Hongloumeng/de/Chapter 64

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Kapitel 64

幽淑女悲題五美吟 / 浪蕩子情遺九龍珮

Die stille, schoene Frau dichtet traurige Verse ueber fuenf Schoenheiten; Der Wuestling hinterlaesst aus Liebe den Neundrachenschmuck

Ein zurückhaltendes Mädchen schreibt bekümmert Verse über fünf Schönheiten,ein ausschweifender Mann opfert begeistert seinen Anhänger mit neun Drachen.

Als Djia Jung sah, daß alles vorbereitet war, ritt er schnellstens ins Kloster zurück, um Djia Dschën davon Meldung zu machen, und noch in derselben Nacht wurden für alles die Verantwortlichen eingeteilt, wurde auch die Trauerfahne und was sonst an Insignien notwendig war zurechtgemacht. Die erste morgendliche Doppelstunde am vierten wurde ausgewählt, um den Sarg mit dem Toten in die Stadt überzuführen, und Boten wurden ausgeschickt, um alle Verwandten und Freunde davon zu unterrichten. Als der Tag gekommen war, waren die Trauerriten besonders prächtig, und die Gäste sammelten sich zahlreich wie Wolken. Die Schaulustigen, die den Weg vom Kloster Eiserne Schwelle bis zum Ning-guo-Anwesen säumten, zählten nach Zehntausenden. Die einen waren ganz Mitgefühl, die anderen ganz Bewunderung, und nur das Heer der Halbgebildeten sagte: „Die Begräbniszeremonien sollten eher schlicht als prunkvoll sein.“[1] So hörte man den ganzen Weg über die vielfältigsten Kommentare. Erst am Nachmittag langte der Trauerzug an. Der Sarg wurde in der Haupthalle aufgestellt, dann wurden Opfergaben dargebracht, und als die Totenklage beendet war, gingen die Verwandten und Freunde nach und nach fort. Zurück blieben nur die Sippenangehörigen, die sich um weitere Gäste kümmern und andere Aufgaben versehen sollten. Von der angeheirateten Verwandtschaft war als einziger der Bruder von Dame Hsing noch nicht wieder gegangen. Djia Dschën und Djia Jung, gebunden durch die Trauerregeln, durften den Sarg weder tagsüber noch bei Nacht nicht verlassen, so hart sie das auch ankam. Doch wenn die Trauergäste gegangen waren, nutzten sie rasch die Gelegenheit, um sich mit Frau Yous Stiefschwestern abzugeben. Auch Bau-yü begab sich Tag für Tag in Trauerkleidern ins Ning-guo-Anwesen hinüber und kehrte erst abends wieder in den Garten zurück, wenn alle Gäste fort waren. Hsi-fëng, die noch nicht wieder genesen war, konnte nicht ständig anwesend sein, aber wenn die Rituale vollzogen wurden oder wenn Verwandte und Freunde erschienen, um Opfer zu bringen, schleppte auch sie sich hinüber und half Frau You, mit allem fertig zu werden. Eines Tages, als das Opfer gebracht und die Frühmahlzeit eingenommen war, legte sich Djia Dschën neben dem Sarg in seinen Kleidern schlafen, denn die Tage waren noch lang, und durch die Anstrengungen der letzten Zeit war er müde. Da keine Gäste kamen, begab sich Bau-yü in den Garten hinüber, um nach Dai-yü zu sehen. Vorher aber ging er in den Hof der Freude am Roten. Als er hier durch das Tor trat, fand er den Hof still und menschenleer, nur im Schatten des Wandelgangs hatten ein paar alte Sklavenfrauen und kleinere Sklavenmädchen Kühlung gesucht. Einige lagen da und schliefen, andere dösten im Sitzen vor sich hin. Bau-yü tat jedoch nichts, um sie zu stören. Die einzige, die Bau-yü bemerkte, war Sï-örl, die rasch herantrat, um den Türvorhang für ihn aufzuschlagen. Aber als sie den Vorhang eben hochgehoben hatte, kam plötzlich Fang-guan lachend aus der Tür gestürzt und wäre beinahe mit Bau-yü zusammengeprallt. Kaum hatte sie ihn erkannt, blieb sie lächelnd stehen und fragte: „Wie kommst du auf einmal hierher?“ Dann bat sie: „Halt mir Tjing-wën vom Halse, sie will mich hauen!“ Noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, prasselte drinnen etwas auf den Boden, dann kam Tjing-wën gelaufen und schimpfte: „Wohin läufst du, kleines Spitzbein? Hast du verloren, mußt du dich auch schlagen lassen. Jetzt möchte ich sehen, wer dir beisteht, wo Bau-yü nicht zu Hause ist!“ Lachend hielt Bau-yü sie auf und sagte: „Sie ist noch klein! Was sie dir getan hat, weiß ich nicht, aber vergib ihr um meinetwillen!“ Tjing-wën, die Bau-yü noch nicht zurück erwartet hatte, fühlte sich durch sein plötzliches Erscheinen unwillkürlich zum Lachen gereizt. „Fang-guan muß ein verwandelter Fuchsdämon[2] sein!“ rief sie aus. „So schnell kann nicht einmal ein Talisman wirken, der Schutzgötter und Himmelsgeneräle zu beschwören vermag.“ Dann sagte sie zu Fang-guan: „Meinst du, ich hätte Angst, wenn du dir göttlichen Beistand verschaffst?“ Und schon riß sie sich los und griff nach Fang-guan, um sie zu packen, Fang-guan aber versteckte sich rasch hinter Bau-yüs Rücken. Nun griff Bau-yü mit der einen Hand nach Tjing-wën, mit der anderen nach Fang-guan und führte sie so ins Haus. Dort stellte er fest, daß Schë-yüä, Tjiu-wën, Bi-hën und Dsï-hsiau auf dem westlichen Ofenbett saßen und mit Kürbiskernen Faustraten um Schläge auf die Hand gespielt hatten. Fang-guan hatte gegen Tjing-wën verloren, wollte sich aber nicht von ihr schlagen lassen und war deshalb hinausgelaufen. Um sie zu verfolgen, war Tjing-wën aufgesprungen und hatte dabei alle Kerne, die sie im Schoß hielt, auf den Boden geworfen.

Fröhlich sagte Bau-yü: „Endlos, wie der Tag ist, habe ich schon befürchtet, ihr könntet Langeweile haben, wenn ich nicht zu Hause bin, würdet euch nach dem Essen vielleicht schlafen legen und euch so eine Krankheit holen. Gut, daß ihr etwas gefunden habt, um euch amüsieren und die Zeit zu vertreiben!“ Dann vermißte er Hsi-jën und fragte: „Wo ist eure Schwester Hsi-jën?“

