbst den Strohvorhang und trat ein. Auf den ersten Blick sah er Heitermuster auf dem Ofenbett aus gestampfter Erde liegen, das nur mit einer Schilfmatte bedeckt war. Zum Glueck hatte sie noch ihr Bettzeug aus alten Tagen.

In seinem Herzen wusste er nicht, wohin mit sich. Er trat naeher, streckte weinend die Hand aus, beruehrte sie sacht und rief leise ihren Namen. Heitermuster hatte sich verkuehlt und war von ihrem Vetter und seiner Frau mit boesen Worten bedraengt worden, so dass zu ihrer Krankheit noch eine weitere kam. Den ganzen Tag hatte sie gehustet, ehe sie endlich in einen unruhigen Schlummer gefallen war. Als sie jemanden rufen hoerte, schlug sie muehsam ihre Sternenaugen auf, und als sie Schatzjade erkannte, war sie erschrocken und erfreut, betrueebt und schmerzlich beruehrt zugleich. Mit aller Kraft umklammerte sie seine Hand. Erst nach langem Schluchzen brachte sie hervor: "Ich dachte schon, ich wuerde dich nicht mehr sehen ..." Dann musste sie ohne Unterlass husten.

Auch Schatzjade konnte nichts anderes tun als schluchzen. Heitermuster sagte: "Amitabha Buddha! Gut, dass du gekommen bist! Gib mir eine halbe Schale Tee! Ich habe solchen Durst und rufe schon die ganze Zeit, ohne dass jemand kommt."

Hastig wischte sich Schatzjade die Traenen ab und fragte: "Wo ist der Tee?"

"Dort auf dem Ofensims", erwiderte Heitermuster.

Als Schatzjade sich umsah, erblickte er einen schwarzen irdenen Tiegel, der keinerlei Aehnlichkeit mit einer Teekanne hatte. Vom Tisch nahm er eine Schale, die so gross und grob war, dass sie nicht wie eine Teeschale aussah. Noch ehe er sie in der Hand hielt, stieg ihm ein ranziger, fettiger Geruch in die Nase. Also spuelte er sie erst einige Male mit Wasser aus und goss dann aus dem Tiegel eine halbe Schale ein. Die Fluessigkeit war roetlich-trueb und sah ganz und gar nicht nach Tee aus.

"Gib schnell her, lass mich trinken!" draengte Heitermuster, die sich auf ihr Kissen stuetzte. "Das ist schon Tee. Du kannst ihn natuerlich nicht mit unserem vergleichen."

Schatzjade kostete zunaechst selbst. Es war weder aromatisch noch frisch, nur bitter und herb, mit einer vagen Andeutung von Teegeschmack. Dann reichte er die Schale Heitermuster. Als haette sie suessen Tau bekommen, stuerzte sie die Fluessigkeit in einem Zug hinunter.

Still dachte Schatzjade bei sich: Wie oft war sie mit unserem feinen Tee unzufrieden, und heute trinkt sie das hier! Wie wahr ist doch das alte Wort: 'Wer satt ist, verachtet Braten und Geroestetes; wer hungert, isst sich an Kleie und Spreu satt.' Und ebenso: 'Wer den Reis satt hat, sehnt sich nach duenner Reissuppe.'

Unter Traenen fragte er: "Hast du mir etwas zu sagen? Dann tu es jetzt, solange niemand da ist."

Schluchzend sagte Heitermuster: "Was gibt es schon zu sagen? Fuer mich zaehlt jetzt jede Stunde, jeder Tag. Ich weiss wohl, dass ich in hoechstens drei bis fuenf Tagen heimgehen werde. Aber eines bereitet mir noch im Tode Pein: Ich bin zwar ein wenig huebscher als andere, doch ich hatte keinerlei heimliche Absichten auf dich und habe dich in keiner Weise zu verfuehren versucht. Warum hat man sich so hartnaeckig darauf versteift, ich sei eine Fuechsin? Damit kann ich mich nicht abfinden!

