Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 63"
(DE4 (Woesler 4. Aufl.): Kapitel 63 mit Navigation und Fussnoten) |
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| − | + | == 寿怡红群芳开夜宴 / 死金丹独艳理亲丧 == | |
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| − | Schatzjade kehrte in sein Zimmer zurück, wusch sich die Hände und besprach sich mit Dufthauch | + | === Kapitel 63 === |
| + | Schatzjade [宝玉]s Geburtstag: In der Nacht ziehen die Mädchen Blumenlose | ||
| + | Bei Kaufmann Andacht [贾敬]s Ableben kehrt Kaufmann Schein-Echt [贾珍] in aller Eile in die Hauptstadt zurück | ||
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| + | Schatzjade kehrte in sein Zimmer zurück, wusch sich die Hände und besprach sich mit Dufthauch [袭人]: „Heute Abend trinken wir Wein und vergnügen uns alle — da soll nichts förmlich zugehen. Was gibt es zu essen? Man sollte es ihnen rechtzeitig sagen, damit sie alles vorbereiten." Dufthauch lachte: „Sei unbesorgt! Heitermuster [晴雯], Moschusmond [麝月], Qiuwen und ich, wir vier, haben je fünf Qian Silber beigesteuert, zusammen zwei Liang. Fangguan, Bihen, Xiaoyan und Si'er, die vier, haben je drei Qian gegeben — die, die frei hatten, zählen nicht mit —, zusammen drei Liang und zwei Qian Silber. Das alles haben wir längst der Schwägerin Liu gegeben, damit sie vierzig Schälchen Nüsse und Früchte vorbereitet. Ich habe mit Friedchen [平儿] gesprochen, und man hat schon einen Krug guten Shaoxing-Wein herübergetragen und dort drüben versteckt. Wir acht feiern ganz allein deinen Geburtstag." Als Schatzjade das hörte, rief er freudig: „Wo haben die denn das Geld her? Ich hätte sie nicht ausgeben lassen sollen!" Heitermuster sagte: „Die haben kein Geld — haben wir etwa welches? Das kommt von jedem aus dem Herzen. Selbst wenn sie es gestohlen hätten — nimm ihre Zuneigung einfach an." Schatzjade hörte das und lachte: „Du hast recht." Dufthauch lachte: „Einen Tag, an dem sie dir nicht ein paar grobe Worte sagt, hältst du wohl nicht aus." Heitermuster lachte: „Du hast inzwischen auch Schlechtes gelernt — immerzu schürst du das Feuer!" Alle lachten. Schatzjade sagte: „Schließt das Hoftor." Dufthauch lachte: „Nicht umsonst sagt man, du seist ein ‚Vielbeschäftigter ohne Geschäft'. Wenn wir jetzt schon abschließen, erregt das nur Verdacht — warten wir lieber noch ein wenig." Schatzjade nickte und sagte: „Ich gehe kurz hinaus. Si'er soll Wasser holen; Xiaoyan, komm allein mit mir." Er ging hinaus. Als er sah, dass niemand in der Nähe war, fragte er nach der Sache mit Wu'er. Xiaoyan sagte: „Ich habe es der Schwägerin Liu erzählt; die hat sich sehr gefreut. Nur hat Wu'er in jener Nacht solches Unrecht erlitten und sich darüber aufgeregt, dass sie zu Hause wieder krank geworden ist — sie kann noch nicht kommen. Man muss warten, bis es ihr besser geht." Schatzjade hörte das und konnte Reue und Seufzen nicht unterdrücken. Dann fragte er: „Weiß Dufthauch davon?" Xiaoyan sagte: „Ich habe es ihr nicht gesagt; ob Fangguan es ihr erzählt hat, weiß ich nicht." Schatzjade sagte: „Ich habe es ihr auch nicht gesagt. Nun gut — ich sage es ihr selbst." Damit ging er wieder hinein und wusch sich zum Schein die Hände. | ||
Es war bereits die Stunde des Lampenanzündens. Man hörte vor dem Hoftor eine Gruppe von Leuten eintreten. Alle spähten durch die Fenster und sahen tatsächlich Frau Lin Zhixiao mit einigen Verwalterinnen kommen, voraus eine Person mit einer großen Laterne. Heitermuster flüsterte lachend: „Sie kommen, um die Nachtwachen zu kontrollieren. Wenn sie erst fort sind, können wir das Tor schließen." Man sah, wie alle Nachtwächter des Yihongyuan hinauskamen, um sie zu begrüßen; Frau Lin Zhixiao musterte sie eingehend. Sie wies an: „Kein Glücksspiel, kein Weintrinken und nicht gleich mit dem Kopf voran einschlafen bis zum hellen Morgen! Wenn ich davon höre, gibt es Ärger!" Alle lachten: „Wo gäbe es jemanden, der so kühn wäre!" Frau Lin Zhixiao fragte noch: „Ist der Zweite Junge Herr Bao schon zu Bett gegangen?" Alle sagten, sie wüssten es nicht. Dufthauch stieß Schatzjade schnell an. Schatzjade schlüpfte in seine Schuhe und kam ihr lachend entgegen: „Ich bin noch nicht schlafen gegangen. Mütterchen, kommt herein und ruht euch aus!" Dann rief er: „Dufthauch, bring Tee!" Frau Lin Zhixiao trat eilig ein und sagte lachend: „Noch nicht im Bett? Jetzt sind die Tage lang und die Nächte kurz; man sollte früh schlafen gehen, damit man morgens rechtzeitig aufsteht. Sonst heißt es morgen, wenn du verschläfst, du seist kein studierender junger Herr mehr, sondern ein Lastenträger!" Schatzjade sagte eilig lachend: „Mütterchen hat recht. Gewöhnlich gehe ich jeden Tag früh zu Bett — wenn Mütterchen sonst hereinkommt, weiß ich es gar nicht, weil ich schon schlafe. Heute habe ich mir nur Sorgen gemacht, das Nudelessen könnte mir schwer im Magen liegen, und deshalb noch ein wenig herumgespielt." Frau Lin Zhixiao sagte dann lachend zu Dufthauch und den anderen: „Ihr solltet Pu'er-Tee aufbrühen." Dufthauch und Heitermuster sagten eilig lachend: „Wir haben schon einen Krug Mädchentee aufgebrüht und bereits zwei Schalen getrunken. Möchte die Frau auch eine probieren — es ist alles fertig." Heitermuster schenkte eine Schale ein. Frau Lin Zhixiao lachte dann noch: „In letzter Zeit habe ich bemerkt, dass der Zweite Junge Herr im Umgang mit diesen großen Fräulein schon angefangen hat, sie bei ihren Namen zu rufen. Obwohl sie hier in diesem Hause dienen, sind sie doch Leute der Alten Herrin und der Gnädigen Frau; im Reden sollte man ihnen gegenüber respektvoller sein. Wenn es hin und wieder einmal vorkommt, mag es angehen; ruft man sie aber ständig beim Namen, werden es die jüngeren Brüder und Neffen nachmachen, und die Leute werden sagen, in dieser Familie respektiere man die Älteren nicht." Schatzjade lachte: „Mütterchen hat recht. Es kommt nur gelegentlich vor." Dufthauch und Heitermuster lachten: „Da tut man ihm unrecht. Bis heute hat er immer ‚Schwester' gesagt. Nur beim Spielen sagt er manchmal den Namen; vor anderen Leuten ist es wie früher." Frau Lin Zhixiao lachte: „So ist es recht — das ist die Art eines gebildeten und wohlerzogenen jungen Herrn. Je bescheidener man selbst ist, desto mehr Respekt zeigt man. Von den altgedienten Leuten ganz zu schweigen — selbst eine Katze oder ein Hund aus dem Gemach der Alten Herrin oder der Gnädigen Frau darf man nicht leichtfertig verletzen. Das ist das Benehmen eines Herrensohnes, der gute Erziehung genossen hat." Damit trank sie ihren Tee und sagte: „Bitte legt Euch zur Ruhe. Wir gehen." Schatzjade bat noch: „Bleibt doch noch ein wenig." Aber Frau Lin Zhixiao hatte ihre Leute schon weggeführt, um andernorts weiterzukontrollieren. | Es war bereits die Stunde des Lampenanzündens. Man hörte vor dem Hoftor eine Gruppe von Leuten eintreten. Alle spähten durch die Fenster und sahen tatsächlich Frau Lin Zhixiao mit einigen Verwalterinnen kommen, voraus eine Person mit einer großen Laterne. Heitermuster flüsterte lachend: „Sie kommen, um die Nachtwachen zu kontrollieren. Wenn sie erst fort sind, können wir das Tor schließen." Man sah, wie alle Nachtwächter des Yihongyuan hinauskamen, um sie zu begrüßen; Frau Lin Zhixiao musterte sie eingehend. Sie wies an: „Kein Glücksspiel, kein Weintrinken und nicht gleich mit dem Kopf voran einschlafen bis zum hellen Morgen! Wenn ich davon höre, gibt es Ärger!" Alle lachten: „Wo gäbe es jemanden, der so kühn wäre!" Frau Lin Zhixiao fragte noch: „Ist der Zweite Junge Herr Bao schon zu Bett gegangen?" Alle sagten, sie wüssten es nicht. Dufthauch stieß Schatzjade schnell an. Schatzjade schlüpfte in seine Schuhe und kam ihr lachend entgegen: „Ich bin noch nicht schlafen gegangen. Mütterchen, kommt herein und ruht euch aus!" Dann rief er: „Dufthauch, bring Tee!" Frau Lin Zhixiao trat eilig ein und sagte lachend: „Noch nicht im Bett? Jetzt sind die Tage lang und die Nächte kurz; man sollte früh schlafen gehen, damit man morgens rechtzeitig aufsteht. Sonst heißt es morgen, wenn du verschläfst, du seist kein studierender junger Herr mehr, sondern ein Lastenträger!" Schatzjade sagte eilig lachend: „Mütterchen hat recht. Gewöhnlich gehe ich jeden Tag früh zu Bett — wenn Mütterchen sonst hereinkommt, weiß ich es gar nicht, weil ich schon schlafe. Heute habe ich mir nur Sorgen gemacht, das Nudelessen könnte mir schwer im Magen liegen, und deshalb noch ein wenig herumgespielt." Frau Lin Zhixiao sagte dann lachend zu Dufthauch und den anderen: „Ihr solltet Pu'er-Tee aufbrühen." Dufthauch und Heitermuster sagten eilig lachend: „Wir haben schon einen Krug Mädchentee aufgebrüht und bereits zwei Schalen getrunken. Möchte die Frau auch eine probieren — es ist alles fertig." Heitermuster schenkte eine Schale ein. Frau Lin Zhixiao lachte dann noch: „In letzter Zeit habe ich bemerkt, dass der Zweite Junge Herr im Umgang mit diesen großen Fräulein schon angefangen hat, sie bei ihren Namen zu rufen. Obwohl sie hier in diesem Hause dienen, sind sie doch Leute der Alten Herrin und der Gnädigen Frau; im Reden sollte man ihnen gegenüber respektvoller sein. Wenn es hin und wieder einmal vorkommt, mag es angehen; ruft man sie aber ständig beim Namen, werden es die jüngeren Brüder und Neffen nachmachen, und die Leute werden sagen, in dieser Familie respektiere man die Älteren nicht." Schatzjade lachte: „Mütterchen hat recht. Es kommt nur gelegentlich vor." Dufthauch und Heitermuster lachten: „Da tut man ihm unrecht. Bis heute hat er immer ‚Schwester' gesagt. Nur beim Spielen sagt er manchmal den Namen; vor anderen Leuten ist es wie früher." Frau Lin Zhixiao lachte: „So ist es recht — das ist die Art eines gebildeten und wohlerzogenen jungen Herrn. Je bescheidener man selbst ist, desto mehr Respekt zeigt man. Von den altgedienten Leuten ganz zu schweigen — selbst eine Katze oder ein Hund aus dem Gemach der Alten Herrin oder der Gnädigen Frau darf man nicht leichtfertig verletzen. Das ist das Benehmen eines Herrensohnes, der gute Erziehung genossen hat." Damit trank sie ihren Tee und sagte: „Bitte legt Euch zur Ruhe. Wir gehen." Schatzjade bat noch: „Bleibt doch noch ein wenig." Aber Frau Lin Zhixiao hatte ihre Leute schon weggeführt, um andernorts weiterzukontrollieren. | ||
| − | Hier ließen Heitermuster und die anderen eilig das Tor schließen, kamen herein und sagten lachend: „Diese Dame hat wohl irgendwo einen Becher getrunken und kam nun hierher, um uns eine Standpauke zu halten!" Moschusmond lachte: „Sie meint es auch nicht böse. Sie muss die Dinge eben ab und zu erwähnen — zur Vorsicht, damit nichts aus dem Ruder läuft." Während sie sprachen, wurden Wein und Früchte aufgetragen. Dufthauch sagte: „Wir brauchen keinen richtigen Tisch. Nehmen wir den runden Palisander-Kangtisch, stellen ihn auf den Kang | + | Hier ließen Heitermuster und die anderen eilig das Tor schließen, kamen herein und sagten lachend: „Diese Dame hat wohl irgendwo einen Becher getrunken und kam nun hierher, um uns eine Standpauke zu halten!" Moschusmond lachte: „Sie meint es auch nicht böse. Sie muss die Dinge eben ab und zu erwähnen — zur Vorsicht, damit nichts aus dem Ruder läuft." Während sie sprachen, wurden Wein und Früchte aufgetragen. Dufthauch sagte: „Wir brauchen keinen richtigen Tisch. Nehmen wir den runden Palisander-Kangtisch, stellen ihn auf den Kang <ref>die beheizte Ofenbank</ref> — da ist es geräumig und bequem." Gesagt, getan. Moschusmond und Si'er gingen hinüber, um die Früchte zu holen, und brauchten mit zwei großen Teetabletts vier oder fünf Gänge. Zwei alte Dienerinnen hockten draußen am Feuerbecken und wärmten den Wein. Schatzjade sagte: „Es ist warm — ziehen wir alle die Obergewänder aus, das ist angenehmer." Alle lachten: „Wenn du dich ausziehen willst, tu es — wir müssen noch der Reihe nach das Gastmahl eröffnen." Schatzjade lachte: „Diese Eröffnung dauert ja bis zur fünften Nachtwache. Ihr wisst doch, wie sehr ich solche Förmlichkeiten hasse. Vor Fremden geht es nicht anders, aber hier und jetzt mich damit zu quälen, ist nicht schön." Alle hörten das und sagten: „Wie du willst." Also setzte man sich noch nicht hin, sondern machte sich erst an das Ablegen von Schmuck und Kleidung. |
| − | Bald hatten alle die Festgewänder abgelegt; die Haare waren nur locker hochgesteckt, und alle trugen lange Röcke und kurze Jäckchen. Schatzjade hatte nur ein kleines, dunkelrotes, baumwollenes Jäckchen an, darunter grüne, mit spritzender Tusche bedruckte Seidenhosen, die Hosenbeine lose herabhängend. Er lehnte an einem neuen, jadegrünen Doppelgaze-Kissen, das mit Blütenblättern verschiedener Rosen und Päonien gefüllt war, und spielte mit Fangguan Fingerwerfen. Fangguan klagte über die Hitze und trug nur ein kleines, gefüttertes Jäckchen aus dreierlei Atlasstreifen in Jade, Rot und Blaugrün — einem sogenannten ‚Reisfeld-Jäckchen' —, mit einem weidengrünen Schweißtuch gegürtet. Darunter blassrote, geblümte gefütterte Hosen, ebenfalls mit losen Hosenbeinen. Auf dem Kopf hatte sie rings um Stirn und Schläfen ein Geflecht kleiner Zöpfchen, die alle am Scheitel zusammengeführt und zu einem einzigen dicken Zopf, gänseeigroß, geflochten wurden, der im Nacken herabhing. Im rechten Ohrloch steckte nur ein winziger Jadestöpsel, nicht größer als ein Reiskorn; am linken Ohr hing ein einzelner großer, rotgoldener Ohranhänger, so groß wie eine Ginkgonuss. Damit wirkte ihr Gesicht noch mehr wie ein Vollmond, nur weißer, und ihre Augen noch klarer als Herbstwasser. Alle lachten: „Die beiden sehen aus wie Zwillingsbrüder!" Dufthauch und die anderen schenkten allen der Reihe nach Wein ein und sagten: „Wartet noch ein wenig mit dem Fingerwerfen. Obwohl wir keine förmliche Tafel halten, trinkt doch jeder von uns einen Schluck aus unserer Hand." So begann Dufthauch: Sie führte den Becher an die Lippen und trank einen Schluck; dann folgten die anderen der Reihe nach. Als alle getrunken hatten, setzte man sich erst im Kreis zusammen. Xiaoyan und Si'er hatten am Kangrand keinen Platz mehr und stellten sich zwei Stühle dicht an den Kang. Die vierzig Schälchen waren alle aus weißem Dingyao-Porzellan | + | Bald hatten alle die Festgewänder abgelegt; die Haare waren nur locker hochgesteckt, und alle trugen lange Röcke und kurze Jäckchen. Schatzjade hatte nur ein kleines, dunkelrotes, baumwollenes Jäckchen an, darunter grüne, mit spritzender Tusche bedruckte Seidenhosen, die Hosenbeine lose herabhängend. Er lehnte an einem neuen, jadegrünen Doppelgaze-Kissen, das mit Blütenblättern verschiedener Rosen und Päonien gefüllt war, und spielte mit Fangguan Fingerwerfen. Fangguan klagte über die Hitze und trug nur ein kleines, gefüttertes Jäckchen aus dreierlei Atlasstreifen in Jade, Rot und Blaugrün — einem sogenannten ‚Reisfeld-Jäckchen' —, mit einem weidengrünen Schweißtuch gegürtet. Darunter blassrote, geblümte gefütterte Hosen, ebenfalls mit losen Hosenbeinen. Auf dem Kopf hatte sie rings um Stirn und Schläfen ein Geflecht kleiner Zöpfchen, die alle am Scheitel zusammengeführt und zu einem einzigen dicken Zopf, gänseeigroß, geflochten wurden, der im Nacken herabhing. Im rechten Ohrloch steckte nur ein winziger Jadestöpsel, nicht größer als ein Reiskorn; am linken Ohr hing ein einzelner großer, rotgoldener Ohranhänger, so groß wie eine Ginkgonuss. Damit wirkte ihr Gesicht noch mehr wie ein Vollmond, nur weißer, und ihre Augen noch klarer als Herbstwasser. Alle lachten: „Die beiden sehen aus wie Zwillingsbrüder!" Dufthauch und die anderen schenkten allen der Reihe nach Wein ein und sagten: „Wartet noch ein wenig mit dem Fingerwerfen. Obwohl wir keine förmliche Tafel halten, trinkt doch jeder von uns einen Schluck aus unserer Hand." So begann Dufthauch: Sie führte den Becher an die Lippen und trank einen Schluck; dann folgten die anderen der Reihe nach. Als alle getrunken hatten, setzte man sich erst im Kreis zusammen. Xiaoyan und Si'er hatten am Kangrand keinen Platz mehr und stellten sich zwei Stühle dicht an den Kang. Die vierzig Schälchen waren alle aus weißem Dingyao-Porzellan <ref>berühmte Porzellanmanufaktur</ref>, nicht größer als kleine Teetassen, und enthielten Delikatessen aus nah und fern, von Inland und Übersee, getrocknet und frisch, aus Wasser und zu Lande — alles, was es an Weinspeisen, Früchten und Gemüsen unter dem Himmel gab. Schatzjade sagte: „Wir sollten ein Trinkspiel spielen." Dufthauch sagte: „Etwas Feines, bitte — kein großes Geschrei, damit die Leute es nicht hören. Und wir können nicht lesen, also nichts Literarisches." Moschusmond lachte: „Nehmen wir Würfel und spielen ‚Rot fangen'." Schatzjade sagte: „Das ist langweilig. Spielen wir lieber ‚Blumennamen-Lose ziehen'!" Heitermuster lachte: „Genau — das wollte ich schon lange!" Dufthauch sagte: „Das Spiel ist zwar hübsch, aber mit wenigen Leuten macht es keinen Spaß." Xiaoyan lachte: „Ich schlage vor, wir holen ganz leise Fräulein Bao und Fräulein Lin dazu — dann spielen wir eine Runde, und um die zweite Nachtwache gehen wir schlafen." Dufthauch sagte: „Dann müssten wir wieder die Tür öffnen und Lärm machen — und wenn uns die Nachtwache erwischt?" Schatzjade sagte: „Was soll schon geschehen? Unser Drittes Fräulein trinkt auch Wein — laden wir sie gleich mit ein. Und Fräulein Qin." Alle sagten: „Fräulein Qin lieber nicht — sie wohnt bei der Ersten Herrin, das gäbe zuviel Umstände." Schatzjade sagte: „Was soll's — geht schnell und ladet sie ein!" Xiaoyan und Si'er ließen sich das nicht zweimal sagen; sie ließen das Tor öffnen und gingen getrennt los, um einzuladen. |
