Hongloumeng/de/Chapter 77

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Siebenundsiebzigstes Kapitel

Die huebsche Dienerin stirbt zu Unrecht vor der Zeit; die schoene Schauspielerin schneidet alle Gefuehle ab und kehrt zu Wasser und Mond zurueck

Es wird erzaehlt, dass Dame Wang nach dem Mittelherbstfest feststellte, dass Phoenixglanz' Krankheit sich bereits gebessert hatte. Zwar war sie noch nicht voellig genesen, doch konnte sie schon wieder aufstehen und ausgehen. Dennoch liess Dame Wang weiterhin jeden Tag den Arzt kommen, um ihr den Puls zu fuehlen und Medizin zu verabreichen. Der Arzt verschrieb nun ein Rezept fuer Pillen zur Regulierung der Menstruation und Naehrung der Lebenskraft. Dafuer wurden zwei Liang besten Ginsengs benoetigt. Als Dame Wang ihn holen liess, fand man nach langem Suchen in einem kleinen Kaestchen nur ein paar Wurzeln, nicht dicker als Haarnadeln. Dame Wang war damit nicht zufrieden und befahl, weiter zu suchen. Doch alles, was noch gefunden wurde, war ein grosses Paeckchen mit Fasern und Kruemeln.

Aergerlich sagte Dame Wang: "Wenn man keinen braucht, ist welcher da, aber sobald man welchen braucht, ist keiner mehr zu finden! Immer wieder habe ich euch gesagt, ihr sollt einmal nachsehen und alles an einer Stelle zusammenlegen. Aber ihr hoert ja nicht und lasst alles irgendwo liegen. Ihr wisst einfach nicht, wie wertvoll er ist. Wenn man ihn kaufen muss, kostet er ein Vermoegen, und dann taugt er nicht einmal!"

Caiyun erwiderte: "Wahrscheinlich ist keiner mehr da, ausser diesem hier. Als letztes Mal die gnaedige Frau von drueben welchen brauchte, habt Ihr ihr alles gegeben."

"Das kann nicht sein", beharrte Dame Wang. "Such noch einmal gruendlich!"

Wohl oder uebel suchte Caiyun noch einmal und kam mit mehreren Paeckchen Arzneikraeuter zurueck. "Wir kennen diese nicht", sagte sie. "Seht bitte selbst nach, gnaedige Frau. Ausser diesen hier ist nichts mehr da."

Als Dame Wang die Paeckchen oeffnete, konnte sie sich ebenfalls nicht mehr erinnern, was fuer Kraeuter das waren, doch eine einzige Ginsengwurzel war nicht darunter. Also schickte sie jemanden, um Phoenixglanz zu fragen, ob sie welchen habe. Phoenixglanz liess antworten: "Ich habe nur etwas Ginsengpaste und ein paar Fasern. Die wenigen Wurzeln, die ich noch besitze, sind nicht von bester Qualitaet, und ich brauche sie taeglich fuer meine eigenen Heiltraenke."

Da blieb Dame Wang nichts anderes uebrig, als sich an Dame Xing zu wenden, doch diese liess ausrichten: "Da ich selbst keinen mehr hatte, habe ich ja gerade bei euch welchen geholt. Der ist laengst aufgebraucht."

So musste Dame Wang persoenlich zur Herzoginmutter gehen, um sie zu bitten. Die Herzoginmutter befahl sogleich Mandarinenente, den Rest von frueher zu holen. Es war noch ein grosses Paeckchen da, alles Wurzeln so dick wie ein Finger. Davon liess sie zwei Liang abwiegen und Dame Wang geben.

Dame Wang uebergab den Ginseng der Frau des Zhou Rui mit dem Auftrag, die Diener sollten ihn zum Arzt bringen. Ausserdem liess sie die unbekannten Paeckchen mitschicken, damit der Arzt sie bestimme und die Namen darauf vermerke.

Nach einiger Zeit kam die Frau des Zhou Rui zurueck und berichtete: "Die Paeckchen sind alle ordentlich beschriftet. Der Ginseng ist zwar von allerbester Sorte, und heutzutage bekommt man so etwas nicht einmal fuer dreissig Liang Silber pro Liang. Aber er ist zu alt. Mit Ginseng ist es anders als mit anderen Dingen: Wie gut er auch sein mag, nach hundert Jahren zerfaellt er von selbst zu Staub. Dieser hier ist zwar noch nicht zu Staub geworden, aber er ist nur noch morsches, fauliges Holz und hat keinerlei Wirkung mehr. Bitte verwahrt ihn, gnaedige Frau, und besorgt stattdessen frischen, egal ob die Wurzeln dick oder duenn sind."

Dame Wang senkte schweigend den Kopf. Erst nach langer Pause sagte sie: "Da ist nichts zu machen. Wir muessen eben zwei Liang kaufen gehen." Sie hatte keine Lust, sich die uebrigen Arzneien anzusehen, und befahl nur: "Raeumt alles weg!" Dann wandte sie sich an die Frau des Zhou Rui: "Geh und sag den Leuten draussen, sie sollen guten Ginseng besorgen und zwei Liang kaufen. Falls die alte gnaedige Frau einmal fragen sollte, sagt einfach, wir haetten ihren Ginseng verwendet, und macht keine grossen Worte darueber."

Die Frau des Zhou Rui wollte sich gerade auf den Weg machen, als Schatzspange, die ebenfalls anwesend war, laechelnd sagte: "Wartet, Tante! Der Ginseng, den man heutzutage draussen zu kaufen bekommt, taugt nichts. Selbst wenn einmal eine ganze Wurzel dabei ist, schneiden sie sie in zwei oder drei Stuecke, setzen wertlose Enden und Fasern dazwischen und verkaufen das Ganze als gute Ware, ohne dass man die Qualitaet erkennen kann. Unser Laden hat staendig mit Ginsenghaendlern zu tun. Lasst mich mit meiner Mutter sprechen, damit mein Bruder einen Gehilfen zu den Ginsenghaendlern schickt und mit ihnen verhandelt. Er soll zwei Liang guten, unbearbeiteten Ginseng in Originalwurzeln beschaffen. Lieber geben wir ein paar Liang Silber mehr aus, dann haben wir dafuer auch wirklich etwas Ordentliches."

Dame Wang laechelte: "Du bist wirklich verstaendig. Am besten gehst du persoenlich."

Also ging Schatzspange und kam nach geraumer Zeit zurueck mit der Nachricht: "Es ist schon jemand hingeschickt worden. Bis zum Abend wird es Bescheid geben. Morgen frueh ist es noch nicht zu spaet, die Arznei zuzubereiten."

Dame Wang freute sich und sagte: "Wahrhaftig, wie das Sprichwort sagt: 'Die Haendlersfrau kaemmt sich die Haare mit Wasser.' Frueher hatten wir so viel guten Ginseng im Haus und haben ihn freigebig an andere verschenkt. Jetzt, wo wir selbst welchen brauchen, muessen wir ueberall um Hilfe bitten." Sie stiess einen langen Seufzer aus.

Schatzspange sagte laechelnd: "So wertvoll er auch ist, letztlich ist er doch nur Medizin und sollte den Menschen zugutekommen. Wir sind nicht wie jene Familien, die nichts von der Welt kennen und solche Dinge horten und verstecken, sobald sie welche haben."

Dame Wang nickte: "Sehr richtig gesprochen."

Nachdem Schatzspange gegangen war und sonst niemand im Zimmer war, rief Dame Wang die Frau des Zhou Rui herein und erkundigte sich nach dem Ergebnis der Durchsuchung des Gartens von neulich. Die Frau des Zhou Rui hatte bereits alles mit Phoenixglanz und den anderen besprochen und berichtete nun Dame Wang ausfuehrlich, ohne etwas auszulassen.