Jetzt stehe ich unter diesem falschen Verdacht, und obwohl ich dem Tod ins Auge sehe, habe ich nichts zu bereuen. Haette ich frueher gewusst, wie alles kommen wuerde, haette ich mich anders verhalten. So aber habe ich in meinem toerichten Sinn geglaubt, wir wuerden fuer immer zusammenbleiben. Nun ist aus dem Nichts dieses Geruecht entstanden, und ich leide Unrecht, ohne mich irgendwo beklagen zu koennen." Nach diesen Worten brach sie erneut in Traenen aus.

Schatzjade griff nach ihrem Handgelenk und fuehlte, dass es duerr wie trockenes Reisig geworden war. Dennoch trug sie noch vier silberne Armreifen. Weinend sagte er: "Leg sie ab und heb sie auf, bis du wieder gesund bist." Er streifte ihr die Armreifen ab und schob sie unter das Kopfkissen. Dann sagte er: "Wie schade um deine Fingernaegel! Mit welcher Muehe hast du sie zwei Zoll lang wachsen lassen. Durch diese Krankheit werden sie wieder verderben."

Heitermuster wischte sich die Traenen ab, griff nach einer Schere und schnitt die beiden langen Fingernaegel an ihrer linken Hand, die wie Roehrenblaetter vom Lauch aussahen, bis zur Wurzel ab. Dann zog sie sich unter der Bettdecke die alte rote Seidenjacke aus, die sie auf der blossen Haut trug, und reichte sie Schatzjade zusammen mit den Fingernaegeln.

"Heb das auf", sagte sie. "Wenn du es spaeter ansiehst, wird es sein, als saehest du mich selbst. Und zieh schnell deine Unterjacke aus und lass sie mich anziehen. Wenn ich dann einsam im Sarg liege, wird es mir vorkommen, als waere ich noch immer im Hof der Roten Freude. Eigentlich gehoert sich das nicht, aber da man mich nun einmal zu Unrecht verdaechtigt hat, bleibt mir keine andere Wahl."

Schatzjade zog sich rasch um und steckte die Fingernaegel zu sich. Weinend fuegte Heitermuster hinzu: "Wenn du zurueck bist und die anderen es sehen und fragen, brauchst du nicht zu luegen. Sag einfach, es sei von mir. Da man mich ohnehin zu Unrecht verdaechtigt hat, kann ich es nun auch darauf ankommen lassen. Mehr ist es ja nicht."

Kaum hatte sie das gesagt, als die Frau ihres Vetters lachend durch den Vorhang hereingetreten kam: "Bestens! Alles, was ihr gesagt habt, habe ich gehoert!" Dann wandte sie sich an Schatzjade: "Was willst du als junger Herr hier in den Dienstbotenraeumen? Du hast wohl bemerkt, dass ich jung und huebsch bin, und willst mich verfuehren?"

Erschrocken bat Schatzjade mit verbindlichem Laecheln: "Nicht so laut, gute Schwester! Sie hat mir so lange gedient, darum bin ich heimlich gekommen, um nach ihr zu sehen."

Frau Deng zog ihn am Arm in den hinteren Raum und sagte laechelnd: "Wenn du willst, dass ich leise bin, ist das nicht schwer. Du brauchst mir nur einen Gefallen zu tun." Mit diesen Worten setzte sie sich auf den Rand des Ofenbetts und presste Schatzjade fest an ihre Brust.

Dergleichen hatte Schatzjade noch nie erlebt. Sein Herz begann stuermisch zu haemmern, und vor Aufregung lief er puterrot an. Zugleich beschaemt und erschrocken, bat er: "Nicht doch, gute Schwester!"

"Pah!" sagte Frau Deng und kniff ihre weinschweren Augen zusammen. "Ich hoere doch staendig, du seist ein geuebter Kaempfer auf dem Schlachtfeld der Liebe -- warum zierst du dich da ploetzlich?"

"Schwester, lass mich los!", bat Schatzjade mit rotem Gesicht. "Wir koennen ueber alles reden. Aber was soll die alte Dienerin draussen denken, wenn sie uns hoert?"