| − | Heitermuster, Moschusmond und Dufthauch sagten dann: „Wenn die beiden gehen, werden Bao und Lin vermutlich nicht kommen wollen — wir müssen selbst hin und sie mit sanfter Gewalt herbeibringen." Also ließen Dufthauch und Heitermuster eine alte Dienerin eine Laterne nehmen und gingen ebenfalls. Tatsächlich sagte Schatzspange | + | Heitermuster, Moschusmond und Dufthauch sagten dann: „Wenn die beiden gehen, werden Bao und Lin vermutlich nicht kommen wollen — wir müssen selbst hin und sie mit sanfter Gewalt herbeibringen." Also ließen Dufthauch und Heitermuster eine alte Dienerin eine Laterne nehmen und gingen ebenfalls. Tatsächlich sagte Schatzspange [宝钗], es sei zu spät in der Nacht, und Kajaljade [黛玉], sie fühle sich nicht wohl. Die beiden baten dreimal: „Erweist uns doch ein wenig Ehre und setzt euch nur kurz zu uns." Spürfrühling [探春] dagegen freute sich über die Einladung, dachte aber: „Wenn wir Li Schleierfrau [李纨] nicht einladen und sie erfährt davon, wäre das schlecht." Also schickte sie Cuimo mit Xiaoyan los, die auch Li Schleierfrau und Schatzzither [宝琴] noch drei Mal einluden. So versammelten sich schließlich alle nacheinander im Yihongyuan. Dufthauch holte um jeden Preis auch Xiangling herbei. Auf dem Kang stellte man noch einen weiteren Tisch dazu, damit alle Platz fanden. |
Schatzjade rief sogleich: „Schwester Lin friert leicht — setz dich hierher an die Bretterwand." Er schob ihr noch ein Rückenpolster hin. Dufthauch und die anderen holten Stühle und setzten sich am Kangrand dazu, als Begleiterinnen. Kajaljade setzte sich weit vom Tisch entfernt, lehnte sich ans Polster und sagte lachend zu Schatzspange, Li Schleierfrau, Spürfrühling und den anderen: „Ihr redet Tag für Tag davon, wie die Leute nachts zechen und spielen — und heute tun wir es selbst! Wie wollen wir ihnen künftig Vorhaltungen machen?" Li Schleierfrau lachte: „Was macht das schon? Im ganzen Jahr kommt das nur zu Geburtstagen und Festen vor — nicht jede Nacht. Da braucht man sich keine Sorgen zu machen." Während sie sprachen, brachte Heitermuster einen geschnitzten Bambusbecher mit elfenbeinernen Blumennamen-Losen darin, schüttelte ihn und stellte ihn in die Mitte. Dann holte sie die Würfel, legte sie in die Dose, schüttelte und öffnete: fünf Augen. Man zählte — es traf Schatzspange. Schatzspange lachte: „Dann ziehe ich zuerst — ich bin gespannt, was ich bekomme." Sie schüttelte den Becher, griff hinein und zog ein Los. Alle schauten: Darauf war eine Päonienblüte gemalt, darüber stand „Schönste unter allen Blüten" in vier Zeichen, und darunter ein Vers aus einem Tang-Gedicht, fein eingraviert: | Schatzjade rief sogleich: „Schwester Lin friert leicht — setz dich hierher an die Bretterwand." Er schob ihr noch ein Rückenpolster hin. Dufthauch und die anderen holten Stühle und setzten sich am Kangrand dazu, als Begleiterinnen. Kajaljade setzte sich weit vom Tisch entfernt, lehnte sich ans Polster und sagte lachend zu Schatzspange, Li Schleierfrau, Spürfrühling und den anderen: „Ihr redet Tag für Tag davon, wie die Leute nachts zechen und spielen — und heute tun wir es selbst! Wie wollen wir ihnen künftig Vorhaltungen machen?" Li Schleierfrau lachte: „Was macht das schon? Im ganzen Jahr kommt das nur zu Geburtstagen und Festen vor — nicht jede Nacht. Da braucht man sich keine Sorgen zu machen." Während sie sprachen, brachte Heitermuster einen geschnitzten Bambusbecher mit elfenbeinernen Blumennamen-Losen darin, schüttelte ihn und stellte ihn in die Mitte. Dann holte sie die Würfel, legte sie in die Dose, schüttelte und öffnete: fünf Augen. Man zählte — es traf Schatzspange. Schatzspange lachte: „Dann ziehe ich zuerst — ich bin gespannt, was ich bekomme." Sie schüttelte den Becher, griff hinein und zog ein Los. Alle schauten: Darauf war eine Päonienblüte gemalt, darüber stand „Schönste unter allen Blüten" in vier Zeichen, und darunter ein Vers aus einem Tang-Gedicht, fein eingraviert: | ||
| − | + | Selbst gefühllos rührt sie noch die Menschen. | |
Darunter stand: „Alle Anwesenden trinken gemeinsam einen Becher zur Feier der Königin der Blumen. Die Loszieherin darf beliebig jemanden auffordern — gleich ob Gedicht, Vers oder Scherz —, einen Trinkspruch zu sagen." Alle lachten: „Wie treffend — du bist wirklich zur Päonie geboren!" Man trank gemeinsam auf sie. Nachdem Schatzspange getrunken hatte, sagte sie lachend: „Fangguan soll uns ein Lied singen." Fangguan sagte: „Wenn schon, dann trinkt alle erst euren Türbecher, bevor ihr zuhört." Also tranken alle. Fangguan begann zu singen: „Am Geburtstagsfest erstrahlt alles in Glanz ..." Alle riefen: „Hör auf damit! Hier braucht niemand Geburtstagshuldigungen — sing uns das Allerbeste!" Fangguan sang also fein und langsam die Arie „Zur Blumenbeschau" (Shanghuashi): | Darunter stand: „Alle Anwesenden trinken gemeinsam einen Becher zur Feier der Königin der Blumen. Die Loszieherin darf beliebig jemanden auffordern — gleich ob Gedicht, Vers oder Scherz —, einen Trinkspruch zu sagen." Alle lachten: „Wie treffend — du bist wirklich zur Päonie geboren!" Man trank gemeinsam auf sie. Nachdem Schatzspange getrunken hatte, sagte sie lachend: „Fangguan soll uns ein Lied singen." Fangguan sagte: „Wenn schon, dann trinkt alle erst euren Türbecher, bevor ihr zuhört." Also tranken alle. Fangguan begann zu singen: „Am Geburtstagsfest erstrahlt alles in Glanz ..." Alle riefen: „Hör auf damit! Hier braucht niemand Geburtstagshuldigungen — sing uns das Allerbeste!" Fangguan sang also fein und langsam die Arie „Zur Blumenbeschau" (Shanghuashi): | ||
| − | + | Des Smaragdphönix Federschweif wird zum Besen gebunden, | |
| − | + | Müßig fegt er am Himmelstor die fallenden Blüten; | |
| − | + | Seht, wie der Wind den Jadestaub aufwirbelt! | |
| − | + | Plötzlich senkt sich eine Wolkenschicht herab — | |
| − | + | Wie weit ist doch das Himmelstor von der Welt! | |
| − | + | Ruht, das Schwert nach dem Gelben Drachen zu schwingen, um Haaresbreite daneben; | |
| − | + | Ruht, beim alten Dong den Wein des Elends zu kaufen; | |
| − | + | Lasst Euer Auge gen Wolken und Abendrot schweifen! | |
| − | + | O Lü Dongbin — wenn Ihr einen Menschen gewonnen habt, | |
| − | + | Kommt nur bald mit der Antwort zurück! | |
| − | + | Doch wenn Ihr zaudert — ach, welch dauernden Gram | |
| − | + | Hinterlasst Ihr mit den Pfirsichblüten! | |
Schatzjade aber hielt noch immer das Los in der Hand und murmelte unaufhörlich „Selbst gefühllos rührt sie noch die Menschen" vor sich hin; er hörte dem Lied zu und starrte Fangguan schweigend an. Wolke vom Xiang-Fluss [湘云] riss ihm das Los rasch aus der Hand und warf es Schatzspange zu. Schatzspange warf die Würfel — sechzehn Augen — und es traf Spürfrühling. Spürfrühling lachte: „Ich bin gespannt, was ich bekomme!" Sie zog ein Los, sah es an, warf es auf den Boden, wurde rot und lachte: „Das taugt nichts — dieses Spiel hätten wir nicht spielen sollen! Das ist eigentlich ein Spiel für die Männer draußen, mit allerhand anzüglichen Sprüchen darauf." Niemand verstand; Dufthauch und die anderen hoben es eilig auf. Alle sahen: darauf war ein Aprikosenblütenzweig, mit den roten Zeichen „Himmlische Frucht des Jadeteichs", und der Vers lautete: | Schatzjade aber hielt noch immer das Los in der Hand und murmelte unaufhörlich „Selbst gefühllos rührt sie noch die Menschen" vor sich hin; er hörte dem Lied zu und starrte Fangguan schweigend an. Wolke vom Xiang-Fluss [湘云] riss ihm das Los rasch aus der Hand und warf es Schatzspange zu. Schatzspange warf die Würfel — sechzehn Augen — und es traf Spürfrühling. Spürfrühling lachte: „Ich bin gespannt, was ich bekomme!" Sie zog ein Los, sah es an, warf es auf den Boden, wurde rot und lachte: „Das taugt nichts — dieses Spiel hätten wir nicht spielen sollen! Das ist eigentlich ein Spiel für die Männer draußen, mit allerhand anzüglichen Sprüchen darauf." Niemand verstand; Dufthauch und die anderen hoben es eilig auf. Alle sahen: darauf war ein Aprikosenblütenzweig, mit den roten Zeichen „Himmlische Frucht des Jadeteichs", und der Vers lautete: | ||
| − | + | Am Sonnenrand steht rot die Aprikose, an Wolken gelehnt gepflanzt. | |
| − | Darunter stand: „Wer dieses Los zieht, wird gewiss einen vornehmen Gemahl bekommen. Alle gratulieren mit einem gemeinsamen Becher." Alle lachten: „Ach so, deswegen! Dieses Spiel stammt ja aus dem Frauengemach — bis auf zwei, drei solcher Lose mit Heiratsanspielungen sind keine anstößigen Sprüche dabei; was macht das schon! In unserem Haus gibt es bereits eine Kaiserliche Gemahlin | + | Darunter stand: „Wer dieses Los zieht, wird gewiss einen vornehmen Gemahl bekommen. Alle gratulieren mit einem gemeinsamen Becher." Alle lachten: „Ach so, deswegen! Dieses Spiel stammt ja aus dem Frauengemach — bis auf zwei, drei solcher Lose mit Heiratsanspielungen sind keine anstößigen Sprüche dabei; was macht das schon! In unserem Haus gibt es bereits eine Kaiserliche Gemahlin <ref>Urfrühling</ref> — sollst etwa auch du eine Kaiserin werden? Großes Glück, großes Glück!" Damit schenkten ihr alle ein. Spürfrühling wollte partout nicht trinken, doch Wolke vom Xiang-Fluss, Xiangling, Li Schleierfrau und drei, vier andere zwangen sie mit Gewalt, den Becher zu leeren. Spürfrühling verlangte, dieses Spiel abzuschaffen und ein anderes zu spielen, doch niemand wollte das zulassen. Wolke vom Xiang-Fluss ergriff ihre Hand und warf für sie: neunzehn Augen — es traf Li Schleierfrau. Li Schleierfrau schüttelte den Becher, zog ein Los und lachte: „Wunderbar! Seht euch das an — dieses Ding hat durchaus seinen Witz!" Alle sahen: ein alter Pflaumenzweig, darauf „Frostig-kalte Schönheit im Morgengrauen", und das Gedicht lautete: |
| − | + | Hinter Bambuszaun und Strohdach fügt sie sich zufrieden. | |
Darunter stand: „Trinkt allein einen Becher; der Nächste würfelt." Li Schleierfrau lachte: „Wirklich amüsant! Werft ihr nur weiter. Ich trinke mein Glas allein und kümmere mich nicht um euer Auf und Ab." Damit trank sie und gab die Würfel an Kajaljade weiter. Kajaljade warf achtzehn Augen — es traf Wolke vom Xiang-Fluss. Wolke vom Xiang-Fluss krempelte lachend die Ärmel hoch und zog ein Los. Alle sahen: eine Begonienblüte, darauf „Duftender Traum in tiefem Schlummer", und der Vers lautete: | Darunter stand: „Trinkt allein einen Becher; der Nächste würfelt." Li Schleierfrau lachte: „Wirklich amüsant! Werft ihr nur weiter. Ich trinke mein Glas allein und kümmere mich nicht um euer Auf und Ab." Damit trank sie und gab die Würfel an Kajaljade weiter. Kajaljade warf achtzehn Augen — es traf Wolke vom Xiang-Fluss. Wolke vom Xiang-Fluss krempelte lachend die Ärmel hoch und zog ein Los. Alle sahen: eine Begonienblüte, darauf „Duftender Traum in tiefem Schlummer", und der Vers lautete: | ||
| − | + | Ich fürchte nur, die Blume schläft ein in tiefer Nacht. | |
| − | Kajaljade lachte: „Die Worte ‚tiefe Nacht' sollte man durch ‚kühler Stein' ersetzen!" | + | Kajaljade lachte: „Die Worte ‚tiefe Nacht' sollte man durch ‚kühler Stein' ersetzen!" <ref>Anspielung auf Wolke vom Xiang-Flusss Einschlafen auf der Steinbank am Nachmittag.</ref> Alle verstanden den Witz und lachten. Wolke vom Xiang-Fluss zeigte lachend auf das Los, wo ein kleines Boot abgebildet war, und sagte zu Kajaljade: „Steig schnell ein und fahr davon — und halt den Mund!" Alle lachten wieder. In der Anmerkung stand: „Da es heißt ‚Duftender Traum in tiefem Schlummer', darf die Loszieherin keinen Wein trinken; stattdessen trinken die Nachbarn links und rechts je einen Becher." Wolke vom Xiang-Fluss klatschte lachend in die Hände: „Amitabha — wirklich ein gutes Los!" Und siehe da: Kajaljade war ihre obere und Schatzjade ihre untere Nachbarin. Die beiden mussten je einen Becher trinken. Schatzjade trank die Hälfte seines Bechers, und als niemand hinsah, reichte er ihn Fangguan, die ihn schnell austrank. Kajaljade plauderte mit den anderen und goss ihren Wein unbemerkt in den Spülnapf. Wolke vom Xiang-Fluss nahm die Würfel und warf neun Augen — es traf Moschusmond. Moschusmond zog ein Los: eine Teerose, darauf „Höhepunkt der Jugend und Schönheit", und der Vers lautete: |
| − | + | Wenn die Teerose blüht, ist die Blütezeit vorbei. | |
Darunter stand: „Alle Anwesenden trinken drei Becher zum Abschied des Frühlings." Moschusmond fragte, was das bedeute. Schatzjade runzelte besorgt die Stirn, verbarg das Los eilig und sagte: „Trinken wir einfach." Alle nahmen drei Schlucke, die als drei Becher galten. Moschusmond warf neunzehn Augen — es traf Xiangling. Xiangling zog ein Los mit einer Zwillingsblüte, darauf „Vereinter Frühling, umrankendes Glück", und der Vers lautete: | Darunter stand: „Alle Anwesenden trinken drei Becher zum Abschied des Frühlings." Moschusmond fragte, was das bedeute. Schatzjade runzelte besorgt die Stirn, verbarg das Los eilig und sagte: „Trinken wir einfach." Alle nahmen drei Schlucke, die als drei Becher galten. Moschusmond warf neunzehn Augen — es traf Xiangling. Xiangling zog ein Los mit einer Zwillingsblüte, darauf „Vereinter Frühling, umrankendes Glück", und der Vers lautete: | ||
| − | + | Am Ast der Ehestandsblume blüht es gerade. | |
Darunter stand: „Alle gratulieren der Loszieherin mit drei Bechern; dazu trinkt jeder einen Becher mit." Xiangling warf dann sechs Augen — es traf Kajaljade. Kajaljade dachte im Stillen: „Ich weiß nicht, was Schönes noch übrig ist — hoffentlich ziehe ich ein gutes." Sie griff hinein und zog ein Los: eine Lotusblüte (Hibiskus), darauf „Klarer Kummer in Wind und Tau", und der Vers lautete: | Darunter stand: „Alle gratulieren der Loszieherin mit drei Bechern; dazu trinkt jeder einen Becher mit." Xiangling warf dann sechs Augen — es traf Kajaljade. Kajaljade dachte im Stillen: „Ich weiß nicht, was Schönes noch übrig ist — hoffentlich ziehe ich ein gutes." Sie griff hinein und zog ein Los: eine Lotusblüte (Hibiskus), darauf „Klarer Kummer in Wind und Tau", und der Vers lautete: | ||
| − | + | Klage nicht den Ostwind an — beklage dich selbst. | |
| − | Darunter stand: „Trinkt allein einen Becher; die Päonie begleitet mit einem Becher." Alle lachten: „Das ist wundervoll! Außer ihr gebührt niemandem die Lotusblüte." Kajaljade lachte ebenfalls. Man trank. Dann warf Kajaljade zwanzig Augen — es traf Dufthauch. Dufthauch zog ein Los: ein Pfirsichblütenzweig, darauf „Anderes Land von Wuling" | + | Darunter stand: „Trinkt allein einen Becher; die Päonie begleitet mit einem Becher." Alle lachten: „Das ist wundervoll! Außer ihr gebührt niemandem die Lotusblüte." Kajaljade lachte ebenfalls. Man trank. Dann warf Kajaljade zwanzig Augen — es traf Dufthauch. Dufthauch zog ein Los: ein Pfirsichblütenzweig, darauf „Anderes Land von Wuling" <ref>Anspielung auf Tao Yuanmings ‚Pfirsichblütenquelle'</ref>, und der Vers lautete: |
| − | + | Pfirsichrot — wieder ein neuer Frühling. | |
