Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 93"

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(DE4 (Woesler 4. Aufl.): Kapitel 93 mit Navigation und Fussnoten)
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= Kapitel 93 =
+
Dreiundneunzigstes Kapitel
== 甄家仆投靠贾家门 / 水月庵掀翻风月案 ==
 
  
'''Ein Gefolgsmann der Familie Dschën sucht Unterschlupf bei Familie DjiaZweifelhafte Aktivitäten werden hinter der Eisernen Schwelle aufgedeckt.'''
+
Ein Diener der Familie Zhen sucht Unterschlupf bei der Familie Jia,
 +
Im Wassermondkloster wird ein Skandal um Wind und Mond aufgedeckt
  
Nachdem Fëng Dsï-ying gegangen war, rief Djia Dschëng einen Türsteher.
+
Es wird erzählt, dass nach Feng Ziyings [冯紫英] Abschied Kaufmann Aufrecht<ref>Kaufmann Aufrecht: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng. 政 zhèng bedeutet „aufrecht/Regierung".</ref> [贾政] einen Türsteher zu sich rief und fragte: „Heute ist eine Essenseinladung vom Markgrafen von Lin'an gekommen. Weißt du, um was es geht?"
„Ich sehe, hier ist eine Essenseinladung des Grafen Lin-an“, sagte er. „Weißt du, worum es geht?“
 
„Ich habe gefragt, Herr“, antwortete der Diener, „es ist keine Feier, sondern nur die Ankunft einer neuen Schauspieltruppe bei der Familie des Prinzen von Nan-an. Die Truppe ist bekannt, und an zwei Tagen wird gespielt. Der Prinz ist erfreut und lädt Euch ein, damit man Unterhaltung hat. Ihr müßt kein Geschenk mitbringen.“
 
Während der Diener sprach, kam Djia Schë herüber.
 
„Wirst du, zweiter Herr, morgen gehen?“, fragte Djia Schë ihn. „Wie könnte ich nicht gehen, wenn der Graf so freundlich zu uns ist“, antwortete Djia Dschëng.
 
Ein anderer Diener kam vom Tor herein und berichtete Djia Dschëng:
 
„Da ist ein Angestellter von der Regierung, Herr; können Sie morgen bitte, in das Ministerialbüro gehen. Es geht um eine Regierungsangelegenheit, Sie müssen also etwas früher als sonst da sein.“
 
Djia Dschëng sagte: „Ich weiß, ich weiß.“ Zwei Familiendiener kamen als Nächstes herein, die mit dem Einsammeln des Ackerpachtzinses in den Dörfern betraut waren. Sie machten den Kotau, erwiesen ihren Respekt und stellten sich an die Seite.
 
„Bist du vom Familiendorf Hau?“, fragte Djia Dschëng. – „Ja, Herr.“
 
Djia Dschëng fragte nicht weiter nach ihrem Geschäft. Er und Djia Schë redeten noch ein wenig länger, und dann gingen beide in ihre Gemächer, Djia Schë wurde von seinen Dienern begleitet, die Lampen trugen.
 
Als sie gegangen waren, sagte Djia Liän zum Pachtzinseintreiber: „Sprechen wir über deine Angelegenheiten.“ –
 
„Wir waren, so schnell wir konnten, mit der Pacht des Zehnten Monats unterwegs, Herr“, antwortete einer von ihnen, „sie sollten morgen ankommen, aber wir haben ein paar Kilometer außerhalb des Ortes Ärger bekommen. Unsere Wagen wurden von einer Patrouille beschlagnahmt, und alles wurde auf den Boden geworfen. Sie ließen uns nicht zu Wort kommen. Ich versuchte zu erklären, daß es Pacht vom [Jung-guo-]Anwesen war, keine einfachen Güter zum Transport, aber es war ihnen völlig egal. Und als ich unserem Fahrer sagte, weiterzufahren, schlugen ihn einige von der Straßenpatrouille und beschlagnahmten zwei Wagen. Ich ging vor, um zu berichten, Herr. Das einzige, was Sie jetzt tun können, ist jemanden zu dem lokalen Yamen zu schicken und die Güter zurückzufordern. Und Sie würden allen einen Gefallen tun, wenn Sie diese Rüpel von der Straßenpatrouille zur Ordnung bringen könnten. Sie werden es nicht wissen, aber die regulären Güterwagen haben es noch schwerer mit ihnen. Sie kippen den Inhalt aus und laufen dann damit weg, und wenn der arme Fahrer es wagt zu protestieren, wird er verprügelt.“
 
„Welch sinnloser Zustand!“, rief Djia Liän. Er schrieb sofort einen Brief und übergab ihn an einen seiner Männer.
 
„Bring das zum Yamen, der für die beschlagnahmten Wagen zuständig ist. Wir wollen unsere Wagen und unsere Güter sofort zurück. Wenn wir entdecken, daß auch nur das kleinste Gut fehlt, wird es Ärger geben.“
 
Er schickte nach Dschou Juee. Dschou Juee war nicht da, also schickte er stattdessen nach Wang Örl, nur damit man ihm sagte, daß Wang Örl am Mittag ausgegangen war und immer noch nicht zurück sei.
 
Djia Liän sagte: „Die faulen Hunde! Sie sind niemals da, wenn man sie braucht! Alles was sie tun, von einem Jahr zum nächsten, ist auf unsere Kosten herumzulümmeln!“
 
Er wies seine Dienstboten, beide sofort zu finden, dann zog sich Djia Liän für die Nacht in seine Gemächer zurück.
 
Der nächste Morgen brachte eine Erinnerung von Graf Lin-an.
 
„Ich werde am Ministerium beschäftigt sein“, sagte Djia Dschëng zu Djia Schë, „und Liän wird wegen der Angelegenheit mit den beschlagnahmten Wagen hierbleiben müssen. Der gnädige Herr nimmt Bau-yü besser den Tag über mit.“
 
Djia Schë nickte.
 
„Sehr gut.“
 
Djia Dschëng ließ Bau-yü Bescheid sagen, daß er den gnädigen Herrn [Onkel] zu Graf Lin-ans Theaterparty begleiten solle. Bau-yü war begeistert. Er zog sich um, wählte drei seiner Pagen, Bee-ming, Sau-hung und Tschu-yau, zu seiner Begleitung, und kam, um Djia Schë seine morgendliche Aufwartung zu erweisen. Sie stiegen in ihre Wagen und waren bald im Palast des Grafen. Ein Torsteher ging hinein, um ihre Ankunft anzukündigen, und kehrte kurz danach zurück, um sie zu geleiten.
 
Djia Schë führte Bau-yü in den Hof, in dem es von Gästen nur so wimmelte. Sie erwiesen Graf Lin-an ihren Respekt und tauschten Höflichkeiten mit den anderen Gästen aus, bevor sie sich setzten und an den leichten Unterhaltungen teilnahmen. Binnen kurzer Zeit kam der Anführer der Truppe mit einer Szenenliste und einem normalen und einem ausgefallenen in Form einer Elfenbeintafel und grüßte seinen Förderer, indem er sich auf einem Knie auf den Boden kniete, im Manchu-Stil, und ankündigte:
 
„Wollen die Herren bitte ihre liebsten Stücke auswählen?“
 
Zunächst wählten die wichtigsten Herren etwas aus, und als Djia Schë an der Reihe war, wählte auch er eine Szene aus. Dann blickte er zu Bau-yü, eilte geradewegs zu ihm, grüßte ihn sehr elegant und sagte:
 
„Wäre der zweite Herr Herr so gut, zwei Stücke aus unserer Liste zu wählen?“
 
Bau-yü betrachtete sein Gesicht. Diese leicht bepuderten weißen Wangen, diese Lippen so rot wie Rouge, das frische Glänzen, wie eine Lotus, die sich aus dem Wasser reckt, der elegant schwingende Gang, wie ein Jadebaum im Wind – nun, es war kein anderer als [sein alter Freund] Djiang Yü-han! Bau-yü erinnerte sich, daß er von dessen Ankunft in der Stadt mit seiner eigenen Truppe gehört hatte. Er erinnerte sich auch daran, daß er sich wunderte, warum er noch immer nichts von ihm gehört hatte. Ihn nun in so einer formalen Umgebung zu treffen, machte ihn unfähig, spontan aufzuspringen, und er mußte sich mit der Frage zufriedengeben:
 
„Wann bist du angekommen?“
 
Djiang Yü-han machte mit seiner Hand auf dem Körper eine Zeigegeste und sagte dann lachend:
 
„Sicher wußtest du, daß ich hier war?“
 
Bau-yü fühlte sich zu gehemmt, um diese Unterhaltung fortzuführen, und wählte verwirrt irgendwelche Dramen aus.
 
Als Djiang Yü-han hinter die Bühne zurückkehrte, fingen die Gäste an, über ihn zu reden.
 
„Wer ist dieser Mensch?“ – „Er hat schon immer die weibliche Rolle gespielt,“ fing einer von ihnen an. „Nun, da er älter ist, hat er das aufgegeben und wurde Chef der Truppe. Früher spielte er die weibliche Rolle, jetzt die der jungen männlichen Hauptdarsteller. Er verdient einiges Geld und eröffnete bereits zwei oder drei Geschäfte. Aber nichts konnte ihn von der Bühne fernhalten, also wurde er Chef der Schauspieltruppe.“
 
Manche sagten, er habe schon geheiratet. Andere sagten, er habe klare Ansichten dazu. Für ihn sei die Ehe kein Spiel, sondern eine Sache fürs Leben. Egal ob man reich oder arm sei, der Partner müsse ein passendes Talent besitzen. Deshalb habe er bisher noch keine gefunden.
 
,Ich frage mich, welche glückliche Tochter ihn ehelichen wird‘, dachte Bau-yü im Geheimen bei sich, kann ja wahrlich keine Enttäuschung sein.‘
 
Inzwischen hatte das Schauspiel begonnen. Sie zeigten eine große Breite an Stilen: Kun-Gesänge, Gesänge mit hoher Stimme und die Yi-Stimme, die von einem Schlagrhythmus begleitet wird. Es war eine turbulente Aufführung.
 
Mittags wurden Tische aufgestellt, Wein und Essen serviert.
 
Nach einem Akt des Nachmittagprogramms machte Djia Schë Anstalten zu gehen. Aber der Graf Lin-an kam herüber und so sagte er:
 
„Der Tag ist noch jung, und ich habe gehört, daß Djiang Yü-han noch einen Paradeaufzug aus dem Singspiel ,Der Ölhändler und das Freudenmädchen‘ spielen will.
 
Als Bau-yü dies hörte, betete er heimlich, Djia Schë möge bleiben. Djia Schë setzte sich wieder.
 
Es war bald Zeit für das Singspiel Der Ölhändler und das Freudenmädchen, in dem Djiang Yü-han den jungen Tjin, den bescheidenen Öl-Verkäufer spielte. Die Szene, welche ‚wie ein zarter Duft riecht und eine seltene Jade bewundert’, in der er das betrunkene Freudenmädchen Hua Kuee bedient, spielten sie bis ins feinste Detail. Danach betrinken sich die beiden gemeinsam und singen dabei. Die Beziehung zwischen beiden ist wie ein untrennbarer Seidenfaden. Bau-yü bemerkte Hua Kuee kaum. Er hatte nur Augen für den jungen Tjin. Der laute, klare und rhythmische Gesang von Djiang Yü-han zog Bau-yüs Geist mit in die Geschichte hinein. Am Ende der Vorstellung wußte er ohne jeden Zweifel, daß Djiang Yü-han ein Künstler des wahren Gefühls war und nicht vergleichbar mit gewöhnlichen Schauspielern. Es erinnerte ihn an eine Passage aus dem Yüedji:<ref>Kapitel „Über Musik“.</ref>
 
„Gefühle, werden innerlich erregt und in Klang umgesetzt. Wenn der Klang zum Ausdruck von Sinn wird, ist Musik geboren.“
 
,Versteht man den Klang, versteht man die Musik, versteht man den Sinn‘, dachte Bau-Yü bei sich, ,es gibt noch viel mehr herauszufinden. Ich muß dem auf den Grund gehen. Gedichte können zwar Gefühle ausdrücken, gehen aber nicht unter die Haut. Man sollte sich mehr mit Musik beschäftigen.‘
 
In seinem abwesenden Nachdenken wurde er von Djia Schë geweckt, der genug hatte und sich verabschiedete. Der Gastgeber hatte dieses Mal nicht versucht, ihn daran zu hindern, so daß er keine neue Gelegenheit hatte, ihn davon abzuhalten. Bau-yü hatte keine andere Wahl als Djia Schë zu folgen.
 
Bei ihrer Ankunft zu Hause ging Djia Schë direkt zu seinen Gemächern. Bau-yü ging zu [seinem Vater] Djia Dschëng und meldete sich zurück.  Djia Dschëng kam gera-
 
de von der Direktion und diskutierte mit Djia Liän die Angelegenheit mit den beschlagnahmten Wagen.
 
„Ich schickte heute einen Mann mit einer Nachricht“, sagte Djia Liän  „aber der örtliche Beamte war nicht da. Der Torwächter sagte, sein Herr wisse nichts von dem Vorfall und er habe sicherlich nie befohlen, die Wagen zu beschlagnahmen. Er sagte, das wären Räuber, die sich als Straßenpolizei ausgäben und vorgäben, zu beschlagnahmen. Da dies der Besitz der Familie Djia war, sagte er, würde er sofort jemanden schicken, nach den Schuldigen zu suchen. Er gab seine persönliche Garantie, daß am Folgetag Wagen und Sachen zurückkämen. Wenn wir entdecken sollten, daß auch nur eine einzige Sache fehle, müsse die Familie bei seinem Herrn die Räuber anzeigen, und es würden harte Maßnahmen folgen. Aber jetzt, da der Herr fort sei, bat er uns, es nicht so zu Herzen zu nehmen. Am besten sei, wenn sein Herr nichts davon erfahre.“
 
„Wie kann so etwas ohne irgendeinen Haftbefehl getan werden?“, fragte Djia Dschëng. –
 
„Du scheinst das nicht zu verstehen, gnädiger Herr“, sagte Djia Liän, „daß die Welt draußen halt so ist. Ich denke, daß wir unsere Dinge morgen bestimmt wieder zurückbekommen.“
 
Als Djia Liän die Sache zuende besprochen hatte, und ging, trat nun Bau-yü. Djia Dschëng fragte ihn ein paar Dinge und schickte ihn dann zur alten Dame.Djia Liän hatte die unerklärte Abwesenheit seiner zwei Dienstboten nicht vergessen. Nachdem er Djia Dschëng verließ, gab er die Anweisung für eine Vollversammlung des Personals. Diesmal gab es eine sofortige Antwort. Djia Liän schimpfte eine Runde, dann rief er den Personalchef Lai Schëng nach vorne.
 
„Nimm sämtliche Personalbögen für alle Haushaltsabteilungen und prüfe die Anwesenheit der Namen. Dann will ich, daß du eine Ankündigung schreibst. Ich will, daß jeder weiß, daß, wenn es einen einzigen Fall von unerlaubter Abwesenheit gibt, ich dem Schuldigen sofort rausschleppen und auspeitschen lasse. Dabei ist es einerlei, ob jemand wegen seiner Abwesenheit wichtige Arbeiten unverrichtet läßt oder ich vergeblich nach jemandem schicke.“ –
 
„Ja, Herr!“, antwortete Lai Schëng mehrere Male. Dieser ging hinaus und leitete alles an die versammelten Diener weiter, die es alle folgsam aufnahmen.
 