Frau Deng lachte: "Ich bin schon laengst hier. Die Alte habe ich zum Gartentor geschickt, damit sie dort wartet. Ich habe schon so lange auf dich gewartet, und heute habe ich dich endlich! Viel gehoert habe ich von dir, aber Hoerensagen ist nicht wie Sehen. Ganz umsonst bist du so huebsch -- du bist wie ein Boeller ohne Pulver, nur zum Angeben gut. Du genierst dich ja mehr als ich!

Da sieht man, dass man den Leuten nicht glauben darf. Als unsere Schwester hinausgeworfen wurde, war ich fest ueberzeugt, ihr haettet ein heimliches Verhaeltnis. Aber als ich vorhin kam und am Fenster lauschte -- ihr wart nur zu zweit im Zimmer --, da haettet ihr, wenn wirklich etwas zwischen euch gewesen waere, bestimmt davon gesprochen. Doch ihr habt euch nicht im Geringsten naehergekommen! Da sieht man, wie viel Unrecht es auf der Welt gibt! Jetzt bereue ich, euch grundlos verdaechtigt zu haben. Also sei ganz beruhigt: Komm kuenftig nur, ich werde dich nicht belaestigen."

Nun erst beruhigte sich Schatzjade. Er stand auf, brachte seine Kleider in Ordnung und bat: "Sorg nur ein paar Tage gut fuer sie, Schwester. Ich muss jetzt gehen." Dann trat er in den Vorderraum und verabschiedete sich von Heitermuster. Beide konnten sich nicht voneinander losreissen, und doch mussten sie sich trennen. Da Heitermuster wusste, wie schwer Schatzjade das fiel, zog sie sich schliesslich die Bettdecke ueber den Kopf und beachtete ihn nicht mehr, bis er endlich ging.

Schatzjade hatte noch vorgehabt, Fangguan und die Vierte zu besuchen, doch inzwischen war es dunkel geworden. Er war schon zu lange fort, und wenn man ihn vermisste, konnte neues Unheil entstehen. Also war es besser, in den Garten zurueckzukehren und fuer den naechsten Tag neue Plaene zu machen. Als er zum hinteren Seitentor kam, trugen die Diener gerade das Bettzeug hinaus, und drinnen kontrollierten die alten Ammen, ob alle da waren. Waere er auch nur einen Augenblick spaeter gekommen, waere das Tor bereits verschlossen gewesen.

Schatzjade kehrte in den Garten zurueck, und gluecklicherweise hatte niemand etwas bemerkt. In seinen Raeumen angelangt, sagte er Dufthauch nur, er sei bei Tante Xue gewesen, und damit war die Sache abgetan.

Als bald darauf das Bett gerichtet wurde, musste Dufthauch notgedrungen fragen, wie sie heute Nacht schlafen wollten. Schatzjade antwortete nur: "Das ist mir einerlei."

In den letzten ein, zwei Jahren, seit Dame Wang Dufthauch Beachtung schenkte, hatte diese grossen Wert auf Wuerde gelegt. Wenn sie mit Schatzjade allein war, auch nachts, wahrte sie Abstand und war zurueckhaltender als in ihren fruehen Jahren. Zwar hatte sie keine grossen Aufgaben, doch war es muehsam genug, alle Naeharbeiten zu erledigen und fuer Schatzjade wie fuer die kleinen Dienerinnen Geld, Kleider und allerlei Gegenstaende zu verwalten. Zudem hatte sie ihr altes Leiden des Blutspuckens zwar ueberwunden, doch bei Ueberanstrengung oder Erkaeltung zeigte sich stets wieder Blut im Auswurf. Deshalb hatte sie in letzter Zeit auch nicht in einem Zimmer mit Schatzjade geschlafen.