Dame Wang war zugleich erschrocken und zoernig, doch zugleich wusste sie nicht recht, wie sie die Sache handhaben sollte. Siqin war naemlich Yingchuns Dienerin und gehoerte zur anderen Seite des Hauses; man musste also Dame Xing benachrichtigen. Die Frau des Zhou Rui wandte ein: "Neulich war die gnaedige Frau von drueben schon auf Wang Shanbaos Frau boese, weil sie sich in alles einmischte, und hat ihr ein paar Ohrfeigen gegeben. Jetzt stellt sie sich krank und will sich nicht mehr zeigen. Ausserdem ist es ihre eigene Enkelin -- sie hat sich selbst ins Gesicht geschlagen und tut jetzt am besten so, als haette sie es vergessen, bis Gras ueber die Sache gewachsen ist. Wenn wir jetzt hinuebergehen und Bericht erstatten, wird man dort gleich argwoehnen, wir wollten uns einmischen. Besser waere es, Siqin einfach hinueberzubringen mitsamt den Beweisstücken, sie vor der gnaedigen Frau von drueben durchpruegeln zu lassen und mit jemandem zu verheiraten, und dann bekommt das Fraeulein eben eine neue Dienerin -- waere das nicht einfacher? Wenn wir es ihr erst mitteilen, wird die gnaedige Frau von drueben nur wieder Ausreden finden und sagen: 'Wenn es so ist, haette eure gnaedige Frau es gleich selbst erledigen sollen -- wozu sagt ihr es mir?' Und dann verzoegert sich alles nur noch mehr. Wenn das Maedchen unterdessen die Gelegenheit nutzt und sich etwas antut, waere das schlimm. Jetzt beobachten wir sie schon zwei, drei Tage, aber jeder wird auch mal nachlässig, und wenn sie einen unbeobachteten Moment findet, koennte ein Unglueck geschehen."

Dame Wang ueberlegte und sagte: "Da hast du recht. Erledige erst diesen Fall, dann nehmen wir uns unsere eigenen Plagegeister vor."

Die Frau des Zhou Rui versammelte daraufhin einige Dienerinnen und ging zuerst zu Yingchun. Sie meldete ihr: "Die gnaedigen Frauen haben beschlossen, dass Siqin nun alt genug ist. Ihre Mutter hat in den letzten Tagen die gnaedige Frau gebeten, sie freizugeben und zu verheiraten. Ab heute soll sie gehen, und man wird Euch eine neue Dienerin zuteilen." Damit forderte sie Siqin auf, ihre Sachen zu packen.

Als Yingchun dies hoerte, konnte sie die Traenen nicht zurueckhalten und schien voller Abschiedsschmerz. Sie hatte in der Nacht zuvor von den anderen Dienerinnen die wahren Gruende bereits gefluesternd erfahren. Obwohl es ihr nach all den Jahren schwerfiel, sich zu trennen, betraf die Sache die oeffentliche Moral, und da liess sich nichts machen. Siqin hatte Yingchun angefleht, fuer sie einzutreten, in der festen Hoffnung, das Fraeulein wuerde sie mit aller Kraft verteidigen. Doch Yingchun war von langsamer Rede, hatte ein weiches Herz und leicht beeinflussbare Ohren und war nicht imstande, sich durchzusetzen.

Als Siqin sah, dass es keine Rettung gab, weinte sie und rief: "Fraeulein, wie koennt Ihr so hartherzig sein! Diese zwei Tage habt Ihr mich hingehalten, und jetzt habt Ihr kein einziges Wort fuer mich?"

Die Frau des Zhou Rui und die anderen sagten: "Willst du etwa, dass das Fraeulein dich zurueckhaelt? Selbst wenn es das taete, koenntest du den Leuten im Garten nicht mehr unter die Augen treten. Hoer auf unseren guten Rat: Pack schnell zusammen und geh, ohne dass jemand etwas merkt. Das ist fuer alle Seiten das Beste."

Yingchun sagte unter Traenen: "Ich weiss, was du angestellt hast. Wuerde ich trotzdem fuer dich eintreten und dich halten, waere auch ich verloren. Schau dir Ruhua an -- auch sie war jahrelang hier und musste gehen, und es wird nicht bei euch beiden bleiben. Frueher oder spaeter werden sich wohl alle hier trennen muessen. Meiner Meinung nach geht ihr am besten jede eures Weges."

Die Frau des Zhou Rui sagte: "Da sieht man, dass das Fraeulein vernuenftig ist. Morgen werden noch weitere gehen muessen. Sei also beruhigt!"

Siqin blieb nichts anderes uebrig, als unter Traenen vor Yingchun niederzuknien, sich von den Schwestern zu verabschieden und Yingchun leise ins Ohr zu fluestern: "Wenn du erfaehrst, dass ich bestraft werde, dann leg bitte ein gutes Wort fuer mich ein -- als Dank fuer unsere gemeinsame Zeit als Herrin und Dienerin!" Auch Yingchun antwortete unter Traenen: "Sei beruhigt."

Daraufhin fuehrten die Frau des Zhou Rui und die anderen Siqin aus dem Hof. Sie liessen zwei Dienerinnen ihre Habseligkeiten tragen. Kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, kam Xiuju von hinten nachgelaufen, sich ebenfalls die Traenen wischend, und reichte Siqin ein Seidenpaeckchen: "Das schickt das Fraeulein. Herrin und Dienerin -- nun, da wir uns auf einmal trennen muessen, soll dies ein Andenken sein."

Siqin nahm es entgegen und weinte nun erst recht. Sie und Xiuju umarmten sich noch einmal weinend. Die Frau des Zhou Rui draengte ungeduldig, und die beiden mussten sich trennen.

Siqin flehte noch unter Traenen: "Liebe Tanten und Schwestern, habt doch ein Einsehen! Lasst mich wenigstens kurz anhalten und mich von meinen guten Freundinnen verabschieden -- wir waren doch all diese Jahre so vertraut miteinander."

Die Frau des Zhou Rui und die anderen hatten alle selbst genug zu tun. Diese Aufgabe zu erledigen war ihnen ohnehin laestig genug, und ausserdem trugen sie den Dienerinnen deren fruehere Ueberheblichkeit nach. Woher sollten sie da die Geduld nehmen, auf Siqins Wuensche einzugehen? So sagte die Frau des Zhou Rui kuehl: "Ich rate dir, geh einfach! Hoer auf mit dem Gezeter! Wir haben Wichtigeres zu tun. Ihr seid ja nicht zusammen aufgewachsen -- wozu willst du dich von ihnen verabschieden? Die lachen sich doch nur ueber dich kaputt! Du versuchst nur, jede Minute hinauszuzoegern, als ob sich dadurch etwas aendern wuerde. Hoer auf meinen Rat und geh!" Waehrend sie so sprach, blieb sie keinen Augenblick stehen und fuehrte Siqin schnurstracks zum hinteren Seitentor hinaus. Siqin wagte nichts mehr zu sagen und folgte ihnen hinaus.

Wie der Zufall es wollte, kam gerade Schatzjade von draussen herein. Als er sah, dass Siqin hinausgefuehrt wurde und ihr hinterher jemand ihre Habseligkeiten trug, wusste er sofort, dass sie fuer immer gehen musste. Er hatte von dem Vorfall in der Nacht gehoert, und zudem war Heitermusters Krankheit gerade an jenem Tag schlimmer geworden. Wenn er Heitermuster ausfragte, wollte sie ihm nicht sagen, woran es lag. Kuerzlich war dann Ruhua fortgeschickt worden, und nun musste auch Siqin gehen. Schatzjade fuehlte sich, als haette er seine Seele verloren, und rief hastig: "Wohin bringt ihr sie?"

Die Frau des Zhou Rui und die anderen kannten Schatzjades Art nur zu gut und fuerchteten, sein Gerede koenne die Sache verderben. Laechelnd sagten sie: "Das geht dich nichts an. Geh und lies deine Buecher!"

"Liebe Schwestern, wartet doch einen Augenblick!", bat Schatzjade laechelnd. "Ich habe euch etwas zu sagen."

"Die gnaedige Frau hat befohlen, keinen Augenblick zu zoegern", beharrte die Frau des Zhou Rui. "Was gaebe es da noch zu sagen? Wir fuehren nur die Befehle der gnaedigen Frau aus, um andere Dinge koennen wir uns nicht kuemmern."

Siqin hatte sich an Schatzjade geklammert, sobald sie ihn erblickte, und bat ihn weinend: "Die koennen nichts machen. Geh du zur gnaedigen Frau und bitte fuer mich!"