Nicht lange später gab es am Haupttor eine unerwartete Ankunft. Ein Mann mit einem Filzhut, blaugrünem Baumwollgewand und strapazierfähigen Stoffschuhen, kam näher und verbeugte sich vor dem Torwächter. Er begutachtete ihn von oben bis unten und fragte ihn, aus welchem Ort er stamme.
 
„Ich stamme von der Familie Dschën aus dem Süden“, war seine Antwort, „ich habe einen Brief meines Herrn bei mir, welchen ich Sie bitte, Ihrem Herrn [Djia Dschëng] zu bringen.“
 
Als sie erfuhren, daß er von der Familie Dschën war, standen die Männer auf und machten dem Neuankömmling Platz, um sich zu setzen.
 
„Du must müde sein. Hier, setz’ dich! Wir werden deinen Brief für dich hineinbringen.“
 
Einer von ihnen ging hinein, um Djia Dschëng von seiner Ankunft zu berichten und den Brief zu übergeben. Dieser öffnete ihn und las wie folgt:
 
Mit engster Freundschaft hoffend auf gegenseitiges Verstehen,
 
gegründet in Geschlechterfolgen!
 
Mit tiefster Achtung und Unterwürfigkeit
 
vor Eurem berühmten Haus!
 
Tausend Tode sind keine ausreichende Strafe
 
Für meine schreckliche Tat.
 
Dank einem Gnadenakt bin ich nur milde bestraft
 
mit Verbannung an die Grenze.
 
Der Haushalt ist verarmt,
 
die Familie zerstreut.
 
Mein Diener Bau Yung
 
diente mir gut.
 
Ohne besonderes Talent ist er doch eine treue Seele,
 
ein verläßlicher Kerl.
 
Fände er bei Euch eine Beschäftigung
 
mit bescheidenem Auskommen:
 
Eure Barmherzigkeit mit diesem schutzlosen Vogel
 
Würde ihn zutiefst mit Dankbarkeit erfüllen.
 
Ich melde mich wieder, sobald ich kann.
 
Djia Dschëng lächelte, als er das Ende des Briefes erreichte.
 
‚Wir haben hier selbst zuviel Personal‘, grübelte er laut für sich selbst, ‚Aber wenn die Dschëns ihn empfehlen, können wir ihn schlecht ablehnen.‘
 
Er wandte sich zum Pförtner.
 
„Schick’ mir den Mann herein und find einen Platz zum Bleiben für ihn. Wir geben ihm eine Arbeit.“
 
Der Pförtner ging hinaus und kam mit Bau Yung zurück, der sich vor Djia Dschëng niederwarf und einen dreifachen Kotau machte. Er stand wieder auf und erklärte:
 
„Mein Herr übersendet seine Grüße, Herr.“
 
Dann machte er eine weitere Verbeugung und fuhr fort:
 
„Bau Yung bietet seinen bescheidenen Respekt an, Herr.“
 
Djia Dschëng fragte nach Herrn Dschën und begutachtete ihn. Er war etwa  groß, hatte breite Schultern und war stark gebaut, mit dichten Augenbrauen und markanten Augen, einer hervorstehenden Stirn, einem langen Bart und einem rauhen, dunklen Teint. Er stand mit seinen respektvoll herunterhängenden Armen an der Seite da.
 
„Warst du schon immer bei den Dschëns?“, fragte Djia Dschëng, „oder hast du ihnen nur für ein paar Jahre gedient?“
 
Bau Yung: „Meine Wenigkeit war seit der Geburt dort, Herr.“
 
Djia Dschëng: „Warum möchtest du jetzt von ihnen weg?“
 
Bau Yung: „Es war überhaupt nicht mein Wunsch, Herr. Aber mein Herr bestand darauf, daß ich das tun soll, und sagte, daß ich die Dinge hier genauso finden würde, wie bei ihm. Deswegen bin ich hier.“
 
Djia Dschëng: „Dein Herr hätte sich nicht in diese Situation bringen sollen.“
 
Bau Yung: „Es ist nicht meine Aufgabe, solche Dinge zu sagen, aber ich denke, mein Herr ist ein viel zu guter Mann, viel zu ehrlich, wenn er mit Menschen umgeht. Das ist es, was ihm den Ärger gebracht hat.“
 
Djia Dschëng: „Aber Ehrlichkeit ist doch eine große Tugend.“
 
Bau Yung: „Zuviel davon geht nicht immer gut, das ärgert die Menschen sogar.“
 
Djia Dschëng lachte und sprach: „Wenn das so ist, bin ich mir sicher, daß der erhabene Himmel ihn nicht hängen lassen wird.“
 
Bau Yung wollte gerade etwas sagen, als Djia Dschëng fortfuhr:
 
„Liege ich damit richtg, wenn ich glaube, daß dein Herr auch einen Sohn namens Bau-yü hat?“
 
Bau Yung: „Das ist richtig, Herr.“
 
Djia Dschëng: „Sag’ mir, versucht er sich immer noch, sich nach oben einzuschleimen?“
 
Bau, Yung: „Das ist eine sehr interessante Frage, Herr. Dahinter steckt eine merkwürdige Geschichte. Eigentlich ist der Charakter des Jungen wie der unseres Herrn, sehr ehrlich. Er hat von klein auf nur mit Schwestern und den Kusinen zusammengelebt. Von seinem alten Herrn und dessen Frau wurde er einige Male schwer bestraft, er änderte sich aber nicht. Vor jedoch ungefähr einem Jahr etwa, als Ihre Herzogin auf einer Reise zur Hauptstadt war, wurde unser Junge sehr krank. Er wurde in der Tat für eine Weile fast für tot erklärt, und der Herr selbst war fast tot vor Sorge. Seine Beerdigungskleidung wurde sogar schon bereitgelegt. Am Ende erholte er sich wieder, Gott sei Dank. Als er wieder auf den Beinen war, sagte er, daß er durch einen großen Torbogen gegangen war, wo er eine Dame getroffen habe, die in einem Tempel voller Schränke war. Und in diesen Schränken waren viele Register, die er sich ansah. Dann ging er in einen Raum voller Mädchen, die sich in Geister und Skelette verwandelten. Er hatte Angst, schrie, und dann wachte er auf.“ –
 
„Nach dieser Erfahrung ließ der Herr ihn von einem Doktor behandeln, und langsam, aber sicher ging es ihm wieder gut. Diesmal wurde er verhätschelt und durfte nach Herzenslust mit seinen Schwestern und Kusinen spielen. Aber wer hätte das gedacht – er änderte seine Art vollständig! Keine seiner alten Spiele reizten ihn noch. Nun gab es nur noch Bücher und das Studieren. Und niemand konnte ihn ablenken. Er lernte es sogar, dem Herrn im Familienunternehmen zu helfen.“
 
Djia Dschëng wurde ruhig, in Gedanken verloren. Dann sagte er: „Geh und ruh’ dich aus. Wenn wir dich brauchen können, finden wir für dich eine Arbeit.“
 
„Danke, Herr“, sagte Bau Yung und verschwand aus dem Zimmer. Er wurde von einigen Dienern herausgeleitet, um sich auszuruhen. Da müssen wir ihn verlassen.
 
Ein paar Tage später, stand Djia Dschëng früh auf und ging durch das Haupttor auf dem Weg zur Direktion, als er bemerkte, daß die Pförtner und Diener sich in einer Art Plauderei zusammenfanden. Sie schienen seine Aufmerksamkeit erregen zu wollen, aber waren offensichtlich gleichzeitig zu ängstlich, etwas zu sagen, und konnten nur untereinander tuscheln. Er rief einen von ihnen herüber und fragte:
 
„Was ist los? Was soll all dieses Herumtuscheln in Ecken?“
 
„Wir trauen es uns nicht zu sagen, Herr...“, antwortete der Diener.
 
Djia Dschëng: „Traut euch nicht was zu sagen?“
 
Der Diener: „Nun, Herr, als ich diesen Morgen zum Tor ging, fand ich ein Stück weißes Papier, das dort steckte, mit vielen Schimpfwörtern darauf geschrieben.
 
Djia Dschëng: „Was steht darauf??“
 
Diener: „Schmutzige Wörter aus dem Wassermondkloster.“
 
Djia Dschëng: „Zeig’ es mir!“
 
Diener: „Ich versuchte es in einem Stück abzuziehen, Herr, aber es hat so fest gesteckt, daß ich es nicht konnte. Also schrieb ich stattdessen die Wörter ab und dann schrubbte das Tor sauber. Li De hat gerade ein anderes gefunden. Er zeigte es mir und da steht dasselbe. Ich will es nicht verstecken, Herr.“
 
Während er sprach, händigte er es Djia Dschëng aus. Djia Dschëng nahm es und las:
 
Djia Tjin ist ein glücklicher junger Scheißkerl –
 
Er ist verantwortlich für die Nonnen im Wassermondkloster.
 
All diese Mädchen sind nur für einen Kerl,
 
Huren, Zocken, und Spaß bis zum geht-nicht-mehr.
 
Nun, da Lebemänner den Laden schmeißen,
 
verbreitet sich der gute Ruf des Hauses Jung-guo!
 
Djia Dschëngs Zorn kochte über. Sein Kopf war wie in Trance, seine Augen blitzten. Er befahl den Dienern am Tor nicht ein Wort davon hinaus zu tragen, gab heimliche Anweisungen, jedes Gäßchen an den Mauern von Ningguo und Jung-guo nach weiteren Zetteln abzusuchen. Er schickte sofort nach Djia Liän, der hergeeilt kam.
 
„Sag’ mir“, fragte Djia Dschëng, „hast du jemals persönlich die Frauen überprüft, die als Nonnen und dauistische Novizinnen im Wassermondkloster logieren?“ –
 
„Nein“, antwortete Djia Liän, „das war immer unter der Verantwortung des jungen Tjin-örl.“ –
 
„Weißt du eigentlich, ob Tjin-örl das im Griff hat?“, fragte Djia Dschëng.
 
„So, wie du das sagst, kann es sein, daß bei Tjin-örl irgendetwas nicht stimmte?“, fragte Djia Liän.
 
„Sieh dir das an!“
 
Djia Liän las den Aushang und rief:
 
„Was ist denn das?“
 
Er hatte noch nicht ganz zu Ende gesprochen, als Djia Jung mit einem Brief hereinkam, auf dem geschrieben stand: „Für die Aufmerksamkeit des Zweiten gnädigen Herrn [Djia Dschëng], – Privat und Vertraulich.“ Djia Dschëng öffnete es und fand heraus, daß es ein anonymer Brief war, genau in denselben Worten verfaßt wie die Aushänge.
 
„Sag’ Lai Da“, wies er sie an, „er solle drei oder vier Wagen auf einmal zum Wassermondkloster bringen und alle Novizinnen hierher zurückbringen. Das muß absolut geheimgehalten werden. Er soll sagen, daß sie im Palast gebraucht werden.“
 
Lai Da nahm diesen Befehle entgegen und ging.
 
Damals, als die [vierundzwanzig] buddhistischen und dauistischen Novizinnen zuerst am Tempel ankamen, wurden sie unter die Aufsicht der älteren Schwestern gestellt, die ihnen die täglichen Lektionen gaben und ihre Liturgien einübten. Als die Monate vorübergingen und ihre Dienste nicht mehr von den kaiserlichen Nebenfrau Yüan beobachtet wurden, wurden die Mädchen fauler und fauler mit ihren Studien. Sie fingen auch an erwachsen zu werden und zeigten größeres Interesse am Leben. Djia Tjin selbst war einer, der das Leben genoß und dachte, daß die Entscheidung für die hübsche junge Schauspielerin Fang Guan und einige andere, in ein Kloster zu gehen, eine kindische Laune gewesen sein mußte. Sie wurde das erste Objekt seiner Avancen im Wassermondkloster. Zu seiner großen Überraschung entdeckte er, daß sie es mit der Keuschheit ernst meinte und überhaupt nicht willens war, seinen Wünschen zu entsprechen. Also lenkte er seine Aufmerksamkeit zurück zum Tempel, auf zwei junge Novizinnen, eine buddhistische Nonne mit Namen He-hsiän und eine junge dauistische Nonne mit Namen Hsin-hsiang, beide sehr attraktiv und viel kooperativer. Sie verbrachten die Freizeit mit dem Erlernen der Wölbbrett-Zither mit Gesangsbegleitung.
 
In der Mitte des zehnten Mondmonats kam Djia Tjin wie üblich mit der monatlichen Unterstützung. Er hatte keine Lust, sofort wieder zu gehen, und rief an alle aus: „Ich habe euch eure monatliche Unterstützung gebracht. Ich fürchte, die Stadttore werden schon zu sein, wenn ich zurückfahre, und muß hierbleiben. In so einer kalten Nacht wie dieser. Ich habe heute Wein dabei. Wie wäre es, wenn wir Wein trinken und die Nacht ein bißchen feiern?“
 
Die Mädchen waren begeistert und räumten sofort die Tische um. Sie luden alle Nonnen des Tempels ein. Fang-guan war die einzige, die nicht kam. Nach ein paar Schalen Wein, schlug Djia Tjin ein Trinkspiel vor. Hsin-hsiang und ihre Freunde antworteten:
 
„Keine von uns kann solche Spiele spielen. Warum spielen wir stattdessen nicht Fingerraten? Der Verlierer muß eine Schale trinken, das wäre lustig!“ –
 
„Es ist gerade erst Nachmittag!“, warf eine Nonne ein, „es ist nicht gut, um diese Zeit Randale zu machen. Ich schlage vor, daß wir jetzt einen kleinen Schluck oder zwei nehmen und dann dürfen die, die möchten, gehen. Diejenigen, die Herrn Tjin Gesellschaft leisten wollen, dürfen heute Abend nach Herzenslust mit ihm trinken. Ich werde beide Augen zudrücken.“
 
Genau in diesem Moment eilte jedoch eine der älteren Schwestern in den Raum.
 
„Schnell! Auseinander! Da Lai ist hier, vom Jung-guo-Anwesen!“
 
Die Mädchen huschten herum, räumten auf und wiesen Djia Tjin an, sich zu verstecken. Weil er ein bißchen mehr getrunken hatte, sagte er:
 
„Wovor soll ich mich fürchten? Ich bin doch hier, um die monatliche Beihilfe zu liefern.“
 
Als er noch sprach, kam Lai Da. Die Zeichen der einsetzenden Orgie waren zu deutlich, und Lai Das loyale Brust füllte sich mit Zorn. Er mußte sich an die Anweisungen des Herren halten und die ganze Angelegenheit geheim halten, fragte jedoch mit einem aufgesetzten Lächeln:
 
„Ist Herr Tjin zufällig hier?“
 
Djia Tjin stand auf. „Nun Lai Da! Was machst du hier?“
 
„Schön, Sie hier zu finden, Herr“, sagte Lai Da, „wir müssen die buddhistischen und dauistischen Nonnen so schnell wie möglich fertig machen und sie zurück zur Stadt bringen. Sie werden im Palast gebraucht.“
 
Djia Tjin und die Mädchen wollten mehr wissen, aber Lai Da sagte bloß: „Kommt mit. Es wird spät. Wir müssen uns beeilen, damit wir durchs Stadttor kommen, bevor es schließt.“
 
Also stiegen sie alle in die Wagen, die auf sie warteten, und Lai Da bestieg seinen Maulesel und führte die Gruppe in die Stadt.
 