| − | Darunter stand: „Die Aprikosenblüte begleitet mit einem Becher; wer unter den Anwesenden im gleichen Jahr geboren ist, begleitet mit einem Becher; wer zur gleichen Stunde geboren, begleitet mit einem Becher; wer denselben Familiennamen hat, begleitet mit einem Becher." Alle lachten: „Diesmal wird es lustig!" Man rechnete nach: Xiangling, Heitermuster und Schatzspange waren alle im gleichen Jahr geboren wie Dufthauch; Kajaljade war zur gleichen Stunde geboren; nur gab es niemanden mit demselben Familiennamen. Fangguan rief eilig: „Ich heiße auch Hua | + | Darunter stand: „Die Aprikosenblüte begleitet mit einem Becher; wer unter den Anwesenden im gleichen Jahr geboren ist, begleitet mit einem Becher; wer zur gleichen Stunde geboren, begleitet mit einem Becher; wer denselben Familiennamen hat, begleitet mit einem Becher." Alle lachten: „Diesmal wird es lustig!" Man rechnete nach: Xiangling, Heitermuster und Schatzspange waren alle im gleichen Jahr geboren wie Dufthauch; Kajaljade war zur gleichen Stunde geboren; nur gab es niemanden mit demselben Familiennamen. Fangguan rief eilig: „Ich heiße auch Hua <ref>‚Blume'</ref> — ich begleite auch mit einem Becher!" Also wurde eingeschenkt. Kajaljade sagte lachend zu Spürfrühling: „Du bist die Aprikosenblüte, der ein vornehmer Gemahl bestimmt ist — trink schnell, damit wir auch trinken können!" Spürfrühling lachte: „Was soll das! Die ältere Schwägerin soll sie zur Strafe schlagen." Li Schleierfrau lachte: „Statt den vornehmen Bräutigam zu bekommen, bekommt sie Prügel — das bringe ich nicht übers Herz!" Alle lachten. |
| − | Gerade als Dufthauch werfen wollte, hörte man jemanden am Tor klopfen. Eine alte Dienerin ging eilig hinaus und kam mit der Nachricht: Tante Schnee hatte jemanden geschickt, um Kajaljade abzuholen. Man fragte, wie spät es sei; es wurde geantwortet: „Nach der zweiten Nachtwache; die Uhr hat elf geschlagen." Schatzjade glaubte es nicht und verlangte die Taschenuhr; als er nachsah, war es bereits zehn Minuten nach Beginn der Zi-Stunde | + | Gerade als Dufthauch werfen wollte, hörte man jemanden am Tor klopfen. Eine alte Dienerin ging eilig hinaus und kam mit der Nachricht: Tante Schnee hatte jemanden geschickt, um Kajaljade abzuholen. Man fragte, wie spät es sei; es wurde geantwortet: „Nach der zweiten Nachtwache; die Uhr hat elf geschlagen." Schatzjade glaubte es nicht und verlangte die Taschenuhr; als er nachsah, war es bereits zehn Minuten nach Beginn der Zi-Stunde <ref>ca. 23:10 Uhr</ref>. Kajaljade erhob sich und sagte: „Ich halte es nicht mehr aus — ich muss nach Hause und noch meine Medizin nehmen." Alle sagten: „Wir sollten auch aufbrechen." Dufthauch und Schatzjade wollten alle noch halten. Li Schleierfrau und Schatzspange sagten: „Es ist viel zu spät — das geht nicht. Wir haben heute ohnehin die Regel gebrochen." Dufthauch sagte: „Wenn es denn sein muss — jede trinkt noch einen letzten Becher." Heitermuster und die anderen hatten schon eingeschenkt; alle tranken und ließen Laternen anzünden. Dufthauch und die anderen geleiteten die Gäste noch über den Qinfang-Pavillon-Fluss hinüber, bevor sie zurückkehrten. |
Man schloss das Tor, und alle spielten von Neuem. Dufthauch und die anderen schenkten noch einige große Becher ein und bereiteten ein Tablett mit verschiedenen Früchten und Speisen für die alten Dienerinnen draußen. Als alle drei Zehntel betrunken waren, ging es zum Fingerwerfen und zum Singen kleiner Lieder über. Es war schon die vierte Nachtwache; die alten Dienerinnen aßen von der einen Seite offen, von der anderen stibitzten sie heimlich — der Weinkrug war leer. Alle wunderten sich, machten sich dann aber an die Abendtoilette und legten sich schlafen. Fangguans Wangen glühten rot wie Karmin; um Augenwinkel und Brauen lag noch mehr Anmut als zuvor. Sie konnte sich kaum noch aufrecht halten, lehnte sich an Dufthauchs Schulter und sagte: „Gute Schwester, mein Herz klopft so!" Dufthauch lachte: „Wer hat dich auch hemmungslos trinken lassen!" Xiaoyan und Si'er konnten ebenfalls nicht mehr und schliefen bereits. Heitermuster rief noch immer. Schatzjade sagte: „Hör auf zu rufen — legen wir uns einfach ein wenig hin." Er legte seinen Kopf auf das rote, duftende Kissen, drehte sich zur Seite und schlief ebenfalls ein. Dufthauch fürchtete, dass Fangguan im Rausch erbrechen könnte und jemanden störte; so stand sie leise auf, bettete Fangguan neben Schatzjade und ließ sie dort schlafen. Sie selbst legte sich auf die gegenüberliegende Liege. | Man schloss das Tor, und alle spielten von Neuem. Dufthauch und die anderen schenkten noch einige große Becher ein und bereiteten ein Tablett mit verschiedenen Früchten und Speisen für die alten Dienerinnen draußen. Als alle drei Zehntel betrunken waren, ging es zum Fingerwerfen und zum Singen kleiner Lieder über. Es war schon die vierte Nachtwache; die alten Dienerinnen aßen von der einen Seite offen, von der anderen stibitzten sie heimlich — der Weinkrug war leer. Alle wunderten sich, machten sich dann aber an die Abendtoilette und legten sich schlafen. Fangguans Wangen glühten rot wie Karmin; um Augenwinkel und Brauen lag noch mehr Anmut als zuvor. Sie konnte sich kaum noch aufrecht halten, lehnte sich an Dufthauchs Schulter und sagte: „Gute Schwester, mein Herz klopft so!" Dufthauch lachte: „Wer hat dich auch hemmungslos trinken lassen!" Xiaoyan und Si'er konnten ebenfalls nicht mehr und schliefen bereits. Heitermuster rief noch immer. Schatzjade sagte: „Hör auf zu rufen — legen wir uns einfach ein wenig hin." Er legte seinen Kopf auf das rote, duftende Kissen, drehte sich zur Seite und schlief ebenfalls ein. Dufthauch fürchtete, dass Fangguan im Rausch erbrechen könnte und jemanden störte; so stand sie leise auf, bettete Fangguan neben Schatzjade und ließ sie dort schlafen. Sie selbst legte sich auf die gegenüberliegende Liege. | ||
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Er nahm die Karte, steckte sie in den Ärmel und ging geradewegs los, um Kajaljade zu suchen. Kaum war er am Qinfang-Pavillon vorbei, kam ihm Xiuyan zitternd und wankend entgegen. Schatzjade fragte eilig: „Wohin geht Schwester?" Xiuyan lachte: „Ich will zu Wunderjade, um mit ihr zu plaudern." Schatzjade hörte das verblüfft und sagte: „Sie ist ein eigenbrötlerischer Mensch, der nicht in die Welt passt — unter zehntausend Menschen findet sie keinen, der ihr genügt. Anscheinend schätzt sie dich aber wirklich — sie erkennt, dass du nicht zur Sorte gewöhnlicher Leute wie wir gehörst." Xiuyan lachte: „Ob sie mich wirklich schätzt, weiß ich nicht, aber wir waren zehn Jahre lang Nachbarn, nur durch eine Mauer getrennt. Sie lebte im Panxiang-Kloster zur geistlichen Übung; meine Familie war arm und mietete Zimmer in ihrem Tempel. Zehn Jahre lang wohnten wir dort, und wenn nichts zu tun war, ging ich zu ihr, um ihr Gesellschaft zu leisten. Alle Schriftzeichen, die ich kenne, habe ich von ihr gelernt. Wir sind zugleich Freundinnen aus ärmlichen Zeiten und stehen in einem Halb-Lehrer-Verhältnis. Als wir fortzogen, um Verwandte aufzusuchen, hörte ich, dass sie, weil sie ‚nicht in die Zeit passt', von den Mächtigen vertrieben worden war und hierher geflohen ist. Nun hat es das Schicksal gefügt, dass wir uns wiederbegegnen, und unsere alte Zuneigung ist unverändert — ja, ihre Wertschätzung ist noch größer als einst." Schatzjade hörte das wie einen Donnerschlag und rief erfreut: „Kein Wunder, dass Schwester in Haltung und Rede so erhaben ist, wie ein wilder Kranich in freien Wolken — es hat seinen Grund! Gerade beschäftigt mich eine Sache ihretwegen, und ich wollte jemanden um Rat fragen. Jetzt treffe ich dich — das ist wahrlich eine Fügung des Himmels! Bitte gib mir deinen Rat." Damit zeigte er Xiuyan die Visitenkarte. Xiuyan lachte: „Ihr Temperament lässt sich wohl nicht ändern — von Geburt an so extravagant und eigenwillig! Wer hat je gesehen, dass man auf Visitenkarten einen Beinamen setzt? Das ist wirklich, wie das Sprichwort sagt: ‚Weder Mönch noch Laie, weder Frau noch Mann' — was soll man davon halten?" Schatzjade sagte eilig lachend: „Schwester versteht das nicht. Sie zählt nicht zu den gewöhnlichen Menschen — sie ist ein Mensch jenseits der Welt. Weil sie mich für jemanden mit einem Körnchen Verstand hält, hat sie mir diese Karte geschickt. Ich wusste aber nicht, wie ich antworten soll — mir fiel nichts ein. Ich wollte gerade Schwester Lin fragen, und zufällig treffe ich dich." Xiuyan hörte Schatzjades Worte und musterte ihn eine ganze Weile aufmerksam von Kopf bis Fuß. Dann lachte sie: „Kein Wunder, dass das Sprichwort sagt: ‚Hörensagen ist weniger als Augenschein.' Und kein Wunder, dass Wunderjade dir diese Karte schickt; und kein Wunder, dass sie dir vergangenes Jahr die Pflaumenblüten schenkte. Da es bei ihr so weit geht, muss ich dir wohl den Grund erklären. Sie sagt oft: ‚Von den Alten her, von Han, Jin, durch die Fünf Dynastien, Tang und Song, hat es in all der Zeit keine gute Dichtung gegeben — nur zwei Verse sind gut: | Er nahm die Karte, steckte sie in den Ärmel und ging geradewegs los, um Kajaljade zu suchen. Kaum war er am Qinfang-Pavillon vorbei, kam ihm Xiuyan zitternd und wankend entgegen. Schatzjade fragte eilig: „Wohin geht Schwester?" Xiuyan lachte: „Ich will zu Wunderjade, um mit ihr zu plaudern." Schatzjade hörte das verblüfft und sagte: „Sie ist ein eigenbrötlerischer Mensch, der nicht in die Welt passt — unter zehntausend Menschen findet sie keinen, der ihr genügt. Anscheinend schätzt sie dich aber wirklich — sie erkennt, dass du nicht zur Sorte gewöhnlicher Leute wie wir gehörst." Xiuyan lachte: „Ob sie mich wirklich schätzt, weiß ich nicht, aber wir waren zehn Jahre lang Nachbarn, nur durch eine Mauer getrennt. Sie lebte im Panxiang-Kloster zur geistlichen Übung; meine Familie war arm und mietete Zimmer in ihrem Tempel. Zehn Jahre lang wohnten wir dort, und wenn nichts zu tun war, ging ich zu ihr, um ihr Gesellschaft zu leisten. Alle Schriftzeichen, die ich kenne, habe ich von ihr gelernt. Wir sind zugleich Freundinnen aus ärmlichen Zeiten und stehen in einem Halb-Lehrer-Verhältnis. Als wir fortzogen, um Verwandte aufzusuchen, hörte ich, dass sie, weil sie ‚nicht in die Zeit passt', von den Mächtigen vertrieben worden war und hierher geflohen ist. Nun hat es das Schicksal gefügt, dass wir uns wiederbegegnen, und unsere alte Zuneigung ist unverändert — ja, ihre Wertschätzung ist noch größer als einst." Schatzjade hörte das wie einen Donnerschlag und rief erfreut: „Kein Wunder, dass Schwester in Haltung und Rede so erhaben ist, wie ein wilder Kranich in freien Wolken — es hat seinen Grund! Gerade beschäftigt mich eine Sache ihretwegen, und ich wollte jemanden um Rat fragen. Jetzt treffe ich dich — das ist wahrlich eine Fügung des Himmels! Bitte gib mir deinen Rat." Damit zeigte er Xiuyan die Visitenkarte. Xiuyan lachte: „Ihr Temperament lässt sich wohl nicht ändern — von Geburt an so extravagant und eigenwillig! Wer hat je gesehen, dass man auf Visitenkarten einen Beinamen setzt? Das ist wirklich, wie das Sprichwort sagt: ‚Weder Mönch noch Laie, weder Frau noch Mann' — was soll man davon halten?" Schatzjade sagte eilig lachend: „Schwester versteht das nicht. Sie zählt nicht zu den gewöhnlichen Menschen — sie ist ein Mensch jenseits der Welt. Weil sie mich für jemanden mit einem Körnchen Verstand hält, hat sie mir diese Karte geschickt. Ich wusste aber nicht, wie ich antworten soll — mir fiel nichts ein. Ich wollte gerade Schwester Lin fragen, und zufällig treffe ich dich." Xiuyan hörte Schatzjades Worte und musterte ihn eine ganze Weile aufmerksam von Kopf bis Fuß. Dann lachte sie: „Kein Wunder, dass das Sprichwort sagt: ‚Hörensagen ist weniger als Augenschein.' Und kein Wunder, dass Wunderjade dir diese Karte schickt; und kein Wunder, dass sie dir vergangenes Jahr die Pflaumenblüten schenkte. Da es bei ihr so weit geht, muss ich dir wohl den Grund erklären. Sie sagt oft: ‚Von den Alten her, von Han, Jin, durch die Fünf Dynastien, Tang und Song, hat es in all der Zeit keine gute Dichtung gegeben — nur zwei Verse sind gut: | ||
| − | + | Selbst hat man ein ehernes Tor, das tausend Jahre hält — | |
| − | + | Am Ende braucht man doch nur einen Erdhügel als Grab. | |
| − | Deshalb nennt sie sich ‚Bewohnerin jenseits der Schwelle'. Außerdem preist sie oft den Stil des Zhuangzi, und darum nennt sie sich manchmal auch ‚qi ren' | + | Deshalb nennt sie sich ‚Bewohnerin jenseits der Schwelle'. Außerdem preist sie oft den Stil des Zhuangzi, und darum nennt sie sich manchmal auch ‚qi ren' <ref>‚der abseitige, sonderbare Mensch', ein Begriff aus dem Zhuangzi</ref>. Wenn sie sich auf der Karte als ‚qi ren' bezeichnet hätte, hättest du mit ‚shi ren' (‚Mensch der Welt') antworten sollen. ‚Qi ren' bedeutet, dass sie sich für einen Sonderling hält; du bezeichnest dich bescheiden als einen gewöhnlichen, in der Welt befangenen Menschen — und sie wäre zufrieden. Nun nennt sie sich ‚Bewohnerin jenseits der Schwelle', womit sie meint, sie habe die eiserne Schwelle des Irdischen überschritten. Du brauchst also nur ‚Bewohner innerhalb der Schwelle' zu schreiben — das trifft ihren Sinn." Schatzjade hörte das wie eine Erleuchtung, rief „Ah!" und lachte: „Kein Wunder, dass unser Familientempel ‚Eiserne-Schwelle-Kloster' heißt — jetzt verstehe ich den Zusammenhang! Schwester, geh nur weiter; ich eile zurück, um die Antwortkarte zu schreiben." Xiuyan ging darauf zum Longcui-Kloster <ref>Wunderjade's Klause im Garten</ref>. Schatzjade kehrte in sein Zimmer zurück und schrieb auf die Karte nur die Worte: „Der Bewohner innerhalb der Schwelle, Schatzjade, grüßt ehrerbietig nach geziemender Reinigung." Er brachte sie persönlich zum Longcui-Kloster und schob sie durch den Türspalt hinein; dann kehrte er zurück. |
| − | Er sah, dass Fangguan sich bereits frisiert hatte, das Haar hochgesteckt und ein wenig Blumenschmuck angelegt. Sogleich befahl er ihr, die Frisur zu ändern: Die kurzen Haare rings um den Kopf sollten abrasiert werden, sodass die blaugrüne Kopfhaut zum Vorschein kam, und in der Mitte sollte ein großer Scheitel gezogen werden. Dann sagte er: „Im Winter trägst du eine große Zobelmütze in Kaninchenform, an den Füßen Tigerkopf-Wolkenstiefel in fünf Farben, oder du lässt die Hosenbeine los und trägst nur weiße Strümpfe und dicksohlige Brokatschuhe." Dann sagte er: „Der Name ‚Fangguan' ist nicht gut — du solltest einen Männernamen tragen, das wäre originell." Er benannte sie in „Xiongnü" | + | Er sah, dass Fangguan sich bereits frisiert hatte, das Haar hochgesteckt und ein wenig Blumenschmuck angelegt. Sogleich befahl er ihr, die Frisur zu ändern: Die kurzen Haare rings um den Kopf sollten abrasiert werden, sodass die blaugrüne Kopfhaut zum Vorschein kam, und in der Mitte sollte ein großer Scheitel gezogen werden. Dann sagte er: „Im Winter trägst du eine große Zobelmütze in Kaninchenform, an den Füßen Tigerkopf-Wolkenstiefel in fünf Farben, oder du lässt die Hosenbeine los und trägst nur weiße Strümpfe und dicksohlige Brokatschuhe." Dann sagte er: „Der Name ‚Fangguan' ist nicht gut — du solltest einen Männernamen tragen, das wäre originell." Er benannte sie in „Xiongnü" <ref>wörtl. ‚Heroischer Sklave'</ref> um. Fangguan war hocherfreut und sagte: „Wenn es schon so ist, nimm mich auch mit, wenn du ausgehst! Wenn jemand fragt, sag einfach, ich sei ein kleiner Diener wie Mingyan." Schatzjade lachte: „Man würde es doch erkennen." Fangguan lachte: „Da zeigt sich dein Einfallsmangel! In unserem Haus gibt es doch einige Familien von Fremdvölkern. Sag einfach, ich sei ein kleiner Barbar. Außerdem sagen alle, mir stünden Zöpfe gut — findest du das nicht passend?" Schatzjade hörte das und rief entzückt: „Das ist wirklich gut! Ich habe oft gesehen, dass Beamte unter ihrem Gefolge Nachkommen fremdländischer Kriegsgefangener haben, weil sie Wind und Frost nicht fürchten und zu Pferde geschickt sind. Also geben wir dir noch einen Barbarennamen: ‚Yelü Xiongnü'. ‚Xiongnü' klingt gleich wie ‚Xiongnu' <ref>die historischen Hunnen</ref>, und beides sind Namen der Hundevölker. Zudem waren diese zwei Völker seit den Zeiten von Yao und Shun eine Plage für das Reich der Mitte; die Jin- und Tang-Dynastien litten schwer unter ihnen. Zum Glück leben wir in der heutigen Ära, als Nachfahren des großen Shun. Die heilige Tugend und kindliche Pietät unseres Herrschers strahlen bis zum Himmel empor und sind unsterblich wie Himmel, Erde, Sonne und Mond für tausend Generationen. Deshalb haben alle die kleinen Schelme, die in früheren Dynastien ihr Unwesen trieben, heutzutage freiwillig, ohne einen einzigen Speer oder Degen, die Hände gefaltet und das Haupt geneigt und sind von fern hergekommen, um sich zu unterwerfen. Wir sollten sie verächtlich behandeln, um unseres Herrn und Vaters willen Ehre einzulegen." Fangguan lachte: „Wenn dem so ist, solltest du Bogenschießen und Reiten üben und Kriegskunst lernen und dich hinauswagen, um ein paar Rebellen zu fangen — das wäre wahrer Dienst am Vaterland! Warum missbrauchst du uns und ergötzt dich an deiner eigenen Beredsamkeit, und nennst es dann Lob und Huldigung?" Schatzjade lachte: „Da verstehst du mich falsch. Heute herrscht Frieden in allen vier Meeren und Ruhe in allen acht Himmelsrichtungen; seit hundert und tausend Jahren braucht man keine Waffen mehr. Auch wenn wir nur scherzen und spielen, gebührt es sich, den Segen unserer Zeit zu preisen — sonst wären wir des friedlichen Wohlstands, das wir genießen, nicht wert." Fangguan fand das einleuchtend; beide hielten es für passend und angemessen. Schatzjade nannte sie von nun an „Yelü Xiongnü". |