„Hsi-jën? Die wird immer mehr zur verknöcherten Denkerin“, erklärte Tjing-wën. „Sie sitzt mutterseelenallein im inneren Zimmer mit dem Gesicht zur Wand. Wir sind die ganze Zeit nicht hineingegangen und wissen nicht, was sie treibt. Es ist kein Laut von ihr zu hören. Schleich dich nur rasch hinein! Vielleicht ist schon die große Erleuchtung über sie gekommen.“ Bau-yü lachte und ging wirklich hinein. Dort saß Hsi-jën auf dem Bett nahe am Fenster und hielt eine graue Netzhülle in den Händen, an der sie knüpfte. Als sie Bau-yü hereinkommen sah, stand sie rasch auf und sagte lächelnd: „Was lügt diese Tjing-wën da über mich zusammen? Ich habe es eilig, das Netz hier fertig zu knüpfen, deshalb hatte ich keine Zeit für ihre Albernheiten und habe gesagt: ,Spielt ihr nur! Ich will die Gelegenheit nutzen, daß der junge Herr nicht zu Hause ist, und mich solange drinnen still hinsetzen, um mich auszuruhen.‘ Sie aber redet diesen Unsinn zusammen und behauptet, ich säße mit dem Gesicht zur Wand und meditierte. Nachher werde ich ihr dafür den Mund zerreißen.“ Lächelnd setzte sich Bau-yü dicht neben Hsi-jën, sah sich ihre Knüpferei an und sagte: „An so einem langen Tag solltest du dich wirklich ausruhen oder dich mit den andern zusammen vergnügen. Sonst hättest du auch meine Kusine Lin besuchen können. Warum mußt du bei dieser Hitze noch etwas knüpfen? Wozu brauchst du das?“ „Ich habe gesehen, daß deine Fächerhülle noch dieselbe ist, die du damals bekamst, als drüben im andern Anwesen die Frau von Herrn Jung gestorben war“, erklärte ihm Hsi-jën. „Da man eine dunkle Fächerhülle nur braucht, wenn in der Familie oder bei Freunden in der Sommerszeit ein Trauerfall eintritt, was nicht öfter als ein- oder zweimal im Jahr vorkommt, lohnt es sich normalerweise nicht, so etwas anzufertigen. Jetzt mußt du wegen des Todesfalls drüben im andern Anwesen jeden Tag hinüber und dabei die Fächerhülle tragen, darum mache ich dir schnell eine neue, als Ersatz für die alte. Du selbst hast zwar keinen Sinn für solche Sachen, aber wenn die alte gnädige Frau zurückkommt und dich so sieht, wird sie sagen, wir seien faul und kümmerten uns nicht einmal darum, was du anziehst und am Körper trägst.“ „Es ist lieb von dir, daß du daran gedacht hast“, versicherte Bau-yü, „aber du darfst dich nicht damit überanstrengen. Mit einem Hitzschlag ist nicht zu spaßen.“ Inzwischen brachte Fang-guan eine Schale mit Tee, der im Wasserbad gekühlt worden war. Wegen Bau-yüs zarter Konstitution wagte man nämlich selbst in den Sommermonaten nicht, Eis zu verwenden, und kühlte die Teekanne, indem man sie in eine Schüssel mit frischem Brunnenwasser stellte, das immer wieder erneuert wurde. Bau-yü trank die Schale zur Hälfte aus, ohne sie Fang-guan abzunehmen, dann sagte er zu Hsi-jën: „Bevor ich herkam, habe ich Ming-yän befohlen, er solle mir sofort Bescheid geben, wenn drüben bei Vetter Dschën wichtige Gäste erscheinen. Wenn nichts Wesentliches ist, gehe ich nicht wieder hinüber.“ Mit diesen Worten ging er hinaus. An der Außentür drehte er sich noch einmal um und sagte zu Bi-hën und den anderen: „Wenn etwas Dringendes sein sollte, findet ihr mich bei Kusine Lin.“ Und er machte sich auf den Weg zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, um Dai-yü zu besuchen. Eben ging Bau-yü über die Duftgetränkte Brücke, als er Hsüä-yän erblickte, die in Begleitung zweier alter Sklavinnen daherkam, die Wassernüsse, Lotoswurzeln, Melonen und andere Früchte trugen. Sofort erkundigte er sich: „Was will dein Fräulein damit? Sie hat sich doch aus solchen kalten Sachen nie viel gemacht. Will sie vielleicht eins von den anderen Fräulein oder eine der jungen Herrinnen einladen?“ „Ich werde dir erzählen, was ich weiß“, kündigte Hsüä-yän lächelnd an, „aber du darfst dem Fräulein nichts davon sagen.“ Bau-yü versprach es ihr, indem er nickte, worauf Hsüä-yän den beiden Alten befahl: „Geht ihr schon voraus und übergebt die Früchte Schwester Dsï-djüan! Wenn sie nach mir fragt, sagt ihr, ich müsse noch etwas erledigen und käme gleich.“ Erst als die beiden jawohl gesagt hatten und gegangen waren, begann Hsüä-yän: „Unser Fräulein fühlt sich erst seit ein paar Tagen etwas wohler. Heute kam nach dem Essen Fräulein Tan-tschun zu ihr, um sie zu einem gemeinsamen Besuch bei der zweiten jungen Herrin aufzufordern. Sie ist aber nicht mitgegangen. Dann muß ihr etwas eingefallen sein, und sie hat eine Weile stumm vor sich hin gebrütet. Schließlich griff sie zum Pinsel und schrieb einiges nieder, womöglich Gedichte. Als sie mir befahl, die Früchte zu holen, hörte ich noch, wie sie zu Dsï-djüan sagte, sie solle den kleinen Zithertisch abräumen, der drinnen im Zimmer steht, und in die Mitte des Außenraums stellen. Und dann sollte sie den Weihrauchkessel mit dem Drachenmuster daraufstellen, damit er bereit sei, wenn ich mit den Früchten wiederkäme. Aber wenn sie Besuch erwartete, würde sie doch keinen Weihrauchkessel aufstellen lassen. Räuchwerwerk brennt sie allenfalls dort ab, wo sie zu sitzen und zu schlafen pflegt, sonst stellt sie sich nur frische Blumen und Früchte wie etwa Zierquitten hin. Und ihre Kleider räuchert sie auch nicht gern. Will sie etwa deshalb räuchern lassen, weil die alten Weiber den Raum verpestet haben? Ich weiß es wirklich nicht.“ Nach diesen Worten ging sie rasch fort, Bau-yü aber ließ unwillkürlich den Kopf sinken und überlegte: „Nach dem, was Hsüä-yän erzählt hat, muß es einen Grund dafür geben. Aber wenn sie nur mit einem der Mädchen zusammensitzen möchte, braucht sie nicht solche Vorbereitungen zu treffen. Ist heute vielleicht der Todestag ihres Vaters oder ihrer Mutter? Aber ich kann mich entsinnen, daß jedes Jahr zu diesen Tagen auf Befehl der alten gnädigen Frau besondere Speisen zubereitet wurden, die man ihr brachte, damit sie ein privates Opfer bringen konnte. Außerdem sind diese Tage auch schon vorüber. Also muß es wohl damit zusammenhängen, daß der siebente Monat die Zeit der frischen Melonen ist und alle Familien an den Gräbern ihrer Angehörigen das Herbstopfer bringen. Wer weiß, vielleicht hat das Dai-yü dazu angeregt, in ihren Räumen ein Opfer zu bringen, eingedenk des Satzes im Buch der Riten: ,Im Frühling und im Herbst bringt man die Speisen der Jahreszeit dar.‘ Aber wenn ich sie jetzt besuche und sehe, wie sie sich grämt, muß ich sie auch mit aller Kraft trösten, und dann ist zu befürchten, daß sich der Kummer in ihrem Herzen staut. Besuche ich sie nicht, wird wiederum niemand da sein, ihr überhaupt Trost zu spenden. Das eine wie das andere könnte zu einer Krankheit führen. Darum ist es das beste, ich gehe zunächst zu Kusine Hsi-fëng, bleibe ein Weilchen bei ihr und komme dann wieder. Wenn ich sehe, daß Dai-yü sich noch grämt, denke ich mir etwas aus, um sie aufzuheitern. So kann ich erreichen, daß ihr Kummer nicht allzulange anhält und sich allmählich legt, zugleich kann ich auch verhindern, daß sie durch aufgestauten Kummer krank wird.“ Als Bau-yü diesen Gedanken zu Ende geführt hatte, ging er geradewegs zum Gartentor hinaus und zu Hsi-fëngs Wohnräumen hinüber. Eben kam eine große Anzahl verantwortlicher Sklavenfrauen zum Tor heraus, die hier Bericht erstattet hatten, und Hsi-fëng stand an den Türrahmen gelehnt und sprach mit Ping-örl. Kaum hatte sie Bau-yü erblickt, sagte sie lächelnd: „Du bist also zurückgekommen! Eben habe ich Lin Dschï-hsiaus Frau befohlen, daß sie den Knaben in deinem Gefolge sagen läßt, wenn nichts für dich zu tun sei, solltest du die Gelegenheit wahrnehmen und nach Hause kommen, um dich ein wenig auszuruhen. Zumal dort so ein gemischtes Publikum ist, daß du all die Gerüche kaum aushalten kannst. Aber nun bist du ja schon von selbst gekommen.“ „Danke für deine Fürsorge!“ erwiderte Bau-yü ebenfalls lächelnd. „Drüben war nichts zu tun, außerdem bist du schon ein paar Tage nicht mehr dort gewesen, so daß ich nicht wußte, ob es dir wieder besser geht oder nicht, darum bin ich hergekommen, um nach dir zu sehen.“ „Im großen und ganzen ist es immer noch dasselbe mit mir“, gab Hsi-fëng Auskunft. „Drei Tage geht es mir gut und dann wieder zwei Tage schlecht. Die alte gnädige Frau und die gnädige Frau sind nicht zu Hause, aber diese Frauen, nein – keine von ihnen gibt sich mit ihrem Los zufrieden. Jeden Tag müssen sie sich schlagen oder zanken, und auch ein paar Fälle von Glücksspiel und Diebstahl sind vorgekommen. Tan-tschun hilft mir zwar bei der Verwaltung, aber sie ist nun mal ein unverheiratetes Mädchen. Es gibt Dinge, die sie erfahren darf, aber auch solche, die man vor ihr nicht erwähnen kann. Also muß ich mich wohl oder übel zum Durchhalten zwingen, wenn auch mein Herz dabei nie zur Ruhe kommt. Von Genesung ganz zu schweigen, reicht es mir schon, wenn die Krankheit nicht schlimmer wird.“ „Das sagst du so einfach dahin, trotzdem solltest du mehr auf deine Gesundheit achten und dir weniger Sorgen machen“, riet ihr Bau-yü. Nachdem er dann noch ein Weilchen mit ihr geplaudert hatte, verabschiedete er sich wieder und kehrte in den Garten zurück. Beim Eintritt in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß sah er, daß gerade die letzten Weihrauchschwaden aus dem Räucherkessel stiegen, während vom Opferwein nur noch ein Rest übrig war. Dsï-djüan beaufsichtigte die Sklavenmädchen, die dabei waren, den Tisch wieder hineinzutragen und die Ausstattungsstücke an ihren Platz zu stellen. Daraus schloß er, das Opfer müsse beendet sein, und trat in den Innenraum, wo er Dai-yü mit abgewandtem Gesicht auf dem Bett fand. Es war ihr anzusehen, daß sie litt und diesem Leid nicht gewachsen war. Rasch meldete Dsï-djüan: „Der junge Herr ist gekommen.“ Langsam richtete Dai-yü sich auf und lud Bau-yü lächelnd ein, Platz zu nehmen. „Es geht dir wohl besser in den letzten Tagen?“ fragte Bau-yü. „Jedenfalls machst du einen ruhigeren Eindruck als sonst. Aber worüber hast du dich wieder gegrämt?“ „Was redest du da?“ verwahrte sich Dai-yü, „es geht mir gut, wann sollte ich mich gegrämt haben?“ „Man sieht es jetzt noch, daß du geweint hast, und trotzdem versuchst du, mich anzuführen“, sagte Bau-yü. „Mir scheint nur, so oft wie du krank bist, solltest du alles etwas leichter nehmen und dir nicht zu viele unnötige Sorgen machen. Wenn du dir damit die Gesundheit ruinierst, werde ich eines Tages...“ Kaum waren ihm die letzten Worte entschlüpft, da merkte er, daß er zuviel gesagt hatte, und hielt rasch inne. Denn er war wohl mit Dai-yü zusammen aufgewachsen, und sie harmonierten in ihren Gedanken und Gefühlen und wünschten sich, miteinander zu leben und zu sterben, aber das war ein stummes Übereinstimmen ihrer Herzen, das sie noch nie in Worte gekleidet hatten, zumal Dai-yü so mißtrauisch war, daß sie sich immer wieder durch ein unüberlegtes Wort von Bau-yü gekränkt fühlte. Heute war er extra gekommen, um sie zu trösten, und nun hatte er sich doch wieder verplappert und konnte nicht weitersprechen. Sofort wurde er unsicher und befürchtete überdies, Dai-yü würde ihm böse sein. Als er dann bedachte, daß er nur die besten Vorsätze gehabt hatte, wurde aus seinen Betrachtungen Kummer, und schon liefen ihm die Tränen herab. Dai-yü war im ersten Augenblick wirklich auf Bau-yü böse gewesen, weil er seine Worte nicht zu wägen wußte, aber als sie ihn jetzt in diesem Zustand sah, war sie gerührt. Und da ihr die Tränen ohnehin locker saßen, stimmte sie wortlos in sein Weinen ein. Als Dsï-djüan jetzt den Tee brachte, nahm sie an, die beiden hätten sich wieder einmal gestritten, und so sagte sie: „Kaum geht es dem Fräulein ein wenig besser, da kommt Ihr, um sie zu ärgern. Was soll man denn davon halten?“ Bau-yü wischte sich die Tränen ab und versicherte lächelnd: „Wer würde es wagen, sie zu ärgern?!“ Dann stand er auf und ging im Zimmer hin und her, um seine Verlegenheit zu verbergen. Dabei entdeckte er, daß unter dem Tuschereibstein kaum sichtbar eine Ecke von einem Blatt Papier hervorsah, und konnte sich nicht enthalten, die Hand danach auszustrecken, um es herauszuziehen. Dai-yü wollte aufstehen, um ihm das Blatt wegzunehmen, aber da hatte er es sich schon in den Busen geschoben und bat lächelnd: „Laß es mich ansehen, Kusinchen!“ „Sooft du hier bist, wühlst du bedenkenlos alles durch“, hielt ihm Dai-yü vor. In diesem Augenblick trat Bau-tschai zur Tür herein und fragte lächelnd: „Was gibt es denn hier zu sehen?“ Da Bau-yü noch nicht gelesen hatte, was auf dem Papier stand, und nicht wußte, wie Dai-yü sich verhalten würde, wollte er nicht wieder voreilig sein und schaute nur lächelnd nach Dai-yü. Dai-yü bot Bau-tschai einen Platz an und erklärte ihr lächelnd: „Mir war aufgefallen, daß in den alten Geschichtswerken von vielen schönen und begabten Frauen berichtet wird, deren Schicksal man entweder froh bewundern oder aber traurig beklagen kann. Als ich heute nach dem Essen nichts zu tun hatte, suchte ich mir einige dieser Frauen aus, um rasch ein paar Gedichte über sie zu improvisieren, die meine Gefühle ausdrücken sollten. Zufällig kam dann Tan-tschun, um mich zu Kusine Hsi-fëng mitzunehmen, aber ich fühlte mich so träge und bin nicht mitgegangen. Als ich fünf Gedichte geschrieben hatte, war ich so schläfrig, daß ich mich hinlegen mußte, und dann ist Vetter Bau-yü gekommen und hat das Blatt entdeckt. Eigentlich ist natürlich nichts weiter dabei, wenn er die Gedichte liest, mir gefällt es bloß nicht, daß er immer wieder unsere Gedichte abschreibt und vor den Leuten herumzeigt.“ „Wann hätte ich so etwas je getan?“ verteidigte sich Bau-yü. „Das mit dem Fächer neulich lag einfach daran, daß ich die Gedichte über die weißen Begonien so gern habe. Deshalb schrieb ich sie mir mit kleinen Schriftzeichen in Normalschrift auf meinen Fächer, nur um sie immer bequem zur Hand zu haben. Meinst du, ich wüßte nicht, daß man Gedichte und Schreibübungen aus den Mädchengemächern nicht leichtfertig in der Öffentlichkeit verbreiten darf? Seitdem du mit mir darüber gesprochen hast, habe ich den Fächer nie mehr mitgenommen, wenn ich den Garten verließ.“ „Kusine Lin hat recht mit ihren Überlegungen“, sagte Bau-tschai. „Wenn du die Gedichte auf einen Fächer schreibst und nimmst ihn aus Versehen mit hinaus in die Bibliothek, werden die Hausgäste mit Sicherheit fragen, wer der Verfasser ist, sobald sie die Verse gelesen haben. Wenn sie so an die Öffentlichkeit kämen, wäre das gar nicht schön. Von alters her heißt es ‚Tugendhaft ist eine Frau, die kein spezielles Talent besitzt.‘ Sittsamkeit und Zurückhaltung sind für uns das Allerwichtigste, an zweiter Stelle aber folgen Handarbeiten. Gedichteschreiben und dergleichen ist nicht mehr als ein Vergnügen, das wir in den inneren Gemächern betreiben. Ob man das kann oder nicht, ist gleichgültig. Ein Mädchen aus unseren Kreisen legt keinen Wert auf den Ruf, talentiert zu sein.“ Dann wandte sie sich an Dai-yü und sagte lächelnd: „Mir kannst du ja die Gedichte unbesorgt zeigen. Hauptsache ist, Vetter Bau-yü trägt sie nicht fort.“ „Nach dem, was du gesagt hast, mußt du sie auch nicht unbedingt sehen“, antwortete Dai-yü lächelnd. Dann wies sie auf Bau-yü und sagte: „Er hat sie längst an sich gerissen.“ Erst nach diesen Worten holte Bau-yü das Blatt wieder hervor, rückte dicht neben Bau-tschai und las mit ihr gemeinsam, was dort geschrieben stand: „Hsi-schï[3] Die Schönste der Zeit mußte schmählich vergehen, unerfüllt blieb ihr Sehnen am Hofe von Wu. Verlacht nicht ihre häßliche Nachahmerin, weißhaarig noch wusch sie ihre Seide im Bach.