Schatzjade jedoch wurde nachts haeufig wach und war dann immer sehr aengstlich und rief nach jemandem. Da Heitermuster einen leichten Schlaf hatte und sich lautlos bewegen konnte, war ihr die Aufgabe zugefallen, nachts fuer ihn Tee einzuschenken und andere Handreichungen zu tun. Deshalb hatte nur sie neben seinem Bett geschlafen. Nun, da sie fort war, musste Dufthauch wohl oder uebel fragen, denn dieser Nachtdienst war noch wichtiger als der Dienst am Tage.

Da Schatzjade gesagt hatte, es sei ihm einerlei, blieb Dufthauch nichts uebrig, als es wie in frueheren Jahren zu halten. Sie holte ihr eigenes Bettzeug und richtete sich damit vor Schatzjades Lager ein.

Schatzjade bruetete den ganzen Abend stumm vor sich hin. Erst als Dufthauch ihn mahnte, sich hinzulegen, und auch sie sich niedergelegt hatte, hoerte sie, wie er auf dem Kissen seufzte und stoehnte und sich von einer Seite auf die andere waelzte. Erst nach der dritten Nachtwache wurde er allmaehlich ruhiger, und schliesslich schnarchte er leise. Nun erst war Dufthauch beruhigt und doeste selbst ein.

Doch es dauerte kaum so lange, wie man fuer eine halbe Schale Tee braucht, da rief Schatzjade: "Heitermuster!"

Sofort riss Dufthauch die Augen auf, meldete sich und fragte, was er wolle. Schatzjade bat um Tee. Dufthauch stand rasch auf, spuelte sich in der Schuessel die Haende und goss aus der Warmhaltekanne eine halbe Schale ein, die sie ihm reichte.

Laechelnd sagte Schatzjade: "Ich habe mich so daran gewoehnt, nach ihr zu rufen, dass ich ganz vergass, dass du es bist."

Ebenfalls laechelnd erwiderte Dufthauch: "Als sie neu hierher kam, hast du im Schlaf auch immer nach mir gerufen. Erst nach einem halben Jahr hattest du dich umgewoehnt. Ich wusste, dass der Name Heitermuster bleiben wuerde, auch wenn Heitermuster nicht mehr da ist."

Damit legten sich beide wieder hin. Erneut waelzte sich Schatzjade eine weitere Nachtwache lang von einer Seite auf die andere und schlief erst in der fuenften Wache ein. Da sah er, wie Heitermuster von draussen hereinkam, aussehend wie immer. Im Zimmer angekommen, sagte sie laechelnd zu Schatzjade: "Lebt alle wohl! Ich komme nicht wieder." Dann drehte sie sich um und ging hinaus.

Als Schatzjade ihr nachrief, weckte er wieder Dufthauch. Zunaechst glaubte sie, er habe aus alter Gewohnheit Heitermusters Namen gerufen, doch dann sah sie, dass er weinte, und hoerte ihn sagen: "Heitermuster ist gestorben."

"Was redest du da?" hielt sie ihm vor. "Das ist doch Unsinn! Was sollen die Leute denken, wenn sie dich hoeren?"

Schatzjade wollte natuerlich nicht auf sie hoeren und wartete sehnsuechtig darauf, dass es hell wurde, um jemanden nach Nachrichten auszuschicken.

Doch als es Tag wurde, stand schon eines der kleinen Dienstmaedchen aus Dame Wangs Raeumen vor dem vorderen Seitentor und verlangte, man solle sofort oeffnen, damit sie Dame Wangs Botschaft ueberbringen koenne: "Weckt Schatzjade sofort! Er soll sich schnell waschen und umziehen und herueeberkommen. Jemand hat den gnaedigen Herrn eingeladen, den schoenen Herbst zu geniessen und die Duftblueten zu bewundern. Weil der gnaedige Herr sich ueber das Gedicht gefreut hat, das Schatzjade neulich verfasste, will er ihn mitnehmen. Das sind die Worte der gnaedigen Frau, kein einziges darf fehlen! Lauft schnell und sagt ihm Bescheid, er soll sofort kommen! Der gnaedige Herr wartet in den Hauptraeumen und will noch mit ihm zusammen Mehlsuppe fruehstuecken. Der junge Herr Huan ist schon da. Beeilt euch! Und schickt noch jemanden zum kleinen Herrn Lan -- auch ihm soll dasselbe bestellt werden!"