| − | In beiden Jia-Palästen gab es nämlich tatsächlich Nachfahren von Kriegsgefangenen früherer Generationen, die man als Sklaven erhalten hatte — allerdings wurden sie nur zum Pferdehüten eingesetzt und galten als unbrauchbar für höhere Dienste. Wolke vom Xiang-Fluss, die von jeher ausgelassen und übermütig war, liebte Verkleidungen als Mann über alles und band sich ständig Paradegürtel um und trug Faltenärmel. Als sie sah, wie Schatzjade Fangguan als Jungen verkleidet hatte, verkleidete sie ihrerseits Kuiguan ebenfalls als kleinen Burschen. Kuiguan trug gewöhnlich kurz geschorenes Haar, was für Bühnenschminke bequem war, und hatte flinke Hände und Füße — das Umkleiden war leichter. Li Schleierfrau und Spürfrühling fanden das allerliebst und ließen nun auch Schatzzithers Douguan als kleinen Pagen verkleiden: auf dem Kopf zwei Haarknoten, ein kurzes Jäckchen, rote Schuhe — nur die Gesichtsbemalung fehlte; sonst sah sie genauso aus wie ein Musikknabe auf der Bühne. Wolke vom Xiang-Fluss taufte Kuiguan um und nannte ihn „Da Ying" | + | In beiden Jia-Palästen gab es nämlich tatsächlich Nachfahren von Kriegsgefangenen früherer Generationen, die man als Sklaven erhalten hatte — allerdings wurden sie nur zum Pferdehüten eingesetzt und galten als unbrauchbar für höhere Dienste. Wolke vom Xiang-Fluss, die von jeher ausgelassen und übermütig war, liebte Verkleidungen als Mann über alles und band sich ständig Paradegürtel um und trug Faltenärmel. Als sie sah, wie Schatzjade Fangguan als Jungen verkleidet hatte, verkleidete sie ihrerseits Kuiguan ebenfalls als kleinen Burschen. Kuiguan trug gewöhnlich kurz geschorenes Haar, was für Bühnenschminke bequem war, und hatte flinke Hände und Füße — das Umkleiden war leichter. Li Schleierfrau und Spürfrühling fanden das allerliebst und ließen nun auch Schatzzithers Douguan als kleinen Pagen verkleiden: auf dem Kopf zwei Haarknoten, ein kurzes Jäckchen, rote Schuhe — nur die Gesichtsbemalung fehlte; sonst sah sie genauso aus wie ein Musikknabe auf der Bühne. Wolke vom Xiang-Fluss taufte Kuiguan um und nannte ihn „Da Ying" <ref>‚Großer Held'</ref>. Da sein Familienname Wei war, nannte sie ihn „Wei Daying", was ihrem heimlichen Motto entsprach: „Nur ein wahrer Held zeigt seine wahre Natur" <ref>ein bekanntes Zitat</ref> — wozu sich also Schminke auftragen, wenn man ein Mann sein will? Douguan war von Statur und Alter die Kleinste und außerdem äußerst pfiffig — daher der Name „Douguan" (Bohnenbeamtin). Im Garten nannten manche sie „A-Dou", andere „Bratbohne". Schatzzither dagegen fand, dass Namen wie „Musikknabe" oder „Buchknabe" zu abgedroschen seien, und meinte, „Dou" (Bohne) sei origineller. Also nannte sie sie „Doutong" (Bohnenknabe). |
| − | Nach dem Mittagessen gab Friedchen ihr Gegenessen. Da es im Hongxiangpu zu heiß war, ließ sie im Yuyintang | + | Nach dem Mittagessen gab Friedchen ihr Gegenessen. Da es im Hongxiangpu zu heiß war, ließ sie im Yuyintang <ref>‚Halle des Ulmenbaum-Schattens'</ref> einige Tische mit frischem Wein und köstlichen Speisen aufstellen. Erfreulicherweise kam Frau You noch mit ihren beiden Konkubinen Peifeng und Xieyuan <ref>die zwei jungen Frauen des Kaufmann Schein-Echt</ref>. Diese beiden waren ebenfalls junge, hübsche Mädchen, die selten herüberkamen. Da sie nun in den Garten eintraten und Wolke vom Xiang-Fluss, Xiangling, Fangguan, Ruiguan und all die anderen jungen Frauen trafen, bewies sich das Sprichwort „Gleich und gleich gesellt sich gern": Sie plauderten und lachten ohne Ende, kümmerten sich nicht um Frau You und überließen sie den Zofen. Zusammen besichtigten sie alles. Als sie zum Yihongyuan kamen und plötzlich hörten, wie Schatzjade „Yelü Xiongnü!" rief, lachten Peifeng, Xieyuan und Xiangling alle drei zusammen, fragten, was das bedeute, und versuchten dann selbst, den Namen auszusprechen — versprachen sich in der Aussprache, vergaßen die Zeichen, bis eine schließlich „Wilder Esel" herausbrachte. Alle im Garten, die es hörten, bogen sich vor Lachen. Schatzjade sah, dass alle sich lustig machten, und fürchtete, Fangguan könnte damit gedemütigt werden. Eilig sagte er: „Im Westen, in Frankreich <ref>福朗思牙 = France</ref>, soll es goldgeflecktes Kristallglas geben; in der Landessprache heißt es ‚Wendulinà'. Wenn ich dich mit diesem Stein vergleiche und dich ‚Wendulinà' nenne — wäre das nicht hübsch?" Fangguan freute sich noch mehr und sagte: „Ja, das ist es!" Also wurde dieser Name verwendet. Da alle ihn schwer aussprechbar fanden, übersetzten sie ihn ins Chinesische und nannten sie einfach „Boli" (Kristallglas). |
Die weiteren Plaudereien seien hier übergangen. An jenem Tag vergnügten sich alle unter dem Vorwand des Weintrinkens im Yuyintang, ließen die Geschichtenerzählerinnen die Trommel schlagen, und Friedchen pflückte einen Päonienblütenzweig, den etwa zwanzig Personen im Kreis herumgaben — ein „Blumenspiel mit Trommeln", sehr vergnüglich. Da meldete jemand: „Zwei Frauen aus der Familie Zhen bringen Geschenke." Spürfrühling, Li Schleierfrau und Frau You gingen zu dritt in den Empfangssaal, um sie zu treffen. Hier zerstreuten sich die anderen einstweilen. Peifeng und Xieyuan gingen zum Schaukeln. Schatzjade sagte: „Steigt hinauf, ich schubse euch!" Erschrocken sagte Peifeng: „Lass das — mach uns keinen Ärger! Ruf lieber den ‚Wilden Esel', damit der uns anschubst!" Schatzjade lachte eilig: „Gute Schwesterchen, hört auf damit! Sonst lernen alle Leute das nach und schimpfen sie so!" Xieyuan sagte: „Ich bin schon ganz weich vor Lachen — wie soll ich da schaukeln? Wenn ich herunterfalle, platzen mir die Innereien heraus!" Peifeng versetzte ihr einen Klaps. | Die weiteren Plaudereien seien hier übergangen. An jenem Tag vergnügten sich alle unter dem Vorwand des Weintrinkens im Yuyintang, ließen die Geschichtenerzählerinnen die Trommel schlagen, und Friedchen pflückte einen Päonienblütenzweig, den etwa zwanzig Personen im Kreis herumgaben — ein „Blumenspiel mit Trommeln", sehr vergnüglich. Da meldete jemand: „Zwei Frauen aus der Familie Zhen bringen Geschenke." Spürfrühling, Li Schleierfrau und Frau You gingen zu dritt in den Empfangssaal, um sie zu treffen. Hier zerstreuten sich die anderen einstweilen. Peifeng und Xieyuan gingen zum Schaukeln. Schatzjade sagte: „Steigt hinauf, ich schubse euch!" Erschrocken sagte Peifeng: „Lass das — mach uns keinen Ärger! Ruf lieber den ‚Wilden Esel', damit der uns anschubst!" Schatzjade lachte eilig: „Gute Schwesterchen, hört auf damit! Sonst lernen alle Leute das nach und schimpfen sie so!" Xieyuan sagte: „Ich bin schon ganz weich vor Lachen — wie soll ich da schaukeln? Wenn ich herunterfalle, platzen mir die Innereien heraus!" Peifeng versetzte ihr einen Klaps. | ||
| − | Mitten im ausgelassenen Spiel kamen plötzlich einige Leute aus dem Östlichen Palais herbeigerannt und riefen ganz aufgeregt: „Der alte Herr ist gen Himmel gefahren!" | + | Mitten im ausgelassenen Spiel kamen plötzlich einige Leute aus dem Östlichen Palais herbeigerannt und riefen ganz aufgeregt: „Der alte Herr ist gen Himmel gefahren!" <ref>Kaufmann Andacht, Kaufmann Schein-Echts Vater, der sich im daoistischen Kloster Xuanzhen dem Streben nach Unsterblichkeit widmete.</ref> Alle erschraken: „Er war doch ganz gesund und hatte keine Krankheit — wie kann er plötzlich tot sein?" Die Dienstleute sagten: „Der alte Herr hat Tag für Tag praktiziert — gewiss hat er seine Verdienste vollendet und ist als Unsterblicher aufgefahren." Als Frau You das hörte und sah, dass weder Kaufmann Schein-Echt noch sein Sohn noch Kaufmann Jadeschale zu Hause waren — es gab im Augenblick keinen Mann, der die Angelegenheiten regeln konnte —, geriet sie in Aufregung. Sie legte eilig ihren Schmuck ab, befahl, alle daoistischen Mönche im Xuanzhen-Kloster einzusperren, bis der Erste Herr heimkäme, um sie zu verhören, und fuhr dann hastig im Wagen, begleitet von Lai Sheng und einer Schar Bediensteter, aus der Stadt zum Tempel. Auch ließ sie Ärzte kommen, um festzustellen, woran Kaufmann Andacht eigentlich gestorben war. Die Ärzte sahen, dass der Mann bereits tot war — wo hätte man da noch den Puls fühlen sollen? Sie wussten, dass Kaufmann Andachts Methoden der Atemführung allesamt hohle Phantastereien gewesen waren; obendrein hatte er Sterne angebetet, den Gengsheng-Fastentag<ref>Chin. 守庚申 shǒu gēngshēn — eine daoistische Praxis, bei der man an bestimmten Tagen des Sechziger-Zyklus die ganze Nacht wach bleibt, um die „drei Würmer“ (三尸) im Körper daran zu hindern, dem Himmelskaiser die Sünden des Betreffenden zu melden.</ref> gehalten und Zinnober geschluckt<ref>Die Einnahme von Goldelixieren und Zinnoberpillen (吞金服砂) war eine verbreitete Praxis daoistischer Alchemie, die Unsterblichkeit versprach, jedoch häufig zu Quecksilbervergiftung und Tod führte.</ref> — lauter nutzloses Treiben, das den Geist überanstrengte und letztlich das Leben kostete. Obwohl er nun tot war, war sein Bauch hart wie Eisen, und Gesichtshaut und Lippen waren purpurn verbrannt und aufgerissen. Die Ärzte berichteten: „Er ist an den Praktiken der daoistischen Lehre gestorben — er hat Gold geschluckt und Zinnober eingenommen, bis sein Leib anschwoll und er verstarb." Die Mönche sagten erschrocken: „Der Herr hat eine eigens neu hergestellte geheime Zinnoberpille genommen. Wir Mönche haben ihn gewarnt, die Verdienste seien noch nicht weit genug gediehen und er dürfe sie noch nicht nehmen. Aber der Herr hat sie in dieser Nacht während der Gengsheng-Meditation heimlich eingenommen und ist daraufhin zum Unsterblichen geworden. Dies geschah gewiss aus aufrichtiger Hingabe — er hat das Meer des Leidens verlassen, seine sterbliche Hülle abgeworfen und ist seiner Bestimmung gefolgt." Frau You hörte gar nicht hin, befahl nur, sie einzusperren, bis Kaufmann Schein-Echt käme, und schickte einen Eilboten zu Pferde. Da der Tempel zu eng war, um den Leichnam aufzubahren, und man ihn ohnehin nicht in die Stadt bringen konnte, wurde der Leichnam eilig hergerichtet, in einer Sänfte zum Eiserne-Schwelle-Kloster <ref>dem Familientempel der Jia</ref> gebracht und dort aufgebahrt. Selbst bei schnellster Berechnung würde Kaufmann Schein-Echt frühestens in einem halben Monat eintreffen können. Bei der Sommerhitze war weiteres Warten unmöglich; also übernahm Frau You die Leitung, ließ von einem Astrologen einen Termin für die Einsargung bestimmen, der glücklicherweise schon vor Jahren angefertigte Sarg stand bereit im Tempel. Am dritten Tag eröffnete man die Trauerbräuche und begann die Totenzeremonien. Gleichzeitig ließ man daoistische Rituale abhalten, bis Kaufmann Schein-Echt eintraf. |
Im Rongfu konnte Phönixglanz nicht herauskommen; Li Schleierfrau kümmerte sich um die jungen Schwestern; Schatzjade verstand nichts von solchen Dingen. So mussten die Außenangelegenheiten vorläufig einigen Verwaltern zweiter Ordnung anvertraut werden: Jia Jun, Jia Guang, Jia Heng, Jia Ying, Jia Chang und Jia Ling übernahmen verschiedene Aufgaben. Da Frau You nicht nach Hause zurückkehren konnte, holte sie ihre Stiefmutter in den Ningfu, um auf das Haus aufzupassen. Die Stiefmutter brachte notgedrungen ihre beiden unverheirateten Töchter mit, denn nur so konnte sie beruhigt sein. | Im Rongfu konnte Phönixglanz nicht herauskommen; Li Schleierfrau kümmerte sich um die jungen Schwestern; Schatzjade verstand nichts von solchen Dingen. So mussten die Außenangelegenheiten vorläufig einigen Verwaltern zweiter Ordnung anvertraut werden: Jia Jun, Jia Guang, Jia Heng, Jia Ying, Jia Chang und Jia Ling übernahmen verschiedene Aufgaben. Da Frau You nicht nach Hause zurückkehren konnte, holte sie ihre Stiefmutter in den Ningfu, um auf das Haus aufzupassen. Die Stiefmutter brachte notgedrungen ihre beiden unverheirateten Töchter mit, denn nur so konnte sie beruhigt sein. | ||
| − | Als Kaufmann Schein-Echt von der Nachricht erfuhr, bat er sofort um Urlaub. Er und Kaufmann Herrlichkeit [贾蓉] hatten beide offizielle Ämter. Das Ritenministerium sah, dass der heutige Herrscher die kindliche Pietät besonders hoch achtete, und wagte nicht eigenmächtig zu entscheiden, sondern reichte ein Gesuch ein. Der Himmelssohn war von außerordentlicher Menschlichkeit und kindlicher Pietät und ehrte zudem die Nachkommen verdienter Minister. Als er das Gesuch sah, erkundigte er sich sogleich nach Kaufmann Andachts Rang. Das Ritenministerium berichtete: „Er war als Jinshi | + | Als Kaufmann Schein-Echt von der Nachricht erfuhr, bat er sofort um Urlaub. Er und Kaufmann Herrlichkeit [贾蓉] hatten beide offizielle Ämter. Das Ritenministerium sah, dass der heutige Herrscher die kindliche Pietät besonders hoch achtete, und wagte nicht eigenmächtig zu entscheiden, sondern reichte ein Gesuch ein. Der Himmelssohn war von außerordentlicher Menschlichkeit und kindlicher Pietät und ehrte zudem die Nachkommen verdienter Minister. Als er das Gesuch sah, erkundigte er sich sogleich nach Kaufmann Andachts Rang. Das Ritenministerium berichtete: „Er war als Jinshi <ref>erfolgreicher Kandidat der höchsten Beamtenprüfung</ref> berufen; sein vererbter Rang wurde bereits seinem Sohn Kaufmann Schein-Echt übertragen. Da Kaufmann Andacht in vorgerücktem Alter und bei schwacher Gesundheit war, pflegte er seine Ruhe außerhalb der Hauptstadt im Xuanzhen-Kloster. Nun ist er dort an seiner Krankheit verstorben. Sein Sohn Zhen und sein Enkel Rong befinden sich derzeit wegen der Staatstrauer im Gefolge des Kaisers; daher bitten sie um Urlaub zur Beisetzung." Der Himmelssohn ordnete daraufhin einen besonderen Gnadenerlass an: „Obwohl Kaufmann Andacht als gewöhnlicher Privatmann keine Verdienste um den Staat erworben hat, soll ihm in Anbetracht der Verdienste seiner Vorfahren posthum der Rang der fünften Stufe verliehen werden. Sein Sohn und Enkel dürfen den Sarg durch das Nördliche Abwärtstor in die Hauptstadt bringen und in seiner Privatresidenz bestatten. Nach vollständiger Durchführung der Trauerrituale dürfen sie den Sarg in die Heimat zurückführen. Das Amt für Kaiserliche Opfer soll gemäß dem Hofprotokoll ein Opfer darbringen. Alle Beamten vom Rang eines Fürsten abwärts dürfen ihre Beileidsbesuche abstatten. So sei es befohlen." Nach diesem Erlass dankten nicht nur die Mitglieder der Kaufmann-Familie, sondern alle Beamten bei Hofe priesen den Kaiser ohne Ende. |