Unwillkuerlich wurde auch Schatzjade von Kummer ergriffen. Mit Traenen in den Augen sagte er: "Ich weiss nicht, was du Schlimmes angestellt hast. Heitermuster ist krank, und jetzt gehst auch du fort. Wenn ihr alle geht -- was soll dann werden?"

Die Frau des Zhou Rui fuhr Siqin ungeduldig an: "Du bist jetzt kein Beinahe-Fraeulein mehr, und wenn du nicht gehorchst, kann ich dich auch schlagen! Bilde dir nicht ein, du koenntest dich auffuehren wie frueher, als dein Fraeulein die Hand ueber dich hielt. Sieh zu, dass du endlich weiterkommst, statt hier herumzuschwatzen! Was soll das fuer ein Benehmen sein, sich so an den jungen Herrn zu klammern!" Ohne ein weiteres Wort zogen die Dienerinnen Siqin mit sich fort.

Schatzjade fuerchtete, die Frauen koennten ihn anschwaerzen gehen, darum starrte er ihnen nur wuetend nach. Erst als sie weit genug fort waren, streckte er die Hand aus und rief empoert: "Seltsam, seltsam! Kaum dass diese Frauen einen Mann geheiratet und Maennergeruch angenommen haben, werden sie so niedertraechtig, dass man eher sie umbringen moechte als die Maenner!"

Die alten Dienerinnen, die das Gartentor bewachten, mussten unwillkuerlich lachen und fragten: "Dann sind wohl alle Maedchen gut und alle verheirateten Frauen schlecht?"

Schatzjade nickte: "Genau, genau!"

Die Dienerinnen lachten: "Da haetten wir noch eine Frage, die wir in unserer Einfalt nicht verstehen ..."

Doch ehe sie weitersprechen konnten, kamen einige andere alte Dienerinnen herbeigelaufen und riefen: "Vorsicht! Ruft alle zusammen und bleibt auf euren Posten! Die gnaedige Frau kommt persoenlich in den Garten, um das Personal zu inspizieren. Wahrscheinlich kommt sie auch hierher! Ausserdem hat sie befohlen, dass Heitermuster-Schwesterchens Vetter und seine Frau aus dem Hof der Roten Freude sofort hergeholt werden sollen, damit sie hier warten und ihre Schwester in Empfang nehmen!"

Dann fuegte sie laechelnd hinzu: "Amitabha Buddha! Heute hat der Himmel endlich die Augen geoeffnet und befreit uns von diesem Unheilsgeist! Jetzt werden wir alle etwas mehr Ruhe haben!"

Kaum hatte Schatzjade gehoert, dass Dame Wang persoenlich im Garten inspizierte, fuerchtete er sogleich, auch Heitermuster werde nicht zu halten sein, und stuerzte davon wie der Wind. Die letzten Worte der Zufriedenheit hatte er daher nicht mehr gehoert.

Als Schatzjade den Hof der Roten Freude erreichte, fand er dort eine ganze Schar Leute vor. Dame Wang sass mit zorniger Miene im Zimmer und beachtete ihn nicht, als sie ihn sah.

Heitermuster hatte schon vier, fuenf Tage lang weder Wasser noch Reis zu sich genommen. Schwach und mit kaum hoerbarem Atem war sie gerade vom Kangofen heruntergezerrt worden, mit zerzaustem Haar und schmutzigem Gesicht. Zwei Frauen mussten sie stuetzen und fuehrten sie fort. Dame Wang befahl, man solle ihr nur ihre Leibwaesche mitgeben; die guten Kleider sollten dableiben, damit bessere Dienerinnen sie tragen koennten.

Dann liess Dame Wang alle Dienerinnen des Hofes zusammenrufen und musterte sie eine nach der anderen. Nachdem Dame Wang kuerzlich in Zorn geraten war, hatte Wang Shanbaos Frau die Gelegenheit ergriffen, Heitermuster anzuschwaerzen. Auch andere, die mit den Dienerinnen im Garten im Streit lagen, hatten die guenstige Stunde genutzt, um einiges hinzuzufuegen. Dame Wang hatte sich alles genau gemerkt, und nur weil waehrend der Feiertage viel zu tun gewesen war, hatte sie sich einige Tage geduldet. Heute war sie eigens gekommen, um saemtliche Dienerinnen persoenlich in Augenschein zu nehmen. Die Sache mit Heitermuster war dabei nur das eine; denn man hatte ihr zugetragen, Schatzjade sei schon gross und verstehe die Dinge zwischen Mann und Frau, werde aber von den Dienerinnen in seinem Zimmer auf Abwege gebracht, statt sich zu vervollkommnen. Dies wog noch schwerer als die Angelegenheit mit Heitermuster. Deshalb liess Dame Wang jede einzelne Dienerin, von Dufthauch bis hinunter zu den geringsten, die grobe Arbeiten verrichteten, an sich vorueber defilieren.

Dann fragte sie: "Wer hat am selben Tag Geburtstag wie Schatzjade?"

Das betreffende Maedchen wagte nicht, sich zu melden. Eine alte Amme zeigte auf sie und sagte: "Diese hier, Huixiang, die auch 'die Vierte' genannt wird, hat am selben Tag Geburtstag wie er."

Dame Wang musterte das Maedchen genau. Obwohl es nicht halb so huebsch war wie Heitermuster, hatte es doch eine gewisse frische Anmut. Seinem Benehmen war Klugheit anzumerken, und auch seine Aufmachung unterschied sich von der der uebrigen.

Mit kaltem Laecheln sagte Dame Wang: "Noch so ein schamloses Ding! Sie hat insgeheim behauptet, wenn zwei am selben Tag Geburtstag haetten, seien sie Mann und Frau. Das hast du gesagt, nicht wahr? Du hast wohl gedacht, weil ich weit weg wohne, wuesste ich von nichts? Aber mein Herz, meine Ohren und mein Verstand sind jederzeit hier. Glaubt ihr, ich lasse meinen einzigen Schatzjade seelenruhig von euch verfuehren und verderben?"

Als die Vierte hoerte, wie Dame Wang die Worte wiederholte, die sie einst im Vertrauen zu Schatzjade gesagt hatte, wurde sie unwillkuerlich rot, liess den Kopf haengen und weinte still vor sich hin. Dame Wang befahl sofort, ihre Angehoerigen zu rufen, damit sie sie abholten und verheirateten.

Dann fragte sie: "Wer ist Yelue Xiongnu?"

Die alten Ammen zeigten auf Fangguan. Dame Wang erklaerte: "Ein Schauspielmaedchen ist natuerlich ein Fuchsdaemon! Als ihr letztens freigelassen werden solltet, wolltet ihr nicht gehen. Aber dann haettet ihr euch bescheiden in euer Los fuegen muessen. Stattdessen spukst du hier herum und stiftest Schatzjade zu allem moeglichen Unfug an!"

Fangguan verteidigte sich laechelnd: "Ich wuerde es nie wagen, ihn zu etwas aufzustiften."

"Du widersprichst mir noch?" sagte Dame Wang mit einem Laecheln, das kein Laecheln war. "Dann frage ich dich: Wer hat vorvergangenes Jahr, als wir an den Kaisergraebern waren, Schatzjade dazu angestiftet, dieses Maedchen Wuer von den Lius zu sich zu nehmen? Gluecklicherweise starb sie frueh -- waere sie hereingekommen und haette sich mit dir zusammengetan, haettet ihr den ganzen Garten auf den Kopf gestellt! Du hast sogar deine eigene Pflegemutter an die Wand gedrueckt!"

Dann befahl sie: "Ruft ihre Pflegemutter, sie soll sie abholen! Sie kann ihr selbst einen Braeutigam von ausserhalb suchen. Gebt ihr all ihre Sachen mit!"

Ferner ordnete sie an, dass saemtliche Schauspielmaedchen, die man seinerzeit den einzelnen Fraeulein zugeteilt hatte, keine einzige im Garten bleiben duerften. Sie sollten alle von ihren jeweiligen Pflegemuettern abgeholt und nach deren Gutduenken verheiratet werden.