Kehren wir zu Djia Dschëng zurück. Seitdem er von der Sache erfahren hatte, war er so wütend, daß er nicht einmal ins Direktionsbüro ging, um dort zu arbeiten. Jetzt saß er alleine in seinem Studierzimmer, atmete schwer und brütete über die anonymen Aushänge. Djia Liän blieb bei Djia Dschëng und traute sich nicht, das Haus zu verlassen. Plötzlich sah er jemanden am Tor, ein Bote kam herein und berichtete:
 
„Seine Exzellenz Dschang ist unpäßlich und möchte Herr Dschëng bitten, ihn heute Abend in der Direktion zu vertreten.“
 
Djia Dschëng hatte jeden Moment Lai Da erwartet. Es war sehr ärgerlich, auf diese Art weggerufen zu werden. Djia Liän kam herein.
 
„Lai Da ging erst nach dem Mittagessen, und das Wassermondkloster liegt etwa ein Dutzend Kilometer vor der Stadt. Er wird nicht vor zehn oder elf Uhr zurück sein. Da du an diesem Abend ‚auf Abruf‘ eingeteilt bist, denke ich, daß du gehen solltest. Wenn Lai Da zurückkommt, werde ich ihm sagen, daß er die Nonnen einsperren und nichts sagen soll, bis du eine Möglichkeit hast, die Angelegenheit morgen selbst zu klären. Wenn Tjin kommt, werde ich nichts sagen. Wir werden sehen, wie er reagiert, wenn du morgen mit ihm sprichst.“
 
Dies schien Djia Dschëng vernünftig, es blieb ihm nichts anderes übrig, als zur Arbeit zu gehen.
 
Sobald er gegangen war, ging Djia Liän zurück zu seinen eigenen Gemächern, darüber brütend, was er Hsi-fëng sagen könnte. Er gab ihr die Schuld, [daß sie Tjin diese Arbeit überhaupt gegeben hatte]. Aber dann erinnerte er sich, daß sie krank war, und entschied sich, die Aussprache zu verschieben. Er ging langsam zurück.
 
Währenddessen hatten sich die Neuigkeiten unter den Bediensteten verbreitet. Es erreichte schnell die Ohren von Ping, die sofort zu ihrer Herrin ging und es ihr erzählte. Hsi-fëng hatte sowieso eine schlechte Nacht gehabt und fühlte sich elend. Ihr kläglicher Zustand verdichtete ihre fortwährenden Ängste über die skrupellose Untat im Kloster Eiserne Schwelle, die ihr auf dem Gewissen lastete. Als sie von den anonymen Aushängen erfuhr, schoß sie hoch und fragte Ping-örl, was draufstand.
 
Ping-örl antwortete gedankenlos:
 
„Oh, nicht viel. Etwas, daß mit den Nonnen vom Mantou-Tempel zu tun hat.“
 
Das hätte Hsi-fëng fast vernichtet. Ihr schlechtes Gewissen setzte für sie den Rest der Geschichte zusammen. Sie war verloren! Ein Krampf des Schreckens entzog ihr die Sprache. Sie spürte, wie in ihr die Hitze aufging, ihre Augen begannen zu schwimmen, sie hustete eine Weile und spuckte Blut.
 
Ping-örl rief in großer Aufregung:
 
„Ich meinte die Nonnen am Wassermondkloster! Es hat etwas mit den Novizinnen zu tun. Da gibt es keinen Grund, dies so an sich heranzulassen, Herrin.“
 
Das Wort „Wassermond“ brachte Hsi-fëng die Sinne zurück.
 
„Dummerchen! Das ist doch das Wassermondkloster, nicht der Mantou-Tempel!“
 
„Erst dachte ich, es wäre der Tempel“, antwortete Ping, „dann fand ich heraus, daß es das Kloster war. Deswegen habe ich es gerade durcheinander gebracht.“
 
„Ich dachte mir, daß es das Kloster sein muß“, sagte Hsi-fëng. „Das Kloster hat nichts mit mir zu tun. Aber ich war diejenige, die Tjin die Arbeit gab, nach den Nonnen im Kloster zu schauen. Er hat wahrscheinlich das Monatsgeld einbehalten.“
 
„Nein, Herrin“, sagte Ping, „Ich glaube nicht, daß es etwas mit Geld zu tun hat. Ich hörte, wie sie das Wort ‚Schmutz‘ des öfteren erwähnten.“ –
 
„Nun, das ist nichts, was jemals mit mir zu tun hat. Wo ist dein zweiter Herr?“
 
„Als er hörte, daß der Herr wütend ist, wagte er es nicht mehr, aufzubrechen“, antwortete Ping. „Als ich hörte, was für eine Art an unangenehmen Angelegenheiten es war, sagte ich den anderen Dienern, daß sie darüber schweigen sollten. Ich hoffe, die Herrinnen haben es nicht gehört.  Der Herr hat Lai Da geschickt, um die Mädchen vom Kloster zurückzuholen. Ich werde jemanden schicken, der herausfinden soll, was passiert ist. Nun, beruhigen sie sich, Herrin. Ihnen geht es nicht gut, und Sie sollten sich nicht den Kopf über solche Sachen zerbrechen.“
 
Genau in diesem Moment kam Djia Liän herein. Hsi-fëng hätte ihn gerne nach mehr Details gefragt, aber sie wußte es besser, als sie den Blick in seinem Gesicht sah. Er war offensichtlich schlecht gelaunt und sie reagierte am besten mit vorgetäuschtem Nichtwissen.
 
Djia Liän hatte sein Abendessen noch nicht beendet, als Wang Örl herein kam.
 
„Lai Da ist zurück, Herr.“ –
 
„Ist Herr Tjin bei ihm?“ – fragte Djia Liän.
 
„Ja, Herr.“ –
 
„Sag’ Lai Da, daß der Herr heute Abend zur Direktion gehen mußte. Er muß die Mädchen in den Garten bringen, wegen der Uhrzeit, und morgen, wenn der Herr zurückkommt, werden wir sehen, ob wir sie zum Palast schicken. Sag’ Herrn Tjin, er soll auf mich in der inneren Bibliothek warten.“
 
Wang Örl verschwand.
 
Djia Tjin ging, wie angeordnet zur Bibliothek. Auf seinem Weg bemerkte er, daß die Diener auf ihn zeigten und murmelten. Er konnte nicht ausmachen, was das alles bedeutete, aber es hatte offensichtlich etwas mit ihm zu tun. Dies schien weniger und weniger eine Aufforderung vom Palast zu sein. Er hätte gerne einen von ihnen gefragt, was los sei, aber er fühlte sich zu unbehaglich, dies zu tun und konnte nur mit immer größer werdender Spannung warten. Als Djia Liän kam, grüßte ihn Djia Tjin und stand nervös mit den Händen an beiden Seiten da.
 
„Ich frage mich, warum die kaiserliche Nebenfrau die Nonnen so kurzfristig braucht?“, fragte er. „Ich mußte den ganzen Weg hierher eilen. Glücklicherweise war ich sowieso heute mit der monatlichen Beihilfe da draußen und konnte mit Lai Da zurückkehren. Aber ich bin sicher, du weißt von alledem.“
 
„Ich weiß! Du mußt es ja erst recht wissen!“
 
Djia Tjin war verwirrt, wagte jedoch auch nicht, noch einmal nachzufragen.
 
„Eine schöne Schweinerei hast du da angerichtet!“ fuhr Djia Liän fort. „Der gnädige Herr [Dschëng] ist außer sich vor Wut!“
 
„Aber ich habe nichts getan!“, protestierte Djia Tjin, „ich habe die Beihilfe jeden Monat pünktlich geliefert, die Mädchen haben ihre Pflichten nicht vergessen.
 
Djia Liän konnte sehen, daß er nichts von den Aushängen wußte. Er und Tjin hatten als Kinder zusammen gespielt, und er seufzte.
 
„Du Arsch! Sieh dir das an!“
 
Er zog eines der Aushänge aus seinem Schuh und warf es in Djia Tjins Richtung. Djia Tjin hob es auf und las. Sein Gesicht wurde aschfahl.
 
„Wer könnte das getan haben? Ich habe niemals etwas Schlimmes getan. Warum möchte jemand meinen Namen auf diese Art in den Schmutz ziehen? Ich gehe nur einmal im Monat mit dem Geld dorthin – das sind alles Lügen! Der gnädige Herr [Dschëng] wird sehr hart zu mir sein, ich weiß, daß er das sein wird! Ich werde vor Scham sterben! Wenn Mutter das herausfindet, wird sie mich zu Tode peitschen!“
 
Er sah sich um, ob niemand anderes im Raum war und kniete vor Djia Liän nieder.
 
„Lieber Onkel! Bitte hilf mir! Bitte!“
 
Er machte weiter, indem er seinen Kopf auf den Boden klopfte, Tränen strömten über sein Gesicht. Viele Gedanken gingen Djia Liän durch den Kopf: ‚Prasserei ist des gnädigen Herrns meistgehaßtes Vergehen. Wenn er herausfindet, daß da wirklich so etwas vorgefallen ist, werden wir eine große Szene vor uns haben. Das wird außerdem dazu beitragen, den Familiennamen in den Schmutz zu ziehen. Dies wird dem anonymen Autor die größte Genugtuung bereiten, und dann können wir in Zukunft noch mehr von diesen Aushängen erwarten. Nein, warum nehmen wir nicht des gnädigen Herrns Abwesenheit zum Vorteil, ich rede mit Lai Da und gucke, wie wir die Geschichte unter den Teppich kehren können. So weit gibt es keinen Beweis, daß das Ganze jemals passierte.“
 
Als er zu dieser Entscheidung kam, sprach Djia Liän wieder:
 
„Es gibt keinen Grund, mich für dumm zu halten und die Dinge vor mir zu verstecken. Glaube nicht, daß ich nichts über alle deine dreckigen kleinen Streiche weiß. Nun hör’ mich an: wenn du da raus willst, must du alles abstreiten, wirklich alles, egal wie hart Herr Dschëng dich drängt. Verstehst du? Du erbärmliche Kreatur!“
 
Djia Liän schickte nach Lai Da. Kurz darauf kam dieser. Dann fragte Djia Liän ihn nach seiner Meinung. „In der Tat, Herr“, sagte Lai Da, „Herr Tjin benahm sich sehr unziemlich. Als ich am Kloster ankam, tranken alle. Ich würde sagen, der Mann, der die Aushänge verfaßte, sagte die Wahrheit...“
 
„Hörst du das, Tjin?“, sagte Djia Liän. „Will Lai Da dich auch verleumden?“
 
Tjin war nun dunkelrot im Gesicht und sprachlos vor Verlegenheit. Djia Liän nahm Lai Da an die Hand und flehte ihn an:
 
„Laß den Burschen in Ruhe, Lai. Sag’, daß du ihn zu Hause gefunden hast. Wenn du ihn hereinrufst, um den Herrn zu sehen, gibt es keinen Grund zu sagen, daß ich ihn schon gesehen habe. Und morgen kannst du den Herrn bitten, daß er sich nicht die Mühe machen soll, die Nonnen zu fragen. Schicke nach einem Vermittler, lass ihn sie mitnehmen, und mit ihrem Verkauf ist die Sache erledigt. Wenn die kaiserliche Nebenfrau sie wirklich wieder braucht, können wir immer noch mehr kaufen.“
 
Lai Da dachte, daß da nichts gewonnen werden kann, wenn man den Vorfall zu einem Sturm aufbläst. Der Familienname würde nur darunter leiden. Also stimmte er Djia Liäns Vorschlag zu.
 
„Du gehst jetzt mit Herrn Lai, Tjin,“ befahl Djia Liän, „und tu, was immer er dir sagt.“
 
Djia Tjin machte noch einmal einen Kotau und folgte Lai Da hinaus. Als sie einen abgelegenen Ort erreichten, machte er auch einen Kotau vor Lai Da.
 
„Kleiner Herr, Ihr habt über die Stränge geschlagen!“, sagte Lai Da, „Wen habt ihr denn so verletzt, daß es zu diesem Skandal kommen konnte? Wißt ihr, wer es sein könnte?“
 
Djia Tjin dachte für eine Weile nach, und dann fiel ihm jemand ein.
 
Wer wissen will, wer ihm einfiel, muß das nächste Kapitel lesen.
 