| − | Kaufmann Schein-Echt und sein Sohn ritten Tag und Nacht. Auf halbem Wege kamen ihnen Jia Jun und Jia Guang mit Hausbediensteten zu Pferde entgegen. Als sie Kaufmann Schein-Echt erblickten, sprangen sie aus dem Sattel und begrüßten ihn. Kaufmann Schein-Echt fragte eilig: „Was gibt es?" Jia Jun antwortete: „Die Schwägerin befürchtete, Ihr und der Neffe kämet allein, und die Alte Herrin hätte auf der Reise niemanden bei sich, deshalb hat sie uns beide geschickt, um die Alte Herrin zu geleiten." Kaufmann Schein-Echt hörte das und lobte ohne Ende. Er fragte, wie zu Hause alles geregelt worden sei. Jia Jun und die anderen berichteten alles der Reihe nach: wie sie die Mönche festgenommen, den Leichnam zum Familientempel gebracht, und — weil niemand zu Hause war — die Schwiegermutter und die beiden Tanten | + | Kaufmann Schein-Echt und sein Sohn ritten Tag und Nacht. Auf halbem Wege kamen ihnen Jia Jun und Jia Guang mit Hausbediensteten zu Pferde entgegen. Als sie Kaufmann Schein-Echt erblickten, sprangen sie aus dem Sattel und begrüßten ihn. Kaufmann Schein-Echt fragte eilig: „Was gibt es?" Jia Jun antwortete: „Die Schwägerin befürchtete, Ihr und der Neffe kämet allein, und die Alte Herrin hätte auf der Reise niemanden bei sich, deshalb hat sie uns beide geschickt, um die Alte Herrin zu geleiten." Kaufmann Schein-Echt hörte das und lobte ohne Ende. Er fragte, wie zu Hause alles geregelt worden sei. Jia Jun und die anderen berichteten alles der Reihe nach: wie sie die Mönche festgenommen, den Leichnam zum Familientempel gebracht, und — weil niemand zu Hause war — die Schwiegermutter und die beiden Tanten <ref>die zwei Schwestern der Frau You, die später noch eine bedeutende Rolle spielen</ref> eingeladen hatten, im Hauptgebäude zu wohnen. Kaufmann Herrlichkeit war inzwischen auch abgestiegen. Als er hörte, dass die beiden Tanten gekommen waren, wechselte er mit Kaufmann Schein-Echt einen vielsagenden Blick und grinste. Kaufmann Schein-Echt rief eilig mehrmals: „Ausgezeichnet!", gab seinem Pferd die Sporen und ritt weiter, ohne irgendwo einzukehren. Die ganze Nacht hindurch wechselten sie die Pferde und galoppierten. An einem Tag erreichten sie die Hauptstadt und ritten geradewegs zum Eiserne-Schwelle-Kloster. Es war bereits die vierte Nachtwache; die Wachleute, als sie die Nachricht hörten, weckten eilig alle. Kaufmann Schein-Echt stieg vom Pferd, und er und Kaufmann Herrlichkeit brachen in lautes Weinen aus. Vom großen Tor aus krochen sie auf Knien hinein, warfen sich vor dem Sarg nieder und wehklagten blutige Tränen, bis es hell wurde und ihre Stimmen heiser waren. Frau You und alle anderen kamen zur Begrüßung. Kaufmann Schein-Echt und sein Sohn wechselten vorschriftsmäßig die Trauerkleidung und warfen sich vor dem Sarg nieder. Doch da es unvermeidlich war, die Angelegenheiten zu regeln, konnten sie nicht blind und taub für alles sein; sie mussten ihre Trauer ein wenig zurückdrängen, um die Leute anzuweisen. Kaufmann Schein-Echt erzählte den versammelten Verwandten und Freunden vom kaiserlichen Gnadenerlass und schickte dann Kaufmann Herrlichkeit voraus nach Hause, um die Aufbahrung vorzubereiten. |
| − | Kaufmann Herrlichkeit ließ sich das nicht zweimal sagen und ritt im Galopp nach Hause. Eilig ordnete er an: im Vorsaal Tische und Stühle wegräumen, Trennwände abnehmen, Trauertücher aufhängen, vor dem Tor ein Podest für die Trommler und einen Ehrenbogen aufstellen. Dann eilte er hinein, um seine Stiefgroßmutter und die beiden Tanten zu begrüßen. Die alte Frau You schlief gern tagsüber wegen ihres hohen Alters und lag gewöhnlich herum; die Zweite Tante und die Dritte Tante | + | Kaufmann Herrlichkeit ließ sich das nicht zweimal sagen und ritt im Galopp nach Hause. Eilig ordnete er an: im Vorsaal Tische und Stühle wegräumen, Trennwände abnehmen, Trauertücher aufhängen, vor dem Tor ein Podest für die Trommler und einen Ehrenbogen aufstellen. Dann eilte er hinein, um seine Stiefgroßmutter und die beiden Tanten zu begrüßen. Die alte Frau You schlief gern tagsüber wegen ihres hohen Alters und lag gewöhnlich herum; die Zweite Tante und die Dritte Tante <ref>die späteren You Erjie und You Sanjie</ref> saßen mit den Mädchen bei der Handarbeit. Als er kam, bekundeten alle ihr Beileid. Kaufmann Herrlichkeit aber grinste frech die Zweite Tante an und sagte: „Zweite Tante, du bist wieder da! Unser Vater hat gerade an dich gedacht." Die Zweite Tante You errötete und schimpfte: „Du Rong-Junge! Wenn ich dir ein paar Tage lang nicht den Kopf wasche, überstehst du das nicht. Du hast wirklich jeden Anstand verloren! Und das nennst sich ein Sohn aus gutem Hause, der jeden Tag Bücher liest und Manieren lernt — du bist ja nicht einmal so gesittet wie die Kinder von armen Leuten!" Damit griff sie nach einem Bügeleisen und holte zum Schlag aus. Erschrocken flüchtete Kaufmann Herrlichkeit in ihren Schoß, den Kopf schützend, und bat um Gnade. Die Dritte Tante kam herbei und kniff ihn in die Lippen, wobei sie sagte: „Warte, bis die Schwester nach Hause kommt — wir sagen es ihr!" Kaufmann Herrlichkeit kniete lachend auf dem Kang und bat um Verzeihung; die beiden lachten ebenfalls. Dann balgte sich Kaufmann Herrlichkeit noch mit der Zweiten Tante um Kardamomkörner; die Zweite Tante kaute das Fruchtfleisch und spuckte ihm den Brei ins Gesicht. Kaufmann Herrlichkeit leckte sich alles mit der Zunge ab. Die Mädchen konnten es nicht mit ansehen und sagten lachend: „Ihr tragt doch Trauerkleidung, und die alte Herrin schläft gerade! Die beiden Tanten mögen jung sein, aber sie sind doch Verwandte der Herrin — Ihr schert Euch überhaupt nicht um die Herrin! Wenn wir es dem Herrn sagen, werdet Ihr Euch warm anziehen müssen." Kaufmann Herrlichkeit ließ die Tanten los und umarmte stattdessen die Mädchen: „Mein Herzblatt, du hast völlig recht — necken wir die beiden doch!" Die Mädchen stießen ihn weg und schimpften: „Du Nichtsnutz mit deinem kurzen Leben! Du hast doch selbst Frau und Mägde — warum belästigst du uns! Die Verständigen sagen, es sei Spaß; die Unverständigen — und dann gibt es noch die Bösartigen und Klatschmäuler —, die erzählen es überall herum, und wer im Palast drüben wüsste nicht, wer redete nicht hinter vorgehaltener Hand, dass es bei uns hier drunter und drüber ginge!" Kaufmann Herrlichkeit lachte: „Jede Familie hat ihren eigenen Haushalt — wer kümmert sich um wen? Wir alle haben genug zu tun. Seit alters her — selbst in der Han- und Tang-Dynastie sagt man ‚schmutzige Tang, stinkende Han' — welche Familie hat keine Liebesaffären? Fordert mich nicht heraus, alles aufzuzählen! Sogar drüben — der Erste Herr ist so streng, und trotzdem treibt es Onkel Lian mit der jungen Konkubine! Und Tante Feng ist so unnachgiebig, aber Onkel Rui wollte trotzdem an sie heran. Was davon wüsste ich nicht!" |
Während Kaufmann Herrlichkeit noch ungehemmt plapperte, wachte seine Stiefgroßmutter auf. Er eilte, ihr seine Aufwartung zu machen und Grüße zu überbringen: „Vielen Dank, dass die Frau Großmutter sich die Mühe gemacht hat — und den beiden Tanten vielen Dank für ihre Aufopferung. Wir alle — Vater und Sohn — sind zutiefst dankbar. Sobald die Trauerfeierlichkeiten beendet sind, kommen wir mit der ganzen Familie, um Ihnen unsere Ehrerbietung zu erweisen." Die alte Frau You nickte: „Mein Junge, du verstehst zu reden. Unter Verwandten versteht sich das von selbst." Dann fragte sie: „Wie geht es deinem Vater? Wann hat er die Nachricht erhalten und ist angekommen?" Kaufmann Herrlichkeit lachte: „Er ist gerade erst eingetroffen und hat mich vorausgeschickt, um nach Ihnen zu sehen. Wir bitten Sie inständig, wenigstens bis zum Ende der Feierlichkeiten zu bleiben." Dabei zwinkerte er der Zweiten Tante zu. Die Zweite Tante You zischte ihm leise und zähneknirschend zu: „Du geschwätziges Affenbalg — willst du, dass wir bleiben und deinem Vater als Mutter dienen!" Kaufmann Herrlichkeit neckte noch seine Stiefgroßmutter: „Seid unbesorgt — Vater macht sich jeden Tag Sorgen um die beiden Tanten und sucht nach zwei Bräutigamen, die angesehene Familie haben, reich und jung und hübsch sind, um die beiden Tanten standesgemäß zu verheiraten. Aber seit Jahren hat er noch keinen Passenden gefunden — erst neulich, unterwegs, hat er endlich einen ins Auge gefasst." Die alte Frau You hielt das für Ernst und fragte sofort, wessen Sohn es sei. Die beiden Schwestern warfen ihre Handarbeit hin und liefen lachend hinter Kaufmann Herrlichkeit her, um ihn zu schlagen: „Mama, glaub dem Blitzschlag von einem Jungen kein Wort!" Sogar die Mädchen sagten: „Der Himmelsvater hat Augen — pass auf den Blitz auf!" Gerade kam jemand, um zu melden: „Alles ist fertig — bitte kommen der Junge Herr und kontrollieren es, damit er dem Herrn berichten kann." Damit ging Kaufmann Herrlichkeit grinsend davon. | Während Kaufmann Herrlichkeit noch ungehemmt plapperte, wachte seine Stiefgroßmutter auf. Er eilte, ihr seine Aufwartung zu machen und Grüße zu überbringen: „Vielen Dank, dass die Frau Großmutter sich die Mühe gemacht hat — und den beiden Tanten vielen Dank für ihre Aufopferung. Wir alle — Vater und Sohn — sind zutiefst dankbar. Sobald die Trauerfeierlichkeiten beendet sind, kommen wir mit der ganzen Familie, um Ihnen unsere Ehrerbietung zu erweisen." Die alte Frau You nickte: „Mein Junge, du verstehst zu reden. Unter Verwandten versteht sich das von selbst." Dann fragte sie: „Wie geht es deinem Vater? Wann hat er die Nachricht erhalten und ist angekommen?" Kaufmann Herrlichkeit lachte: „Er ist gerade erst eingetroffen und hat mich vorausgeschickt, um nach Ihnen zu sehen. Wir bitten Sie inständig, wenigstens bis zum Ende der Feierlichkeiten zu bleiben." Dabei zwinkerte er der Zweiten Tante zu. Die Zweite Tante You zischte ihm leise und zähneknirschend zu: „Du geschwätziges Affenbalg — willst du, dass wir bleiben und deinem Vater als Mutter dienen!" Kaufmann Herrlichkeit neckte noch seine Stiefgroßmutter: „Seid unbesorgt — Vater macht sich jeden Tag Sorgen um die beiden Tanten und sucht nach zwei Bräutigamen, die angesehene Familie haben, reich und jung und hübsch sind, um die beiden Tanten standesgemäß zu verheiraten. Aber seit Jahren hat er noch keinen Passenden gefunden — erst neulich, unterwegs, hat er endlich einen ins Auge gefasst." Die alte Frau You hielt das für Ernst und fragte sofort, wessen Sohn es sei. Die beiden Schwestern warfen ihre Handarbeit hin und liefen lachend hinter Kaufmann Herrlichkeit her, um ihn zu schlagen: „Mama, glaub dem Blitzschlag von einem Jungen kein Wort!" Sogar die Mädchen sagten: „Der Himmelsvater hat Augen — pass auf den Blitz auf!" Gerade kam jemand, um zu melden: „Alles ist fertig — bitte kommen der Junge Herr und kontrollieren es, damit er dem Herrn berichten kann." Damit ging Kaufmann Herrlichkeit grinsend davon. | ||
Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel. | Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel. | ||
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== Anmerkungen == | == Anmerkungen == | ||
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Revision as of 12:40, 15 April 2026
Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 62 · 63 · 64 · 65 · 66 · 67 · 68 · 69 · 70 · 71 · 81 · 91 · 101 · 111 · ← Inhalt
寿怡红群芳开夜宴 / 死金丹独艳理亲丧
Kapitel 63
Schatzjade [宝玉]s Geburtstag: In der Nacht ziehen die Mädchen Blumenlose Bei Kaufmann Andacht [贾敬]s Ableben kehrt Kaufmann Schein-Echt [贾珍] in aller Eile in die Hauptstadt zurück
Schatzjade kehrte in sein Zimmer zurück, wusch sich die Hände und besprach sich mit Dufthauch [袭人]: „Heute Abend trinken wir Wein und vergnügen uns alle — da soll nichts förmlich zugehen. Was gibt es zu essen? Man sollte es ihnen rechtzeitig sagen, damit sie alles vorbereiten." Dufthauch lachte: „Sei unbesorgt! Heitermuster [晴雯], Moschusmond [麝月], Qiuwen und ich, wir vier, haben je fünf Qian Silber beigesteuert, zusammen zwei Liang. Fangguan, Bihen, Xiaoyan und Si'er, die vier, haben je drei Qian gegeben — die, die frei hatten, zählen nicht mit —, zusammen drei Liang und zwei Qian Silber. Das alles haben wir längst der Schwägerin Liu gegeben, damit sie vierzig Schälchen Nüsse und Früchte vorbereitet. Ich habe mit Friedchen [平儿] gesprochen, und man hat schon einen Krug guten Shaoxing-Wein herübergetragen und dort drüben versteckt. Wir acht feiern ganz allein deinen Geburtstag." Als Schatzjade das hörte, rief er freudig: „Wo haben die denn das Geld her? Ich hätte sie nicht ausgeben lassen sollen!" Heitermuster sagte: „Die haben kein Geld — haben wir etwa welches? Das kommt von jedem aus dem Herzen. Selbst wenn sie es gestohlen hätten — nimm ihre Zuneigung einfach an." Schatzjade hörte das und lachte: „Du hast recht." Dufthauch lachte: „Einen Tag, an dem sie dir nicht ein paar grobe Worte sagt, hältst du wohl nicht aus." Heitermuster lachte: „Du hast inzwischen auch Schlechtes gelernt — immerzu schürst du das Feuer!" Alle lachten. Schatzjade sagte: „Schließt das Hoftor." Dufthauch lachte: „Nicht umsonst sagt man, du seist ein ‚Vielbeschäftigter ohne Geschäft'. Wenn wir jetzt schon abschließen, erregt das nur Verdacht — warten wir lieber noch ein wenig." Schatzjade nickte und sagte: „Ich gehe kurz hinaus. Si'er soll Wasser holen; Xiaoyan, komm allein mit mir." Er ging hinaus. Als er sah, dass niemand in der Nähe war, fragte er nach der Sache mit Wu'er. Xiaoyan sagte: „Ich habe es der Schwägerin Liu erzählt; die hat sich sehr gefreut. Nur hat Wu'er in jener Nacht solches Unrecht erlitten und sich darüber aufgeregt, dass sie zu Hause wieder krank geworden ist — sie kann noch nicht kommen. Man muss warten, bis es ihr besser geht." Schatzjade hörte das und konnte Reue und Seufzen nicht unterdrücken. Dann fragte er: „Weiß Dufthauch davon?" Xiaoyan sagte: „Ich habe es ihr nicht gesagt; ob Fangguan es ihr erzählt hat, weiß ich nicht." Schatzjade sagte: „Ich habe es ihr auch nicht gesagt. Nun gut — ich sage es ihr selbst." Damit ging er wieder hinein und wusch sich zum Schein die Hände.
Es war bereits die Stunde des Lampenanzündens. Man hörte vor dem Hoftor eine Gruppe von Leuten eintreten. Alle spähten durch die Fenster und sahen tatsächlich Frau Lin Zhixiao mit einigen Verwalterinnen kommen, voraus eine Person mit einer großen Laterne. Heitermuster flüsterte lachend: „Sie kommen, um die Nachtwachen zu kontrollieren. Wenn sie erst fort sind, können wir das Tor schließen." Man sah, wie alle Nachtwächter des Yihongyuan hinauskamen, um sie zu begrüßen; Frau Lin Zhixiao musterte sie eingehend. Sie wies an: „Kein Glücksspiel, kein Weintrinken und nicht gleich mit dem Kopf voran einschlafen bis zum hellen Morgen! Wenn ich davon höre, gibt es Ärger!" Alle lachten: „Wo gäbe es jemanden, der so kühn wäre!" Frau Lin Zhixiao fragte noch: „Ist der Zweite Junge Herr Bao schon zu Bett gegangen?" Alle sagten, sie wüssten es nicht. Dufthauch stieß Schatzjade schnell an. Schatzjade schlüpfte in seine Schuhe und kam ihr lachend entgegen: „Ich bin noch nicht schlafen gegangen. Mütterchen, kommt herein und ruht euch aus!" Dann rief er: „Dufthauch, bring Tee!" Frau Lin Zhixiao trat eilig ein und sagte lachend: „Noch nicht im Bett? Jetzt sind die Tage lang und die Nächte kurz; man sollte früh schlafen gehen, damit man morgens rechtzeitig aufsteht. Sonst heißt es morgen, wenn du verschläfst, du seist kein studierender junger Herr mehr, sondern ein Lastenträger!" Schatzjade sagte eilig lachend: „Mütterchen hat recht. Gewöhnlich gehe ich jeden Tag früh zu Bett — wenn Mütterchen sonst hereinkommt, weiß ich es gar nicht, weil ich schon schlafe. Heute habe ich mir nur Sorgen gemacht, das Nudelessen könnte mir schwer im Magen liegen, und deshalb noch ein wenig herumgespielt." Frau Lin Zhixiao sagte dann lachend zu Dufthauch und den anderen: „Ihr solltet Pu'er-Tee aufbrühen." Dufthauch und Heitermuster sagten eilig lachend: „Wir haben schon einen Krug Mädchentee aufgebrüht und bereits zwei Schalen getrunken. Möchte die Frau auch eine probieren — es ist alles fertig." Heitermuster schenkte eine Schale ein. Frau Lin Zhixiao lachte dann noch: „In letzter Zeit habe ich bemerkt, dass der Zweite Junge Herr im Umgang mit diesen großen Fräulein schon angefangen hat, sie bei ihren Namen zu rufen. Obwohl sie hier in diesem Hause dienen, sind sie doch Leute der Alten Herrin und der Gnädigen Frau; im Reden sollte man ihnen gegenüber respektvoller sein. Wenn es hin und wieder einmal vorkommt, mag es angehen; ruft man sie aber ständig beim Namen, werden es die jüngeren Brüder und Neffen nachmachen, und die Leute werden sagen, in dieser Familie respektiere man die Älteren nicht." Schatzjade lachte: „Mütterchen hat recht. Es kommt nur gelegentlich vor." Dufthauch und Heitermuster lachten: „Da tut man ihm unrecht. Bis heute hat er immer ‚Schwester' gesagt. Nur beim Spielen sagt er manchmal den Namen; vor anderen Leuten ist es wie früher." Frau Lin Zhixiao lachte: „So ist es recht — das ist die Art eines gebildeten und wohlerzogenen jungen Herrn. Je bescheidener man selbst ist, desto mehr Respekt zeigt man. Von den altgedienten Leuten ganz zu schweigen — selbst eine Katze oder ein Hund aus dem Gemach der Alten Herrin oder der Gnädigen Frau darf man nicht leichtfertig verletzen. Das ist das Benehmen eines Herrensohnes, der gute Erziehung genossen hat." Damit trank sie ihren Tee und sagte: „Bitte legt Euch zur Ruhe. Wir gehen." Schatzjade bat noch: „Bleibt doch noch ein wenig." Aber Frau Lin Zhixiao hatte ihre Leute schon weggeführt, um andernorts weiterzukontrollieren.