Kaum war diese Anordnung ergangen, zeigten sich die Pflegemuetter ueberaus dankbar und zufrieden. Gemeinsam erschienen sie vor Dame Wang, um sich kniefaellig zu bedanken und die Maedchen fortzufuehren.

Dann durchsuchte Dame Wang alle Gegenstaende in Schatzjades Raeumen. Alles, was ihr befremdlich vorkam, liess sie einpacken oder zusammenrollen und in ihre eigenen Raeume bringen. "Jetzt ist es sauber hier", sagte sie, "und wir ersparen uns das Gerede Aussenstehender."

Dufthauch und Moschusmond wurden ermahnt: "Nehmt euch in Acht! Wenn auch nur das Geringste geschieht, kenne ich kein Erbarmen! Ich habe nachschlagen lassen: Dieses Jahr ist fuer einen Umzug unguenstig. Also bleibt er einstweilen hier, aber naechstes Jahr zieht ihr alle mit ihm wieder aus, damit ich Ruhe finde."

Nach diesen Worten fuehrte Dame Wang ihr ganzes Gefolge hinaus, ohne auch nur Tee getrunken zu haben, und setzte ihre Inspektion an anderer Stelle fort. Doch davon spaeter.

Schatzjade hatte urspruenglich gedacht, Dame Wang werde nur eine einfache Kontrolle durchfuehren. Wer haette ahnen koennen, dass sie mit Donner und Blitz erscheinen wuerde? All ihre Vorwuerfe betrafen Dinge, die tatsaechlich gesagt worden waren, Wort fuer Wort zutreffend. Es war klar, dass nichts rueckgaengig zu machen war. Obwohl er am liebsten gestorben waere, wagte er im Angesicht von Dame Wangs Zorn kein ueberfluessiges Wort und keinen ueberfluessigen Schritt. Schweigend begleitete er Dame Wang bis zum Duftgetraenkten Pavillon. Dort befahl sie ihm: "Geh zurueck und lies deine Buecher! Pass auf, wenn du morgen geprueft wirst! Vorhin war dein Vater schon sehr veraergert."

Erst jetzt machte Schatzjade kehrt. Auf dem ganzen Rueckweg ueberlegte er: "Wer hat so geschwatzt? Niemand weiss doch, was hier vorgeht. Wie konnte sie alles so genau wissen?" Mit diesen Gedanken betrat er seine Raeume und fand Dufthauch in Traenen.

Nun war ihm der wichtigste Mensch genommen worden -- wie haette er nicht trauern sollen? Er warf sich aufs Bett und weinte ebenfalls.

Dufthauch wusste, dass ihm die Trennung von Heitermuster am meisten zusetzte, und stiess ihn an, um ihn zu troesten: "Weinen hilft jetzt nichts. Steh auf und hoer zu: Heitermuster geht es schon besser. Jetzt kann sie sich zu Hause ein paar Tage in Ruhe erholen. Wenn du sie wirklich nicht loslassen kannst, warte, bis der Zorn der gnaedigen Frau verraucht ist, und bitte dann bei der alten gnaedigen Frau darum. Mit der Zeit kann sie vielleicht zurueckkommen. Es ist nur ein Zufall, dass die gnaedige Frau den Verleumdungen geglaubt und im Zorn so entschieden hat."

"Ich moechte doch nur wissen, was fuer ein himmelschreiendes Verbrechen Heitermuster begangen haben soll!" schluchzte Schatzjade.

"Die gnaedige Frau veruebelt ihr nur, dass sie so huebsch ist", erklaerte Dufthauch. "Wer so schoen ist, wirkt unvermeidlich ein wenig leichtfertig. Die gnaedige Frau weiss genau, dass bei einer solchen Schoenheit kein Friede herrschen kann, und deshalb verabscheut sie sie. Solche plumpen, groben Geschoepfe wie wir sind ihr lieber."

"Das mag sein", erwiderte Schatzjade, "aber woher kennt die gnaedige Frau sogar unsere heimlichen Scherzworte? Kein Aussenstehender kann sie verraten haben. Das ist raetselhaft."

"Du selbst kennst doch keine Tabus", entgegnete Dufthauch. "Wenn du dich einmal freust, ist es dir voellig egal, ob jemand dabei ist oder nicht. Wenn ich dir Zeichen gab und dich warnen wollte, wussten die Leute laengst Bescheid, noch ehe du ueberhaupt etwas bemerkt hattest."

"Aber wie kommt es dann", fragte Schatzjade verwundert, "dass die gnaedige Frau ueber jedermanns Fehler Bescheid weiss, nur dich, Moschusmond und Qiuwen nicht erwaehnt hat?"

Betroffen senkte Dufthauch den Kopf. Lange wusste sie nichts zu erwidern, bis sie endlich laechelnd sagte: "Ja, eben! Wenn man bedenkt, dass auch wir in unseren unvorsichtigen Scherzen gegen die guten Sitten verstossen haben -- warum hat sie uns dann vergessen? Wahrscheinlich hat sie noch andere Sorgen, und erst wenn sie damit fertig ist, wird sie sich uns vornehmen."

"Du bist das geruemte Muster an Guete und Tuechigkeit", sagte Schatzjade laechelnd, "und die beiden hast du geformt und erzogen. Was sollte es bei euch fuer Verstoesse zu bestrafen geben? Fangguan ist noch klein und ein wenig zu keck, so hat sie sich aufs hohe Ross gesetzt und sich den Hass der Leute zugezogen. Bei der Vierten trage ich die Schuld. Als ich mich einmal mit dir gezankt hatte, rief ich sie hinterher zu mir, um feinere Arbeiten fuer mich zu erledigen, und so hat sie sich eine hoehere Stellung angemasst. Nur deshalb ist es zu diesem Ende gekommen.

Aber Heitermuster ist genau wie du in jungen Jahren aus den Raeumen der alten gnaedigen Frau hereingekommen. Dass sie schoener gewachsen ist als andere, ist doch kein Verbrechen. Und mag sie auch einen offenherzigen Charakter und eine scharfe Zunge haben -- euch hat sie doch nichts zuleide getan. Ich denke, sie ist wirklich zu huebsch, und das hat ihr Verderben gebracht." Bei diesen Worten brach er erneut in Traenen aus.

Dufthauch ueberlegte sorgfaeltig. Es schien ihr, als ob Schatzjade an ihr zweifelte, und so konnte sie ihm nicht gut laenger zureden. Stattdessen sagte sie seufzend: "Der Himmel allein weiss es. Jetzt wirst du doch nicht herausfinden, wer schuld ist, und sinnloses Weinen hat keinen Zweck. Am besten beruhigst du dich und wartest ab, bis die alte gnaedige Frau einmal guter Stimmung ist. Dann erklaerst du ihr alles und verlangst Heitermuster zurueck."

"Du brauchst mich nicht mit leeren Worten zu troesten", entgegnete Schatzjade kuehl. "Wie soll ich abwarten, bis der Zorn der gnaedigen Frau verraucht ist, und dann auf eine guenstige Gelegenheit lauern? Wartet ihre Krankheit vielleicht? Von Kindheit an ist sie verwoehnt worden und hat keinen einzigen Tag Kraenkung erfahren muessen. Selbst ich, der ich ihren Charakter kenne, habe sie oft genug verletzt.

Dass sie jetzt fortgeschickt wurde, ist, als wuerde man einen Orchideentopf, der gerade die ersten zarten Knospen treibt, in einen Schweinestall stellen. Zumal sie schwer krank ist und obendrein voller Verdruss. Sie hat keine leiblichen Eltern, nur einen staendig betrunkenen Vetter. Dort wird sie sich ueberhaupt nicht zurechtfinden. Wer weiss, ob ich sie ueberhaupt noch einmal sehen werde!" Er weinte nun noch bitterlicher.

Dufthauch lachte: "Da hast du es wieder: 'Nur der Beamte darf die Stadt in Brand stecken, aber das Volk darf nicht einmal eine Laterne anzuenden!' Wenn wir aus Versehen einmal ein stoerendes Wort sagen, heisst es gleich, das sei unheilbringendes Gerede. Jetzt aber dichtest du ihr selbst die schlimmsten Dinge an, als waere alles ausgemacht! So zartbesaitet sie auch sein mag, so schlimm wird es doch nicht kommen."