Drinnen bestaetigten die Dienerinnen jeden Satz, knoepften sich dabei die Kleider zu und oeffneten das Tor. Zwei, drei von ihnen machten sich sofort in verschiedene Richtungen auf den Weg, noch waehrend sie sich fertig anzogen.

Als Dufthauch hoerte, dass ans Hoftor gepocht wurde, ahnte sie, dass etwas Wichtiges vorlag. Waehrend sie schnell jemanden nach draussen schickte, stand sie bereits selbst auf. Nachdem sie die Botschaft vernommen hatte, liess sie sofort Waschwasser bringen und trieb Schatzjade zum Aufstehen an. Selbst ging sie seine Kleider holen. Da er Kaufmann Aufrecht begleiten sollte, wollte sie ihm nichts allzu Auffaelliges oder Neues anziehen lassen und waehlte daher nur Kleider zweiter Wahl.

Schatzjade blieb nun keine andere Wahl, als schleunigst hinueberzueilen. Tatsaechlich fand er Kaufmann Aufrecht beim Fruehstueck vor, in bester Stimmung. Hastig entbot Schatzjade seinen Morgengruss. Auch Jia Huan und Jia Lan begruessten ihn.

Kaufmann Aufrecht befahl Schatzjade, Platz zu nehmen und von der Mehlsuppe zu essen. Dann wandte er sich an Jia Huan und Jia Lan: "Beim Buecherstudium steht Schatzjade hinter euch zurueck, doch in der Kunst, Parallelsaetze zu bilden und Gedichte zu erwidern, reicht ihr nicht an ihn heran. Bei unserem heutigen Besuch wird man euch gewiss draengen, Verse zu machen -- dabei soll euch Schatzjade helfen."

Noch nie hatte Dame Wang solch ein Urteil aus dem Munde ihres Gatten gehoert. Dies war eine ganz und gar unerwartete Freude.

Bald darauf, nachdem Vater und Soehne aufgebrochen waren und Dame Wang sich gerade zur Herzoginmutter begeben wollte, erschienen die Pflegemuetter von Fangguan und zwei anderen Schauspielmaedchen und berichteten: "Seitdem Fangguan neulich die Gnade erfahren hat, freigelassen zu werden, ist sie voellig von Sinnen! Sie trinkt keinen Tee, sie isst keinen Reis. Sie hat Ouguan und Ruiguan dazu angestiftet, dass alle drei auf Gedeih und Verderb darauf bestehen, sich die Haare abschneiden und Nonnen werden zu wollen. Wir dachten, das sei nur kindliches Gerede, weil sie die Verhaeltnisse draussen nicht gewoehnt sind -- nach ein paar Tagen wuerde alles wieder gut sein. Doch wider Erwarten toben sie immer schlimmer, und auch Schlaege und Schelte helfen nicht. Wir wissen wirklich keinen Rat mehr und bitten Euch, sie entweder ihrem Wunsch gemaess Nonnen werden zu lassen, oder ihnen eine Lektion zu erteilen und sie jemand anderem als Ziehtochter zu geben -- fuer uns ist dieses Glueck nicht bestimmt."

"Unsinn!" sagte Dame Wang. "Vielleicht richten wir uns noch nach ihnen! Ins Kloster geht man nicht leichtfertig. Jede bekommt eine Tracht Pruegel, und dann werden wir sehen, ob sie immer noch verrueckt spielen!"

Nun hatten sich gerade zum fuenfzehnten Tag des achten Monats Nonnen aus den verschiedenen Tempeln eingefunden, um Opfergebaeck zu bringen, wie es der Brauch verlangte. Dame Wang hatte die Nonne Zhitong aus dem Wassermondkloster und Yuanxin vom Dizang-Tempel fuer ein paar Tage als Gaeste behalten.