Hier ließen Heitermuster und die anderen eilig das Tor schließen, kamen herein und sagten lachend: „Diese Dame hat wohl irgendwo einen Becher getrunken und kam nun hierher, um uns eine Standpauke zu halten!" Moschusmond lachte: „Sie meint es auch nicht böse. Sie muss die Dinge eben ab und zu erwähnen — zur Vorsicht, damit nichts aus dem Ruder läuft." Während sie sprachen, wurden Wein und Früchte aufgetragen. Dufthauch sagte: „Wir brauchen keinen richtigen Tisch. Nehmen wir den runden Palisander-Kangtisch, stellen ihn auf den Kang [1] — da ist es geräumig und bequem." Gesagt, getan. Moschusmond und Si'er gingen hinüber, um die Früchte zu holen, und brauchten mit zwei großen Teetabletts vier oder fünf Gänge. Zwei alte Dienerinnen hockten draußen am Feuerbecken und wärmten den Wein. Schatzjade sagte: „Es ist warm — ziehen wir alle die Obergewänder aus, das ist angenehmer." Alle lachten: „Wenn du dich ausziehen willst, tu es — wir müssen noch der Reihe nach das Gastmahl eröffnen." Schatzjade lachte: „Diese Eröffnung dauert ja bis zur fünften Nachtwache. Ihr wisst doch, wie sehr ich solche Förmlichkeiten hasse. Vor Fremden geht es nicht anders, aber hier und jetzt mich damit zu quälen, ist nicht schön." Alle hörten das und sagten: „Wie du willst." Also setzte man sich noch nicht hin, sondern machte sich erst an das Ablegen von Schmuck und Kleidung.
Bald hatten alle die Festgewänder abgelegt; die Haare waren nur locker hochgesteckt, und alle trugen lange Röcke und kurze Jäckchen. Schatzjade hatte nur ein kleines, dunkelrotes, baumwollenes Jäckchen an, darunter grüne, mit spritzender Tusche bedruckte Seidenhosen, die Hosenbeine lose herabhängend. Er lehnte an einem neuen, jadegrünen Doppelgaze-Kissen, das mit Blütenblättern verschiedener Rosen und Päonien gefüllt war, und spielte mit Fangguan Fingerwerfen. Fangguan klagte über die Hitze und trug nur ein kleines, gefüttertes Jäckchen aus dreierlei Atlasstreifen in Jade, Rot und Blaugrün — einem sogenannten ‚Reisfeld-Jäckchen' —, mit einem weidengrünen Schweißtuch gegürtet. Darunter blassrote, geblümte gefütterte Hosen, ebenfalls mit losen Hosenbeinen. Auf dem Kopf hatte sie rings um Stirn und Schläfen ein Geflecht kleiner Zöpfchen, die alle am Scheitel zusammengeführt und zu einem einzigen dicken Zopf, gänseeigroß, geflochten wurden, der im Nacken herabhing. Im rechten Ohrloch steckte nur ein winziger Jadestöpsel, nicht größer als ein Reiskorn; am linken Ohr hing ein einzelner großer, rotgoldener Ohranhänger, so groß wie eine Ginkgonuss. Damit wirkte ihr Gesicht noch mehr wie ein Vollmond, nur weißer, und ihre Augen noch klarer als Herbstwasser. Alle lachten: „Die beiden sehen aus wie Zwillingsbrüder!" Dufthauch und die anderen schenkten allen der Reihe nach Wein ein und sagten: „Wartet noch ein wenig mit dem Fingerwerfen. Obwohl wir keine förmliche Tafel halten, trinkt doch jeder von uns einen Schluck aus unserer Hand." So begann Dufthauch: Sie führte den Becher an die Lippen und trank einen Schluck; dann folgten die anderen der Reihe nach. Als alle getrunken hatten, setzte man sich erst im Kreis zusammen. Xiaoyan und Si'er hatten am Kangrand keinen Platz mehr und stellten sich zwei Stühle dicht an den Kang. Die vierzig Schälchen waren alle aus weißem Dingyao-Porzellan [2], nicht größer als kleine Teetassen, und enthielten Delikatessen aus nah und fern, von Inland und Übersee, getrocknet und frisch, aus Wasser und zu Lande — alles, was es an Weinspeisen, Früchten und Gemüsen unter dem Himmel gab. Schatzjade sagte: „Wir sollten ein Trinkspiel spielen." Dufthauch sagte: „Etwas Feines, bitte — kein großes Geschrei, damit die Leute es nicht hören. Und wir können nicht lesen, also nichts Literarisches." Moschusmond lachte: „Nehmen wir Würfel und spielen ‚Rot fangen'." Schatzjade sagte: „Das ist langweilig. Spielen wir lieber ‚Blumennamen-Lose ziehen'!" Heitermuster lachte: „Genau — das wollte ich schon lange!" Dufthauch sagte: „Das Spiel ist zwar hübsch, aber mit wenigen Leuten macht es keinen Spaß." Xiaoyan lachte: „Ich schlage vor, wir holen ganz leise Fräulein Bao und Fräulein Lin dazu — dann spielen wir eine Runde, und um die zweite Nachtwache gehen wir schlafen." Dufthauch sagte: „Dann müssten wir wieder die Tür öffnen und Lärm machen — und wenn uns die Nachtwache erwischt?" Schatzjade sagte: „Was soll schon geschehen? Unser Drittes Fräulein trinkt auch Wein — laden wir sie gleich mit ein. Und Fräulein Qin." Alle sagten: „Fräulein Qin lieber nicht — sie wohnt bei der Ersten Herrin, das gäbe zuviel Umstände." Schatzjade sagte: „Was soll's — geht schnell und ladet sie ein!" Xiaoyan und Si'er ließen sich das nicht zweimal sagen; sie ließen das Tor öffnen und gingen getrennt los, um einzuladen.
Heitermuster, Moschusmond und Dufthauch sagten dann: „Wenn die beiden gehen, werden Bao und Lin vermutlich nicht kommen wollen — wir müssen selbst hin und sie mit sanfter Gewalt herbeibringen." Also ließen Dufthauch und Heitermuster eine alte Dienerin eine Laterne nehmen und gingen ebenfalls. Tatsächlich sagte Schatzspange [宝钗], es sei zu spät in der Nacht, und Kajaljade [黛玉], sie fühle sich nicht wohl. Die beiden baten dreimal: „Erweist uns doch ein wenig Ehre und setzt euch nur kurz zu uns." Spürfrühling [探春] dagegen freute sich über die Einladung, dachte aber: „Wenn wir Li Schleierfrau [李纨] nicht einladen und sie erfährt davon, wäre das schlecht." Also schickte sie Cuimo mit Xiaoyan los, die auch Li Schleierfrau und Schatzzither [宝琴] noch drei Mal einluden. So versammelten sich schließlich alle nacheinander im Yihongyuan. Dufthauch holte um jeden Preis auch Xiangling herbei. Auf dem Kang stellte man noch einen weiteren Tisch dazu, damit alle Platz fanden.
Schatzjade rief sogleich: „Schwester Lin friert leicht — setz dich hierher an die Bretterwand." Er schob ihr noch ein Rückenpolster hin. Dufthauch und die anderen holten Stühle und setzten sich am Kangrand dazu, als Begleiterinnen. Kajaljade setzte sich weit vom Tisch entfernt, lehnte sich ans Polster und sagte lachend zu Schatzspange, Li Schleierfrau, Spürfrühling und den anderen: „Ihr redet Tag für Tag davon, wie die Leute nachts zechen und spielen — und heute tun wir es selbst! Wie wollen wir ihnen künftig Vorhaltungen machen?" Li Schleierfrau lachte: „Was macht das schon? Im ganzen Jahr kommt das nur zu Geburtstagen und Festen vor — nicht jede Nacht. Da braucht man sich keine Sorgen zu machen." Während sie sprachen, brachte Heitermuster einen geschnitzten Bambusbecher mit elfenbeinernen Blumennamen-Losen darin, schüttelte ihn und stellte ihn in die Mitte. Dann holte sie die Würfel, legte sie in die Dose, schüttelte und öffnete: fünf Augen. Man zählte — es traf Schatzspange. Schatzspange lachte: „Dann ziehe ich zuerst — ich bin gespannt, was ich bekomme." Sie schüttelte den Becher, griff hinein und zog ein Los. Alle schauten: Darauf war eine Päonienblüte gemalt, darüber stand „Schönste unter allen Blüten" in vier Zeichen, und darunter ein Vers aus einem Tang-Gedicht, fein eingraviert:
Selbst gefühllos rührt sie noch die Menschen.
Darunter stand: „Alle Anwesenden trinken gemeinsam einen Becher zur Feier der Königin der Blumen. Die Loszieherin darf beliebig jemanden auffordern — gleich ob Gedicht, Vers oder Scherz —, einen Trinkspruch zu sagen." Alle lachten: „Wie treffend — du bist wirklich zur Päonie geboren!" Man trank gemeinsam auf sie. Nachdem Schatzspange getrunken hatte, sagte sie lachend: „Fangguan soll uns ein Lied singen." Fangguan sagte: „Wenn schon, dann trinkt alle erst euren Türbecher, bevor ihr zuhört." Also tranken alle. Fangguan begann zu singen: „Am Geburtstagsfest erstrahlt alles in Glanz ..." Alle riefen: „Hör auf damit! Hier braucht niemand Geburtstagshuldigungen — sing uns das Allerbeste!" Fangguan sang also fein und langsam die Arie „Zur Blumenbeschau" (Shanghuashi):
Des Smaragdphönix Federschweif wird zum Besen gebunden, Müßig fegt er am Himmelstor die fallenden Blüten; Seht, wie der Wind den Jadestaub aufwirbelt! Plötzlich senkt sich eine Wolkenschicht herab — Wie weit ist doch das Himmelstor von der Welt! Ruht, das Schwert nach dem Gelben Drachen zu schwingen, um Haaresbreite daneben; Ruht, beim alten Dong den Wein des Elends zu kaufen; Lasst Euer Auge gen Wolken und Abendrot schweifen! O Lü Dongbin — wenn Ihr einen Menschen gewonnen habt, Kommt nur bald mit der Antwort zurück! Doch wenn Ihr zaudert — ach, welch dauernden Gram Hinterlasst Ihr mit den Pfirsichblüten!
Schatzjade aber hielt noch immer das Los in der Hand und murmelte unaufhörlich „Selbst gefühllos rührt sie noch die Menschen" vor sich hin; er hörte dem Lied zu und starrte Fangguan schweigend an. Wolke vom Xiang-Fluss [湘云] riss ihm das Los rasch aus der Hand und warf es Schatzspange zu. Schatzspange warf die Würfel — sechzehn Augen — und es traf Spürfrühling. Spürfrühling lachte: „Ich bin gespannt, was ich bekomme!" Sie zog ein Los, sah es an, warf es auf den Boden, wurde rot und lachte: „Das taugt nichts — dieses Spiel hätten wir nicht spielen sollen! Das ist eigentlich ein Spiel für die Männer draußen, mit allerhand anzüglichen Sprüchen darauf." Niemand verstand; Dufthauch und die anderen hoben es eilig auf. Alle sahen: darauf war ein Aprikosenblütenzweig, mit den roten Zeichen „Himmlische Frucht des Jadeteichs", und der Vers lautete:
Am Sonnenrand steht rot die Aprikose, an Wolken gelehnt gepflanzt.
Darunter stand: „Wer dieses Los zieht, wird gewiss einen vornehmen Gemahl bekommen. Alle gratulieren mit einem gemeinsamen Becher." Alle lachten: „Ach so, deswegen! Dieses Spiel stammt ja aus dem Frauengemach — bis auf zwei, drei solcher Lose mit Heiratsanspielungen sind keine anstößigen Sprüche dabei; was macht das schon! In unserem Haus gibt es bereits eine Kaiserliche Gemahlin [3] — sollst etwa auch du eine Kaiserin werden? Großes Glück, großes Glück!" Damit schenkten ihr alle ein. Spürfrühling wollte partout nicht trinken, doch Wolke vom Xiang-Fluss, Xiangling, Li Schleierfrau und drei, vier andere zwangen sie mit Gewalt, den Becher zu leeren. Spürfrühling verlangte, dieses Spiel abzuschaffen und ein anderes zu spielen, doch niemand wollte das zulassen. Wolke vom Xiang-Fluss ergriff ihre Hand und warf für sie: neunzehn Augen — es traf Li Schleierfrau. Li Schleierfrau schüttelte den Becher, zog ein Los und lachte: „Wunderbar! Seht euch das an — dieses Ding hat durchaus seinen Witz!" Alle sahen: ein alter Pflaumenzweig, darauf „Frostig-kalte Schönheit im Morgengrauen", und das Gedicht lautete:
Hinter Bambuszaun und Strohdach fügt sie sich zufrieden.
Darunter stand: „Trinkt allein einen Becher; der Nächste würfelt." Li Schleierfrau lachte: „Wirklich amüsant! Werft ihr nur weiter. Ich trinke mein Glas allein und kümmere mich nicht um euer Auf und Ab." Damit trank sie und gab die Würfel an Kajaljade weiter. Kajaljade warf achtzehn Augen — es traf Wolke vom Xiang-Fluss. Wolke vom Xiang-Fluss krempelte lachend die Ärmel hoch und zog ein Los. Alle sahen: eine Begonienblüte, darauf „Duftender Traum in tiefem Schlummer", und der Vers lautete:
Ich fürchte nur, die Blume schläft ein in tiefer Nacht.
Kajaljade lachte: „Die Worte ‚tiefe Nacht' sollte man durch ‚kühler Stein' ersetzen!" [4] Alle verstanden den Witz und lachten. Wolke vom Xiang-Fluss zeigte lachend auf das Los, wo ein kleines Boot abgebildet war, und sagte zu Kajaljade: „Steig schnell ein und fahr davon — und halt den Mund!" Alle lachten wieder. In der Anmerkung stand: „Da es heißt ‚Duftender Traum in tiefem Schlummer', darf die Loszieherin keinen Wein trinken; stattdessen trinken die Nachbarn links und rechts je einen Becher." Wolke vom Xiang-Fluss klatschte lachend in die Hände: „Amitabha — wirklich ein gutes Los!" Und siehe da: Kajaljade war ihre obere und Schatzjade ihre untere Nachbarin. Die beiden mussten je einen Becher trinken. Schatzjade trank die Hälfte seines Bechers, und als niemand hinsah, reichte er ihn Fangguan, die ihn schnell austrank. Kajaljade plauderte mit den anderen und goss ihren Wein unbemerkt in den Spülnapf. Wolke vom Xiang-Fluss nahm die Würfel und warf neun Augen — es traf Moschusmond. Moschusmond zog ein Los: eine Teerose, darauf „Höhepunkt der Jugend und Schönheit", und der Vers lautete:
Wenn die Teerose blüht, ist die Blütezeit vorbei.
Darunter stand: „Alle Anwesenden trinken drei Becher zum Abschied des Frühlings." Moschusmond fragte, was das bedeute. Schatzjade runzelte besorgt die Stirn, verbarg das Los eilig und sagte: „Trinken wir einfach." Alle nahmen drei Schlucke, die als drei Becher galten. Moschusmond warf neunzehn Augen — es traf Xiangling. Xiangling zog ein Los mit einer Zwillingsblüte, darauf „Vereinter Frühling, umrankendes Glück", und der Vers lautete:
Am Ast der Ehestandsblume blüht es gerade.
Darunter stand: „Alle gratulieren der Loszieherin mit drei Bechern; dazu trinkt jeder einen Becher mit." Xiangling warf dann sechs Augen — es traf Kajaljade. Kajaljade dachte im Stillen: „Ich weiß nicht, was Schönes noch übrig ist — hoffentlich ziehe ich ein gutes." Sie griff hinein und zog ein Los: eine Lotusblüte (Hibiskus), darauf „Klarer Kummer in Wind und Tau", und der Vers lautete:
Klage nicht den Ostwind an — beklage dich selbst.
Darunter stand: „Trinkt allein einen Becher; die Päonie begleitet mit einem Becher." Alle lachten: „Das ist wundervoll! Außer ihr gebührt niemandem die Lotusblüte." Kajaljade lachte ebenfalls. Man trank. Dann warf Kajaljade zwanzig Augen — es traf Dufthauch. Dufthauch zog ein Los: ein Pfirsichblütenzweig, darauf „Anderes Land von Wuling" [5], und der Vers lautete:
Pfirsichrot — wieder ein neuer Frühling.
Darunter stand: „Die Aprikosenblüte begleitet mit einem Becher; wer unter den Anwesenden im gleichen Jahr geboren ist, begleitet mit einem Becher; wer zur gleichen Stunde geboren, begleitet mit einem Becher; wer denselben Familiennamen hat, begleitet mit einem Becher." Alle lachten: „Diesmal wird es lustig!" Man rechnete nach: Xiangling, Heitermuster und Schatzspange waren alle im gleichen Jahr geboren wie Dufthauch; Kajaljade war zur gleichen Stunde geboren; nur gab es niemanden mit demselben Familiennamen. Fangguan rief eilig: „Ich heiße auch Hua [6] — ich begleite auch mit einem Becher!" Also wurde eingeschenkt. Kajaljade sagte lachend zu Spürfrühling: „Du bist die Aprikosenblüte, der ein vornehmer Gemahl bestimmt ist — trink schnell, damit wir auch trinken können!" Spürfrühling lachte: „Was soll das! Die ältere Schwägerin soll sie zur Strafe schlagen." Li Schleierfrau lachte: „Statt den vornehmen Bräutigam zu bekommen, bekommt sie Prügel — das bringe ich nicht übers Herz!" Alle lachten.
Gerade als Dufthauch werfen wollte, hörte man jemanden am Tor klopfen. Eine alte Dienerin ging eilig hinaus und kam mit der Nachricht: Tante Schnee hatte jemanden geschickt, um Kajaljade abzuholen. Man fragte, wie spät es sei; es wurde geantwortet: „Nach der zweiten Nachtwache; die Uhr hat elf geschlagen." Schatzjade glaubte es nicht und verlangte die Taschenuhr; als er nachsah, war es bereits zehn Minuten nach Beginn der Zi-Stunde [7]. Kajaljade erhob sich und sagte: „Ich halte es nicht mehr aus — ich muss nach Hause und noch meine Medizin nehmen." Alle sagten: „Wir sollten auch aufbrechen." Dufthauch und Schatzjade wollten alle noch halten. Li Schleierfrau und Schatzspange sagten: „Es ist viel zu spät — das geht nicht. Wir haben heute ohnehin die Regel gebrochen." Dufthauch sagte: „Wenn es denn sein muss — jede trinkt noch einen letzten Becher." Heitermuster und die anderen hatten schon eingeschenkt; alle tranken und ließen Laternen anzünden. Dufthauch und die anderen geleiteten die Gäste noch über den Qinfang-Pavillon-Fluss hinüber, bevor sie zurückkehrten.