Nebenfrau Yü[4]

Nächtliches Pferdegewieher zerreißt das Herz, als die Abschiedsklage einander sie singen. Die Verräter erwartet ein gräßlicher Tod, wieviel ruhmvoller starb sie von eigener Hand!

Haremsdame Ming[5]

Die Schönste der Schönen gab der Han-Kaiser fort, Schönheit ist, wie es heißt, stets mit Unglück gepaart. Wenn auch dem Herrscher seine Frauen nichts galten, warum hat ein Maler zu entscheiden das Recht?

Lü-dschu[6]Eine Perle, behandelt wie wertloser Stein –

wußte ein Schï Tschung ihre Schönheit zu schätzen? Und doch war ihm gnäd‘ger das Schicksal gesinnt, ein Freund hat ihn sterbend ins Jenseits begleitet.

Hung-fu[7]

An kühnen Worten wie an männlicher Tat hat die Schöne Li Djings wahren Wert bald erkannt. Yang Su war ein lebender Leichnam dagegen, wie hätt‘ er auf ewig sie festhalten können?“ Als Bau-yü gelesen hatte, fand er kein Ende mit seinem Lob und sagte: „Du hast gerade fünf Gedichte geschrieben, warum sollten sie zusammen nicht ‚Verse über fünf Schönheiten‘ heißen?“ Und ohne sich auf Erörterungen einzulassen, griff er zum Schreibpinsel und setzte diesen Titel daneben. „Beim Dichten kommt es, egal worüber man schreibt, immer darauf an, daß man es versteht, sich von überkommenen Aussagen zu lösen“, erläuterte Bau-tschai inzwischen. „Wenn man lediglich in anderer Leute Fußtapfen tritt, kommt stets nur etwas Zweitrangiges heraus, was nicht als gute Dichtung gelten kann, egal wie geschliffen die Verse sind. So hatten zum Beispiel über Wang Tjiang schon viele Dichter in der unterschiedlichsten Weise geschrieben. Die einen beklagten Wang Tjiangs Geschick, die anderen beschimpften Mau Yän-schou, und wieder andere machten dem Han-Kaiser Vorwürfe, weil er nicht tüchtige Minister, sondern schöne Frauen malen ließ. Dann aber hat Wang An-schï[8] geschrieben: ‚Nie offenbart des Menschen Herz ein Bild,

zu Unrecht starb der Maler Mau Yän-schou.‘

Und bei Ou-yang Hsiu heißt es: ‚Konnt‘ er wohl fern die Barbaren zügeln,

wenn das unter seinen Augen geschah?‘[9]