"Ich dichte ihr nichts an", erwiderte Schatzjade. "Schon im Fruehling gab es ein Vorzeichen."

"Was fuer ein Vorzeichen?" fragte Dufthauch sofort.

"Der schoene Zierapfelbaum vor unserer Treppe ist ohne jeden Grund zur Haelfte verdorrt", erklaerte Schatzjade. "Da wusste ich, dass etwas Ungewoehnliches geschehen wuerde. Und nun hat es sich an ihr bewahrheitet."

Dufthauch lachte wieder: "Eigentlich wollte ich es nicht sagen, aber ich kann nicht anders. Du benimmst dich wirklich wie ein altes Weib! Wie kann ein Mann, der Buecher liest, so etwas sagen? Was haben Pflanzen und Baeume mit Menschen zu tun? Wenn du nicht weibisch bist, bist du zum Narren geworden."

"Was wisst ihr schon davon!", seufzte Schatzjade. "Nicht nur Pflanzen und Baeume -- alle Dinge auf der Welt haben Gefuehl und Verstand wie die Menschen. Wenn sie einen verstaendnisvollen Freund gefunden haben, zeigen sie ausserordentliche Feinfuehligkeit.

Wenn ich grosse Beispiele anfuehre: Da ist der Wacholderbaum vor dem Konfuziustempel und die Schafgarbe an Konfuzius' Grab, der Lebensbaum vor Zhuge Liangs Tempel und die Kiefern an Yue Feis Grab. Das alles sind beruehmte Gewaechse, die dem aufrechten Geist dieser Maenner folgen und in Jahrtausenden nicht vergehen. Wenn die Welt in Unordnung ist, verkuemmern sie, und wenn die Welt in Ordnung ist, gedeihen sie wieder. Im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende sind sie mehrmals verdorrt und wieder zum Leben erwacht. Sind das etwa keine Vorzeichen?

Wenn ich kleine Beispiele anfuehre: Da sind die Paeonien vor Yang Guifeis Adlerholzpavillon und der Baum des Gedenkens an ihrem Turm der Aufrichtigkeit zu nennen, sowie das Gras auf dem Grabhuegel der Wang Zhaojun. Sind das nicht ebenfalls feinfuehlige Gewaechse? Genauso wie der Zierapfelbaum anzeigen wollte, dass seine Herrin sterben wird, und darum zuerst er zur Haelfte abgestorben ist."

Als Dufthauch diese versonnene Rede hoerte, war ihr zugleich zum Lachen und zum Seufzen zumute. Laechelnd sagte sie: "Du bringst mich wirklich in Zorn mit deinem Gerede. Wer ist denn Heitermuster, dass du dir solche Gedanken machst und sie mit so grossen Persoenlichkeiten vergleichst? Und ausserdem: Wie gut sie auch sein mag, sie kann mir doch nicht den Rang streitig machen. Wenn dieser Zierapfelbaum etwas bedeutet, dann deutet er zuerst auf mich, ehe sie an die Reihe kommt. Wahrscheinlich werde also ich sterben!"

Erschrocken hielt Schatzjade ihr den Mund zu: "Warum sagst du so etwas? Noch ist das Schicksal der einen nicht geklaert, und schon faengst du damit an! Schluss jetzt, kein Wort mehr davon! Sonst koennte es sein, dass zu den dreien, die ich verloren habe, noch eine vierte kommt."

Dufthauch hoerte dies mit heimlicher Zufriedenheit und dachte: Wie haettest du die Sache sonst zum Abschluss bringen wollen?

"Von nun an wollen wir nicht mehr davon sprechen", sagte Schatzjade. "Tun wir einfach so, als waeren die drei gestorben, und damit gut. Schliesslich hat es ja auch schon Tote gegeben, ohne dass es mir viel ausgemacht haette. Das ist genau dasselbe. Jetzt aber wollen wir von der Gegenwart reden! Ihre Sachen sind noch hier. Man darf zwar die Obrigkeit taeuschen, aber nicht die Untergebenen. Also schick heimlich jemanden, der ihr alles bringt. Und wenn wir noch erspartes Geld haben, schick ihr ein paar Schnuere Kupfermuenzen, damit sie sich auskurieren kann. Schliesslich habt ihr eine Zeitlang wie Schwestern zusammengelebt."

"Du haeltst uns wirklich fuer allzu kleinlich und herzlos", erwiderte Dufthauch laechelnd. "Als ob ich deine Aufforderung gebraucht haette! Vorhin habe ich bereits alle ihre Kleider und Habseligkeiten zusammenpacken und beiseitelegen lassen. Bei Tage sind zu viele neugierige Augen da, was nur Aerger bringen koennte. Warten wir bis zum Abend, dann schicke ich Mutter Song heimlich zu ihr. Auch ein paar Schnuere Kupfermuenzen, die ich gespart habe, soll sie bekommen."

Schatzjades Dank kannte keine Grenzen. Dufthauch bemerkte laechelnd: "Schliesslich bin ich doch seit langem ein geruemtes Muster an Tuechigkeit -- muss ich mir da nicht wenigstens diesen Ruf bewahren?"

Als Schatzjade sich an seine eigenen Worte erinnert fuehlte, laechelte er rasch und redete ein Weilchen beguuetigend auf sie ein. Am Abend wurde Mutter Song dann wirklich heimlich losgeschickt.

Nachdem Schatzjade alle mit Auftraegen beschaeftigt wusste, schlich er sich allein zum hinteren Seitentor hinaus und bat dort eine alte Dienerin, ihn zu Heitermuster zu bringen. Zuerst wollte die Alte sich auf keinen Fall darauf einlassen: "Wenn es jemand erfaehrt und der gnaedigen Frau gemeldet wird, habe ich nichts mehr zu essen!"

Doch Schatzjade flehte und flehte und versprach ihr Geld, bis die Alte ihn schliesslich hinfuehrte.

Heitermuster war seinerzeit von der Familie Lai fuer Geld gekauft worden. Damals war sie erst zehn Jahre alt und trug ihr Haar noch kurz. Weil sie oft mit Mutter Lai zusammen ins Haus kam und aeusserst huebsch und aufgeweckt war, fand die Herzoginmutter grossen Gefallen an ihr. Daraufhin schenkte Mutter Lai sie der Herzoginmutter zum Gebrauch, und so gelangte sie schliesslich in Schatzjades Gemaecher.

Als Heitermuster ins Haus kam, erinnerte sie sich weder an ihre Heimat noch an ihre Eltern. Sie wusste nur, dass sie einen Vetter hatte, der zwar ein guter Koch war, aber stellungslos herumlungerte. So bat Heitermuster die Lais, auch ihren Vetter aufzunehmen und ihm eine Anstellung zu geben. Die Lais waren geruehrt davon, dass Heitermuster, obwohl sie inzwischen bei der Herzoginmutter diente und aeusserst aufgeweckt und redegewandt, allerdings auch spitzzuengig und temperamentvoll war, ihre alten verwandtschaftlichen Beziehungen nicht vergass. Also kauften sie auch Heitermusters Vetter und verheirateten ihn mit einer jungen Frau aus dem Haushalt.

Doch kaum lebte der Vetter nach der Heirat in gesicherten Verhaeltnissen, vergass er auch schon seine Jahre als Herumtreiber und begann, hemmungslos zu trinken, ohne sich um seine Familie zu kuemmern. Seine Frau war jedoch eine gefuehlvolle Schoenheit. Als sie sah, dass ihr Mann sie nicht beachtete und weder Feingefuehl noch Leidenschaft besass, sondern nur sinnlos dem Wein froennte, empfand sie den Kummer des Jadeschilfs zwischen gemeinem Rohr und die Trauer einer vernachlaessigten jungen Frau. Als sie dann feststellte, dass ihr Mann aeusserst grosszuegig war und nicht die geringste Eifersucht kannte, liess sie ihren Trieben freien Lauf. Im ganzen Anwesen ging sie auf die Suche nach Helden und Talenten, und schliesslich hatte gut die Haelfte aller Maenner, ob Herren oder Diener, bei ihr die Pruefung abgelegt.