  
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Der Türsteher antwortete: „Ich habe mich erkundigt, Herr. Es ist keine besondere Feier — nur hat der Fürst von Nan'an eine neue Schauspieltruppe bekommen, die als erstklassig gilt. Zwei Tage lang wird Theater gespielt, und der Markgraf möchte die befreundeten Herren zum Zuschauen und Vergnügen einladen. Man braucht wohl kein Geschenk mitzubringen."
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Während er sprach, kam Kaufmann Seichtheit [贾赦] herüber und fragte: „Gehst du morgen hin?" Kaufmann Aufrecht: „Wenn er so freundlich einlädt — wie könnte ich nicht gehen?"
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Da kam ein anderer Diener vom Tor herein und meldete: „Die Beamten im Ministerium bitten den gnädigen Herrn, morgen in die Behörde zu kommen. Es liegt eine Pflichtaufgabe vor, und man müsste etwas früher als gewöhnlich erscheinen."
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Kaufmann Aufrecht: „Verstanden."
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Dann kamen zwei Familiendiener herein, die auf den Jia-Gütern die Pachten eintrieben. Sie begrüßten den Herrn mit einem Kotau und stellten sich seitlich auf. Kaufmann Aufrecht fragte: „Seid ihr von der Gutssiedlung Hao?" Die beiden bestätigten. Kaufmann Aufrecht fragte nicht weiter. Er und Kaufmann Seichtheit plauderten noch ein wenig, dann trennten sie sich. Kaufmann Seichtheit wurde von seinen Dienern mit Handleuchten nach Hause begleitet.
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Als sie gegangen waren, rief Kaufmann Kette [贾琏] die Pachteintreiber zu sich: „Erstattet Bericht!"
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Der eine sagte: „Die Pachten des Zehnten Monats hatten wir schon zusammengetrieben, Herr. Eigentlich sollten sie morgen eintreffen. Doch vor der Stadt wurden unsere Wagen von einer Patrouille angehalten. Die Leute warfen ohne ein Wort alles von den Wagen herunter. Ich erklärte, das seien die Pachtgüter des Rongguo-Anwesens und keine gewöhnliche Handelsware, aber sie kümmerte das überhaupt nicht. Als ich unseren Fahrer anwies, einfach weiterzufahren, prügelten die Patrouillen ihn windelweich und beschlagnahmten zwei Wagen. Ich bin vorausgelaufen, um zu berichten, Herr. Bitte schickt jemanden zum zuständigen Yamen, um die Wagen und Güter zurückzufordern. Und es wäre gut, wenn jemand diese gesetzlosen Rüpel zur Ordnung brächte. Ihr wisst es nicht, Herr, aber die gewöhnlichen Handelswagen trifft es noch schlimmer: Die Waren der Kaufleute werden ohne Rücksicht heruntergeworfen und die Wagen einfach weggenommen; und wenn ein Fahrer auch nur ein Wort zu sagen wagt, wird er zusammengeschlagen, bis das Blut fließt."
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Kaufmann Kette fluchte: „Das ist ja ungeheuerlich!" Sofort schrieb er einen Brief und gab ihn einem Diener: „Bring das zum Yamen, der für die beschlagnahmten Wagen zuständig ist. Wir fordern unsere Wagen und sämtliche Güter zurück. Fehlt auch nur ein Stück, gibt es Ärger. Und schick mir sofort Zhou Rui [周瑞] her."
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Zhou Rui war nicht da. Er rief nach Wang Er [旺儿] — aber Wang Er war am Mittag ausgegangen und noch nicht zurück.
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Kaufmann Kette fluchte: „Diese Taugenichtse! Keiner ist je da, wenn man ihn braucht! Das ganze Jahr über fressen sie auf unsere Kosten und rühren keinen Finger!"
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Er befahl seinen Pagen, beide unverzüglich aufzuspüren, und zog sich dann für die Nacht in seine Gemächer zurück. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
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Am nächsten Tag schickte der Markgraf von Lin'an erneut einen Boten. Kaufmann Aufrecht sagte zu seinem Bruder: „Ich habe Dienst im Ministerium. Kaufmann Kette muss wegen der beschlagnahmten Wagen zu Hause bleiben. Nimm am besten Schatzjade<ref>Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.</ref> [宝玉] mit und vertritt uns für den Tag."
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Kaufmann Seichtheit nickte: „So machen wir es."
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Kaufmann Aufrecht ließ Schatzjade ausrichten, er solle seinen Onkel zur Theatergesellschaft beim Markgrafen von Lin'an begleiten. Schatzjade war überaus erfreut. Er wechselte die Kleider, wählte drei Pagen — Beiming [焙茗], Saohong [扫红] und Chuyao [锄药] — zu seiner Begleitung, ging zu Kaufmann Seichtheit, um ihm seinen Morgengruß darzubringen, und sie stiegen in die Kutschen und fuhren zum Palast des Markgrafen.
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Der Türsteher ging hinein, um ihre Ankunft anzukündigen, und kehrte kurz darauf mit der Aufforderung „Der Herr bittet herein" zurück. Kaufmann Seichtheit führte Schatzjade in den Innenhof, in dem es von Gästen nur so wimmelte. Sie erwiesen dem Markgrafen ihren Respekt, tauschten mit den übrigen Gästen Höflichkeiten aus und nahmen Platz für einen Moment leichter Unterhaltung. Da kam der Leiter der Truppe mit einer Spielliste und einer Elfenbeintafel, kniete sich vor der Ehrenreihe auf ein Knie und sprach: „Darf ich die verehrten Herren bitten, ihre Lieblingsstücke auszuwählen?"
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Er ging der Reihe nach an den Gästen vorbei, und als er bei Kaufmann Seichtheit angelangt war, wählte dieser ein Stück. Dann erblickte der Mann Schatzjade, eilte geradewegs auf ihn zu, machte eine elegante Verbeugung und sagte: „Darf ich den Zweiten jungen Herrn bitten, zwei Stücke auszuwählen?"
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Schatzjade betrachtete sein Gesicht: Leicht gepuderte Wangen, Lippen rot wie Rouge, frisch und glänzend wie eine Lotusblüte, die sich aus dem Wasser reckt, schwebend und anmutig wie ein Jadebaum im Wind. Es war kein anderer als Jiang Yuhan [蒋玉函]! Schatzjade erinnerte sich, gehört zu haben, dass Jiang mit einer Truppe junger Schauspieler nach Peking gekommen war, doch hatte er sich bei ihm noch nicht gemeldet. Ihn nun in dieser formellen Umgebung zu treffen, konnte Schatzjade nicht einfach aufspringen, und so begnügte er sich mit der Frage: „Wann bist du angekommen?"
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Jiang Yuhan ließ seine Augen schnell nach links und rechts schweifen und flüsterte dann mit einem vertraulichen Lächeln: „Wie, der Zweite junge Herr wusste es nicht?"
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In Gegenwart der vielen Gäste konnte Schatzjade das Gespräch nicht fortführen und wählte aufs Geratewohl ein paar Stücke aus.
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Als Jiang Yuhan hinter die Bühne zurückgekehrt war, begannen einige Gäste über ihn zu reden. „Wer ist dieser Mensch?", fragte einer. Ein anderer antwortete: „Er hat früher immer die Dan-Rolle gespielt — also die weibliche. Nun, da er älter ist, spielt er die nicht mehr. Er ist Leiter der Truppe geworden. Früher versuchte er sich auch als Xiaosheng — der junge männliche Held. Er hat einiges Geld verdient und besitzt schon zwei oder drei Läden, will aber das Theater einfach nicht aufgeben und leitet weiterhin seine Truppe."
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Manche sagten, er sei schon verheiratet. Andere widersprachen: „Er hat klare Grundsätze. Für ihn sei die Ehe keine Spielerei, sondern eine Sache für das ganze Leben. Ob reich oder arm — der Partner müsse zu ihm passen. Deshalb habe er bis heute noch nicht geheiratet."
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Schatzjade dachte im Stillen: ‚Welches Mädchen wird das Glück haben, einen solchen Mann zu heiraten? Wer ein solches Talent bekommt, hat wahrlich nicht umsonst gelebt.'
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Inzwischen hatte die Vorstellung begonnen. Es gab eine große Vielfalt an Stilen: Kunqu-Gesang, Hochstimmengesang, den Yiyang-Stil und den Bangzi-Rhythmus — ein turbulentes und prachtvolles Schauspiel. Zur Mittagszeit wurden Tische aufgestellt und Wein und Speisen serviert.
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Nach ein paar weiteren Akten am Nachmittag machte Kaufmann Seichtheit Anstalten aufzubrechen. Doch der Markgraf kam herbei und sagte: „Der Tag ist noch jung. Ich habe gehört, dass Jiang Yuhan noch eine Paradeszene aus ‚Die Königin der Blumen' spielen will — ihr bestes Stück."
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Als Schatzjade das hörte, betete er insgeheim, sein Onkel möge bleiben. Und tatsächlich setzte sich Kaufmann Seichtheit wieder.
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Bald war es soweit: In dem Stück „Die Königin der Blumen" spielte Jiang Yuhan den Qin Xiaoguan — den bescheidenen Ölverkäufer. In der Szene, in der er die betrunkene Blumenkönigin Hua Kui bedient und ihr mit zärtlicher Sorgfalt begegnet, spielte er jede Nuance mit vollendeter Hingabe. Dann das gemeinsame Trinken und Singen, die wachsende Intimität — zart verflochten wie untrennbare Seidenfäden. Schatzjade beachtete die Hua Kui kaum. Er hatte nur Augen für den Qin Xiaoguan. Jiang Yuhans lauter, klarer und rhythmisch vollkommener Gesang zog Schatzjades Seele in die Geschichte hinein. Als die Szene zu Ende war, wusste er ohne jeden Zweifel, dass Jiang Yuhan ein Künstler des wahren Gefühls war und nicht vergleichbar mit gewöhnlichen Schauspielern. Es erinnerte ihn an eine Passage aus dem Kapitel „Über Musik" im Buch der Riten:
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‚Gefühle werden innerlich erregt und daher in Klang umgesetzt; wenn der Klang Ordnung gewinnt, nennt man ihn Musik.'
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‚Wer den Klang versteht, versteht die Musik; wer die Musik versteht, versteht die tiefere Ordnung', dachte Schatzjade bei sich. ‚Da gibt es noch vieles zu ergründen. Die Ursprünge von Klang und Musik verdienen eingehende Betrachtung. Dichtung und Lyrik vermögen zwar Gefühle zu übermitteln, gehen aber nicht unter die Haut. Von nun an will ich mich eingehender mit der Tonkunst beschäftigen.'
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In diesem versonnenen Nachdenken wurde er davon aufgeschreckt, dass Kaufmann Seichtheit aufstand und sich verabschiedete. Diesmal versuchte der Gastgeber nicht, ihn zurückzuhalten. Schatzjade blieb nichts anderes übrig, als seinem Onkel zu folgen.
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Zu Hause angekommen, ging Kaufmann Seichtheit geradewegs in seine Gemächer. Schatzjade suchte seinen Vater auf, um sich zurückzumelden. Kaufmann Aufrecht kam gerade aus dem Ministerium und besprach mit Kaufmann Kette den Fall der beschlagnahmten Wagen.
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Kaufmann Kette berichtete: „Ich schickte heute einen Mann mit dem Brief, aber der Bezirksbeamte war nicht zu Hause. Sein Pförtner sagte: ‚Davon weiß unser Herr nichts. Er hat keinen Haftbefehl zur Beschlagnahmung von Wagen erlassen. Das waren diese ruchlosen Kerle, die draußen ihr Unwesen treiben und Leute erpressen. Da es der Besitz der verehrten Familie Jia ist, werde ich sofort jemanden schicken, die Schuldigen zu verfolgen. Ich garantiere, dass morgen Wagen und Güter vollständig zurückkommen. Sollte auch nur eine Kleinigkeit fehlen, kann man es unserem Herrn melden, und er wird sie streng bestrafen. Da unser Herr gerade nicht da ist, bitte ich die verehrten Herren, es nicht so tragisch zu nehmen. Am besten wäre es, wenn unser Herr gar nichts davon erfährt.'"
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Kaufmann Aufrecht: „Wenn kein amtlicher Haftbefehl vorlag — was für Leute treiben dann dort ihr Unwesen?"
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Kaufmann Kette: „Der Herr weiß es nicht — draußen geht es überall so zu. Morgen bekommen wir unsere Sachen bestimmt zurück."
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Kaufmann Kette verließ den Raum. Schatzjade trat vor und berichtete von seinem Tag beim Markgrafen. Kaufmann Aufrecht fragte ein paar Dinge und schickte ihn dann zu seiner Großmutter.
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Kaufmann Kette hatte die unerlaubte Abwesenheit seiner Dienstleute nicht vergessen. Nachdem er von Kaufmann Aufrecht gegangen war, ordnete er eine sofortige Vollversammlung des Personals an. Diesmal waren alle zur Stelle. Kaufmann Kette schimpfte sie zusammen und rief dann den Hauptverwalter Lai Da [赖大]: „Nimm die Personalbögen aller Abteilungen und prüfe die Anwesenheit. Dann will ich eine Bekanntmachung: Wer auch immer ohne Erlaubnis fehlt, bei einer Vorladung nicht anwesend ist und dadurch Dienstgeschäfte versäumt, wird sofort ausgepeitscht und hinausgeworfen!"
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Lai Da antwortete mehrmals eilfertig: „Jawohl, Herr!" Er ging hinaus und gab die Anweisungen an die versammelten Diener weiter, die alles folgsam entgegennahmen.
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Nicht lange danach erschien am Haupttor ein unerwarteter Besucher. Ein Mann mit einem Filzhut, einem Gewand aus blauem Baumwolltuch und derben Stoffschuhen näherte sich und verbeugte sich vor den Torwächtern. Diese musterten ihn von oben bis unten und fragten: „Woher kommst du?"
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Der Mann antwortete: „Ich komme von der Familie Zhen [甄家] aus dem Süden. Ich habe einen eigenhändigen Brief meines Herrn bei mir, den ich die verehrten Herren bitte, dem gnädigen Herrn Jia Zheng zu übergeben."
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Als die Torwächter hörten, dass er von der Familie Zhen kam, standen sie auf und machten ihm Platz zum Sitzen: „Du bist sicher müde. Setz dich erst! Wir bringen den Brief für dich hinein."
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Einer ging hinein und meldete Kaufmann Aufrecht die Ankunft. Er übergab den Brief. Kaufmann Aufrecht brach das Siegel und las:
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‚In langjähriger Freundschaft verbunden und von aufrichtigem Wohlwollen getragen, blicke ich aus der Ferne ehrfürchtig zu Eurem erhabenen Haus empor. Zutiefst bewegt wende ich mich an Euch. Da ich mit meinen geringen Fähigkeiten die kaiserliche Ungnade auf mich gezogen habe, rechnete ich damit, dass tausend Tode meine Schuld nicht tilgen könnten. Doch durch gnädige Milde wurde ich nur in die Verbannung an der Grenze geschickt. Seither ist mein Haushalt verfallen und meine Familie in alle Winde zerstreut. Mein Diener Bao Yong [包勇] hat mir stets treu gedient. Er verfügt zwar über keine außergewöhnlichen Talente, ist aber ein aufrichtiger und verlässlicher Kerl. Sollte er bei Euch eine Beschäftigung und ein bescheidenes Auskommen finden, wäre meine Dankbarkeit für Eure Barmherzigkeit grenzenlos. Hiermit vertrauensvoll übermittelt; das Übrige folgt bei nächster Gelegenheit. Hochachtungsvoll. Euer langjähriger Freund Zhen Yingjia [甄应嘉] mit Verbeugung.'
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Kaufmann Aufrecht lächelte, als er den Brief zu Ende gelesen hatte: „Bei uns gibt es schon zuviel Personal, und die Zhens empfehlen noch einen Mann. Aber man kann es ihnen schlecht abschlagen." Er wies den Türsteher an: „Schick mir den Mann herein. Suche ihm eine Unterkunft und gib ihm eine Aufgabe, die zu seinen Fähigkeiten passt."
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Der Türsteher ging hinaus und führte Bao Yong herein. Vor Kaufmann Aufrecht machte Bao Yong drei Kotaus, stand auf und sagte: „Mein Herr lässt den gnädigen Herrn grüßen." Dann machte er noch eine Verbeugung und fügte hinzu: „Bao Yong erweist dem gnädigen Herrn seinen bescheidenen Respekt."
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Kaufmann Aufrecht erwiderte die Grüße an Herrn Zhen und musterte Bao Yong. Der Mann war über fünf Fuß groß, hatte breite, kräftige Schultern, buschige Augenbrauen, stechende Augen, eine gewölbte Stirn und einen langen Bart. Sein Teint war grob und dunkel. Er stand mit herabhängenden Armen respektvoll da.
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Kaufmann Aufrecht fragte: „Warst du schon immer bei den Zhens, oder hast du ihnen nur einige Jahre gedient?"
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Bao Yong: „Meine Wenigkeit war von Geburt an im Hause Zhen, Herr."
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Kaufmann Aufrecht: „Warum willst du jetzt von ihnen fort?"
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Bao Yong: „Es war überhaupt nicht mein Wunsch fortzugehen, Herr. Aber mein Herr bestand wieder und wieder darauf. Er sagte: ‚Anderswohin willst du nicht gehen — aber bei den Jias ist es genauso wie bei uns zu Hause.' Deshalb bin ich hier."
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Kaufmann Aufrecht: „Dein Herr hätte sich nicht in diese Lage bringen sollen."
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Bao Yong: „Eigentlich steht es mir nicht zu, so etwas zu sagen, aber ich glaube, mein Herr ist ein viel zu guter Mensch. Viel zu ehrlich im Umgang mit den Leuten. Genau das hat ihm die Schwierigkeiten eingebracht."
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Kaufmann Aufrecht: „Ehrlichkeit ist doch die höchste Tugend."
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Bao Yong: „Zu viel davon geht nicht immer gut — manchmal ärgert es die Leute sogar."
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Kaufmann Aufrecht schmunzelte: „Wenn das so ist, wird der Himmel ihn gewiss nicht im Stich lassen."
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Bao Yong wollte noch etwas sagen, doch Kaufmann Aufrecht fragte weiter: „Ich habe gehört, euer junger Herr heißt ebenfalls Baoyu — stimmt das?"
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Bao Yong: „Ja, Herr."
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Kaufmann Aufrecht: „Gibt er sich Mühe, vorwärtszukommen?"
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Bao Yong: „Wenn der Herr nach unserem jungen Herrn fragt — das ist eine ganz erstaunliche Geschichte. Sein Charakter ähnelt dem seines Vaters: grundehrlich. Von klein auf liebte er es, mit seinen Schwestern und Kusinen zu spielen. Sein Vater und seine Mutter haben ihn deswegen mehrmals hart bestraft, aber er änderte sich nicht. Vor etwa einem Jahr, als seine Mutter gerade zur Hauptstadt gereist war, erkrankte der junge Herr schwer. Er war einen halben Tag lang wie tot, und sein Vater war beinahe außer sich vor Sorge. Die Begräbniskleider lagen schon bereit. Doch dann, Gott sei Dank, erholte er sich. Im Delirium sagte er, er sei durch einen großen Torbogen gegangen, wo ihm eine junge Dame begegnet sei, die ihn in einen Tempel voller Schränke geführt habe. In den Schränken lagen viele Register, die er durchblätterte. Dann kam er in einen Raum voller Mädchen, die sich in Geister und Skelette verwandelten. Er erschrak so fürchterlich, dass er aufschrie — und wachte auf.
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Sein Vater ließ ihn von einem Arzt behandeln, und langsam ging es ihm besser. Dann durfte er wieder mit seinen Schwestern und Kusinen zusammen sein. Doch — wer hätte das gedacht! — er änderte seine Art vollständig. Alle seine früheren Spielereien interessierten ihn nicht mehr. Von da an gab es nur noch Bücher und Studieren. Und niemand konnte ihn davon abbringen. Inzwischen kann er seinem Vater sogar bei den Familiengeschäften helfen."
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Kaufmann Aufrecht versank in stilles Nachdenken. Dann sagte er: „Geh und ruh dich aus. Wenn wir dich brauchen können, finden wir eine Aufgabe für dich."
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Bao Yong bedankte sich, verließ das Zimmer und wurde von den Dienern zu seiner Unterkunft geführt. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