In jedem der beiden Gedichte kommt eine eigene Anschauung der Sache zum Ausdruck, die es von denen der Vorläufer unterscheidet. Auch von den fünf Gedichten, die Kusine Lin verfaßt hat, kann man sagen, daß sie einen eigenen Sinn hineingelegt und den alten Themen ein neues Gesicht abgewonnen hat...“ Eben wollte sie noch weiter fortfahren, da wurde gemeldet: „Der junge Herr Liän ist zurück. Gerade hat man von draußen Bescheid gesagt, er sei schon einige Zeit drüben im anderen Anwesen. Also muß er wohl bald kommen.“ Sofort erhob sich Bau-yü und ging zum Haupttor, um seinen Vetter dort zu erwarten, aber da war Djia Liän schon vor dem Tor vom Pferd gestiegen und trat eben herein. Also kniete Bau-yü vor ihm nieder und fragte nach dem Befinden der Herzoginmutter und von Dame Wang, ehe er sich auch nach Djia Liäns eigenem Wohlergehen erkundigte. Dann fanden sie, Hand in Hand weitergehend, in der mittleren Halle Li Wan, Hsi-fëng, Bau-tschai, Dai-yü, Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun, die dort bereits auf Djia Liän gewartet hatten. Nachdem sie einander begrüßt hatten, sagte Djia Liän: „Die alte gnädige Frau trifft morgen in aller Frühe hier ein. Sie war während der ganzen Reise wohlauf. Heute hat sie mich vorausgeschickt, damit ich hier nach dem Rechten sehe, und morgen früh in der fünften Nachtwache soll ich sie vor dem Stadttor erwarten.“ Anschließend stellten ihm die anderen noch ein paar Fragen über die Reise, aber weil er einen weiten Weg hinter sich hatte, verabschiedeten sie sich bald und ließen ihn in seine Räume gehen, damit er sich ausruhen konnte. Über die Ereignisse der Nacht ist nichts zu berichten. Am nächsten Tag um die Essenszeit trafen die Herzoginmutter und Dame Wang wirklich ein. Nachdem sie von allen begrüßt worden waren, nahmen sie nur kurz Platz, um eine Schale Tee zu trinken, dann ließen sie sich ins Ning-guo-Anwesen führen, wo ihnen ein markerschütterndes Geheul entgegenscholl. Denn kaum hatten Djia Schë und Djia Liän die Herzoginmutter nach Hause gebracht, waren sie hinübergeeilt und traten ihr jetzt an der Spitze der weinenden Sippenangehörigen entgegen. Die Arme gestützt auf Djia Schë und Djia Liän, die rechts und links von ihr gingen, trat die Herzoginmutter vor den Sarg, wo Djia Dschën und Djia Jung sie kniend erwarteten, um sich dann klagend an ihre Brust zu werfen. Als älterer Mensch war die Herzoginmutter bei dieser Szene natürlich zutiefst gerührt, und so schloß sie die beiden in die Arme und weinte ebenfalls bitterlich. Erst als Djia Schë und Djia Liän ihr beharrlich zuredeten, konnte sie sich etwas beruhigen. Dann wandte sie sich Frau You und deren Schwiegertochter zu, die rechts vom Sarg standen, und als sie einander zur Begrüßung bei den Händen hielten, war ein neuer Tränenausbruch nicht zu vermeiden. Nachdem sich die Herzoginmutter wieder gefaßt hatte, traten die übrigen Familienmitglieder heran, um ihr einer nach dem anderen den Gruß zu entbieten. Da die Herzoginmutter eben erst von der Reise zurückgekommen war und sich noch nicht hatte ausruhen können, hätte es ihr schaden müssen, wenn sie hier sitzen bliebe, deshalb redete ihr Djia Dschën immer wieder zu, sich in ihre Räume zu begeben und sich auszuruhen. Als sich auch Dame Wang und die anderen dieser Bitte anschlossen, mußte die Herzoginmutter nachgeben und ging. Tatsächlich zeigte sich dann, daß sie auf Grund ihres Alters den Anstrengungen der Reise und dem Kummer um den Toten nicht gewachsen war, und als es Nacht wurde, hatte sie ein benommenes Gefühl im Kopf und Schmerzen in der Brust, ihre Nase war verstopft, und ihre Stimme klang belegt. Sofort wurde ein Arzt geholt, um ihr die Pulse zu fühlen und Medizin zu verschreiben, und bis spät in die Nacht waren alle in heller Aufregung. Glücklicherweise löste sich die innere Hitze rasch wieder auf, ohne auf die Lebensbahnen überzugreifen. In der dritten Nachtwache hatte die Herzoginmutter einen leichten Schweißausbruch, ihr Puls beruhigte sich, und die Körpertemperatur sank. Jetzt erst atmeten alle wieder auf. Am nächsten Tag nahm die Herzoginmutter erneut Medizin ein und pflegte weiter der Ruhe. Wenige Tage später war es soweit, daß der Sarg mit Djia Djings Leichnam ins Kloster zurückgebracht wurde. Da die Herzoginmutter noch nicht wieder völlig genesen war, behielt sie Bau-yü zu ihrer Betreuung bei sich. Auch Hsi-fëng beteiligte sich nicht am Trauerzug, weil sie sich noch nicht wieder ganz wohl fühlte. Djia Schë, Djia Liän, Dame Hsing und Dame Wang dagegen gaben dem Sarg mit zahlreichem Gefolge das Geleit bis ins Kloster Eiserne Schwelle und kehrten erst am Abend nach Hause zurück. Im Kloster mußten Djia Dschën, Frau You und Djia Jung noch weitere einhundert Tage am Sarg Wache halten, bevor er in den Heimatort der Familie übergeführt werden konnte. So lange war ihr Haushalt der Obhut der alten Frau You mit ihren Töchtern anvertraut. Nun hatte Djia Liän schon lange von den beiden Schwestern You erzählen gehört und hatte stets bedauert, daß sich keine Gelegenheit ergeben wollte, sie kennenzulernen. Während jetzt Djia Djings Leichnam im Hause aufgebahrt stand, war er im täglichen Umgang mit den beiden vertraut geworden, und wie nicht anders zu erwarten, lechzte er nun nach ihnen. Zumal er wußte, daß Vater und Sohn Djia Dschën und Djia Jung im Verdacht standen, sich wie die wilden Hirsche ein und dasselbe Weibchen zu teilen, nahm er jede Gelegenheit wahr, um den beiden Schwestern den Hof zu machen und ihnen mit Augen und Brauen seine Gefühle zu offenbaren. Und während die dritte Schwester You ihn mit Gleichmut behandelte, legte die zweite Schwester größtes Interesse an den Tag. Nur weil stets zu viele Beobachter anwesend waren, hatten sie noch nicht zur Tat schreiten können. Außerdem hegte Djia Liän die Befürchtung, Djia Dschën könnte eifersüchtig sein, und auch das hatte ihn vor leichtfertigen Handlungen zurückgehalten. So hatten sich die beiden mit einer stillschweigenden Übereinkunft begnügen müssen. Nachdem jetzt der Sarg ins Kloster übergeführt worden war, befanden sich nur noch wenige Menschen in Djia Dschëns Wohnräumen. Denn bis auf einige Sklavenmädchen und -frauen, die hiergeblieben waren, um die gröberen Arbeiten für die alte Frau You und ihre beiden Töchter zu verrichten, waren alle Sklavinnen und Nebenfrauen mit im Kloster. Die Diener und Sklavenfrauen im äußeren Breich gingen bei Nacht ihre Runden, am Tage hüteten sie die Tore, und ohne besonderen Grund kamen sie nicht ins Haus. Diese Umstände gedachte Djia Liän auszunutzen, um endlich zum Zuge zu kommen. Unter dem Vorwand, Djia Dschën Gesellschaft zu leisten, pflegte er mit im Kloster zu übernachten, am Tage aber ritt er häufig ins Ning-guo-Anwesen, wobei er vorgab, häusliche Angelegenheiten für Djia Dschën zu besorgen, während er in Wirklichkeit darauf aus war, die zweite Schwester You zu verführen. Eines Tages kam Yü Lu, einer der jüngeren Verwalter, mit der Meldung zu Djia Dschën: „Die Kosten für Behelfsbauten, Trauerstoffe und Sargträgeruniformen betragen zusammen eintausendeinhundertundzehn Liang Silber, davon sind erst fünfhundert Liang bezahlt, die restlichen sechshundertundzehn sind wir noch schuldig. Gestern haben uns zwei von den Händlern mahnen lassen, darum möchte ich Euch um Weisungen bitten.“ „Also laß dir das Silber von den Kassenverwaltern geben, und damit ist doch die Sache erledigt“, sagte Djia Dschën. „Warum mußt du mir das melden kommen?