Als die beiden Nonnen diese Neuigkeiten hoerten, brannten sie darauf, die Maedchen als Schuelerinnen mitzunehmen -- in Wahrheit, um sie als Arbeitskraefte zu benutzen. So sagten sie zu Dame Wang: "Euer Anwesen ist wahrlich ein Haus guter Menschen, und weil Ihr, gnaedige Frau, so fromm seid, sind auch die Maedchen in dieser Weise erleuchtet worden. Gewiss ist der Eintritt ins Kloster nicht leichtfertig zu nehmen, doch man muss auch wissen, dass nach Buddhas Gesetz alle gleichwertig sind. Unser Buddha hat gelobt, saemtliche Lebewesen zu erloesen, seien es auch nur Huehner und Hunde, doch leider kommen die Verirrten nicht zur Erkenntnis. Wer die Wurzel des Guten in sich traegt und erwachen kann, vermag dem Kreislauf der Wiedergeburten zu entrinnen. In den Sutras finden sich genuegend Faelle, in denen sogar Tiger, Woelfe, Schlangen und Wuermer den rechten Weg gefunden haben.

Diese Maedchen haben weder Vater noch Mutter, und ihre Heimat ist weit. Sie haben Reichtum und Vornehmheit erlebt und wissen, wie bitter ihr Schicksal von klein auf war, als sie einem leichtfertigen Gewerbe nachgehen mussten. Wer weiss, was die Zukunft bringt? Deshalb haben sie beschlossen, das Meer des Leidens zu verlassen und im Kloster fuer ein besseres naechstes Leben zu beten -- das ist ein nobler Entschluss. Die gnaedige Frau sollte ihre guten Absichten nicht einschraenken."

Dame Wang war von Natur aus fromm gesinnt. Wenn sie vorhin den Wunsch der Maedchen abgelehnt hatte, so nur, weil sie fuerchtete, die jungen Dinger koennten die Entsagung des Klosterlebens nicht ertragen und sich dadurch nur Schuld aufladen. Nun aber klangen die Worte der beiden Nonnen durchaus vernuenftig. Zudem hatte der Haushalt in letzter Zeit ohnehin viele Sorgen: Dame Xing hatte jemanden geschickt, um mitzuteilen, Yingchun solle nach Hause kommen, damit eine Familie sie sich ansehen koenne; und es waren auch schon offizielle Heiratsvermittlerinnen gekommen, um sich nach Tanchun zu erkundigen. Dame Wang war ohnehin gedanklich ueberlastet und hatte keine Nerven, sich mit solchen Nebensaechlichkeiten zu befassen. Als sie die Worte der Nonnen hoerte, laechelte sie und sagte: "Wenn es so ist, warum nehmt ihr sie nicht als eure Schuelerinnen mit?"

Die beiden Nonnen sprachen ein Gebet: "Vortrefflich! Vortrefflich! Wenn es so geschieht, ist Euer Verdienst an verborgener Tugend wahrlich nicht gering." Dann verneigten sie sich dankend.

Dame Wang sagte: "Gut, dann fragt sie selbst. Wenn sie es wirklich ernst meinen, sollen sie hier vor mir ihre Lehrmeisterinnen begruessen und dann mit ihnen gehen."

Die drei Pflegemuetter gingen hinaus und brachten die drei Maedchen herein. Dame Wang fragte sie noch mehrmals, aber die drei waren fest entschlossen. So knieten sie vor den beiden Nonnen nieder und verabschiedeten sich dann von Dame Wang. Als Dame Wang sah, wie entschieden sie waren, wusste sie, dass Zwang keinen Sinn mehr hatte. Geruehrt liess sie einige Geschenke bringen und den Maedchen mitgeben, und auch den beiden Nonnen schickte sie Geschenke.

Von da an folgte Fangguan der Nonne Zhitong ins Wassermondkloster, waehrend Ruiguan und Ouguan der Nonne Yuanxin ins Dizang-Kloster folgten. Alle drei verliessen das weltliche Leben.

Was weiter geschah, wird im naechsten Kapitel erzaehlt.

Anmerkungen



Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本).