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Eines Tages stand Kaufmann Aufrecht früh auf und war gerade im Begriff, in die Behörde zu gehen, als er bemerkte, dass die Torwächter und Diener mit gesenkten Stimmen miteinander tuschelten. Sie schienen seine Aufmerksamkeit erregen zu wollen, trauten sich aber offensichtlich nicht, offen zu reden, und murmelten nur vor sich hin.
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Kaufmann Aufrecht rief einen von ihnen heran und fragte: „Was habt ihr? Was soll dieses Geheimtuschel?"
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Der Türsteher: „Wir wagen es nicht zu sagen, Herr ..."
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Kaufmann Aufrecht: „Was gibt es, das ihr nicht zu sagen wagt?"
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Der Türsteher: „Als ich heute früh das Tor öffnete und hinaustrat, fand ich ein Stück weißes Papier darauf geklebt, mit allerlei schändlichen Worten beschrieben."
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Kaufmann Aufrecht: „Was soll das heißen? Was steht darauf?"
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Der Türsteher: „Schmutzige Geschichten aus dem Wassermondkloster [水月庵], Herr."
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Kaufmann Aufrecht: „Zeig es mir!"
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Der Türsteher: „Ich versuchte es abzuziehen, aber es klebte so fest, dass es nicht ging. Also schrieb ich den Text ab und wusch dann die Tür sauber. Eben hat Li De ein weiteres Exemplar gefunden und mir gezeigt — es steht genau dasselbe drauf. Wir wagten es nicht zu verheimlichen."
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Er reichte Kaufmann Aufrecht den abgeschriebenen Zettel. Dieser las:
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‚Xi-Bei-Cao-Jin — der junge Kerl,
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im Wassermondkloster führt er das Zepter über die Nonnen.
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Ein einziger Mann und so viele Mädchen:
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Hurerei und Glücksspiel nennt er Vergnügen.
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Wenn Taugenichtse das Sagen haben —
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welch herrlicher Ruf für das Haus Rongguo!'
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[Anm.: „Xi-Bei" (西贝) ergibt zusammengesetzt das Zeichen 贾 (Jia), „Cao-Jin" (草斤) ergibt das Zeichen 芹 (Qin). Gemeint ist also Jia Qin (贾芹).]
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Kaufmann Aufrecht las es und wurde vor Zorn so blass, dass ihm schwindelig wurde und seine Augen sich verdunkelten. Er befahl den Türstehern, kein Wort nach außen dringen zu lassen, und gab heimlich Anweisung, alle Gassen und Mauern zwischen dem Ningguo- und dem Rongguo-Anwesen nach weiteren Zetteln abzusuchen. Dann schickte er sofort nach Kaufmann Kette.
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Kaufmann Kette kam eilends herbei. Kaufmann Aufrecht fragte ihn hastig: „Die weiblichen Novizinnen und Nonnen, die im Wassermondkloster untergebracht sind — hast du dort jemals persönlich nachgesehen?"
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Kaufmann Kette: „Nein. Das war immer Qin'er [芹儿] — also Jia Qin — der sich darum kümmerte."
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Kaufmann Aufrecht: „Weißt du, ob Qin'er seine Aufgabe ordentlich erfüllt?"
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Kaufmann Kette: „So, wie Ihr fragt, Herr — es muss wohl etwas nicht gestimmt haben?"
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Kaufmann Aufrecht seufzte: „Sieh dir an, was auf diesem Zettel steht!"
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Kaufmann Kette las und rief: „So etwas gibt es?"
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Noch hatte er nicht ausgesprochen, als Jia Rong [贾蓉] hereinkam und einen verschlossenen Brief überreichte, auf dem stand: „Für den Zweiten Herrn Jia Zheng — privat und vertraulich". Kaufmann Aufrecht öffnete ihn — es war ein weiterer anonymer Brief mit genau demselben Wortlaut wie der Anschlag am Tor.
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Kaufmann Aufrecht befahl: „Lai Da soll sofort mit drei oder vier Wagen zum Wassermondkloster fahren und sämtliche Nonnen und daoistischen Novizinnen hierherbringen! Es darf kein Wort nach außen dringen. Er soll sagen, sie werden im Palast gebraucht."
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Lai Da nahm den Befehl entgegen und ging.
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Nun zum Wassermondkloster: Als die jungen buddhistischen Nonnen und daoistischen Novizinnen einst dort ankamen, wurden sie von den älteren Schwestern beaufsichtigt, die sie tagsüber in den Sutren und Liturgien unterwiesen. Doch nachdem die Kaiserliche Nebenfrau [元春] ihre Dienste nicht mehr benötigte, wurden die Mädchen mit der Zeit immer nachlässiger in ihren Übungen. Sie wuchsen heran und begannen, sich für das weltliche Leben zu interessieren.
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Jia Qin [贾芹] selbst war ein leichtlebiger junger Mann. Er hatte sich eingebildet, die hübsche ehemalige Schauspielerin Fangguan [芳官] und einige andere hätten sich nur aus einer kindischen Laune heraus für das Klosterleben entschieden, und begann, Annäherungsversuche zu machen. Zu seiner Überraschung erwies sich Fangguan als aufrichtig in ihrer Entscheidung für die Keuschheit und wies ihn entschieden ab. Also lenkte er seine Aufmerksamkeit auf zwei andere junge Novizinnen: eine buddhistische Nonne namens Qinxiang [沁香] und eine daoistische Novizin namens Hexian [鹤仙] — beide recht hübsch und weit weniger widerstandsfähig. In ihrer Freizeit lernten sie gemeinsam die Laute spielen und Lieder singen.
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Es war gerade Mitte des zehnten Monats. Jia Qin war mit dem monatlichen Unterhaltsgeld für die Nonnen gekommen. Da kam ihm ein Einfall, und er verkündete: „Ich habe euch die Monatsgelder gebracht. Es ist zu spät, um noch in die Stadt zurückzufahren, also muss ich hierbleiben. Was für eine kalte Nacht! Ich habe heute Obst und Wein mitgebracht — wie wäre es, wenn wir gemeinsam trinken und uns eine fröhliche Nacht machen?"
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Die Mädchen waren begeistert und räumten sofort die Tische um. Sie luden auch die ansässigen Nonnen des Klosters ein. Nur Fangguan weigerte sich zu kommen. Jia Qin trank einige Schalen und schlug dann ein Trinkspiel vor. Qinxiang und die anderen sagten: „Wir können solche Spiele nicht! Warum spielen wir stattdessen nicht Fingerraten? Wer verliert, trinkt eine Schale — das wäre lustig!"
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Eine der ansässigen Nonnen warf ein: „Es ist gerade erst Nachmittag. Zur Mittagszeit solchen Lärm zu machen, das gehört sich nicht. Trinkt jetzt gemütlich ein paar Schälchen, und wer gehen will, der geht. Wer am Abend dem Herrn Qin Gesellschaft leisten will, der mag dann nach Herzenslust trinken — ich drücke beide Augen zu."
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Genau in diesem Moment stürzte eine Klosterdienerin herein: „Schnell! Auseinander! Lai Da ist hier, vom Rongguo-Anwesen!"
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Die Mädchen huschten aufgeregt herum, räumten hastig auf und drängten Jia Qin, sich zu verstecken. Doch Jia Qin hatte schon ein paar Schalen zuviel getrunken und rief: „Ich bin hier, um die Monatsgelder auszuzahlen — wovor soll ich mich fürchten?"
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Noch während er sprach, trat Lai Da ein. Als er die Spuren des Gelages sah, kochte sein Zorn. Da er jedoch die Anweisungen des Herrn, äußerste Geheimhaltung zu wahren, nicht vergessen hatte, fragte er nur mit einem aufgesetzten Lächeln: „Ist Herr Qin vielleicht auch hier?"
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Jia Qin stand hastig auf: „Na, Herr Lai! Was führt dich her?"
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Lai Da: „Gut, dass ich Sie antreffe, Herr. Die jungen Damen müssen so schnell wie möglich fertig gemacht werden. Wir bringen sie zurück in die Stadt. Sie werden im Palast gebraucht."
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Jia Qin und die Mädchen wollten Genaueres wissen, aber Lai Da sagte nur: „Es wird spät. Wir müssen uns beeilen, sonst verpassen wir die Stadttore."
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So stiegen sie alle in die bereitstehenden Wagen. Lai Da bestieg sein Maultier und führte den Zug in die Stadt. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
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Kehren wir zu Kaufmann Aufrecht zurück. Nachdem er von der Sache erfahren hatte, war er so zornig, dass er nicht einmal in die Behörde ging. Allein saß er in seinem Arbeitszimmer und atmete schwer. Kaufmann Kette blieb in seiner Nähe und wagte nicht, das Haus zu verlassen. Da kam plötzlich ein Bote vom Tor und meldete: „Der Herr Kollege Zhang ist erkrankt und bittet den gnädigen Herrn Jia Zheng, ihn heute Abend in der Behörde zu vertreten."
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Kaufmann Aufrecht hatte Lai Da jeden Augenblick zurückerwartet. Es war höchst ärgerlich, jetzt weggerufen zu werden. Kaufmann Kette kam herein und sagte: „Lai Da ist erst nach dem Mittagessen aufgebrochen, Herr, und das Wassermondkloster liegt gut zehn Li vor der Stadt. Er kann nicht vor der zweiten Nachtwache zurück sein. Da der Herr heute Abend Vertretungsdienst hat, sollte er gehen. Wenn Lai Da zurückkommt, werde ich ihm sagen, er soll die Nonnen einsperren und nichts verlauten lassen, bis der Herr morgen Gelegenheit hat, die Sache selbst zu klären. Und wenn Qin'er kommt, sage ich ihm nichts — dann sehen wir morgen, was er dem Herrn zu sagen hat."
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Kaufmann Aufrecht fand das vernünftig. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als zum Dienst zu gehen.
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Kaum war er fort, wollte Kaufmann Kette in seine eigenen Gemächer zurückkehren. Auf dem Weg dorthin grübelte er darüber nach, dass Phönixglanz [凤姐] damals die Idee gehabt hatte, Jia Qin mit der Aufsicht über das Kloster zu betrauen. Er wollte ihr Vorwürfe machen, erinnerte sich aber, dass sie krank war, und beschloss, die Aussprache aufzuschieben. Langsam ging er zurück.
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Inzwischen hatten sich die Neuigkeiten wie ein Lauffeuer unter den Bediensteten verbreitet. Als Erste im Inneren erfuhr Friedchen [平儿] davon und eilte sofort zu ihrer Herrin. Phönixglanz hatte eine schlechte Nacht hinter sich und fühlte sich elend. In ihrem kränklichen Zustand quälten sie die nie verstummenden Ängste wegen der unseligen Angelegenheit im Mantou-Kloster [馒头庵], die auf ihrem Gewissen lastete. Als sie nun von den anonymen Anschlägen hörte, schreckte sie auf und fragte hastig: „Was steht darauf?"
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Friedchen antwortete unachtsam, ohne nachzudenken, und versprach sich: „Nichts Wichtiges — etwas über das Mantou-Kloster."
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Phönixglanz, ohnehin von schlechtem Gewissen geplagt, erschrak bei dem Wort „Mantou-Kloster" bis ins Mark. Ein Krampf des Entsetzens verschlug ihr die Sprache. Die Hitze schoss ihr in den Kopf, vor den Augen wurde ihr schwarz. Sie hustete und brach auf ihrem Bett zusammen, die Augen starr vor sich hin gerichtet.
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Friedchen erschrak fürchterlich und rief: „Es geht um das Wassermondkloster! Nur um die Novizinnen dort! Da gibt es keinen Grund, sich so aufzuregen, Herrin!"
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Phönixglanz hörte „Wassermondkloster" und beruhigte sich ein wenig. Sie sagte: „Ach! Du konfuses Ding! Was denn nun — ist es das Wassermondkloster oder das Mantou-Kloster?"
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Friedchen: „Ich hatte vorhin versehentlich ‚Mantou-Kloster' verstanden. Dann hörte ich, dass es nicht das Mantou-Kloster ist, sondern das Wassermondkloster. Und eben ist mir das falsche Wort herausgerutscht."
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Phönixglanz: „Ich wusste es doch! Es ist das Wassermondkloster. Was geht mich das Mantou-Kloster an? Es wird wohl um das Wassermondkloster gehen, das ich Qin'er zur Verwaltung gegeben habe. Vermutlich hat er die Monatsgelder unterschlagen."
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Friedchen: „So, wie ich es gehört habe, geht es nicht nur um die Monatsgelder. Da sind auch schmutzige Geschichten dabei."
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Phönixglanz: „Das geht mich erst recht nichts an. Wo steckt dein Zweiter Herr?"
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Friedchen: „Als er hörte, wie wütend der gnädige Herr ist, wagt er nicht, sich zu entfernen. Ich habe den Dienstboten sofort befohlen, keinen Lärm zu machen, weiß aber nicht, ob die Damen es schon erfahren haben. Soviel ich weiß, hat der gnädige Herr Lai Da geschickt, um die Mädchen zu holen. Ich werde jemanden nach vorne schicken, um Neuigkeiten zu erkunden. Die Herrin ist krank — lassen wir lieber die Finger von den Händeln der anderen."
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Gerade als sie sprachen, trat Kaufmann Kette herein. Phönixglanz wollte ihn fragen, sah aber seinen zornigen Gesichtsausdruck und stellte sich lieber unwissend. Kaufmann Kette hatte das Essen noch nicht beendet, als Wang Er [旺儿] kam und meldete: „Draußen wird der Herr gebraucht — Lai Da ist zurück."
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Kaufmann Kette: „Ist Qin'er auch da?"
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Wang Er: „Ja, auch."
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Kaufmann Kette befahl: „Geh und sag Lai Da: Der gnädige Herr ist im Dienst. Die Mädchen sollen vorläufig im Garten untergebracht werden. Morgen, wenn der Herr zurück ist, werden sie in den Palast geschickt. Qin'er soll im Arbeitszimmer auf mich warten."
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Wang Er ging.
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Jia Qin betrat das Arbeitszimmer und sah die Diener mit Fingern auf ihn zeigen und miteinander tuscheln. Er verstand nicht, worüber sie sprachen. Die ganze Sache sah nicht danach aus, als würden die Mädchen wirklich im Palast gebraucht. Er wollte jemanden fragen, kam aber nicht dazu. Gerade als er vor sich hin grübelte, erschien Kaufmann Kette. Jia Qin begrüßte ihn, stellte sich ehrerbietig an die Seite und sagte: „Ich wüsste gerne, warum der Palast der Kaiserlichen Nebenfrau die Mädchen so plötzlich anfordert? Damit ich Bescheid weiß und die Sache beschleunigen kann. Glücklicherweise war ich heute gerade dort, um die Monatsgelder zu bringen, und bin dann gleich mit Lai Da zusammen zurückgekommen. Der Zweite Onkel weiß das sicher alles."
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Kaufmann Kette: „Ich weiß nichts! Du bist derjenige, der hier Bescheid weiß!"
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Jia Qin verstand kein Wort und wagte nicht weiter zu fragen.
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Kaufmann Kette: „Du hast ja schöne Dinge getrieben! Den gnädigen Herrn hast du halb krank gemacht vor Wut!"
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Jia Qin: „Ich habe nichts getan, Onkel! Die Monatsgelder habe ich Monat für Monat pünktlich abgeliefert. Die Mädchen haben ihre Sutren und Liturgien ordentlich geübt."
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Kaufmann Kette sah, dass Jia Qin nicht verstand. Da er zudem mit ihm vertraut war — sie hatten oft zusammen gescherzt —, seufzte er und sagte: „Du Mundwerk! Geh und lies das hier!"
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Er zog aus seinem Stiefelschaft den anonymen Zettel und warf ihn Jia Qin zu.
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Jia Qin hob ihn auf und las. Sein Gesicht wurde aschfahl. Er stammelte: „Wer hat das geschrieben? Ich habe niemanden beleidigt — warum will man mir das antun? Ich gehe einmal im Monat hin, um die Gelder abzuliefern — weiter nichts. Von diesen Dingen ist nichts wahr! Wenn der gnädige Herr mich unter Schlägen verhört, sterbe ich zu Unrecht. Und wenn meine Mutter das erfährt, schlägt sie mich tot!"
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Als niemand in der Nähe war, fiel er auf die Knie und flehte: „Lieber Onkel, rettet mich!" Er schlug mit der Stirn auf den Boden und weinte.
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Kaufmann Kette überlegte: ‚Wenn der gnädige Herr die Sache gründlich untersucht und die Vorwürfe sich bestätigen, wird sein Zorn furchtbar sein. Und wenn das Ganze nach außen dringt, steht unser guter Ruf auf dem Spiel — erst recht zur Freude desjenigen, der die Zettel geschrieben hat. In Zukunft haben wir noch genug eigene Dreckwäsche zu waschen. Besser, wir nutzen die Abwesenheit des Herrn und beraten mit Lai Da, wie sich die Sache vertuschen lässt. Solange es keine Beweise gibt ...'
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Seinen Entschluss gefasst, sagte er: „Bilde dir nicht ein, du könntest mich täuschen. Ich weiß genau, was du getrieben hast. Wenn du willst, dass die Sache glimpflich ausgeht, dann musst du, falls der gnädige Herr dich unter Schlägen verhört, steif und fest leugnen. Schäm dich! Steh auf!" Er ließ Lai Da rufen.
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Kurz darauf kam Lai Da. Kaufmann Kette besprach die Lage mit ihm. Lai Da sagte: „Der Herr Qin hat es wirklich zu bunt getrieben. Als ich heute im Kloster ankam, saßen sie gerade beim Gelage! Was auf den Zetteln steht, stimmt ganz bestimmt."
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Kaufmann Kette: „Qin'er, hörst du? Lai Da würde dich doch nicht fälschlich beschuldigen?"
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Jia Qin lief feuerrot an und wagte kein Wort zu sagen.
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Kaufmann Kette zog Lai Da beiseite und bat ihn: „Deckt ihn — sagt einfach, Qin'er sei zu Hause gewesen und von dort geholt worden. Nehmt ihn mit und sagt, ihr hättet mich gar nicht gesehen. Morgen bittet Lai Da den gnädigen Herrn, die Mädchen nicht weiter zu befragen. Am besten schickt man gleich einen Heiratsvermittler und lässt die Mädchen verheiraten und damit die Sache erledigt sein. Falls die Kaiserliche Nebenfrau sie noch einmal brauchen sollte, kaufen wir eben neue."
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Lai Da überlegte: Einen Skandal aufzudecken würde auch nichts nützen und den Ruf der Familie erst recht beschädigen. Also stimmte er zu.
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Kaufmann Kette sagte zu Jia Qin: „Geh mit Lai Da und tu, was er dir sagt."
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Jia Qin machte noch einen Kotau und folgte Lai Da hinaus. Als sie unter sich waren, warf sich Jia Qin erneut vor Lai Da nieder.
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Lai Da sagte: „Mein lieber junger Herr! Ihr habt es wirklich zu weit getrieben. Wem habt Ihr denn so auf die Füße getreten, dass er Euch solchen Ärger bereitet? Überlegt einmal: Wer könnte es auf Euch abgesehen haben?"
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Jia Qin grübelte eine ganze Weile, konnte sich aber an niemanden erinnern, den er sich zum Feind gemacht hätte. Niedergeschlagen und mit gesenktem Kopf folgte er Lai Da zurück.
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Wie die Sache vertuscht wurde, wird im nächsten Kapitel erzählt.
 