Man schloss das Tor, und alle spielten von Neuem. Dufthauch und die anderen schenkten noch einige große Becher ein und bereiteten ein Tablett mit verschiedenen Früchten und Speisen für die alten Dienerinnen draußen. Als alle drei Zehntel betrunken waren, ging es zum Fingerwerfen und zum Singen kleiner Lieder über. Es war schon die vierte Nachtwache; die alten Dienerinnen aßen von der einen Seite offen, von der anderen stibitzten sie heimlich — der Weinkrug war leer. Alle wunderten sich, machten sich dann aber an die Abendtoilette und legten sich schlafen. Fangguans Wangen glühten rot wie Karmin; um Augenwinkel und Brauen lag noch mehr Anmut als zuvor. Sie konnte sich kaum noch aufrecht halten, lehnte sich an Dufthauchs Schulter und sagte: „Gute Schwester, mein Herz klopft so!" Dufthauch lachte: „Wer hat dich auch hemmungslos trinken lassen!" Xiaoyan und Si'er konnten ebenfalls nicht mehr und schliefen bereits. Heitermuster rief noch immer. Schatzjade sagte: „Hör auf zu rufen — legen wir uns einfach ein wenig hin." Er legte seinen Kopf auf das rote, duftende Kissen, drehte sich zur Seite und schlief ebenfalls ein. Dufthauch fürchtete, dass Fangguan im Rausch erbrechen könnte und jemanden störte; so stand sie leise auf, bettete Fangguan neben Schatzjade und ließ sie dort schlafen. Sie selbst legte sich auf die gegenüberliegende Liege.
Alle schliefen tief und süß und wussten von nichts. Als es Tag wurde, öffnete Dufthauch die Augen und sah das strahlend helle Tageslicht. „Es ist spät!" rief sie eilig. Sie blickte zum gegenüberliegenden Bett und sah Fangguan, den Kopf auf den Kangrand gelegt, noch immer fest schlafend. Hastig stand sie auf und weckte sie. Schatzjade hatte sich bereits umgedreht und war wach. Er lachte: „Haben wir verschlafen?" Dann rüttelte er Fangguan wach. Fangguan saß auf, rieb sich noch benommen die Augen. Dufthauch lachte: „Schämst du dich nicht? Du warst so betrunken — da hast du dich einfach hingelegt, ohne zu sehen, wo!" Fangguan schaute sich um, bemerkte erst jetzt, dass sie auf demselben Kang wie Schatzjade geschlafen hatte, und sprang lachend herunter: „Wie habe ich nur so trinken können, dass ich nichts mehr wusste!" Schatzjade lachte: „Ich wusste ja auch von nichts. Hätte ich es gewusst, hätte ich dir schwarze Tusche ins Gesicht geschmiert!" Die Mädchen kamen zum Morgenputz herein. Schatzjade lachte: „Gestern habt ihr mich bewirtet — heute Abend bin ich dran!" Dufthauch lachte: „Genug, genug — heute bitte kein Aufheben mehr! Wenn wir so weitermachen, fangen die Leute an zu reden." Schatzjade sagte: „Was soll's — es waren doch nur zweimal! Sind wir etwa Weintrinker? Dieser eine Krug Wein — wie kann er nur so schnell leer geworden sein? Gerade war es lustig, und schon war nichts mehr da." Dufthauch lachte: „Gerade so muss es sein — erst das macht es reizvoll. Wenn man bis zur völligen Erschöpfung trinkt, bleibt kein Nachgeschmack. Gestern waren alle so angeregt — Heitermuster hat sogar vergessen, sich zu schämen; ich glaube, sie hat ein Lied gesungen." Si'er lachte: „Schwester hat es vergessen — du hast doch auch gesungen! Wer am Tisch hat nicht gesungen!" Alle hörten das und wurden rot; sie hielten sich die Hände vor den Mund und lachten unaufhörlich.
Plötzlich kam Friedchen fröhlich lachend herein und sagte, sie lade persönlich alle ein, die gestern am Tisch gewesen seien: „Heute bin ich die Gastgeberin — es darf kein einziger fehlen!" Man bot ihr eilig einen Sitz und Tee an. Heitermuster lachte: „Schade, dass sie gestern Nacht nicht dabei war!" Friedchen fragte sofort: „Was habt ihr denn nachts getrieben?" Dufthauch sagte: „Das kann man dir gar nicht erzählen! Gestern Nacht war es so lustig wie nie zuvor — selbst wenn die Alte Herrin und die Gnädige Frau dabei gewesen wären und alle zum Spielen mitgenommen hätten, wäre es nicht so lustig gewesen. Einen ganzen Krug Wein haben wir geleert; eine nach der anderen hat alle Scham fahren lassen, und ganz unvermittelt fing plötzlich jede an zu singen. Erst nach der vierten Nachtwache sind wir kreuz und quer umgefallen und haben ein Nickerchen gemacht." Friedchen lachte: „Sehr schön! Da habe ich mir also umsonst den Wein für euch besorgt — und dann ladet ihr mich nicht einmal ein, sondern erzählt mir davon, nur um mich zu ärgern!" Heitermuster sagte: „Heute gibt er ein Gegenessen — da wird er dich bestimmt einladen; warte nur!" Friedchen fragte lachend: „‚Er' — wer ist ‚er', und wer ist ‚ihn'?" Heitermuster hörte das, lief ihr lachend nach und versetzte ihr einen Klaps: „Du hast aber feine Ohren — gleich jedes Wort aufschnappen!" Friedchen lachte: „Jetzt habe ich zu tun — ich muss los. Gleich schicke ich jemanden, um einzuladen. Wenn auch nur eine fehlt, komme ich persönlich und hole sie!" Schatzjade und die anderen wollten sie aufhalten, doch sie war schon fort.
Hier wusch sich Schatzjade und trank gerade Tee, als er zufällig unter dem Tuschstein ein Blatt Papier bemerkte. Er sagte: „Ihr dürft die Sachen nicht einfach irgendwohin legen und quetschen!" Dufthauch und Heitermuster fragten eilig: „Was ist nun wieder? Wer hat jetzt etwas falsch gemacht?" Schatzjade zeigte hin: „Was ist das unter dem Tuschstein? Bestimmt hat wieder jemand ein Muster vergessen einzuräumen!" Heitermuster hob eilig den Tuschstein auf und zog das Blatt hervor — es war eine Visitenkarte. Sie reichte sie Schatzjade; darauf stand auf rosafarbenem Briefpapier: „Wunderjade [妙玉], die Bewohnerin jenseits der Schwelle, verbeugt sich ehrfürchtig und glückwünschend aus der Ferne zum Geburtstag." Schatzjade sprang auf, als er es gelesen hatte, und rief: „Wer hat das entgegengenommen? Warum hat mir niemand etwas gesagt?" Dufthauch, Heitermuster und die anderen, die ihn so aufgeregt sahen und nicht wussten, von welcher bedeutenden Person die Karte stammte, fragten alle durcheinander: „Wer hat gestern eine Visitenkarte entgegengenommen?" Si'er kam eilig hereingelaufen und sagte lachend: „Gestern kam Wunderjade nicht persönlich — sie hat nur eine alte Dienerin geschickt. Ich habe sie dort hingelegt, und durch den Wein habe ich es dann vergessen." Alle hörten das und sagten: „Ach, von der kommt sie — warum so ein großes Aufheben? Das ist doch nichts Besonderes." Schatzjade rief eilig: „Schnell bringt mir Papier!" Man brachte Papier und rieb Tusche an. Er sah, dass Wunderjade sich „Bewohnerin jenseits der Schwelle" nannte, wusste aber nicht, welche Formulierung auf einer Antwortkarte dem ebenbürtig wäre. Er hielt den Pinsel in der Hand und starrte in die Luft — eine halbe Ewigkeit ohne Eingebung. Dann dachte er: „Wenn ich Schatzspange frage, wird sie es gewiss als bizarr und exzentrisch abtun. Besser, ich frage Kajaljade."
Er nahm die Karte, steckte sie in den Ärmel und ging geradewegs los, um Kajaljade zu suchen. Kaum war er am Qinfang-Pavillon vorbei, kam ihm Xiuyan zitternd und wankend entgegen. Schatzjade fragte eilig: „Wohin geht Schwester?" Xiuyan lachte: „Ich will zu Wunderjade, um mit ihr zu plaudern." Schatzjade hörte das verblüfft und sagte: „Sie ist ein eigenbrötlerischer Mensch, der nicht in die Welt passt — unter zehntausend Menschen findet sie keinen, der ihr genügt. Anscheinend schätzt sie dich aber wirklich — sie erkennt, dass du nicht zur Sorte gewöhnlicher Leute wie wir gehörst." Xiuyan lachte: „Ob sie mich wirklich schätzt, weiß ich nicht, aber wir waren zehn Jahre lang Nachbarn, nur durch eine Mauer getrennt. Sie lebte im Panxiang-Kloster zur geistlichen Übung; meine Familie war arm und mietete Zimmer in ihrem Tempel. Zehn Jahre lang wohnten wir dort, und wenn nichts zu tun war, ging ich zu ihr, um ihr Gesellschaft zu leisten. Alle Schriftzeichen, die ich kenne, habe ich von ihr gelernt. Wir sind zugleich Freundinnen aus ärmlichen Zeiten und stehen in einem Halb-Lehrer-Verhältnis. Als wir fortzogen, um Verwandte aufzusuchen, hörte ich, dass sie, weil sie ‚nicht in die Zeit passt', von den Mächtigen vertrieben worden war und hierher geflohen ist. Nun hat es das Schicksal gefügt, dass wir uns wiederbegegnen, und unsere alte Zuneigung ist unverändert — ja, ihre Wertschätzung ist noch größer als einst." Schatzjade hörte das wie einen Donnerschlag und rief erfreut: „Kein Wunder, dass Schwester in Haltung und Rede so erhaben ist, wie ein wilder Kranich in freien Wolken — es hat seinen Grund! Gerade beschäftigt mich eine Sache ihretwegen, und ich wollte jemanden um Rat fragen. Jetzt treffe ich dich — das ist wahrlich eine Fügung des Himmels! Bitte gib mir deinen Rat." Damit zeigte er Xiuyan die Visitenkarte. Xiuyan lachte: „Ihr Temperament lässt sich wohl nicht ändern — von Geburt an so extravagant und eigenwillig! Wer hat je gesehen, dass man auf Visitenkarten einen Beinamen setzt? Das ist wirklich, wie das Sprichwort sagt: ‚Weder Mönch noch Laie, weder Frau noch Mann' — was soll man davon halten?" Schatzjade sagte eilig lachend: „Schwester versteht das nicht. Sie zählt nicht zu den gewöhnlichen Menschen — sie ist ein Mensch jenseits der Welt. Weil sie mich für jemanden mit einem Körnchen Verstand hält, hat sie mir diese Karte geschickt. Ich wusste aber nicht, wie ich antworten soll — mir fiel nichts ein. Ich wollte gerade Schwester Lin fragen, und zufällig treffe ich dich." Xiuyan hörte Schatzjades Worte und musterte ihn eine ganze Weile aufmerksam von Kopf bis Fuß. Dann lachte sie: „Kein Wunder, dass das Sprichwort sagt: ‚Hörensagen ist weniger als Augenschein.' Und kein Wunder, dass Wunderjade dir diese Karte schickt; und kein Wunder, dass sie dir vergangenes Jahr die Pflaumenblüten schenkte. Da es bei ihr so weit geht, muss ich dir wohl den Grund erklären. Sie sagt oft: ‚Von den Alten her, von Han, Jin, durch die Fünf Dynastien, Tang und Song, hat es in all der Zeit keine gute Dichtung gegeben — nur zwei Verse sind gut:
Selbst hat man ein ehernes Tor, das tausend Jahre hält — Am Ende braucht man doch nur einen Erdhügel als Grab.
Deshalb nennt sie sich ‚Bewohnerin jenseits der Schwelle'. Außerdem preist sie oft den Stil des Zhuangzi, und darum nennt sie sich manchmal auch ‚qi ren' [8]. Wenn sie sich auf der Karte als ‚qi ren' bezeichnet hätte, hättest du mit ‚shi ren' (‚Mensch der Welt') antworten sollen. ‚Qi ren' bedeutet, dass sie sich für einen Sonderling hält; du bezeichnest dich bescheiden als einen gewöhnlichen, in der Welt befangenen Menschen — und sie wäre zufrieden. Nun nennt sie sich ‚Bewohnerin jenseits der Schwelle', womit sie meint, sie habe die eiserne Schwelle des Irdischen überschritten. Du brauchst also nur ‚Bewohner innerhalb der Schwelle' zu schreiben — das trifft ihren Sinn." Schatzjade hörte das wie eine Erleuchtung, rief „Ah!" und lachte: „Kein Wunder, dass unser Familientempel ‚Eiserne-Schwelle-Kloster' heißt — jetzt verstehe ich den Zusammenhang! Schwester, geh nur weiter; ich eile zurück, um die Antwortkarte zu schreiben." Xiuyan ging darauf zum Longcui-Kloster [9]. Schatzjade kehrte in sein Zimmer zurück und schrieb auf die Karte nur die Worte: „Der Bewohner innerhalb der Schwelle, Schatzjade, grüßt ehrerbietig nach geziemender Reinigung." Er brachte sie persönlich zum Longcui-Kloster und schob sie durch den Türspalt hinein; dann kehrte er zurück.
Er sah, dass Fangguan sich bereits frisiert hatte, das Haar hochgesteckt und ein wenig Blumenschmuck angelegt. Sogleich befahl er ihr, die Frisur zu ändern: Die kurzen Haare rings um den Kopf sollten abrasiert werden, sodass die blaugrüne Kopfhaut zum Vorschein kam, und in der Mitte sollte ein großer Scheitel gezogen werden. Dann sagte er: „Im Winter trägst du eine große Zobelmütze in Kaninchenform, an den Füßen Tigerkopf-Wolkenstiefel in fünf Farben, oder du lässt die Hosenbeine los und trägst nur weiße Strümpfe und dicksohlige Brokatschuhe." Dann sagte er: „Der Name ‚Fangguan' ist nicht gut — du solltest einen Männernamen tragen, das wäre originell." Er benannte sie in „Xiongnü" [10] um. Fangguan war hocherfreut und sagte: „Wenn es schon so ist, nimm mich auch mit, wenn du ausgehst! Wenn jemand fragt, sag einfach, ich sei ein kleiner Diener wie Mingyan." Schatzjade lachte: „Man würde es doch erkennen." Fangguan lachte: „Da zeigt sich dein Einfallsmangel! In unserem Haus gibt es doch einige Familien von Fremdvölkern. Sag einfach, ich sei ein kleiner Barbar. Außerdem sagen alle, mir stünden Zöpfe gut — findest du das nicht passend?" Schatzjade hörte das und rief entzückt: „Das ist wirklich gut! Ich habe oft gesehen, dass Beamte unter ihrem Gefolge Nachkommen fremdländischer Kriegsgefangener haben, weil sie Wind und Frost nicht fürchten und zu Pferde geschickt sind. Also geben wir dir noch einen Barbarennamen: ‚Yelü Xiongnü'. ‚Xiongnü' klingt gleich wie ‚Xiongnu' [11], und beides sind Namen der Hundevölker. Zudem waren diese zwei Völker seit den Zeiten von Yao und Shun eine Plage für das Reich der Mitte; die Jin- und Tang-Dynastien litten schwer unter ihnen. Zum Glück leben wir in der heutigen Ära, als Nachfahren des großen Shun. Die heilige Tugend und kindliche Pietät unseres Herrschers strahlen bis zum Himmel empor und sind unsterblich wie Himmel, Erde, Sonne und Mond für tausend Generationen. Deshalb haben alle die kleinen Schelme, die in früheren Dynastien ihr Unwesen trieben, heutzutage freiwillig, ohne einen einzigen Speer oder Degen, die Hände gefaltet und das Haupt geneigt und sind von fern hergekommen, um sich zu unterwerfen. Wir sollten sie verächtlich behandeln, um unseres Herrn und Vaters willen Ehre einzulegen." Fangguan lachte: „Wenn dem so ist, solltest du Bogenschießen und Reiten üben und Kriegskunst lernen und dich hinauswagen, um ein paar Rebellen zu fangen — das wäre wahrer Dienst am Vaterland! Warum missbrauchst du uns und ergötzt dich an deiner eigenen Beredsamkeit, und nennst es dann Lob und Huldigung?" Schatzjade lachte: „Da verstehst du mich falsch. Heute herrscht Frieden in allen vier Meeren und Ruhe in allen acht Himmelsrichtungen; seit hundert und tausend Jahren braucht man keine Waffen mehr. Auch wenn wir nur scherzen und spielen, gebührt es sich, den Segen unserer Zeit zu preisen — sonst wären wir des friedlichen Wohlstands, das wir genießen, nicht wert." Fangguan fand das einleuchtend; beide hielten es für passend und angemessen. Schatzjade nannte sie von nun an „Yelü Xiongnü".
In beiden Jia-Palästen gab es nämlich tatsächlich Nachfahren von Kriegsgefangenen früherer Generationen, die man als Sklaven erhalten hatte — allerdings wurden sie nur zum Pferdehüten eingesetzt und galten als unbrauchbar für höhere Dienste. Wolke vom Xiang-Fluss, die von jeher ausgelassen und übermütig war, liebte Verkleidungen als Mann über alles und band sich ständig Paradegürtel um und trug Faltenärmel. Als sie sah, wie Schatzjade Fangguan als Jungen verkleidet hatte, verkleidete sie ihrerseits Kuiguan ebenfalls als kleinen Burschen. Kuiguan trug gewöhnlich kurz geschorenes Haar, was für Bühnenschminke bequem war, und hatte flinke Hände und Füße — das Umkleiden war leichter. Li Schleierfrau und Spürfrühling fanden das allerliebst und ließen nun auch Schatzzithers Douguan als kleinen Pagen verkleiden: auf dem Kopf zwei Haarknoten, ein kurzes Jäckchen, rote Schuhe — nur die Gesichtsbemalung fehlte; sonst sah sie genauso aus wie ein Musikknabe auf der Bühne. Wolke vom Xiang-Fluss taufte Kuiguan um und nannte ihn „Da Ying" [12]. Da sein Familienname Wei war, nannte sie ihn „Wei Daying", was ihrem heimlichen Motto entsprach: „Nur ein wahrer Held zeigt seine wahre Natur" [13] — wozu sich also Schminke auftragen, wenn man ein Mann sein will? Douguan war von Statur und Alter die Kleinste und außerdem äußerst pfiffig — daher der Name „Douguan" (Bohnenbeamtin). Im Garten nannten manche sie „A-Dou", andere „Bratbohne". Schatzzither dagegen fand, dass Namen wie „Musikknabe" oder „Buchknabe" zu abgedroschen seien, und meinte, „Dou" (Bohne) sei origineller. Also nannte sie sie „Doutong" (Bohnenknabe).
Nach dem Mittagessen gab Friedchen ihr Gegenessen. Da es im Hongxiangpu zu heiß war, ließ sie im Yuyintang [14] einige Tische mit frischem Wein und köstlichen Speisen aufstellen. Erfreulicherweise kam Frau You noch mit ihren beiden Konkubinen Peifeng und Xieyuan [15]. Diese beiden waren ebenfalls junge, hübsche Mädchen, die selten herüberkamen. Da sie nun in den Garten eintraten und Wolke vom Xiang-Fluss, Xiangling, Fangguan, Ruiguan und all die anderen jungen Frauen trafen, bewies sich das Sprichwort „Gleich und gleich gesellt sich gern": Sie plauderten und lachten ohne Ende, kümmerten sich nicht um Frau You und überließen sie den Zofen. Zusammen besichtigten sie alles. Als sie zum Yihongyuan kamen und plötzlich hörten, wie Schatzjade „Yelü Xiongnü!" rief, lachten Peifeng, Xieyuan und Xiangling alle drei zusammen, fragten, was das bedeute, und versuchten dann selbst, den Namen auszusprechen — versprachen sich in der Aussprache, vergaßen die Zeichen, bis eine schließlich „Wilder Esel" herausbrachte. Alle im Garten, die es hörten, bogen sich vor Lachen. Schatzjade sah, dass alle sich lustig machten, und fürchtete, Fangguan könnte damit gedemütigt werden. Eilig sagte er: „Im Westen, in Frankreich [16], soll es goldgeflecktes Kristallglas geben; in der Landessprache heißt es ‚Wendulinà'. Wenn ich dich mit diesem Stein vergleiche und dich ‚Wendulinà' nenne — wäre das nicht hübsch?" Fangguan freute sich noch mehr und sagte: „Ja, das ist es!" Also wurde dieser Name verwendet. Da alle ihn schwer aussprechbar fanden, übersetzten sie ihn ins Chinesische und nannten sie einfach „Boli" (Kristallglas).