Fragt man nach ihren Namen -- es waren jener Trunkenbold Duo und seine Frau Laternchen Deng, mit denen Jia Lian, wie in einem frueheren Kapitel erzaehlt, zu tun gehabt hatte. Sie waren die einzigen Verwandten, die Heitermuster noch besass, und so hielt sie sich nach ihrem Hinauswurf in deren Haus auf.

Trunkenbold Duo war gerade ausgegangen, und Frau Deng war nach dem Essen zu einer Nachbarin gegangen. So lag Heitermuster allein im Vorderzimmer auf dem Ofenbett. Schatzjade hiess die alte Dienerin im Hof Wache stehen, hob selbst den Strohvorhang und trat ein. Auf den ersten Blick sah er Heitermuster auf dem Ofenbett aus gestampfter Erde liegen, das nur mit einer Schilfmatte bedeckt war. Zum Glueck hatte sie noch ihr Bettzeug aus alten Tagen.

In seinem Herzen wusste er nicht, wohin mit sich. Er trat naeher, streckte weinend die Hand aus, beruehrte sie sacht und rief leise ihren Namen. Heitermuster hatte sich verkuehlt und war von ihrem Vetter und seiner Frau mit boesen Worten bedraengt worden, so dass zu ihrer Krankheit noch eine weitere kam. Den ganzen Tag hatte sie gehustet, ehe sie endlich in einen unruhigen Schlummer gefallen war. Als sie jemanden rufen hoerte, schlug sie muehsam ihre Sternenaugen auf, und als sie Schatzjade erkannte, war sie erschrocken und erfreut, betrueebt und schmerzlich beruehrt zugleich. Mit aller Kraft umklammerte sie seine Hand. Erst nach langem Schluchzen brachte sie hervor: "Ich dachte schon, ich wuerde dich nicht mehr sehen ..." Dann musste sie ohne Unterlass husten.

Auch Schatzjade konnte nichts anderes tun als schluchzen. Heitermuster sagte: "Amitabha Buddha! Gut, dass du gekommen bist! Gib mir eine halbe Schale Tee! Ich habe solchen Durst und rufe schon die ganze Zeit, ohne dass jemand kommt."

Hastig wischte sich Schatzjade die Traenen ab und fragte: "Wo ist der Tee?"

"Dort auf dem Ofensims", erwiderte Heitermuster.

Als Schatzjade sich umsah, erblickte er einen schwarzen irdenen Tiegel, der keinerlei Aehnlichkeit mit einer Teekanne hatte. Vom Tisch nahm er eine Schale, die so gross und grob war, dass sie nicht wie eine Teeschale aussah. Noch ehe er sie in der Hand hielt, stieg ihm ein ranziger, fettiger Geruch in die Nase. Also spuelte er sie erst einige Male mit Wasser aus und goss dann aus dem Tiegel eine halbe Schale ein. Die Fluessigkeit war roetlich-trueb und sah ganz und gar nicht nach Tee aus.

"Gib schnell her, lass mich trinken!" draengte Heitermuster, die sich auf ihr Kissen stuetzte. "Das ist schon Tee. Du kannst ihn natuerlich nicht mit unserem vergleichen."

Schatzjade kostete zunaechst selbst. Es war weder aromatisch noch frisch, nur bitter und herb, mit einer vagen Andeutung von Teegeschmack. Dann reichte er die Schale Heitermuster. Als haette sie suessen Tau bekommen, stuerzte sie die Fluessigkeit in einem Zug hinunter.

Still dachte Schatzjade bei sich: Wie oft war sie mit unserem feinen Tee unzufrieden, und heute trinkt sie das hier! Wie wahr ist doch das alte Wort: 'Wer satt ist, verachtet Braten und Geroestetes; wer hungert, isst sich an Kleie und Spreu satt.' Und ebenso: 'Wer den Reis satt hat, sehnt sich nach duenner Reissuppe.'

Unter Traenen fragte er: "Hast du mir etwas zu sagen? Dann tu es jetzt, solange niemand da ist."

Schluchzend sagte Heitermuster: "Was gibt es schon zu sagen? Fuer mich zaehlt jetzt jede Stunde, jeder Tag. Ich weiss wohl, dass ich in hoechstens drei bis fuenf Tagen heimgehen werde. Aber eines bereitet mir noch im Tode Pein: Ich bin zwar ein wenig huebscher als andere, doch ich hatte keinerlei heimliche Absichten auf dich und habe dich in keiner Weise zu verfuehren versucht. Warum hat man sich so hartnaeckig darauf versteift, ich sei eine Fuechsin? Damit kann ich mich nicht abfinden!

Jetzt stehe ich unter diesem falschen Verdacht, und obwohl ich dem Tod ins Auge sehe, habe ich nichts zu bereuen. Haette ich frueher gewusst, wie alles kommen wuerde, haette ich mich anders verhalten. So aber habe ich in meinem toerichten Sinn geglaubt, wir wuerden fuer immer zusammenbleiben. Nun ist aus dem Nichts dieses Geruecht entstanden, und ich leide Unrecht, ohne mich irgendwo beklagen zu koennen." Nach diesen Worten brach sie erneut in Traenen aus.

Schatzjade griff nach ihrem Handgelenk und fuehlte, dass es duerr wie trockenes Reisig geworden war. Dennoch trug sie noch vier silberne Armreifen. Weinend sagte er: "Leg sie ab und heb sie auf, bis du wieder gesund bist." Er streifte ihr die Armreifen ab und schob sie unter das Kopfkissen. Dann sagte er: "Wie schade um deine Fingernaegel! Mit welcher Muehe hast du sie zwei Zoll lang wachsen lassen. Durch diese Krankheit werden sie wieder verderben."

Heitermuster wischte sich die Traenen ab, griff nach einer Schere und schnitt die beiden langen Fingernaegel an ihrer linken Hand, die wie Roehrenblaetter vom Lauch aussahen, bis zur Wurzel ab. Dann zog sie sich unter der Bettdecke die alte rote Seidenjacke aus, die sie auf der blossen Haut trug, und reichte sie Schatzjade zusammen mit den Fingernaegeln.

"Heb das auf", sagte sie. "Wenn du es spaeter ansiehst, wird es sein, als saehest du mich selbst. Und zieh schnell deine Unterjacke aus und lass sie mich anziehen. Wenn ich dann einsam im Sarg liege, wird es mir vorkommen, als waere ich noch immer im Hof der Roten Freude. Eigentlich gehoert sich das nicht, aber da man mich nun einmal zu Unrecht verdaechtigt hat, bleibt mir keine andere Wahl."

Schatzjade zog sich rasch um und steckte die Fingernaegel zu sich. Weinend fuegte Heitermuster hinzu: "Wenn du zurueck bist und die anderen es sehen und fragen, brauchst du nicht zu luegen. Sag einfach, es sei von mir. Da man mich ohnehin zu Unrecht verdaechtigt hat, kann ich es nun auch darauf ankommen lassen. Mehr ist es ja nicht."

Kaum hatte sie das gesagt, als die Frau ihres Vetters lachend durch den Vorhang hereingetreten kam: "Bestens! Alles, was ihr gesagt habt, habe ich gehoert!" Dann wandte sie sich an Schatzjade: "Was willst du als junger Herr hier in den Dienstbotenraeumen? Du hast wohl bemerkt, dass ich jung und huebsch bin, und willst mich verfuehren?"

Erschrocken bat Schatzjade mit verbindlichem Laecheln: "Nicht so laut, gute Schwester! Sie hat mir so lange gedient, darum bin ich heimlich gekommen, um nach ihr zu sehen."

Frau Deng zog ihn am Arm in den hinteren Raum und sagte laechelnd: "Wenn du willst, dass ich leise bin, ist das nicht schwer. Du brauchst mir nur einen Gefallen zu tun." Mit diesen Worten setzte sie sich auf den Rand des Ofenbetts und presste Schatzjade fest an ihre Brust.

Dergleichen hatte Schatzjade noch nie erlebt. Sein Herz begann stuermisch zu haemmern, und vor Aufregung lief er puterrot an. Zugleich beschaemt und erschrocken, bat er: "Nicht doch, gute Schwester!"