“ „Gestern war ich schon deswegen in der Kasse, aber seitdem sich der alte gnädige Herr auf die ewige Reise begeben hat, ist sehr viel Silber verbraucht worden, und von dem, was noch da ist, müssen das hunderttägige Totenritual und die Kosten, die hier im Kloster entstehen, bezahlt werden“, gab Yü Lu Auskunft. „Deshalb konnte ich nichts bekommen, und so bin ich nun hier, um Euch davon Meldung zu machen, Herr. Entweder Ihr verauslagt das Geld einstweilen aus Eurer Privatkasse, oder es wird irgendwo geborgt. Darüber bitte ich um Weisung, damit ich entsprechend handeln kann.“ „Du glaubst wohl, es sei noch wie früher, als das Silber ungenutzt bei uns herumlag?“ fragte Djia Dschën lächelnd. „Also borge die Summe irgendwo und bezahle die Rechnungen!“ Ebenfalls lächelnd, erwiderte Yü Lu: „Ein- oder zweihundert könnte ich allenfalls borgen, aber wie soll ich so schnell zu fünf- oder sechshundert Liang Silber kommen?“ Djia Dschën dachte nach, dann befahl er Djia Jung: „Geh und frag deine Mutter, ob die fünfhundert Liang Silber, die wir nach der Sargüberführung von den Dschëns im Süden für Opfergaben bekommen haben, schon an die Kasse übergeben worden sind. Wenn nicht, laß sie dir geben und händige sie ihm aus!“ „Jawohl!“ sagte Djia Jung, ging hinüber und übermittelte Frau You die Bestellung. Als er wiederkam, berichtete er: „Zweihundert Liang von dem Silber sind schon verbraucht, mit den restlichen dreihundert ist ein Bote in die Stadt geschickt worden, um sie der Großmutter in Verwahrung zu geben.“ „Dann reitest du mit Yü Lu in die Stadt, bittest Großmutter um das Silber und gibst es ihm!“ entschied Djia Dschën. „Außerdem schaust du nach, ob zu Hause alles in Ordnung ist, und fragst die beiden Tanten, wie es ihnen geht. Die fehlende Summe wird Yü Lu erst einmal borgen!“ Djia Jung und Yü Lu sagten jawohl und wollten eben gehen, als Djia Liän zur Tür hereinkam. Sofort trat Yü Lu vor ihn hin, um seinen Gruß zu entbieten, und Djia Liän erkundigte sich, was es gebe. Als Djia Dschën ihm die Sache in allen Einzelheiten erzählt hatte, dachte sich Djia Liän: „Das wäre eine Möglichkeit, um ins Ning-guo-Anwesen zur zweiten Schwester You zu kommen!“ Also sagte er: „Was ist das schon für eine schwerwiegende Angelegenheit?! Warum soll er bei Fremden borgen? Neulich erst erhielt ich eine Summe Silber, die ich noch nicht wieder ausgegeben habe. Darum ist es das beste, wenn ich den Fehlbetrag auslege, das vereinfacht die Sache!“ „Ausgezeichnet!“ freute sich Djia Dschën, „also gib deine Anweisung, dann kann Jung sich auch dieses Silber geben lassen!“ „Das Silber muß ich selber holen“, erklärte Djia Liän rasch. „Außerdem war ich schon einige Tage nicht zu Hause und möchte der alten gnädigen Frau, dem gnädigen Herrn und den gnädigen Frauen meinen Gruß entbieten. Auch drüben bei dir wollte ich nachsehen, ob irgend etwas vorgefallen ist, und gleichzeitig der alten Dame meinen Respekt erweisen.“ „Darf ich dich denn so sehr in Anspruch nehmen?“ sagte Djia Dschën lächelnd. „Ich mache mir wirklich schon Vorwürfe deswegen.“ „Aber woher denn?“ beruhigte ihn Djia Liän. „Schließlich sind wir Vettern!“ „Also reite mit deinem Onkel!“ wandte sich Djia Dschën nun an Djia Jung. „Und geh auch hinüber ins andere Anwesen, um der alten gnädigen Frau, dem gnädigen Herrn und den gnädigen Frauen deinen Gruß zu entbieten. Sag ihnen, wir ließen sie grüßen, und erkundige dich, ob die alte gnädige Frau wieder gesund ist oder noch Medizin einnehmen muß!“ Djia Jung versprach, alles Punkt für Punkt zu erledigen, dann folgte er Djia Liän hinaus. In Begleitung einiger Sklavenjungen bestiegen sie ihre Pferde und ritten gemeinsam zur Stadt. Während des müßigen Gesprächs, das sich dabei zwischen Onkel und Neffen entspann, ließ Djia Liän es sich angelegen sein, die Sprache auf die zweite Schwester You zu bringen, und lobte in den höchsten Tönen, wie schön und wie gütig sie sei, wie elegant ihr Benehmen und wie angenehm ihre Redeweise, kurzum, es gebe nichts an ihr, was einem nicht Verehrung und Liebe abnötigte. „Alle Leute loben nur meine Frau, aber ich finde, dieser Tante von dir kann sie nicht das Wasser reichen“, begeisterte er sich. Djia Jung konnte sich denken, worauf er hinauswollte, und so sagte er lächelnd: „Wenn Ihr sie so sehr mögt, Onkel, dann will ich Euer Vermittler sein, und Ihr macht sie zu Eurer Nebenfrau. Wie wäre das?“ Ebenfalls lächelnd, fragte Djia Liän zurück: „Ist das ein Scherz von dir, oder meinst du es ernst?“ „Es ist mein Ernst!“ bekräftigte Djia Jung. „Die Sache wäre natürlich sehr schön“, nahm Djia Liän wieder das Wort. „Ich fürchte nur, meine Frau wird nicht einverstanden sein, und deine Großmutter wird es wohl auch nicht wollen. Außerdem habe ich gehört, deine Tante sei bereits verlobt.“ „Das macht nichts!“ versicherte Djia Jung lächelnd. „Die beiden Tanten sind keine Töchter meines Großvaters, sondern wurden von meiner Großmutter mit in die Ehe gebracht. Wie ich hörte, hat meine Großmutter die Tante schon vor ihrer Geburt mit dem Sohn eines gewissen Dschang verlobt, der kaiserlicher Gutsverwalter war. Später sind die Dschangs durch einen Rechtsstreit in Armut geraten, meine Großmutter aber hat sich wieder verheiratet. Seit mehr als zehn Jahren hat sie keinen Kontakt mehr zu den Dschangs. Sie hat schon oft geklagt, sie wolle die Verlobung rückgängig machen, und auch mein Vater möchte die Tante gern anderweitig verloben, wenn er erst einmal einen guten Partner für sie gefunden hat. Man muß nur die Dschangs suchen lassen, um ihnen zehn, zwölf Liang Silber in die Hand zu drücken, damit sie eine Verzichtserklärung schreiben. Was sollten sie angesichts des Silbers schon für Einwände haben, arm, wie sie sind! Außerdem wissen sie genau, daß es für eine Familie wie die unsere nichts bedeuten würde, wenn sie Einwände machten. Wenn jemand wie Ihr meine Tante zur Nebenfrau nehmen will, garantiere ich, daß meine Großmutter und mein Vater einverstanden sind. Schwierig wird es nur mit Eurer Frau.“ Als Djia Liän das hörte, blühten in seinem Herzen tausend Blumen auf, und anstatt etwas zu sagen, lächelte er nur töricht vor sich hin. Nach einigem Nachdenken fing Djia Jung mit lächelnder Miene erneut an: „Wenn Ihr den Mut dazu habt und Euch an meinen Plan haltet, gibt es nichts, was die Sache verhindern könnte. Es kostet nur einfach ein bißchen mehr.“ „Was ist das für ein Plan?“ fragte Djia Liän begierig. „Sag ihn mir schnell! Ich will mich an alles halten.“ „Ihr dürft zu Hause kein Sterbenswörtchen von der Sache sagen“, instruierte ihn Djia Jung. „Und wenn ich meinem Vater davon berichtet habe und er alles mit meiner Großmutter abgesprochen hat, kauft Ihr irgendwo in der Nähe unseres Anwesens ein Haus und die nötige Einrichtung dafür und steckt zwei Dienerfamilien als Aufwartung hinein. Dann laßt Ihr einen Glückstag aussuchen, und ohne daß Menschen oder Geister auch nur das mindeste davon merken, zieht Ihr mit meiner Tante dort ein. Dem Gesinde wird eingeschärft, daß kein Wort darüber durchsickern darf, und da Eure Frau in der Tiefe des Anwesens wohnt, wird sie nichts davon erfahren. Ihr aber wohnt an zwei Stellen zugleich. Wenn die Sache dann vielleicht nach einem Jahr oder einem halben bekannt wird, bringt sie Euch nicht mehr als eine Portion Schelte von Eurem Vater ein, und Ihr könnt einfach sagen, da Eure Frau Euch keinen Sohn geboren habe, hättet Ihr um der männlichen Nachkommenschaft willen die Sache heimlich in die Wege geleitet. Wenn Eure Frau sieht, daß Ihr vollendete Tatsachen geschaffen habt, wird sie sich damit abfinden müssen. Und wenn Ihr dann noch die alte gnädige Frau schön bittet, ist alles wieder im Lot.“ Von alters her heißt es „Begierde trübt den Verstand.