Die weiteren Plaudereien seien hier übergangen. An jenem Tag vergnügten sich alle unter dem Vorwand des Weintrinkens im Yuyintang, ließen die Geschichtenerzählerinnen die Trommel schlagen, und Friedchen pflückte einen Päonienblütenzweig, den etwa zwanzig Personen im Kreis herumgaben — ein „Blumenspiel mit Trommeln", sehr vergnüglich. Da meldete jemand: „Zwei Frauen aus der Familie Zhen bringen Geschenke." Spürfrühling, Li Schleierfrau und Frau You gingen zu dritt in den Empfangssaal, um sie zu treffen. Hier zerstreuten sich die anderen einstweilen. Peifeng und Xieyuan gingen zum Schaukeln. Schatzjade sagte: „Steigt hinauf, ich schubse euch!" Erschrocken sagte Peifeng: „Lass das — mach uns keinen Ärger! Ruf lieber den ‚Wilden Esel', damit der uns anschubst!" Schatzjade lachte eilig: „Gute Schwesterchen, hört auf damit! Sonst lernen alle Leute das nach und schimpfen sie so!" Xieyuan sagte: „Ich bin schon ganz weich vor Lachen — wie soll ich da schaukeln? Wenn ich herunterfalle, platzen mir die Innereien heraus!" Peifeng versetzte ihr einen Klaps.
Mitten im ausgelassenen Spiel kamen plötzlich einige Leute aus dem Östlichen Palais herbeigerannt und riefen ganz aufgeregt: „Der alte Herr ist gen Himmel gefahren!" [17] Alle erschraken: „Er war doch ganz gesund und hatte keine Krankheit — wie kann er plötzlich tot sein?" Die Dienstleute sagten: „Der alte Herr hat Tag für Tag praktiziert — gewiss hat er seine Verdienste vollendet und ist als Unsterblicher aufgefahren." Als Frau You das hörte und sah, dass weder Kaufmann Schein-Echt noch sein Sohn noch Kaufmann Jadeschale zu Hause waren — es gab im Augenblick keinen Mann, der die Angelegenheiten regeln konnte —, geriet sie in Aufregung. Sie legte eilig ihren Schmuck ab, befahl, alle daoistischen Mönche im Xuanzhen-Kloster einzusperren, bis der Erste Herr heimkäme, um sie zu verhören, und fuhr dann hastig im Wagen, begleitet von Lai Sheng und einer Schar Bediensteter, aus der Stadt zum Tempel. Auch ließ sie Ärzte kommen, um festzustellen, woran Kaufmann Andacht eigentlich gestorben war. Die Ärzte sahen, dass der Mann bereits tot war — wo hätte man da noch den Puls fühlen sollen? Sie wussten, dass Kaufmann Andachts Methoden der Atemführung allesamt hohle Phantastereien gewesen waren; obendrein hatte er Sterne angebetet, den Gengsheng-Fastentag[18] gehalten und Zinnober geschluckt[19] — lauter nutzloses Treiben, das den Geist überanstrengte und letztlich das Leben kostete. Obwohl er nun tot war, war sein Bauch hart wie Eisen, und Gesichtshaut und Lippen waren purpurn verbrannt und aufgerissen. Die Ärzte berichteten: „Er ist an den Praktiken der daoistischen Lehre gestorben — er hat Gold geschluckt und Zinnober eingenommen, bis sein Leib anschwoll und er verstarb." Die Mönche sagten erschrocken: „Der Herr hat eine eigens neu hergestellte geheime Zinnoberpille genommen. Wir Mönche haben ihn gewarnt, die Verdienste seien noch nicht weit genug gediehen und er dürfe sie noch nicht nehmen. Aber der Herr hat sie in dieser Nacht während der Gengsheng-Meditation heimlich eingenommen und ist daraufhin zum Unsterblichen geworden. Dies geschah gewiss aus aufrichtiger Hingabe — er hat das Meer des Leidens verlassen, seine sterbliche Hülle abgeworfen und ist seiner Bestimmung gefolgt." Frau You hörte gar nicht hin, befahl nur, sie einzusperren, bis Kaufmann Schein-Echt käme, und schickte einen Eilboten zu Pferde. Da der Tempel zu eng war, um den Leichnam aufzubahren, und man ihn ohnehin nicht in die Stadt bringen konnte, wurde der Leichnam eilig hergerichtet, in einer Sänfte zum Eiserne-Schwelle-Kloster [20] gebracht und dort aufgebahrt. Selbst bei schnellster Berechnung würde Kaufmann Schein-Echt frühestens in einem halben Monat eintreffen können. Bei der Sommerhitze war weiteres Warten unmöglich; also übernahm Frau You die Leitung, ließ von einem Astrologen einen Termin für die Einsargung bestimmen, der glücklicherweise schon vor Jahren angefertigte Sarg stand bereit im Tempel. Am dritten Tag eröffnete man die Trauerbräuche und begann die Totenzeremonien. Gleichzeitig ließ man daoistische Rituale abhalten, bis Kaufmann Schein-Echt eintraf.
Im Rongfu konnte Phönixglanz nicht herauskommen; Li Schleierfrau kümmerte sich um die jungen Schwestern; Schatzjade verstand nichts von solchen Dingen. So mussten die Außenangelegenheiten vorläufig einigen Verwaltern zweiter Ordnung anvertraut werden: Jia Jun, Jia Guang, Jia Heng, Jia Ying, Jia Chang und Jia Ling übernahmen verschiedene Aufgaben. Da Frau You nicht nach Hause zurückkehren konnte, holte sie ihre Stiefmutter in den Ningfu, um auf das Haus aufzupassen. Die Stiefmutter brachte notgedrungen ihre beiden unverheirateten Töchter mit, denn nur so konnte sie beruhigt sein.
Als Kaufmann Schein-Echt von der Nachricht erfuhr, bat er sofort um Urlaub. Er und Kaufmann Herrlichkeit [贾蓉] hatten beide offizielle Ämter. Das Ritenministerium sah, dass der heutige Herrscher die kindliche Pietät besonders hoch achtete, und wagte nicht eigenmächtig zu entscheiden, sondern reichte ein Gesuch ein. Der Himmelssohn war von außerordentlicher Menschlichkeit und kindlicher Pietät und ehrte zudem die Nachkommen verdienter Minister. Als er das Gesuch sah, erkundigte er sich sogleich nach Kaufmann Andachts Rang. Das Ritenministerium berichtete: „Er war als Jinshi [21] berufen; sein vererbter Rang wurde bereits seinem Sohn Kaufmann Schein-Echt übertragen. Da Kaufmann Andacht in vorgerücktem Alter und bei schwacher Gesundheit war, pflegte er seine Ruhe außerhalb der Hauptstadt im Xuanzhen-Kloster. Nun ist er dort an seiner Krankheit verstorben. Sein Sohn Zhen und sein Enkel Rong befinden sich derzeit wegen der Staatstrauer im Gefolge des Kaisers; daher bitten sie um Urlaub zur Beisetzung." Der Himmelssohn ordnete daraufhin einen besonderen Gnadenerlass an: „Obwohl Kaufmann Andacht als gewöhnlicher Privatmann keine Verdienste um den Staat erworben hat, soll ihm in Anbetracht der Verdienste seiner Vorfahren posthum der Rang der fünften Stufe verliehen werden. Sein Sohn und Enkel dürfen den Sarg durch das Nördliche Abwärtstor in die Hauptstadt bringen und in seiner Privatresidenz bestatten. Nach vollständiger Durchführung der Trauerrituale dürfen sie den Sarg in die Heimat zurückführen. Das Amt für Kaiserliche Opfer soll gemäß dem Hofprotokoll ein Opfer darbringen. Alle Beamten vom Rang eines Fürsten abwärts dürfen ihre Beileidsbesuche abstatten. So sei es befohlen." Nach diesem Erlass dankten nicht nur die Mitglieder der Kaufmann-Familie, sondern alle Beamten bei Hofe priesen den Kaiser ohne Ende.
Kaufmann Schein-Echt und sein Sohn ritten Tag und Nacht. Auf halbem Wege kamen ihnen Jia Jun und Jia Guang mit Hausbediensteten zu Pferde entgegen. Als sie Kaufmann Schein-Echt erblickten, sprangen sie aus dem Sattel und begrüßten ihn. Kaufmann Schein-Echt fragte eilig: „Was gibt es?" Jia Jun antwortete: „Die Schwägerin befürchtete, Ihr und der Neffe kämet allein, und die Alte Herrin hätte auf der Reise niemanden bei sich, deshalb hat sie uns beide geschickt, um die Alte Herrin zu geleiten." Kaufmann Schein-Echt hörte das und lobte ohne Ende. Er fragte, wie zu Hause alles geregelt worden sei. Jia Jun und die anderen berichteten alles der Reihe nach: wie sie die Mönche festgenommen, den Leichnam zum Familientempel gebracht, und — weil niemand zu Hause war — die Schwiegermutter und die beiden Tanten [22] eingeladen hatten, im Hauptgebäude zu wohnen. Kaufmann Herrlichkeit war inzwischen auch abgestiegen. Als er hörte, dass die beiden Tanten gekommen waren, wechselte er mit Kaufmann Schein-Echt einen vielsagenden Blick und grinste. Kaufmann Schein-Echt rief eilig mehrmals: „Ausgezeichnet!", gab seinem Pferd die Sporen und ritt weiter, ohne irgendwo einzukehren. Die ganze Nacht hindurch wechselten sie die Pferde und galoppierten. An einem Tag erreichten sie die Hauptstadt und ritten geradewegs zum Eiserne-Schwelle-Kloster. Es war bereits die vierte Nachtwache; die Wachleute, als sie die Nachricht hörten, weckten eilig alle. Kaufmann Schein-Echt stieg vom Pferd, und er und Kaufmann Herrlichkeit brachen in lautes Weinen aus. Vom großen Tor aus krochen sie auf Knien hinein, warfen sich vor dem Sarg nieder und wehklagten blutige Tränen, bis es hell wurde und ihre Stimmen heiser waren. Frau You und alle anderen kamen zur Begrüßung. Kaufmann Schein-Echt und sein Sohn wechselten vorschriftsmäßig die Trauerkleidung und warfen sich vor dem Sarg nieder. Doch da es unvermeidlich war, die Angelegenheiten zu regeln, konnten sie nicht blind und taub für alles sein; sie mussten ihre Trauer ein wenig zurückdrängen, um die Leute anzuweisen. Kaufmann Schein-Echt erzählte den versammelten Verwandten und Freunden vom kaiserlichen Gnadenerlass und schickte dann Kaufmann Herrlichkeit voraus nach Hause, um die Aufbahrung vorzubereiten.
Kaufmann Herrlichkeit ließ sich das nicht zweimal sagen und ritt im Galopp nach Hause. Eilig ordnete er an: im Vorsaal Tische und Stühle wegräumen, Trennwände abnehmen, Trauertücher aufhängen, vor dem Tor ein Podest für die Trommler und einen Ehrenbogen aufstellen. Dann eilte er hinein, um seine Stiefgroßmutter und die beiden Tanten zu begrüßen. Die alte Frau You schlief gern tagsüber wegen ihres hohen Alters und lag gewöhnlich herum; die Zweite Tante und die Dritte Tante [23] saßen mit den Mädchen bei der Handarbeit. Als er kam, bekundeten alle ihr Beileid. Kaufmann Herrlichkeit aber grinste frech die Zweite Tante an und sagte: „Zweite Tante, du bist wieder da! Unser Vater hat gerade an dich gedacht." Die Zweite Tante You errötete und schimpfte: „Du Rong-Junge! Wenn ich dir ein paar Tage lang nicht den Kopf wasche, überstehst du das nicht. Du hast wirklich jeden Anstand verloren! Und das nennst sich ein Sohn aus gutem Hause, der jeden Tag Bücher liest und Manieren lernt — du bist ja nicht einmal so gesittet wie die Kinder von armen Leuten!" Damit griff sie nach einem Bügeleisen und holte zum Schlag aus. Erschrocken flüchtete Kaufmann Herrlichkeit in ihren Schoß, den Kopf schützend, und bat um Gnade. Die Dritte Tante kam herbei und kniff ihn in die Lippen, wobei sie sagte: „Warte, bis die Schwester nach Hause kommt — wir sagen es ihr!" Kaufmann Herrlichkeit kniete lachend auf dem Kang und bat um Verzeihung; die beiden lachten ebenfalls. Dann balgte sich Kaufmann Herrlichkeit noch mit der Zweiten Tante um Kardamomkörner; die Zweite Tante kaute das Fruchtfleisch und spuckte ihm den Brei ins Gesicht. Kaufmann Herrlichkeit leckte sich alles mit der Zunge ab. Die Mädchen konnten es nicht mit ansehen und sagten lachend: „Ihr tragt doch Trauerkleidung, und die alte Herrin schläft gerade! Die beiden Tanten mögen jung sein, aber sie sind doch Verwandte der Herrin — Ihr schert Euch überhaupt nicht um die Herrin! Wenn wir es dem Herrn sagen, werdet Ihr Euch warm anziehen müssen." Kaufmann Herrlichkeit ließ die Tanten los und umarmte stattdessen die Mädchen: „Mein Herzblatt, du hast völlig recht — necken wir die beiden doch!" Die Mädchen stießen ihn weg und schimpften: „Du Nichtsnutz mit deinem kurzen Leben! Du hast doch selbst Frau und Mägde — warum belästigst du uns! Die Verständigen sagen, es sei Spaß; die Unverständigen — und dann gibt es noch die Bösartigen und Klatschmäuler —, die erzählen es überall herum, und wer im Palast drüben wüsste nicht, wer redete nicht hinter vorgehaltener Hand, dass es bei uns hier drunter und drüber ginge!" Kaufmann Herrlichkeit lachte: „Jede Familie hat ihren eigenen Haushalt — wer kümmert sich um wen? Wir alle haben genug zu tun. Seit alters her — selbst in der Han- und Tang-Dynastie sagt man ‚schmutzige Tang, stinkende Han' — welche Familie hat keine Liebesaffären? Fordert mich nicht heraus, alles aufzuzählen! Sogar drüben — der Erste Herr ist so streng, und trotzdem treibt es Onkel Lian mit der jungen Konkubine! Und Tante Feng ist so unnachgiebig, aber Onkel Rui wollte trotzdem an sie heran. Was davon wüsste ich nicht!"
Während Kaufmann Herrlichkeit noch ungehemmt plapperte, wachte seine Stiefgroßmutter auf. Er eilte, ihr seine Aufwartung zu machen und Grüße zu überbringen: „Vielen Dank, dass die Frau Großmutter sich die Mühe gemacht hat — und den beiden Tanten vielen Dank für ihre Aufopferung. Wir alle — Vater und Sohn — sind zutiefst dankbar. Sobald die Trauerfeierlichkeiten beendet sind, kommen wir mit der ganzen Familie, um Ihnen unsere Ehrerbietung zu erweisen." Die alte Frau You nickte: „Mein Junge, du verstehst zu reden. Unter Verwandten versteht sich das von selbst." Dann fragte sie: „Wie geht es deinem Vater? Wann hat er die Nachricht erhalten und ist angekommen?" Kaufmann Herrlichkeit lachte: „Er ist gerade erst eingetroffen und hat mich vorausgeschickt, um nach Ihnen zu sehen. Wir bitten Sie inständig, wenigstens bis zum Ende der Feierlichkeiten zu bleiben." Dabei zwinkerte er der Zweiten Tante zu. Die Zweite Tante You zischte ihm leise und zähneknirschend zu: „Du geschwätziges Affenbalg — willst du, dass wir bleiben und deinem Vater als Mutter dienen!" Kaufmann Herrlichkeit neckte noch seine Stiefgroßmutter: „Seid unbesorgt — Vater macht sich jeden Tag Sorgen um die beiden Tanten und sucht nach zwei Bräutigamen, die angesehene Familie haben, reich und jung und hübsch sind, um die beiden Tanten standesgemäß zu verheiraten. Aber seit Jahren hat er noch keinen Passenden gefunden — erst neulich, unterwegs, hat er endlich einen ins Auge gefasst." Die alte Frau You hielt das für Ernst und fragte sofort, wessen Sohn es sei. Die beiden Schwestern warfen ihre Handarbeit hin und liefen lachend hinter Kaufmann Herrlichkeit her, um ihn zu schlagen: „Mama, glaub dem Blitzschlag von einem Jungen kein Wort!" Sogar die Mädchen sagten: „Der Himmelsvater hat Augen — pass auf den Blitz auf!" Gerade kam jemand, um zu melden: „Alles ist fertig — bitte kommen der Junge Herr und kontrollieren es, damit er dem Herrn berichten kann." Damit ging Kaufmann Herrlichkeit grinsend davon.
Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.
Anmerkungen
- ↑ die beheizte Ofenbank
- ↑ berühmte Porzellanmanufaktur
- ↑ Urfrühling
- ↑ Anspielung auf Wolke vom Xiang-Flusss Einschlafen auf der Steinbank am Nachmittag.
- ↑ Anspielung auf Tao Yuanmings ‚Pfirsichblütenquelle'
- ↑ ‚Blume'
- ↑ ca. 23:10 Uhr
- ↑ ‚der abseitige, sonderbare Mensch', ein Begriff aus dem Zhuangzi
- ↑ Wunderjade's Klause im Garten
- ↑ wörtl. ‚Heroischer Sklave'
- ↑ die historischen Hunnen
- ↑ ‚Großer Held'
- ↑ ein bekanntes Zitat
- ↑ ‚Halle des Ulmenbaum-Schattens'
- ↑ die zwei jungen Frauen des Kaufmann Schein-Echt
- ↑ 福朗思牙 = France
- ↑ Kaufmann Andacht, Kaufmann Schein-Echts Vater, der sich im daoistischen Kloster Xuanzhen dem Streben nach Unsterblichkeit widmete.
- ↑ Chin. 守庚申 shǒu gēngshēn — eine daoistische Praxis, bei der man an bestimmten Tagen des Sechziger-Zyklus die ganze Nacht wach bleibt, um die „drei Würmer“ (三尸) im Körper daran zu hindern, dem Himmelskaiser die Sünden des Betreffenden zu melden.
- ↑ Die Einnahme von Goldelixieren und Zinnoberpillen (吞金服砂) war eine verbreitete Praxis daoistischer Alchemie, die Unsterblichkeit versprach, jedoch häufig zu Quecksilbervergiftung und Tod führte.
- ↑ dem Familientempel der Jia
- ↑ erfolgreicher Kandidat der höchsten Beamtenprüfung
- ↑ die zwei Schwestern der Frau You, die später noch eine bedeutende Rolle spielen
- ↑ die späteren You Erjie und You Sanjie
Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本).