"Pah!" sagte Frau Deng und kniff ihre weinschweren Augen zusammen. "Ich hoere doch staendig, du seist ein geuebter Kaempfer auf dem Schlachtfeld der Liebe -- warum zierst du dich da ploetzlich?"

"Schwester, lass mich los!", bat Schatzjade mit rotem Gesicht. "Wir koennen ueber alles reden. Aber was soll die alte Dienerin draussen denken, wenn sie uns hoert?"

Frau Deng lachte: "Ich bin schon laengst hier. Die Alte habe ich zum Gartentor geschickt, damit sie dort wartet. Ich habe schon so lange auf dich gewartet, und heute habe ich dich endlich! Viel gehoert habe ich von dir, aber Hoerensagen ist nicht wie Sehen. Ganz umsonst bist du so huebsch -- du bist wie ein Boeller ohne Pulver, nur zum Angeben gut. Du genierst dich ja mehr als ich!

Da sieht man, dass man den Leuten nicht glauben darf. Als unsere Schwester hinausgeworfen wurde, war ich fest ueberzeugt, ihr haettet ein heimliches Verhaeltnis. Aber als ich vorhin kam und am Fenster lauschte -- ihr wart nur zu zweit im Zimmer --, da haettet ihr, wenn wirklich etwas zwischen euch gewesen waere, bestimmt davon gesprochen. Doch ihr habt euch nicht im Geringsten naehergekommen! Da sieht man, wie viel Unrecht es auf der Welt gibt! Jetzt bereue ich, euch grundlos verdaechtigt zu haben. Also sei ganz beruhigt: Komm kuenftig nur, ich werde dich nicht belaestigen."

Nun erst beruhigte sich Schatzjade. Er stand auf, brachte seine Kleider in Ordnung und bat: "Sorg nur ein paar Tage gut fuer sie, Schwester. Ich muss jetzt gehen." Dann trat er in den Vorderraum und verabschiedete sich von Heitermuster. Beide konnten sich nicht voneinander losreissen, und doch mussten sie sich trennen. Da Heitermuster wusste, wie schwer Schatzjade das fiel, zog sie sich schliesslich die Bettdecke ueber den Kopf und beachtete ihn nicht mehr, bis er endlich ging.

Schatzjade hatte noch vorgehabt, Fangguan und die Vierte zu besuchen, doch inzwischen war es dunkel geworden. Er war schon zu lange fort, und wenn man ihn vermisste, konnte neues Unheil entstehen. Also war es besser, in den Garten zurueckzukehren und fuer den naechsten Tag neue Plaene zu machen. Als er zum hinteren Seitentor kam, trugen die Diener gerade das Bettzeug hinaus, und drinnen kontrollierten die alten Ammen, ob alle da waren. Waere er auch nur einen Augenblick spaeter gekommen, waere das Tor bereits verschlossen gewesen.

Schatzjade kehrte in den Garten zurueck, und gluecklicherweise hatte niemand etwas bemerkt. In seinen Raeumen angelangt, sagte er Dufthauch nur, er sei bei Tante Xue gewesen, und damit war die Sache abgetan.

Als bald darauf das Bett gerichtet wurde, musste Dufthauch notgedrungen fragen, wie sie heute Nacht schlafen wollten. Schatzjade antwortete nur: "Das ist mir einerlei."

In den letzten ein, zwei Jahren, seit Dame Wang Dufthauch Beachtung schenkte, hatte diese grossen Wert auf Wuerde gelegt. Wenn sie mit Schatzjade allein war, auch nachts, wahrte sie Abstand und war zurueckhaltender als in ihren fruehen Jahren. Zwar hatte sie keine grossen Aufgaben, doch war es muehsam genug, alle Naeharbeiten zu erledigen und fuer Schatzjade wie fuer die kleinen Dienerinnen Geld, Kleider und allerlei Gegenstaende zu verwalten. Zudem hatte sie ihr altes Leiden des Blutspuckens zwar ueberwunden, doch bei Ueberanstrengung oder Erkaeltung zeigte sich stets wieder Blut im Auswurf. Deshalb hatte sie in letzter Zeit auch nicht in einem Zimmer mit Schatzjade geschlafen.

Schatzjade jedoch wurde nachts haeufig wach und war dann immer sehr aengstlich und rief nach jemandem. Da Heitermuster einen leichten Schlaf hatte und sich lautlos bewegen konnte, war ihr die Aufgabe zugefallen, nachts fuer ihn Tee einzuschenken und andere Handreichungen zu tun. Deshalb hatte nur sie neben seinem Bett geschlafen. Nun, da sie fort war, musste Dufthauch wohl oder uebel fragen, denn dieser Nachtdienst war noch wichtiger als der Dienst am Tage.

Da Schatzjade gesagt hatte, es sei ihm einerlei, blieb Dufthauch nichts uebrig, als es wie in frueheren Jahren zu halten. Sie holte ihr eigenes Bettzeug und richtete sich damit vor Schatzjades Lager ein.

Schatzjade bruetete den ganzen Abend stumm vor sich hin. Erst als Dufthauch ihn mahnte, sich hinzulegen, und auch sie sich niedergelegt hatte, hoerte sie, wie er auf dem Kissen seufzte und stoehnte und sich von einer Seite auf die andere waelzte. Erst nach der dritten Nachtwache wurde er allmaehlich ruhiger, und schliesslich schnarchte er leise. Nun erst war Dufthauch beruhigt und doeste selbst ein.

Doch es dauerte kaum so lange, wie man fuer eine halbe Schale Tee braucht, da rief Schatzjade: "Heitermuster!"

Sofort riss Dufthauch die Augen auf, meldete sich und fragte, was er wolle. Schatzjade bat um Tee. Dufthauch stand rasch auf, spuelte sich in der Schuessel die Haende und goss aus der Warmhaltekanne eine halbe Schale ein, die sie ihm reichte.

Laechelnd sagte Schatzjade: "Ich habe mich so daran gewoehnt, nach ihr zu rufen, dass ich ganz vergass, dass du es bist."

Ebenfalls laechelnd erwiderte Dufthauch: "Als sie neu hierher kam, hast du im Schlaf auch immer nach mir gerufen. Erst nach einem halben Jahr hattest du dich umgewoehnt. Ich wusste, dass der Name Heitermuster bleiben wuerde, auch wenn Heitermuster nicht mehr da ist."

Damit legten sich beide wieder hin. Erneut waelzte sich Schatzjade eine weitere Nachtwache lang von einer Seite auf die andere und schlief erst in der fuenften Wache ein. Da sah er, wie Heitermuster von draussen hereinkam, aussehend wie immer. Im Zimmer angekommen, sagte sie laechelnd zu Schatzjade: "Lebt alle wohl! Ich komme nicht wieder." Dann drehte sie sich um und ging hinaus.

Als Schatzjade ihr nachrief, weckte er wieder Dufthauch. Zunaechst glaubte sie, er habe aus alter Gewohnheit Heitermusters Namen gerufen, doch dann sah sie, dass er weinte, und hoerte ihn sagen: "Heitermuster ist gestorben."

"Was redest du da?" hielt sie ihm vor. "Das ist doch Unsinn! Was sollen die Leute denken, wenn sie dich hoeren?"

Schatzjade wollte natuerlich nicht auf sie hoeren und wartete sehnsuechtig darauf, dass es hell wurde, um jemanden nach Nachrichten auszuschicken.

Doch als es Tag wurde, stand schon eines der kleinen Dienstmaedchen aus Dame Wangs Raeumen vor dem vorderen Seitentor und verlangte, man solle sofort oeffnen, damit sie Dame Wangs Botschaft ueberbringen koenne: "Weckt Schatzjade sofort! Er soll sich schnell waschen und umziehen und herueeberkommen. Jemand hat den gnaedigen Herrn eingeladen, den schoenen Herbst zu geniessen und die Duftblueten zu bewundern. Weil der gnaedige Herr sich ueber das Gedicht gefreut hat, das Schatzjade neulich verfasste, will er ihn mitnehmen. Das sind die Worte der gnaedigen Frau, kein einziges darf fehlen! Lauft schnell und sagt ihm Bescheid, er soll sofort kommen! Der gnaedige Herr wartet in den Hauptraeumen und will noch mit ihm zusammen Mehlsuppe fruehstuecken. Der junge Herr Huan ist schon da. Beeilt euch! Und schickt noch jemanden zum kleinen Herrn Lan -- auch ihm soll dasselbe bestellt werden!"