“ So zählte jetzt auch für Djia Liän nur das Verlangen nach den Reizen der zweiten Schwester You, und Djia Jungs Gerede schien ihm ein unfehlbarer Plan zu sein. Daß die Familie in Trauer war, daß man nicht hinter dem Rücken der Hauptfrau eine Nebenfrau nehmen kann, daß er einen strengen Vater und eine eifersüchtige Gattin hatte – alle diese Hinderungsgründe ließ er außer acht. Er ahnte auch nicht, daß Djia Jung keineswegs in guter Absicht handelte. Dieser hatte ja selbst ein Auge auf seine beiden Stieftanten geworfen. Da er jedoch unter Djia Dschëns Aufsicht nicht auf seine Kosten kam, sagte er sich, daß es dann, wenn Djia Liän eine der beiden heiratete und außerhalb mit ihr wohnte, auch nicht an Gelegenheiten mangeln könnte, in Djia Liäns Abwesenheit dort herumzuspuken. Auf diesen Gedanken konnte Djia Liän freilich nicht kommen, und so bedankte er sich bei Djia Jung und versprach ihm: „Wenn du die Sache wirklich zuwege bringst, mein lieber Neffe, dann kaufe ich auch zwei bildhübsche Sklavenmädchen und schenke sie dir zur Belohnung.“ Bei diesen Worten waren sie am Tor des Ning-guo-Anwesens angekommen, und Djia Jung sagte: „Geht Ihr hinein, Onkel, und laßt Euch von meiner Großmutter das Silber geben, das Yü Lu bekommen soll! Ich will zuerst drüben die alte gnädige Frau begrüßen.“ Lächelnd nickte Djia Liän und bat: „Sag vor der alten gnädigen Frau nichts davon, daß ich mit dir zusammen gekommen bin!“ „Ich verstehe!“ sagte Djia Jung, dann flüsterte er Djia Liän ins Ohr: „Falls Ihr meine Tante heute seht, dürft Ihr nichts überstürzen. Wenn jetzt Aufsehen erregt wird, ist es nachher schwer wiedergutzumachen.“ „Red keinen Stuß und beeil dich lieber! Ich warte hier auf dich“, sagte Djia Liän lachend, und Djia Jung ritt zum Jung-guo-Anwesen weiter, um dort der Herzoginmutter seinen Gruß zu entbieten. Währenddessen betrat Djia Liän das Ning-guo-Anwesen, wo ihn sofort einer der für das Gesinde zuständigen Aufseher mit seinen Untergebenen begrüßte und dann in die Halle geleitete. Um der Pflicht zu genügen, stellte Djia Liän einige Fragen, dann schickte er die Leute fort und ging allein in den inneren Wohnbezirk weiter. Für ihn als Vetter und engen Vertrauten von Djia Dschën galten hier keine Tabus, und so brauchte er nicht zu warten, bis man ihn angemeldet hatte. Als er vor der Haupthalle der Wohngebäude stand, schlugen die alten Sklavinnen, die im Säulengang Dienst taten, sofort den Türvorhang für ihn auf und ließen ihn eintreten. Drinnen erblickte Djia Liän die zweite Schwester You, die in Gesellschaft zweier Sklavenmädchen auf dem Ofenbett an der Südseite saß und mit einer Nadelarbeit beschäftigt war. Weder die alte Frau You noch die dritte Schwester You waren zu sehen. Als Djia Liän rasch nähertrat und die zweite Schwester You begrüßte, lud sie ihn lächelnd ein, Platz zu nehmen, und rückte selbst an die hölzerne Trennwand auf der Ostseite. Djia Liän aber bestand darauf, ihr den Ehrenplatz in der Mitte zu überlassen. Nachdem sie ein paar Begrüßungsfloskeln gewechselt hatten, erkundigte sich Djia Liän: „Wo sind denn Eure Mutter und Eure Schwester? Warum sind sie nicht zu sehen?“ „Sie sind nach hinten gegangen, um etwas zu erledigen, und werden gleich wieder da sein“, gab die zweite Schwester You lächelnd Auskunft. Da die beiden Sklavenmädchen hinausgegangen waren, um Tee einzugießen, sah Djia Liän der zweiten Schwester You lächelnd in die Augen. Sie aber ging nicht darauf ein und senkte lächelnd den Blick. Also wagte Djia Liän es nicht, sich mit Handgreiflichkeiten zu übereilen. Da er aber sah, daß die zweite Schwester You an ihrem Taschentuch nestelte, an das sie ein kleines Täschchen gebunden hatte, griff er mit betonter Auffälligkeit nach seinem Gürtel und sagte dann: „Habe ich doch mein Beteltäschchen vergessen! Würdet Ihr mir wohl eine Betelnuß schenken?“ „Betelnüsse habe ich wohl, aber verschenken tue ich sie nie“, erwiderte die zweite Schwester You. Lächelnd wollte sich Djia Liän ihr nähern, um ihr das Täschchen wegzunehmen, aber weil das einen schlechten Eindruck machen mußte, falls jemand dazukam, warf die zweite Schwester You ihr Taschentuch mit dem Täschchen daran rasch zu ihm hinüber, wobei sie ebenfalls lächelte. Djia Liän fing das Täschchen auf, schüttete alle Betelnüsse aus, suchte sich eine angekaute darunter heraus und schob sie in den Mund. Dann sammelte er den Rest wieder ein und wollte aufstehen, um der zweiten Schwester You das Täschchen in die Hand zu geben. Aber da kamen eben die Sklavenmädchen wieder herein und brachten den Tee. Also nahm Djia Liän sein Schälchen entgegen und trank. Zugleich löste er heimlich einen aus der Han-Zeit stammenden mit neun Drachen verzierten Jadeanhänger von seinem Gürtel, band ihn an das Taschentuch und warf das Ganze zur zweiten Schwester You hinüber, als die Sklavenmädchen eben einmal nicht hinsahen. Aber die zweite Schwester You hob das Taschentuch nicht auf, tat ganz so, als ob sie nichts bemerkt hätte, und trank ihren Tee. Da klapperte der Vorhang an der Hintertür, und herein traten die alte Frau You mit ihrer Tochter und zwei kleineren Sklavenmädchen. Rasch bedeutete Djia Liän der zweiten Schwester You mit den Augen, sie solle das Taschentuch an sich nehmen, aber sie reagierte nicht darauf. Djia Liän wußte nicht, was er davon halten sollte, und geriet in beträchtliche Verwirrung, aber er hatte keine andere Wahl, als der alten Frau You und der dritten Schwester You entgegenzugehen, um sie zu begrüßen. Als er sich wieder umwandte und nach der zweiten Schwester You sah, lächelte sie, als ob überhaupt nichts gewesen wäre, und bei näherem Hinsehen stellte er fest, daß das Taschentuch verschwunden war. Nun erst fühlte er sich beruhigt. Dann setzten sich alle hin, um zu plaudern, und Djia Liän berichtete: „Wie die Schwägerin sagte, hat sie Euch neulich ein Paket mit Silber zur Aufbewahrung geschickt, das soll ich mir jetzt auf Geheiß von Vetter Dschën geben lassen, weil Schulden zu bezahlen sind. Außerdem sollte ich nachsehen, ob hier alles in Ordnung ist.“ Sofort befahl die alte Frau You ihrer älteren Tochter, sie solle den Schlüssel nehmen und das Silber holen gehen. Djia Liän aber fuhr fort: „Zugleich wollte ich Euch meinen Gruß entbieten und sehen, wie es Euren Töchtern geht. Ihr selbst scheint mir nicht schlecht auszusehen, aber Eure Töchter haben hier bei uns viel zu leiden.“ „Was sagt Ihr da!“ widersprach ihm die alte Frau You. „Schließlich sind wir engste Verwandte, und wir würden zu Hause nicht anders leben als hier. Um die Wahrheit zu sagen, ist unsere Familie hart dran, seitdem mein Mann nicht mehr lebt, und wir sind ganz auf die Hilfe meines Schwiegersohns angewiesen. Jetzt, wo seine Familie von einem so schwerwiegenden Ereignis betroffen ist, können wir ihm wenigstens dadurch von Nutzen sein, daß wir das Haus für ihn hüten. Von welchem Leiden kann also die Rede sein?“ Bei diesen Worten kam die zweite Schwester You mit dem Silber zurück und übergab es ihrer Mutter, die es an Djia Liän weiterreichte. Dann ließ Djia Liän durch eines der Sklavenmädchen eine alte Sklavin rufen und befahl ihr: „Gib das Yü Lu und sag ihm, er solle damit zu mir hinübergehen und auf mich warten!“ Als die alte Sklavin jawohl gesagt hatte und hinausgegangen war, ertönte Djia Jungs Stimme im Hof, und im nächsten Augenblick trat er ins Haus und begrüßte seine Stiefgroßmutter und seine beiden Stieftanten. Dann wandte er sich lächelnd an Djia Liän und sagte: „Gerade hat drüben der alte gnädige Herr nach Euch gefragt, Onkel. Er sagte, er habe einen Auftrag für Euch, und wollte schon jemand ins Kloster schicken, um Euch zu holen. Ich habe ihm gesagt, Ihr würdet gleich da sein, und da hat er mir noch aufgetragen, Euch zur Eile zu mahnen, wenn ich Euch treffe.