== Anmerkungen ==
 
== Anmerkungen ==
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<div style="text-align: center; font-size: 0.9em; color: #666; margin-top: 20px;">
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''Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).''
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Revision as of 12:36, 15 April 2026

Kapitel: 1 · 2 · 3 · 4 · 5 · 6 · 7 · 8 · 9 · 10 · [11-20] · [21-30] · [31-40] · [41-50] · [51-60] · [61-70] · [71-80] · [81-90] · [91-100] · [101-110] · [111-120] · ← Inhalt

Version: ZH · DE (Woesler) · ZH-DE

Dreiundneunzigstes Kapitel

Ein Diener der Familie Zhen sucht Unterschlupf bei der Familie Jia, Im Wassermondkloster wird ein Skandal um Wind und Mond aufgedeckt

Es wird erzählt, dass nach Feng Ziyings [冯紫英] Abschied Kaufmann Aufrecht[1] [贾政] einen Türsteher zu sich rief und fragte: „Heute ist eine Essenseinladung vom Markgrafen von Lin'an gekommen. Weißt du, um was es geht?"

Der Türsteher antwortete: „Ich habe mich erkundigt, Herr. Es ist keine besondere Feier — nur hat der Fürst von Nan'an eine neue Schauspieltruppe bekommen, die als erstklassig gilt. Zwei Tage lang wird Theater gespielt, und der Markgraf möchte die befreundeten Herren zum Zuschauen und Vergnügen einladen. Man braucht wohl kein Geschenk mitzubringen."

Während er sprach, kam Kaufmann Seichtheit [贾赦] herüber und fragte: „Gehst du morgen hin?" Kaufmann Aufrecht: „Wenn er so freundlich einlädt — wie könnte ich nicht gehen?"

Da kam ein anderer Diener vom Tor herein und meldete: „Die Beamten im Ministerium bitten den gnädigen Herrn, morgen in die Behörde zu kommen. Es liegt eine Pflichtaufgabe vor, und man müsste etwas früher als gewöhnlich erscheinen."

Kaufmann Aufrecht: „Verstanden."

Dann kamen zwei Familiendiener herein, die auf den Jia-Gütern die Pachten eintrieben. Sie begrüßten den Herrn mit einem Kotau und stellten sich seitlich auf. Kaufmann Aufrecht fragte: „Seid ihr von der Gutssiedlung Hao?" Die beiden bestätigten. Kaufmann Aufrecht fragte nicht weiter. Er und Kaufmann Seichtheit plauderten noch ein wenig, dann trennten sie sich. Kaufmann Seichtheit wurde von seinen Dienern mit Handleuchten nach Hause begleitet.

Als sie gegangen waren, rief Kaufmann Kette [贾琏] die Pachteintreiber zu sich: „Erstattet Bericht!"

Der eine sagte: „Die Pachten des Zehnten Monats hatten wir schon zusammengetrieben, Herr. Eigentlich sollten sie morgen eintreffen. Doch vor der Stadt wurden unsere Wagen von einer Patrouille angehalten. Die Leute warfen ohne ein Wort alles von den Wagen herunter. Ich erklärte, das seien die Pachtgüter des Rongguo-Anwesens und keine gewöhnliche Handelsware, aber sie kümmerte das überhaupt nicht. Als ich unseren Fahrer anwies, einfach weiterzufahren, prügelten die Patrouillen ihn windelweich und beschlagnahmten zwei Wagen. Ich bin vorausgelaufen, um zu berichten, Herr. Bitte schickt jemanden zum zuständigen Yamen, um die Wagen und Güter zurückzufordern. Und es wäre gut, wenn jemand diese gesetzlosen Rüpel zur Ordnung brächte. Ihr wisst es nicht, Herr, aber die gewöhnlichen Handelswagen trifft es noch schlimmer: Die Waren der Kaufleute werden ohne Rücksicht heruntergeworfen und die Wagen einfach weggenommen; und wenn ein Fahrer auch nur ein Wort zu sagen wagt, wird er zusammengeschlagen, bis das Blut fließt."

Kaufmann Kette fluchte: „Das ist ja ungeheuerlich!" Sofort schrieb er einen Brief und gab ihn einem Diener: „Bring das zum Yamen, der für die beschlagnahmten Wagen zuständig ist. Wir fordern unsere Wagen und sämtliche Güter zurück. Fehlt auch nur ein Stück, gibt es Ärger. Und schick mir sofort Zhou Rui [周瑞] her."

Zhou Rui war nicht da. Er rief nach Wang Er [旺儿] — aber Wang Er war am Mittag ausgegangen und noch nicht zurück.

Kaufmann Kette fluchte: „Diese Taugenichtse! Keiner ist je da, wenn man ihn braucht! Das ganze Jahr über fressen sie auf unsere Kosten und rühren keinen Finger!"

Er befahl seinen Pagen, beide unverzüglich aufzuspüren, und zog sich dann für die Nacht in seine Gemächer zurück. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Am nächsten Tag schickte der Markgraf von Lin'an erneut einen Boten. Kaufmann Aufrecht sagte zu seinem Bruder: „Ich habe Dienst im Ministerium. Kaufmann Kette muss wegen der beschlagnahmten Wagen zu Hause bleiben. Nimm am besten Schatzjade[2] [宝玉] mit und vertritt uns für den Tag."

Kaufmann Seichtheit nickte: „So machen wir es."

Kaufmann Aufrecht ließ Schatzjade ausrichten, er solle seinen Onkel zur Theatergesellschaft beim Markgrafen von Lin'an begleiten. Schatzjade war überaus erfreut. Er wechselte die Kleider, wählte drei Pagen — Beiming [焙茗], Saohong [扫红] und Chuyao [锄药] — zu seiner Begleitung, ging zu Kaufmann Seichtheit, um ihm seinen Morgengruß darzubringen, und sie stiegen in die Kutschen und fuhren zum Palast des Markgrafen.

Der Türsteher ging hinein, um ihre Ankunft anzukündigen, und kehrte kurz darauf mit der Aufforderung „Der Herr bittet herein" zurück. Kaufmann Seichtheit führte Schatzjade in den Innenhof, in dem es von Gästen nur so wimmelte. Sie erwiesen dem Markgrafen ihren Respekt, tauschten mit den übrigen Gästen Höflichkeiten aus und nahmen Platz für einen Moment leichter Unterhaltung. Da kam der Leiter der Truppe mit einer Spielliste und einer Elfenbeintafel, kniete sich vor der Ehrenreihe auf ein Knie und sprach: „Darf ich die verehrten Herren bitten, ihre Lieblingsstücke auszuwählen?"

Er ging der Reihe nach an den Gästen vorbei, und als er bei Kaufmann Seichtheit angelangt war, wählte dieser ein Stück. Dann erblickte der Mann Schatzjade, eilte geradewegs auf ihn zu, machte eine elegante Verbeugung und sagte: „Darf ich den Zweiten jungen Herrn bitten, zwei Stücke auszuwählen?"

Schatzjade betrachtete sein Gesicht: Leicht gepuderte Wangen, Lippen rot wie Rouge, frisch und glänzend wie eine Lotusblüte, die sich aus dem Wasser reckt, schwebend und anmutig wie ein Jadebaum im Wind. Es war kein anderer als Jiang Yuhan [蒋玉函]! Schatzjade erinnerte sich, gehört zu haben, dass Jiang mit einer Truppe junger Schauspieler nach Peking gekommen war, doch hatte er sich bei ihm noch nicht gemeldet. Ihn nun in dieser formellen Umgebung zu treffen, konnte Schatzjade nicht einfach aufspringen, und so begnügte er sich mit der Frage: „Wann bist du angekommen?"

Jiang Yuhan ließ seine Augen schnell nach links und rechts schweifen und flüsterte dann mit einem vertraulichen Lächeln: „Wie, der Zweite junge Herr wusste es nicht?"

In Gegenwart der vielen Gäste konnte Schatzjade das Gespräch nicht fortführen und wählte aufs Geratewohl ein paar Stücke aus.

Als Jiang Yuhan hinter die Bühne zurückgekehrt war, begannen einige Gäste über ihn zu reden. „Wer ist dieser Mensch?", fragte einer. Ein anderer antwortete: „Er hat früher immer die Dan-Rolle gespielt — also die weibliche. Nun, da er älter ist, spielt er die nicht mehr. Er ist Leiter der Truppe geworden. Früher versuchte er sich auch als Xiaosheng — der junge männliche Held. Er hat einiges Geld verdient und besitzt schon zwei oder drei Läden, will aber das Theater einfach nicht aufgeben und leitet weiterhin seine Truppe."

Manche sagten, er sei schon verheiratet. Andere widersprachen: „Er hat klare Grundsätze. Für ihn sei die Ehe keine Spielerei, sondern eine Sache für das ganze Leben. Ob reich oder arm — der Partner müsse zu ihm passen. Deshalb habe er bis heute noch nicht geheiratet."

Schatzjade dachte im Stillen: ‚Welches Mädchen wird das Glück haben, einen solchen Mann zu heiraten? Wer ein solches Talent bekommt, hat wahrlich nicht umsonst gelebt.'

Inzwischen hatte die Vorstellung begonnen. Es gab eine große Vielfalt an Stilen: Kunqu-Gesang, Hochstimmengesang, den Yiyang-Stil und den Bangzi-Rhythmus — ein turbulentes und prachtvolles Schauspiel. Zur Mittagszeit wurden Tische aufgestellt und Wein und Speisen serviert.

Nach ein paar weiteren Akten am Nachmittag machte Kaufmann Seichtheit Anstalten aufzubrechen. Doch der Markgraf kam herbei und sagte: „Der Tag ist noch jung. Ich habe gehört, dass Jiang Yuhan noch eine Paradeszene aus ‚Die Königin der Blumen' spielen will — ihr bestes Stück."

Als Schatzjade das hörte, betete er insgeheim, sein Onkel möge bleiben. Und tatsächlich setzte sich Kaufmann Seichtheit wieder.