Drinnen bestaetigten die Dienerinnen jeden Satz, knoepften sich dabei die Kleider zu und oeffneten das Tor. Zwei, drei von ihnen machten sich sofort in verschiedene Richtungen auf den Weg, noch waehrend sie sich fertig anzogen.

Als Dufthauch hoerte, dass ans Hoftor gepocht wurde, ahnte sie, dass etwas Wichtiges vorlag. Waehrend sie schnell jemanden nach draussen schickte, stand sie bereits selbst auf. Nachdem sie die Botschaft vernommen hatte, liess sie sofort Waschwasser bringen und trieb Schatzjade zum Aufstehen an. Selbst ging sie seine Kleider holen. Da er Kaufmann Aufrecht begleiten sollte, wollte sie ihm nichts allzu Auffaelliges oder Neues anziehen lassen und waehlte daher nur Kleider zweiter Wahl.

Schatzjade blieb nun keine andere Wahl, als schleunigst hinueberzueilen. Tatsaechlich fand er Kaufmann Aufrecht beim Fruehstueck vor, in bester Stimmung. Hastig entbot Schatzjade seinen Morgengruss. Auch Jia Huan und Jia Lan begruessten ihn.

Kaufmann Aufrecht befahl Schatzjade, Platz zu nehmen und von der Mehlsuppe zu essen. Dann wandte er sich an Jia Huan und Jia Lan: "Beim Buecherstudium steht Schatzjade hinter euch zurueck, doch in der Kunst, Parallelsaetze zu bilden und Gedichte zu erwidern, reicht ihr nicht an ihn heran. Bei unserem heutigen Besuch wird man euch gewiss draengen, Verse zu machen -- dabei soll euch Schatzjade helfen."

Noch nie hatte Dame Wang solch ein Urteil aus dem Munde ihres Gatten gehoert. Dies war eine ganz und gar unerwartete Freude.

Bald darauf, nachdem Vater und Soehne aufgebrochen waren und Dame Wang sich gerade zur Herzoginmutter begeben wollte, erschienen die Pflegemuetter von Fangguan und zwei anderen Schauspielmaedchen und berichteten: "Seitdem Fangguan neulich die Gnade erfahren hat, freigelassen zu werden, ist sie voellig von Sinnen! Sie trinkt keinen Tee, sie isst keinen Reis. Sie hat Ouguan und Ruiguan dazu angestiftet, dass alle drei auf Gedeih und Verderb darauf bestehen, sich die Haare abschneiden und Nonnen werden zu wollen. Wir dachten, das sei nur kindliches Gerede, weil sie die Verhaeltnisse draussen nicht gewoehnt sind -- nach ein paar Tagen wuerde alles wieder gut sein. Doch wider Erwarten toben sie immer schlimmer, und auch Schlaege und Schelte helfen nicht. Wir wissen wirklich keinen Rat mehr und bitten Euch, sie entweder ihrem Wunsch gemaess Nonnen werden zu lassen, oder ihnen eine Lektion zu erteilen und sie jemand anderem als Ziehtochter zu geben -- fuer uns ist dieses Glueck nicht bestimmt."

"Unsinn!" sagte Dame Wang. "Vielleicht richten wir uns noch nach ihnen! Ins Kloster geht man nicht leichtfertig. Jede bekommt eine Tracht Pruegel, und dann werden wir sehen, ob sie immer noch verrueckt spielen!"

Nun hatten sich gerade zum fuenfzehnten Tag des achten Monats Nonnen aus den verschiedenen Tempeln eingefunden, um Opfergebaeck zu bringen, wie es der Brauch verlangte. Dame Wang hatte die Nonne Zhitong aus dem Wassermondkloster und Yuanxin vom Dizang-Tempel fuer ein paar Tage als Gaeste behalten.

Als die beiden Nonnen diese Neuigkeiten hoerten, brannten sie darauf, die Maedchen als Schuelerinnen mitzunehmen -- in Wahrheit, um sie als Arbeitskraefte zu benutzen. So sagten sie zu Dame Wang: "Euer Anwesen ist wahrlich ein Haus guter Menschen, und weil Ihr, gnaedige Frau, so fromm seid, sind auch die Maedchen in dieser Weise erleuchtet worden. Gewiss ist der Eintritt ins Kloster nicht leichtfertig zu nehmen, doch man muss auch wissen, dass nach Buddhas Gesetz alle gleichwertig sind. Unser Buddha hat gelobt, saemtliche Lebewesen zu erloesen, seien es auch nur Huehner und Hunde, doch leider kommen die Verirrten nicht zur Erkenntnis. Wer die Wurzel des Guten in sich traegt und erwachen kann, vermag dem Kreislauf der Wiedergeburten zu entrinnen. In den Sutras finden sich genuegend Faelle, in denen sogar Tiger, Woelfe, Schlangen und Wuermer den rechten Weg gefunden haben.

Diese Maedchen haben weder Vater noch Mutter, und ihre Heimat ist weit. Sie haben Reichtum und Vornehmheit erlebt und wissen, wie bitter ihr Schicksal von klein auf war, als sie einem leichtfertigen Gewerbe nachgehen mussten. Wer weiss, was die Zukunft bringt? Deshalb haben sie beschlossen, das Meer des Leidens zu verlassen und im Kloster fuer ein besseres naechstes Leben zu beten -- das ist ein nobler Entschluss. Die gnaedige Frau sollte ihre guten Absichten nicht einschraenken."

Dame Wang war von Natur aus fromm gesinnt. Wenn sie vorhin den Wunsch der Maedchen abgelehnt hatte, so nur, weil sie fuerchtete, die jungen Dinger koennten die Entsagung des Klosterlebens nicht ertragen und sich dadurch nur Schuld aufladen. Nun aber klangen die Worte der beiden Nonnen durchaus vernuenftig. Zudem hatte der Haushalt in letzter Zeit ohnehin viele Sorgen: Dame Xing hatte jemanden geschickt, um mitzuteilen, Yingchun solle nach Hause kommen, damit eine Familie sie sich ansehen koenne; und es waren auch schon offizielle Heiratsvermittlerinnen gekommen, um sich nach Tanchun zu erkundigen. Dame Wang war ohnehin gedanklich ueberlastet und hatte keine Nerven, sich mit solchen Nebensaechlichkeiten zu befassen. Als sie die Worte der Nonnen hoerte, laechelte sie und sagte: "Wenn es so ist, warum nehmt ihr sie nicht als eure Schuelerinnen mit?"

Die beiden Nonnen sprachen ein Gebet: "Vortrefflich! Vortrefflich! Wenn es so geschieht, ist Euer Verdienst an verborgener Tugend wahrlich nicht gering." Dann verneigten sie sich dankend.

Dame Wang sagte: "Gut, dann fragt sie selbst. Wenn sie es wirklich ernst meinen, sollen sie hier vor mir ihre Lehrmeisterinnen begruessen und dann mit ihnen gehen."

Die drei Pflegemuetter gingen hinaus und brachten die drei Maedchen herein. Dame Wang fragte sie noch mehrmals, aber die drei waren fest entschlossen. So knieten sie vor den beiden Nonnen nieder und verabschiedeten sich dann von Dame Wang. Als Dame Wang sah, wie entschieden sie waren, wusste sie, dass Zwang keinen Sinn mehr hatte. Geruehrt liess sie einige Geschenke bringen und den Maedchen mitgeben, und auch den beiden Nonnen schickte sie Geschenke.

Von da an folgte Fangguan der Nonne Zhitong ins Wassermondkloster, waehrend Ruiguan und Ouguan der Nonne Yuanxin ins Dizang-Kloster folgten. Alle drei verliessen das weltliche Leben.

Was weiter geschah, wird im naechsten Kapitel erzaehlt.

Anmerkungen



Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本).