“ Schon machte Djia Liän Anstalten aufzustehen, da hörte er, wie Djia Jung zur alten Frau You sagte: „Der Mann, von dem ich Euch neulich erzählte, daß mein Vater ihn für die Tante ausgesucht hat, sieht nach Gesicht und Gestalt beinahe so aus wie mein Onkel hier. Wie gefällt Euch der, alte Ahne?“ Damit machte er eine verstohlene Handbewegung in Djia Liäns Richtung und wies dann mit dem Kinn nach der zweiten Schwester You. Dieser war es peinlich, etwas zu sagen, ihre Schwester jedoch schimpfte lächelnd: „Du verdorbener kleiner Affe, du! Weißt du nichts Besseres zu schwatzen? Warte, ich werde dir deinen Mund zerreißen!“ Mit diesen Worten ging sie wirklich auf ihn los, aber da war Djia Jung schon lachend hinausgelaufen. Nun verabschiedete sich auch Djia Liän und ging zuerst noch einmal in die Halle, wo er das Gesinde ermahnte, keine Glücksspiele zu spielen und keinen Wein zu trinken. Dann bat er Djia Jung noch unter vier Augen, er solle sich beeilen, ins Kloster zurückzukommen, und möglichst schnell mit seinem Vater sprechen. Anschließend ritt er mit Yü Lu zum anderen Anwesen hinüber, gab ihm dort das restliche Silber und schickte ihn weg. Nachdem er zuvor noch seinen Vater aufgesucht hatte, ging er endlich der Herzoginmutter seine Aufwartung machen. Aber davon soll hier nicht die Rede sein. Als sich Djia Jung davon überzeugt hatte, daß Yü Lu mit Djia Liän fortritt, um das Silber zu holen, so daß für ihn nichts zu tun blieb, kehrte er noch einmal in die inneren Gemächer zurück, um sich dort noch ein Weilchen mit seinen beiden Stieftanten zu necken, ehe er sich wieder auf den Weg machte. Als er am Abend ins Kloster kam und seinen Vater aufsuchte, berichtete er: „Yü Lu hat das Silber bekommen. Die alte gnädige Frau ist wieder gesund und braucht keine Medizin mehr zu nehmen.“ Anschließend nahm er sofort die Gelegenheit wahr, um seinem Vater zu erzählen, daß Djia Liän unterwegs den Wunsch geäußert habe, die zweite Schwester You zu seiner Nebenfrau zu machen, und daß er den Plan habe, außerhalb mit ihr zu wohnen, damit Hsi-fëng nichts davon erführe. „Es geht ihm nur darum, das Ärgernis zu beheben, daß er noch keinen Sohn hat“, versicherte er. „Außerdem hat er die Tante schon gesehen, und sowieso ist es besser, jemand zu heiraten, mit dem man verschwägert ist, als jemand Fremdes, von dem man nichts weiß. Deshalb hat mich der Onkel immer wieder gebeten, mit Euch zu sprechen.“ Daß alles sein eigener Einfall gewesen war, verschwieg er geflissentlich. Djia Dschën dachte nach, dann sagte er lächelnd: „Warum eigentlich nicht! Nur weiß ich nicht, ob deine Tante damit einverstanden sein wird. Also sprich morgen zuerst mit deiner Großmutter darüber und bitte sie, die Tante zu fragen, ehe wir eine Entscheidung treffen.“ Anschließend gab er Djia Jung noch einige Instruktionen, dann ging er hinüber und teilte Frau You die Neuigkeit mit. Frau You war sich darüber im klaren, daß die Sache sich nicht gehöre, und riet Djia Dschën nach Kräften ab. Sein Entschluß stand jedoch bereits fest, und da es Frau You gewohnt war, sich zu fügen, und da sie und die zweite Schwester You nicht Kinder einer Mutter waren, so daß sie sich auch nicht allzusehr um sie kümmern konnte, mußte sie den Dingen ihren Lauf lassen. Am nächsten Morgen ritt Djia Jung tatsächlich in aller Frühe erneut in die Stadt, suchte seine Stiefgroßmutter auf und eröffnete ihr, was sein Vater ihm aufgetragen hatte. Außerdem fügte er noch von sich aus mancherlei hinzu. So erzählte er, Djia Liän sei ein herzensguter Mensch, Hsi-fëng aber sei unheilbar krank, und wenn die Tante vorläufig außerhalb wohnen würde, könnte Djia Liän sie nach einem Jahr oder einem halben, wenn Hsi-fëng erst tot sei, ins Haus nehmen und zur Hauptfrau machen. Er schilderte auch in den rosigsten Farben, wie sein Vater die Verlobung ausrichten werde und wie Djia Liän die Hochzeit gestalten wolle. „Auch Euch würde er bei sich aufnehmen und im Alter für Euch sorgen, und für die zweite Tante würde er mit der Zeit ebenfalls einen Mann suchen“, fügte er zum Schluß noch hinzu. Wie hätte die alte Frau You solchen Verlockungen widerstehen können, zumal sie ganz auf Djia Dschëns Unterstützung angewiesen war und Djia Dschën die Sache in die Hand genommen hatte und die Verlobung arrangieren wollte, so daß sie selbst nicht einmal für die Aussteuer zu sorgen brauchte. Außerdem war Djia Liän ein junger Mann aus guter Familie und zehnmal besser als Dschang Hua. Also ging die alte Frau You sofort hinüber, um mit ihrer Tochter zu sprechen. Die zweite Schwester You hatte einen Charakter wie Wasser, und es hatte auch schon etwas Unziemliches zwischen ihr und Djia Dschën gegeben. Daß sie seinerzeit mit Dschang Hua verlobt worden war, wodurch sie für immer auf einen richtigen Platz im Leben verzichten mußte, hatte sie stets bedauert. Was sollte sie also einzuwenden haben, wenn jetzt Djia Liän in sie verliebt war und kein anderer als Djia Dschën sie verloben und verheiraten wollte? Also nickte sie und erklärte sich einverstanden. Die alte Frau You meldete es Djia Jung, Djia Jung meldete es seinem Vater, und dieser ließ schon am nächsten Tag Djia Liän zu sich ins Kloster bitten, um ihm persönlich mitzuteilen, die alte Dame habe ja gesagt. Djia Liäns Freude war übermächtig, und seine Dankesbeteuerungen an Vater und Sohn Djia Dschën und Djia Jung wollten kein Ende nehmen. Dann beratschlagten sie zu zweit und gaben Auftrag, ein Haus zu suchen, Schmuck anfertigen zu lassen und eine Aussteuer anzuschaffen, desgleichen Bett, Vorhänge und alles übrige für das Brautgemach. Schon innerhalb weniger Tage war alles bereit. In der Gasse der Kleinen Blütenzweige, zwei Li von der Straße am Ning-guo- und Jung-guo-Anwesen entfernt, war ein Gehöft von insgesamt zwanzig Säulenzwischenräumen Wohnfläche gekauft worden, ebenso zwei kleine Sklavenmädchen. Darüberhinaus stellte Djia Dschën von seinem eigenen Gesinde Bau Örl und dessen Frau zur Verfügung, um der zweiten Schwester You nach ihrem Umzug aufzuwarten. Die beiden dachten natürlich nicht daran, Einwände zu erheben, als sie hörten, welch einen schönen Posten sie bekommen sollten. Des weiteren ließ Djia Dschën durch einen Boten Dschang Hua und seinen Vater holen und zwang sie, der alten Frau You eine Eheverzichtserklärung zu schreiben. Dschang Huas Großvater war der Verwalter eines kaiserlichen Gutes gewesen. Nach seinem Tod hatte Dschang Huas Vater den Posten bekleidet, und weil er mit Frau Yous erstem Mann befreundet gewesen war, hatten sie Dschang Hua und die zweite Schwester You schon im Mutterleib miteinander verlobt. Später hatten die Dschangs durch einen Rechtsstreit ihr Vermögen verloren, besaßen kaum noch so viel, daß sie sich zu kleiden und zu ernähren vermochten, und konnten sich deshalb eine Schwiegertochter nicht leisten. Nachdem die alte Frau You die Familie ihres verstorbenen ersten Mannes verlassen hatte, um sich wieder zu verheiraten, hatte zwischen beiden Seiten mehr als zehn Jahre lang keinerlei Kontakt mehr bestanden. Als jetzt ein Bote der Djias erschien und die Dschangs holte, um eine Eheverzichtserklärung zu schreiben, waren sie zwar nicht damit einverstanden, aber aus Furcht vor Djia Dschëns Machtposition mußten sie sich beugen und setzten das geforderte Schriftstück auf. Anschließend gab ihnen die alte Frau You zwanzig Liang Silber, und damit galt das Verlöbnis als gelöst. Doch genug jetzt davon. Als Djia Liän sah, daß alle Vorbereitungen getroffen waren, suchte er den dritten Tag des neunten Monats als Glückstag aus, um die zweite Schwester You als Nebenfrau heimzuführen. Im nächsten Kapitel wird mehr davon erzählt.