Bald war es soweit: In dem Stück „Die Königin der Blumen" spielte Jiang Yuhan den Qin Xiaoguan — den bescheidenen Ölverkäufer. In der Szene, in der er die betrunkene Blumenkönigin Hua Kui bedient und ihr mit zärtlicher Sorgfalt begegnet, spielte er jede Nuance mit vollendeter Hingabe. Dann das gemeinsame Trinken und Singen, die wachsende Intimität — zart verflochten wie untrennbare Seidenfäden. Schatzjade beachtete die Hua Kui kaum. Er hatte nur Augen für den Qin Xiaoguan. Jiang Yuhans lauter, klarer und rhythmisch vollkommener Gesang zog Schatzjades Seele in die Geschichte hinein. Als die Szene zu Ende war, wusste er ohne jeden Zweifel, dass Jiang Yuhan ein Künstler des wahren Gefühls war und nicht vergleichbar mit gewöhnlichen Schauspielern. Es erinnerte ihn an eine Passage aus dem Kapitel „Über Musik" im Buch der Riten:

‚Gefühle werden innerlich erregt und daher in Klang umgesetzt; wenn der Klang Ordnung gewinnt, nennt man ihn Musik.'

‚Wer den Klang versteht, versteht die Musik; wer die Musik versteht, versteht die tiefere Ordnung', dachte Schatzjade bei sich. ‚Da gibt es noch vieles zu ergründen. Die Ursprünge von Klang und Musik verdienen eingehende Betrachtung. Dichtung und Lyrik vermögen zwar Gefühle zu übermitteln, gehen aber nicht unter die Haut. Von nun an will ich mich eingehender mit der Tonkunst beschäftigen.'

In diesem versonnenen Nachdenken wurde er davon aufgeschreckt, dass Kaufmann Seichtheit aufstand und sich verabschiedete. Diesmal versuchte der Gastgeber nicht, ihn zurückzuhalten. Schatzjade blieb nichts anderes übrig, als seinem Onkel zu folgen.

Zu Hause angekommen, ging Kaufmann Seichtheit geradewegs in seine Gemächer. Schatzjade suchte seinen Vater auf, um sich zurückzumelden. Kaufmann Aufrecht kam gerade aus dem Ministerium und besprach mit Kaufmann Kette den Fall der beschlagnahmten Wagen.

Kaufmann Kette berichtete: „Ich schickte heute einen Mann mit dem Brief, aber der Bezirksbeamte war nicht zu Hause. Sein Pförtner sagte: ‚Davon weiß unser Herr nichts. Er hat keinen Haftbefehl zur Beschlagnahmung von Wagen erlassen. Das waren diese ruchlosen Kerle, die draußen ihr Unwesen treiben und Leute erpressen. Da es der Besitz der verehrten Familie Jia ist, werde ich sofort jemanden schicken, die Schuldigen zu verfolgen. Ich garantiere, dass morgen Wagen und Güter vollständig zurückkommen. Sollte auch nur eine Kleinigkeit fehlen, kann man es unserem Herrn melden, und er wird sie streng bestrafen. Da unser Herr gerade nicht da ist, bitte ich die verehrten Herren, es nicht so tragisch zu nehmen. Am besten wäre es, wenn unser Herr gar nichts davon erfährt.'"

Kaufmann Aufrecht: „Wenn kein amtlicher Haftbefehl vorlag — was für Leute treiben dann dort ihr Unwesen?"

Kaufmann Kette: „Der Herr weiß es nicht — draußen geht es überall so zu. Morgen bekommen wir unsere Sachen bestimmt zurück."

Kaufmann Kette verließ den Raum. Schatzjade trat vor und berichtete von seinem Tag beim Markgrafen. Kaufmann Aufrecht fragte ein paar Dinge und schickte ihn dann zu seiner Großmutter.

Kaufmann Kette hatte die unerlaubte Abwesenheit seiner Dienstleute nicht vergessen. Nachdem er von Kaufmann Aufrecht gegangen war, ordnete er eine sofortige Vollversammlung des Personals an. Diesmal waren alle zur Stelle. Kaufmann Kette schimpfte sie zusammen und rief dann den Hauptverwalter Lai Da [赖大]: „Nimm die Personalbögen aller Abteilungen und prüfe die Anwesenheit. Dann will ich eine Bekanntmachung: Wer auch immer ohne Erlaubnis fehlt, bei einer Vorladung nicht anwesend ist und dadurch Dienstgeschäfte versäumt, wird sofort ausgepeitscht und hinausgeworfen!"

Lai Da antwortete mehrmals eilfertig: „Jawohl, Herr!" Er ging hinaus und gab die Anweisungen an die versammelten Diener weiter, die alles folgsam entgegennahmen.

Nicht lange danach erschien am Haupttor ein unerwarteter Besucher. Ein Mann mit einem Filzhut, einem Gewand aus blauem Baumwolltuch und derben Stoffschuhen näherte sich und verbeugte sich vor den Torwächtern. Diese musterten ihn von oben bis unten und fragten: „Woher kommst du?"

Der Mann antwortete: „Ich komme von der Familie Zhen [甄家] aus dem Süden. Ich habe einen eigenhändigen Brief meines Herrn bei mir, den ich die verehrten Herren bitte, dem gnädigen Herrn Jia Zheng zu übergeben."

Als die Torwächter hörten, dass er von der Familie Zhen kam, standen sie auf und machten ihm Platz zum Sitzen: „Du bist sicher müde. Setz dich erst! Wir bringen den Brief für dich hinein."

Einer ging hinein und meldete Kaufmann Aufrecht die Ankunft. Er übergab den Brief. Kaufmann Aufrecht brach das Siegel und las:

‚In langjähriger Freundschaft verbunden und von aufrichtigem Wohlwollen getragen, blicke ich aus der Ferne ehrfürchtig zu Eurem erhabenen Haus empor. Zutiefst bewegt wende ich mich an Euch. Da ich mit meinen geringen Fähigkeiten die kaiserliche Ungnade auf mich gezogen habe, rechnete ich damit, dass tausend Tode meine Schuld nicht tilgen könnten. Doch durch gnädige Milde wurde ich nur in die Verbannung an der Grenze geschickt. Seither ist mein Haushalt verfallen und meine Familie in alle Winde zerstreut. Mein Diener Bao Yong [包勇] hat mir stets treu gedient. Er verfügt zwar über keine außergewöhnlichen Talente, ist aber ein aufrichtiger und verlässlicher Kerl. Sollte er bei Euch eine Beschäftigung und ein bescheidenes Auskommen finden, wäre meine Dankbarkeit für Eure Barmherzigkeit grenzenlos. Hiermit vertrauensvoll übermittelt; das Übrige folgt bei nächster Gelegenheit. Hochachtungsvoll. Euer langjähriger Freund Zhen Yingjia [甄应嘉] mit Verbeugung.'

Kaufmann Aufrecht lächelte, als er den Brief zu Ende gelesen hatte: „Bei uns gibt es schon zuviel Personal, und die Zhens empfehlen noch einen Mann. Aber man kann es ihnen schlecht abschlagen." Er wies den Türsteher an: „Schick mir den Mann herein. Suche ihm eine Unterkunft und gib ihm eine Aufgabe, die zu seinen Fähigkeiten passt."

Der Türsteher ging hinaus und führte Bao Yong herein. Vor Kaufmann Aufrecht machte Bao Yong drei Kotaus, stand auf und sagte: „Mein Herr lässt den gnädigen Herrn grüßen." Dann machte er noch eine Verbeugung und fügte hinzu: „Bao Yong erweist dem gnädigen Herrn seinen bescheidenen Respekt."

Kaufmann Aufrecht erwiderte die Grüße an Herrn Zhen und musterte Bao Yong. Der Mann war über fünf Fuß groß, hatte breite, kräftige Schultern, buschige Augenbrauen, stechende Augen, eine gewölbte Stirn und einen langen Bart. Sein Teint war grob und dunkel. Er stand mit herabhängenden Armen respektvoll da.

Kaufmann Aufrecht fragte: „Warst du schon immer bei den Zhens, oder hast du ihnen nur einige Jahre gedient?"

Bao Yong: „Meine Wenigkeit war von Geburt an im Hause Zhen, Herr."

Kaufmann Aufrecht: „Warum willst du jetzt von ihnen fort?"

Bao Yong: „Es war überhaupt nicht mein Wunsch fortzugehen, Herr. Aber mein Herr bestand wieder und wieder darauf. Er sagte: ‚Anderswohin willst du nicht gehen — aber bei den Jias ist es genauso wie bei uns zu Hause.' Deshalb bin ich hier."

Kaufmann Aufrecht: „Dein Herr hätte sich nicht in diese Lage bringen sollen."

Bao Yong: „Eigentlich steht es mir nicht zu, so etwas zu sagen, aber ich glaube, mein Herr ist ein viel zu guter Mensch. Viel zu ehrlich im Umgang mit den Leuten. Genau das hat ihm die Schwierigkeiten eingebracht."

Kaufmann Aufrecht: „Ehrlichkeit ist doch die höchste Tugend."

Bao Yong: „Zu viel davon geht nicht immer gut — manchmal ärgert es die Leute sogar."

Kaufmann Aufrecht schmunzelte: „Wenn das so ist, wird der Himmel ihn gewiss nicht im Stich lassen."

Bao Yong wollte noch etwas sagen, doch Kaufmann Aufrecht fragte weiter: „Ich habe gehört, euer junger Herr heißt ebenfalls Baoyu — stimmt das?"

Bao Yong: „Ja, Herr."

Kaufmann Aufrecht: „Gibt er sich Mühe, vorwärtszukommen?"

Bao Yong: „Wenn der Herr nach unserem jungen Herrn fragt — das ist eine ganz erstaunliche Geschichte. Sein Charakter ähnelt dem seines Vaters: grundehrlich. Von klein auf liebte er es, mit seinen Schwestern und Kusinen zu spielen. Sein Vater und seine Mutter haben ihn deswegen mehrmals hart bestraft, aber er änderte sich nicht. Vor etwa einem Jahr, als seine Mutter gerade zur Hauptstadt gereist war, erkrankte der junge Herr schwer. Er war einen halben Tag lang wie tot, und sein Vater war beinahe außer sich vor Sorge. Die Begräbniskleider lagen schon bereit. Doch dann, Gott sei Dank, erholte er sich. Im Delirium sagte er, er sei durch einen großen Torbogen gegangen, wo ihm eine junge Dame begegnet sei, die ihn in einen Tempel voller Schränke geführt habe. In den Schränken lagen viele Register, die er durchblätterte. Dann kam er in einen Raum voller Mädchen, die sich in Geister und Skelette verwandelten. Er erschrak so fürchterlich, dass er aufschrie — und wachte auf.

Sein Vater ließ ihn von einem Arzt behandeln, und langsam ging es ihm besser. Dann durfte er wieder mit seinen Schwestern und Kusinen zusammen sein. Doch — wer hätte das gedacht! — er änderte seine Art vollständig. Alle seine früheren Spielereien interessierten ihn nicht mehr. Von da an gab es nur noch Bücher und Studieren. Und niemand konnte ihn davon abbringen. Inzwischen kann er seinem Vater sogar bei den Familiengeschäften helfen."

Kaufmann Aufrecht versank in stilles Nachdenken. Dann sagte er: „Geh und ruh dich aus. Wenn wir dich brauchen können, finden wir eine Aufgabe für dich."

Bao Yong bedankte sich, verließ das Zimmer und wurde von den Dienern zu seiner Unterkunft geführt. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Eines Tages stand Kaufmann Aufrecht früh auf und war gerade im Begriff, in die Behörde zu gehen, als er bemerkte, dass die Torwächter und Diener mit gesenkten Stimmen miteinander tuschelten. Sie schienen seine Aufmerksamkeit erregen zu wollen, trauten sich aber offensichtlich nicht, offen zu reden, und murmelten nur vor sich hin.

Kaufmann Aufrecht rief einen von ihnen heran und fragte: „Was habt ihr? Was soll dieses Geheimtuschel?"

Der Türsteher: „Wir wagen es nicht zu sagen, Herr ..."

Kaufmann Aufrecht: „Was gibt es, das ihr nicht zu sagen wagt?"

Der Türsteher: „Als ich heute früh das Tor öffnete und hinaustrat, fand ich ein Stück weißes Papier darauf geklebt, mit allerlei schändlichen Worten beschrieben."

Kaufmann Aufrecht: „Was soll das heißen? Was steht darauf?"

Der Türsteher: „Schmutzige Geschichten aus dem Wassermondkloster [水月庵], Herr."

Kaufmann Aufrecht: „Zeig es mir!"

Der Türsteher: „Ich versuchte es abzuziehen, aber es klebte so fest, dass es nicht ging. Also schrieb ich den Text ab und wusch dann die Tür sauber. Eben hat Li De ein weiteres Exemplar gefunden und mir gezeigt — es steht genau dasselbe drauf. Wir wagten es nicht zu verheimlichen."

Er reichte Kaufmann Aufrecht den abgeschriebenen Zettel. Dieser las:

‚Xi-Bei-Cao-Jin — der junge Kerl, im Wassermondkloster führt er das Zepter über die Nonnen. Ein einziger Mann und so viele Mädchen: Hurerei und Glücksspiel nennt er Vergnügen. Wenn Taugenichtse das Sagen haben — welch herrlicher Ruf für das Haus Rongguo!'

[Anm.: „Xi-Bei" (西贝) ergibt zusammengesetzt das Zeichen 贾 (Jia), „Cao-Jin" (草斤) ergibt das Zeichen 芹 (Qin). Gemeint ist also Jia Qin (贾芹).]

Kaufmann Aufrecht las es und wurde vor Zorn so blass, dass ihm schwindelig wurde und seine Augen sich verdunkelten. Er befahl den Türstehern, kein Wort nach außen dringen zu lassen, und gab heimlich Anweisung, alle Gassen und Mauern zwischen dem Ningguo- und dem Rongguo-Anwesen nach weiteren Zetteln abzusuchen. Dann schickte er sofort nach Kaufmann Kette.

Kaufmann Kette kam eilends herbei. Kaufmann Aufrecht fragte ihn hastig: „Die weiblichen Novizinnen und Nonnen, die im Wassermondkloster untergebracht sind — hast du dort jemals persönlich nachgesehen?"

Kaufmann Kette: „Nein. Das war immer Qin'er [芹儿] — also Jia Qin — der sich darum kümmerte."

Kaufmann Aufrecht: „Weißt du, ob Qin'er seine Aufgabe ordentlich erfüllt?"

Kaufmann Kette: „So, wie Ihr fragt, Herr — es muss wohl etwas nicht gestimmt haben?"

Kaufmann Aufrecht seufzte: „Sieh dir an, was auf diesem Zettel steht!"

Kaufmann Kette las und rief: „So etwas gibt es?"

Noch hatte er nicht ausgesprochen, als Jia Rong [贾蓉] hereinkam und einen verschlossenen Brief überreichte, auf dem stand: „Für den Zweiten Herrn Jia Zheng — privat und vertraulich". Kaufmann Aufrecht öffnete ihn — es war ein weiterer anonymer Brief mit genau demselben Wortlaut wie der Anschlag am Tor.

Kaufmann Aufrecht befahl: „Lai Da soll sofort mit drei oder vier Wagen zum Wassermondkloster fahren und sämtliche Nonnen und daoistischen Novizinnen hierherbringen! Es darf kein Wort nach außen dringen. Er soll sagen, sie werden im Palast gebraucht."

Lai Da nahm den Befehl entgegen und ging.

Nun zum Wassermondkloster: Als die jungen buddhistischen Nonnen und daoistischen Novizinnen einst dort ankamen, wurden sie von den älteren Schwestern beaufsichtigt, die sie tagsüber in den Sutren und Liturgien unterwiesen. Doch nachdem die Kaiserliche Nebenfrau [元春] ihre Dienste nicht mehr benötigte, wurden die Mädchen mit der Zeit immer nachlässiger in ihren Übungen. Sie wuchsen heran und begannen, sich für das weltliche Leben zu interessieren.

Jia Qin [贾芹] selbst war ein leichtlebiger junger Mann. Er hatte sich eingebildet, die hübsche ehemalige Schauspielerin Fangguan [芳官] und einige andere hätten sich nur aus einer kindischen Laune heraus für das Klosterleben entschieden, und begann, Annäherungsversuche zu machen. Zu seiner Überraschung erwies sich Fangguan als aufrichtig in ihrer Entscheidung für die Keuschheit und wies ihn entschieden ab. Also lenkte er seine Aufmerksamkeit auf zwei andere junge Novizinnen: eine buddhistische Nonne namens Qinxiang [沁香] und eine daoistische Novizin namens Hexian [鹤仙] — beide recht hübsch und weit weniger widerstandsfähig. In ihrer Freizeit lernten sie gemeinsam die Laute spielen und Lieder singen.

Es war gerade Mitte des zehnten Monats. Jia Qin war mit dem monatlichen Unterhaltsgeld für die Nonnen gekommen. Da kam ihm ein Einfall, und er verkündete: „Ich habe euch die Monatsgelder gebracht. Es ist zu spät, um noch in die Stadt zurückzufahren, also muss ich hierbleiben. Was für eine kalte Nacht! Ich habe heute Obst und Wein mitgebracht — wie wäre es, wenn wir gemeinsam trinken und uns eine fröhliche Nacht machen?"

Die Mädchen waren begeistert und räumten sofort die Tische um. Sie luden auch die ansässigen Nonnen des Klosters ein. Nur Fangguan weigerte sich zu kommen. Jia Qin trank einige Schalen und schlug dann ein Trinkspiel vor. Qinxiang und die anderen sagten: „Wir können solche Spiele nicht! Warum spielen wir stattdessen nicht Fingerraten? Wer verliert, trinkt eine Schale — das wäre lustig!"

Eine der ansässigen Nonnen warf ein: „Es ist gerade erst Nachmittag. Zur Mittagszeit solchen Lärm zu machen, das gehört sich nicht. Trinkt jetzt gemütlich ein paar Schälchen, und wer gehen will, der geht. Wer am Abend dem Herrn Qin Gesellschaft leisten will, der mag dann nach Herzenslust trinken — ich drücke beide Augen zu."

Genau in diesem Moment stürzte eine Klosterdienerin herein: „Schnell! Auseinander! Lai Da ist hier, vom Rongguo-Anwesen!"

Die Mädchen huschten aufgeregt herum, räumten hastig auf und drängten Jia Qin, sich zu verstecken. Doch Jia Qin hatte schon ein paar Schalen zuviel getrunken und rief: „Ich bin hier, um die Monatsgelder auszuzahlen — wovor soll ich mich fürchten?"

Noch während er sprach, trat Lai Da ein. Als er die Spuren des Gelages sah, kochte sein Zorn. Da er jedoch die Anweisungen des Herrn, äußerste Geheimhaltung zu wahren, nicht vergessen hatte, fragte er nur mit einem aufgesetzten Lächeln: „Ist Herr Qin vielleicht auch hier?"

Jia Qin stand hastig auf: „Na, Herr Lai! Was führt dich her?"

Lai Da: „Gut, dass ich Sie antreffe, Herr. Die jungen Damen müssen so schnell wie möglich fertig gemacht werden. Wir bringen sie zurück in die Stadt. Sie werden im Palast gebraucht."

Jia Qin und die Mädchen wollten Genaueres wissen, aber Lai Da sagte nur: „Es wird spät. Wir müssen uns beeilen, sonst verpassen wir die Stadttore."

So stiegen sie alle in die bereitstehenden Wagen. Lai Da bestieg sein Maultier und führte den Zug in die Stadt. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Kehren wir zu Kaufmann Aufrecht zurück. Nachdem er von der Sache erfahren hatte, war er so zornig, dass er nicht einmal in die Behörde ging. Allein saß er in seinem Arbeitszimmer und atmete schwer. Kaufmann Kette blieb in seiner Nähe und wagte nicht, das Haus zu verlassen. Da kam plötzlich ein Bote vom Tor und meldete: „Der Herr Kollege Zhang ist erkrankt und bittet den gnädigen Herrn Jia Zheng, ihn heute Abend in der Behörde zu vertreten."

Kaufmann Aufrecht hatte Lai Da jeden Augenblick zurückerwartet. Es war höchst ärgerlich, jetzt weggerufen zu werden. Kaufmann Kette kam herein und sagte: „Lai Da ist erst nach dem Mittagessen aufgebrochen, Herr, und das Wassermondkloster liegt gut zehn Li vor der Stadt. Er kann nicht vor der zweiten Nachtwache zurück sein. Da der Herr heute Abend Vertretungsdienst hat, sollte er gehen. Wenn Lai Da zurückkommt, werde ich ihm sagen, er soll die Nonnen einsperren und nichts verlauten lassen, bis der Herr morgen Gelegenheit hat, die Sache selbst zu klären. Und wenn Qin'er kommt, sage ich ihm nichts — dann sehen wir morgen, was er dem Herrn zu sagen hat."

Kaufmann Aufrecht fand das vernünftig. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als zum Dienst zu gehen.

Kaum war er fort, wollte Kaufmann Kette in seine eigenen Gemächer zurückkehren. Auf dem Weg dorthin grübelte er darüber nach, dass Phönixglanz [凤姐] damals die Idee gehabt hatte, Jia Qin mit der Aufsicht über das Kloster zu betrauen. Er wollte ihr Vorwürfe machen, erinnerte sich aber, dass sie krank war, und beschloss, die Aussprache aufzuschieben. Langsam ging er zurück.

Inzwischen hatten sich die Neuigkeiten wie ein Lauffeuer unter den Bediensteten verbreitet. Als Erste im Inneren erfuhr Friedchen [平儿] davon und eilte sofort zu ihrer Herrin. Phönixglanz hatte eine schlechte Nacht hinter sich und fühlte sich elend. In ihrem kränklichen Zustand quälten sie die nie verstummenden Ängste wegen der unseligen Angelegenheit im Mantou-Kloster [馒头庵], die auf ihrem Gewissen lastete. Als sie nun von den anonymen Anschlägen hörte, schreckte sie auf und fragte hastig: „Was steht darauf?"

Friedchen antwortete unachtsam, ohne nachzudenken, und versprach sich: „Nichts Wichtiges — etwas über das Mantou-Kloster."

Phönixglanz, ohnehin von schlechtem Gewissen geplagt, erschrak bei dem Wort „Mantou-Kloster" bis ins Mark. Ein Krampf des Entsetzens verschlug ihr die Sprache. Die Hitze schoss ihr in den Kopf, vor den Augen wurde ihr schwarz. Sie hustete und brach auf ihrem Bett zusammen, die Augen starr vor sich hin gerichtet.

Friedchen erschrak fürchterlich und rief: „Es geht um das Wassermondkloster! Nur um die Novizinnen dort! Da gibt es keinen Grund, sich so aufzuregen, Herrin!"

Phönixglanz hörte „Wassermondkloster" und beruhigte sich ein wenig. Sie sagte: „Ach! Du konfuses Ding! Was denn nun — ist es das Wassermondkloster oder das Mantou-Kloster?"

Friedchen: „Ich hatte vorhin versehentlich ‚Mantou-Kloster' verstanden. Dann hörte ich, dass es nicht das Mantou-Kloster ist, sondern das Wassermondkloster. Und eben ist mir das falsche Wort herausgerutscht."

Phönixglanz: „Ich wusste es doch! Es ist das Wassermondkloster. Was geht mich das Mantou-Kloster an? Es wird wohl um das Wassermondkloster gehen, das ich Qin'er zur Verwaltung gegeben habe. Vermutlich hat er die Monatsgelder unterschlagen."

Friedchen: „So, wie ich es gehört habe, geht es nicht nur um die Monatsgelder. Da sind auch schmutzige Geschichten dabei."

Phönixglanz: „Das geht mich erst recht nichts an. Wo steckt dein Zweiter Herr?"

Friedchen: „Als er hörte, wie wütend der gnädige Herr ist, wagt er nicht, sich zu entfernen. Ich habe den Dienstboten sofort befohlen, keinen Lärm zu machen, weiß aber nicht, ob die Damen es schon erfahren haben. Soviel ich weiß, hat der gnädige Herr Lai Da geschickt, um die Mädchen zu holen. Ich werde jemanden nach vorne schicken, um Neuigkeiten zu erkunden. Die Herrin ist krank — lassen wir lieber die Finger von den Händeln der anderen."

Gerade als sie sprachen, trat Kaufmann Kette herein. Phönixglanz wollte ihn fragen, sah aber seinen zornigen Gesichtsausdruck und stellte sich lieber unwissend. Kaufmann Kette hatte das Essen noch nicht beendet, als Wang Er [旺儿] kam und meldete: „Draußen wird der Herr gebraucht — Lai Da ist zurück."

Kaufmann Kette: „Ist Qin'er auch da?"

Wang Er: „Ja, auch."

Kaufmann Kette befahl: „Geh und sag Lai Da: Der gnädige Herr ist im Dienst. Die Mädchen sollen vorläufig im Garten untergebracht werden. Morgen, wenn der Herr zurück ist, werden sie in den Palast geschickt. Qin'er soll im Arbeitszimmer auf mich warten."

Wang Er ging.

Jia Qin betrat das Arbeitszimmer und sah die Diener mit Fingern auf ihn zeigen und miteinander tuscheln. Er verstand nicht, worüber sie sprachen. Die ganze Sache sah nicht danach aus, als würden die Mädchen wirklich im Palast gebraucht. Er wollte jemanden fragen, kam aber nicht dazu. Gerade als er vor sich hin grübelte, erschien Kaufmann Kette. Jia Qin begrüßte ihn, stellte sich ehrerbietig an die Seite und sagte: „Ich wüsste gerne, warum der Palast der Kaiserlichen Nebenfrau die Mädchen so plötzlich anfordert? Damit ich Bescheid weiß und die Sache beschleunigen kann. Glücklicherweise war ich heute gerade dort, um die Monatsgelder zu bringen, und bin dann gleich mit Lai Da zusammen zurückgekommen. Der Zweite Onkel weiß das sicher alles."

Kaufmann Kette: „Ich weiß nichts! Du bist derjenige, der hier Bescheid weiß!"

Jia Qin verstand kein Wort und wagte nicht weiter zu fragen.

Kaufmann Kette: „Du hast ja schöne Dinge getrieben! Den gnädigen Herrn hast du halb krank gemacht vor Wut!"

Jia Qin: „Ich habe nichts getan, Onkel! Die Monatsgelder habe ich Monat für Monat pünktlich abgeliefert. Die Mädchen haben ihre Sutren und Liturgien ordentlich geübt."

Kaufmann Kette sah, dass Jia Qin nicht verstand. Da er zudem mit ihm vertraut war — sie hatten oft zusammen gescherzt —, seufzte er und sagte: „Du Mundwerk! Geh und lies das hier!"

Er zog aus seinem Stiefelschaft den anonymen Zettel und warf ihn Jia Qin zu.

Jia Qin hob ihn auf und las. Sein Gesicht wurde aschfahl. Er stammelte: „Wer hat das geschrieben? Ich habe niemanden beleidigt — warum will man mir das antun? Ich gehe einmal im Monat hin, um die Gelder abzuliefern — weiter nichts. Von diesen Dingen ist nichts wahr! Wenn der gnädige Herr mich unter Schlägen verhört, sterbe ich zu Unrecht. Und wenn meine Mutter das erfährt, schlägt sie mich tot!"

Als niemand in der Nähe war, fiel er auf die Knie und flehte: „Lieber Onkel, rettet mich!" Er schlug mit der Stirn auf den Boden und weinte.

Kaufmann Kette überlegte: ‚Wenn der gnädige Herr die Sache gründlich untersucht und die Vorwürfe sich bestätigen, wird sein Zorn furchtbar sein. Und wenn das Ganze nach außen dringt, steht unser guter Ruf auf dem Spiel — erst recht zur Freude desjenigen, der die Zettel geschrieben hat. In Zukunft haben wir noch genug eigene Dreckwäsche zu waschen. Besser, wir nutzen die Abwesenheit des Herrn und beraten mit Lai Da, wie sich die Sache vertuschen lässt. Solange es keine Beweise gibt ...'

Seinen Entschluss gefasst, sagte er: „Bilde dir nicht ein, du könntest mich täuschen. Ich weiß genau, was du getrieben hast. Wenn du willst, dass die Sache glimpflich ausgeht, dann musst du, falls der gnädige Herr dich unter Schlägen verhört, steif und fest leugnen. Schäm dich! Steh auf!" Er ließ Lai Da rufen.

Kurz darauf kam Lai Da. Kaufmann Kette besprach die Lage mit ihm. Lai Da sagte: „Der Herr Qin hat es wirklich zu bunt getrieben. Als ich heute im Kloster ankam, saßen sie gerade beim Gelage! Was auf den Zetteln steht, stimmt ganz bestimmt."

Kaufmann Kette: „Qin'er, hörst du? Lai Da würde dich doch nicht fälschlich beschuldigen?"

Jia Qin lief feuerrot an und wagte kein Wort zu sagen.

Kaufmann Kette zog Lai Da beiseite und bat ihn: „Deckt ihn — sagt einfach, Qin'er sei zu Hause gewesen und von dort geholt worden. Nehmt ihn mit und sagt, ihr hättet mich gar nicht gesehen. Morgen bittet Lai Da den gnädigen Herrn, die Mädchen nicht weiter zu befragen. Am besten schickt man gleich einen Heiratsvermittler und lässt die Mädchen verheiraten und damit die Sache erledigt sein. Falls die Kaiserliche Nebenfrau sie noch einmal brauchen sollte, kaufen wir eben neue."

Lai Da überlegte: Einen Skandal aufzudecken würde auch nichts nützen und den Ruf der Familie erst recht beschädigen. Also stimmte er zu.

Kaufmann Kette sagte zu Jia Qin: „Geh mit Lai Da und tu, was er dir sagt."

Jia Qin machte noch einen Kotau und folgte Lai Da hinaus. Als sie unter sich waren, warf sich Jia Qin erneut vor Lai Da nieder.

Lai Da sagte: „Mein lieber junger Herr! Ihr habt es wirklich zu weit getrieben. Wem habt Ihr denn so auf die Füße getreten, dass er Euch solchen Ärger bereitet? Überlegt einmal: Wer könnte es auf Euch abgesehen haben?"

Jia Qin grübelte eine ganze Weile, konnte sich aber an niemanden erinnern, den er sich zum Feind gemacht hätte. Niedergeschlagen und mit gesenktem Kopf folgte er Lai Da zurück.

Wie die Sache vertuscht wurde, wird im nächsten Kapitel erzählt.

Anmerkungen

  1. Kaufmann Aufrecht: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng. 政 zhèng bedeutet „aufrecht/Regierung".
  2. Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.

Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).