Anmerkungen

  1. Vgl. die ‚Gespräche‘ des Konfuzius, III, 4.
  2. In China glaubte man seit alters her, Tiere könnten sich in Menschen verwandeln, vor allem in verführerische Frauen. Das galt besonders für Füchse.
  3. Vgl. o., Anm. zu S. 6 (Hsi-dsï), S. 90 (...die seidene Decke...) und S. 199 (Bach Juo-yä); auch ihre häßliche Nachahmerin ist oben bereits erwähnt (S. 526).
  4. Lieblingsnebenfrau des Hsiang Yü (vgl. o., Anm. zu S. 672), die bei ihm war, als sein Heer von den überlegenen Truppen unter Liu Bang eingeschlossen wurde. Bevor Hsiang Yü einen Durchbruchsversuch wagte, nahm sie sich das Leben.
  5. Anderer Name der Wang Tjiang (Wang Dschau-djün), vgl. o., Anm. zu S. 92. Einer fiktiven Überlieferung nach hat der Han-Kaiser Yüan-di Bilder von all seinen Palastmädchen malen lassen und danach diejenigen ausgesucht, die er zu sich rufen ließ. Während alle anderen Palastmädchen die Maler bestochen hätten und deshalb schöner dargestellt worden seien, als sie in Wirklichkeit waren, soll Wang Tjiang das abgelehnt haben, weshalb sie häßlich dargestellt, nie zum Kaiser gerufen und schließlich dem Herrscher der Hunnen als Frau geschickt worden sein soll. Erst bei dieser Gelegenheit habe der Kaiser entdeckt, wie schön sie war, und habe den Maler Mau Yän-schou hinrichten lassen.
  6. Lü-dschu (‚Grünperle‘) war eine Konkubine des Schï Tschung (vgl. o., Anm. zu S. 316 (der Wein von Djin-gu). Als Schï Tschung sich weigerte, sie einem Rivalen abzutreten, ließ dieser ihn auf Grund eines gefälschten kaiserlichen Befehls festnehmen, Lü-dschu aber beging Selbstmord.
  7. Vgl. o., Anm. zu S. 41 (Hung-fu).
  8. 1021 – 1086, prominenter Reformpolitiker, Dichter und Essayist.
  9. Vgl. o., Anm. zu S. 285. Die beiden hier zitierten Zeilen entstammen demselben Gedicht wie die auf S. 1140 angeführte Zeile.